Lade Inhalt...

Romantic Thriller Trio #4

2016 100 Seiten

Leseprobe

Romantic Thriller Trio #4 - Drei Romane

von Jan Gardemann

Der Umfang dieses Buchs entspricht 293 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Gefangen in den Katakomben – Das magische Amulett Band 10

Herrin der Geisterinsel – Das magische Amulett Band 11

Tod aus der Zauberkugel – Das magische Amulett Band 12

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Gefangen in den Katakomben

Das magische Amulett  Band 10

von Jan Gardemann

Als die Archäologin Brenda Logan plötzlich verschwindet, glaubt die Polizei, dass sie mit ihrem Liebhaber durchgebrannt sei. Ihr Ehemann glaubt nicht daran und als er von der Nachbarin beunruhigende Hinweise bekommt, fliegt er nach Paris, um selbst nach seiner Frau zu suchen.

1

»Mrs. Logan, folgen Sie mir bitte!« Verwirrt schaute ich mich um, da mir in meiner unmittelbaren Nähe niemand aufgefallen war. Da gewahrte ich eine gespenstisch huschende Bewegung. Eine verschwommen erscheinende Gestalt löste sich aus dem tiefen Schatten einer Säule. Ein Schauer rieselte mir den Rücken hinunter. Hatte ich es hier mit einem Geist zu tun? Doch da nahm der Schemen langsam Konturen an. Ein unscheinbarer, untersetzter Mann stand plötzlich vor mir. Ich schüttelte verwirrt den Kopf. Hatten mir meine Sinne einen Streich gespielt? Der Mann hatte eine Halbglatze, die von einem blonden Haarkranz umgeben war. Obwohl draußen Nacht herrschte, trug er eine Sonnenbrille. Gekleidet war er in einen schlichten schwarzen Anzug. »Wer sind Sie?«, fragte ich unbehaglich und sah mich verstohlen nach einer Fluchtmöglichkeit um. Da bemerkte ich, dass direkt hinter mir ein zweiter Schemen stand. Seine Konturen waren durchscheinend, wie bei einem Gespenst. Entsetzt wich ich einen Schritt zur Seite und wollte davonrennen. Doch da griff der Schemen nach mir...

»Gefällt dir dein neues Zuhause?«, fragte Daniel und legte mir einen Arm um die Schultern.Wir standen in der Türöffnung zu meinem neuen Arbeitszimmer. Es war ein heller, hoher Raum. Ein großer altertümlicher Schreibtisch stand unter dem breiten Fenster, das fast die ganze Wand einnahm. Die Wände links und rechts waren mit Regalen voll gestellt, die bis unter die Decke reichten. Fachbücher über Archäologie waren dort ebenso zu finden wie meine private Archäologie-Ausrüstung, die ich für Ausgrabungen und Restaurierungen von Fundstücken benötigte. Auf einer kleinen Arbeitsplatte, die in eine Regalwand eingefügt war, lagen bunte Keramikscherben. Sie stammten aus dem British Museum, wo ich als Archäologin arbeitete. Ich sollte die Scherben, die die Überreste von ägyptischen Vasen waren, im Auftrag von Professor Salomon Sloane, dem Direktor des Museums, zusammenfügen.

Ich ließ meinen Blick zu der gemütlichen Sitzecke rechts neben der Tür schweifen. Ein Sofa und zwei Sessel gruppierten sich um einen runden, reichverzierten Tisch und luden zum behaglichen Schmökern in den vielen Büchern ein...

»Ich habe noch nie ein so schönes Arbeitszimmer gehabt«, beantwortete ich nun endlich Daniels Frage und drehte mich zu ihm um.

Verliebt schaute ich meinem Mann in die Augen. Daniel war ein bekannter Neurologe. Unsere Hochzeit lag noch nicht allzu lange zurück.

Jedes Mal, wenn ich in sein markantes Gesicht sah, überkam mich ein überwältigendes Gefühl von tiefer Liebe, die ich für diesen Mann empfand.

»Ich bin froh, dass wir endlich zusammengezogen sind«, flüsterte ich und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss.

Gestern waren die Sachen aus meinem Apartment in Daniels Atelierwohnung gebracht worden. Daniel hatte mir eines seiner beiden Arbeitszimmer überlassen.

Außer diesen Zimmern verfügte die großzügig geschnittene Atelierwohnung, die im obersten Stockwerk eines alten Gebäudes in der Lime Street lag, über ein geräumiges Wohnzimmer mit Bar und Ausblick auf die Dächer und Hochhäuser von London sowie ein Schlafzimmer, Küche und Bad.

Im Vergleich zu dieser Atelierwohnung war mein kleines Apartment ein enger Taubenschlag gewesen.

Ich hatte mir das Apartment damals gekauft, nachdem meine Großmutter gestorben war. Sie war meine letzte Verwandte gewesen.

»Täusche ich mich, oder sehe ich wirklich Melancholie in deinem Blick?«, fragte Daniel einfühlsam.

Ich wischte meine Erinnerungen beiseite und lächelte Daniel fröhlich an.

»Es ist nur ein kleiner Abschiedsschmerz«, meinte ich leichthin. »Aber der wird erträglich, wenn ich daran denke, welch glückliche Zukunft vor mir liegt. An deiner Seite fühle ich mich überall wohl.«

Daniel grinste glücklich. Dann nahm er mich sanft auf seine Arme und trug mich durch den Korridor ins Schlafzimmer.

Wir küssten uns leidenschaftlich, während wir auf das breite französische Bett sanken. Die Welt um mich herum versank in einem Meer aus Liebe und Hingabe...

2

Am Nachmittag fuhr ich mit meinem nachtblauen Volvo zu meiner Wohnung. Ich hatte eine Annonce in verschiedenen Londoner Tageszeitungen gestartet und mein Apartment zum Verkauf angeboten. Es hatte sich auch prompt eine junge Frau gemeldet, die sich die Wohnung heute gerne ansehen wollte.

Daniel war zu Hause geblieben. Sein stressiger Beruf als Neurologe in der großen Stadtklinik brachte es mit sich, dass er nur äußerst selten mal ein freies Wochenende hatte. Darum hatte ich ihm auch vorgeschlagen, lieber in der Atelierwohnung zu bleiben und seine freie Zeit zu genießen, als mich zu dem langweiligen Verkaufsgespräch in die Page Street zu begleiten.

Daniel und ich hatten uns für heute Abend einiges vorgenommen.

Erst wollten wir im Garibaldi, meinem Lieblingslokal essen gehen. Dann würden wir uns ins Londoner Nachtleben stürzen...

Ich freute mich schon auf die gemeinsame Nacht mit Daniel.

Als ich die Page Street erreichte, kehrten meine Gedanken wieder in die Gegenwart zurück. Ich stoppte meinen Wagen neben einem unansehnlichen roten Backsteingebäude und stieg aus.

Mit gemischten Gefühlen ließ ich meinen Blick über die schmuddelige regennasse Fassade des Hauses schweifen. Tauben hatten unter den wulstigen Simsen und Vorsprüngen vor dem Regen Schutz gesucht. Starr kauerten sie da und bewegten nur hin und wieder ruckartig ihre Köpfe.

Mein Blick verharrte bei den dunklen Fenstern des vierten Stockwerks. Dahinter lag mein Apartment, das nun völlig leer war.

Plötzlich stutzte ich.

In einem der Fenster zeichnete sich die Silhouette einer Gestalt ab.

Hielt sich etwa jemand in meinem Apartment auf?

Rasch trat ich auf die Eingangstür zu und betrat das Treppenhaus. Es roch muffig und nach verschiedenen Mahlzeiten der Familien, die das Haus bewohnten.

Ich stieg die düstere Treppe empor. Die ausgetretenen Stufen knarrten unter meinen Schritten. Dann hatte ich die oberste Etage erreicht.

Die Tür zu meiner Wohnung stand offen. Vorsichtig drückte ich sie ganz auf und trat ein.

»Hallo! Ist da jemand?«, rief ich.

Da trat plötzlich eine Gestalt aus dem Dunkeln einer Nische auf mich zu.

Ich schrak zusammen. Doch dann bemerkte ich, dass es nur eine junge Frau war, die mir da entgegentrat. Sie war gepflegt gekleidet und von schlanker Statur. Auf ihrem feingeschnittenen Gesicht lag ein freundliches Lächeln, während sie mich mit ihren graugrünen Augen aufmerksam musterte.

»Mein Name ist Jacqueline Toullie«, stellte sie sich vor und reichte mir die Hand. Sie sprach mit einem französischen Akzent.

»Brenda Logan«, erwiderte ich und ergriff ihre Hand.

»Ich bin wegen des Apartments gekommen«, fuhr Jacqueline Toullie fort. Sie strich sich mit eleganter Geste eine Strähne ihres kastanienbraunen halblangen Haars hinters Ohr. Dadurch wurde ihr Ohrring freigelegt, der zuvor von dem Haar verdeckt gewesen war. Das Schmuckstück zog meine Blicke wie magisch an. Es handelte sich um eine silberne Kugel, die an einer Kette hing und bei jeder Bewegung des Kopfes leicht hin und her pendelte.

Der Anblick des Ohrrings verwirrte mich. Ich musste mich regelrecht zwingen, den Blick von dem seltsamen Schmuckstück abzuwenden.

»Ihre Nachbarin, Miss Plumkin, war so nett und hat mir die Tür zum Apartment aufgeschlossen«, erklärte Jacqueline. »Sie ist eine sehr aufmerksame Frau.«

Ihr Gesicht nahm für einen flüchtigen Moment einen unwilligen Zug an.

Ich lächelte. Jacqueline hatte also bereits Bekanntschaft mit meiner aufdringlichen, aber doch herzensguten Nachbarin Miss Plumkin gemacht. Ich hätte es mir eigentlich denken können, dass sie für den sonderbaren Schatten in meiner Wohnung verantwortlich war.

Die seltsamen Erlebnisse der vergangenen Zeit hatten mich vorsichtig und misstrauisch werden lassen, so dass ich auf das Naheliegende nicht sofort gekommen war.

Jacqueline machte eine weit ausholende Bewegung mit den Armen. Ihr seltsamer Ohrring beschrieb dabei kreiselnde Bewegungen. Das Licht, das sich auf dem Schmuckstück brach, stach mir in die Augen.

»Ich habe mich bereits umgesehen«, sagte Jacqueline mit einschmeichelnder Stimme. »Das Apartment gefällt mir ausgezeichnet. Es entspricht genau meinen Vorstellungen. Wenn Sie noch keinen Käufer haben, würde ich es gerne nehmen.«

Eigentlich hätte ich mich über diese Mitteilung freuen müssen. Der Verkauf des Apartments gestaltete sich doch nicht so schwierig, wie ich befürchtet hatte. Aber ich nahm Jacquelines Worte nur am Rande wahr. Der sanfte, einschläfernde Klang ihrer Stimme machte mich müde. Die Gesten, die Jacqueline beim Sprechen vollführte, wirkten beschwörend. Zusammen mit dem pendelnden, gleißenden Ohrring ergaben sie einen seltsamen Smog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Auch der Blick der jungen Frau schien stechend und bohrend geworden zu sein.

Was geschah mit mir?

»Ach! Was bin ich froh, dass wieder eine junge Frau in meine Nachbarschaft zieht!«, ertönte plötzlich eine durchdringende Stimme hinter mir.

Die seltsame Müdigkeit war augenblicklich wie weggeblasen. Jacqueline Toullie seufzte entnervt. Für einen Moment glaubte ich, einen zornigen Ausdruck in ihrem Gesicht wahrzunehmen.

Ich hatte die durchdringende Stimme sofort erkannt. Sie gehörte Miss Plumkin, meiner Nachbarin.

In diesem Moment trat sie auch schon ungebeten herein.

»Ich hatte bereits befürchtet, ein Mann würde die Wohnung kaufen«, gestand sie mit verschwörerischem Unterton in der Stimme. »Der ständige Damenbesuch, der dann sicher stattgefunden hätte, hätte in dem Haus doch für einige Unruhe gesorgt.« Sie blinzelte mir zu. »Sie wissen ja, wie hellhörig das Haus ist. Man bekommt doch notgedrungen alles mit, was sich hier abspielt.«

Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Miss Plumkin gehörte zu der Sorte von Menschen, die ihre Nasen gerne in die Angelegenheiten anderer Leute steckten. Aber diesen lästigen Charakterzug vergab man ihr schnell. Miss Plumkin war eine herzensgute Frau, die starken Anteil am Leben ihre Mitmenschen nahm, und auf deren Hilfsbereitschaft man sich stets verlassen konnte.

Miss Plumkin tätschelte meine Schulter und sah mich betrübt an. »Ich bin untröstlich, dass Sie Ihr Apartment aufgeben wollen«, stellte sie fest und wischte sich verstohlen eine Träne aus den Augen. Doch dann sah sie Jacqueline an,  und ein mütterliches Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit.

