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Rosenkrieg in den Bergen

2016 100 Seiten

Leseprobe

Rosenkrieg in den Bergen

Ein ungewöhnlich dramatischer Schicksalsroman

von Dieter Adam

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 99 Taschenbuchseiten.

 

Kerzenschein, leise Musik und zwei Menschen, die die Welt um sich herum vergessen haben ...

Als Kerstin Conradi ihren Verlobten mit der anderen sieht, schießt eine Welle von Hass in ihr hoch. Ihr erster Wunsch ist es, auf die Rivalin zuzustürzen und sie vor allen Gästen des feinen Restaurants bloßzustellen. Doch dann überlegt sie es sich anders. Heute Abend sollen die beiden ihr gestohlenes Glück genießen - doch schon morgen wird über St. Katrein ein Orkan hinwegfegen, der die junge Ärztin Maria Würz für immer vernichtet...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

»So etwas wie einen Feierabend gibt’s bei dir wohl nie?«, schimpfte Kreszenzia Mittermaier, kurz Tante Zenzi genannt, und schaute missbilligend auf die Uhr. »Seit wir die Praxis vom Eberle Alois übernommen haben, bist du nur noch auf Achse! Von morgens Neune bis zur Mittagszeit hältst du deine Sprechstunde ab. Kaum hast etwas gegessen, stürmst schon wieder los, um Hausbesuche zu machen. Die gehen dann bis zum frühen Abend. Jetzt hättest du eigentlich Feierabend, aber was ist? Kaum haben wir den Fernseher eingeschaltet, klingelt das Telefon und du darfst schon wieder aus dem Haus, um nach irgendeinem deiner Patienten zu sehen. Das geht auf Dauer net gut, Madel! Irgendwann klappst du mir zusammen!«

»Ganz bestimmt nicht!«, lachte Dr. Maria Würz und schüttelte ihren blonden Lockenkopf. »Doktor Eberle hat dieses Leben fast vierzig Jahre prächtig überstanden. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er wohl noch ein paar Jährchen drangehängt. Zum Glück gab es seine Frau, die meinte, mit siebzig würde es wirklich reichen. Sonst säße ich heute womöglich immer noch in meiner Uniklinik, würde vergeblich auf Beförderung warten und hätte die Praxis nicht vor einem Vierteljahr übernehmen können.«

»Trotzdem übertreibst du!«, knurrte Tante Zenzi. »Wirst schon sehen, wie das endet!«

»Hoffentlich so, wie es begonnen hat«, meinte Maria. »Oder haben wir es nicht bestens getroffen? Wir sind raus aus der Großstadt und leben jetzt in einer wundervollen Gegend mitten in den Alpen! Etwas, das ich mir immer gewünscht habe! Und du doch auch, denn so richtig wohl hast du dich in Frankfurt nie gefühlt. Du hattest immer Sehnsucht nach deiner bayerischen Heimat! Stimmt’s oder habe ich recht?«

»Ja, schon!«, gab Tante Zenzi zu. »Ich hätte aber auch nichts gegen ein wenig mehr Privatleben; denn das haben wir, seit wir hier sind, kaum noch!«

»Ich fühle mich wohl dabei«, stellte Maria klar. »Meine Arbeit macht mir Spaß, meine Patienten scheinen mich zu mögen und haben das Vertrauen, das sie jahrelang Doktor Eberle entgegenbrachten, offensichtlich auf mich übertragen. Ich möchte jedenfalls nie mehr fort von hier! Du etwa?«

»Ja, glaubst denn, ich lass dich jemals allein?«, grummelte Tante Zenzi. »Solang es meine Gesundheit gestattet, werd ich selbstverständlich für dich sorgen. Andernfalls ...« Sie senkte den Blick. »Zur Last fallen möcht ich dir net irgendwann.«

»Jetzt hör mir mal genau zu, liebste Tante«, sagte Maria ernst und ergriff die Hände der alten Dame. »Selbst wenn du eines Tages zum Pflegefall werden solltest, würde ich das nie als Belastung empfinden. Weil ich nämlich nie vergessen werde, was du all die Jahre über für mich getan hast!«

»Aber das war doch selbstverständlich«, erwiderte Tante Zenzi und lächelte gerührt.

»Genauso wäre das auch für mich!«, erklärte Maria.

Die junge Ärztin stand mit ihren zweiunddreißig Jahren in der Blüte ihres Lebens. Sie war eine mittelgroße, schlanke Frau mit einer überaus reizvollen, weiblichen Figur. Ihr Gesicht mit den lang bewimperten, dunkelblauen Augen, der zierlichen, fein geschnittenen Nase und den vollen Lippen war von makelloser Schönheit.

