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Milton Sharp 3: Hexenjagd auf Canderworth

2016 120 Seiten

Leseprobe

Hexenjagd auf Canderworth

 

 

WOLF G. RAHN

 

- Milton Sharp: Der Schattenjäger -

 

Band 3

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2016

Logo: Steve Mayer

Redaktion und Korrektorat: Dr. Frank Rossnagel

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

Auf dem kleinen englischen Schloss Canderworth geschehen grausige Dinge. Menschen verschwinden auf mysteriöse Art und Weise, um in einem Bild zu erscheinen, das eine mittelalterliche Hexenverbrennung zeigt. Aus ebendiesem Bild verschwinden eine Hexe und ein Henker, um in der realen Welt die Schlossbesucher zu ermorden. Dorthin führt Milton Sharp, den Schattenjäger, das magische Auge, das ihm schon in Wales gute Dienste geleistet hat bei der Suche nach seinem Bruder Glyn. Dieses Mal, so hofft er, möchte er Xurus den Düsteren besiegen, damit er Glyn und dessen Verlobte Jennifer Britten wieder zusammenbringen kann. Doch Xurus und seine Schergen versuchen mit allen Mitteln zu verhindern, dass Milton dem Düsteren zu nahe kommt, bis dieser seine grausigen Absichten mit Glyn Sharp wahrgemacht hat.

 

 

 

Personen

 

Milton Sharp

Der Reporter der kleinen Zeitung »Seaford Post« hat mit der Entführung seines Bruders erkennen müssen, dass es Dinge gibt zwischen Himmel und Erde, an deren Existenz er bis vor kurzem nicht im Traum gedacht hätte. In Wales ist es ihm nicht gelungen, seinen Bruder aus den Fängen von Xurus dem Düsteren zu befreien. Dafür konnte er einem Diener Xurus' ein magisches Auge abnehmen, das ihm Dinge zeigt, die seinen Bruder Glyn betreffen. Von diesem Auge lässt Milton sich nach Schloss Canderworth leiten, wo Xurus und seine Helfershelfer schon auf ihn warten.

 

Glyn Sharp

Der Zwillingsbruder Miltons beschäftigt sich während seines Studiums sehr intensiv mit Wissen über Magie und Okkultismus. Aus diesem Grund wurde er eines Abends unter unheimlichen Umständen entführt. Xurus der Düstere hat Glyn einen Handel angeboten, den dieser bislang auch unter Folter abgelehnt hat. Aber wie lange kann er dem Düsteren noch standhalten?

 

Jennifer Britten

Glyn Sharps Verlobte freute sich auf die bevorstehende Hochzeit mit Miltons Bruder. Als am Vorabend der Hochzeit Glyn entführt wurde, brach für Jennifer eine Welt zusammen. Fest entschlossen begleitet sie Milton auch nach Canderworth, nur um dort mit einem unvorstellbaren Schrecken konfrontiert zu werden.

 

Lee Fallon, alias Lee, die Ratte

Milton hatte schon öfters mit dem Kleinkriminellen zu tun, der auch auf Schloss Canderworth sein Unwesen treibt und reiche Touristinnen um ihren Schmuck erleichtern will. Doch was ihn auf dem verruchten Schluss erwarten wird, übersteigt seine schlimmsten Albträume.

 

Xurus der Düstere

Auch auf Schloss Canderworth hat der Düstere seine Schergen, die ihm helfen sollen, seine Macht zurückzugewinnen und Milton Sharp zu töten. Denn dieser soll Xurus nicht daran hindern, sein grausames Vorhaben mit Glyn Sharp in die Tat umzusetzen.

 

 

 

.

 

 

 

 

 

Roman

 

 

 

 

Margy Heller traute ihren Augen nicht.

Sie schaute weg und gleich darauf wieder hin, aber die Erscheinung blieb.

Das Gemälde, vor dem sie stand, lebte!

Die vierzigjährige Frau rang nach Atem. Normalerweise war sie nicht so leicht aus der Fassung zu bringen, aber was zu viel war, war zu viel.

Hastig entfernte sie sich rückwärts von dem Ölbild und schrie entsetzt auf.

Jemand berührte sie an der Schulter ... eine kalte, knöcherne Hand! Sie übte energischen Druck aus und hielt ihr Opfer fest.

Margy erstarrte und öffnete den Mund zum Schrei, doch es kam kein Ton heraus.

Nur ein Röcheln, das sich in dem weiten Saal des Schlosses verlor.

Die anderen Besucher waren dem Führer der Gruppe bereits in den angrenzenden Raum gefolgt. Nur sie war zurückgeblieben, weil sie sich von dem Bild, das eine Hexenverbrennung darstellte, fasziniert fühlte.

Der Künstler hatte es verstanden, die Szene mit Leben zu füllen. Die Angst der Verurteilten vor dem Feuer, die gnadenlosen Augen des Henkers, die fanatischen Blicke der gaffenden Menge ... und darüber ein unheilschwangerer Himmel, der seinen heiligen Zorn über die grausige Szene auszuschütten drohte.

Das alles berührte Margy zutiefst.

Sie hatte ein Foto davon schießen wollen, als sich der Henker in der schwarzen Kutte bewegte.

Und nun der Griff an ihre Schulter!

Die Frau war einer Ohnmacht nahe. Sie schwankte, und ihr wurde schwarz vor Augen. Ihre Hände suchten einen Halt und fühlten glatten Stoff.

Dann hörte sie eine raue, kratzende Stimme:

»Ist Ihnen nicht gut, Madam? Soll ich ein Glas Wasser besorgen?«

Sie blickte in zwei graue Augen, in denen es eigenartig glitzerte.

Trotzdem atmete sie erleichtert auf.

»Ach, Sie sind es, Mister Proust! Sie haben mich aber erschreckt. Ich dachte schon, der Henker stünde hinter mir.«

»Der Henker?«

Allan Proust lächelte amüsiert.

»Der ist zum Glück in seinem Bilderrahmen gut aufgehoben. Der tut uns nichts. Kommen Sie! Die anderen warten auf uns. Wir wollen anschließend die Folterkammer des Schlosses besichtigen.«

Margy Heller nickte schwach. Momentan hätte sie gern auf das Schreckenskabinett verzichtet. Ihre Nerven waren ganz schön mitgenommen, aber natürlich sagte sie sich, dass alles nur Einbildung war.

Die Bewegung im Bild musste durch einen Lichteffekt verursacht worden sein.

