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Western Doppelband #2

von Alfred Bekker (Autor) U. H. Wilken (Autor)

2016 240 Seiten

Leseprobe

Western Doppelband #2

Alfred Bekker and U. H. Wilken

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2016.

Western Doppelband #2

Dramatische Western aus einer beispiellos harten Zeit. Männer im Kampf um Recht und Rache in einer Epoche, deren Gesetz der Colt schrieb. Top-Autoren des Wildwest-Roman-Genres haben diese Geschichten in Szene gesetzt. Aufrechte Männer, hinterhältige Schurken und atemberaubend schöne Frauen spielen hier die Hauptrollen.

Immer zwei Western in einem Buch!

Titelbild: Firuz Askin

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Massaker im Sommerwind

Ein Western von U. H. Wilken

––––––––

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Klappe

Der Bandit Pecos und seine Kumpane haben einen grausamen Plan. Sie wollen eine Pferdeherde der Kwahadi-Comanchen stehlen und über die nahe Grenze nach Mexiko treiben. Dass sie dabei das Dorf der Indianer überfallen und zahlreiche Menschen töten müssen, ist ihnen völlig gleichgültig. Ein schreckliches Massaker nimmt seinen Lauf, und die Mörder entkommen nach Mexiko. Nur einer ist ihnen auf den Fersen - es ist Texas Ranger Tom Cadburn. Und er wird er nicht zulassen, dass diese Verbrecher ihrer gerechten Strafe entkommen. Zusammen mit dem Timberwolf Sam erreicht Tom schließlich die mexikanische Grenzstadt Trujillo, in der sich die Banditen aufhalten. Sie ahnen nicht, dass jeder Mord irgendwann gesühnt wird...

Ein Roman aus der Zeit, als Tom Cadburn seinen Texas Ranger-Stern noch nicht einmal ein halbes Jahr trug. Spannend in Szene gesetzt von U. H. Wilken.

Roman

Gewitterdämmerung.

Dumpfes Poltern zerstörte die Stille und tobte näher. Gespenstisch tauchte der Blauschimmel auf und raste durch das Grau des ersterbenden Tages.

Unheimlich schnell trommelten die Hufe über die texanische Prärie und rissen die Grasnarbe auf. Erdbrocken wirbelten hoch. Schrilles Wiehern drang zerfetzend über die Ebene.

Tief geduckt saß ein junger blonder Mann im Sattel. Heftig schlug der Stetson am Kinnriemen auf seinen Rücken. Wild flatterte das Halstuch im Reitwind.

Texas Ranger Tom Cadburn jagte heimwärts.

Wie ein Schatten schnellte der Wolf Sam durch das wogende hohe Gras und folgte seinem Herrn durch das Zwielicht, lautlos und unsichtbar - eine Gefahr für jeden, der nicht Freund war.

Schwarze Regenwolken trieben tief über die Davis Mountains hinweg. Ferne Blitze zuckten.

Krachend durchbrach der Hengst Thunder das Gestrüpp am Rande der Prärie und knallte mit eisenbeschlagenen Hufen durch eine steinige Senke.

Da geschah es.

Ein mörderischer Schuss peitschte durch die Dämmerung.

Heißes Blei streifte den Texas Ranger und wuchtete ihn aus dem Sattel.

Wie von einer Riesenfaust getroffen, flog Tom Cadburn kopfüber in einen dichtbuschigen Strauch, überschlug sich, kippte aus dem Geäst, rollte hervor und prallte gegen einen Felsen.

Sein eiserner Wille zum Überleben trieb ihn hoch.

Halb benommen torkelte er weg und zerrte den Colt aus der Halfter. Mit staubigen Stiefeln stieß er gegen halb verwitterte und brüchige Felssteine, stolperte und brach zusammen.

Schon beim Aufpeitschen dieses hinterhältigen Schusses war der Timber Sam jäh stehen geblieben.

Dumpfes Knurren kam aus seinem mächtigen Brustkorb hervor. Drohend richteten sich die Nackenhaare auf. Grün schimmerten seine Lichter im Halbdunkel.

Sam wusste seinen Herrn und Freund in Not.

Fauchend schlugen Windböen um die Hügel. Die dichten Sträucher schüttelten und bogen sich, schienen zu tanzen. Treibsand prasselte in das Fell des Wolfes.

Geduckt glitt er auf weichen Pfoten vorwärts, stand wieder still, witterte in den Wind, setzte tastend die Pfoten - und dann schoss er wie ein Blitz los und verschwand im Gestrüpp.

Reiter preschten heran. Brutale Hände umkrallten die flatternden Zügelenden des Blauschimmels, rissen rücksichtslos am Zügel. Schmerz zuckte durch das Maul des Hengstes. Gepeinigt wieherte Thunder auf.

Ein fremder Mann schrie.

„Ich hab’ ihn!“, gellte die Stimme. „Das Pferd gehört mir!“

„Zum Teufel mit dir!“, brüllte ein anderer. „Wo ist der Kerl, dem wir eins verpasst haben? Sucht ihn! Gebt ihm den Rest, wenn noch etwas Leben in ihm ist!“

*

Stiefel stampften durch Geröll. Steine rollten in die Senke. Im grellen Licht ferner Blitze zuckten lange Schatten durch die Senke. Gewehre und Colts funkelten.

Zwei Männer hielten die Sattelpferde. Der Blauschimmel Thunder scharrte mit dem Vorderhuf und röhrte laut. Brutal wurde er festgehalten.

Sam war weg.

Tom Cadburn lag abseits und ohne Bewusstsein.

Der junge blonde Ranger hatte kaum eine Chance.

Rücksichtslos und mit der vollen Absicht zum Töten hatte einer der widerwärtig heimtückischen Halunken auf ihn geschossen - und es war ein wirkliches Wunder, dass die Kugel den Ranger nicht aus dem Leben gerissen hatte. Dennoch wurde der Streifschuss lebensgefährlich, denn Tom Cadburn konnte sich nicht wehren, er sah und hörte nichts, er wusste nicht, dass der Tod in alten staubigen Stiefeln umherschlich und nach ihm suchte.

Gewalt herrschte zwischen den Hügeln von Texas.

Diese Männer hatten in der Nähe gelagert. Um in den Besitz des Pferdes zu kommen, hatten sie gnadenlos gehandelt. Ein Pferd war ihnen wichtiger als ein Menschenleben.

In der Dämmerung verschwammen die Konturen der dunklen Hügel, der unzähligen Sträucher und der windzerzausten Bäume.

Zweige schlugen auf Toms Rücken. In der schlaffen Hand lag der Colt. Schwach zuckten die Nerven auf dem Handrücken. Blut rann über das Gesicht. Sträucher und verwittertes Felsgestein verbargen ihn  doch einer der Halunken kam immer näher.

Grüne Lichter blickten starr unter dem Gestrüpp hervor. Sam zog die Lefzen hoch, und die gelben starken Fangzähne schimmerten.

Lautlos glitt Sam aus dem Versteck hervor.

In der Ferne grollte es dumpf. Regenschauer gingen über den Bergen hernieder. Hier war es noch trocken. Die weite Prärie sah aus wie ein graues und riesiges Leichentuch.

„Habt ihr ihn noch immer nicht?“, brüllte jemand heiser und wütend. „Er kann doch nicht weggelaufen sein!“

„Hölle! Das Sauwetter kommt näher! Lasst uns doch verschwinden! Der Kerl stirbt auch ohne unsere Nachhilfe!“

Klirrend schlug Metall gegen die Felsen. Männer mit dem Mord im Herzen suchten wie losgelassene Bluthunde.

In Sam erwachte die Wildnis. Der Urinstinkt wurde lebendig und beseelte ihn. Er glitt um Sträucher und Felsen, stand still, hielt die rechte Vorderpfote angehoben, lauerte und beobachtete den fremden Menschen. Sam wusste genau, wie schlimm das lange Eisen in den Händen des Menschen sein konnte. Aber da lag sein Herr wie leblos am Boden, halb verborgen unter den Zweigen. Die Hand mit dem Colt ragte hervor.

Die wilden, heiseren und wutentbrannten Stimmen der fremden Menschen konnten Sam nicht in die Flucht jagen.

Überall knackte, klirrte und raschelte es. Heißer Atem pfiff über spröde Lippen. Kalte Augen, vom Flugsand tränend, starrten suchend umher.

Es war ein mittelgroßer Mann, der sich Tom Cadburn näherte - ein Mann, dessen Gesicht vom Hang des Bösen entstellt war. Langsam schob er sich um die raschelnden Sträucher und verharrte neben einem ächzenden Baum. Das Gewehr war etwas gesenkt.

Die Komplicen traten das Gestrüpp nieder und fluchten. Immer wieder wieherten die Pferde.

Jetzt ging der Mann genau auf Tom Cadburn zu und entdeckte die Hand mit dem Colt. Er duckte sich, versteifte den Körper und grinste bösartig.

Die kalte dunkle Mündung des Gewehrlaufes glitt dicht über den Boden, und Stahl berührte den Rücken des Rangers.

Der Mann drückte noch nicht ab.

Er hatte kein Mitleid mit dem jungen Mann vor sich am Boden. Lauernd blickte er zu den Komplicen hinüber, die sich immer mehr entfernten. Er wollte ihnen noch nicht verraten, dass er den Reiter gefunden hatte. Langsam beugte er sich über den Ranger, drückte die Zweige weg, brach sie ab und zerrte Tom Cadburn unter dem Gestrüpp hervor.

Grinsend legte er sein Gewehr ab und flüsterte Worte, die niemand hörte und die niemand hören sollte. Mit schmutzigen Händen tastete er den Ranger ab und wühlte die Rechte in die Taschen der schwarzen Kleidung. Er holte alles hervor, was Tom bei sich trug, und er hatte es auf das Geld abgesehen, auf Wertgegenstände.

Aber Tom Cadburn war ein armer Kerl, der nur ein paar Dollar und Cent besaß. Heiser fluchend, suchte der Halunke weiter.

Auf einmal hatte er das Abzeichen des Texas Rangers in der Hand und starrte darauf. In seinem Gesicht arbeitete es. Die Ranger waren gefürchtet. Auch er hatte eine plötzliche Furcht - sogar vor einem bewusstlosen Ranger. Mühsam riss er sich zusammen und unterdrückte das Gefühl der Panik und der Furcht. Er ließ die Plakette fallen und blickte in Toms Gesicht. Blut rann aus der Kopfwunde und machte das blasse Gesicht rot. Es sah schlimmer aus, als es war.

„Verdammter Mist!“, krächzte der Halunke. „Der ist ein armes Schwein. Aber ich leg’ ihn um, ich will keinen Ranger im Nacken haben!“

Er stopfte das Geld in die Tasche seiner zerschlissenen Jacke und richtete sich auf, legte an und wollte auf den Ranger schießen.

Sekundenlang hörte er ein dumpfes und drohendes Knurren. Er ruckte herum und sah noch, wie ein grauer Schatten unheimlich schnell auf ihn zukam, wie sich dieser Schatten vom Boden abhob, hochschnellte und ihn ansprang. Er kam nicht mehr zum Schuss und konnte auch nicht mehr aufschreien. Fangzähne gruben sich in seinen Nacken hinein.

Die Wildnis war stärker als dieser heimtückische und skrupellose Mann. Ein dumpfes Gurgeln kam aus seinem Hals. Das Gewehr schlug hin. Zuckende Hände griffen flatternd ins Leere. Zerfetzt stürzte er auf den Rücken und stierte mit weitaufgerissenen toten Augen ins Leere.

Sam hatte nach dem Gesetz der Wildnis gehandelt.

Er war kein blutrünstiges Raubtier. Er hatte seinen Freund und Herrn retten wollen. Und jetzt packte er zu, biss in Toms Kleidung und zerrte den Bewusstlosen weg.

Immer wieder musste Sam loslassen. Schließlich gelang es ihm, den Jackenkragen im Genick des Rangers zu fassen. Mit seiner ganzen Kraft zog er den Freund zwischen die Felsen.

Schützend blieb er neben Tom stehen und lauerte. Die Lichter funkelten. Der Rachen war geschlossen. Die buschige Rute stand fast waagerecht. Atemzüge bewegten den Brustkorb.

Zwischen den Sträuchern kam ein zweiter Halunke hervor. Der Wind schlug in Böen um die Sträucher. Staub wirbelte über die Hügel. Sams gesträubte Haare wellten sich im Wind. Die Fangzähne wurden wieder sichtbar. Der Halunke erreichte die Stelle, wo Tom Cadburn gelegen hatte, und entdeckte den Komplizen.

Wie versteinert blieb er sekundenlang stehen.

Ein dumpfes, drohendes Knurren drang zu ihm hinüber. Er zuckte heftig zusammen, blickte auf den leblosen Komplizen und schrie plötzlich wie in einem beginnenden Wahnsinn auf.

