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Muhland & Mordschwester Agnes: Zwei Krimis

2016 500 Seiten

Leseprobe

Zwei Krimis

A. F. Morland

 

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

MUHLAND

 

Im Abgrund lauert der Tod

A.F.Morland

 

Heimat-Krimi

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Fred1966/Pixabay und Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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"Er hätte dem Boss diplomatisch kommen müssen", brummte Godzilla. "Erst mal vorfühlen, verstehst du? Ein paar Andeutungen machen. Das Terrain sondieren. Nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. So ein unbedachter Schuss kann ja nur nach hinten losgehen."

Rambo leckte sich die trockenen Lippen. "Ich möchte jetzt nicht in Sawatzkis Haut stecken."

Godzilla sah ihn an. "Was wird der Boss unternehmen?"

Rambo zuckte mit den Achseln. "Keine Ahnung. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Oskar Sawatzki von dieser Klassenfahrt gesund und munter zurückkommt."

 

Das idyllisch gelegene Spannthal zwischen Franken und Bayernwald hat nicht nur eine Jugendherberge, die Berliner Schüler für eine Klassenreise beherbergt, eine Pfarrkirche und eine Gemeinde wo jeder noch jeden kennt. Hier zwischen Bergen und Tälern, frischen Wiesen und herrlich glasklaren Seen, ist die Welt noch in Ordnung.

Doch hinter dieser Pfarrhaus-Idylle gibt es menschliche und allzu menschliche Abgründe.

Mord und Totschlag. Und nicht nur einen Sünder, sondern viele reuige Sünder.

Spannthal und Berlin sind sich näher als man denkt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dank an Melina, die bezaubernde Tochter meines Verlegers,

ohne die dieser Roman nie geschrieben worden wäre.

 

 

 

 

 

Der Faustschlag war hart und brutal und traf Oskar Sawatzki völlig unverhofft, denn eigentlich war Rocco Panzer nur gekommen, um mit ihm zu reden. Doch Rocco (Vater Deutscher, Mutter Italienerin) war nicht allein erschienen. Er hatte zwei Schläger mitgebracht, und die konnten nur das Eine: Zuschlagen. Kraftvoll und grob. Und immer dort hin, wo es garantiert am meisten weh tat.

Sawatzki krümmte sich, hustete und würgte. "Verdammte Scheiße, was soll das?", ächzte er.

Panzer hob die Hand, damit seine vierschrötigen Freunde sich zurückhielten. "Entschuldige. Die Jungs müssen etwas missverstanden haben. Ich habe ihnen gesagt, dass ich deinetwegen sauer bin, und diese einfältigen Gimpel haben das falsch ausgelegt. Tut mir leid." Er zeigte auf Sawatzkis Hausbar. "Möchtest du was trinken?"

"Nein."

Sie befanden sich in Sawatzkis Wohnung. Berlin. 8. Bezirk. Neukölln. Richardplatz. Nahe der Bethlehemskirche. Erster Stock. Über einer Boutique, die Sawatzki gehörte. Er fuhr mindestens einmal im Monat nach Italien, um preiswert schicke Ware einzukaufen und schmuggelte nebenbei für Rocco Panzer seit geraumer Zeit Rauschgift ins Land. Bisher hatte das immer reibungslos und zu beider Zufriedenheit funktioniert.

Panzer wies auf die Sitzgruppe. "Setzen wir uns doch."

Er nahm Platz. Sawatzki ließ sich mit verzerrtem Gesicht in einen Sessel fallen. Die Gorillas blieben stehen. Sawatzki wusste nicht, wie sie hießen.

Er hatte sie noch nie gesehen. Einer hatte Blumenkohlohren, der andere eine eingeschlagene Nase. Sawatzki nahm an, dass sie ausrangierte Boxer waren.

Zu alt, um im Ring noch Karriere machen zu können. Aber noch jung genug, um Leute wie ihn nach allen Regeln der Kunst zu verdreschen.

"Du hast mich angerufen", sagte Rocco Panzer. Seine dichten schwarzen Augenbrauen waren über der Nasenwurzel zusammengewachsen. Das verlieh ihm ein stets finsteres, fast dämonisches Aussehen.

Sawatzki nickte. Er hatte noch mit den Nachwirkungen des Schlages zu kämpfen, den er vorhin einstecken musste. Sein brünettes Haar hing ihm wirr in die Stirn.

Es mag paradox klingen, aber er war froh, dass er mit diesen kriminellen Typen allein war. Aurea, seine Frau, musste beruflich ein halbes Jahr in Washington verbringen, und Mercedes, seine zwölfjährige Tochter, war zurzeit bei Lisa Rettnick, ihrer besten Freundin.

"Was du mir am Telefon gesagt hast, hat mich not amused", brummte Panzer vorwurfsvoll.

"Das kann ich mir denken, aber..."

"Warum?", fiel Panzer dem Boutiquenbesitzer mürrisch ins Wort. "Ich versteh's nicht. Kannst du es mir bitte erklären? Was ist auf einmal los mit dir? Plagt dich etwa plötzlich dein Gewissen?"

"Das ist es nicht, Rocco."

"Was ist es dann? Wie kannst du nur so undankbar sein? Ich habe dich gutes Geld verdienen lassen. Oder etwa nicht?"

"Doch."

"Ich war immer sehr großzügig."

"Das warst du."

"Und verständnisvoll."

"Das auch."

"Ich habe dich nie unter Druck gesetzt."

"Das stimmt..."

"Und auf einmal... Bamm!" Rocco Panzer schlug mit der flachen Hand auf den Couchtisch aus grünem Carrara-Marmor. Sawatzki zuckte heftig zusammen. "Wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ein Anruf von Oskar Sawatzki, meinem bislang zuverlässigsten Geschäftsfreund, der mir rücksichtslos eine eiskalte Dusche verpasst, indem er völlig unverblümt sagt, er will nicht mehr. Aus. Schluss. Basta. Er möchte nicht mehr für mich arbeiten, steigt aus, ob mir das nun passt oder nicht."

"So habe ich es nicht gesagt."

"Aber so ist es bei mir angekommen!", herrschte Rocco Panzer den Boutiquenbesitzer aufgebracht an. Er wurde aber gleich wieder leise. "Ich brauche dich, Oskar."

"Niemand ist unersetzlich. Du wirst einen andern finden."

"Das schon, aber nicht so rasch. Das braucht seine Zeit. Man muss sehen, ob die Chemie stimmt, ob man einander vertrauen kann. Vertrauen ist überhaupt das Allerwichtigste. Wenn das nicht vorhanden ist..." Panzer machte eine wegwerfende Handbewegung, seufzte und fragte: "Aus welchem Grund möchtest du aufhören, Oskar? Willst du mehr Geld?"

"Nein. Mir geht es nicht ums Geld."

"Sondern?"

"Auf der letzten Fahrt bin ich in Österreich in eine Polizeisperre geraten."

Rocco Panzer wusste davon. Sawatzki hatte es ihm berichtet. "Die haben einen Bankräuber gesucht."

"Sie haben mich auch gleich wieder weiterfahren lassen."

"Na also, was..."

"Die Geschichte ging zwar glatt ab, aber sie gab mir dennoch zu denken", sagte Sawatzki. "Ich wurde mir zum ersten Mal des Risikos bewusst..."

"Darüber habe ich dich nie im Unklaren gelassen."

"Das stimmt, aber mir wurde das erst in dieser Situation so richtig klar. Und es kommt noch etwas dazu..."

"Wie stehst du dazu, dass ich dich brauche?", unterbrach Panzer den Boutiquenbesitzer erneut. "Das kann dir doch nicht egal sein."

"Rocco..."

"Nachdem wir so lange mustergültig zusammengearbeitet haben."

"Wir sollten unsere Geschäftsbeziehung nicht überbewerten. Sie hätte jederzeit aus einem anderen Grund zu Ende sein können."

"Aus welchem?"

"Na ja, wenn die Bullen in Österreich den Stoff in meinem Wagen entdeckt hätten, säße ich jetzt im Knast und stünde dir ebenfalls nicht mehr zur Verfügung."

"Das wäre etwas anderes."

"Wieso? Ob ich jetzt hinter Schwedischen Gardinen sitze oder einfach nur aussteige, hat für dich den gleichen Effekt. Du kannst meine Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen und musst dich nach einem anderen Kurier umsehen."

Rocco Panzer atmete schwer aus. "Oskar, Oskar. Ich bekomme deinetwegen Magengeschwüre und graue Haare. Beides mag ich nicht. Ich könnte dich jetzt von meinen Männern brutal zusammenschlagen lassen und dich zwingen, weiterzumachen. Oder siehst du das anders?" Er faltete die Hände, als wollte er beten oder einen Heiligen nachahmen. "Aber ich bin ein friedliebender Mensch. Ob du's glaubst oder nicht. Ich verabscheue rohe Gewalt. Sie ist mir zutiefst in der Seele zuwider. Natürlich komme ich manchmal nicht umhin, sie anzuwenden, aber Spaß macht mir das nicht, darauf kannst du dich verlassen. Du hast eine süße Tochter..."

Sawatzki lief es kalt über den Rücken.

"Wie alt ist Mercedes?"

"Zwölf", antwortete Sawatzki heiser.

"Zwölf. Ein wunderbares Alter. Sie wird bald ihre Tage bekommen, zur jungen Frau aufblühen... Mercedes - der ganze Stolz ihres Vaters. Stell dir vor, ihr würde etwas zustoßen. Etwas sehr Schlimmes. Etwas, das sich nie wieder gutmachen lässt. Auf dem Schulweg. In der Schule. Auf einer Party... Sie könnte von einem Auto angefahren werden, aus dem Fenster stürzen, zu viel Stoff eingeflößt bekommen... Wäre das nicht entsetzlich?"

Oskar Sawatzki bebte vor Wut. Wenn die Gorillas nicht hinter ihm gestanden hätten, hätte er sich auf Rocco Panzer gestürzt und ihm so kräftig die Fresse poliert, dass er sich selbst nicht mehr erkannt hätte.

Panzer sah ihn mit leicht zur Seite geneigtem Kopf an. "Kann ich dich mit einer Sonderprämie umstimmen, Oskar?"

Sawatzki schüttelte den Kopf. "Ich brauche kein Geld mehr."

"Unsinn. Geld kann man immer brauchen."

"Meine Frau... Aurea... Sie hatte einen immens reichen Onkel in Hamburg. Er ist gestorben..."

"Und sie ist die einzige Erbin?"

Sawatzki nickte. "Die einzige."

"Mit anderen Worten, ihr schwimmt jetzt in Geld."

"Ich will nicht prahlen..."

"Aber du bist auf meine Peanuts nicht mehr angewiesen."

"Ich brauche nichts Kriminelles mehr zu tun."

Rocco Panzer überlegte. "Ich finde, ein klein wenig Dankbarkeit wäre von deiner Seite her durchaus angebracht, was meinst du?"

Oskar Sawatzki schwieg. Die Schmerzen ließen langsam nach.

"Ich mache dir einen Vorschlag und wäre dir sehr dankbar, wenn du ihn annehmen würdest. Mercedes fährt doch demnächst mit ihrer Schulklasse in die Berge."

Sawatzki nickte nervös und fragte sich, worauf Panzer hinaus wollte. "Das ist richtig", bestätigte er.

"Und du hast dich bereit erklärt, mitzufahren, um den Klassenvorstand ein wenig zu entlassen."

"Ja, habe ich."

"Würdest du für mich bei dieser Gelegenheit eine letzte Lieferung übernehmen?"

Sawatzki schwieg.

"Nur noch dieses eine Mal", sagte Panzer, "und du brauchst diesmal nicht einmal nach Italien zu fahren, könntest dich mit Adriano Ravelli im romantischen Spannthal treffen, die Ware in Empfang nehmen und..."

Sawatzki kniff die Augen zusammen. "Nur noch dieses eine Mal?"

"Nur noch dieses eine Mal", bestätigte Rocco Panzer. Er hob die rechte Hand. "Ich schwör's."

"Na schön", gab Sawatzki nach. "Einmal mache ich es noch. Aber dann ist Schluss."

"Und wir trennen uns in Freundschaft", sagte Rocco Panzer lächelnd, aber dieses Lächeln erreichte seine Augen nicht, und das hätte Sawatzki zu denken geben müssen, doch es fiel ihm nicht auf.

*

Toni, der Kater, war zwar nicht mehr der Jüngste, aber immer noch ungemein clever, wenn es darum ging, sich ein Extra-Leckerchen zu erschnurren.

Er strich so lange um die Beine der Pfarrhaushälterin, bis sie weich war, wobei er seinen Schwanz kerzengerade hochreckte, als wollte er durch unübersehbares Aufzeigen dezent auf sich aufmerksam machen.

Frau Sägebrecht und der schwarze Kater waren, abgesehen von gelegentlichen kleinen Meinungsverschiedenheiten, seit Jahren ein Herz und eine Seele.

An diesem Morgen hatte Melitta Sägebrecht es eilig, doch das konnte Toni natürlich nicht davon abhalten, sich schnurrend an ihren Schienbeinen und Waden zu reiben.

Frau Sägebrecht musste sehr genau aufpassen, wo sie hintrat, denn der samtpfötige Kater war überall - ein lebendes Hindernis, das sich an allen Orten unvermittelt aufbaute und über das man ziemlich böse stürzen konnte. Die Köchin war beim Bäcker aufgehalten worden. Nun musste sie sich sputen, denn Kaplan Gmeiner durfte nicht zu spät in die Schule kommen. Er hatte gleich in der ersten Stunde Religionsunterricht, und wenn er nicht pünktlich war, ging es in der Klasse drunter und drüber.

Hastig stellte Frau Sägebrecht das Körbchen mit den Brötchen auf den Tisch. "Der Kaffee ist gleich soweit", sagte sie. Als sie sich umdrehte, stolperte sie über Toni. "Kruzi..." Sie presste schnell die Lippen zusammen und schaute verlegen zur Tür, in der soeben der Pfarrer erschienen war.

Orthold Lura grinste breit. "Was höre ich da aus deinem Mund, Melitta?", fragte er belustigt.

Frau Sägebrecht legte die Hand betroffen auf ihre Lippen und murmelte: "Mein Gott, jetzt sage ich es auch schon. Aber ist es ein Wunder, wenn man es von Ihnen täglich zu hören bekommt, weil Sie sich nicht beherrschen können?"

"Es befreit doch. Oder etwa nicht?"

"Es gehört sich nicht für einen katholischen Priester, so etwas zu..."

"Unser Herrgott wird es mir nachsehen", fiel der grauhaarige Pfarrer seiner Haushälterin ins Wort und setzte sich zu Theodard Gmeiner.

Endlich war der Kaffee durch die Maschine gelaufen. Frau Sägebrecht stellte die Kanne auf den Tisch, und als ihr der Kater abermals ein Bein stellen wollte, war für sie das Maß voll.

"Toni!", schrie sie erbost. "Jetzt reicht es aber!" Sie bückte sich, griff sich das Tier mit beiden Händen und trug es hinaus in den Küchengarten. "Du gehst jetzt ein bisschen an die frische Luft!", sagte sie energisch.

"Miau!", beschwerte sich Toni.

"Jawohl, Miau! Und lass dich erst in einer halben Stunde wieder blicken, dann habe ich Zeit für dich, eher nicht." Sie kehrte zu Pfarrer Lura und Kaplan Gmeiner zurück.

"Sie waren schon mal netter zu Toni", schmunzelte Theodard Gmeiner.

"Immer wenn ich es eilig habe, streicht er mir besonders aufdringlich um die Beine", erwiderte Melitta Sägebrecht harsch. "Das macht er extra."

"Er liebt Sie."

"Er liebt das Futter, das ich ihm gebe."

"Sie tun ihm unrecht."

"Na schön, vielleicht tue ich ihm unrecht. Ich habe jedenfalls keine Lust, mir schon am frühen Morgen ein Bein oder einen Arm zu brechen", sagte Frau Sägebrecht spröde. Damit war das Thema für sie beendet.

Orthold Lura goss Milch in seinen Kaffee. "Wie geht es in der Schule?", fragte er den jungen Kaplan.

"Ganz gut."

"Sind die Schüler sehr aufgeweckt?"

"Es sind ein paar Rabauken dabei, die ganz gern den Unterricht stören würden, aber ich habe sie recht gut im Griff."

"Wenn Sie den Religionsunterricht interessant gestalten wollen, müssen Sie versuchen, Vergangenes mit Gegenwärtigem zu verbinden."

Theodard Gmeiner biss von seinem Brötchen ab, das er mit zwei Scheiben Schinkenwurst belegt hatte. "Das tue ich, und ich streue ab und zu einen Witz ein, um den ernsten Stoff ein wenig aufzulockern." Der 31-jährige Kaplan lächelte. "Heute werde ich zum Beispiel den erzählen: Ein Heide hat zum ersten Mal in seinem Leben an einem Gottesdienst teilgenommen. 'Wie war's?' wollen seine heidnischen Freunde neugierig wissen. 'Sehr schön', gibt der Gefragte Auskunft. 'Zuerst hat der Pfarrer gesprochen, und dann wurde ein Körbchen mit Geld herumgereicht... Ich hab' mir auch zwanzig Euro genommen.'"

Orthold Lura lachte. "Wo haben Sie denn den her?"

"Der Totengräber hat ihn mir gestern erzählt." Gmeiner leerte seine Kaffeetasse.

"Da wir gerade bei der Kollekte sind: Die letzte ist ziemlich mager ausgefallen", sagte Pfarrer Lura unzufrieden. "Ich muss bei der nächsten Predigt mal wieder die Gebefreudigkeit unserer Schäfchen ein wenig wachrütteln."

Der Kaplan erhob sich. "Ich muss gehen."

Er verließ das Pfarrhaus und ging zu Fuß zur Schule, denn es lohnte sich nicht, die paar Schritte mit dem Motorrad zu fahren. Schwester Philomena, die das Barbaraheim leitete, das sich gegenüber der Schule befand, kam ihm entgegen.

"Guten Morgen, Schwester", grüßte er freundlich.

"Guten Morgen, Herr Kaplan. Schöner Tag heute."

Theodard Gmeiner blinzelte in die Sonne. "Ja, den sollte man frei haben."

"Was würden Sie dann tun?"

"Mit dem Motorrad durch die Botanik fahren und mich an ihrem wunderschönen Anblick erfreuen."

"Dafür haben Sie nach dem Unterricht ja immer noch Zeit", gab Philomena, eine resolute, aber auch sehr hilfsbereite Frau, zurück. Im Barbaraheim kamen betagte alte Leute unter, um die sich sonst niemand kümmerte. Das Heim wurde von der Gemeinde und der Kirche zu gleichen Teilen unterhalten.

Theodard Gmeiner streckte den Zeigefinger hoch. "Falls nicht, wie so oft, irgendetwas Unvorhergesehenes dazwischenkommt."

*

Rocco Panzer stieg wütend in seinen dicken schwarzen BMW. Es gab nichts, was der Wagen nicht hatte. Automatik, Spurassistent, ABS, Luftfederung, Rückfahrkamera, Navi und und und. Alles gegen Aufpreis natürlich. Aber Geld spielte bei Panzer ja keine Rolle. Er stieg ein. Der Gorilla mit der kaputten Nase setzte sich auf den Beifahrersitz. Der mit den Blumenkohlohren stieg hinten ein. Panzer nannte sie insgeheim und nur für sich Rambo und Godzilla, doch das wussten sie nicht.

"Dieser gottverdammte Hurensohn!", wetterte Panzer. "Was bildet der sich ein? Schmeißt einfach alles hin."

"Wir hätten ihm mit Vergnügen sämtliche Gräten gebrochen, Boss", sagte der auf dem Beifahrersitz. Also Rambo.

"Ja", meldete sich der andere - Godzilla. "Ein Wort hätte genügt und..."

"Das Arschgesicht braucht kein Geld mehr, scheißt auf die paar Kröten, die er von mir bekommt."

"Du zahlst doch nicht schlecht."

"Bei mir steigt man nicht einfach so aus." Panzer schnippte mit den Fingern. "Wenn ich ihm das durchgehen lasse und andere seinem Beispiel folgen, fällt alles, was ich mir in all den Jahren mühsam aufgebaut habe, wie ein Kartenhaus in sich zusammen, und dazu darf es nicht kommen." Er startete den Motor und fuhr los.

"Was wirst du tun?", fragte Rambo und rieb sich die eingeschlagene Nase.

"Ja, was hast du im Sinn?", fragte Godzilla.

Rocco Panzers Augen funkelten böse. "Ein Exempel werde ich statuieren. Damit alle sehen, dass man mit mir so nicht umspringen kann."

*

In Spannthal war wohl niemand weniger beliebt als die giftigen Schwestern Amelia Steffel und Ricarda Bonnangel. Das Gesetz hätte sie zum Tragen eines Schildes mit der Aufschrift "Vorsicht! Bissig!" verpflichten sollen, damit gleich jeder wusste, woran er mit ihnen war.

Ihnen an einem so wunderschönen Morgen über den Weg zu laufen, musste schon beinahe als Strafe Gottes angesehen werden - und ausgerechnet Philomena musste das passieren.

"Grüß Gott, Schwester", sagte Amelia Steffel mit gespielter Freundlichkeit. "So früh schon unterwegs?"

"Ja, in die Apotheke."

"Sie sind doch hoffentlich nicht krank."

"Nein, einer meiner Schützlinge hat mich gebeten, ihm das Medikament, das Doktor Plauensteiner ihm gestern verschrieben hat, zu holen", gab die Gemeindeschwester zurück und wollte gleich weitergehen, aber sie kam an den großen, stetig Gift verspritzenden Frauen nicht vorbei.

"Kann er das nicht selbst tun? Sie sind viel zu gut, Schwester Philomena. Dadurch nutzen alle Sie aus."

