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Wenn schräge Vögel Federn lassen: N.Y.D. - New York Detectives

2016 120 Seiten

Leseprobe

Wenn schräge Vögel Federn lassen

Krimi von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

 

Elmer Harwood plant den ganz großen Coup; er ahnt nicht, dass er vor der Aktion beseitigt werden soll. Bevor Dick Gray ihn jedoch erschießen kann, wird dieser auf grausame Weise getötet. Hat Elmers durchtriebene Schwester Jane, die er hasst, ihre Hand im Spiel? Weil Harwoods Witwe Mary Gray die Aufklärung des Mordes an ihrem Mann nicht der Polizei überlassen will, kommt der New Yorker Privatdetektiv Bount Reiniger ins Spiel. Als der Detektiv die Ermittlungen aufnimmt, geschehen weitere Morde ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen des Romans:

Elmer Harwood - hat kurz vor dem Startschuss zu seinem großen Coup um ein Haar einen 'Betriebsunfall'.

Dick Gray - bekommt nicht mehr ganz mit, dass er selber das Opfer ist.

Jane Harwood - trägt ihren Beinamen 'Vampir von Bronxeville' zu Recht — denn aufs Blutsaugen versteht sie sich aus dem Effeff.

Mary Gray - entwickelt als graue Maus eine unerwartete Energie: Sie will den Kopf des Mörders ihres Mannes.

Raoul Emerson - macht die schmerzliche Erfahrung, dass ihm jemand nach dem Leben trachtet.

John O'Neill - vergisst leider, dass Redselige oft ein allzu kurzes Dasein vor sich haben.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

 

 

1

Der Hagere hob den Revolver etwas an. „Wir regeln das Ganze friedlich“, sagte er. „Ich sage dir, was geschieht, und du spurst.“

Elmer Harwood blickte in die Waffenmündung. Er sah nicht so aus, als ob er sich fürchtete. In seinem schmalen Gesicht zuckte kein Muskel. „Und was“, fragte er, „wäre das?“

„Ganz einfach“, erwiderte der Hagere beinahe feierlich. „Du stirbst.“

„Du hast keinen Grund, mich umzulegen“, sagte Elmer Harwood. Die Drohung schien ihn nicht zu erregen. Er war sehr blass, aber das war er fast immer. Er hatte schon als Junge unter Blutarmut gelitten. Die Nacht war neblig und kühl. Der Schrottplatz, auf dem die beiden Männer standen, war beleuchtet. Der Nebel hatte die Lampenmasten gleichsam verschluckt. Man sah nur die großen gelben Lichtbälle im milchigen Grau. Von den nahen Docks tönte das Scheppern und Quietschen der Kräne herüber.

Elmer Harwood nahm den scharfen Geruch von Rost und Eisen wahr, er sah auch, dass an dem offen stehenden Regenmantel seines Gegenübers der obere Knopf fehlte. Es war seltsam, wie man in gewissen Situationen auf Nebensächlichkeiten achtete. Vermutlich war das eine Abwehrreaktion. Man bildete sich ein, mit solchen Gedanken die tatsächliche Gefahr verringern zu können.

Sie standen zwischen zwei Holzbaracken. Die kleinere diente als Office, in der größeren, die mit einer Laderampe versehen war, lagerten gebrauchte Automotoren und andere, noch verwertbare Schrottteile.

„Du wirst mich nicht töten“, sagte Elmer Harwood ruhig. Er hatte Verlangen nach einer Zigarette, hielt es aber für klüger, seine Hände in den Manteltaschen zu lassen. Der Hagere brauchte nicht zu sehen, wie es um ihn stand.

„Nein?“, fragte der Hagere. „Was macht dich so sicher, Junge, dass ich’s nicht tun werde? Wie du siehst, liegt mein Finger am Abzug. Das ist eine merkwürdige Sache, weißt du. Da ist plötzlich etwas in dir, was dich treibt und zwingt, durchzuziehen. Einfach so. Du willst den Krach hören, du willst sehen, wie so eine Kanone funktioniert. Merkst du nicht, wie ich schwitze? Ich rede und rede, aber in Wahrheit möchte ich schießen. Wie findest du das?“

„Mir könnte so etwas nicht passieren“, sagte Elmer Harwood. „Ich besitze keinen Killerinstinkt. Leben und leben lassen, das ist meine Devise.“

„Quatsch!“, sagte der Hagere. „Du kannst jeden Menschen verändern, von heute auf morgen. Du brauchst dazu nur eine scharfe Puppe oder eine süße, du brauchst die Verführung einer großen Geldsumme, oder meinetwegen einen miesen Drei-Dollar-Trip, ein bisschen Rauschgift. Wir sind alle nach einem billigen Klischee gearbeitet, wir sind wie Lochkarten. Wenn du sie mit ein paar zusätzlichen Öffnungen, Schlitzen oder Löchern versiehst, hast du ein anderes Programm.“ Er lachte kurz und unlustig. „Bei dir zum Beispiel würde im Moment ein einziges Loch genügen, und du würdest aufhören, Elmer Harwood zu sein.“

