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Krimi Doppelband #7: Feierabend für Miss Peal/Schweigen ist Silber, Rache ist Gold

von Alfred Bekker (Autor) Henry Rohmer (Autor) A. F. Morland (Autor)

2016 260 Seiten

Leseprobe

Krimi Doppelband #7: Feierabend für Miss Peal/ Schweigen ist Silber, Rache ist Gold

Alfred Bekker präsentiert, Volume 7

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2016.

Krimi Doppelband #7

von A. F. Morland & Henry Rohmer

Der Umfang dieses Buchs entspricht 270 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

A.F. Morland: Feierabend für Miss Peal

Henry Rohmer (Alfred Bekker): Schweigen ist Silber, Rache ist Gold

Zwei Kriminalromane der Sonderklasse: hart, überraschend und actionreich.

Henry Rohmer ist das Pseudonym des bekannten Fantasy- und Jugendbuchautors Alfred Bekker, der darüber hinaus an zahlreichen Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X mitschrieb.

Titelbild: Firuz Askin.

FEIERABEND FÜR MISS PEAL

Inspector Ferguson ermittelt - Fall 1

von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

Zwei israelische Agenten werden ermordet aufgefunden. Schnell ist klar, dass die Tat mit einem geplanten Terroranschlag in London zusammenhängt. Auch die Entführung eines Scotland Yard Beamten ist Teil eines ausgeklügelten Plans, die britische Regierung zu erpressen. Inspector  Ferguson vom Sonderdezernat IV und sein Team übernehmen den Fall. Können sie den Plan der Terroristen noch verhindern?

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Der anthrazitfarbene Rover hielt an der mannshohen Backsteinmauer, die das weitflächige Grundstück einfriedete.

Der Mann neben dem Fahrer, ein Kerl mit einem unendlich wehmütigen Blick, wandte sich um und schielte den Burschen im Fond an.

»Wir sind da.«

»Das sehe ich«, knurrte der Mann im Fond. Es war nicht gerade eine Leidenschaft von ihm, freundlich zu sein.

»Seid ihr bereit?«, fragte der Mann neben dem Fahrer.

Die beiden anderen nickten.

»Dann setzt mal schön eure Masken auf die Eierköpfe.« Der Beifahrer grinste und machte es seinen Komplicen mit einer raschen Bewegung vor.

Als sie alle drei maskiert waren, nickte der Mann zufrieden, schaute kurz die Straße hinauf und hinunter, öffnete dann den Wagenschlag und sagte: »Jetzt auf zum großen Happening! Man erwartet uns sicher schon mit einiger Sehnsucht.«

Die Männer überkletterten die Mauer, schlichen vorsichtig durch eine breite Buschreihe, wobei sie sich bemühten, so leise wie möglich zu sein, und erreichten, nachdem sie einen schmalen Rasenstreifen laufend überquert hatten, das im Tudor-Stil erbaute Haus, dem ihr Besuch galt.

Einer von ihnen verschaffte sich mit einem Dietrich Einlass. Die anderen folgten ihm, durchschlichen eine breite Halle und erreichten eine hohe Mahagonitür, hinter der das Geklapper einer Schreibmaschine zu hören war.

Der Anführer der Maskierten nickte den beiden Komplicen kurz zu. Dann trat er als Erster an die Tür, um sie zu öffnen. In diesem Moment schlug drinnen das Telefon mit einem schrillen Laut an. Die nach der Türklinke ausgestreckte Hand zuckte augenblicklich zurück. Die Maskierten warteten ab, während sie mit angehaltenem Atem lauschten.

»... tut mir leid«, sagte eine samtweiche Mädchenstimme hinter der Tür. »Mr. Neves ist nicht da.«

Die Maskierten sahen sich verdutzt an.

Einer murrte sauer: »Verdammt! Es kann aber auch gar nichts glattgehen.« Er wandte sich an ihren Anführer: »Du hast doch gesagt, dass sie alle beide da sein werden.«

Der Angesprochene schüttelte grimmig den Kopf und winkte wütend ab, während er zischte: »Ach, halt’s Maul! Soll ich Neves jetzt vielleicht aus dem Ärmel schütteln?«

„... Mr. Neves befindet sich im Augenblick in seinem Klub«, sagte die Sekretärin und verriet damit den Maskierten ungewollt, was sie wissen wollten. »Er wird Sie zurückrufen«, versprach das Mädchen.

Dann hörten die Männer, wie der Telefonhörer auf die Gabel klapperte.

Sie handelten.

Blitzschnell traten sie ein. Jeder hatte eine Pistole in der Faust. Mit wenigen Schritten waren sie bei dem Mädchen, das erschrocken und verdattert den Kopf gehoben hatte und die Eintretenden verwirrt anstarrte.

»Feierabend, Miss Peal!«, sagte der Chef der Maskierten.

Miss Peal reagierte instinktiv. Ihre Hand schnellte zur obersten, halb offenstehenden Schreibtischlade.

Sie griff nach dem kleinen Browning, der darin lag.

Doch die Banditen ließen ihr nicht die Zeit, die Waffe aus der Lade zu reißen.

Die drei Pistolen traten gleichzeitig in Aktion. Drei grelle Flammenzungen jagten Alice Peal sengend heiß entgegen ...

2

Peter Neves legte mit einem verlegenen Lächeln die Spielkarten weg.

»Tut mir leid, meine Herren«, sagte er in die Runde. »Ich bin heute in einer miserablen Verfassung. Es wäre wohl besser gewesen, an so einem Tag die Karten nicht anzurühren.«

Neves trug einen schlichten, eleganten Modellanzug. Er war hochgewachsen, hatte dunkles, gewelltes Haar und machte den Eindruck eines stets hungrigen Frauenfressers.

Die drei Männer, die mit ihm am Spieltisch im Klub saßen, entschuldigten seine Unpässlichkeit mit einem gütigen Lächeln.

Einer von ihnen sagte dann mit einem sehr breiten und sehr verständnisvollen Grinsen: »Sie sind mit Ihren Gedanken wahrscheinlich bei einem sehr hübschen, sehr willigen Mädchen, Mr. Neves.«

Die anderen lachten scheppernd.

Auch der Kiebitz lachte. Er stand schon eine Weile hinter Neves und war mit absolut gar nichts einverstanden, was Neves gemacht hatte.

»Mit einem solchen Mädchen können wir drei selbstverständlich nicht konkurrieren«, bemerkte der grauhaarige Mann, der Neves gegenübersaß.

»Wenn Sie wollen, springe ich gerne für Sie ein, Mr. Neves«, machte sich der Kiebitz erbötig.

Neves nahm dieses Angebot sofort an. »Gut. Das wäre wirklich sehr nett von Ihnen.«

Er erhob sich schnell.

Der andere nahm Platz und griff ausgehungert nach den Spielkarten. Seine entschlossene Miene vermittelte den Eindruck, als wollte er den Spielpartnern nun die Knöpfe von ihren Hosen abgewinnen.

