Lade Inhalt...

San Angelo Country 46: Jay Durango gibt nicht auf

2016 140 Seiten

Leseprobe

SAN ANGELO COUNTRY

 

Band 46

 

Jay Durango gibt nicht auf!

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Hermann Wendelborg Hansen mit

Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

 

Jay Durango hat nicht vergessen, dass man ihm einen Mord anhängen wollte. Die wahren Schuldigen glauben, dass Durango zwischenzeitlich aufgegeben hat und somit keine Gefahr mehr für sie darstellt. Jetzt denken sie, dass sie ihre finsteren Pläne ungestört vollenden können. Aber so schnell gibt ein entschlossener Mann wie Jay Durango nicht auf. Er wird diesen Halunken eine Rechnung präsentieren, und zwar ganz unmissverständlich. Deshalb reitet er zusammen mit dem Cowboy Rio Shayne und dem Abenteurer Roy Catlin noch einmal nach Kansas, um die Sache ein für alllemal zu Ene zu bringen. Und niemand wird sie daran hindern. Selbst wenn sie dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen müssen!

 

 

 

 

 

 

Roman

 

San Angelo Explorer“ vom 4. Aug. 1871:

 

KEINE ANKLAGE GEGEN JAY DURANGO!

 

Der Klageantrag des US-Marshals Wright an den Staatsgerichtshof Texas und das County-Gericht San Angelo wurde vom Staatsgerichtshof nach einstündiger Beratung abgelehnt. Die Zuständigkeit des US-Marshals im Fall Durango ist verworfen worden. Durango wurde sofort wieder auf freien Fuß gesetzt und ist in Texas nach wie vor frei.

Zu der Haftbeantragung und sogar ein Auslieferungsersuchen an den Staat Kansas ist es gekommen, weil Durango verdächtigt wird, in Yates Valley den Präsidenten der South Kansas-Railroad. J. C. Baker, ermordet zu haben. Das Gericht in Fort Scott fand ihn vor Jahresfrist schuldig. Durango wurde zu lebenslänglich Gefängnis und Straflager verurteilt. Man brachte ihn in die Sümple von Cunthoroy. Durango gelang das Unwahrscheinliche: er entkam aus diesem als fluchtsicher geltenden Sumpflager.

Hier in Texas zurück, wurde er von US-Marshal Wright verhaftet. Bevor Wright mit seinem Gefangenen Texas verlassen konnte, gelang es unserem angesehenen Bürger, dem Rancher Tom Calhoun - Durango ist bei ihm Vormann - die texanischen Behörden zu informieren. Diese konnten einen Abtransport Durangos außer Landes verhindern. Im übrigen zeigte sich auch der Staatsgerichtshof über die Art und Weise sehr befremdet, wie US-Marshal Wright vorgegangen ist. Wright ist von den Bundesbehörden inzwischen aus Texas abgezogen worden.

Wir verweisen unsere Leser nochmals auf die Vorgeschichte der Bekanntschaft Durango - J. C. Baker. Es war im Bürgerkrieg, als der damalige Lieutenant der Konföderierten 121 seiner Gegner aus den Doole-Sümpfen rettete, in denen sie so gut wie verloren waren, als die Dämme gesprengt waren und das Wasser stieg. Durango hatte fünf Jahre nach dem Krieg den ehemaligen Col. Baker, um Hilfe für Mr. Calhoun bitten wollen, dessen Ranch von einer willkürlichen Beschlagnahme der Unionsbesatzung betroffen war. Durango bestreitet die Tat an Baker. Wir werden unseren Lesern bald mehr darüber berichten.

 

Horace Whitney – Herausgeber & Chefredakteur

 

 

*

 

Sie waren zu dritt. Im Halbdunkel saßen sie sich gegenüber, rund um den kleinen Tisch. Das diffuse Licht der Dämmerung erhellte ihre Gesichter nur wenig. Aber Carrings massiger Schädel war deutlich zu erkennen.

Dem bulligen Revolvermann gegenüber saß Janson, hager, mittelgroß, einst ein Mann, der den Stern trug. Damals, als Hunter noch verletzt im Bett lag. Doch jetzt war Hunter der dritte Mann im Bunde, und auf seiner Brust glänzte der Sheriffstern matt im schwachen Lichtschein.

Durango ist also auf dem Wege hierher? Und das ist sicher?“, fragte Hunter mit Bassstimme.

Ja, Sheriff, es ist absolut sicher“, erwiderte Carring rau. Er fingerte mit seiner Linken im Tabakbeutel herum, und die Rechte hielt steiffingrig fest. Eine schwere rote Narbe zeigte, wo Jay Durango damals hingetroffen hatte. Aber es gab noch eine andere Stelle an Carrings Körper, die Schulter, wo Durango vor mehr als einem Jahr hintraf. Carring erinnerte sich daran nicht gerne. Er hatte sich so überlegen gefühlt, als er Durango herausforderte damals. Aber der Texaner Durango war schneller gewesen, viel schneller. Und Carring würde diese Niederlage nie verwinden, obgleich er eigentlich dem Texaner dankbar hätte sein müssen. Für den war es Notwehr gewesen, und niemand würde nach Carring gefragt haben, wenn Durango ihn damals getötet hätte, statt ihn nur zu verwunden.

Es ist sicher, sagst du“, meinte Hunter, ein sehniger und kräftiger Mann mit weißen Haaren an den Schläfen. Seit seiner Verletzung durch den seinerzeit steckbrieflich gesuchten Bill Hyam hatte Hunter alle Weichheit verloren. Der Sheriff war hart geworden, stahlhart. Und wenn er gewusst hätte, dass Janson und Carring Freunde von Hyam waren, er hätte sie vielleicht auf der Stelle zusammengeschlagen. Er besaß die Kraft dazu, obgleich Carring eher danach aussah.

Doch Hunter wusste es nicht. Er wusste auch nicht, dass Durango unschuldig war. Janson hingegen war das bekannt. Carring auch. Denn sie beide hatten ja die Tat unterstützt. Den Mord an Baker, ausgeführt von Bill Hyam.

