Lade Inhalt...

San Angelo Country 45: Jay Durangos Lohn

2016 120 Seiten

Zusammenfassung

Nach dem Ende des blutigen Bürgerkrieges muss Texas ganz besonders unter der Yankee-Besatzungsmacht leiden. Die Armee beherrscht alles, und die hohen Steuern beeuten für die Verlierer des Krieges eine ständige Angst vor dem Ruin. Auch Tom Calhoun und Rancho Bravo sind davon betroffen. Andere Rinderzüchter stehen ebenfalls am Rand ihrer Existenz. Calhouns Viehbestand wurde gepfändet – und das bedeutet für ihn das Ende. In dieser ausweglosen Situation erhält Jay Durango, der Vormann von Rancho Bravo, plötzlich eine unerwartete Nachricht von einem gewissen John Canfield Baker. Er behauptet, Durango zu kennen und möchte ihn für gewisse Dinge finanziell entschädigen, die während des Krieges geschahen. Diese Einladung kommt genau zum richtigen Zeitpunkt, denn mit diesem Geld könnte Durango seinen Boss vor dem Ruin retten.
Er ahnt jedoch nicht, dass Baker ganz andere Pläne hat – und dass er dadurch selbst in große Gefahr gerät. Als er erkennt, was Baker wirklich von ihm will, steckt er bereits Hals über Kopf in Schwierigkeiten. Und sein eigenes Leben ist keinen Cent mehr wert ...

Leseprobe

SAN ANGELO COUNTRY

 

Band 45

 

Jay Durangos Lohn

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Hermann Wendelborg Hansen, 2014

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

Nach dem Ende des blutigen Bürgerkrieges muss Texas ganz besonders unter der Yankee-Besatzungsmacht leiden. Die Armee beherrscht alles, und die hohen Steuern beeuten für die Verlierer des Krieges eine ständige Angst vor dem Ruin. Auch Tom Calhoun und Rancho Bravo sind davon betroffen. Andere Rinderzüchter stehen ebenfalls am Rand ihrer Existenz. Calhouns Viehbestand wurde gepfändet – und das bedeutet für ihn das Ende. In dieser ausweglosen Situation erhält Jay Durango, der Vormann von Rancho Bravo, plötzlich eine unerwartete Nachricht von einem gewissen John Canfield Baker. Er behauptet, Durango zu kennen und möchte ihn für gewisse Dinge finanziell entschädigen, die während des Krieges geschahen. Diese Einladung kommt genau zum richtigen Zeitpunkt, denn mit diesem Geld könnte Durango seinen Boss vor dem Ruin retten.

Er ahnt jedoch nicht, dass Baker ganz andere Pläne hat – und dass er dadurch selbst in große Gefahr gerät. Als er erkennt, was Baker wirklich von ihm will, steckt er bereits Hals über Kopf in Schwierigkeiten. Und sein eigenes Leben ist keinen Cent mehr wert ...

 

 

 

Roman

 

Da ist draußen ein Mr. Burley, der Sie sprechen möchte, Sir“, sagte der kleine Sekretär.

Sieht aus wie einer von den verlausten Rinderzüchtern“, ergänzte der bullige Revolvermann Carring näselnd. „Soll ich ihn abwimmeln, falls Sie ihn nicht sehen möchten, Boss?“

Der Sekretär und der Revolvermann sahen beide auf Baker. John Canfield Baker. Wie eine Statue stand der große Mann in seinem Salonwagen, links von sich den Plantisch mit den Zeichnungen der Brücke. Er stand dort und sah hinaus aus dem Fenster, als habe er die Gegenwart seiner drei Ingenieure und der beiden anderen Männer völlig vergessen. Er sah hinaus übers Tal, über die beiden gigantischen unvollendeten Pfosten der zukünftigen Brücke hinweg. Er sah über das Gewimmel einer Vielzahl von Arbeitern, Iren, Deutsche, Italiener, Polen, Mexikaner. Dreihundert waren es. Sie schufteten wie besessen.

Colonel John C. Baker baute die Querverbindung von der Atchison, Topeka & Santa Fé Railroad zur Southern Pacific. Er baute sie durch Täler, über Berge, bei Tag und bei Nacht. Der große Baker aus Washington. Der reiche Baker, weil er zur Aristokratie der Staaten zählte. Der glückliche Baker, weil er eine Frau von vierundzwanzig Jahren gefreit hatte. Tochter eines Millionärs. Er hätte ihr Vater sein können, gut und gerne.

Er stand wuchtig und selbstbewusst mitten im Raum. Und noch immer starrte er hinaus. In seinem Gesicht zuckte ein Backenmuskel. In seinem Hirn kreisten die Gedanken um einen Namen: Burley. Er überlegte, und er sah wieder den Sumpf. Damals, vor fünf Jahren. Nein, nicht daran denken! Es muss ein anderer Burley sein, sagte er sich. Ein anderer Burley. Jener ist doch lange tot. Ist doch fünf Jahre... Nein, er kann es nicht sein.

Er soll ’reinkommen!“, befahl er schließlich, und der Klang seiner sonoren Bassstimme ließ das Kaffeegeschirr klirren. „Lasst mich mit ihm allein!“

Die Ingenieure rollten ihre Skizzen ein, der kleine Sekretär huschte hinaus. Aber als Carring auch gehen wollte, rief Baker: „Carring, bleiben Sie hier. Setzen Sie sich dort hinter den Vorhang... für alle Fälle!“

Carring grinste. Er schlug vielsagend auf seine beiden Revolverhalfter, trat hinter den Vorhang, der ein Regal verbarg und zog ihn hinter sich zu. Nun würde der Besucher ihn nicht bemerken. Hinten vor dem Regal war ein Stuhl. Carring setzte sich, zog den rechten Colt und ließ die Trommel rotieren. Seine geschmeidigen Hände streichelten das blauschwarze Metall. Schmale Hände, die gar nicht zu diesem schwergewichtigen Mann zu passen schienen.