"Ich fühle mich nicht ausgenutzt, wenn ich einem alten Menschen, der nicht mehr gut laufen kann, einen kleinen Gefallen tue."

"Es muss ziemlich anstrengend sein, das Barbaraheim zu leiten", sagte Amelia Steffel. Man konnte wirklich nicht mit Sicherheit feststellen, wer das bissigere Luder war - sie oder ihre Schwester.

"Ich schaff' das schon", erwiderte Philomena, die die Schwestern ebenso wenig mochte wie die übrigen viertausend Einwohner des Dorfes, und sie machte auch kein Hehl daraus.

"Sie sollten mal ausspannen. Sie sehen müde aus", tat Ricarda Bonnangel besorgt.

Im hellen Schein der Morgensonne glichen die Haare der Schwestern brennenden Dornenbüschen.

"Ja, wirklich. Diese Schatten unter Ihren Augen sollten nicht sein", meinte Amelia Steffel voller falscher Anteilnahme.

"Wann haben Sie zum letzten Mal Urlaub gemacht?"

"Voriges Jahr."

"Dann wird's mal wieder Zeit, würde ich sagen. Oder, noch besser: Lassen Sie sich von Doktor Plauensteiner auf Kur schicken. Dann machen Sie Urlaub und brauchen nichts dafür zu bezahlen."

"Wie die Schmidtbergers zum Beispiel", wusste Ricarda Bonnangel sofort zu berichten. "Die kosten unsere Krankenkasse einen hübschen Batzen Geld. Vor zwei Monaten war Magnus Schmidtberger auf Kur, jetzt fährt seine Frau. Und was fehlt den beiden? Nichts."

Amelia Steffel zog die Mundwinkel nach unten. "Ein bisschen Rheuma haben sie."

Ihre Schwester winkte ab. "Das haben wir alle. Aber lassen wir es uns deshalb gleich auf Krankenkassenkosten gutgehen? Nein. Wir kurieren unsere Wehwehchen zu Hause aus."

"Weil wir dumm sind", sagte Amelia Steffel.

"Während andere sich gratis ein schönes Leben machen", nickte Ricarda.

Amelias Augen wurden schmal. "Wenn der Magnus keinen Kurschatten hatte, fresse ich einen Besen."

Ricarda lachte schadenfroh. "Jetzt hat seine Frau Gelegenheit, es ihm heimzuzahlen."

"Und wir bezahlen dieses Lotterleben auch noch mit unseren Beiträgen. Eine Schande ist das."

"Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit", setzte Amelia noch eins drauf. "Dass Doktor Plauensteiner so etwas unterstützt, ist mir unbegreiflich."

"Wo gibt es heutzutage noch Sitte, Anstand und Moral?", fragte Ricarda Bonnangel anklagend. "Als ich jung war, wurde auf so etwas noch geachtet, da wurden diese Werte noch hochgehalten, aber heute..."

"Saudumm und Gomorrha."

"Sodom", korrigierte Amelia ihre Schwester.

"Genau", sagte Ricarda, die ehemalige Lehrerin, die das Lehramt aufgegeben hatte, weil sie sich nicht länger mit der "heutigen Jugend" herumärgern wollte.

Amelia nickte grimmig. "Vielleicht sollten wir Doktor Plauensteiner auch mal bitten, uns einen Gratisurlaub zu verordnen."

"Gleiches Recht für alle."

Die Gemeindeschwester bat die Frauen, sie zu ent-schuldigen. "Ich habe noch vieles zu erledigen", sagte sie, "und so ein Vormittag ist schnell herum."

"Sie sollten sich Ihre Zeit besser einteilen", empfahl Amelia Steffel.

"Und sich vor allem nicht von jedem in die Apotheke oder sonst wohin schicken lassen", meinte Ricarda Bonnangel. "Die Leute, die in Ihrem Heim wohnen, sind alt. Sie haben jede Menge Zeit, mit der sie ohnedies nichts Rechtes anzufangen wissen."

"Die Bewohner des Barbaraheims sind alt, arm und zum Teil schon sehr gebrechlich, aber sie sind mir lieber als Leute, die an ihren Mitmenschen kein gutes Haar lassen", gab die Gemeindeschwester spitz zurück und setzte ihren Weg fort.

Ricarda Bonnangel sah ihr mit gefurchter Stirn nach. "Wen hat sie damit gemeint? Doch nicht etwa uns?"

"Nein", gab Amelia Steffel kopfschüttelnd zurück, "uns nicht, denn wenn wir über jemanden schlecht reden, dann ist es die Wahrheit - und die wird man ja wohl noch ungeniert sagen dürfen."

*

Rocco Panzer besaß ein Haus in Spandau, dem flächenmäßig viertgrößten Bezirk Berlins. In Stresow, an der Spreemündung. Seine Wut war inzwischen auf Frostgrenze abgesackt, und das machte ihn besonders gefährlich.

"Mach mir einen Drink", verlangte Panzer von Rambo, gleich nachdem er heimgekommen war.

"Wie immer?"

Panzer nickte.

Rambo nahm eine Flasche aus der Hausbar. Auf dem Etikett stand: Grappa Riserva Antica Cuvée. Er warf einen kinderfaustgroßen Eiswürfel ins Glas und goss die goldene Flüssigkeit darüber.

"Hier, Boss." Er reichte Panzer den Drink.

"Danke. Und jetzt verzieht euch."

Rambo und Godzilla gingen auf die Terrasse und zündeten sich jeder eine Zigarette an. Panzer wanderte im Wohnzimmer grübelnd hin und her. Wenn Oskar Sawatzki seinen Blick gesehen hätte, wäre er mit seiner Tochter auf der Stelle ausgewandert.

Rambo deutete mit dem Daumen – die Zigarette klemmte zwischen Zeige- und Mittelfinger - über seine Schulter. "Der Boss wird Sawatzki über die Klinge springen lassen."

Godzilla nickte. "Mit Sicherheit."

"Und ich bin nicht mal traurig", sagte Rambo. "Wenn einer so dämlich ist, verdient er's nicht besser." Er zog an seiner Zigarette und ließ den Rauch durch die deformierte Nase heraus sickern.

"Er hätte dem Boss diplomatisch kommen müssen", brummte Godzilla. "Erst mal vorfühlen, verstehst du? Ein paar Andeutungen machen. Das Terrain sondieren. Nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. So ein unbedachter Schuss kann ja nur nach hinten losgehen."

Rambo leckte sich die trockenen Lippen. "Ich möchte jetzt nicht in Sawatzkis Haut stecken."

Godzilla sah ihn an. "Was wird der Boss unternehmen?"

Rambo zuckte mit den Achseln. "Keine Ahnung. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Oskar Sawatzki von dieser Klassenfahrt gesund und munter zurückkommt."

*

Kornelius Wannemacher, Apotheker und Vorsitzender des Kirchengemeinderats, betrat das Pfarrhaus mit grimmiger Miene.

"Nanu, Herr Wannemacher", sagte Melitta Sägebrecht verwundert. Sie war gerade beim Kartoffelschälen. "Was ist Ihnen denn über die Leber gelaufen?"

Die Furche über der Nasenwurzel des 55-jährigen Mannes wurde noch tiefer. "Ist der Herr Pfarrer da?"

Die Wirtschafterin nickte. "In seinem Arbeitszimmer."

"Darf ich ihn stören?"

"Wenn es etwas Wichtiges ist."

"Ich muss mit ihm über Kaplan Gmeiner reden."

"Was passt Ihnen denn diesmal nicht an ihm?" Kornelius Wannemacher war fast immer gegen alles und vor allem gegen die Ansichten des jungen Kaplans, deshalb wollte sich Melitta Sägebrecht sogleich schützend vor Theodard Gmeiner stellen.

Doch Wannemacher antwortete nur: "Das werde ich dem Herrn Pfarrer sagen."

Orthold Lura arbeitete an seiner Sonntagspredigt. Das Gerippe stand schon, nun wollte er darangehen, Fleisch dranzuhängen, damit das Ganze einen kompakten Körper bekam. Es klopfte. Der Geistliche hob den Kopf. "Ja, bitte?"

Die Tür öffnete sich, und der Kirchengemeinderatsvorsitzende trat ein. "Grüß Gott, Herr Pfarrer, haben Sie ein bisschen Zeit für mich?"

"Natürlich. Setzen Sie sich. Was kann ich für Sie tun?"

Der Apotheker nahm Platz und rieb die feuchten Handflächen an seinen Schenkeln trocken. "Ich habe eine Beschwerde vorzubringen", sagte er.

"Eine Beschwerde." Orthold Lura nickte bedächtig. Er trug wie immer seinen schwarzen Habit, den er nur zum Schlafen ablegte.

"Ja", sagte der Apotheker rau.

"So, so. Und worüber oder über wen möchten Sie sich beschweren, Herr Wannemacher?"

"Über Ihren Stellvertreter."

"Womit hat er denn diesmal Ihr Missfallen erregt?"

"Mir gefällt die Art und Weise nicht, wie er seinen Religionsunterricht gestaltet."

"Was haben Sie daran auszusetzen?", wollte Lura vom Apo-theker wissen.

"Mir kam zu Ohren, dass er den Schülern Witze erzählt, anstatt ihnen den katholischen Glauben nahezubringen. Witze! Im Religionsunterricht! Das ist doch keine Karnevalsveranstaltung!"

Orthold Lura lehnte sich zurück. Seine blauen Augen wurden etwas dunkler. "Ich finde nichts Verwerfliches daran." Der Geistliche stellte sich oft nur deshalb hinter seinen Kaplan, um Kornelius Wannemacher zu ärgern, doch diesmal tat er es, weil er davon überzeugt war, dass Theodard Gmeiner seinen Unterricht richtig gestaltete. "Haben Sie schon mal versucht, Kinder, die eine Menge Schabernack im Kopf haben, dazu zu bringen, Ihnen eine volle Stunde lang aufmerksam zuzuhören, Herr Wannemacher?"

"Witze haben im Religionsunterricht keinen Platz. Die Religion ist eine ernste, seriöse Sache."

Der Geistliche lächelte. "Wem sagen Sie das."

"Man hört die Schüler bis auf die Straße heraus schallend lachen."

"Ist doch schön, wenn sie fröhlich sind. Lachen ist gesund."

Der Apotheker schüttelte trotzig den Kopf. "Nicht während des Religionsunterrichts."

"Ach, Herr Wannemacher, sind Sie wirklich so humorlos, oder wollen Sie unserem Kaplan, der Ihnen seit seinem ersten Tag hier in Spannthal ein Dorn im Auge ist, nur mal wieder auf die Zehen treten?"

"Ich verlange, dass Kaplan Gmeiner seinen Religionsunterricht mit der nötigen Würde und Seriosität - wie man sie von einem Vertreter der Kirche ja wohl erwarten darf - gestaltet."

"Na schön, Herr Wannemacher", nickte Orthold Lura freundlich, "ich nehme Ihre Forderung zur Kenntnis."

Der Apotheker musterte den Geistlichen unsicher. "Und?"

"Was - und?"

"Werden Sie Kaplan Gmeiner die entsprechende Weisung erteilen?"

"Nein", antwortete Orthold Lura trocken und erhob sich. "War das alles, was Sie vorzubringen hatten? Dann entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe an meiner Predigt zu arbeiten."

*

Nachdem Rocco Panzer seinen Grappa getrunken hatte, rief er eine Nummer in Italien an. Eine reife Frauenstimme meldete sich.

Er nannte seinen Namen. Sie wusste, wer er war. Er verlangte Adriano Ravelli zu sprechen, doch sie sagte: "Oh, das tut mir sehr leid, Signore Panzer. Mein Sohn ist nicht im Haus."

"Wann kommt er zurück?"

"Das weiß ich nicht."

"Er soll mich anrufen, wenn er heimkommt."

"Ich sage es ihm, Signore Panzer. Er wird das sicher auch sofort tun. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Signore."

"Ich Ihnen auch", gab Rocco Panzer oberflächlich zurück und legte auf.

Zwanzig Minuten später meldete sich Adriano Ravelli. "Hallo, Rocco. Meine Mutter hat gesagt... Geht es dir gut? Gibt es ein Problem? Wie ist das Wetter in Berlin?" Er lachte. "Wann wird euer Flugplatz endlich fertig?"

Panzer ging nicht darauf ein. "Hör zu, du musst etwas für mich erledigen."

"Jederzeit."

"Oskar macht Schwierigkeiten."

"Sawatzki?"

"Wer sonst?"

"Welche Art von Schwierigkeiten macht er denn?", wollte Adriano Ravelli wissen.

"Er will aussteigen, aufhören, nicht mehr weitermachen."

"Ist er verrückt?"

"Seine Frau hat eine Menge Kohle geerbt."

"Und jetzt ist er auf keine Nebeneinkünfte mehr angewiesen", nahm Ravelli an.

"Du sagst es." Wut und Hass funkelten in Panzers Augen. "Der Schweinehund wirft mir seinen Job rotzfrech vor die Füße. Das kann ich mir nicht bieten lassen."

"Würde ich mir an deiner Stelle auch nicht gefallen lassen", sagte Ravelli. "Wenn das jeder tun würde..."

"Wenn Sawatzki nicht mehr für mich arbeitet... Der Mann wird dadurch für mich zum Sicherheitsrisiko."

"Sehe ich auch so."

"Er muss weg."

"Soll ich mich um ihn kümmern?", erkundigte sich Adriano Ravelli.

"Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du das übernehmen würdest."

"Ist schon so gut wie erledigt."

"Warst du schon mal in Spannthal?", fragte Rocco Panzer.

"Nein. Wo ist das?", fragte Adriano Ravelli.

Panzer erklärte es ihm.

"Okay", sagte Ravelli.

"Es ist eine Klassenreise geplant. Mercedes Sawatzki wird daran teilnehmen und ihr Vater wird die Reise mitmachen, um den Klassenvorstand zu entlasten." Panzer senkte die Stimme. "Ich möchte, dass Sawatzki von dieser Fahrt in die Berge nicht zurückkommt."

"Das lässt sich arrangieren."

"Es sollte wie ein Unfall aussehen."

"Kein Problem. Die Berge sind hoch. Die Schluchten sind tief."

"Ich gebe dir noch genau Bescheid, wann die Reise losgeht. Dann fährst du nach Spannthal, triffst dich mit Sawatzki und... Alles Weitere überlasse ich dir."

Adriano Ravelli lachte. "Mal sehen, ob Oskar fliegen kann."

*

"Fertig mit Packen?", fragte der vierzigjährige Magnus Schmidtberger seine Frau.

Justina Schmidtberger, ein Jahr jünger als er, fest und drall, nickte. "Ja."

Er zog sie in seine Arme. "Du wirst mir fehlen."

"Wegen der Arbeit, die du jetzt allein machen musst?", fragte die Bäuerin.

"Blödsinn. Weil ich gern mit dir zusammen bin." Magnus sah gut aus. Früher, bevor er verheiratet gewesen war, war kein Weiberrock vor ihm sicher gewesen.

Doch nach der Hochzeit war der Zugvogel sesshaft geworden. Er und Justina hätten gern drei, vier Kinder gehabt, aber es hatte leider nicht damit geklappt, und so war ihre Ehe kinderlos geblieben. Sie hatten sich inzwischen mit dieser gottgewollten Fügung abgefunden. Kinder zu adoptieren kam für Magnus Schmidtberger nicht in Frage. Er wollte entweder eigene Kinder haben oder keine.

Er küsste Justina, die die gleiche Kur in derselben Anstalt machen würde wie er. "Die drei Wochen werden dir guttun. Wie neugeboren wirst du dich hinterher fühlen." Er kniff sie in die Wange. "Ich habe dich jede Woche mindestens einmal angerufen, und das werde ich wieder tun."

"Ich freue mich, wenn du anrufst", sagte Justina.

Magnus hob den Finger. "Lass dir ja nicht den Kopf verdrehen."

"Keine Angst, ich lege mir schon keinen Kurschatten zu."

"Das Angebot an feschen Männern wird sicher sehr groß sein, und sie haben nach der Behandlung den ganzen Tag nichts Besseres zu tun, als Jagd auf hübsche Frauen zu machen."

"Mich interessiert kein anderer Mann. Du weißt, dass du dich auf mich verlassen kannst. Ich könnte dich nie betrügen."

"Ich hätte es auch nicht gekonnt, obwohl die Auswahl recht verlockend war. Ich hätte jede Menge Chancen gehabt."

Justina nickte. "Das kann ich mir sehr gut vorstellen."

"Man sollte es nicht für möglich halten, wie verheiratete Frauen sein können, wenn sie mal Gelegenheit haben, aus dem Ehealltag auszubrechen. Von damenhafter Zurückhaltung keine Spur. Manche sind angekommen und haben gleich am ersten Tag die Männer unter sich aufgeteilt. Du nimmst diesen, du jenen, ich den."

"Und wer wollte dich haben?", fragte Justina.

"Eine gewisse Edelburga König", sagte Magnus, "aber sie hat mich nicht gekriegt."

"Und das hat sie so einfach hingenommen?"

"Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden. Wir wurden Freunde, gingen miteinander spazieren, machten Ausflüge, unterhielten uns, aber mehr passierte nicht."

"War sie schön, diese Edelburga König?"

"Sie sah nicht übel aus." Magnus nahm Justinas Koffer und trug ihn aus dem Haus. Sie mussten mit dem Traktor fahren, weil ihr Wagen ohne Motor in der Garage stand.

In zwei Wochen würde Magnus einen Austauschmotor bekommen und ihn selbst einbauen. Er war in diesen Dingen sehr geschickt, obwohl er den Beruf des Automechanikers nicht erlernt hatte. Man kann sich auch durch viel Zusehen und Mithelfen bei Freunden so manches aneignen.

Sie fuhren durch die Hauptstraße, vorbei an der Diskothek "Sunset", Richtung Bahnhof. Der Postherbert winkte ihnen und rief: "Gute Erholung, Justina!"

Die Bäuerin winkte lächelnd zurück. "Danke!"

"Schreib mir mal eine Karte!"

Justina lachte. "Da du sowieso jede Karte liest, genügt es, wenn ich Magnus eine schicke und einen Gruß für dich mit drauf schreibe."

Sie erreichten den Bahnhof. Magnus stellte den Traktor davor ab und half seiner Frau beim Absteigen, dann nahm er ihren Koffer und trug ihn auf den Bahnsteig.

Magnus warf einen Blick auf die große Bahnhofsuhr. "Noch zehn Minuten", sagte er.

"Versprich mir, dass du ordentlich essen wirst", verlangte Justina.

Magnus schmunzelte. "Mal beim Lindenwirt, mal beim Brückenwirt, mal im Gasthaus 'Zur Post' und mal in der Pizzeria."

"Nichts da! Jeden Tag essen gehen, kommt zu teuer. Du wirst dir schön brav selbst was zubereiten, und du wirst essen, was ich für dich vorgekocht und eingefroren habe. Wenn ich zurückkomme, muss die Kühltruhe leer sein, verstanden?"

Er legte die Hände an die Hosennaht und schlug zackig die Hacken zusammen. "Jawohl, Herr General - äh - Frau General!", sagte er grinsend.

Der Zug kam. Magnus stieg mit seiner Frau ein und verstaute ihren Koffer. Es war noch Zeit für einen herzhaften Kuss, dann musste Magnus raus.

Justina beugte sich aus dem Fenster. Sie hatte Tränen in den Augen. "Gott, was bin ich blöd", sagte sie und lachte verlegen. "Wieso heule ich, als wäre es ein Abschied für immer?"

"Ich hab' dich lieb", sagte Magnus.

"Ich dich auch."

Der Zug fuhr weiter, und Magnus winkte seiner Frau so lange, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Er kam sich ziemlich schäbig vor, weil er Justina so dreist belogen hatte. Erstaunlich, wie glatt ihm die Unwahrheit über die Lippen gekommen war. Als wäre sein Gewissen so rein wie das eines neugeborenen Kindes. Dabei hatte er seine Frau mit Edelburga König jeden Tag betrogen - drei Wochen lang! Liebe Güte, wenn Justina das gewusst hätte. Sie wäre Amok gelaufen.

Er war Edelburga gleich am Nachmittag des ersten Tages im Anstaltspark begegnet und hatte sie mit riesigen Glotzaugen angestarrt.

Sie hatte gelacht. "Habe ich einen Tintenklecks in meinem Gesicht?"

"Wie-Wieso?", stammelte er. Er war völlig durcheinander. So etwas war ihm noch nie passiert. Bei ihm hatte der Blitz eingeschlagen.

"Nach Ihrem Blick zu schließen, muss ich ganz schrecklich aussehen", sagte sie mit einem traumhaften Schmelz in der Stimme.

"O nein, nein", beeilte er sich zu sagen, "Sie sehen großartig aus. Wunderbar. Bezaubernd. Bi-Bildhübsch sind Sie."

Sie senkte kokett den Blick. "Vielen Dank."

"Bi-Bitte." Er ärgerte sich über seine Unsicherheit, aber sie war so umwerfend schön, und er hatte im Flirten keine Übung mehr.

Sie streckte ihm unvermittelt die Hand entgegen. "Ich bin Edelburga."

Er ergriff die Hand. "Ich heiße Magnus."

"Ich bin heute angekommen", sagte Edelburga.

"Ich auch."

"Aus welcher Stadt?", wollte Edelburga wissen.

"Aus Spannthal, das ist ein Dorf mit viertausend Einwohnern zwischen Franken- und Bayernwald."

Sie nickte, aber er sah ihr an, dass sie noch nie von Spannthal gehört hatte. "Ist es ein schönes Dorf?", erkundigte sie sich.

"Mir gefällt es, und den Leuten, die aus der Stadt zu uns auf Sommerfrische kommen, auch." Langsam legte sich seine Nervosität, er wurde sicherer. Immerhin sah er ja auch nicht übel aus. "Woher kommen Sie, wenn man fragen darf?"