»Es war mir trotz allem ein Vergnügen, Gentlemen«, sagte Peter Neves.

Die Runde nahm diese Versicherung wohlwollend zur Kenntnis.

Neves ging.

Er verließ den Spielraum und begab sich in die geräumige, getäfelte Halle, um zu telefonieren. Er rief zu Hause an.

Niemand meldete sich. Das beunruhigte ihn.

Er hängte ein, nahm den Hörer nach einer halben Minute noch einmal zur Hand und wählte erneut jene Nummer, die er sogar im tiefsten Schlaf hätte von hinten nach vorn abratschen können.

Wieder dasselbe. Alice Peal meldete sich nicht.

Peter Neves schöpfte sofort Verdacht. Er durchlief die Halle und strebte dem Ausgang zu. Er musste zu Hause unbedingt nach dem Rechten sehen.

»Sie wollen uns schon wieder verlassen, Mr. Neves?«, fragte ein dicker Mann, dessen Gesicht wie eine Speckschwarte glänzte. Er war der Sekretär dieses Klubs.

»Ja. Eine wichtige Verabredung«, erwiderte Neves hastig. »Ich hätte sie beinahe vergessen. An manchen Tagen habe ich ein Hirn wie ein Sieb.«

Der Dicke lachte so herzlich, dass ihm der schwere Bauch beinahe aus der Hose gesprungen wäre.

»So geht es uns doch irgendwann mal allen, Mr. Neves.«

Der murmelte einen flüchtigen Gruß und stürmte aus dem Haus.

Wenige Augenblicke später saß er in seinem Wagen und fuhr mit überhöhter Geschwindigkeit nach Hause. Er achtete weder auf Verkehrszeichen noch auf Geschwindigkeitsbeschränkungen.

Zu Hause war etwas schiefgelaufen.

Er spürte das. Es hatte sicherlich etwas Schlimmes zu bedeuten, dass Miss Peal, seine Sekretärin, nicht abgehoben hatte.

Sein Wagen fegte über die gewundene Auffahrt hinauf.

Gleich darauf knirschten die gebremsten Pneus. Neves sprang aus dem Fahrzeug, knallte den Wagenschlag kräftig zu und lief zum Hauseingang.

Zwei Sekunden danach eilte er schon durch die Halle.

»Alice!«, rief er.

Sein Ruf geisterte durch das Gebäude und kam als gespenstisch zitterndes Echo zu ihm zurück.

»Alice?«

Er lief zu jener Tür, hinter der Miss Peals Arbeitszimmer lag. Er stieß sie auf und stürmte in den Raum.

Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen.

Seine Stirn hatte sich mit einem glänzenden Schweißfilm überzogen. Seine Augen weiteten sich nun entsetzt.

»Alice!«, entfuhr es ihm ungläubig.

Miss Peal lag neben ihrem Schreibtisch auf dem Teppichboden. Sie lag auf dem Bauch, das bleiche Gesicht mit den gebrochenen Augen zur Seite gewandt. Unter ihrem jungen Körper glänzte eine dunkelrote Blutlache.

Peter Neves eilte zu dem Mädchen.

Er ging neben der Toten in die Hocke, fasste nach ihrem Handgelenk  und musste feststellen, dass er für dieses Mädchen nichts mehr tun konnte.

Erschüttert schüttelte er den Kopf.

Da gefror ihm plötzlich das Blut in den Adern, als jemand hinter ihm mit höhnischer Stimme sagte: »Ja ja, die arme Miss Peal. Als Verkäuferin in einem Eisgeschäft wäre ihr ein so tragisches Ende erspart geblieben.«

Peter Neves richtete sich steif wie eine Gliederpuppe auf. Sein Gesicht war bleich wie kaltes Hammelfett.

Wie eine Figur von der Fadenbühne wandte er sich um.

Er wusste, was jetzt kommen würde. Er sah die sechs Augen, die ihn aus den Masken fanatisch glühend anstarrten. Er sah die drei Pistolen, die schon Miss Peal zu einem schrecklichen Ende verholfen hatten.

Sie würden erneut losbellen. Und dann war die Reihe an ihm, das Zeitliche zu segnen.

Der Anführer der Maskierten lachte frostig.

»Spätestens jetzt müssten Sie erkennen, dass Sie auf der falschen Seite stehen, Neves.«

Die Lippen des Mannes bebten vor Aufregung. Eine grenzenlose Wut ließ seine Augen zu schmalen Schlitzen werden.

»Ihr werdet es nicht wagen, mich umzubringen!«, keuchte er mit gefletschten Zähnen.

Der Boss der Maskierten schüttelte langsam den Kopf.

»Das ist keine Frage des Mutes, sondern eine Frage der Notwendigkeit, Neves. Wir müssen es tun. Sie wissen, dass wir das nicht als Mord ansehen. Wir sind im Krieg. Im Krieg gibt es keinen Mord. Ich gebe zu, es ist ein schmutziger Krieg, trotzdem können wir nicht umhin, ihn zu führen. Wir haben keine andere Wahl. Die Welt muss auf uns aufmerksam werden, immer wieder. Wir müssen sie wachrütteln und wachhalten. Die Welt muss wissen, dass sie mit uns zu rechnen hat. Wir haben eine Menge Forderungen zu stellen. Und wir verlangen, dass man diese Forderungen akzeptiert. Aus diesem Grund ...«

Das Telefon schlug an.

Peter Neves zuckte nervös zusammen.

Blitzschnell kam ihm eine Idee. Er kreiselte herum und stürzte sich auf den Apparat. Mit beiden Händen wollte er nach dem Hörer fassen.

Da spuckten die Pistolen der Banditen Feuer. Neves stieß einen langgezogenen, gurgelnden Schrei aus. Die drei Kugeln warfen ihn am Schreibtisch vorbei und dahinter zu Boden.

Das Telefon klingelte weiter.

Peter Neves war jedoch nicht mehr in der Lage, abzuheben.

3

Bill McKay kam von Zimmer Nummer 112 in Zimmer Nummer 111 gestampft.

Einen Augenblick dachte Detective Inspector Rod Ferguson, ein schweres Erdbeben würde New Scotland Yard erschüttern. Ein Beben, dessen Epizentrum in Zimmer Nummer 112 lag und sich nun nach Nummer 111 verlagerte.

Doch sobald der Sergeant mit dem Stangenkaktuskörper zum Stillstand gekommen war, war auch das Beben verschwunden.

Bill zauberte eines von seinen besten Lächeln auf sein Pferdegesicht. Das bedeutete, dass er entweder etwas wollte oder irgendeinen Schelmenstreich im Schilde führte.

In der handkoffergroßen Rechten hielt er einen verschwindend kleinen weißen Zettel.

»Hättest du Zeit für einen armen Irren, Rod?«, fragte er beinahe flehend. Seine wasserhellen Augen waren in diesem Moment fähig, einen Stein zu Tränen zu rühren. »Nur zwei Minuten, ja?«

Rod Ferguson lehnte sich zurück, grinste den langen Sergeant freundlich an und fragte:

»Was liegt denn an, Bill - außer den Ohren?«

Bill kam zwei Schritte näher.

