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Rache aus dem Reich der Toten

2016 120 Seiten

Zusammenfassung

Irma Wilson, einst ein gefragtes Fotomodell, gibt ihrem Ehemann Lester die Schuld an einem verhängnisvollen Unfall, der bei ihr Narben und das Ende ihrer Karriere hinterließ. Als bei einer Zugfahrt eine der unzähligen Streitigkeiten eskaliert, verlässt Lester einfach den Zug und wandert ziellos durch die Nacht und den strömenden Regen. Wenig später wird Irma tot im Zug gefunden, und die Polizei ermittelt gegen Lester wegen Mordes. Lester findet Obdach auf Burleigh Mansion, dem herrschaftlichen Haus der amerikanischen Familie Delmonte, die den Tod ihrer jungen Tochter Violet beklagt. Lester darf das Haus nicht verlassen, weil er sich der Polizei zur Verfügung halten muss. Das kommt ihm nicht ungelegen, denn Violets Schwester Rebecca gefällt ihm. Doch als Violets aufgebahrter Leichnam verschwindet und dann wieder auftaucht, scheinen sich die alten Legenden zu bewahrheiten, dass es auf Burleigh Mansion spukt und die Toten keine Ruhe finden. Und manchmal üben sie sogar Rache aus dem Reich der Toten …

Leseprobe

Rache aus dem Reich der Toten

CEDRIC BALMORE

 

 

 

 

Unheimlicher Roman

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Chainat/2123RF, 2016

ehem. Titel: Die Toten lassen bitten

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

 

Irma Wilson, einst ein gefragtes Fotomodell, gibt ihrem Ehemann Lester die Schuld an einem verhängnisvollen Unfall, der bei ihr Narben und das Ende ihrer Karriere hinterließ. Als bei einer Zugfahrt eine der unzähligen Streitigkeiten eskaliert, verlässt Lester einfach den Zug und wandert ziellos durch die Nacht und den strömenden Regen. Wenig später wird Irma tot im Zug gefunden, und die Polizei ermittelt gegen Lester wegen Mordes. Lester findet Obdach auf Burleigh Mansion, dem herrschaftlichen Haus der amerikanischen Familie Delmonte, die den Tod ihrer jungen Tochter Violet beklagt. Lester darf das Haus nicht verlassen, weil er sich der Polizei zur Verfügung halten muss. Das kommt ihm nicht ungelegen, denn Violets Schwester Rebecca gefällt ihm. Doch als Violets aufgebahrter Leichnam verschwindet und dann wieder auftaucht, scheinen sich die alten Legenden zu bewahrheiten, dass es auf Burleigh Mansion spukt und die Toten keine Ruhe finden. Und manchmal üben sie sogar Rache aus dem Reich der Toten …

 

 

 

Roman

 

Ich hasse dich!“, schrie Irma Wilson ihren Mann an. „Ich wünschte, du wärest tot!“

Sie ist verrückt, dachte Lester. Oder betrunken. Oder beides zusammen.

Sie saßen sich in einem Eisenbahnabteil erster Klasse gegenüber.

Der Zug rollte stampfend durch die Nacht. Die Dampflokomotive hatte Mühe, eine Steigung zu nehmen. Gelegentlich prasselte ein Regenschauer gegen die schmutzigen Fensterscheiben.

Lester hatte es längst aufgegeben, etwas von der Landschaft sehen zu wollen.

Draußen war es stockdunkel. Nur selten huschte ein Licht vorbei, die Quadrate und Rechtecke erleuchteter Fenster, das helle Rund einer Kirchturmuhr.

Irma hielt die Reiseflasche mit dem Brandy in der Hand.

Sie genehmigte sich einen weiteren Schluck und spie ihn plötzlich Lester ins Gesicht.

Eines Tages bringe ich dich um“, keuchte sie.

Lester sprang auf, er riss die Rechte hoch und brachte es nur mühsam in letzter Sekunde fertig, die zum Schlag erhobene Hand zu stoppen.

Nein, soweit würde Irma ihn nicht bringen.

Er schlug keine Frau, schon gar nicht die eigene, egal, wie lebhaft sie ihn herausforderte.

Lester setzte sich.

Er wischte sich mit dem Handrücken über die klebrig gewordene Gesichtshaut.

Er starrte Irma in die Augen.

Irma Wilson, geborene de Ville, 26 Jahre alt, kinderlos.

Ein paar Jahre lang war Irmas Gesicht so populär gewesen wie das einer berühmten Sportlerin oder Politikerin.

Sie hatte zu den gesuchtesten Fotomodellen des Landes gehört und war auf dem besten Weg gewesen, eine Karriere als Filmschauspielerin zu machen. Dann war der schreckliche Autounfall gekommen, das Ringen um Leben und Tod.

Irma beschuldigte Lester seitdem, ihre Karriere zerstört zu haben.

Hatte er nicht am Lenkrad des Wagens gesessen?

War es nicht seiner Unfähigkeit zuzuschreiben, dass er, vom Platzen eines Reifens überrascht, nicht imstande gewesen war, den wild schleudernden, ausbrechenden Wagen an dem Baum vorbeizulenken?

Lester war bei der Kollision mit einer Platzwunde und dem Schock davongekommen.

