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Saltillo 2: Mortimers teuflischer Plan

2016 120 Seiten

Leseprobe

Mortimers teuflischer Plan

 

Ein Western von John F. Beck

 

SALTILLO

 

Band 2

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von F.T.Johnson mit Steve Mayer, 2016

Früherer Originaltitel: Die Teufelsmine

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

Sie kommen nachts und versetzen die Bewohner der Stadt Nuevo Saltillo in Angst und Schrecken – und sie entführen einige kräftige, junge Männer. Nur Layla Sheen, die eine Cantina in der kleinen Stadt betreibt, kann in letzter Sekunde entkommen und sucht Hilfe auf der nahe gelegenen Hazienda del Saltillo.

Sam O´Hara und seine Vaqueros reiten sofort los, aber die Entführer sind in der Weite des öden Landes untergetaucht. Trotzdem gibt O´Hara nicht auf. Er und Tortilla-Buck Mercer bleiben den Banditen auf den Fersen. Denn ein Kämpfer wie „Saltillo“ Sam O´Hara lässt sich von niemandem in die Enge treiben. Erst recht nicht, wenn es sein Todfeind Mortimer ist. Denn der ist wieder aufgetaucht und hat Saltillo Rache geschworen...

 

 

 

Die Unerschrockenen vom Rio Bravo

 

Saltillo (30), heißt eigentlich Sam O'Hara. Ihm gehört die Hazienda del Saltillo. Der Besitz ist das Erbe seines Vaters, des Alamo-Kämpfers Jim O'Hara. Saltillo ist ein halber Comanche. Er versteht mit Bullpeitsche und Paterson Colt gleichermaßen virtuos umzugehen - was seine Gegner immer wieder schmerzhaft zu spüren bekommen.

 

Layla Sheen (28), hat eine bewegte Vergangenheit im Rotlichtbezirk von New Orleans hinter sich. Die aparte, etwas zur Fülle neigende Kreolin betreibt die Cantina von Nuevo Saltillo. weil sie unabhängig bleiben will. Als gebranntes Kind scheut sie das Feuer auch wenn Saltillo die Flamme der Leidenschaft in ihr immer wieder neu entfacht.

 

Tortllla-Buck Mercer weiß selbst nicht genau, ob er Anfang Vierzig ist. Doch das ficht den schlitzohrigen, mit allen Wassern gewaschenen Haudegen nicht an. Auf den Vormann und seine »Betsy«, die Harpers Ferry-Rifle, kann Saltillo sich auch in brenzligen Situationen blind verlassen. Denn auf der Hazienda glaubt Buck nach einem langen, rauchigen Trail jenen Platz gefunden zu haben, den es zu verteidigen lohnt.

 

 

Roman

 

 

Ein Schrei gellte durch den Sturm, der die Büsche am Rio Bravo peitschte und um die Hütten von Nuevo Saltillo heulte. Rafaelo Valdez, der Alcalde, tastete im Dunkeln nach dem Gewehr über dem Türbalken.

Seine Frau trat zu ihm. Sie hatte sich rasch eine Decke umgehängt. »Sei vorsichtig, Rafaelo«, flüsterte sie besorgt.

Der kräftige, knapp fünfzigjährige Dorfvorsteher lauschte angestrengt. Irgendwo klapperte ein Fensterladen. Zweigstücke und Sandkörner prasselten auf das Dach. Die Waffe lag ungewohnt in den schwieligen Fäusten des schnurrbärtigen Mexikaners. Erst seit zwei Monaten, nachdem Saltillo hier in seinem eigenen Dorf von Mortimer in eine Falle gelockt worden war, gab es dieses Gewehr in Valdez' Haus. Damals hatte keiner der Dorfbewohner dem Patron, dem dieses Land vom Fluss bis weit hinauf in die Nebentäler der Tierra Vieja Mountains gehörte, beistehen können. Nur knapp war Saltillo dem Tod entronnen. Das sollte sich nicht wiederholen.

»Was auch geschieht, Teresa, bleib hier«, raunte Valdez, als er den Riegel wegschob. Draußen krachte ein Schuss.

»Santa Madonna!« Erschrocken griff die Mexikanerin nach dem Arm ihres Mannes. Da riss der Sturm schon die Tür auf. Sand und Blätter wirbelten herein. Entschlossen trat Valdez auf die Schwelle - und verharrte verblüfft.

Lodernde Fackeln steckten in der Erde. Sie tauchten den Dorfplatz in zuckendes Licht. Unter der sturmzerwühlten alten Weißeiche stand ein klobiger Wagen mit einem Sechsergespann. Weitere, an den Zügeln zerrende Gäule waren beim Brunnen festgebunden. Sie trugen hochbordige Vaquerosättel.