»Sie haben recht«, sagte sie leise. »Gehen wir.«

Sie passierten weitere Gemälde, denen sie aber keinen Blick mehr schenkten. Durch die geöffneten Türen sahen sie, wie der Rest der Gruppe bereits ungeduldig auf die Nachzügler wartete.

»Zu dumm!«, meinte Margy. »Jetzt habe ich meinen Fotoapparat liegen lassen. Eine Sekunde nur! Ich bin gleich wieder da.«

Die Frau eilte zurück, und Allan Proust blickte ihr lächelnd nach.

Sie war hübsch, aber für ihn wohl doch zu jung. Allerdings die Gedanken waren schließlich frei, und er hatte auch nicht nur seine Arbeit im Kopf.

»Was ist jetzt, Mister Proust?«, rief der Schlossführer ärgerlich. »Wir haben noch ein volles Programm. Wenn Sie kein Interesse mehr haben, warten Sie bitte im Restaurant auf uns. Die anderen wollen jedenfalls weiter.«

»Einen Augenblick noch!«, bat der Grauhaarige. »Miss Heller holt nur ihren ...«

Er wurde durch einen grässlichen Schrei unterbrochen, der langgezogen durch die Räume hallte.

In die wartende Gruppe kam Bewegung.

»Was war das? Wer hat da geschrien?«

»Das hörte sich ja grässlich an.«

»Sicher ein Gag der Schlossleitung, die uns auf die Folterkammer einstimmen möchte.«

Allan Proust achtete nicht auf die anderen Leute. Er lief, so schnell seine Beine es zuließen, zurück und blickte sich betroffen um.

Ein zertrümmerter Fotoapparat lag auf dem Fußboden.

Margy Heller war verschwunden.

 

*

 

Der Mann rannte durch die entgegengesetzte Tür.

Hier schloss sich der Saal mit der Ahnengalerie an. Eine zweite Gruppe drängte gerade herein und fächerte unter gedämpftem Plaudern auseinander.

Proust sprach den Leiter der Gruppe an, der an seinem blasierten, gelangweilten Gesicht zu erkennen war.

»Ist Ihnen eben eine Frau in einem grünen Kostüm entgegengekommen? Sie hat braune Haare und ist ungefähr vierzig. Sie muss ziemlich aufgeregt gewesen sein.«

Die Miene verzog sich nicht.

»Hier kam niemand vorbei, Sir. Sie gehören nicht zu meiner Gruppe, nicht wahr? Halten Sie sich bitte an die vorgeschriebene Richtung, sonst gibt es ein heilloses Durcheinander.«

»Aber Sie müssen sie gesehen haben«, beharrte Proust, »es gibt nur zwei Türen, und an der anderen stand ich.«

Der Führer der Gruppe seufzte, ließ sich aber herab, seine wissbegierige Gefolgschaft zu befragen, doch auch von den Besuchern des Schlosses hatte niemand eine Beobachtung gemacht.

»Ihre Tochter wird sich einen kleinen Spaß erlauben«, vermutete der Uniformierte.

Allan Proust verzichtete auf die Belehrung, dass es sich nicht um seine Tochter handelte. Er war voller Sorge. Der furchtbare Schrei hatte sich nicht nach Spaß angehört.

Außerdem sprach der beschädigte Fotoapparat für einen Gewaltakt.

Der Mann kehrte in den Saal mit dem Gemälde der Hexenverbrennung zurück.

Auch die anderen seiner Gruppe waren inzwischen dort aufgetaucht und redeten aufgeregt durcheinander.

Proust erklärte, aus welchem Grund Margy Heller zurückgegangen war.

Allerdings spürte er, wie misstrauische Blicke auf ihm ruhten.

Boyd Wellman, ein weißblonder Student, der ihm schon mehrfach durch sein arrogantes Geschwätz aufgefallen war, schob sich an ihn heran und raunte ihm ins Ohr:

»Die Kleine hat es Ihnen wohl angetan, wie? Ist ja auch ein appetitlicher Käfer. Nur ein bisschen zu jung und zu hübsch für einen Greis.«

»Was fällt Ihnen ein?«, empörte sich Proust, »Ich bin aufrichtig beunruhigt. Haben Sie den Schrei vergessen?«

»Keineswegs! Und ich will Ihnen auch sagen, was ich davon halte. Sie sind der Frau zu nahe gekommen, Sie alter Schwerenöter. Daraufhin hat sie geschrien und ist vor Ihnen davongerannt. Machen Sie lieber kein Aufsehen! Sie könnten sonst Unannehmlichkeiten kriegen.«

Proust fehlten die Worte.

Diese Unverschämtheit verschlug ihm die Sprache. Er wandte sich ab und versuchte an anderer Stelle sein Glück.

Aber auch Myra Tillotson, die Amerikanerin, die wie ein wandelnder Schmuckladen herumlief, konnte sich mit seinen Befürchtungen nicht anfreunden. Drohend hob sie ihren mit Ringen besteckten Zeigefinger und schimpfte:

»Sie Schlimmer! muss es denn ausgerechnet eine so Junge sein? Die sind doch nichts für Sie. Ich traue Ihnen Geschmack zu, Allan.«

Dabei warf sie ihm einen schmachtenden Blick zu, der verriet, was sie unter gutem Geschmack verstand.

Proust war besorgt, aber einer Dame gegenüber blieb er normalerweise höflich. Deshalb unterdrückte er auch diesmal eine grobe Entgegnung und entschuldigte sich mit einem harmlosen Spruch.

Er kämpfte sich zum Führer der Gruppe durch und forderte ihn auf, unverzüglich die Schlossleitung zu verständigen.

»Die Polizei muss her«, sagte er heftig. »Hier ist ein Verbrechen geschehen!«

Jack Winslow war von den Besuchern eine Menge Spinnereien gewöhnt.

Er nahm sie schon längst nicht mehr so ernst wie am Anfang seiner Tätigkeit.

Sein Urteil über Proust stand fest.

Ein seniler Bursche, der das Leben hinter sich hatte und mit Gewalt noch mal im Vordergrund stehen wollte. Aber da geriet er bei ihm an den Falschen.