Baker trank seinen Kaffee aus, sah kurz auf den ausladenden Sessel hin, doch dann entschloss er sich wohl, seinen Besucher stehend zu empfangen und trat neben das Fenster. Da schlug schon die Tür auf, und der Sekretär äugte herein.

Mr. Burley, Sir!“

Das Gesicht des Sekretärs verschwand. Ein weißhaariger Mann in tadellosem grauen Anzug trat ein. Trotz des weißen Haares wirkte der Mann sehnig und straff. Er mochte fast sechzig Jahre alt sein, dennoch war außer dem Haar und dem wie Leder wirkenden Faltengesicht nichts an ihm alt. Er trug einen Colt unter dem Dreiviertelrock. Aufrecht und sehr entschlossen trat der Mann näher.

Er ist es nicht, dachte Baker, aber gleichzeitig hatte er ein sehr ungutes Gefühl. Er spürte förmlich die Gefahr näher kommen.

Burley nickte ihm kühl zu. „Mein Name ist Burley, Thomas Burley. Wir kennen uns nicht persönlich, aber ich komme eben aus San Angelo. Das ist eine kleine Stadt in Texas...“

Baker sanken die Schultern herab. Also doch! dachte er. Im Handumdrehen standen die alten Bilder wieder auf. Der Sumpf, die von den Rebellen gesprengten Dämme, das kleine Eiland inmitten tödlichen Moores. Und auf dieser winzigen Insel, umklammert vom Sumpf, einhunderteinundzwanzig Unionssoldaten. Seit Tagen dort, seit Tagen ohne Essen, ohne Ausweg, ohne Hoffnung, je wieder aus dem Sumpf zu kommen. Damals, vor fünfeinhalb Jahren...

Sind .. sind Sie Lieutenant Burleys Bruder?“, fragte Baker mit spröder Stimme.

Der alte Mann schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin sein Vater, Mr. Baker. Ich bin bei Jay Durango gewesen, um mir von ihm erzählen zu lassen, wie es war. Dieser Durango war doch auch Lieutenant - nur eben bei den Rebellen. Erinnern Sie sich an Durango?“

Ja, ich glaube, der Name... ich muss den Namen schon gehört haben“, meinte Baker und griff zur Zigarrenkiste. Als er mechanisch die silberne Schachtel Burley hinstreckte, schüttelte der nur den Kopf und fuhr fort: „Baker, wir wollen es deutlich besprechen, ohne Umschweife: dieser Durango hat es mir erzählt. Hören Sie zu! Sie kamen am 3. Oktober in Salurney an. Dann sind Sie nachts mit Ihren insgesamt dreihundertzehn Mann weitergezogen, es ging durch den Sumpf. Sie hatten zwei Scouts dabei, die angeblich den Weg kannten. Die Scouts waren in Wirklichkeit Rebellen. Sie führten Sie und Ihre Leute auf jene Insel. Dann machten Sie dort Rast. Die Zeit reichte den Rebellen. Inzwischen waren die Dämme gesprengt. Das Wasser im Sumpf stieg von Sekunde zu Sekunde ...“

Ja, warum erzählen Sie mir das alles?“, schrie Baker. Er presste die Hände an die Schläfen und war leichenblass. Burley wusste alles, alles!

Ich bin noch nicht fertig, Baker! Das Wasser umgab Sie und die Truppe. Noch hatten Sie eine Chance. Aber die Scouts flohen. Dann wurden die Rebellen aktiv. Mit zwanzig Mann und einer alten Kanone schossen die Burschen, als wärt ihr nur eine Zielscheibe gewesen. Und das Wasser stieg weiter. Baker, und jetzt hören Sie ganz genau zu: denn nun kam Durango zum ersten Male. Er kam und bot Ihnen an, das Feuer einzustellen, wenn ihr euch ergebt. Er bot an, euch auch aus dem Sumpf zu führen. Sie, Baker, lehnten ab. Und Durango ging zu seinem Captain und den anderen neunzehn Mann zurück. Nun holten sie noch eine zweite Kanone und schossen aus sicherer Entfernung. Ihr wart verloren. Da kam Durango soweit, wie er kommen konnte, bot an, euere Verletzten abzuholen, wenn ihr anderen schon weiterkämpfen wolltet. Sie ließen auf den Parlamentär schießen, Baker, Durango wurde dabei am Arm getroffen. Die Rebellen zogen sich zurück, schossen nicht mehr, sondern warteten weit entfernt auf das Signal der Kapitulation. Es kam nicht...“

Hätte ich wie ein Hund um Gnade winseln sollen?“, schrie Baker.

Der alte Mann zuckte die Schultern. „In jener Nacht sind drei Soldaten verblutet. Sie könnten noch leben. Am nächsten Tag starb mein Sohn. Auch ihm hätte man helfen können. Das Wasser stieg nun nicht mehr. Aber es gab scheinbar keinen Ausweg mehr. Allmählich starben alle Verwundeten. Aber Sie dachten nicht an Kapitulation. Es widersprach Ihrer Offiziersehre, sich von zwanzig Rebellen geschlagen zu geben. Inzwischen waren die Rebellen dahintergekommen, wer Sie waren. Ein Colonel in ihrer Falle, das gefiel ihnen. Sie wollten Sie haben, weil sie hofften, Sie als Tauschobjekt den Yankees anzubieten, die Jacksons Sohn, der auch Oberst war, geschnappt hatten. Nun tauchte in der Nacht abermals Durango nahe Ihrem Lager auf, und Sie alle begriffen nicht, wie er durch den Sumpf kommen konnte. Baker, er war überhaupt der einzige Mensch, der von diesem Pfad wusste, über den er euch später geführt hat. Auch die anderen Rebellen hatten davon keine Ahnung.

