Lade Inhalt...

Texas Wolf #25: Massaker im Sommerwind

2016 120 Seiten

Leseprobe

Massaker im Sommerwind

 

Ein Western von U. H. Wilken

 

TEXAS WOLF

 

Band 25

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Klappe

 

Der Bandit Pecos und seine Kumpane haben einen grausamen Plan. Sie wollen eine Pferdeherde der Kwahadi-Comanchen stehlen und über die nahe Grenze nach Mexiko treiben. Dass sie dabei das Dorf der Indianer überfallen und zahlreiche Menschen töten müssen, ist ihnen völlig gleichgültig. Ein schreckliches Massaker nimmt seinen Lauf, und die Mörder entkommen nach Mexiko. Nur einer ist ihnen auf den Fersen - es ist Texas Ranger Tom Cadburn. Und er wird er nicht zulassen, dass diese Verbrecher ihrer gerechten Strafe entkommen. Zusammen mit dem Timberwolf Sam erreicht Tom schließlich die mexikanische Grenzstadt Trujillo, in der sich die Banditen aufhalten. Sie ahnen nicht, dass jeder Mord irgendwann gesühnt wird...

 

Ein Roman aus der Zeit, als Tom Cadburn seinen Texas Ranger-Stern noch nicht einmal ein halbes Jahr trug. Spannend in Szene gesetzt von U. H. Wilken.

 

 

 

 

 

 

Roman

 

Gewitterdämmerung.

Dumpfes Poltern zerstörte die Stille und tobte näher. Gespenstisch tauchte der Blauschimmel auf und raste durch das Grau des ersterbenden Tages.

Unheimlich schnell trommelten die Hufe über die texanische Prärie und rissen die Grasnarbe auf. Erdbrocken wirbelten hoch. Schrilles Wiehern drang zerfetzend über die Ebene.

Tief geduckt saß ein junger blonder Mann im Sattel. Heftig schlug der Stetson am Kinnriemen auf seinen Rücken. Wild flatterte das Halstuch im Reitwind.

Texas Ranger Tom Cadburn jagte heimwärts.

Wie ein Schatten schnellte der Wolf Sam durch das wogende hohe Gras und folgte seinem Herrn durch das Zwielicht, lautlos und unsichtbar - eine Gefahr für jeden, der nicht Freund war.

Schwarze Regenwolken trieben tief über die Davis Mountains hinweg. Ferne Blitze zuckten.

Krachend durchbrach der Hengst Thunder das Gestrüpp am Rande der Prärie und knallte mit eisenbeschlagenen Hufen durch eine steinige Senke.

Da geschah es.

Ein mörderischer Schuss peitschte durch die Dämmerung.

Heißes Blei streifte den Texas Ranger und wuchtete ihn aus dem Sattel.

Wie von einer Riesenfaust getroffen, flog Tom Cadburn kopfüber in einen dichtbuschigen Strauch, überschlug sich, kippte aus dem Geäst, rollte hervor und prallte gegen einen Felsen.

Sein eiserner Wille zum Überleben trieb ihn hoch.

Halb benommen torkelte er weg und zerrte den Colt aus der Halfter. Mit staubigen Stiefeln stieß er gegen halb verwitterte und brüchige Felssteine, stolperte und brach zusammen.

Schon beim Aufpeitschen dieses hinterhältigen Schusses war der Timber Sam jäh stehen geblieben.

Dumpfes Knurren kam aus seinem mächtigen Brustkorb hervor. Drohend richteten sich die Nackenhaare auf. Grün schimmerten seine Lichter im Halbdunkel.

Sam wusste seinen Herrn und Freund in Not.

Fauchend schlugen Windböen um die Hügel. Die dichten Sträucher schüttelten und bogen sich, schienen zu tanzen. Treibsand prasselte in das Fell des Wolfes.

Geduckt glitt er auf weichen Pfoten vorwärts, stand wieder still, witterte in den Wind, setzte tastend die Pfoten - und dann schoss er wie ein Blitz los und verschwand im Gestrüpp.

Reiter preschten heran. Brutale Hände umkrallten die flatternden Zügelenden des Blauschimmels, rissen rücksichtslos am Zügel. Schmerz zuckte durch das Maul des Hengstes. Gepeinigt wieherte Thunder auf.

Ein fremder Mann schrie.

Ich hab’ ihn!“, gellte die Stimme. „Das Pferd gehört mir!“

Zum Teufel mit dir!“, brüllte ein anderer. „Wo ist der Kerl, dem wir eins verpasst haben? Sucht ihn! Gebt ihm den Rest, wenn noch etwas Leben in ihm ist!“

 

*

 

Stiefel stampften durch Geröll. Steine rollten in die Senke. Im grellen Licht ferner Blitze zuckten lange Schatten durch die Senke. Gewehre und Colts funkelten.

Zwei Männer hielten die Sattelpferde. Der Blauschimmel Thunder scharrte mit dem Vorderhuf und röhrte laut. Brutal wurde er festgehalten.

Sam war weg.

Tom Cadburn lag abseits und ohne Bewusstsein.

Der junge blonde Ranger hatte kaum eine Chance.

Rücksichtslos und mit der vollen Absicht zum Töten hatte einer der widerwärtig heimtückischen Halunken auf ihn geschossen - und es war ein wirkliches Wunder, dass die Kugel den Ranger nicht aus dem Leben gerissen hatte. Dennoch wurde der Streifschuss lebensgefährlich, denn Tom Cadburn konnte sich nicht wehren, er sah und hörte nichts, er wusste nicht, dass der Tod in alten staubigen Stiefeln umherschlich und nach ihm suchte.

Gewalt herrschte zwischen den Hügeln von Texas.

Diese Männer hatten in der Nähe gelagert. Um in den Besitz des Pferdes zu kommen, hatten sie gnadenlos gehandelt. Ein Pferd war ihnen wichtiger als ein Menschenleben.

In der Dämmerung verschwammen die Konturen der dunklen Hügel, der unzähligen Sträucher und der windzerzausten Bäume.

Zweige schlugen auf Toms Rücken. In der schlaffen Hand lag der Colt. Schwach zuckten die Nerven auf dem Handrücken. Blut rann über das Gesicht. Sträucher und verwittertes Felsgestein verbargen ihn doch einer der Halunken kam immer näher.