"Aus München", antwortete Edelburga.

Sie trug ein cremefarbenes schlank geschnittenes und sehr elegantes Kostüm aus fast transparentem Feingabardine. Er versuchte sich Justina darin vorzustellen. Es war ihm nicht möglich. Seine Frau hätte so etwas nicht tragen können. Sie war zwar nicht dick, aber vollschlank, und deshalb hätte sie in diesem todschicken Kostüm unmöglich ausgesehen.

"Da ist mir zu viel Betrieb", sagte Magnus.

"Ich bin ihn gewohnt", gab Edelburga achselzuckend zurück. "Werden Sie auch drei Wochen hier sein?"

"Ja."

Sie sah sich um und seufzte. "Ich kenne hier niemanden."

Magnus lächelte. "Sie kennen mich", sagte er. Allmählich kam sein eingerosteter Charme wieder in Schwung. "Wenn Sie nicht allein sein möchten... Ich will es auch nicht... Wir könnten uns zusammentun..."

Da war ein interessiertes Funkeln in ihren himmelblauen Augen. "Ich nehme Ihr Angebot gerne an."

"Das freut mich, freut mich ungemein."

Ohne es zu merken, hatten sie angefangen, nebeneinander herzugehen, und es war ihm, als würde er Edelburga schon eine Ewigkeit kennen. Es war so angenehm, sich mit ihr zu unterhalten. Sie konnte zuhören, und sie ging auf alles ein, was er sagte. Sie entdeckten gemeinsam den großen Park und fühlten, wie sie einander näher und näher kamen. Ein schlechtes Gewissen hatte Magnus nicht. Was tat er denn schon? Er unterhielt sich mit einer intelligenten, gebildeten Frau, die zufällig auch wunderschön und äußerst begehrenswert war. Das durfte er doch. Dagegen konnte Justina nichts haben. Justina... Er verdrängte sie aus seinen Gedanken. Sie war nicht da. Aber Edelburga war da, und sie zog ihn so sehr an, dass sein Herz jedes Mal anfing zu rasen, wenn er ihr in die großen, funkelnden Augen sah.

In ihm erwachten beunruhigende Wünsche und Sehnsüchte, und seine Phantasie ging immer wieder mit ihm durch. Er stellte sich Dinge vor... Dinge! O Gott! Man ist eben nur ein Mensch, dachte er. Ein Mann. Nicht aus Holz. Man fühlt, man sieht, man reagiert, man empfindet... Ich bin nicht mit der Absicht hierhergekommen, mich gleich am ersten Tag in ein leidenschaftliches Abenteuer zu stürzen, aber wenn es jetzt passieren würde, ich hätte nicht die Kraft, dagegen anzukämpfen.

Sie zögerten es bis nach dem Abendessen hinaus - aber dann... Magnus wusste inzwischen, dass Edelburga seit zwei Jahren geschieden war. Sie war hungrig. Ein verzehrendes Feuer loderte in ihrem Blick, der ihm verriet, dass er alles von ihr haben konnte. Alles! Von dieser bildschönen, verführerisch attraktiven Frau! Ich glaube, nicht einmal Kaplan Gmeiner könnte dieser ungeheuren Versuchung widerstehen, brachte Magnus in Gedanken zu seiner Entschuldigung hervor, kurz bevor er kapitulierte, und den Dingen, die sich ohnedies nicht hätten aufhalten lassen, ihren Lauf ließ...

Von da an geschah es immer wieder - jeden Tag. Und Magnus hätte sich selbst belogen, wenn er behauptet hätte, dass es auch nur ein einziges Mal gegen seinen Willen passiert und ihm unangenehm gewesen wäre. Das Gegenteil war der Fall. Jedes Zusammensein mit Edelburga glich einem süßen Rausch, der ihn süchtig machte und nach dem er sich immer wieder aufs Neue sehnte, sobald er vergangen war.

*

Das Telefon läutete. Oskar Sawatzki griff sich den Hörer. "Ja, bitte?" Am andern Ende war seine Frau. "Aurea. Hallo, mein Schatz. Wie geht es dir?"

"Ich vermisse dich." Sie seufzte sehnsüchtig.

"Du fehlst mir auch. So ein halbes Jahr kann sich ganz schön ziehen."

"Vielleicht sollte ich es nicht sagen...", sagte Aurea Sawatzki gedehnt.

"Was?"

"Na ja, es hört sich wahrscheinlich – irgendwie... schmutzig an. Nicht schön. Herzlos..."

"Ich weiß nicht, was du meinst, Schatz."

"Wenn – wenn mein Onkel zwei Monate früher gestorben wäre, wäre ich nicht nach Amerika gegangen", sagte Aurea Sawatzki. "Ich hätte gekündigt. Findest du das gefühlskalt, charakterlos, egoistisch?"

"Nein", antwortete ihr Mann, "finde ich ganz und gar nicht. Der alte Mann hatte sowieso nichts mehr vom Leben. Er wusste ja nicht einmal mehr, was um ihn herum passierte, ob er noch lebt oder schon tot ist. Eine Verkürzung seines Leidens um zwei Monate wäre ihm nur entgegengekommen."

"Und wir wären zusammen geblieben."

"Es hat nicht sollen sein", sagte Sawatzki bedauernd.

"Geht es dir gut, Oskar?", fragte seine Frau.

"Abgesehen davon, dass ich dich wahnsinnig gern bei mir hätte, geht es mir ausgezeichnet", log er.

"Du klingst aber nicht so."

Sie hat verdammt gute Ohren, dachte er. "Wie klinge ich denn?", wollte er wissen. Sie hatte keine Ahnung von seinen Geschäften mit Rocco Panzer, und so sollte es auch bleiben.

"Ich weiß nicht...", meinte Aurea unsicher. "Als hättest du Schmerzen. Als würde dir etwas weh tun. Als würde dich etwas bedrücken."

Er bemühte sich, ihre Sorge zu zerstreuen. "Nein, Schatz, es ist alles in bester Ordnung. Ehrlich. Hier ist alles im grünen Bereich."

"Was macht Mercedes?"

"Sie ist bei Lisa Rettnick."

"Grüße sie bitte von mir."

"Mach ich."

"Wann findet die Klassenfahrt statt? Ich habe den Termin vergessen."

Er nannte ihn.

"Freut Mercedes sich schon darauf?", fragte Aurea.

"Einerseits ja, anderseits... Na ja, ich glaube, es wäre ihr lieber, wenn ich zu Hause bliebe. Von wegen väterlicher Kontrolle und so. Man kann sich ja doch nicht so wie die andern austoben, wenn der Papa in der Nähe ist."

"Aber sie wird auch ein bisschen stolz darauf sein, dass sie als einzige ihren Vater mit dabei hat", sagte Aurea.

Er dachte an Rocco Panzers Besuch und an die gemeinen Drohungen, die der Schweinehund ausgestoßen hatte, und er war froh, dass seine Frau nichts von alledem wusste.

*

Der neue Witz war prima angekommen, die Schüler hatten herzlich gelacht und hinterher regeren Anteil am Religionsunterricht genommen. Sie mochten den jungen Kaplan, sahen in ihm nicht bloß ein Mitglied des "ehrwürdigen" Lehrkörpers, sondern eher einen guten Freund, mit dem man über alles reden, an den man sich wenden konnte, wenn man Sorgen hatte, der sich stets bemühte, einem zu helfen und so gut wie nie um einen Rat verlegen war. Sie hatten Vertrauen zu Theodard Gmeiner und wären jederzeit für ihn - ebenso wie er für sie - durchs Feuer gegangen. Einer für alle, alle für einen. Wie die Musketiere. Die meisten von ihnen lernten den Religionsstoff nicht, weil er sie so rasend interessierte, sondern um dem Kaplan zu imponieren und ihm eine Freude zu machen. Selbst der schlechteste Schüler glänzte mit einem Wissen, das ihm kein anderer Pädagoge zu vermitteln vermocht hätte.

Einer von ihnen lief Theodard Gmeiner nach der Unterrichtsstunde nach. "Herr Kaplan! Herr Kaplan!"

Gmeiner, der das Klassenzimmer verlassen hatte, blieb stehen und drehte sich um. "Ja, was gibt's?"

Der sommersprossige Junge hüstelte. "Ich muss Ihnen etwas sagen."

"Ich höre."

"Der Wannemacher..."

Theodard Gmeiner lächelte. "Du meinst, der Herr Wannemacher."

"Der Apotheker will sich über Sie beschweren."

"Du weißt, man soll niemanden verraten", tadelte Gmeiner den Jungen.

"Ich habe gestern gehört, wie der Apotheker zu seiner Frau sagte..."

"Du weißt, man soll niemanden belauschen", rügte Theodard Gmeiner den Schüler abermals.

"Der Wannemacher... Herr Wannemacher... Der Apotheker sagte zu Frau Wannemacher: 'Morgen gehe ich zum Herrn Pfarrer und rede mit ihm über seinen unmöglichen Kaplan. Gmeiner bringt seine Schüler während des Religionsunterrichts zum Lachen, erzählt ihnen Witze. Das ist nicht seriös. Ein Skandal ist das. Man muss dem Kaplan diese unerhörte Respektlosigkeit vor der Lehre des Glaubens unverzüglich ab-stellen, muss ihm unmissverständlich klarmachen, dass die Religion ein ernstes Thema ist, über das man nicht zu lachen hat.'"

Theodard Gmeiner legte dem Jungen die Hand auf die Schulter. "Es war zwar nicht uninteressant, was du mir eben erzählt hast, mir wäre es aber trotzdem lieber gewesen, du hättest es für dich behalten, weil..."

"Weil man nicht petzt."

Der Kaplan nickte lächelnd. "So ist es, mein Junge. Trotzdem - danke."

"Der Wannemacher... Der Herr Wannemacher war inzwischen bestimmt schon beim Herrn Pfarrer."

"Das ist anzunehmen", sagte Gmeiner zustimmend.

"Meinen Sie, Sie kriegen jetzt Schwierigkeiten?"

Gmeiner lachte unbesorgt. "Nein, bestimmt nicht."

"Wir mögen es, wie Sie den Religionsunterricht gestalten."

"Das weiß ich, und deshalb wird sich auch in Zukunft nichts daran ändern", versicherte der Kaplan dem sommersprossigen Schüler.

"Aber der Apotheker ist Vorsitzender im Kirchengemeinderat."

"Er steht trotzdem mit seiner Meinung allein", lächelte Gmeiner und schickte den Jungen ins Klassenzimmer zurück. Unbekümmert verließ er das Schulgebäude. Er brauchte sich wirklich keine Sorgen zu machen. Wenn der Apotheker sich hinter seinem Rücken an Pfarrer Lura gewandt hatte, hatte er bei diesem mit Sicherheit auf Granit gebissen.

Die Sonne lachte ihm vom wolkenlosen Himmel ins Gesicht und stimmte ihn fröhlich. Jetzt schnell nach Hause, rein in die schwarze Lederkluft, rauf aufs frisch geputzte Motorrad und raus in die wunderschöne Natur. Das hatte Theodard Gmeiner vor, doch es sollte ihm etwas höchst Unerfreuliches dazwischenkommen...

*

"Ich soll dich von Mama grüßen", sagte Oskar Sawatzki, als seine Tochter nach Hause kam.

Die Zwölfjährige hatte langes blondes Haar, himmelblaue Augen, ein süßes kleines Stupsnäschen, war eine hübsche, quirlige junge Dame, auf die ihre Eltern mächtig stolz waren. Und das mit Recht, denn Mercedes war ein sehr angenehmes Kind, brav, leicht lenkbar, lernwillig, klug, folgsam... Vater und Mutter konnten ihr voll vertrauen.

"Danke", sagte Mercedes. "Geht es ihr gut?"

"Sie vermisst uns."

"Wir sollten mal wieder mit ihr skypen, sonst wissen wir bald nicht mehr, wie sie aussieht."

Er nickte. "Das machen wir in den nächsten Tagen. Wie war's bei Lisa?"

"Wie immer."

"Ist sie noch immer so wahnsinnig in diesen Justin Bieber verknallt?"

"Nicht mehr."

"Wen liebt sie jetzt?"

"Du wirst es nicht glauben."

"Wer ist der Glückliche?", wollte Oskar Sawatzki wissen.

"Elvis Presley."

"Das gibt es nicht."

"Ich habe ja gesagt, du wirst es nicht glauben."

"Der Mann ist seit x Jahren tot."

"Aber sie haben ein neues Album von ihm herausgebracht – mit dem Royal Philharmonic Orchestra neu arrangiert -, und das findet Lisa megamäßig cool..."

"Und du?"

Mercedes zuckte mit den Achseln. "Geht so." Sie musterte ihren Vater. "Ist alles okay, Papa?"

"Warum fragst du?"

"Du siehst aus, als hättest du Magenschmerzen."

Er legte die Hand auf seine Magengrube und runzelte die Stirn. "Eine kleine Unpässlichkeit. Nichts von Bedeutung."

Mercedes ging in ihr Zimmer und Oskar Sawatzki verfluchte Rocco Panzer und dessen Gorillas einmal mehr.

*

Er hatte seine Frau betrogen, und es hatte ihm gefallen. Er war aufgeblüht, war zu einem neuen Menschen geworden, hatte sich großartig gefühlt. Nicht die Kur hatte Magnus Schmidtberger so gutgetan, sondern Edelburga König, in die er rasend verliebt und mit der er jeden Tag zusammen war. Er lebte in diesen drei Wochen ein anderes Leben, war nicht der Mann, der seiner Frau Treue bis zum Tod gelobt hatte, fühlte sich frei und ungebunden. Wenn er mit Justina telefonierte, schlüpfte er für kurze Zeit in seine alte Haut und hatte mit dem, was der andere Magnus Schmidtberger getan hatte, nichts mehr zu tun. So einfach war das. Auf diese Weise konnte er mit seiner Frau ohne alle Schuldgefühle reden. Schließlich ging es ihn ja nichts an, was andere Leute - zu denen auch dieser andere Magnus Schmidtberger gehörte - taten. Niemand konnte ihn für die Handlungen fremder Menschen verantwortlich machen. Nach dem Telefonat zog er die alte Haut stets rasch wieder aus, stellte sie in seinem Zimmer achtlos in die Ecke und kehrte unbelastet zu Edelburga König zurück, um mit ihr all die berauschenden Dinge fortzusetzen, die er als verheirateter Mann nicht hätte tun dürfen.

Aber drei Wochen sind nur drei Wochen und leider keine Ewigkeit, wie Magnus es sich gewünscht hätte. Die Tage rasten dahin, und je näher das Ende des Kuraufenthaltes kam, desto schneller vergingen sie, als würden sie von einem boshaften, schadenfrohen Teufel angetrieben. Magnus hatte Angst, in eine deprimierende Leere zu fallen, wenn er nach Spannthal zurückkehrte. Natürlich liebte er Justina noch immer, aber ganz anders als Edelburga, von der ein einziger Blick genügte, um sein Blut in Wallung zu bringen.

Am letzten Abend liebten sie sich wilder, leidenschaftlicher und tabuloser denn je. Immer und immer wieder. Bis zur totalen Erschöpfung. Als wollten sie von der Erinnerung daran recht, recht lange zehren. Dann saßen sie engumschlungen auf einer Parkbank, schauten zum nächtlichen Himmel hinauf und zählten die Sterne. Edelburga kannte viele Sternbilder. Sie zeigte sie ihm, und er nahm sie zum ersten Mal bewusst wahr, obwohl sie immer schon dagewesen waren.

Magnus wurde von Stunde zu Stunde schweigsamer, ernster und trauriger.

"Woran denkst du?", fragte Edelburga.

"Morgen ist es aus und vorbei mit unserem wunderbaren Traum. Du kehrst nach München zurück, ich nach Spannthal."

Sie strich ihm zärtlich übers dunkle Haar. "Alles Schöne geht einmal zu Ende. Ich wusste das von Anfang an. Du nicht?"

"Ich wollte es nicht wahrhaben, hab's immer wieder verdrängt."

"Wir haben unsere Erinnerung", versuchte sie ihn zu trösten. "Die kann uns niemand nehmen."

Durch seinen Körper ging ein jäher Ruck. "Ich will nicht, dass es aufhört, Edelburga. Es muss nicht zu Ende sein, bloß weil diese drei Wochen um sind. Es kann weitergehen."

Sie lachte leise. "Wie stellst du dir das vor? Auf mich wartet niemand in München, aber in Spannthal wartet deine Frau auf dich. Du bist ein verheirateter Mann, Magnus. Muss ich dich wirklich daran erinnern?"

"Wir werden eine Lösung finden."

"Was für eine Lösung?", fragte Edelburga. "Willst du dich von Justina scheiden lassen?"

"Eine andere Lösung."

"Wirst du Justina von nun an ständig belügen? Weißt du, wie anstrengend das ist? Was glaubst du, wie lange du das durchhalten würdest? Du wärst diesem permanenten Stress sicherlich nicht lange gewachsen, und hinterher wäre alles nur noch viel schlimmer."

"Ich möchte dich nicht verlieren."

Edelburga schmiegte sich sanft an ihn. "Unsere Wege haben uns für kurze Zeit zusammengeführt. Wir durften drei traumhaft schöne Wochen miteinander verbringen. Lassen wir es doch dabei bewenden."

Er schüttelte trotzig den Kopf. "Nein."

"Ich hätte dich für vernünftiger gehalten."

"Ich könnte ab und zu nach München kommen."

"Und was würdest du Justina erzählen?"

"Irgendwas."

"Justina würde misstrauisch werden, wenn du so oft nach München fährst."

"Bestimmt nicht. Sie vertraut mir."

"Eine Frau spürt, wenn sie betrogen wird. Ich weiß das aus eigener Erfahrung."

"Justina hat eine Tante in Frankfurt. Die alte Krähe kann mich nicht leiden, deshalb besucht meine Frau sie immer allein und bleibt übers Wochenende. Das wären zusätzliche Tage, an denen wir uns sehen könnten."

Edelburga löste sich von ihm. "Ich möchte nicht deine - deine Zweitfrau auf Abruf sein."

"Das würde sich mit der Zeit einpendeln."

"Obwohl mein erster Bund fürs Leben nicht sehr lange gehalten hat, bin ich nicht prinzipiell gegen die Ehe", erklärte Edelburga König. "Ich würde es gern mit einem anderen Mann noch mal versuchen. Wer weiß, vielleicht habe ich beim zweiten Mal mehr Glück, wäre doch möglich. Wenn ich mich für dich freihalte, verderbe ich mir jede Chance, eventuell doch noch den Mann fürs Leben zu finden."

"Aber ich liebe dich, Edelburga."

"Du bist in mich verliebt", stellte sie richtig. "Das hat mit wahrer, aufrechter, langsam gewachsener Liebe nur sehr wenig zu tun. Was wir in diesen drei Wochen erlebt haben, war nicht mehr als ein Strohfeuer. Wir haben uns aneinander entzündet, eine heiße, grelle, wunderschöne und jegliche Vernunft verbrennende Stichflamme ist geradewegs in den Himmel geschossen..."

"Sie brennt noch immer."

Edelburga lächelte traurig. "Sie wird erlöschen, sobald wir nicht mehr die Möglichkeit haben, sie zu nähren."

Magnus wollte das nicht gelten lassen. Er widersprach leidenschaftlich und brachte viele Argumente vor, doch es gelang ihm nicht, Edelburga umzustimmen. Heute war ihre letzte gemeinsame Nacht, morgen würden sie sich zum letzten Mal sehen und sich dann für immer trennen. Für immer... Was waren das nur für hässliche Worte. So endgültig. So deprimierend. So schmerzlich. Er hasste sie aus tiefster Seele.

In dieser Nacht tat Magnus kein Auge zu. Er war zum ersten Mal mit einem Problem konfrontiert, mit dem er nicht zurande kam, und das machte ihn wütend.

Und dann - kam der Abschied. Magnus fühlte sich scheußlich. Ein dumpfer Schmerz durchwühlte sein Herz, als er Edelburga die Hand reichte. "Also dann", sagte er rau. "Mach's gut."

Sie lächelte verkrampft. "Du auch."

"Ich werde sehr oft an dich denken."

Sie schüttelte langsam den Kopf. "Es ist besser, du vergisst mich."

"Das kann ich nicht. Dafür waren diese drei Wochen zu schön."

"Das Leben geht weiter", sagte sie leise.

Er lachte gekünstelt. "Ich bin heute schon auf den Mann eifersüchtig, der dich kriegt."

"Dann müsste ich auch auf Justina eifersüchtig sein."

"Bist du es nicht?", fragte er.

Sie schlug die himmelblauen Augen nieder. "Vielleicht", gestand sie beinahe tonlos. "Ein bisschen." Eine Freundin und deren Mann holten Edelburga ab. Ihr Wagen hielt soeben vor dem Kurgebäude. "Ich muss gehen", sagte Edelburga mit feuchtem Blick. "Viel Glück, Magnus. Und versuch von nun an Justina wieder treu zu sein."

Sie war gegangen, er hatte sie nie wieder gesehen und auch nichts mehr von ihr gehört. Und jetzt stand er hier auf dem Bahnsteig, und Justina war zu dem Ort unterwegs, an dem er drei Wochen lang wieder so glücklich gewesen war wie am Anfang seiner Ehe.

*

Die Abfahrt nach Spannthal war für Montag früh, 6 Uhr 30, geplant. Am Freitagmorgen klopfte Oskar Sawatzki an die Tür seiner Tochter. "Hallöchen! Guten Morgen, mein Schatz! Aufstehen!"

Mercedes antwortete nicht.

"Frühstück ist fertig!"

Keine Reaktion.

"Mercedes! Es ist Zeit, aufzustehen!"

"Kann nicht", antwortete der Teenager.

"Was heißt kann nicht?", fragte Oskar Sawatzki. "Mein Vater, ein sehr kluger Mann, sagte immer: Ich kann nicht heißt, ich will nicht. Darf ich reinkommen?"