Irma hatte einen komplizierten Beinbruch und einige Gesichtsverletzungen hinnehmen müssen. Seitdem lahmte sie kaum merklich, und ihr von Millionen bewundertes Gesicht trug deutlich die Spuren von Schnitten und Nähten.

Die Narben beschränkten sich auf ihre linke Gesichtsseite und wirkten keineswegs entstellend, aber sie machten es Irma unmöglich, gegen die nachdrängende Konkurrenz zu bestehen. Die Werbefotografen knipsten Irma noch gelegentlich im Profil, nur die Schokoladenseite, ansonsten war es still um sie geworden.

Mit der Filmerei war Schluss, dafür sorgten schon Irmas leichte Gehbeschwerden. Aber Irma war außerstande, sich damit abzufinden.

Sie besaß einen enormen Geltungsdrang und hatte kurz nach dem Unfall und seinen fatalen Folgen mit dem Trinken begonnen.

Lester hatte versucht, seine junge Frau davon abzuhalten, aber das war für Irma nur ein Grund gewesen, der neuen Leidenschaft noch lebhafter zu frönen.

Sie hatte ihm vorgeworfen, er beabsichtige, ihr den letzten Trost zu rauben.

Seitdem ließ Lester seine Frau gewähren.

Er fand, dass es für ihn die Hölle war und hatte längst begriffen, dass Irma eine ungewöhnlich egozentrische und eitle Person war, aber da er sich für ihren gegenwärtigen Zustand mitverantwortlich fühlte, nahm er alles hin, was sie ihm zufügte. Eines Tages, hoffte er, würde Irma zur Vernunft kommen und einsehen, dass er keine Chance gehabt hatte, den Unfall zu vereiteln.

Lester wusste, dass die Nebenabteile unbesetzt waren. Insofern ließ ihn Irmas Ausbruch kalt.

Er setzte sich wieder und spürte, wie er von einem bohrenden Zorn bedrängt wurde.

Irma hatte kein Recht, ihn so zu behandeln, er war stets bemüht gewesen, ein guter und loyaler Ehemann zu sein.

Ich hasse dich“, wiederholte Irma schwer atmend. „Wir sind allein. Es gibt keine Zeugen. Warum bringst du mich nicht um? Tu es doch! Ich sehe deinen Augen an, wie lebhaft du meinen Hass erwiderst. Töte mich! Den ersten Schritt hast du ja schon getan.“

Halte den Mund!“, fuhr Lester sie an.

Er hatte genug von ihrem widerlichen Selbstmitleid und den dummen, quälenden und sich ständig wiederholenden Anklagen.

O nein, mich bringst du nicht zum Schweigen“, erregte sich Irma. „Du hast meinen Körper zerstört, meine Schönheit. Aber solange ich noch reden kann, werde ich nicht aufhören, dir ins Gesicht zu schleudern, was ich von dir halte. Du Mörder!“

Das harte Rollgeräusch der Tür ließ Lesters Kopf herumzucken.

 

*

 

Im Rahmen der Abteiltür stand der Kontrolleur, ein bebrillter, uniformierter Mann von knapp sechzig Jahren.

Es gab keinen Zweifel, dass er Irmas letzte Worte mitgehört hatte. Sein Gesicht verriet nichts von dem, was ihn bewegte.

Die Fahrkarten, bitte“, sagte er.

Wir haben sie schon einmal vorgewiesen“, erklärte Lester wütend.

Das war bei meinem Kollegen“, sagte der Mann. „Ich bin für diese Strecke zuständig.“

Sie kommen gerade rechtzeitig“, stieß Irma hervor.

In ihren Augen schimmerten Tränen.

Sie streckte den Arm aus, der anklagend erhobene Zeigefinger wies auf Lester.

Er will mich umbringen, er will mich töten.“

Lester stand auf. Das Maß war voll.

Er hatte weder vor, sich einem Fremden gegenüber zu verteidigen, noch lag es in seiner Absicht, mit ihr zu streiten.

Er hob seine karierte Reisetasche aus dem Gepäcknetz, schritt damit auf den Kontrolleur zu und sagte:

Meine Frau hat die Karten.“

Der Kontrolleur trat schweigend zur Seite.

Lester verließ das Abteil.

Da sehen Sie es“, schrillte Irmas Stimme hinter Lester her. „Er kneift! Er gibt indirekt zu, dass ich die Wahrheit sage!“

Lester ging den Korridor hinab.

Er beabsichtigte, sich in ein anderes Abteil zu setzen, aber es war zu bezweifeln, ob Irma ihn in Ruhe lassen würde. Ihre schon krankhaft gewordene Aggressionslust brauchte ein Ziel, ein Opfer.

Der Zug hielt plötzlich mit quietschenden Rädern und Bremsen. Die Lokomotive entließ einen klagenden, langgezogenen Heulton in die regnerische Nacht.

Offenbar war der Zug vom Rotlicht eines Signals gestoppt worden.

Plötzlich wusste Lester, was er zu tun hatte, was er einfach tun musste!

Er war entschlossen auszusteigen. Auf freier Strecke.