Grüne Lichter blickten starr unter dem Gestrüpp hervor. Sam zog die Lefzen hoch, und die gelben starken Fangzähne schimmerten.

Lautlos glitt Sam aus dem Versteck hervor.

In der Ferne grollte es dumpf. Regenschauer gingen über den Bergen hernieder. Hier war es noch trocken. Die weite Prärie sah aus wie ein graues und riesiges Leichentuch.

Habt ihr ihn noch immer nicht?“, brüllte jemand heiser und wütend. „Er kann doch nicht weggelaufen sein!“

Hölle! Das Sauwetter kommt näher! Lasst uns doch verschwinden! Der Kerl stirbt auch ohne unsere Nachhilfe!“

Klirrend schlug Metall gegen die Felsen. Männer mit dem Mord im Herzen suchten wie losgelassene Bluthunde.

In Sam erwachte die Wildnis. Der Urinstinkt wurde lebendig und beseelte ihn. Er glitt um Sträucher und Felsen, stand still, hielt die rechte Vorderpfote angehoben, lauerte und beobachtete den fremden Menschen. Sam wusste genau, wie schlimm das lange Eisen in den Händen des Menschen sein konnte. Aber da lag sein Herr wie leblos am Boden, halb verborgen unter den Zweigen. Die Hand mit dem Colt ragte hervor.

Die wilden, heiseren und wutentbrannten Stimmen der fremden Menschen konnten Sam nicht in die Flucht jagen.

Überall knackte, klirrte und raschelte es. Heißer Atem pfiff über spröde Lippen. Kalte Augen, vom Flugsand tränend, starrten suchend umher.

Es war ein mittelgroßer Mann, der sich Tom Cadburn näherte - ein Mann, dessen Gesicht vom Hang des Bösen entstellt war. Langsam schob er sich um die raschelnden Sträucher und verharrte neben einem ächzenden Baum. Das Gewehr war etwas gesenkt.

Die Komplicen traten das Gestrüpp nieder und fluchten. Immer wieder wieherten die Pferde.

Jetzt ging der Mann genau auf Tom Cadburn zu und entdeckte die Hand mit dem Colt. Er duckte sich, versteifte den Körper und grinste bösartig.

Die kalte dunkle Mündung des Gewehrlaufes glitt dicht über den Boden, und Stahl berührte den Rücken des Rangers.

Der Mann drückte noch nicht ab.

Er hatte kein Mitleid mit dem jungen Mann vor sich am Boden. Lauernd blickte er zu den Komplicen hinüber, die sich immer mehr entfernten. Er wollte ihnen noch nicht verraten, dass er den Reiter gefunden hatte. Langsam beugte er sich über den Ranger, drückte die Zweige weg, brach sie ab und zerrte Tom Cadburn unter dem Gestrüpp hervor.

Grinsend legte er sein Gewehr ab und flüsterte Worte, die niemand hörte und die niemand hören sollte. Mit schmutzigen Händen tastete er den Ranger ab und wühlte die Rechte in die Taschen der schwarzen Kleidung. Er holte alles hervor, was Tom bei sich trug, und er hatte es auf das Geld abgesehen, auf Wertgegenstände.

Aber Tom Cadburn war ein armer Kerl, der nur ein paar Dollar und Cent besaß. Heiser fluchend, suchte der Halunke weiter.

Auf einmal hatte er das Abzeichen des Texas Rangers in der Hand und starrte darauf. In seinem Gesicht arbeitete es. Die Ranger waren gefürchtet. Auch er hatte eine plötzliche Furcht - sogar vor einem bewusstlosen Ranger. Mühsam riss er sich zusammen und unterdrückte das Gefühl der Panik und der Furcht. Er ließ die Plakette fallen und blickte in Toms Gesicht. Blut rann aus der Kopfwunde und machte das blasse Gesicht rot. Es sah schlimmer aus, als es war.

Verdammter Mist!“, krächzte der Halunke. „Der ist ein armes Schwein. Aber ich leg’ ihn um, ich will keinen Ranger im Nacken haben!“

Er stopfte das Geld in die Tasche seiner zerschlissenen Jacke und richtete sich auf, legte an und wollte auf den Ranger schießen.

Sekundenlang hörte er ein dumpfes und drohendes Knurren. Er ruckte herum und sah noch, wie ein grauer Schatten unheimlich schnell auf ihn zukam, wie sich dieser Schatten vom Boden abhob, hochschnellte und ihn ansprang. Er kam nicht mehr zum Schuss und konnte auch nicht mehr aufschreien. Fangzähne gruben sich in seinen Nacken hinein.

Die Wildnis war stärker als dieser heimtückische und skrupellose Mann. Ein dumpfes Gurgeln kam aus seinem Hals. Das Gewehr schlug hin. Zuckende Hände griffen flatternd ins Leere. Zerfetzt stürzte er auf den Rücken und stierte mit weitaufgerissenen toten Augen ins Leere.

Sam hatte nach dem Gesetz der Wildnis gehandelt.

Er war kein blutrünstiges Raubtier. Er hatte seinen Freund und Herrn retten wollen. Und jetzt packte er zu, biss in Toms Kleidung und zerrte den Bewusstlosen weg.

Immer wieder musste Sam loslassen. Schließlich gelang es ihm, den Jackenkragen im Genick des Rangers zu fassen. Mit seiner ganzen Kraft zog er den Freund zwischen die Felsen.

Schützend blieb er neben Tom stehen und lauerte. Die Lichter funkelten. Der Rachen war geschlossen. Die buschige Rute stand fast waagerecht. Atemzüge bewegten den Brustkorb.

Zwischen den Sträuchern kam ein zweiter Halunke hervor. Der Wind schlug in Böen um die Sträucher. Staub wirbelte über die Hügel. Sams gesträubte Haare wellten sich im Wind. Die Fangzähne wurden wieder sichtbar. Der Halunke erreichte die Stelle, wo Tom Cadburn gelegen hatte, und entdeckte den Komplizen.

Wie versteinert blieb er sekundenlang stehen.