„Warum erzählst du mir das alles?“

„Dreimal darfst du raten!“

„Ich bin nicht gut im Raten“, sagte Elmer Harwood und zog fröstelnd die Schultern hoch. „Du hast mich herbestellt, ich bin gekommen. Wenn es dir nur darum gegangen wäre, mich abzuknallen, hättest du das auch ohne Anruf und Treffen tun können, einfach so, mitten auf der Straße, meinetwegen aus einem fahrenden Wagen heraus.“

„Zu gefährlich“, sagte der Hagere. Er lachte abermals, diesmal noch kürzer als vorher. „Vielleicht bereitet es mir Spaß, mein Opfer erst ein wenig zu quälen.“

Er war nicht älter als vierzig und von hohem, knochigem Wuchs. Er hielt sich leicht gebückt, als wollte er seine Größe verbergen. Er hatte dunkle, tiefliegende Augen und einen schmallippigen Mund. Elmer Harwood fand, dass sein Gegner zwar düster und entschlossen wirkte, aber wie ein Killer sah er keineswegs aus. Die Art, wie er sprach, war einfach zu forciert und fantasievoll. Es schien fast so, als versuchte er sich damit Mut einzureden.

„Was willst du von mir?“, frage Elmer Harwood.

„Dein Leben, das sagte ich bereits.“

„Jetzt und hier?“, fragte Elmer Harwood und wunderte sich, dass er in dieser absurden, nervenbedrohenden Situation nicht durchdrehte. Er hatte Angst, er war verzweifelt, aber er fand immer noch die Kraft, den Eindruck kühler Gelassenheit zu zeigen.

„Nein, aber ich muss dich abservieren, wenn du auf meine Bedingung nicht eingehst.“

„Komm endlich zur Sache“, sagte Elmer Harwood.

„Es handelt sich um deine Schwester.“

Elmer Harwood zuckte überrascht zusammen. Er war so verdutzt, dass er fast fünf Sekunden brauchte, um wieder sprechen zu können.

„Meine Schwester? Ich habe sie seit zwei Jahren weder gesehen noch gesprochen. Wir sind verkracht.“

Noch während er sprach, schien es ihm, als quietsche ganz in der Nähe ein Kran. Er hatte das Gefühl, als schwebe etwas über ihm — vielleicht, dachte er irritiert, waren es die Schwingen des Todesengels, aber dann packte ihn etwas, das er nicht zu analysieren vermochte. Es war ein Reflex, dem er nicht widerstehen konnte. Er warf sich zur Seite, weg von der drohenden Gefahr, auch wenn er damit, wie ihm später bewusst wurde, nur ein anderes Risiko heraufbeschwor, die Möglichkeit nämlich, von seinem Gegner niedergeschossen zu werden.

Aber der Mann schoss nicht.

Er stand wie erstarrt, nur eine Sekunde lang, dann war er plötzlich verschwunden, buchstäblich ausgelöscht, zermalmt und erdrückt von einem riesigen Motorblock, der plötzlich aus dem nebligen Nachthimmel auf ihn herabgestürzt war.

Elmer Harwood begann zu zittern. Er überließ sich dem Schütteln seines Körpers, er merkte kaum, was mit ihm geschah. Er starrte auf den riesigen Motorblock, auf dieses schwarze, ölverschmierte Ungetüm, das den Mann unter sich begraben und — daran gab es keinen Zweifel — getötet hatte.

Elmer Harwood war wie gelähmt, er stand unter der Einwirkung eines Schocks.

Er begriff nicht, dass sich die Szene so grundlegend gewandelt hatte, wie durch göttliche Fügung. Der Mann, der ihn halte töten wollen, war jetzt selbst tot.

Elmer Harwoods Verstand begann allmählich wieder zu arbeiten, langsam, fast qualvoll.

Da es keine Götter gab, die nachts ihre Donnerkeile schleuderten, stand fest, dass das riesige, tonnenschwere Wurfgeschoss durch Menschenhand plus Maschinenkraft an diesen Ort befördert worden war.

Elmer Harwood hob den Kopf und blickte nach oben. In der zähen Milchsuppe des Nebels gewahrte er undeutlich den Schwenkarm eines Kranes, der mit einer Magnetkappe versehen war. Elmer Harwood verstand nicht viel von Technik, aber er wusste, dass noch vor Sekunden der ausrangierte Schiffsdiesel an diesem Kran gehangen hatte und dann wie von einem Bomberpiloten durch jemanden ausgeklinkt worden war.

Er hörte Geräusche und glaubte zu wissen, wie sie entstanden. Jemand kletterte aus dem Kranführerhäuschen über die stählerne Leiter nach unten. Elmer Harwoods Zittern ließ plötzlich nach. Er begriff, dass er eine Chance hatte, den Mörder zu stellen.

Aber wollte er das überhaupt?