Es war ihm egal, wo er sich befand und wie lange er gezwungen sein würde, durch die Nacht zu wandern, bis er irgendwo ein Gasthaus fand, das bereit war, ihn aufzunehmen.

Er wollte nur weg von hier.

Er hatte genug von Irma und der Qual endloser Streitereien.

Es wurde Zeit, dass Irma begriff, was geschehen konnte, wenn sie die Grenzen des Erträglichen überschritt.

Lester erreichte die Wagentür und öffnete sie.

Regen sprühte ihm ins Gesicht. Tief unter sich sah er den nass glänzenden Schotter.

Einen Moment lang schreckte Lester vor dem Aussteigen zurück, dann gab er sich gleichsam einen Stoß und kletterte ins Freie.

Er stolperte, rutschte einen Hang hinab und hatte Mühe, auf den Beinen zu bleiben.

Er stoppte, schaute sich um und sah die lange, gelbe Lichterkette der Wagenfenster über sich.

Er verspürte den Wunsch, in die Geborgenheit des Zugs zurückzukehren, aber Zorn und Trotz hielten ihn davon zurück, dem Impuls zu folgen.

Die Lokomotive heulte, der Zug fuhr langsam an.

Lester sah das Gesicht des Kontrolleurs am Fenster auftauchen, die Blicke der Männer kreuzten sich, dann rollte der Wagen vorbei und der Zug gewann rasch an Fahrt.

Nur eine Minute später sah Lester von ihm lediglich das scheinbar höhnische Grinsen der roten Schlusslichter.

Der Zug verschwand in der Nacht.

 

*

Hier sind sie“, sagte Irma und fischte die Tickets aus ihrer Handtasche aus Krokodilleder.

Er ist ausgestiegen“, erklärte der Kontrolleur und trat vom Fenster zurück.

Irmas Kopf zuckte herum.

Ausgestiegen?“, wiederholte sie ungläubig.

Ich habe ihn gesehen“, sagte der Kontrolleur.

Er griff sich in die Hosentasche, zog ein paar dünne Baumwollhandschuhe daraus hervor und streifte sie sich über.

Die Karten!“, drängte Irma.

Sie wollte allein sein.

Aus einem Grund, den sie nicht zu erklären wusste, zerrte die Gegenwart des Uniformierten plötzlich an ihren Nerven.

Dieser verdammte Kerl!

Er war an allem schuld.

Sie war so schön in Fahrt gewesen, so fabelhaft hatte sie sich seit langem nicht mehr gefühlt. Das Dazwischenkommen des Mannes hatte Lester einen Vorwand geliefert, sich ihrer heftigen Anklage zu entziehen.

Die Karten!“, wiederholte sie mürrisch.

Dann lachte sie.

Die Heiterkeit erfasste sie ganz spontan. Sie stellte sich vor, wie Lester im Regen stand, einem begossenen Pudel vergleichbar, weit entfernt von einer menschlichen Behausung. Das würde ihn rasch abkühlen.

Er würde es bereuen, so dumm gehandelt zu haben. Aber das geschah ihm ganz recht.

Es war genau ...

Irmas Gedanken und Rachegelüste zerfaserten, als sie den Kontrolleur anblickte.

Irgendetwas im Gesicht des Mannes erschreckte und schockierte sie.

Irma wurde sich plötzlich bewusst, dass sie mit ihm allein war.

Irma ließ die Hand mit den Fahrkarten sinken.

Sie wollte etwas sagen, sie schluckte, aber sie brachte keinen Laut über ihre Lippen.

Sie haben sich mit Ihrem Mann gestritten, Sie haben ihn einen Mörder genannt“, stellte der Kontrolleur mit halblauter, seltsam klingender Stimme fest.

Was geht Sie das an?“

Ich habe es gehört. Ihr Mann ist ausgestiegen. Auf freier Strecke, mitten im Regen. Wenn man Sie tot im Abteil findet, kann es für die Polizei nur eine Schlussfolgerung geben. Die Beamten werden annehmen, dass Ihr Mann Sie getötet hat und anschließend geflohen ist.“

Was reden Sie da?“, murmelte Irma.

Mit einem Schlag war sie nüchtern.

Sie starrte in die Augen des Mannes und fühlte Angst in sich aufsteigen, als sie hinter den eiskalten Reflexen, die die Brillengläser des Mannes versprühten, kalte Mordlust zu entdecken glaubte.

Der Mann kam auf sie zu, mit ausgestreckten, schwarz behandschuhten Händen.

Irma ließ die Fahrkarten zu Boden fallen und presste sich in den roten Plüsch der Fensterecke. Ihr vor Schreck starrer Blick klebte förmlich an den auf ihren weißen Hals zustrebenden Männerhänden.

Nein!“, keuchte sie. „Nein! Wenn Sie mich anfassen, schreie ich ...“

Der Mann lachte leise.

Sie sind der einzige Fahrgast im Waggon. In dieser Gegend gibt es kaum noch Leute, die erster Klasse reisen.“

Sie sind Beamter, so etwas können Sie doch nicht tun!“, würgte Irma hervor.

Der Uniformierte richtete sich auf, er ließ plötzlich die Hände fallen.