Durango wurde diesmal nicht beschossen. Er sprach nur mit Ihnen und Ihrem Stellvertreter, einem Captain, der nachher sterben musste. Wie, das sage ich noch...“

Verdammt, was geht mich dieser alte Kram an. Ich kann Ihnen nicht mehr die Zeit...“ Baker wollte zur Tür, doch Burley hielt ihn am Arm fest.

Sie haben genug Zeit. Soviel Zeit hatten Sie noch nie, Baker! Durango forderte Sie auf, sich gefangenzugeben. Dafür würde als Lohn die übrige Truppe von ihm aus dem Moor geführt. Sogar die Waffen sollten alle behalten. Nur Sie, Baker, nur Ihren Kopf wollte man. Und Sie wären bald wieder zu Hause gewesen, das sagte Ihnen Durango auch. Doch Sie lehnten ab. Durango ging. Nun versuchten Sie, ihm eine Patrouille folgen zu lassen. Sieben Mann ertranken jämmerlich im Sumpf, einer kam halbtot zurück. In den nächsten drei Tagen starben noch mehr Verletzte. Die anderen hatten nichts mehr zu essen, einige bekamen Sumpffieber. Manche litten unter Ruhr. Es kam zu Schlägereien, die Disziplin ließ nach. Nur der Captain wusste, was Ihnen Durango angeboten hatte. Er forderte von Ihnen angesichts der Verzweiflung Ihre persönliche Kapitulation. Sie verweigerten das. In der Nacht schossen Sie heimlich auf den Captain. Er war nicht sofort tot und schoss zurück. Davon rührt Ihre Verletzung am Bein her. Dann musste der Captain sterben. Er hatte einen Bauchschuss ...“

Zum Teufel, Burley, wer hat Ihnen dieses Märchen ...“

Durango ist Zeuge gewesen. Er war immer in eurer Nähe. Die Rebellen wussten genau Bescheid, was mit euch los ist. Das heißt, Durango hat mir das nicht selbst erzählt, das steht woanders. In einem Kriegstagebuch seiner Truppe. Und dort habe ich es auch gelesen und bin auf alle diese Dinge gestoßen. Und wie Sie wissen, Baker, hieß auch der Captain Burley. Sie haben also ihn direkt und meinen anderen Jungen indirekt auf dem Gewissen. Ich komme aus Illinois, ich bin den weiten Weg nicht umsonst gefahren. Das nur am Rande, Baker.

Dieser Durango konnte eure Dummheit nicht mehr mitansehen. Schließlich bot er euch an, euch aus dem Sumpf zu retten. Es war eine menschliche Leistung, denn fortan galt er für seine Truppe als Befehlsverweigerer, womöglich sogar als Verräter. Doch die Konföderierten dachten in diesem Punkte human. Sie akzeptierten es, weil von euch keiner bis Kriegsende noch imstande war, ein Gewehr zu halten. Die Unionstruppen revanchierten sich bei Durango und ließen ihn ungeschoren bei Kriegsende laufen. Er ging nach Texas zurück, und somit wäre alles erledigt. Wenn eben nicht gerade meine beiden Jungen gefallen wären, durch Ihre Schuld. Und wenn...“

Was wollen Sie von mir?", fauchte Baker scharf.

Burley lächelte. „Nichts weiter als Mut. Stellen Sie sich einem Kriegsgericht. Bekennen Sie die Wahrheit!“

Soll ich darüber lachen? Das war ein dummer Witz!“, erwiderte Baker kalt. „Ich würde Sie sogar mit Gewalt...“

Dass ich nicht kichere, Burley! Sie sind hier mitten auf meiner Baustelle. Ihre Chance, mich zu bedrohen, ist null Komma null.“

Vielleicht nehme ich auch dem Gericht eine Mühe ab? Sie sollten darüber nachdenken. Und noch was, Baker, ich habe da einen Brief in Yates Center hinterlegt, natürlich beim Sheriff, Baker. Wenn ich übermorgen nicht dort bin, Baker, wird sich der Sheriff um diesen Brief kümmern. Verstehen Sie, wie ich das meine? Es wäre also sehr unklug, wenn Sie ...“

Baker lächelte, und seine imposante Gestalt straffte sich wieder. Er stemmte die Hände in die Hüften, nickte zufrieden und fragte: „Dem Sheriff in Yates Center haben Sie den Brief gegeben?“

Ich sagte es.“ Burley hielt Bakers plötzliche Selbstsicherheit wohl für unecht. Deshalb verzichtete er darauf, auch noch die zweite Rückversicherung anzukündigen, die er außer dem Brief noch in seinem Plan eingebaut hatte.

Also ist dieser Brief bei Hunter, Sheriff Hunter. Hmm, damit sind wohl alle Probleme geklärt... Carring, übernehmen Sie die weitere Verhandlung“, rief Baker und blickte an Burley vorbei zum Vorhang hin.

Carring wischte den Vorhang zur Seite und machte einen Schritt nach vorn. Seine Arme hingen scheinbar locker herab, aber in Wirklichkeit waren sie angespannt wie Bogensehnen.

Burley, schnallen Sie ab!“, befahl Carring.