Maria hatte ihre Eltern frühzeitig durch einen Unfall verloren. Seitdem hatte sich Tante Zenzi, die verwitwete Schwester ihrer Mutter, des Mädchens angenommen und war zu diesem Zweck eigens aus ihrer geliebten bayrischen Heimat nach Frankfurt übergesiedelt. Dort hatten Marias Eltern der einzigen Tochter ein kleines Haus vererbt, das sie durch die Auszahlung einer Lebensversicherung entschuldet hatten und mietfrei bewohnen konnten.

Mit Reichtümern waren sie nie gesegnet gewesen, und es hatte allerlei Hindernisse zu überwinden gegolten, bis die junge Ärztin ihren Doktortitel unter Dach und Fach hatte.

Marias Traum war es von Anfang an gewesen, irgendwann einmal in einer kleinen ländlichen Gemeinde als praktische Ärztin tätig zu werden. Vor einem halben Jahr hatte sie dann von der Absicht eines gewissen Dr. Eberle gehört, seine Praxis in St. Katrein einem Jüngeren zu übergeben. Nach ausführlichen Gesprächen mit dem alten Doktor und einigen Banken zwecks Finanzierung des Ganzen hatte ihrem Umzug in das idyllische Gebirgsdorf nichts mehr im Wege gestanden.

St. Katrein lag unweit von Oberstdorf in einem abgeschiedenen Tal, das nur durch eine einzige Passstraße mit der Außenwelt verbunden war. Die einzigartige Landschaft mit ihren trutzigen Zweitausendern und sanften Hügelketten, mit ihren saftigen Wiesen und dunklen Wäldern war Ziel zahlreicher Urlauber und Touristen. So war der Fremdenverkehr neben der Landwirtschaft denn auch die Haupterwerbsquelle des etwa dreitausend Seelen zählenden Dörfchens.

Aber es gab auch noch eine Fabrik, die elektronische Messgeräte herstellte und sich seit Jahrzehnten im Besitz einer gewissen Familie Brandner befand, in St. Katrein. Hier fanden etwa zweihundertfünfzig Menschen ihr tägliches Brot.

Das Telefon klingelte.

»Geh lieber net dran!«, schlug Tante Zenzi vor. »In zehn Minuten beginnt Wetten dass . . .«

»Und wenn es in zehn Minuten für einen meiner Patienten um etwas Schwerwiegenderes geht, kann es vielleicht für ihn zu spät sein«, gab Maria zurück. »Wetten, dass ich dann hier erledigt wäre?«

Also nahm sie das Gespräch entgegen.

»Hier Brandner!«, meldete sich eine angenehm klingende männliche Stimme aus dem Hörer. »Wäre es Ihnen möglich, sofort zu uns zu kommen? Mein Vater fühlt sich net besonders wohl. Vermutlich macht ihm wieder sein Herz zu schaffen.«

»Ich bin schon auf dem Weg«, sagte Maria und legte auf.

»Wer war das?«, wollte Tante Zenzi wissen.

»Einer von den Brandners«, antwortete Maria. »Sein Vater benötigt meine Hilfe.«

Tante Zenzi verzog überrascht das Gesicht. »Wir bekommen prominente Kundschaft«, meinte sie beeindruckt. »Der heimliche König von St. Katrein lässt bitten! Womit haben wir diese Ehre verdient? Bis heut hat er deinem Können net vertraut und lieber einen Arzt aus Oberstdorf konsultiert.«

»Jetzt braucht er mich aber anscheinend«, versetzte Maria. »Also werde ich zu beweisen versuchen, dass auch eine einfache Landärztin über gewisse Fähigkeiten verfügt.«

 

 

2

Das Haus der Brandners stand in unmittelbarer Nähe ihrer Fabrik ein wenig außerhalb des Dorfes auf einem kleinen Hügel. Es war zwar in ländlich-rustikalem Stil gebaut, doch zeigten schon die äußere Aufmachung und nicht zuletzt der gepflegte, parkähnliche Garten, der es umgab, dass seine Besitzer nicht gerade an Geldmangel litten.

So war Xaver Brandner denn auch ein steinreicher Mann. Nicht nur die Fabrik für elektronische Messgeräte zählte zu seinem Besitz, sondern auch noch eines der beiden Komforthotels St. Katreins, sowie eine kleine, aber gut gehende Münchener Privatbrauerei. Dazu kam riesiger Grundbesitz, den er zum größten Teil an Bauern verpachtet hatte, da weder er noch eines seiner anderen Familienmitglieder irgendein Interesse an der Landwirtschaft hatten.