»Ich möchte dir rasch ein paar Zeilen vortragen. Sie sind mir so aus dem Blitzblauen zugeflogen. Und da du in deiner kärglichen Freizeit ab und zu Gedichte schreibst, die immerhin auch gedruckt werden und nicht bloß unbeachtet aufs stille Örtchen wandern, dachte ich mir, ich hole gleich mal das Urteil eines richtigen Fachmannes ein.«

Rod zeigte amüsiert die Zähne.

»Dein Vertrauen macht mich ganz verlegen, Bill. Wenn ich dich eben richtig verstanden habe, willst du mir auf dem Gebiete der Dichtkunst Konkurrenz machen.«

»Geschwollen ausgedrückt - ja.« Der Sergeant nickte. »Hör zu:

Ei, der Gesunde hüpft und lacht,

Dem Wunden ist’s vergällt.

Der eine schläft, der andre wacht,

Das ist der Lauf der Welt.

Na, wie findest du das, Rod?«

Ferguson ließ in seinen Zügen den Ausdruck des Fachmanns spiegeln. »Einmalig«, seufzte er.

»Nicht wahr?« Horseface Bill griente.

»Hervorragend!«

Bill McKay rieb sich geschmeichelt die mächtigen Pranken.

»Bei aller Bescheidenheit«, sagte er, »das ist auch meine Meinung.«

»Ausgezeichnet!«, lobte sein Freund und Kollege die vier Zeilen über den grünen Klee.

Bills Augen strahlten. »Ich weiß dein Urteil natürlich sehr zu schätzen, Rod.«

»Das Ganze hat nur einen einzigen Haken«, bekam Bill zur Antwort.

Der Lange mimte den Überraschten.

»Haken? Es hat einen Haken? Was für einen Haken denn?«

»Es ist nicht von dir, Bill.«

»Nicht von mir? Aber es ist mir doch eben erst zugeflogen.«

»Aus dem Blitzblauen - ich weiß. Wo warst du gestern Abend, Bill?«

Er zuckte die Achseln. »Im >Old Vic<. Warum?«

»Man hat »Hamlet« gespielt, nicht wahr?«

»Allerdings. Aber was hat das mit meinen vier Zeilen zu tun, Rod?«

»Vater Shakespeare lässt seinen Hamlet im dritten Aufzug, zweite Szene, sagen: >Ei, der Gesunde hüpft und lacht< ...«

Bills Augen wurden groß wie Tennisbälle.

»Ach, deshalb war mir irgendwie, als hätte ich diese Worte schon irgendwann mal gehört.«

Er grinste spitzbübisch.

Und Rod Ferguson wusste, dass der lange Schelm nichts anderes im Sinn gehabt hatte, als ihn mal wegen seines Steckenpferds gehörig auf den Arm zu nehmen.

Das Grinsen wich auch dann noch nicht aus McKays Gesicht, als das Telefon auf Fergusons Schreibtisch verrückt spielte.

Der Inspector meldete sich lustlos. Doch gleich darauf wurde seine Miene sachlich, ernst und hart.

Als er den Hörer auf die Gabel zurückgelegt hatte, erhob er sich und sagte:

»Auf lasst uns brechen!«

»Wo soll’s denn hingehen, edler Meister?«, erkundigte sich McKay neugierig.

»Chief Superintendent Sir Archibald Stonewell hat wieder mal Sehnsucht nach uns beiden.«

Bill lächelte milde. »Dem Manne kann geholfen werden.«

Daraufhin setzte sich die »Firma« Ferguson & McKay in Bewegung.

Sir Archibald Stonewell, der ranghöchste Beamte von New Scotland Yard, empfing die beiden Detectives mit besorgtem Gesicht.

Stonewell war ein älterer Herr, kahlhäuptig und mit gepflegtem Schnauzbart.

Als sich Ferguson und McKay ihm näherten, raunte Bill seinem Freund leise zu: »Ich weiß, was wir ihm dieses Jahr zu Weihnachten schenken können: Gallenpillen!«

Sir Archibald Stonewell begrüßte die Beamten mit sorgenvoller Miene und sagte dann:

»Bitte setzen Sie sich, meine Herren!«

Bill bemerkte nicht, dass er wieder einmal kräftig aus dem Rahmen kippte, als er sich auf den ledergepolsterten Sessel fallen ließ, die Beine leger übereinander schlug und mit der Stimme des Weltmannes tönte:

»Herrlicher Tag heute, Sir.«

»Es wird Regen geben«, knurrte Stonewell.

Der Lange nickte unbekümmert.

»Eben! Herrlicher Tag.«

Stonewell blickte seinen Sergeant irritiert an. Dann sagte er:

»Ich will Ihre kostbare Zeit nicht lange in Anspruch nehmen, meine Herren. Deshalb werde ich mich so kurz wie möglich fassen. Sie erinnern sich bestimmt noch daran, was 1972 bei den Olympischen Sommerspielen in München passiert ist.«

»Arabische Terroristen stürmten das Gebäude, in dem die israelischen Sportler untergebracht waren«, sagte Inspector Ferguson ernst.

»Das Drama endete in Fürstenfeldbruck«, setzte Bill McKay fort, um zu beweisen, dass er auch nicht auf dem Mond lebte.

Stonewell stellte den Sergeant mit einer knappen Handbewegung ab.

»Kurz vor Ausbruch des Nahostkrieges erzwangen arabische Terroristen in Wien durch Geiselnahme mehrerer Flüchtlinge die Schließung des jüdischen Sowjetflüchtlingslagers Schönau«, fuhr der Chief Superintendent fort. »Mittlerweile ist der Nahostkrieg beendet. Doch der Terror geht weiter. Diesmal soll in London irgendetwas Schreckliches passieren. Der Secret Service hat sich mit uns in Verbindung gesetzt. Ich habe den Leuten unsere Unterstützung zugesagt. Ich brauche wohl nicht hervorzuheben, dass diese Sache brandheiß ist. Und ich bin mir vollkommen bewusst, was ich Ihnen beiden da aufbürde. Wir wissen so gut wie nichts. Es ist zwar bekannt, dass etwas passieren soll, doch niemand weiß, wann es geschehen soll - und was geschehen soll. Es ist Ihre Aufgabe, das herauszufinden, meine Herren. Gestern Nachmittag wurden ein Mann namens Peter Neves und seine Sekretärin Alice Peal von unbekannten Tätern ermordet. Im offiziellen Bericht ist das lediglich ein Doppelmord, wie er leider nur zu häufig in dieser schrecklichen Stadt vorkommt. Doch Ihnen sei ein Blick hinter die Kulissen gewährt. Peter Neves und Alice Peal waren für den israelischen Geheimdienst tätig. Die beiden sollten den geplanten Terroranschlag vereiteln. Es ist ihnen nicht gelungen. Nun sind Sie beide am Ball. Ich kann nur hoffen, dass Sie dranbleiben und mir bestätigen, dass ich die richtigen Leute für diese schwierige und auch gefährliche Aufgabe ausgewählt habe.«

4

Das war’s in groben Zügen gewesen.

