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Krimi Doppelband #20

von Alfred Bekker (Autor) Thomas West (Autor)
2016 360 Seiten

Leseprobe

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Krimi Doppelband #20

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Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

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ALFRED BEKKER IST EIN bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Titelbild: Firuz Askin

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Ein Killer läuft Amok

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von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

Ein bis dahin friedliebender Mann läuft Amok - und Privatdetektiv Bount Reiniger muss einen Mörder entlasten!

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Vielleicht wusste der Mann nicht wirklich, was er tat. Aber das machte die Sache nicht weniger schlimm. Brannigan hielt die automatische Pistole in seiner Rechten krampfhaft umklammert. Sein Blick war starr, sein Gesicht rot angelaufen und seltsam verkrampft. Die Augen waren zu schmalen Schlitzen geworden. Der Arm mit der Pistole hob sich und als dann der erste Schuss krachte, stoben die Passanten schreiend auseinander. Panik griff um sich, während jemand getroffen zu Boden sank. Der Mann presste die Hände gegen die Brust, aber das Blut rann ihm zwischen den Fingern hindurch. Der Mann blickte ungläubig zu Brannigan auf, der für einen Augenblick innehielt. Dann brach der Mann zusammen, schlug hart auf den Asphalt und regte sich nicht mehr. Brannigan wirbelte herum. Er hörte die Schreie. Die Stimmen drohten, ihn halb wahnsinnig zu machen.

"Ein Verrückter!", rief jemand. "Ein Irrer!" Dann taumelte Brannigan vorwärts. Ein zweiter Schuss löste sich aus seiner Pistole und dann ein dritter. Nur am Rande nahm Brannigan war, wie jemand getroffen nach hinten gerissen und durch die Wucht des Projektils gegen ein Schaufenster geschleudert wurde. Das Glas ging klirrend entzwei. Brannigan beschleunigte seine Schritte. Er wirbelte herum. Er wusste nicht, wohin er eigentlich wollte. Dunkel erinnerte er sich, gerade noch hinter dem Steuer seines Wagens gesessen zu haben. Und jetzt war er in dieser belebten Einkaufsstraße, umgeben von Menschen, die versuchten, sich vor ihm in Sicherheit zu bringen. Brannigan fühlte seinen Puls bis zum Hals schlagen. Er hatte Angst. Namenloses Entsetzen kroch ihm wie eine kalte, glitschige Hand den Rücken hinauf.

Er hörte eine Stimme, schnellte herum, sah eine Gestalt und feuerte sofort, ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu zögern. Immer wieder betätigte er den Abzug. Die Gestalt, die er gesehen hatte, gehörte einem Mann in den Fünfzigern, der gerade in seinen Wagen hatte einsteigen wollen. Schützend hatte der Mann seinen Aktenkoffer hochgerissen, aber das hatte ihm nichts genützt. Die erste Pistolenkugel war glatt durch das harte Kunststoffmaterial hindurchgeschlagen und in seinen Oberkörper eingedrungen. Der Mann war längst tot, aber Brannigan feuerte noch immer. Er war wie besessen und konnte einfach nicht aufhören. Auch nicht, als zwei weitere Passanten getroffen aufschrien. Als Brannigan sich dann herumdrehte, sah er in ein schreckensbleiches Gesicht, das nur stumm den Kopf schüttelte. Ein vielleicht fünfzehnjähriger Junge in Jeans und Turnschuhen, der unwillkürlich erstarrt war, als er in die Pistolenmündung blickte.

"Nein", flüsterte der Junge und schien dabei unfähig zu sein, sich zu bewegen. Brannigan drückte sofort ab.

Glücklicherweise traf er nicht richtig. Die Kugel fuhr dem Jungen in die Schulter.

"Stehenbleiben! Keine Bewegung!", rief eine Stimme, die wie ein Messer in Brannigans Bewusstsein drang und ihn sich erneut herumdrehen ließ. Der Junge nutzte das. Die Lähmung, die ihn noch eine Sekunde zuvor gefangen gehalten hatte, schien wie weggeblasen zu sein. Er rannte um sein Leben und flüchtete in einen Kaufhauseingang. Brannigan sah indessen die dunkelblaue Uniform eines Polizisten, der seine Dienstwaffe aus dem Holster gerissen und auf den Amokläufer gerichtet hatte.

"Ich sagte, Sie sollen die Waffe fallen lassen!", rief der Polizist, der sichtlich nervös war. "Ich will Sie nicht erschießen, aber ich werde es tun, wenn Sie mich dazu zwingen!" Es war Brannigan nicht anzusehen, ob er sein Gegenüber überhaupt verstanden hatte.

Eine volle Sekunde lang geschah überhaupt nichts. Brannigan stand einfach nur da, aber er warf seine Waffe nicht weg.

Niemand wird mich kriegen!, durchzuckte es ihn heiß. Niemand! Nicht noch einmal!

Dieser Gedanke hämmerte immer wieder in seinem Kopf. Brannigan schluckte. Er dachte an damals. Aber es würde sich nicht wiederholen. Nie wieder. Dafür würde er sorgen. Und dann riss er urplötzlich seine Waffe hoch und feuerte. Der Polizist schoss annähernd gleichzeitig und traf Brannigan im Oberkörper. Brannigan wurde nach hinten gerissen, ein weiterer Schuss löste sich aus seiner Waffe und traf einen Passanten in den Rücken, der sich gerade in Sicherheit bringen wollte.

Brannigan taumelte, schaffte es aber bis zu einer Parkuhr, an der er sich aufstützte. Den Polizisten hatte es am Bein erwischt und so lag dieser mit grimmig verzerrtem Gesicht auf dem Asphalt, den 38er Revolver immer noch in der Rechten. Brannigan ächzte. Er fühlte den Schmerz an seiner Seite und presste die Linke dagegen. Er blickte nicht hinab. Stattdessen hob er erneut die Pistole und ließ seinem uniformierten Gegenüber keine andere Wahl.

Bevor Brannigan abdrücken konnte, hatte eine weitere Kugel ihn getroffen und dann noch eine. Er schlug rückwärts gegen einen parkenden Wagen und rutschte an dem glatten Blech zu Boden. Die Pistole hielt er immer noch fest umklammert, auch dann noch, als seine Augen schon erstarrt ins Nichts blickten.

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2

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Bount Reiniger war ziemlich guter Laune, als er die Räume seiner Agentur betrat, die in einer Traumetage am nördlichen Ende der Seventh Avenue gelegen war. Bount Reiniger war so etwas wie die Nummer eins unter den New Yorker Privatdetektiven. Und so war er bei der Erstellung eines neuen Sicherheitskonzepts hinzugezogen worden, das eine Kette von Juweliergeschäften für ihre an der gesamten Ostküste verstreuten Filialen einführen wollte. Keine aufregende Tätigkeit, dafür ziemlich zeitraubend und arbeitsintensiv. Doch dafür stimmte das Honorar. Bount hatte den Scheck in der Jackett-Innentasche.

Als seine blondmähnige Assistentin June March ihn begrüßte, zog er das Papier grinsend hervor und zeigte es ihr.

"Na, der Stress scheint sich ja gelohnt zu haben!", meinte June dazu und fügte dann noch lächelnd hinzu: "Über eine Erhöhung meiner Bezüge mit dir zu reden dürfte jetzt wohl reine Formsache sein, nehme ich an..."

Bount hob die Augenbrauen.

"Nach diesem dicken Fisch kannst du von Glück sagen, wenn ich mich nicht plötzlich dazu entschließe, die Agentur einfach dicht zu machen, um..."

"...dich zur Ruhe zu setzen?" June stemmte ihre schlanken Arme in die wohlgeformten Hüften und lache dann laut los.

"Warum nicht?", fragte Bount. "Was ist so abwegig daran?"

"Nichts als leere Drohungen! Wir wissen beide, dass du das nie tun würdest!"

Bount zuckte die Achseln. "Vermutlich hast du recht."

"Natürlich habe ich das!"

"Aber für heute finde ich, sollten wir Schluss machen." Doch June schüttelte entschieden den Kopf. "Ich fürchte, daraus wird nichts, Bount."

"Und warum nicht? Soweit ich weiß, habe ich heute keine Termine mehr. Es gibt auch keinen Fall, an dem..."

"Vielleicht doch, Bount."

Bount runzelte die Stirn. Er löste den ersten Hemdknopf und lockerte den Krawattenknoten ein Stück. "Was soll das heißen?", fragte er gleichzeitig.

"In deinem Büro sitzt eine Frau, die ganz so aussieht, als würde sie unsere nächste Klientin. Sie wartet schon eine halbe Stunde..."

"Du hättest ihr einen anderen Termin geben können."

"Natürlich, Bount. Aber sie machte mir einen so niedergeschlagenen Eindruck, dass ich mir dachte, dass ihre Sache wohl nicht länger warten kann."

Bount seufzte. Wann hatte es schon je einen Klienten gegeben, der freudestrahlend im Büro eines Privatdetektivs saß und mit sich und der Welt zufrieden war?

"Hat die Dame dir schon gesagt, worum es geht?"

"Nur, dass ihr Lebensgefährte erschossen wurde. Aber nichts weiter. Sie brach gleich in Tränen aus. Sei also nett zu ihr."

"Sicher."

Als Bount dann einen Moment später sein Büro betrat, saß dort eine gutaussehende Dunkelhaarige, deren verlaufenes Make-up für sich sprach. Bount reichte ihr die Hand und sie nickte. Sie brauchte eine Sekunde, um etwas herauszubringen. Ein Kloß schien ihr im Hals zu sitzen.

"Sie sind Reiniger?"

"Ja."

"Geld spielt keine Rolle", sagte sie und zuckte dann ihre schmalen Schultern. "Oder besser gesagt: fast keine. Ich habe einiges auf der hohen Kante und..."

"Vielleicht sagen Sie mir erst einmal, wer Sie sind und worum es geht, Miss..."

"Carter, Joanne Carter."

Bount nahm in dem Sessel hinter dem Schreibtisch Platz und lehnte sich etwas zurück, während er sein Gegenüber einer knappen Musterung unterzog. Diese Frau schien noch ganz unter einer Art Schock zu stehen und war deshalb wohl etwas durcheinander. Was immer es auch gewesen war, das ihr so zugesetzt hatte - es konnte keine Kleinigkeit sein.

"Meine Mitarbeiterin hat mir gesagt, dass man Ihren Lebensgefährten erschossen hat", begann Bount, nachdem er bemerkte, dass es Joanne Carter schwer fiel, über die Sache zu sprechen und den richtigen Anfang zu finden.

Sie nickte. "So ist es", meinte sie. "Sein Name ist Walt Brannigan. Und der Mann, der ihn erschossen hat, war Polizist und hat selbst eine Kugel ins Bein gekriegt..." Sie atmete tief durch und Bount begann zu dämmern, um welche Sache es sich hier drehte. Indessen hob Joanne den Kopf und sah den Privatdetektiv offen an. "Vielleicht haben Sie in der Zeitung von der Sache gelesen. Walt hat in einer belebten Geschäftspassage wild um sich geschossen und dabei insgesamt fünf Menschen erschossen..."

Bount beugte sich etwas nach vorne.

"Sie meinen..."

"Er ist Amok gelaufen, dass wollten Sie doch sagen, nicht wahr? Ein Verrückter, der wild um sich ballert, der in seiner Verzweiflung oder seinem Wahn oder aus welchen Gründen auch immer so viele Menschen wie möglich mit sich in den Tod zu reißen sucht!" Sie wischte die Träne hastig beiseite, die sich unmerklich auf ihre Wange gestohlen hatte.

"Ich habe von der Sache tatsächlich gehört", meinte Bount.

"Und soweit ich weiß, hatte der Polizist wohl keine andere Wahl..."

Sie nickte. "Ja, so denken alle darüber. Polizei, Staatsanwaltschaft, Presse und so weiter."

"Und was ist falsch daran?"

Sie schluckte. "Vielleicht nichts", murmelte sie dann. "Ich weiß selbst schon nicht mehr, was ich darüber denken soll. Ich weiß nur eins: Es gibt keinen Grund, weshalb Walt auf die Straße gehen und wahllos Menschen erschießen sollte!" Bount zuckte die Achseln. "Aber er hat es doch getan, oder? Aus welchem Grund auch immer..."

Sie hob den Kopf und schien sich ihrer Sache auf einmal sehr sicher zu sein. "Walt und ich leben zusammen. Wahrscheinlich kennt ihn niemand besser als ich. Und ich sage Ihnen, die Vorstellung ist völlig absurd."

Bount musterte sie. Was sollte er dazu sagen? Es schien ihm, als wollte die Frau einfach die Realitäten nicht anerkennen. Walt Brannigan wäre nicht der erste Amokschütze gewesen, der seiner engsten Umgebung als völlig normal erschienen war. Bis zu dem bestimmten Tag, an dem es geschah.

"Sehen Sie, Miss Carter, man kann in den Kopf eines Menschen nicht hineinschauen. Und in den eines Toten schon gar nicht. Ich weiß nicht, warum Ihr Freund das getan hat - und wahrscheinlich wird es man es auch nie mehr erfahren."

"Er war Mitarbeiter eines erfolgreichen Ingenieurbüros. Ein erfolgreicher, dynamischer Mann. Er war gesund, er hatte eine glückliche Kindheit auf dem Lande und mit uns beiden lief es auch sehr gut. Sagen Sie mir, weshalb ein Mann durchdreht, in dessen Leben doch wirklich alles zu funktionieren scheint! Selbst sein Ferrari war abbezahlt!"

Bount überlegte. So, wie sie das sagte, klang das tatsächlich ein bisschen merkwürdig. Aber wahrscheinlich lag es einfach nur daran, dass sie beide zu wenig über Brannigan wussten. Bount fragte sich, wie er ihr schonend beibringen konnte, dass er wahrscheinlich nicht der richtige Mann für ihre Angelegenheit war. Vermutlich wandte sie sich besser an einen Psychologen.

Aber als er sie da so sitzen sah, brachte er es nicht über sich. Und so fragte er: "Vielleicht sagen Sie mir einfach mal, was ich für Sie tun soll und ich sage Ihnen dann, ob es im Bereich meiner Möglichkeiten liegt!"

