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In den Fängen des Ghouls: Milton Sharp #4

2016 120 Seiten

Leseprobe

In den Fängen des Ghouls

 

 

 

Wolf G. Rahn

 

Nr. 4

 

 

- Milton Sharp: Der Schattenjäger -

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2016

Logo: Steve Mayer

Der Roman erschien ursprünglich unter dem Titel „ Von Ghouls entführt“

Redaktion und Korrektorat: Dr. Frank Rossnagel

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappe

Auf Schloss Canderworth hat Milton Sharp, der Schattenjäger, seinen Bruder Glyn an Xurus den Düsteren verloren, als dieser Besitz ergriffen hatte von Glyns Körper. Doch Milton hat keine Zeit, dem Dämon hinterherzujagen, denn er wird in London gebraucht. Ein Redakteur gerät unter einen fremden, bösen Willen. Ein Reporter stirbt unter grauenvollen Umständen, als er das Verschwinden einer jungen Frau recherchiert. Milton ist sich sicher, dass er es mit einem Ghoul, einem Leichenfresser, zu tun hat. Hoster O'Neil, der reiche Verleger, bietet Milton seine Hilfe an. Die braucht der Schattenjäger auch dringend, denn er hat nicht nur einen Ghoul gegen sich, sondern auch einen mächtigen Dämon, der sich Menschen gefügig macht für seine finsteren Zwecke und eine Frau sucht, um mit ihr eine Dynastie des Grauens zu begründen. Kann Milton unschuldige Menschen aus den Klauen des Ghouls befreien?

 

 

 

 

Personal

 

 

Milton Sharp

Der Schattenjäger, der seinen Bruder an Xurus den Düsteren verloren hat, muss in London einen Ghoul und dessen Herrn, einen mächtigen Dämon, daran hindern, unschuldige Menschen zu töten und eine Frau zu seiner Braut zu machen.

 

 

Hoster O'Neil

Der wohlhabende Verleger, der einst selbst seinen Schwager an die Mächte des Schattenreiches verloren hat, bringt Milton auf die Spur eines Ghouls, der in London sein finsteres Unwesen treibt und seinem Herrn helfen soll, seine schauerlichen Pläne in die Tat umzusetzen.

 

 

Ronny Jones

Der Redakteur gerät als Erster unter den Willen des Dämons und wird dessen willfähriges Werkzeug. Denn sein Herr braucht einen ebenso skrupel- wie willenlosen Helfer auf der Suche nach seiner zukünftigen Frau.

 

 

Judith Hennick

Die Freundin des verschwundenen Journalisten Devry ist auf die Hilfe des Schattenjägers angewiesen, denn der mächtige Dämon hat sie sich als seine Braut auserwählt und schreckt vor nichts zurück, um Judith zu bekommen.

 

Orin

Der junge Gelegenheitskriminelle wird durch Zufall in Ereignisse verwickelt, die er sich in seinen schlimmsten Albträumen nicht hätte ausmalen können, und erweist sich für den Schattenjäger als wertvoller Helfer.

 

 

 

Roman

 

Ronny Jones starrte auf das Papier.

Er war zwar müde, aber der Artikel musste unbedingt noch raus.

Das war ein Knüller!

Die Leser würden eine Gänsehaut bekommen, die sich gewaschen hatte.

Geschichten über Spuk und unerklärliche Geschehnisse kamen immer an.

Jones gähnte herzhaft.

Das konnte er sich erlauben. Er war der Letzte in der Redaktion.

Die anderen hatten längst Feierabend gemacht.

Dem Journalisten blieb plötzlich der Mund offen stehen.

Der Mann, der dort über den Hof kam, war nicht Eric, sein Bote, sondern ein müder Greis ...

Er ächzte, als hätte seine letzte Stunde geschlagen. Schauerlich!

Jones zwang sich, den Rotstift wieder aufzunehmen.

Irgendwo knarrte eine Tür.

Ein Windstoß wehte ins Büro. Blätter flatterten hoch und fielen zu Boden.

Jones bückte sich danach und erstarrte.

Er sah Füße drüben bei der Tür, aber es waren nicht die Füße eines Menschen, sondern unförmige Klumpen. Knochen, Muskeln, Sehnen und Haut bildeten ein abscheuliches Durcheinander. Nach vorn stachen zwei gewaltige Krallen heraus, nach hinten eine dritte!

Der Redakteur schluckte.

Das Blut rauschte in seinen Ohren.

Du bist überarbeitet, Ronny, dachte er. Du hättest während der Sauregurkenzeit Urlaub nehmen sollen. Jetzt bekommst du die Quittung.

Sein Blick wanderte höher.

Sein Herz blieb fast stehen, obwohl er als Zeitungsredakteur allerhand gewöhnt war.

Was da vor ihm stand und er sich nicht nur einbildete, übertraf an Scheußlichkeit alles, woran er sich erinnerte.

Der Körper des Wesens schien aus Gelatine zu sein. Man konnte hindurchsehen, auch wenn die Gegenstände dahinter verzerrt wurden.

Er veränderte sich ständig wie eine amorphe Masse.

Das Entsetzlichste an dem Monstrum war der Kopf.

Er sah aus, als wäre ein Lastwagen darüber hinweggefahren.

Nur giftig blickende, pechschwarze Knopfaugen und messerscharfe Zähne waren zu erkennen.

Sonst war alles zerstört.