Die Wagenplane an einer Seite flatterte wie ein loses Segel. Darunter befand sich ein käfigartiger Gitteraufbau. Eine Tür war an der Heckseite des Fuhrwerks eingelassen. Sie stand offen. Zwei Männer in dunklen, mit Silberfäden bestickten Charro-Anzügen wuchteten gerade ein schweres, längliches Bündel hindurch.

Der Schreck lähmte Valdez, als er erkannte, dass dieses Bündel ein Mensch war; ein junger, in weißes Leinen gekleideter Dörfler. Er schien bewusstlos.

Drei Fremde, deren wagenradgroße Sombreros auf den Rücken baumelten, umstanden mit angeschlagenen Gewehren das Gefährt. Schwere Colts steckten in ihren Halftern. Der Sturm zerrte an den Jacken und Halstüchern. Die Mündungen ihrer Waffe deuteten auf die von den Fackeln angeleuchteten Hütten. Menschen drängten sich in den offenen Türen. Sie waren ebenso in fassungslosem Entsetzen erstarrt wie Valdez. Eine Frau sank weinend neben einem Dorfbewohner nieder, der reglos im Staub vor dem Campanario, dem Glockenturm, lag. Währenddessen schleppten weitere Bewaffnete junge, aus dem Schlaf geschreckte Burschen zum Wagen.

Das Brausen des Sturms übertönte jedes andere Geräusch. Schwarze Wolken jagten über den Himmel. Die Silberscheibe des Mondes schimmerte matt dazwischen. Ein in einen schwarzen Mantel gehüllter Reiter tauchte hinter dem Fahrzeug auf - eine große, breitschultrige Gestalt. Die Silberbeschläge an Sattel und Zaunzeug seines Rappen schienen Funken zu sprühen.

»Pronto, pronto!«, feuerte er die sporenklirrenden Entführer an.

Der Junge, den sie eben auf den Wagen stoßen wollten, wand sich verzweifelt im Griff der harten Fäuste. Schreiend rannte eine Frau auf die Männer zu. Einer holte mit dem Gewehrkolben aus.

»Miguel! Ihr Teufel, lasst mir meinen Sohn!«

Der Kolben streckte die Frau nieder.

Da zerbrach Valdez’ Erstarrung. Mit der erhobenen Waffe sprang er aus der Tür.

»Ihr verfluchten Hunde, gebt ihn frei!«

Die Männer stießen den erschlaffenden Jungen in den Käfig, drehten sich und griffen zu den Colts.

Bevor Valdez feuern konnte, war ein Schatten neben ihm. Ein wuchtiger Schlag traf ihn seitlich am Kopf und schleuderte ihn gegen die Hüttenwand. Er rutschte bewusstlos an der Adobelehmwand herab. Ein verkniffenes Gesicht neigte sich über ihn. Ein Stiefel schob sich unter seinen Körper und wälzte ihn herum.

»Zu alt«, meinte der Mann achselzuckend zu einem neben ihn tretenden Kumpan. Hufe malmten heran. Der Schatten des schwarzgekleideten Reiters fiel auf den Bewusstlosen. Der tief in die Stirn gezogene, vom Kinnriemen gehaltene Hut und der hochgestellte Mantelkragen ließen nur die kantigen Umrisse des Gesichts erkennen.

»Er ist kräftig und zäh genug. Los, auf den Wagen mit ihm!« Es war eine Stimme wie klirrender Stahl. Der Mann sprach das südlich der Grenze übliche Mexiko-Spanisch, doch der Akzent verriet, dass er ein Gringo war.

»Nein, bei der Heiligen Jungfrau von Guadalupe, lasst ihn!«

Valdez’ Frau stürzte aus dem Haus. Der Reiter zog den nervös stampfenden Rappen halb herum, nahm gelassen einen Stiefel aus dem Metallbügel und stieß im nächsten Moment kräftig zu. Mit einem Aufschrei fiel die Frau des Alcalden zu Boden. Die beiden anderen schleiften bereits den Bewusstlosen durch den Staub der Plaza zum Wagen.

»Das genügt!« Der Anführer der Horde trieb sein Pferd von der Hütte weg. Ein kalt glänzender Paterson Colt lag nun in seiner Rechten. »Adelante, Amigos, verschwinden wir!«

Die Gittertür schlug hart hinter Valdez und den anderen halb besinnungslos geschlagenen Gefangenen zu. Die Kette klirrte. Ein schnauzbärtiger Bursche mit einem funkelnden Goldring am rechten Ohr schwang sich auf den Wagenbock. Ein anderer band bereits die Sattelpferde los.