„Wölfe!“, brüllte er. „Überall Wölfe!“

Dann feuerte er um sich, schoss in das Gestrüpp hinein, jagte die Kugeln gegen die Felsen und hetzte zurück.

Fauchend schnellte Sam aus der Deckung hervor und sprang auf einen Felsen. Im fahlen Licht eines fernen Blitzes tauchte er oberhalb der bizarren Felsklippen auf und stieß ein schauriges Heulen aus.

Die Pferde der Banditen wurden verrückt, rissen an den Zügeln und bäumten sich auf. Thunder, der Blauschimmel, stand still.

Sam kannte die Menschen. Er wusste genau, was sie tun würden - und er ließ sich nur sekundenlang sehen, dann sprang er in die Tiefe. Überall krachten Waffen. Ein Bleigewitter prasselte gegen die Felsklippen. Querschläger jaulten durch die Gewitterdämmerung.

In diesem Moment erwachte Tom aus der tiefen Bewusstlosigkeit und hörte die Schüsse. Windböen verzerrten den peitschenden Knall. Stöhnend kroch er durch den Sand und sah, wie überall die Mündungsfeuer aufflammten. Er ließ sich wieder fallen und schlug mit dem Kinn in den Sand.

„Wölfe...!“

Die Stimme des Halunken überschlug sich.

Jäh tauchte Sam an einer anderen Stelle auf, ließ sich sehen und verschwand, um schon nach wenigen Sekunden abseits wieder zum Vorschein zu kommen. Für die mörderischen Halunken sah das so aus, als wären sie von einem ganzen Rudel Wölfe umstellt.

„Weg hier!“, schrie der Anführer. „Auf die Pferde! Wir brauchen nicht weiterzusuchen! Die Wölfe machen den Kerl fertig!“

Sie stürmten zu den Pferden und schossen blindlings zwischen die Strauchgruppen und Felsen. Brüllend warfen sie sich auf die Pferde. Schon rasten sie los und zerrten das Pferd des toten Komplizen und den Blauschimmel hinter sich her.

Der Hufschlag entfernte sich schnell und erstickte zwischen den dunklen Hügeln. Das schrille Wiehern des Blauschimmels verlor sich im orgelnden Wind. Im Zorn schleuderte der dunkle Himmel seine grellen Blitze zwischen die Hügel. Fernab auf einer Kammhöhe stand ein knorriger Baum in Flammen. Nur sekundenlang loderte es hell und rot auf, dann erlosch die Glut im strömenden Regen.

*

Schwankend stand Tom zwischen den Felsen. Zitternd fasste er an den Kopf und spürte das Blut, das ihm die Augen zu verkleben drohte. Er torkelte in den Wind hinein und ging in die Knie, legte den Arm um seinen Gefährten und zog den Timber an sich.

„O mein Gott", stöhnte er. und blickte auf den entseelten Halunken.

Sam fiepte und bewegte die Rute.

„Nun, mein Freund“, flüsterte Tom, „du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Der Kerl hätte mich umgebracht. Du hast richtig gehandelt, Sam. Niemand kann dir verbieten, das zu tun, was dir die Wildnis befiehlt.“

Er streichelte seinen vierbeinigen Gefährten und richtete sich dann wieder auf. Mit schleppenden Schritten ging er an den Toten heran und betrachtete ihn. Das Rangerabzeichen schimmerte am Boden. Tom hob es auf und steckte es ein. Dabei bemerkte er, dass er nichts mehr in den Taschen hatte. Sofort durchsuchte er die Taschen des Halunken und fand seine wenigen Habseligkeiten wieder, entdeckte in der Innentasche der Jacke des Halunken ein gefaltetes Stück Papier und schlug es auf.

Es war ein Steckbrief.

Der Mann, der steckbrieflich gesucht wurde, lag vor ihm.

Tom schob den Steckbrief unter seine Jacke, zerrte sein Hemd aus der Hose und riss einen breiten Streifen davon ab. Vorsichtig verband er die Kopfwunde und setzte den Stetson auf.

Sam glitt umher und wachte für Tom.

Schmerzen quälten den jungen Ranger. Er zog sich an den Felsen hoch und lehnte sich schwer an. Vor ihm war alles grau und verschwommen. Fauchend schlug der Wind in sein Gesicht und zerrte am Halstuch.

Verhallt waren die Schüsse. Patronenhülsen lagen in der Senke. Verweht war Thunders Wiehern. Flugsand wirbelte heran und fiel auf die Spuren der Pferde.

Die Regenwand schob sich näher, und dann trommelte der Regen in Toms Gesicht und wusch das Blut ab.

Benommen stand er zwischen den Hügeln und trank den Regen von den Lippen. Schwer atmete er aus, und der Atem ließ das Regenwasser vor dem Mund wegsprühen. Langsam ging er über das Geröll und hob den Colt auf. Es war jetzt so grau und verschwommen geworden, dass er das Gewehr des Halunken nicht entdecken konnte.

Auf einmal war Sam wieder bei ihm.

„Gehen wir, Sam“, krächzte Tom. „Hier können wir nicht bleiben.“

Er torkelte an dem leblosen Banditen vorbei. Er war zu sehr geschwächt, um den Toten begraben zu können. Mühsam und in stundenlanger schwerer Arbeit müsste er die Steine zusammentragen und sie über dem Toten aufschichten. Das würde auch ein kräftiger Mann, der nicht angeschossen war, nicht tun. Voller Bitterkeit ging Tom durch den Regen.

Diese Fremden hatten sein Pferd gewollt, und sie hatten es jetzt. Ein Pferd war in diesem Land soviel wert wie ein Schluck Wasser in der glühenden Hitze des Llano Estacado. Ein Menschenleben dagegen war kaum etwas wert.

Tom wollte nicht darüber nachdenken. Er musste weiterkommen und alles versuchen, um Thunder zu retten.

Der Regen zerstörte die Spuren. Von den dunklen Hügeln ergoss sich das Wasser in die Senken. Tom stapfte durch tiefe Wassermulden und schleppte sich durch die Nacht.

Wind und Regen schlugen gegen ihn. Wasser perlte an seinen Wimpern. Starr blickte er voraus.

„Such, Sam!“, krächzte er. „Such Thunder!“

Und der Timber Sam lief voraus und suchte, witterte umher und blieb immer wieder wartend stehen.

„Yeah, ich komm’ ja schon!“, keuchte Tom und lächelte verzerrt. „Lauf du mal auf zwei Beinen, Sam, dann merkst du, wie schwer das ist!“

*

„Ich - kann nicht - mehr!“ Röchelnd hockte der Mann im Sattel. Ihm war kalt. Fröstelnd krümmte er sich. Der Schmerz verkrampfte den Körper.

Die Komplicen drängten die Pferde hart heran.

„Du Narr!“, grollte einer der Reiter und starrte ihn wütend an. „Warum bist du so saublöde gewesen, he? Warum hast du dich von einem Querschläger erwischen lassen, he?“

„Wir haben - doch alle wie - die Verrückten durch die Gegend - geschossen, Pecos! Auch du! Ich hab’ eben Pech - gehabt.“

„Ich würde dir am liebsten eins in die Schnauze haun‘!“, brüllte Pecos. „Du kommst nicht mehr weit! Wir haben nicht viel Zeit mehr. Du musst zurückbleiben, Gannet. Später holen wir dich ab.“

„Bitte“, stöhnte Gannet, „lasst mich nicht allein! Die Wölfe ...!“

„Wozu hast du deine Schießeisen, Mann!“

Gannet krümmte sich heftig. Der glühende Schmerz in seiner Brust breitete sich immer mehr aus und lähmte den Körper. Er hatte das erstickende Gefühl, als würde ein Pferd mit einem Huf auf seiner Brust stehen. Er konnte nur mühsam atmen. Mit flackernden Augen sah er die Komplicen an und flüsterte: „Wenn ihr mich im Stich lasst, dann - dann seid ihr alle - verloren! Dann wird keiner von euch - dem anderen helfen, wenn er - in Not ist!“

„Quatsch nicht, du Narr!“, brüllte Pecos wütend. „Wir lassen dich nicht im Stich, aber so kannst du nicht weiter mit uns reiten! Beiß die Zähne zusammen, Gannet! Eine Viertelmeile von hier steht eine verlassene Hütte, das weißt du doch. Dort wirst du bleiben und dich ausruhen.“

Gannets Kinn fiel auf die Brust. Er nickte schwach und hielt sich am Sattelhorn fest. Die Halunken ritten weiter. Einer zog Gannets Pferd hinter sich her. Langsam ritten sie alle durch den Regen.

Der letzte Mann zerrte einen ausgerissenen Strauch am Lasso hinter sich her, und das Geäst schleifte über die nasse Spur und verwischte die Hufeindrücke.

Eine erbarmungslose Bande war unterwegs im texanischen Hügelland. Dunkel ragte die Bergkette der Davis Mountains in die Regenwolken hinein. Der Wind heulte. Feuchter Sand trieb über die Anhöhen.

Es war Sommerzeit.

Heftige Regengüsse gingen hernieder. Vielleicht regnete es sich ein. Dann würde es tagelang regnen. Für die Farmer und Rancher war das eine gute Sache. Für alle anderen aber bedeutete das ewig feuchte Kleidung, nasse Stiefel, einen aufgeweichten und morastigen Boden, Gefahr für das Reitpferd und überhaupt Tage ohne Sonne und Nächte ohne Sternenlicht.

Vor dem Reiterrudel schob sich der weite Hang in den Himmel hinein. Windböen warfen den Regen gegen die Flanke des Berges. Oben am Hang, dunkel und kaum zu erkennen, stand die alte Hütte, einst von Cowboys während der Winterzeit bewohnt.

Die Banditen ritten hart an den Hang heran und verhielten.

„Bringt Gannet rauf“, befahl Pecos.

Pecos war ein großer, bärtiger und brutaler Mann, rücksichtslos gegenüber seinen Feinden, gnadenlos gegenüber allen Menschen.

Die Komplizen waren nicht besser. Zwei Männer stiegen von den Pferden und zogen Gannet aus dem Sattel. Sie stützten ihn und schleppten ihn dann den Hang empor. Stöhnend drehte Gannet sich um.

Wie verloren starrte er in die Tiefe. Unten verharrten die Reiter. Im bleichen Licht eines zuckenden Blitzes gleißten überall die Wasser in der Bergfalte. Grau und hässlich ragten die Bäume empor. Nass und zerklüftet stießen die Felsen in die graue Regenwand hinein.

„Mein Pferd, Pecos!“

„Schon gut, Gannet - du kriegst es ja!“, rief Pecos zurück. „Hast du etwa Angst, wir würden dein Pferd mitnehmen?“

„Ja!“, schrie Gannet mit brüchiger Stimme. „Das habe ich!“

Lachend winkte Pecos ab und gab einem Komplicen einen Wink.

„Bring ihm den Gaul, Enfield! Schaff den Gaul in die Hütte. Für diese Schindmähre würden wir sowieso nicht viel Dollar kriegen.“

Der blonde Michael Enfield sprang ab und zog Gannets Pferd den Hang empor. Die beiden Komplizen hatten mit Gannet die windschiefe Hütte erreicht und brachten ihn hinein.

Staub schlug aus der Hütte. Regenfäden nässten die Türschwelle. Ein Kamin aus Felssteinen gähnte dunkel. Mehrere alte und harte Lager standen in der Hütte.

„Es ist so kalt!“, stöhnte Gannet.

„Schon gut, wir machen dir Feuer.“

„Danke, Charlie, du bist - in Ordnung.“

„Ja, bin ich, Gannet“, kicherte Charlie und bewegte ruckartig seinen Vogelkopf. „Aah, hier ist sogar noch trockenes Holz!“

Enfield zog Gannets Pferd in die Hütte und drückte es in den Hintergrund. Er löste die Sattelgurte und ließ den nassen Sattel zu Boden fallen. Währenddessen machten Charlie und der blassgesichtige, ewig schwach hustende Connery Feuer im Kamin.

Schlaff lag Gannet auf dem Lager und beobachtete die Komplicen.

„Ihr kommt doch zurück und holt mich?“

„Natürlich, Amigo!“, versicherte Charlie, blies in die Flammen und legte Holz hinein. „Pecos hält sein Wort.“

„So ein verdammter Querschläger!“, stöhnte Gannet. „Warum musste das Blei - gerade mich - erwischen!“

„Du bist gut“, hüstelte Connery. „Du wünschst dir wohl, dass es einen von uns erwischt hätte! Aber du, Gannet, du hattest eben Pech, nicht wir. Du wirst es schon überstehen.“

Flackernder Feuerschein züngelte über die Wände der Hütte. Nass stand das Pferd im Halbdunkel. An den hängenden Zügeln rann das Regenwasser hinunter. Um die Hufe bildeten sich Wasserlachen.