Xaver Brandner war ein großer, stämmiger Mann mit eisgrauen Haaren und einem herben, von Wind und Wetter gegerbten Gesicht. Er war das unbestrittene Oberhaupt der Familie und der lenkende Kopf des Ganzen. Seine polternde, manchmal recht derbe Art verriet, dass er einem alten Bauerngeschlecht entstammte. Er hielt seine eigene Meinung grundsätzlich für die richtige und verteidigte sie, selbst wenn er einsehen musste, dass er sich geirrt hatte, bis zum letzten Blutstropfen.

Obwohl er ein Kerl wie eine knorrige Eiche war, ließ sein Gesundheitszustand seit einiger Zeit zu wünschen übrig. Ein leichter Herzinfarkt im vergangenen Jahr war der erste Warnschuss vor den Bug gewesen. Daraufhin hatte er, obwohl er sich eigentlich für unersetzlich hielt, wenigstens einen Teil seiner Arbeit widerstrebend an seine beiden Söhne abgegeben. Allerdings überwachte er sie nach wie vor mit Argusaugen, weil er ihrem Können, das gewiss vorhanden war, nicht so recht trauen wollte.

Brandner war seit sechsunddreißig Jahren verheiratet. Veronika, seine Frau, hatte damals die Brauerei und etliche Mietshäuser in München mit in die Ehe gebracht. Geld hatte zu Geld gefunden, und doch war es so etwas wie Liebe gewesen, das die beiden damals zusammengeführt hatte. Und dies trotz der Tatsache, dass Veronika seit jeher ein arrogantes, von ihrem Reichtum geblendetes Geschöpf gewesen war, das sich anderen, nicht ganz so gut betuchten Menschen gegenüber turmhoch überlegen fühlte. Ein Charakterzug, der sich im Laufe ihres Lebens eher noch verschlimmert hatte.

Xaver und Veronika Brandners Ehe waren drei Kinder entsprungen: Der heute fünfunddreißig jährige Markus, der dreiunddreißigjährige Thomas und das von ihren Eltern nach Strich und Faden verwöhnte siebzehnjährige Nesthäkchen Stefanie.

Markus ähnelte vom Aussehen und von der Art her seinem Vater. Er hatte nach dessen Herzinfarkt die Leitung der hiesigen Fabrik übertragen bekommen, während sein völlig aus der Art geschlagener Bruder, der ruhige, freundliche Thomas, sich um die Münchener Brauerei kümmern musste und deshalb nur an den Wochenenden in St. Katrein weilte. Beide Männer waren noch ledig, zählten aber zu den begehrtesten Junggesellen des ganzen Bayernlandes, wenn nicht darüber hinaus.

Stefanie ging noch zur Schule, war nicht gerade eine Leuchte und glich Unwissenheit mit Arroganz und Frechheit aus; eine wahre Tochter ihrer Mutter.

Der alte Brandner hatte nach dem Abendessen einen heftigen Schmerz in der Herzgegend verspürt, der ihm den Angstschweiß auf die Stirn trieb. Markus und seine Mutter hatten den unterdrückt stöhnenden Mann zur Couch geführt, wo er sich niederlegen musste. Dann hatte Markus bei Dr. Maria Würz angerufen, obwohl die Familie nicht zu deren Patienten zählte. Der Grund hierfür war wiederum der Starrsinn des alten Brandners, der die junge Ärztin schlicht und ergreifend für unfähig hielt und ihr nicht das gleiche Wissen zutraute, das sein langjähriger Freund, Dr. Hubert Wasmeier aus Oberstdorf, angeblich besaß.

Jetzt aber war allerhöchste Eile geboten. Der Besorgnis erregende Zustand des Familienoberhauptes ließ ihnen keine andere Wahl. Bis Dr. Wasmeier von Oberstdorf nach St. Katrein gelangt wäre, hätte zu viel Zeit verstreichen können; Zeit, die für den alten Brandner tödlich sein konnte. Also musste man wohl oder übel die Hilfe dieser neuen Ärztin in Anspruch nehmen. Hoffentlich machte sie wenigstens keine gravierenden Fehler!

Maria kam etwa zehn Minuten, nachdem sie der Anruf erreicht hatte, mit ihrem Kleinwagen vor dem Brandner Anwesen an. Sie griff nach ihrem Arztkoffer, stieg aus und klingelte an der Haustür. Ein Dienstmädchen öffnete ihr und ließ sie eintreten.