Da zuckte ein Bitz aus dem Schatten der niedrigen, kastenförmigen Bodega.

Der Reiter im schwarzen Mantel fluchte wild, als die Kugel knapp an ihm vorbeipfiff. Sein Colt sauste hoch. Doch da war nur eine Wand aus Staub und Dunkelheit. Hufe trommelten dahinter.

Gleich darauf jagte eine tief auf den Pferdehals geduckte Gestalt an den Hütten vorbei zu den Feldern, hinter denen das Weideland der Hazienda del Saltillo begann. Für eine gezielte Kugel aus dem Paterson war die Entfernung zu groß. Doch schon waren drei, vier der fremden Entführer wie Raubkatzen in den Sätteln.

Ein zwischen den Wolken hervorbrechender Mondstrahl fing den fliehenden Reiter ein. Alle erkannten nun, dass es eine Frau war. Das lange, im Nacken zusammengebundene Haar flatterte im Reitwind. Augenblicke später hatte die Dunkelheit sie wieder verschluckt. Das Hämmern der Hufe verklang.

Der Anführer verharrte einige Sekunden wie versteinert. Alle warteten auf sein Kommando. Keiner sah, wie seine schmalen, harten Lippen lautlos einen Namen formten. Er hatte die Reiterin sofort wiedererkannt.

»Layla...«

Verzehrender Hass loderte in den Augen des Schwarzgekleideten. Er fuhr in den Bügeln hoch.

»Jagt sie!« schrie er mit einer Stimme, die auch seine eigenen Leute wie ein Peitschenhieb traf. »Lasst sie nicht entkommen!«

 

*

 

Der Sturm fauchte der jungen Reiterin ins Gesicht, zerzauste das blauschwarze Haar und bauschte den knöchellangen Rock. Das Cape, das die verkrampften Schultern umhüllte, flatterte heftig.

Sie zog ihr Pferd auf der langgestreckten Anhöhe halb herum und spähte den Fluchtweg zurück. Die Sträucher wogten im mannshohen Grammagras. Fahle Dunkelheit lag über dem Land.

Layla Sheen, die hübsche Kreolin aus New Orleans, die nach ihrer schweren Schusswunde die Bodega im Dorf übernommen hatte, beugte sich im Sattel vor und lauschte. Ihr Herz klopfte noch wild. Das Brausen des Sturms mischte sich mit dem fernen Alarmgeläute der Glocke von Nuevo.

Sie musste weiter! Es waren noch knapp zwei Meilen zur Hazienda, die dem Mann gehört, der den verzweifelten Menschen im Dorf jetzt allein noch helfen konnte. Das war Sam O’Hara, der Sohn eines irischen Mountain Man und einer Comanchin. Alle im weiten Land am Fluss, das nun auch Laylas Heimat war, nannten ihn nur Saltillo. Das war auch der Name jener Stadt, die er vor Jahren in selbstlosem Einsatz vor der Vernichtung bewahrt hatte. Der Name war längst zur Legende im Grenzgebiet von Texas geworden.

Die Wolken klafften plötzlich auf. Eine Flut bleichen Lichts übergoss die Bodenwelle und erfasste gleich darauf auch die beiden Verfolger. Sie brachen eben aus einer Strauchgruppe, schienen über das Grasland heranzufliegen. Schüsse flammten.

Layla zog instinktiv den Kopf ein und riss den Braunen herum.

»Lauf!«, feuerte sie ihn an. Fast im selben Moment spürte sie, wie das Tier unter einem wuchtigen Schlag zusammenzuckte.

Entsetzen packte Layla. Doch dann fing sie sich. Sie musste aus dem Sattel.

Eben noch rechtzeitig, um von dem stürzenden Tier nicht mitgerissen zu werden, bekam sie die Füße in den bequemen Mokassins aus den Steigbügeln.

Der Sturm verschluckte das klägliche Wiehern des in den Kopf getroffenen Braunen.

Layla versuchte, den Sturz so abzufangen, dass das gerade ausgeheilte Bein nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. Vor ein paar Wochen noch war sie an einer Krücke herumgehumpelt. Der Oberschenkel-Steckschuss, den sie sich beim Kampf vor Trujillos ehemaliger Bodega zuzog, hatte sich als langwierige Verletzung erwiesen. Sie konnte das Bein noch längst nicht voll belasten und fühlte sich deshalb nur im Sattel wieder richtig sicher.

Sie schaffte es nicht. Ein stechender Schmerz zuckte durch den Schenkel, als sie mit dem Hüftknochen auf die hartgebackene Erde prallte. Einen Augenblick ließ der Schock sie wie gelähmt verharren.