Hunter kannte nur den Steckbrief, in dem ein gewisser Jay Durango aus San Angelo / Texas gesucht wurde. Er wurde des Mordes an J. C. Baker beschuldigt, außerdem des Ausbruchs aus dem Straflager Cynthoroy. Dieser Steckbrief galt für den Staat Kansas. Und genau in diesem Staat sollte also Durango unterwegs sein.

Du glaubst also“, fuhr Hunter fort und beugte sich ein wenig vor, dass sein Kopf im Zwielicht wie geschnitzt wirkte, „du meinst also, dieser Durango wagt sich hierher, obgleich wir ihn hier sofort hochnehmen? Wo jedes Kind weiß, was er gemacht hat. Den hat keiner vergessen! Carring, ich kann das einfach nicht glauben.“

Carring zuckte die Schultern. Dann rückte er den Waffengurt zurecht. Er trug den Revolver jetzt links, seit er rechts steife Finger hatte. Aber links schoss er längst nicht mehr so schnell wie einst. Eigentlich war bei ihm vom Revolvermann nur der Name und der schlimme Ruf übriggeblieben.

Ich habe noch mehr, was du nicht glauben wirst, Sheriff“, sagte er und lachte kalt. „Hyam ist amnestiert.“

Ist amnestiert?“, rief Hunter. Leiser fuhr er fort: „Das darf nicht wahr sein, Carring. Jetzt willst du ...“

Nein“, fuhr ihm Carring dazwischen, „nein, es ist wahr! Er ist amnestiert. Er weiß ja viel, sehr viel. Und wenn ich von einem Mann, der vor aller Welt ein Held ist, weiß, dass er eigentlich ein Schuft ist, dann tut das manchem Mann schon weh. Wenn dieser Held auch noch aus einer der alten Familien stammt, die angeblich Generation für Generation einen oder mehrere Helden ausspuckt, dann tut es noch mehr weh.

Glaubst du nicht, Hunter, dass diese Familie es sich etwas kosten lässt, einem Mann den Mund zu stopfen, der zuviel weiß? Hyam weiß es von diesem Burley, der Baker wegen Feigheit vor dem Feind vor ein Kriegsgericht bringen wollte. Und vor allen anderen weiß es Durango. Deshalb war der ja vor mehr als einem Jahr hiergewesen, um Baker zu zwingen, ihm und diesem Rancher aus San Angelo zu helfen. Sozusagen ein Gegengeschäft, denn Durango hätte dann irgendwas unterschrieben, wonach Baker wirklich der größte Held aller Zeiten sein sollte. Und der Rancher in Texas hätte sein Vieh wiederbekommen, was wir Yankees ihm beschlagnahmt hatten. Nun bitte, Freunde, warum sollte es Hyam nicht auch so machen?“

Er hat Susan Baker geheiratet“, ergänzte Janson. „Sie wäre auch eine sehr junge Witwe gewesen. War für Baker zu jung, für Hyam ist sie - was das Alter angeht - richtig. Er hat sie schon vor ihrer Ehe mit Baker gekannt.“

Hunter schüttelte verständnislos den Kopf. „Ich komme nicht mit! Durango ist verrückt genug, aus dem sicheren Texas hierher nach Kansas zu kommen. Hyam, der nirgendwo anders hingehört als an einen Strick, ist plötzlich frei. Kein Gericht fragt mehr danach, dass er so viele schwere Straftaten beging. Nein, ich komme nicht mit. Und nun ist er auch noch mit der Witwe von Baker verheiratet. Ist das die Möglichkeit!“

Carring lachte. „Es ist sie. Damit steigt er in den Gesellschaftsvertrag der Bahnlinie ein. Er hat ihren Anteil.“

Hunter blinzelte zu Carring hin, um dessen Gesicht zu mustern, aber es war nun schon so dämmrig, dass er nurmehr die Umrisse des Kopfes wahrnahm. „Carring, da fällt mir gerade etwas ein. Nichts wieder von Gibson gehört? Der kleine Gibson war doch einmal mit dir zusammen, als er bei der Bahn seinen Job als Bakers Sekretär los wurde. Wolltet ihr damals nicht einen Store aufmachen oder so was Ähnliches?“

Er ist nach Oregon gezogen, oder was weiß ich wohin.“

Hunter richtete sich ein wenig auf, seine Augen wurden schmal wie Schlitze. „Carring, jetzt lügst du aber nicht schlecht!“, und schärfer sagte er: „Carring, wie war das wirklich mit Gibson?“

Carring hob die Hände und rief beteuernd: „Ich lüge nicht, zum Teufel! Warum sollte ich das denn? Ich war doch noch verletzt, und als Baker tot war, kam Gibson zu mir. Er schlug mir vor, wir sollten dem Gericht sagen, dass Baker Durango ermorden lassen wollte. Überhaupt sollte ich eben alles mögliche sagen, das Durango entlasten würde, und er bot mir dafür einen Anteil des Stores, den er zu kaufen beabsichtigte. Ich wollte nicht.“

Nicht wahr, Carring, und das sollte die Wahrheit sein?“, höhnte Hunter. „Nein, mein Freund, das ist sie nicht. Gibson war der einzige Mann, der gewusst hat, dass Baker dir zehn Prozent von den Bahnpapieren zugesagt hatte. Er war bereit, das zu bezeugen, wenn du Durango helfen würdest durch deine Aussage. Du wolltest das sogar tun, trotz deiner Abneigung gegen den Texaner. Aber dann kam jemand zu dir, und du hast plötzlich gepasst. Sogar auf deine Anteile hast du verzichtet, nicht wahr? Nun sieh mal an, Carring, jetzt willst du auch wissen, woher ich diese Weisheit bezogen habe. Deshalb bin ich zu euch gekommen. Das ist der Grund meines Besuches.“

Verdammt, das ist alles gelogen! Hunter, das ist alles Unsinn!“, rief Carring, und er sprang erregt von seinem Stuhl.

