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Shannon 2: Shannon und die Büffeltöter

2016 120 Seiten

Leseprobe

Shannon und die Büffeltöter


Ein Western von John F. Beck




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von H.W.Dunton, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Klappe

Flint Johnson und sein Bruder Billy sind mit einer Truppe von hartgesottenen Büffeljägern unterwegs ins Land der Kiowas. Die Büffeljäger bekommen einen guten Lohn, wenn sie Johnson auf diesem Ritt begleiten. Aber Johnson geht es gar nicht um die Büffeljagd. Er will Kiowas töten – und zwar so viele wie möglich. Seine Eltern und die jüngere Schwester wurden von Kiowas getötet, und Johnson will Vergeltung üben. Um jeden Preis! Auch wenn er dabei das Leben der Männer riskiert, die ihn begleiten. Denn die wissen nichts von Johnsons finsteren Plänen.

Mehr notgedrungen als freiwillig schließt sich Jim Shannon diesem Trupp an. Denn Johnson und seine Männer haben ihm kurz zuvor in einer heiklen Situation geholfen. Als Shannon erfährt, was Flint Johnsons wirkliche Ziele sind, beschließt er, das nicht zuzulassen. Und erneut steckt Shannon wieder in Schwierigkeiten ...






Roman

Shannon presste sich hinter dem toten Pferd auf die von der Sonne hartgebackene Erde. Verzweifelt zerrte er an den Lederriemen, mit denen seine Hände zusammengeschnürt waren. Die Kleidung klebte ihm schweißnass auf der Haut.

Die vor Hitze flimmernde Luft über der Prärie war erfüllt von gellendem Kriegsgeschrei und dem Trommeln unbeschlagener Hufe. Der Körper des braunen Wallachs war ein pfeilgespickter Wall, der Shannon nur notdürftig gegen die Geschosse schützte. Aus entzündeten Augen blickte Shannon zu dem Mann, der ein halbes Dutzend Yard neben ihm ebenfalls hinter einem erschossenen Pferd kauerte.

Bowles!", rief Shannon heiser. „Wirf mir dein Messer rüber und gibt mir ein Schießeisen, ehe uns die Roten überrennen!"

Craig Bowles wandte ihm sein verkniffenes, hageres Gesicht zu. Hass glitzerte in seinen bernsteinfarbenen Augen. „Geh' zum Teufel, Shannon! Jed, Al, Tom und ich sind deinetwegen in dieses verfluchte Land geritten. Jetzt sind meine Partner tot. Die Rothäute werden auch uns erwischen. Ich denk' nicht daran, auch nur eine Patrone zu opfern."

Craig Bowles war der letzte der vier Revolverschwinger, die Shannon über dem Cimarron River ins Herz des Indianerlandes verfolgt und eines nachts heimtückisch überwältigt hatten. In Hays City hatte ein Mann namens Jefl Bascomb fünfhundert Dollar auf Shannons Kopf ausgesetzt. Für dieses Geld waren Bowles und seine Freunde bereit gewesen, Shannon tot oder lebendig nach Hays City zu schleppen. Schuld oder Undschuld hatte keinen interessiert. Geld war ihr einziger Massstab.

Aber jetzt sah alles danach aus, als würde keiner - auch Bowles nicht - je einen Cent von der Blutprämie kassieren. Die Skalpe von Craig Bowles’ Kumpanen schmückten bereits die Gürtel der heulenden Kiowas, die auf der tellerflachen Grasebene hin und her galoppierten und ihre Pfeile und Kugeln auf die Bleichgesichter abschossen.

Bowles’ schwerer Navy Colt donnerte wieder über dem von Pfeilen durchbohrten Sattel seines Gauls. Der Schecke eines jäh vorgeschnellten Angreifers brach schrill wiehernd zusammen. Der Indianer rollte geschmeidig aus einer Staubwolke heraus, war blitzschnell auf den Füßen und rannte auf die Reihe seiner waffenschwingenden Gefährten zu.

Doch Bowles war kein Mann, der dem Gegner eine Chance ließ. Diese bittere Erfahrung halte auch Shannon bereits gemacht. Brüllend spuckte der Navy Colt eine Feuerlanze aus. Die Kugel traf den Kiowa zwischen die Schulterblätter. Ruckartig blieb der Krieger stehen, breitete die Arme aus und fiel vornüber.

Durchdringendes Geheul brandete auf. Ein Geschosshagel überschüttete die Deckung der beiden Weißen. Erst nach einer Weile hob Shannon vorsichtig den Kopf. Sein braungebranntes Gesicht mit den dunklen Augen war schweißüberströmt. Das schwarze Haar hing ihm in die Stirn und verdeckte die dünne weiße Schussnarbe an seiner rechten Schläfe. Eine ohnmächtige, verzweifelte Wut auf Bascomb, der seinen Tod beschlossen hatte, erfüllte ihn. Wieder riss er wild an den Fesseln.

Bowles, vielleicht haben wir noch ‘ne Chance, wenn du mich befreist. Sei vernünftig, Mann! Du weißt doch, dass ich unschuldig bin. Ich habe Bascombs Sohn nicht ermordet. Alles war ...“

Das Krachen von Bowles' Sixshooter unterbrach ihn. Plötzlich zuckte der Kopfgeldjäger zusammen. Seine Faust mit dem langläufigen 44er Colt rutschte kraftlos herab.

Bowles!“, keuchte der Gefesselte erschrocken.

Bowles rührte sich nicht. Das Kriegsgeschrei der Kiowas verstummte. Das Schießen flaute ab. Stille breitete sich wie eine unheilvolle Last über die sommerdürre Prärie. Shannon wusste, dass es nur noch eine Frage von Sekunden, war, bis die Indianer in wildem Galopp heransprengen würden. Er biss die Zähne zusammen. Sein Herz hämmerte heftig. Er hatte schon viele aussichtslos scheinende Situationen mit Glück und Tollkühnheit überstanden. Aber jetzt war sein Magen wie ein Bleiklumpen.