Sie nickte. "Okay", meinte sie und versuchte ein Lächeln, das ihr aber gründlich misslang. Die innere Anspannung war ihr nach wie vor deutlich anzusehen. "Ich will, dass Sie herausfinden, was wirklich geschehen ist."

"Das steht doch sicher im Polizeibericht - und in etwas öffentlichkeitswirksamerer Form in den Zeitungsartikeln. Ich weiß nicht, was meine Nachforschungen da noch sollen."

"Ich möchte wissen, was wirklich geschehen ist, Mister Reiniger. Das Ende der Geschichte, das steht im Polizeibericht, aber so etwas geschieht nicht aus heiterem Himmel! Das kann mir niemand erzählen!" Sie hielt einen Moment lang inne und der Blick ihrer dunklen Augen ruhte auf Bounts Gesicht.

"Werden Sie die Sache übernehmen? Wie gesagt: Ich bin bereit, tief in die Tasche zu greifen! Aber das ist es mir wert!"

"Ich kann Ihnen nichts versprechen, Miss Carter."

"Das weiß ich. Trotzdem, versuchen Sie etwas herauszufinden."

Bount nickte. Und damit hatte er sich entschieden. Er war sich nicht sicher, ob er diese Entscheidung nicht bald schon wieder bereuen würde. Jedenfalls hatte ein flaues Gefühl dabei.

"Hat Walt Brannigan vielleicht Drogen genommen?"

"Nein."

"Niemals?"

"Niemals. Ich hätte das gemerkt."

"Auch nicht irgendwelche Aufputscher, um mehr Leistung zu bringen? Sie sagten, er war sehr erfolgreich. Manchmal..."

"Nicht Walt!", schnitt sie Bount das Wort ab.

"Haben Sie sonst irgendeinen Verdacht? Dann sagen Sie ihn mir am besten gleich."

"Nein."

"Ich nehme an, die Leiche ist obduziert worden?"

"Ja, aber was sollte man außer den Kugeln, die Walt getötet haben, noch finden?"

Bount zuckte die Schultern. "Das hängt immer ein bisschen davon ab, wonach man sucht!"

"Davon verstehe ich nichts."

"Wenn Sie mir noch Ihre eigene Adresse und die des Ingenieurbüros geben könnten, bei dem Walt Brannigan beschäftigt war."

"Natürlich."

Bount reichte ihr Zettel und Kugelschreiber. Während sie schrieb, fragte er dann: "Woher kam die Waffe, mit der Ihr Freund herumgeballert hat?"

"Er hatte sie immer im Handschuhfach."

"Weswegen? Wurde er bedroht?"

Sie zuckte die Achseln. "Ich weiß es nicht. Aber ist das heutzutage so ungewöhnlich? Die einen haben abgezählte dreißig Dollar in der Tasche, um bei einem Überfall nicht die ganze Brieftasche abliefern zu müssen, andere tragen Reizgas bei sich oder besuchen Kurse in Selbstverteidigung."

"Und Walt Brannigan hatte eben eine Pistole, meinen Sie."

"Ja."

"Hat er sie zuvor schon einmal gebraucht?"

"Nein, nie."

"Sind Sie sicher?"

"Ich bin sicher. Sie lag immer nur im Handschuhfach. Ich habe sie einmal per Zufall dort gesehen. Das war noch ganz zu Anfang, als wir uns kennenlernten."

"Die Waffe war immer geladen?"

"Das weiß ich nicht."

Bount nickte. "Gut", meinte er. "Ich werde versuchen, etwas herauszufinden. Vielleicht überlegen Sie sich noch einmal, ob Sie Ihr Geld wirklich zum Fenster herausschmeißen wollen oder..."

"Glauben Sie mir, ich weiß, was ich tue!", erwiderte sie bestimmt.

"Okay."

Sie erhob sich. "Ich werde mich bei Ihnen melden, Mister Reiniger!"

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"Besonders aufschlussreich ist der Untersuchungsbefund von Brannigans Leiche ja nicht gerade...", meinte Bount an Captain Toby Rogers gewandt, während er die entsprechende Mappe auf den Tisch legte. "Warum hat man keine weitergehenden Analysen angestellt?"

Der korpulente Rogers war Leiter der Mordkommission Manhattan C/II und seit vielen Jahren Reinigers Freund. Rogers verschluckte sich fast an seinem Kaffee und blickte den Privatdetektiv stirnrunzelnd an.

"Soll das etwa Kritik sein?"

"Nur eine Frage unter Freunden, Toby!"

Der Captain atmete tief durch und meinte dann: "Der Arzt meinte, dass das nicht notwendig sei. Und der Staatsanwalt war derselben Meinung. Die Sache liegt doch so glasklar auf der Hand, wie nur irgendetwas!"

"Erzähl mal."

"Er hatte keinen Alkohol im Blut und es gibt keine Indizien, die dafür sprechen, dass er drogensüchtig war. Warum sollte man ihn dann auseinanderschneiden?"

"Mag sein, Toby."

"Was soll der ganze Aufstand eigentlich, Bount? Ein Mann ist durchgedreht, das kommt öfter vor!"

"Seine Lebensgefährtin glaubt nicht daran."

"Wundert dich das?"

"Ein Mann, für den alles gut läuft, der erfolgreich im Beruf ist und in einer harmonischen Zweierbeziehung lebt - weshalb geht der auf die Straße und schießt wild um sich? Findest du das nicht ein bisschen seltsam?"

Rogers lachte heiser. "Ich bin zu lange in dem Job, um so etwas noch seltsam zu finden, Bount!"

"Du könntest veranlassen, dass Brannigans Leiche noch einmal untersucht wird."

"Und wonach soll man suchen?"

Bount hob die Schultern. "Bin ich Arzt?" Rogers erhob sich und kam auf die andere Seite seines Schreibtischs. "Hör zu, Bount, ich will dir mal ein paar Dinge über Brannigan erzählen!"

"Ich bin gespannt!"

"Sein Leben war keineswegs so glatt, wie diese Joanne Carter dir vielleicht glauben machen wollte." Der Captain zuckte mit den breiten Schultern. "Wahrscheinlich wusste sie es auch nicht besser. Sie kannte ihn ja kaum anderthalb Jahre..." Bount hob die Augenbrauen. "Und was zum Beispiel wusste sie nicht?"

"Zum Beispiel, dass es vielleicht nicht das erste Mal war, dass Walt Brannigan durchdrehte."

"Wovon sprichst du, Toby?"

"Von einer Vergewaltigungsgeschichte, ist gut zweieinhalb Jahre her. Es war wohl nur ein Versuch, die Frau konnte sich in Sicherheit bringen."

"Wer war die Frau?"

"Nora Gaynor, eine Kollegin aus dem Ingenieurbüro, in dem Walt Brannigan tätig war." Rogers hob die Schultern. "Die Sache ist im Sand verlaufen. Du weißt ja, wie das ist, wenn Aussage gegen Aussage steht und nichts Handfestes vorhanden ist, das irgendetwas beweisen könnte."

Bount machte eine hilflose Geste. "Vielleicht hast du recht und ich jage einer Fata Morgana hinterher."

"Bestimmt. Und da ist übrigens noch etwas! Brannigan nahm seit einem halben Jahr Therapiestunden bei einem Psychologen."

"Weswegen?"

"Anfänge von Paranoia, Bount. Verfolgungswahn."

"Deshalb die Pistole!"

"So ist es. Er hatte sie immer im Handschuhfach liegen."

"Nahm er Medikamente?"

"Ja, Beruhigungsmittel. Aber nur in den Mengen, die ihm der Arzt verschrieben hat." Rogers seufzte. "Die Sache ist abgeschlossen, Bount. Und ich habe nicht die Absicht, den Aktendeckel noch einmal zu öffnen."

"Und eine weitere Untersuchung?"

"Wird es nicht geben. Die Leiche ist frei!"

"Liegt sie noch im Leichenschauhaus?"

"Ja, und wartet darauf, dass sie jemand abholt, um sie zu beerdigen. Warum bohrst du so hartnäckig in der Sache herum, Bount? Was glaubst du, könnte eine weitere Untersuchung bringen?"

Bount zuckte die Achseln. "Was weiß ich! Hinterher ist man immer schlauer! Aber stell dir mal vor, jemand hätte Brannigan etwas eingeflößt..."

"Etwas, dass ihn so wild macht, dass er um sich schießt? Brannigan war so gut wie abstinent! Die einzige Droge, die er in großen Mengen konsumierte, war Kaffee!"

"Und wenn es etwas war, wonach man nicht gesucht hat?" Rogers machte eine wegwerfende Handbewegung. "Komm schon, jetzt fängst du an, dich lächerlich zu machen Bount! Bei aller Freundschaft!"

Bount lächelte dünn. "Ich weiß, Toby. Aber will diese Möglichkeit zumindest sicher ausschließen können, verstehst du?"

Rogers stellte geräuschvoll die Kaffeetasse auf den Tisch und schüttelte dann energisch den Kopf. "Ich kann die Sache nicht noch mal aufrollen und für eine Obduktion sorgen, nur weil eine Klientin von dir irgendeinen vagen Verdacht hat oder sich nicht erklären kann, wie aus dem netten, dynamischen Mann an ihrer Seite plötzlich ein Monster wird! Das ist ihr Problem und damit muss sie - fürchte ich - auch ganz allein fertig werden!"

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Joanne Carter bewohnte eine sicher nicht billige Wohnung in Midtown Manhattan. An der Tür war noch immer auch Walt Brannigans Name zu sehen. Wahrscheinlich hatte sie es einfach noch nicht übers Herz gebracht, das Schild abzunehmen. Als sie Bount Reiniger die Tür öffnete, schien sie im ersten Moment ein wenig verwundert zu sein.

"Sie, Mister Reiniger?"

"Ich dachte, ich schau mir mal, wie Walt Brannigan gelebt hat!"

"Kommen Sie herein!"

Bount nickte und trat in eine sachlich und sehr modern eingerichtete Wohnung.

"Was machen Sie eigentlich beruflich?"

"Ich habe einen Job in einem Makler-Büro."

"Immobilien?"

"Ja."

Bount sah sie an und meinte dann: "Ich will ganz offen sein: Bis jetzt habe noch nicht viel herausfinden können." Sie zuckte mit den Schultern. "Das wäre wohl auch etwas zuviel verlangt."

"Die Leiche ist freigegeben. Wenn Sie wollen, dann gebe ich Ihnen die Adresse eines Bekannten, der früher bei der Gerichtsmedizin war und sich dann selbstständig gemacht hat." Bount zuckte die Achseln. "Ich habe schon ab und zu mit ihm zusammengearbeitet. Wenn wirklich etwas medizinisch Greifbares übersehen wurde, das die plötzliche Wandlung Ihres Freundes erklären könnte, dann wird er es finden! Von Polizei und Staatsanwaltschaft ist in der Hinsicht wohl nichts mehr zu erwarten. Der Fall gilt als abgeschlossen, und solange nicht neue Indizien vorgelegt werden, kann auch mein Freund Rogers von der Mordkommission da nichts machen."

Sie nickte. "Gut", meinte sie.

"Hat Brannigan noch Angehörige?"

"Nur seine Mutter, soweit ich weiß. Sie wohnt in Queens."

"Das ist ja sozusagen gleich um die Ecke. Kennen Sie sie?"

"Ja, wir verstehen uns großartig."

"Das ist gut. Reden Sie mit ihr, denn sie wird ein Wörtchen mitzureden haben, was die Leiche Ihres Freundes angeht. Wenn Sie beide verheiratet gewesen wären, wäre das etwas unkomplizierter."

"Das wird schon klappen", meinte sie zuversichtlich.

"Ich würde gerne Brannigans persönliche Sachen ansehen. Er wohnte hier zusammen mit Ihnen, nicht wahr?"

"Ja." Sie bewegte den Kopf ein wenig zur Seite. "Kommen Sie mit, Mister Reiniger. Das meiste, was Sie hier sehen, stammt von ihm. Er hat hier zuvor allein gelebt. Ich bin zu ihm gezogen, verstehen Sie?" Sie führte Bount zu Brannigans Schreibtisch. "Ich habe alles so gelassen", meinte sie.

"Hat sich die Polizei das angesehen?"

"Ja."

"Ist etwas mitgenommen worden?"

"Nein. Mit Ausnahme einer Packung Beruhigungspillen und dem dazugehörigen Rezept."

"Die Schublade hier ist abgeschlossen", stellte Bount fest.

"Haben Sie den Schlüssel?"

Sie nickte. Dann drehte sie sich um und ging.

Währenddessen wandte sich Bount dem Büroschrank zu, der nicht abgeschlossen war. Er bestand aus metallenen Laden, in denen jeweils Dutzende von Hängemappen zu finden waren. Es schien sich dabei vorwiegend um technische Zeichnungen und Entwürfe zu handeln. Dazu Notizen und Berechnungen. Für jemanden, der nichts davon verstand, wirkte das wie Chinesisch.

Bount öffnete die nächste Lade und schaute flüchtig in die Hängemappen. Eine war voll mit Quittungen, die Brannigan vermutlich für die Steuer gesammelt hatte, eine andere enthielt aus Zeitschriften herausgerissene Kochrezepte. Mitten dazwischen lag ein aufgeschlagenes Buch, in dem Brannigan offenbar sehr intensiv gelesen hatte. Jedenfalls waren Passagen mit einem grellgrünen Textmarker gekennzeichnet. Bount nahm das Buch heraus und warf einen Blick auf den nach hinten geknickten Umschlag. Angstneurosen - Ursachen, Diagnose und Therapie lautete der Titel. Offenbar ein populärwissenschaftlicher Taschenbuch-Ratgeber.

Indessen war Joanne mit dem Schlüssel zurück und gab ihn Bount. Der Privatdetektiv gab ihr dafür das Buch. "Walt Brannigan hatte psychische Probleme, nicht wahr?" Sie sagte nichts. Sie nahm das Buch an sich, ohne einen Blick darauf zu werfen und nickte dann.

"Ja."

"Er war in Therapie. Ich nehme an, Sie wussten das."

"Wenn ich es Ihnen gesagt hätte, hätten Sie den Fall nicht übernommen, Mister Reiniger! Dann wäre die Sache für Sie genauso klar gewesen, wie für die Polizei!"

Bount zuckte die Achseln. "Wahrscheinlich haben Sie recht! Und vielleicht ist es noch nicht zu spät, um die Sache aufzugeben!"