Sie hatte nichts dagegen. Er öffnete die Tür. Seine Tochter war tief in Kissen und Daunendecke vergraben und sah ihn mit glasigen Augen an.

"Bin krank", seufzte sie.

Er legte die Hand auf ihre Stirn. "Mein Gott, du glühst ja wie eine Herdplatte. Was ist denn los mit dir?"

"Weiß ich nicht."

"Wo hast du dir denn das geholt?"

"Keine Ahnung."

"Hast du Halsschmerzen?"

"Nein."

"Bauchschmerzen?"

"Auch nicht. Mir ist einfach nur entsetzlich heiß, ich habe schrecklichen Durst und mir tun sämtliche Gelenke weh."

"Und das ausgerechnet so kurz vor der Klassenfahrt."

"Ich habe es mir nicht ausgesucht."

"Das sollte kein Vorwurf sein, Liebes", sagte Oskar Sawatzki. "Du tust mir natürlich wahnsinnig leid." In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Mercedes konnte unter diesen Umständen selbstverständlich nicht an der Klassenfahrt teilnehmen.

Das wäre im Normalfall kein Beinbruch gewesen. Kinder werden nun einmal ab und zu krank. Zumeist dann, wenn man es am allerwenigsten brauchen kann.

Aber da war ja nicht nur die Klassenfahrt... Da war auch noch Rocco Panzer, der Sawatzkis Dienste ein letztes Mal in Anspruch nehmen wollte.

Ich habe versprochen, mich mit Adriano Ravelli in Spannthal zu treffen und eine letzte Drogenlieferung zu übernehmen, dachte Oskar Sawatzki völlig durcheinander. Wenn ich in Berlin bleibe, wird Rocco dafür wenig Verständnis aufbringen. Der Grund wird ihn einen Dreck scheren. Er wird sich ärgern und wahrscheinlich zu Sanktionen entschließen. Vielleicht wird er Mercedes etwas antun.

Oskar Sawatzki hatte Rocco Panzers Drohungen noch bestens im Ohr. Was tun? Verflucht noch mal, was sollte er tun? Dr. Reibensteiner, den Hausarzt anrufen?

Vielleicht hätte er das getan, aber ihm fiel ein, das der Doktor zu einem Ärztekongress nach Ottawa geflogen war, und Anton Reibensteiners Vertretung war ihm zutiefst zuwider und in höchstem Maße unsympathisch.

Er maß Mercedes' Temperatur. Sie fieberte zum Glück nicht allzu hoch. "Achtunddreißig Grad", las er vom Thermometer ab. "Du bleibst im Bett. Ich mache dir einen mit Honig gesüßten Lindenblütentee und Bein- und Wadenwickel. Hast du Kopfschmerzen?"

"Nein."

"Mal sehen, ob wir dich bis Montag wieder hinkriegen."

"Was, wenn nicht?"

"Daran wollen wir vorläufig nicht denken", sagte Oskar Sawatzki, obwohl er insgeheim die ganze Zeit an nichts anderes mehr denken konnte.

"Du hast dich verpflichtet, unseren Klassenvorstand zu unterstützen."

"Ich rufe ihn nachher an."

"Wirst du die Klassenfahrt ohne mich mitmachen?", fragte Mercedes. "Eigentlich müsstest du das? Professor Bülow braucht dich. Und er kann so schnell keinen Ersatz für dich finden."

"Jetzt sagen wir erst mal deinem Fieber den Kampf an. Es hat uns den Krieg erklärt. Das lassen wir uns nicht gefallen. Wir schießen zurück. Und zwar mit allem, was wir haben. So leicht geben wir uns nicht geschlagen."

Sawatzki tauchte zwei Handtücher in eine Mischung aus lauwarmem Wasser und Apfelessig und umwickelte damit Beine und Füße seiner fiebernden Tochter. Die feuchten Tücher umhüllte er mit trockenen.

Anschließend musste sie sich die Brust mit einer stark nach Pfefferminze riechenden Salbe einreiben und so viel wie möglich vom Lindenblütentee trinken.

Sawatzki lächelte mitfühlend. "Leider kann ich dir eine Schwitzkur nicht ersparen, Kleines. Ich weiß, die ist sehr unangenehm, aber wenn du brav zugedeckt bleibst und eine Stunde durchhältst, wirst du dich hinterher ganz bestimmt um einiges besser fühlen."

Mercedes seufzte geplagt.

"Die Hausmittel werden zwar häufig belächelt", sagte Sawatzki, "aber man kann ihnen nicht absprechen, dass sie wirken." Er beugte sich über seine Tochter und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. "Ich sehe in Kürze wieder nach dir. Jetzt rufe ich erst mal Professor Bülow an, damit er Bescheid weiß."

*

"Haben Sie Toni gesehen, Herr Pfarrer?", fragte Melitta Sägebrecht, als Orthold Lura aus seinem Arbeitszimmer kam.

"Bei mir war er nicht", antwortete der Geistliche.

"Wo mag sich der alte Halunke mal wieder herumtreiben?"

Der Priester schmunzelte. "Vielleicht ist er auf der Suche nach einer Unterkunft, wo man ihn nicht als 'alten Halunken' bezeichnet."

Die Pfarrhaushälterin winkte ab. "Ach, der bleibt uns schon. Es geht ihm doch nirgendwo besser." Sie schüttelte den Kopf. "Da sagt man immer, kastrierte Kater entfernen sich nicht mehr so weit vom Haus, und dicke, faule, alte Kater schon gar nicht, aber davon scheint unser Toni noch nichts gehört zu haben. Der streunt an so schönen Tagen wie heute munter in ganz Spannthal rum."

"Lass ihn doch."

Melitta wiegte den Kopf. "Aber wenn ich keine Zeit für ihn habe, da drängt er mir seine Liebe auf und will unbedingt und auf der Stelle gestreichelt werden."

"Katzen sind eben eigensinnige Tiere."

"O ja", pflichtete Melitta Sägebrecht dem Geistlichen bei, "das stimmt. Als unser Herr den Eigensinn verteilte, hat unser Toni sich garantiert zweimal gemeldet." Sie beugte sich aus dem Fenster. "Toni! Miez-Miez-Miez-Miez!" Sie richtete sich wieder auf und drehte sich um. "Nichts. Und so ein treuloser Kater ist kein alter Halunke? Wer dann?"

"Ach, Melitta, reg dich doch nicht künstlich auf. Lass unseren guten Toni seine alten Tage einfach genießen."

Die Pfarrhaushälterin wechselte das Thema. "Ich habe gerade Kaffee gekocht. Möchten Sie eine Tasse?"

Der Geistliche schmunzelte. "Was meinst du, was mich aus meinem Arbeitszimmer gelockt hat?"

"Der Kaffeeduft?"

"Was denn sonst?"

Während sie den Kaffee tranken, sagte Melitta: "Der Apotheker scheint heute Morgen mit dem falschen Fuß aufgestanden zu sein. Er sah drein, als wollte er mich fressen."

Orthold Luras Blick verfinsterte sich kurz. Er trank einen Schluck Kaffee. "Wannemacher ist ein ewiger Nörgler, ein notorischer Besserwisser."

"Und ausgerechnet so einer sitzt dem Kirchengemeinderat vor."

Lura zuckte die Achseln. "Er hat es verstanden, sich die meisten Stimmen zu sichern."

"Er wollte sich bei Ihnen über unseren Kaplan beschweren."

Der Priester nickte. "Das hat er auch getan."

"Was passt ihm denn schon wieder nicht an Kaplan Gmeiner?"

Orthold Lura hob die Kaffeetasse wieder an die Lippen. "Es gefällt ihm nicht, dass er während des Religionsunterrichts Witze erzählt."

"Warum sollte er das nicht tun? Die Religionsstunde ist schließlich keine Totenfeier."

"Du kennst doch Kornelius Wannemacher. Wenn ein anderer die Witze erzählen würde, hätte der Apotheker bestimmt nichts dagegen, weil es aber Kaplan Gmeiner tut, stößt er sich daran. Er mag unseren Kaplan eben nicht."

"Wen mag er schon?"

Lura lächelte. "Sich selbst." Er leerte seine Tasse.

"Ist das nicht ein bisschen wenig?"

"Das hast du gesagt", gab der Priester grinsend zurück. Er hob die leere Tasse und wackelte damit. "Kann ich noch einen Schluck von deinem köstlichen Kaffee haben?"

*

Während Oskar Sawatzki Professor Bülows Nummer wählte, dachte er an Rocco Panzer. Sollte er diesen jederzeit gewaltbereiten Mistkerl auch anrufen? Lieber nicht, sagte er sich. Der kriminelle Choleriker würde wahrscheinlich auf der Stelle ausrasten und – wenn es ganz blöd hergeht - noch mal mit seinen Gorillas hier antanzen. Verfluchtes Fieber. Ausgerechnet jetzt.

Am andern Ende meldete sich der Klassenvorstand: "Bülow."

Sawatzki nannte seinen Namen.

"Herr Sawatzki." Lars Bülow klang erfreut. Seine Unterrichtsfächer waren Turnen und Mathematik. Er war bei den Schülern sehr beliebt. Ein ebenso strenger wie gerechter Professor, für den das Lehramt kein Beruf, sondern eine Berufung war. Er wusste ganz genau, wann er die Zügel locker lassen konnte und wann er sie straffen musste. "Na? Haben Sie schon gepackt?", erkundigte er sich.

"Bitte entschuldigen Sie die Störung", sagte Oskar Sawatzki betreten.

"Unsinn. Sie stören nicht. Was haben Sie auf dem Herzen?"

"Mercedes ist krank."

"Krank?"

"Sie kann heute nicht zur Schule gehen."

"Was fehlt ihr denn?", erkundigte sich der Klassenvorstand.

"Sie hat ganz plötzlich Fieber bekommen."

"Wie hoch?"

"Achtunddreißig."

"Das ist aber dumm."

"Sehr dumm."

"Dann wird sie die Klassenfahrt am Montag nicht mitmachen können."

"Wir haben ja erst Freitag. Vielleicht schafft sie es noch." Sawatzki zählte auf, was er alles unternommen hatte, um dem Fieber beizukommen. "Wenn sie morgen fieberfrei ist..."

"Ich könnte Herrn Trebe fragen, ob er für Sie einspringt, aber er ist bei den Kindern leider ziemlich unbeliebt", sagte Lars Bülow.

Oskar Sawatzki seufzte geplagt. "Ich wünschte, ich könnte einen Blick in die Zukunft werfen."

"Ich versuche mal, Urs Trebe zu erreichen und zu bitten, sich für den Fall der Fälle bereit zu halten", sagte Professor Bülow. "Sollten Sie dann doch mitkommen können, würde er es mir bestimmt nicht übel nehmen, wenn ich seinen Einsatz abblase."

"Darf ich Sie morgen noch mal anrufen?"

"Selbstverständlich. Bestellen Sie Mercedes einen schönen Gruß von mir. Sagen Sie ihr, sie würde uns sehr fehlen."

"Das wird ihre Widerstandskraft bestimmt stärken", sagte Sawatzki und legte auf.

Als das Telefon eine Minute später klingelte, dachte Sawatzki, der Professor hätte bereits mit Urs Trebe gesprochen und würde zurückrufen.

"Das ging aber schnell", sagte er.

"Was ging schnell?", schnarrte am andern Ende Rocco Panzer.

In Sawatzkis Blut bildeten sich kleine Eisklümpchen.

*

Magnus Schmidtberger hatte seine Rolle gut gespielt, als er von der Kur heimgekommen war. Von wegen, eine Frau merkt, wenn sie betrogen wird.

Justina war nichts aufgefallen. Sie hatte ihn freudestrahlend vom Bahnhof abgeholt, war ihm trunken vor Glück um den Hals gefallen und hatte ihn immer und immer wieder geküsst, selig, ihren geliebten Mann wiederzuhaben.

"Du siehst gut aus", hatte sie gesagt.

"Wirklich? Dabei habe ich letzte Nacht nicht geschlafen."

"Warum nicht?"

"Ich habe mich so sehr auf dich gefreut." Das war die erste Lüge gewesen, und es waren ihr viele weitere gefolgt. So oft wie in den vergangenen zwei Monaten hatte Magnus seine Frau in ihrer ganzen zehnjährigen Ehe nicht belogen. Kleine Lügen. Große Lügen. Lügen. Lügen. Immer wieder Lügen.

Gewissensbisse? Doch, mit der Zeit bekam er welche. Da war eine lästige innere Stimme, die sich immer wieder meldete und ihn fragte, warum er Justina das antue, womit sie das verdient habe, wie er ihr überhaupt noch in die Augen schauen könne, wenn er fortwährend die Unwahrheit sage. Und die Stimme drängte ihn immer beharrlicher und ungeduldiger, Justina seine Untreue zu gestehen, sie um Verzeihung zu bitten und zu einem Leben ohne Lügen zurückzukehren. Doch je mehr die Stimme ihn quälte, desto starrsinniger wurde er.

In Gedanken versunken kehrte Magnus zum Traktor zurück. Justina war weg, und sofort wurde seine Sehnsucht nach Edelburga König übermächtig.

Wie es ihr wohl geht? fragte er sich. Ob sie auch so oft an mich denkt wie ich an sie?

Er wäre am liebsten nach München gefahren, aber das ging nicht. Es gab zu viel Arbeit auf dem Hof. Die machte sich nicht von selbst.

Ob sie schon ihren Mann fürs Leben gefunden hat?, überlegte er, während er auf den Traktor kletterte. Wenn nicht, dann ist sie jetzt genauso einsam wie ich. Sie hat keinen Mann, ich habe keine Frau. Sie könnte doch nach Spannthal kommen - als Sommergast. Ganz offiziell.

"Ich ruf' sie an", murmelte Magnus spontan und startete den starken Dieselmotor.

"He, Magnus!", rief plötzlich jemand und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

Er warf einen Blick über die rechte Schulter. "Ah, Amatus, grüß dich! Wie geht's immer!"

"Ganz gut", gab Amatus Grasser zurück. Der Dreißigjährige hatte vor einem Jahr den Elektroladen übernommen und mit Fleiß und Können ausgebaut. "Nimmst mich mit?"

"Steig auf."

"Hast du Justina zum Zug gebracht?", fragte Grasser, als er neben Magnus saß.

"Ja."

Amatus Grasser grinste. "Jetzt bist du Strohwitwer."

"Richtig", bestätigte Magnus und fuhr los.

Der Elektroladen befand sich am Marktplatz, gleich neben dem Polizeiposten. Sie erreichten ihn durch die Hauptstraße. Magnus fuhr an der großen alten Linde vorbei, die in der Mitte des Platzes stand, und hielt an der Ecke kurz an.

"Wenn du mal Langeweile hast", sagte Amatus Grasser, "du weißt, wo du mich findest."

"Bei der vielen Arbeit, die ich allein bewältigen muss, solange Justina weg ist, wird mir bestimmt nicht fad."

"So kommst du wenigstens nicht auf dumme Gedanken."

Magnus feixte. "Wenn einer wie du so etwas sagt, hört sich das schon recht komisch an."

Der hilfsbereite Amatus Grasser war im Dorf sehr beliebt. Vor allem bei den Mädchen im heiratsfähigen Alter. Er galt als äußerst vielversprechender Ehekandidat, und jede wollte ihn sich angeln.

Amatus sprang vom Traktor. "Danke fürs Mitnehmen."

"Schon gut", sagte Magnus und fuhr weiter.

Daheim schlich er dann ums Telefon wie die Katze um den heißen Brei. Sollte er anrufen? Sollte er nicht anrufen? Er hatte sich Edelburgas Telefonnummer aufgeschrieben.

Verschlüsselt, damit Justina nichts damit anfangen konnte, wenn sie sie zufällig entdeckte. Mit wachsender Unruhe starrte er auf die Nummer, und schließlich wählte er sie mit zitternden Fingern.

*

"Rocco... Äh..." Oskar Sawatzki drohte zu hyperventilieren. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken wie Schmutzwäsche in der Waschmaschine.

"Was ging schnell?", wiederholte Rocco Panzer seine Frage. Mit einem scharfen Das-will-ich-jetzt-wissen-Ton.

Sawatzki entschied sich für die Wahrheit, ohne Mercedes' Fieber zu erwähnen. "Ich habe soeben mit Professor Bülow gesprochen..."

"Wegen der Klassenfahrt."

"Äh. Ja."

"Das ist auch der Grund, weshalb ich dich anrufe", sagte Rocco Panzer. "Ich habe Adriano Ravelli heute in Marsch gesetzt. Er wird sich in Spannthal eine hübsche Bleibe suchen und sich bei dir melden, sobald ihr in der Jugendherberge eingetroffen seid... Alles soweit klar?"

"Glasklar."

"Noch Fragen?"

"Im Moment nicht."

"Adriano wird sich Mario Volonte nennen. Nur damit du Bescheid weißt."

"Mario Volonte. Okay."

"Dann wünsche ich euch eine angenehme Reise und einen erholsamen Aufenthalt in den Bergen", sagte Rocco Panzer. "Nachdem du mir gebracht hast, was du von Adriano bekommst, trennen sich unsere Wege und du hörst nie wieder von mir."

Das wird mich freuen, dachte Oskar Sawatzki und atmete innerlich erleichtert auf.

*

Waltraude, die siebzehnjährige Tochter des Metzgers Jonas Meixner, stürzte dem jungen Kaplan entgegen. "Es ist was Schlimmes passiert!", stieß sie aufgeregt hervor.

"Was denn?", wollte Theodard Gmeiner wissen.

"Ein Unfall - mit Fahrerflucht!", antwortete Waltraude Meixner heiser.

Gmeiner sah sie betroffen an. "Wo?"

"Gleich hier um die Ecke", sagte Waltraude. "Der Wagen fuhr viel zu schnell. Ein schwarzer Audi war's. Den Fahrer konnte ich nicht sehen, und in der Aufregung habe ich vergessen, auf das Kennzeichen zu sehen. Ich glaube nicht, dass es jemand aus unserem Dorf war."

"Wen hat's erwischt?"

"Toni..."

Der Kaplan riss erschrocken die Augen auf. "Den Rudofski? Unseren Bürgermeister?"

Das Mädchen schüttelte den Kopf. "Nein, Toni, euren Kater."

"Wo liegt er?"

Waltraude zeigte ihm die Unglücksstelle. Theodard Gmeiners Magen krampfte sich zusammen. Er verhielt einen Augenblick seinen Schritt.

"Toni", kam es dünn über seine bebenden Lippen. "Mein Gott, Toni!" Ihm war, als würde dort sein bester Freund auf der Straße liegen. Er rannte zu dem Tier, das sich nicht regte. "Toni. Toni." Er kniete sich neben den Kater, berührte das weiche, glänzende Fell. "Toni." In seiner Kehle war auf einmal ein dicker Kloss, und er spürte Tränen in seine Augen steigen. "Toni, das - darf nicht sein..."

Er suchte nach einer Verletzung, entdeckte keine. War das ein gutes Zeichen?

Plötzlich standen die Kramerin Geraldine Herberger und Ursula Veit neben ihm. "Das ist doch der Toni", sagte die fast siebzigjährige Geraldine.

"Weil sie auch nie im Haus bleiben wollen, diese Katzen", sagte Ursula Veit, deren spinnertem Sohn die einzige Drogerie im Dorf gehörte.

"Wie ist das denn passiert?", wollte Geraldine Herberger wissen.

"Unter ein Auto ist er geraten", berichtete Waltraude Meixner schluchzend.

"Ich sag's ja immer, diese Autos sind kein Segen, sondern ein Fluch für uns und unsere Tiere", wetterte die Kramerin gleich los. "Wenn ich denk', wie ruhig es früher in Spannthal war. Und sicher war man. So sicher wie in Abrahams Schoß."

Kaplan Gmeiner schob die Hände vorsichtig unter den Kater, und jetzt spürte er Blut. Und noch etwas spürte er: das Tier zuckte!

Wenn es zuckte, dann lebte es! Und wenn Toni lebte, musste er ihn zum Tierarzt bringen! Theodard Gmeiner hob den Kater so vorsichtig wie möglich hoch.

"Ich muss mit ihm zu Doktor Lobentaler", sagte er zu den Umstehenden und eilte davon.

*

Nachdem Mercedes brav geschwitzt hatte, musste sie sich umziehen. Oskar Sawatzki warf ihren völlig durchgeschwitzten Schlafanzug im Bad in den Wäschekorb aus weiß lackierten Weidezweigen.

Er konnte sich voll und ganz seiner kranken Tochter widmen, denn in der Boutique standen wie immer Helene Muhs, die zuverlässige Geschäftsführerin, und eine tüchtige Verkäuferin namens Astrid Klenke, deshalb brauchte er sich darum nicht zu kümmern.

Er erneuerte die Bein- und Wadenwickel und brachte seinem kranken Schätzchen frischen Tee. Dass er mit seinen Gedanken bei Rocco Panzers Auftrag war, merkte Mercedes nicht.

Wortfetzen und Namen flogen ihm durch den Kopf. Professor Bülow... Urs Trebe... Busfahrt... Spannthal... Adriano Ravelli... Mario Volonte... Drogenkontingent... Letzte Lieferung...

Das Fieber sank. Bis zum Abend fühlte sich Mercedes schon sehr viel wohler, und ihre Temperatur war auch nur noch geringfügig erhöht.

Sie befand sich merklich auf dem Weg der Besserung und mit dem Sinken des Fiebers stiegen die Chancen, dass Mercedes die Klassenfahrt doch noch mitmachen konnte.

Das gab ihr zusätzlich Auftrieb, und Oskar Sawatzki war froh, dass ihm eine doppelte Absage – bei Rocco Panzer und Professor Bülow - aller Wahrscheinlichkeit nach erspart bleiben würde.