»Wenn ich mir meine zukünftige Nachbarin allerdings so ansehe, weiß ich, dass ich für meinen Verlust reichlich entschädigt werde.«

Miss Plumkin ergriff Jacquelines Hand und schüttelte sie kräftig. »Ich bin sicher, dass wir uns gut vertragen werden«, meinte sie zuversichtlich.

Jacqueline lächelte säuerlich. »Das glaube ich auch«, erwiderte sie zurückhaltend. »Wenn Sie uns nun aber bitte entschuldigen wollen. Wir müssen noch die vertraglichen Dinge regeln.«

Miss Plumkin nickte. »Dann will ich Sie bei Ihrer Geschäftstüchtigkeit nicht länger stören«, sagte sie und wandte sich ab. In der Tür drehte sie sich aber noch einmal um.

»Wissen Sie was«, sagte sie gut gelaunt. »Kommen Sie doch nachher alle beide zu mir herüber. Dann können wir die Veränderung in diesem Haus mit einer Tasse Tee begießen. Etwas Kuchen habe ich sogar auch noch vorrätig.«

»Eine gute Idee«, erwiderte ich. Miss Plumkin war mir mit ihrer Neugierde zwar manchmal auf die Nerven gegangen. Aber irgendwie war meine Nachbarin mir trotzdem ans Herz gewachsen.

Jacqueline nickte unwirsch, trat ungeduldig auf Miss Plumkin zu und schob sie auf den Hausflur hinaus. Dann drückte sie ihr die Tür vor der Nase zu.

»Und nun zu uns beiden«, sagte Jacqueline und wandte sich abrupt zu mir um. Sie vollführte dabei eine seltsame Geste mit dem linken Arm. Der silberne Ohrring begann wieder zu schwingen. Die Lichtreflexe, die sich darauf brachen, verwirrten meine Sinne.

Plötzlich verschwamm alles vor meinen Augen. Mein Geist stürzte in bodenlose Dunkelheit...

3

Ich schlug die Augen auf und sah mich verwirrt um.

Wo war ich?

Ich befand mich nicht mehr in meinem Apartment, sondern in einem hohen Raum, der bis unter die Decke mit verschließbaren Bücherregalen und Vitrinen voll gestellt war. Durch ein schmales vergittertes Fenster fiel ein dünner Lichtstreifen herein, in dem silberne Staubpartikel tanzten.

Ich saß in einem unbequemen Sessel vor einem schmucklosen Schreibtisch. Vor mir lag ein altes, in brüchiges Leder gebundenes Buch...

Ich erkannte das Buch sofort wieder. Es handelte sich um einen der Bände des handgeschriebenen Wörterbuchs des Okkultismus und Spiritismus. Ein gewisser Lord Chelmsie hatte es vor langer Zeit handschriftlich verfasst. Nun befand es sich im Besitz des British Museum. In dem umfangreichen Nachschlagewerk fanden sich neben dem herkömmlichen Wissen über Mystik auch eine Vielzahl geheimer Aufzeichnungen über schwarze Magie. Besonders ausführlich wurde auf das Thema Amulette eingegangen.

Wegen des brisanten Inhalts wurde dieses Nachschlagewerk in einem Safe des British Museum aufbewahrt.

Nun merkte ich auch, wo ich mich befand.

Ich hielt mich in einem Teil der Museumsbibliothek auf, der für den Publikumsverkehr nicht freigegeben war. In den verschlossenen Vitrinen und Bücherschränken befanden sich wertvolle und äußerst seltene Buchexemplare. Für gewöhnlich gestattete Professor Sloane nur selten jemand, diesen Bereich zu betreten.

Nachdenklich betrachtete ich den schwarzen Einband des Nachschlagewerks. Es war nicht aufgeschlagen, und ich konnte mich auch nicht daran erinnern, in dem mysteriösen Buch gelesen zu haben.

Eigentlich konnte ich mich an überhaupt nichts mehr erinnern! Was war nach meinem Zusammentreffen mit Jacqueline Toullie geschehen?

Unwillkürlich griff ich nach meiner Handtasche, in der ich die Verträge für den Verkauf des Apartments verwahrt hatte.

Ich nahm die Verträge zur Hand und stellte fest, dass sie ausgefüllt und unterschrieben waren. Als Käuferin war Jacqueline Toullie eingetragen. Der Kaufpreis entsprach genau der Summe, die mir vorgeschwebt hatte. Das Geld sollte auf mein Konto überwiesen werden.

Ich konnte mich leider nicht mehr an das Verkaufsgespräch erinnern.

Warum befand ich mich plötzlich in der Museumsbibliothek? Wie war ich hierher gekommen? Und was hatte ich hier verloren? Eigentlich hatte ich doch eine freie Woche, und es gab überhaupt keine Veranlassung für mich, das Museum aufzusuchen.

Ich schaute auf die Uhr und stellte fest, dass es bereits sieben Uhr abends war. In meiner Erinnerung fehlten ein paar Stunden.

Benommen erhob ich mich aus dem ungemütlichen Sessel. Gespenstische Bilder entstanden plötzlich in meinem Kopf.

Was immer ich in der Bibliothek vorgehabt hatte, ich musste dabei eingeschlafen sein. Undeutlich erinnerte ich mich an einen sonderbaren Traum, den ich gehabt hatte.

In einer düsteren Grotte hatten sich unheimliche Gestalten in schwarzen Kapuzenkutten versammelt. In großen Feuerschalen züngelten rote Flammen. Ihr Widerschein geisterte über die Wände und die Gestalten. Überall gab es Nischen und zweigten Gänge ab. In den Nischen schimmerten bleiche, menschliche Knochen. Eine Wand war fast vollständig von übereinander gestapelten Totenschädeln eingenommen.

Die Gestalten in den schwarzen Kapuzenkutten bildeten einen Kreis und nahmen mich zwischen sich. Eine Art Zeremonie wurde abgehalten.

Da fiel mir in der Mitte des Kreises ein dunkler, handtellergroßer Gegenstand auf. Es war ein Amulett!

Plötzlich stieg Rauch daraus empor. Der Qualm verdichtete sich und eine schwarze Gestalt wurde darin sichtbar. Die verschwommenen Konturen verdichteten sich. Ein gehörntes Tier, das aufrecht auf seinen Hinterbeinen stand, wurde sichtbar. Die grünen stechenden Augen starrten mich durch den Rauch hindurch an.

Ich war unfähig mich zu bewegen. Und dies nicht nur, weil die Gestalten neben mir mich unerbittlich festhielten. Vielmehr war es der gespenstische Blick aus den grünen Augen, der mich lähmte.

Der Qualm lichtete sich ein wenig, so dass ich den Kopf des Tieres nun deutlich sehen konnte.

Es handelte sich um eine Ziege! Doch die animalischen Züge des Tierkopfes wirkten auf gespenstische Weise menschlich,  fast diabolisch.

Dann riss der Traum plötzlich ab und ich erwachte in der Museumsbibliothek...

Unbehaglich schüttelte ich die gespenstischen Traumbilder ab.

Daniel! fuhr es mir plötzlich durch den Kopf. Ich hatte doch mit ihm heute Abend ausgehen wollen! Sicher machte er sich bereits Sorgen um mich.

Rasch nahm ich das Buch vom Tisch und schob es in den offenen Tresor hinter einer schwenkbaren Bücherwand. In dem Tresor befanden sich auch die anderen Bände des handgeschriebenen Nachschlagewerks.

Gewissenhaft verschloss ich den Safe wieder und drückte das Regal an seinen Platz zurück. Niemand, der sich hier nicht auskannte, würde nun auf die Idee kommen, dass sich hinter dem rustikalen Bücherregal ein Tresor verbarg.

Dann verließ ich den Raum und hastete durch die großen Säle der Bibliothek. Beim Büro von Professor Sloane hielt ich an und klopfte.

Aber der Direktor des British Museums war nicht da.

Die Angelegenheit wurde immer mysteriöser. Rasch ging ich zum Eingangsbereich des Museums. Dort traf ich Raymond Ghanadi, den Hausmeister des Museums.

Überrascht sah Raymond mich an. Er war der Sohn einer Inderin und eines Engländers.

»Brenda, was hast du denn im Museum verloren?«, fragte er mich verwundert. »Ich denke, du hast dir eine freie Woche genommen?«

»Das dachte ich eigentlich auch«, erwiderte ich in einem Anflug von Ironie und gab Raymond die Bibliotheksschlüssel. Eigentlich hatte ich gehofft, dass Professor Sloane oder Raymond mir sagen konnten, wann und warum ich ins Museum gekommen war. Aber der Professor war nicht da. Und an Raymonds Reaktion konnte ich ablesen, dass er auch nicht viel mehr wusste.

»Wo ist Professor Sloane?«, fragte ich.

»Er ist vor einer halben Stunde zu einer wichtigen Besprechung ins Kulturministerium bestellt worden«, erwiderte Raymond.

Er sah mich listig an. »Ist es mit Daniel so langweilig, dass du dich sogar in deiner Freizeit im Museum herumtreiben musst? Wenn du für heute Abend einen charmanten Gesellschafter suchst, würde ich dir raten, meine Dienste in Anspruch zu nehmen.«

Ich drohte Raymond spielerisch mit dem Zeigefinger. Es war kein Geheimnis, dass Raymond sich in mich verliebt hatte. Raymond war ein guter Freund, mein Herz und meine Liebe gehörten jedoch Daniel Connors.

Raymond wusste dies, und er respektierte meine Gefühle. Er ließ es sich jedoch nicht nehmen, hin und wieder neckische Anspielungen zu machen.

»Du siehst verwirrt aus«, stellte er fest. »Stimmt irgendetwas nicht?«

»Ich kann mich nicht erinnern, warum ich hierhergekommen bin und was ich hier wollte. Ich muss dringend Daniel anrufen.«

Mit diesen Worten trat ich auf das Telefon in der Hausmeisterloge zu. Ich wählte dann die Nummer der Atelierwohnung in der Lime Street.

Daniel nahm gleich nach dem ersten Klingelzeichen ab.

»Brenda«, rief er aufgebracht. »Wo steckst du nur so lange? Ich habe mir Sorgen gemacht.«

»Ich verstehe selbst nicht, was vorgefallen ist«, erwiderte ich unbehaglich. »Aber ich werde dir alles bei einer gemütlichen Flasche Rotwein im Garibaldi erzählen. Oder hast du dich inzwischen mit jemand anderen verabredet?«

»Wo denkst du hin?«, brauste Daniel in gespielter Empörung auf. Doch dann wurde er wieder ernst. Daniel konnte mich nur allzu leicht durchschauen. Ich hatte ihn mit meiner vor gegaukelten Heiterkeit nicht täuschen können.

»Geht es dir gut?«, fragte er besorgt.

»Mir ist nichts geschehen«, beruhigte ich ihn. »Aber wie es aussieht, habe ich eine Gedächtnislücke von mehreren Stunden.«

»Wo bist du jetzt?«

»Im Museum.«

»Soll ich dich abholen?«

»Das wird nicht nötig sein«, entgegnete ich. Ich nahm an, dass ich mit dem Auto ins Museum gekommen war. »Wir treffen uns im Garibaldi.«

»Wie ist das Verkaufsgespräch gelaufen?«, wollte er noch wissen.

»Ich habe das Apartment verkauft. Die neue Besitzerin heißt Jacqueline Toullie.«

»Das ging aber schnell.«

»Ich wundere mich selbst darüber.«

»Bist du sicher, dass ich dich nicht doch abholen soll?«

»Ja.«

»Ich liebe dich, Brenda«, flüsterte Daniel. »Und ich freue mich, dich gleich im Restaurant in meine Arme schließen zu können...«

4

Draußen regnete es noch immer. Die Abenddämmerung ließ den düsteren, wolkenverhangenen Himmel noch finsterer erscheinen. Das Licht der Straßenlaterne spiegelte sich auf dem nassen Asphalt.

Ich fand meinen blauen Volvo auf dem Parkplatz des Museums  so wie ich es vermutet hatte. Zwar konnte ich mich nicht mehr erinnern, ihn dort abgestellt zu haben aber darüber zerbrach ich mir auch nicht länger den Kopf. Ich sehnte mich nach Daniels Nähe. Seine Gegenwart flößte mir ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit ein. Ein Gefühl, nach dem ich mich mehr denn je sehnte.

Ich löste mich aus dem Windschatten des Museumsgebäudes und eilte über den nassen Asphalt auf meinen Wagen zu.

Plötzlich hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden.

Im Laufen wandte ich mich um  und sah, wie ein junger Mann hinter einer der Säulen des Museums verschwand. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich sein dunkles, nasses Haar, sein kantiges Kinn und die düster dreinblickenden Augen im Widerschein einer Straßenlaterne gesehen.

Unbehaglich setzte ich meinen Weg fort. Ich war ganz allein auf dem Parkplatz, auf dem nur wenige Autos standen. Falls der Unbekannte es wirklich auf mich abgesehen hatte, würde er leichtes Spiel haben.