"Mister Reiniger! Nur, weil jemand ein paar Probleme hat, muss er noch lange nicht zu einem Killer werden, der ohne jeden Grund auf irgendwelche Menschen schießt!"

"Paranoia ist nicht irgendein kleines Problem, Miss Carter!"

"Ich weiß. Aber Walt war nicht verrückt!" Sie seufzte. "Wie soll ich es Ihnen nur erklären?", stieß sie dann hervor. Unterdessen öffnete Bount die Schublade. "Walts Ängste hatten einen realen Hintergrund", erklärte Joanne Carter dann. Bount zog die Augenbrauen in die Höhe. "Ach, ja?"

"Vor acht Jahren ist Walt auf offener Straße überfallen worden. Er war zusammen mit einem Freund unterwegs, der dabei ums Leben kam. Die Mugger glaubten wohl, dass er irgendeinen Trick versuchen wollte und haben drauflos geschossen."

"Sie kennen die Geschichte nur aus Brannigans Erzählung, nehme ich an..."

"Was wollen Sie damit sagen? Es war ein traumatisches Erlebnis und seitdem hatte er auch die Waffe bei sich." Sie zuckte die Achseln. "Wir haben nicht oft darüber gesprochen. Es war Walt unangenehm und ich wollte nicht in der Wunde herumbohren."

"Bei wem war er in Therapie?"

"Bei einem gewissen Dr. Stanley. Aaron Stanley, glaube ich."

"Wenn Sie noch etwas wissen, erzählen Sie es mir besser. Von diesem Dr. Stanley werde ich es kaum erfahren. Der wird sich auf seine Schweigepflicht berufen!"

Sie nickte.

Bount sah sich den Inhalt der Schublade an. Er fand eine Straßenkarte von Vermont und einige zusammengerollte Bilder. Aquarelle und Kohlezeichnungen in verschiedenen Formaten. Bount zeigte Miss Carter die Blätter. "Kennen Sie die?"

"Nein. Ich wusste gar nicht, dass er sich künstlerisch betätigte."

"Die Sachen sind datiert... Ungefähr jede Woche eins."

"Ich schätze, dass er sie während seiner wöchentlichen Therapie-Sitzungen gemalt hat", meldete sich nun Joanne zu Wort.

"Haben Sie nie mit ihm darüber gesprochen, was dort ablief?"

"Nein. Und das ist jetzt die Wahrheit. Er meinte, dass das allein seine Sache sei und er damit fertig werden müsste." Einige der Bilder zeigten offenbar die Szene des Überfalls. Der tote Freund, die Mugger. Es war alles deutlich zu sehen. Dann nahm sich Bount die Karte von Vermont vor. Eine Stelle war markiert.

"Was könnte das zu bedeuten haben?", fragte Bount.

"Keine Ahnung", kam die Antwort. "Vor ein paar Wochen war Walt mal in Vermont. Ich glaube, das muss etwas mit seiner Arbeit zu tun haben. Aber über den Job haben wir nie gesprochen. Das eine feste Regel in unserer Beziehung." Zum Teufel mit dieser Regel!, dachte Bount. Ohne sie wäre es vielleicht einfacher gewesen, in der Sache voranzukommen.

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Das Ingenieur-Büro P. McGreedy war eine hervorragende Adresse im Brückenbau, wenn man den Informationen glauben schenken konnte, die Reinigers Assistentin June über diese Firma eingeholt hatte.

Als Bount am nächsten Tag dort auftauchte und die Büros im fünfzehnten Stock eines an der Third Avenue gelegenen Turms sah, schien es nicht geringsten Anlass zu geben, daran zu zweifeln.

Wer sich Geschäftsräume leisten konnte, die eine solche Top-Adresse hatten, der musste sehr gut und sehr erfolgreich sein.

Ein Mann mit dunklem Teint und dünnem Oberlippenbart reichte Bount die Hand und zeigte ihm bei seinem geschäftsmäßigen Lächeln zwei Reihen blitzender Zähne. Dieses Lächeln war gut einstudiert. Aber es sagte nichts aus, sondern war reine Maske.

"Mein Name ist Hernandez. Ich nehme an, Sie kommen von Miller Inc. und wollen die Entwürfe sehen. Man hat mir schon gesagt, dass..."

"Mein Name ist Reiniger und ich komme nicht von Miller Inc.", unterbrach ihn Bount.

Jetzt erst schien Hernandez Bount etwas genauer anzusehen. Er runzelte für einen Moment die Stirn und meinte dann: "Macht ja nichts. Vielleicht kann ich Ihnen trotzdem weiterhelfen."

"In diesem Ingenieurbüro war ein Mann namens Brannigan tätig..."

Ein Schatten flog augenblicklich über Hernandez Gesicht. Seine aufgesetzte Freundlichkeit war wie weggeblasen.

"Was soll die Fragerei? Ich dachte, die Polizei hätte dieses leidige Kapitel endlich abgeschlossen!"

"Hat sie auch. Aber ich interessiere mich trotzdem dafür."

"Sie sind von der Presse, stimmt's? Machen Sie, dass Sie rauskommen!"

"Ich bin Privatdetektiv und ermittle im Auftrag von Brannigans Lebensgefährtin. Sie kommt über die Sache nicht so leicht hinweg!"

Herandez musterte Bount abschätzig von oben bis unten und meinte dann: "Um so schändlicher von Ihnen, dass Sie aus der Geschichte noch Geld zu machen versuchen!" Er verzog das Gesicht und versuchte damit, Verachtung zu signalisieren. Aber seine Maske funktionierte diesmal nicht so ganz. Es war nicht Verachtung Bount gegenüber, die Hernandez in erster Linie empfand. Da war noch irgendetwas anderes, das viel stärker war. Bount konnte es deutlich spüren.

"War Brannigan ein guter Ingenieur?", fragte Bount.

"Schon möglich!", knirschte Hernandez. "Wissen Sie was? Bei mir sind Sie an der falschen Adresse, wenn Sie etwas über Brannigan erfahren wollen."

"Haben Sie nicht zusammengearbeitet?"

"Ich hatte kaum Kontakt zu ihm."

"Mochten Sie ihn nicht?"

"Nein." Er atmete tief durch. "Und Ihre Fragerei mag ich genauso wenig!"

Plötzlich durchschnitt eine energische Frauenstimme die stickige Büroluft und ließ die beiden Männer herumwirbeln.

"Darf ich vielleicht erfahren, worum es hier geht?" Die Frau war eine echte Schönheit. Das enganliegende Kleid zeichnete ihre perfekte Figur ziemlich genau nach. Sie hatte blondes, lockiges Haar, aber Bount schätzte, dass weder die Locken, noch die blonden Haare echt waren. Aber das machte nichts. Beides stand ihr hervorragend.

Hernandez wandte Bount noch einen recht giftigen Blick zu und ging dann wortlos davon. Bount zuckte mit den Schultern, sah ihm kurz nach und wandte sich dann dem schönen Lockenkopf zu.

"Mein Name ist Reiniger. Ich Privatdetektiv und interessiere mich für die Walt Brannigan-Story."

Sie reichte ihm die Hand.

"Pamela McGreedy."

"Draußen steht P. McGreedy. Das sind Sie?"

"Sie sind nicht der erste, den das überrascht. Das zwanzigste Jahrhundert ist zwar fast zu Ende, aber wenn eine Frau behauptet, dass sie Brücken konstruieren kann, sind viele noch immer ziemlich skeptisch."

Bount lächelte dünn. "Aber der Firma P. McGreedy scheint es trotzdem recht gut zu gehen!"

"Wir arbeiten hart dafür." Sie musterte Bount, trat etwas näher an ihn heran und sagte dann in einem ganz anderen, viel weicheren Ton: "Sie sagten, Sie wären wegen Brannigan hier."

"So ist es."

"Kommen Sie in mein Büro. Ein paar Minuten habe ich für Sie!"

Wenig später waren sie allein und als Bount ihr gegenübersaß und so hinter ihrem Schreibtisch sitzen sah, konnte er das Gefühl nicht loswerden, dass sie es war, die etwas von ihm herauszubekommen versuchte.

"Sehen Sie, Mister Brannigan war einer unserer besten Leute. Sympathisch, sehr gewissenhaft. Es ist mir ein Rätsel, was da plötzlich in ihn gefahren ist!"

"Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?"

"An dem Tag, an dem er Amok lief. Das war vielleicht so gegen Mittag. Ich bin dann noch zu einer Baustelle hinausgefahren!"

"Ist Ihnen etwas an ihm aufgefallen?"

"Nein!" Sie schüttelte energisch den Kopf. "Er war wie immer. Für wen arbeiten Sie eigentlich? Für seine Lebensversicherung?"

"Ich wüsste nicht, dass Mister Brannigan eine hatte."'

"Wer dann? Seine Freundin?"

"Kennen Sie Miss Carter?"

Sie nickte. "Ja, wir sind uns mal auf einer Party begegnet. Hören Sie, Mister Brannigan stand uns allen hier sehr nahe und die Sache hat mich persönlich tief getroffen..." Bount sah ihr gleich an, dass da noch etwas kommen musste. Sie wollte auf etwas anderes hinaus, druckste noch ein paar Sekunden herum und beugte sich dann etwas vor: "Vielleicht könnten Sie mich über den Fortgang Ihrer Ermittlungen auf dem Laufenden halten! Meinetwegen gegen entsprechendes Honorar." Bount lächelte dünn.

"Tut mir leid! Zwei Klienten in derselben Sache, das ist einer zuviel. So etwas mache ich aus Prinzip nicht!" Sie setzte das charmanteste Lächeln auf, dass sie auf Lager hatte. "Keine Ausnahme möglich?"

"Nein."

Bount erhob sich. Die Unterhaltung nahm eine Richtung, die ihm nicht gefiel. "Ich werde vielleicht noch einmal vorbeikommen."

"Tun Sie das. Und vielleicht überlegen Sie sich mein Angebot noch einmal. Ich würde finanziell nicht kleinlich sein."

"Ich frage mich, warum es Ihnen so verdammt viel wert ist. Bauen Sie eigentlich auch Brücken in Vermont?" Vielleicht eine halbe Sekunde lang stutzte sie. Dann blitzten ihre weißen Zähne bei einem Lächeln.

"Wir bauen überall Brücken, wenn uns jemand den Auftrag gibt!", erklärte sie. "Warum fragen Sie?"

"Nur so."

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6

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Pamela McGreedy atmete tief durch, nach dem der athletisch gebaute Privatdetektiv den Raum verlassen hatte. Wir hätten uns unter anderen Umständen kennenlernen sollen!, dachte sie, denn sie fand, dass er ein überaus attraktiver Mann war. Aber so standen sie und Reiniger vielleicht auf verschiedenen Seiten... Abwarten!, dachte sie, stand auf und ging zum Fenster um einen Blick hinab in das Gewimmel der Straßenschlucht zu werfen.

Als sie merkte, dass sich hinter ihr die Tür öffnete, drehte sie sich wieder herum. Es war Hernandez, der sich da in ihr Büro geschlichen hatte.

"Frank!"

"Was wollte dieser Schnüffler von dir?"

"Dasselbe wie von dir", gab Pamela kühl zurück und musterte den Mann mit dem dunklen Teint, dessen Gesichtsfarbe ein wenig blasser als üblich geworden war. Er hat keine Nerven!, dachte Pamela. Dann stellte sie sachlich fest: "Er hat Vermont erwähnt."

"Was?" Hernandez' Kinnladen fiel herunter, und er vergaß einige Augenblicke lang, seinen Mund wieder zu schließen.

"Was bedeutet das, Pam?"

"Keine Ahnung."

"Und wie hat der Kerl davon erfahren?"

Pamela hob die Arme. Sie wirkte hilflos. "Ich weiß es nicht, Frank!"

Hernandez schluckte. Seine Hände hatte er in den Hosentaschen vergraben. Er trat jetzt näher und baute sich vor Pamela auf. "Wir müssen etwas unternehmen!", meinte er.

"Nun verlier mal nicht gleich die Fassung, Frank! Wir wissen ja noch nicht einmal, wie viel dieser Reiniger überhaupt weiß..."

"Ich werde nicht tatenlos zusehen, wie..."

"Hör zu, Frank! Ich bin hier der Boss! Für mich geht es um mindestens genauso viel, wie für dich!"

"Okay, okay..."

Hernandez hob beschwichtigend die Hände. Dann fuhr er sich mit einer fahrigen Geste durch das dunkle Haar. "Ob Brannigan vielleicht noch irgendwo Material über die Vermont Sache hatte? Das würde erklären, weshalb dieser Reiniger Bescheid wusste!"

"Wenn wir jetzt etwas tun, wecken wir vielleicht nur schlafende Hunde, Frank! Nimm einen Drink oder irgendetwas anderes, das dich beruhigt und sieh zu, dass du für unsere Firma ein bisschen Geld verdienst!"

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7

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"Wie konnte man so etwas übersehen?", fragte Bount an Dr. Clifford gewandt. Clifford war ein erfahrener Mann, der fast zehn Jahre in der Gerichtsmedizin tätig gewesen war. Aber eine eigene Praxis brachte mehr Geld, als jede noch so gute Anstellung und so hatte er sich eines Tages doch noch selbstständig gemacht.

Dr. Clifford hob die Schultern.

"So etwas kann schon mal geschehen, Reiniger. Sie wissen doch, wie das an einem Tatort zugeht! Jede Menge Hektik. Und steht ein ungeduldiger Detective hinter dir und will alles mögliche wissen! Außerdem kann das, was an äußeren Anzeichen eventuell noch zu sehen war genauso gut auf die Beruhigungsmittel zurückzuführen sein, die Brannigan regelmäßig nahm."

"Aber für Sie gibt es keinen Zweifel?"

"So ist es. Walt Brannigan stand unter dem Einfluss einer synthetischen Droge. Vermutlich eine Injektion... Der kleine Einstich ist dem Gerichtsmediziner neben den schlimmen Schussverletzungen wohl nicht weiter aufgefallen. Mir ist das auch schon passiert. Wenn man eine Leiche mit mehreren Einschüssen vor sich hat, neigt jeder dazu, das Urteil schon im Kopf gefällt zu haben, bevor die Fakten da sind!"