Beamter“, sagte er bitter. „Wissen Sie, was ich verdiene? Das ist zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig. Ich warte seit Jahren auf meine Chance. Auf eine Chance wie diese. Jetzt ist sie da. Ich wäre verrückt, wenn ich sie nicht nutzte.“

Es wird herauskommen ...“

Was wird herauskommen?“, höhnte der Uniformträger. „Dass Sie und Ihr Alter sich hassten, dass Sie miteinander stritten und dass das Ganze mit einem Drama endete? Glauben Sie im Ernst, irgend jemand würde mich verdächtigen? Ich schiebe Dienst seit vierzig Jahren, ich habe mir niemals etwas zuschulden kommen lassen, man wird mir den Mord auch dann nicht anhängen, wenn Ihr Mann seine Unschuld zu beteuern versucht.“

Sie sind wahnsinnig!“

Sind nicht eher Sie verrückt?“, höhnte der Mann. „Sie besitzen alles, wovon andere nur träumen können. Schönheit und Reichtum. Das zeigt sich an Ihrem Schmuck, an Ihrer Kleidung, an allem, was Sie umgibt. Sie haben einen gutaussehenden Mann, ein Prachtbild von Kerl. Aber was tun Sie? Sie treiben ihn in die Nacht. Sie beschuldigen ihn, ein Mörder zu sein.“

Er lachte erneut, diesmal ziemlich laut.

Es ist beinahe komisch, dass Sie ihn tatsächlich zum Mörder machen. Man wird ihn wegen des Verbrechens verurteilen, das ich begehe. Es ist phantastisch, wirklich zum Lachen. Sie wollten ihn zum Mörder stempeln, Madam? Herzlichen Glückwunsch! Es ist Ihnen gelungen.“

Er hob die Hände.

Irma sprang hoch.

Sie war jung und beweglich, sie musste es schaffen, mit dem Alten fertigzuwerden. Er war mindestens schon 60, fast ein alter Mann, sie musste ihn abschütteln und die Notbremse ziehen.

Er packte sie.

Irma schrie, sie drehte und wand sich, sie versuchte seinem eisenharten Zugriff zu entgehen, aber der Mann entwickelte Kräfte, die sie überraschten und denen sie nicht einmal mit ihrer wilden Todesangst zu begegnen vermochte.

Der Uniformierte schleuderte sie zurück in den Sitz.

Seine Hände schlossen sich um den schlanken, weißen Hals, sie drückten ihn zusammen. Irmas Augen quollen aus den Höhlen, ihr Mund öffnete sich weit.

Der Mann starrte ihr ins Gesicht, er atmete keuchend und beobachtete, wie langsam das Leben aus dem schönen, jungen Frauenkörper entwich.

 

*

 

Der Mörder hieß Lionel Whitehead.

Er war 59 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder.

Lionel Whitehead wurde von seiner Frau beherrscht und von seinen Kindern verachtet. Das Trio sah in ihm den Prototyp eines Mannes, der im Leben versagt hatte. Die drei hatten ihm schon Dutzende von Malen vorgeworfen, dass er es im Leben nicht weiter gebracht hatte als zum Fahrkartenknipser und pflegten sich darüber lustig zu machen.

Whitehead hatte niemals gezeigt, wie tief ihn diese Reaktionen verletzten, aber über die Jahre hinweg war ein krankhafter Groll in ihm entstanden, ein Hass gegen alle, mit denen es das Schicksal besser gemeint hatte. Dieser Groll entlud sich jetzt und hier an seinem Arbeitsplatz, in einem stampfenden Waggon.

Er verlieh ihm riesige Kräfte und machte ihn zum Mörder.

Irma Wilsons Körper erschlaffte, die hervorquellenden Augen brachen, aber Whitehead ließ sie nicht los, er drückte noch fester zu.

Er schloss die Augen und begann zu zählen, dann, als er die Hundert erreicht hatte, ließ er sein Opfer endlich los.

Er sah, dass die junge Frau tot war.

Whitehead richtete sich auf.

Er schwitzte. Er streifte mechanisch die Handschuhe ab und stopfte sie in seine Hosentasche.

Fast bedauerte er, dass Mary, seine Frau, ihn jetzt nicht sehen konnte.

Er hatte es ihr gegeben, er hatte ihr und seinen Söhnen gezeigt, wozu er imstande war!

Whitehead bückte sich nach den Fahrkarten.

Er hätte sie um ein Haar angefasst, aber dann durchzuckte ihn die Erkenntnis, dass es nicht gut war, wenn man seine Fingerabdrücke darauf entdecken würde. Er nahm sein Taschentuch zur Hilfe und legte damit die Karten zurück in Irma Wilsons offene Handtasche.

Ein Regenschauer peitschte wütend gegen das Fenster.

Whitehead blickte hoch und beobachtete, wie der Fahrtwind die Tropfen schräg über das Glas trieb.

Er grinste matt, als er ins Dunkel der Nacht starrte.

Es gab keine Tatzeugen.

Er war sich seiner Sache völlig sicher.

Er holte die Geldbörse der Toten aus der Handtasche und öffnete sie.