Ich beschleunigte meine Schritte und blickte immer wieder über meine Schulter zurück. Aber der junge Mann blieb verschwunden.

Wahrscheinlich hatte sein Auftauchen überhaupt nichts zu bedeuten und es war nur ein Zufall gewesen, dass er mir nachgeschaut hatte.

Trotz dieser Gedanken, mit denen ich mich beruhigen wollte, schloss ich hektisch meinen Wagen auf. Rasch glitt ich hinters Steuer. Ich warf die Fahrertür ins Schloss und verriegelte sie.

In diesem Moment gewahrte ich, dass ich nicht allein im Wagen war!

Neben mir auf dem Beifahrersitz saß Jacqueline Toullie. Der blasse Strahl einer Laterne beleuchtete ihr helles Gesicht und spiegelte sich auf verwirrende Weise auf ihrem silbernen Ohrring wider.

Ehe ich etwas sagen konnte, vollführte sie eine beschwörende Geste. Der silberne Ohrring pendelte in einschläferndem Takt hin und her. Der Blick aus ihren graugrünen Augen bohrte sich in die meinen...

5

Eine knappe Stunde wartete Daniel im Garibaldi auf Brenda. Als sie dann noch immer nicht erschienen war, hielt er es auf seinem Stuhl nicht mehr aus.

Irgendetwas war mit Brenda geschehen, da war er plötzlich ganz sicher.

Daniel trat an die Theke und ließ sich von dem Getränkekellner das Telefon geben. Dann wählte er die Nummer des British Museums.

Immer wieder klingelte es, ohne dass jemand abnahm. Das Museum hatte längst geschlossen. Von dem Personal und den Wissenschaftlern, die dort arbeiteten, schien auch niemand mehr im Hause zu sein.

Daniel wollte bereits auflegen, als plötzlich jemand den Hörer abhob.

»Raymond Ghanadi«, meldete sich die Stimme des Hausmeisters.

»Hallo, Raymond, hier ist Daniel Connors«, sagte Daniel. »Ist Brenda noch im Museum?«

»Nein«, erwiderte Raymond. »Nachdem sie mit Ihnen telefoniert hatte, hat sie das Museum

verlassen. Sie müsste Sie längst getroffen haben.«

»Brenda ist hier aber nicht angekommen«, erklärte Daniel. »Hat sie irgendetwas zu Ihnen gesagt? Vielleicht wollte sie vorher noch irgendwo anders hin?«

»Nein. Soviel ich weiß, wollte sie sich sofort zu Ihnen auf den Weg machen. Sie wirkte allerdings etwas verwirrt.«

Daniel verfluchte sich dafür, dass er nicht darauf bestanden hatte, Brenda vom Museum abzuholen. Sie hatte eine Erinnerungslücke von mehreren Stunden gehabt. Vielleicht irrte sie irgendwo in London herum...

»Ich wollte eigentlich gerade nach Hause gehen«, sagte Raymond. »Aber ich werde lieber noch im Museum warten. Vielleicht taucht Brenda ja noch einmal hier auf.«

»Danke«, sagte Daniel. »Ich melde mich, wenn sich etwas Neues ergibt.«

Er legte auf und saß noch eine Weile grübelnd da.

Seine innere Unruhe nahm jetzt ständig zu. Er kannte Brenda gut genug, um zu wissen, dass sie ihn nicht einfach würde sitzen lassen. Irgendetwas musste vorgefallen sein.

Daniel hatte das dumpfe Gefühl, dass Brendas verloren gegangenes Erinnerungsvermögen etwas damit zu tun hatte.

»Ich muss herausfinden, was der Grund für Brendas Erinnerungsverlust ist«, sprach er zu sich selbst. »Wenn ich ihren Tagesverlauf zurückverfolge, finde ich vielleicht sogar einen Hinweis darauf, wo sie sich jetzt befinden könnte...«

Daniel erhob sich von dem Barhocker und winkte den Getränkekellner zu sich. »Wenn meine Frau hier auftaucht, rufen Sie mich bitte sofort an«, sagte er und schob dem Kellner seine Visitenkarte zu, auf der die Nummer seines Autotelefons vermerkt war. Als Arzt musste er jederzeit verfügbar sein. Daher hatte sich Daniel unlängst ein Autotelefon angeschafft.

Der Kellner nickte.

Daniel verließ das italienische Restaurant und strebte auf seinen Wagen zu. Es regnete noch immer, der Himmel spannte sich mit düsteren Wolken beladen über die englische Metropole.

»Brenda ist von der Atelierwohnung zu ihrem Apartment in der Page Street gefahren«, murmelte er, als er in seinen Wagen stieg. »Dort werde ich mit meiner Suche beginnen.«

6

Ich war umgeben von düsteren Gestalten in schwarzen Kapuzenkutten. Zwei von ihnen hatten sich links und rechts bei mir unter gehakt und mich in ihren Kreis eingereiht. Ihr Griff war hart und

unerbittlich. Schmerzhaft schlossen sich ihre Hände um meine Arme. Sie trugen einen silbernen Siegelring auf dem kleinen Finger. Der Kopf einer Ziege war darauf abgebildet. Einer Ziege, die diabolische Züge trug.

Angewidert wandte ich meinen Blick von den Siegelringen ab und sah mich verstohlen um.

Die unheimliche Gesellschaft hatte sich wieder in der düsteren Grotte versammelt. Mein Blick schweifte über die gähnenden schwarzen Zugänge der Schächte, die von dem kreisrunden Gewölbe abzweigten. Das zuckende Licht der Feuerschalen tauchte die Szenerie in ein gespenstisches, diffuses. Licht.

Die bleichen Knochen in den Nischen schimmerten fahl und die aufgeschichteten Totenschädel schienen mich höhnisch anzugrinsen.

Eiskalte Schauer rieselten mir über den Rücken.

Doch im nächsten Augenblick wurde meine Aufmerksamkeit von den Skeletten abgelenkt. Die verhüllten Gestalten, die einen weiten Kreis gebildet hatten, stimmten einen monotonen Singsang an und schaukelten mit ihren Körpern schwankend hin und her.

In der Mitte des Kreises lag wieder das unansehnliche schwarze Amulett. Dunkler Rauch stieg daraus empor, und bald darauf zeichneten sich die unheimlichen Umrisse einer aufrecht stehenden Ziege in dem Qualm ab.

Der Gesang der Gestalten wurde lauter, die schaukelnden Bewegungen hektischer. Die Versammelten verfielen in Ekstase.

Die schrecklichen grünen Augen des dämonischen Wesens leuchteten unheilverkündend und stachen als glühende Schlitze aus der schwarzen Silhouette der Ziege hervor.

Plötzlich löste sich eine Gestalt aus dem Kreis der unheimlichen Gestalten. Sie trug als einzige eine dunkelrote Kutte. Unerschrocken trat sie auf die Rauchsäule zu und riss beschwörend die Arme empor. Dabei klaffte ihre Kutte vorn auseinander. Ich sah, dass es sich um eine Frau handelte und dass sie unter der Kutte nackt war.

»Frère Chevre!«, rief sie mit sich überschlagender Stimme. »Frère Chevre, ich bin bereit dich zu empfangen. Nimm Besitz von meinem Körper, damit du dein Werk unter den Menschen verrichten kannst.«

Kaum hatte die Frau ausgesprochen, da lichtete sich der dunkle Qualm, und für einen Moment wurde der scheußliche Ziegenschädel sichtbar. Die Züge des Tierkopfes wirkten entstellt. Sie waren zu einer diabolischen Fratze verzerrt.

Ein eiskalter Schauer jagte mir über den Rücken.

Im nächsten Moment beugte sich der schwarze Schatten der Ziege über die Frau, die mit offenen Armen dastand, so als wollte sie einen Geliebten empfangen.

Dann verschmolz der schreckliche Tierschatten mit ihrem Körper. Es sah so aus, als würde die Frau in der dunkelroten Kutte den Schatten mit jeder Pore ihres Körpers aufsaugen.

Endlich war der Spuk vorbei. Die Rauchsäule in der Mitte des Kreises verwehte. Die Frau riss triumphierend die Arme in die Höhe, und die unheimlichen Gestalten in den Kutten stießen entzückte Schreie aus.

Ich war vor Grauen wie gelähmt. Dieses Grauen steigerte sich in blankes Entsetzen, als die Frau sich nun im Kreis drehte und jedem der unheimlichen Gestalten ihr Gesicht zuwandte.

Ihr hübsches Gesicht war entstellt. Ein animalischer, bösartiger Zug lag darin. In ihren Augen brannte ein grünes, loderndes Feuer...

Ich stöhnte auf. Verzweifelt versuchte ich mich aus dem klammernden Griff der beiden Kuttenträger, die mich flankierten, zu befreien...

Plötzlich tätschelte jemand meine Wange.

Das schreckliche Bild vor meinen Augen löste sich langsam auf  und ich starrte in das kantige Gesicht eines jungen Mannes, der sich über mich gebeugt hatte.

Ich erkannte das Gesicht wieder. Es gehörte dem Kerl, der mich auf dem Parkplatz des Museums beobachtet hatte...

7

Ich stieß den jungen Mann zurück und versuchte mich zu erheben. Dabei bemerkte ich, dass ich nicht aufstehen konnte.

Gehetzt schaute ich an mir hinab. Ich war mit einem Beckengurt angeschnallt. Mit fliegenden Fingern öffnete ich den Gurt und sah mich um.

Was ich sah, verwirrte mich fast noch mehr als die grauenerregende Szenerie in der Grotte, die mir eben noch vor Augen gestanden hatte.

Ich verdrängte die Erinnerung an die unheimliche Zeremonie und das dämonische Ziegenwesen und konzentrierte mich auf meine Umgebung.

Es bestand kein Zweifel. Ich befand mich in einem Flugzeug!

Vor mir erstreckte sich eine lange Sitzreihe. Die Plätze waren alle belegt. Das dumpfe Motorengeräusch der Maschine und das Summen der Klimaanlage verrieten mir, dass wir uns in der Luft befanden.

Die meisten Passagiere schliefen.

Ich sah zu dem Bullauge neben mir. Draußen herrschte stockdunkle Nacht. Einige blasse Sterne zeichneten sich in der Dunkelheit ab.

»Gott sei Dank, dass Sie endlich zu sich gekommen sind«, ertönte plötzlich eine Stimme neben mir.

Ich wandte mich um und musterte den jungen Mann neben mir misstrauisch. Er war kräftig gebaut und hatte kurzes dunkles Haar. Sein Kinn war kantig, die Augen blickten düster drein.

»Was... was wollen Sie von mir?«, stammelte ich. »Und wie komme ich in dieses Flugzeug?«

Der junge Mann lächelte freudlos. »Das kann ich Ihnen leider auch nicht erklären«, meinte er. »Aber ich weiß, dass Sie sich in großer Gefahr befinden. Ich bin Ihnen gefolgt, um Sie aus der Hypnose zu reißen...«

Seine Worte ergaben keinen Sinn. Grübelnd zog ich die Stirn in Falten und versuchte mich zu erinnern.

Da erstand plötzlich das Gesicht von Jacqueline Toullie vor meinem geistigen Auge. Sie hatte auf dem Beifahrersitz meines Volvos gesessen. Von ihrem pendelnden silbernen Ohrring ging ein starker Sog aus, der mein Bewusstsein ergriff und mit sich in tiefe Finsternis riss...

Plötzlich spürte ich wieder kurze, energische Schläge auf meiner Wange.

Ich riss die Augen auf. Ich musste wieder für einen Moment weggetreten sein. Das Gesicht des jungen Mannes war nun direkt über mir.

»Sie müssen gegen die Hypnose ankämpfen«, sagte er eindringlich.

Ich fühlte mich unsagbar müde. Verzweifelt versuchte ich meine Gedanken zu sammeln. Ich musste herausfinden, was hier gespielt wurde.

»Wer... wer sind Sie?«, brachte ich mühsam hervor.

»Mein Name ist Pierre Le Grant«, erwiderte der junge Mann. »Aber das ist unwichtig. Viel wichtiger ist, dass Sie gegen den fremden Einfluss ringen...«

Ich versuchte mich zu konzentrieren, was mir allerdings schwerfiel. Das Gesicht von Jacqueline schob sich vor mein inneres Auge und drohte die Realität aus meinem Bewusstsein zu verdrängen.

Ich schüttelte mich, und das Gesicht verschwand.

»Jacqueline Toullie«, kam es rau über meine Lippen. »Hat sie mich hypnotisiert?«

Pierre LeGrant machte ein bedauerndes Gesicht. »Ich fürchte ja«, sagte er und seine Augen verdüsterten sich noch mehr. Er wollte gerade fortfahren, als plötzlich eine Stewardess an unsere Sitzreihe trat. Sie trug ein blaues, enges Kostüm und hatte ein keckes Käppi auf ihrem gelockten Haar.

»Belästigt Sie dieser Mann etwa?«, fragte sie und warf Pierre LeGrant einen misstrauischen Blick zu.