Den Rest erfuhren Ferguson & McKay direkt vom Secret Service.

Und dann ging’s ans Ballspielen.

Die den beiden Detectives übertragene Aufgabe war nicht sonderlich schwierig. Sie brauchten schließlich nichts weiter zu tun, als bloß dranzubleiben - am Ball. Wenn das schon ein ernst zu nehmendes Problem darstellen sollte ...

Der lange Bill weigerte sich, den ersten Schritt mit leerem Magen zu tun.

Also ging man essen.

Der Sergeant schaufelte so ziemlich alles in seinen Mund, was weich war und halbwegs essbar aussah.

Dann setzten sie sich in ihren Dienstwagen und machten sich auf die Reise.

Bill lenkte das Fahrzeug. Er schüttelte grimmig den Kopf und starrte verärgert durch die Windschutzscheibe.

»Wenn der Ho-Chi-Minh-Pfad jemals so verstopft gewesen wäre wie unsere Straßen, hätte der Krieg in Vietnam keine zwei Monate gedauert.«

Rod Ferguson war die Ruhe selbst. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und nahm das enorme Verkehrsaufkommen mit stoischer Gelassenheit hin. Sobald sich die Möglichkeit dazu bot, trat Bill kräftig auf die Tube. Nach dem dritten riskanten Überholmanöver sah sich Rod zu der Bemerkung veranlasst:

»Es gibt Autofahrer, die das Vorfahren so lange nicht lassen, bis sie ihren Vorfahren nachfahren.«

Bill verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und bezähmte seine Ungeduld ein wenig.

Was der Sergeant nicht für möglich gehalten hätte, traf schließlich doch noch ein: Sie erreichten Peter Neves’ Haus noch am selben Tag.

»Hübsches Eigenheim«, bemerkte Rod angetan.

Bill widmete sich kurz dem Türschloss. Dann traten sie ein.

Es war zwar nicht ganz korrekt, was sie im Augenblick machten, doch sie hatten die Möglichkeit, nötigenfalls einen Haussuchungsbefehl nachzureichen. Deshalb zeigten sie nicht die geringsten Gewissensbisse, als sie die Schwelle überschritten.

Bills Horseface Maske leuchtete beeindruckt. Er sah sich kurz um und sagte dann:

»Mit wenig Arbeit und ein bisschen Gesundheit müsste man hier drinnen mindestens hundertzwei Jahre alt werden können.«

Sie betraten Alice Peals Arbeitszimmer.

Die Yard Detectives hatten die Fotos gesehen, die die Mordkommission gemacht hatte, und wussten, wo die beiden Leichen gelegen hatten.

Außerdem waren die Stellen mit Kreidestrichen markiert.

Rod Ferguson blickte zu den beiden Kreidekonturen hinüber.

Laut Bericht hatte die Putzfrau die beiden Toten gefunden.

Ferguson und McKay durchschritten den Raum und gelangten an jene Tür, die in Peter Neves’ Arbeitszimmer führte.

Bill öffnete sie, trat ein und stöhnte:

»Da laust einen doch gleich der mit dem langen Zottelfell! Ich habe noch nie erlebt, dass bei geschlossenen Fenstern ein derart schlimmer Orkan gewütet hat.«

Das Arbeitszimmer war buchstäblich auf den Kopf gestellt worden.

Hier drinnen herrschte die Unordnung zur höchsten Potenz. Bücher waren von den Regalen gerissen worden. In den Schränken steckten keine Laden mehr. Sie lagen auf dem Boden. Ihr Inhalt war zu einem kleinen Gebirge aufgeschüttet worden.

Die Ölgemälde lagen auf dem Trümmerhaufen. Aus den Armsesseln ragten die Sprungfedern. Die Sitzflächen waren aufgeschlitzt.

Der Wandsafe wies zahlreiche Kratzspuren auf, doch daran hatten sich die Unholde, die hier gewütet hatten, die Zähne ausgebissen.

»Hier scheint einer die berühmte Stecknadel gesucht zu haben«, murmelte Rod und trat an den Safe.

»Modell Brown & Masterson«, stellte Bill sachlich fest. »Soll ich mal beweisen, was für ein prima Safeknacker ich wäre, Rod?«

Der grinste. »Du hast doch zwei linke Hände, Bill.«

»Nun komm mir bloß nicht politisch, ja!«

Inspector Ferguson legte sein Ohr auf das kalte Metall des eingebauten Stahlschranks.

Er schloss konzentriert die Augen und versuchte sich geduldig an der Kombination.

McKay nagte mit seinem großen Pferdegebiss gespannt an seiner Unterlippe.

»Wenn Mr. Neves in diesen Apparat klugerweise einen Sprengsatz eingebaut hat, fliegt uns das Ding ganz schön um die Ohren«, unkte er und wiegte bedächtig den Kopf.

»Macht nichts«, erwiderte Rod grinsend. »Ich hab’s gern, wenn’s kracht.«

Bill rieb sich brummig das Kinn.

»Ich will ja nichts Despektierliches sagen, Rod. Aber manchmal habe ich den Eindruck, du hast das Gemüt von irgend so ’nem schweren Dickhäuter. Gibt es eigentlich jemand auf dieser großen weiten Welt, der dich aus der Ruhe bringen kann?«

»Ja, den gibt es.«

»Wer denn?«

»Dich, Bill. Sonst niemand.«

Der Sergeant deutete eine leichte Verneigung an.

»Danke für die Blumen, Rod. Ich stelle sie mir gleich in die Vase.«

Ferguson schaffte es. Er fand die Zahlenkombination.

Nun umschlossen seine Finger den schmalen Griff des Safes. Er zog die Tür langsam und äußerst vorsichtig auf. Das mit dem Sprengsatz war immerhin kein leerer Wahn. Eine kleine Explosion war selbst jetzt noch durchaus drin, wo Ferguson die Safetür schon fast ganz geöffnet hatte.

Der Inspector schwitzte. Es war die nervliche Anspannung, die ihm den Schweiß aus den Poren trieb.

»Heiß, was?« McKay grinste. »Da fällt mir ein: Letzten Sommer soll es in Mexiko so heiß gewesen sein, dass die Eidechsen ins Lagerfeuer krochen, um den Schatten der Bratpfannen zu genießen.«

Die Safetür war nun vollkommen offen.

Die Explosion hatte nicht stattgefunden.

Rod Ferguson stieß einen erleichterten Seufzer aus und widmete sich nun interessiert dem Inhalt des Stahlschranks.

Er holte ein Banknotenbündel heraus und zählte die Scheine schnell.

»Zehntausend Pfund«, stellte er fest.

»Ganz neue Scheine«, bemerkte Bill. »Wahrscheinlich selbst gedruckt.«

Als nächstes fiel Rod eine Namensliste in die Hände. Es waren die Namen von arabischen Terroristen. Neben zwei Namen befand sich ein roter Punkt:

»Abdel Hammed. Ibn Sallah.«

»Was hat der rote Knopf zu bedeuten?«, fragte Bill interessiert.