Dann nahm sie das Trappeln von Pferdehufen wahr.

Weiter! Layla wusste, dass sie verloren war, wenn sie sich nicht aufraffte.

Mühsam rappelte sie sich auf, kam schwankend auf die Beine. Der geprellte Oberschenkel sandte Schmerzwellen durch ihren Körper, dass sie fast ohnmächtig zu werden drohte.

Sie biss sich die Lippen blutig, dass die Augen zu tränen begannen. Doch dann hatte sie den Schwächeanfall überwunden.

Gehetzt sah sie sich um. Der Mond schimmerte fahl durch rasch vorübertreibende Wolkenbänke. Weit voraus machte sie den verschwommenen hellen Fleck am Fuß der Bergzüge aus.

Die Mauern der Hazienda.

»Saltillo!«, keuchte Layla, ohne es zu hören oder sich des Rufes bewusst zu werden. Im Toben des Sturmes, der den heißen Atem Mexikos über den nahen Rio Bravo trieb, begann sie zu laufen. Sie musste die nächste Buschinsel erreichen, bevor die beiden Verfolger die Bodenwelle hinter ihr gewannen.

Es waren keine dreißig Yard zu überwinden, dennoch schien ihr diese Strecke unendlich weit. Schwerfällig kämpfte sie gegen den Sturm an, zog das verletzte Bein nach.

Sie verlor das Cape, japste nach Luft, während sie die hochgeschlossene Kattunbluse bis zum Mieder aufriss. Das straff sitzende Korsett behinderte sie jetzt. Früher hatte sie Mädchen verlacht, die sich in New Orleans in solche Formgeber zwängten. Sie hatte das nie für nötig gehalten, obschon sie eigentlich etwas zur Fülle neigte. Das war ihr jedenfalls vor dem Spiegel im Zimmer über der Bodega bewusst geworden, als sie während der vielen Wochen der Genesung verbissen das Gehen übte. Als sie die zusätzlichen Fettpölsterchen an den falschen Stellen wahrnahm, hatte sie in den sauren Apfel gebissen und sich ein Korsett beschaffen lassen.

Layla war nicht unbedingt eitel, doch es gab in ihrer Umgebung einen Mann, den sie auch als Frau beeindrucken wollte: Saltillo, dem sie es zuletzt verdankte, dass sie sich jetzt in einer solchen Situation befand.

Noch fünf Yard. Layla kämpfte die aufkommende Schwäche nieder. In der Welt der Spielhöllen und Tingeltangel, der sie nach einer falschen Mordanklage mit Mortimer entflohen war, hatte sie eine gesunde Härte auch gegen sich selbst entwickelt.

Und dann verfing sich das unverletzte Bein in einer Wurzel.

Layla stürzte schwer vornüber vor das Gesträuch.

Während neue Schmerzwellen sie durchtobten, hörte sie die Stimmen auf der Bodenwelle. Der Sturm trieb ihr Wortfetzen zu.

»Pferd erledigt... kann nicht weit sein...«

Als sie vorsichtig den Kopf hob, lag der Kamm der Bodenwelle verlassen im eben wieder durchschimmernden Mondlicht.

Doch Layla ließ sich nicht täuschen. Die Verfolger hatten noch nicht aufgegeben.

Sie versuchte, sich zu erheben, schaffte es aber nicht. Sie konnte das Knie des verletzten Beines nicht anziehen.

So robbte sie mit zusammengebissenen Zähnen in das schützende Unterholz. Dornen zerrissen Rock und Bluse, zerkratzten die bloßen Beine, Brust und Hals.

Wohin?

Im Gewoge der rauschenden Zweige hatte sie die Orientierung verloren. Doch dann wies ihr der Sturm den Weg, der gegen die Mauern der Hazienda brandete.

Auf allen Vieren kroch sie voran, während sie das verletzte Bein nachschleifte.

Plötzlich krachten Schüsse.

Sie hatte das andere Ende der Buschinsel fast erreicht.

Layla blieb reglos lieben.

Eine weitere Salve folgte. Diesmal strichen die Geschosse nur knapp über die Sträucher, die ihr einen allzu kläglichen Schutz boten.

Langsam ging Laylas Atem wieder ruhiger, doch der Schmerz blieb.

Da hörte sie das Stampfen ganz in der Nähe.

Ein Reiter!

Layla erstarrte.

Eine Gebisskette klirrte.

»He, Jorge, wo zum Teufel steckst du? Sie hat sich hier irgendwo verkrochen. Wenn wir den Busch durchkämmen ...«

Der Hufschlag verklang.