Das Scheusal schlurfte näher. Dabei hinterließ es auf dem Fußboden eine schleimige Spur.

Jones war ein kühler Denker.

Er ließ sich durch Unvorhergesehenes vielleicht verwirren, aber nicht restlos aus dem Gleichgewicht bringen.

Langsam richtete er sich auf.

Seine Hand tastete über die Schreibtischplatte und blieb auf dem massiven Briefbeschwerer liegen. Die Finger krallten sich um die bronzene Nachbildung der Tower Bridge, die den Griff bildete.

Jones konzentrierte sich auf den Wurf.

Dann schleuderte er die schwere Platte aus geädertem Stein nach dem Scheusal.

Er traf voll.

Doch das Monster zuckte nicht zusammen und gab auch keinen Schmerzenslaut von sich. Es ließ den Briefbeschwerer durch seinen gallertartigen Körper fliegen, und er durchschlug dahinter krachend das Türglas.

Jones spürte, wie seine Gänsehaut zunahm.

Und da war noch ein Gefühl, das er bisher nicht gekannt hatte: Angst!

Dieses Wesen war nicht von dieser Welt, sondern etwas Böses, Feindseliges.

Und dass es zu ihm kam, konnte nur bedeuten, dass es ihn töten wollte!

Jones dachte an Flucht in die Druckerei.

Dort war jetzt Hochbetrieb. Dahin würde ihm das Monster nicht folgen.

Doch er erreichte die Tür nicht.

Sein unerwarteter Gegner stellte sich ihm mitleidlos in den Weg.

Pesthauch wehte ihn an und betäubte ihn fast.

Das Ungeheuer hatte auch Arme, glitschige Fanginstrumente mit ekligen Fingern an den Enden.

Damit griff es nach dem Redakteur, und Ronny Jones stieß einen gurgelnden Schrei aus.

 

*

 

Harley Devry hob das Glas und kippte den Scotch hinunter. Der Whisky wärmte seine Kehle.

Es war stürmisch draußen, und er musste vorsorgen.

In der kleinen Bar war nicht viel los, aber er kam gern hierher. Hauptsächlich wegen Judith. Die Kleine hatte es ihm angetan. Heute hatte sie aber ihren freien Tag.

Harley warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Kurz nach elf.

Er musste langsam los. Das Haus, das er genauer unter die Lupe nehmen wollte, befand sich in der Wardour Street.

Er hatte also noch eine hübsche Fahrt vor sich.

Der blonde Reporter zahlte und verließ die Bar.

Er ging zu seinem altersschwachen Austin, stieg ein und brauste los. Dabei übersah er den ihn vorhin mit Blicken durchbohrenden Zechbruder, der ebenfalls bezahlt hatte und auf die Straße trat.

Zwanzig Minuten später bog Devry in die Wardour Street ein.

Es war eine finstere Gegend, und er hoffte, dass sein Wagen noch auf allen Rädern stand, wenn er zurückkehrte.

Er stoppte den Austin und stieg aus.

Das letzte Stück wollte er zu Fuß gehen.

Auf der anderen Straßenseite standen Halbwüchsige in einem dunklen Hauseingang. Einer zündete sich gerade eine Zigarette an. Sein Gesicht war brutal und verhieß nichts Gutes.

Seine Augen folgten dem Reporter, der sich beeilte, bevor die Kerle Appetit auf seine Taschen bekamen.

Er kam an einem Sarggeschäft vorbei.

In einem offenen Sarg ruhte eine Schaufensterpuppe mit über der Brust gefalteten Händen.

Devry hatte das Gefühl, als sähe sie ihn mit toten Augen höhnisch an.

Er hastete weiter.

Sein Ziel war ein vierstöckiger Backsteinbau, der zum Abriss freigegeben war.

Hinter sich hörte er Schritte.

Verdammt! Jetzt folgten ihm die Kerle.

Das hatte gerade noch gefehlt. Bestimmt hatten sie es auf seine teure Kamera abgesehen.

Devry ging schneller, ohne sich umzudrehen.

Er musste seine Verfolger mit einem Trick abhängen.

Das übernächste Haus besaß eine Toreinfahrt.

Sie führte auf einen Hof. Von dort gelangte er über eine Treppe aufs Dach.

Es klappte, wie geplant. Oben auf dem Dach heulte der Sturm, den er zwischen den Häusern kaum gespürt hatte, und trieb ihm den Dreck in die Augen.

Devry musste noch über das angrenzende Dach klettern und kam auf diesem Weg in das Haus mit der Nummer 17.

Die Treppe war halsbrecherisch. An einigen Stellen fehlten mehrere Stufen.

Der Reporter verzichtete vorläufig auf seine Taschenlampe.

Er wollte nicht, dass man den Lichtschein von der Straße bemerkte.

Der Fliehende tastete die Treppe hinunter und achtete darauf, dass er nicht stürzte.

Er musste unnötigen Lärm vermeiden, auch einen Genickbruch.

Er wusste noch genau, an welcher Stelle die Leiche gelegen hatte, bevor sie verschwunden war.

Er wettete darauf, dass da einiges nicht mit rechten Dingen zuging.

Vor allem hatte ihn das in die weiße Haut eingebrannte Symbol geschockt, ein Zeichen, wie es bei schwarzmagischen Ritualen verwendet wurde.

Darüber hatte er Verschiedenes gelesen.