Er fand ein dickes Bündel großer Banknoten darin, eine Scheckkarte, eine Kreditkarte sowie ein goldenes, mit Brillanten besetztes Zigarettenetui. Er nahm die Wertsachen an sich, löste behutsam die Perlenkette vom Hals der Toten und brachte seinen Raub hinter einem losen Verkleidungsbrett oberhalb des Gepäcknetzes unter.

Dann zog er die Notbremse.

Der Zug kam zum Stehen.

Whitehead sprang aus dem Wagen und hastete über Schotter und Schwellen nach vorn, auf die Lokomotive zu.

Der bärtige Führer des Zuges beugte sich weit aus seinem Stand und blickte ihm entgegen.

Whitehead blieb stehen.

Ich habe eine Tote im Wagen der ersten Klasse entdeckt“, schrie er und gestikulierte wild mit seinen Armen. „Ich glaube, es handelt sich um das Opfer eines Mordanschlags. Wir müssen in Northwall halten und die Polizei informieren.“

*

 

Lester Wilson fluchte.

Obwohl er meinte, dass seine Augen sich allmählich an das Dunkel gewöhnt hatten, passierte es immer wieder, dass er über vorspringende Äste und Steine stolperte oder in Löcher und Vertiefungen geriet. Er war einige Male hingefallen, sein Fuß schmerzte, weil er ihn sich verknackst hatte, und er war durchnässt bis auf die Haut.

Die Vorstellung, dass er dies alles nur auf sich genommen hatte, um Irmas wahnsinnigen Provokationen zu entgehen, trug nicht dazu bei, seinen Zorn und seine Verbitterung zu mildern.

Er hatte schon oft erwogen, sich von Irma scheiden zu lassen, aber die durch den Unfall entstandene Schuldhypothek hatte ihn davon abgehalten, diese Gedanken zu realisieren.

Außerdem glaubte er Irma noch immer zu lieben.

Er weigerte sich, ihre Egozentrik für etwas Gottgewolltes hinzunehmen, er baute darauf, dass es ihm eines Tages gelingen würde, seine junge, schöne Frau zu läutern und zur Vernunft zu bringen.

Lieber Himmel, schließlich hatten sie, ehe der Unfall ihr Leben schlagartig verändert hatte, eine herrliche Ehe geführt. Sie waren umschwärmt und begehrt gewesen, sie hatten sich prächtig verstanden. Es war kein einziges Mal zu ernsthaften Streitereien gekommen. Liebe und Erfolg hatten sie verwöhnt und zu Kindern des Glücks gemacht.

Lester stellte die Reisetasche ab.

Er hatte einen schmalen Weg erreicht, ohne zu wissen, wohin der Pfad führte und wo er endete.

Nirgendwo zeigte sich ein Licht.

Der Regen strömte mit enervierender Intensität vom Himmel herab.

Ein gelegentlicher Windstoß ließ in Lester den Eindruck aufkommen, als versetze die Natur ihm kräftige, nasse Ohrfeigen.

Als ob er davon im Leben nicht schon genug erhalten hätte!

Es hatte keinen Zweck, hier stehenzubleiben, aber der schmerzende Fuß brauchte eine kurze Verschnaufpause.

Lester bückte sich nach seiner Tasche und hob sie auf, dann ging er weiter.

Er blickte auf die Leuchtziffern seiner Armbanduhr.

Er war schon über eine Stunde unterwegs, ohne zu wissen, welche Strecke er in der Zwischenzeit zurückgelegt hatte. Irgendwann musste er doch eine Straße und einen Wegweiser erreichen!

Jetzt ging es leicht bergan, die bizarren Konturen eines Waldstückes tauchten vor ihm auf. Der Weg teilte sich, er führte in den Wald hinein, aber auch um ihn herum.

Lester benutzte den Pfad, der am Wald entlang führte.

Er erreichte das Ende des Waldes und stoppte, als er weit vor sich ein Licht gewahrte, fast ein Irrlicht, wie ihm schien, so klein war es, so fern.

Er gab sich einen Ruck und schritt darauf zu, er behielt unentwegt die Richtung auch dann bei, wenn Baumgruppen ihm den Blick auf das Licht versperrten.

Er vergaß den Schmerz in seinem Fuß und wurde schneller. Auch jetzt ließ sich nicht verhindern, dass er gelegentlich ausglitt und stolperte, aber das machte ihm nichts aus.

Er fühlte sich gleichsam beflügelt, er hatte endlich ein Ziel vor Augen.

Es irritierte ihn, dass das Licht nicht größer wurde, ja, es schien ihm fast so, als ob er sich ihm nicht näherte oder als ob es sich vor ihm zurückzöge, aber das konnte nur eine Täuschung sein.

Es war sicherlich das Ergebnis seiner plötzlichen Ungeduld.

Lester ging weiter, mit zusammengebissenen Zähnen.

Er dachte an Irma und versuchte sich ihre Reaktion auszumalen.

Vermutlich würde sein Ausscheren ihr nur willkommener Anlass sein, ihn der Tante gegenüber schlechtzumachen. Es war ihm egal.

Er hatte einen Punkt erreicht, der keine weiteren Zugeständnisse duldete.

Er konnte es Irma nicht erlauben, dass sie ihn vor anderen einen Mörder nannte, das ließ sich nicht einmal mit ihrer Trunkenheit entschuldigen.