»Reden Sie keinen Unfug, Sir!«, sagte er leise. »Wollen Sie den anderen Besuchern die gute Laune verderben? Das Schönste kommt doch erst noch, die Folterkammer. Ich besitze zum Glück eine ausgezeichnete Menschenkenntnis. Miss Heller hat schwache Nerven. Das habe ich gleich gemerkt. Sie fürchtet sich vor der Folterkammer. Deshalb hat sie sich von uns abgesetzt. Ich wette mit Ihnen um fünf Pfund, dass wir sie zum Mittagessen im Restaurant wiedertreffen.«

Die Erklärung klang plausibel.

Die Frau hatte auch auf Proust einen verstörten Eindruck gemacht. Sie war sehr schreckhaft.

Sogar vor ihm hatte sie sich entsetzt. Dabei tat er keiner Fliege etwas zuleide.

Wahrscheinlich hatte Winslow recht, aber so ganz wollte Proust nicht daran glauben.

»Ich gehe auch zurück«, erklärte er entschlossen. »Ich habe in meinem Leben schon so viele Schreckenskammern gesehen, dass es auf eine mehr oder weniger nicht ankommt. Lassen Sie sich durch mich nicht länger aufhalten. Ich versuche inzwischen, Miss Heller zu finden.«

Jack Winslow war froh, dass er den Mann los war, sammelte seine Besucher ein und mahnte sie zur Eile. Die versäumten Minuten mussten wieder aufgeholt werden.

Allan Proust blieb allein zurück.

Myra Tillotson versuchte zwar noch, ihn zum Weitergehen zu überreden. Gerade im dunklen Verlies hätte sie notwendig einen Beschützer gebraucht.

Doch er blieb bei seinem Entschluss, und wenige Augenblicke später war er mit seinen Gedanken allein.

 

*

 

Er hob den Fotoapparat auf.

Es war, als wäre jemand gewaltsam draufgetreten. Er war völlig zerstört.

Auch der Film, der sich darin befand, war durch den Lichteinfall verdorben.

Proust blickte ein wenig hilflos drein.

Der Saal hing voll mit Gemälden, die ausnahmslos blutrünstige Szenen darstellten. Folterungen, Menschenopfer während Schwarzer Messen, eine Steinigung, die Enthauptung eines Verurteilten, die düstere Moorlandschaft mit den schaukelnden Leibern an drei Galgen und eben die Hexenverbrennungen, vor der er gerade stand.

Margy Heller hatte sich anscheinend vor dem Henker gefürchtet.

Er trug keine Kapuze. Der Künstler hatte darauf verzichtet, um den bösartigen Gesichtsausdruck des Mannes besser herausarbeiten zu können.

Er hielt eine brennende Fackel in der Hand.

Mit ihr stand er im Begriff, den Holzstoß zu entfachen.

Darauf kauerte die Hexe mit ihrem vor Angst verzerrten Gesicht.

Proust schluckte schwer.

Er trat näher an das Bild heran und betrachtete es genauer.

Täuschte er sich?

Blickte ihn die Hexe nicht hilfesuchend an, als könne er sie retten?

Unsinn! Der Maler hatte diesen Trick benutzt, um den Betrachter in den Bann des Kunstwerkes zu ziehen.

Die Augenstellung der Hexe war maßgebend. Jeder, der vor dem Gemälde stand, gleich auf welcher Seite, musste sich von den braunen Augen der Verdammten angestarrt fühlen.

Ein eisiger Schreck durchfuhr ihn.

Braune Augen?

Hatte er die Augen nicht grün mit einem rötlichen Schimmer in Erinnerung?

So stellte man sich die Augen einer Teufelsanhängerin vor. Diese hier aber waren von sanftem, unschuldigem Braun.

Proust zog den Katalog aus der Rocktasche und blätterte darin.

Jedes einzelne Ausstellungsstück war vermerkt mit Angaben über die Entstehungsgeschichte und, sofern sie bekannt waren, die Lebensläufe der Künstler.

Die »Hexenverbrennung« war im 17. Jahrhundert entstanden.

Der Maler war anonym, doch wurden von der Fachwelt verschiedene, zum Teil gegensätzliche Vermutungen angestellt. Der Wert des Gemäldes wurde mit zwölftausend Pfund angegeben. Der Katalog gab Auskunft über den grundsätzlichen Aufbau des Bildes, über die Augenfarben der dargestellten Personen sagte er natürlich nichts.

Die nächste Gruppe betrat den Saal.

Sie hatte sich durch die Ahnengalerie gekämpft, die auf die meisten Besucher ziemlich ermüdend wirkte.

Hier wurden sie dafür entschädigt.

Die dargestellten Szenen waren genau das, was die das Schloss besuchenden Menschen sehen wollten.

Proust wandte sich an Winslow, den Führer der Gruppe, obwohl dieser ihn bereits ziemlich knapp abgefertigt hatte.

»Entschuldigen Sie, Sir, fällt Ihnen nichts an den Augen der Hexe auf?«

Der andere sah ihn verdutzt an, tat ihm dann aber doch den Gefallen und betrachtete das Gemälde.

Danach zuckte er die Achseln.

»Ich weiß nicht, worauf Sie hinaus wollen.«

»Sie sind braun. Überrascht Sie das nicht?«

»Natürlich sind sie braun. Braune Augen sind normal. Haben Sie sonst noch Fragen?«

»Die Hexe auf dem Bild besaß vorher grüne Augen, die rötlich schimmerten«, entgegnete Proust. »Das kann ich beschwören.«

Ein argwöhnischer Blick traf ihn.

Winslow trat dicht an das Gemälde heran, stellte sich auf die Zehenspitzen, kniff die Augen zusammen und strich schließlich behutsam über die Leinwand.

Danach betrachtete er seinen Finger und grinste.

»Da, sehen Sie selbst, die Farbe ist staubtrocken. Niemand hat sich daran

zu schaffen gemacht. Das wäre aber auch ein starkes Stück. Haben Sie Ihre Gruppe verloren? Meinetwegen schließen Sie sich uns an. Aber trödeln Sie bitte nicht wieder so.«

Proust verharrte vor dem Bild.

Das Gesicht der Hexe ließ ihn nicht mehr los.

Es war zwar durch ein Tuch halb verhüllt, trotzdem aber kam es ihm bekannt vor. Geradezu gespenstisch bekannt.

Auch diese Gruppe strebte dem nächsten Saal zu, und Proust blieb wieder zurück.

Feine Schweißperlen standen auf seiner Stirn.

Er wusste, woher er dieses Hexengesicht mit den braunen Augen kannte!

Als er das begriffen hatte, stellten sich seine Nackenhaare auf.