Bei Lars Bülow wäre es zwar unangenehm gewesen, aber nicht besonders dramatisch, doch bei Panzer hätte die Geschichte schon weit schlimmere Konsequenzen gehabt.

Sawatzki sah sich mit seiner Tochter am Abend eine DVD an, machte aus der Couch eine bequeme Liegestatt, und schickte Mercedes gleich nach der lustigen Robert De Niro-Komödie wieder ins Bett.

"Wir wollen keinen Rückfall riskieren", sagte er. "Beim zweiten Mal wird es nämlich meistens schlimmer, sagt man."

Er hatte Mercedes' Bett frisch bezogen, und sie kuschelte sich gleich hinein. "Danke, Paps", sagte sie lächelnd.

"Morgen möchte ich auf dem Thermometer wieder eine vernünftige Temperatur sehen", sagte er mit gespielter Strenge.

"Ich werde mir Mühe geben. Du bist als Hausmann sehr tüchtig."

"Findest du?"

"Unbedingt. Ich bin sehr stolz auf dich. Lisas Papa macht immer alles falsch. Neulich hat er für die ganze Familie Gulasch gekocht, weil sich Frau Rettnick den Fuß verstaucht hatte."

"Und?"

"Na ja. Er hat sich vergriffen und an Stelle von Paprikapulver Kakaopulver erwischt."

Oskar Sawatzki lachte. "O mein Gott. Der arme Mann."

"Die arme Familie."

"Ja. Die auch." Sawatzki gab seiner Tochter einen Gute-Nacht-Kuss. "Schlaf gut, Liebes. Träum was Schönes. Und für morgen wünsche ich mir, dass du in gesunder Frische wieder mit mir am Frühstückstisch sitzt."

*

"Hallo?"

"Edelburga?"

"Wer spricht, bitte?"

"Erkennst du meine Stimme nicht? Ich bin es, Magnus."

"Magnus! Entschuldige, hier ist so ein Krach. Die graben mal wieder unsere Straße auf. Warte einen Augenblick, ich schließe nur schnell das Fenster."

Er hörte, wie sie den Hörer weglegte und das Fenster schloss. Die Hintergrundgeräusche waren plötzlich wie abgeschnitten. Edelburga kam wieder an den Apparat.

"Magnus! Wie geht es dir?" Sie schien sich ehrlich über seinen Anruf zu freuen. Das überraschte ihn und machte ihm gleichzeitig auch Mut.

Sein Herz raste, und ein dünner Schweißfilm glänzte auf seiner Stirn. All das Schöne, das er mit ihr erlebt hatte, war in seinem Kopf ganz plötzlich wieder präsent.

"Mir geht es gut - und dir?", fragte er rau.

"Mir auch."

"Ich hätte schon viel früher angerufen, wenn ich geahnt hätte, dass du dich so sehr darüber freust", sagte Magnus.

"Früher wäre wahrscheinlich zu früh gewesen. Du hast genau den richtigen Zeitpunkt erwischt."

Er schloss die Augen und sah sie vor sich. Der laue Wind spielte mit ihrem goldenen Haar. Er meinte, sie sogar riechen zu können. "Ich muss sehr oft an unsere drei Wochen denken."

"Ich auch."

"Ich denke eigentlich jeden Tag daran", vertraute Magnus ihr an.

"Ich auch", gestand sie, "obwohl ich es nicht sollte, aber ich komme einfach nicht von dieser schönen Erinnerung los. Du hast mir so viel Wärme, Liebe und Zärtlichkeit gegeben. Das kann ich einfach nicht vergessen."

"Es war eine sehr schöne Zeit, die wir miteinander verbracht haben."

"O ja, das war es."

"Ich möchte sie nicht missen", sagte Magnus.

"Ich auch nicht."

"Bist du deinem Traummann schon begegnet?"

Sie lachte. "Nein, noch nicht."

"Woran liegt es?"

"Daran, dass ich jetzt nur noch einen Mann haben will, der so ist wie du."

"Du kannst mich haben."

"Ach, Magnus, mach mir das Herz nicht schwer."

"Ich meine es ernst. Wenn du nach Spannthal kommst, kannst du mich haben."

"Und was ist mit deiner Frau?", fragte Edelburga.

"Justina ist nicht hier", sagte er.

"Wo ist sie? Hast du dich von ihr getrennt?"

"Sie macht jetzt die gleiche Kur, die ich vor zwei Monaten gemacht habe. Ich habe sie vorhin zum Bahnhof gebracht, und nun bin ich mutterseelenallein und fühle mich schrecklich einsam. Kannst du das verantworten?"

"Magnus, das ist nicht fair."

"Komm nach Spannthal, ich bitte dich."

"Hör auf damit", stöhnte sie. "Du hast mich mit deinem Anruf auf dem falschen Fuß erwischt."

"Du fürchtest, du könntest umfallen."

"Ja", gab sie zu.

"Was wäre so schlimm daran? Wir hatten drei himmlische Wochen, und die kommenden drei Wochen können noch himmlischer sein."

"In einem so kleinen Dorf wie Spannthal", sagte Edelburga. "Du bist verrückt."

"Unser Dorf freut sich über jeden Urlaubsgast", erwiderte er. "Hiermit lade ich dich ganz herzlich zu drei wunderschönen Ferienwochen im Haus Schmidtberger ein. Na, was sagst du dazu?"

"Du bist gemein, Magnus."

"Bin ich das wirklich?"

"Ja, weil du meine momentane Schwäche schamlos ausnutzt."

"Kommst du nach Spannthal?", fragte er beharrlich.

Stille am andern Ende. Sie schien sich zu keiner Entscheidung durchringen zu können.

"Kommst du, Edelburga?"

Sie seufzte tief. "Na schön, ich komme."

Als Magnus das hörte, wäre er vor Freude beinahe an die Decke gesprungen.

*

Diesmal war Adriano Ravelli nicht Drogenlieferant, sondern Auftragskiller, doch das belastete ihn nicht. Wenn die Kasse stimmte, machte er alles.

Gewissen hatte er keines. Nie gehabt. Das haben nur Weicheier und Idioten, pflegte er zu sagen. Warmduscher, Vorwärtseinparker, Olivenlutscher, Bettsockenträger, Entenmelker...

Ach, es gab so viele herrliche Bezeichnungen für diese feigen Blödmänner, fand der Italiener. Er saß lässig in seinem Lancia-Flavia-Cabrio, lenkte den schicken Wagen mit einer Hand, achtete kaum auf die Straße und genoss die prächtige Landschaft, die an ihm vorbeizog.

Man konnte ihn als Inbegriff des gut aussehenden Mannes bezeichnen. Er hatte dichtes schwarzes Haar, gut geschnittene Gesichtszüge, dunkelbraune Augen und ein Profil, das perfekter nicht sein konnte.

Dass jemand wie er bei Frauen stets gut ankam, verstand sich von selbst. Mit neununddreißig Jahren stand er im besten Saft und war alles andere als ein Kostverächter.

Eine riesige, unübersehbare, farbenfrohe Reklametafel pries Spannthal als traumhaften Urlaubsort an. Wandern. Reiten. Klettern. Paragleiten. Sommerrodelbahn. Wellness. Gute Küche. Saubere Luft...

Ein kleiner Garten Eden, der für jeden Gast etwas zu bieten hatte. Adriano Ravelli warf einen Blick auf die Navi-Anzeige.

Noch zwölf Kilometer bis ins Paradies. Das Lancia-Flavia-Cabrio schnurrte leise über eine sanfte Straßenkuppe – und plötzlich...

Ravelli erschrak. Kühe! Mitten auf der Fahrbahn! Vier oder fünf! Sie glotzten teilnahmslos in die Gegend! Standen einfach da! Bewegten sich nicht vom Fleck!

"Scheiße!", entfuhr es dem Italiener. Er bremste, riss das Lenkrad nach rechts, kam von der Fahrbahn ab, schlug mit dem Kopf irgendwo dagegen, schrammte benommen an einem Baum vorbei und rumpelte in einen steinigen Graben, aus dem er nicht mehr herauskam.

Er war nahe daran, das Bewusstsein zu verlieren, kämpfte verbissen dagegen an. Ein provokantes Muh! ließ eine Zornwelle in ihm hochschießen.

"Gottverfluchte, saublöde Rindviecher!", krächzte er, während vor seinen Augen bunte Kreise tanzten.

Die Kühe trotteten weiter. Jetzt! Verdammt! Sie verließen nacheinander das Asphaltband und verschwanden hinter einer Baumgruppe.

Ravelli betastete seinen Brummschädel. Er spürte eine Beule an der linken Schläfe. "Na, wunderbar!", knurrte er missmutig.

Der Motor war abgestorben. Ravelli startete ihn und bemühte sich, irgendwie aus dem Graben herauszukommen, doch die Antriebsräder drehten sich immerzu durch und gruben sich ständig tiefer in den Boden.

Ravelli versuchte den Lancia mithilfe von Schaukelbewegungen flottzukriegen. Vor. Zurück. Vor. Zurück... Es klappte nicht.

Daraufhin wollte er die Tür öffnen und aussteigen, doch sie klemmte und er war gezwungen, sich ächzend hochzustemmen und nicht besonders elegant über den Wagenschlag aus dem Fahrzeug zu schwingen.

Er sah sich um. Keine Spur mehr von den Kühen. Es hatte den Anschein, als wäre er völlig grundlos von der Straße abgekommen.

Weil er, was nicht erlaubt war, telefoniert hatte? Weil er eine CD in den Player schieben wollte? Weil er sich eine Zigarette anzünden wollte?

Gereizt umrundete er das Cabrio und begutachtete den Schaden. Muh!, drang es aus der Ferne an sein Ohr. Er fühlte sich provoziert.

Die Reklametafel fiel ihm ein und er murmelte gallig: "Ihr beknackten Bauernärsche könntet da einen coolen Slogan drauf klatschen: 'Willkommen im Muhland!'"

"Unfall gehabt?", sprach ihn plötzlich jemand an.

Er hoffte, dass das, was er gemurmelt hatte, nicht gehört worden war, drehte sich um und erblickte einen schätzungsweise fünfzigjährigen Polizisten, der von seinem Fahrrad gestiegen war. Shit. Ein Bulle. Du hast mir gerade noch gefehlt, dachte der Italiener verdrossen.

*

Edelburga König ließ den Hörer versonnen sinken. Ihr Blick war verklärt. Sie war mit ihren Gedanken weit weg - in der Vergangenheit, in jenem Kurort, in dem sie Magnus Schmidtberger kennengelernt hatte.

Sie arbeitete zu Hause als freie Grafikerin, saß an ihrem Zeichentisch, doch die Entwürfe, die vor ihr lagen, interessierten sie auf einmal nicht mehr.

In ihrem Kopf war nur noch Platz für Magnus. Sie hatte ernsthaft versucht, ihn zu vergessen, aber sie hatte es nicht geschafft.

Immer wieder hatte sie in den vergangenen zwei Monaten an ihn denken müssen, und mehr als einmal war sie nahe daran gewesen, ihn anzurufen - bloß um wieder einmal seine Stimme zu hören. Doch dann hatte sie sich energisch gesagt: Nein, das darfst du nicht tun. Du hast kein Recht, dich zwischen Magnus und seine Frau zu drängen und ihre Ehe kaputtzumachen.

Aber vorgestellt hatte sie es sich x-mal, wie es wohl gewesen, wäre, wenn sie ihn angerufen hätte, und sie hatte im Geist etliche Varianten durchgespielt.

Variante eins: Sie rief an, es läutete, läutete, läutete, doch niemand meldete sich. - Variante zwei: Am andern Ende meldete sich eine fremde Männerstimme, weil sie sich entweder verwählt oder Magnus' Telefonnummer falsch aufgeschrieben hatte. - Variante drei: Magnus' Frau hob ab. "Schmidtberger." Eine harte, unsympathische Stimme. Und Edelburga sagte ganz schnell: "Entschuldigung, falsch verbun-den." Und im Hintergrund fragte Magnus: "Wer ist denn dran, Justina?" Und Justina antwortete mit ihrer harten, unsympathischen Stimme: "Niemand." Und legte auf. - Variante vier: Magnus meldete sich, und Edelburga sagte nichts. - Variante fünf: Magnus meldete sich, und Edelburga redete mit ihm. - Variante sechs: Magnus freute sich über ihren Anruf. - Variante sieben: Magnus freute sich nicht über ihren Anruf. - Variante acht: Magnus tat so, als wüsste er überhaupt nicht mehr, wer sie war... Ach Gott, sie hatte sich schon so viele Varianten einfallen lassen, und immer wenn Justina Schmidtberger mitgespielt hatte, war diese dabei furchtbar schlecht weggekommen. Edelburga wusste, dass das Magnus' Ehepartnerin gegenüber unfair war. Sie kannte Justina Schmidtberger nicht mal und drängte diese dennoch immer wieder in die unsympathische Ecke - einfach deshalb, um mit den eigenen Moralvorstellungen besser klarzukommen. Denn einer unleidlichen, unsympathischen, herrischen und zän-kischen Ehefrau gegenüber, unter der Magnus Tag für Tag zu leiden hatte, brauchte sie, so sagte sie sich, kein schlechtes Gewissen zu haben.

Der Lärm der Baumaschinen, der durch das geschlossene Fenster drang, holte Edelburga in die Gegenwart zurück. Sie stand auf und schaute auf die Straße hinunter. Ratternde Presslufthämmer, knirschende Bagger, dröhnende Lastwagen, rumpelnde Walzen... Schutt, Staub, Teergestank... In Spannthal war es bestimmt schöner. Und ruhiger. Und Magnus war auch da.

Magnus...

Sie hätte nicht gedacht, dass die Affäre mit ihm einen so starken Nachhall haben würde, und sie hatte es mit einem Mal satt, immer zurückstehen zu müssen. Jedes Mal wenn sie einen Mann kennenlernte, war er verheiratet, und sie musste auf seine Ehefrau Rücksicht nehmen, weil sich das so gehörte, weil man einer anderen Frau den Mann nicht wegnahm. Aber - verflixt noch mal - wer hatte denn auf sie Rücksicht genommen, als sie verheiratet gewesen war? Es hatte ihr auch nicht gefallen, dass ihr Mann sie am laufenden Band betrog. Er hatte es dennoch mit allergrößtem Eifer getan. Es hatte sich immer wieder eine Frau gefunden, der sein Ehering völlig egal gewesen war. Er brauchte ihn nicht einmal abzunehmen und zu verstecken. Viele von ihnen hatten ja selbst einen solchen Ring getragen.

Warum sollte sie Rücksicht nehmen auf Justina Schmidtberger? Auf eine Frau, die sie gar nicht kannte. Sie sah das plötzlich nicht mehr ein.

Ich habe mir nichts vorzuwerfen, dachte Edelburga trotzig. Ich bin eine unverheiratete Frau. Wenn Magnus damit klarkommt, ist alles in Ordnung.

Ihr Koffer war schnell gepackt. Petra Fallenberg, die Freundin, die Edelburga mit ihrem Mann nach der Kur abgeholt hatte, rief an. "Hast du Lust, morgen Abend mit mir ins Theater zu gehen? Ludwig wurde von seinem Chef heute überraschend nach Berlin geschickt. Er kommt erst in drei Tagen wieder, und ich möchte die Vorstellung nicht allein besuchen, die Karten aber auch nicht verfallen lassen."

"Tut mir leid, Petra, ich bin morgen Abend nicht in München. Ich bin eigentlich jetzt schon so gut wie nicht mehr hier. Ich habe soeben meinen Koffer gepackt."

"Verreist du etwa auch?", fragte Petra Fallenberg verwundert.

"Ja."

"Alle hauen ab", sagte Petra enttäuscht. "Ich sitze wohl bald allein in München."

Edelburga lachte. "Irgendjemand muss die Stellung halten."

"Hast du auch beruflich auswärts zu tun?"

"Nein", antwortete Edelburga, "ich habe mich kurzfristig für einen Urlaub auf dem Land entschieden."

"Wie finde ich denn das? Kindchen, du kannst doch nicht schon wieder Urlaub machen", entrüstete sich Petra. "Du warst doch erst vor zwei Monaten auf Kur. Was ist denn das auf einmal für eine schäbige Arbeitsmoral? Also nein, wirklich, so eine fleißige Einstellung bin ich von dir nicht gewöhnt..." Sie unterbrach sich, als wäre bei ihr soeben der Groschen gefallen. "Moment mal. Du fährst aufs Land? Doch nicht etwa nach Spannthal."

"Genau da will ich hin."

"Du bist verrückt!", platzte es aus Petra Fallenberg heraus.

"Ja", pflichtete Edelburga der Freundin bei, "vermutlich bin ich das."

"Magnus Schmidtberger ist verheiratet."

"Das ist mir egal. Ich möchte ihn wiedersehen."

"Und was sagst du seiner Frau, wer du bist?", wollte Petra wissen. "Stellst du dich ihr als Kurschatten ihres Mannes vor?"

"Justina ist nicht da." Edelburga erzählte, dass jetzt Magnus' Frau zur Kur war.

"Also wenn du meine Meinung hören willst..."

"Ich will sie nicht hören", fiel Edelburga der Freundin ins Wort.

"Ich sag' sie trotzdem: Mir gefällt nicht, was du tust."

"Spielst du dich als Tugendwächter auf? Dann muss ich dich sofort an Claus und Hans und Alfons erinnern..."

"Das brauchst du nicht", sagte Petra. "Ich weiß, dass ich keine Heilige bin."

Edelburga lachte. "Aber von mir verlangst du es."

"Wenn Magnus Schmidtberger in München wohnen würde, würde ich kein Wort sagen. Aber das tut er nicht. Er wohnt in einem Dreitausend-Seelen-Nest, in dem jeder jeden kennt."

"Viertausend."

"Was?", fragte Petra irritiert.

"Spannthal hat viertausend Einwohner", erklärte Edelburga.

"Na, wenn schon", sagte Petra unwillig. "Mädchen, du kannst deine fünf Sinne nicht beisammen haben, wenn du da hinfährst."

"Man freut sich in Spannthal über jeden Feriengast."

Petra stieß einen hilflosen Seufzer aus. "Ich habe den Eindruck, du weißt nicht, was du da möglicherweise heraufbeschwörst."

"Ich weiß nur eines", gab Edelburga ernst zurück, "dass ich Magnus Schmidtberger wiedersehen will und werde. Alles andere interessiert mich nicht."

"Du solltest lieber hierbleiben und mit mir ins Theater gehen."

"Du bist eine große Egoistin", sagte Edelburga scherzhaft. "Du denkst immer nur an dich."

"Ich denke an dich, du dumme Kuh, weil dein Gehirn offenbar nicht mehr richtig funktioniert."

"Lebewohl, Petra. Du wirst jemand anderen finden, der mit dir ins Theater geht. Ich melde mich in drei Wochen zurück."

"Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache", sagte die Freundin ehrlich besorgt.

"Mach dir um mich keine Sorgen. Ich werde in Spannthal drei wundervolle Wochen verbringen", behauptete Edelburga und legte auf.

*

Reiß dich zusammen!, ermahnte sich Adriano Ravelli. Er hörte das Blut in seinen Ohren rauschen. Du hast einen wichtigen Auftrag zu erledigen, darfst ihn nicht gefährden. Oskar Sawatzki soll in dieser ländlichen Idylle das Zeitliche segnen. Wenn du Mist baust, lässt Rocco Panzer auch dich über die Klinge springen.

"Unfall... Ja", knirschte er. Sein Deutsch war sehr gut, fast akzentfrei. "Da waren plötzlich mehrere Kühe – mitten auf der Fahrbahn... Ich musste den Wagen verreißen..."

"Polizeihauptwachtmeister Prendergast", stellte der Dorfpolizist sich vor. "Wie schnell sind Sie denn gefahren?"

"Zum Glück nicht besonders schnell. Ich hatte es ja nicht eilig."

"Wohin wollen Sie?"

"Nach Spannthal."

"Geschäftlich?"

Ravelli schüttelte den Kopf. "Paar Tage ausspannen. Ein Freund hat mir den Tipp gegeben..."

"Haben Sie schon ein Quartier?"

"Noch nicht", gab Ravelli zur Antwort. "Ich fahre fast immer ins Blaue, weil ich mich zumeist ganz spontan zu solchen Kurzurlauben entschließe."

Wendelin Prendergast nickte. "Das ist der neue Trend. Viele Menschen planen nicht mehr lange im Voraus, sondern warten eine Schönwetterperiode ab, steigen dann in den Wagen und brausen los."

"Damit überrascht man sich ein bisschen selbst", sagte Ravelli. "Hat einen Hauch von Abenteuer."

Prendergast musterte ihn. "Italiener?"

"Ja."

"Von wo?"

"Aus Mailand."

"Schöne Stadt", sagte der Polizeihauptwachtmeister.

"Waren Sie schon mal da?"

Wendelin Prendergast nickte. "Zweimal schon. Der Dom... Die Scala... Die Pinacoteca di Brera..."

Ravelli lächelte. "Sie kennen sich aus."

"Sind Sie verletzt?", erkundigte sich der Dorfpolizist.

Ravelli berührte leicht seine Schläfe. "Abgesehen von einer kleinen Beule bin ich mit dem Schrecken davongekommen."

"Brauchen Sie einen Arzt?"

"Auf gar keinen Fall."

"Wie ist Ihr Name?"

"Mario Volonte", antwortete Adriano Ravelli wie selbstverständlich. Es heißt, jeder Mensch lügt täglich ungefähr zweihundert Mal. Adriano Ravelli log mindestens doppelt so oft.

Prendergast ging um den Lancia herum. "Ihr Wagen sitzt ganz schön fest."

"Ich habe versucht, wieder auf die Straße zu kommen. Es ist mir aber nicht gelungen."

"Na, mal sehen, ob ich Ihnen helfen kann. Steigen Sie ein. Wenn wir Glück haben, kriegen wir das Cabrio mit vereinten Kräften wieder flott."