Markus Brandner kam ihr in der feudal eingerichteten Diele entgegen, reichte ihr die Hand und stellte sich vor.

»Danke, dass Sie so schnell gekommen sind«, sagte er und maß Maria mit einem bewundernden Blick. »Meinem Vater geht es net besonders gut. Glauben Sie, dass Sie ihm helfen können?«

»Ich will es zumindest versuchen!« Maria lächelte verbindlich. Natürlich war ihr der begehrliche Blick des jungen Mannes nicht entgangen. Aber daran war sie gewöhnt. Männer starrten sie öfters auf diese fast unverschämt zu nennende Art und Weise an. Weshalb sollte dieser Brandner da eine Ausnahme bilden? »Darf ich den Kranken jetzt sehen?«, fragte sie.

»Bitte!«, entgegnete Markus und machte eine einladende Handbewegung in Richtung Wohnzimmertür. »Darf ich vorausgehen?«

Maria nickte und folgte dem jungen Mann ins Wohnzimmer.

»Das ist Frau Doktor Würz«, stellte Markus sie vor, nachdem sie eingetreten waren. »Meine Mutter, meine Schwester Steffi!«

Veronika Brandner, die mit leidgeprüfter Miene zu Füßen ihres Mannes saß, begrüßte Maria mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken und erhob sich sogleich, um Platz für die Ärztin zu schaffen. Steffi sagte gar nichts, nicht mal »Grüß Gott«.

Maria trat zu dem Kranken, der mit verzerrtem Gesicht auf der Couch lag und beide Hände stöhnend auf den linken Brustkorb drückte. Auf seiner Stirn perlten dicke Schweißtropfen. Seine Augen blickten angsterfüllt und waren tief umrändert. Jeder Atemzug schien ihm unbeschreibliche Schmerzen zu bereiten.

Konzentriert begann Maria mit ihren Untersuchungen. Mit ruhiger Stimme erkundigte sie sich nach den Symptomen der Krankheit und dem Ausmaß der Schmerzen. Xaver Brandner gab krächzend Auskunft. Vier Augenpaare folgten jeder ihrer Bewegungen mit Interesse, Angst und Misstrauen.

»Kein Zweifel«, sagte Maria endlich. »Es handelt sich tatsächlich um einen mittelschweren Anfall von Angina pectoris.«

Während sie sich an ihrem Koffer zu schaffen machte, eine Spritze hervorholte und ein krampflösendes Mittel aufzog, hielt sie ihren mehr oder weniger verständnislos lauschenden Zuhörern einen Vortrag über Ursache und Verlauf eines Angina pectoris Anfalls.

»Und was wollen Sie meinem Vater grad injizieren?«, erkundigte sich Markus.

Maria erklärte es ihm.

»Und Sie sind sicher, dass es ihm danach besser geht?«

»Sonst würde ich es ihm nicht geben«, erwiderte die Ärztin kühl. »Sorgen Sie bitte dafür, dass Ihr Vater für ein paar Tage das Bett hütet. Nikotin ist streng verboten. Ich werde morgen noch einmal vorbeischauen.«

»Das ist nicht nötig«, mischte sich Veronika Brandner ein. »Die weitere Behandlung meines Mannes wird Doktor Wasmeier übernehmen!«

»Wie Sie möchten«, versetzte Maria. »Aufdrängen möchte ich mich Ihnen natürlich nicht.« Sie erhob sich und packte ihre Sachen zusammen. »Vielleicht sollte Doktor Wasmeier Ihrem Gatten ein paar Nitro . . .«

»Doktor Wasmeier wird selbst wissen, was er zu tun hat«, fiel ihr die Brandnerin ungnädig ins Wort. »Was sind wir Ihnen schuldig?«

Maria verzog verächtlich das Gesicht. »Nichts«, sagte sie. »Es war mir eine Ehre, Ihrem Gatten helfen zu dürfen!«

»Nun sagen Sie schon, was Sie kriegen«, krächzte der alte Brandner. »Umsonst ist der Tod und der kostet das Leben! Übrigens fühle ich mich schon ein ganzes Stückerl besser!«

»Das freut mich für Sie«, meinte Maria. »Trotzdem sollten Sie in den nächsten Tagen etwas langsamer treten. Doktor Wasmeier wird Ihnen das sicher bestätigen. Und jetzt gestatten Sie bitte, dass ich gehe. Guten Abend, die Herrschaften!«

Sie nickte ihnen mit einem frostigen Lächeln zu und wandte sich zur Tür.