Merkwürdig, dass seine Fotos misslungen waren ... trotz des hochempfindlichen Films.

Das war ihm noch nie passiert.

Devry tappte weiter. Er befand sich im Erdgeschoss.

Aus dem Keller roch es nach Verwesung.

Vorsichtig trat er an eins der mit Brettern vernagelten Fenster. Die Ritzen waren breit genug, dass er durchblicken konnte, ohne von der Straße aus gesehen zu werden.

Er atmete auf.

Die Halunken hatten seine Spur verloren. Keiner von ihnen ließ sich mehr blicken.

Aber da! Schritte! Plötzlich tönten sie fest und sicher auf dem Asphalt.

Das waren jedenfalls nicht diese heimtückischen Schleicher, es handelte sich wohl um einen harmlosen Passanten.

Er kam von der anderen Seite und musste den Strolchen direkt in die Arme laufen.

Devry fand, dass er den Mann warnen musste, bevor er womöglich niedergeschlagen und ausgeraubt wurde.

Er wollte sich gerade durch Zischen bemerkbar machen, als er verstummte.

Seltsam! Diesen Mann hatte er doch gerade erst gesehen ... in der Bar.

Es war der vermutliche Geschäftsmann mit den glitzernden Augen.

Wieso kam er aus der entgegengesetzten Richtung? Und dazu noch zu Fuß!

Devry starrte durch den Bretterschlitz und erschrak.

Der Fremde blieb direkt vor ihm stehen und wandte ihm das Gesicht zu.

Es war voller Verachtung und Hass.

Der Reporter hielt den Atem an.

Er durfte sich nicht verraten. Der Bursche war ihm nicht geheuer.

Warum klopfte nur sein Herz so laut?

Devry sagte sich, dass der Mann nicht ohne weiteres in das Abbruchhaus eindringen konnte. Die Haustür und die unteren Fenster waren vernagelt. Außerdem hatte er keinen Grund, ihn zu bedrohen, es sei denn, er hatte etwas mit dem Mord an der unbekannten jungen Frau zu tun.

Harleys Herz setzte zwei Schläge aus.

Dann riss er sich zusammen.

Er durfte keine Zeit verlieren und musste nach Beweisen für das Verbrechen suchen, bevor es zu spät war.

 

*

 

Eric, der Bote, nahm drei Stufen auf einmal.

Er hatte es immer eilig, heute ganz besonders.

Er musste noch den Artikel von Jones holen und in die Setzerei bringen, dann war Feierabend für ihn.

Er pfiff vergnügt vor sich hin, was aber in einem plötzlichen Missklang endete, als er ausrutschte und rückwärts die Treppe hinunterstürzte.

Eric schimpfte wüst, besonders, als er das glitschige Zeug auf den Stufen entdeckte.

Da hatte wieder jemand etwas verschüttet und nicht aufgewischt.

Der Junge verzog mürrisch das Gesicht.

Die gute Laune war wie weggeblasen, denn der Rücken tat ihm weh, und sein Hinterteil erst recht.

Eric zog sich am Geländer in die Höhe und sah erst jetzt, dass die ganze Treppe verschmiert war.

Er bückte sich und steckte vorsichtig mit einen Finger hinein.

Erschrocken schrie er auf.

Das Zeug brannte wie Feuer.

Er konnte es kaum schnell genug am Kittel abwischen.

Der Finger hatte sich gerötet. Eine wässrige Blase bildete sich.

Irgend etwas Chemisches musste es sein. Das ließ auf die Druckerei schließen.

Er würde einfach den Redakteur fragen.

Eric zuckte zusammen.

Plötzlich war da ein Krachen und Splittern, und gleich darauf hörte man einen dumpfen Laut.

Der junge Bote blieb wie angewurzelt stehen, dann stieg er die Stufen wieder hoch, achtete dieses Mal aber darauf, dass er nicht wieder ausglitt.

Er ging den Gang entlang.

Ein Poltern erfolgte. Jetzt musste etwas umgefallen sein.

Eric kratzte sich am Kopf.

Es kam ihm so vor, als wollte ihm jemand einen Schrecken einjagen.

Und dann auch noch der grauenvolle Schrei!

Das musste Mr Jones gewesen sein. Die Stimme kannte er genau.

Der Laufbursche nahm allen Mut zusammen und schlich weiter.

Er sah die Glassplitter vor der Bürotür des Redakteurs, etwas weiter entfernt lag ein Briefbeschwerer.

Eric wagte kaum, einen Blick durch die zertrümmerte Scheibe zu werfen.

Er rechnete mit dem Schlimmsten.

Bestimmt war Mr Jones tot.

Zu seiner Überraschung saß der Mann unversehrt am Schreibtisch und hob den Kopf, als er ihn hörte.

»Wo bleibst du denn, du Lümmel?«, schimpfte er und hielt ihm ein Blatt Papier entgegen. »Hier! Das muss schleunigst in die Setzerei. Aber trödle unterwegs nicht wieder so!«

Eric ärgerte sich.

War es etwa seine Schuld, dass er aufgehalten worden war? Und überhaupt dieser Ton. Den war er von Mr. Jones nicht gewöhnt.

Der war sonst immer freundlich zu ihm.

»Ist alles okay, Mr. Jones?«, erkundigte er sich vorsichtig und deutete auf die Glasscherben.

Ronny Jones schoss wie ein Blitz in die Höhe.