»Ich beobachte Sie seit einer Weile«, sagte sie an Pierre gewandt. »Sie haben Ihren Platz verlassen und sich neben diese Dame gesetzt. Dann rissen Sie sie aus dem Schlaf, indem Sie ihr ein paar Ohrfeigen verpassten. Ein Gentleman scheinen Sie nicht gerade zu sein.«

Pierre LeGrant machte eine verzweifelte Geste. »Es ist nicht so, wie Sie denken«, verteidigte er sich. »Diese Frau hier«, fuhr er fort und wies dabei auf mich, »befindet sich in Schwierigkeiten.«

Die Stewardess war nicht überzeugt. Ich hätte Pierre gerne geholfen und der Frau erklärt, dass sein Verhalten okay war. Aber seltsamerweise brachte ich kein Wort über die Lippen.

Meine Schweigsamkeit schien die Stewardess nur in ihrem Verdacht zu bestärken, dass es sich bei Pierre LeGrant um einen Rüpel handelte, der auf plumpe Weise versuchte, sich einer unbekannten Frau zu nähern, die allein reiste.

»Sie kennen ja nicht einmal den Namen dieser Frau«, ereiferte sie sich. »Und außerdem haben Sie sie verschreckt. Sehen Sie doch nur, wie bleich sie aussieht!«

Nun wandte sie sich an mich.

»Entschuldigen Sie die Belästigung«, erklärte sie. »Ich werde dafür sorgen, dass so etwas nicht noch einmal vorkommt.«

Streng sah sie auf Pierre LeGrant hinab, der sich hilflos mit der Hand durch das dichte, dunkle Haar fuhr.

»Hören Sie«, setzte er an. »Dies ist ein Notfall.«

Hilfesuchend sah er zu mir herüber. Aber ich konnte sein Gesicht schon nicht mehr genau erkennen. Statt dessen glaubte ich den pendelnden Ohrring von Jacqueline Toullie vor mir zu sehen.

Pierre packte meine Jackenaufschläge und rüttelte mich durch.

»So wachen Sie doch auf!«, rief er verzweifelt.

»Das ist ja wohl die Höhe!«, schnitt die Stimme der Stewardess dazwischen. »Gehen Sie sofort auf Ihren Platz zurück, und belästigen Sie andere Passagiere nicht länger!«

Ich hörte das eilige Tappen von Schritten, die sich unserer Sitzreihe näherten.

Pierres protestierende Stimme war zu hören, die sich nun aber von mir entfernte. Offenbar hatten die Stewardessen den vermeintlichen Störenfried mit Gewalt auf seinen Platz zurückbefördert.

Die Stewardess beugte sich über mich. »Ich versichere Ihnen, dass Sie in Zukunft ungestört bleiben«, betonte sie. Ihre Stimme drang wie durch Watte an mein Ohr. »Wir werden diesen aufdringlichen Kerl nicht mehr aus den Augen lassen. Und sollte er es noch einmal wagen, seinen Platz zu verlassen, bekommt er es mit mir und meinen Kolleginnen zu tun...«

Ich spürte, wie die Schwärze mich wieder zu verschlingen drohte, und kämpfte mit aller Kraft dagegen an.

»Wo... wohin fliegen wir?«, presste ich mühsam hervor.

Die Stewardess sah mich merkwürdig an.

»Das Flugzeug fliegt nach Paris«, sagte sie etwas befremdet.

Dann fielen meine Augen zu. Um mich herum war nichts als tiefe Finsternis...

8

Daniel hatte seinen Wagen direkt neben dem alten Backsteinhaus in der Page Street abgestellt. Die Fenster des Hauses waren fast alle erleuchtet. Nur in Brendas ehemaligem Apartment herrschte Dunkelheit.

Daniel trat an den Hauseingang und besah sich die Leiste mit den Klingelknöpfen. Brendas Namensschild war bereits entfernt worden. Statt dessen war dort nun der Name Jacqueline Toullie zu lesen.

Daniel drückte auf den Klingelknopf mit dem neuen Namensschild und wartete.

Nichts geschah. Daniel überlegte, ob er bei Miss Plumkin klingeln solle. Der neugierigen Nachbarin war es bestimmt nicht entgangen, dass Brenda in ihrer Wohnung ein Verkaufsgespräch geführt hatte.

Vielleicht war ihr an Brenda etwas Sonderbares aufgefallen?

Daniel streckte den Arm aus und wollte gerade bei Miss Plumkin klingeln, als er plötzlich auf dem Gehweg eine Gestalt bemerkte, die sich der Haustür näherte.

Er hielt inne und wandte sich um.

Eine junge Frau trat auf den Hauseingang zu. Sie schien in Gedanken vertieft, denn sie bemerkte Daniel erst, als sie ihn fast erreicht hatte.

Erschrocken fuhr sie zusammen.

»Ich wollte Sie nicht erschrecken«, sagte Daniel und musterte sein Gegenüber aufmerksam.

Die Frau trug einen eleganten Regenmantel, der ihre schlanke Figur dezent hervorhob. Ihr Teint wirkte ein wenig blass. Aber dafür waren ihre graugrünen Augen um so ausdrucksstärker.

Daniel war sich sicher, diese Frau in dem Haus noch nie gesehen zu haben. Er kannte die Bewohner des alten Backsteinhauses, da er Brenda oft besucht hatte.

»Sind Sie Jacqueline Toullie?«, fragte er höflich.

Die Frau nickte abwesend und kramte aus ihrer Handtasche den Hausschlüssel hervor.

»Dann darf ich Ihnen zum Kauf des Apartments gratulieren«, fuhr Daniel fort.

Jacqueline sah Daniel nun zum ersten Mal richtig an.

»Was wollen Sie?«, fragte sie abweisend.

»Oh, ich habe mich noch nicht vorgestellt«, sagte Daniel und streckte der jungen Frau die Hand entgegen. »Mein Name ist Daniel Connors. Ich bin Brendas Ehemann!«

Jacquelines Miene verdüsterte sich. »Sind Sie gekommen, um sich von der Wohnung Ihrer Frau zu verabschieden?«, fragte sie desinteressiert.

Daniel schüttelte den Kopf und ließ die junge Frau dabei nicht aus den Augen.

Irgendetwas an der Französin kam ihm seltsam vor.

»Ich bin auf der Suche nach meiner Frau«, rückte er schließlich mit der Sprache heraus. »Sie scheint spurlos verschwunden zu sein.«

Daniels Worte schienen der jungen Frau Unbehagen zu bereiten. Mit einer fahrigen Bewegung strich sie sich das Haar hinter das Ohr, so dass der silberne Ohrring, den sie trug, zum Vorschein kam.

»Was habe ich mit dieser Angelegenheit zu tun?«, fragte sie wie nebensächlich. »Ich mische mich nicht gern in die Beziehungsprobleme anderer Leute.«

Daniel betrachtete das Schmuckstück einen Moment lang, das aus einer silbernen Kugel bestand, die an einer Kette baumelte und sanft hin und her schwang.

Benommen schüttelte er den Kopf. »Sie missverstehen mich«, sagte er mit schleppender Stimme und schaute der Frau in die graugrünen Augen. »Ich wollte von Ihnen lediglich erfahren, ob Ihnen an Brendas Verhalten irgendetwas Sonderbares aufgefallen ist.«

Jacqueline zuckte mit den Schultern und schüttelte dann den Kopf, was ihren Ohrring in kreiselnde Bewegungen versetzte.

»Brenda hat sich ganz natürlich verhalten«, erklärte sie und vollführte dabei eine seltsam anmutende Armbewegung. »Wir haben uns ausgezeichnet verstanden. Ihre Frau ist sehr nett. Sie merkte wohl, dass mir das Apartment zusagte. Wir haben uns rasch auf einen Preis geeinigt. Als sie mich dann etwas später wieder verließ, schien sie mir ausgelassen und gutgelaunt. Es war ihr anzusehen, dass sie froh war, ihr Apartment in guten Händen zu wissen.«

Jacqueline lächelte Daniel entwaffnend an, der dem pendelnden Ohrring immer wieder irritierte Blicke zuwarf.

»Sie sehen also, dass ich Ihnen bei Ihrem Problem nicht weiterhelfen kann«, fuhr Jacqueline mit monotoner Stimme fort. »Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen. Ich möchte in mein Apartment. Ich muss die Räume vermessen, damit ich mir für mein neues Zuhause die passende Einrichtung besorgen kann.«

Daniel nickte und schüttelte Jacqueline zum Abschied die Hand. Dann wandte er sich ab und stieg in seinen Wagen.

Erst nachdem er einige Zeit ziellos in der City von London umhergeirrt war, fiel ihm wieder ein, dass er ja eigentlich mit Miss Plumkin hatte sprechen wollen.

Er kam zu dem Schluss, dass ein solches Gespräch nun nicht mehr nötig war. Die Worte von Jacqueline Toullie waren aufschlussreich genug gewesen. Anscheinend hatte während des Verkaufsgesprächs nichts auf Brendas bevorstehenden Gedächtnisverlust hingewiesen.

Daniel stoppte seinen Wagen und orientierte sich anhand der Straßenschilder. Er verstand nicht, warum er so planlos durch die Straßen von London gefahren war. Hoffte er etwa, auf diese Weise Brenda zu finden?

In diesem Moment klingelte das Autotelefon.

Daniel hob sofort ab.

»Hallo, Dr. Connors«, hörte Daniel die Stimme von Raymond Ghanadi. »Der Kellner im Garibaldi war so freundlich und hat mir die Nummer gegeben, unter der Sie zu erreichen sind...«

»Ist Brenda im Museum aufgetaucht?«, unterbrach Daniel ihn ungeduldig.

»Leider nein«, erwiderte der Hausmeister des British Museum bedauernd. »Aber Professor Sloane ist vor wenigen Minuten von seiner Besprechung zurückgekehrt. Er musste noch einmal in sein Büro, um ein paar Akten zu sichten. Als ich ihm von Brendas Verschwinden erzählte, wurde er sehr nachdenklich. Er sagte, Brenda habe sich sehr sonderbar verhalten, als sie im Museum auftauchte.«

»Kann ich Professor Sloane sprechen?«, hakte Daniel nach.

»Er wird sich noch einige Zeit in seinem Büro aufhalten«, erwiderte Raymond. »Am besten kommen Sie hierher, um persönlich mit dem Professor zu reden.«

»In wenigen Minuten bin ich bei Ihnen«, sagte Daniel und unterbrach die Verbindung. Dann wendete er seinen Wagen und brauste in Richtung Museum davon.

9

»Brenda Logan!«

Die befehlende Stimme schnitt durch die Totenstille, die mich umgab. Die undurchdringliche Schwärze wich.

Benommen blinzelte ich mit den Augen.

Ich stand in einer riesigen Halle. Lautsprecheransagen und Stimmengewirr erfüllten die Luft. In der Halle hielten sich zahlreiche Menschen auf, die geschäftig hin und her eilten. Die meisten von

ihnen trugen schwere Koffer oder schoben Gepäckkarren vor sich hin.

Ich befand mich in der Wandelhalle eines Flughafens! Die Hinweisschilder waren auf Französisch geschrieben. Ich stand in einem abgelegenen Bereich, der von geschlossenen Flugschaltern gesäumt war.

In diesem Augenblick erinnerte ich mich an die Worte der Stewardess, die sie sprach, bevor mein Geist wieder von der seltsamen Schwärze verschluckt wurde: »Das Flugzeug fliegt nach Paris!«

Also hielt ich mich anscheinend im Pariser Flughafen Roissy Charles de Gaulle auf.

Es war dieselbe Stimme, die mich aus dem Zustand geistiger Umnachtung gerissen hatte.

Verwirrt schaute ich mich um, da mir in meiner unmittelbaren Nähe niemand aufgefallen war.

Da gewahrte ich eine gespenstisch huschende Bewegung. Eine verschwommen erscheinende Gestalt löste sich aus dem tiefen Schatten einer Säule.

Ein Schauer rieselte mir den Rücken hinunter. Hatte ich es hier mit einem Geist zu tun?

Doch da nahm der Schemen langsam Konturen an. Ein unscheinbarer, untersetzter Mann stand plötzlich vor mir.

Ich schüttelte verwirrt den Kopf. Hatten meine Sinne mir einen Streich gespielt?

Der Mann hatte eine Halbglatze, die von einem blonden Haarkranz umgeben war. Obwohl draußen Nacht herrschte, trug er eine Sonnenbrille. Gekleidet war er in einen schlichten schwarzen Anzug.

»Wer sind Sie?«, fragte ich unbehaglich und sah mich verstohlen nach einer Fluchtmöglichkeit um. Da bemerkte ich, dass direkt hinter mir ein zweiter Schemen stand. Seine Konturen waren durchscheinend, wie bei einem Gespenst.

Entsetzt wich ich einen Schritt zur Seite und wollte davonrennen. Doch da griff der Schemen nach mir.

Zwei kräftige Hände umklammerten meine Schultern.