Er war noch einmal davongekommen, das musste ihm genügen.

Ihm fiel ein, dass er dringend eine Zigarette brauchte, und er steckte sie sich an. Er inhalierte tief, legte lauschend den Kopf zur Seite und registrierte, dass die Klettergeräusche sich verstärkt hatten. Gleich würde der dumpfe Laut des auf den Boden springenden Unbekannten ertönen.

Ihn durchzuckte eine schmerzhafte Erkenntnis. Der Mann im Kran hatte unmöglich wissen können, dass er, Elmer Harwood, rechtzeitig zur Seite springen würde.

Kein Zweifel: Der Anschlag hatte nicht nur dem Hageren, sondern auch ihm gegolten.

Oder gar nur ihm?

Jedenfalls wusste der Killer, dass er, Elmer Harwood, noch lebte. Der Killer konnte es sich nicht leisten, ihn leben zu lassen.

Hastig schaute sich Elmer Harwood um.

Es war nahezu unerträglich, von einer tödlichen Bedrohung in die nächste gestoßen zu werden. Alles hatte seine Grenzen. Leider brachte ihm diese Überlegung keine Lageverbesserung. Er musste sich schon selbst helfen, sonst war er verloren.

Er hörte den dumpfen, federnden Aufsprung eines menschlichen Körpers durch den Nebel dringen, dann war Stille. Elmer Harwood presste sich flach gegen die Wand der Officebaracke und war sich darüber klar, dass er sofort aus dem Lichtkreis verschwinden musste, in den die beiden Baracken durch zwei Lampen getaucht wurden. Wenn es ihm gelang, die riesigen Schrotthalden mit ihren demolierten Wagenwracks zu erreichen, konnte er vorübergehend aufatmen.

Das Quietschen und Klirren der Dockkräne war jetzt so laut, dass es unmöglich war, sich nähernde Schritte zu registrieren. Aber vielleicht bewegte sich der Killer gar nicht. Er stand sicher im Dunkel, außerhalb des Lichtkreises. Er brauchte nur darauf zu warten, dass sein Opfer sich rührte und davonzulaufen versuchte ...

Elmer Harwood ließ die Zigarette fallen, als hätte er sich an ihrer Glut verbrannt. Er trat sie aus. Wie hatte er nur so leichtsinnig sein können, sich durch die brennende Zigarette zu verraten?

Elmer Harwood stieß sich ab. Er rannte los, keuchend, und merkte, wie seine Hast seine Angst steigerte. Ihm war zumute, als wären tausend Teufel hinter ihm her.

Dann stoppte er mitten im Lauf, scharf und abrupt, als wäre er gegen eine unsichtbare Mauer geprallt. Er hörte einen pfeifenden Atem und war überrascht, zu entdecken, dass es sein eigener war.

Durch den Nebel bewegte sich eine Gestalt auf ihn zu, noch schemenhaft, aber sehr zielstrebig.

Elmer Harwood schluckte. Wollte der Terror dieser Nacht kein Ende nehmen?

Er war in die falsche Richtung gelaufen. Ihm fehlte die Kraft, umzukehren. Er musste sich der Herausforderung stellen, egal, was sich daraus ergab.

Ein Mädchen kam auf ihn zu.

Oder war es eine Erscheinung? Das Mädchen mutete in dieser tristen Umgebung seltsam unwirklich an — wie ein Wesen von einem anderen Stern. So war sie auch gekleidet.

Sie trug eine Art Overall oder Rennfahreranzug, genau vermochte er das in dem diffusen Licht nicht zu erkennen. Der Anzug war silbergrau und hatte fast die gleiche Tönung, wenn auch nicht den schimmernden Glanz ihres mehr als schulterlangen, aschblonden Haares.

Elmer Harwood schluckte ein zweites Mal. Er glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen.

Jane, seine Schwester!

Sie hatte sich kaum verändert. Oder doch? Vielleicht war sie noch schöner geworden.

Der Vampir von Bronxeville.

So hatte man sie zu Hause genannt, halb im Scherz und halb im Ernst. Sie hatte schon als Teenager reihenweise Männerherzen gebrochen. Es hieß, dass sich zwei Familienväter wegen ihr das Leben genommen hätten. Jeder in Bronxeville war davon überzeugt gewesen, dass Jane in New York ihren Weg machen würde, aber daraus war nichts geworden — jedenfalls nicht so, wie es sich die biedernaiven Bürger von Bronxeville vorgestellt hatten.

Nein. Jane war nicht kometenhaft am Bühnenhimmel aufgestiegen, sie hatte es nicht einmal geschafft, als einfaches Fotomodell ihre Brötchen zu verdienen. Sie war, schien es, einfach untergegangen, ihre Hoffnungen waren so rasch und gründlich begraben worden wie die einiger tausend anderer Provinzschönheiten, die meinten, in der großen Stadt die Sterne vom Himmel pflücken zu können — aber Elmer Harwood wusste, dass das nicht ganz zutraf.