Nein“, erwiderte Hunter ruhig und zog ein kleines schwarzes Buch aus der Tasche, „hier steht es drin, von Gibson aufgeschrieben. Er schrieb es auf; während er in der kleinen Fallenstellerhütte lebte, in die er sich geflüchtet hatte. Er schrieb bis kurz vor seinem Tod. Es muss vor einer Woche gewesen sein. Er wurde von hinten erschossen, gerade als er sich über den Bach beugte, der an der Hütte vorbeifließt. Der Doc hat die Kugel herausgeschnitten und sagt, es wäre eine Colt Special Kaliber .44.“

Gibson ist tot?“, rief Carring.

Mausetot.“

Janson erhob sich und lehnte sich an die Wand. „Und er hat ein Tagebuch geführt, sagst du?“

So ist es“, erwiderte Hunter. „Er schreibt, dass er schon zu Durangos Prozess die Beweise habe bringen wollen, um dem Gericht zu zeigen, wer wirklich Baker ermordet haben soll. Er gibt in diesem Tagebuch an, es könne nur Hyam gewesen sein, derselbe Hyam, den man - wie du sagst, Carring - amnestiert hat.“

Irrsinn!“, rief Janson spontan.

Hunter sah ihn aufmerksam an und wünschte sich, jetzt Licht im Zimmer zu haben. Leider sah er die Miene Jansons nicht. „Irrsinn, sagst du? Warum denn?“, fragte der Sheriff. „Janson, es ist sogar sehr gut möglich, dass ..

Sheriff“, unterbrach ihn Janson scharf, „er war schon immer ein Spinner. Vielleicht hat er irgendwen in die Nesseln setzen wollen. Gibson war ein Giftpilz, der nicht erst einmal andere ’reingelegt hat. Ich glaube kein Wort, das in diesem Buch steht. Wo gibt es denn sowas? Hast du diesen Blödsinn etwa schon anderen Leuten erzählt, Hunter?“

Noch nicht“, erwiderte Hunter.

Janson zog Streichhölzer aus der Tasche, zündete die Kerosinlampe an und wartete, bis die Flamme gleichmäßig brannte. Dann drehte er den Docht etwas höher und sah Hunter an. „Also weiß es außer uns noch keiner. Das ist gut. Hunter, du hast einen ziemlichen Fehler gemacht. Nicht wahr, Carring?“

Carring hatte plötzlich die Hand auf dem Revolver liegen. „Ja, es ist ein ziemlicher Fehler“, bestätigte er.

Hunter sah von einem zum anderen, beobachtete ihre Haltung. Sie standen ihm rechts und links schräg gegenüber. Und er saß. Vielleicht sahen sie das als einen Vorteil an, vielleicht wollten sie auch überhaupt nicht mehr nachden ken, wann es für sie richtig war. Sie standen bereit, und gleich würden sie loslegen. Hunter machte sich da keine Illusionen.

Hunter“, sagte Janson, „nicht wahr, jetzt ist es dir doch auch klar?“

Sonnenklar“ entgegnete Hunter und spürte, wie es ihm in den Schultern kribbelte. Jedes Mal in einer Gefahrensituation erging es ihm so. Und hier befand er sich mitten drin.

Sie lauerten noch wie Reptile. Janson mit angewinkelten Armen, die Rechte schwebend über dem Kolben, die Linke wie ein Zwilling der Rechten, aber jetzt ohne jede Aufgabe.

Carring hatte seine Linke noch am Kolben liegen. Hunter sagte sich, dass der einstige Killer diesen Vorsprung jetzt bitter nötig hatte. Trotzdem hielt er Janson für schneller.

Hunter war ein guter Schütze, wenn auch kein Revolvermann. Er musste sich auch einen Vorsprung verschaffen. Doch ihm wurde klar, dass die beiden viel zu günstig für ihn standen. Einer würde ihn treffen. Und er selbst konnte sicher nur einen von ihnen verwunden, vielleicht mit etwas Glück auch beide. Er nahm sich vor, zuerst auf Carring zu schießen, denn Carring würde versuchen, ihn zu töten. Janson war anders. Der rechnete sicher mit einem tödlichen Schuss, aber es sollte Carrings Schuss sein. Er selbst wollte bestimmt nicht töten. Hunter kannte Janson zu gut. Damals, als Janson den Stern genommen hatte, war es Hunter schon höchst verdächtig vorgekommen. Aber er selbst hatte verletzt im Bett gelegen und konnte nichts dagegen unternehmen. Trotzdem, für einen Mörder hielt er Janson nicht. Aber Carring.

Sie lauerten noch. Die Spannung brachte Carring zum Schwitzen. Die Schweißtropfen standen wie kleine Perlen auf seiner Stirn und glitzerten im Lampenlicht.

Janson wirkte wie eine Statue. Deutlich bemerkte Hunter, dass Janson mehrmals seine Schulter anvisierte. Also wird es so kommen, wie vorausberechnet, sagte sich Hunter und beschloss, bei Janson keine Gnade walten zu lassen. Erst Carring und vielleicht, wenn er es noch schaffte, auch Hanson.

Sie wollten das Tagebuch Gibsons. Und wenn Hunter vorhin einen vagen Verdacht hatte, als er bei sich vermutete, Carring könnte Gibsons Mörder sein: Jetzt wusste er es fast. Und sicher hätte Carring auch das Tagebuch gehabt, wenn Gibson es nicht in dieser versteckten Innentasche seiner Hose getragen hätte.

Carring war auch nicht mehr der eiskalte Mann von einst. Die Verletzung, die körperliche und seelische Niederlage durch Durango hatte ihn verändert. Er war nervös. Seine Lider zuckten, das sah Hunter deutlich.

Ja, sie wollten es hier und jetzt machen. Janson und Carring. Das Buch war belastend für sie. Carring fürchtete wohl, als Mörder entlarvt zu werden, und Janson dachte an Hyam, der sein Freund war. Auch das wusste Hunter.