"Kennen Sie das Zeug, das Sie bei ihm gefunden haben?"

"Nein. Aber das ist nicht verwunderlich. Diese Sachen werden heute in kleinen Labors gemixt. Am Computerschirm konstruiert man sich Moleküle mit annähernd beliebigen Eigenschaften. Die Behörden können die Stoffe kaum so schnell analysieren und verbieten, wie sie erfunden werden."

"War Brannigan süchtig?"

"Ganz ausschließen kann ich das nicht. Aber dann hätte ich größere Konzentrationen in den inneren Organen vermutet. Ich denke, dass er dieses Zeug noch nicht lange genommen hat, vielleicht sogar zum ersten Mal. Und dann ist da noch etwas." Bount hob die Augenbrauen. "Nur raus damit."

"Er hat an Armen und Beinen Blutergüsse."

"Von denen stand auch etwas im Polizeibericht. Aber der Arzt hat es darauf geschoben, dass Brannigan erstens gestürzt ist, als man ihn erschoss und zweitens vielleicht jemand versucht hat, ihn festzuhalten."

Aber Clifford schüttelte den Kopf. "Der Arzt wusste ja auch nicht, dass Brannigan mit diesem Teufelszeug vollgepumpt war..."

"Und wonach sieht das Ihrer Meinung nach aus?"

"Er wurde festgehalten und hat sich gewehrt! Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er sich die Spritze selbst gesetzt hat - so wie die Einstichstelle liegt. Meiner Ansicht nach gehört Brannigan dorthin, wo er gerade hergekommen ist. In die Gerichtsmedizin!"

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8

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Das Mega Star war ein Glitzerladen der Sonderklasse, kaum ein halbes Jahr alt und nichts für schmale Brieftaschen. Hier trafen sich Leute, die es geschafft hatten und sich in gepflegter, modern gestylter Atmosphäre amüsieren wollten.

Aber das Mega Star war auch ein Ort an dem synthetische Drogen umgeschlagen wurden. Die Drogenfahnder hielten noch still. Sie waren nicht an den kleinen Fischen interessiert, sondern wollten die großen Hintermänner.

Bount bestellte sich an der Bar einen Champagner. Die Flasche war sündhaft teuer, dafür war immerhin das Lächeln der wohlproportionierten Bedienung umsonst.

Bount saß eine Weile einfach nur da, nippte an seinem Champagner und beobachtete die Leute. Das flimmernde Laserlicht, die Musik... Das alles wirkte ermüdend und förderte nicht gerade die Konzentration. Und dann glaubte Bount plötzlich, seinen Augen nicht mehr zu trauen!

Eine Sekunde lang war er sich nicht ganz sicher, aber im nächsten Moment traf ihn die Erkenntnis wie ein Blitzschlag. Zwischen all den herausgeputzten Schickeria-Typen bewegte sich Pamela McGreedy mit der ihr eigenen Geschmeidigkeit. Sie hatte Bount noch nicht gesehen, und das war vielleicht auch besser so.

Pamelas Gesicht schien ziemlich ernst zu sein, fast angespannt. Besonders gut zu amüsieren schien sie sich nicht. Den einen oder anderen, der ihr begegnete, grüßte sie knapp. Sie war also nicht zum ersten Mal hier.

Schließlich ging sie zur Bar und sprach dort einen Mann an, dessen zurückgekämmtes Haar von der Pomade glänze, die er sich da hineingeschmiert hatte.

Was dann zwischen den beiden über die Bühne lief, war nichts anderes, als ein lupenreiner Deal. Und keiner von beiden machte sich die Mühe, es irgendwie zu verbergen. Warum auch?

Der Mann mit den Pomade-Haaren verdrückte sich dann ziemlich schnell, während Pamela McGreedy an der Bar blieb. Bount nahm seinen Champagner und ging zu ihr. Als sie ihn erkannte, schien sie nicht einmal besonders überrascht zu sein. Aber vielleicht konnte sie ihr Erstaunen auch nur besonders gut verbergen.

Jedenfalls hob sie die Augenbrauen und murmelte dann: "Welch eine Überraschung, Bount Reiniger! Ich habe Sie noch nie hier gesehen..."

"Ich war auch noch nie hier!"

Sie lächelte. "Beschatten Sie mich jetzt etwa?"

"Warum nicht?"

Sie zuckte die Achseln und lachte dann sogar. Schließlich meinte sie: "Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich über Walt Brannigan weiß."

"Ich bin inzwischen etwas schlauer geworden. Sie wollten es doch unbedingt wissen, wenn ich etwas herausgefunden habe."

"Haben Sie Ihre Meinung geändert?"

Bount grinste und zündete sich dabei eine Zigarette ab. "Ich sage es ihnen sogar umsonst, Miss McGreedy! Aber vielleicht sollten Sie erst einmal etwas von dem Zeug nehmen, dass Sie gerade von Kerl mit den fettigen Haaren gekauft haben." Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich jetzt deutlich. Sie war ärgerlich, machte aber dann doch gute Miene zum bösen Spiel. Das hatte sie in ihrem Job gelernt. "Wollen Sie auch etwas, oder warum fragen Sie?"

"Danke, nein."

"Sehen Sie, es geht in meiner Branche ziemlich hart zu. Wenn man nicht aufpasst ist man schneller weg vom Fenster, als man sich das in den schlimmsten Alpträumen vorstellen kann." Ihre Züge wurden jetzt weicher. Ein Lächeln stand plötzlich in ihrem Gesicht und umspielte ihre vollen Lippen.

"Brannigan war vollgepumpt mit einem solchen Muntermacher."

Ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung. "Ach, wirklich? Um ehrlich zu sein: Das Gegenteil hätte mich mehr überrascht!"

"Vielleicht hat er es nicht freiwillig genommen", murmelte Bount wie beiläufig.

Sie verengte ein wenig die Augen. "Was soll das heißen?"

"Das soll heißen, dass es Anzeichen dafür gibt, dass Brannigan das Zeug gewaltsam verabreicht, und er dann hinter das Steuer seines Wagens gesetzt wurde."

"Warum sollte jemand so etwas tun?" Bount spürte ihre innere Unruhe jetzt sehr deutlich.

"Um ihn zu töten. Wenn man mit so einer Dosis am Steuer sitzt, ist ein Unfall praktisch vorprogrammiert."

"Aber Walt Brannigan hatte keinen Unfall, Mister Reiniger!"

"Er ist nicht weit gefahren. Jeder reagiert anders auf diese Substanzen. Brannigans Mörder konnte nicht damit rechnen, dass sein Opfer unter einem Trauma litt und immer eine Pistole im Handschuhfach hatte..."

Pamela sah Bount nachdenklich an und meinte dann: "Sie scheinen wirklich zu glauben, was Sie da sagen!"

"Das ist noch nicht alles", fuhr Bount fort. "Das Zeug, das man bei Brannigan gefunden hat ist noch nicht lange auf dem Markt. Dreimal dürfen Sie raten, wo zum ersten Mal aufgetaucht ist!"

"Na, wo schon! Hier in diesem Laden vielleicht?"

"Ja."

Sie zuckte mit den Achseln, als würde sie das nicht weiter interessieren. Aber das Gegenteil war der Fall, Bount konnte es ihr deutlich anmerken. "Es gibt hier öfter mal etwas Neues", meinte sie wie beiläufig dazu. "Und das in jeder Beziehung." Sie hob das Glas und stieß mit Bount an.

"Wer hätte ein Motiv gehabt, um Brannigan umzubringen?"

"Sie nehmen den unwahrscheinlichsten Fall an, Mister Reiniger. Ich glaube nicht an Mord."

"Das ist inzwischen keine Glaubensfrage mehr, Miss McGreedy."

"Nennen Sie mich Pam, so wie alle anderen. Und lassen Sie uns um Gottes Willen jetzt über etwas anderes reden!" Sie trank ihr Glas aus und ließ es sich Barmixer wieder auffüllen.

"Was ist mit Hernandez?"

"Was soll mit ihm sein?"

"Er schien nicht gut auf Brannigan zu sprechen gewesen zu sein. Warum eigentlich?"

"Rivalitäten gibt es in jeder Firma. Brannigan war immer ein bisschen besser als er, das konnte er nicht vertragen. Hernandez ist Latino und glaubt immer, dass er deshalb benachteiligt würde. Aber das ist Unfug - zumindest, was unsere Firma angeht."

"Bei Ihnen gibt es auch eine gewisse Nora Gaynor, nicht wahr?"

"Von der Geschichte wissen Sie also auch schon. Sie scheinen gut in Ihrem Job zu sein."

"Ich tue mein Bestes."

"Nora arbeitet nicht mehr bei uns. Nachdem ihre Vergewaltigungsanklage gegen Brannigan fallengelassen wurde, hat sie gekündigt."

"Und was war dran an der Sache?"

Pamela zuckte die Achseln. "Keine Ahnung, was wirklich dahinter steckte. Brannigan hatte ein Alibi. Er war auf einer Feier und wurde von zwei Dutzend Menschen zu genau der Zeit gesehen, als er angeblich versucht haben soll, über Nora herzufallen." Sie trat etwas näher an Bount heran und meinte dann: "Geben Sie die Sache auf! Sie sind auf dem Holzweg."

"Es wundert mich, dass Sie da so sicher sind!"

"Ihr Ton gefällt mir nicht, Bount! Verdächtigen Sie am Ende vielleicht sogar noch mich?"

"Was wäre, wenn sich herausstellt, dass Sie haargenau denselben Stoff nehmen, der aus Walt Brannigan einen Berserker machte?"

Sie nestelte etwas an Bounts Jackenrevers herum und meinte dann kühl: "Irgendwie schmeckten die Drinks hier auch schon einmal besser!" Dann stellte sie ihr Glas auf den Tresen und ging wortlos davon. Bount blickte ihr und fragte sich, was für eine Rolle sie in Bezug auf Brannigan wirklich gespielt hatte. Jedenfalls sagte sie ihm nicht alles, was sie wusste. Bount trank sein Glas aus und sah dann den Pomade-Mann sich zwischen den Leuten hindurchschlängeln. Seinem Gesichtsausdruck zu Folge liefen seine Geschäfte nicht eben schlecht.

Der Privatdetektiv beobachtete ihn eine ganze Weile lang, Dann verschwand der Kerl schließlich durch einer Tür, durch die es zum Notausgang und zu den Toiletten ging.

Vielleicht war das eine Gelegenheit, sich mal ein bisschen mit ihm zu unterhalten. Selbst, wenn er das Zeug, das Dr. Clifford in Brannigans Leiche gefunden hatte, nicht selbst verdealte, wusste er vielleicht, woher es kam.

Bount ging ihm nach und kam durch einen engen, kahlen Flur.

Bei den Türen, die zu den Toilettenräumen führte, blieb er kurz stehen. Jemand betätigte eine Spülung und einige Sekunden später kam der Pomade-Mann aus einer der Kabinen heraus und zog dabei noch den Reißverschluss seiner Hose zu. Als er Bount in der Tür stehen sah, erstarrte er unwillkürlich und unterzog den Privatdetektiv einer knappen Musterung. Dann ging der Dealer zum Waschbecken, um sich die Hände zu Waschen. Über den Spiegel behielt er Bount dabei ständig im Auge.

"Was gibt es zu glotzen?", knurrte er.

"Du verkaufst hier Sachen zum Muntermachen, nicht wahr?"

"Bist du ein Bulle?"

"Keine Sorge", wehrte Bount ab.

Der Pomade-Mann drehte sich herum. Er trug ein ziemlich weites Jackett, aber als er sich eines der Einweg-Handtücher griff, konnte Bount deutlich die Ausbuchtung unter der Achsel sehen. Vielleicht ein Schulterholster.

"Du hast aber diesen Ton!", zischte der Pomade-Mann Bount an.

"Dann hast du dich eben verhört. Ich will mich nur ein bisschen mit dir unterhalten..."

Der Pomade-Mann schien ziemlich misstrauisch zu sein, was in seiner Branche auch sicher angebracht war. Jedenfalls griff er blitzschnell unter sein Jackett. Bount hatte diese Bewegung vorausgeahnt und so war er vorbereitet, als sein Gegenüber einen Augenblick später mit dem kurzen Lauf eines 38er Revolvers auf den Privatdetektiv zeigte.

Aber Bounts Reaktion war blitzschnell.

Er ließ den Fuß hochschnellen und kickte dem Dealer die Waffe aus der Hand. Sie fiel geräuschvoll gegen eine der leichten Kunststoffwände, die die einzelnen Toilettenkabinen voneinander trennten und hinterließ dort ein paar Kratzer. Nur den Bruchteil eines Augenblicks verging, da hatte Bount den Pomade-Mann am Kragen gepackt und grob gegen die Wand gedrückt. Ohne Revolver in der Hand, schien er sich nicht zu trauen, etwas gegen Bount zu unternehmen, denn körperlich war er dem Detektiv unterlegen.

Blitzschnell durchsuchte Bounts Linke die Taschen des Mannes. Er fand einen Führerschein auf den Namen Arnold Parker, ein Springmesser und natürlich das Stoffsortiment. Das Springmesser nahm Bount an sich, den Rest beließ er dem Kerl.

"Worum geht es?", knirschte Parker. "Wenn du nicht zu den Bullen gehörst, bist du wahrscheinlich einer von Buzzatis Bluthunden!"

Wahrscheinlich die Konkurrenz!, dachte Bount. "Hör zu!", sagte der Privatdetektiv dann. "Was du hier treibst, interessiert mich nicht sonderlich, aber ich kann dir eine Menge Schwierigkeiten machen!"

"Was willst du?"

"Eine Auskunft!"

"Schieß los!"

"Hast du zufällig etwas Neues in deinem Angebot?"

Er verzog das Gesicht. "Ich habe immer das Allerneuste. Was soll die Frage?"

"Es geht um eine Substanz, die mit der Abkürzung DSE bezeichnet wird!"

"Diese Sachen haben viele Namen!"

"Ja, aber mit dieser Substanz ist ein Mann vollgepumpt und dann hinter das Steuer seines Wagens gesetzt worden!"

"Keine Ahnung, was du meinst." Er wandte das Gesicht ab.

"Du hast sicher davon gehört!"

"Glaube ich nicht!"

"Es geht um den Amokläufer, der in einer Geschäftspassage fünf Menschen umgebracht hat!"