»Erinnerst du dich an den Bankraub im vergangenen Monat?«, fragte Rod zurück.

»Ach ja. Jetzt leuchten in meinem Köpfchen verschiedene Lämpchen. Der rote Punkt bedeutet demnach, dass diese beiden Brüder im Gefängnis schmachten. Hammed und Sallah. Da kommt mir doch gleich eine ganz unheimliche Idee, Rod. Soll ich sie zum Munde herauslassen?«

»Ich bitte darum.«

»Soeben haben mir meine kleinen grauen Zellen gemeldet, dass Hammed und Sallah vom Heimatland vor einiger Zeit für irgendeine Flugzeugentführung hoch dekoriert worden sind. Möglicherweise will man nun durch irgendeinen Terroranschlag ihre Freilassung erzwingen.«

Rod Ferguson nickte.

»Wir werden uns die beiden Typen auf jeden Fall heute noch ansehen.«

Er griff wieder in das Stahlfach hinein und brachte etwas zum Vorschein, das ihm einen erstaunten Pfiff entlockte.

»Hast du das eben selbst komponiert, Rod?«, fragte Bill grinsend.

»Kommt der ungemein scharfsinnige Detective Sergeant Bill McKay darauf, was ich hier in Händen halte?«

»Nicht sofort«, erwiderte Horseface achselzuckend und ging mit seinem Pferdegesicht näher an das Ding in Rods Händen heran.

»Ein Sprengstoffbrief!«, erklärte er. »Adressiert an Peter Neves.«

Der Lange mit den Ziehharmonikahosen zuckte unwillkürlich zurück.

»Ich habe ja gleich gewusst, dass uns heute noch was um die Hörer fliegen wird.«

Rod schüttelte den Kopf.

»Keine Angst. Neves hat das Ding bereits entschärft.«

»Mein Dank wird ihm ewig nachschleichen«, brummte Bill. Er sah seinen Freund beeindruckt an. »Dann hat man also schon mal versucht, Neves über den berühmt-berüchtigten Jordan zu schicken.«

Rod schlug dem Stangenkaktus kräftig auf die Schulter.

»Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ein ungemein cleverer Bursche bist, Bill?«

»Doch, ja. Das höre ich nicht zum ersten Mal.«

»Du solltest mal bei der Polizei vorsprechen. Da kann man Leute wie dich gut gebrauchen.«

»Danke für den Tipp. Ich glaube, ich werde die Sache vorerst aber doch noch mal überschlafen.«

Rod steckte den Sprengstoffbrief grinsend ein. Er schob auch die Namensliste in die Innentasche seines Jacketts.

Dann durchstöberten und durchschnüffelten sie das Arbeitszimmer bis in den letzten Winkel hinein. Sie dehnten ihre Suche auch auf die anderen Räume aus.

Als sie eine halbe Stunde später immer noch nichts gefunden hatten, das für sie und ihre Arbeit interessant gewesen wäre, gab der Inspector das Kommando, die Segel zu hissen.

Bill quälte sein sperriges Gestell wieder hinter das Lenkrad, während Rod neben ihm Platz nahm.

»Darf ich Euer Merkwürden zum Yard zurückfahren?«, erkundigte sich der Sergeant.

»Du hattest schon lange keinen glänzenderen Einfall«, erwiderte Rod lächelnd.

McKay ließ den Starter auforgeln. Gleich darauf sprang der Motor an. Der Dienstwagen setzte sich in Bewegung.

Sie erreichten die Grundstückausfahrt ohne besondere Vorkommnisse.

Doch das blieb nicht so.

McKay hielt die Dienstkutsche kurz an, um sich zu vergewissern, dass er keinen Wagen des Querverkehrs rammte, wenn er nach links abbog.

Wie gut er daran getan hatte anzuhalten, bemerkte er schon in der nächsten Sekunde.

Ein anthrazitfarbener Rover kam von links. Nicht sehr schnell, als wäre er auf einer Bummelfahrt oder auf einer Sightseeing-Tour.

»Vorsicht, Bill!«, stieß Rod plötzlich so laut hervor, dass Bills Trommelfelle vibrierten.

Doch Bill hatte bereits dieselbe Wahrnehmung wie sein Freund gemacht.

Die Seitenfenster des Rover waren heruntergekurbelt. Im Wagen saßen drei Männer. Sie waren maskiert. Zwei von ihnen hatten Maschinenpistolen in den Händen, deren Läufe sie nun blitzschnell aus den Fenstern schoben.

Ferguson rutschte augenblicklich nach unten. Der Sergeant ließ sich im selben Moment zur Seite fallen.

Da hämmerte auch schon das tödliche Stakkato los. Die heißen Kugeln prasselten gegen den Polizeiwagen.

Die Seitenscheiben wurden zerfetzt. Das Sicherheitsglas löste sich in Tausende Teilchen auf. Ein glitzernder Glashagel fiel auf die beiden Detectives.

Der ganze Spuk dauerte nicht länger als eine halbe Minute.

So schnell konnte man tot sein, wenn man nicht schnell genug reagierte.

Schlagartig verstummte das Stakkato. Der Motor des Rover heulte auf. Die Pneus jaulten ohrenbetäubend. Dann jagte das Fahrzeug mit zunehmender Geschwindigkeit davon.

Die Yard Detectives tauchten aus der Versenkung auf.

»Los, Bill!«, rief Rod wie im Jagdfieber. »Hinterher! Mach schon! Fahr hinterher! «

»Gern, Rod«, erwiderte Horseface mit sauer lächelnder Miene. »Aber mit welchem Wagen? Dieser hat nämlich soeben seinen Geist aufgegeben.«

5

Inspector Ferguson legte einen Eifer an den Tag, der ihm das Anrecht auf einen vorbildlichen Herzinfarkt sicherte, wenn er nicht sehr bald wieder ein wenig langsamer trat.

Er hatte den Sprengstoffbrief im Labor abgeliefert und hatte den Leuten da kräftig Feuer unter den lahmen Hintern gemacht, um sie auf Vordermann zu bringen.

Ihr Auftrag lautete: Sie sollten herauszufinden versuchen, wo das Ding gebastelt worden war. Wie sie das anstellten, war nicht Fergusons Kaffee.

Als der Inspector wenig später in sein Büro hineinschneite, kam ihm McKay von nebenan entgegen.

»Ich habe inzwischen mit einigen zionistischen Institutionen - mit Sitz in London - telefoniert, Rod.«

»Und?«, fragte sein Kollege knapp. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und zündete seine Pfeife an.

»Halte dich fest, damit du nicht ins Schleudern kommst, Rod!«

»Mach’s nicht so spannend, zum Henker!«

»Seit wann haben wir denn wieder einen Henker?«

»Bill!«, knirschte Rod ungehalten.