Sie schafften es tatsächlich. Wendelin Prendergast legte sich ordentlich ins Zeug. Er stemmte sich mit ganzer Kraft gegen das Fahrzeugheck und drückte das Cabrio ächzend aus der Mulde, die die Räder gegraben hatten.

"Jetzt sollte Ihr Wagen aber in die Werkstatt", sagte der Dorfpolizist, sobald der Lancia wieder auf dem Asphalt stand. Er schmunzelte. "Wie es der Zufall so will, haben wir in Spannthal einen hervorragenden Meisterbetrieb für Fahrzeuge aller Art. Die Lederer-Brüder sind wahre Künstler. Bei denen wäre Ihr Auto in den besten Händen."

"Dann werde ich deren Dienste auf jeden Fall in Anspruch nehmen", sagte Adriano Ravelli.

"Simon Lederer hat ein Goldhändchen für Motoren und dergleichen und sein jüngerer Bruder Wolfhard ist als Spengler unübertroffen. Die beiden ergänzen sich großartig."

Ravelli bot dem Polizeihauptwachtmeister an, ihn mitzunehmen. Sie verstauten das Fahrrad auf den Rücksitzen, und der Italiener setzte die Fahrt, die so unerfreulich unterbrochen worden war, fort.

Was für eine sonderbare, beinahe schon schizophrene Konstellation, dachte Adriano Ravelli amüsiert. Ein Bulle und ein Killer im leicht ramponierten Cabrio auf dem Weg nach Spannthal.

*

Mit Toni auf den Händen stürzte Kaplan Gmeiner in das Haus des Tierarztes und bat ihn heiser, dem Tier zu helfen.

"Was ist passiert?", fragte Dr. Moritz Lobentaler, ein vierzigjähriger, großer, kräftiger Mann, der keine Arbeit scheute.

"Überfahren hat man ihn", stieß Theodard Gmeiner atemlos hervor. "Er ist verletzt. Er blutet."

"Kommen Sie." Der Tierarzt öffnete die Tür zum Behandlungszimmer. "Legen Sie Toni da auf den Tisch."

Hinter dem Kaplan tauchte Dr. Pirmin Lobentaler, Moritz' siebzigjähriger Vater, auf. Er war ebenfalls Tierarzt und mit den Methoden seines Sohnes nicht immer einverstanden.

"Was ist denn mit dem alten Toni los?", wollte er wissen.

"Unter ein Auto ist er geraten", antwortete Kaplan Gmeiner aufs höchste besorgt. Dr. Moritz Lobentaler untersuchte das Tier bereits. Toni hob benommen den Kopf.

"Ruhig, ganz ruhig", sagte Theodard Gmeiner und streichelte den Kater sanft. "Das wird schon wieder, mein kleiner Freund."

"Er hat Glück im Unglück gehabt", stellte Dr. Moritz Lobentaler nach kurzem fest. "Seine alten Knochen scheinen alle heil geblieben zu sein, und ich glaube auch nicht, dass er innere Verletzungen hat."

"Aber das Blut." Theodard Gmeiner zeigte seine blutigen Hände.

"Eine Rissquetschwunde", sagte Dr. Moritz Lobentaler. Er sah seinen Vater an. "Hilfst du mir? Ich muss die Wunde nähen."

Dr. Pirmin Lobentaler nickte. "Natürlich."

"Er - er wird doch durchkommen, ja?", fragte Kaplan Gmeiner aufgewühlt.

"Ich denke, dass ihm sein Fresschen bald wieder schmecken wird", gab Dr. Moritz Lobentaler beruhigend zurück, während er eine Spritze aufzog. Er wies auf ein weißes Waschbecken. "Sie können sich dort Ihre Hände waschen, Herr Kaplan, und dann warten Sie bitte draußen."

"Ja, danke", sagte Theodard Gmeiner.

Während er sich die Hände mit Seife wusch, beobachtete er im Spiegel, der über dem Porzellanbecken an der Wand befestigt war, was die beiden Ärzte machten. Toni, noch schwer benommen, wollte sich aufrichten. "Halt ihn fest!", verlangte Dr. Moritz Lobentaler von seinem Vater. Dann nahm er das Fell des Tieres zwischen Daumen und Zeigefinger. Es hatte den Anschein, als würde er Toni kneifen, und in diese künstliche Falte stach er die Kanüle. Der Kater schien es nicht zu spüren. Er zuckte nicht einmal zusammen.

Theodard Gmeiner trocknete sich die Hände ab. "Ich geh' dann jetzt hinaus", sagte er nervös.

Die Ärzte beachteten ihn nicht. Toni lag bereits ganz still auf dem Tisch, und Dr. Moritz Lobentaler fing an, ihn da, wo er nähen musste, zu rasieren. Der Kaplan schlich aus dem Behandlungsraum. Er schloss die Tür hinter sich und lief im Wartezimmer dann so lange unruhig auf und ab, bis die Tür, die er geschlossen hatte, sich wieder öffnete.

"Und?", stieß Theodard Gmeiner aufgeregt hervor. "Wie geht es Toni?"

"Er schläft", sagte Dr. Moritz Lobentaler.

"Ist alles in Ordnung?", fragte der Kaplan bang.

"Ja, ja, es ist alles in Ordnung."

"Haben Sie die Wunde genäht?"

Dr. Lobentaler nickte. "Mit sechs Stichen."

"Der arme Toni."

"Er hat es nicht gespürt. Mein Vater verbindet ihn gerade."

"Und dann?", fragte Theodard Gmeiner. "Kann ich ihn mitnehmen?"

"Sie können ihn auch hierlassen."

Theodard Gmeiner schüttelte den Kopf. "Nein, er soll in einer Umgebung, die ihm vertraut ist, aufwachen."

"Ich komme morgen ins Pfarrhaus und sehe nach ihm."

"Danke, Herr Doktor." Der Kaplan ging ins Behandlungszimmer. Sein Herz krampfte sich zusammen. "Er liegt da, als wäre er tot", sagte er heiser. "Die Zunge hängt ihm raus..."

"Es besteht kein Grund, sich um ihn Sorgen zu machen", behauptete Dr. Pirmin Lobentaler. "Toni ist ein zäher alter Herr."

"Was können wir für ihn tun?", wollte Theodard Gmeiner wissen.

"Legen Sie ihn in irgendeinen Raum, in dem er Ruhe hat, und lassen Sie ihn allein", antwortete der alte Veterinär.

"Allein? Ist es nicht besser, wenn jemand von uns bei ihm ist, wenn er zu sich kommt?"

"Das ist nicht nötig", erklärte der erfahrene Arzt. "Tiere lässt man in so einem Fall am besten allein."

Dr. Moritz Lobentaler lieh dem Kaplan einen Katzenkoffer, in dem er Toni besser tragen konnte. Dr. Pirmin Lobentaler legte das Tier vorsichtig hinein und schloss den Deckel.

"Danke", sagte Theodard Gmeiner und nahm den Koffer auf. "Ach so. Beinahe hätte ich vergessen zu fragen, was ich schuldig bin."

Dr. Moritz Lobentaler winkte großzügig ab. "Nichts."

"Vergelt's Gott", sagte der Kaplan dankbar und verließ mit Toni das Haus.

Melitta Sägebrecht schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie erfuhr, was dem armen Tier zugestoßen war. "Weil er immer in ganz Spannthal herumrennen muss!", sagte sie aufgeregt und putzte sich geräuschvoll die Nase. "Das Pfarrhaus und der Garten genügen ihm nicht, nein, er muss sich beim Sägewerk herumtreiben, im Industrieviertel, auf dem Sportplatz... Überall kann man ihm begegnen, nur nicht zu Hause, oder nur ganz selten. Der Herr Pfarrer wird aus allen Wolken fallen, wenn er hört, was passiert ist."

"Wo ist er denn?", fragte Theodard Gmeiner.

"Drüben in der Kirche, mit dem Mesner", antwortete die Pfarrhaushälterin. "Man muss es ihm so schonend wie möglich beibringen. Er hängt doch so sehr an Toni."

"Ich gehe nachher zu ihm rüber." Der Kaplan gab wieder, was Dr. Pirmin Lobentaler ihm empfohlen hatte, und fragte dann: "Wo können wir Toni denn jetzt unterbringen?"

"Ich finde schon ein Plätzchen für ihn, wo er ungestört ist", sagte die Haushälterin und nahm ihm den Koffer ab. "Gehen Sie zu unserem Hochwürden rüber und sagen Sie ihm, was passiert ist. Aber..."

Theodard Gmeiner hob die Hand. "Keine Sorge, ich bring's ihm ganz behutsam bei, aber soll ich Ihnen nicht noch schnell mit dem Kater helfen?"

Melitta Sägebrecht schüttelte den Kopf. "Nicht nötig."

"Er ist ein schwerer Brocken."

Die Pfarrhaushälterin lächelte. "Ich werde mir schon keinen Bruch heben, wenn ich ihn aus dem Katzenkoffer hole." Sie öffnete den Deckel und schaute hinein. "Mein armer, armer Toni. Hoffentlich wirst du von nun an klüger sein und in der Nähe bleiben."

Der Kaplan verließ das Pfarrhaus. Die Spannthaler Barockkirche war zurzeit leer. Theodard Gmeiners Schritte hallten durch das stille Gotteshaus. Er ging an den Seitenaltären mit der Jungfrau Maria, dem Schutzheiligen St. Martin sowie der Heiligen Genoveva vorbei und traf Orthold Lura und Ludwig Kreuzer, den fünfzigjährigen Mesner, in der Sakristei.

"Wird alles so erledigt, wie Sie es haben wollen, Hochwürden", sagte Kreuzer soeben.

"Fein", nickte der Geistliche.

"War das alles?", erkundigte sich Ludwig Kreuzer. Er war seit dreißig Jahren mit ganzem Herzen Mesner, hatte bei einem Unfall sein linkes Bein verloren und musste seither mit einer Prothese zurechtkommen.

"Ja, sonst liegt im Moment nichts an", gab der Priester zurück.

"Dann gehe ich jetzt zum Friseur und lasse mir die Haare schneiden. Ich kann mich schon nicht mehr ansehen. Die Bramberg-Wally hat mich gestern schon scheinheilig gefragt, ob ich auf ein Schwänzchen spare, wie es bei den Männern jetzt modern ist. Grüß Gott."

Nachdem der Mesner gegangen war, sagte Orthold Lura zu seinem jungen Stellvertreter: "Der Apotheker war bei mir..."

Theodard Gmeiner nickte grimmig. "Um sich über mich zu beschweren, weil ich in der Schule Witze erzähle."

Lura hob überrascht die Augenbrauen. "Sie wissen es be-reits?"

"Spannthal ist ein Dorf, Herr Pfarrer."

"Hat Melitta es Ihnen erzählt?", fragte der Geistliche.

"Nein, einer meiner Schüler hat mir von Wannemachers Absicht berichtet." Der Kaplan atmete schwer aus. "Kann ich dem Apotheker überhaupt jemals etwas recht machen?"

"Keine Sorge, ich habe ihn abblitzen lassen."

"Danke, Hochwürden."

Lura, dessen aufmerksamem Blick so gut wie nichts ent-ging, sah den Kaplan prüfend an. "Sie sehen aus, als würde irgendetwas Sie bedrücken."

Theodard Gmeiner sagte nichts. Er suchte krampfhaft nach den richtigen Worten.

"Sind Sie deshalb in die Kirche gekommen?", fragte Pfarrer Lura.

Der Kaplan nickte mit gesenktem Blick.

"Was haben Sie auf dem Herzen?", erkundigte sich Orthold Lura. "Heraus damit. Sie wissen, Sie können mit mir über al-les reden."

"Es - geht - um - Toni", sagte Theodard Gmeiner zaghaft.

Der Geistliche horchte sofort auf. "Ist etwas mit ihm? Geht es ihm nicht gut?"

"Es - es geht ihm schon wieder besser", beeilte sich Gmeiner zu sagen.

"Was heißt, es geht ihm schon wieder besser? Ist es ihm schlecht gegangen?"

Der Kaplan nickte ernst. "Ja."

"Wieso?", fragte Orthold Lura beunruhigt. "Hat er Rattengift gefressen, oder so was?"

"Nein, Rattengift hat er keines gefressen..." Theodard Gmeiner räusperte sich. "Doktor Lobentaler meint..."

Orthold Luras Augen wurden groß. "Sie waren mit Toni beim Tierarzt?"

"Unser kleiner Freund wird bald wieder auf den Beinen sein."

"Ist er das jetzt nicht?" fragte der Priester mit sorgenvoller Miene.

"Er schläft sich im Augenblick gerade gesund."

"Von welcher Krankheit?", wollte Lura wissen. "Was hat Doktor Lobentaler bei ihm festgestellt?"

"Es besteht wirklich kein Grund mehr, sich aufzuregen und sich Sorgen um Toni zu machen, Herr Pfarrer", sagte der junge Kaplan beschwichtigend. "Es ist soweit alles in Ordnung."

"Heiliger Strohsack, warum reden Sie nicht endlich so, dass ich Sie verstehe?", stieß Pfarrer Lura nervös hervor. "Wo ist Toni?"

"Im Pfarrhaus", antwortete der Kaplan.

"Gehen wir. Ich will ihn sehen."

Theodard Gmeiner hob die Hand. "Aber Sie dürfen nicht erschrecken."

Argwohn erschien in Orthold Luras Blick. "Warum sollte ich das?"

"Weil Toni einen Verband trägt", rückte Gmeiner vorsichtig heraus.

Lura schluckte erregt. "Und was ist unter dem Verband?"

"Eine Wunde. Doktor Lobentaler musste sie nähen."

"Woher hat Toni diese Wunde?", fragte der Pfarrer heiser.

"Von einem Auto", kam es dumpf über Gmeiners Lippen.

Der Geistliche zuckte wie elektrisiert zusammen. "Heiliger... Wurde Toni überfahren?"

"Nur ein bisschen."

Orthold Lura verdrehte die Augen und stöhnte. "Ich mach' was mit Ihnen."

Kaplan Gmeiner hob verlegen die Schultern. "Ich wollte es Ihnen so schonend wie möglich... Damit Sie sich nicht aufregen..."

"Das müssen Sie noch üben. Das können Sie noch nicht", sagte Orthold Lura und rannte blass aus der Sakristei. "Wo ist Toni?", fragte er wenig später aufgeregt die Pfarrhaushälterin.

Melitta Sägebrecht schaute an ihm vorbei. Sie warf dem Kaplan hinter dem Pfarrer einen vorwurfsvollen Blick zu. "Sie sollten es ihm doch so schonend wie möglich beibringen."

Gmeiner zuckte unbeholfen die Achseln. "Ich hab's versucht."

"Sagst du mir nun, wo Toni ist, oder muss ich ihn im ganzen Pfarrhaus suchen?", stieß Lura ungeduldig hervor.

"Er schläft", sagte Melitta Sägebrecht. "Er wurde operiert. Doktor Lobentaler hat gesagt, man soll ihn jetzt allein und in Ruhe lassen."

"Ich werde leise sein und ihn nicht wecken, aber ich möchte ihn sehen - sofort!", forderte Orthold Lura energisch. "Oder habe ich in diesem Haus auf einmal nichts mehr zu sagen?"

Wortlos - weil gekränkt - führte die Wirtschafterin den Pfarrer in den Raum, in dem sie Toni untergebracht hatte. Sie hatte das Zimmer verdunkelt.

Der schwarze Kater war im ersten Moment nicht zu sehen. Erst als Pfarrer Luras Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte er das Tier, das in der Ecke zusammengerollt auf einer alten Matratze lag.

"Toni", flüsterte der Priester mitleidsvoll. "Toni." Er näherte sich dem Kater auf Zehenspitzen. "Mein armer kleiner Freund."

Er beugte sich über ihn, betrachtete ihn eine Weile stumm, berührte ihn jedoch nicht. Drei Minuten später zog er sich zurück. Melitta Sägebrecht schmollte noch.

Orthold Lura schloss die Tür. "Heiliger Strohsack, Melitta! Sei doch nicht immer gleich eingeschnappt!"

"Sie haben mich angeschnauzt", beschwerte sich die Pfarrhaushälterin mit zusammengezogenen Augenbrauen.

"Aber nein", versuchte Orthold Lura sie versöhnlich zu stimmen.

"Doch, das haben Sie. Kaplan Gmeiner war dabei. Er hat es gehört."

"Ich war nervös, war in Sorge um Toni", bemühte sich der Priester um das Verständnis seiner Wirtschafterin. "Da bin ich ein bisschen laut geworden. Es tut mir leid, Melitta. Entschuldige, ich hätte nicht so aufbrausen dürfen. Kannst du mir noch einmal vergeben? Ich gelobe, mich zu bessern. Nun komm schon, sei wieder gut. Sieh mich nicht so finster an. Ich hab's nicht so gemeint."

In Melitta Sägebrecht' dunkle Augen kehrte allmählich die Wärme zurück, und der Geistliche atmete erleichtert auf. Er mochte keinen Zwist mit seiner Haushälterin, lebte mit ihr unter diesem Dach lieber in Frieden und Eintracht. Lura holte seinen selbst angesetzten Beerenwein und füllte drei Gläser, um mit Melitta Sägebrecht und Theodard Gmeiner auf seine Versöhnung mit der Wirtschafterin anzustoßen.

*

Ohne zu ahnen, neben wem er saß, sprach der Polizeihauptwachtmeister während der Fahrt über die Autoreparaturwerkstatt Lederer.

Er lobte die tüchtigen Brüder über den grünen Klee und kam dann auf deren Schwester Flora zu sprechen, die die Büroarbeit erledigte.

"Vor der sollten Sie sich in Acht nehmen", warnte er den Italiener.

"Warum denn das?"

"Flora Lederer ist ein sehr lebenslustiges junges Ding und flirtet für ihr Leben gern. Es hat ihretwegen in Spannthal schon so manche wilde Rauferei gegeben, denn es gefällt ihr ungemein, den Männern den Kopf zu verdrehen. Das macht ihr riesigen Spaß und wenn die Burschen sich dann um sie prügeln, fühlt sie sich immens geschmeichelt. Simon und Wolfhard haben bisweilen ihre liebe Not mit ihr."

"Wie alt ist sie denn?"

"Neunzehn. Ein Wildfang. Einfach nicht zu bändigen. Ganz besonders fliegt sie auf Männer, die so gut aussehen wie Sie. Auf südländische Typen."

"Das heißt?"

Wendelin Prendergast lächelte. "Dass Sie gefährdet sind", antwortete er.

"Ist sie hübsch?"

"Wie ein Engel sieht sie aus. Aber sie hat es faustdick hinter den Ohren."

"Vielen Dank für die Warnung", sagte der Italiener und spielte bereits mit dem Gedanken, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden.

Wenn sie so wahnsinnig gerne vögelt, bin ich mit Vergnügen bereit, es ihr zu besorgen, dachte er, behielt das aber für sich.

"Flora hat schon viele Männerherzen gebrochen", sagte der Dorfpolizist.

Meines kann sie nicht brechen, dachte Ravelli. Weil ich nämlich keines habe.

*

Magnus Schmidtberger hatte keine Lust, sich irgendetwas aufzuwärmen und allein zu essen. Er ging lieber ins Gasthaus "Zum Hirsch" und verdrückte da einen leckeren Zwiebelrostbraten mit Reis. Das Bier, das er dazu trank, schmeckte ihm so gut, dass er nach dem Essen noch eins verlangte.

Mathilde Meixner, die resolute Wirtin, eine Frau von kräftiger Gestalt Mitte fünfzig, stellte das zweite Glas auf den Tisch und servierte ab.

"Hat's geschmeckt?", erkundigte sie sich.

"Ganz hervorragend", nickte Magnus und lächelte zufrieden.

"Wann fährt Justina zur Kur?", fragte die Wirtin.

"Ich habe sie heute zum Zug gebracht."

"Ach, deshalb gibst du uns die Ehre. Dann werden wir uns in den kommenden drei Wochen hoffentlich öfter sehen."

"Kann ich nicht versprechen", erwiderte Magnus. "Justina hat einiges vorgekocht und eingefroren. Wenn sie heimkommt, und ich hab' nichts davon angerührt, gibt es Krach."

Mathilde Meixner schmunzelte. "Du siehst nicht aus wie einer, der sich vor seiner Frau fürchtet."

Magnus grinste. "Aber wie einer, der daheim gern seine Ruhe hat."

"Hast du's schon gehört?", fragte Mathilde Meixner. "Der Kater vom Herrn Pfarrer wurde überfahren."

"Von wem?"

"Kennst du jemanden, der einen schwarzen Audi fährt?"

Magnus dachte kurz nach, dann schüttelte er den Kopf. "Nein."

"Unsere Waltraude hat gesehen, wie es passiert ist."

"Welches Kennzeichen hatte der Audi?", wollte Magnus wissen.

"Darauf hat Waltraude dummerweise nicht geachtet."

"Hat der Fahrer nicht angehalten? Ist er nicht ausgestiegen? Hat er nicht nach dem Tier gesehen?"

"Weitergefahren ist er, der Mistkerl, der schäbige", entrüstete sich Mathilde Meixner.

"Manche Menschen haben einfach kein Gewissen", brummte Magnus kopfschüttelnd. "Was ist mit Toni?", fragte er. "Ist er tot?"

"Zum Glück nicht. Kaplan Gmeiner hat ihn zu Doktor Lobentaler gebracht, und der hat den Kater wieder zusammengeflickt. Toni wird's überleben." Die Wirtin trug den Teller in die Küche.

Magnus zündete sich eine Zigarette an, trank sein Bier und dachte an Edelburga König, die jetzt bestimmt schon nach Spannthal unterwegs war.

Er freute sich wahnsinnig auf sie. Wie man sieht, kann ein Mann auch zwei Frauen gleichzeitig lieben, sagte er sich. Jede auf eine andere Art.