Ein dumpfes, drohendes Knurren drang zu ihm hinüber. Er zuckte heftig zusammen, blickte auf den leblosen Komplizen und schrie plötzlich wie in einem beginnenden Wahnsinn auf.

Wölfe!“, brüllte er. „Überall Wölfe!“

Dann feuerte er um sich, schoss in das Gestrüpp hinein, jagte die Kugeln gegen die Felsen und hetzte zurück.

Fauchend schnellte Sam aus der Deckung hervor und sprang auf einen Felsen. Im fahlen Licht eines fernen Blitzes tauchte er oberhalb der bizarren Felsklippen auf und stieß ein schauriges Heulen aus.

Die Pferde der Banditen wurden verrückt, rissen an den Zügeln und bäumten sich auf. Thunder, der Blauschimmel, stand still.

Sam kannte die Menschen. Er wusste genau, was sie tun würden - und er ließ sich nur sekundenlang sehen, dann sprang er in die Tiefe. Überall krachten Waffen. Ein Bleigewitter prasselte gegen die Felsklippen. Querschläger jaulten durch die Gewitterdämmerung.

In diesem Moment erwachte Tom aus der tiefen Bewusstlosigkeit und hörte die Schüsse. Windböen verzerrten den peitschenden Knall. Stöhnend kroch er durch den Sand und sah, wie überall die Mündungsfeuer aufflammten. Er ließ sich wieder fallen und schlug mit dem Kinn in den Sand.

Wölfe...!“

Die Stimme des Halunken überschlug sich.

Jäh tauchte Sam an einer anderen Stelle auf, ließ sich sehen und verschwand, um schon nach wenigen Sekunden abseits wieder zum Vorschein zu kommen. Für die mörderischen Halunken sah das so aus, als wären sie von einem ganzen Rudel Wölfe umstellt.

Weg hier!“, schrie der Anführer. „Auf die Pferde! Wir brauchen nicht weiterzusuchen! Die Wölfe machen den Kerl fertig!“

Sie stürmten zu den Pferden und schossen blindlings zwischen die Strauchgruppen und Felsen. Brüllend warfen sie sich auf die Pferde. Schon rasten sie los und zerrten das Pferd des toten Komplizen und den Blauschimmel hinter sich her.

Der Hufschlag entfernte sich schnell und erstickte zwischen den dunklen Hügeln. Das schrille Wiehern des Blauschimmels verlor sich im orgelnden Wind. Im Zorn schleuderte der dunkle Himmel seine grellen Blitze zwischen die Hügel. Fernab auf einer Kammhöhe stand ein knorriger Baum in Flammen. Nur sekundenlang loderte es hell und rot auf, dann erlosch die Glut im strömenden Regen.

 

*

 

Schwankend stand Tom zwischen den Felsen. Zitternd fasste er an den Kopf und spürte das Blut, das ihm die Augen zu verkleben drohte. Er torkelte in den Wind hinein und ging in die Knie, legte den Arm um seinen Gefährten und zog den Timber an sich.

O mein Gott", stöhnte er. und blickte auf den entseelten Halunken.

Sam fiepte und bewegte die Rute.

Nun, mein Freund“, flüsterte Tom, „du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Der Kerl hätte mich umgebracht. Du hast richtig gehandelt, Sam. Niemand kann dir verbieten, das zu tun, was dir die Wildnis befiehlt.“

Er streichelte seinen vierbeinigen Gefährten und richtete sich dann wieder auf. Mit schleppenden Schritten ging er an den Toten heran und betrachtete ihn. Das Rangerabzeichen schimmerte am Boden. Tom hob es auf und steckte es ein. Dabei bemerkte er, dass er nichts mehr in den Taschen hatte. Sofort durchsuchte er die Taschen des Halunken und fand seine wenigen Habseligkeiten wieder, entdeckte in der Innentasche der Jacke des Halunken ein gefaltetes Stück Papier und schlug es auf.

Es war ein Steckbrief.

Der Mann, der steckbrieflich gesucht wurde, lag vor ihm.

Tom schob den Steckbrief unter seine Jacke, zerrte sein Hemd aus der Hose und riss einen breiten Streifen davon ab. Vorsichtig verband er die Kopfwunde und setzte den Stetson auf.

Sam glitt umher und wachte für Tom.

Schmerzen quälten den jungen Ranger. Er zog sich an den Felsen hoch und lehnte sich schwer an. Vor ihm war alles grau und verschwommen. Fauchend schlug der Wind in sein Gesicht und zerrte am Halstuch.

Verhallt waren die Schüsse. Patronenhülsen lagen in der Senke. Verweht war Thunders Wiehern. Flugsand wirbelte heran und fiel auf die Spuren der Pferde.

Die Regenwand schob sich näher, und dann trommelte der Regen in Toms Gesicht und wusch das Blut ab.

Benommen stand er zwischen den Hügeln und trank den Regen von den Lippen. Schwer atmete er aus, und der Atem ließ das Regenwasser vor dem Mund wegsprühen. Langsam ging er über das Geröll und hob den Colt auf. Es war jetzt so grau und verschwommen geworden, dass er das Gewehr des Halunken nicht entdecken konnte.

Auf einmal war Sam wieder bei ihm.

Gehen wir, Sam“, krächzte Tom. „Hier können wir nicht bleiben.“

Er torkelte an dem leblosen Banditen vorbei. Er war zu sehr geschwächt, um den Toten begraben zu können. Mühsam und in stundenlanger schwerer Arbeit müsste er die Steine zusammentragen und sie über dem Toten aufschichten. Das würde auch ein kräftiger Mann, der nicht angeschossen war, nicht tun. Voller Bitterkeit ging Tom durch den Regen.

Diese Fremden hatten sein Pferd gewollt, und sie hatten es jetzt. Ein Pferd war in diesem Land soviel wert wie ein Schluck Wasser in der glühenden Hitze des Llano Estacado. Ein Menschenleben dagegen war kaum etwas wert.

Tom wollte nicht darüber nachdenken. Er musste weiterkommen und alles versuchen, um Thunder zu retten.

Der Regen zerstörte die Spuren. Von den dunklen Hügeln ergoss sich das Wasser in die Senken. Tom stapfte durch tiefe Wassermulden und schleppte sich durch die Nacht.