»Jorge?«

Der Ruf schien von jäher Unruhe erfüllt.

Doch es war nicht der Kumpan, der sich zwischen einigen sturmgepeitschten Cottonwoods meldete.

Eine harte Stimme befahl:

»Layla, bist du das? Dann bleib, wo du bist! Rühr dich nicht vom Fleck!«

Der Mexikaner fluchte erschrocken.

Dann blitzte ein Mündungsfeuer auf.

Das Stampfen entfernte sich rasch.

Saltillo!

Er war ihr zu Hilfe gekommen. Layla atmete befreit auf.

Es gab nur eine Erklärung dafür: Der Sturm hatte einem der Herdenwächter in der Nähe der Hazienda das Glockengeläute von Nuevo zugetragen, und der Mann hatte sofort Saltillo alarmiert. Angespannt lauschte Layla den Geräuschen um sich herum. Der Sturm tobte mit ungebrochener Wut. Ein Zweig knackte unter einem Stiefel oder Huf. Metall klirrte.

»Jorge!«, schrie die raue Stimme von vorhin, die nun auch Unsicherheit verriet.

»Er liegt ungefähr fünf Schritte rechts von dir, Hombre, und schläft«, kam es gelassen aus der Dunkelheit zurück.

Saltillos Erwiderung war noch nicht ganz verhallt, da brüllte wieder ein Revolver auf. Mündungsblitze hieben durchs Gestrüpp. Ein zweiter Colt antwortete. Dann gellte ein Schrei, so durchdringend, dass Layla alle Vorsicht vergaß und hochfuhr.

»Saltillo ...«

Keuchend presste sie eine Hand an die Kehle. Das Band in ihrem Nacken hatte sich gelöst, und der Wind zwang das Haar wie einen seidigen Fächer halb über ihr Gesicht. Dann brachen Zweige. Ein Schatten bewegte sich im blassen Licht heran, das durch die Wolken sickerte.

Ein Pferd. Der hochbordige, lederüberzogene Holzsattel auf seinem Rücken war leer. Hastig strich Layla das Haar aus dem Gesicht.

Es war das Pferd eines Verfolgers. Ihr Blick brannte sich an dem im Sattelfutteral steckenden Gewehr fest. Sie zögerte. Vielleicht war das Ganze nur eine Falle.

Vorsichtig humpelte sie auf das Tier zu. Nichts geschah. Das Pferd ließ sie näher kommen, wieherte nur leise. Rasch zog sie die Waffe aus dem Scabbard, ein kurzläufiges, ihr unbekanntes Modell.

»Gib dir keine Mühe, Muchacho, die Knarre ist nicht geladen.«

Ein hämisches Lachen erklang nur wenige Schritte hinter ihr.

Der Sturm schien einen Moment auszusetzen. Jedenfalls hörte sie ganz deutlich das metallische Schnappen eines Colthammers. Gleichzeitig begriff sie, dass der Mann schießen würde, sobald sie sich umdrehte. Ihre Finger umkrampften den kalten Stahl noch fester. Vielleicht bluffte der Bandit nur, vielleicht ...

»Wenn du schießen willst, du Lump, hier bin ich!«, meldete sich da Saltillo schräg von links.

Im Dröhnen der Schüsse zuckte Layla herum und richtete blitzschnell das Gewehr auf den noch im eigenen Mündungsfeuer erkennbaren Mexikaner.

Die Waffe war tatsächlich nicht geladen.

Layla schluckte. Ihr Blick fand die dunkle, geschmeidige Gestalt, die sich eben aus dem Schatten der Büsche löste. Das Gewehr entglitt ihr.

»Sam!«

Saltillo fing die Stürzende auf.

 

*

 

Am nächsten Morgen war der Himmel wie blankgefegt. Kein Lufthauch bewegte mehr die Zweige der mächtigen Dorfeiche. Die Frauen von Nuevo hatten unter dem Baum einen blumengeschmückten Altar errichtet.

Lopez Gonzalo, der in der vergangenen Nacht verzweifelt die Entführung seines Sohnes zu verhindern versuchte, war auf einem mit weißen Laken ausgeschlagenen Brettergestell aufgebahrt. Kerzen brannten. Ringsum knieten die Bewohner des Dorfes. Hölzerne Rosenkranzperlen klapperten. Die Frauen trugen schwarze Kopftücher. Drüben am Rand des Domen und Kakteendickichts schaufelten schweigende, düster blickende Männer ein Grab. Sie blickten nicht auf, als eiliger Hufschlag sich in das monotone, immer wieder von Schluchzen unterbrochene Beten auf der Plaza mischte.