Als er eine halbe Stunde später das Gasthaus verließ, stieß er mit Kaspar Mitterbacher zusammen. Mitterbacher, der mit gesenktem Kopf geistesabwesend unterwegs war, rannte ihn fast um.

"He! Du!", lachte Magnus. "Wo bist du denn mit deinen Gedanken?"

Mitterbacher schaute auf. "Magnus. Entschuldige."

Die beiden Männer waren gleich alt. Sie waren zusammen aufgewachsen und miteinander zur Schule gegangen. Bis vor zwei Jahren hatte Kaspar Mitterbacher als Forstarbeiter sein Geld verdient. Ein umstürzender Baum hätte ihn beinahe erschlagen. Heute hatte er Stahlschrauben in der Wirbelsäule, war zu fünfundachtzig Prozent arbeitsunfähig und musste mit Cora, seiner Frau, von einer dürftigen Rente leben.

"Wie geht's?", erkundigte sich Magnus.

Mitterbacher zuckte niedergeschlagen die Achseln. "Es muss gehen."

"Hast du immer noch diese schlimmen Schmerzen, wenn das Wetter umschlägt?"

"Das wird wohl so bleiben."

"Justina ist heute zur Kur gefahren", sagte Magnus.

Kaspar Mitterbacher nickte. "Hab' ich gehört."

"Und was macht Cora?", fragte Magnus. "Ist sie endlich diese ständigen Kopfschmerzen, die mit starken Gleichgewichtsstörungen einhergehen, los?"

"Leider nein."

Magnus räusperte sich. "Ich bin der Letzte, der eine schlechte Meinung von Doktor Plauensteiner hat. Ich schätze unseren Doktor sehr. Er ist ein guter Arzt, ein hervorragender Diagnostiker. Aber er ist Allgemeinmediziner und kein Spezialist. Cora sollte sich mal im Lammbacher Krankenhaus gründlich untersuchen lassen."

"Da war sie bereits. Sie ist gestern von Lammbach nach Hause gekommen."

"Und?", fragte Magnus ehrlich interessiert. Er konnte Cora Mitterbacher sehr gut leiden. "Konnte man feststellen, woher Coras Beschwerden kommen?"

"Ich kenne mich mit den vielen medizinischen Fachausdrücken nicht aus", antwortete Kaspar. "Herausgefunden haben sie etwas, und nun sollte Cora operiert werden. Aber es handelt sich hierbei angeblich um eine ziemlich umstrittene Operationsmethode, die in Deutschland noch nie vorgenommen wurde, und deshalb weigert sich die Krankenkasse, die Kosten zu übernehmen."

"In welchem Land werden solche Operationen denn gemacht?" erkundigte sich Magnus.

"In England", antwortete Kaspar. "Aber das ist sehr teuer."

"Wie viel würde der Eingriff kosten."

"Zwischen hundertfünfzigtausend und zweihunderttausend Euro."

"Gütiger Himmel."

"Ich müsste diese Summe selbst aufbringen, doch das kann ich nicht."

"Sind das nicht Schweine, die da oben?", entrüstete sich Magnus Schmidtberger. "Für andere, unnötige Sachen schmeißen sie das Geld mit vollen Händen raus, aber wenn ein Mensch mal wirklich Hilfe braucht, lassen sie ihn im Stich."

"Solange Cora diese starken Tabletten nimmt, hat sie keine Schmerzen", erklärte Mitterbacher.

"Sie kann doch nicht für den Rest ihres Lebens diese pharmazeutischen Granaten schlucken. Damit bringt sie sich doch um. Dieses ganze mistige Medikamentenzeug hat doch stets irgendwelche gefährlichen Nebenwirkungen."

"Tut sie's nicht", sagte Kaspar Mitterbacher deprimiert, "hält sie es vor Schmerzen manchmal fast nicht aus."

Magnus schüttelte anteilnehmend den Kopf. "Ihr habt was beisammen. Warum lässt unser Herrgott manche Menschen bloß so leiden? Ich sehe keinen Sinn darin."

"Ich auch nicht." Kaspar seufzte schwer. "Vielleicht bin ich nicht gescheit genug, um das zu verstehen. Ich weiß nur eines: Ich muss Cora irgendwie helfen. Tatenlos zusehen, wie sie langsam zugrundegeht, kann ich nicht."

Später, zu Hause, dachte Magnus lange über die üble Situation seines Schulfreundes nach. Kaspar Mitterbacher war ein Prügelknabe des Schicksals.

Wie gut geht es im Vergleich dazu Justina und mir, überlegte Magnus ernst. Und wie danke ich dem Himmel dafür? Indem ich fremdgehe und meine Frau immer wieder betrüge. Wenn es dem Esel gutgeht, geht er aufs Eis tanzen.

*

Polizeihauptwachtmeister Prendergast zeigte dem Italiener den Weg zur Werkstatt. Die Lederer-Brüder stellten den Lancia auf die Bühne, hoben ihn hoch, sahen ihn sich gründlich an und versicherten ihm, das zum Glück nur leicht lädierte Cabrio in längstens vier Arbeitstagen (Sonntag war die Werkstatt geschlossen) wieder hergestellt zu haben.

Dann würde sich auch die Fahrertür wieder ganz leicht öffnen lassen und die hässlichen Kratzer im Lack würden nicht mehr zu sehen sein.

Adriano Ravelli sagte, er wäre gerne weiterhin mobil. Ob sie ihm mit einem Ersatzfahrzeug aushelfen könnten. Kein Problem.

Sie stellten ihm einen Geländewagen zur Verfügung. Einen grünen Jeep Compass, der erst 1200 Kilometer drauf hatte, also noch fast neu war.

Flora Lederer bekam der Italiener nicht zu Gesicht. Sie war gerade nicht im Betrieb. Schade. Er hätte sie gerne kennen gelernt und sich ein eigenes Bild von ihr gemacht. Wenn sie tatsächlich so heiß und mannstoll war, wie der Bulle gesagt hatte, wollte Adriano Ravelli sie mit Freude mal auf seinem Horn reiten lassen.

Die Gelegenheit wird sich bestimmt bald ergeben, sagte sich der Italiener zuversichtlich und lud seine große Reisetasche um. In einem Kaff wie Spannthal läuft man einander garantiert mehrmals am Tag über den Weg.

Wendelin Prendergast war ihm auch noch bei der Quartiersuche behilflich. Ein kleines Ferienhäuschen etwas außerhalb des Ortes war genau das Richtige für Ravelli.

Er zog hoch zufrieden ein und bedankte sich herzlich beim Polizeihauptwachtmeister für die selbstlose Unterstützung. Prendergast schmunzelte. "Die Polizei – dein Freund und Helfer."

"Ich hoffe, ich kann mich demnächst revanchieren."

Wendelin Prendergast winkte großzügig ab. "Ist nicht so wichtig. Hauptsache Sie fühlen sich wohl bei uns in Spannthal, Herr..." Er dachte kurz nach. Dann sagte er: "Herr Volonte."

Adriano Ravelli nickte bestimmt. "Das tue ich bereits."

Nachdem der Bulle gegangen war, duschte der Italiener und zog sich um. Das Ferienhaus war gediegen eingerichtet. Viel Holz. Alles Handarbeit. Flat-TV. Gemütliches Wohnzimmer. Zwei Schlafräume. Komplett ausgestattete Küche mit E-Herd, Kühlschrank, Mikrowelle, Kaffeemaschine...

Ravelli war früher nach Spannthal gekommen, um sich hier ein wenig umzusehen, bevor Oskar Sawatzki eintraf. So konnte er rechtzeitig den Ort ausfindig machen, den er für einen Mord am geeignetsten hielt.

Es klopfte, und Adriano Ravellis Körper straffte sich reflexhaft.

*

Kaspar und Cora Mitterbacher wohnten in einem kleinen, alten Haus, dass sie gepachtet hatten. Für ein eigenes Heim hatte ihr Geld nie gereicht.

Kaspar war ständig mit kleinen Ausbesserungsarbeiten beschäftigt. Hier bröckelte der Verputz ab, dort musste die Dachrinne geflickt werden, da klapperte eine Fliese.

Dem Gebäude hätte eine Generalsanierung gutgetan, doch die konnte Mitterbacher sich leider nicht leisten. Abgesehen davon, dass man in ein Haus, das einem nicht gehört, nicht zu viel Geld hineinstecken darf.

Cora saß in einem abgewetzten Sessel, als Kaspar Mitterbacher nach Hause kam. Sie war so alt wie Justina Schmidtberger, neununddreißig, aber sie sah älter aus.

Die Krankheit hatte sie gezeichnet, und die Medikamente hatten sie aufgeschwemmt. Vor ihr standen ein Pillenfläschchen und ein halb leeres Wasserglas.

Kaspar stand in der Tür und sah sie wehmütig an. Tränen glänzten in seinen Augen. Gott, wie sehr liebte er diese Frau. Sie so leiden zu sehen, ging fast über seine Kräfte. Es brach ihm das Herz, wenn er Cora anschaute. Wenn er ihr doch nur hätte helfen können. Er hätte alles für sie getan. Sogar gestohlen - oder sein Leben für sie gegeben.

Er ging zu ihr, beugte sich zu ihr hinunter, strich ihr liebevoll eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht und küsste sie auf die Wange.

Sie nahm es kaum wahr. Wenn sie mit diesen starken Medikamenten vollgepumpt war, ging das Leben mehr oder weniger unbeachtet an ihr vorbei. Man konnte fast meinen, sie würde mit offenen Augen schlafen.

"Ich bin wieder zurück", sagte Kaspar Mitterbacher sanft.

Unendlich langsam hob Cora den Kopf und sah ihn an.

"Wie geht es dir?", erkundigte er sich.

Sie antwortete nicht.

"Hast du Schmerzen?"

Sie schüttelte den Kopf. "Nein..."

Er griff nach ihrer kalten, kraftlosen Hand. "Möchtest du irgendetwas?"

"Nein...", dehnte sie.

"Ich brate uns schnell eine Wurst ab, hm?"

"Ich habe keinen Hunger..." Alles, was sie sagte, zog sich, als wäre sie sehr schläfrig.

"Möchtest du was trinken?"

Sie schüttelte wieder den Kopf, langsam, wie in Zeitlupe. "Nein..."

"Ich bin Magnus begegnet", erzählte er. "Justina ist heute zur Kur gefahren."

"Ich bin müde..."

"Möchtest du dich hinlegen?", fragte Kaspar.

"Ja..."

"Hier im Wohnzimmer, oder lieber im Schlafzimmer?"

"Schlafzimmer...", antwortete Cora schleppend.

"Komm." Er half ihr, aufzustehen. Sie hängte sich schwer an ihn, ihr Schritt war heute wieder mal besonders unsicher. Es war nicht ganz einfach für ihn, sie ins Bett zu bringen, denn er durfte seinen Rücken nicht überlasten.

Dieser verfluchte Baum. Nie würde Mitterbacher vergessen, wie das damals gewesen war. Sie hatten alles richtiggemacht, und dennoch war der Baum nicht so gefallen, wie er nach ihrer Berechnung hätte fallen müssen.

Zwanzig Jahre hatte Kaspar Mitterbacher im Wald gearbeitet. Nie hatte er sich auch nur die kleinste Verletzung durch Leichtsinn, Unachtsamkeit oder mangelhaftes Wissen zugezogen - und plötzlich war der Baum auf ihn gestürzt.

"Vorsicht! Der Baum!", hatten seine Kollegen gebrüllt und hatten sich mit weiten Sätzen nach links oder rechts in Sicherheit gebracht.

Er wollte auch springen, aber er war nicht schnell genug gewesen, hatte zu langsam reagiert, weil er nicht begreifen konnte, dass der Baum in die falsche Richtung stürzte. Er konnte es sich noch immer nicht erklären.

Knirschend brachen die Äste, krachend splitterte das Holz. Kaspar Mitterbacher starrte fassungslos nach oben, sah den Baum auf sich zukommen und schrie: "Das gibt's doch nicht!" Dann erst handelte er. Zu spät. Er hatte nur noch Zeit, sich nach links zu drehen und zum Sprung zu ducken. Vom Boden konnte er sich nicht mehr abstoßen, denn da war der Baum bereits über ihm.

Ein gewaltiger Schlag streckte ihn nieder... Lärm, als würde die Welt untergehen... Staub... Schmerzen... Schwärze... Vergessen...

Als er zu sich kam, lag er auf der Intensivstation des Lammbacher Krankenhauses. Niemand durfte zu ihm, nicht einmal Cora.

Er erfuhr, dass der Baum ihm das Rückgrat zertrümmert hatte. Dass er das überlebt habe und nicht einmal querschnittgelähmt sei, grenze an ein Wunder, erklärten die Ärzte.

Man hatte ihn operiert, doch es war nicht bei dieser einen Operation geblieben. Man legte ihn insgesamt viermal auf den Operationstisch, stützte die Wirbel mit Metall und entlastete so Knochenmark und Nervenstrang.

Als er die Klinik verließ, ging er mit Krücken. Heute brauchte er sie nicht mehr. Sie lagen auf dem Schlafzimmerschrank und waren schon beinahe in Vergessenheit geraten.

Mitterbacher deckte seine Frau zu und streichelte sanft ihre Wange. "Schlaf, mein Schatz", flüsterte er. "Ruh dich aus und mach dir keine Sorgen. Es wird alles gut. Jedes Problem lässt sich lösen. Auch unseres. Und ich weiß auch schon, wie."

Cora fielen die Augen zu. Sie hörte nicht mehr, was ihr Mann sagte. Er schlich auf Zehenspitzen aus dem Schlafzimmer und schloss ganz leise die Tür.

Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. Ihm war endlich eine Idee gekommen, wie er das Geld für die Operation auftreiben konnte.

*

Der Killer aus Italien runzelte die Stirn. Wer hatte soeben geklopft? Sieh nach, dann weißt du es, sagte er sich und ging zur Haustür.

Als er sie öffnete, war er wie vom Donner gerührt. Der Polizeihauptwachtmeister hatte nicht übertrieben. Flora Lederer sah wirklich umwerfend aus.

Alles an ihr war perfekt. Ihr langes blondes Haar glänzte wie kostbare Seide. Ihre prallen Brüste quollen ihm aufdringlich aus dem tiefen Blusenausschnitt entgegen, die Jeans saßen verflucht stramm um ihren formvollendeten Po und sie schenkte ihm ein frisches, fröhliches, offenes und sehr interessiertes Lächeln.

"Herr Volonte?" Ihre Stimme klang unglaublich erotisch.

"Ja."

"Ich bin die Lederer-Flora."

"Sehr erfreut."

"Meine Brüder haben vergessen, Ihnen die Papiere für den Jeep zu geben." Sie hielt eine beige Ledermappe hoch.

"Möchten Sie hereinkommen?"

"Ich will nicht stören."

"Wobei denn? Ich kann Ihnen nur noch nichts anbieten, weil ich den Kühlschrank erst füllen muss." Er gab die Tür frei. Sie trat ein. Er roch ihr Parfüm und in seinen Lenden setzte ein heftiges Prickeln ein. Er schloss die Tür und dachte: Hey, Bambina, wie wär's mit einer Runde schmutzigem Sex? Du bist heiß. Ich bin heiß. Wir sind beide erwachsen. Wir könnten doch...

"Wie lange werden Sie in Spannthal bleiben?", fiel ihm Flora in seine schlüpfrigen Gedanken.

Er griente. "Auf jeden Fall so lange, bis mein Wagen fertig ist."

Sie warf sich mit gekonnter Raffinesse in Pose. "Vielleicht sollte ich meine Brüder bitten, nicht zu schnell zu arbeiten." Ihr Becken wanderte langsam nach vorn. Alles, was sie tat, zielte auf eine Wirkung ab, die im erotischen Bereich angesiedelt war. "Gefällt Ihnen Spannthal?"

"Ich habe noch nicht viel davon gesehen." Sein Blick wanderte an ihr auf und ab. Er zog sie ungeniert mit den Augen aus, doch das störte sie nicht. Sie schien gern auf diese Weise – und mit Sicherheit auch auf jede andere Art - nackt zu sein. "Aber", sagte er verdorben grinsend, "einiges gefällt mir schon recht gut."

"Wenn Sie möchten, zeige ich Ihnen ein bisschen was."

Er feixte. "Wovon?"

"Von Spannthal."

"Ach so. Ich dachte..."

Sie rügte ihn mit erhobenem Zeigefinger. "Sie sind schlimm, Herr Volonte."

"Stört Sie das?"

"Ich weiß nicht." Ihr Blick war auf seinen Hosenstall gerichtet.

Okay, du geiles Luder, dachte er. Ich wäre bereit. Ich bin eigentlich immer bereit. Aber wir wollen nichts überstürzen. "Ich nehme Ihr freundliches Angebot gerne an", sagte er und malte sich aus, was er mit ihr schon bald alles anstellen würde – zu ihrem und zu seinem Vergnügen.

*

Magnus Schmidtberger war im Weingarten gewesen, um die Stare zu vertreiben. Er hatte sich die Reben angesehen und war damit zufrieden, wie sie gediehen.

In diesem Jahr würde es mehr Wein geben als in den vergangenen vier Jahren, wenn die Rebstöcke diesmal vom Hagel verschont blieben, und es würde ein guter Tropfen werden.

Der Bauer sah auf seine Armbanduhr. Wenn Edelburga, sein "Urlaubsgast", in keinen Stau geraten war, musste sie in Kürze in Spannthal eintreffen.

Er zog die Gummistiefel aus, ging ins Bad, duschte, zog sich um, und als er draußen einen Wagen vorfahren hörte, war er sicher, dass seine Edelburga angekommen war.

Sein Herz schlug bis zum Hals hinauf. Er eilte zum Fenster. Draußen stand ein weißer Renault Clio, eine blonde, attraktive Frau stieg soeben aus und blickte sich um.

Edelburga!

Magnus hätte beinahe einen Freudenschrei ausgestoßen. Er war ganz schrecklich aufgeregt. Edelburga war gekommen. Eine himmlische Zeit lag vor ihnen.

Er stürmte aus dem Haus. Am liebsten hätte er Edelburga in seine Arme gerissen und wie verrückt geküsst, aber das durfte er nicht. Er musste sich zurückhalten.

In so einem kleinen Dorf stand man unter ständiger Beobachtung. Nur im Haus würden er und Edelburga vor neugierigen Blicken sicher sein, deshalb gab sich Magnus Schmidtberger hier draußen zwar sehr freundlich, aber reserviert.

"Edelburga", sagte er überwältigt. "Du bist da. Es - es ist wie ein wunderbarer Traum. Hoffentlich wache ich nicht auf und stelle fest, dass ich allein bin."

"Guten Tag, Magnus", sagte Edelburga verlegen.

Er streckte ihr die Hand entgegen. "Willkommen in Spannthal."

Sie ergriff die Hand. "Ich hätte nicht herkommen dürfen."

"Ich bin unbeschreiblich glücklich, dass du da bist."

"Es ist nicht recht, was wir tun, Magnus."

"Denk jetzt nicht an Recht und Unrecht", erwiderte er. "Du bist hier, nur das ist wichtig."

Sie öffnete den Kofferraum ihres Wagens. "Ich hätte mich von dir nicht überreden lassen dürfen."

"Gefällt dir unser kleiner Ort nicht?" Er hob ihren Koffer heraus.

"Das hat nichts mit Spannthal zu tun."

"Ich habe dich vermisst, Edelburga."

"Ich dich auch", gab sie mit belegter Stimme zu. "Ich hätte nicht gedacht, dass du mir so fehlen würdest. Ich wollte dich nicht wiedersehen, aber ich habe mich in manchen Nächten so sehr nach dir gesehnt, dass ich weinen musste."

"Du brauchst nicht mehr zu weinen. Wir haben uns wieder."

Sie sah sich das Haus an. "Hier wohnst du also."

"Ja, hier wohne ich."

"Mit Justina."

Magnus zog die Augenbrauen unwillig zusammen und schüttelte den Kopf. "Wir wollen in den kommenden drei Wochen nicht von Justina reden, ja?"

"Siehst du die beiden rothaarigen Frauen dort drüben?", fragte Edelburga König. "Ich wette, sie zerreißen sich schon das Maul über uns."

"Das sind die giftigen Schwestern. Kümmere dich nicht um sie. Sie lassen an niemandem ein gutes Haar. Sie sind eine echte Plage hier."

"Ich würde zu gern wissen, was sie in diesem Augenblick sagen."

Magnus zuckte die Achseln. "Irgendeine Gemeinheit. Die müssen das Gift, das sie in ganz Spannthal verspritzen, schon mit der Muttermilch getrunken haben. Komm ins Haus und vergiss diese tratschsüchtigen Weiber."

Als Edelburga auf die beiden aufmerksam geworden war, sagte Amelia Steffel gerade zu Ricarda Bonnangel: "Siehst du, was ich sehe, Schwester?"

"Selbstverständlich", antwortete diese.

"Hat der Mensch Töne", gab Amelia entrüstet von sich.

Ricarda kniff die Augen zusammen, um besser zu sehen. "Ein Feriengast."

"Ein überaus attraktiver", sagte Amelia. "Da kann man sich so einiges zusammenreimen."

"So? Was denn?"

Amelia sah ihre Schwester verwundert an. "Begreifst du wirklich nicht, was da läuft? Also ich kann zwei und zwei zusammenzählen."

"Zwei und zwei."

Amelia Steffel warf Ricarda Bonnangel einen verdrossenen Blick zu. "Sag jetzt bloß nicht, das ergibt vier. Sieh nur, wie galant der Schmidtberger-Magnus ist. Er trägt den Koffer der schönen Dame, lächelt freundlich, schmilzt förmlich dahin. Möchtest du hören, was ich denke? Ich denke, dass da eine ziemliche Schweinerei im Gang ist. Kaum ist Justina weg, holt er sich schon eine andere Frau, als Sommergast getarnt, ins Haus."