Es gehörte Margy Heller!

 

*

 

Myra Tillotson drehte sich immer wieder um.

Sie war enttäuscht.

Allan Proust, der mit seinen grauen Haaren so interessant aussah und noch die Vorzüge der Weiblichkeit zu schätzen wusste, kam nicht. Sie hatte gehofft, im Gruselkabinett bei ihm Schutz zu finden. Leichte Eifersucht auf die Jüngere erfasste sie.

Die Männer waren doch alle gleich, dachte sie und seufzte.

Ihr Doppelkinn geriet in Bewegung. Die Smaragdkette um ihren faltigen Hals klirrte.

Sie zuckte zusammen und stieß einen gurgelnden Laut aus.

Jemand hatte sie angefasst!

Warme Finger glitten auf ihrer Haut entlang.

Ein Ring hatte anscheinend das Klirren der Kette bewirkt

»Aber meine Liebe!«, raunte eine Männerstimme. »Ich wollte Sie wirklich nicht erschrecken. Verzeihen Sie meine Ungeschicklichkeit! In diesem Halbdunkel bin ich hilflos. Ich bin nachtblind, müssen Sie wissen. Hoffentlich haben wir dieses grässliche Verlies bald hinter uns.«

»Bleiben Sie dicht bei mir, Mister Fallon!«, hauchte die Amerikanerin, die den Mann erkannt hatte. »Ich habe Augen wie eine Eule. Ich sehen für uns beide.«

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, meine Liebe«, sagte Lee Fallon erleichtert. »Sie müssen mich für einen Feigling halten, aber es liegt wirklich nur an meiner Sehkraft. Bei Tag ist sie ganz normal, aber hier unten ...«

Die Frau spürte, dass er sich näher an sie drängte, und ihr gefiel das. Sie vergaß Allan Proust. In Lee Fallon hatte sie einen vollwertigen und noch dazu jüngeren Ersatz. Sie würde aufpassen, dass nicht auch er wieder davonlief.

»In früheren Zeiten sollen hier tatsächlich Menschen zu Tode gefoltert worden sein«, wusste Fallon. »Schauen Sie sich die Marterinstrumente an! Nur gut, dass wir damals noch nicht gelebt haben.«

»In Ihrer Gesellschaft hätte ich mich nicht gefürchtet«, säuselte Myra Tillotson und kicherte verschämt.

Das ermutigte Lee Fallon zu noch intensiverem Körperkontakt.

Das Kichern verstärkte sich und hörte sich an, als käme es aus den Quadersteinen der Kellermauern.

»Was ist da hinten los?«, rief Jack Winslow ungehalten.

Er mochte es nicht, wenn seine schaurigen Schilderungen von der Vergangenheit Heiterkeit auslösten. Die Leute sollten sich gefälligst gruseln.

Das wirkte sich positiv auf das spätere Trinkgeld aus.

Sein Tadel fruchtete nichts. Das Kichern wurde noch intensiver.

»Sie müssen ruhig sein, meine Liebe«, bat Lee Fallon. »Wir fallen sonst auf, und ich möchte nicht, dass man uns beiden zu viel Aufmerksamkeit schenkt.«

»Aber ich sage ja gar nichts«, verteidigte sich die Frau.

»Sie kichern.«

»Das bin ich nicht. Fühlen Sie doch selbst ...«

Sie nahm seine Hand und legte sie auf ihren Mund.

Das Kichern blieb!

»Merkwürdig«, fand Fallon. »Wer kann das sein?«

»Eine von diesen albernen jungen Gänsen. Vielleicht sogar, die Heller, die sich heimlich verdrückt hat. Hören wir einfach nicht hin.«

Das war leichter gesagt als getan.

Das Kichern tropfte aus den Wänden, klang drohend und schadenfroh.

Aller Unwille Jack Winslows nützte nichts.

Er brachte es nicht fertig, die respektlose Stimme zum Verstummen zu bringen.

Sein weiterer Vortrag über die Gräueltaten vergangener Jahrhunderte verlief sehr unkonzentriert. Fehler schlichen sich ein, und er musste mehrfach von den zum Teil sachkundigen Zuhörern korrigiert werden.

Besonders Edgar Coffin, ein Historiker aus Sheffield, kannte sich bestens in der Vergangenheit des Schlosses aus.

»Sie meinen das 16. Jahrhundert, Mister Winslow«, rief er. »Audrey Canderworth wurde im 16. Jahrhundert hingerichtet und nicht im 15. Es war genau 1537, als sie den Flammentod starb. Sie haben das verwechselt.«

Winslow war wütend.

Er ließ sich nur ungern belehren und hoffte auf die Gelegenheit, dem Besserwisser eine Retourkutsche zu liefern.

Er überhörte den Vorwurf und trieb die Besucher eine steile, gewundene Eisentreppe hinab.

»Wir steigen jetzt hundertundzwölf Stufen in die Tiefe«, erklärte er. »Dort unten können wir dann durch eine schmale Öffnung den Fuß jenes Brunnens sehen, in den die Herren von Canderworth ihre gefolterten und nicht geständigen Feinde zu werfen pflegten. Wegen der Unfallgefahr wurde der Brunnen selbst mit einer Abdeckung versehen, die ich Ihnen vorhin zeigte. Die schwere Granitplatte wiegt eine halbe Tonne. Wir müssten schon alle gemeinsam anpacken, wollten wir sie zur Seite rücken. Mit einem Toten im Brunnen kann ich Ihnen leider nicht dienen. Die Gebeine wurden selbstverständlich bereits vor geraumer Zeit entfernt. Der Geruch hier unten wäre unerträglich geworden. Gehen Sie bitte vorsichtig! Die Schlossleitung haftet nicht für selbstverschuldete Unfälle.«

Das Kichern blieb oberhalb der Wendeltreppe zurück und erstarb schließlich.

Es brachte sich erst durch das Schweigen wieder in Erinnerung.

Dann verflog auch diese.

Myra Tillotson führte Lee Fallon an der Hand, damit er nicht die ausgewaschenen Stufen hinunterstürzte.

Sie genoss seinen markigen Griff.

Sie tat alles, um ihn zu ermutigen.

 

*

 

Die ersten der Gruppe langten unten an.

Die Öffnung in der Wand zum benachbarten Brunnen, von der Winslow gesprochen hatte, war wirklich nur schmal. Es konnte immer nur ein Besucher durchblicken.