Plötzlich federte der dunkelhaarige, sehnige Mann hinter seiner Deckung hoch und rannte zu Bowles' Pferd. Ein Ruf hallte zu ihm her. dann dröhnten wieder die schweren einschüssigen Rifles. Pfeile schwirrten wie Silberstriche durch die heiße Luft. Aber Shannon war schnell wie ein Panther. Eine Kugel zupfte an seiner flatternden Lederjacke. Dann warf er sich neben Bowles ins zertrampelte harthalmige Gras. Das Donnern der Mustanghufe ließ die Erde zittern. In breiter Front jagten die Kiowas heran.

Bowles, dein Messer!“, krächzte Shannon atemlos.

Als er den hageren Revolvermann an der Schulter packte, rutschte dieser schlaff zur Seite. Ein hässliches Kugelloch klaffte mitten in seiner Stirn. Shannon hatte keine Zeit mehr, Bowles’ Messer zu suchen. Mit den vorn zusammengebundenen Händen packte er den Navy Colt, stieß ihn hoch und drückte ab. Es klickte nur metallisch. Die Trommel war leer.

Im nächsten Moment war die brüllende, wilde Reiterhorde heran. Shannon erhob sich schwankend. Bronzehäutige Gestalten auf zottigen Gäulen umringten ihn. Die hart stampfenden Hufe rissen Staubschleier zwischen den verdorrten Grasbüscheln hoch. Pfeil- und Lanzenspitzen, Tomahawks und Messer blitzten in der Sonne.

Shannon warf sich verzweifelt gegen den nächsten Reiter und versuchte ihn mit dem Coltlauf vom Pferd zu schlagen. Ein Tritt schleuderte ihn zurück. Er prallte gegen einen nervös schnaubenden Mustang, und ehe er sich umdrehen konnte, bekam er einen Schlag über den Hinterkopf.

Shannon stürzte, verlor den leergeschossenen Colt und wälzte sich mit zusammengebissenen Zähnen herum. Er sah die breitknochigen, braunen Gesichter wie hinter einer Wand aus ungeschliffenem Glas. Pfeil und Lanzenspitzen zielten auf ihn. Shannon erstarrte. Sein Körper verkrampfte sich.

Ein gutturales, abgehacktes Kommando ertönte, und die Waffen sanken zögernd herab. Aus dem dichten Ring der jetzt schweigenden Reiter lenkte ein muskulöser, nur mit Lendenschurz und Mokassins bekleideter Indianer seinen Gaul auf Shannon zu. Zwei schwarze Zöpfe hingen ihm auf die tätowierte Brust. Über seinem linken Ohr baumelte eine Adlerfeder. Quer über den Schenkeln hielt der Kiowa eine federgeschmückte Lanze. Seine schwarzen Augen starrten Shannon ausdruckslos an.

Du tapferer Krieger“, lobte er in kehligem, holprigen Englisch. „Du sterben langen Tod am Marterpfahl. Viel Ehre. großes Fest in Dorf der Kiowa.“ Sein breiter, dünnlippiger Mund verzog sich plötzlich zu einem grausamen Grinsen. „Ich Red Arrow. Du mein Gefangener. Dein Skalp gehört mir.“

Shannon stand auf. Sein Atem hatte sich beruhigt. Das Todesurteil des „Roten Pfeils“ jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Aber nichts wäre jetzt verhängsnisvoller gewesen, als Unruhe oder gar Furcht zu zeigen. Shannon zwang sich dazu, den breitschultrigen Indianer furchtlos anzublicken.

Du hast keinen Grund, mich zu löten, Red Arrow. Ich bin kein Feind deines Volkes. Ich habe keinen Schuss auf dich und deine Krieger abgefeuert.“

Das breitflächige Indianergesicht verdüsterte sich. Red Arrow hielt Shannon drohend die Lanzenspitze vor die Brust. „Hier Kiowaland. Weiße Häuptlinge haben Vertrag mit Kiowas geschlossen. Aber Bleichgesichter machen viele Worte und alles falsch. Red Arrow hasst Bleichgesichter. Jeder weiße Mann, der über den Fluss kommt, ist Feind von Kiowa.“

Shannon schüttelte den Kopf und hob seine gefesselten Hände. „Ich bin nicht freiwillig hier. Ich wurde von den anderen weißen Männern hierher gejagt. Ich war ihr Gefangener. Ich werde euer Land verlassen, wenn ich frei bin.“

Du bist nicht frei!“ stieß Red Arrow hart hervor. „Dein Skalp gehört mir!“

Die Flamme des fanatischen Hasses loderte plötzlich in seinen Augen. Es war dieser Hass auf beiden Seiten, der den Untergang der roten Völker noch beschleunigte. Doch Shannon gab sich nicht geschlagen.

Der Skalp eines Mannes, der euch als wehrloser Gefangener in die Hände fiel, wird dir keine Ehre bringen“, sagte er verächtlich. „Die Squaws werden über dich lachen.“

Ohne den Blick von Red Arrow zu wenden, drehte er ein wenig den Kopf und spuckte nachdrücklich in den Staub. Ein paar Indianer grinsten. Red Arrows Mund jedoch wurde zu einem messerscharfen Strich. Er hob die Lanze, als wollte er Shannon mit einem Stoß durchbohren. In Shannons Miene zuckte keine Muskel. Er wusste, dass ein Indianer nur Mut und Kaltblütigkeit respektierte.

Ringsum erklangen kehlige Rufe. Zögernd sank Red Arrows Faust herab. Mit einem Salz, war er aus dem Fellsattel, zog ein Messer aus dem breiten Gurt und durchtrennte die Riemen an Shannons Handgelenken. Dann trat er zurück und schwang sich wieder aufs Pferd. Shannon sah das tückische Funkeln in seinen Augen und ahnte, was nun kommen würde. Er streifte die Reste seiner Fesseln ab und massierte die Handgelenke.

Der Kiowaführer rief seinen Kriegern ein paar Worte zu, und der Kreis öffnete sich auf einer Seite. Nach Norden hin, wo der Cimarron hinter sanftwelligen Grashügeln floss, dehnte sich offene Prärie vor Shannon. Seidig blauer Himmel wölbte sich darüber. Das scharfe Grinsen lag wieder auf Red Arrows Mund. Er deutete mit der Lanze aufs leere Grasland.

Lauf, Bleichgesicht! Lauf um dein Leben!"