Seine Augen funkelten.

»Verschwinde, verdammt noch mal!«, schrie er.

Suchend sah er sich auf dem Schreibtisch um, und da er nichts anderes entdeckte, packte er die Schreibmaschine und hob sie hoch über den Kopf.

So schnell war Eric in seinem ganzen Leben noch nicht gelaufen.

Verrückt, dachte er. Jones musste total übergeschnappt sein.

Dann machte er, dass er in die Setzerei kam.

 

*

 

Harley Devry schlich vom Fenster weg.

Der Schreck saß ihm immer noch in allen Knochen.

Überall lag Gerümpel, aber er schaffte es, zur Treppe zu gelangen, ohne auf sich aufmerksam zu machen. Die letzten Stufen nahm er wie in Trance.

Er musste immerzu an den rätselhaften Fremden denken.

Als er unten war, machte er immer noch kein Licht. Erst in den rückwärtigen Räumen wagte er es, die Taschenlampe einzuschalten.

Er machte seine Kamera mit dem Blitzlicht bereit.

Dieses Mal würde er auch die winzigsten Spuren auf den Fotos festhalten, falls er welche fand.

Devry orientierte sich.

Dort ... die dritte Tür war es.

Er sah das Mädchen noch vor sich.

Außer dem Brandmal hatte es keine sichtbare Verletzung aufgewiesen. Auch keine Würgemale oder Anzeichen, die auf eine Vergiftung hätten schließen lassen.

Er betrat den Raum und erwartete keine Leiche mehr.

Die war weg. Das wusste er.

Und er war sich auch im Klaren, dass sie auf irgendeine Weise beseitigt worden war.

Diesen Weg würde er rekonstruieren, und wenn er durch die Mauer dort ging.

Devry schüttelte den Kopf.

Ließ sich da nicht der Hauch einer Silhouette erkennen?

Mitten auf dem Putz.

Sie sah aus wie der Schatten eines Menschen, der sich dort eingebrannt hatte.

Ungefähr so groß wie er selbst, nur etwas breiter.

Er wischte sich über die Augen.

Komisch, das konnte man doch nicht übersehen. Auch nicht die Polizei. Und trotzdem hatten sie über seine Mordmeldung gelacht.

Das Gesicht des jungen Reporters verzerrte sich.

Der Schatten wurde schärfer.

In der Mauer tat sich etwas Unheimliches, Unerklärliches.

Schritt für Schritt wich er zurück.

Dann erinnerte er sich, dass das die Gelegenheit war, das seltsame Geschehen im Keller in einer Bildserie festzuhalten.

Er hob die Kamera und bewegte sich etwas zur Seite, um den Bildwinkel zu verbessern.

Da brach die Mauer auseinander.

Der Fremde mit den glitzernden Augen stieg hindurch. Einfach so.

Kein Staub blieb an seinem Anzug hängen, keine Schramme war an Gesicht oder Händen sichtbar.

Diese Hände!

Devry schüttelte es vor Entsetzen.

Auf ihren Innenflächen zeigten sich glühende Symbole.

Er wusste, was sie zu bedeuten hatten: Er stand vor dem Mörder der unbekannten Frau. Der Kerl würde auch ihn umzubringen.

»N … nein!«, stammelte er voller Angst.

Worauf hatte er sich da eingelassen?

Kein Zweifel! Er war einem furchtbaren Geheimnis auf der Spur.

Deshalb musste er sterben.

Wahrscheinlich würde man auch seine Leiche nicht finden.

 

*

Der Fremde mit den glitzernden Augen hatte die Mauer durchdrungen und streckte verlangend seine Hände aus.

»Komm her!«, befahl er mit metallener Stimme. »Deine Zeit ist um! Du hast dich auf einen gefährlichen Pfad gewagt. Niemand hat dich dazu gezwungen. Dein Schicksal hast du dir selbst zuzuschreiben.«

Devry schrie auf.

»Ich werde schweigen. Ich schreibe keinen Artikel über das, was ich hier gesehen habe. Ich schwöre es.«

Gehässiges Lachen antwortete ihm.

»Du hast recht. Du wirst nichts mehr schreiben ... Kein einziges Wort ... Und das ist gut so, denn ich will nicht, dass man zu früh auf mich aufmerksam wird. Neugier hat schon immer geschadet. Dieses Mal war sie tödlich!«

Er schritt auf den völlig Verängstigten zu, der nicht imstande war, die Flucht zu ergreifen. Als er dicht vor ihm stand, legte er die rechte Hand auf den Pullover des Reporters.

Die Wolle qualmte.

Ein riesiges Loch öffnete sich, darunter zischte verbrannte Haut.

Harley Devry brüllte vor Schmerz.

Er taumelte zurück und versuchte, den Unheimlichen abzuwehren, doch der brannte sich fest in ihn hinein.

Röchelnd sank der Mann zu Boden ... an der gleichen Stelle, wo auch die junge Frau gelegen hatte.

 

*

 

Sie huschten wie gespenstische Schatten durch die Nacht und pirschten sich an das Haus Nummer 17 heran.

Keiner sagte ein Wort. Sie verstanden sich auch so und kannten hier jedes Haus. Deshalb wussten sie auch genau, welche Bretter locker waren, um ihnen müheloses Einsteigen zu ermöglichen.

Sie mussten dazu erst in den Hof, von da aus war es dann ein Kinderspiel.