"Vielleicht ist sie wirklich nur ein Sommergast."

"Sei doch nicht so furchtbar naiv, Ricarda." Amelia schüttelte vorwurfsvoll den Kopf und sah sich den weißen Renault etwas genauer an. "Münchner Kennzeichen. War Magnus Schmidtberger in letzter Zeit mal in München?"

"Das weiß ich nicht, aber auf Kur war er vor zwei Monaten."

Amelia schnippte mit den Fingern. "Und da hat er dieses blonde Gift aus der Stadt kennengelernt. Die Dame ist sein Kurschatten, sag' ich dir."

"Also das ist ja der Gipfel der Geschmacklosigkeit", entrüstete sich daraufhin Ricarda Bonnangel. "Justinas Bett ist noch nicht einmal richtig ausgekühlt, da legt sich bereits Magnus' Kurschatten hinein."

Amelia Steffel nickte bedeutungsvoll. "So sind die Männer. Man kann keinem von ihnen vertrauen. Sie sind alle falsch und verschlagen. Alle - ohne Ausnahme."

Kaum im Haus, ließ Magnus den Koffer fallen und riss Edelburga ungestüm an sich. Er küsste sie heißblütig und keuchte: "Endlich habe ich dich wieder, Edelburga. Oh, Edelburga, du weißt nicht, wie viel du mir bedeutest."

Immer und immer wieder bedeckte er ihr schönes Gesicht mit gierigen Küssen. Er war völlig außer sich vor Leidenschaft und Begierde.

Das Blut rauschte in seinen Ohren, sein Puls raste und sein Herz hämmerte laut gegen die Rippen. In seinen Lenden brannte ein wildes Feuer. Keine Frau hatte ihn jemals so sehr aus der Fassung gebracht.

*

Adriano Ravelli füllte den Kühlschrank, als müsse er sich auf eine längere Belagerung vorbereiten. Bier, Wein, harte Getränke, Süßigkeiten, Wurst, Fleisch, Käse, Eier, Tomaten, Fertiggerichte...

Danach ließ er sich von Flora Lederer Spannthal präsentieren. Er kurvte mit ihr durch den Ort. Kirche. Pfarrhaus. Dorfplatz. Mehrzweck-Sportanlage. Auch das Jugendheim, in dem Oskar Sawatzki bald wohnen würde, ließ er sich von der scharfen Flora zeigen.

Den sonnigen Nachmittag verbrachten sie auf dem Berg, und als der Italiener am Rand einer tiefen, wild zerklüfteten Schlucht stand, wusste er: Hier wird es passieren. An dieser Stelle wird Oskar Sawatzki aus Berlin auf höchst tragische Weise ums Leben kommen. Ein unbedachter Schritt – und schon geht es hunderte Meter abwärts. Jedes Jahr verunglücken viele Menschen in den Bergen. Männer, Frauen, Kinder. Sie finden den Tod, weil sie leichtsinnig sind, schlechtes Schuhwerk tragen oder nicht gut genug aufpassen. Sie werden vom Blitz getroffen, von Steinen erschlagen oder rutschen einfach nur aus und... Ab geht die Post. Adieu, Herr Sawatzki. Machen Sie's gut, Herr Sawatzki. Guten Flug, Herr Sawatzki. Happy Landing, Herr Sawatzki.

"Selfie?", fragte Flora. Sie trug heute ein hübsches Dirndl. Selbstverständlich sündhaft tief ausgeschnitten. Alle Welt sollte sehen, was sie zu bieten hatte. Der Wind hatte schon mehrmals frech unter das Kleid gefasst und es hochgehoben, und Adriano Ravelli war dabei jedes Mal ein Blick auf ihre langen, wohlgeformten Beine und auf ihr winziges weißes Höschen gegönnt gewesen. Flora wedelte mit ihrem Smartphone. "Soll ich von uns beiden ein Selfie machen?"

"Ich bin nicht besonders fotogen?", gab Ravelli zur Antwort.

Flora lachte. "Machst du Witze?" Sie war inzwischen zum amikalen Du übergegangen. Er hatte nichts dagegen. "Du könntest als Model arbeiten."

"Du aber auch. Mehr sogar noch als ich."

"Komm her. Stell dich neben mich. Aber pass auf, dass du nicht in die Schlucht fällst. Es wäre schade um dich."

"Findest du?"

"Unbedingt."

Er trat an ihre Seite.

"Komm näher", verlangte sie. "Ich beiße nicht."

"Na." Er wiegte mit gespielter Unsicherheit den Kopf. "Ich weiß nicht."

Sie lachte. "Ich habe noch nie einen Mann gebissen. Höchstens geküsst."

Er grinste. "Also dagegen hätte ich nun wirklich absolut nichts einzuwenden."

Sie sah ihn kokett an. "Kommt Zeit, kommt Kuss."

Er legte seinen Arm um ihre Mitte und seine Wange an ihre. Sie hielt ihr Handy hoch, sagte "Spagetti-i-i-i" und drückte ab.

Hinterher sah sie sich das Foto an und stellte zufrieden fest, dass es bestens gelungen war. Er bekam dafür von ihr einen Kuss auf die Wange. Es war ein erster kleiner Vorschuss auf – später – mehr.

*

Es machte in Spannthal rasch die Runde, dass der Kater des Herrn Pfarrer überfahren worden war, und so kamen die Dorfbewohner, um sich nach Tonis Befinden zu erkundigen oder dem Geistlichen Trost zu spenden. Jeder hatte ein freundliches Wort und einen guten Tipp für Orthold Lura. Die aufgetakelte "Frau Apotheker" kam sogar mit einem Geschenk, das sich in ihrem Einkaufskorb befand, ins Pfarrhaus.

"Grüß Gott, Frau Sägebrecht. Wie geht es unserem Herrn Pfarrer? Ist er noch fustriert?" Die fünfzigjährige Anneliese Wannemacher war nicht mit großen Geistesgaben gesegnet, was sie aber nicht daran hinderte, immer wieder Fremdwörter - natürlich falsch - zu benutzen. "Man sollte diesen rücksichtslosen Autofahrer aus dem Straßenverkehr illuminieren. Gestern war es eine Katze, die er überfahren hat, morgen kann es ein Kind sein oder eine alte Frau und nächste Woche vielleicht Sie - oder ich. Eine Inkompetenz sondergleichen ist das, wie manche Leute Auto fahren. Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich da mal ganz rigios durchgreifen." Sie hob den Korb, der mit einem rot-weiß karierten Tuch zugedeckt war. "Ich habe hier ein kleines Persent für unsern Hochwürden."

"Was ist es denn?", wollte die Pfarrhaushälterin wissen.

"Toni zwei."

"Toni was?"

"Zwei", wiederholte die Frau des Apothekers und nahm das rot-weiß karierte Tuch fort. Im Korb saß ein winziges schwarzes Kätzchen. "Was für ein Glück, dass die Katze vom Lorenz Stirbitz gerade jetzt geworfen hat, nicht wahr?" Sie nahm das winzige, mit dünnem Stimmchen miauende Katzenbaby heraus. "Ist er nicht putzig, der kleine Nachfolger vom Toni?"

Melitta Sägebrecht spürte Zorn in sich aufsteigen. Wie konnte diese Frau nur so gefühllos sein? Toni war gestern erst überfahren und operiert worden, und heute präsentierte Anneliese Wannemacher bereits seinen Nachfolger.

Wieso überhaupt Nachfolger? Toni war nicht tot. Ihm hatte heute sogar schon wieder sein Fressen geschmeckt. Ein paar Jährchen konnte er noch schaffen, wenn er auf der Straße von nun an etwas vorsichtiger war.

"Sie können dem Stirbitz-Lorenz sein Kätzchen zurückbringen", empfahl die Wirtschafterin der Frau des Apothekers. "Wir haben keine Verwendung dafür, weil es unserem Toni nämlich schon bedeutend bessergeht."

Anneliese Wannemacher setzte den kleinen schwarzen, kläglich miauenden Knäuel wieder in den Korb. "Na ja, aber euer Toni ist nicht mehr der Jüngste", gab sie zu bedenken.

"Sollen wir ihn deswegen aus dem Haus jagen und uns einen anderen Kater nehmen - wo er uns so viele Jahre lang Freude gemacht und uns die Treue gehalten hat?"

"Vielleicht lebt er noch ein paar Monate, und dann..."

"Unser Toni wird so alt wie eine Schildkröte", behauptete Melitta Sägebrecht und bat die Frau des Apothekers, zu gehen. Beleidigt verließ Anneliese Wannemacher das Pfarrhaus, in dem eine Stunde später Polizeihauptmeister Wendelin Prendergast erschien. Pfarrer Lura saß im Pfarrgarten auf der Bank. In einem Wäschekorb, der neben ihm auf dem Boden stand, lag Toni und döste vor sich hin. Als der Kater Prendergasts Stimme hörte, bewegte er die Ohren, aber die Augen öffnete er nicht.

"Darf ich mich zu Ihnen setzen, Hochwürden?", fragte der fünfzigjährige Polizeihauptmeister.

"Selbstverständlich." Orthold Lura machte eine einladende Geste.

Der Polizist nahm Platz. "Freut mich, zu sehen, dass es Toni noch gibt."

Lura schaute lächelnd auf das Tier hinunter. "Ja, unserem Herrgott hat es gefallen, ihn noch ein Weilchen bei uns zu lassen."

"Der Buchholz-Luk, die Meixner-Waltraude und die Burgmeister-Gerlinde haben ein bisschen Detektiv gespielt", berichtete der Polizeihauptmeister. "Toni ist doch von einem schwarzen Audi überfahren worden, und die drei glauben, dass dieses Fahrzeug jemandem gehört, der in Lammbach wohnt. Wenn das stimmt, muss der Lenker auszuforschen sein."

"Lohnt sich die Mühe denn?"

Prendergast sah den Priester befremdet an. "Na hören Sie mal? Irgend so ein Rowdy hätte beinahe Ihren Kater totgefahren. Das darf er doch nicht ungestraft getan haben. Dem gehören zumindest gehörig die Leviten gelesen, damit er sich nicht noch einmal so verhält. Er hätte anhalten und nach dem Tier sehen müssen. Stattdessen ist er einfach abgehauen. Das darf man ihm nicht durchgehen lassen."

"Setzen Sie ihm nicht allzu arg zu, Hauptwachtmeister", sagte Pfarrer Lura. "Unser christlicher Glaube lehrt uns, zu verzeihen."

"Ich werde dem Burschen verzeihen, Hochwürden", knurrte der strenge Dorfpolizist, "aber erst hinterher. Zuerst fahre ich mit ihm Schlitten."

*

Flittchen!, dachte Adriano Ravelli verächtlich, während Flora in den Jeep stieg und dabei mit voller Absicht sehr, sehr viel Bein zeigte, um ihm gehörig einzuheizen. Lüsternes, schwanzgeiles, verkommenes Flittchen. Ich werde es dir nach allen Regeln der Brunft besorgen. Warte nur, du kleines Luder. "Wann musst du zu Hause sein?", erkundigte er sich.

Sie kicherte. "He, ich bin erwachsen. Ich kann heimkommen, wann ich will. Die Gitterbettsperre liegt schon einige Jährchen zurück."

Er setzte sich neben sie. "Es hätte ja sein können, dass deine Brüder..."

"Die haben nichts zu melden", unterbrach Flora ihn energisch. "Ich tue, was ich will, lasse mir von niemandem Vorschriften machen." Sie schmunzelte schelmisch. "Ich habe sie in der Hand. Ohne mich sind Simon und Wolfhard aufgeschmissen. Sie sind zwar hervorragende Handwerker, aber von Buchhaltung und all dem andern Bürokram haben sie keinen blassen Schimmer. Da sind sie voll auf mich angewiesen und das wissen sie auch." Flora erwähnte, dass sie keine Eltern mehr hatte. Die Mutter war vor fünf Jahren von einer aggressiven Lungenentzündung dahingerafft worden. Der Vater war zwei Jahren von seinem umkippenden Traktor erdrückt worden.

Adriano Ravelli ließ den Jeep-Motor an. Wahrscheinlich hätte sich Flora jetzt schon befummeln und besteigen lassen, aber er wollte es lieber in seinem gemütlichen Feriendomizil tun, wo er sicher sein konnte, dass ihm kein Spanner mit einem Fernglas zuschaute und sich dabei lustvoll einen runterholte. "Auf geht's", sagte er und fuhr los.

"Wohin?", fragte Flora.

"Zurück nach Spannthal."

"Du bringst mich aber noch nicht nach Hause, oder?"

"Natürlich nicht. Wenn du möchtest, werden wir bei mir was essen, ein bisschen was trinken und..."

Flora zog eine Augenbraue hoch. "U-n-d?", dehnte sie interessiert.

Er zuckte grinsend mit den Achseln. "Alles ist möglich. Lassen wir uns überraschen."

Sie leckte sich die sinnlichen Lippen. "Ich liebe Überraschungen."

Er warf ihr einen kurzen Blick zu. "Hast du einen Freund?"

"Zurzeit nicht."

"Dann brauche ich also nicht zu befürchten, dass mir ein eifersüchtiger Dörfler mit der Schrotflinte den Schädel wegballert, wenn ich mir gestatte, dir ein wenig näher zu kommen."

Sie warf ihm einen lasziven Blick zu. "Hast du das etwa vor?"

"Natürlich nur, wenn du nichts dagegen hast."

Sie wackelte amüsiert mit dem Kopf. "Ihr schlimmen, schlimmen Italiener", sagte sie rügend. "Ihr habt immer nur Amore im Kopf."

"Wir sind gläubige Menschen", rechtfertigte er sich – mit einem imaginären Heiligenschein auf dem Kopf. "In der Bibel steht geschrieben, man soll seinen Nächsten lieben wie sich selbst – und das tun wir."

"Na ja...", meinte sie schmunzelnd. "Wenn's die Bibel verlangt."

*

Es machte Edelburga König Spaß, Magnus Schmidtberger bei der Arbeit zu helfen. Sie war ihm natürlich keine so große Hilfe wie Justina, aber ein wenig vermochte sie ihn doch auch zu entlasten, und er rechnete es ihr hoch an, dass sie nichts dagegen hatte, sich auch mal ordentlich dreckig zu machen. Immer wenn sie sich unbeobachtet fühlten, turtelten und schnäbelten sie, und in den heißen Nächten kamen sie kaum zum Schlafen.

Im Dorf erzählte Magnus, sein Sommergast sei eine Geschäftsfrau aus München, die den Landaufenthalt noch mit ihrem Mann geplant habe, deren Ehe dann aber geschieden worden wäre und die deshalb nun allein nach Spannthal gekommen sei, weil sie diesen Urlaub nach all dem Stress der vergangenen Wochen und Monate mehr als dringend nötig habe. Eine glaubhaft klingende Geschichte. Mal sehen, ob die Spannthaler sie schluckten.

Magnus trat auf die Terrasse. Edelburga schlummerte im Garten in einer Hängematte, die an zwei Apfelbäumen befestigt war. Sie war nun schon fast eine ganze Woche hier, und er war ihrer noch lange nicht überdrüssig.

Die Gelegenheit, Justina anzurufen, war günstig. Es war ihm lieber, wenn Edelburga das Gespräch nicht mithörte. Da konnte er viel besser und vor allem überzeugender lügen.

Er kehrte ins Haus zurück und wählte die Nummer der Kuranstalt. Justina war auf ihrem Zimmer. Bei diesem schönen Wetter. Er konnte das nicht verstehen.

"Warum gehst du nicht spazieren?", fragte er. "Du hast dich doch mit dieser netten Frau aus Frankfurt angefreundet."

Justina seufzte. "Sie hat keine Zeit mehr für mich."

"Wieso nicht?", fragte Magnus überrascht.

"Sie hat einen Mann kennengelernt. Mit dem ist sie nun von früh bis spät zusammen."

Magnus staunte. "Aber sie sagte doch, sie wäre glücklich verheiratet und an keinem Abenteuer interessiert."

"Da kannte sie diesen Mann noch nicht", erwiderte Justina. "Nun denkt sie anders."

"Das tut mir leid für dich, Liebes. Langweilst du dich jetzt?"

"Ich habe viel zu lesen, und ich denke oft an dich."

"Ich denke auch sehr oft an dich", sagte Magnus. "Jeden Tag. Wie bekommt dir die Kur?"

"Kann ich nicht sagen."

Er lachte leise. "Wieso nicht?"

"Es geht mir nicht besser und nicht schlechter. Ich spüre eigentlich überhaupt nichts von der Behandlung."

"Die Reaktion kommt erst", meinte Magnus.

Justina seufzte. "Ich wäre am liebsten schon wieder zu Hause - bei dir."

Magnus erschrak. Im Moment konnte er seine Frau hier absolut nicht brauchen, denn ihren Platz nahm eine andere ein. Er ließ sich nichts von seinen Gefühlen anmerken. "Ich hätte dich auch gern schon wieder bei mir", sagte er sanft.

"Du fehlst mir."

"Du fehlst mir auch, aber es sind ja nur drei Wochen, die wir voneinander getrennt sind, und eine davon ist bereits um", tröstete Magnus seine Frau. "Noch zwei Wochen, dann bist du wieder daheim. Ich werde dich mit einem riesigen Blu-menstrauß vom Bahnhof abholen."

"Das ist nicht nötig. Hauptsache du stehst auf dem Bahnsteig, wenn ich aus dem Zug steige."

Er überlegte, ob er ihr von Edelburga erzählen sollte. Es wäre ein Fehler gewesen, es nicht zu tun. Justina hätte aus seinem Schweigen falsche - und somit richtige - Schlüsse ziehen können. Wenn er ihr aber ganz offen berichtete, dass sich ein Sommergast im Haus befand, konnte Justina keinen "unbegründeten" Verdacht schöpfen.

Er tischte seiner Frau über Edelburga (er gab ihr einen anderen Namen) dieselbe Lügengeschichte wie den Leuten im Dorf auf und sagte, dass die Dame aus der Stadt, die nach Spannthal gekommen war, um sich von den Strapazen, die ihre Scheidung zur Folge gehabt hatte, zu erholen, zwar nicht unhübsch, aber überhaupt nicht sein Fall sei.

"Da bin ich aber froh", lachte Justina.

"Du weißt doch, dass du mir vertrauen kannst."

"Ja, das weiß ich", pflichtete Justina ihm bei, "sonst hätte ich hier keine ruhige Minute."

"Weiterhin gute Erholung, Justina."

"Danke, Magnus."

"Ich liebe dich", sagte er so innig wie möglich.

"Und ich liebe dich."

"Lass es dir gutgehen." Er schickte einen Kuss durch die Leitung und legte auf.

Plötzlich lachte jemand hinter ihm. Er drehte sich erschrocken um. In der Tür stand Edelburga König in knappen Shorts und einem zitronengelben T-Shirt. Die Spitzen ihrer prachtvoll geformten Brüste bohrten sich durch das dünne Gewebe.

Einmal mehr hatte er Gelegenheit, festzustellen, dass sie wunderschöne, lange, makellose Beine und eine atemberaubende Figur hatte.

Edelburga schüttelte amüsiert den Kopf. "Was bist du doch für ein falscher Fuffziger."

"Wie lange stehst du da schon?", fragte er heiser.

"Ich habe dein ganzes Gesülze mit angehört." Sie kam langsam näher, wiegte sich dabei aufreizend in den Hüften, erreichte ihn, fuhr ihm mit gespreizten Fingern durchs dichte dunkle Haar und rieb ihren Schoß an seiner Männlichkeit. "Bin ich tatsächlich überhaupt nicht dein Fall?"

Ihm wurde heiß. "Das musste ich sagen, damit sie nicht misstrauisch wird", erklärte er, legte die Arme um sie und drückte sie lustvoll an sich. "Du weißt doch, dass ich verrückt nach dir bin."

"Ich bin froh, dass ich nicht an Justinas Stelle bin, sonst würdest du mich so schamlos anlügen."

"Ich lüge für uns beide, damit wir weiter zusammen sein können." Er grinste. "Justina ist ahnungslos. Es geht ihr gut. Uns geht es auch prima. Also ist alles in bester Ordnung." Er presste Edelburga so fest an sich, dass sie keine Luft mehr bekam. "Küss mich", verlangte er heiser und mit bretthartem Glied, "und genieße mit mir diesen wunder-vollen Augenblick."

*

Nach einer Wurst-Schinken-Käse-Variation mit Butter und Graubrot in Adriano Ravellis behaglichem Ferienhaus ließ er leise das Radio laufen.

Bei vollmundigem Rotwein aus der Region rückten der Italiener und das Mädchen vom Land enger zusammen und begannen erste Zärtlichkeiten auszutauschen.

"Erzähl mir ein bisschen von dir, Mario", flüsterte Flora wissbegierig und eng an ihn geschmiegt.

"Was willst du hören?"

"Woher kommst du?"

"Aus Mailand." Er spielte mit ihrem langen blonden Haar, strich zärtlich darüber, wickelte es um seinen Finger, strich es ihr aus der Stirn...

"Was machst du beruflich?"

"Ich bin im Import-Export-Wesen tätig." Im weitesten Sinne ist das nicht einmal gelogen, dachte er. Wenngleich ich diesmal eine andere Mission zu erfüllen habe. Weil ich einfach – was Rocco Panzer sehr zu schätzen weiß - vielseitig verwendbar bin.

"Hast du eine eigene Firma?", erkundigte sich Flora neugierig.

"Das nicht, aber ich bin ziemlich frei und ungebunden."

"Gibt es eine Signora Volonte."

"Die gibt es."

Details

Seiten
500
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906783
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
muhland mordschwester agnes zwei krimis

Autor

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Titel: Muhland & Mordschwester Agnes: Zwei Krimis