Plötzlich spannte Carring alle Muskeln an. Jetzt wird er es tun, schoss es Hunter durch den Kopf, und er konnte nicht mehr auf Janson blicken.

Carrings Linke riss den Revolver heraus.

Hunter warf sich vom Stuhl auf den Boden, fiel wie berechnet auf die linke Seite, riss im Fallen den Colt mit der Rechten heraus und schoss. Die grelle Feuerzunge aus Carrings Colt kam beinahe gleichzeitig mit Hunters Schuss. Aber Carring hatte zu spät reagiert. Sein Schuss ging über den Stuhl hinweg, der jetzt umgekippt quer auf Hunters Unterschenkeln lag.

Janson schoss. Er hatte gewartet. Und jetzt traf er im gleichen Augenblick, da Hunter sich umwandte, um auf Janson zu schießen.

Der Schuss kam wie ein Hammerschlag genau in die rechte Schulter, die Janson fast die ganze Zeit anvisiert hatte. Aber Hunter schoss dennoch.

Er sah, wie Janson ihn anblickte, erkannte dessen Erschrecken, als der Schuss ihn traf, dann wie ein ungläubiges Staunen, zuletzt eine schmerzverzerrte Miene. Janson wollte den Revolver zu einem zweiten Schuss heben, vermochte es aber nicht mehr und rutschte langsam an der Wand herab. Unten fiel er nach vorn und schlug platt auf. Als er lag, drückte er wie in einem Nervenkrampf den Revolver ab, bis alle Schüsse aus der Trommel waren. Doch auch dann noch bog sich der rechte Zeigefinger zuckend um den Abzug. Aber es klickte nur noch, bis endlich keine Kraft mehr in Jansons Hand war. Der Mann erschauderte wie unter einem letzten Schmerz, dann war es vorbei.

Carring lebte noch.

Er lag auf dem Bauch, seine Linke umkrampfte den Revolver, und alle Energie in diesem durch Brustschuss schwer verletzten Mann konzentrierte sich darauf, den Revolver noch einmal anzuheben.

Er ächzte und stöhnte, dann hatte er die Waffe im gleichen Augenblick hoch, als Hunter versuchte, sich zu erheben.

Der Schuss streifte Hunters Kopf und versetzte den Sheriff augenblicklich in eine tiefe Besinnungslosigkeit. Hunter kippte zur Seite und blieb schlaff liegen.

Carrings Hand sank herab. Dann schwand auch diesem Mann die Kraft, bei Bewusstsein zu bleiben. Er starb nach kurzem Todeskampf, ohne dabei wieder richtig zu Sinnen gekommen zu sein.

Nur Hunter lebte noch. Schwer angeschossen, aber mit einer geringen Hoffnung auf ein Durchkommen, lag er in seinem Blut. Noch bewusstlos, und währenddessen rann das Leben aus seiner Schulterverletzung. Der Kopfschuss war nicht schlimm, ein Streifschuss nur, jedoch gefährlich, weil er Hunter betäubte.

 

*

 

Vielleicht nach einer, vielleicht nach zehn Stunden erwachte Hunter. Furchtbare Kopfschmerzen und ein Reißen in der verletzten Schulter machten sich augenblicklich bemerkbar. Es tat ihm weh, die Augen zu öffnen. Geblendet blinzelte er gegen das helle Licht, das durchs Fenster fiel. Und da begann er sich allmählich zu erinnern.

Er versuchte, den Kopf zu drehen, und er sah Carring, der verkrampft am Boden lag. Reglos. Etwas weiter hinten entdeckte er Janson. Offenbar auch tot.

Die Kerosinlampe brannte noch - und da Hunter sich noch an die Menge des Öls im Glasbehälter entsinnen konnte, errechnete er zwischen dem Kampf und bis jetzt etwa acht Stunden.

Bis jetzt hatte er nur den Kopf bewegt, und das war schon eine hohe Belastung für ihn. Er spürte, wie sein Herz schnell schlug, wie es ihn anstrengte, wenn er nur nachdachte.

Er wollte mit der Hand nach der Schulterverletzung greifen, aber als er die Linke nur anhob, hatte er solche Schmerzen in der verletzten rechten Schulter, dass ihm schwarz vor Augen wurde.

Als er wieder aufwachte, fiel sein Blick auf ein Stiefelpaar. Schmutzige Stiefel mit großen Sporen. Die Art und die Verzierung der Stiefel wie auch die Größe der Sporen deuteten auf einen Texaner hin.

Vorsichtig drehte Hunter den Kopf zur Seite, um mehr zu sehen, um zu erkennen, was in diesen Stiefeln steckte. Und dann sah er abgewetzte, blankgescheuerte Chaparals, zum Teil mit Lederflicken ausgebessert, verschlissen, als stammten sie von einem Brasada-Cowboy. Darüber ein Waffengurt mit gelb funkelnden Patronen. An der rechten Seite des Mannes hing ein Revolver, er sah so aus, wie die Colts von Cowboys in der Regel aussahen, die damit Nägel einschlugen, Kaffeebohnen zerklopften und alles mögliche anstellten, am wenigsten aber damit schossen. Doch dieser Mann trug auch eine Weste. Und an ihr erkannte Hunter mit Sicherheit den Texaner. Mexikanische Stickereien waren auf dieser Weste. Das interessierte Hunter nicht so sehr. Er entdeckte aber auch das Schulterhalfter unter der Weste, und zwar für die linke Hand bestimmt.

Mit einer kleinen Drehung des Kopfes - was ihm höllische Schmerzen bereitete - konnte Hunter nun auch das Gesicht sehen. Schmal, voller winziger Fältchen, tief von Sonne und Wind gebräunt und mit zwei hellgrauen Augen. Das Gesicht eines Mannes von vielleicht fünfunddreißig Jahren. Hart, erfahren, kühn.

Wer... wer sind... Sie?“, keuchte Hunter, und es kam ihm vor, als habe er tausend Wörter gesprochen. So erschöpften ihn die wenigen Silben.