Die vier nickten sich zu, umrundeten den Häuserblock und drangen in eins der bewohnten Häuser ein. Dann brachen die rückwärtige Tür auf und verschwanden im Dunkeln.

Wenig später tauchten sie im Hof des Abbruchhauses auf.

Sie grinsten, als sie den Lichtschein durch die Kellerluken bemerkten.

»Warten wir, bis er rauskommt«, zischte Bodo, der Kleinste der Truppe. »Oder steigen wir ein?«

»Wir holen ihn«, entschied Snack, der Boss. »Der Kerl ist über die Dächer gegangen. Dazu habe ich keine Lust.«

Mehr Worte waren nicht nötig. Jeder wusste, was er zu tun hatte.

Sie bückten sich, um die losen Bretter zu entfernen.

»Pass doch auf!«, fuhr Snack Orin an, der neben ihm stand. »Du machst ’nen Lärm, dass er uns hört.«

»Ich habe doch noch gar nicht angefangen«, verteidigte sich Orin.

Aber auch er hatte das Geräusch gehört. Deshalb drehte er sich um.

»D … da!«, würgte er hervor und zeigte auf den Schatten, der über den Hof eilte. »Er haut ab.«

Die anderen wirbelten herum, und nun sahen auch sie den Mann, der sie überhaupt nicht beachtete.

Er hatte es mächtig eilig.

»Auf ihn!«, schrie Snack und stürzte voran.

Die anderen folgten.

Der Fremde saß in der Falle.

Vier gegen einen, noch dazu auf dem engen Hof.

Da hatte er keine Chance ... und fliehen konnte er auch nicht mehr.

Sie waren heran.

Snack packte ihn an der Schulter und riss ihn herum.

Gleichzeitig schlug er zu.

Für einen Moment zögerte er, als er das Gesicht des anderen sah.

Nicht nur, dass er diesen Mann nicht erwartet hatte, der Kerl fixierte ihn auch mit einem

Ausdruck, als hätte er überhaupt keine Angst.

Dabei stand er vier Leuten gegenüber, die schon eine Reihe von Passanten ausgeplündert hatten.

Das Zögern rächte sich.

Der Fremde machte eine kurze Armbewegung, Snack flog quer über den Hof und prallte gegen eine Mülltonne.

Es gab einen scheppernden Laut.

Benommen kam er wieder in die Höhe.

Seine Kumpane stutzten. So etwas hatten sie noch nie erlebt.

Mit Gebrüll fielen sie über den Mann her und schlugen auf ihn ein.

Sie waren außer sich.

Ihren Boss hatte noch keiner zu Boden geschickt.

Aber auch der kleine Bodo folgte seinem Boss und stieß mit dem Schädel gegen die Mauer, dass er benommen war.

Dabei hatte er den Burschen mit seinem Schlagring voll erwischt...

Er quälte sich in die Höhe, um sich wieder am Kampfgeschehen zu beteiligen.

Doch zu seiner Verblüffung sah er, dass die Schlägerei vorbei war.

Seine Kumpane bemühten sich wie er wieder um die Orientierung.

Jeder hatte einen Treffer kassiert.

Der Fremde war verschwunden.

Nach seinem Überraschungserfolg hatte er sich schleunigst aus dem Staub gemacht.

Snack, der noch immer benommen war, stieß grimmig hervor:

»Na, warte! Beim nächsten Mal bringe ich dich um ...«

»Wo kam der Typ überhaupt her?«, fragte Orin. »Das war nicht der Bursche mit der Kamera.«

Darüber waren sich alle einig.

Sie rätselten nicht lange herum.

Die Kamera würden sie sich holen, denn der andere hatte das Haus noch nicht verlassen. Es brannte noch immer Licht.

Snack entschied sich dieses Mal für das Messer.

Die Schmach vor allen Jungs ließ er nicht auf sich sitzen.

»Mach keinen Quatsch, Snack!«, warnte Orin.

Irgendwo hörte bei ihm der Spaß auf.

Ein Schlag auf die Nase war es nicht wert, dass man dafür einen Mord beging. Und ein Fotoapparat auch nicht. Bisher hatten sie ihre Beute immer auf andere Weise bekommen.

Der Boss löste die Bretter so wütend, dass ihm der Lärm, den er verursachte, egal war.

Er ließ sich als erster durch die enge Öffnung gleiten.

Die drei anderen folgten ihm. Auch Bodo hielt ein Fallschirmmesser in der Hand.

Orin glaubte aber nicht, dass er den letzten Schritt tun würde.

»Du besetzt die Treppe!«, befahl Snack dem langen Kay, der bis jetzt kein Wort gesagt hatte.

Auch dieses Mal schwieg er und baute sich mit finsterer Miene vor der Treppe auf, damit ihr Opfer an dieser Stelle nicht fliehen konnte.

Die anderen setzten ihren Weg fort.

Sie näherten sich jenem Raum, aus dem der Lichtschimmer drang.

Die Tür stand halb offen.

Snack stieß sie mit dem Fuß vollends auf und packte sein Messer fester.

Orin hielt sich etwas zurück.

»Verdammt!«, sagte Snack.

Bodos Augen wurden größer. Er sah, was sie alle sahen.

»Er hat ihn umgelegt. Nichts wie weg hier! Sonst machen die Bullen uns die Hölle heiß.«

Snack lachte verächtlich auf, es klang aber unsicher.