„Lass mal sehen“, sagte der blonde junge Enfield und trat an Gannets Lager heran.

„Sei vorsichtig“, ächzte Gannet. „Oh, ich hab’ vielleicht Schmerzen, sag’ ich dir! Ich hab' das Gefühl, als würde jemand mit einem Messer in meiner Brust rumwühlen!“

„Los, beeil dich!“, knurrte Charlie. „Mach nicht soviel Theater, Mike!“

„Ja, schon gut", entgegnete Enfield, „aber wenn du hier liegen würdest, dann wärst du bestimmt froh, wenn sich jemand von uns um dich kümmern würde.“

„Hast du das gehört, Connery? Unser Kleiner hat ein Herz für die armen Menschen!“

Unten am Hang brüllte Pecos ungeduldig. Enfield antwortete nicht. Hüstelnd verließ Connery die Hütte. Grinsend folgte ihm Charlie. Beide stiegen den Hang hinunter. Regenwasser umspülte ihre Stiefel.

„Wo ist Enfield?“, grollte Pecos und fluchte.

„Oben bei Gannet, sieht sich die Wunde an."

„Damn', wir müssen weiter!“ Neben Pecos verhielten die anderen Halunken, schwiegen und rührten sich kaum. Schwarze Ölmäntel glänzten und hielten den Regen ab. Von den alten Stetsons tropfte ständig das Wasser.

Feuerschein fiel aus der Hütte. Dunstschwaden wehten über die Bergflanke. Ungeduldig warteten die Reiter.

Sie hatten keine Angst vor den Wölfen gehabt. Ihre einzige Sorge galt den Pferden. Darum waren sie davongeritten und hatten nicht länger nach dem unbekannten Reiter gesucht, dessen Blauschimmel sie erbeutet hatten.

In der Hütte war es still.

Michael Enfield hatte die Wunde freigelegt. Die ganze Brust des Komplicen war rot und verschmiert. Enfield holte die Wasserflasche vom Sattelhorn und säuberte notdürftig die Wunde. Seine Augen flackerten, als er die Wunde betrachtete.

„Ist das Blei - noch drin?", hauchte Gannet.

„Nein“, log Enfield. „Du schaffst es, Hombre. Du bist doch ein starker und zäher Bursche, nicht wahr?“

Wieder brüllte Pecos durch das Unwetter.

„Ich muss jetzt weg, Gannet!“ Enfield legte Verbandzeug auf die Brustwunde und zog behutsam das Hemd darüber. „Bleib still liegen, Gannet, du darfst dich nicht zuviel bewegen."

Dann hastete er hinaus, schloss die Hüttentür und stieg den Hang hinunter, saß auf und folgte den Komplicen..

Sie ritten davon und blickten nicht zurück. Die Bergflanke verschwamm im Regendunst. Auf dem aufgeweichten Boden erstickte der Hufschlag.

In der Hütte flackerte das Feuer und breitete sich die Wärme aus.

Das Pferd und die Kleidung des Banditen begannen zu dampfen.

Röhrend fing sich der Wind im Kamin.

Gannet lauschte dem Wind und dem Prasseln des Regens. Er hörte, wie die Hüttenwände ächzten, wie das Dach knarrte, und er vernahm auch das monotone Tropfen des Regenwassers, das durch eine kleine Lücke im Dach eindrang.

Er fühlte sich verloren und einsam.

Der Schmerz warf ihn immer wieder zurück, wenn er versuchte, hochzukommen. Schließlich wälzte er sich auf die Seite und stöhnte unter den heftigen Schmerzen wild auf.

Im Kamin brannte das Holz ab und wurde zur Glut, und graue Asche überzog langsam die glimmenden Holzscheite.

Mühsam rollte Gannet sich vom Lager und schwankte zum Kamin, warf Holz nach und kehrte zum Lager zurück.

Er legte Gewehr und Colt neben das Lager und schloss die Augen.

Das Fieber kam.

*

Tom Cadburn blieb zäh auf den Beinen.

Hart und grausam klopfte der Schmerz im Kopf, und immer wieder musste er stehenbleiben und sich ausruhen.

Sam lief ständig um ihn herum und sorgte für seinen Schutz. Mit sicherem Instinkt fand das prächtige Tier immer wieder die Spur. Sam, im fernen Montana aufgewachsen, hatte sich längst hier in Texas an die Landschaft gewöhnt, an Staub, Hitze und Sand. Aber wie oben im Norden, so gab es auch hier Prärien, Berge, Wälder und tiefe Täler, und in manchen texanischen Landstrichen war auch noch die Wildnis zu Hause.

Der Timber würde immer dort sein Zuhause haben, wo Tom Cadburn war. Eine unverbrüchliche Freundschaft bestand zwischen Tom und seinem Wolf.

Und Sam war auch zugleich die gefährlichste Waffe des jungen blonden Rangers im erbitterten Kampf um Recht und Ordnung, im rauen, zermürbenden und höllisch gefährlichen Kampf gegen Banditen, gewissenlose Revolvermänner und skrupellose Waffenhändler.

Die Truppe der Texas Ranger unter ihrem Captain McNelly lebte und ritt im ständigen Einsatz. Sie hatte viele Gegner. Und sie hatte die heißeste Grenze aller Staaten. Jenseits des Rio Grande del Norte und des Rio Bravo begann Mexiko.

Tom wusste, dass er es auch zu Fuß schaffen musste. Weit und breit gab es keine Ranch oder Farm, auf der er Hilfe finden könnte.

So ging er immer weiter.

Und Sam streifte suchend und witternd umher und tauchte alle paar Minuten vor Tom im Regendunst auf.

Der Ranger ahnte nicht, dass die Halunken einen Komplizen zurückgelassen hatten, der von einem ihrer Querschläger getroffen worden war.

Im heulenden Wind und im prasselnden Regen schwankte er durch die Nacht. Er war längst völlig durchnässt. Wäre es Tag und so heiß wie sonst, dann hätte Tom Höllenqualen durchstehen müssen.

Der Regen war gut für ihn.

Und irgendwann nach Mitternacht schleppte er sich in die Bergfalte hinein und ließ sich unter einer Fichte nieder. Stöhnend legte er den Hinterkopf gegen den harzigen Stamm und schloss die Augen.

Sam lief davon.

Springend und gleitend bewegte er sich die Bergflanke empor und erreichte die Hütte, schlich an den Wänden entlang und roch.

In der Hütte stampfte ein Pferd.

Der Wolf witterte das Pferd und huschte davon.

Wenig später blieb Sam vor Tom stehen und berührte ihn mit der rechten Vorderpfote. Behutsam kratzte er Toms Knie.

„Was hast du, Sam?“, flüsterte Tom erschöpft. „Willst du weiter? Ich kann noch nicht.“

Der Wolf winselte und knurrte, warf sich herum, lief ein paar Yard, blieb stehen, sah Tom an und kehrte zurück - und wieder lief er weg, wartete und bewegte die Rute.

Langsam hob Tom den Blick an und entdeckte die Hütte am Hang.

Stilles Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Du suchst einen trockenen Platz, nicht wahr? Ja, den kann ich auch gut gebrauchen, Sam. Dann wollen wir mal...“

Er zog sich hoch, lehnte einen Atemzug lang, am Baumstamm, dann stapfte er los und durchquerte die Bergfalte.

Sekundenlang dachte er an Thunder und biss die Zähne zusammen. Niemals würde er auf Thunder verzichten und den Blauschimmel vergessen wollen. Ein Pferd hatte eine Seele, und es litt bestimmt unter fremden Menschen. Die Halunken waren bösartig, sie würden Thunder nicht gut behandeln.

Längst war Tom sich darüber klar geworden, dass seine Gegner vor nichts zurückschreckten. Es mussten fast ein Dutzend Männer sein, die ihn um ein Haar umgebracht hätten.

Dunkel ragte die regennasse Hütte empor. Kein Lichtschein fiel durch die Bretterfugen.

Sam wartete vor der Hüttentür. Sein Fell war nass und vom Wind zerwühlt. Die Lichter leuchteten grün im Halbdunkel.

Schwankend kam Tom näher.

Dicht vor der Tür blieb er stehen und atmete rasselnd. Vor Schmerz wurde ihm beinahe schlecht. Er fühlte sich übel. Langsam legte er die Hand auf den nassen Kolben des schweren Colts.

Berstender Donner ließ das Bergland beben. Fahl und fauchend fuhr ein Blitz über die Anhöhen und zertrümmerte einen einsamen Baum. Äste flogen zur Seite.

Schlagartig war es wieder dunkel.

Sam knurrte warnend, als Tom nach der Tür griff.

Regen trommelte gegen die Tür und in Toms Nacken. Schauer schüttelten den Ranger. Windböen fauchten um die Hütte. Herdrauch war zu riechen.

Tom verengte die Augen und zog behutsam den Riegel aus der Halterung. Er musste vorsichtig sein, denn mit diesem Riegel bewegte sich gleichzeitig auf der Innenseite der Tür der andere Riegel mit - und das könnte gesehen werden.

Die Tür ließ sich jetzt öffnen. Tom wartete und horchte gespannt. Kein Laut warnte ihn.

Er hockte sich hin und zog die Tür zu einem Spalt auf.

Kein Schuss krachte. Dumpf schnaubte ein Pferd.

Und lautlos glitt der Wolf in die Hütte.

*

Das Pferd begann zu toben und keilte aus. Die Hufe krachten gegen die Bretterwand. Schrilles Wiehern riss den Banditen Gannet hoch. Trotz des Fiebers griff er zur Waffe, konnte in diesen Sekunden noch die Gefahr erkennen, stierte durch die Hütte.

Ein Schatten schnellte auf ihn zu.

„Wölfe!“, schrie er entsetzt. „Wölfe ...!" Und dann schoss er wie irre auf den Schatten - doch er verfehlte Sam, jagte das Blei in den Boden und röchelte im Pulverdampf.

Sekundenschnell war der Wolf am Lager und rutschte darunter, und Gannet wusste nicht, wo der Wolf war. Zitternd hockte Gannet auf dem Lager. Regenschauer peitschten, vom Wind getrieben, in die Hütte. Im Kamin flackerten die Flammen aus der Holzglut empor. Das Pferd tobte und zerstörte die Schlafstellen auf der anderen Seite der Hütte. Staub wallte, Bretter brachen, Decken zerfetzten. Draußen flammte ein Blitz auf. Sekundenlang war es in der Hütte still. Das grelle Licht zuckte in jede Ecke hinein und blendete Gannet.

Jetzt raste das Pferd aus der Hütte.

Tom griff nach dem wild schlagenden Zügel und bekam ihn in die Hand. Das Pferd riss ihn mit. Seine Stiefel rutschten über den Hang.

Hart schlugen seine Beine gegen einen Baumstumpf. Dennoch ließ er nicht los. Dieses Pferd konnte seine Rettung bedeuten. Eisern krallte er die Hände um den Zügel. Das Pferd raste zwischen die Bäume und geriet in Gestrüpp hinein. Die Dornen der Comasträucher rissen den Pferdekörper blutig. Schrill wiehernd richtete das Pferd sich auf. Tom stemmte die Beine in das Wurzelwerk eines Strauches und riss das Pferd zurück. Blitzschnell schlang er die Zügelenden um einen Baumstamm.

Dann fiel er um.

In der Hütte kauerte Gannet auf dem Lager und hielt den rauchenden Colt. Der Lauf zeigte auf die Tür. Gannet hatte furchtbare Angst. Er wollte das Lager verlassen, doch die Furcht vor dem Wolf lähmte ihn. Er starrte mit fiebrigen Augen umher und suchte nach dem Wolf.

Flach lag Sam unter dem Lager. Er spürte jede Bewegung des Menschen und sah die vorgestreckte Hand mit der Waffe.

Das Fieber wütete in Gannet.

Er kippte zur Seite weg und sackte auf das Lager zurück. Alles wurde ein böser Traum für ihn. Er sah dämonische Gestalten auftauchen und hörte sie schrill lachen, und er schoss, bis die Waffe leer war.

Das Klicken verriet es.

Und Sam kroch unter dem Lager hervor und tauchte dicht am Rand des Lagers auf.

Gannet sah den Wolf und schrie gellend auf.

Als er nach dem Gewehr am Boden greifen wollte, biss Sam zu, ließ aber sofort wieder los. Wimmernd fuhr Gannet zurück. Er war dem Wahnsinn nahe. Die Wunde blutete wieder heftig. Er wollte handeln, irgend etwas tun, um sich zu retten, doch ein Schwächeanfall ließ ihn erschlaffen.