Ich erstarrte vor Grauen. Der durchscheinende Geist fühlte sich sehr stofflich an. Und er verfügte über enorme Kräfte. Ich konnte mich aus dem Griff nicht befreien.

»Mein Name ist Bernard Cloth«, erklärte mein Gegenüber in diesem Moment. »Aber das wird Ihnen vermutlich nichts sagen. Wir sind uns nie zuvor begegnet. Folgen Sie mir einfach nach draußen. Und glauben Sie mir: Es liegt in Ihrem eigenen Interesse, kein Aufsehen zu erregen.«

Zuletzt hatte seine Stimme schneidend geklungen.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich denke gar nicht daran, Ihnen zu folgen«, versetzte ich aufgebracht und versuchte dabei den Geist, der mich umklammert hielt, nicht anzuschauen. »Ich will sofort telefonieren!«

Suchend sah ich mich nach einer Telefonzelle um. Ich musste unbedingt Daniel in London anrufen, damit er wusste, wo ich mich aufhielt.

»Das kann ich nicht zulassen«, sagte der untersetzte Mann mit der Sonnenbrille. Er schaute die gespenstische Gestalt hinter mir an. »Leonard, bring’ Mrs. Logan zum Wagen!«, befahl er. Dann vollführte er mit der Hand eine beschwörende Geste und murmelte etwas Unverständliches.

Augenblicklich wurde seine Gestalt durchscheinend. Kaum hob sie sich noch von dem schummrigen Hintergrund der geschlossenen Flugschalter ab.

Ich wollte schreien. Doch plötzlich verschloss eine durchsichtige Hand meinen Mund. Unsanft wurde ich zu einem unbelebten Seitenausgang gedrängt.

Ungläubig riss ich die Augen auf.

Ich konnte es nicht fassen, dass diese mysteriösen Gestalten tatsächlich versuchten, mich auf einem belebten Flughafen zu kidnappen.

Hilfesuchend sah ich mich um.

Aber niemand schien den kleinen Zwischenfall am Rande der Wandelhalle zu bemerken. Fast kam es mir vor, als würde ich für diese Menschen gar nicht existieren.

Da fiel mein Blick auf einen jungen Mann, der halb hinter einem Gepäckwagen verborgen war und angestrengt zu mir herüber starrte.

Pierre LeGrant, schoss es mir durch den Kopf.

Dann war der junge Franzose leider wieder verschwunden.

Ich sträubte und wehrte mich gegen den festen Griff der schemenhaften Gestalt, die Bernard Cloth, Leonard, genannt hatte. Aber es nützte nichts. Ich hatte seiner Kraft nichts entgegenzusetzen.

Wie von Geisterhand bewegt, wurde die Glastür plötzlich aufgestoßen. Ich wusste, dass Bernard Cloth die Tür geöffnet haben musste. Wie nur schaffte er es, sich vor meinen Augen in einen fast unsichtbaren Geist zu verwandeln? Irgendeine magische Kraft musste am Wirken sein!

Im nächsten Moment hatten wir die Tür passiert. Momentan hielt sich hier keine Menschenseele auf. Es herrschte tiefe Nacht. Die Straße lag verlassen und leer da, während einige Meter von uns entfernt das Leben tobte.

Ein schwarzer Citroen wartete am Kantstein. Die Türen schwangen wie von selbst auf. Gewaltsam wurde ich gezwungen, auf der Rückbank des Wagens Platz zu nehmen.

Dann schlugen die Türen zu, und die beiden gespenstischen Schemen nahmen wieder klare Konturen an.

Bernard Cloth hatte sich hinters Steuer gesetzt und startete den Wagen. Der Schemen neben mir hatte sich unterdessen in einen grobschlächtigen Kerl verwandelt. Seine Gesichtszüge wirkten hart und brutal.

Unter seinem maßgeschneiderten dunklen Anzug zeichneten sich überproportionale Muskeln ab. Noch immer hielt er mich fest, und gab auch meinen Mund nicht wieder frei.

Der Wagen setzte sich in Bewegung. Bernard Cloth schwenkte auf die belebte Flughafenstraße ein. Die Limousine verfügte über getönte Scheiben. Man konnte von draußen nicht sehen, wer drinnen saß. Daher durfte ich auch nicht darauf hoffen, dass doch noch irgend jemand bei meinem Anblick stutzig wurde und die Polizei rief.

Resigniert ließ ich mich in die weichen Polster sinken.

Bernard Cloth hatte endlich seine Sonnenbrille abgesetzt. Durch den Rückspiegel warf er mir einen zufriedenen Blick zu, während Leonard endlich seine grobschlächtige Hand von meinem Mund nahm.

»Jacqueline hat gute Arbeit geleistet«, sagte Bernard Cloth sarkastisch. »Ich wusste, dass es sich lohnen würde, sie in unseren Zirkel aufzunehmen.«

»Wollen Sie mir nicht endlich verraten, was dieser ganze Zauber soll?«, fragte ich wütend und bemühte mich, so unbeeindruckt wie möglich zu wirken. Die Kerle sollten nicht merken, dass ich entsetzliche Angst hatte.

»Das werden Sie schon noch früh genug erfahren«, erwiderte Bernard Cloth abweisend. »Jetzt fahren wir erst einmal nach Paris in meine Villa. Dort werde ich Sie dann unserem Zirkel vorstellen.«

In diesem Moment fiel mein Blick auf Bernards Hände, die auf dem Lenkrad ruhten. Er trug einen dicken Siegelring am kleinen Finger seiner rechten Hand. Das Siegel hatte die Form eines entstellten Ziegenkopfes.

Verstohlen sah ich auf die Hände von Leonard herab, der unbeteiligt vor sich hin starrte. Auch er trug auf dem kleinen Finger einen silbernen Siegelring mit dem Kopf einer Ziege. Es waren die gleichen Ringe, die auch die unheimlichen Gestalten in meinem Alptraum getragen hatten...

10

»Mir war gleich aufgefallen, dass mit Brenda irgendetwas nicht stimmte«, sagte Professor Sloane nachdenklich.

Daniel saß dem Professor in dessen Büro gegenüber.

Professor Sloanes spärlicher grauer Haarkranz, der eine schimmernde Halbglatze umgab, sah zerzaust aus und war vom Regen noch ganz feucht. Der Professor deutete auf die Akten und zuckte hilflos mit den Schultern. »Leider war ich wegen dieser Papiere nicht ganz bei der Sache«, erklärte er bedauernd. »Das Kulturministerium wollte einige Gelder nicht bewilligen, die ich dringend benötigte. Daher war ich mit meinen Gedanken bereits bei den bevorstehenden Verhandlungen, als Brenda mir plötzlich gegenübertrat.

Ich war überrascht, sie im Museum zu sehen. Schließlich hatte sie sich eine Woche frei genommen. Sie wirkte abwesend und müde und sie war überhaupt nicht zu Späßen aufgelegt.«

Professor Sloane schüttelte nachdenklich den Kopf.

»Brenda reagierte überhaupt nicht, als ich eine witzige Bemerkung über ihren Zustand machte. Sie starrte mich an, als würde sie durch mich hindurchsehen. Dann sagte sie, dass sie den Schlüssel für den verschlossenen Bereich der Bibliothek benötige. Ihre Stimme klang seltsam rau und ausdruckslos.

Ich stutzte ein wenig und fragte Brenda, was Sie denn in der Bibliothek wolle.«

Professor Sloane räusperte sich. »Ich muss gestehen, dass ich es nicht so gerne sehe, wenn jemand in der Bibliothek herumstöbert. Die Bücher, die dort verwahrt werden, sind sehr kostbar. Einige haben einen Inhalt, der als gefährlich eingestuft werden kann.«

»Was hat Brenda denn auf Ihre Frage geantwortet?«, hakte Daniel ungeduldig nach. Er war voller Sorge und hatte keinen Sinn für die ausschweifenden Erklärungen des Museumsdirektors. Professor Sloanes Worte hatten seinen Verdacht, dass Brenda irgendetwas Mysteriöses zugestoßen war, bisher nur bekräftigt.

»Brenda erklärte mir, dass sie dringend etwas in dem handgeschriebenen Nachschlagewerk über Okkultismus und Spiritismus nachlesen wolle. Es gibt nur ein einziges Exemplar dieses Werks, das ein gewisser Lord Chelmsie vor langer Zeit verfasste. Unter allen Mitarbeitern des Museums habe ich zu Brenda das größte Vertrauen. Daher händigte ich ihr auch die Schlüssel für die abgeschlossene Bibliothek aus. Brenda hat den Schlüssel später dann Raymond gegeben, bevor sie das Museum verließ...«

»... und seitdem nicht wiedergesehen wurde!«, vollendete Daniel den Satz.

Er sprang von seinem Sessel auf.

»Geben Sie mir die Schlüssel für die Bibliothek«, forderte er.»Ich muss herausfinden, was Brenda im Museum gewollt hat.«

Der Professor sah Daniel zweifelnd an.

»Das geht nicht«, sagte er unschlüssig. »Ich kann Sie unmöglich zwischen all den unersetzbaren Büchern herumkramen lassen. Außerdem wird das Nachschlagewerk der Chelmsies in einem Tresor verwahrt.«

»Dann werden Sie mich begleiten?«

Professor Sloane warf den Akten auf seinem Schreibtisch einen nachdenklichen Blick zu. Dann straffte er sich und erhob sich abrupt.

»Sie haben recht«, meinte er. »Brendas Schicksal ist wichtiger, als diese Akten zu bearbeiten.«

Mit diesen Worten riss er eine Schublade auf und zog einen Schlüsselbund daraus hervor.

»Machen wir uns an die Arbeit«, sagte er unternehmungslustig.

11

In gemächlichem Tempo fuhr die Citroen-Limousine durch die nächtlichen illuminierten Straßen von Paris. In den Semesterferien, während meines Archäologie-Studiums, hatte ich mich einige Male in der französischen Metropole aufgehalten. Ich verbrachte die meiste Zeit in den Museen von Paris. Mittags, wenn die Sonne schien, lag ich dann in einem der vielen, wunderschönen Parks und Gärten um für das Studium zu büffeln.

Ich kannte mich daher recht gut in Paris aus.

Als wir die Hauptstraße verließen und in eine kleine Seitenstraße bogen, befand sich der Eiffelturm nicht weit entfernt. Seine filigrane Spitze aus Eisenträgern erhob sich hinter dem wuchtigen Gebäude der Militärschule in den nächtlichen Himmel. Hier und da leuchtete ein blasser Stern am Firmament.

Ich versuchte mir die Straßennamen einzuprägen. Die beiden Männer unternahmen nichts, um dies zu verhindern.

Eine Tatsache, die mich beunruhigte. Die Leute, die mich gekidnappt hatten, mussten ihrer Sache sehr sicher sein. Was hatten sie bloß mit mir vor?

Wir fuhren die Rue Vaneau entlang. Zu beiden Seiten war der Fahrbahnrand mit Autos zugestellt, die stellenweise sogar in zwei Reihen parkten. In Paris herrschte permanenter Parkplatzmangel.

Die französische Metropole war für mich immer das Sinnbild einer pulsierenden über brodelden  Stadt gewesen.

Um so unheimlicher empfand ich es nun, in dieser schwarzen Limousine gefangen zu sein, ohne dass auch nur ein einziger Passant von meiner bedrängten Lage, Notiz nahm.

Der Wagen schwenkte in die Rue de Babylone ein und stoppte kurz darauf vor einer Toreinfahrt.

Langsam glitt das schmiedeeiserne Tor, das von hohen Mauern gesäumt war, auf. Die Limousine rollte hindurch, das Tor schloss sich hinter uns wieder.

Wir folgten dem Verlauf eines breiten Kiesweges. In verschlungenen Kurven führte er auf eine Villa zu, die hinter hohen, buschigen Birken halb versteckt lag.

Wie ein kleines Märchenschloss mutete die Villa an. Es gab zahlreiche Türmchen und Erker. Das Dach war spitzwinklig und langgestreckt und wurde von halbrunden Dachgauben unterbrochen.

Bis auf wenige erleuchtete Fenster war die Villa völlig dunkel. Schwarz und drohend hob sich ihre Silhouette vor den Bäumen eines weitläufigen Parks ab, der an das Grundstück grenzte. Das diffuse Licht der Laternen, die die Bäume im Hintergrund beleuchteten, umhüllte die schwarze Silhouette der Villa wie eine schimmernde Aura.

Endlich stoppte der Wagen vor einer Freitreppe, die zum Eingang der Villa hinaufführte. Die Tür stand offen. Gedämpftes Licht fiel auf die gepflegt wirkenden Steinstufen.

Wir wurden bereits erwartet. Eine Frau, deren leicht gebeugte Gestalt sich vor der Eingangstür deutlich abzeichnete, trat auf den Wagen zu.

Leonard zog mich aus dem Citroen und hielt meine Oberarme mit eisernem Griff umschlossen.