Wind und Regen schlugen gegen ihn. Wasser perlte an seinen Wimpern. Starr blickte er voraus.

Such, Sam!“, krächzte er. „Such Thunder!“

Und der Timber Sam lief voraus und suchte, witterte umher und blieb immer wieder wartend stehen.

Yeah, ich komm’ ja schon!“, keuchte Tom und lächelte verzerrt. „Lauf du mal auf zwei Beinen, Sam, dann merkst du, wie schwer das ist!“

 

*

 

Ich - kann nicht - mehr!“ Röchelnd hockte der Mann im Sattel. Ihm war kalt. Fröstelnd krümmte er sich. Der Schmerz verkrampfte den Körper.

Die Komplicen drängten die Pferde hart heran.

Du Narr!“, grollte einer der Reiter und starrte ihn wütend an. „Warum bist du so saublöde gewesen, he? Warum hast du dich von einem Querschläger erwischen lassen, he?“

Wir haben - doch alle wie - die Verrückten durch die Gegend - geschossen, Pecos! Auch du! Ich hab’ eben Pech - gehabt.“

Ich würde dir am liebsten eins in die Schnauze haun‘!“, brüllte Pecos. „Du kommst nicht mehr weit! Wir haben nicht viel Zeit mehr. Du musst zurückbleiben, Gannet. Später holen wir dich ab.“

Bitte“, stöhnte Gannet, „lasst mich nicht allein! Die Wölfe ...!“

Wozu hast du deine Schießeisen, Mann!“

Gannet krümmte sich heftig. Der glühende Schmerz in seiner Brust breitete sich immer mehr aus und lähmte den Körper. Er hatte das erstickende Gefühl, als würde ein Pferd mit einem Huf auf seiner Brust stehen. Er konnte nur mühsam atmen. Mit flackernden Augen sah er die Komplicen an und flüsterte: „Wenn ihr mich im Stich lasst, dann - dann seid ihr alle - verloren! Dann wird keiner von euch - dem anderen helfen, wenn er - in Not ist!“

Quatsch nicht, du Narr!“, brüllte Pecos wütend. „Wir lassen dich nicht im Stich, aber so kannst du nicht weiter mit uns reiten! Beiß die Zähne zusammen, Gannet! Eine Viertelmeile von hier steht eine verlassene Hütte, das weißt du doch. Dort wirst du bleiben und dich ausruhen.“

Gannets Kinn fiel auf die Brust. Er nickte schwach und hielt sich am Sattelhorn fest. Die Halunken ritten weiter. Einer zog Gannets Pferd hinter sich her. Langsam ritten sie alle durch den Regen.

Der letzte Mann zerrte einen ausgerissenen Strauch am Lasso hinter sich her, und das Geäst schleifte über die nasse Spur und verwischte die Hufeindrücke.

Eine erbarmungslose Bande war unterwegs im texanischen Hügelland. Dunkel ragte die Bergkette der Davis Mountains in die Regenwolken hinein. Der Wind heulte. Feuchter Sand trieb über die Anhöhen.

Es war Sommerzeit.

Heftige Regengüsse gingen hernieder. Vielleicht regnete es sich ein. Dann würde es tagelang regnen. Für die Farmer und Rancher war das eine gute Sache. Für alle anderen aber bedeutete das ewig feuchte Kleidung, nasse Stiefel, einen aufgeweichten und morastigen Boden, Gefahr für das Reitpferd und überhaupt Tage ohne Sonne und Nächte ohne Sternenlicht.

Vor dem Reiterrudel schob sich der weite Hang in den Himmel hinein. Windböen warfen den Regen gegen die Flanke des Berges. Oben am Hang, dunkel und kaum zu erkennen, stand die alte Hütte, einst von Cowboys während der Winterzeit bewohnt.

Die Banditen ritten hart an den Hang heran und verhielten.

Bringt Gannet rauf“, befahl Pecos.

Pecos war ein großer, bärtiger und brutaler Mann, rücksichtslos gegenüber seinen Feinden, gnadenlos gegenüber allen Menschen.

Die Komplizen waren nicht besser. Zwei Männer stiegen von den Pferden und zogen Gannet aus dem Sattel. Sie stützten ihn und schleppten ihn dann den Hang empor. Stöhnend drehte Gannet sich um.

Wie verloren starrte er in die Tiefe. Unten verharrten die Reiter. Im bleichen Licht eines zuckenden Blitzes gleißten überall die Wasser in der Bergfalte. Grau und hässlich ragten die Bäume empor. Nass und zerklüftet stießen die Felsen in die graue Regenwand hinein.

Mein Pferd, Pecos!“

Schon gut, Gannet - du kriegst es ja!“, rief Pecos zurück. „Hast du etwa Angst, wir würden dein Pferd mitnehmen?“

Ja!“, schrie Gannet mit brüchiger Stimme. „Das habe ich!“

Lachend winkte Pecos ab und gab einem Komplicen einen Wink.

Bring ihm den Gaul, Enfield! Schaff den Gaul in die Hütte. Für diese Schindmähre würden wir sowieso nicht viel Dollar kriegen.“

Der blonde Michael Enfield sprang ab und zog Gannets Pferd den Hang empor. Die beiden Komplizen hatten mit Gannet die windschiefe Hütte erreicht und brachten ihn hinein.

Staub schlug aus der Hütte. Regenfäden nässten die Türschwelle. Ein Kamin aus Felssteinen gähnte dunkel. Mehrere alte und harte Lager standen in der Hütte.

Es ist so kalt!“, stöhnte Gannet.

Schon gut, wir machen dir Feuer.“

Danke, Charlie, du bist - in Ordnung.“

Ja, bin ich, Gannet“, kicherte Charlie und bewegte ruckartig seinen Vogelkopf. „Aah, hier ist sogar noch trockenes Holz!“

Enfield zog Gannets Pferd in die Hütte und drückte es in den Hintergrund. Er löste die Sattelgurte und ließ den nassen Sattel zu Boden fallen. Währenddessen machten Charlie und der blassgesichtige, ewig schwach hustende Connery Feuer im Kamin.