Ich bin Jay Durango. Wie mir scheint, bin ich ein paar Stunden zu spät gekommen. Sie sind Sheriff Hunter?“

Durango... also doch... Sie Narr!“, keuchte Hunter. „Ich muss Sie verhaften ... Sie haben ...“ Da wurde ihm wieder schwarz vor Augen. Er sah noch das Lächeln um Durangos Mundwinkel, dann versank er in eine rote und blaue Bewusstlosigkeit, die nachher zu einer schwarzen Finsternis wurde, aus der er erst nach sechs Stunden wieder erwachte.

 

*

 

Als Hunter wieder aus seiner tiefen Ohnmacht erwachte, sah er zuerst ein flackerndes Feuer. Rauch stieg zum Himmel empor, und ein Mann im weißen Kittel hantierte mit blitzenden Instrumenten in einem Topf, aus dem Wasserdampf stieg. Erst nach einer Weile erkannte Hunter den Mann im weißen Kittel: Dr. Polk, der Doc von Yates Center.

Neben dem Arzt lehnte Durango an einem Baum, eine Pfeife im Mundwinkel, aus der blauer Rauch aufstieg, der sich mit dem Qualm des Feuers vermischte.

Etwas weiter hinten sah Hunter einen Planwagen, daneben angebundene Pferde, die aus Futtersäcken fraßen. Neben einem der Pferde stand ein breitschultriger Mann mit weißblonden Haaren. Sein Hut schillerte in allen Regenbogenfarben, seine Chaparals glänzten vor speckigem Dreck.

Vorsichtig drehte Hunter den Kopf. Er hatte noch dieses Stechen dort oben in der Scheitelgegend, aber die Schulter schmerzte kaum noch. Er hob den linken Arm, tastete nach der Schulter und spürte eine dicke Bandage. Dann fühlten seine Finger an den Kopf, und auch hier war er dick verbunden.

Nun schloss er erschöpft die Augen, öffnete sie aber gleich wieder, denn von links her sagte eine schleppende Stimme: „Jay, ich glaube, unser Patient hat wieder Oberwasser. Ich wette mit euch, dass er bei Bewusstsein ist.“

Hunter sah nach links und entdeckte einen großen Mann mit dunklem Haar. Im gleichen Alter wie Durango, und etwas größer.

Dann sieh mal nach ihm, Roy!“, rief Jay Durango vom Baum her, ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen.

Ja, sehen Sie nach, vielleicht hat er Durst“, sagte der Doc. „Er kann ruhig etwas trinken.“

Der Mann namens Roy kam näher, kauerte sich neben Hunter, grinste ihn an und meinte gedehnt: „Hallo, Sheriff, das war eine lange Nacht, was?“

Wo... wo bin ich?“, fragte Hunter, und seine Stimme war so spröde, dass sie ihm selbst fremd vorkam.

Roy Catlin lächelte. „Durango hat Sie in Carrings Haus gefunden. Carring tot, irgendein anderer auch tot, nur Sie, Sheriff, Sie hingen noch an einem ganz winzigen Fädchen. Trotzdem waren Sie noch so clever, dass Sie Jay festnehmen wollten. Haha! Dabei konnten Sie nicht mal die Augen aufhalten, so groggy waren Sie.“

Wo bin ich?“, wiederholte Hunter.

Roy Catlin lachte wieder. „Ja, und der Doc hat eben eine Kugel aus Ihrer linken Schulter gefischt...“

Aus der rechten Schulter!“, verbesserte der Doc, ohne sich umzusehen.

Ja, aus der rechten“, fuhr Roy fort, ohne auf Hunters Frage einzugehen. „Also ein Mordsding, aber er hat sie 'raus. Und am Kopf ist Ihnen auch eine kleine Lokomotive entlanggefegt. Der Doc meint, das würde wieder. Sie hätten sowieso einen Holzkopf ...“

Zum Teufel, hören Sie auf, ihm solche Sachen zu sagen!“, rief der Doc und kam mit hochgekrempelten Ärmeln und nassen Händen näher. „Er bringt es fertig, mich nach seiner Genesung deshalb einzusperren. Es ist alles nicht wahr, Sheriff. Kein Wort stimmt!“, behauptete er und ging wieder zu seinem Wassertopf und den Instrumenten zurück.

Hunter grinste. Und Roy fuhr fort: „Also gut, er will es nicht. Jedenfalls werden Sie wieder, Sheriff. Die Leute in Yates Center brauchen keine Neuwahl anzukündigen. Nur vorübergehend wird man Sie vermissen, Sheriff.“

Was?“, krächzte Hunter.

Da kam Jay näher und stellte sich neben Roy Catlin, der noch immer vor Hunters Lager kauerte. „Mr. Hunter“, sagte Jay, „in diesem Land kann mich jeder halbgrüne Junge festnehmen. Ich werde hier wegen Mordes gesucht, und Sie wissen das ja auch. Ich bin aber unschuldig. Wäre ich es nicht, könnte ich in Texas gut und zufrieden leben, brauchte nur nie nach Kansas zu kommen und würde vielleicht sogar hundert Jahre alt. Weil ich aber unschuldig bin, weil ich den wirklichen Mörder aufs Kreuz legen möchte, deshalb bin ich hier. Und deshalb brauche ich Sie. Aber das erkläre ich Ihnen gleich. Zunächst einmal etwas anderes. Dort den Doc kennen Sie ja sehr gut. Aber da drüben bei den Pferden, das ist unser Freund Rio Shayne, Cowboy auf Rancho Bravo, dem Besitz von Tom Calhoun. Das hier ist Roy Catlin – ein Freund der Familie Calhoun, der zufällig in San Angelo weilte, als er von dieser Geschichte erfuhr. Ja, und mich kennen Sie ja schon. Wir drei sind schon eine Weile hier. Und so wissen wir seit einigen Tagen, wo sich Carring verkrochen hatte, wo Janson wohnte, und wir wissen auch, dass Gibson von Carring ermordet worden ist. Roy Catlin war Zeuge. Wir waren schon auf dem Wege zu Ihnen, da fügte es der Zufall, dass Sie die Hütte entdeckten und Gibson gefunden haben. Hunter, ich schätze, Sie haben gemerkt, dass Sie dieses Tagebuch von Gibson nicht ganz aus reiner Glückssache gefunden haben. Wir haben es schon gelesen, aber wieder so an denselben Platz gesteckt, dass Sie es finden mussten. Wissen Sie, warum Gibson umgebracht wurde?“

Weil er zuviel wusste“, erwiderte Hunter mit spröder Stimme.