Irma war noch immer schön, fand Lester.

Er wusste, dass es nach wie vor eine Menge Leute gab, die sie bewunderten. Außerdem war Irma vermögend, millionenschwer. Manchmal fragte er sich, weshalb sie sich nach dem Unfall nicht von ihm getrennt hatte, um mit einem anderen Mann zusammenzuziehen.

Was konnte er ihr denn schon bieten?

Nicht viel mehr als seinen Namen, seinen internationalen Ruf als Rennfahrer. Nur war er seit dem folgenschweren Unfall kein Rennen mehr gefahren, er wusste selbst nicht recht, warum.

Obwohl Experten ihm vorgerechnet hatten, dass nicht einmal ein Mann seiner Kraft und seiner fantastischen Reflexe dem Zusammenprall mit dem Baum hätte entgehen können, litt Lester darunter, dass ausgerechnet er, ein Mann mit Profiroutine nicht das Kunststück fertiggebracht hatte, den Baum zu umsteuern.

Endlich! Das Licht wurde größer und heller, es formte sich allmählich zu einem hohen, schmalen Fenster mit klassischem Rundbogen.

Plötzlich erlosch das Licht.

Lester blieb stehen, zutiefst enttäuscht, eingehüllt von Dunkelheit und monoton fallendem Regen.

Natürlich, es war schon spät, er befand sich auf dem Land. Hier begaben sich die Menschen früh zu Bett.

Er schritt weiter, erreichte eine schmale, asphaltierte Straße und war bemüht, nicht die Orientierung zu verlieren.

Er stieß auf keinen Wegweiser, aber als er eine Abzweigung erreichte, die in eine breite, baumgesäumte Allee führte, war er sicher, sich auf dem richtigen Weg zu befinden und dem Haus, dessen Fenster durch die Nacht geleuchtet hatte, ganz nahe zu sein.

Lester ging die Allee hinab, sie war scheinbar endlos.

Jetzt machten sich auch wieder die Schmerzen in seinem Fuß bemerkbar, aber Lester ignorierte sie, er wollte so kurz vor dem Ziel kein zweites Mal stehenbleiben.

Wenige Minuten später tauchte ein riesiges Portal vor ihm auf. Die imponierenden, gemauerten Säulen trugen riesige, leere Blumenschalen.

Das Tor stand offen.

Lester ging hindurch.

Die Allee führte geradewegs auf einen gewaltig wirkenden Gebäudekomplex zu, dessen Konturen sich pechschwarz vor dem dunklen Nachthimmel abhoben.

Er bewegte sich langsamer, denn er fühlte sich mehr als unbehaglich.

Schließlich befand er sich auf Privatbesitz und war gezwungen, wildfremde Menschen aus dem Schlaf zu klingeln.

Wie sollte er ihnen erklären, was ihn in diese Gegend verschlagen hatte?

Es konnte leicht passieren, dass sie es ablehnen würden, ihn aufzunehmen. In seinem völlig durchnässten Zustand sah er keineswegs vertrauenerweckend aus.

Lester erreichte eine breite Freitreppe.

Er stieg sie hinauf und trat an die hohe Doppelflügeltür des Portals. Es wurde von zwei schweren, an gusseisernen Wandarmen befestigten Lampen flankiert.

Lester tastete nach einem Klingelknopf. Er fand keinen.

Seine Fingerspitzen glitten suchend über das nasse Holz der soliden Türfüllung.

Gerade, als er einen Türklopfer erfasste, gewahrte er hinter dem Fenster, das dem Portal am nächsten lag, einen schwachen Lichtschein.

Lester stellte seine Reisetasche ab und näherte sich dem Fenster, um hindurchzublicken. Er beugte sich nach vorn. Hinter dem vom Regen überspülten Glas tauchte eine kleine Flamme auf.

Sie gehörte zu einem Kerzenhalter, der sich in der Hand eines blonden, jungen Mädchens befand.

 

*

 

Das Mädchen kam eine breite, läuferbedeckte Treppe aus weißem Marmor herab.

Sie bewegte sich wie in Trance.

Lester hob die Hand, um gegen die Scheibe zu klopfen, aber er brachte es einfach nicht fertig, sich zu bewegen.

Ihm schien, als bewege sich das Mädchen unter Hypnose, ihre riesigen, dunkel anmutenden Augen waren blicklos ins Leere gerichtet. Auch die aufrechte, stolze und doch seltsam weltfremde Haltung der jungen, in ein bodenlanges, schulterfreies, einfarbiges Nachtgewand gehüllten Dame sprach dafür, dass sie entweder völlig geistesabwesend war oder unter einem inneren Zwang handelte.

Das vom Kerzenlicht bestrahlte Gesicht des Mädchens war von beklemmender und nahezu ergreifender Schönheit.

Lester erinnerte sich nicht, jemals ein Antlitz erblickt zu haben, das ihn so atemlos machte und so tief erregte.

Hinter dem Mädchen tauchte aus dem Dunkel eine Hand auf.

Sie formte sich zur Faust, sie wurde zum Symbol einer tödlichen Bedrohung.

Lester begriff, was vorging, er wollte schreien und das Mädchen warnen, aber der Schock lähmte ihn.