Er hatte Burley wohl so eingeschätzt, wie es in seinen Plan passte. Burley sah ihn an, bemerkte, dass Carring keine Waffe in der Hand trug, wusste, dass Baker völlig unbewaffnet schien, deshalb rief er scharf: „Scheren Sie sich zum Teufel, Sie Kläffer!“

Burley, Sie sind ein Feigling, ein ganz erbärmlicher kleiner Hundesohn!“, hetzte Carring.

Bis jetzt war Burley überlegen gewesen, weil er ganz einfach keine Gefühle gezeigt hatte. Nun machten sich doch die Strapazen des langen Rittes, sein Alter und der aufgestaute Hass bemerkbar.

Nur eine Sekunde lang verlor er die Beherrschung. Seine Rechte zuckte zum Revolver.

Diese Bewegung war es, auf die Carring so sehnlich wartete. Immer wartete er bei seinen Auftragsgegnern auf solche Bewegungen. Denn dann wurde vor dem Gesetz aus dem Mord unbestrafte Notwehr. Auch wenn es ein Mord blieb, weil Carring viele Male schneller im Ziehen war als der alte Burley.

Burley sah nur eine blitzartige Bewegung, einen Feuerstrahl, der auf ihn zuschoss, den stechenden Schlag an der Brust, und als er schon fiel, hörte er den Knall wie aus weiter Ferne. Es war seine letzte Wahrnehmung.

 

*

 

Carring steckte den Revolver weg und betrachtete nachdenklich den Toten. Dann blickte er Baker an, der plötzlich blass und krank aussah.

Es ... es war scheußlich ... Lassen Sie ihn wegbringen, Carring“, sagte Baker heiser.

Und der Sheriff?“, fragte Carring näselnd.

Hunter muss her, am besten, es reitet gleich einer los."

Der Sekretär stieß die Tür auf. „Mr. Baker, ist was...“ Dann sah er den toten Burley. „Ach so“, seufzte er, „ich habe es schon geahnt, als ich ihn vorhin sah.“

Tut er dir leid?“, fragte Baker den kleinen Mann.

Carring knurrte wie ein gereizter Tiger und sah den Sekretär herausfordernd an.

Ja, er tut mir leid. Alle tun mir leid, die so sterben mussten.“ Dann drehte er sich um und ging hinaus.

Gibson, Sie haben mir das schon ein paar Mal gesagt“, rief ihm Carring nach. „Sie werden es bestimmt nicht noch einmal sagen!“

Der kleine Mann blieb stehen, drehte sich halb um und sah Carring an. „Ich würde mich freuen, wenn es nie wieder einen Grund gibt, so etwas zu sagen. Aber wie ich Sie kenne, Carring, werden Sie immer wieder Gründe genug liefern. Eines Tages wird Gott Sie dafür bestrafen.“

Carring lachte geringschätzig. „Augenblick, Clark“, rief Baker dem Sekretär nach, als der die Tür hinter sich schließen wollte.

Ja, Sir?“, erwiderte Clark Gibson, ohne sich umzudrehen.

Sorge dafür, dass Hunter sofort zu mir kommt. Und schick auch sofort Meeker her. Er soll darauf achten, dass niemand neben meinem Wagen herumsteht. Klar?“

All right“, sagte Gibson und schlug die Tür hinter sich zu.

Carring folgte ihm und kam kurz darauf mit zwei Männern zurück, die Burley hinaustrugen. Eine alte Mexikanerin, deren Gesicht fast wie vertrocknete Apfelsinenschale aussah, erschien mit einem Eimer und Schrubber, um das Blut wegzuwischen.

Baker zündete sich indessen eine Zigarre an und ging in sein hinteres Zimmer, wo er schlief und auch sein Privatzimmer hatte.

Seine junge Frau blätterte in „Harper’s Magazine“, einem nicht mehr druckfrischen Exemplar. Die Sonnenstrahlen, die jetzt durch die Waggonfenster fielen, ließen Susan Bakers Haar wie gesponnenes Gold erscheinen.

Baker bemerkte nicht, wie sich das hübsche Gesicht seiner Frau veränderte, als er eintrat. Denn sie blickte nicht von ihrer Lektüre auf. Aber ihre Augenbrauen zogen sich leicht zusammen, ihre Stirn war ein wenig gerunzelt. Unwillig bogen sich die Mundwinkel nach unten. Aber dennoch wirkte sie auch jetzt sehr anziehend. Hunderte von Verehrern hatte sie gehabt. Jeder von ihnen wäre glücklich gewesen, sie zu heiraten. Aber man entschied anders. Man, das waren ihre Eltern, der Familienrat, den sie deshalb verfluchte. Sie liebte diesen um dreißig Jahre älteren Mann nicht, sie achtete ihn höchstens. Aber sie war streng erzogen. Sehr streng, obgleich sie manchmal diese Fesseln einfach von sich werfen mochte.

Baker bot ihr alles, was er ihr an materiellen Vorteilen bieten konnte. Dass sie hier in die Wildnis gezogen war, entsprang ihrem eigenen Entschluss. In Washington wäre sie verrückt geworden ohne jede Abwechslung. Aber vielleicht war es ein Fehler. Immer wieder bemerkte sie die lüsternen Blicke der Männer im Camp. Anfangs war es ihr zuwider gewesen. Jetzt störte es sie kaum noch. Und bei manchem Mann, dem einen Ingenieur zum Beispiel, gefiel ihr dessen offene Zuneigung. Wenn Baker etwas merken würde, konnte dieser Ingenieur sicher seine Sachen packen.

Sie wusste nicht, dass ein Mann bereits tot in der Erde lag, nur weil er geäußert hatte, er werde eines Tages „diese Frau in den Armen halten.“ Es wurde Carring hinterbracht.