Jane gehörte nicht zu den Menschen, die kapitulieren, sie konnte sich weder ein- noch unterordnen. Sie hatte es zu etwas gebracht, ohne Zweifel, aber die Art ihrer Lebensführung war keineswegs dazu geeignet, in Lichtreklamen und Illustriertenfotos gefeiert zu werden.

„Jane“, sagte er.

„Elmer“, sagte sie. Es klang spöttisch.

Sie standen sich gegenüber wie Gegner in einem Boxring.

„Wir haben gerade noch von dir gesprochen“, sagte Elmer Harwood.

„Ja?“

Ihm dämmerte, dass Jane mehr als er wusste, aber ihm war auch klar, dass sie den Kran nicht bedient haben konnte. Sie war gerissen, intrigant und grausam, aber sie war sicherlich außerstande, mit einem komplizierten technischen Gerät fertigzuwerden.

„Was hat das alles zu bedeuten?“, fragte er.

„Ich weiß es nicht, Liebster.“

„Du lügst.“

„Tue ich das?“

„Ich kenne dich nicht anders. Die Lüge ist dir zur zweiten Natur geworden.“ Er schüttelte den Kopf, weil ihm an dem Satz etwas nicht gefiel. „Zur ersten“, korrigierte er.

„Möchtest du sterben, Elmer?“, fragte ihn seine Schwester. Ihre Stimme war weich, dunkel und angenehm, sie strich wie mit Fingerspitzen über seine flatternden Nerven. Es war die Stimme einer Sirene.

Elmer Harwood wandte den Kopf und blickte über seine Schulter. Der riesige Schiffsdiesel stand wie ein drohender Felsklotz mitten im Weg. Unter dem Block ragten die Arme und Beine des Toten hervor.

Elmer Harwood spürte ein Gefühl der Übelkeit in sich aufsteigen. Er wandte sich wieder seiner Schwester zu.

„Warum redest du so?“, fragte er.

„Ich kann nicht anders.“

„Du hasst mich.“

„Du mich nicht?“

„Ich kann nicht hassen.“

„Was du mir vor zwei Jahren gesagt hast, hörte sich anders an.“

„Das ist vorbei.“

„Ich habe es nicht vergessen“, sagte sie.

Er war erstaunt. Es überraschte ihn, dass Jane die damalige Auseinandersetzung offenbar unter die Haut gegangen war. Er halle geglaubt, dass alles an ihr abprallte und es nichts gab, was sie umzuwerfen vermochte.

„Ich habe dir damals nur die Wahrheit gesagt“, erklärte er und fragte sich, weshalb er diese alten Geschichten aufwärmte. Jetzt ging es um ganz andere Dinge. Jane hatte es klipp und klar ausgesprochen. Sein Leben stand auf dem Spiel. Es war trotz allem, was geschehen war und noch immer geschah, irgendwie unbegreiflich — als handelte es sich nicht um ihn, sondern um einen fremden Menschen, der zufälligerweise seinen Namen trug.

„Deine Wahrheit“, sagte sie sanft, „ist nicht meine Wahrheit.“

„Du schuldest mir eine Erklärung.“

„Wofür?“

„Wer will mich töten?“, fragte Elmer Harwood. „Und warum musste der Hagere sterben?“

„Geh nach Hause, Elmer“, sagte das Mädchen. „Morgen erfährst du, was los ist.“

 

 

2

Bount Reinigers Gesicht verriet nichts von dem, was ihn bewegte, aber der Besuch der Frau verblüffte ihn.

Sie war einfach nicht der Typ, der sich an einen Privatdetektiv wandte. Falls sie von ihrem Mann betrogen wurde, hatte sie sich gewiss längst damit abgefunden. Sie war sichtlich dazu geboren worden, vom Leben Prügel zu empfangen, das sah man ihrer langen, hässlichen Nase an, das war auch an dem blassen, verkniffenen Gesicht zu erkennen, in dem sich die Falten und Fältchen von tausend großen und kleinen Enttäuschungen angesiedelt hatten.

Die Frau wirkte nicht wirklich verbittert, eher gleichgültig. Sie hatte gelernt, dass man mit einem solchen Aussehen und einem Mangel an geistigen und finanziellen Mitteln kaum eine Chance hat, das Leben in den Griff zu kriegen.

„Ich bin Mary Gray“, sagte sie.

Mary Gray. Sogar der Name passte zu ihr. Es war schon erschreckend, was das Schicksal sich gelegentlich erlaubte.

„Zigarette?“, fragte er.

„Nein“, sagte sie. „Ich rauche nicht. Ich trinke.“

Das war eine Feststellung, die sie ohne Bitterkeit sagte.

Bount erhob sich. „Ich habe nur Bourbon im Hause“, sagte er wie entschuldigend.

„Bourbon ist genau richtig. Ich trinke nichts anderes“, sagte sie.