»Wenn Sie nun den Ort früheren Grauens betrachten«, tönte der Schlossführer, »werden Sie vielleicht enttäuscht sein, weil sie nichts weiter erkennen als nacktes, feuchtes Gestein. Aber vergessen Sie nicht, dass wir ungefähr hundert Fuß abwärts gestiegen sind. Nach einem Sturz in solche Tiefe kam niemand mit dem Leben davon. Ganz abgesehen davon, dass es unmöglich gewesen wäre, an den glatten Wänden wieder hinaufzuklettern. Ich versichere Ihnen, dass sich hier unten die verstümmelten Toten häuften. Das kleine Sichtfenster wurde übrigens erst in diesem Jahrhundert angebracht. Der vorige Besitzer hat das veranlasst.«

»Hört sich gern reden, der Bursche«, fand Fallon.

Er wollte sich hinabbeugen, um durch den Schlitz zu schauen, doch gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, dass er ja behauptet hatte, nachtblind zu sein. Um ein Haar hätte er sich verraten.

Er ließ Myra Tillotson den Vortritt, und die beleibte Frau bückte sich ächzend.

Sie sperrte ihre Augen weit auf, taumelte dann aber zurück und wurde von Lee Fallon aufgefangen, sonst wäre sie gestürzt.

»Was gibt es denn, meine Liebe?«, erkundigte sich der schwergewichtige Mann.

Auch die anderen drängten sich um die Frau, die noch immer nach Luft rang.

Edgar Coffin spähte durch den Schlitz in den Brunnen.

Als er sich wieder aufrichtete, war er grün im Gesicht.

»Ein Toter«, ächzte er. »In dem Brunnen liegt eine Leiche!«

»Blödsinn!«

Winslow schob den Mann einfach zur Seite und starrte durch die Öffnung.

Wieder drang von oben das gespenstische Kichern.

Die Anwesenden schauten sich betreten an.

»Er kann noch nicht lange da unten liegen«, fuhr Edgar Coffin inzwischen fort. »Wann, sagten Sie, wurde die Granitplatte über die Brunnenöffnung geschoben?«

Die Frage galt Jack Winslow.

Der Schlossführer antwortete nicht, sondern krallte sich mit beiden Händen in das dumpf riechende Gestein. Vor ihm drehte sich alles.

Aber etwas konnte er doch erkennen.

Dicht vor seinen Augen, nur durch die Brunnenwand getrennt, lag ein toter Mann.

Sein Gesicht war ihm zugewandt.

Es sah grauenhaft aus.

Die Haare waren zwar schneeweiß, aber Winslow wusste, dass der Tote in seinem Alter war, als er starb.

Er kannte ihn gut. Es handelte sich um Peter Gulf, einen Kollegen.

Vor zwei Stunden hatten sie noch miteinander gesprochen, und jetzt war er tot und um hundert Jahre gealtert!

Winslow riss sich zusammen.

Wenn hier unten eine Panik ausbrach, waren die Folgen nicht abzusehen.

Zehn Menschen würden gleichzeitig versuchen, die enge Treppe hinaufzulaufen.

Sie würden sich gegenseitig treten, und das Grauen würde noch schlimmer werden.

Er musste alles tun, um dies zu verhindern.

Er zwang sich zu einem mühsamen Grinsen.

»Gelungener Spaß«, meinte er matt. »Natürlich möchte die Schlossleitung ihren Gästen etwas bieten. Ich darf Sie nun bitten, wieder nach oben zu gehen. Wir sammeln uns neben der Granitplatte. Von dort bringe ich Sie zurück zum Restaurant. Ich wünsche Ihnen schon jetzt einen recht guten Appetit und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.«

»Aber wir wollten doch noch den Schlosshof besichtigen«, protestierte jemand. »Der Schlosshof ist im Preis inbegriffen.«

»Er ... er wird renoviert«, log Winslow.

Er hatte nur noch einen Gedanken.

Henney musste schnellstens von der Katastrophe erfahren.

 

*

 

Charles Henney hatte Schloss Canderworth vor drei Jahren ungewöhnlich günstig von seinem Vorbesitzer übernommen. Die Idee, es in ein Hotel mit angeschlossenem Museum umzuwandeln, hatte sich positiv zu Buche geschlagen. Die Besucher strömten von weither, und die Einnahmen übertrafen Henneys kühnste Erwartungen.

Einen Skandal hatte es während der ganzen Zeit nicht gegeben, denn der neue Besitzer achtete auf Seriosität. Billiger Humbug war ihm zuwider, deshalb hatte er auch auf das möglicherweise gewinnträchtige Schlossgespenst verzichtet.

Und nun diese fatale Entdeckung!

»Das ist völlig ausgeschlossen, Winslow«, sagte er immer wieder und schritt erregt in dem mit alten Möbeln ausgestatteten Büro auf und ab. »Niemand kann in den Brunnen gefallen sein. Er ist verschlossen. Das wissen Sie so gut wie ich. Und Gulf schon gar nicht. Er ist ein aufgeweckter Bursche. Der war noch nie leichtsinnig.«

»Und wo ist er jetzt?«

In seinem Zorn vergaß Winslow den Respekt vor seinem Arbeitgeber und stampfte mit dem Fuß auf. Charles Henney hielt ihn offenbar für einen Schwachkopf.

»Das werden wir gleich feststellen, Winslow. Ich habe Anweisung gegeben, dass sich sämtliche Angestellten in der Bügelstube zu versammeln haben. Gehen wir! Die Leute haben zu tun. Ich will sie nicht warten lassen. Aber Sie sind mir hinterher eine Erklärung schuldig. Ich bin schon sehr gespannt.«

Winslow folgte dem Schlossherrn mit verbiesterter Miene.

Die ganze Zeit war er gut mit ihm ausgekommen.

Er hatte seine Arbeit auch gern getan. Es gab manchmal ansehnliche Trinkgelder.

Doch auf einmal hatte er Angst.

Er sah ständig Peter Gulf vor sich, wie er im Brunnen lag, verkrümmt und mit grässlich verzerrtem Gesicht.

Das gesamte Personal war erschienen. Sogar die Bedienungen aus dem Restaurant hatten ihre Arbeit unterbrochen.

Es musste etwas sehr Wichtiges sein, wenn sie der Boss rufen ließ.

»Gulf fehlt«, stellte Charles Henney mit gerunzelter Stirn fest. »Wo bleibt er? Wer hat ihn zuletzt gesehen?«

Ein schmächtiges Zimmermädchen meldete sich.