Er brachte keinen Laut über die Lippen.

Die Faust gab dem jungen Mädchen einen heftigen, gezielten Stoß.

Das Mädchen schien aus seiner Verzauberung zu erwachen.

Es schrie.

Das Mädchen stolperte und kam zu Fall.

Es stürzte, sich mehrmals überschlagend, die lange Treppe hinab. Die Kerze erlosch.

Das grausame Spektakel wurde von totaler Dunkelheit zugedeckt.

Lester atmete mit offenem Mund.

Er war Zeuge eines Mordversuchs geworden.

Oder war es am Ende gar Mord gewesen?

War das Mädchen tot?

Er fror plötzlich, er zitterte.

Es regnete unentwegt weiter, aber Lester Wilson war so durchnässt, dass ihm der Regen nichts mehr ausmachte.

Er gab sich einen Ruck, hastete zur Tür und betätigte den schweren Messingklopfer.

Das massive Werkzeug schickte dumpfe, dröhnende Laute in die Halle des schlossartigen Gebäudes.

Lester ließ die Hand sinken und wartete.

Was er soeben gesehen hatte, ließ ihn nicht los.

Sein Herz hämmerte.

Seine Geduld wurde auf eine nahezu unerträgliche Probe gestellt.

Niemand öffnete.

Lester wiederholte das Klopfen. Im Haus rührte sich nichts.

Er dachte an das schöne, junge Mädchen.

Möglicherweise lag sie schwer verletzt am Fuße der Treppe, vielleicht brauchte sie Hilfe, einen Arzt.

Lester ballte die Hände.

Ich schlage die Scheibe ein, entschloss er sich.

Ich muss der Ärmsten helfen. Ich muss wissen, was geschehen ist.

Gerade als er sich auf das Fenster zubewegen wollte, flammte in der Halle Licht auf. Schritte ertönten, sie näherten sich der Tür.

Die Tür wurde geöffnet.

In ihrem Rahmen stand ein blondes, junges Mädchen im bodenlangen Nachtgewand.

 

*

 

Lester Wilson öffnete den Mund und schloss ihn wieder.

Die Erscheinung von vorhin, das Mädchen, das er auf der Treppe gesehen hatte!

Das Mädchen blickte ihn fragend an.

Sie zeigte weder Spuren einer Verletzung noch eine Nachwirkung des gewaltsam verursachten Sturzes.

Sie wünschen, bitte?“, fragte sie ihn.

Lester blickte über die runden, nackten Schultern des Mädchens in die Halle.

Am Fuße der weißen Marmortreppe lag ein Teppich, sonst nichts.

Er räusperte sich.

Bitte verzeihen Sie die Störung!“, meinte er stockend. „Es ist sehr ungehörig, Sie um diese Stunde zu belästigen, aber ich habe mich buchstäblich verlaufen und wüsste gern, wo sich das nächste Gasthaus befindet und wie ich es erreichen kann.“

Hier gibt es kein Gasthaus“, erwiderte das schöne, junge Mädchen mit sanfter, dunkler Stimme. „Nicht im Umkreis von fünfzehn Meilen.“

Lester schluckte.

Er empfand den prüfenden, aber keineswegs feindseligen oder ablehnenden Blick der jungen Dame wie einen körperlichen Schmerz.

Aber ich kann nicht bei diesem Wetter ...“

Das Mädchen fiel ihm ins Wort.

Sie können hier schlafen“, sagte sie und trat zur Seite. „Burleigh Mansion verfügt über mehr als ein Dutzend Gästezimmer. Sie Ärmster sind ja völlig durchnässt. Folgen Sie mir in die Küche, bitte! Ich wecke Albert und sorge dafür, dass er Ihnen ein paar trockene Sachen zur Verfügung stellt.“

Lester hob seine Reisetasche auf und folgte dem Mädchen durch die hohe Halle. Marmorsäulen, aufwendige Deckengemälde, alte Spiegel und Uhren sowie dunkle, vom hohen Alter brüchig gewordene Ölbilder monumentalen Ausmaßes gaben dem Riesenraum eine museale, imponierende Atmosphäre.

Mein Name ist Lester Wilson“, stellte er sich vor und registrierte, dass seine Schuhe und Hose bei jedem Schritt Wasser auf den Fußboden tropfen ließen.

Das Mädchen antwortete nicht.

Es schritt in hoheitsvoller Haltung voran.

Lesters Blicke umfassten die schlanke und doch sehr weibliche Gestalt mit geradezu andächtiger Bewunderung.

Er war im Grunde seines Herzens ein Ästhet. Schönheit faszinierte ihn, sie machte ihn zuweilen sprachlos. So war es ihm auch bei seinem ersten Zusammentreffen mit Irma ergangen.

Irma ...

Ein Schatten fiel über Lesters Gesicht.

Er verdrängte die Gedanken an seine Frau.

Er war nicht in der Stimmung, sich in diesem Augenblick mit seinen quälenden Eheproblemen zu beschäftigen.

Ihm lagen ein paar Fragen auf der Zunge, die sich mit seiner erschreckenden Beobachtung verbanden, aber er stellte sie zurück, vielleicht klärte sich alles von selbst auf.