Er holte die Flasche, Eis und zwei Gläser. Es war seltsam, zwischen der Besucherin und dem eigenen Geschmack eine kleine Gemeinsamkeit zu entdecken. Bourbontrinken war fast so verbreitet wie Zigarettenrauchen, und doch empfand er für seine Klientin plötzlich so etwas wie Sympathie. Er merkte, dass eine winzige, wenn auch noch sehr wacklige Brücke errichtet worden war, eine Brücke zwischen ihr und ihm.

„Es geht um meinen Mann“, sagte sie plötzlich. „Er ist ermordet worden.“

Das Eis fiel klirrend in Bounts Glas. „Wann?“, fragte er.

„Heute Nacht. Es steht noch nicht in den Zeitungen.“

Der Whisky lief gluckernd über die Eiswürfel. Bount setzte sich und schob der Besucherin ein Glas hin. Sein Erstaunen wuchs. Die Frau machte einen eher ärmlichen Eindruck. Es fiel schwer, sich vorzustellen, dass ihr Mann das Opfer eines Raubüberfalls oder eines ähnlichen Verbrechens geworden sein könnte.

„Ich komme gerade aus dem Leichenschauhaus“, sagte sie und schüttelte sich plötzlich. „Ich musste ihn anhand seiner Hände identifizieren. Er ist unter einen Motorblock geraten.“

„Nehmen Sie erst einmal einen Schluck“, empfahl er ihr und beobachtete, wie sie trank, langsam und prüfend. Ihre Hand war ruhig. Sie hatte ihren Mann verloren, aber das warf sie nicht um. Vielleicht hatte sie mit dieser Entwicklung gerechnet. Sie hatte gelernt, Schicksalsschläge wie einen unabänderlichen Lebensrhythmus hinzunehmen.

„Ein Motorblock?“, fragte Bount.

„Ja. Dick muss genau unter ihm gestanden haben. Unter dem Kran, an dem der Motor hing, meine ich. Auf dem Schrottplatz von Dillys & Brooks. Dort haben sie ihn heute Morgen entdeckt. Vielleicht hat man Dick auch unter den Kran gelegt, nachdem er vorher bewusstlos geschlagen wurde — das lässt sich bei seinem Aussehen und Zustand nicht mehr feststellen.“

„Wurde bereits die Tatzeit ermittelt?“

„Der Captain sprach von dreiundzwanzig Uhr, mit einer Toleranz von plus oder minus dreißig Minuten.“

„Captain Rogers?“

„Ja, kennen Sie ihn?“

Bount nickte. „Ein Unfall scheidet aus?“

„Offenbar“, erwiderte die Frau. „Dick hatte einen Revolver in der Hand. Geladen.“

„Gehörte die Waffe ihm?“

„Ich glaube schon.“

„Was heißt. Sie glauben es? Wissen Sie es, ja oder nein?“, fragte Bount.

„Ich kann es nicht genau sagen“, meinte die Frau. „Er liebte Waffen. Er redete darüber, er sammelte Bücher, die sich damit befassten. Manchmal, wenn ich abends von der Arbeit nach Hause kam, war so ein merkwürdiger Geruch in der Küche. Gewehröl. Ich kenne den Geruch aus meiner Jugend“, fügte sie hinzu, ohne zu erklären, wie und warum sie mit ihm vertraut geworden war. „Dick hat stets bestritten, eine Kanone zu besitzen, aber ich glaube, dass das eine Notlüge war. Ich habe versucht, die Waffe zu finden, aber es ist mir niemals gelungen, sie zu entdecken.“

„Wann ist er gestern Abend weggegangen?“

„Gleich nach acht. Das war so seine Zeit.“

„Welche Zeit?“

„Er pflegte in Bennys Billardsaloon herumzuhängen, fast jeden Abend“, sagte sie. Es klang nicht bitter. Sie traf nur eine Feststellung.

„Wovon lebte er?“

„Von mir.“

„Damit waren Sie einverstanden?“

„Nein“, sagte sie.

„Sie gaben ihm ein Taschengeld?“

„Zehn Dollar in der Woche.“

„Damit kann er nicht weit gekommen sein.“

„Ich weiß. Er verdiente sich etwas dazu.“

„Womit?“

„Krumme Sachen, nehme ich an. Er war labil.“

„Sie haben das hingenommen?“

„Mir blieb keine Wahl.“

„Sie liebten ihn?“

„Nein.“

„Kommen wir zur Sache“, sagte Bount, dem es immer schwerer fiel, seine wachsende Verwirrung zu verbergen. Eine arme, vom Leben hart geprüfte Frau hatte einen Mann verloren, der nicht viel getaugt hatte. Sie war, wenn man so wollte, von diesem Mann erlöst worden, aber offensichtlich war ihr daran gelegen, seinen Tod zu sühnen.

„Was erwarten Sie von mir?“, wollte Bount wissen.