»Vor ungefähr einer Stunde ging er an mir vorbei. Er beachtete mich nicht. Er wirkte überhaupt wie geistesabwesend.«

»In deiner Nähe ist Peters Geist eigentlich immer abwesend, Julie«, meckerte eine Stimme aus dem Hintergrund.

Einige Anwesende lachten. Julie lief rot an.

»Lasst sie gefälligst weiterreden!«, unterbrach Charles Henney. »Wohin ging er? War er allein?«

»Eine Frau war bei ihm. Sie gingen zum Turm.«

»Dort ist auch der Brunnen«, sagte Winslow und schüttelte sich.

Henney sah ihn scharf an.

»Wer war die Frau?«

»Ich habe sie noch nie gesehen«, flüsterte Julie verzagt. »Zu unseren Gästen gehört sie jedenfalls nicht. Die kenne ich alle.«

»Die weiblichen auch?«, wunderte sich Henneys altjüngferliche Sekretärin, die missgünstig den Jüngeren gegenüber war.

»Also eine vom Personal«, stellte der Schlossbesitzer fest.

»Auch nicht. Es war eine Fremde. Sie sah sehr merkwürdig aus. Sie trug gar kein richtiges Kleid. Es war nur ein grauer Fetzen, der sie verhüllte. Ihr Kopf wurde von einem Tuch bedeckt. Außerdem war sie barfuß.«

»Barfuß?«, vergewisserte sich Charles Henney ungläubig. »Mitten im Schloss? Das hört sich aber verdächtig nach einem Flirt mit der Brandyflasche an, Julie.«

Das Mädchen war beleidigt.

Zu Recht. Es verabscheute den Alkohol.

Derlei Stimulanzien brauchte die Verliebte nicht. Vor allem nicht, wenn es um Peter Gulf ging, den sie heftig in ihr junges Herz geschlossen hatte.

Die Befragung der anderen brachte kein Ergebnis, und der Vermisste tauchte auch in der Zwischenzeit nicht wieder auf.

Deshalb sah sich der Schlossherr genötigt, den mühseligen Weg über einhundertundzwölf Stufen doch anzutreten, um Jack Winslow zu beweisen, dass er phantasierte.

Er hieß Winslow, ihn zu begleiten, und ließ dessen Sträuben nicht gelten.

Sie stiegen den engen Schacht hinunter, nachdem sich beide davon überzeugt hatten, dass die Granitplatte den Brunnen vollständig deckte und durch zwei Männer mit ihrer Körperkraft auch nicht um Haaresbreite verschoben werden konnte.

Unten deutete Winslow auf den Schlitz. Der Mann war fahlgrau im Gesicht.

Das war Charles Henney bei ihm nicht gewöhnt.

Er schaute ins Innere des Brunnens, zuckte aber rasch wieder zurück, und die Farbe seiner Haut passte sehr gut zu der seines Angestellten.

 

*

 

Er packte Winslow am Arm und zerrte ihn die ersten Stufen der Treppe hinauf.

»Sie wissen, was es bedeutet, wenn das an die Öffentlichkeit dringt, Winslow?«

Der andere nickte stumm.

»Vielleicht kommen noch ein paar sensationshungrige Touristen in mein Hotel. Danach kann ich verkaufen. Unter dem Preis, versteht sich. Dazu die Schwierigkeiten mit der Polizei. Erklären Sie denen mal, was hier passiert ist. Ich kann es nicht. Mir fällt nichts Glaubwürdiges ein. Sie hatten recht: Das da drin ist Gulf! Und doch sträubt sich alles in mir dagegen. Er kann es nicht sein, er ist viel jünger, er wurde noch vor einer Stunde quicklebendig gesehen. Kein Mensch kann überhaupt in den Brunnen gelangen. Nicht durch diesen schmalen Schlitz, und schon gar nicht von oben hinein.«

»Aber bei meiner gestrigen Führung lag er noch nicht drin, er nicht und auch kein anderer. Wir müssen die Polizei verständigen, Sir. Hier ist ein Verbrechen geschehen! Diese seltsame Frau, von der Julie gesprochen hat, steckt hinter dem Mord. Zweifellos hatte sie Komplizen. Eine ganze Bande starker Burschen, die die Platte zur Seite schoben und Gulf in die Tiefe stürzten.«

»Ich will Sie ja nicht kränken, Winslow«, sagte Charles Henney zweifelnd, »aber ich finde, das ist ein bisschen viel Aufwand, nur, um einen kleinen Fremdenführer zu beseitigen.«

Winslow senkte den Kopf.

»Ich weiß, Sir. Aber wenn es keine Bande war, dann bleibt nur noch eine Möglichkeit.«

Der Schlossherr sah seinen Angestellten fassungslos an.

»Das ist nicht Ihr Ernst, Winslow. Sagen Sie, dass Sie nicht meinen, was ich in Ihrem Gesicht lese!«

Doch, Sir! Es kann nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Gulf wurde das Opfer finsterer Mächte aus der Geisterwelt.«

 

*

 

Peter Gulfs unerklärlicher Tod wurde geheimgehalten.

Henney zahlte Winslow eine ansehnliche Schweigeprämie.

Dafür musste er den Sehschlitz im Brunnen zumauern.

Der Gang in die Tiefe wurde aus dem Programm gestrichen und mit drohender Einsturzgefahr erklärt.

Dem Personal gegenüber fand man eine einleuchtende Darstellung für das Verschwinden des Kollegen: Er war mit der Unbekannten durchgebrannt.

Die Gäste erfuhren nichts davon.

Außer Myra Tillotson und Edgar Coffin hatte niemand die Leiche gesehen.

Zumindest die spleenige Amerikanerin glaubte inzwischen, dass es sich lediglich um eine Puppe gehandelt hatte, die den Besuchern das Gruseln beibringen sollte.

Edgar Coffin machte sich dagegen seine eigenen Gedanken.

Er traute sich zu, aus so geringer Entfernung einen Menschen von einer Puppe unterscheiden zu können und nahm sich insgeheim vor, der Frage auf eigene Faust nachzugehen.

In der kommenden Nacht wollte er sich hinunterschleichen und sich Gewissheit verschaffen.

Noch ein Gast erschien nachdenklich: Allan Proust, der Margy Heller noch immer nicht gefunden hatte.