»Okay. Verzeihung. Hier kommt die Neuigkeit: Nächste Woche trifft hier in London ein bekanntes israelisches Folkloreensemble ein.« Horseface schluckte kurz. »Ich will ja nicht unken, aber die Sache gefällt mir nicht. Gefällt mir in höchstem Maße nicht, Rod.«

Der Inspector paffte nachdenklich.

Als das Telefon anschlug, nahm er die Pfeife aus dem Mund und den Hörer von der Gabel.

»Na, Bezähmer des kleinkarierten Verbrechertums!«, sagte eine hohntriefende Stimme am anderen Ende des Drahtes.

Rod machte Bill ein Zeichen, er solle sich den zweiten Hörer greifen.

»Wie hat Ihnen unsere kleine Kostprobe geschmeckt, Ferguson?«

»Ausgezeichnet«, knurrte der Inspector zynisch.

»Sie können gern mehr davon haben - vorausgesetzt, dass Sie es verkraften!«, höhnte der Anrufer. »Fassen Sie das Ganze vorerst mal als eine Art Schuss vor den Bug auf, Ferguson.«

»Sie bilden sich doch nicht etwa ein, dass mir davon jetzt noch die Knie zittern?«, fauchte der Inspector wütend.

Der Anrufer lachte spöttisch.

»Ich weiß, dass Sie ein tapferes Kerlchen sind, Ferguson. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass Sie - wie alle Menschen - Ihre Grenzen haben. Unser erstes Zusammentreffen sollte nicht mehr als ein flüchtiges Abtasten des Gegners sein. Verlassen Sie sich nicht zu sehr darauf, dass wir beim zweiten Mal wieder danebenschießen werden! Sie würden eine sehr bedauerliche Überraschung erleben. Nun will ich Ihnen mal etwas von Mann zu Mann sagen: Sie werden Ihre Untersuchungen im Sande verlaufen lassen, verstanden? Meine Freunde und ich werden Ihnen auf die Finger sehen. Falls Sie sich nicht an diese Anweisung halten sollten, werden Sie sterben. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für das Pferdegesicht.«

Es klickte in der Leitung.

Aus.

Der Anrufer hatte aufgelegt.

Bill McKay schüttelte beleidigt den Kopf, während er den Zweithörer an den Haken hängte.

»Ich kann ja verstehen, dass mich dieser verflixte Kerl nicht mag, aber Pferdegesicht hätte er trotzdem nicht sagen sollen. Das macht mich störrisch. So erreicht dieser Übelfinger überhaupt nichts bei mir.«

Rod wies auf das Telefon.

»Würdest du sagen, dass das ein Araber war, Bill?«

Der schüttelte heftig den Kopf.

»Nie und nimmer. Der Anrufer ist so wenig ein Araber, wie ich ein Türke bin. Wir haben es hier mit einem wasch- und kochechten Briten zu tun. Wenn ich mir noch eine letzte Bemerkung erlauben dürfte. Was die Sache mit dem Im-Sande-verlaufen-lassen betrifft: Ich bin der Meinung, wir sollten es nicht gar zu ernst damit nehmen.«

Rod nickte.

»Der Meinung bin ich auch.« Er hob senkrecht vom Stuhl ab. »Komm, Bill!«

»Sandspielen?«

»Wir fahren jetzt mal zu Hammed und Sallah und frischen da unsere Arabischkenntnisse auf!«

6

Bill McKay zuckte die knöchernen Achseln. »Sie waren sehr freundlich. Findest du nicht?«

Ferguson saß verärgert neben dem Sergeant und starrte mit grimmiger Miene durch die Windschutzscheibe.

Sie waren bei Hammed und Sallah gewesen. Deshalb war Ferguson ja jetzt so furchtbar sauer.

»Man darf ihnen das nicht übel nehmen, dass sie uns die Zähne einschlagen wollten, als wir ihre Zelle betraten«, verteidigte Bill die beiden Verbrecher mit seinem typisch britischen Humor.

Rod knurrte etwas Unverständliches.

»Immerhin waren wir Fremde für sie«, fuhr Horseface Bill fort. »Sie konnten ja nicht wissen, dass wir es gut mit ihnen meinen. Und dafür, dass sie während der ganzen Stunde, die wir bei ihnen waren, kein einziges Mal den Mund aufgemacht haben - außer, um mal herzhaft zu gähnen -, hatten sie sicherlich triftige Gründe, davon bin ich felsenfest überzeugt. Wir sollten auf keinen Fall voreilig den Stab über ihnen brechen.«

Das Reklameschild eines Selbstbedienungsrestaurants tauchte am Straßenrand auf - groß, grell, unübersehbar.

Der ewig hungrige Sergeant legte gleich eine andere Platte auf.

»Mann, habe ich plötzlich einen Kohldampf. Ganz schwarz wird mir vor Augen. Ist ganz was Neues. Ich schwör’s, das hatte ich noch nie. Ich glaube, ich kann nicht mehr weiterfahren. Wäre den anderen Verkehrsteilnehmern gegenüber unverantwortlich. «

»Nun fahr schon auf den Parkplatz!«, sagte Rod grinsend. »Ein kleines Steak könnte mir auch nicht schaden.«

Bill aß sehr ausgiebig zu Abend. Damit diese schwarzen Flecken vor den Augen nicht wiederkämen, wie er meinte.

Hinterher ließ er sich eine Blumenvase voll Bier reichen und trank den Gerstensaft mit weithin hörbaren Schlürf- und Schluckgeräuschen auf einen Zug aus.

Nachdem er sich zufrieden den Mund abgewischt hatte, sagte er mit einem verlegenen Lächeln:

»Ich weiß nicht, geht es dir ebenso, Rod? Sobald ich ein Gläschen Bier trinke, kriege ich eine furchtbare Sehnsucht nach einem gewissen Örtchen.« Er erhob sich ächzend. »Ich stehe dir gleich wieder zur Verfügung.«

Das war gelogen.

Doch das konnte Bill McKay in diesem Augenblick noch nicht wissen.

Er suchte mit reinem Gewissen und mit voller Blase die Toilette auf. Doch er kam nicht mehr dazu, sein menschlich verständliches Vorhaben auszuführen, denn kaum hatte er die Tür geöffnet, da sprang ihn ein kräftiger Kerl unverhofft an.

Ein Totschläger mischte sich hart in die Geschehnisse.

Der Schlag ließ in McKays Kopf eine schwarze Blase zerplatzen.

Er kippte nach hinten, genau in die Arme eines zweiten Mannes.

Sie schleppten ihn hastig aus dem weiß verfliesten Raum, trugen ihn ächzend zum Hinterausgang, warfen ihn da in ihren wartenden Wagen und brausten unerkannt ab.

Es liegt in der Natur eines jeden Menschen, dass er nach einer gewissen Wartezeit unruhig und misstrauisch zu werden beginnt. Bei Rod Ferguson war das nicht anders.

Fünfzehn Minuten!

Eine Viertelstunde für das, was Bill McKay vorgehabt hatte, hätte eigentlich reichen müssen. In einer Viertelstunde musste die prallste Blase leer zu kriegen sein.