Schlaff lag Gannet auf dem Lager und beobachtete die Komplicen.

Ihr kommt doch zurück und holt mich?“

Natürlich, Amigo!“, versicherte Charlie, blies in die Flammen und legte Holz hinein. „Pecos hält sein Wort.“

So ein verdammter Querschläger!“, stöhnte Gannet. „Warum musste das Blei - gerade mich - erwischen!“

Du bist gut“, hüstelte Connery. „Du wünschst dir wohl, dass es einen von uns erwischt hätte! Aber du, Gannet, du hattest eben Pech, nicht wir. Du wirst es schon überstehen.“

Flackernder Feuerschein züngelte über die Wände der Hütte. Nass stand das Pferd im Halbdunkel. An den hängenden Zügeln rann das Regenwasser hinunter. Um die Hufe bildeten sich Wasserlachen.

Lass mal sehen“, sagte der blonde junge Enfield und trat an Gannets Lager heran.

Sei vorsichtig“, ächzte Gannet. „Oh, ich hab’ vielleicht Schmerzen, sag’ ich dir! Ich hab' das Gefühl, als würde jemand mit einem Messer in meiner Brust rumwühlen!“

Los, beeil dich!“, knurrte Charlie. „Mach nicht soviel Theater, Mike!“

Ja, schon gut", entgegnete Enfield, „aber wenn du hier liegen würdest, dann wärst du bestimmt froh, wenn sich jemand von uns um dich kümmern würde.“

Hast du das gehört, Connery? Unser Kleiner hat ein Herz für die armen Menschen!“

Unten am Hang brüllte Pecos ungeduldig. Enfield antwortete nicht. Hüstelnd verließ Connery die Hütte. Grinsend folgte ihm Charlie. Beide stiegen den Hang hinunter. Regenwasser umspülte ihre Stiefel.

Wo ist Enfield?“, grollte Pecos und fluchte.

Oben bei Gannet, sieht sich die Wunde an."

Damn', wir müssen weiter!“ Neben Pecos verhielten die anderen Halunken, schwiegen und rührten sich kaum. Schwarze Ölmäntel glänzten und hielten den Regen ab. Von den alten Stetsons tropfte ständig das Wasser.

Feuerschein fiel aus der Hütte. Dunstschwaden wehten über die Bergflanke. Ungeduldig warteten die Reiter.

Sie hatten keine Angst vor den Wölfen gehabt. Ihre einzige Sorge galt den Pferden. Darum waren sie davongeritten und hatten nicht länger nach dem unbekannten Reiter gesucht, dessen Blauschimmel sie erbeutet hatten.

In der Hütte war es still.

Michael Enfield hatte die Wunde freigelegt. Die ganze Brust des Komplicen war rot und verschmiert. Enfield holte die Wasserflasche vom Sattelhorn und säuberte notdürftig die Wunde. Seine Augen flackerten, als er die Wunde betrachtete.

Ist das Blei - noch drin?", hauchte Gannet.

Nein“, log Enfield. „Du schaffst es, Hombre. Du bist doch ein starker und zäher Bursche, nicht wahr?“

Wieder brüllte Pecos durch das Unwetter.

Ich muss jetzt weg, Gannet!“ Enfield legte Verbandzeug auf die Brustwunde und zog behutsam das Hemd darüber. „Bleib still liegen, Gannet, du darfst dich nicht zuviel bewegen."

Dann hastete er hinaus, schloss die Hüttentür und stieg den Hang hinunter, saß auf und folgte den Komplicen..

Sie ritten davon und blickten nicht zurück. Die Bergflanke verschwamm im Regendunst. Auf dem aufgeweichten Boden erstickte der Hufschlag.

In der Hütte flackerte das Feuer und breitete sich die Wärme aus.

Das Pferd und die Kleidung des Banditen begannen zu dampfen.

Röhrend fing sich der Wind im Kamin.

Gannet lauschte dem Wind und dem Prasseln des Regens. Er hörte, wie die Hüttenwände ächzten, wie das Dach knarrte, und er vernahm auch das monotone Tropfen des Regenwassers, das durch eine kleine Lücke im Dach eindrang.

Er fühlte sich verloren und einsam.

Der Schmerz warf ihn immer wieder zurück, wenn er versuchte, hochzukommen. Schließlich wälzte er sich auf die Seite und stöhnte unter den heftigen Schmerzen wild auf.

Im Kamin brannte das Holz ab und wurde zur Glut, und graue Asche überzog langsam die glimmenden Holzscheite.

Mühsam rollte Gannet sich vom Lager und schwankte zum Kamin, warf Holz nach und kehrte zum Lager zurück.

Er legte Gewehr und Colt neben das Lager und schloss die Augen.

Das Fieber kam.

 

*

 

Tom Cadburn blieb zäh auf den Beinen.

Hart und grausam klopfte der Schmerz im Kopf, und immer wieder musste er stehenbleiben und sich ausruhen.

Sam lief ständig um ihn herum und sorgte für seinen Schutz. Mit sicherem Instinkt fand das prächtige Tier immer wieder die Spur. Sam, im fernen Montana aufgewachsen, hatte sich längst hier in Texas an die Landschaft gewöhnt, an Staub, Hitze und Sand. Aber wie oben im Norden, so gab es auch hier Prärien, Berge, Wälder und tiefe Täler, und in manchen texanischen Landstrichen war auch noch die Wildnis zu Hause.

Der Timber würde immer dort sein Zuhause haben, wo Tom Cadburn war. Eine unverbrüchliche Freundschaft bestand zwischen Tom und seinem Wolf.

Und Sam war auch zugleich die gefährlichste Waffe des jungen blonden Rangers im erbitterten Kampf um Recht und Ordnung, im rauen, zermürbenden und höllisch gefährlichen Kampf gegen Banditen, gewissenlose Revolvermänner und skrupellose Waffenhändler.

Die Truppe der Texas Ranger unter ihrem Captain McNelly lebte und ritt im ständigen Einsatz. Sie hatte viele Gegner. Und sie hatte die heißeste Grenze aller Staaten. Jenseits des Rio Grande del Norte und des Rio Bravo begann Mexiko.