Das Gemälde ließ ihm keine Ruhe, aber mit wem sollte er darüber sprechen?

Man hörte ihm nicht zu oder unterschob ihm fragwürdige Interessen an der Frau.

Das Mittagessen schmeckte ihm nicht, obwohl es vorzüglich zubereitet war. Die Schlossküche besaß einen ausgezeichneten Ruf.

Proust stocherte in seinem Teller herum, und so blieb es nicht aus, dass er die Aufmerksamkeit Edgar Coffins auf sich zog.

Die beiden kamen ins Gespräch, und schon bald wusste Proust, was er im Verlies versäumt hatte.

Coffin dagegen lauschte erregt, was der Ältere über das Gemälde berichtete.

Sie kamen überein, beiden Rätseln gemeinsam nachzugehen, und besichtigten zunächst die »Hexenverbrennung«, indem sie sich einer der Nachtmittagsgruppen aus ihrem Rundgang anschlossen.

Edgar Coffin studierte das Bild gründlich.

Kein anderes Gemälde im Saal interessierte ihn.

Allan Proust stand ungeduldig neben ihm.

»Na, was sagen Sie?«, wollte er endlich wissen.

»Es gibt keinen Zweifel! Das ist Miss Heller, oder vielmehr sie trägt ihre Züge, denn ein lebendiger Mensch kann ja schließlich nicht in einer bemalten Leinwand verschwinden.«

»Und er kann auch nicht durch dicke Granitplatten fallen«, erinnerte Proust.

Coffin schwieg.

Er war gespannt auf den Brunnen, erfuhr aber zu seiner Enttäuschung, dass die Besichtigung nicht mehr auf dem Programm stand.

»Sehr merkwürdig«, zischte er. »Aber das soll uns nicht davon abhalten, heute Nacht diesen Ausflug in die Tiefe nachzuholen.«

Proust war einverstanden.

Er konnte es kaum noch erwarten.

 

*

 

Der große, sportliche Mann starrte gebannt auf die milchige Kugel.

Sie war kleiner als ein gewöhnlicher Tischtennisball und offenbar massiv.

Milton Sharp war nicht allein.

Eine hübsche Frau mit blauen Augen und langen, rotgoldenen Haaren beobachtete ihn, störte ihn aber nicht.

Er hielt die Kugel zwischen den Fingern der linken Hand und drehte sie langsam.

Sie veränderte ihr Aussehen.

Auf der trüben Oberfläche bildeten sich farbige Schlieren, die ineinanderliefen und immer neue Muster erzeugten. Danach wuchs aus den Farben ein winziger schwarzer Punkt, der schnell wuchs und schließlich der glänzenden Pupille eines Auges glich.

Es handelte sich auch tatsächlich um ein Auge: das einer Schlange.

Milton Sharp hatte die Kreatur in einem gefährlichen Kampf besiegt und damit sich und anderen das Leben gerettet.

Die Schlange, die eigentlich ein krötenähnliches Mischwesen war, hatte ihm Xurus, der Düstere, auf den Hals gehetzt.

Xurus war der rätselhafte Dämon, der seinen Bruder Glyn entführt hatte, und Milton wollte Glyn suchen und retten.

Fast wäre er im Berg Snowdon in Wales bis zu ihm vorgestoßen. Doch der Dämon war schneller und hatte die Flucht ergriffen. Mitsamt seinem Opfer, das zumindest zu diesem Zeitpunkt noch lebte. Das Schlangenauge hatte es ihm gezeigt, und nun hoffte Milton, dass es ihm den neuen Weg zu seinem Bruder wies.

In der Pupille des Schlangenauges erschienen Bilder.

Sie waren nur undeutlich zu erkennen.

Alles war dunkel und verschwommen.

»Was siehst du?«, drängte Jennifer Britten.

Sie war Glyns Verlobte.

Einen Tag vor der geplanten Hochzeit war das Verbrechen geschehen, und die junge Frau fand sich noch längst nicht damit ab.

Nicht mit dem Verlust ihres Geliebten, aber auch nicht mit dem Verrat ihrer besten Freundin, die Xurus geholfen hatte.

Milton, der Reporter der »Seaford Post«, war in den letzten Tagen ein anderer Mensch geworden.

Er, der vor wenigen Tagen noch gelacht hatte über Berichte von unnatürlichen Ereignissen, wusste mittlerweile, dass es Dinge gab, die sich normalen Erklärungen entzogen.

Dazu hatte nicht nur Glyns Entführung beigetragen, sondern auch der Tod des Geisterjägers Victor Vargas, der ihm eine wertvolle, wenn auch unscheinbare Waffe hinterlassen hatte.

Milton hatte Vargas, seinem Bruder Glyn und allen unschuldigen Menschen geschworen, den Kampf gegen das Böse aufzunehmen.

Er war der Schattenjäger geworden und entschlossen, seinen Weg zu gehen.

Er war bereits den ersten Gefahren begegnet, die ihm und Jenny fast das Leben gekostet hätten, und doch ahnte er, dass dies erst der Anfang war.

Die Dämonen ruhten nicht.

»Ich kann nichts erkennen«, gab Milton zurück. »Es ergibt keinen Sinn. Ich fürchte, das Schlangenauge hält nicht, was ich mir von ihm versprochen habe. Wir müssen auf andere Weise versuchen, Glyns Spur wieder aufzunehmen. Vielleicht ist es ihm wieder gelungen, ein Zeichen zu hinterlassen.«

»Versuch es noch mal!«, drängte die Frau.

Sie war den Tränen nahe.

Sie konnte es kaum ertragen, immer wieder Milton ansehen zu müssen, der ihrem geliebten Glyn so ähnlich sah, wie sich Zwillinge nur ähnlich sehen konnten.

Milton konzentrierte sich von neuem.

Vor seinen Augen flimmerte es.

Es war wie Feuer, wie ein brennender Holzstoß.

Ein Scheiterhaufen?

Kauerte nicht eine verhüllte Gestalt darauf?

War es Glyn?

O Gott! Er wurde verbrannt ...

Miltons Atem ging stoßweise. Nur langsam beruhigte er sich.

Er erkannte nun die Züge einer Frau. Es handelte sich nicht um den Gesuchten.

Trotz der momentanen Erleichterung, nicht den grausamen Tod seines Bruders erleben zu müssen, war er enttäuscht, dass ihm das Schlangenauge keine Auskunft über Glyns Verbleib gab.