»Ist sie das?«, fragte die Frau mit gedämpfter Stimme. Sie trug ein schwarzes Kleid. Ihr dunkles Haar war graumeliert, das hagere Gesicht mit feinen Runzeln übersät.

»Ja«, erwiderte Bernard Cloth. »Das ist die Frau, die unserer Bruderschaft zu der Macht verhelfen wird, die ihr gebührt. Sind die Anderen schon da, Madame Zakine?«

Die Frau nickte und musterte mich mit kaltem Blick. Schließlich gab sie den Weg frei, und Leonard führte mich in die Villa.

Das Foyer war stilvoll eingerichtet. Bernard Cloth, der Besitzer, musste über einen erlesenen Geschmack verfügen. Weniger wählerisch schien er in der Auswahl der Mittel zu sein, die er einsetzte, um seine Ziele zu verwirklichen. Kidnapping gehörte dazu.

Leonard führte mich zu einer bogenförmigen, doppelflügeligen Tür und stieß sie auf.

Dahinter tat sich ein großer Saal auf. Eine lange Tafel stand in der Mitte, auf der zahlreiche Kerzen standen, die den Saal in ein merkwürdiges Zwielicht tauchten. Decken, Wände und Fenster waren mit schwarzen Stoffbahnen verhängt, während der Boden mit einem schwarzen Teppich ausgelegt war.

Um die Tafel herum saßen etwa zehn Personen. Sie waren alle in Schwarz gekleidet. Das flackernde Licht der vielen Kerzen zauberte zuckende Schatten auf ihre Gesichter.

Leonard stieß mich vor die Tafel. Seine kräftigen Hände hielten meine Oberarme mit schmerzhaftem Griff umklammert.

Bernard Cloth schaute bedeutungsvoll in die Runde. Die Anwesenden sahen ihn erwartungsvoll an.

»Unsere Bemühungen zeigen erste Früchte«, erklärte er salbungsvoll. »Brenda Logan befindet sich in unserer Gewalt. Jacqueline Toullie hat ihren Auftrag glänzend ausgeführt.«

Anerkennendes Gemurmel machte sich unter den Anwesenden breit.

Ich fand das Verhalten der Leute mehr als empörend.

»Sie alle haben sich mit meiner Entführung strafbar gemacht!«, rief ich in den Saal hinein. »Ich verlange, sofort freigelassen zu werden...«

»Schweigen Sie!«, fuhr mich Bernard an.

Madame Zakine, die Frau, die uns an der Haustür empfangen hatte, erhob sich. Ihr faltiges Gesicht drückte Misstrauen aus.

»Bernard Cloth«, sagte sie mit scharfem Unterton in der Stimme. »Ich habe prophezeit, dass es ein Fehler ist, diese Archäologin aus der Hypnose zu erwecken, um sie vom Flughafen hierher zu bringen. Mrs. Logan wird sich unsere Gesichter einprägen und weiß jetzt, wo wir uns treffen. Wenn sie entkommt, ist unsre ganze Mission in Gefahr!«

Bernard Cloth zuckte unbeeindruckt die Schultern. »Sie wird es nicht«, versicherte er. »Außerdem nehmen die Menschen, die von Jacqueline hypnotisiert werden, nur ihre Befehle entgegen. Es ist Jacquelines Verdienst, dass Mrs. Logan es unter Hypnose allein durch den Zoll bis in die Wandelhalle geschafft hat, ohne Verdacht zu erregen. Wir brauchten Brenda Logan nur noch in Empfang zu nehmen und aus der Hypnose zu erwecken. Den Rest konnten wir mit den bescheidenen magischen Mitteln bewerkstelligen, die die Siegelringe von Frère Chevre uns gewähren. Niemand am Flughafen hat uns bemerkt.«

Als ich den Namen Frère Chevre hörte, zuckte ich unmerklich zusammen. So hatten die unheimlichen Gestalten in meinen seltsamen Träumen den ziegenartigen Dämon genannt, der in der Rauchsäule erschienen war.

Ein frostiger Schauer durchfuhr meinen Körper.

Verstohlen sah ich mich nun etwas genauer in dem düsteren Saal um. Die Stühle waren mit zottigen Ziegenfellen gepolstert. Der Lehnstuhl, vor dem Bernard Cloth stand, wies an den Enden der Rückenlehne sogar geschnitzte Ziegenköpfe auf. Ein diabolischer Zug lag um die Lippen des Ziegenmauls.

Schaudernd betrachtete ich die Hände der Anwesenden. Alle trugen sie den gleichen Siegelring auf dem kleinen Finger.

»Trotzdem wäre es mir lieber gewesen, wenn Jacqueline die Archäologin auf dem Flug begleitet hätte«, wandte Madame Zakine erneut ein.

»Das haben wir doch schon alles ausführlich durchgesprochen«, erwiderte Bernard Cloth genervt. »Jacqueline muss noch einige Stunden in London bleiben, um alle Spuren zu verwischen, die auf unseren Zirkel hinweisen könnten. Morgen früh wird sie wieder in Paris eintreffen. Es besteht also überhaupt keine Veranlassung, sich Sorgen zu machen.«

Wie es aussah, war meine Entführung schon lange geplant gewesen.

Bestimmt war sich jeder der Anwesenden der rechtlichen Konsequenzen bewusst, die ihr Vorgehen nach sich ziehen würde.

Doch warum hatten sie mich für ihre undurchsichtigen Pläne ausgesucht? Ich sollte dem Zirkel zu größerer Macht verhelfen, hatte Bernard Cloth angedeutet. Doch wie dies geschehen sollte, war mir völlig schleierhaft.

Ich kämpfte das beklemmende Gefühl in mir nieder und richtete erneut das Wort an die Versammelten: »Was genau erwarten Sie eigentlich von mir?«

Bernard Cloth sah mich von der Seite an. »Sie sind eine Expertin auf dem Gebiet Amulette und Talismane«, erklärte er. »Sie sollen für uns ein Amulett finden, das der Bruderschaft der Ziege vor zweihundert Jahren während der Wirren der Französischen Revolution verlorengegangen ist.«

»Warum sind Sie nicht offen an mich herangetreten und haben um meine Hilfe gebeten?«

Bernard Cloth lachte rau. »Wir haben uns ausführlich über Sie informiert«, erklärte er. »Niemals hätten Sie uns freiwillig bei unserer Suche geholfen. Frère Chevre verkörpert eine böse Macht. Eine Macht, der wir uns zu bedienen gedenken, um mehr Einfluss in Frankreich zu gewinnen. Wir werden bald über dieses Land herrschen, so wie es die Begründer des Zirkels damals in ihren Statuten festgeschrieben haben. Diese Bestrebungen hätten Sie nicht unterstützt.«

»Nein«, presste ich hervor. »Die Menschen sollen ihr Schicksal selbst bestimmen. Und jeder, der versucht, sie mit bösen Mächten zu beeinflussen, ist in meinen Augen ein Verbrecher!«

Empörtes Gemurmel war die Antwort.

»Wir kennen Ihre Gesinnung«, erwiderte Bernard Cloth gelassen. »Aus diesem Grund haben wir Sie auch entführt, statt Sie höflich um Ihre Mithilfe zu bitten. Mit Ihrem Wissen stellen Sie einen unschätzbaren Wert für uns dar. Und wir verfügen über Wege und Mittel, uns Ihres Wissens auch ohne Ihre Einwilligung zu bedienen.«

Er gab Leonard ein Zeichen.

»Bring’ Mrs. Logan auf ihr Zimmer. Und sorge dafür, dass sie keine Schwierigkeiten macht, bis Jacqueline eingetroffen ist.«

Leonard zerrte mich unsanft aus dem Saal. Er brachte mich in den rückwärtigen Teil der Villa und schleifte mich eine finstere Kellertreppe hinunter. Dort stieß er mich in einen dunklen, fensterlosen Kellerraum.

Krachend fiel die Tür hinter mir zu. Ich war gefangen und völlig hilflos...

12

Vorsichtig holte Professor Sloane die Bände des handgeschriebenen Nachschlagewerks von Lord Chelmsie aus dem Tresor und legte sie auf den Arbeitstisch.

»Und Sie sind sich sicher, dass Brenda in diesen Büchern geblättert hat und nicht in einem der vielen anderen in diesem Raum?«, fragte Daniel und ließ seinen Blick über die übervollen Regalreihen schweifen.

»Ich bin mir absolut sicher«, erwiderte der Professor. »Schließlich wollte Brenda von mir die Kombination des Safes erfahren. Ich ändere sie regelmäßig.«

Daniel trat an den Tisch heran, während Professor Sloane die Bücher eines nach dem anderen in die Hand nahm und genau betrachtete. »Jetzt müssten wir nur noch herausfinden, in welchem Band des Nachschlagewerks Brenda gelesen hat«, murmelte er.

Plötzlich stutzte der Professor. Raymond Ghanadi betrat den Raum. Seine Bewegungen hatten etwas Marionettenhaftes an sich. Der Blick seiner dunklen Augen war starr. In der Hand hielt er eine braune Glasflasche. Vorsicht, ätzende Säure, stand auf dem vergilbten Etikett.

Ohne ein Wort zu sagen, ging Raymond auf den Tisch mit den wertvollen Büchern zu.

»Raymond«, rief Professor Sloane beunruhigt. »Was haben Sie vor?«

Doch der Hausmeister reagierte nicht. Statt dessen schraubte er die Flasche auf.

»Mr. Connors!«, schrie Professor Sloane. »Raymond verhält sich genauso rätselhaft wie Brenda heute nachmittag! Den Ausdruck in ihren Augen werde ich niemals vergessen. Es war der gleiche wie jetzt bei Raymond.«

»Treten Sie vom Tisch zurück!«, bedeutete Daniel dem Professor. Er glaubte zu wissen, was Raymond mit der Säure vorhatte. In diesem Moment streckte der Hausmeister auch schon den Arm aus und hielt die Flasche über die Nachschlagewerke des Okkultismus und Spiritismus.

Daniel reagierte blitzschnell. Er versetzte dem Tisch einen heftigen Tritt.

Das Möbelstück wurde weggeschleudert und scharrte mit einem hässlichen Geräusch über den Fußboden. Dabei purzelten zwei der in schwarzes Leder gebundenen Bücher auf den Boden. Sie entgingen nur knapp dem Schwall von Säure, den Raymond hatte auf den Tisch gießen wollen.

Dort, wo die Säure auf den Boden traf, entstanden blubbernde Blasen. Ätzender Qualm stieg auf und breitete sich rasch in dem Raum aus.

»Wir müssen hier so schnell wie möglich raus!«, rief Daniel.

Professor Sloane riss das kleine Fenster auf und eilte aus dem Raum.

Raymond stand wie unbeteiligt da. Die giftigen Dämpfe schien er ebenso wenig wahrzunehmen wie Daniels warnende Worte.

Daniel stieß Raymond die leere Flasche aus der Hand und versetzte ihm einen Kinnhaken.

Raymond verdrehte die Augen und sackte in sich zusammen. Geschickt fing Daniel den Hausmeister auf, bevor er auf den Boden aufschlagen konnte. Dann schleifte er ihn zur Tür hinaus, wo Professor Sloane schon wartete.

Gemeinsam trugen sie den Bewusstlosen in den Lesesaal und legten ihn auf eine Bank. Daniel fing sofort an, den Hausmeister zu untersuchen. Sein Puls und die Reflexe waren in Ordnung.

Schließlich kam Raymond wieder zu sich. Blinzelnd öffnete er die Augen und sah Daniel verwirrt an.

»Was  ist geschehen?«, fragte er stockend.

»Woran können Sie sich erinnern?«, stellte Daniel die Gegenfrage.

Raymond runzelte die Stirn.

»Ich saß in der Hausmeisterloge und habe Zeitung gelesen. Plötzlich klopfte jemand draußen an die Eingangstür des Museums. Ich eilte sofort hin. Ich dachte, es würde vielleicht Brenda sein.

Tatsächlich zeichnete sich die Silhouette einer Frau hinter der Scheibe ab. Ich öffnete. Und dann... kann ich mich an nichts mehr erinnern.«

»Seltsam«, murmelte Professor Sloane. »Ich werde einmal nach sehen, ob beim Eingang alles in Ordnung ist.«

Mit raschen Schritten verließ er den Lesesaal.

Inzwischen erzählte Daniel Raymond in knappen Sätzen, was er während seines Blackouts getan hatte.

Fassungslos sah der Hausmeister ihn an. »Ich kann nicht glauben, dass ich so etwas Schreckliches vorgehabt habe«, sagte er. »Niemals würde ich mich an Ausstellungsstücken oder Büchern vergreifen.«

In diesem Moment kehrte der Professor in den Lesesaal zurück.