»Aber Sie können doch net ohne Bezahlung verschwinden!«, brauste der Alte auf.

»O doch, ich kann«, erwiderte Maria. »Auf Wiedersehen!«

»Ich begleite Sie hinaus!«, erbot sich Markus, dem das Verhalten der Ärztin sichtlich imponierte. Sie war nicht nur bildschön, sie hatte auch Charakter! Was für eine Frau!

»Danke, ich finde den Weg auch allein«, sagte Maria. »Sie müssen sich nicht bemühen, Herr Brandner!«

»Es ist mir ein Vergnügen!«, versicherte Markus.

»Na schön!«

Markus brachte Maria bis zu ihrem Wagen. Dort reichte er ihr die Hand. »Nochmals vielen Dank! Ich würde mich freuen, wenn wir uns irgendwann mal Wiedersehen könnten!«

Maria konnte sich eine ironische Bemerkung nicht verkneifen. »Aber Sie haben doch Doktor Wasmeier«, meinte sie. »Ich möchte meinem Kollegen nicht ins Handwerk pfuschen!«

»Ich dachte mir dieses Wiedersehen auch mehr privat«, erklärte Markus. »Vielleicht könnten wir ja mal zusammen essen gehen?«

»Und was versprechen Sie sich davon?«

Markus zuckte die Schultern. »Einen netten Abend«, sagte er. »Mehr net!«

»Ich werde darüber nachdenken«, versprach Maria.

»Darf ich Sie anrufen?«

»Warum nicht?«

»Haben Sie bis morgen darüber nachgedacht?«

»Vielleicht?«

»Dann also bis morgen«, sagte Markus. »Gute Nacht, Frau Doktor!«

»Gute Nacht, Herr Brandner!«

Sie kletterte in ihren Wagen, ließ den Motor an und fuhr davon.

»Ein Prachtmadel!«, murmelte Markus, während er ins Haus ging. »Wie geschaffen für Vaters ältesten Sohn!«

Er vergaß dabei völlig, dass es bereits eine andere Frau gab, von der er ähnlich dachte. Ob sie wohl damit einverstanden war, wenn er jetzt auch noch mit der jungen Ärztin anbandeln wollte? Es war kaum anzunehmen.

 

 

3

Obwohl Maria nicht wirklich damit rechnete, dass der junge Brandner sie anrufen würde, war sie doch ein wenig enttäuscht, als er es tatsächlich nicht tat. So verging denn ein verhältnismäßig ruhiger Sonntag, an dem sie nur zweimal zu Patienten gerufen wurde. Und dann war schon wieder Montag, und eine neue, arbeitsreiche Woche lag vor ihr.

Es war gegen zehn Uhr. Maria hatte gerade ihre ersten Patienten verarztet, als ihr eine ihrer Sprechstundenhilfen mitteilte, dass Herr Brandner junior sie zu sprechen wünsche.

»Einen riesigen Strauß Rosen hat er auch dabei, der Herr Brandner«, kicherte das Mädchen, und der anzügliche Blick, den sie ihrer Chefin dabei zuwarf, ließ die Ärztin sanft erröten. Warum mussten die Leute immer gleich gewisse Schlüsse ziehen? Nicht den geringsten Grund dafür gab es!

»Ich komme sofort«, versprach Maria. Sie wusch sich die Hände und warf dabei einen prüfenden

Blick in den Spiegel. Ganz passabel, fand sie, nickte ihrem Spiegelbild zufrieden zu und begab sich dann ins Nebenzimmer.

Markus, der in einem der Sessel saß und die Blumen auf den Knien liegen hatte, nahm den Strauß auf, erhob sich und kam ihr entgegen.

»Grüß Gott, Frau Doktor«, sagte er, wickelte den Strauß aus dem Papier und überreichte ihn ihr. »Nachdem Sie es ablehnten, für die Behandlung meines Vaters ein Honorar zu kassieren, dachte ich mir, dass ich Sie wenigstens mit einem bescheidenen Blumenpräsent für Ihre Mühe entschädigen könnte! Oder hab ich falsch gedacht?«

»Eigentlich ja«, erwiderte Maria. »Ich wollte wirklich nichts für die Behandlung Ihres Vaters haben.«

»Tja, was machen wir denn nun mit diesen herrlichen Rosen?«, fragte Markus bekümmert und schaute sich im Zimmer um. »Soll ich sie in den Papierkorb stecken?«

»Nein«, lachte Maria. »Geben Sie sie schon her.« Sie nahm den Strauß entgegen und legte ihn auf ihren Schreibtisch. »Und vielen Dank auch.«