Carring sprach mit Baker, und dann hieß es kurz darauf, ein Arbeiter habe Carring angefallen. Carring habe in Notwehr geschossen. Ein Betriebsunfall, wie Baker es nannte.

Susan“, sagte er leise.

Habt ihr euch duelliert?“, fragte sie, blätterte eine Seite um und las scheinbar ungestört weiter.

Du fragst das, als sei dir alles egal!“, meinte er empört. „Es ist von einem Mann angestiftet worden, auf mich zu schießen. Von einem fremden Mann, Susan.“

Sie legte die Zeitung weg, sah ihn an und lächelte. „Ich sehe, dass er dich verfehlt haben muss.“

Nein, er ist gar nicht dazugekommen. Carring war glücklicherweise schneller.“

Sie schüttelte angewidert den Kopf. „Dieser Carring ist ein ekelhafter Mensch. Seine Nähe, der Gedanke, dass er immerzu hier im Wagen ist, das macht mich bald wahnsinnig. Er ist wie ein Wolf.“

Aber ein abgerichteter Wolf, der seinen Herrn schützt“, erwiderte Baker beruhigend. „Er hängt an mir.“

Ihre wasserhellen Augen blitzten ihn an. „An dir? An deinem Geld, John. Und wenn er auch treu sein mag, dann ist es eben wie bei einem Raubtier. Plötzlich fällt er dich an. Du weißt nie vorher, wann das ist. John, schick ihn fort. Er wird dir eines Tages viel Unannehmlichkeiten bereiten.“

Aber, aber Süße! Mach dir bitte keine Sorgen. Hast du übrigens den Brief gelesen, der gestern gekommen ist?“, fragte er, um sie abzulenken.

Sie nickte. „Von Cissy. Sie will auch mal sehen, wie eine Brücke gebaut wird, und Ende der Woche wird sie hier sein.“

Deine Schwester hier?“, rief er entrüstet. „Noch eine Frau im Camp?“

Sie lachte amüsiert.

Nun hör mal, John, es sind meines Wissens mindestens zwanzig Frauen im Camp...“

Mexikanerinnen, Osage-Squaws, das ist etwas ganz anderes.“

Der Schachtboss hat auch seine ...“

Eine fette, alte Frau. So etwas zählt nicht.“

Sie ist sehr nett und immer so hilfsbereit. Du sprichst von ihr wie von einer Kuh. Das ist sehr ungezogen, John. Wenn wir Mrs. Dwight nicht gehabt hätten in der ersten Zeit hier oben, und vor allem damals, als die vier Männer abgestürzt sind, es wäre manches nicht so glatt gelaufen. John, du bist sehr ungerecht. Sie ist nicht mehr jung, gewiss, aber fett brauchst du sie nicht zu...“

Er hob abwehrend die Hände. „Hör auf! Es passt mir jedenfalls nicht, dass Cissy kommt.“

Sie zuckte die Schultern. „Mir aber sehr. Und wegschicken kannst du sie nicht. Sie ist auch sicher schon auf dem Wege hierher.“

Hol’s ... ach, verdammter Weiberkram!“, knurrte er, wandte sich brüsk um und ging mit schwerem Schritt aus dem Raum. Die Tür fiel hinter ihm zu, und Susan starrte entsetzt in die Richtung, wo er eben noch gestanden hatte.

 

*

 

Carring saß im Sessel, hatte den Hut ins Genick geschoben und rauchte eine von Bakers langen Zigarren.

Als Baker durch das Fenster links blickte, sah er Meeker mit einem Gewehr neben dem Waggon stehen. Meeker, das Halbblut, ein Gewehr und Revolverschütze, der fast nie daneben traf.

Auf dem kleinen Rauchtisch stand Redeye-Whisky. Baker füllte sein Glas und trank. Dann wandte er sich Carring zu, der ihn wie verschlafen anblinzelte.

Carring, Sie müssen diesen Burschen, diesen Durango, finden.“

Ist es nötig, dass er dann noch viel sagt oder...“

Baker schüttelte widerwillig den Kopf. „Nein, nicht töten, sind Sie verrückt? Ich werde ihn hierherkommen lassen. Er muss seine Belohnung bekommen. Schließlich hat er hunderteinundzwanzig Menschen gerettet.“ Baker lachte bitter. „Ich werde ihn belohnen, Carring.“

Und was kostet das?“, fragte Carring interessiert. „Ich meine, was fällt für mich dabei ab?“

Baker maß Carring mit einem abschätzenden Blick. Nein, dachte er, Carring würde ihn nicht verkaufen. Dazu waren sie beide viel zu tief miteinander in gegenseitige Schuld verstrickt. Damals hatte er Carring vor dem Galgen bewahrt. Sicher, Carring würde kaum jemals deswegen sentimental werden, aber sicher dachte er ab und zu daran. Und Geld bedeutete ihm am Ende auch eine Menge.

Carring hegte andere Gedanken. Dieser Baker, sagte er sich, Geld wie Heu, aber eben doch nur ein Waschlappen. Damals hat er seine Kameraden verraten, erst aus Gier nach Heldentum, später aus Feigheit. Und Skrupel kennt der große Mann auch nicht. Er hat mich damals aus dem Schlamm gezogen, um mich zu seinem Knecht zu machen. Sein gutes Recht, aber ich habe es ihm abgedient. Jetzt interessiert mich nur noch Susan. Ein störrisches Frauenzimmer, aber eines Tages wird sie gar nicht mehr anders können. Sie ist die interessanteste Frau zwischen Big Muddy und der Sierra Nevada.

Was springt also für mich heraus, Boss?“, erkundigte sich Carring nochmals.