»Die Eingangstür war nicht verschlossen«, erklärte er. »Der Schlüssel steckte noch. Ich habe die Tür verriegelt und die Polizei verständigt. Sie sollen das Museum durchsuchen. Vielleicht hält sich die Person, die klopfte, noch im Museum auf.«

Nachdenklich sah der Professor Daniel an. »Was geht hier vor? Erst verfällt Brenda in diesen mysteriösen Zustand  und nun auch noch Raymond. Wer wird der Nächste sein?«

»Wir sollten das Nachschlagewerk der Chelmsies noch einmal studieren«, schlug Daniel vor. »Vielleicht finden wir ja doch noch einen Hinweis. Ich werde das dumpfe Gefühl nicht los, dass jemand verhindern wollte, dass wir uns die Bücher ansehen.«

Professor Sloane nickte. Er befahl Raymond, zur Hausmeisterloge zurückzukehren, um dort auf die Polizei zu warten.

Der Hausmeister erhob sich und tappte langsam durch den Lesesaal dem Eingangsbereich entgegen.

Wenig später befanden sich Daniel und der Professor wieder in dem Raum, wo die seltenen Bücher verwahrt wurden. Dort, wo Raymond die Säure vergossen hatte, befand sich ein hässlicher schwarzer Fleck auf dem Fußboden. Aber sonst hatte die Säure keinen Schaden angerichtet. Die giftigen Dämpfe hatten sich ebenfalls schon verzogen.

Daniel bückte sich nach den Büchern, die vom Tisch gefallen waren. Dabei fiel ihm ein kleiner Papierzipfel auf, der aus den Seiten hervorschaute.

Er legte das Buch auf den Tisch und klappte es an der Stelle auf, wo sich der Papierfetzen befand.

Es war ein Notizzettel. Er war mit einer kleinen blauen Friedenstaube bedruckt. Daran erkannte Daniel, dass es sich um Brendas Zettel handelte. Er selbst hatte ihr den Notizblock geschenkt.

Mit fahrigen Strichen hatte Brenda einen Ziegenkopf auf das Papier gemalt. Das Maul und die Augen trugen diabolische Züge, die auf Daniel abstoßend wirkten.

Interessiert beugte er sich über das Buch. Er musste sich erst einmal an die geschwungene Handschrift von Lord Chelmsie gewöhnen. Doch schon bald bereitete es ihm keine Schwierigkeiten mehr, die Schrift zu entziffern.

Auf den Seiten wurden Wörter mit dem Anfangsbuchstaben F behandelt. Über Freimaurer war dort etwas zu lesen, über den Freitag als magischen Tag und über eine Person mit dem merkwürdigen Namen Frère Chevre.

Daniel stutzte. Der Name war aus zwei französischen Wörtern zusammengesetzt und bedeutete übersetzt Bruder Ziege.

»Ich glaube, ich habe gefunden, wonach Brenda suchte«, meinte er zum Professor.

Interessiert trat der Professor näher.

»Frère Chevre«, murmelte er nachdenklich und las den Text, den Lord Chelmsie zu diesem Stichwort niedergeschrieben hatte:

Frère Chevre ist der dämonische Tiergeist einer Ziege. Seinen ersten und einzigen bekannt gewordenen Auftritt hatte der Dämon in Paris zur Zeit der Französischen Revolution. Frère Chevre kann nur mit Hilfe mehrerer Personen in einer umfangreichen Zeremonie beschworen werden. Unerlässlich ist dabei ein Amulett, das angeblich aus einem Stück Horn aus dem Huf des Teufels geschnitzt wurde. Mit diesem Amulett ist Frère Chevre unzertrennlich verbunden.

Um Siebzehnhundert gründeten in Paris einige Angehörige des Königlichen Hofstaats einen okkulten Zirkel. Sie nannten sich selbst die Bruderschaft der Ziege. Ihr Ziel war es, mit Hilfe der magischen Kräfte des Tierdämons Frère Chevre, ihre Macht am Hofe auszubauen und den König zu beeinflussen. Der Zirkel wurde im Laufe der Revolution allerdings zerschlagen. Die Hohepriesterin der Bruderschaft, Antoinette Nobles, wurde getötet. Seitdem ist Frère Chevre nicht wieder in Erscheinung getreten.

Professor Sloane hielt inne und schaute Daniel fragend an.

»Sagt Ihnen dieser Text etwas?«, fragte er.

»Nein. Ich habe nie zuvor von diesem Frère Chevre gehört. Auch Brenda hat diesen Namen nicht erwähnt.«

Grübelnd starrten die beiden Männer vor sich hin.

»Mehr steht dort nicht?«, hakte Daniel noch einmal nach.

»Nur eine Quellenangabe ist am Ende des Textes vermerkt«, erwiderte der Professor. »Lord Chelmsie bezog seine Informationen über die Bruderschaft der Ziege offenbar aus dem Tagebuch eines der damaligen Mitglieder des okkulten Zirkels. Sein Name war Michel Quinet.«

Daniel schüttelte den Kopf. »All diese Namen und Hinweise sagen mir überhaupt nichts«, meinte er resigniert. »Wir sind genauso schlau wie vorher.«

13

Ich spürte die Gegenwart eines Fremden. Er schien Furcht zu empfinden, denn sein Atem kam unterdrückt und schnell. Der Mann hatte mich an sich gezogen. Ich lehnte mit dem Rücken gegen seine breite Brust. Sein Arm hielt mich fest umklammert, so dass ich mich kaum bewegen konnte. Die andere Hand hatte er auf meinen Mund gepresst.

Die grobschlächtige Hand und der muskulöse Körper kamen mir bekannt vor.

Es war Leonard!

Ich versuchte die Dunkelheit um mich herum mit Blicken zu durchbohren. Befand ich mich noch immer in meinem dunklen Gefängnis in der Villa von Bernard Cloth?

Irgendwie schien mir der Raum, in dem ich mich aufhielt, größer geworden zu sein.

Wo war ich?

Plötzlich erinnerte ich mich wieder. Nachdem Leonard mich in den Kellerraum gestoßen hatte, fing ich an, mein Gefängnis auszukundschaften. Es gab dort ein Bett und einen Kleiderschrank mit Kleidern in meiner Größe. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, entdeckte ich sogar die Umrisse zweier Türen. Die eine war fest verschlossen und führte wahrscheinlich in die Freiheit. Die andere hingegen ließ sich öffnen. Dahinter lag ein enges Badezimmer.

Ich machte mich frisch und zog mir neue Sachen an; was im Dunkeln gar nicht so einfach gewesen war. Ich zerbrach mir den Kopf über meine Situation, ohne dass mir ein brauchbarer Gedanke gekommen wäre. Schließlich legte ich mich aufs Bett und schlief ein.

Ich wusste nicht, wie lange ich geschlafen hatte, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde. Das hereinfallende Licht blendete mich. Eine Frau trat vor mich, die mich auf Englisch ansprach. Ihre Stimme mit dem französischen Dialekt war unverkennbar.

Vor mir stand Jacqueline Toullie!

»Geht es Ihnen gut?«, erkundigte sie sich zurückhaltend.

Ich hatte keine Lust zu antworten. »Ich will sofort freigelassen werden«, forderte ich mit rauer Stimme.

Ein Blick über Jacquelines Schulter verriet mir, dass es keinen Sinn hatte, einen Ausbruch zu wagen. Leonard stand bei der Tür und ließ mich nicht aus den Augen.

»Wenn alles vorbei ist, wird man Ihnen Ihre Freiheit zurückgeben«, erklärte Jacqueline. »Bis dahin bleiben Sie unsere Gefangene.«

Ich sah die junge Französin skeptisch an. War sie wirklich so naiv zu glauben, dass die Mitglieder des Zirkels mich wieder auf freien Fuß setzen würden? Nach allem, was ich über diesen Geheimbund in Erfahrung gebracht hatte, stellte ich eine Gefahr für die Bruderschaft der Ziege dar.

Ich fand keine Gelegenheit mehr, Jacqueline ihre Naivität vorzuhalten. Denn in diesem Moment strich sie ihr kastanienbraunes Haar hinters Ohr. Die feingliedrige Kette, an der die silberne Kugel hing, wurde sichtbar. Sanft schwang die Kugel hin und her. Das hereinfallende Licht brach sich darauf und zauberte verwirrende Lichtmuster auf das Silber.

Ich konnte meinen Blick von der schwingenden Kugel nicht abwenden. Mein Geist wurde in nachtschwarze Finsternis gesogen...

Plötzlich vernahm ich gedämpfte Stimmen. Sie drangen hinter einer Tür zu uns herein. Ein schwacher Lichtstrahl fiel plötzlich durch einen Spalt zwischen Tür und Boden. Undeutlich konnte ich in dem Zimmer nun die Umrisse wuchtiger Möbel erkennen. Ein schwerer dicker Vorhang hing vor einem Fenster.

Leonard presste seine Hand noch fester auf meinen Mund, so dass meine Lippen schmerzten.

»Wenn ich es dir doch sage, Claude«, hörte ich die Worte einer Frau. »In diesem alten Gemäuer spukt es. Ich habe einen gespenstischen Schatten gesehen, der durch den Korridor huschte. Es war bestimmt ein Geist...«

»Sei nicht albern, Tanja«, versetzte eine männliche Stimme. »Es gibt keine Geister. Nicht einmal in der Villa deines Onkels Quinet.«

Die beiden blieben vor der Tür stehen. Der Schatten ihrer Füße verdunkelte einen Teil des dünnen Lichtstreifens.

Leonard zog mich noch fester an sich und wich einen Schritt zurück, so dass wir jetzt noch tiefer im Schatten standen.

»Ich glaube ja auch nicht an Geister«, war die Stimme der Frau jetzt wieder zu vernehmen. »Aber in den zwei Tagen, die wir uns nun schon in der Villa von Onkel Quinet aufhalten, hat mich ein ungutes Gefühl nicht wieder losgelassen. Es ist unheimlich in seiner alten Villa. Und die Vorstellung, dass Onkel Quinet in diesem Haus gestorben ist, trägt auch nicht dazu bei, dass mir dieses Gemäuer sympathischer wird.«

»Stell’ dich nicht so an,Tanja«, erwiderte der Mann, den Tanja Claude genannt hatte. »Onkel Quinet hatte einen schönen Tod. Falls ich einmal so alt werden sollte, wie er, wünsche ich mir auch, dass ich im Schlaf einfach so in den Tod hinüber dämmere. Dein Onkel hatte ein ausgefülltes Leben. Ich glaube, du hast einfach nur Angst vor dem Tod. Darum ist es dir hier so unheimlich.«

»Aber ich habe diesen gespenstischen Schatten wirklich gesehen«, beharrte Tanja. »Und er hat ein Buch aus der Bibliothek gestohlen.«

»Vielleicht war es ja ein Einbrecher«, sagte Claude plötzlich mit gedämpfter Stimme. »Wo genau ist dir dieser Schatten denn aufgefallen?«

»Bei der Bibliothek.«

»Dann sollten wir uns dort einmal umsehen.«

»Wäre es nicht besser, wir rufen die Polizei?«

»Bis die hier eingetroffen ist, ist der Dieb längst über alle Berge. Los, komm schon. Aber leise!«

In diesem Moment bemerkte ich, dass ich ein großes schweres Buch in den Armen hielt.

Leonard fluchte verhalten: »Das Mädchen ist sehr aufmerksam. Sie ist nicht auf den Unsichtbarkeitszauber von Frère Chevre hereingefallen. Sie hat uns bemerkt.«

In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Ich begriff, dass ich mich nicht mehr in der Villa von Bernard Cloth aufhielt, sondern in einem anderen Haus. Und wie es schien, hatten die Leute von der Bruderschaft der Ziege mich dazu missbraucht, ein Buch zu stehlen.

Sicher war es nicht geplant gewesen, dass ich in diesem Haus aus der Hypnose erwachte. Warum es trotzdem geschehen war, wusste ich nicht  aber ich wusste, dass dies eine Chance war, zu fliehen.

Draußen entfernten sich die Schritte der beiden Personen, deren Gespräch wir belauscht hatten.

Ich musste jetzt rasch handeln.

Blitzschnell zog ich mein linkes Bein an und rammte dem Mann hinter mir den Absatz meines Schuhs auf den Fußrücken.

Leonard schrie überrascht auf. Sein Griff lockerte sich.

Nun holte ich mit dem Arm aus und stieß den Ellenbogen in den Magen meines Widersachers. Er stöhnte auf und krümmte sich. Geschickt drehte ich mich aus seiner Umklammerung und rannte auf die Tür zu.

Die Geräusche, die meine Aktion verursacht hatten, mussten Claude und Tanja alarmiert haben. Bevor ich die Tür erreichte, wurde sie mir auch schon vor der Nase aufgerissen.

Ich sah mich plötzlich zwei jungen Leuten gegenüber. Sie waren höchstens zwanzig Jahre alt und trugen Morgenmäntel in schrillen modischen Farben.

Claude wirkte entschlossen und grimmig. Tanja hingegen starrte mich verängstigt an.

»Was geht hier vor!«, rief Claude und knipste die Deckenbeleuchtung an. '

Claude schaute an mir vorbei. Seine Augen weiteten sich vor Schreck.