Red Arrows Krieger lachten. Eine Hetzjagd auf einen verhassten Weißen, der ihnen zu Fuß ja doch nicht entkommen würde, war genau nach ihrem Geschmack. Damit hatte Red Arrow jeden Widerspruch im Keim erstickt. Shannon atmete tief durch. Bis jetzt hatte er nichts weiter als eine Frist gewonnen. Er musste es hinnehmen und versuchen, das Beste daraus zu machen, wie er es immer getan hatte, wenn es ihm dreckig erging.

Bekomme ich eine Waffe?“

Du lebst“, grinste Red Arrow. „Du bist frei. Du bist damit zufrieden.“

Shannon knurrte: „Ich hoffe, ich bekomme dich noch zwischen die Fäuste, du Halunke, ehe ihr mich erwischt!“

Red Arrow ritt nahe an ihn heran und schlug ihm den Lanzenschaft quer übers Gesicht, dass Shannon zurücktaumelte. Abermals deutete der Indianer auf die heiße Prärie. „Lauf, weißer Hund!“

Shannons Blick flog über die Reihe bronzefarbener, hartliniger Gesichter, in deren Augen schon das Jagdfieber glühte. Die kurzbeinigen, zäh wirkenden Mustangs tänzelten nervös und bliesen ihm ihren heißen Atem entgegen. Shannon setzte sich in Bewegung. Erst als die Kiowahorde mehr als zwei Dutzend Yard hinter ihm war, fiel er in einen leichten schwingenden Trott. Er hatte keine Ahnung, wieviel Vorsprung sie ihm einräumen würden. Auf alle Fälle musste er jetzt noch seine Kräfte schonen.

Wofür eigentlich? Ein bitteres Grinsen zerrte an seinen Mundwinkeln. Ein Mann zu Fuß besaß keine Chance gegen ein Rudel Feinde, die mit ihren schnellen, wendigen Pferden wie verwachsen waren. Da änderten auch die bequemen weichledernen Stiefel mit den niedrigen Absätzen nichts, in denen er verhältnismäßig gut vorankam. Die Sonne stach wie mit Feuerspeeren auf ihn herab. Stille umgab ihn. Er blickte nicht zurück. Seine Beine legten wie von selber Yard um Yard zurück, fünfzig, sechzig, siebzig ...

Noch immer rührte sich hinter ihm nichts. Red Arrow war sich seiner Sache sicher.

Als Shannon den niedrigen Hügelkamm erreichte, gellte weit hinter ihm ein langezogener heiserer Schrei. Das jähe Lostrommeln der vielen Hufe riss Shannons Kopf herum. Red Arrows Horde preschte in weit auseinandergezogener Linie auf seiner Fährte heran. Die wirbelnden Hufe schienen kaum noch die Erde zu berühren. Der bunte Kriegsschmuck der Kiowas leuchtete in der Sonne. Diesmal kam kein Laut über ihre Lippen. Wie ein jagendes Wolfsrudel hetzten sie übers Grasland heran. Shannon duckte sich, schnellte vorwärts, und begann den Lauf um sein Leben.


*


Minuten später war Shannon in Schweiß gebadet, seine Muskeln schmerzten, seine Lungen pumpten wie Blasebälge. Das Hämmern der Hufe war so dicht hinter ihm, dass Shannon jeden Augenblick erwartete, von einem Kolben oder Keulenhieb niedergestreckt zu werden. Offenbar wollten sie ihn lebend, denn noch war keine Kugel und kein Pfeil auf ihn abgeschossen worden. Shannon rannte wie er nie zuvor gerannt war. Sein kantiges Gesicht war schweißüberströmt und vor Anstrengung verzerrt. Die Erinnerung an den Tod von Bowles und dessen Kumpane war wie eine Vision seines eigenen Schicksals. Selten hatte er sich so sehr eine geladene Waffe gewünscht.

Unvermittelt stand Shannon an einem steil abfallenden, von hohen Sträuchern bedeckten Hang, der an einem ausgetrockneten, steinigen Bachbett endete. Drüben stieg das Gelände ebenso steil wieder an. Die Ränder der gegenüberliegenden Höhe waren mit schartigen vulkanischen Felskegeln und graugrünen Cottonwoodsträuchern gesäumt. Bevor Shannon dort hinaufkam, mussten ihn die Rothäute eingeholt haben.

Shannon blieb nur einen Moment stehen und schaute sich um. Allen voran sprengte Red Arrow mit geschwungener Kriegslanze heran. Sein schriller Skalpschrei gellte in Shannons Ohren. Der Weiße sprang in die Tiefe. Wie vom Erdboden verschluckt, verschwand er aus dem Blickfeld der Indianer. Der eigene Schwung trieb ihn zwischen den Büschen den Hang hinab. Zweige peitschten sein Gesicht und seinen Oberkörper. Doch Shannon spürte keinen Schmerz. Seine Schläfen glühten. Er stolperte, stürzte, war blitzschnell wieder hoch und erreichte das Creekbett. Das Hufgetrappel der Verfolger war hart am Rand der Höhe schräg hinter ihm. Shannon packte einen faustgroßen, glattgescheuerten Stein, glitt neben seiner Spur zwischen die dichtbelaubten Sträucher zurück und duckte sich in den Schatten.

Der wirbelnde Hufschlag wurde hart über ihm abgebremst. Lehmbrocken und Steine kollerten den Hang herab. Vorsichtig spähte Shannon zwischen den Zweigen hinauf. Red Arrows bronzene, muskulöse Gestalt zeichnete sich scharf umrissen auf der Höhe vor dem blauen Firmament ab. Neben ihm tauchten weitere Reiter auf. Waffenstahl schleuderte silberne Strahlenreflexe. Gutturale Stimmen wehten in die Geländekerbe.

Ohne zu zögern, trieb der Kiowa-Chief seinen Braunen den Hang herab. Sein Blick haftete gierig auf den deutlichen Fußabdrücken des Flüchtenden. Die Krieger neben ihm warteten erst auf ihre nachfolgenden Gefährten. In einer dichtgeballten Gruppe von acht oder neun Mann folgten sie dann ihrem Anführer.