Holen Sie Durango unversehrt hierher. Laden Sie ihn ein. Er wird hier seinen Bericht widerrufen, auf den sich dieser Burley gestützt hat. Wenn Durango das getan hat, brauchen wir ihn nicht mehr. Ich glaube nicht, dass man ihn in Texas vermissen wird. Er ist ja ein Texaner, wie ich mich entsinne. Und in Texas müssen Sie ihn suchen, Carring. Der Ort - dieser Burley sagte es schon - heißt San Angelo. Also reiten Sie hin und bringen Sie mir diesen Durango.“

Ich fragte nach dem Prämiengeld, Boss“, erinnerte Carring.

Wenn alles so geht, wie ich eben sagte, lasse ich fünf Prozent der Gesellschaft auf Sie eintragen.“

Zehn Prozent, Boss.“ Carring lächelte hintergründig.

Was? Zehn Prozent? Ich bin nicht verrückt.“

Carring lachte leise. „Nein, Boss, gewiss nicht. Deshalb werden Sie auch zehn Prozent eintragen.“ Er spähte mit einem Seitenblick zum Fenster hinaus. „Übrigens kommt gerade Hunter. Er ist schnell da, nicht wahr? Bestimmt war er schon auf dem Wege, bevor einer von unseren Leuten bei ihm in der Stadt sein konnte. Also zehn Prozent?“

Ich will nicht!“

Carring zuckte die Schultern. „Soll ich Meeker sagen, dass er meinen Job übernehmen kann?“

Baker wurde blass. „Was soll das heißen?“

Entweder zehn Prozent, oder ich schmeiße hier alles hin, Boss. Ich würde dann zu Durango gehen und ihm reinen Wein einschenken. Sicher wäre er ein Mann, der sich dafür eine Gegenrechnung ausdenkt, eine für Sie, meine ich.“

Gut, also zehn Prozent.“

Carring nickte, als habe er es nicht anders erwartet. „Ich wusste, dass Sie ein kühl denkender Mensch sind, Boss.“

Reiten Sie schon, ich kümmere mich selbst um Hunter.“

Carring ging, und wenig später betrat der Sheriff, gefolgt von Gibson, den Waggon.

Hunter war groß, blond und sonnengebräunt. Der Stern auf seiner Brust hatte ein Schussloch. Der Vorgänger war an diesem Loch gestorben.

Dieser Mann war ein ehemaliger Cowboy, und man sah es ihm an. Etwas poltrig näherte er sich Baker und tippte an die Hutkrempe. „Hallo, Mr. Baker, ich höre eben, dass Carring einen Fremden ...“

Notwehr, ich bin Zeuge.“

Hunter runzelte die Stirn. „Er wehrt sich etwas zu oft in der Not, finde ich, Mr. Baker. Mir gefällt Ihr Mitarbeiter überhaupt nicht. Vielleicht sollte ich doch noch in den alten Steckbriefen graben, die in meinem Schrank verschimmeln.“

Hunter, es geht hier um wichtige Dinge. Sie haben einen Brief von dem Toten.“ Baker sah den Sheriff zwingend an. „Einen Brief, den Sie besser nicht aufbewahren sollten.“

Der Brief ist nicht mehr da. Den hat sich vor vier Stunden jemand abgeholt, deshalb bin ich ja hier. Ich brauche Ihre Hilfe, Mr. Baker. Damals, als ich Ihnen das halbe Arbeitskommando besorgte, hatten Sie mir Hilfe versprochen. Jetzt brauchte ich mal Ihren Meeker für zwei Tage. Ich muss einen Mann verfolgen, den zwei US-Marshals und mindestens zehn Sheriffs suchen: Billy Hyam. Er hat sich auch den Brief geholt. Ich hatte keine Chance.“

Verdammt! Was will Hyam mit einem Brief?“, entfuhr es Baker. Er dachte an Erpressungen, an das Bekanntwerden all der Dinge, die ihm vorhin schon Burley verkündet hatte. Nein, das durfte nicht geschehen.

Sie bekommen Meeker. Und ich zahle Ihnen beiden tausend Dollar Belohnung, wenn ihr Hyam tot oder lebendig hierher...“

Wenn wir ihn bringen, dann nur tot, Mr. Baker“, erwiderte Hunter. „Gut, ich bin froh, dass Sie mir Meeker geben.“

Meeker kennt noch ein paar Leute. Er kann sie mitnehmen, unter meinem Sold. Ich muss diesen Brief haben. Hunter.“

Und ich muss Hyam fassen. Ihre tausend durch zwei, das sind für mich fünfhundert. Kommen noch die zweitausend der Bank of Missouri dazu ... könnte es gut gebrauchen.“

Halten Sie sich nur auf der heißen Spur. Übrigens, was wird mit dem Toten? Sollen wir ihn hier...“

Ich schicke einen Wagen. Der Coroner kann ihn holen lassen.“

Baker ließ das Wagenfenster herunter und rief Meeker. Dann erklärte er ihm den Auftrag. Wenig später zogen beide, der Sheriff und Meeker, davon.

 

*

 

Susan Baker lehnte auf dem Perron des Salonwagens. Regenschauer wehten über das Tal. Die Dampframme stieß weiße Wolken hoch, die sich wie Nebel ausbreiteten, ohne ganz zu zerfließen. Männer mit glänzenden Ölhäuten bewegten sich klein wie Ameisen anzusehen zu Dutzenden im Tal unten.

Irgendwo brüllte eine Männerstimme. Dann sah sie ihren Mann auf einem Schimmel. Er ritt immer helle Pferde. So wusste sie auch, wo er gerade war.

Sie seufzte und sah Gibson an, der neben ihr stand. Der kleine Gibson, der einzige Mann, vor dem sie hier wirklich Hochachtung hatte. Er verdiente sein Brot bei Baker, ohne dieselbe Gesinnung zu haben.