Rasch sah ich über meine Schulter zurück  und erstarrte.

Leonard war nur ein geisterhafter Schemen. Aber die Pistole, die er plötzlich in der Hand hielt, war deutlich zu erkennen.

Er zielte mit der Waffe auf uns. Ich wusste, dass er nicht zögern würde, abzudrücken.

Claude reagierte geistesgegenwärtig. Mit einem kühnen Sprung warf er sich auf mich und Tanja. Die Wucht des Aufpralls riss uns von den Beinen.

Ein Schuss ertönte, und die Kugel schwirrte dicht über unsere Köpfe hinweg.

Claude schnappte sich einen Stuhl und schleuderte ihn der geisterhaften Gestalt entgegen.

Dadurch gewannen wir etwas Zeit. Claude riss uns empor und stieß uns auf den Korridor hinaus. Die Tür schlug er dabei hinter sich zu.

Rasch drehte er den Schlüssel herum.

Keine Sekunde zu früh!

Schüsse ertönten. Dort, wo die Projektile in die Tür einschlugen, wirbelten uns Holzsplitter entgegen.

»Brenda! Sie können mir nicht entkommen!«, rief Leonard, der nun im Zimmer gefangen war. Wild entschlossen warf er sich gegen die lädierte Tür, die bedenklich in den Angeln ächzte.

Claude war plötzlich ganz bleich geworden. »Vielleicht hätten wir doch lieber die Polizei rufen sollen«, meinte er mit zitternder Stimme.

Die beiden jungen Leute taten mir leid. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich sie durch meinen Fluchtversuch in Gefahr bringen würde. Ich war froh, dass sie in mir nicht auch einen Geist sahen. Wahrscheinlich war ich in dem Moment wieder sichtbar geworden, als ich von Leonard freikam und den Einflussbereich des Zaubers verließ.

»Bringt euch rasch in Sicherheit!«, rief ich ihnen zu. »Der Kerl ist nur hinter mir her. Wenn ihr euch versteckt, wird euch nichts geschehen!«

Claude nickte. Eine der beiden Türangeln brach unter Leonards Ansturm aus der Wand.

Claude ergriff Tanjas Hand und rannte mit ihr fort. Im nächsten Moment waren sie hinter einer Gangbiegung verschwunden.

Ich schlug die entgegengesetzte Richtung ein. Doch kaum hatte ich den Korridor zur Hälfte bewältigt, da krachte hinter mir auch schon die Tür zu Boden.

»Bleiben Sie stehen, Brenda!«, schrie Leonard mir hinterher.

Zum Glück erreichte ich in diesem Moment eine Abzweigung. Ich warf mich um die Ecke und stürzte weiter. Das Buch hielt ich fest umklammert.

Plötzlich endete der Gang. Ich stand vor einer soliden Tür. Sie war verschlossen. Aber der Schlüssel steckte.

Mit zitternden Fingern drehte ich den Schlüssel herum und zog ihn ab. Dann riss ich die Tür auf und trat ins Freie.

Kühle Luft schlug mir entgegen. Der Himmel war mit einer zarten Morgenröte überzogen.

Ich achtete nicht weiter auf meine Umgebung, sondern warf die Tür hinter mir ins Schloss. Dabei sah ich gerade noch, wie Leonards geisterhafter Schemen um die Gangbiegung geschossen kam.

Bebend vor Angst steckte ich den Schlüssel ins Loch und verriegelte die Tür. Dann wandte ich mich um und rannte in den Morgen hinaus.

Ich musste die Villa durch den Hinterausgang verlassen haben. Vor mir erstreckte sich ein weitläufiger Park. Dichter Morgennebel hing zwischen den hohen Bäumen und den buschigen Sträuchern.

Ich vermutete, dass ich mich noch immer in Paris aufhielt, denn das Rumoren der Großstadt war allgegenwärtig.

Ich rannte über eine feuchte Wiese. Hier und da schälten sich die Überreste von alten Mauern aus dem Nebel. Die verwitterten Steine waren moosbewachsen und von Büschen und Ziersträuchern überwuchert.

Plötzlich hörte ich Schritte hinter mir!

Hatte mein Verfolger mich eingeholt?

Da wurde ich auch schon gepackt. Eine Hand verschloss mir den Mund, und ich wurde hinter ein Gebüsch gezogen.

Jetzt hatte mich die Bruderschaft der Ziege wieder in ihrer Gewalt.

14

Entsetzt starrte ich meinen Widersacher an  und stutzte.

Ein fahler Sonnenstrahl stach durch eine Nebelbank und fiel direkt auf das Gesicht des Mannes, der mir mit der Hand den Mund verschloss.

Er hatte ein kantiges Kinn. Seine düster dreinblickenden Augen drückten Sorge und Furcht aus.

Plötzlich ließ er meinen Mund los.

»Pierre LeGrant«, flüsterte ich erleichtert.

»Ich folge Ihnen schon die ganze Zeit«, erklärte er mit gedämpfter Stimme. »Aber ich hatte nicht gehofft, dass wir uns wirklich einmal sprechen könnten.«

»Sie... Sie müssen mir helfen«, sagte ich eindringlich. »Der Kerl, der mich verfolgt, muss jeden Moment hier auftauchen.«

Pierre sah mich bedauernd an. »Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen. Sie werden jeden Augenblick wieder in Hypnose fallen.« Seine Stimme klang traurig, als er weitersprach: »Jacquelines Fähigkeiten auf dem Gebiet der Hypnose sind wirklich einzigartig. Aber Sie dürfen nicht glauben, dass Jacqueline böse ist, nur weil sie mit diesen zwielichtigen Typen gemeinsame Sache macht...«

Mein Blick schweifte ab. Ich sah zu der fahlen Sonnenscheibe hinauf, die sich silbern hinter den tiefhängenden Nebeln abzeichnete.

Mein Geist verwirrte sich und ich nahm die Worte von Pierre LeGrant kaum noch wahr.

Pierre packte mich an den Schultern und rüttelte mich durch.

»Bitte!«, flehte er. »Konzentrieren Sie sich. Ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu sagen. Leider bin ich im Flugzeug daran gehindert worden...«

Ich zwang mich, meinen Blick von der silbernen Sonnenscheibe abzuwenden.

»Jacqueline ist gewissermaßen auch eine Gefangene der Bruderschaft der Ziege«, fuhr Pierre eindringlich fort. »Sie hat einen einflussreichen Vater. Er hat genaue Vorstellungen davon, wie das zukünftige Leben seiner Tochter aussehen soll. Aber er verkennt seine Tochter. Jacqueline fühlt sich zu ganz anderen Dingen hingezogen. Es ist die Schuld ihres Vaters, dass Jacqueline in die Fänge der Bruderschaft der Ziege geriet.«

Pierre seufzte. »Jacqueline wollte in London ein neues Leben beginnen. Aber die Bruderschaft zwang sie, auch dort für sie tätig zu sein. Ich wollte, ich könnte sie aus dieser Lage befreien.«

Ich musste mich sehr konzentrieren, um die Bedeutung von Pierres Worten zu erfassen. Mein Geist drohte mir immer wieder zu entgleiten.

Trotzdem war es für mich nicht schwer zu erkennen, dass Pierre LeGrant offenbar in Jacqueline verliebt war.

»Warum können Sie Jacqueline denn nicht helfen?«, fragte ich. Erschrocken stellte ich fest, dass meine Stimme seltsam monoton und kraftlos klang.

Pierre seufzte erneut und sah mich unglücklich an. Das Morgenlicht, das sich in seinen dunklen Augen spiegelte, ermüdete mich.

»Jacqueline glaubt, dass ich ihr ihre Fehltritte ebenso übel nehme wie ihr Vater«, hörte ich seine Stimme wie durch Watte hindurch. »Aber das stimmt nicht. Trotzdem weigert sie sich, mit mir in Kontakt zu treten.«

Er rüttelte wieder an meinen Schultern.

»Sie müssen versuchen, Jacqueline zu helfen«, rief er gedämpft. »Wenn die Bruderschaft der Ziege erst ihr Ziel erreicht hat, wird es für Jacqueline kein Zurück mehr geben. Und auch in Frankreich wird sich dann einiges zum Bösen wandeln...«

Den Rest seiner Worte verstand ich nicht mehr. Mir erschien plötzlich alles unwichtig, was er sagte.

Ebenso unberührt ließ mich die Tatsache, dass eine Gestalt durch den Nebel auf mich zu rannte.

Pierre zog sich rasch in den Schatten einer alten Mauer zurück. Er legte sich flach auf den Boden und verschwand in einem finsteren Spalt in der Erde.

Für einen Moment glaubte ich, den Geruch von Fäulnis und morschen Knochen wahrzunehmen, der aus dem Spalt drang. Kurz zuckte in mir der Gedanke auf, dass es sich bei dem Spalt um einen Zugang zu den weitläufigen Katakomben von Paris handeln müsste, die sich wie ein Labyrinth unter den Straßen der Metropole erstreckten.

Da berührte mich die Gestalt, die durch den Nebel auf mich zugekommen war, an der Schulter. Aber ich zuckte nicht einmal mehr zusammen. Mein Blick war auf die silberne Sonnenscheibe hinter den Nebelschleiern gerichtet.

Mir kam es so vor, als würde die silberne Kugel in dem Nebel sachte hin und her schwingen  so wie der Ohrring von Jacqueline Toullie...

»Ich habe es Ihnen doch gesagt, Brenda«, vernahm ich die raue Stimme Leonards, ehe meine Sinne mich ganz verließen. »Sie können mir nicht entkommen...«

15

Daniel hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Erst gegen Mitternacht hatte er das British Museum wieder verlassen. Die Polizei hatte das Museum durchsucht, aber keinen Eindringling gefunden.

Nachdem Daniel mit Raymond Ghanadi und Professor Sloane übereingekommen war, dass jeder auf seine Weise versuchen solle, etwas über Brendas Verschwinden herauszufinden, war er nach Hause gefahren.

Brenda war nicht in der Atelierwohnung. Daniel hatte das auch nicht erwartet. Obwohl er viele Jahre allein in der geräumigen Atelierwohnung gelebt hatte, erschien sie ihm nun, wo Brenda fort war, plötzlich leer und gespenstisch.

Daniel quälten die Sorgen, die er sich um seine geliebte Frau machte. Als die Morgendämmerung über London hereinbrach, fiel er in unruhigen Schlaf. Völlig übermüdet war er auf dem Sofa im Wohnzimmer eingeschlafen und erwachte erst wieder gegen Mittag.

Sofort rief er bei Professor Sloane und Raymond Ghanadi an. Die beiden hatten nichts Neues zu berichten. Brenda blieb spurlos verschwunden.

Schließlich hielt Daniel es nicht mehr aus. Er griff zum Telefon und wählte die Nummer der Polizei. Schon gestern, als die Bobbies im Museum eintrafen, hatte er ihnen von Brendas Verschwinden berichtet. Aber den Polizisten waren die Hände gebunden. Erst wenn eine Person vierundzwanzig Stunden vermisst wurde, konnten sie nach ihr suchen.

»Verbinden Sie mich bitte mit Inspektor Merion«, verlangte Daniel, als sein Gespräch in der Polizeidienststelle entgegengenommen wurde.

Daniel hatte schon einmal mit Inspektor Merion zu tun gehabt. Damals war Brenda auch auf mysteriöse Weise verschwunden. Der Inspektor, der ein sehr skeptischer und bodenständiger Mensch war, hatte Daniel seine Geschichte nicht geglaubt, und weigerte sich, ihn bei seiner Suche nach Brenda zu unterstützen. Am Ende wurde er aber doch eines Besseren belehrt.

»Inspektor Merion am Apparat«, vernahm Daniel die mürrische Stimme des Polizisten.

Daniel nannte ihm seinen Namen, woraufhin Merion ein missmutiges Brummen ausstieß.

»Wir hatten schon einmal das Vergnügen«, stellte er freudlos fest. »Ist Ihre Freundin etwa wieder verschwunden?«

»Ja«, versetzte Daniel. »Und ich habe erneut das untrügliche Gefühl, dass ihr etwas zugestoßen ist.«

»Seit wann vermissen Sie sie?«

Zusammenfassung

Romantic Thriller Trio #4 - Drei Romane
von Jan Gardemann

Der Umfang dieses Buchs entspricht 293 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Gefangen in den Katakomben – Das magische Amulett Band 10

Herrin der Geisterinsel – Das magische Amulett Band 11

Tod aus der Zauberkugel – Das magische Amulett Band 12

Als die Archäologin Brenda Logan plötzlich verschwindet, glaubt die Polizei, dass sie mit ihrem Liebhaber durchgebrannt sei. Ihr Ehemann glaubt nicht daran und als er von der Nachbarin beunruhigende Hinweise bekommt, fliegt er nach Paris, um selbst nach seiner Frau zu suchen.

Details

Seiten
100
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906622
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Dezember)
Schlagworte
romantic thriller trio

Autor

Zurück

Titel: Romantic Thriller Trio #4