»Der ist nicht tot«, behauptete er »Siehst du vielleicht auch nur einen Tropfen Blut? Der hat nur eins auf die Rübe gekriegt. Du weißt ja selbst, wie der andere zulangen kann. Los! Hol die Kamera, bevor er wieder zu sich kommt.«

Weder Bodo noch Orin fühlten sich angesprochen.

Ihnen war nicht wohl in der Haut.

»Wir sollten gehen«, fand Orin.

Snack gab ihm einen Tritt ins Kreuz.

»Du feiger Hund!«, tobte er. »Wenn die Mäuse geteilt werden, bist du auch nicht zu feige, deine Hand aufzuhalten.«

Orin stolperte in den Raum, in dessen Mitte der reglose Mann lag.

Er schluckte und kämpfte sein Grauen nieder. Aber er durfte sich vor den anderen keine Blöße geben.

Also bückte er sich und zerrte an dem Apparat.

Dabei fiel sein Blick auf die Brust des Mannes. Er schrie entsetzt auf und taumelte zurück.

»Idiot!«, fauchte der Boss, stieß ihn zur Seite und bückte sich nun seinerseits. »Hast du etwa vor ein paar Tätowierungen Angst?«

»Das sind keine Tätowierungen«, stammelte Orin.

Sein Gesicht war kreidebleich.

Er hastete aus dem Raum und sah nicht mehr, wie Snack mit dem Messer den Riemen kappte und triumphierend den Fotoapparat an sich nahm.

Er schwor sich, das Haus nie wieder zu betreten.

 

*

 

Zwei Männer betraten das Bürohochhaus in höchster Eile ... ein ungleiches Paar.

Der Ältere mochte auf die Sechzig zugehen. Sein Haar war grau und spärlich. Die listigen Augen funkelten hinter dicken Brillengläsern.

Der andere war nicht einmal halb so alt wie er, groß und breitschultrig, mit sportlich durchtrainiertem Körper. Sein jungenhaftes Gesicht zeigte beginnenden Ernst. Er war dunkelblond und besaß ausdrucksvolle braune Augen.

Beide Männer stiegen schweigend in den Lift, der sie in die achte Etage beförderte.

»Sie verschwenden Ihre Zeit, Sir«, sagte der Jüngere, als sie auf dicken Läufern zu einer Tür aus Mahagoni gingen, an der ein blankpoliertes Messingschild angeschraubt war. »Ich kann mich nicht länger in London aufhalten. Ich muss meinen Bruder finden, in dessen Körper der Dämon Xurus geschlüpft ist.«

»Ich weiß«, gab Strother Brooks zu. »Und ich will dich davon auch nicht abhalten, Milton. Aber für diesen Kampf brauchst du Geld. Ich kann dich leider nicht so bezahlen, aber O’Neil kann das. Du solltest dir sein Angebot in Ruhe anhören. Er klang am Telefon mächtig aufgeregt.«

Strother Brooks öffnete die Tür und begrüßte die beiden Vorzimmermädchen, die eine wahre Augenweide waren.

Milton Sharp hatte für sie nur eine uninteressierte Begrüßung übrig.

Brooks verkniff sich einen bissigen Kommentar.

Noch vor wenigen Wochen war Milton ein unbekümmerter Frauenheld gewesen.

Das gehörte jetzt der Vergangenheit an. Das Schicksal hatte grausam zugeschlagen.

»Der Boss erwartet Sie, Mister Brooks«, sagte die Blondine mit dem knalligen Kirschmund, himmelte dabei aber Milton Sharp an.

Brooks steuerte auf die gepolsterte Tür zu und stieß sie auf.

Dahinter erhob sich ein fülliger Mann und eilte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu.

»Ich freue mich, dass du so schnell kommen konntest, Strother. Und das ist wohl unser Schattenjäger, wie?«

Milton zuckte zusammen.

So war er noch nie bezeichnet worden.

Aber O’Neil halte nicht ganz unrecht.

Seit er neben der Leiche des Geisterjägers Victor Vargas geschworen hatte, dessen Erbe anzutreten, war es ihm gelungen, verschiedene dämonische Scheusale zu vernichten, nur eines nicht: Xurus!

Da zählte alles andere nicht mehr.

»Milton hört diese Bezeichnung nicht gern«, hörte er Brooks sagen, »aber du hast nicht unrecht. Er ist unser Mann. Er gibt es nur noch nicht zu.«

Hoster O’Neil bot den beiden Besuchern Platz an, und sie versanken in weichen Ledersesseln.

Ein Kästchen mit Zigaretten machte die Runde. Dann lehnte sich der Verleger zurück. Seine erzwungene Ruhe fiel von ihm ab.

Er wirkte gehetzt, als er sich an Milton wandte.

»Ich kann mir lange Vorreden sparen, Mister Sharp. Sie wissen, dass mein Schwager vor einiger Zeit das Opfer eines Monsters wurde. Auf der anderen Seite haben Sie Ihren Bruder an einen Dämon verloren. Das sollte Grund genug sein, dass wir uns zusammentun, um die Schuldigen zu bestrafen und weitere Verbrechen zu verhindern. Ich besitze das erforderliche Geld und Sie die nötigen Fähigkeiten. Allein schaffen wir es nicht.«

»Ich muss Xurus finden«, warf Milton ein.