Er wollte nicht neugierig erscheinen, vor allem lag es nicht in seiner Absicht, die ihm gewährte Gastfreundschaft zu strapazieren.

Sie passierten einen Korridor, von dem einige hohe, dunkle Türen abzweigten. Am Ende des Ganges lag die Küche, ein Riesenraum mit einer geradezu nostalgisch anmutenden Ausrüstung und genügend Herden, um ein ganzes Hotel versorgen zu können.

Setzen Sie sich, bitte!“, sagte das Mädchen und verließ den Raum.

Lester stellte die Tasche ab und überlegte, ob er es riskieren durfte, das klatschnasse Sakko auszuziehen.

Er entschied sich dagegen, er wollte warten, bis das Mädchen zurückkehrte.

Hinter ihm öffnete sich die Tür.

 

*

 

Lester Wilson wandte sich erwartungsvoll um und stellte erstaunt fest, dass ein junger Mann die Küche betrat.

Der junge Mann hielt ein Jagdgewehr unter seinem rechten Arm. Die Waffenmündung zielte geradewegs auf Lesters immer noch lebhaft klopfendes Herz.

Verschwinden Sie!“, sagte der junge Mann mit harter, feindseliger Stimme, „oder ich werfe Sie eigenhändig in den Schlossteich.“

Wer sind Sie?“, fragte Lester.

Ein Mann, dem das Wohl von Burleigh Mansion am Herzen liegt“, erklärte der junge Mann. „Ich dulde es nicht, dass Schnüffler Ihres Kalibers aus der Tragödie des Hauses Kapital zu schlagen versuchen.“

Ich verstehe kein Wort“, versicherte Lester.

Er schätzte sein Gegenüber auf fünfundzwanzig.

Der junge Mann trug Reitstiefel und hellbraune, lederbesetzte Hosen, dazu einen dunklen Blouson mit Strickbündchen. Sein grünes Wollhemd stand am Hals offen.

Der junge Mann hatte ein markantes Gesicht mit vorstehenden Backenknochen und tiefliegenden grauen Augen. Das dunkelblonde Haar stand wirr von seinem Kopf ab.

Lester blickte unwillkürlich auf die Hände des Mannes und fragte sich, ob sie an dem Treppensturz beteiligt gewesen waren.

Ich bin Lester Wilson und ...“, begann er.

Der junge Mann unterbrach den Besucher mit kalter, zorniger Stimme.

Es ist mir völlig egal, wie Sie heißen oder wie Sie sich nennen. Ich durchschaue Sie, ich weiß genau, was Sie herführt! Ich will, dass Sie verschwinden!“

Darf ich Sie darauf hinweisen, dass der Lauf Ihres Gewehres in eine Richtung zielt, die sich mit dem gebotenen Sicherheitsdenken nicht in Einklang bringen lässt?“, erkundigte Lester sich höflich.

Angst?“, höhnte der junge Mann.

In seinen grauen Augen war ein harter Glanz.

Ich bin irritiert“, gab Lester gedehnt zu. „Das ist alles.“

Verschwinden Sie!“

Sind Sie der Hausherr?“

Was geht Sie das an? Ich lebe in diesem Haus und dulde es nicht, dass Sie ...“

Er unterbrach sich abrupt, als die Tür geöffnet wurde.

Das Mädchen kam herein. Sie hatte sich einen Hausmantel aus dunkelblauem Brokat über das Nachtgewand gestreift.

Bryan“, rief sie. „Was tun Sie hier?“

Der junge Mann senkte den Kopf. Er stellte das Gewehr neben sich auf den Boden.

Ich ... ich konnte nicht schlafen“, sagte er beinahe trotzig. „Ich habe gehört, wie der Mann Sie anschwindelte. Deshalb habe ich versucht, ihn an die frische Luft zu setzen.“

Bryan“, empörte sich das Mädchen, „Sie haben kein Recht, so etwas zu tun. Es ist anmaßend und unhöflich. Ich verurteile Ihr Verhalten und erwarte, dass Sie sich bei Mr. Wilson entschuldigen.“

Der junge Mann hob sein Kinn, er blickte dem Mädchen ins Gesicht.

Lester meinte in den Augen des jungen Mannes eine fast hündisch anmutende Ergebenheit, aber auch etwas anderes, nur schwer Definierbares zu erkennen, eine Mischung aus wildem Begehren und kaltem Hass.

Gehen Sie, bitte, lassen Sie mich mit Mister Wilson allein!“, herrschte das Mädchen den Hausgenossen an.

Wilson ist ein Schnüffler. Ein Reporter, wie ich vermute“, erklärte der junge Mann. „Niemand verläuft sich in dieser Gegend, es sei denn, er legt es darauf an. Mit seinen durchnässten Klamotten spekuliert er auf Ihr Mitleid. Lassen Sie sich davon nicht beeindrucken, bitte ...“

Gehen Sie!“

Ich bleibe in der Nähe", drohte der junge Mann, hob das Gewehr auf und ging zur Tür. Dort blieb er stehen.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738906608
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Dezember)
Schlagworte
rache reich toten

Autor

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Titel: Rache aus dem Reich der Toten