»Wenn jemand zu danken hat, ist es meine Familie«, versetzte Markus. »Doktor Wasmeier hat übrigens bestätigt, dass Sie gute Arbeit geleistet haben.«

»Hat er das?« Maria lächelte spöttisch. »Aber wollen Sie nicht wieder Platz nehmen? Viel Zeit habe ich allerdings nicht. Das Wartezimmer ist voller Patienten.«

»Das habe ich gesehen.« Markus setzte sich, schlug die Beine übereinander und verschränkte die Arme vor der Brust. »Eigentlich habe ich auch nur eine einzige Frage an Sie. Und entschuldigen möchte ich mich, dass ich gestern net angerufen habe. Ich bin einfach net dazu gekommen. Also: Haben Sie sich’s inzwischen überlegt?« Er lächelte. »Schließlich hatten Sie jetzt sogar einen Tag mehr dafür; zum Überlegen, meine ich.«

Maria, die sich hinter ihrem Schreibtisch niedergelassen hatte, hob die Schultern. »Ich weiß nicht so recht«, meinte sie zögernd.

»Und warum net?«

»Nun«, antwortete sie, »ich könnte mir vorstellen, dass Ihre Familie nicht sonderlich begeistert davon wäre, wenn Sie mit mir ausgingen.«

»Ich bin volljährig«, grinste Markus. »Und dies bereits seit etlichen Tagen! Meine Familie hat mir in dieser Beziehung nix vorzuschreiben!«

»Sind Sie sich da ganz sicher?«, fragte Maria skeptisch.

»Das zielt auf meine Frau Mama hin, gelt?«

»Möglich«, erwiderte Maria. »Jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass sie nicht sonderlich von mir begeistert war. Eine einfache Landärztin, was ist das schon? Und mit so etwas wollen Sie essen gehen? Wollen Sie ihr diese Schande wirklich antun?«

»Sie verfügen über einen beißenden Zynismus«, stellte Markus fest.

»Man muss sich seiner Haut wehren!«

»Das habe ich am Samstagabend schon an Ihnen bewundert«, meinte Markus. »Der Tonfall, in dem Sie eine Bezahlung abgelehnt haben, war einfach himmlisch! Meine Mutter hat sich noch Stunden danach darüber aufgeregt!«

»Sehen Sie«, sagte Maria. »Deshalb wollen wir Sie nicht schon wieder ärgern. Gehen Sie lieber mit Leuten aus, die in den Augen Ihrer Mutter standesgemäß sind, und nicht mit armen Teufeln wie mir.«

»Ich tu grundsätzlich, was ich möchte«, behauptete Markus kühn, obwohl dies nicht ganz der Wahrheit entsprach. Er tat zwar grundsätzlich, was er wollte, aber sein Vater musste damit einverstanden sein. »Deshalb halt ich meine Einladung weiterhin aufrecht und bitte Sie eindringlich, sie net abzulehnen. Zum glücklichsten Menschen dieser Erde würden Sie mich machen, wenn Sie mit mir essen gingen!«

»So leicht sind Sie glücklich zu machen?«, spöttelte Maria.

»So leicht!«, bestätigte Markus. »Also?«

»Ich habe leider keine Zeit, mit Ihnen noch länger über das Für und Wider zu diskutieren«, meinte Maria. »Also gebe ich mich geschlagen und nehme Ihre Einladung an. Wann soll das große Ereignis denn steigen?«

»Wie wär’s mit Sonnabend? Wir könnten nach Oberstdorf fahren. Ich kenne da ein paar nette Lokale.«

»Verstehe«, schmunzelte Maria. »In St. Katrein trauen Sie sich wohl nicht, sich mit mir sehen zu lassen?«

»Das ist überhaupt net wahr!«, protestierte Markus. »Es ist nur ... In Oberstdorf ist einfach mehr los!«

»Na schön«, meinte Maria amüsiert. »Um wie viel Uhr darf ich mit Ihnen rechnen?«

»Sagen wir um sieben? Passt Ihnen das?«

»Wenn mir keiner meiner Patienten einen Strich durch die Rechnung macht, ja.« Maria erhob sich, trat zu Markus und reichte ihm die Hand. »Bis Samstag, Herr Brandner.«

»Ich freu mich«, versicherte er, küsste ihr wie ein Kavalier alter Schule die Hand und wandte sich zur Tür. »Grüß Gott, Frau Doktor!«

»Auf Wiedersehen, Herr Brandner.«

Nachdem er verschwunden war, ging sie zu ihrem Schreibtisch zurück, nahm den Rosenstrauß hoch und schnupperte daran. Er duftete betörend. Kopfschüttelnd ging sie zum Waschbecken, füllte eine Vase mit Wasser und stellte ihn hinein.