Ein Reiter trieb sein Pferd durch das aufspritzende Wasser der Furt vom mexikanischen Ufer herüber.

Saltillo trat lautlos zu seinem Pferd und schwang sich in den Sattel. Die Männer, die mit ihm von der Hazienda gekommen waren, folgten seinem Beispiel. Ihre Mienen waren ernst.

Der Betgesang dauerte an, als der Vaquero in einer Staubwolke das schweißbedeckte Pferd vor Saltillo parierte. Saltillo legte die Hände auf das Sattelhorn und wartete mit jener äußeren Ruhe, die er auch dann zeigte, wenn alles in ihm zum Zerreißen gespannt war.

Er war ein großer, schlanker, ganz in weichgegerbtes Antilopenleder gekleideter Mann. Sein schwarzes Haar glänzte. Er trug mokassinähnliche Weichlederstiefel ohne Sporen. Das rote Seidenhalstuch umgab seinen Hals. Darunter baumelte ein Amulett, das aus mehreren sonnenförmigen, in Silber gefassten Türkisen bestand. Seine Waffen waren ein fünfschüssiger Paterson Colt und ein Bowiemesser.

»Ich bin der Fährte sechs Meilen gefolgt, Patron«, berichtete der Mexikaner keuchend. »Diese Teufel haben sich keinerlei Mühe gemacht, sie zu verwischen. Sie scheinen sich ganz sicher zu fühlen...«

»Oder sie wollen, dass wir ihnen leicht folgen können«, murmelte Saltillo kehlig. Sein tiefgebräuntes Gesicht blieb unbewegt, die grauen Augen blickten kühl.

Der Kundschafter, den er im Morgengrauen über den Rio Bravo geschickt hatte, wischte sich mit dem Ärmel den Staub und Schweiß vom dunklen Gesicht.

Bis auf den bulligen, blonden Reiter neben Saltillo bestand die Mannschaft der Hazienda durchweg aus schwarzhaarigen, drahtigen Vaqueros. Männer des Südens, die die Hälfte ihres Lebens im Sattel verbrachten und mit ihren Reateas, den Wurfseilen, wahre Kunststücke fertigbrachten. Sie waren die Vorläufer und Lehrmeister der späteren Texascowboys. In diesem Jahr 1845, in dem die bisher selbständige Republik Texas dem Staatenverband der Union angegliedert wurde, gehörte Männern ihres Schlages noch das ganze weite Grasland bis hinüber zum Nueces. Dort war für die von Osten vordringenden Landsucher und Viehzüchter die noch am weitesten vorgeschobene Grenze.

Saltillos Land, zu dem auch das Dorf mit den Feldern gehörte, lag wie eine Insel inmitten des noch unbesiedelten Gebiets westlich davon. Zugleich war es ein Bollwerk der Unabhängigkeit des neuen Staates, ob er nun von Süden, von Santa Anas Soldaten, oder von streifenden indianischen Kriegstrupps oder Banden Gesetzloser bedroht wurde. Saltillo hatte dieses Land als Vermächtnis übernommen. Es war eine Schenkung Sam Houstons an den Hinterbliebenen eines seiner treuesten Gefolgsleute im Kampf um Texas. Denn Saltillos Vater gehörte zu jenen Unvergessenen, die in der Schlacht um den Alamo ihr Leben gaben.

»Sie kamen mitten im Sturm. Und bevor wir recht begriffen, was geschah, waren sie schon wieder fort«, hatte ihnen der alte Santino gleich nach der Ankunft in der Nacht mit brüchiger Stimme berichtet. Ähnliches hatte auch Layla gesagt.

Da hoffte Saltillo noch, aus dem Mann, den er während des nächtlichen Kampfes niedergeschlagen hatte, etwas herauszubekommen. Vergeblich. Als er nach dem Schurken zu suchen begonnen hatte, war der wieder aufgewacht und in wilder Flucht davongaloppiert. Nach Süden, über den Fluss.

Saltillos Blick glitt zur Rio Bravo-Furt. Das Land jenseits erschien ihm noch einsamer, grenzenloser, heißer als hier, wo der Fluss für saftiges Grün und fruchtbare Felder sorgte.

»Außer Valdez hat die Horde noch fünf weitere Männer aus dem Dorf verschleppt«, riss Ramon Ruidosa, der grauhaarige, ledergesichtige Mayordomo, Saltillo aus seinen Gedanken. »Lauter junge, kräftige Burschen, die besten Arbeiter auf den Feldern. Doch wozu?«

»Buck und ich werden das herausfinden«, erwiderte Saltillo und legte dem Bulligen eine Hand auf die Schulter.