„Ich will, dass Sie den Mörder finden.“

„Darum bemüht sich die Polizei.“

„Die Bullen sind zu beschäftigt, um sich um Dicks Tod zu kümmern“, sagte die Frau. „Wer war er denn schon? Ein kleiner, vorbestrafter Gauner, der endlich erhalten hat, was er verdiente. So sehen es die Polypen, so und nicht anders.“

„Sie haben Captain Rogers kennengelernt“, sagte Bount. „Sie können unmöglich glauben, dass ein Mann seines Zuschnitts eine solche Haltung einnimmt.“

„Captain Rogers mag ein ehrenwerter Mann sein, aber er kann nicht zaubern und muss sich den Notwendigkeiten seines Jobs unterordnen. In New York gehören Morde zur täglichen Routine. Bei der Aufklärung müssen Prioritäten gesetzt werden. Nicht vor dem Gesetz, ich weiß, aber in der Praxis sieht es doch wohl so aus, dass einem ermordeten Penner weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird als dem Prominenten, den man im Badezimmer eines Callgirls mit einem Messer im Rücken entdeckt. Presse und Öffentlichkeit üben eine Diktatur aus, der sich auch Ihr hochgelobter Captain Rogers nicht entziehen kann.“

„Streiten wir nicht darüber“, sagte Bount und nippte an seinem Glas. „Haben Sie eine Ahnung, wie lange es dauern kann, bis ich fündig werde — und was das kostet?“

„Wenn Sie wollen, zahle ich Ihnen einen Vorschuss. Genügen Fünftausend?“

Bount glaubte, seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Besaß diese graue Maus überhaupt so viel Geld?

„Ich habe geerbt, schon vor drei Jahren“, informierte sie ihn. „Das Geld liegt auf der hohen Kante. Dick hat nichts davon gewusst.“ Sie leerte ihr Glas, stellte es hart ab und sagte: „In gewisser Weise habe ich ihn auf dem Gewissen. Dick, meine ich. Es wäre besser gewesen, ich hätte sein Taschengeld aufgebessert. Dann hätte er es nicht nötig gehabt, krumme Dinger zu drehen. Vielleicht würde er dann noch leben.“

Sie hielt ihm das Glas hin. „Noch einen, bitte.“

Sie sah zu, wie er das Glas füllte und sagte dann: „Sie wundern sich, dass ich mein Geld opfern möchte, um Dicks Tod zu rächen, nicht wahr? Wer war er denn schon, werden Sie fragen. Ein Gammler, der mir auf der Tasche lag. Ich sehe das anders, Mr. Reiniger. Ganz anders. Dick war mein Mann. Oh, er hat mich betrogen, er hat mich sogar einige Male geschlagen, aber er blieb bis zuletzt bei mir. Wegen der zehn Dollar Taschengeld in der Woche? Bestimmt nicht, die waren für ihn nur ein Almosen. Irgendwie mochte er mich. Gewöhnung? Vielleicht. Jedenfalls war er auf seine Weise loyal. Wenn jemand über mich Witze riss, wurde er fuchsteufelswild. Mann, ich brauche nur in den Spiegel zu sehen, um zu wissen, dass es für mich keinen richtigen Partner gibt. Vielleicht jetzt, wenn bekannt werden sollte, dass ich in Wahrheit reich bin. Aber ich will um meiner selbst willen geschätzt werden, nicht wegen des verdammten Geldes. Dick hat zu mir gehalten, er war das Einzige von Wert, das ich besaß. Er war mein Mann. Ich will seinen Tod rächen. So einfach ist das, Mr. Reiniger.“

„Wussten Sie, dass er vorhatte, zu dem Schrottplatz zu gehen?“, fragte Bount.

„Nein.“

„Sein Tod traf sie völlig überraschend?“

„Ja.“

„Bemerkten Sie gestern an ihm eine Veränderung, war er nervös oder aufgeregt?“

„Das hat mich schon der Captain gefragt. Dick war nicht anders als sonst.“

„Mit anderen Worten: Sie sehen kein Tatmotiv?“

„Ich weiß, dass es eins geben muss, aber ich kenne es nicht“, sagte sie. „Ich habe das Geld mitgebracht“, fügte sie hinzu und öffnete ihre alte, abgeschabte Handtasche aus billigem Plastikmaterial. „Die Fünftausend, meine ich. Damit Sie gleich beginnen können und sehen, wie ernst es mir ist. Sie müssen mir nur eins versprechen, bitte. Sie dürfen keinen anderen Fall annehmen. Ich will nicht, dass Sie abgelenkt werden. Ich muss wissen, dass es für Sie ab jetzt nur noch diese Aufgabe gibt.“

Bount winkte ab. „Lassen Sie das Geld stecken, bitte“, sagte er. „Ich brauche es nicht. Wir rechnen später ab.“

„Es tut mir nicht weh, wirklich nicht“, sagte sie. „Ich habe genug von dem Zeug.“

„Wie viel haben Sie geerbt?“, fragte er.

Die Frau hob kaum merklich das Kinn, dann sagte sie ruhig: „Eine Million Dollar.“

 

 

3

Bount trafen die Worte wie ein Keulenschlag.