Shannons Faust schloss sich noch härter um den Stein. Die Büsche verdeckten ihm die Sicht auf die Indianer. Er hörte nur das stetige Näherstampfen der Hufe von Red Arrows Mustang. Zufällig streifte sein Blick über die jenseitige Höhe. Für den Bruchteil einer Sekunde war er starr vor Überraschung.

Zwischen den Felsen und Cottonwoods dort oben zeigte sich für einen Augenblick eine hohe, schwarzgekleidete Reitergestalt. Es war ein Weißer, der lässig den Kolben eines Gewehrs auf den rechten Oberschenkel stützte. Ehe Shannon Einzelheiten erkannte, war der Mann wieder im Schatten verschwunden. Unwillkürlich wischte sich Shannon mit dem Handrücken über die Augen. Er spähte wieder zu den Felsen hinauf. Nichts rührte sich. War alles nur Einbildung gewesen? Aber sein Herz schlug jetzt schneller. Neue Hoffnung durchpulste ihn.

Das Knacken und Rauschen im Gestrüpp war jetzt dicht bei ihm. Shannon duckte sich tiefer. Red Arrows Brauner brach wie ein Rammpflug aus dem Gebüsch. Der Kiowa saß geduckt und lauernd auf dem Pferd, und einen Moment hatte Shannon das beklemmende Gefühl, dass ihm der Indianer genau in die Augen starrte. Der „Rote Pfeil“ ritt so dicht an ihm vorbei, dass Shannon mit ausgestreckter Hand die Hufe seines Mustangs hätte berühren können. Shannon wagte kaum zu atmen. Red Arrow zügelte seinen Gaul am steinigen Creekbett, wo Shannons Fährte endete. Gleich musste der Rote herausfinden, wo der Gejagte geblieben war.

Shannon wartete auf das erlösende Krachen des Gewehrs von der gegenüberliegenden Kammhöhe, Doch nichts geschah. Der fremde Weiße blieb verschwunden. Ein Durcheinander kehliger Stimmen und dumpf pochender Hufe rückte hinter Red Arrow den steilen Hang herab. Shannon zerbiss eine Verwünschung. Jetzt war keine Zeit mehr zu verlieren.

Bevor Red Arrow sein Pferd wenden konnte, tauchte Shannon lautlos wie ein Schatten hinter ihm zwischen den Büschen auf. Der Warnruf von weiter oben am Hang kam zu spät. Mit katzenhafter Geschmeidigkeit landete Shannon hinter dem Indianeranführer auf dem Mustang. Während der Braune erschreckt wiehernd vorne hochging, schmetterte Shannon die Faust mit dem Stein gegen Red Arrows Hinterkopf. Der Kiowa kippte wie eine Strohpuppe seitlich herab. Die Lanze zerbrach unter seinem schweren Körper.

Shannon verlor auch den Halt auf dem bäumenden Gaul. Er stürzte auf die kantigen Steine im Creekbett. Schmerz durchraste ihn. Einen Moment bekam er keine Luft und hatte das Gefühl, sämtliche Knochen gebrochen zu haben. Das Geschrei und Hufgetrappel am strauchbedeckten Hang peitschte ihn hoch.

Über den Büschen waren nun die braunen Oberkörper der Reiter zu sehen. Pfeile schwirrten an Shannon vorbei. Mündungsfeuer stachen aus weißen Pulverrauchwolken hervor. Red Arrows Mustang stürmte mit wilden Sätzen in der Hügelkerbe.

Shannon warf sich hinter die niedrige Uferböschung. Durch den Lärm drang der Fetzen einer Stimme, die etwas auf englisch rief. Shannons brennende Augen richteten sich wieder auf die Felsen über dem gegenüberliegenden Hang. Der schwarzgekleidete fremde Reiter zeigte sich an derselben Stelle wie zuvor. Er winkle mit dem Gewehr zu Shannon herab.

Zum Teufel, ich bin unbewaffnet!“, brüllte Shannon. „Schießen Sie doch endlich, Mann!“

Die Kiowas ritten in Zickzacklinien den Hang herab. Ein paar Krieger sprangen aus den Fellsätteln, um den Weißen zu Fuß anzugreifen. Die Gestalt des Fremden bannte Shannons Blick. Es kam ihm wie grausiger Irrsinn vor. dass der Mann noch immer nicht feuerte. Jetzt verstand Shannon seinen Ruf.

He, Mister, aufgepasst! Hier haben Sie eine Waffe! Zeigen Sie’s damit den rothäutigen Schurken!“

Ein silbrig blinkender Gegenstand flog herab und knallte nur eine Armlänge neben Shannon auf die hellen Bachsteine. Es war ein schwerkalibriger Revolver. Shannons Faust glich einer zustoßenden Klapperschlange. Als der erste Indianer mit gespannter Bogensehne aus dem Dickicht hervorjagte, flog Shannons Waffe hoch und spuckte dröhnend einen Feuerstrahl. Der Kiowa wurde wie von einem Kolbenhieb vom Pferd geschmettert.

Dann tauchten drei Reiter gleichzeitig auf. Shannon kniete jetzt. Sein Gesicht schien aus Mahagoni geschnitzt. Das Gesicht eines eiskalten Kämpfers, dem Pulverdampf und Todesnähe seit langem vertraut waren, dessen Schicksal es war, sein Leben immer wieder mit der Waffe in der Faust zu verteidigen. Ein Pfeil sauste haarscharf an seiner linken Wange vorbei. Eine Handbreit neben ihm bohrte sich eine Lanze in den Uferrand. Shannons Sechsschüsser flammte so rasch hintereinander, dass kein Abstand zwischen den Detonationen herauszuhören war. Jede Kugel traf. Drei reiterlose Kiowamustangs bogen schnaubend vor dem, vom Pulverdampf umnebelten Mann im Creek ab und stoben in die Sträucher zurück.

Vorsicht, Mister – links!“, schallte ein gellender Warnschrei von den Felsen.

Eine geistesgegenwärtige Drehung rettete Shannon das Leben. Die Kugel aus einer langläufigen Volcanic Rifle streifte seine Lederjacke. Ein drahtiger Kiowa mit hassverzerrtem Gesicht war nur wenige Yards entfernt ins Creekbett gesprungen. Er ließ die Flinte fallen, riss die Streitaxt aus dem Gürtel - und brach im Krachen von Shannons Revolver zusammen.