Rod machte den Hals lang und ließ den Blick durch das Lokal schweifen. Neben dem Gang zur Toilette stand ein Mann im eleganten Einreiher, den Ferguson unschwer als den Geschäftsführer erkennen konnte, denn der Mann kümmerte sich um Dinge, die einen normal Sterblichen einen feuchten Staub angingen.

Der Inspector nahm sich vor, diesen Mann zu interviewen. Zuvor wollte er aber die Toilette frequentieren, um da mal nach dem Rechten zu sehen. Vielleicht hatte Bill bloß Gleichgewichtsstörungen erlitten und lag nun hilflos in der Rinne für Anfänger und Fortgeschrittene.

Rod Ferguson erhob sich und ging denselben Weg, den vor fünfzehn Minuten sein teurer Freund gegangen war.

Er ging diesen Weg vergeblich. Bill schien sich in Luft aufgelöst zu haben, denn er fand sich in keiner der zahlreichen Muscheln. Deshalb verließ Rod die parfümgeschwängerte Stätte und begab sich zu dem Geschäftsführer, der an seinem Platz inzwischen Wurzeln geschlagen zu haben schien.

Ferguson räusperte sich kurz. Der Geschäftsführer ließ den Kopf herumrucken. Ein beflissenes Lächeln verklärte seine Lederapfelzüge.

»Was kann ich für Sie tun, Sir?«

»Sie könnten mir eine Auskunft geben.«

»Aber gern, Sir. Worum handelt es sich?«

»Um den Mann, mit dem ich zu Abend gegessen habe.«

»Um den Mann ...«

»... mit dem ich ...« Ferguson nickte. »Dürr, lange Arme, mächtige Pranken. Wasserhelle Augen, hohlwangiges Gesicht mit hervorstehenden Backenknochen plus Pferdegebiss.«

Der Geschäftsführer ließ zum Zeichen, dass er sich auskannte, die dicken schwarzen Augenlider so hoch hinaufschnappen, dass sich Rod fragte, wie er die jemals wieder herunterbrachte.

»Ach ja«, erwiderte der Mann dann in freundlichem Singsang. »Dieser Herr ist an mir vorbeigegangen.«

»Er ist nicht wiedergekommen.«

»So?«

»Haben Sie ihn das Lokal verlassen sehen?«, fragte der Inspector.

Der Geschäftsführer schüttelte bedauernd den Kopf.

»Tut mir aufrichtig leid, Sir. Aber hier herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Wie sollte ich da ...«

Ferguson winkte seufzend ab.

»War ja nur eine Frage.« Er sah sich kurz um. »Gibt es hier einen zweiten Ausgang?«

»Selbstverständlich, Sir. Das schreibt das Gesetz vor. Es ist der Notausgang.«

»Und wohin führt die Not?«

»In den Hinterhof.«

»Und von da?«

»In die nächste Querstraße.«

Der Yard Detective bedankte sich für die erschöpfende Auskunft. Er machte sich auf den Weg, um nach seinem Freund im Hinterhof zu suchen. Bill war ein sperriger Kerl. Den konnte man nicht so einfach verschwinden lassen.

Rod trat aus dem Notausgang in den finsteren Hinterhof. Über ihm spannte sich der Nachthimmel wie ein schwarzes quadratisches Laken. Die Fenster der den Hof einfriedenden Häuser waren zum Teil erhellt. Zum Teil waren sie schwarz wie der Himmel.

Von Bill war nicht mal ein Haar zu finden. Weder in den zahlreichen Mülltonnen, die hier herumstanden, noch dahinter. Ratten spielten vergnügt Haschmich zwischen Papierknäueln und Konservendosen, die aus den überquellenden Tonnen gefallen waren.

Ferguson durchschritt den Hinterhof. Er lief durch eine breite Einfahrt und erreichte die nächste Querstraße. Hier hätte Dornröschen schlafen können. Kein Verkehr, keine Fußgänger. Die Ruhe in Person herrschte hier.

Es war leicht festzustellen, dass man mit einem Wagen bequem bis zum Hinterausgang des Selbstbedienungsrestaurants fahren konnte.

Nun gab es für den Inspector zwei Möglichkeiten: Entweder hatte jemand Bill McKay mit unwiderlegbaren Argumenten zu einer kleinen Spritztour überredet - oder Bill hatte ein bekanntes Gesicht gesehen, dem er so überstürzt folgen musste, dass er nicht mehr die Zeit hatte, Rod davon Nachricht zu geben.

Rod tippte eher auf die erste Möglichkeit. Aber er wollte nicht den Teufel an die Wand malen, deshalb versuchte er, den Gedanken vorläufig aus seinem Kopf zu verbannen.

Er ging die menschenleere Querstraße entlang, schlenderte um die Ecke und begab sich zu seinem Dienstwagen.

Er öffnete den Wagenschlag und wollte sich hinter das Lenkrad fallen lassen. Da leuchtete ihm etwas Weißes entgegen: ein Zettel. Er lag auf dem Fahrersitz. Eine Nachricht von Bill wahrscheinlich.

Rod Ferguson griff hastig nach dem Zettel. Im Schein der Straßenlaterne las er die Nachricht. Und plötzlich legte sich etwas Eiskaltes an sein Herz. Nun war es Gewissheit. Er musste Angst um Bill McKay haben.

Auf dem Zettel stand:

Mir geht es verdammt dreckig, Rod.

Bill

7

Die sofort eingeleitete Suche nach Detective Sergeant Bill McKay blieb bis zum nächsten Tag erfolglos. Ferguson rannte in seinem Büro wie ein gereizter Tiger auf und ab. Jedes Telefonklingeln erschreckte ihn. Jedes Mal, wenn er an den Apparat ging, hoffte er, eine Nachricht von oder über Bill zu erhalten.

Er hatte kaum geschlafen, sondern die Nacht im Yard zugebracht. Er hatte hier gefrühstückt, hatte sich hier rasiert und die Zähne geputzt. Dunkle Ringe lagen unter seinen blauen Augen.

Der Mann, der normalerweise wie ein großer Junge aussah, schien in dieser Nacht um zehn Jahre älter geworden zu sein. Winzige Fältchen lagen um seine Augen. Die dezent elegante Kleidung war in Unordnung geraten. Rod hatte den Krawattenknoten gelockert und den Hemdkragenknopf geöffnet. Er trank viel Tee und rauchte nahezu pausenlos Pfeife. Dementsprechend war auch die Luft in seinen vier Wänden. Man konnte sie schneiden - oder daraus Kugeln formen und damit kegeln gehen.

Wieder schlug das Telefon an. Der Inspector stürzte sich auf den Apparat wie der hungrige Habicht auf die Maus.

Jemand im Gebäude rief ihn an, um ihm mitzuteilen, dass man die Namensliste, die er bei Peter Neves gefunden hatte, einer genauen Prüfung unterzogen hatte. Außer Abdel Hammed und Ibn Sallah wäre keiner der auf der Liste aufgeführten arabischen Terroristen noch in Großbritannien.