»Meine liebe Frau Doktor«, sagte sie zu sich selbst. »Du bist auf dem besten Weg, eine Riesendummheit zu begehen! Halte dein Herz mit beiden Händen fest, sonst verlierst du es womöglich noch an diesen Mann! Er ist genau der Typ, von dem du immer geträumt hast! Bedenke aber auch die Realität! Ihr Name ist Veronika Brandner! Ihr wird vermutlich jedes Mittel recht sein, eine Verbindung zwischen ihrem Sohn und dir zu verhindern! Hättest du die Courage, den Kampf mit ihr aufzunehmen?«

Maria zuckte die Schultern und verschob die Antwort auf später.

 

 

4

Am Nachmittag raste ein flotter roter Sportwagen die Passstraße hinunter, fuhr, ohne das Tempo spürbar zu verringern, durch St. Katrein und hielt endlich vor den Brandner Werken an. Die Fahrerin, eine sportlich gekleidete junge Dame, stieg aus und eilte mit beschwingten Schritten zum Haupteingang. Sie mochte Ende Zwanzig sein, trug eine rötlich schimmernde Kurzhaarfrisur und war von einer katzenhaften Schönheit.

Sie begrüßte den Pförtner, der sie offenbar kannte, mit einem fröhlichen »Hallo«, eilte an ihm vorbei und betrat wenig später den Lift, der sie hinauf in den zweiten Stock brachte. Hier lief sie zielstrebig den Gang entlang, hielt endlich vor einer der Türen an und klopfte. Ohne eine Reaktion von innen abzuwarten, drückte sie die Klinke herunter und trat ins Zimmer.

Markus Brandner, der hinter seinem Schreibtisch saß und eifrig die Post unterschrieb, die heute noch das Haus verlassen sollte, blickte unwillig auf. Als er die junge Dame erkannte, überzog ein überraschtes Lächeln sein Gesicht. Er legte schnell seinen Kugelschreiber beiseite und erhob sich.

»Kerstin, du?«, fragte er erstaunt. »Ich dachte, du bist in Berlin?«

»War ich heut Morgen auch noch«, erwiderte das Mädchen. »Ich hab das Interview mit diesem Opernheini schneller bekommen, als ich dachte, und jetzt bin ich halt wieder hier. Freust dich net darüber?«

»Selbstverständlich freue ich mich, dass du wieder da bist!«, versicherte Markus.

»Es hört sich net so an«, stellte Kerstin fest und schürzte schmollend die Lippen. »Jedenfalls hab ich bis jetzt noch kein Begrüßungsbusserl von dir bekommen. Dabei haben wir uns vier Tage net gesehen! Eine halbe Ewigkeit!«

Markus umarmte das Mädchen pflichtschuldigst und küsste es flüchtig auf beide Wangen.

»War das alles?«, fragte sie enttäuscht. »Du hast schon besser geküsst, mein Lieber!«

»Entschuldige«, sagte Markus, »aber meine Sekretärin kann jeden Moment reinkommen, um die Post abzuholen.«

»Und das tät dich stören?«

Markus nickte. »Ja, das tät mich gewaltig stören!«

»Du bist ein seltsamer Mensch«, wunderte sich Kerstin und schüttelte den Kopf. »Sind wir net so gut wie verlobt? Warum also sollten wir uns net küssen?«

»Erstens sind wir net verlobt«, korrigierte Markus. »Net mal so gut wie. Und zweitens befind ich mich im Dienst. Da gehört sich das einfach net!«

»Ich dachte immer, du bist hier der Chef?«, knurrte das Mädchen verstimmt.

»Grad als Chef sollte man seinen Angestellten als leuchtendes Beispiel vorangehen«, dozierte Markus. »Wo kämen wir denn hin, wenn jeder seine Verlobte, oder was auch immer, während der Arbeitszeit busserln tät?«

»Bist du jeder?«, fragte sie spöttisch.

»Das net«, entgegnete er. »Trotzdem mag ich’s net!«

»Manchmal denke ich, dass du mich gar net mehr gern hast«, seufzte Kerstin.

»Unsinn!«, widersprach er. »Natürlich hab ich dich gern! Möchtest net Platz nehmen?«

»Danke«, sagte sie. »Ich dachte schon, du wolltest mich gleich wieder rauswerfen!«

»Viel Zeit hab ich tatsächlich net«, erklärte er. »Aber ein paar Minuten kann ich dir schon widmen.«

»Du bist zu großmütig!«, spottete sie, während sie vor seinem Schreibtisch Platz nahm und sich eine Zigarette anzündete.