Nicht nur das, Sheriff“, entgegnete Jay Durango, „er hat sogar versucht, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Gibson ist der einzige Freund, den ich hier hatte. Er hat gekämpft wie ein Löwe, um Hyam dorthin zu bringen, wo ihn Ihr Deputy Pickert fast schon einmal hatte, als er ihn ins Jail schaffte vor einem Jahr: an den Galgen.“

Hunter schwieg. Etwas machte ihn unruhig, und er vergaß darüber auch seine eigene Lage. Dieser Durango, so dachte er, kann wirklich nicht der Mörder von Baker sein. Ein Mensch, der das getan hat, kommt nicht wieder. Und Gibson, an den kann ich mich gut erinnern. Das war ein anständiger und gerechter Bursche. Er hat mir doch schon vor einem Jahr gesagt, dass Baker trübe Suppen abkocht. Vielleicht ist es wirklich so, und Hyam, der war zu allem fähig. Der hatte doch damals Meeker erschossen und ihn selbst schwer verletzt. Derselbe Hyam, der nun mit Bakers Witwe verheiratet sein sollte. Die Frau heiratet den Mörder ihres Mannes. Hier stimmt doch auch eine Menge nicht. Vielleicht sollte ich jetzt wirklich eine Entscheidung treffen, sollte klarstellen, ob ich nicht ganz einfach den Steckbrief missachte und ...

Da sprach es Jay Durango aus: „Sheriff, ich weiß, dass Sie ein anständiger Mann sind. Stellen Sie sich auf unsere Seite! Gehen Sie mit uns, wenn Sie wieder auf dem Posten sind. Sie könnten mir viel helfen, und ich glaube, ein bisschen Gerechtigkeitssinn werden Sie wohl noch haben.“

Hunter wollte sich aufrichten, aber der Doc, der jetzt seine Instrumente zusammenpackte, drohte ihm mit dem Finger. „Liegenbleiben!“, rief er.

Shayne näherte sich, die Hände in den Taschen, einen Grashalm im Mundwinkel. Das gebräunte Gesicht wirkte bedrohlich, besonders jetzt, da Shayne lächelte. Wer ihn nicht kannte, würde meinen, er bekäme gleich einen Wutanfall, so verzerrt wirkte sein Gesicht.

Es ist so“, sagte er mit wenig klangvoller Stimme, „dass Hyam amnestiert worden ist. Wegen all der Dinge, die er früher ausgefressen hat. Eine Sache ist aber nicht amnestiert. Die Richter müssen es wohl vergessen haben. Ich bin in Kansas gewesen, wo er jetzt lebt. Alle Gerichtsakten habe ich durchgesehen. Hat mich hundert Dollar gekostet, nicht gerechnet, was Mr. Calhoun noch dem Knilch bezahlt hat, der für uns alles untersuchen sollte. So ein ehemaliger Gerichtsmensch war das. Ja, und nirgendwo steht, dass Hyam von dem Tod Meekers und den Schüssen auf Sie vor einem Jahr frei gesprochen ist. Das ist noch offen.“

Hunter schluckte. Jetzt begann er zu begreifen. „Aber ... aber dann kann ich ... dann werde ich ihn ja ...“

Jay Durango nickte, und sein Bruder sagte: „Richtig, Sheriff, Sie können ihn deshalb noch festnehmeri. Nicht nur Sie! Ich denke mir, wenn Sie mich oder Shayne oder uns alle beide vereidigen, uns einen Stern anheften, dann könnten wir Ihnen eine Menge Arbeit abnehmen.“

Shayne nickte eifrig. „Während Sie Ihre Knochen auskurieren, erledigen wir alles übrige prompt und zuverlässig.“ Er grinste und schob die Hände noch ein Stück tiefer in die unergründlichen Taschen. „Ist das nicht ein verdammt smarter Vorschlag, Sheriff?“

Der Doktor hatte seine Tasche gepackt und kam näher, setzte die Tasche ab und ließ sich auf einem Baumstumpf nieder. „Ich bin überhaupt der Ansicht“, sagte er trocken, „dass diese drei Salzknaben ungefähr das Mustergültigste sind, was wir auf dieser Erdkugel anzubieten hätten. Stimmt es etwa nicht, Hunter?“

Hunter verzog das Gesicht, und Shayne meinte: „Sehr gut beobachtet. Doc, auch wenn es unser feiner Sheriff noch nicht weiß: wir sind wirklich so etwas wie sein gutes Omen. Während er jetzt gemütlich im Bett liegen wird und sich ausheilt, werden wir ...“

Einen Dreck!“, fauchte Hunter, und seine Stimme schnappte dabei über. Gleichzeitig schmerzte wohl sein Kopf wieder, und er hielt mit peinverzerrtem Mund inne. Nach einer Weile, als die Schmerzwelle nachließ, sagte er leise: „Durango, Sie stehen unter Mordverdacht, das Gericht hat Sie überführt...“

Es hat nichts. Kein Beweis, der stimmt, gar nichts. Nur ein Urteil. Ein falsches Urteil, begründet auf Meineiden. Einen davon hat Susan Baker geschworen. Pickert wurde angeschossen, weil er vielleicht eine wahre Aussage gemacht hätte. Und Gibson wurde bedroht. Das ist die Wahrheit. Und Sie reden von einem Gericht, das mich überführt hat. Hunter, ich habe sehr viel von Ihnen gehört, Gutes. Aber jetzt reden Sie wie einer dieser Coyoten aus Bakers Bahngesellschaft.“

Jay Durango zuckte die Schultern und sah den Arzt an.