Tom wusste, dass er es auch zu Fuß schaffen musste. Weit und breit gab es keine Ranch oder Farm, auf der er Hilfe finden könnte.

So ging er immer weiter.

Und Sam streifte suchend und witternd umher und tauchte alle paar Minuten vor Tom im Regendunst auf.

Der Ranger ahnte nicht, dass die Halunken einen Komplizen zurückgelassen hatten, der von einem ihrer Querschläger getroffen worden war.

Im heulenden Wind und im prasselnden Regen schwankte er durch die Nacht. Er war längst völlig durchnässt. Wäre es Tag und so heiß wie sonst, dann hätte Tom Höllenqualen durchstehen müssen.

Der Regen war gut für ihn.

Und irgendwann nach Mitternacht schleppte er sich in die Bergfalte hinein und ließ sich unter einer Fichte nieder. Stöhnend legte er den Hinterkopf gegen den harzigen Stamm und schloss die Augen.

Sam lief davon.

Springend und gleitend bewegte er sich die Bergflanke empor und erreichte die Hütte, schlich an den Wänden entlang und roch.

In der Hütte stampfte ein Pferd.

Der Wolf witterte das Pferd und huschte davon.

Wenig später blieb Sam vor Tom stehen und berührte ihn mit der rechten Vorderpfote. Behutsam kratzte er Toms Knie.

Was hast du, Sam?“, flüsterte Tom erschöpft. „Willst du weiter? Ich kann noch nicht.“

Der Wolf winselte und knurrte, warf sich herum, lief ein paar Yard, blieb stehen, sah Tom an und kehrte zurück - und wieder lief er weg, wartete und bewegte die Rute.

Langsam hob Tom den Blick an und entdeckte die Hütte am Hang.

Stilles Lächeln huschte über sein Gesicht.

Du suchst einen trockenen Platz, nicht wahr? Ja, den kann ich auch gut gebrauchen, Sam. Dann wollen wir mal...“

Er zog sich hoch, lehnte einen Atemzug lang, am Baumstamm, dann stapfte er los und durchquerte die Bergfalte.

Sekundenlang dachte er an Thunder und biss die Zähne zusammen. Niemals würde er auf Thunder verzichten und den Blauschimmel vergessen wollen. Ein Pferd hatte eine Seele, und es litt bestimmt unter fremden Menschen. Die Halunken waren bösartig, sie würden Thunder nicht gut behandeln.

Längst war Tom sich darüber klar geworden, dass seine Gegner vor nichts zurückschreckten. Es mussten fast ein Dutzend Männer sein, die ihn um ein Haar umgebracht hätten.

Dunkel ragte die regennasse Hütte empor. Kein Lichtschein fiel durch die Bretterfugen.

Sam wartete vor der Hüttentür. Sein Fell war nass und vom Wind zerwühlt. Die Lichter leuchteten grün im Halbdunkel.

Schwankend kam Tom näher.

Dicht vor der Tür blieb er stehen und atmete rasselnd. Vor Schmerz wurde ihm beinahe schlecht. Er fühlte sich übel. Langsam legte er die Hand auf den nassen Kolben des schweren Colts.

Berstender Donner ließ das Bergland beben. Fahl und fauchend fuhr ein Blitz über die Anhöhen und zertrümmerte einen einsamen Baum. Äste flogen zur Seite.

Schlagartig war es wieder dunkel.

Sam knurrte warnend, als Tom nach der Tür griff.

Regen trommelte gegen die Tür und in Toms Nacken. Schauer schüttelten den Ranger. Windböen fauchten um die Hütte. Herdrauch war zu riechen.

Tom verengte die Augen und zog behutsam den Riegel aus der Halterung. Er musste vorsichtig sein, denn mit diesem Riegel bewegte sich gleichzeitig auf der Innenseite der Tür der andere Riegel mit - und das könnte gesehen werden.

Die Tür ließ sich jetzt öffnen. Tom wartete und horchte gespannt. Kein Laut warnte ihn.

Er hockte sich hin und zog die Tür zu einem Spalt auf.

Kein Schuss krachte. Dumpf schnaubte ein Pferd.

Und lautlos glitt der Wolf in die Hütte.

 

*

 

Das Pferd begann zu toben und keilte aus. Die Hufe krachten gegen die Bretterwand. Schrilles Wiehern riss den Banditen Gannet hoch. Trotz des Fiebers griff er zur Waffe, konnte in diesen Sekunden noch die Gefahr erkennen, stierte durch die Hütte.

Ein Schatten schnellte auf ihn zu.

Wölfe!“, schrie er entsetzt. „Wölfe ...!" Und dann schoss er wie irre auf den Schatten - doch er verfehlte Sam, jagte das Blei in den Boden und röchelte im Pulverdampf.

Sekundenschnell war der Wolf am Lager und rutschte darunter, und Gannet wusste nicht, wo der Wolf war. Zitternd hockte Gannet auf dem Lager. Regenschauer peitschten, vom Wind getrieben, in die Hütte. Im Kamin flackerten die Flammen aus der Holzglut empor. Das Pferd tobte und zerstörte die Schlafstellen auf der anderen Seite der Hütte. Staub wallte, Bretter brachen, Decken zerfetzten. Draußen flammte ein Blitz auf. Sekundenlang war es in der Hütte still. Das grelle Licht zuckte in jede Ecke hinein und blendete Gannet.

Jetzt raste das Pferd aus der Hütte.

Tom griff nach dem wild schlagenden Zügel und bekam ihn in die Hand. Das Pferd riss ihn mit. Seine Stiefel rutschten über den Hang.

Hart schlugen seine Beine gegen einen Baumstumpf. Dennoch ließ er nicht los. Dieses Pferd konnte seine Rettung bedeuten. Eisern krallte er die Hände um den Zügel. Das Pferd raste zwischen die Bäume und geriet in Gestrüpp hinein. Die Dornen der Comasträucher rissen den Pferdekörper blutig. Schrill wiehernd richtete das Pferd sich auf. Tom stemmte die Beine in das Wurzelwerk eines Strauches und riss das Pferd zurück. Blitzschnell schlang er die Zügelenden um einen Baumstamm.

Dann fiel er um.