»Aber Sie haben meines Wissens allen Geschöpfen der Finsternis den Kampf angesagt.«

»Das ist richtig, doch Xurus hat Vorrang.«

»Ein Irrtum, Mister Sharp!«

Der Verleger sprang auf und ging erregt im Büro auf und ab.

»Vorrang hat der aktuelle Fall. Auch ich denke jetzt nicht an meinen Schwager. Es ist etwas geschehen, was mich viel stärker beunruhigt.«

Dann erzählte er von einem seiner Reporter, Harley Devry, der eine große Sache ausgegraben hatte und plötzlich verschwunden war.

Devry hatte von einer Frauenleiche gesprochen, von einem Brandmal und von Ghouls. Alles sehr seltsam.

Aber es kam noch dicker.

»Außer Ronny Jones hat ihm keiner in der Redaktion geglaubt«, fuhr Hoster O’Neil fort. »Bis zu dem Zeitpunkt, als Devry verschwand. Seitdem ist Jones nicht nur aggressiv, wie es früher nie seine Art war, er will auch von der Sensationsstory nichts mehr wissen. Der Artikel, den er gestern noch dazu in die Setzerei gab, ist nichts weiter als Geschwätz. Von einer Toten ist nicht mehr die Rede, nicht mehr von dem eigenartigen Schleim, den Devry entdeckt hatte, und auch nicht von der Mauer, die sich angeblich von selbst wieder geschlossen hatte. Anstatt der Frage nach dem Brandmal auf der Brust der jungen Frau nachzugehen, machte er eine Abhandlung über keltische Inschriften daraus. Er weigert sich, die Dinge beim Namen zu nennen. Entweder er hat vor etwas Angst, oder er wird unter Druck gesetzt und man hat ihn beeinflusst.«

»Na, schön«, sagte Milton, »aber dafür machen Sie doch wohl keinen Dämon verantwortlich.«

»Doch.«

 

*

 

Milton richtete sich steil auf, und auch Brooks biss vor Überraschung die brennende Zigarette durch.

»Eine unserer Putzfrauen beklagte sich nämlich über die gallertartige Masse, die sie vom Fußboden der Redaktion hatte wegwischen müssen. Auch Eric, unser Botenjunge, ist darauf ausgerutscht.«

»Schleim, wie ihn Devry neben der Leiche entdeckt haben will?«, fragte Milton überrascht.

Der Verleger nickte.

»Das würde bedeuten«, sagte der Reporter gepresst, »dass ein Ghoul in London sein Unwesen treibt. Da diese Wesen aber über keine Intelligenz verfügen, sondern sich nur für ihre Nahrung interessieren, oder aber Befehle ausführen, müsste ein Mächtigerer hinter ihm stehen.«

Hoster O’Neil atmete schwer.

»Können Sie sich vorstellen, was das bedeutet? Ein mächtiger Dämon, der sich heute für meinen Verlag interessiert und morgen schon für die ganze Stadt?«

Milton sah die Gefahr deutlich vor sich.

Sein Körper straffte sich.

Plötzlich wusste er, dass O’Neil recht hatte.

Es gab viele Dämonen, und jeder einzelne stellte eine tödliche Gefahr dar.

Er musste sie bekämpfen, wo immer er ihnen begegnete.

Das hatte er Vargas und seinem Bruder geschworen.

Und auch den unwissenden und im Kampf gegen die Schatten unerfahrenen Menschen, die ohne Hilfe von Jägern wie Vargas oder jetzt auch ihm verloren wären.

Er hatte nicht das Recht, ihnen auszuweichen, sondern er musste sich ihnen stellen.

Da er nicht wusste, was aus Glyn geworden war, seit Xurus sich seines Körpers bemächtigt hatte, konnte er, nein, musste er, seinem Schwur auch für andere Menschen Folge leisten.

Er sah den Verleger ernst an.

»Ich verlange freie Hand«, forderte er. »Ich werde möglicherweise einigen Staub aufwirbeln. Ich erwarte, dass Sie mir dann den Rücken stärken.

O’Neil warf seine fleischige Hand förmlich über den Schreibtisch, um Milton Sharps Rechte zu ergreifen.

Er atmete erleichtert auf.

Der erste Schritt war getan.

 

*

 

Die Würfel waren gefallen.

Milton Sharp gehörte mit Haut und Haaren zu den Kämpfern gegen die Dämonen.

An die neue Verantwortung musste er sich erst gewöhnen, aber er gönnte sich keine Schonzeit.

Mit Feuereifer warf er sich auf den Fall, den Hoster O'Neil ihm geschildert hatte.

Es gab viele offene Fragen, die zu klären waren.

Nur wenn er sie stellte, würde er die erhofften Antworten erhalten.

Er begann in der Redaktion.

O’Neil hatte sein Kommen angekündigt. Man begegnete ihm skeptisch.

Keiner von Harley Devrys Kollegen glaubte an ein Verbrechen, schon gar nicht an übernatürliche Machenschaften.

»Der Junge hat reichlich Fantasie«, erklärte Ronny Jones spöttisch. »Normalerweise ist das in unserem Beruf kein Nachteil, aber man muss die Grenze erkennen, hinter der man sich lächerlich macht und dem Ruf des Verlages schadet.«

»Waren Sie nicht ursprünglich von seiner Geschichte selbst beeindruckt?«, fragte Milton.