So plötzlich wie der wilde Kampf begonnen hatte, war alles vorbei. Hufgetrappel entfernte sich den Hang hinauf. Reitersilhouetten hoben sich flüchtig auf der Kammlinie ab und verschwanden in die endlose Prärie im Süden. Nur noch der beizende Geruch des Pulverrauchs hielt sich in der backofenheißen Luft.

Shannon wischte sich mit dem Ärmel übers schweiß- und staubverklebte Gesicht. Er war schon oft dem Tod im allerletzten Moment von der Schippe gesprungen, aber jetzt kam es ihm trotzdem wie ein Wunder vor, dass er noch lebte. Er schob den Revolver, in dessen Trommel nur noch eine Kugel war. in die leere Halfter an seiner rechten Seite. Der schwarzgekleidete Fremde blickte ruhig zu ihm herab, wie ein Zuschauer über einer Kampfarena.

Shannon verzog säuerlich den Mund. Ohne den Sixshooter des fremden Reiters wäre er zweifellos verloren gewesen. Andererseits hatte der Mann keinen einzigen Schuss auf die Kiowas abgegeben. Shannon hätte gern gewusst, wie der „Schwarze“ sich verhalten hätte, wenn der Kampf weitergegangen und der Revolver leergeschossen gewesen wäre. Der Mann wartete schweigend auf ihn.

Shannon blickte auf den bewusstlosen Kiowa-Chief, wandte sich jedoch achselzuckend ab. Er hoffte, Red Arrow nie mehr zu sehen. Sobald er ein eigenes Pferd und Waffen besaß, würde er das Indianerland verlassen. Pech war nur, dass sämtliche Kiowagäule auf und davon waren. Vielleicht konnte ihm der Fremde weiterhelfen. Shannon stieg den Hang zu ihm hinauf.

Hallo, und vielen Dank auch für die Hilfe“, sagte er heiser. Jetzt spürte er, wie müde und abgekämpft er war.

Der Fremde hielt ihm auffordernd eine Hand hin, und achselzuckend reichte ihm Shannon den Revolver zurück. Durchdringend helle und kalte Augen musterten ihn aus dem Schatten eines flachkronigen Hutes. Mit dem zerknitterten schwarzen Prinz Albert-Rock, der schwarzen Weste und dem steifen weißen Kragen sah der Mann wie einer von den Wanderpredigern aus, denen Shannon dann und wann auf seinem Trail quer durch den Westen begegnet war. Das hagere Gesicht mit den schmalen, blutleeren Lippen wirkte asketisch, ein Gesicht, auf dem nicht einmal der Anflug eines Lächelns Platz zu haben schien. Der stechende Blick des Fremden haftete sekundenlang auf Shannons tiefgeschnallter leerer Halfter. Dann erst öffneten sich seine dünnen Lippen zum Sprechen.

Das war ein großartiger Kampf. Mister. Ich habe gleich vermutet, dass Sie eine besondere Nummer sind.“

Shannon lächelte ironisch. „Und dann wollten Sie unbedingt herausfinden, dass Sie sich nicht geirrt hatten, was?“

Sicher! Ich brauche nur Männer in meiner Crew, die nicht gleich die Nerven verlieren, wenn ein paar verdammte Rothäute auf sie losgehen. Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Mein Name ist Flint Johnson.“

Jim Shannon“, stellte sich Shannon vor. „Und was Ihre Crew betrifft, ich suche zur Zeit keinen Job.“

Johnsons hageres Gesicht blieb völlig ausdruckslos. Seine hellen Augen wirkten wie Bachkiesel. Seine Stimme klang beinahe beleidigend unpersönlich. „Ich zahle Spitzenlöhne. Ein Mann von ihrem Format ist mir fünfzig Dollar die Woche wert.“

Shannon pfiff leise durch die Zähne. „Wofür?“

Ich bin mit einer Mannschaft von Büffeljägern auf dem Weg nach Süden. Unser Camp liegt nördlich des Cimarron. Ich bin allein über den Fluss gekommen, um den Weg auszukundschaften. Wir wollen tief ins Indianerland hinein, und das ist ein Job für ganz harte Männer.“

Ein tödlicher Job“, meinte Shannon skeptisch. „Seit dem Vertrag von Medicine Lodge hat kein Weißer auf dieser Seite des Flusses was zu suchen. Die Kiowas lassen nicht mehr mit sich spaßen. Sie wurden oft genug reingelegt. Sie machen erbarmungslose Jagd auf jeden weißen Skalp, der sich in ihr Gebiet verirrt. Das hab’ ich eben am eigenen Leib erfahren. Johnson, ich denke, in Kansas laufen genug Bisons herum, um ein gutes Geschäft zu machen.“

Ich will kein gutes, ich will ein erstklassiges Geschäft. Seit der Krieg aus ist und die neue Bahn bis nach Dodge gebaut wird, wimmelt es in Kansas nicht nur von Büffeln, sondern auch von Büffeljägern. Aber südlich des Cimarron, mitten im Kiowagebiet, gibt es noch keine Konkurrenz. Hierher hat sich noch keiner gewagt. Und das ist die Chance, die schon ein paar Indianerscharmützel wert ist. Auch die Chance für Sie, Shannon.“

Shannon musterte den hageren, schwarzgekleideten Reiter nachdenklich. Er hätte Flint Johnson für alles mögliche, nur für keinen Bisonjäger gehalten. Shannon murmelte zögernd: „Ihr Angebot klingt nicht schlecht, nur - ich tauge nicht zum Büffelkiller. Und ich will es auch gar nicht erst versuchen.“

Revolvermann, wie?“

Shannon hob die Schultern und antwortete ausweichend: „Ich wehre mich meiner Haut, wenn es sein muss. Ich hatte schon alle möglichen Jobs. Einen den ich nie ausüben werde, ist der Job als Büffelschlächter.“

Davon habe ich kein Wort gesagt", erwiderte Johnson gelassen. „Auf dem Weg ins Indianerland brauche ich nicht nur Männer, die auf Büffel schießen können. Ich würde Sie als Scout und bewaffneten Begleiter anheuern. Leichte Arbeit für einen hohen Preis.“ „Jederzeit, wenn Sie ‘ne andere Richtung einschlagen. Johnson“, grinste Shannon schief.