Wehrlos lag er vor Sam, starrte trübe und zitternd gegen die Wand und gab auch innerlich völlig auf. Das Fieber ließ ihn gleichgültig werden, furchtbar teilnahmslos, als ginge ihn das alles hier in der Hütte nichts mehr an.

Draußen schwankte Tom näher. Dornen zerschrammten die Stiefel. Hart pulste das Blut im Kopf. Er atmete schwer und erreichte die Hütte. Sam knurrte. Langsam schob Tom sich durch die Tür und erreichte das Lager. Erst jetzt senkte er den Colt.

Bewusstlos lag Gannet vor ihm, vom Fieber ausgehöhlt.

Tom stieß die Waffen des Banditen durch die Hütte und unter die anderen Schlaflager, nahm eine der alten mürben Decken und ging hinaus.

Er warf die Decke über den Kopf des Pferdes und verknotete sie. Dann löste er den Zügel und brachte das Pferd in die Hütte zurück. Das Pferd brach nicht aus. Es konnte Sam nicht wittern und nicht sehen.

Mühsam schloss Tom die Tür, ging zum Kamin, warf Holz nach und lehnte sich schwer an.

Lange betrachtete er das eingefallene und fleckige Gesicht des Banditen. Nach dem Toten war dies der zweite Mann der Bande, den Tom sah. Er wusste nichts über die Bande und kannte die anderen nicht, und er wusste auch nicht, was diese Halunken vorhatten.

Der lange schwere Marsch durch morastweichen Boden, über Felsen und Geröll hinweg, durch Senken und über Hügel hatte Tom so sehr angestrengt und ihn so viel an Kraft gekostet, dass er jetzt langsam abwärts rutschte und sich zu Boden setzte.

Er versuchte, bei Bewusstsein zu bleiben. Sam glitt vor dem Lager des Banditen auf und ab wie ein eingesperrter Tiger. Unablässig trommelte der Regen. Fauchend schlugen die Flammen im Kamin hoch und leckten in den Abzug hinein. Windböen drückten auf das Dach. Funken tanzten aus der Glut. Das Unwetter brüllte.

Leise und verworren sprach Gannet vor sich hin. Was er im Fieber sagte, war wirres Zeug, doch manchmal hatte es auch einen Sinn.

Tom kam hoch und schwankte zum Pferd, holte Verbandszeug aus der Satteltasche und löste den Hemdfetzen vom Kopf. Er legte den Verband an und nahm dann einen Schluck Wasser aus der Blechflasche. In der Satteltasche entdeckte er auch Proviant. Er setzte sich auf ein Lager, und Sam kam heran und streckte sich neben ihm auf dem Lager aus. Beide stärkten sich mit dem Proviant.

Gannet stöhnte und sprach weiter.

„Pferde - viel Dollar - nein, nein, nicht - schießen - nicht! Grenze - ich sag’ es - doch - Mexiko...“

Steif und zerschunden, nass bis auf die Haut, richtete Tom Cadburn sich auf. Er trat gegen die Tür und öffnete sie. Gewitterleuchten blendete ihn. Über den texanischen Bergen und Hügeln, über den öden und verlassenen Tälern und über der Prärie tobte die nasse Gewalt des Himmels.

Er wollte nicht, dass der Vorsprung der Bande noch größer wurde.

Darum zerrte er das Pferd aus der Hütte, stiefelte nach einem Baum hin, befestigte den Zügel und holte dann den Sattel. Sam lief ihm nach. Vom Baum tropfte es schwer herunter. Der Wind spielte mit der Tür der Hütte und drückte sie hämmernd gegen die brüchige Bretterwand.

Noch einmal ging Tom in die Hütte. Er holte das Gewehr des Mannes hervor und sah dann ernst auf den Fiebernden.

„Du hast keine Chance, Mann“, murmelte er. „Deine guten Freunde hätten dir rechtzeitig noch helfen können - ich kann es nicht mehr.“

Langsam und etwas bedrückt verließ Tom die Hütte.

Er hatte keine andere Wahl - er musste den todkranken Banditen zurücklassen. Wenn Außenseiter der menschlichen Gesellschaft den Trail der rauchenden Colts einschlugen, wenn sie als Banditen durch das Land ritten und mordend und plündernd über die Heimstätten sesshafter Menschen herfielen, dann mussten sie damit rechnen, elendig umzukommen.

Gannet war einer dieser Todgeweihten, zum Sterben verdammt.

Tom stieg auf das Pferd und ritt den Berghang hinunter. Überall sprudelten die Wasser, legten die Wurzeln bloß und zerrten Sträucher in die Tiefe. Blitze jagten durch die Schwärze des Himmels und suchten sich willkürlich ein Ziel. Berstender Donner tobte über den Texas Ranger hinweg.

Schaurig heulte Sam in den Sturm hinein.

Jäh war es taghell. Aus der unendlichen Weite des Himmels fuhr ein Blitz in die Tiefe und traf die Hütte. Alles platzte auseinander und brannte. Ein qualmender Trümmerhaufen blieb von der Hütte übrig.

Das Pferd des Banditen trug Tom durch die Nacht.

Der graue Regenvorhang schlug windgepeitscht hinter Cadburn und seinem Wolf Sam zusammen.

*

Sie jagten wilde Pferde.

Sie hatten schon hoch oben auf der Mesa nach Mustangs gejagt und waren nun seit Wochen im Grenzgebiet. Irgendwo in diesem zerklüfteten Land hielt sich ein Rudel wilder Pferde verborgen. Es war in die unwegsame Bergregion geflüchtet, weil zu viele Männer Jagd auf Pferde machten.

Jeder Mann im Westen brauchte ein Pferd.

Rancher und Cowboys, Farmer, Sheriffs, Marshals. Indianer und Soldaten. Whisky-Peddler, die mit ihren knarrenden Wagen durch verbotenes Gebiet zogen und Branntweinfusel in die entlegensten Ecken brachten. Und auch die Raureiter, die Texas Ranger, brauchten Pferde.

Regen rann über die Planen der alten zerschlissenen Zelte.

Hinter Windfangplanen flackerten Lagerfeuer im Sturm.

Männer kauerten in den Zelten und an den Feuern.

Indianer, die die Kleidung der Weißen trugen.

Sie gehörten schon nicht mehr einem Stamm an. Sie wollten wie weiße Männer ihr Geschäft machen.

Es waren Pferdefänger.

Und sie waren nicht allein. Wenn sie ihr Lager abbrachen und weiterzogen, dann nahmen sie ihre Frauen und Kinder mit.

An diesem grauen und regnerischen Morgen tönte eine laute Stimme durch das Lager und weckte Laredo.

Laredo war erst siebzehn und ein freier Kwahadi-Comanche. Er lebte elternlos unter den Pferdefängern und hoffte, dass ihn die Männer eines Tages mitnehmen würden.

Geduckt ging er durch das Zelt und kroch halb hervor. Der Regendunst traf sein dunkelbraunes Gesicht. Sein langes schwarzes Haar wurde durchnässt. Er sah, wie der Herr des Lagers nach seinen Männern rief. Tauankia war der Anführer, ein fast schon ergrauter, aber dennoch zäher, starker und entschlossener Indianer, dessen Wort Gesetz war.

Tauankia rief die Männer zu sich, und sie standen im Regen und hörten zu, was er ihnen zu sagen hatte.

Danach liefen sie alle weg und holten ihre Pferde. Sie versorgten sich mit Proviant, schwangen sich auf die Pferde und folgten Tauankia. Das Reiterrudel donnerte durch das kleine Tal und verschwand.

Der junge Laredo wusste, dass die Männer wieder einmal nach den wilden Pferden suchen wollten.

Sicherlich hatten die Wildpferde vor dem Unwetter Schutz gesucht  irgendwo in einem Canyon, wohin der Wind und der Regen nicht vorstieß.

Laredo griff zum alten Büffelfell, warf es sich über die Schultern und verließ das Zelt.

Einsam stand er im Lager und hörte die Stimmen der Squaws, die Rufe der Kinder und das Weinen der Babys.

Auf einmal kam ein dreijähriger Knirps aus einem Zelt hervor und watschelte barfuß durch die großen Pfützen.

Laredo lächelte und lief zu dem Kleinen, hob ihn auf die Arme und sprach zu ihm. Der Kleine kicherte und stieß glucksende Laute des Vergnügens aus.

Die Squaw kam heran und nahm Laredo den Jungen aus den Armen.

„Der Regen ist nicht gut für ihn, Laredo“, sagte sie mit dunkler Stimme. „Möchtest du nicht an unserem Feuer Platz nehmen, Laredo?“

Er schüttelte den Kopf und antwortete: „Ich will Jäger werden und nicht im Kreis schnatternder Weiber hocken. Und der Regen schadet Grashüpfer nicht. Er braucht den Regen wie die Blume das Wasser.“

„Tonto“, sagte sie auf mexikanisch, „Dummkopf.“

Dann trug sie ihren Jungen in das Zelt zurück, und Laredo war wieder allein. Langsam ging er durch das Lager und raffte das Büffelfell vor der Brust zusammen.

Längst waren die Jäger weit fort.

Träumend schritt Laredo den Talhang empor und verharrte zwischen den Felsen. Vielleicht hatten die Männer diesmal Glück und fanden die wilden Pferde. Er wünschte es ihnen. Für Pferde wurde ein hoher Preis gezahlt. Hier in Texas und auch drüben in Mexiko.

Auf einmal glaubte der junge Laredo das Heulen eines fernen Wolfes zu hören. Horchend beugte er sich vor. Alle Täler lagen unter dem Dunst. Er konnte nur ein paar verkrüppelte Bäume sehen, die sich im Wind heftig bogen und schüttelten.

Vergebens wartete er auf die Stimme des fernen Wolfes.

Grau und lichtlos war der Himmel an diesem Morgen, und Laredo begann, sich nach der Sonne zu sehnen. Er liebte den blauen texanischen Himmel, die klare Weite, die warmen Winde des Südens.

Fröstelnd kehrte er um.

Das Unwetter war wie ein düsterer Schatten, der das Unheil ankündigte. Aber Laredo dachte an nichts Böses. Er verkroch sich in seinem Zelt und schürte das Feuer.

Nur allmählich ließ der Regen etwas nach.

*

Sam blieb wieder einmal stehen. Tom konnte ihm auf dem Pferd des Banditen nicht so schnell folgen. Würde Tom Thunder reiten, dann wäre alles anders, und Sam müsste sich dann schon anstrengen, um das scharfe Tempo durchzuhalten.

Es regnete schwach. Vor Tom öffnete sich eine Hügelfalte. Dunkel gähnte sie ihn an. Regendunst nahm ihm die Sicht. Wenig später roch er Rauch. Der Wind trieb ihm den Geruch entgegen.

Sofort war er äußerst wachsam und vorsichtig.

Längst ritt er nicht mehr in jene Richtung, die ihn zu den anderen Rangern geführt hätte. Ranger Captain McNelly würde wohl sehr lange auf seine Rückkehr warten müssen.

Das Hauptquartier der Ranger war Toms Zuhause.

Er dachte jetzt nicht daran. Er konnte auch nicht an die anderen Menschen denken, die ihm begegnet waren und sein Dasein verändert hatten. Vor ihm lauerte die Gefahr und zwang ihn zu ständiger Wachsamkeit und zu ewigem Misstrauen.

„Bleib, Sam!“, rief er nach vorn.

Der Wolf blieb stehen, bis Tom herangeritten war. Langsam näherten sie sich der dunklen Hügelfalte.

Tom überlegte, in welchem Gebiet er sich jetzt befand. Vor ihm könnte, wenn er sich nicht irrte, das Totenkopf-Camp sein. Von dort aus führten so manche geheimen Pfade zur Grenze, und dort, am Rio Grande, lag dann auch die Totenkopf-Furt.

In der Hügelfalte stieg er aus dem Sattel und zog das Pferd hinter sich her. Viel Regenwasser hatte sich in den Niederungen angesammelt. Auf einer erhöhten Stelle entdeckte Tom viele Hufeindrücke, die voll mit Wasser waren.

Der Rauchgeruch wurde immer stärker. Tom ließ das Pferd angeleint zurück und schob sich durch dichte Sträucher, fing mit seiner schwarzen Kleidung das an den Zweigen perlende Wasser auf und war wieder nass bis zu den Zehenspitzen. Die Kleidung klebte an seinem gestählten Körper wie eine zweite Haut.

Irgendwo vor ihm lachte jemand laut und rau auf. Blechgeschirr klapperte. Der Geruch von verbrennendem Holz wehte zu ihm heran.

Sam glitt vorwärts, war im Dunst kaum zu erkennen - ein lautloser und mutiger Gefährte des Rangers.