In der Hütte kauerte Gannet auf dem Lager und hielt den rauchenden Colt. Der Lauf zeigte auf die Tür. Gannet hatte furchtbare Angst. Er wollte das Lager verlassen, doch die Furcht vor dem Wolf lähmte ihn. Er starrte mit fiebrigen Augen umher und suchte nach dem Wolf.

Flach lag Sam unter dem Lager. Er spürte jede Bewegung des Menschen und sah die vorgestreckte Hand mit der Waffe.

Das Fieber wütete in Gannet.

Er kippte zur Seite weg und sackte auf das Lager zurück. Alles wurde ein böser Traum für ihn. Er sah dämonische Gestalten auftauchen und hörte sie schrill lachen, und er schoss, bis die Waffe leer war.

Das Klicken verriet es.

Und Sam kroch unter dem Lager hervor und tauchte dicht am Rand des Lagers auf.

Gannet sah den Wolf und schrie gellend auf.

Als er nach dem Gewehr am Boden greifen wollte, biss Sam zu, ließ aber sofort wieder los. Wimmernd fuhr Gannet zurück. Er war dem Wahnsinn nahe. Die Wunde blutete wieder heftig. Er wollte handeln, irgend etwas tun, um sich zu retten, doch ein Schwächeanfall ließ ihn erschlaffen.

Wehrlos lag er vor Sam, starrte trübe und zitternd gegen die Wand und gab auch innerlich völlig auf. Das Fieber ließ ihn gleichgültig werden, furchtbar teilnahmslos, als ginge ihn das alles hier in der Hütte nichts mehr an.

Draußen schwankte Tom näher. Dornen zerschrammten die Stiefel. Hart pulste das Blut im Kopf. Er atmete schwer und erreichte die Hütte. Sam knurrte. Langsam schob Tom sich durch die Tür und erreichte das Lager. Erst jetzt senkte er den Colt.

Bewusstlos lag Gannet vor ihm, vom Fieber ausgehöhlt.

Tom stieß die Waffen des Banditen durch die Hütte und unter die anderen Schlaflager, nahm eine der alten mürben Decken und ging hinaus.

Er warf die Decke über den Kopf des Pferdes und verknotete sie. Dann löste er den Zügel und brachte das Pferd in die Hütte zurück. Das Pferd brach nicht aus. Es konnte Sam nicht wittern und nicht sehen.

Mühsam schloss Tom die Tür, ging zum Kamin, warf Holz nach und lehnte sich schwer an.

Lange betrachtete er das eingefallene und fleckige Gesicht des Banditen. Nach dem Toten war dies der zweite Mann der Bande, den Tom sah. Er wusste nichts über die Bande und kannte die anderen nicht, und er wusste auch nicht, was diese Halunken vorhatten.

Der lange schwere Marsch durch morastweichen Boden, über Felsen und Geröll hinweg, durch Senken und über Hügel hatte Tom so sehr angestrengt und ihn so viel an Kraft gekostet, dass er jetzt langsam abwärts rutschte und sich zu Boden setzte.

Er versuchte, bei Bewusstsein zu bleiben. Sam glitt vor dem Lager des Banditen auf und ab wie ein eingesperrter Tiger. Unablässig trommelte der Regen. Fauchend schlugen die Flammen im Kamin hoch und leckten in den Abzug hinein. Windböen drückten auf das Dach. Funken tanzten aus der Glut. Das Unwetter brüllte.

Leise und verworren sprach Gannet vor sich hin. Was er im Fieber sagte, war wirres Zeug, doch manchmal hatte es auch einen Sinn.

Tom kam hoch und schwankte zum Pferd, holte Verbandszeug aus der Satteltasche und löste den Hemdfetzen vom Kopf. Er legte den Verband an und nahm dann einen Schluck Wasser aus der Blechflasche. In der Satteltasche entdeckte er auch Proviant. Er setzte sich auf ein Lager, und Sam kam heran und streckte sich neben ihm auf dem Lager aus. Beide stärkten sich mit dem Proviant.

Gannet stöhnte und sprach weiter.

Pferde - viel Dollar - nein, nein, nicht - schießen - nicht! Grenze - ich sag’ es - doch - Mexiko...“

Steif und zerschunden, nass bis auf die Haut, richtete Tom Cadburn sich auf. Er trat gegen die Tür und öffnete sie. Gewitterleuchten blendete ihn. Über den texanischen Bergen und Hügeln, über den öden und verlassenen Tälern und über der Prärie tobte die nasse Gewalt des Himmels.

Er wollte nicht, dass der Vorsprung der Bande noch größer wurde.

Darum zerrte er das Pferd aus der Hütte, stiefelte nach einem Baum hin, befestigte den Zügel und holte dann den Sattel. Sam lief ihm nach. Vom Baum tropfte es schwer herunter. Der Wind spielte mit der Tür der Hütte und drückte sie hämmernd gegen die brüchige Bretterwand.

Noch einmal ging Tom in die Hütte. Er holte das Gewehr des Mannes hervor und sah dann ernst auf den Fiebernden.

Du hast keine Chance, Mann“, murmelte er. „Deine guten Freunde hätten dir rechtzeitig noch helfen können - ich kann es nicht mehr.“

Langsam und etwas bedrückt verließ Tom die Hütte.

Er hatte keine andere Wahl - er musste den todkranken Banditen zurücklassen. Wenn Außenseiter der menschlichen Gesellschaft den Trail der rauchenden Colts einschlugen, wenn sie als Banditen durch das Land ritten und mordend und plündernd über die Heimstätten sesshafter Menschen herfielen, dann mussten sie damit rechnen, elendig umzukommen.

Gannet war einer dieser Todgeweihten, zum Sterben verdammt.

Tom stieg auf das Pferd und ritt den Berghang hinunter. Überall sprudelten die Wasser, legten die Wurzeln bloß und zerrten Sträucher in die Tiefe. Blitze jagten durch die Schwärze des Himmels und suchten sich willkürlich ein Ziel. Berstender Donner tobte über den Texas Ranger hinweg.

Schaurig heulte Sam in den Sturm hinein.