Kerstin Conradi war die Tochter eines Münchener Großindustriellen, dessen Familie seit Jahren mit den Brandners befreundet war. Da sie keine Lust verspürt hatte, irgendeinen leitenden Posten in der Firma ihres Vaters zu übernehmen und ihre beiden Brüder für geeigneter hielt, hatte sie die Jornalistenlaufbahn eingeschlagen. Heute arbeitete sie für eine bekannte Frauenzeitschrift, für die sie die begehrten Berichte aus dem gesellschaftlichen Leben der Reichen und Berühmten schrieb. Die weltweiten Beziehungen ihres alten Herrn öffneten ihr dafür selbst in den allerfeinsten Häusern Tür und Tor.

Bewegte sie sich in diesen Kreisen, sprach sie ein fast perfektes Hochdeutsch und war selbstverständlich auch der englischen und französischen Sprache mächtig. Verkehrte sie mit Urbayern wie Markus, verfiel sie automatisch immer mehr in ihren Heimatdialekt.

Ihre Beziehung zu Markus hatte sich im Lauf der Jahre sehr wechselhaft gestaltet. Mal schien es, als wollten die beiden demnächst heiraten, dann wieder gingen sie sich geflissentlich aus dem Weg. Momentan war bei ihr wieder einmal die Liebesphase akut. Wehe, wenn ihr jetzt jemand in die Quere kam!

Markus’ Gefühle für Kerstin waren eher freundschaftlicher Natur. Natürlich mochte er das hübsche Mädchen, und er hätte sich sogar vorstellen können, mit ihr verheiratet zu sein. Trotzdem hielt ihn irgendetwas, das er sich nicht erklären konnte, davon ab, ihr die entscheidende Frage zu stellen.

Seine Mutter Veronika dagegen war von dem Mädchen mehr als begeistert. Das wäre eine Schwiegertochter nach ihrem Herzen gewesen! Musste man sich da noch wundem, wenn sie ihren Sohn immer wieder bedrängte, endlich um die Hand der hübschen Journalistin anzuhalten?

Markus erkundigte sich artig nach dem Verlauf ihres Berlin Aufenthaltes und erhielt einen

ausführlichen Bericht. Danach kam Kerstin endlich auf den eigentlichen Grund ihres überraschenden Besuches zu sprechen.

»Freddy Mooshammer gibt am Samstag eine Party und hat mich dazu eingeladen«, erzählte sie. »Ich möchte, dass du mich begleitest.«

Markus zuckte erschrocken zusammen. »Das tut mir jetzt aber leid«, sagte er und hob bedauernd die Hände. »Ich hab für Samstagabend schon eine Verabredung, die ich unmöglich absagen kann.«

Kerstin kniff verärgert die Lippen zusammen. »Steckt da am Ende eine andere Frau dahinter?«, fauchte sie.

»Was du schon wieder denkst!« Markus lachte gekünstelt. »Um ein Millionengeschäft geht’s und net um eine andere Frau! Mr. Monroe aus den Vereinigten Staaten weilt nur für ein paar Tage in Europa. Ich bin froh, dass er mich überhaupt empfängt.«

»Das ist dumm«, meinte Kerstin enttäuscht und nagte nachdenklich an ihrer Unterlippe. »Ich hab Freddy schon zugesagt. Allein möcht ich aber net hingehen. Was mach ich jetzt nur?«

»Frag den Thomas«, schlug Markus vor. »Er ist eh über beide Ohren in dich verliebt. Du könntest ihm keinen größeren Gefallen tun.«

»Thomas?« Kerstin schnaubte verächtlich. »Er ist zwar dein Bruder, aber auch ein rechter Langweiler! Nein, da muss ich mir schon etwas anderes einfallen lassen. Kannst diese dämliche Besprechung wirklich net verschieben?«

»Auf keinen Fall«, behauptete Markus. »So dick haben wir’s nun auch wieder net, als dass ich mir einen Millionenauftrag entgehen lassen könnt! Sei net bös.«

»Deine Geschäfte gehen natürlich vor«, meinte Kerstin. »Sehen wir uns wenigstens am Sonntag?«

»Das wird sich einrichten lassen«, antwortete Markus.

Details

Seiten
100
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906516
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
rosenkrieg bergen

Autor

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Titel: Rosenkrieg in den Bergen