Jetzt entdeckte Tom die Dächer der Hütten. Herdrauch wehte darüber hinweg und löste sich im Wind auf. Eine Tür bewegte sich knarrend. Grauer Dunst lag über dem Camp.

Es war wirklich das Totenkopf-Camp.

Der Mann und sein Wolf schlichen näher und kauerten sich oberhalb des Camps zwischen den Felsen am Hang des Hügels hin.

Niemand konnte sie dort oben bemerken.

Mit einem untrüglichen Spürsinn hätte der Timber die Spur der Banditen nicht mehr losgelassen.

Unten im Camp sah es aus wie in einer kleinen Siedlung. Nur fehlten die Felder  und in einer Siedlung würde es auch niemals einen so großen Korral geben.

Etliche Pferde standen dichtgedrängt und reglos im windschiefen großen Staketenkorral. Neben den im Wind wippenden Latten verharrte ein Mann mit einem geschulterten Gewehr. Ein festsitzender Champiehut bedeckte den Kopf und verbarg das Gesicht. Der hochgeschlagene Kragen des Wettermantels schützte vor dem Regen.

Dieser Mann bewachte ganz offensichtlich die ungesattelten Pferde im Korral.

Ein paar Sattelpferde standen im Windschatten einer Hütte. Über der Eingangstür hing ein breites Holzschild mit der Aufschrift „Saloon“. Die Witterung hatte die Aufschrift angegriffen und teilweise abbröckeln lassen. Wetterplanen lagen auf den Pferden.

„Bald wird es Abend, Sam“, raunte Tom und legte den Arm über seinen nassen Gefährten. „Dann machen wir uns an die Hütten heran, aber du musst gegen den Wind kommen, sonst werden die Pferde verrückt. Ich muss erst wissen, wer dort unten haust.“

Sam stieß mit der Schnauze in Toms Gesicht und leckte mal kurz darüber hinweg.

Tom grinste flüchtig.

„Steck den Waschlappen wieder ein, Sam. Der Regen hat mich schon mehr als genug abgewaschen.“

Der Kopf des Wolfes war dicht neben Toms Gesicht. Sam war ein gefährliches Tier, doch er konnte so sanft wie ein Windhauch sein, und wen er einmal anerkannt hatte als Freund, wen er schätzte und lieben konnte, für den ging er durchs Feuer.

Manchmal konnte Tom selber nicht daran glauben, dass Sam so gefährlich war, denn sein vierbeiniger Gefährte war oftmals so anschmiegsam wie eine Hauskatze und kuschelte sich an ihn, als wäre er noch ein Welpe.

Beide beobachteten das Camp. Immer wieder versuchte Tom, unter den Pferden im Korral seinen Blauschimmel Thunder zu entdecken, doch der Regendunst hüllte die Pferde ein und machte sie alle grau.

Ein Mann stapfte durch die Pfützen. Die schweren Flat Chaps an den Beinen flatterten träge. Der Mann hatte die Hände in die tiefen Taschen seiner Wetterjacke gestoßen und wühlte sich durch den Schlamm der Campstraße. Trübes Licht sickerte aus den Hütten.

Verworren waren die Geräusche. Nichts Bestimmtes war zu hören.

Lange harrten Tom und sein Wolf aus.

Am Hang verschoben sich Erdmassen, aufgeweicht vom ständigen Regen. Unten in der Hügelfalte versank alles in der Dämmerung, in Rauch und Regendunst.

Pferde stampften. Männer kamen aus dem Saloon. Keiner sprach ein Wort. Sie waren nicht zu sehen und nicht zu hören. Tom Cadburn wusste also nicht, dass mehrere Reiter das Camp verließen. Sie zogen davon und ritten in die andere Richtung.

„Komm, Sam!“

Behutsam stieg Tom abwärts. Sam glitt voraus. Sie näherten sich dem Camp gegen den Wind. Das war schwierig, denn der Wind fing sich in der Hügelfalte und wurde böig.

Unbemerkt erreichten sie einen Stall. Durch die Fugen kam der Geruch von Stroh und Spreu. Tom hielt in der Rechten das Gewehr. Mit der Linken strich er über Sams nasses Fell hinweg.

Er durfte Sam nicht nach Thunder suchen lassen. Im Staketenkorral würde eine wilde Panik unter den Pferden ausbrechen.

Beide schlichen um den Stall und hinein. Es gab kein Stalltor. Die Hütte war mehr ein Unterstand. Altes Pferdegeschirr hing an der Wand, mit Schimmel überzogen.

Hinten standen zwei Pferde, äugten herüber und begannen zu stampfen und zu schnauben, rissen an den Ketten und wollten weg.

Es hatte keinen Sinn. Cadburn beugte sich zum Wolfsblut hinunter und schickte ihn aus dem Stall. Sam flitzte weg und sprang unter die tropfnassen Bäume am Hang der Hügelfalte.

Von dort aus beobachtete er alles wachsam und kampfbereit.

Der Dunst war so dicht, dass der Wachtposten am Korral weder den Wolf noch den Ranger entdeckt hatte.

Erst jetzt konnte Tom sehen, dass die Sattelpferde vor dem Saloon verschwunden waren.

Tiefgeduckt verließ er den Stall und arbeitete sich lautlos weiter. Wenn er stehen blieb, hörte er die Schritte des Postens. Der Mann sackte im sumpfigen Boden ein, und wenn er die Stiefel herauszog, gab es ein schmatzendes Geräusch.

Auf einem ausgelegten Brett balancierte Tom sich zur nächsten Hütte. Dann stand er wenig später neben dem Saloon.

Die Fenster waren von innen beschlagen. Er konnte nicht hineinsehen. Nur der trübe Schein von Talglichtern fiel gegen die Fenster, und ein verschwommener Schatten bewegte sich vor dem Licht vorbei.

Behutsam glitt Tom um diese Hütte, die von allen am größten war.

Saloons waren überall Mittelpunkt der Leute, Treffpunkt der Männer. Aber in diesem Saloon war es verdächtig still, ungewöhnlich still, ungewöhnlich ruhig. Auch in den anderen Hütten war kein Lärm. Tom hörte nur Stimmengemurmel, das aus einer der Hütten drang.

Das war die Wachmannschaft vom Camp.

Langsam entfernte er sich von den Hütten und starrte umher. Inzwischen wurde es ohne Übergang Nacht. Nur wenig Sternenlicht drang durch den Dunst. Mehrere Planken führten über die Straße. Tom bewegte sich zur anderen Seite und erreichte den Staketenkorral.

Geschmeidig kroch er unter den Latten hindurch und bewegte sich dann durch den Korral. Er roch nach der Wildnis, nach seinem Wolf  und die Pferde waren etwas unruhig, gewöhnten sich aber schnell an ihn.

Der Posten merkte nichts. Er döste vor sich hin. Der Wind fing sich unter den Krempen des Champie-Hutes und winselte. Dem Posten entging das leise Schnauben der Pferde. Vielleicht war er auch geistesabwesend und dachte bei diesem schlechten Wetter an einen warmen Platz am Herd.

In eiskalter Ruhe ging Tom um die Pferde herum.

Immer wieder entdeckte er andere Brandzeichen auf den Pferden.

Im ganzen Korral konnte er nirgendwo seinen Blauschimmel Thunder entdecken. Thunder schien spurlos verschwunden zu sein.

Einen Herzschlag lang dachte Tom an die Möglichkeit, Thunder könnte sich losgerissen und die Flucht ergriffen haben.

„Gib dich keinen Träumen hin, Tom Cadburn“, flüsterte er, „das wäre zu schön, um wahr zu sein.“

Lautlos, geduckt und angespannt schlich er zurück und wollte den Korral verlassen - doch der Wachtposten stand ihm im Weg.

Und jetzt wandte der Posten sich auch noch um!

Im Nu lag Tom lang ausgestreckt im nassen Dreck. Bodendunst hüllte ihn mit grauen und feuchten Schleiern ein.

Der Posten entdeckte ihn nicht, ging langsam und fluchend weiter und verschwand.

Tom Cadburn hastete zur Umzäunung, stieg durch eine Lücke der Latten und blieb stehen.

Der Saloon zog ihn mit magischer Kraft an.

Ungesehen erreichte er die Hütte.

Er stellte das Gewehr gegen die Wand, zog den Colt hervor und verbarg die Waffe im Stiefelschaft.

Wollte er jemals die Wahrheit erfahren, dann musste er jetzt alles riskieren und sein Leben wagen.

Schon wollte er um die Hütte biegen, als ihn etwas am Bein berührte.

Sam war da!

„Sei still, mein Guter“, raunte er. „Ich verlass mich auf dich.“

Das Wolfsblut hechelte und wedelte mit der Rute.

„Ja, du hast richtig gehört, Sam. Diese Sache mach’ ich allein ?“

Dann ging Ranger Tom Cadburn hörbar und aufrecht um die Hütte und öffnete die Tür des Saloons. Wagemutig trat er ein. Jungenhaftes Lächeln lag auf seinem braungebrannten und nassen Gesicht.

„Tag, Leute“, sagte er.

*

Zwei Männer standen vor ihm an der Theke. Halbvolle Gläser brachen den Lichtschein. Tabakrauch hing um die Talglichter. Auf den wenigen derben Tischen standen benutzte Gläser, Becher und leere Flaschen. Sägemehl lag am Boden, völlig verschmutzt, nass und verklumpt.

Die Augen der beiden Männer waren verengt. Stechend war ihr Blick. Jeder war mit zwei Colts bewaffnet.

Das waren üble Revolvermänner!

Tom hatte einen Blick dafür. Er roch es förmlich, und er spürte, dass sie heimtückisch sein konnten.

Sein Lächeln sollte sie täuschen.

Sie nickten kaum merklich. Im kleinen Hinterraum rumorte jemand - dann trat ein stiernackiger und breitschultriger Mann hervor und stützte sich auf die Theke.

Er starrte den Ranger mit einem abschätzenden Blick an.

„Tag, Fremder. Was soll’s sein? Whisky, Brandy?“

In wenigen Sekunden hatte Tom die drei Männer eingestuft, ihre Gefährlichkeit richtig erkannt und sie bereits nach dem Grad dieser Gefährlichkeit in eine richtige Reihenfolge gebracht.

Das war ungeheuer wichtig. Bei einem Kampf musste er immer den gefährlichsten Gegner als ersten unschädlich machen. Umgekehrt handelnd, würde er selber nicht mit dem Leben davonkommen.

„Whisky“, bestellte Tom, „ein kleines Glas. Ein Sauwetter, wie? Ich bin mitten in das Gewitter hineingeraten. Mein Gaul hat sich davongemacht. In bin froh, hierzusein.“

Sie ließen ihn nicht eine Sekunde lang aus den Augen.

Für Tom war die Befürchtung zur Gewissheit geworden - das Totenkopf-Camp war ein Asyl für Banditen, Gesetzlose und Schmuggler im Grenzgebiet zwischen Texas und Mexiko!

„Du hast keine Waffe.“ Die Stimme des einen Revolvermannes klang völlig nüchtern, ohne eine besondere Betonung.

„Stimmt“, antwortete Tom. „Mein Gaul bockte. Ich flog aus dem Sattel. Dabei habe ich den Colt verloren.“

„Du hast mächtig viel Pech gehabt, Fremder.“

„Ja, das kann man wohl sagen.“ Tom stellte sich an die Theke und trank etwas. Fragend blickte er den Besitzer dieses kleinen Saloons an. „Kann ich vielleicht ein Pferd bekommen?“

„Hast du Geld?“

„Ach so“, sagte Tom leise und seufzte, „natürlich willst du Geld haben - aber ich hab’ nur ein paar Cent! Wenn ich nur meinen Gaul wiederfinden würde! Dann hätte ich was - über zweihundert Dollar! Weg sind sie, verschwunden mit dem verdammten Gaul.“

„Du hast sie in der Satteltasche gehabt?"

„Richtig. Dumme Sache, wie? Da reitet man wochenlang kreuz und quer durch die Gegend, um zur Grenze zu kommen, und dann rennt einem der Gaul weg!“

Die Männer grinsten flüchtig, atmeten hörbar und tranken die Gläser leer. Sie nickten dem Besitzer flüchtig zu und stapften hinaus.

„Wohin wollen die beiden?“, fragte Tom etwas einfältig tuend.

„Die wollen dein Pferd suchen, schätze ich“, meinte der Saloonbesitzer grinsend. „Für zweihundert Dollar lassen die ihre Pferde so lange laufen, bis die Hufeisen dünn wie Messerklingen geworden sind.“

„Ha!“ Tom lachte kurz und bitter auf. „Die finden den Gaul nicht. Ich hab’ schon überall gesucht, Mister.“

Der stiernackige Mann blickte ihn höhnisch an. Dabei füllte er sich ein Glas voll.