Der Blick aus den hellen Augen schien ihn zu durchbohren. „Angst, Shannon?“

Shannon trat einen Schritt zurück. Seine dunklen Augen funkelten scharf. „So würden Sie kaum reden, wenn ich eine Waffe in der Halfter trüge.“

Sie besitzen aber keine“, stellte Johnson kühl fest. „Sie haben nicht mal ein Pferd, Shannon. Ich schätze. Sie haben gar keine andere Wahl, als mein Angebot anzunehmen.“

Sie sind nicht der Erste, der mich zu erpressen versucht und dabei abblitzt, Johnson.“

Von Dankbarkeit halten Sie wohl nicht viel, was?“, fragte der Schwarzgekleidete mit unbewegter Miene.

O doch!“. grinste Shannon wölfisch. „Vorausgesetzt, man zwingt mich nicht dazu.“

Ich zähle nur Tatsachen auf und biete ihnen ein handfestes Geschäft. Außerdem ...“

Johnson brach plötzlich ab. Sein Blick war an Shannon vorbei in die Geländefalte gerichtet. Mit verblüffender Schnelligkeit saß Johnson ab. zog den Revolver und stützte den Lauf auf eine Felskante. Die Mündung zielte auf Red Arrow, der sich unten neben dem ausgetrockneten Creek schwankend erhoben hatte. Von einem Moment zum anderen war Johnsons Miene verändert, als sei ihm eine Maske herabgerissen worden. Ein unheimliches Feuer glühte in seinen Augen. Wilde Entschlossenheit spannte seine Mundwinkel. Er war drauf und dran, den Kiowa ohne jede Warnung wie ein Raubtier über den Haufen zu schießen.

Wenn Sie abdrücken, sind Sie ein toter Mann, Johnson!“, drohte Shannon schneidend. Das Schnappen eines Gewehrschlosses folgte. Blitzschnell hatte Shannon den Karabiner aus Johnsons Sattelfutteral gezogen. Mit zähflüssiger Langsamkeit wandte der Hagere den Kopf. Seine Miene versteinerte sich wieder.

Ein lausiger Indianerfreund, was?“, stieß er hervor.

Ich bin nur ein Mann, der nicht tatenlos zusieht, wie jemand aus dem Hinterhalt abgeknallt wird. Freund oder Feind spielt dabei keine Rolle. Weg mit dem Revolver!“

Widerstrebend halfterte Johnson die Waffe. Als er wieder hinabspähte, war der Indianer zwischen den Büschen verschwunden. Shannon lächelte gefährlich. „Meinen Sie immer noch, dass mir keine andere Wahl bleibt, als mit Ihnen zu reiten? Ich habe jetzt eine Waffe, Johnson, und wenn ich will, habe ich auch ein Pferd.“

Johnsons Blick wurde leer. Langsam schüttelte Johnson den Kopf. „Jetzt bluffen Sie“, sagte er im kühlen Brustton felsenfester Überzeugung.

Sie sind ein Menschenkenner“, gab Shannon zu und schob die Enfield in den Scabbard zurück. Ruhig ging der seltsame, schwarzgekleidete Mann auf ihn zu.

Sprechen wir im Camp weiter. Sehen wir erst mal zu, dass wir über den Cimarron zurückkommen. Steigen Sie auf, Shannon. Das Pferd kann uns beide tragen.“


*


Eine blassrote Lichtglocke wölbte sich über den sechs klobigen Conestoga-Planwagen, die zu einem Kreis aufgefahren waren. Die Pferde und Maultiere im Seilkorral waren eine geballte schwarze Masse in der fahlen Dunkelheit. Der peitschende Knall eines Revolverschusses meldete die Ankunft der beiden ungleichen Männer auf dem einen Pferd. Schweigen empfing sie. Johnson zügelte das müde Tier neben dem Lagerfeuer in der Mitte der kleinen Wagenburg. Der Duft von gekochten Bohnen mit Speck und heißem Kaffee füllte den Platz.

Ringsum saßen oder standen bärtige, wettergegerbte Männer, die aßen, tranken oder rauchten. Die meisten waren in derbes, abgewetztes, erdverkrustetes Büffelleder gekleidet. Schwere Revolver und breitklingige Jagdmesser hingen an ihren Gürteln. In ihrer Reichweite lehnten langläufige Sharpsgewehre. Keiner von ihnen ließ sich in seiner Beschäftigung stören. Aber jede Unterhaltung im Camp war verstummt. Shannon spürte die wachsamen, abschätzenden Blicke, die auf ihn gerichtet waren. Shannon war ein Mann mit Erfahrung. Genauso halte er sich die Bisonjäger, die bereit waren, Flint Johnson ins Kiowaland zu folgen, vorgestellt: rau, hart, gewalttätig und ganz auf ihre eigene Stärke und Geschicklichkeit im Umgang mit den Waffen vertrauend. Der Atem der Wildnis schien von diesen ledergekleideten, kräftigen Gestalten auszustrahlen.

Shannon und Johnson schwangen sich vom Pferd. Vor den rot züngelnden Flammen wandte sich ein junger, bulliger Mann zu ihnen um, der in dem gusseisernen Kessel gerührt hatte. In einem runden, gutmütigen Gesicht leuchteten blaue Augen. „Flint, da bist du ja endlich! Ich fürchtete schon, du würdest nie mehr zurückkommen. Hast du Angie gesehen?“

Nein, Billy, aber ich habe einen Gast mitgebracht. Das ist Mister Jim Shannon, der sich uns wahrscheinlich anschließen wird. Shannon, das ist mein junger Bruder, der als Koch für uns arbeitet. Billy, ich hoffe, du hast noch was für uns übrig. Wir sind ausgehungert wie Wölfe im Winter.“

Sicher, Flint, sicher“, lächelte Billy seltsam sanft. Aber er starrte jetzt Shannon an. zögerte und murmelte schließlich: „Hallo. Mister, haben Sie vielleicht Angie gesehen?“

Ein Ausdruck geradezu verzweifelter Hoffnung flackerte jetzt in seinen blauen Augen, erlosch aber sofort, als Johnson heiser knurrte: „Nein, Billy, er hat Angie nicht gesehen. Richte uns jetzt was zu essen her.“

Billy Johnson schluckte, blickte zu Boden und drehte sich zögernd ab. Im roten Schein der Flammen wirkte Flints hageres Gesicht noch härter und scharfzügiger als es ohnehin schon war. Er zog Shannon am Ärmel zur Seite.