"Damit habe ich nichts zu tun!"

Bount packte ihn fester.

"War Walt Brannigan ein Kunde von dir?" In dieser Beziehung musste Bount sicher gehen.

"Ich kenne die Namen meiner Kunden nicht...", erwiderte Parker schwach.

Bount ließ ihn los und zog ein Foto hervor. Parker warf einen kurzen Blick darauf und schüttelte dann den Kopf. "Kenne ich nicht."

In der nächsten Sekunde bemerkte Bount mit den Augenwinkeln eine blitzschnelle Bewegung. Ehe er ausweichen konnte, war es auch schon zu spät. Ein harter Schlag traf ihn am Kopf und er taumelte zurück. Ein Tritt vor den Solar Plexus raubte ihm für den Bruchteil eines Augenblicks die Luft und ließ ihn zu Boden gehen. Dem nächsten Tritt konnte er gerade noch dadurch ausweichen, dass er sich auf den glatten Fliesen herumdrehte.

Bount sah ein paar klobiger Stiefel. Als er aufblickte, grinste ihn ein sommersprossiges, breites Gesicht an. Am Kinn war eine Narbe, die einen kleinen Halbkreis bildete. Die rotblonden Haare waren kurzgeschoren und zeigten steil nach oben. Reiniger war alles andere, als ein kleiner Mann, aber dieser Kerl überragte ihn noch um einen halben Kopf.

Er fletschte die Zähne und blieb dann wie eine versteinerte Drohung stehen. "Was wollte dieser Wurm?", fragte er an Parker gewandt.

Parker ging indessen ein paar Schritte, nahm seine Pistole wieder an sich und zupfte sich dann sein Jackett glatt. "Dürfte sich erledigt haben, Bill."

"Einer von Buzzatis Leuten?", fragte der Rothaarige. Parker zuckte mit den Achseln. "Alles andere wäre unlogisch, was immer der Kerl auch behauptet. Er wollte wissen, woher wir das neue Zeug haben." In Parkers Gesicht zeigte sich so etwas wie Triumphgefühl, als er Bount noch eines letzten Blickes würdigte. "Buzzatti will uns wahrscheinlich von unserer Quelle abschneiden..." Er lachte heiser und auf eine Weise, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte. "Aber das ist die Hose gegangen! Wir werden in Zukunft etwas mehr aufpassen müssen!"

"Was soll ich mit dem Kerl machen?", fragte der rothaarige Bill. "Umlegen?"

Unter seiner Jacke holte er eine Pistole mit Schalldämpfer hervor.

Einen Moment lang schien alles in der Schwebe zu hängen. Parker wandte sich ab, ging drei Schritte zur Tür und blieb dann stehen, ohne sich umzuwenden.

Bount erwog indessen, blitzschnell unter sein Jackett zu greifen und die Automatic herauszureißen. Aber es war zu bezweifeln, dass er schnell genug sein würde. Der rothaarige Riese beobachtete ihn äußerst aufmerksam. Nicht die geringste Anspannung von Reinigers Muskeln und Sehnen schien ihm zu entgegen.

"Umlegen macht nur Komplikationen!", meinte Parker kalt.

"Du kannst ihn ein bisschen vermöbeln, so dass er für einige Wochen im Krankenhaus liegt und wir Ruhe vor ihm haben!" Parker strich sich mit der Rechten durch seine glänzenden Haare und ging dann davon.

Die Augen des Rothaarigen musterten Bount indessen kühl. Parkers Schritte verhallten im Flur. Er schien zur Hintertür hinauszugehen.

Aber dann war da noch ein Geräusch. Es kam von der Bar her. Jemand schien eine Tür zu öffnen und den Flur entlangzugehen.

Für einen sehr kurzen Augenblick war der rothaarige Bill nicht hundertprozentig bei der Sache. Bount riss die Automatic aus dem Schulterholster und rollte sich erneut auf dem Boden herum, während der nervöse Finger seines Gegenübers abdrückte. Bills Pistole machte 'plop!' und das Projektil kratzte dicht neben Bount an den Fußbodenfliesen. Aber als der Kerl dann in den Lauf von Bounts Automatic blickte, erstarrte er.

"Keine Bewegung!", zischte Bount. "Die Waffe auf den Boden!" Die Pistole klackerte auf die Fliesen und in Bills Gesicht stand die stumme Frage, weshalb sein Gegenüber ihn nicht gleich umgelegt hatte. Er selbst hätte umgekehrt sicher nicht gezögert. Dann kam ein Mann in den Toilettenraum. Anfang sechzig, graues, schütteres Haar, ein Anzug für tausend Dollar. Er blickte auf, als er einen Schritt durch die Tür gemacht hatte, runzelte die Stirn und begriff zu spät, was hier gespielt wurde. Bill hatte ihn schon gepackt und ihn mit einer ruckartigen Bewegung wie einen Schutzschild vor seinen Körper gezogen. Bount hätte sich zugetraut, Bills Kopf zu treffen. Aber das war es nicht wert. Er sah die Angst in den Augen grauhaarigen Mannes. Bill war vermutlich ohnehin nur ein Handlanger. Und Arnold Parker, der vielleicht etwas wusste, war sicher schon über alle Berge.

Bill schleifte den Grauhaarigen hinaus den Flur, gab ihm dann einen Stoß und warf ihn Bount entgegen. Gleichzeitig setzte der Gorilla zu einem Spurt an. Bount fing den Mann im Tausend-Dollar-Anzug auf, was ihn wertvolle Sekunden kostete. Die Tür zum Hinterausgang wurde geöffnet und wieder zugeschlagen.

"Was ist hier eigentlich los?", fragte der Grauhaarige, nachdem er zweimal tief durchgeatmet hatte. Bount steckte seine Waffe weg.

"Vergessen Sie's", meinte Bount zähneknirschend.

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Joanne Carter runzelte die Stirn, als sie mit den übervollen Einkaufstüten im Arm vor ihrer Wohnungstür stand und feststellen musste, dass sie einen Spalt weit geöffnet war. Die Tür war aufgebrochen worden und es versetzte Joanne einen Stich, als sie erkannte, was es bedeutete. Jemand hatte bei ihr eingebrochen.

Innerlich fluchte sie. Mir bleibt im Moment auch nichts erspart!, ging es ihr wütend durch den Kopf. Aber zum Glück hatte sie kaum Wertsachen in der Wohnung. Für das, was wirklich wichtig war, hatte sie ein Bankschließfach. Aber das tröstete sie nicht wirklich.

Mit dem Fuß öffnete sie die Tür ganz und ging hinein. Es musste ein sehr rücksichtsvoller Einbrecher gewesen sein. Jedenfalls schien es auf den ersten Blick so, als hätte er kaum Unordnung gemacht.

Joanne stellte die Einkaufstüten im Flur ab. Eine Sekunde lang dachte sie daran, dass der Täter vielleicht in der Wohnung war. Sie lauschte, hörte aber nichts.

Sie würde trotz allem die Polizei verständigen. Das Telefon stand im Wohnzimmer, also ging sie auf direktem Weg dorthin. Sie nahm den Hörer ab und wählte die Notruf-Nummer. Während Sie wenig später einem Beamten vom Einbruchsdezernat zu schildern versuchte, was geschehen war, fiel ihr Blick auf Walt Brannigans Schreibtisch und seinen Büroschrank.

Das war es also gewesen, was der Einbrecher gesucht hatte. Dort war alles durchwühlt. Und dennoch - das Chaos hielt sich Grenzen. Wer immer auch hier gewesen war - er hatte ganz genau gewusst, was er wollte. Für den vergoldeten Füllfederhalter auf dem Schreibtisch hatte er sich zum Beispiel überhaupt nicht interessiert.

"Wir werden jemanden bei Ihnen vorbeischicken!", sagte die gestresst klingende Männerstimme am Telefonhörer.

"Tun Sie das!", erwiderte Joanne und legte auf. Sie atmete tief durch und wandte ein wenig den Kopf. Dann ließ ein Geräusch sie erstarren. Namenloses Entsetzen hatte auf einmal von ihr Besitz ergriffen. Aus den Augenwinkeln sah sie gerade noch etwas wie eine schemenhafte Gestalt und eine Bewegung.

Sie hob schützend die Hand, aber es ging zu schnell. Der Schlag war wuchtig genug, um sie hart zu Boden schlagen zu lassen. Mit dem Kopf kam sie dabei gegen die harte Kante des niedrigen Wohnzimmertisches. Einen Moment lang war sie wie weggetreten. Ihr war schwarz vor den Augen. Schwindel erfasste sie. Alles begann sich zu drehen, während ihre Rechte den Kopf berührte. Dunkel nahm sie wahr, dass sie aus einer Wunde blutete.

Sie wollte sich herumdrehen und erheben, aber bevor es soweit war, kam der zweite Schlag.

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Joanne Carter öffnete die Augen. Ein schwaches Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie Bount Reiniger sah. Sie lag in einem Krankenhausbett und hatte einen dicken Verband um den Kopf.

"Wie geht's Ihnen?", fragte Bount.

"Den Umständen entsprechend", meinte sie. "Der Arzt meinte, ich hätte Glück gehabt. Wenn der Kerl etwas fester zugeschlagen hätte, würden wir uns jetzt nicht mehr unterhalten können. Ich werde wohl noch eine ganze Weile hier in dieser Klinik bleiben müssen."

Bount nickte.

"Sind Sie sicher, dass es ein Mann war?" Sie zuckte mit den Schultern und versuchte sich aufzurichten, blieb aber doch in Kissen. Sie stöhnte etwas und fasste sich mit beiden Händen an den Kopf. "Mein Schädel hat, glaube ich, in meinem ganzen Leben noch nicht so gebrummt! Ich hoffe, das geht irgendwann wieder vorbei!"

"Bestimmt."

Sie seufzte. "Um ehrlich zu sein, Mister Reiniger: Ich habe nicht viel von dem Täter gesehen. Die Leute vom Einbruchsdezernat waren auch schon hier, um mich zu befragen. Ich konnte ihnen leider nicht weiterhelfen..."

"Aber Sie sind sich sicher, dass es ein Mann war?" Sie sah Bount etwas hilflos an. "Ich nehme es an", meinte sie.

"Hängt der Einbruch mit Walts Tod zusammen?" Bount nickte entschieden. "Das könnte durchaus sein. Seine Unterlagen sind das einzige, an dem der Täter interessiert gewesen ist."

"Wie reimen Sie sich das zusammen, Mister Reiniger?"

"Keine Ahnung. Ich weiß auch nicht genau, was fehlt. Mit einer Ausnahme. Da war eine Karte von Vermont..." Sie nickte. "Ich erinnere mich."

"Sie haben sie nicht irgendwohin getan?"

"Nein. Sie müsste dort liegen, wo Sie sie hingelegt haben, Mister Reiniger!"

"Dann hat sie der Einbrecher mitgenommen."

"Und warum?"

"Eine gute Frage. Hatte Ihr Freund in letzter Zeit in Vermont zu tun?"

"Vor einiger Zeit war er mal für zwei Tage dort."

"Hatte das mit seiner Arbeit im Ingenieur-Büro zu tun?"

"Ja. Jedenfalls hat er das gesagt. Die Sache hat ihn eine Weile ziemlich beschäftigt. Ich erinnere mich jetzt, dass er zwei Nächte über seinen Berechnungen gesessen hat."

"Worum ging es?"

"Ich habe ihn nicht gefragt. Warum auch? Für mich waren das alles nur Hieroglyphen, aber ich konnte mir ja denken, dass es um eine Brücke gehen musste. Es war auch nicht das erste Mal, dass Walt Arbeit mit nach Hause genommen hat..." Eine Schwester kam herein. Das charmante Lächeln verschwand augenblicklich, als sie Reiniger sah. "Miss Carter ist heute schon einmal befragt worden", stellte sie mit einem sehr bestimmten Unterton fest. Sie hatte ihre schlanken Arme in die geschwungenen Hüften gestemmt und wirkte sehr entschlossen. "Ich muss Sie bitten zu gehen, Lieutenant!" Bount grinste. So schnell, konnte man zum Polizei Lieutenant aufsteigen. "Eine Frage noch, Miss Carter: Sagt Ihnen der Name Arnold Parker etwas?"

Joanne überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf.

"Nein. Nicht, dass ich wüsste."

"Wie ist Ihre Dienstnummer?", forderte die Schwester indessen. "Ich werde mich bei Ihren Vorgesetzten über Sie beschweren."

"Tun Sie das ruhig", lächelte Bount.

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Während Bount hinter dem Steuer seines champagnerfarbenen 500 SL saß, meldete sich June von der Agentur aus.

"Ich hoffe du hast gute Nachrichten", meinte Bount.

"Ich habe etwas herumtelefoniert, Bount. Rutland, Vermont, so war der Name des Ortes, den Brannigan angekreuzt hatte."

"Es gibt nicht viele größere Städte in Vermont", erwiderte Bount. "Ich habe nur kurz hingesehen, aber ich glaube nicht, dass ich mich täusche."

"Die Firma P. McGreedy ist jedenfalls für eine Brückenkonstruktion in Rutland verantwortlich... Ich bin zwei Dutzend Stadtverwaltungen in Vermont durchgegangen, aber es scheint das einzige Projekt von McGreedy in diesem Staat gewesen zu sein. Doch die Brücke steht seit acht Jahren!"

"Das ist wirklich interessant", meinte Bount. "Ich frage mich, was Walt Brannigan bei einer Brücke zu suchen hatte, an der wohl kaum noch gebaut wurde..."

Eine Viertelstunde später stellte Bount seinen Wagen in der Nähe von Pamela McGreedys Privatadresse in Greenwich Village ab. Es war jetzt halb sechs. Pamela würde vermutlich bald nach Hause kommen und dann würde sie sich ein paar Fragen von Bount gefallen lassen müssen.

Wen jemand in Brannigans Unterlagen herumgewühlt und nur bestimmte Sachen mitgenommen hatte, dann gestattete das nur eine Schlussfolgerung: Der Täter war ein Fachmann. Jedenfalls, was Brücken anging, nicht so sehr, was den Einbruch betraf, denn der Trug alles andere als die Handschrift eines Profis. Die Tür war mit einem Stemmeisen geknackt worden. Plumper ging es kaum noch.