„Eine Million Dollar?“, wiederholte er fassungslos.

„Ja, nach Abzug der Erbschaftssteuer“, sagte sie.

„Trotzdem haben Sie gearbeitet?“, fragte Bount. „Als was, wenn ich fragen darf?“

„Ich bin Packerin in einer Pralinenfabrik. Damit verdiene ich neunzig Dollar in der Woche.“

Es war unfassbar. Eine Millionärin ging Tag für Tag in eine triste Fabrik, setzte sich ans Fließband und legte mehr als tausendmal am Tag kleine Pralinen in die dafür vorgesehenen Fächer der Packungen, monoton, fleißig, stumpfsinnig.

„Aber von der Million hätten Dick und Sie sorglos leben können“, sagte Bount. „Praktisch von den Zinsen!“

„Ich weiß“, erklärte sie. „Aber ich wollte nicht, dass unser Leben sich ändert. Geld zerstört so vieles. Dick war ein leidenschaftlicher Wetter, er setzte gern auf Pferde. Er hätte es vermutlich fertiggebracht, das Erbe binnen weniger Monate zu verjubeln. Ich wollte warten, bis er vernünftig geworden ist, älter und reifer. Ich war damit zufrieden, vor dem Altwerden keine Angst haben zu müssen. Ich freute mich auf den Tag. Dick eröffnen zu können, dass wir Millionäre seien — aber er hat diesen Tag nicht erlebt. Damit hat sein Mörder auch mein Leben vernichtet. Das Geld hat jetzt für mich nur noch einen Sinn: Es muss mir helfen, Dicks Tod zu rächen.“

Bount stellte einige Fragen nach Dick Grays Lebensgewohnheiten und schrieb sich die Antworten der Frau auf. Er notierte sich insbesondere die Namen von Dick Grays Freunden und die Adresse seines Stammlokals, dann verabschiedete er seine Besucherin mit dem Versprechen, alles zu tun, um das Verbrechen aufzuklären. Nachdem ihn die Frau verlassen hatte, entdeckte er auf seinem Schreibtisch die fünftausend Dollar. Mary Gray hatte sie dort ohne ein weiteres Wort hingelegt. Er verstaute das Geld in seinen Safe, dann rief er Captain Rogers an.

„Ich habe den Fall Gray übernommen. Gibt es schon einen Hinweis auf den oder die Täter?“

„Du lieber Himmel“, seufzte der Captain, „seit wann spezialisierst du dich auf die Interessenverteidigung kleiner Gauner?“

„Mary Gray ist keine Gaunerin — oder?“

„Ihr Mann war es. Sie hat ihn gedeckt. Sie sieht in ihm immer noch den Größten — aber wenn ich dir seine Vorstrafenlatte aufzähle, wirst du rasch einsehen, dass Stadt und Gesellschaft durch seinen tragischen Tod keinen allzu großen Schaden hinnehmen mussten.“

„So kannst du das nicht sehen, Alter.“

„Schon gut. Niemand hatte ein Recht, ihn zu töten. Wir werden den Täter stellen. Hoffentlich. Die Aussichten dafür sind nicht gerade rosig. Du weißt, wie die Burschen aus Dick Grays Umgebung zusammenhalten. Es ist, als liefe man bei den Ermittlungen gegen eine hohe, dicke Mauer. Die Kerle sehen in jedem von uns einen Feind.“

„Erkennst du ein Tatmotiv?“

„Ja und nein“, erwiderte der Captain. „Ich bin auf Vermutungen angewiesen. Dick Gray war kein Syndikatsgangster, dafür fehlte es ihm an Format, glaube ich. Aber er versuchte, überall mitzumischen, er war beständig auf der Suche nach Geld und nutzte jede Verdienstmöglichkeit, die sich ihm bot, egal wie schräg sie war. Ein Mann seines Schlages hat viel gesehen und gehört. Ich fürchte, dass er mit diesem vielseitigen Wissen jemanden zu erpressen versuchte. Er hat dafür seinen Lohn erhalten. Mich stört nur die Methode, mit der Dick Grays Tod herbeigeführt wurde.“

„Wieso?“

„Der Tod auf dem Schrottplatz ist so aufwendig und ungewöhnlich — dahinter müssen sich Leute mit Fantasie und Planungstalent verbergen. Offenbar hat Dick Gray den Fehler begangen, Leute anzukeilen, die ihm in jeder Hinsicht turmhoch überlegen waren.“

„Das ist nichts Konkretes, nur eine Hypothese“, erklärte Bount.

„Weißt du eine bessere?“

„Lass mir Zeit“, sagte Bount. „Ich fange ja gerade erst an.“

Er legte auf, als es klingelte. Er ging zur Tür und öffnete. Vor ihm stand Mary Gray. Sie streckte ihm ein Foto entgegen.