Billy ist schon in Ordnung und schnell mit dem Revolver wie selten einer“, raunte er gepresst. „Aber er kann es nicht verwinden, dass unsere Eltern vor mehreren Jahren von den Rothäuten niedergemetzelt wurden. Seitdem ist unsere Schwester Angie spurlos verschwunden. Billy hat sehr an ihr gehangen. Meiden Sie dieses Thema, wenn er in der Nähe ist, sonst bekommen Sie Schwierigkeiten mit mir. Jeder im Camp weiß, dass Billy unter meinem Schutz steht. Jetzt wissen auch Sie’s.“

Plötzlich musste Shannon wieder daran denken, wie Johnson mit dem Revolver auf Red Arrow gezielt hatte: Ein Mann voller Hass, ein Mann voll von fanatischer Besessenheit! Er blickte Johnson scharf an. „Es waren Kiowas, die Ihre Angehörigen auf dem Gewissen haben, nicht wahr?“

Johnson legte sofort die rechte Hand auf den Revolverkolben. „Das geht Sie nichts an, Shannon!“

Billy kam vom Feuer und reichte jedem einen Blechteller mit einem dampfenden Berg Bohnen und Speckwürfeln darauf. Shannon bedankte sich. Billy sagte mit normaler, ruhiger Stimme zu seinem Bruder. „Ich bringe das Pferd in den Korral, Flint. Es sieht ja zum Umfallen aus.“

Lass nur, Billy“, meldete sich eine raue Stimme aus dem Schatten zwischen den Frachtwagen. „Bentley, nur nicht so lahm! Du versorgst den Gaul, und wehe, wenn er morgen nicht wieder fit ist wie aus dem Stall!"

Ein zorniges Auflachen folgte. Dann stolperte ein schlaksiger, junger Kerl, von einer kräftigen Faust gestoßen, ins zuckende Licht.

Strohblondes Haar fiel ihm über die halb wütend, halb ängstlich blitzenden Augen. Keuchend wandte er sich zu dem .schwergewichtigen, schwarzbärtigen Mann um, der grinsend vor den Wagen auf ihn zuging. „Na. wird’s bald, Bentley!“

Der Schwarzbärtige hatte Fäuste wie Schmiedehämmer. Er war - ganz der typische Büffeljäger - von Kopf bis Fuß in Leder gekleidet. Sein Gesicht war breitflächig und brutal. Der junge Blonde duckte sich wie ein in die Enge getriebener Wolf. Seine Rechte schloss sich um den Hickoryknauf seines Colts.

Ich habe es satt, mich von dir herumkommandieren zu lassen, Fletcher, nur weil ich hier der Jüngste bin. Kümmere dich doch selber um den verdammten Gaul! Johnson ist der Boss, nicht du. Ich lasse mich von dir nicht mehr schikanieren.“

Was du nicht sagst!“, lachte der Bärtige dröhnend. „Schikanieren nennst du das, wenn ich versuche, endlich einen tüchtigen Mann aus dir zu machen, du Jammergestalt. Ich werde dir schon zeigen, was schikanieren heißt. Und was das mit dem Boss angeht, du lausiges Früchtchen: Ich bin Johnsons Vormann. Ich habe freie Hand, wenn es um die Crew, die Ausrüstung und die Jagd geht. Nicht wahr, Johnson?“

Du hast recht, Matt“, bestätigte Johnson kalt.

Fletcher lachte wieder. „Siehst du, Bentley, und deshalb wirst du jetzt den Klepper versorgen, ob dir das passt oder nicht. Du solltest froh sein, dass wir dich in Hays City aufgelesen haben, als du ohne einen Cent in der Tasche auf der Straße gelegen bist. Aber bevor du den Gaul anfasst, Kleiner, werde ich dir eins auf dein freches Maul geben, damit du nächstes Mal weißt, was die Glocken geläutet haben.“

Schweiß glitzerte auf Bentleys bleichen Wangen. Er duckte sich noch mehr. „Bleib stehen, Fletcher, ich warne dich!“ Er riss den Colt heraus. Die Waffe wackelte, aber auf die knappe Distanz konnte der Junge gar nicht danebenschießen. Ruckartig hielt der schwergewichtige Büffeljäger an. Seine Augen verengten sich zu schmalen Spalten.

Mach keinen Quatsch, sonst wirst du’s dein Leben lang bereuen!“

Du wirst das nicht mehr erleben, Fletcher, du nicht!“, keuchte der junge Mann wild.

Verdammter Bengel!“, knirschte Johnsons Adjutant und machte einen Schritt vorwärts.

Ein Feuerstrahl brach aus Bentleys Waffe. Die Kugel wischte an Fletchers Kopf vorbei und durchschlug eine Wagenplane. Einer von den Umstehenden schrie heiser: „Vorsicht, Matt, der Hundesohn macht wirklich ernst! Der legt dich um!“

Beim Himmel, das tu ich, Fletcher, das ist schon lange fällig! Wie du mich seit Hays City behandelt hast, das hält keiner auf die Dauer aus!“

Bentley, sei nicht verrückt!“, rief Johnson scharf. Aber der Junge lachte schrill und verzerrt.

Verrückt wäre ich, wenn ich mir das weiter gefallen ließ. Fletcher, du hast den Bogen überspannt. Jetzt...“

Weiter kam er nicht. Ein Schuss peitschte durch die Wagenburg. Bentley schrie auf, als ihm der Colt aus der Faust geprellt wurde. Mit schmerzverzogenem Gesicht schlenkerte er die Hand. Alle anderen starrten Shannon an, der seinen Bohnenteller auf einer Kiste abgestellt und Billy Johnson den Revolver aus der Halfter gezogen hatte. Lässig hielt der große, dunkelhaarige Mann den 38er Remington in der Faust, ganz so, als sei dieser Meisterschuss eine Selbstverständlichkeit für ihn.