Der nickte nur und hob beschwichtigend die Hände. Roy Catlin aber sagte zu seinem Freund: „Wir werden ihm diesen Hyam bringen. Dann muss der ihn ja einsperren.“

Wo bin ich hier?“, fragte Hunter nun zum dritten Mal. Er sah in die Runde, konnte aber offenbar nicht feststellen, wo er sich befand.

Roy sah Jay an. „Sollen wir es ihm sagen?“

Jay trat vor und sah Hunter an. „Sie sind nicht sehr hilfreich, Sheriff“, sagte er rau. „Sie sind hier nicht weit von der Bahnbrücke am Yates Valley entfernt. Es ist hier ungefähr die Stelle, wo Hyam sein Pferd stehen hatte, als er zu Bakers Salonwagen ging und Baker erschossen hat. Hinterrücks erschossen, wie Sie wissen, Sheriff.“ Er wandte sich an den Arzt. „Doc, ich denke, Sie können ihn im Wagen mitnehmen, wie?“

Er wird lauter frohe Lieder singen, so wohl wird ihm dabei werden“, meinte der Doktor ironisch. „Mr. Durango, jetzt wollen wir doch mal vernünftig reden. Sie müssen Hunter verstehen, der hat irgendwie auch seine Pflicht als Sheriff im Kopf. Dazu gehört es auch, Sie festzunehmen. Immerhin sucht man Sie in Kansas. Und ein Sheriff hat nicht danach zu fragen, ob er persönlich Sie für schuldig hält oder nicht. Sie dürfen nicht mit Hunter rechnen. Mr. Durango, die ganze Geschichte können nur Sie allein ausbügeln. Vielleicht wird Hunter manchmal ein oder gar zwei Augen zudrücken, aber helfen ... nein, helfen kann er Ihnen nicht.“

Hunter räusperte sich. Roy Durango kauerte sich neben ihn. „Zigarette?“ fragte er.

Hunter nickte kaum merklich, und Roy drehte ihm eine. Als sie brannte, Hunter genussvoll den ersten Zug machte, sagte Jay: „All right, Sheriff, wir machen es selbst, aber egal, was Sie denken, wir werden Ihnen eines Tages den Beweis servieren ... und Bill Hyam.“

Der Doc hat recht“, meinte Shayne. „Man kann es von Hunter nicht verlangen. Heben wir ihn auf den Wagen, und dann weg hier!“

Hunter sah Jay an. Seine Augen schienen im Feuerschein zu leuchten. „Ich werde sehen, ob ich nicht selbst dahinterkomme ... Habt ihr das Tagebuch?“

Nein, wir haben es Ihnen gelassen, Sheriff. Sie sind uns als Zeuge gut. Der Doc hat’s auch angesehen. Das genügt.“

Well, dann bringt mich auf den Wagen, damit der Doc mich in irgendein Bett schaffen kann“, brummte Hunter.

Der Doc wird langsam fahren, Sheriff, es ist kein sehr glatter Weg.“ Jay kratzte sich verlegen am Hinterkopf, aber einen Ausweg, den Verletzten besser nach Yates Center zu bringen, wusste er nicht.

Nicht sehr glatt, hat er gesagt“, höhnte der Doktor. „Ein Sturzacker ist der reinste blanke Tisch gegen diesen Pfad. Hunter, mein Guter, Sie werden Ihre Zähne verdammt nötig haben!“

Die Zähne, wozu denn?“, fragte Roy Catlin verständnislos.

Der Doc lachte bitter. „Damit er sie zusammenbeißen kann, mein Freund!“

 

*

 

In der Nacht ritten sie los. Jay saß wortkarg im Sattel, Catlin unterhielt sich mit Shayne, dessen Laune aber auch gelitten hatte.

Du kannst es ihm doch nicht übelnehmen“, meinte er, zu Jay gewandt. „Er ist Sheriff, und was soll er machen? Ich finde, er hat von seinem Standpunkt aus auch recht.“

Jay schwieg, statt dessen antwortete Roy: „Recht oder nicht recht, es macht unsere Sache nicht besser. Jay wollte sich diesen Hyam ganz legal herausfischen lassen. Jetzt riskieren wir eine Menge, und wer weiß schon, ob Pickert am Ende nicht doch noch kneift.“

Pickert? Der ist ein Gerechtigkeitsfanatiker.“ Shayne schob sich das Stück Priem in den Mund, das er von der Tabakstange abgeschnitten hatte, und machte es sich im Sattel bequem wie in einem Lehnstuhl. Er ließ dem Schecken die Zügel locker und schaukelte bei jeder Bewegung des Pferdes mit, als sei kein einziger Knochen in seinem Körper.

Auch Catlin ritt in dieser Haltung, in der er wie alle Cowboys viele Stunden im Sattel verharren konnte.

Nur Jay entspannte sich nicht. Er hatte auf Hunters Unterstützung gehofft, besonders dann, als sie ihn auch noch finden konnten. Wenn er aber mit sich ehrlich war, musste er zugeben, dass sie in jedem Falle ein Interesse an einem lebenden und gesunden Sheriff hatten, der für viele Dinge ein erstklassiger Zeuge war. Und außerdem, auch das gestand sich Jay ein, hätten sie es gar nicht fertiggebracht, Hunter etwa dort liegenzulassen.

Jay wusste aber nicht, wozu Hunters Gesetzesgehorsam imstande war. Dieser Mann schien ihm auch dazu fähig, vom Bett aus eine Posse hinter Jay herzuschicken, nur weil der gesucht wurde. Hunter würde womöglich nicht beide Augen zudrücken.