Jones machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Wer hat Ihnen denn das weisgemacht? Ich wollte ihn auf den Arm nehmen, sonst nichts. Ich habe wirklich keine Zeit, mich um angebliche Gespenster zu kümmern. Harley taucht schon wieder auf. Der ist versumpft. Da wette ich.«

Milton war ebenfalls bereit, eine Wette einzugehen.

Sein Objekt war jedoch der Redakteur.

Er spürte, dass mit dem Mann etwas nicht in Ordnung war.

Sein Blick war unstet und fahrig. Manchmal belauerte er seinen Gesprächspartner wie ein heimtückisches Tier. Einen ängstlichen Eindruck machte er nicht. Von den drei Möglichkeiten, die O’Neil genannt hatte, kam eigentlich nur die dritte in Frage.

Jones stand unter dämonischem Einfluss.

War er selbst ein Dämon geworden?

War in seinen Körper ein Schattenwesen geschlüpft, um Untaten verüben zu können?

Milton befragte noch die übrigen Kollegen, doch kein einziger teilte die Befürchtungen des Verlegers.

Das Büro war natürlich längst gereinigt worden, aber Pauline, die sechzigjährige Putzfrau wusste noch genau, in welchem Zustand sie es vorgefunden hatte.

Milton betrachtete nachdenklich die Tür.

Sie war inzwischen repariert, aber auf dem Gang erkannte er noch den Einschlag eines schweren Gegenstandes.

Da musste jemand etwas durch die Glastür geworfen haben.

Die Richtung der Spur wies genau zu Jones’ Schreibtisch.

Wenig später entdeckte Milton auch das mutmaßliche Wurfgeschoss. Von einem riesigen Briefbeschwerer war eine Ecke der Marmorplatte abgesprungen. Der Bruch wirkte frisch.

Milton überlegte fieberhaft.

Alles passte zusammen.

Jones war an dem fraglichen Abend allein in der Redaktion gewesen. Er war dabei, einen Artikel druckfertig zu machen, der bestimmten Interessengruppen gegen den Strich ging. Er erhielt späten Besuch, setzte sich gegen ihn erfolglos zur Wehr und wurde in seinem Denken umgepolt. Urplötzlich änderte er seine Meinung über das gespenstische Geschehen in jenem bewussten Haus.

Er schrieb den Artikel völlig um.

Die Leser erfuhren die Wahrheit nicht, weil sie sie nicht erfahren sollten.

Die erste Fassung des Artikels war zweifellos im Papierkorb gelandet und nicht mehr auffindbar.

Auch Harley Devrys Unterlagen blieben verschwunden.

Milton musste sich mit den Brocken begnügen, die er von den Kollegen des jungen Reporters erfuhr.

Viel war das nicht.

Vor allem hatte er keine Ahnung, in welchem Haus in Soho Devry die Leiche der jungen Frau gefunden hatte.

Er erwog, sich diese Information von der Polizei zu holen. Die Beamten waren ja aktiv geworden, wenn sie auch den Fall nicht ernstgenommen hatten.

Dieser Gang erübrigte sich aber.

Noch bevor er die Redaktion verließ, sorgte ein junger Fotograf für Aufregung.

Er hatte gerade bei einem Trödler eine wertvolle Kamera weit unter Preis erstanden und später den Apparat als den von Harley Devry identifiziert.

Die Initialen H.D. waren in den Kameraboden eingeritzt.

Während die Journalisten alle möglichen Spekulationen durchgingen, vermutete Jones spöttisch, dass Devry eine Millionärstochter aufgerissen und den Reporterberuf an den Nagel gehängt hatte.

Milton aber schnappte sich den Fotografen und erfuhr von ihm die Adresse des Trödlers. Sie befand sich in der Meard Street in Soho.

Hastig verließ er das Verlagshaus.

Dass sich Jones wenig später ebenfalls in seinen Wagen setzte und davonraste, bekam er nicht mehr mit.

Wahrscheinlich hätte er sich seine besonderen Gedanken darüber gemacht ... vor allem über den glasigen Blick des Redakteurs.

 

*

 

Ronny Jones fuhr wie ein Verrückter.

Vielleicht war er es sogar. Sein Gesichtsausdruck ließ das vermuten.

Er starrte geradeaus.

Kein Blick zur Seite, keiner in den Rückspiegel.

Rücksichtslos bahnte er sich seinen Weg, die anderen würden schon bremsen.

Er steuerte eine Adresse an, die er überhaupt nicht kannte.

Darüber machte er sich keine Gedanken.

Ihm wurde nicht bewusst, dass ein fremder Wille in ihm wohnte, nach dem er sich richtete.

Vor einem Geschäftshaus parkte er seinen Wagen und stieg aus.

Er rempelte einen Passanten an, und als dieser zu schimpfen anfing, warf er ihm einen Blick zu, der diesen verstummen ließ.

Im Erdgeschoss des Hauses waren zwei Läden untergebracht. In einem wurde Damenkonfektion verkauft, in dem anderen Schallplatten und Musikbedarf.

Jones entschied sich für die Musikalienhandlung.

Als er die Tür öffnete, hoben zwei unbeschäftigte Verkäuferinnen die Köpfe und eilten herbei.

Die eine blieb sofort stehen, als sie den schrecklichen Blick des Kunden sah.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906486
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Februar)
Schlagworte
fängen ghouls milton sharp

Autor

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Titel: In den Fängen des Ghouls:  Milton Sharp #4