»Du meinst - nur wir beide?« Buck Mercer, genannt Tortilla-Buck, zeigte grinsend sein Prachtgebiss, um das ihn jeder Kannibale beneidet hätte. Die blonden, von vereinzelten Silberfäden durchzogenen Zottelhaare hingen ihm bis auf die Schultern.

Saltillo nickte entschlossen.

»Wir haben nur eine Chance, Valdez und die anderen herauszuhauen, wenn alles blitzschnell und überraschend geschieht. Das heißt, wir müssen unbemerkt so nahe wie möglich an die Entführer heran. Das schaffen zwei Männer eher als ein Dutzend.« Er wandte sich wieder an Ruidosa. »Lass für alle Fälle einige Männer hier im Dorf, Ramon, bis feststeht, dass keine Gefahr mehr droht. Buck und ich brechen sofort auf.«

»Ohne Frühstück?«, entrüstete sich der blonde Draufgänger aus Kentucky. »Da hat Paco, dieses Schlitzohr, ja nur die halbe Arbeit auf der Hazienda.«

Paco, der Koch, hatte Buck zu seinem »Kriegsnamen« verholfen, nachdem der Kentuckier die Kochkünste des kleinen Mexikaners und seinen eigenen Wolfshunger in einem regelrechten Duell etwas strapazierte. Seitdem ließ keiner die Gelegenheit ungenutzt, dem anderen eins auszuwischen. Was sie nicht daran hinderte, im nächsten Augenblick wieder ein Herz und eine Seele zu sein. An diesem Morgen stieß Bucks kauziger Humor jedoch auf keinen Widerhall. Die Falten im Gesicht des hageren Mayordomo vertieften sich eher noch.

Zwei Männer können leicht auch in der Wildnis auf der anderen Seite des Flusses verschwinden«, warnte er. »Noch dazu, wenn es Hombres aus dem Norden sind.«

Ruidosa musste Saltillo nicht deutlicher an die alte Feindschaft zwischen seinen Landsleuten jenseits der Grenze und den Texanern erinnern. Die Toten von Alamo, auf welcher Seite sie auch gestorben waren, würden auch in zwanzig, dreißig Jahren noch nicht vergessen sein.

»Die Kerle, die das Dorf überfielen, rechnen wahrscheinlich mit Mexikanern als Verfolgern. Das kann ein Trumpf mehr für uns sein. Alles weitere müssen wir riskieren. Bist du soweit, Buck?«

»Gleich werd’ ich noch viel weiter sein, Freund!«

»Pass auf dich auf, Sam«, rief Layla, die mit ihnen nach Nuevo zurückgekehrt war. »Du natürlich auch, Buck.«

»Sagen wir’s lieber so: Ich werd’ auf uns beide aufpassen!«

Layla hatte sich von den Strapazen der Nacht schon wieder einigermaßen erholt. Unter dem roten weiten Rock trug sie einen Stützverband, das angeschwollene Knie war mit einem Salbenbrei aus Juanas Kräutergarten behandelt.

Layla stützte sich auf den Stock, als sie nun langsam zu Saltillo ans Pferd trat.

Er beugte sich aus dem Sattel und küsste sie auf die sternförmige Narbe am Haaransatz.

»Bis ich zurückkomme, bist du wieder auf dem Damm«, tröstete er sie, während sein Blick unwillkürlich die sich unter der hellen Bluse abzeichnenden harten Warzen der üppigen Brüste streifte. Ihre ganze Haltung war ein Versprechen für die Rückkehr.

Tortilla-Buck konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Wie die Turteltauben, dachte er vergnügt. Da muss ich wohl wieder höllisch aufpassen, dass diesem Tiger an meiner Seite nichts passiert. Laut sagte er nur:

»Adios, Amigos.«

»Vaya con Dios!« riefen die Vaqueros.

Als Saltillo und Buck ihre Pferde in Bewegung setzten, löste sich ein dritter Reiter aus dem Pulk. Es war Antonio, der Jüngste in Saltillos Mannschaft, heißblütig, mutig, aber noch reichlich unerfahren. Sein Talent, sich selbst und andere in die Klemme zu bringen, wäre Saltillo schon beinahe zum Verhängnis geworden. Eine Gitarre, sein kostbarster Besitz, hing am Riemen auf seinem Rücken.

»Nimm mich mit, Patron«, bat er, als Saltillo seinen Rehbraunen anhielt. »Diesmal werd’ ich alles gutmachen.«

Buck machte sein »Das-fehlt-uns-grade-noch-Gesicht«.

Saltillo schüttelte ruhig, aber entschieden den Kopf.