Bount hatte die Tür gerade zugeschlagen, da hörte er hinter sich eine ziemlich unfreundliche Stimme.

"Können Sie nicht lesen!", rief ein Mann aus einem Buick heraus. "Ich bin Arzt, das da vorne ist mein Parkplatz! Was glauben Sie, was passiert wenn es einen Notfall gibt und ich erst um drei Häuserblocks laufen muss, um zu meinem Wagen zu kommen! Dann tragen Sie die Verantwortung!" Bount hob beschwichtigend die Hände. "Ist ja gut!", meinte er. "Ich fahre ein Stück weiter!"

Aber der Mann beruhigte sich noch lange nicht. Er schien wirklich sehr ärgerlich zu sein. "Es ist immer dasselbe! Und immer sind es Leute wie Sie, mit dicken Karossen! Sie glauben wohl, dass die Straße Ihnen gehört! Mercedes, BMW, letztens sogar ein blauer Ferrari!"

Bount hatte schon die Hand an der Fahrertür seines SL gehabt, jetzt ging er um den Buick herum zu dem heruntergekurbelten Fenster. Der Mann schien wirklich Arzt zu sein. Auf seinem Beifahrersitz war seine halb geöffnete Tasche aus der ein Stethoskop herausschaute. Daneben eine Packung mit Einweghandschuhen.

"Sagten Sie gerade etwas von einem blauen Ferrari?" Ferraris waren nicht gerade ein Auto für Jedermann. Aber Walt Brannigan hatte einen gefahren. Einen, mit derselben Farbe. Blau.

"Was soll das? Machen Sie nun Platz und stellen Ihre verdammte Angeber-Karre woanders hin oder muss ich Sie erst abschleppen lassen?"

Bount hielt ihm seine Lizenz unter die Nase und meinte dann: "Es ist sehr wichtig, Mister! Es geht um Mord! Ich suche mir einen anderen Parkplatz, aber sagen Sie mir, wann Sie hier einen blauen Ferrari gesehen haben!"

Er atmete tief durch.

"Meine Praxis ist im zweiten Stock. Kommen Sie dort hin, dann reden wir weiter!"

Bount nickte. "Okay."

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"Der Ferrari ist am Zwölften dieses Monats hier gewesen", berichtete der Arzt, an dessen Praxis-Tür der Name Max Jeffers stand. "Ein Dienstag... Ich hatte schon den Abschleppwagen bestellt, aber als der eintraf, war der Wagen weg. Die Nummer habe ich mir auch aufgeschrieben." Der Zwölfte!, durchzuckte es Bount. Das war der Tag gewesen, an dem Walt Brannigan Amok gelaufen war.

"Um wie viel Uhr war das?"

"Halb fünf, glaube ich. Warten Sie..." Er blätterte in seinem Terminkalender herum. "Ich musste zu einem Notfall. Ein Kind mit Blinddarmreizung. Ich bin raus zu meinem Wagen und der Kerl hatte mich zugestellt, so dass ich weder vor noch zurück konnte!"

Also war Walt Brannigan vor seinem Amoklauf noch bei Pamela McGreedy gewesen. Und Pamela konsumierte vermutlich dasselbe Zeug, das aus Brannigan einen Berserker gemacht hatte...

"Ich danke Ihnen sehr", meinte Bount und wandte sich zum Gehen.

Dr. Jeffers blickte auf und fragte dann: "Was hat der Kerl denn verbrochen?"

"Er lebt nicht mehr", erwiderte Bount.

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Als Bount wenig später Pamela McGreedys Wohnungstür erreichte, kam ihm jemand entgegen, den er sehr wohl kannte. Es war Frank Hernandez, dessen Gesicht ein bisschen die Farbe verlor, als er Bount sah. Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse.

"Was machen Sie denn hier, Reiniger? Sie können das Schnüffeln nicht lassen, was?"

Bount grinste schief.

"Was dagegen?"

"Wie man's nimmt!" Hernandez' Augen verengten sich ein wenig. Er musterte Bount abschätzig und ging dann wortlos an ihm vorbei. Er hatte kaum drei Schritte hinter sich gebracht, da ließ ihn Bounts Stimme herumfahren.

"Was glauben Sie, weshalb jemand eine Landkarte von Vermont stehlen könnte, die man an jeder Tankstelle bekommen kann?"

Frank Hernandez schien wie vom Blitz getroffen. Er wollte etwas sagen, aber die Worte blieben ihm buchstäblich in der Kehle stecken.

Bount kam einen Schritt auf ihn zu. Er wusste nicht, was er getroffen hatte, aber es musste etwas sein.

"Was soll die Frage?", knurrte er dann.

"Es wird Sie wohl kaum überraschen, dass in Brannigans Wohnung eingebrochen wurde..."

"Keine Ahnung, wovon Sie sprechen..."

Bount zuckte die Achseln. "Irgendwie kann ich daran nicht so recht glauben..."

Hernandez hob den drohend den Zeigefinger. In seinen Augen funkelte es böse. "Wollen Sie mir irgendetwas unterstellen? Oder was soll das Ganze?"

"Warum verlieren Sie denn gleich die Nerven?" Es lag Hernandez wohl noch etwas auf den Lippen, aber er verkniff es sich. Er ging wortlos den Flur entlang und Bount wandte sich Pamelas Wohnungstür zu.

Er musste dreimal klingeln, ehe sie öffnete. Sie trug Jeans und einen ziemlich knappen Pullover. Aber sie sah darin genauso hübsch aus wie im formellen Büro-Dress. Sie war einfach eine ungewöhnlich attraktive Frau. Und eine Lügnerin, und zwar gar keine schlechte.

Sie schenkte Bount ein entzückendes Lächeln, als sie ihm öffnete.

"Bount Reiniger! Das ist eine Überraschung!"

"Wirklich?"

"Kommen Sie herein! Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie meine Privatadresse in Ihre Ermittlungen mit einbeziehen." Sie zuckte die Schultern. "Aber ich habe auch nichts dagegen. Wollen Sie etwas trinken?"

"Das, was Sie mir zuletzt eingeschenkt haben, war jedenfalls nicht reiner Wein!"

Bount ging hinter ihr her in die Wohnung. Als sie dann wieder ansah, war ihr keine Reaktion anzusehen. "Wovon sprechen Sie, Bount?"

"Davon, da Sie mich angelogen haben."

"Bount, ich..."

"Kurz bevor Walt Brannigan Amok lief, war er noch hier. Das ist sicher. Seine Ferrari hat da unten am Straßenrand einen Arzt zugeparkt, der ziemlich sauer war. Und ich wette mit Ihnen, dass Sie im Umkreis einer Meile der einzige Mensch ist, den er hier kannte!"

"Ich hatte gehofft, Sie wären einfach nur so hier..."

"Was wollte Brannigan kurz vor seinem Amoklauf hier?"

"Finden Sie es so ungewöhnlich, dass man sich nach Büroschluss noch auf eine Tasse Kaffee trifft?"

"Der Kaffee scheint ihm nicht bekommen zu sein."

"Er war hier, weil er mir noch ein paar Unterlagen vorbeigebracht hat, die er dringend mit mir besprechen wollte. Ich hatte Ihnen doch gesagt, dass ich Brannigan zum letzten Mal gegen Mittag gesehen habe..."

"...weil Sie dann zu einer Baustelle gefahren sind."

"Sie haben ein gutes Gedächtnis." Sie nickte. "Genau so war's, Bount!"

"Und warum haben Sie mir erst etwas anderes erzählt, als ich Sie fragte, wann Sie Brannigan zum letzten Mal gesehen haben?"

"Haben Sie eine Zigarette, Bount?"

"Warum weichen Sie mir wieder aus?"

Sie fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Sie wand sich noch, aber sie schien langsam zu begreifen, dass sie in der Klemme saß. Bount gab ihr eine von seinen Zigaretten. "Ich habe wohl einfach vergessen, es zu erwähnen", sagte sie leichthin.

Bount gab ihr Feuer.

"Wenn Sie schon lügen, dann denken Sie sich etwas Besseres aus, Pamela! Sie können mich vielleicht einmal aufs Kreuz legen, aber ein zweites Mal würde ich Ihnen das nicht empfehlen!"

"Bount, das ist alles ein Missverständnis!"

"Ach, ja?"

"Brannigan war hier. Aber er war völlig normal, als wir hier zusammen saßen!" Sie machte eine hilflose Geste und rang nach den passenden Worten. "Ich meine, es deutete nicht das geringste darauf hin, dass er kaum eine halbe Stunde später wie ein Verrückter auf Passanten schießen würde..."

"Wie kam die Droge in ihn hinein? Zufällig dasselbe Zeug, das Sie bevorzugen..."

"Von mir hatte er es nicht!"

"Ach, wirklich?"

"Warum glauben Sie mir nur nicht?"

"Als Brannigan hier her kam, war er noch Herr seiner selbst. Er konnte Autofahren und hatte keine Schwierigkeiten, den Weg vom Büro zu Ihrer Wohnung zu finden. Aber auf dem Rückweg passierte etwas, das mehreren Menschen das Leben gekostet hat!"

"Das tut mir Leid, aber ich habe nichts damit zu tun!"

"Brannigan wurde das Zeug gewaltsam eingetrichtert. Er hatte vermutlich keine Ahnung, was es war und wie es wirkte... Hatten Sie einen Komplizen, Pamela?"

"Was?" Ihre Fassung war jetzt dahin. Sie schüttelte stumm den Kopf.

"Ich nehme an, dass es Hernandez war. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie es allein schaffen konnten, Brannigan zu überwältigen..."

"Und warum sollte ich so etwas tun? Warum sollte ich meinen besten Mann in den Tod schicken?"

Sie wandte sich ab und ging zum Fenster. Ihre Finger zitterten, als sie die Zigarette zum Mund führte und hinausblickte.

"Eine gute Frage", meinte Bount.

Sie drehte sich herum und zischte: "Sie haben doch sonst auf alles eine Antwort!"

"Vermont", sagte Bount einfach nur.

"Was soll das?"

"Hernandez reagierte ganz merkwürdig, als ich ihn vorhin traf und ihm von einer Landkarte von Vermont erzählte, die bei einem Einbruch mitgenommen wurde!"

"Jetzt wollen Sie mir auch noch einen Einbruch anhängen?"

"Ihnen oder jemand anderem aus dem Ingenieur-Büro P. McGreedy. Denn derjenige, der in Brannigans Wohnung eingestiegen ist um ein Haar seine Lebensgefährtin erschlagen hätte, hat sich nur für Brannigans Unterlagen interessiert!" Sie war jetzt still.

"Das wusste ich nicht", sagte sie dann, nach einer Weile.

"Was wussten Sie nicht?", hakte Bount nach. Aber sie wich aus. Als sie aufblickte, erklärte sie: "Waren Sie schon bei der Polizei mit Ihrem Wissen?"

"Wollen Sie mich wieder kaufen?"

Sie zuckte die Achseln. "Jeder Mensch ist käuflich, Bount. Jemand wie Sie müsste das doch wissen! Bohren Sie in dieser Vermont-Sache nicht mehr herum. Mit dem Brannigans Tod hat das nichts zu tun."

"Da bin ich mir nicht so sicher. Und warum sollte ich Ihnen ausgerechnet jetzt glauben, wo Sie mir doch die Zeit nur Lügen erzählt haben?"

"Als Walt meine Wohnung verlassen hatte, stand ich noch hier am Fenster. Und ich habe gesehen, wie er sich unten mit zwei Männern unterhalten hat...!"

"Und das ist dann passiert?"

Sie zuckte die Schultern. "Ich weiß es nicht. Ich habe mich abgewandt. Es interessierte mich in dem Moment nicht, verstehen Sie? Ich konnte ja nicht, wissen, dass man Walt etwas verabreichen und ihn dann hinter das Lenkrad setzen würde."

"Haben Sie die Männer erkannt?"

"Nein", murmelte sie kopfschüttelnd. Dann meinte sie: "Sie glauben mir nicht, stimmt's?"

"Wundert Sie das?"

Sie atmete tief durch und sagte dann: "Okay, Bount! Ich werde Ihnen jetzt sagen, wie es wirklich war!" Der verzog das Gesicht.

"Ich bin gespannt!"

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"Wenn Sie mit dieser Sache zur Polizei gehen sollten, werde ich behaupten, dass diese Unterhaltung nie stattgefunden hat, Bount!"

Bount lächelte dünn. "so etwas in der Art habe ich mir schon gedacht", murmelte er.

"Sie hatten schon den richtigen Riecher", meinte sie dann.

"Es geht um die Brücke in Rutland, Vermont. Als unser Büro daran gearbeitet hat, waren wir noch ganz am Anfang... Sie können sich denken, wie das ist, wenn man als Anfänger in einen Markt hineinkommen möchte! Da geht es knochenhart zu! Kurz und gut: Uns ist in unserer Konstruktion ein Fehler unterlaufen..."

"Die Brücke steht doch schon seit Jahren", warf Bount ein. Sie nickte. "Ja, so ist es. Wahrscheinlich wäre nie jemand auf die Sache gestoßen..."

"Vorausgesetzt, sie stürzt nicht eines Tages ein!"

"Man merkt, dass Sie nichts davon verstehen, Bount!"

"Dann erklären Sie es mir!"

Sie machte sich einen Drink und bot Bount auch einen an. Aber der lehnte ab. "Es ist gut möglich, dass die Brücke zwanzig Jahre steht, ohne, dass es Grund zu Beanstandungen gibt!"

"Wenn es nicht auch die andere Möglichkeit gäbe, hätten Sie nicht solche Kopfschmerzen deswegen", sagte Bount sachlich. "Sie und Hernandez."

"Hernandez hat damals den Fehler gemacht. Und Brannigan kam darauf, weil er unglücklicher Weise die alten Pläne hervorgekramt hat, um sie als Vorbild für ein anderes Projekt zu benutzen." Sie hob hilflos die Hände. "Er bestand darauf, die Stadt Rutland zu informieren, weil er meinte, das Risiko wäre zu groß, dass das Material der Dauerbelastung nicht standhält..." Sie lächelte schwach. "Aber Risikoabschätzungen sind sowieso ein heikles Gebiet..." Sie nahm einen Schluck aus ihrem Glas und blickte Bount offen an. "Können Sie sich vorstellen, was das bedeutet hätte? Die Schadensersatzansprüche wären noch das Geringste gewesen! Wir hatten fast wieder von vorne anfangen müssen! Der gute Ruf, den P. McGreedy in den letzten Jahren sich erworben hat - er wäre dahin gewesen. Die Top Aufträge wären in den nächsten Jahren an uns vorbeigegangen. Und von Frank Hernandez hätte sich wohl kaum noch jemand eine Brücke berechnen lassen!"