Was ist mit diesem Durango?“, fragte sie plötzlich und sah Gibson voll ins Gesicht, Regenperlen glitzerten auf ihrem rotblonden Stirnhaar. Ihr Gesicht war frisch und gesund, aber in ihrem Blick lag eine nervöse Spannung. Etwas musste sie seit Tagen beschäftigen.

Gibson begriff, dass sie gelauscht zu haben schien. Jetzt wollte sie alles wissen.

Fragen Sie Ihren Mann.“

Er wird es nie sagen. Was wissen Sie, Gibson? Sprechen Sie! Ich belohne Sie dafür.“

Ich bin kein Judas.“

Er hat etwas getan, das ihm nicht passt. Jetzt möchte er es ungeschehen machen. Was wissen Sie, Gibson?“, forderte sie.

Er zuckte die Schultern. „Er war einmal schwach und mies. Mancher kann es nie zugeben. Andere verheimlichen es nicht. Das ist es, und mehr sage ich nicht.“

Und dieser Durango, nach dem er ausgerechnet Carring geschickt hat, Gibson?“, fuhr sie beschwörend fort. „Er hat Carring geschickt. Carring ist ein Wolf.“

Ihr Mann sagt, Carring sei ein zahmer Wolf.“

Nein, ich bin eine Frau. Frauen spüren das besser. Er ist ein Raubwolf, noch immer. Ich habe Angst, wenn ich ihn nur in der Ferne sehe. Er soll doch sicher etwas Böses mit diesem Durango ...“

Nein, Madam, da kann ich Sie beruhigen. Er wird Durango bringen. Unversehrt. Herbringen wird er ihn. Aber weiter... weiter weiß ich nichts.“ Gibson beendete seinen Satz sehr abrupt und wandte sich ab, als wolle er nichts mehr dazu sagen.

Ich verstehe Sie, Gibson. Schon gut, ich will Sie nicht quälen. Ich glaube, mein Mann hatte in der letzten Zeit nicht viel Glück.“

Gibson nickte. „Wenig. Erst der Einsturz von Pfeiler zwei. Das wirft uns um acht Wochen zurück. Dann der Felsrutsch. Wieder zwei Wochen mehr. Und schließlich das Problem mit den Gesellschaftern. Einige wollen die Ablösung an die texanische Regierung nicht zahlen. Andere machen Schwierigkeiten wegen der Kostenerhöhung. Es dauert ihnen zu lange. Sie können sich nicht vorstellen, wie es hier im Westen aussieht. Sie denken, es wäre wie in Washington.“

Am Wochenende kommt meine Schwester Cissy. Vielleicht sagen Sie Ann, dass wir das kleine Zimmer am Wagenende für Cissy benötigen. Ann wird bei ihrer Familie im Zelt schlafen müssen, bis Cilly wieder fährt.“

Vielleicht ist das auch besser so", meinte Gibson. „Ich habe nicht gerne das junge Ding hier.“

Susan zog erstaunt die Augenbrauen hoch. „Meinen Sie wegen Carring? Der ist doch nicht da!“

Er wird bald wieder hier sein. Und vor ihm ist keine Frau sicher. Keine, Madam. Auch nicht, wenn sie verheiratet ist.“ Er sah sie fest an.

Sie senkte den Blick, wurde rot und erwiderte, ohne ihn anzusehen: „Ich verstehe, Gibson.“

 

*

 

Jay Durango blickte über die Reihe der Cowboys auf die Gruppe blauröckiger Soldaten. Sie standen mitten auf der Straße, die Gewehre drohend im Anschlag, aber die etwa zwanzig Cowboys rührten sich nicht. Lässig hielten sie die Arme vor der Brust verschränkt oder versenkten die Hände in den Taschen. Manche rollten sich Zigaretten, und nur die Texaner selbst wussten, dass es Heu war, das sie in billiges Papier rollten, denn Tabak hatten sie schon seit Wochen nicht.

Jay war einer der Cowboys, die mitten in der Sommersaison keine Arbeit hatten - keine haben wollten. Männer des Südens, die jene Blauröcke unversöhnlich hassten.

Der Sergeant, der die Gruppe cler Unionssoldaten führte, trat einen Schritt vor. „Es ist mein letztes Angebot“, schrie er mit überschnappender Stimme „Entweder ihr treibt seine Herden zusammen, oder wir zwingen euch dazu!“

Einige der Cowboys lachten. Da zwängte sich Rio Shayne, einer der Cowboys von Rancho Bravo, nach vorn.

Yankees“, krächzte er, „ihr denkt, weil ihr Texas besetzt haltet, könnt ihr alles machen. Ihr denkt, weil Tom Calhoun ein guter Texaner ist und zum Süden hielt, muss er ein schlechter Mensch sein. Aber unser Boss ist zu Unrecht von euch verdammten Hundesöhnen enteignet worden. Ihr habt kein Recht, sein Vieh abzutreiben, damit ihr euch den Hals voll Steaks schlagen könnt. Nein, Yankees, in diesem County wird kein Mann, kein Cowboy einen Kuhschwanz dorthin treiben, wo ihr ihn hinhaben möchtet. Wir verhungern lieber, ehe wir euch helfen. Holt euere eigenen Cowboys, und dann werden wir da sein, wenn es ans Treiben geht. Wir werden euch die Suppe versalzen, solange es in Texas noch eine Patrone gibt. Uns zwingt kein Yankee.“

Jay Durango sah Tom Calhoun. Der graubärtige Rancher stand auf der anderen Straßenseite in einer Stalltür. Die Yankeesoldaten schienen das noch gar nicht bemerkt zu haben. Calhoun sah genau zu Jay herüber. Er lächelte, und Jay lächelte zurück. Aber es war ein schmerzliches Lächeln. Was Shayne gerade vom Stapel ließ, war schon richtig, und sie alle würden sich daran halten. Doch es tat weh. Calhoun wollte es nicht, dass seine Mannschaft geschlossen zu ihm hielt und auch andere Mannschaften sich solidarisch erklärten, bewies nur, wie sehr sie ihn schätzten.