„Dein Pech. Die beiden Jungs aber werden es finden. Die haben eine richtige Nase dafür.“

„Das glaub’ ich nicht“, winkte Tom lächelnd ab. „Das schafft niemand. Auch diese beiden Männer nicht.“ Ernst sah er über die Theke. „Kann ich nicht doch ein Pferd kriegen?“ „Ohne Dollars ist nichts zu machen, Cowboy.“

Draußen stampften zwei Pferde vorbei. Die Revolvermänner verließen tatsächlich das Camp.

„Ich hab’ doch Geld!“, raunte Tom. „Hier bei mir. Wird nur etwas nass geworden sein. Ich wollte das nicht sagen, als die beiden noch hier gestanden hatten! Hör zu, Mister  ich brauch’ ein wirklich gutes Pferd, und ich bin bereit, dafür auch einen guten Preis zu zahlen.“

Der Mann zog die breiten Schultern an und grinste. „Du bist ein ganz durchtriebener Bursche, wie? Verdammt gerissen, muss ich sagen! Wieviel willst du für den Gaul denn anlegen?“

„Abwarten, Mister. Für das beste Pferd zahl’ ich auch sehr viel.“

„He“, knurrte der Stiernackige, „jetzt kapier’ ich! Du willst weg, über die Grenze, weil es dir zu heiß geworden ist in Texas, wie?“

„Na endlich begreifst du! Ja, so ist es, aber das braucht ja niemand zu wissen. Ich hab’ im Alleingang die Bank von San Angelo besucht! Gut, wie?“

„Mann, du bist ja große Klasse!“ Der Saloonbesitzer lächelte, doch in seinen Augen blieb es kalt, und heimtückisches Flackern verriet die schlimmen Absichten. „Komm, ich zeig’ dir das Pferd. Du wirst zufrieden sein, wetten?“

Tom folgte ihm hinaus. Dabei pfiff er vor sich hin. Es war kein bestimmtes Lied, keine klare Melodie. Das Pfeifen galt dem Wolfsblut. Sam wusste die gewisse Modulation zu deuten. Er sollte folgen, aber im Hintergrund bleiben - ein Trick, der Tom nicht viel Mühe gekostet hatte. Überhaupt hatte Tom seinem Gefährten mit großer Liebe und viel Geduld vieles beigebracht.

Sam schlich hinter den Hütten entlang - dort, wo die Sträucher mit ihren Zweigen gegen die Hüttenwände rieben, wo niemand wachte, wo alles nass und grau und neblig war.

Die Nacht war kühl geworden und ungemütlich. Drüben in einer Hütte, hinter dem vom Atem und von der Wärme beschlagenen Fenster, hockten Männer und pokerten. Der Posten lehnte am Korral und bewegte sich nicht.

Planken führten über den sumpfigen Boden und von einer Hütte zur anderen. Vor einem Stall blieb der Stiernackige stehen.

„Hier ist es. Es ist das beste Pferd. Du kannst es haben. Sagen wir mal - für hundertfünfzig Dollar. Fast geschenkt.“

Tom nickte.

Der Mann zerrte das Stalltor auf und trat zur Seite, er wollte Tom zuerst eintreten lassen, doch Tom war wachsam und hielt den Kopf geneigt, schützte das Gesicht mit dem Stetson vor dem Regen und tat so, als hätte er nicht bemerkt, dass der Mann ihm den Vortritt lassen wollte.

„Geh rein“, knurrte der Mann. „Ansehen kostet nichts.“

„Da hast du recht“, sagte Tom mit leisem Auflachen. „Geh schon rein.“

„Was ist denn?“

Tom grinste flüchtig.

„Ich muss mal... Ich  ich bin gleich wieder da.“

Schon hastete er hinter die Hütte. Ungeduldig wartete der stiernackige Saloonbesitzer. Im Stall stampfte ein Pferd. Eine Gebisskette klirrte. Regentropfen schlugen auf das Dach. Hinter der Hütte riss Tom Gras ab und stopfte es unter den Stetson. Er presste es hinein und setzte den Hut wieder auf, zog den Kinnriemen an und verbiss den Schmerz der Kopfwunde.

Lächelnd kam er nach vorn.

„So, das wäre erledigt, Mister  und jetzt will ich mir das Pferd ansehen. Hoffentlich hast du nicht übertrieben. Ich muss noch einen weiten Weg machen.“

Er trat ein. Der Stiernackige folgte ihm. Tom wich ihm aus. Der Mann machte Licht und hängte die alte und rostende Stalllaterne an einen Haken.

Vor Tom stand Thunder, der Blauschimmel!

Thunder wieherte und freute sich. Er versuchte, zu Tom zu kommen, doch er war angeleint.

„Der freut sich richtig“, sagte Tom wie erstaunt. „He, der kann mich leiden! Das ist ja...“

Ein Hieb traf ihn am Kopf. Er stürzte lang hin und lag still.

„Du legst mich nicht aufs Kreuz, Blonder!“, ächzte der Stiernackige triumphierend. „Vielleicht ist dein Kopf sogar noch was wert!"

Er hielt den jungen blonden Mann für einen flüchtigen Banditen, und obwohl er selber ein Halunke war, schreckte er nicht davor zurück, den vermeintlichen Banditen und Gleichgesinnten ans Messer zu liefern.

Tom hatte jedes Wort gehört. Der Schmerz im Kopf machte ihm schwer zu schaffen und zwang ihn dazu, seinen ganzen Willen einzusetzen, um nicht aufstöhnen zu müssen.

Niemals hätte der Stiernackige ihm den Blauschimmel Thunder für nur hundertfünfzig Dollar verkauft. Von vornherein hatte er Tom in diese Falle locken wollen.

Jetzt kam er näher. Thunder stampfte wild und zerrte an der Kette. Das Pferd spürte instinktiv, dass der Mann Böses tun wollte. Thunder aber konnte seinem Herrn nicht helfen.

Trotzdem richtete er sich vorn auf und stieß mit den Hufen in die Luft, und die Mähne flatterte. Thunder entblößte sein starkes Gebiss.

Der Stiernackige wich unwillkürlich zurück, geriet in Wut, packte den Stiel einer Heugabel und schlug nach Thunder.

Er traf auch.

Tom, der bislang wie bewusstlos am Boden gelegen hatte, griff unbemerkt in den Stiefelschaft, riss den Colt hervor und barg ihn unter dem Arm, lag wieder still.

Fluchend ließ der Stiernackige von Thunder ab. Spreu wirbelte über Tom hinweg. Die alte Stalllaterne schaukelte, und Licht zuckte hin und her.

Drohend kam der Mann näher.

Für Tom war alles klar. Dieser breitschultrige Kerl war ein Pferdehändler, der gestohlene Pferde als Hehler übernahm und sie dann später mit Gewinn verkaufte.

Die Gefahr für Tom war groß, doch er blieb ruhig - er hatte einen guten Freund draußen: Sam!

Das Wolfsblut glitt hart an der Stallwand entlang und witterte zum offenen Tor hin.

Plötzlich wurde drüben die Hüttentür aufgestoßen. Lichtschein fiel heraus. Ein Mann stand in der Tür, hob sich vor dem hellen Raum als schwarze Silhouette ab.

Sam wich zurück und streckte sich aus, lag still auf dem nassen Boden.

„Joe?“, rief der Mann zum Stall hinüber. „Joe Buckeye, bist du es da im Stall?“

„Ja", antwortete der Stiernackige und drehte sich um. „Was ist los?"

„Nichts. Ich hörte nur den Gaul wiehern.“

„Geh wieder rein, Mann. Ihr müsst morgen früh die Pferde wegbringen. Ruht euch aus!“

„Machen wir, Boss.“ Der Mann trat in die Hütte zurück und schloss die Tür. Sekundenlang erschien er am kleinen Fenster.

Thunder stand still und mit aufgerichteten Ohren. Der Hengst beobachtete den stiernackigen Buckeye, der sich Tom Cadburn wieder näherte.

Tastend rutschte die fleischige Rechte des Halunken über Toms Rücken. Hart packte er zu und riss Tom herum.

In dieser Sekunde richtete sich ein Colt auf Buckeye, zeigte die dunkle Mündung genau in sein Gesicht.

„Nimm schön die Vorderfüße hoch, Joe Buckeye!", fauchte Tom. „Zurück mit dir, du Knochenberg!“

Buckeyes breites Gesicht zuckte. Er glotzte in die Mündung und wich steif zurück, ächzte: „Verdammt gerissen, du Mistkerl!“, stieß gegen die Bretterwand und stand still.

„Sicher", murmelte Tom lächelnd, zerrte mit der Linken den Stetson vom Kopf und ließ seinen blutigen Verband sehen. Hastig riss er das nasse Gras aus dem Stetson hervor und warf es Thunder hin, setzte den Stetson wieder auf und zog den Kinnriemen stramm. „Du wolltest mein Geld, wie? Damit ist es aus, Buckeye! Oder du bist damit einverstanden, dass ich ...“ Er verstummte und beugte sich vor.

„Was? Womit soll ich einverstanden sein?“, schnaufte Buckeye, der auf einmal ganz zahm geworden war.

„Damit, dass ich bei deinem Geschäft mitmache!“

„Wir sind schon genug."

„Dann wird gleich einer ausfallen  für immer“, meinte Tom sanft. „Überleg es dir nicht zu lange, Buckeye. Ich könnte verdammt unruhig im Finger werden!"

Buckeye atmete schwer und suchte nach einer Chance. Er hatte auch eine - und es war die beste, die er in dieser Situation haben konnte.

Zeit brauchte er, ein wenig Zeit nur.

„Na schön, einverstanden“, ächzte er. „Du kannst bei uns mitmachen."

„Du wirst mich doch wohl nicht bescheißen wollen, Joe?“, fragte Tom ausgesprochen weich.

„Nein, nein! Ehrenwort.“

„Fein, Joe, ich glaube dir. Ja, ja - ich glaube dir jedes Wort. Also, Partner  wie sieht das Geschäft aus, he? Wenn ich einsteige, dann will ich auch wissen, wie der Hase läuft.“

Buckeye grinste schwach. Für diesen hergelaufenen Halunken, so wusste er, näherte sich der Tod. Warum sollte er ihm nicht alles sagen!

„Ein paar raue Burschen holen von überall her die Pferde. Wir treiben sie in den Korral. Später verkaufen wir sie hier oder in Mexiko, gerade wie’s passt. Das ist alles.“

„Ja, das ist ja schön einfach - aber hau’n uns diese Burschen nicht übers Ohr, die die Pferde stehlen?“

„Pecos und die anderen sind zuverlässig, Mann!“

„Und wo sind sie jetzt, Joe?“

„Die haben irgendwo eine fette Beute gerochen. Sie sind weggeritten, ich weiß nicht, wohin.“

„Dann muss ich sie suchen, Joe. Sattele diesen Blauschimmel!“

„Bist du verrückt? Ich will ihn in Mexiko verkaufen, an einen Haziendero, der keine Fragen stellt und gut bezahlt!“

„Nein, Partner  der Blauschimmel gehört mir, verstanden?“ In Toms Augen blitzte es auf. „Satteln, hab’ ich gesagt!“

Joe Buckeye gehorchte und warf Thunder die Pferdedecke über. Der Hengst wollte nach ihm beißen.

„Ruhig“, sagte Tom, „schön ruhig!"

Überrascht sah Buckeye, wie der Blauschimmel auf einmal ruhig wurde, wie er sich dann auch den Sattel auflegen ließ.

„He, kann der dich verstehen, Mann?“

„Klar, alle Pferde verstehen mich, oder glaubst du das nicht?“

„Erzähl mir nichts vom Pferd!“, grollte Buckeye und warf einen schnellen und bedeutungsvollen Blick zum offenen Stalltor hinüber.

Dumpf knurrte es neben der Hütte. Buckeye zog die Sattelgurte straff.

Tom war gewarnt. Irgendwer näherte sich der Stallhütte.

Angespannt und voll federnder Kraft sprang Tom zur Seite und hielt den Colt weiterhin auf Buckeye gerichtet, der Thunder jetzt losmachte.

„Sag deinen Revolverschwingern, dass sie verschwinden sollen, Joe - sonst gibt es hier ein Feuerwerk!“

Buckeye zögerte. Nie im Leben wollte er mit dem jungen Blonden das verruchte Geschäft teilen. Krampfhaft suchte er nach einem Ausweg, nach einer Chance und nach einem Bluff, um den Blonden ablenken zu können. Unter der Jacke trug er einen zweiten Colt. Die Waffe, mit der er auf Tom Cadburns Kopf geschlagen hatte, steckte in der Halfter.