„Hier“, sagte sie, „das habe ich vor einigen Tagen in seinem Geldversteck gefunden.“

„Er besaß ein Geldversteck?“

„Ja, in unserem Keller. Dort glaubte er, seine kleine Reserve vor mir verbergen zu müssen. Mehr als zwanzig Dollar sind es niemals gewesen.“

Bount stieß einen leisen Pfiff aus. Das Foto stammte aus einem Automaten, der gegen Geldeinwurf Passbilder liefert. Es war blass und farblos, trotzdem ließ sich erkennen, dass das abgebildete junge Mädchen ungewöhnlich schön war.

„Der Name“, sagte sie, „steht auf der Rückseite.“

„Jane Harwood“, las Bount vor. „Sagt Ihnen der Name etwas?“

„Nein. Ich weiß nur, dass das Bild vorige Woche noch nicht in dem Versteck war. Er hat das Mädchen niemals erwähnt, aber das war auch nicht zu erwarten.“ Sie schwieg einen Augenblick und schien zu fühlen, was in Bount Reiniger vorging, denn sie sagte plötzlich: „Sie kann nicht seine Geliebte gewesen sein. Dafür ist sie zu jung und zu schön. Dick war kein Adonis, außerdem halte er niemals genug Geld in der Tasche, um so eine Puppe reizen zu können.“

„Treten Sie ein“, sagte er. „Ich muss Ihnen noch eine Quittung für das Geld geben.“

„Zum Teufel damit“, sagte sie und machte kehrt, um zu gehen. „Ich will keine Quittung, Mister. Ich will Dicks Mörder!“

Er schloss die Tür, rief nochmals Toby Rogers an und erfuhr, dass in der polizeilichen Vorbestraftenkartei keine Jane Harwood registriert war.

„Ich wüsste gern, ob man sie in der Zentralkartei führt“, sagte Bount. „Kannst du mal in Washington anfragen?“

„Sicher“, erwiderte Toby Rogers brummig. „Warum nicht? Ich habe mich längst damit abgefunden, dass mich der große Privatdetektiv Bount Reiniger zu seinem kleinen Erfüllungsgehilfen degradiert hat.“

Bount legte grinsend auf, dann fuhr er in die Bronx. Bennys Billardsaloon lag in der Hoboken Street, in der ersten Etage, direkt über einer Druckerei, deren Maschinengeräusche man in dem großen, mit fünf Billardtischen und einem langen Tresen bestückten Lokal nur dann nicht hörte, wenn jemand sich dazu herabließ, die alte, wie ein Christbaum glitzernde Musikbox mit einer Münze zu füttern.

Die Billardtische waren besetzt. Die Männer spielten schweigend, hemdsärmelig und konzentriert. Die meisten rauchten dabei. Bount spürte, dass man sein Erscheinen hellwach zur Kenntnis nahm. Er war ein Fremder in diesem Kreis, das ließ man ihn fühlen. Aber niemand lieferte dazu einen Kommentar.

Bount setzte sich mit dem Rücken zum Tresen und bestellte ein Bier. Die meisten der Spieler waren älter als dreißig. Offenbar fand das Spiel unter den ganz Jungen keine Resonanz, oder sie hatten keine Geduld dafür.

Die Männer waren ernst, beinahe verbiestert. Irgendwie schien es Bount so, als wären alle mit Dick Grays Tod beschäftigt, ohne den Mut zu finden, darüber zu sprechen. Möglicherweise gab es in diesem Kreis Tabus, die sich von ihm nicht analysieren ließen, aber sie waren vorhanden und wurden respektiert.

Bount wandte sich dem Wirt zu. Benny Craig war ein knochiger Endfünfziger mit schütterem, glatt zurückgekämmten Haar, das im Nacken grau und strapsig über dem nicht mehr ganz sauberen Kragen hing.

„Ich bin Privatdetektiv“, sagte Bount. „Ich interessiere mich für Dick Grays Tod.“

„Was denn — als Privatauge?“, wunderte sich der Wirt.

Die Männer spielten weiter, die Kugeln klickten und die Druckmaschinen im Erdgeschoss rumpelten, aber Bount hatte das Gefühl, dass sämtliche Männer ihre Ohren aufgestellt hatten, um mitzukriegen, was gesprochen wurde.

„Ja“, sagte Bount. „Was dagegen?“

Der Wirt hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. „Dick gehörte zu uns. Er war’n prima Kerl, aber sicher kein Mann, dessen Ende die Welt bewegt, ich wundere mich nur, dass einer wie Sie sich für den Fall interessiert.“

„Ich tu’s eben, ich habe meine Gründe“, erwiderte Bount. „Was sehen Sie hinter dem Mord?“

„Einen Irrtum“, erklärte der Wirt. „Der Anschlag kann nicht Dick gegolten haben. Es war ein Versehen.“

„Ein Versehen?“

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906660
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351019
Schlagworte
wenn vögel federn york detectives

Autor

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Titel: Wenn schräge Vögel Federn lassen: N.Y.D. - New York Detectives