"Darum ging es also hier bei Ihnen, als Walt Brannigan bei Ihnen vorbeischaute. Es hat nicht lange gedauert, nicht wahr?" Pamela nickte.

"Wir haben ihm Geld angeboten. Wir haben ihm gesagt, dass er doch auch das Schicksal der Firma mit berücksichtigen müsste. Wirklich alle Register sind gezogen worden."

"Wir?", echote Bount.

"Ja, Frank war auch dabei. Aber Walt war nur gekommen, um uns mitzuteilen, dass er sich endgültig entschieden hätte. Er war kein sehr entschlussfreudiger Mann. Fast zwei Wochen hat er die Sache vor sich hergeschoben und darauf herumgebrütet."

"Was für ein Glück für Sie, dass er nicht mehr lebt!"

"Hören Sie auf, Bount!"

Sie war jetzt wirklich zornig. "Glauben Sie, ich würde Ihnen das erzählen, wenn ich Walt umgebracht hätte? Glauben Sie, ich würde zugeben, dass Frank und ich die Gelegenheit dazu hatten, genau das mit ihm zu machen, was Sie vermuten!"

"Sie haben es nur zugegeben, als Ihnen nichts anders übrig blieb!"

Sie trat auf Bount zu und blieben nahe vor ihm stehen. Ihre vollen Brüste hoben sich und senkten sich. "Ich will, dass mir glauben, Bount!" Ein paar Locken waren ihr in die Stirn gefallen. Mit einer beiläufigen Bewegung strich sie sie zur Seite.

"Nichts lieber als das", erwiderte Bount indessen.

"Ich habe mit Walts Tod nichts zu tun!"

"Und der Einbruch?"

"Das war Frank Hernandez! Er hat einfach die Nerven verloren! Ich habe ihm noch ausdrücklich gesagt, er soll nichts unternehmen. Aber er wusste es natürlich besser, dieser Idiot!"

"Was ist passiert, nachdem Brannigan gegangen ist?" In ihren Augen leuchtete es. "Sie glauben mir also?"

"Eigentlich will ich wenigstens das Ende Ihrer Story erfahren, bevor ich mich da festlege."

"Von den beiden Kerlen da draußen habe ich Ihnen ja erzählt. Es fällt mir übrigens ein, dass einer ziemlich groß war und rote Haare hatte. Von den Gesichtern konnte ich von oben natürlich nichts sehen."

Bount hob die Augenbrauen.

"Rote Haare?"

"Ja. Ein Stoppelschnitt. Man konnte die Kopfhaut sehen. Hernandez ist dann übrigens gleich gegangen." Sie verengte ein wenig die Augen. "Warum schauen Sie mich so an, Bount?" Bount verzog das Gesicht. "Ich habe mir gerade überlegt, dass Sie mir diesmal vielleicht doch die Wahrheit sagen!" Sie hatte plötzlich ihre schlanken Arme um seinen Hals gelegt. Er spürte den Druck ihrer Brüste gegen seinen Oberkörper.

"Was wird das?", fragte Bount lächelnd. "Ein Bestechungsversuch der charmanten Art?"

"Ich möchte, dass wir uns mal wiedertreffen, wenn Sie mich nicht mehr für eine Mörderin halten!"

"Warum nicht!" Er nahm ihre Arme und löste sich von ihr.

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Frank Hernandez bewohnte ein Penthouse. Als er die Tür öffnete und Bount Reiniger vor sich sah, schlug sie augenblicklich wieder zu. Oder besser: Er versuchte es. Aber Bount hatte blitzschnell reagiert und seinen Fuß hineingestellt. Hernandez atmete tief durch. "Soll ich die Polizei rufen?", rief er. "Ich habe keine Lust, mich mit Ihnen zu unterhalten!"

"Rufen Sie ruhig die Polizei! Sie nehmen mir damit etwas ab, was ich vielleicht sonst selbst tun müsste!"

"Sie sind ein Bluffer, Reiniger!"

Bount grinste. "Ich lasse es sehr gern drauf ankommen. Sie auch?"

"Sie sind verrückt!"

"Zumindest die Jungs vom Einbruchsdezernat werden früher oder später den Weg zu Ihnen finden, Hernandez!" Bount zuckte die Achseln. "Sie hätten nicht in Brannigans Wohnung einsteigen sollen, Hernandez. Und vor allem hätten Sie Joanne Carter nicht so behandeln dürfen..."

Hernandez war ziemlich perplex.

Seine Augen sahen Bount ungläubig an und er ließ es sich auch gefallen, dass der Privatdetektiv beim Eintritt in die Wohnung drei Schritte vor ihm her ging.

"Sie reimen sich da nur irgendeine Story zusammen, Reiniger!", presste Hernandez einen Augenblick später heraus. Es klang allerdings nicht so, als wäre er selbst sonderlich überzeugt von dem, was er sagte. Seine Nasenflügel bebten.

"Ich wette, Sie haben nicht den Hauch eines Beweises für das, was Sie da erzählen!"

Bount winkte ab. "Kommen Sie mir nicht auf die Tour, Hernandez. Ich hatte ein intensives Gespräch mit Pamela McGreedy."

"Was Sie nicht sagen!"

"Sie war sehr gesprächig..."

Hernandez verzog das Gesicht zu einer wütenden Grimasse.

"Ich sagte doch, das ist alles nur Bluff!"

"Soll ich von der Vermont-Story anfangen? Von der Brücke, bei der Sie sich verrechnet haben? Von dem kurzen Gespräch in Pamela McGreedys Wohnung, in dem Sie und Pamela Brannigan erfolglos versucht haben umzustimmen. Kurze Zeit später spielte er verrückt. Vermutlich wussten Sie nichts von der Pistole, die er bei sich hatte. Sie dachten, er baut einen Unfall..."

"Das ist eine Unterstellung!", zischte Hernandez. Bount ging ein paar Schritte und sah dann zwei gepackte Koffer hinter dem Tisch stehen. "Ich sehe, Sie wollten gerade verreisen..."

"Ein paar Tage Urlaub", meinte Hernandez dazu. "Ich habe ein Ferienhaus auf Long Island und jede Menge Überstunden, von denen ich jetzt ein paar abfeiern werde."

"Wird es Ihnen zu heiß in New York City?"

"Ich habe mit dem Einbruch nichts zu tun!"

"Und mit Brannigans Tod?"

"Machen Sie sich nicht lächerlich, Reiniger!"

"Und Sie haben auch nie eine Brücke für die Stadt Rutland in Vermont gemacht, was?"

"Hat Pamela Ihnen das mit dem Einbruch erzählt?"

"Ja."

"Sie will sich doch nur selbst schützen, indem sie mich anschwärzt!"

Bount nickte. "Dasselbe habe ich mir auch gesagt!" Hernandez hob die Schultern und schien nicht ganz zu begreifen. "Und was wollen Sie dann bei mir?"

"Draußen haben zwei Kerle auf Brannigan geartet, nachdem er Pamelas Wohnung verlassen hatte. Haben Sie die angeheuert, damit sie Brannigan mit etwas voll pumpen, das ihn auf die eine oder andere Art ins Jenseits befördern würde?"

"Sie sind verrückt, Reiniger!"

"Glauben Sie mir, es wird kein besonderes Problem sein, zumindest einen der beiden aufzutreiben..."

Hernandez war ziemlich blass geworden. Bount ging zum Telefon und nahm den Hörer ab.

"Wen rufen Sie an?"

"Die Polizei. Das Einbruchsdezernat. Die werden sich freuen, wenn ich ihnen den Einbrecher präsentieren kann. Man wird die ganze Geschichte mit der Brücke aufrollen..." Hernandez hatte sich kaum merklich zur Seite bewegt. Eine schnelle Bewegung und ehe Bount die Nummer in den Apparat tippen konnte, sah der Privatdetektiv mit den Augenwinkeln den kurzen Lauf einer Revolvermündung.

"Legen Sie den Hörer wieder auf!", sagte Hernandez. Seine Waffe war ein Kleinkaliber, aber deshalb nicht weniger tödlich. Vermutlich war der Ingenieur nicht unbedingt ein routinierter Schütze. Doch Bount hatte keine Lust, es darauf ankommen zu lassen.

Stattdessen sagte der Privatdetektiv ruhig: "Sie sollten die Liste Ihrer Dummheiten nicht noch verlängern, Hernandez!" Seine Zähne blitzten, als er das Gesicht zu einer Maske verzog. "Keine Sorge, Reiniger! Ich weiß sehr genau, was ich tue! Und Sie lassen mir leider keine andere Wahl... Die Hände nach oben!"

Bount gehorchte. Die Automatic aus dem Schulterholster zu reißen wäre Selbstmord gewesen. Dazu stand Bount einfach zu sehr im Schussfeld. Keine drei Meter lagen zwischen ihm und Hernandez. Da hatte selbst ein Stümper hervorragende Chancen, etwas zu treffen.

Hernandez Arm hob sich. Die Waffe zeigte jetzt direkt auf Bounts Kopf. Der Zeigefinger spannte sich nervös um den Abzug.

Bount blieb so gelassen, wie das in dieser Lage möglich war.

"Glauben Sie, Sie können etwas gewinnen, wenn Sie mich erschießen?", fragte er.

"Jedenfalls bin ich erledigt, wenn ich es nicht tue!", erwiderte Hernandez. "Der Einbruch, die Sache mit der Brücke... Das wird mir beruflich das Genick brechen! Aber dafür habe ich nicht all die Jahre hart gearbeitet, um nach oben zu kommen. Jetzt, wo ich es geschafft habe, können Sie nicht im Ernst erwarten, dass ich das alles kampflos aufgebe!"

"Es wird auch so herauskommen...", meinte Bount, aber das schien Hernandez nicht im Geringsten zu überzeugen.

"Meinen Sie?", lachte er heiser. "Brannigans Unterlagen habe ich vernichtet, Pam wird nichts sagen, weil sie nicht so dumm ist, sich ins eigene Fleisch zu schneiden. Bleiben nur noch Sie, Reiniger! Sie würden nicht Ruhe geben, wenn ich Sie am Leben ließe!"

"So wie Brannigan!"

"Jetzt spielt es ohnehin keine Rolle mehr, was Sie denken, Reiniger!"

Hernandez Augen hielten Bount fixiert, während er ein paar Schritte seitwärts ging. Er beugte sich vorsichtig zu seiner Stereo-Anlage hinunter und stellte sie an.

Stampfender Disco-Sound dröhnte im nächsten Moment durch die Wohnung. Bount konnte sich an einer Hand ausrechnen, was nun folgen würde. Der dumpfe Rhythmus würde das Schussgeräusch des Kleinkalibers verschlucken. Hernandez drückte ab.

Aber Bount hatte damit gerechnet und sich einen Sekundenbruchteil zuvor hingeworfen, so dass die Kugel über ihn hinwegpfiff. Bount rollte sich herum, riss die Automatic heraus und rettete sich dann erst einmal hinter die massive Ledercouch.

Hernandez feuerte noch zweimal schnell hintereinander, einer ging in die Couch, der andere zerstörte eine Stehlampe. Dann tauchte Bount blitzartig seiner bescheidenen Deckung hervor und brachte die Automatic in Anschlag. Hernandez stand indessen schon halb in der Wohnungstür.

"Fallenlassen!", rief der Privatdetektiv, aber Hernandez entschied sich anders und drückte noch ein letztes Mal ab. Doch Bount war schneller. Hernandez erwischte es am rechten Unterarm, sein Schuss ging in die Decke. Ächzend rannte er davon.

Mit einem Satz war Bount über die Couch gestiegen. Er spurtete hinaus, während die Disco-Musik noch immer mit ohrenbetäubender Lautstärke vor sich hin stampfte. Hernandez hatte es geschafft, in den Aufzug zu kommen. Es gab keine Möglichkeit, ihn zu stoppen, bevor er nicht am Ziel angekommen war. Und das war vermutlich das Erdgeschoss. Bount blieben nur die Treppen. Ungefähr ein Dutzend Stockwerke lagen vor ihm und das war auch für jemanden von Bounts guter Kondition kein Pappenstiel.

Als Bount das Erdgeschoss erreichte, war der Aufzug natürlich längst dort. Aber von Hernandez war nirgends eine Spur zu sehen. Bount lief hinaus ins Freie. Mit einem schnellen Blick sondierte er die Lage und sah er Hernandez in einem Wagen sitzen. Hernandez ließ gerade den Motor an. Eine Sekunde lang trafen sich die Blicke der beiden Männer. Bount rechnete damit, dass Hernandez das Steuer seines Wagens herumreißen und sich dann in den Verkehr hineindrängen würde, um so schnell wie möglich davonzukommen.

Aber er tat etwas ganz anderes.

Er setzte den Wagen mit ruckartig in Bewegung ließ ihn auf den Bürgersteig schnellen. Einige Passanten liefen auseinander. Hernandez hielt direkt auf Bount zu.

Der Privatdetektiv rettete sich durch einen Sprung zur Seite. Er rollte herum und wollte Hernandez einen Schuss in die Reifen verpassen, aber da stand plötzlich eine Frau in der Schussbahn, die Bount entsetzt anstarrte.

Hernandez ließ den Wagen unterdessen aufheulen.

Rücksichtslos drängte er sich in den Verkehr. Jemand hupte und irgendwo berührten sich auch ein paar Stoßstangen. Hernandez fuhr wie der Teufel.

Mit quietschenden Reifen sah man ihn dann noch um die nächste Straßenecke biegen.

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"Du hast es geschafft, Bount!" Captain Toby Rogers ließ eine Mappe auf geräuschvoll den Schreibtisch fallen. "Die Akte ist wieder offen, die Ermittlungen sind erneut aufgenommen!" Bount lächelte kurz. Aber es lag kein Triumph darin. Nicht einmal Zufriedenheit, denn die Sache war noch nicht abgeschlossen.

"Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, Toby!" Rogers lachte dröhnend.

"Nein!", meinte er ironisch. "Da wir hier unter chronischer Unterbeschäftigung leiden, bin ich froh über jedes bisschen an zusätzlicher Arbeit für meine Leute!"

Seit gut zwölf Stunden wurde nach Frank Hernandez gefahndet - bislang ohne Erfolg. Inzwischen hatten die Leute vom Einbruchsdezernat Fotos von Hernandez in Joanne Carters Nachbarschaft herumgezeigt und es gab tatsächlich ein paar Zeugen, die ihn wiedererkannten. Er hatte Handschuhe getragen, was bei der warmen Witterung mehr als auffällig war. Außerdem war in seiner Wohnung das Stemmeisen gefunden worden, mit dem man die Tür aufgebrochen hatte. Winzige Farbspuren bewiesen das einwandfrei.

"Auf die Dauer hat der Kerl keine Chance", meinte Rogers.

"Er ist verwundet und wird sich irgendwo seinen Arm behandeln lassen müssen! Wir werden ihn sicher kriegen."

"Davon bin ich überzeugt!", erwiderte Bount. Rogers hob die Schultern. "Fragt sich nur, wer ihn am Ende bekommt: Wir oder die Kollegen vom Einbruch!" Bount nickte. "Auf Mord wird man ihn wohl nur schwer festnageln können..."

"Man hat etwas von diesem neuen Zeug in seiner Wohnung gefunden!", gab Rogers zu bedenken. "DSE wird es, glaube ich, abgekürzt."

"Ja, in gewissen Kreisen scheint dieser Stoff zur Zeit die Runde zu machen."

"Hernandez hatte die Gelegenheit und ein Motiv. Was will man mehr von einem Mörder, Bount?" Bount zuckte die Achseln. Dasselbe galt ebenfalls für Pamela McGreedy. Für sie sprach nur, dass sie Bount gegenüber ausgepackt hatte. Vielleicht war das aber auch nur ein geschickter Schachzug gewesen, um von sich abzulenken.

Aber da war noch eine andere Sache...

"Pamela McGreedy will gesehen haben, wie zwei Männer auf Brannigan gewartet und ihn in Empfang genommen haben... Mit einem davon bin ich wahrscheinlich schon einmal zusammengetroffen. Jedenfalls paßt die Beschreibung. So viele Riesen mit kurzgeschorenen roten Haaren gibt es nun auch wieder nicht."

Rogers legte die Stirn in Falten und lehnte sich zurück. "Was soll das für einer sein?"

"Ein Schläger. Er heißt Bill O'Mara und arbeitet für einen Mann namens Arnold Parker. Und der verkauft genau das Zeug, das Brannigan verabreicht wurde." Er grinste. "Ich war bei Hayes im Rauschgiftdezernat. Die waren ziemlich zugeknöpft, aber immerhin weiß ich jetzt, dass die beiden dort keine Unbekannten sind."

"Und wie bringst du das zusammen?"

"Vielleicht ist das Ganze nur ein Märchen von Miss McGreedy. Sie könnte den rothaarigen Bill im Mega Star gesehen haben. Dann hat sie ihn mir beschrieben, um mich auf eine falsche Fährte zu setzen. Die andere Möglichkeit ist, dass Hernandez ihn und einen zweiten Mann für ein paar Dollar angeheuert hat, um die Sache durchzuziehen..."

"...um sich nicht selbst die Hände schmutzig machen zu müssen!"

"So ist es."

Dann klingelte das Telefon auf Rogers’ Schreibtisch und er nahm ab. Als der Captain dann kurze Zeit später wieder auflegte, berichtete er: "Das war Hayes vom Rauschgift!"

"Und?" Bount verschränkte die Arme vor der Brust.

"Wir sollen O'Mara in Ruhe lassen. Die haben diesen Parker, für den er arbeitet schon seit längerem im Auge und wollen über ihn an die höheren Chargen herankommen." Er grinste.

"Das soll ich übrigens insbesondere auch dir noch einmal klarmachen - wenn ich dich das nächste Mal sehe!"

"Na, dann hast du mich eben nicht gesehen, Toby!"

"Du willst denen doch wohl nicht in die Suppe spucken, Bount! Du bringst eine Operation in Gefahr, die mit dem FBI zusammen durchgeführt wird und lange vorbereitet ist! Halt dich da besser heraus! Bill O'Mara wird mit dem ganzen Schwarm ins Netz gehen. Dann können wir ihn befragen."

"Verstehe", murmelte Reiniger.

"Es geht nicht anders, Bount!"

Bount erhob sich und wandte sich zum Gehen. Rogers hatte natürlich recht. Außerdem lag gegen O'Mara ja auch nichts Greifbares vor, wenn man von Pamela McGreedys Aussage absah. Und welches Spiel Pamela wirklich spielte, darüber war Bount sich noch nicht ganz im Klaren.

"Warum hat dieser Hayes mir das eigentlich nicht selbst gesagt?"

Rogers kam nicht mehr dazu, Reinigers Frage zu beantworten. Die Tür ging auf und einer seiner Detectives kam herein. "Was gibt es, Brian?", knurrte der Captain.

"Ich sollte Ihnen doch Bescheid sagen, sobald uns dieser Hernandez ins Netz gelaufen ist!"

Rogers sprang auf. "Wo ist er jetzt?"

"Beim Arzt."

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"Scheint, als säßen Sie ziemlich tief drin, Hernandez", stellte Rogers fest. Bount stand etwas abseits und hatte dem Verhör bisher mehr oder weniger schweigend zugehört. Es war nicht viel dabei herausgekommen. Hernandez saß auf seinem Stuhl, zupfte nervös an der Bandage an seinem rechten Unterarm herum und blickte immer erst fragend zu seinem Anwalt, bevor er einen Ton von sich gab. Über die Angaben zur Person hinaus, war das auch nicht allzuviel.

"Was den Einbruch betrifft ist die Beweislage doch ziemlich klar!", meinte Rogers, wobei er beschwörend mit den Armen wedelte. "Geben Sie es doch einfach zu!" Der Anwalt schüttelte den Kopf und Hernandez kniff die Lippen aufeinander.

"Sie waren es auch, der Brannigan dieses Teufelszeug gegeben hat, um ihn umzubringen!" Rogers versuchte, Hernandez endlich aus der Reserve zu locken. "So etwas nennt man Mord, Mister Hernandez! Und Sie hatten ein Motiv und waren am Tatort."

"Das sind Unterstellungen!", griff der Anwalt ein. Rogers achtete nicht auf ihn, sondern hielt den Blick auf Hernandez gerichtet.

"Ich habe Brannigan nicht umgebracht", murmelte er dumpf.

"Warum nehmen Sie Pamela McGreedy nicht fest? Wenn ich Motiv und Gelegenheit hatte, dann hatte sie es auch!"

"Vielleicht holen wir das noch nach", meinte Rogers kühl.

"Schließlich könnte es ja auch sein, dass Sie das zusammen durchgezogen haben...!"

Jetzt mischte sich Bount ein.

"Kennen Sie einen Mann namens Bill O'Mara?"

"Nein."

"Sagen Sie nichts, Mister Hernandez!", wies der Anwalt seinen Mandanten an. "Glauben Sie mir, es ist besser so!"

"O'Mara hat rotblondes Haar und eine Narbe am Kinn. Ich wette, Sie sind ihm schon begegnet..."

"Glauben Sie, ich habe jemanden angeheuert?"

"Wäre doch auch möglich, oder etwa nicht?"

"Ich sagte schon, ich habe mit der Sache nichts zu tun!"

"So einfach können Sie sich da nicht herauswinden!", meinte Bount.

"Das werden wir sehen!"

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Eine trübe Dunstglocke hing über dem Central Park, als Bount Reiniger hinaus aus dem Fenster seines Büros blickte und an seiner Zigarette zog. Hinter sich hörte er June hereinkommen.

"Sieht aus, als würden wir ziemlich auf der Stelle zu treten!", meinte sie.

Bount nickte. "Ja. Hernandez schweigt eisern. Ich kann es ihm noch nicht einmal verdenken."

"Glaubst du, dass er es war?"

"Nicht ohne Komplizen."

"Du denkst an diesen O'Mara?"

"Ja."

June musterte ihren Boss einen Augenblick lang und meinte dann ziemlich spitz: "Diese Pamela McGreedy scheinst du schon von deiner Liste gestrichen zu haben, habe ich recht?"

"Du irrst dich!"

Auf dem Schreibtisch hatte Bount die Bilder ausgebreitet, die Walt Brannigan für seine Therapiestunden angefertigt hatte.

"Ich hatte die Sachen hier in meiner Schublade und habe sie mir noch einmal angesehen", meinte der Privatdetektiv dazu. June lächelte nachsichtig.

"Und du glaubst, dass du durch diese Bilder der Wahrheit auf die Spur kommst?"

Bount nahm eines der Bilder heraus und zeigte es ihr. "Was siehst du?"

June nahm das Bild und runzelte die Stirn. "Vier Männer!", sagte sie dann. "Einer liegt am Boden, ein zweiter hat die Hände hoch."

"Es stellt wohl den Überfall dar, der vor Jahren auf Brannigan verübt wurde. Der mit den erhobenen Händen ist er selbst, der am Boden Liegende ist soeben erschossen worden. Und nun schau dir mal die Täter an!"

"Er scheint sehr schnell und flüchtig gemalt zu haben..."

"Er hat eine Narbe am Kinn, June!"

"Das könnte auch ein Klecks sein!"

"Richtig, wenn nur auf einer Zeichnung zu sehen wäre, dann hättest du recht. Aber Brannigan hat die Szene während seiner Therapie mehrfach gemalt. Und dieser Punkt da vorne fehlt auf keiner einzigen! Und auf zwei Bildern hat der mit der Narbe zusätzlich rote Haare!"

"Könnte Zufall sein, Bount!"

Bount Reiniger zuckte die Achseln. "Ja, aber es könnte auch heißen, dass dieser Bill O'Mara einer der Kerle war, die ihn damals überfallen haben!"

June hob die Schultern, während ihr Blick noch einmal über Brannigans Bilder glitt. "Warum sollte dieser O'Mara Brannigan nach all den Jahren umbringen?"

"Eine gute Frage June..."

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Dr. Aaron Stanley war ein Mann mit einem braunen Haarkranz. Aber sein Bart war völlig ergraut und deshalb sah er zehn Jahre älter aus, als er in Wirklichkeit war. Bount traf ihn beim Bowling - und er schien alles andere, als begeistert davon zu sein, dass ihn dabei jemand störte.

"Sie sind Reiniger? Der Kerl, dessen Assistentin dauernd mein Telefon klingeln lässt?"

"So ist es."

"Lassen Sie sich von meiner Sekretärin einen Termin geben!"

"Ich will keine Stunden bei Ihnen nehmen, sondern ihnen ein paar Fragen stellen. Es geht um Walt Brannigan."

"Ich habe der Polizei doch schon alles gesagt!" Er kniff die Augen etwas zusammen, griff nach seinem Bier und wischte sich eine Sekunde später den Schaum aus dem Bart. "Aber Sie sind Privatdetektiv, und ich wüsste wirklich nicht, was ich für Sie tun kann! Sie wollen etwas über Walt Brannigan wissen, aber Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich irgendeinem dahergelaufenen Schnüffler Auskünfte über einen Patienten von mir geben werde!"

"Ihre Diagnose war beginnende Paranoia, nicht wahr?"

Stanley legte die Stirn in Falten. "Woher wissen Sie das?"

"Das tut nichts zur Sache. Ich will keine Details aus seiner Krankengeschichte wissen. Ich suche seinen Mörder... Ihm wurde in einer hohen Dosis ein synthetisches Rauschmittel verabreicht. Dann hat man ihn hinter das Steuer seines Wagens gesetzt, damit er sich an der nächsten Kreuzung den Hals bricht. Es hätte wie ein Unfall ausgesehen..."

"Aber Brannigan hatte eine Waffe!", stellte Stanley fest.

"Das hat er Ihnen also erzählt."

"Ich habe es gehört, nachdem er..." Dr. Stanley sprach nicht weiter und zuckte mit den Schultern. Dann faltete er die Hände vor dem kleinen, aber festen Bauch, den er über dem Gürtel mit sich herumtrug. "Ich weiß nicht, wie ich Ihnen da helfen kann!"

"Wann ist Brannigan das erste Mal zu Ihnen gekommen?"

"Vor einem halben Jahr."

"Hatte das vielleicht einen besonderen Anlass?" Stanley wandte sich halb herum und murmelte: "Sie glauben doch nicht im Traum, dass ich Ihnen darauf eine Antwort gebe?" Aber Bount ließ nicht locker. "Brannigan hatte ein traumatisches Erlebnis. Er wurde vor acht Jahren überfallen, sein Begleiter erschossen. Ich nehme an, Sie haben darüber geredet!"

"Wie kommen Sie darauf?"

Bount hatte eine Mappe unter dem Arm, die er jetzt hochhob.

"Ich möchte Ihnen etwas zeigen", sagte er. "Ich schlage vor, wir gehen dort drüben zu dem Tisch!"

"Was soll das sein?"

"Bilder, die Walt Brannigan in Ihren Sitzungen angefertigt hat."

"Es stimmt, ich arbeite mit Bildern. Aber ich glaube kaum, dass die für Ihre Hände bestimmt sind!"

Darauf ging Bount nicht ein. "Er hat immer wieder den Überfall dargestellt!"

Sie gingen zum Tisch. Bount breitete Brannigans Bilder aus.

"Ich kenne die Sachen", murmelte Stanley. Die Angelegenheit schien ihn auf einmal doch zu interessieren. "Es muss ein furchtbares Erlebnis gewesen sein. Die Täter hat man nie gefasst, wie er mir sagte."

"Aber das liegt Jahre zurück, Mister Stanley! Warum ist er vor einem halben Jahr zu Ihnen gekommen? Warum nicht vorher?"

"Das ist nichts Ungewöhnliches. Manche Leute warten jahrelang und schieben ihre Probleme vor sich her oder wollen sie nicht wahrhaben! Ich erlebe das tagtäglich in meiner Praxis!"

Details

Seiten
360
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906745
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Januar)
Schlagworte
krimi doppelband

Autoren

Zurück

Titel: Krimi Doppelband #20