Matt Fletcher war mit ein paar langen Schrittten bei Bentley, riss ihn zu sich herum und schlug zu. Es war ein Hieb wie mit einem Dampfhammer. Bentley stürzte zu Boden. Fletcher lachte roh und trat ihn gegen die Rippen.

Los, steh auf, du miese Ratte! Zeig, was du kannst!“

Stöhnend versuchte sich Bentley von ihm wegzuwälzen, doch Fletchers Stiefel erwischte ihn abermals. Dann bückte sich der Schwarzbärtige, um ihn an der Jacke hochzuzerren. Shannon ging ein paar Schritte auf ihn zu.

Ich denke, das genügt! Lass ihn in Ruhe!“ Shannons Stimme klang leise, beinahe sanft. Aber es war die schillernde Sanftheit einer Raubkatze, die jeden Augenblick zum tödlichen Ansprung bereit ist.

Fletcher erstarrte einen Moment in seiner gebückten Haltung, drehte dann langsam den Kopf und richtete sich ebenso langsam auf. Seine Augen waren wieder spalteng. „Zum Teufel, er hat versucht, mich umzubringen!"

Er ist jung. Er hat die Nerven verloren. Ich habe ihm die Waffe nicht aus der Hand geschossen, damit du ihn bequem fertigmachen kannst."

Fletcher stiefelte breit und massig auf ihn zu. Ein gefährliches Grinsen geisterte über seinen bartumwucherten Mund. „Wenn es stimmt, dass Johnson dich angeworben hat, Mister, dann gewöhne dich lieber gleich daran, dass ich hier nach Johnson die Befehle gebe. Du könntest sonst deines Lebens nicht mehr froh werden.“

Wie Bentley, was?“, lächelte Shannon kalt. „Ich bin aber kein Büffeljäger, und ich bin schon gar nicht ein Mann, der sich von dir herumkommandieren lässt.“

Matt, dieser Hombre ist ein ganz gefährlicher, gewiefter Revolverschwinger“, warnte eine blecherne Stimme vom Rand der Wagenburg. Der Mann war groß, hager und besaß ein hohlwangiges Gesicht mit einer auffällig gebogenen Nase. „Ich hab’ ihn in Hays City bei einem Revolverduell erlebt. Sein Gegner blieb mit ’ner Kugel im Kopf auf der Strecke.“

Fletcher musterte Shannon von Kopf bis Fuß, dann nickte er grimmig. „Ja, genauso sieht er aus: ein verdammter revolverschwingender Satteltramp! Boss, was wollen Sie mit dem Kerl?“

Er wird uns ins Kiowaland begleiten!“, erklang Johnsons nüchterne Stimme vom Feuer. „Du wirst dich damit abfinden, Matt. Für Shannon gilt eine Ausnahmeregelung. Er untersteht nur meinem Kommando.“

Wir werden sehen“, brummte Fletcher drohend, spuckte Shannon vor die Füße und wandte sich ab. Shannon juckte es in den Fäusten, aber er beherrschte sich. Er kehrte zum Feuer zurück und reichte dem jungen Johnson den Remington. Bentley hatte sich schweigend in den Schalten verdrückt.

Shannon drehte sich dem schwarzgekleideten Anführer zu. „Sind Sie nicht ein bisschen zu voreilig mit Ihren Äußerungen?“

Johnson zuckte die Achseln. „Ich dachte, Sie hatten genug Zeit, um einzusehen, dass es keinen anderen Weg für Sie gibt. Was wollen Sie ohne Pferd und Schießeisen mitten in der Prärie?“

Er braucht diese Dinge nicht mehr“, meldete sich eine durch und durch eisige Stimme aus der Dunkelheit zwischen den Planwagen. „Er wird nur noch eines bekommen, nämlich einen soliden Hanfstrick um seinen Hals!“

Jetzt erst war das dumpfe Pochen von Hufen zu hören, die sorgfältig mit Stofflappen umwickelt waren. Dann brach sich der rote Feuerschein an den Metallbeschlägen von Zaum und Sattelzeug. Schließlich tauchten nebeneinander mehrere Reiter im Lichtkreis auf.

Shannons Kehle wurde trocken, als er den stämmigen Mann erkannte, der eine halbe Pferdelänge voraus seinen Wallach zügelte. Er verwünschte sich selber dafür, dass er Billy Johnson den Revolver zurückgegeben hatte. Seine Flucht aus Hays City war vergeblich gewesen. Da saß groß und drohend der Mann vor ihm im Sattel, der Bowles und seine Schießer hinter ihm hergehetzt hatte. Der Mann, dessen Sohn er in Notwehr hatte töten müssen.

Jeff Bascomb!


*


In Bascombs Augen loderte tödlicher Hass. Sein wettergegerbtes eckiges Gesicht war von tiefen Falten durchschnitten. Er hielt eine Winchester quer vor sich auf dem Sattel. Seine braune Kordjacke fiel ihm bis auf die Oberschenkel. Die vier Männer bei ihm waren wie Cowboys gekleidet, aber ihre auffällig tiefgeschnallten Colts verrieten, dass sie ihr Geld nicht nur mit Lasso und Brandeisen verdienten. Jeder hielt die Hand vom Revolverknauf. Ihre von breitrandigen Hüten beschatteten Gesichter waren kantig und scharfgeschnitten. Gesichter, die denselben wölfisch lauernden Ausdruck zeigten wie die Mienen der Kopfgeldjäger, die Shannon ins Indianerland verfolgt und ihn dort überwältigt hatten.

Die Büffeljäger rührten sich nicht. Eine Weile war nur das Knistern der Flammen zu hören. Shannon kam sich auf dem freien, hell erleuchteten Platz wie eine Zielscheibe vor. Fletchers leises, höhnisches Lachen kam von den Frachtwagen, die dazu bestimmt waren, die erbeuteten Büffelhäute zu transportieren.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906592
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Dezember)
Schlagworte
shannon büffeltöter

Autor

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Titel: Shannon 2: Shannon und die Büffeltöter