„O nein“, raunte Tom warnend, „versuche es nicht, Joe! Das geht bestimmt schief! Tu’s nicht! Mach mich nicht traurig, Joe. Es wäre schrecklich für dich und für die beiden Revolverschwinger.“

„Du bist verrückt!“, schnappte Buckeye. „Du sitzt mitten im Dreck und reißt das Maul auch noch auf!“

Tom zuckte die Schultern. Er schien plötzlich einzusehen, dass er keine Chance hatte, lebend aus dem Stall zu kommen, wenn er nicht aufgeben würde. Seine Schultern sackten ein. Er atmete schwer aus und sagte: „Die Runde geht an dich, Partner. Ruf sie rein."

Nach diesen Worten senkte er die Hand mit dem Colt. Lächelnd blickte er Buckeye an und zuckte die Schultern.

„Du gibst auf, Kerl?“, fragte Buckeye verdutzt. „Willst du im Ernst mein Partner werden? Glaubst du daran?“

„Ja“, antwortete Tom leise, „und damit du es auch glaubst, werfe ich den Colt weg. Sag den Jungs, dass sie nicht schießen sollen, Joe ...“

Der stiernackige Pferdehändler war so verblüfft, dass er gehorchte und den Revolverschwingern ein paar Worte zurief.

Tom ließ den Colt vorsichtig fallen. Die Waffe schlug auf. Der Hahn war gespannt. Zum Glück löste sich kein Schuss. Er musste die Waffe feuerbereit haben. In diesem höllischen Spiel um Bruchteile von Sekunden setzte Tom ganz hoch - und wehe, wenn er verlor!

Thunder stand still. Buckeye verharrte neben dem Blauschimmel und lachte wie irre auf. Im Stalltor erschienen die beiden Revolvermänner, die Tom so eiskalt im Saloon angesehen hatten. Buckeye hatte sie gar nicht weggeschickt. Es war ein Bluff gewesen. Sie hatten nur einen kleinen Bogen gemacht und waren zurückgekommen, um Buckeye zu unterstützen, sollte er ihre Hilfe brauchen.

Langsam drehte Tom sich halb um und blickte über die Schulter hinweg in die Gesichter. Ihr Augenausdruck verriet alles.

„Macht keinen Ärger, Jungs“, flüsterte er, „ich hab’ schon genug Verdruss. Steckt die Schießeisen weg."

„Tut es nicht!“, fauchte Buckeye hasserfüllt. „Los, legt, ihn um! Er hat das Geld bei sich! Macht schon, weg mit diesem Kerl, in die Hölle mit ihm! Ich brauche keinen Partner!“

Es war die Sekunde Null.

Alles hatte Tom Cadburn versucht, um diese Halunken zur Vernunft zu bringen. Er hatte sie gewarnt, mehr als genug. Jetzt wollten sie ihn töten. Er musste handeln  und diesmal wäre Gnade gegenüber den Halunken Selbstmord. Er hatte nur wenige Sekunden Zeit. Diese Sekunden entschieden über sein Leben.

„Sam! Thunder!“

Seine Stimme peitschte durch den Stall und entfesselte eine Hölle.

Der Blauschimmel Thunder tobte jäh los. Knallharte Hufe trafen Joe Buckeye, wuchteten mit zerstörerischer Kraft in seinen Nacken hinein.

Mit dumpfem Knurren schnellte das Wolfsblut in den Stall und sprang einen der Revolvermänner an, biss zu und riss den Mann von den Beinen.

Tom warf sich hin. Die Rechte schnappte nach dem Colt am Boden, umkrallte ihn - und schon konnte Tom feuern.

Der Schuss warf den anderen Revolvermann hinaus in den Dunst und Regen.

Schon hetzte Tom zu Thunder und warf sich in den Sattel, ritt sofort an und raste aus dem Stall.

Sam lief hinterher. Sie ließen kein Leben im Stall zurück. Drüben in der Hütte brüllten Männer. Der Posten am Korral riss das Gewehr von der Schulter und legte an, schoss viel zu schnell und flüchtig, und das Blei fauchte an Tom vorbei.

Der Posten sah plötzlich, wie ein schattenhafter Körper über die nasse Straße raste. Vor Entsetzen schrie er gellend auf und flüchtete. Er rannte genau in die Schüsse der Männer hinein, die aus der Hütte hervorstürmten und blindlings um sich feuerten.

Thunders Hufe zertrümmerten die Latten des Korrals, rissen die Umzäunung ein. Alles zerbrach und polterte in sich zusammen. Sam tobte zwischen den Pferden. Das Rudel geriet in Panik und raste aus dem Korral, tobte durch das Totenkopf-Camp und donnerte auf die Halunken zu.

Männer versuchten zu fliehen, sackten im sumpfigen Boden ein, stürzten, klebten im Dreck. Schreie erstarben. Das Rudel raste über sie hinweg. Die Pferde konnten die im Dreck und Schlamm steckenden Männer nicht erkennen. Keins der Pferde war unbeschlagen. Die Hufeisen wurden zu tödlichen Waffen dieser rasenden Pferde.

Vor dem Saloon warf Tom sich aus dem Sattel, hielt Thunder fest und sah, wie Sam zurückkam. Erdklumpen hafteten am Fell des Wolfes.

Tom trat die Tür auf und drang ein. Im Hinterraum des kleinen Saloons fand er sein Gewehr. Er packte Munition ein und ging in den Vorratsraum, versorgte sich mit reichlich Proviant und schleuderte dann die Lampe gegen die Wand.

Flammen leckten hoch. Qualm wallte. Hustend lief Tom hinaus.

Nirgendwo stieß er auf Widerstand.

In noch nicht einmal einer Minute war alles vorbeigewesen.

Und jetzt ging Cadburn von Hütte zu Hütte und warf Feuer.

Das Totenkopf-Camp stand in Flammen!

Überall brannte es, trieb dicker Rauch durch die Hügelfalte. Weitab wieherten die Pferde in der dunklen Regennacht.

Tom ritt zum Pferd, das ihn hergetragen hatte, befreite es vom Sattel und vom Zaumzeug und gab ihm die Freiheit, und die alte Schindmähre wieherte und lief den anderen Tieren nach.

„Mach’s gut", sagte Tom leise, „und lass dich nicht wieder einfangen."

Freiheit war nicht nur für die Menschen das höchste Gut - auch für die Tiere. Und es tat Tom gut zu sehen, wie das alte Pferd die Freiheit gewann und in der Nacht verschwand.

Rot wallte der Nebel im Camp. Feuer loderte hoch empor, spiegelte sich in den großen Pfützen. Abseits am Hang stand Tom Cadburn und sah auf die brennenden Hütten. Das Feuer zerstörte das ganze Camp.

Der Pferdehändler und seine Kumpane hatten den Tod gefunden, und Tom glaubte, hoffen zu dürfen, dass mit dem Unwesen der anderen bald Schluss gemacht werden würde.

Er irrte.

Und er ahnte nicht, wie schrecklich alles noch werden sollte, wie unmenschlich und grausam - nur wegen der Dollars, die die Pferde einbrachten.

Er ritt über die Hügel und suchte die Spur der Reiter, die ihn hatten töten wollen, weitab von hier, am Rande der Prärie. Er hatte alles wieder - Thunder, sein Gewehr und seine Hoffnung.

In dieser Nacht lagerte er in der Hügelwelt.

Unter hervorspringenden Felsen fand er einen trockenen Platz für sich, Sam und Thunder. Er war nicht allein. Seine treuesten Freunde waren bei ihm.

Was wollte ein Mann mehr!

Vor ihm in der Hügelfalte regnete es. Die Dunstschwaden ballten sich zusammen. Kakteen ragten aus dem Nebel empor wie erstarrte Wächter in der Einsamkeit. In seiner Nähe stand eine scharf duftende Ocotillo-Pflanze, deren Blüten am Tag und bei Sonnenschein rosa leuchteten. Der Regendunst schlug in sein Gesicht. Er machte ein Feuer, denn unter der mächtigen Felsennase lag trockenes Holz.

Nachdenklich blickte er in die Flammen.

Seltsam, dass er zu dieser Stunde an seine Mutter dachte, an den Vater, an alles, was er verloren hatte. Er war noch so jung, doch manchmal, wie zu dieser Stunde, sagte er sich, dass das Leben doch so schnell dahinging, dass er jede Minute bewusst leben müsste, dass alle Menschen einen guten und friedlichen Weg gehen müssten.

Doch viele trachteten nach dem Leben anderer und schlugen es tot, wie man eine Fliege totschlug. Erbarmungslos hart war das Land, gnadenlos waren die Halunken, die den blutigen Terror zu den friedliebenden Menschen brachten.

Gedankenverloren kraulte er Sam.

Der Regen ließ nach. Die Wolkendecke zerriss. Klar und hell leuchteten die Sterne über Texas. Der Mond stand über der Sierra Bianca.

Morgen würde es ein schöner Tag sein.

Die Sonne würde scheinen, und der Sommerwind würde singend über Texas hinwegfächeln. Ein schöner Tag. Morgen...

*

Unter der warmen Morgensonne begann das Land zu dampfen, und im Tal der Mustangjäger ragten die Zelte nur schemenhaft empor.

An diesem Morgen ging der junge Kwahadi-Comanche Laredo durch das Lager. Kehlige Stimmen drangen durch den Morgennebel. Die Männer waren mit über dreißig wilden Pferden zurückgekommen. Jetzt spannten sie noch weitere Seile zwischen den Bäumen am Hang auf und verstärkten den Seilkorral.

Laredo begann zu laufen. Er stürmte durch den Dunst und erreichte den Hang. Hier sah er die Wildpferde - schlanke Körper voll geballter Kraft. Pferde, die sich immer wieder aufrichteten und ausschlugen, die im Seilkorral hin und her rannten und die Freiheit suchten.

Tauankia, der Anführer, stand abseits. Stilles Lächeln lag auf seinem lederhäutigen Gesicht. Irgendwie war dieses Lächeln auch wehmütig.

Laredo wagte nicht, ihn anzusprechen.

Auf einmal blickte Tauankia zu ihm hin und winkte ihm mit schwacher Geste, und Laredo lief zu ihm und blickte ihn fragend an.

„Sieh dir diese Mustangs an, Laredo", sagte Tauankia. „Sie sind schön, wild und voller Kraft. Wir hatten in der Sierra den dröhnenden Hufschlag gehört und an ein Beben der Erde geglaubt. Aber dann hatten wir dieses Rudel im Canyon gesehen, und beinahe war uns allen das Herz stehengeblieben. Ich habe noch niemals so schöne Pferde gesehen.“ „Ja, Häuptling“, antwortete Laredo und blickte mit glänzenden Augen auf die Pferde. „Manitu hat uns diese Pferde geschenkt.“

Tauankia lächelte.

„Du würdest gern eins dieser Pferde reiten, nicht wahr?“

„Ja, Tauankia.“

„Geh nicht in den Korral, Laredo! Diese Pferde sind sehr wild! Sie würden dich töten!“

„Aber wie willst du sie denn zähmen, Tauankia?“

„Wir werden immer nur ein Pferd einfangen und aus dem Korral holen, mein Junge. Und zuerst werden wir den Leithengst zähmen müssen. Er ist der Herr des Rudels. Wenn sein Wille gebrochen ist, dann bricht der Kampfgeist der anderen zusammen."

Laredo schluckte.

„Ich kann mich noch an die Worte meines Vaters erinnern, Häuptling“, sprach er leise. „Die Weißen waren damals schon in unsere Jagdgründe eingedrungen. Mein guter Vater hatte gesagt, dass die Weißen nur Unglück bringen würden - und sie haben Unglück gebracht. Warum kann es nicht so wie früher sein, Häuptling? Der Wind war frei. Niemand hatte versucht, den Wind einzufangen. Und die Söhne Manitus konnten frei wie der Wind sein. Die Prärie hatte ihnen allein gehört. Aber dann waren die Bleichgesichter gekommen und hatten nicht wie einst die ersten Trapper mit Fellen, Pulver und Flinten gehandelt - sie brachten die kleinen Stücke Silber ins Land, die sie Dollars nennen. Und damit hatte das Unheil begonnen. So war es doch?“

„Ja, Laredo. Du hast einen klugen Vater gehabt. Du hast viel von ihm geschenkt bekommen - deinen Körper, deine Seele und den Verstand.“

Laredo legte den Kopf weit in den Nacken. Der Morgenwind spielte mit seinem langen schwarzen Haar. Er sah in den hellen dunstigen Morgenhimmel und lächelte.

„Hörst du es, Vater?“

Tauankia lächelte auch und legte die Hand auf Laredos Schulter.