»Ein andermal, Amigo. Du wirst hier gebraucht.«

Die Trauerversammlung unter der Dorfeiche hatte sich aufgelöst.

»Bring unsere Söhne und Brüder zurück, Patron«, schluchzte eine Frau.

Abseits von allen verharrte Teresa Valdez, die Frau des Alcalden. Als Saltillo vorbeikam, streckte sie ihm das Gewehr ihres Mannes entgegen. Ihre Augen waren tränenlos und ihre Stimme ruhig. Gerade diese Gefasstheit erschütterte Saltillo.

»Bring diese Waffe Rafaelo, Patron. Du und dein Amigo werdet dann nicht mehr auf euch allein gestellt sein.«

Saltillo nahm das Gewehr und legte es vor sich über den Sattel. »Ich versprech es dir, Teresa.«

 

*

 

Das Land glühte unter der Sonne. Es lag wie eine gigantische, mit staubgrauen Kräutern bedeckte Ebene, die im Süden von der blauen Silhouette der Sierra Madre begrenzt wurde, vor den beiden Reitern. Doch als sie dann Meile um Meile vorstießen, erwies sich das Ganze als ein Meer aus sanften Bodenwellen und weit verstreuten Salbei, Yucca und Kakteengruppen. Sand knirschte unter den Hufen. Die Spur des Wagens und der Reiter, die ihn begleiteten, war deutlich eingegraben. Schnurgerade, nur dann und wann einem Dickicht oder einer Felsansammlung ausweichend, näherte sie sich den fernen Bergen.

Weit und breit gab es hier keine Ansiedlung, keinen von Soldaten oder Händlern benutzten Trail. Das Land schien den Kojoten, Klapperschlangen und Skorpionen zu gehören. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang lag es wie tot unter dem flammenden Himmel von Chihuahua. Nirgendwo schien die Leere grenzenloser, das Schweigen bedrückender.

Diese hitzegesättigte Stille verschloss sogar Tortilla-Buck den Mund. Immer wieder wischte sich der bullige, zottelhaarige Mann den Schweiß von der Stim, ohne zu begreifen, dass seinem Gefährten diese mörderische Glut nichts auszumachen schien. Sogar hier genügte Saltillo das dichte, pechschwarze Comanchenhaar als Schutz gegen die Sonnenstrahlen.

Sie hatten genügend Wasser, Proviant und Futter für die Pferde. Dennoch waren sie von Anfang an darauf bedacht, die Rationen einzuteilen.

Der Wagen hatte einen Vorsprung von etwa sieben Stunden. Er kam nur langsam voran. Doch Saltillo und Buck ließen sich Zeit. Gerade am ersten Tag nach dem Überfall würden die Menschenräuber besonders auf der Hut sein. Jeden Fehler, den die Verfolger begingen, würden nicht nur sie selbst, sondern auch die Gefangenen bezahlen müssen.

Saltillo hatte bei den Comanchen gelernt, dass ein Jäger, der zäh und geduldig war, auch das gefährlichste Wild zur Strecke bringen konnte. Der große, ledergekleidete Reiter hielt sein gleichmäßiges Tempo auch, als die Sonne schon tief im Westen stand und Buck unruhig im Sattel hin und her zu rutschen begann.

Die Nacht kam mit der in diesen Breiten üblichen Schnelligkeit. In einer geschützten Mulde schlugen sie ihr Lager auf. Mit Stockschlägen prüften sie, dass sie die Decken nicht zufällig auf einer Schlange oder einem Skorpion ausrollten.

»Kein Feuer«, entschied Saltillo.

Buck warf die dürren Zweige weg, die er aufgesammelt hatte.

»Wenn du mich fragst, Hombre: Sie sind höchstens noch zehn Meilen vor uns. Wir sollten es hinter uns bringen. Glaub nur nicht, ich fall’ aus dem Sattel, wenn wir noch ein Stück reiten, bevor der Mond aufgeht.«

»Doch«, grinste Saltillo hart. »Das glaub ich. Denn heute Nacht liegen die Halunken bestimmt abwechselnd auf der Lauer und passen wie Schießhunde auf, dass sie keinen überraschenden Besuch kriegen. Hau dich lieber aufs Ohr und nimm dir ’nen Hut voll Schlaf, bevor du mit der Wache dran bist.«

»Auch das noch!«, seufzte Buck, streckte sich aber grinsend auf der Decke aus und zog gemütlich den verbeulten Stetson über das Gesicht.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906455
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Dezember)
Schlagworte
saltillo mortimers plan

Autor

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Titel: Saltillo 2: Mortimers teuflischer Plan