Der Gedanke, eine Posse im Rücken zu haben, gefiel Jay nicht. Er war auch beunruhigt durch die neuesten Berichte von Hyam, der also Susan Baker geheiratet hatte. Und Präsident der Bahn war er auch geworden. Hyam, der soviel weiß, dass er die Mächtigen von Bakers und Susans Familie erpressen kann, sagte sich Jay. Dabei weiß er weniger als ich.

Ich werde Hyam finden, und wenn ich ihn habe, wird er Farbe bekennen. Er kommt mir diesmal nicht wieder davon. Und Susan! Sie hat einen Meineid geschworen, dieselbe Susan, die mich vor Bakers Plänen warnen wollte. Aber das war es ja gar nicht. Damals hielt sie schon mit Hyam, und der glaubte mich auf seiner Seite. Ich war das Opfer für sie, für sie und für Baker, je nachdem, wie es ausgehen sollte. Dann die Farce von einer Gerichtsverhandlung. Jeder Anwalt, der mich vertreten wollte, wurde von der Familie Bakers unter Druck gesetzt.

Nein, Susan, das sollst du bezahlen. Sie hatte gesagt, den Mord gesehen zu haben, mich mit dem Revolver in der Hand erkannt zu haben. Unter Eid diese Lüge. Ihre Schwester, die sicher nicht gelogen hätte, hatte die Familie schnell weggebracht. Sie sei krank, sie könne nicht aussagen. hieß es. Dabei hätte man sie auch am Krankenbett verhören können. Doch das Gericht machte sich diese Mühe nicht.

Jay musste sich zwingen, nicht zu sehr vom Hass überwältigt zu werden. Er musste sich auch zwingen, jedes Wunschdenken wegzulassen. Wenn er gegen Susan angehen wollte - und das musste er, sobald er Hyam zu zwingen versuchte - musste er auch gegen die ganze Macht der Baker-Familie und der Mailers, von denen Susan abstammte, kämpfen. So mächtige Familien, die es mit einer Handbewegung erreichten, dass ein Schwerverbrecher wie Hyam amnestiert wurde, dass er sogar in die Bahngesellschaft einsteigen konnte und aufgrund seiner Anteilemehrheit noch deren Präsident wurde. Die Macht dieser alten Mayflower-Familien zu brechen, war praktisch unmöglich. Hinter diesen Leuten stand der halbe US-Senat, stand die gesamte Aristokratie von Boston und Wallstreet. Deren Arm reichte auch bis hierher in den Westen. Diese Geldaristokratie kannte auch wenig Skrupel, wenn es um ihren Ruf ging. Einen Vorgeschmack hatte Jay ja in seiner Verhandlung bekommen.

Er musste auch an Cissy denken, die etwas burschikose Cissy, die ihrer Schwester Susan so gar nicht ähnlich war. Anfangs hatte er sie überhaupt nicht beachtet, und er musste lächeln, wenn er sich jetzt daran erinnerte. Rotbackig wie ein reifer Apfel, goldblond das dichte Haar und noch ein wenig eckig in den Formen ihres Körpers, aber von sprühendem Temperament, das war Cissy, wie er sie im Gedächtnis hatte.

Und gleichzeitig musste er auch an Edna denken, das Mädchen vom Fluss, wie er sie nannte, weil er sie am Fluss kennengelernt hatte, damals, als er den kleinen Svennie herausgefischt hatte und er so in Jansons Fänge geraten war. Edna schien viel für ihn übrig zu haben. Sie hatte ihn im Gefängnis vor dem Prozess immer besucht, hatte ihm nach Texas geschrieben, als sie wohl wusste, wo er steckte, und sicher rechnete sie nun damit, irgendwann von ihm besucht zu werden. Auch der alte Fredericks, Ednas Vater, wollte ihm ja immer helfen. Sie vergaßen eben nicht, dass er Svennie gerettet hatte. Einfache, aber anständige Menschen.

Und die Bakers? Dafür, dass Jay Baker und seine Truppe vor dem sicheren Tod bewahrt hatte, wollten sie ihn vernichten, weil er wusste, weshalb Baker sich und seine Leute ins Unglück gerissen hatte.

Roy unterbrach Jays Gedanken. „Das ist hier Scrubbland, Jay, müssen wir nun mehr auf die Berge zu oder ...“

Geradeaus“, meinte Shayne. „Was sagst du, Vormann?“, fragte er Jay.

Jay hob den Kopf. Die Büsche und Strauchgruppen aus Scrubb wirkten im Mondlicht wie viele über das Grasland verteilte Gnome, die still verharrten.

Tja, ich glaube auch, dass wir geradeaus müssen. Der Doc sagte ja, wir würden auf die kleine Ranch stoßen.“

Jay, ich meine, wir sollten etwas schneller reiten“, erklärte Shayne. „Immerhin steht fest, dass sie schon wussten, was ihnen mit dir bevorsteht. Carring hat es ja gesagt, dass du kämst. Also werden es auch noch ein paar andere wissen.“

Jay nickte. „Werden sie auch, Rio, aber wenn wir mit Pickert gesprochen haben, könnte sich einiges ändern.“

Falls er nicht ebenso ein Narr ist wie Hunter“, erwiderte Roy Catlin.

Kurz darauf sahen sie den Lichtschein. Er war vor ihnen in einer flachen Bodenmulde zu erkennen.

Sieht wie die Ranch aus, aber eine sehr kleine.“ Shayne kramte nach seinem uralten Fernrohr.

Jay hatte schon das Fernglas in den Händen, das er einmal einem Yankeeoffizier während des Krieges abgenommen hatte. „Ist eine Ranch, zwei Gebäude. In dem linken brennt das Licht. Der Doc sagte doch etwas von einem Zaun?“

Kurz vor der Ranch wäre der, hat er gesagt“, erklärte Roy. „Aber es gibt ein Tor mit einem Wagenrad darüber, dann ist es die richtige Ranch. Wenn Pickert nur da ist.“

 

*

 

Details

Seiten
140
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906431
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v350660
Schlagworte
angelo country durango

Autor

Zurück

Titel: San Angelo Country 46: Jay Durango gibt nicht auf