Für den Vormann von Calhouns Ranch, Jay Durango, sah es bitter aus. Nicht, dass er um ein hohes Einkommen bangen musste, nein, seit Kriegsende hatte Calhoun nicht einen Cent auszahlen können. Höchstens in Confederate Dollars, die gerade gut genug waren, um damit die Zigarette anzubrennen. Echte US-Dollars hatten seinerzeit eben nur wenige im Süden. Calhoun und seine Mannschaft kannten sie seit Jahren nur noch vom Hörensagen. Der Handel vollzog sich wie in der Steinzeit. Ein Rind brachte soundsoviel Tabak, Whisky und Mehl. Oder was man sonst brauchte. Mitunter mussten Calhouns Cowboys für zehn Dollar Ware zehn Rinder antreiben. Und zur Zeit ging auch das nicht einmal. Denn wo Calhouns Herden standen, wachte die Armee, die Yankeearmee. Man hatte Calhouns Herde beschlagnahmt. Angeblich, weil er die neue Steuer nicht bezahlt hatte. In Wirklichkeit, weil sie ihn hassten, denn er war einer derjenigen, deren Herz noch immer für den Süden schlug.

Nun sollte das Vieh zusammengetrieben und nach einer Herdenverladestadt in Kansas gebracht werden. Aber dazu musste man eine Treibermannschaft haben. Die Texaner waren zu stolz, um so etwas für die Yankees zu tun. Und Herdentreiber aus dem Norden wagten es nicht. Die Drohung der Texaner, jeden abzuschießen, der dieses Vieh auf den Weg bringen würde, ohne Calhouns Genehmigung zu haben, war zu deutlich. Darin spaßten die Texaner auch nicht, das wussten alle.

Jay Durango suchte verzweifelt nach einem anderen Ausweg. Vergeblich war er zum Armeekommandeur geritten, hatte sogar seinen Stolz beiseite gestellt und die Yankees daran erinnert, dass er mehr als hundert von ihnen aus dem Sumpf geführt hatte. Doch alles, was der General ihm bot, war ein Offiziersposten in seiner Truppe, sozusagen als Dank für die Verdienste um die Menschlichkeit. Aber die Requirierungsanordnung, also die Herdenenteignung, wollte er nicht annullieren.

Es gab keine andere Hilfe mehr. Dann war noch dieser Burley erschienen, ein Nordstaatler aus Illinois. Der war selbst Viehzüchter und verstand Jay, verstand auch Calhoun. Aber ihm ging es mehr um die Schuld des Colonel Baker am Tode von vielen Männern jener Truppe damals.

Manchmal überkam es Jay schon, diesen Baker aufzusuchen und ihn um Hilfe zu bitten. Aber dieser Burley hatte auch nicht gewusst, wo Baker lebte. So verwarf Jay den Gedanken rasch wieder.

Und jetzt stand dieser Sergeant mit seinen acht Männern mitten auf der Straße. Ihm gegenüber die bewaffneten Cowboys von Calhouns Crew. Der graubärtige Calhoun selbst in der Tür des Stalles drüben.

Es roch nach Verdruss, nach sehr viel Verdruss. Die Yankeesoldaten hatten die Schlagbolzen ihrer Gewehre gespannt. Der rotgesichtige Sergeant mit dem Bulldoggenblick drohte die Nerven zu verlieren. Shaynes Worte hatten ihn an den Rand der Beherrschung getrieben. Wenn er jetzt Calhoun bemerken würde, war es passiert. Dann würde er schießen lassen.

 

*

 

Die Cowboys hatten seit Wochen keinen Tabak mehr, kein richtiges Brot, keinen Drink, nichts mehr gehabt außer Steaks und Wildfleisch. Ihre Kleidung war verschlissen. Sie sahen alle aus wie die Tramps. Verzweiflung und Wut war in ihrem Herzen, und sie warteten geradezu darauf, dass einer der Soldaten die Beherrschung verlieren würde. Jeder von ihnen besaß noch ein paar Patronen. Genug, um diesen Yankees — wie sie sagten — den Zahn zu ziehen.

Die Soldaten wollten nicht schießen. Nur der Sergeant wollte es, weil er ebenso verzweifelt war. Er hatte den Befehl, noch heute zweitausend Rinder in Marsch zu setzen. Egal wie. Seine acht Reiter hatten früher alles mögliche gemacht, nur eines nicht: Rinder gehütet oder irgendwie damit zu tun gehabt.

Der Sergeant würde degradiert werden, gelang es ihm nicht, den Befehl auszuführen. Dreimal schon war es ihm nicht gelungen. Diesmal würden sie ihn abservieren. Er musste es schaffen. Aber zuerst musste er mit dieser Mannschaft klarkommen. Er spürte, dass ihm das auch diesmal misslingen würde.

Sie starrten sich lauernd an. Die Soldaten die Cowboys, die Cowboys die Soldaten. Eine falsche Bewegung würde es auslösen.

Niemand achtete auf den Reiter, der sich mit zwei Packpferden näherte. Auch Calhoun sah nicht hin, ebensowenig Jay Durango.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738906356
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Dezember)
Schlagworte
angelo country durangos lohn

Autor

Zurück

Titel: San Angelo Country 45: Jay Durangos Lohn