Es drängte ihn, der Bedauernswerten zu helfen.

Er fühlte geradezu einen inneren Zwang.

Und doch war ihm bewusst, dass er ihr nicht mehr helfen konnte.

Die Flammen leckten bereits an ihrem Körper. Nichts konnte sie mehr aufhalten.

Der Tod schlug zu, indem er die Arme qualvoll verbrannte.

Das Bild verschwamm allmählich.

Die Pupille des Schlangenauges wurde wieder schwarz.

Dann verschwand auch sie, und Sekunden später war die etwa ein Zoll große Kugel wieder trüb wie zu Beginn.

 

*

 

Milton erhob sich und sah seine Begleiterin an.

»Es muss etwas zu bedeuten haben«, sagte er heftig. »Ich habe eine Frau auf einem Scheiterhaufen gesehen. Eine Frau, die ich nicht kenne. Und doch werde ich das Gefühl nicht los, einfach nur fahren zu müssen, um an das richtige Ziel zu gelangen.«

»Du meinst, das Schlangenauge würde dich führen?«, fragte Jennifer voller Hoffnung.

»Das glaube ich«, bestätigte der Reporter, der sich von Strother Brooks, dem Herausgeber der »Seaford Post«, für die Zeit hatte beurlauben lassen, während er seinen Bruder suchte. »Das Auge scheint eine Art Kompass zu sein. Oder ein Pendel. Es strahlt mehr oder weniger starke Energien aus, je nachdem, ob ich mich von meinem Ziel entferne oder ihm nähere.«

»Dann wollen wir es gleich ausprobieren«, schlug die Frau aufgeregt vor.

Milton blickte sie ernst an.

Jennifers Augen wurden schmal.

Sie presste ihre Lippen zusammen. Dann brach es leidenschaftlich aus ihr heraus.

»Sag jetzt nicht, dass die Fahrt für eine Frau zu gefährlich ist, dass ich dir nur im Weg bin. Ich komme mit, und wenn du dich auf den Kopf stellst.«

Milton hatte während der letzten Tage die Frau gründlich kennengelernt, die eigentlich schon seine Schwägerin hätte sein müssen. Sie besaß typisch weibliche Eigenschaften, sah blendend aus, konnte sanft und sicher auch anschmiegsam sein, aber sie zeigte auch Energie und Entschlossenheit. Damit hatte sie durchgesetzt, dass er sie nach Wales mitnahm. Doch hier war sie, freilich ohne ihre Schuld, in eine Situation geraten, die sie normalerweise von einer weiteren Beteiligung an der Suche hätte abhalten müssen.

»Ich will dir nichts über die Gefährlichkeit meiner Mission erzählen«, sagte er ruhig, »aber du hast am eigenen Leib erfahren, wie grausam Xurus ist. Du hast ihn gesehen. Er gab den Befehl, dich zu töten. Hast du das schon wieder vergessen?«

»Wie könnte ich das je in meinem Leben vergessen, Milton? Es hat sich unauslöschlich in mein Bewusstsein eingebrannt. Aber noch etwas kann ich nicht vergessen: Glyn in Ketten, vor Qualen halb wahnsinnig. Xurus will ihn zu einem Geschäft zwingen, aber er bleibt standhaft. Könnte ich da schwach sein? Glyn braucht mich, Milton. Ich muss ihm das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Das bin ich ihm schuldig, und niemand, auch du nicht, kann mich davon abhalten, ihn zu suchen, bis ich ihn gefunden habe! Wenn er stirbt, dann werde ich an seiner Seite sein!«

Milton schwieg.

Die starken Worte waren nicht das Gerede einer hysterischen Frau.

Jenny meinte, was sie sagte, und es war sinnlos, sie vom Gegenteil überzeugen zu wollen.

»Wir fahren gleich morgen früh«, sagte er.

Jennifer widersprach.

»Wenn du müde bist, werde ich mich ans Steuer setzen. Wir brechen sofort auf. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Noch wissen wir nicht, wohin uns diese Fahrt führt. Vielleicht müssen wir sogar das Land verlassen. Vielleicht müssen wir um den halben Erdball fliegen. Und Glyn wartet auf uns.«

Milton sagte nichts.

Er bewunderte diese tapfere Frau, und in gewisser Weise beneidete er seinen Bruder, der so bedingungslos geliebt wurde.

 

*

 

Allan Proust und Edgar Coffin warteten, bis im Schloss Ruhe eingekehrt war.

Sie wollten auf keinen Fall beobachtet werden, denn sie fürchteten, dass man dann ihr Vorhaben unterbinden würde.

Die beiden Männer hatten sich auf Mitternacht verabredet.

Sie trafen sich im Gang und trugen ihre Schuhe in der Hand, um möglichst jedes verräterische Geräusch zu vermeiden. Sie sprachen nicht miteinander.

Jeder kannte den Weg, den sie einzuschlagen hatten.

Die Schlossräume, in denen sich die Schätze aus der Vergangenheit befanden, waren während der Nacht abgeschlossen und bestimmt durch Alarmeinrichtungen gesichert. Immerhin enthielten sie beachtliche Werte, die eine kriminelle Natur auf habgierige Gedanken bringen konnte.

Die Tür zum Verlies war dagegen nur durch einen einfachen Riegel versperrt. Hier war nichts zu holen, was man unter Verschluss hätte halten müssen.

Proust und Coffin schlichen vorwärts.

Bevor sie den Abstieg über die enge Wendeltreppe begannen, kontrollierten sie die schwere Granitplatte. Sie versuchten, sie aus ihrer Lage zu bringen, doch genauso hätten sie sich bemühen können, Schloss Canderworth wegzutragen.

Der Stein rührte sich nicht vom Fleck.

»Es könnte ein geheimer Mechanismus vorhanden sein«, raunte Allan Proust. »Ein Druck auf einen verborgenen Knopf, und die Platte gleitet von selbst zur Seite. So etwas sieht man manchmal in Filmen.«

Sie suchten diesen Knopf, fanden aber weder ihn, noch einen Hebel oder sonst eine verborgene Stelle, die auf Druck einen Mechanismus in Gang gesetzt hätten.

Coffin betonte die Möglichkeit, dass der Mann auch von einer anderen Seite aus in den Brunnen geworfen worden sein konnte.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906349
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Dezember)
Schlagworte
milton sharp hexenjagd canderworth

Autor

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Titel: Milton Sharp 3: Hexenjagd auf Canderworth