„Der Dollar hat alles verändert, Laredo. Und auch wir müssen nun für den Dollar leben, dafür arbeiten und schuften. Der Dollar des weißen Mannes hat uns versklavt. Wir sehen nur wenig Büffel in unserem Land. Darum müssen wir wilde Pferde einfangen und sie verkaufen, um leben zu können. Diese herrlichen Pferde sind ein schöner Anblick, Laredo  doch mein Herz blutet, wenn ich daran denke, dass sie ihre Freiheit für immer verlieren.“

Laredo sah ihn mit großen dunkelbraunen Augen ernst an.

„Dann lass sie laufen, Häuptling! Gib ihnen die Freiheit wieder!“

„Nein, mein Junge.“ Schmerzlich zuckte es im Ledergesicht. „Der Dollar zwingt uns dazu. Willst du, dass unsere Squaws und Kinder hungern?“

„Nein, niemals.“

„Dann muss es also so sein, Laredo.“

Langsam schritt der Indianer davon. Sein graues Haar wehte über die Schultern. Am Korral standen die anderen Männer. Nur allmählich wurden die wilden Pferde ruhiger.

Schließlich standen sie still, und nur zwei Indianer bewachten sie, während der anderen Männer in das Lager zurückkehrten.

Abseits des Seilkorrals ließ Laredo sich nieder und betrachtete die Pferde. Der Anblick begeisterte ihn - zugleich stimmte der Anblick ihn auch traurig. Die wilden Pferde verkörperten für ihn die letzte Freiheit. Wer sie einsperrte, sperrte auch die Freiheit ein.

Laredo blieb nahe am Korral sitzen.

Und oberhalb seines Platzes, hoch oben am Hang, wo die Bäume und Felsen von hohem Gestrüpp umwuchert wurden, lauerte bereits der Tod.

*

„Pferde!“. flüsterte der junge Michael Enfield begeistert. „Himmel, was für herrliche Pferde sind das!“

Der große, raue und bärtige Pecos lehnte an einem Baum und hielt das Gewehr gesenkt. Zynisches Lächeln lag auf dem Gesicht.

„Die Pferde gehören uns! Das ist heute ein Glückstag für uns!“

„Und die Indsmen?“, raunte Enfield.

Die Komplizen grinsten bei dieser Frage.

„Denen schenken wir unser Blei für die Ewigkeit!“, sagte Waco und verzog das narbige und hässliche Gesicht.

Kichernd schlich der Bandit Charlie näher.

„Überlasst mir die Skalps! Ich weiß schon, wo ich sie verhökern kann!“

„Du Schwein“, sagte der blassgesichtige Connery und hüstelte, grinste und klopfte Charlie auf die Schulter. „Ich mach’ mit, damit du es weißt, und wir teilen uns die Beute. Der Gewinn wird aufgeteilt. Jeder bekommt was davon ab, Charlie.“

„Ddas ist ggut“, meinte der Stotterer Vance und griente. „Aaber erst mmüssen wir ddie Pferde haben!“

„Vance hat recht“, knurrte Pecos düster, „und jetzt haltet das Maul. Wir müssen die Indsmen überraschen.“

„Am hellichten Tag?“, wisperte Waco und rieb sich das Narbengesicht.

„Ja! Am Tag erwarten sie keinen Überfall. Die Indsmen sind misstrauisch, ganz besonders aber abends, in der Nacht und am frühen Morgen.“

Sie schwiegen.

Der Wind raunte in den Bäumen und wisperte um die Felsen.

Kaum hörbar raschelte es. Geduckt tauchte Boyd auf. Der hagere Mann mit den wasserhellen Augen schlich heran und richtete sich erst neben den Komplizen auf.

„Ich bin unten gewesen, Pecos. Die Indsmen rechnen mit keinem Angriff. Nur ein paar von ihnen hatten Waffen bei sich. Jetzt sind sie zum Lager zurückgegangen. Zwei Posten bewachen die Pferde.“

„Gut, Boyd! Die Posten sind unwichtig, die erledigen wir am Schluss. Wir greifen das Lager von allen Seiten an.“

Lässig schlenderte Waco näher. „Im Lager werden auch Frauen und Kinder sein, Pecos. Ich hab’ die Stimme eines Kindes gehört.“

„Na und?“ Pecos grinste, und ein grausamer Ausdruck entstellte sein bärtiges Gesicht. „Noch so eine blöde Frage?“

„Nein - und es war auch keine Frage, Pecos."

„Dann sind wir uns also einig. Kommt mit.“

Vorsichtig und lautlos schlichen sie alle höher, überquerten den Talrand und erreichten die Sattelpferde im sicheren Versteck. Hier hockte Pecos sich hin und zeichnete mit dem Lauf seines Colts Linien in den Sand. Er beschrieb das Tal und erklärte den Komplicen den Verlauf des Angriffs und Überfalls.

Sie alle nickten.

Jeder war bereit und wusste, was er zu tun hatte.

Indianer waren für sie keine Menschen.

Diese furchtbare Einstellung zu den Indianern besaßen nicht nur Pecos und seine Komplizen. Hundert Mal mehr hatte die Armee ihnen vorgemacht, wie Indianer ausgerottet wurden. Das Gemetzel am Sand Creek war ein Lehrstück für jeden Dreckskerl, der Indianer hasste und umbringen wollte. Damals war ein ehemaliger Methodistenprediger mit dem militärischen Rang eines Colonels über ein friedliches Dorf der Cheyennes und Arapahoes am Sand Creek hergefallen und hatte bei seinem geplanten und eiskalt durchgeführten Angriff Frauen, Greise und Kinder ermordet.

Colonel Chivington hatte „großartig“ gesiegt.

Sein „Mut und seine Tapferkeit waren vorbildlich“ gewesen.

Pecos, Waco, Enfield, Charlie, Connery, Vance und Boyd hatten keine Skrupel.

In tiefer Stille bereiteten sie den Überfall vor, trennten sich und nahmen ihre Ausgangsstellungen ein.

Im Tal war Frieden. Mehrere Feuer loderten. Warm war es geworden, und der Morgendunst wallte im Wind.

Es war wirklich ein schöner neuer Tag.

*

Hoch auf der Kuppe eines Berges verhielt der Ranger Tom Cadburn. Vor ihm lagen die Täler im Dunst.

Sam war unruhig. Der Schwarztimber glitt um Thunder herum und witterte immer wieder in den warmen Wind.

„Was hast du, Sam?“, raunte Tom. „Warum bist du so unruhig? Du witterst was, nicht wahr? Lauern sie irgendwo auf uns?“

Der Wolf war stehengeblieben. Mit gespreizten Beinen stand er im Wind. Die Nackenhaare sträubten sich. Die Nase bewegte sich ständig. Er roch in den Wind hinein.

Thunder schnaubte nicht. Der Hengst hatte noch keine Witterung aufgenommen. Das Tal der indianischen Pferdefänger lag noch fern.

Unten im Gras führte die Spur der Halunken entlang.

Tom spürte auf einmal eine unerklärliche Unruhe. Es war ihm, als würde irgend etwas schwer auf der Lunge liegen.

Sam rührte sich nicht. Sein scharfer und wacher Instinkt ließ ihn das mörderische Peitschen erbarmungslos abgefeuerter Schüsse vorausahnen.

„Go on, Thunder“, murmelte Tom durch die Zähne hindurch.

Er ritt vom Berg und tauchte in den Dunst ein.

Der Wolf lief voraus, und Tom folgte langsam auf Thunder. Beide konnten sich auf Sam verlassen. Der Schwarztimber lief in großen Sprüngen durch das taufrische Gras und huschte lautlos durch die Bergwildnis.

Jetzt konnte Tom im leichten Galopp folgen.

Sam sorgte für ihre Sicherheit. Sie konnten, solange Sam vor ihnen war, in keine Falle hineingeraten.

Das Wolfsblut begann zu hetzen. Sam setzte in kraftvollen und riesigen Sprüngen über die Hindernisse hinweg. Er hechelte und ließ die Zunge hängen. Geschmeidig glitt er durch das Gehölz eines lichten Waldstreifens. Zweige rissen ihm Haarbüschel aus dem Fell. Er rannte scheinbar humpelnd und hob dabei manchmal einen der Hinterläufe an, wie es alle Wölfe tun. Wenn er stillstand, hatte er die rechte Vorderpfote angehoben.

Tom ritt im scharfen Galopp und musste den Felsen und Sträuchern ausweichen.

Sam war schnell wie ein Pfeil. Er raste wie ein Spuk durch den Dunst des warmen Morgens. Hinter sich hörte er Thunders Hufgetrappel. Knurrend schoss er um die Felsen und Bäume und jagte auf einen breiten Graben zu, in dem sich das Regenwasser gesammelt hatte. Er nahm einen Anlauf, sprang und klatschte ins Wasser, schwamm schnell und erreichte das Ufer, schüttelte sich und lief weiter.

Als Thunder den Graben übersprang, war Sam schon verschwunden und stieß hoch oben am Hang ein kurzes Heulen aus.

Noch war kein Schuss gefallen. Die Spur der Banditen war deutlich zu erkennen. Sam schnellte durch die Bergwildnis und ließ sich durch nichts ablenken. Wild brach hervor und flüchtete.

Drei Kämpfer jagten durch den hellen warmen Morgen  ein Mann, ein Hengst und ein Wolf.

Es ging vielleicht sogar um Sekunden.

Doch der Tod wartete nicht.

*

Sommerwind...

Und der junge Laredo träumte, saß still in der Nähe des Seilkorrals und blickte in das Tal hinaus.

Die Luft war erfüllt vom Duft des frischen Grases, vom schweren Geruch der noch feuchten Erde, vom würzigen Rauch der Lagerfeuer.

Am Talrand stiegen ein paar Vögel flatternd auf und strichen davon.

Laredo sah ihnen nach  aber er dachte nicht eine einzige Sekunde lang an Gefahr. Es war so schön hier, so still und idyllisch, so wunderschön ruhig. Trügerischer Friede!

Auf den umwickelten Hufen der Pferde kam der Tod immer näher!

Der Sommerwind strich über die Spitzzelte hinweg. Indianer saßen an den Feuern und sprachen miteinander. Squaws versorgten ihre Kinder. Ein kleiner Junge mit dem ulkigen Namen „Grashüpfer“ lief zwischen die Zelte und suchte nach Laredo, nach seinem großen Freund.

Dumpfer Hufschlag schwoll an.

Reiter näherten sich dem Lager im rasenden Galopp.

Ein paar Männer erhoben sich an den Feuern und horchten in den Wind.

Squaws griffen nach ihren Kindern.

Die Posten am Seilkorral wurden aufmerksam und langten nach den Gewehren. Die wilden Pferde standen still, wie erstarrt.

Der dröhnende Hufschlag zerstörte die Stille im Tal.

Noch waren die Reiter im warmen Dunst nicht zu sehen.

Blau und klar war der texanische Himmel. Die Sonne schien. Der Wind bewegte die Federn an den Lanzen, die vor den Zelten emporragten.

Und dann geschah es, rasten die Reiter in das Lager hinein, kamen von allen Seiten und begannen zu schießen.

Ein mörderischer, grausamer und unmenschlicher Überfall traf die Indianer und überraschte sie.

Squaws stießen gellende Schreie der Angst aus. Männer hetzten zu den Zelten, um die Waffen zu holen.

Feuerstöße kamen aus den Gewehren und Revolvern der Banditen.

Frauen stürzten. Kinder rollten über den Boden. Pferdefänger brachen an den Feuern zusammen.

Der Tod wütete im Lager und schlug blindlings zu. Er traf Frauen und Kinder, Jäger und Greise.

Und am Talhang stand Laredo, den Mund weit aufgerissen zu einem lautlosen Schrei des Entsetzens.

Und er rannte los, hetzte zum Lager, lief durch die Wolken von Pulverrauch, sah mehrere Zelte brennen, sah fallende und sterbende Menschen, sah tote Frauen, erschossene Kinder, ermordete Männer.

Schreiend stürzte er in sein Zelt, packte sein Gewehr und entdeckte in seinem Zelt den kleinen Jungen.

„Grashüpfer!“, schrie er gellend auf, schlang den linken Arm um den weinenden Jungen, durchbrach die Rückseite seines Zeltes und stürzte ins Freie. Kugeln jaulten umher. Pferde röhrten und polterten durch das Tal. Schüsse peitschten pausenlos. Gewehrläufe wurden heiß. Patronenhülsen wirbelten aus den Magazinen der Gewehre. Pulverdampf ballte sich zusammen. Rauch wallte hoch.

Und Laredo lief um sein Leben, hielt den Kleinen an sich gepresst und hetzte mitten durch das Bleigewitter.

Kugeln fauchten und sirrten umher, durchschlugen die Zelte, rissen die Holzglut der Lagerfeuer auseinander.

Squaws flüchteten mit ihren Kindern.

Details

Seiten
240
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906714
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351046
Schlagworte
western doppelband

Autoren

Zurück

Titel: Western Doppelband #2