Jäh war es taghell. Aus der unendlichen Weite des Himmels fuhr ein Blitz in die Tiefe und traf die Hütte. Alles platzte auseinander und brannte. Ein qualmender Trümmerhaufen blieb von der Hütte übrig.

Das Pferd des Banditen trug Tom durch die Nacht.

Der graue Regenvorhang schlug windgepeitscht hinter Cadburn und seinem Wolf Sam zusammen.

 

*

 

Sie jagten wilde Pferde.

Sie hatten schon hoch oben auf der Mesa nach Mustangs gejagt und waren nun seit Wochen im Grenzgebiet. Irgendwo in diesem zerklüfteten Land hielt sich ein Rudel wilder Pferde verborgen. Es war in die unwegsame Bergregion geflüchtet, weil zu viele Männer Jagd auf Pferde machten.

Jeder Mann im Westen brauchte ein Pferd.

Rancher und Cowboys, Farmer, Sheriffs, Marshals. Indianer und Soldaten. Whisky-Peddler, die mit ihren knarrenden Wagen durch verbotenes Gebiet zogen und Branntweinfusel in die entlegensten Ecken brachten. Und auch die Raureiter, die Texas Ranger, brauchten Pferde.

Regen rann über die Planen der alten zerschlissenen Zelte.

Hinter Windfangplanen flackerten Lagerfeuer im Sturm.

Männer kauerten in den Zelten und an den Feuern.

Indianer, die die Kleidung der Weißen trugen.

Sie gehörten schon nicht mehr einem Stamm an. Sie wollten wie weiße Männer ihr Geschäft machen.

Es waren Pferdefänger.

Und sie waren nicht allein. Wenn sie ihr Lager abbrachen und weiterzogen, dann nahmen sie ihre Frauen und Kinder mit.

An diesem grauen und regnerischen Morgen tönte eine laute Stimme durch das Lager und weckte Laredo.

Laredo war erst siebzehn und ein freier Kwahadi-Comanche. Er lebte elternlos unter den Pferdefängern und hoffte, dass ihn die Männer eines Tages mitnehmen würden.

Geduckt ging er durch das Zelt und kroch halb hervor. Der Regendunst traf sein dunkelbraunes Gesicht. Sein langes schwarzes Haar wurde durchnässt. Er sah, wie der Herr des Lagers nach seinen Männern rief. Tauankia war der Anführer, ein fast schon ergrauter, aber dennoch zäher, starker und entschlossener Indianer, dessen Wort Gesetz war.

Tauankia rief die Männer zu sich, und sie standen im Regen und hörten zu, was er ihnen zu sagen hatte.

Danach liefen sie alle weg und holten ihre Pferde. Sie versorgten sich mit Proviant, schwangen sich auf die Pferde und folgten Tauankia. Das Reiterrudel donnerte durch das kleine Tal und verschwand.

Der junge Laredo wusste, dass die Männer wieder einmal nach den wilden Pferden suchen wollten.

Sicherlich hatten die Wildpferde vor dem Unwetter Schutz gesucht irgendwo in einem Canyon, wohin der Wind und der Regen nicht vorstieß.

Laredo griff zum alten Büffelfell, warf es sich über die Schultern und verließ das Zelt.

Einsam stand er im Lager und hörte die Stimmen der Squaws, die Rufe der Kinder und das Weinen der Babys.

Auf einmal kam ein dreijähriger Knirps aus einem Zelt hervor und watschelte barfuß durch die großen Pfützen.

Laredo lächelte und lief zu dem Kleinen, hob ihn auf die Arme und sprach zu ihm. Der Kleine kicherte und stieß glucksende Laute des Vergnügens aus.

Die Squaw kam heran und nahm Laredo den Jungen aus den Armen.

Der Regen ist nicht gut für ihn, Laredo“, sagte sie mit dunkler Stimme. „Möchtest du nicht an unserem Feuer Platz nehmen, Laredo?“

Er schüttelte den Kopf und antwortete: „Ich will Jäger werden und nicht im Kreis schnatternder Weiber hocken. Und der Regen schadet Grashüpfer nicht. Er braucht den Regen wie die Blume das Wasser.“

Tonto“, sagte sie auf mexikanisch, „Dummkopf.“

Dann trug sie ihren Jungen in das Zelt zurück, und Laredo war wieder allein. Langsam ging er durch das Lager und raffte das Büffelfell vor der Brust zusammen.

Längst waren die Jäger weit fort.

Träumend schritt Laredo den Talhang empor und verharrte zwischen den Felsen. Vielleicht hatten die Männer diesmal Glück und fanden die wilden Pferde. Er wünschte es ihnen. Für Pferde wurde ein hoher Preis gezahlt. Hier in Texas und auch drüben in Mexiko.

Auf einmal glaubte der junge Laredo das Heulen eines fernen Wolfes zu hören. Horchend beugte er sich vor. Alle Täler lagen unter dem Dunst. Er konnte nur ein paar verkrüppelte Bäume sehen, die sich im Wind heftig bogen und schüttelten.

Vergebens wartete er auf die Stimme des fernen Wolfes.

Grau und lichtlos war der Himmel an diesem Morgen, und Laredo begann, sich nach der Sonne zu sehnen. Er liebte den blauen texanischen Himmel, die klare Weite, die warmen Winde des Südens.

Fröstelnd kehrte er um.

Das Unwetter war wie ein düsterer Schatten, der das Unheil ankündigte. Aber Laredo dachte an nichts Böses. Er verkroch sich in seinem Zelt und schürte das Feuer.

Nur allmählich ließ der Regen etwas nach.

 

*

 

Sam blieb wieder einmal stehen. Tom konnte ihm auf dem Pferd des Banditen nicht so schnell folgen. Würde Tom Thunder reiten, dann wäre alles anders, und Sam müsste sich dann schon anstrengen, um das scharfe Tempo durchzuhalten.

Es regnete schwach. Vor Tom öffnete sich eine Hügelfalte. Dunkel gähnte sie ihn an. Regendunst nahm ihm die Sicht. Wenig später roch er Rauch. Der Wind trieb ihm den Geruch entgegen.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906691
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351043
Schlagworte
texas wolf massaker sommerwind

Autor

Zurück

Titel: Texas Wolf #25: Massaker im Sommerwind