Dass Hammed und Sallah noch nicht abgehauen waren, hatte einen bestens bekannten Grund. Ferguson bedankte sich für die Nachricht und klopfte seine Pfeife im bauchigen Aschenbecher aus.

Als das Telefon erneut anschlug, zuckte er unwillkürlich zusammen. Ihm war noch nie so sehr wie in dieser Situation zum Bewusstsein gekommen, wie oft dieser Quälgeist am Tag eigentlich losschrillte.

»Inspector Ferguson!«, meldete er sich und unterdrückte ein ehrlich gemeintes Gähnen.

Doug Deland war am anderen Ende der Strippe. Deland war der Chef des Labors.

»Können Sie ein bisschen Zeit für mich erübrigen, Inspector?«, fragte der Mann mit seiner kreischenden Stimme. Sie klang, als würde man eine Kreissäge einschalten.

»Zeit, so viel Sie wollen, Doug«, sagte Ferguson.

»Dann komme ich gleich mal mit einer tollen Überraschung zu Ihnen hoch.«

»Tun Sie, was Sie nicht lassen können.«

»Sie werden Augen machen, Inspector. Sie werden Ihre reine Freude mit mir haben.«

Ferguson lachte. »Dafür spendiere ich Ihnen dann auch etwas ganz Scharfes.«

»So? Was denn?«

»Einen Becher Rasierklingen.«

Doug Deland lachte meckernd.

»Ich weiß doch, dass Sie auf Ihren Pennys sitzen wie die Glucke auf ihren Eiern.«

Zwei Minuten später öffnete Deland die Tür zu Fergusons Büro. Wenn man bedenkt, wie viele Etagen und Korridormeter er in dieser Zeit zurückgelegt hatte, musste man diese Leistung als olympiareif bezeichnen.

Deland war groß, hager, hatte keinen Bauch, war um die Vierzig und wirkte jugendlich und durchtrainiert. Ein Tennistyp.

Er reichte Ferguson grinsend die Hand. Sein Griff glich dem einer Zange.

Braunes Gesicht, braune Augen, brauner Tweed. Eine Nase wie ein Adler und Augen wie ein scheues, unschuldiges Reh. Eine Strähne Grau über den Ohren wie das Make-up eines Hollywoodstars.

Das war Doug Deland, der Leiter des Labors.

»Darf ich mich setzen, oder soll ich mich gegen die Rauchwolke lehnen?« Deland grinste verschmitzt.

»Setzen Sie sich, Doug.«

»Danke, Sir.«

»Wo kneift der Sweater?«

»Es geht um den Sprengstoffbrief, den Sie bei mir abgeliefert haben, Sir.«

»Was ist damit?«

»Wir haben uns das Ding ganz genau angesehen.«

»Mit welchem Ergebnis?«

Doug Deland lächelte, denn er freute sich über den Erfolg, den er auf seiner Habenseite buchen durfte.

»Dieser Sprengstoffbrief ist mit Sicherheit von einem unserer Bekannten angefertigt worden.«

»Und wie heißt dieser gute Bekannte?«

»Nicholas Shook. Er hat im vergangenen Monat zehn solche Briefe an führende Politiker gesandt. Der Brief an Peter Neves trägt somit die Nummer elf.«

Ferguson horchte erstaunt auf.

»Irrtum ausgeschlossen, Doug?«

Die Art, wie Deland nickte, wischte jeglichen Zweifel vom Tisch.

»Das gleiche Material, das gleiche System, die gleiche Anordnung der einzelnen Teile, die gleichen Lötstellen. Die elf Sprengstoffbriefe gleichen einander wie Eier.«

Ferguson grinste.

»Und dabei haben wir gar nicht Ostern.«

Er bedankte sich bei Deland. Der Beamte ging und schloss die Tür hinter sich so leise, als wäre sie aus Schaumgummi gemacht.

Doch zwei Sekunden später wurde die Tür schon wieder brutal aufgestoßen.

»Tag!«, bellte eine Stimme. Eine Frauenstimme - jedoch als solche kaum zu erkennen.

Detective Inspector Jeniffer Nelson ließ die Tür hinter sich zufliegen, dass ein Donnergrollen durch den Yard rollte.

Obwohl das glatt zurückgekämmte rote Haar mit Knoten vollkommen korrekt war, griff sie prüfend danach, während sie sich Fergusons Schreibtisch mit nahezu männlich-festem Schritt näherte. Ihr üppiger Busen war zu einer Art Stehpult aufgebaut.

Die Unterwelt hatte ihr den Spitznamen »Lord« verliehen, weil sie außer Haus ständig mit einem breitrandigen Hut mit hochgeschlagener Krempe herumlief.

Ferguson blickte das alte Mädchen mit den stets zuckenden Lidern fragend an.

»Haben Sie irgendetwas auf dem Herzen, Jeniffer?«

»Bill«, sagte »Lord« Nelson knapp. Sie gab sich oft sehr rau, aber sie hatte einen ungemein weichen Kern. »Weiß man schon was Neues?«

Rod schüttelte bedrückt den Kopf.

»Leider nein. Er ist nach wie vor spurlos verschwunden.«

»Lord« Nelson schaute zum Fenster, als könnte sie irgendwo McKay entdecken. Seit der Sergeant verschwunden war, war sie nervös und besorgt wie eine Mutter, deren Kind abhandengekommen ist.

»Hoffentlich geben ihm die, die ihn entführt haben, genug zu essen, sonst sehen wir den Stangenkaktus nie mehr wieder«, sagte sie leise. Sie hatte ehrliche Angst um Bill McKay. Doch nicht nur sie. Der ganze Yard bangte um das Leben dieses liebenswerten Unikums.

8

Der Keller war groß, feucht und dunkel. Durch irgendwelche Lüftungsschlitze quälte sich ganz wenig Tageslicht herunter. Das Gebäude war alt, zerwohnt und deshalb leer.

Hierher hatte man Bill McKay gebracht. Man hatte ihn gefesselt, aber nicht geknebelt. Das hieß, dass ihn weit und breit niemand gehört hätte, wenn er um Hilfe gerufen hätte.

Bill war allein. Niemand kümmerte sich um ihn. Sie hatten ihn hier abgelegt wie einen alten Teppich, den keiner mehr haben wollte.

Bill hatte schon mehrmals versucht, die Fesseln abzubekommen, doch es war ein fruchtloses Unterfangen geblieben. Ein Fachmann hatte diese Fesseln angelegt. Daran war nicht zu rütteln ...

Schritte!

Bill lauschte. Tatsächlich, da kam jemand.

Der Sergeant richtete sich auf und lehnte sich an die feuchte Wand.

Die gegenüberliegende Tür wurde geöffnet. Gleich darauf trat ein Mann ein. Er war maskiert.

Horseface grinste.

»Na, wie war’s beim Maskenball?«

Der Mann kam näher. Seine Augen funkelten bösartig.

»Dir werden die Scherzchen schon sehr bald vergehen, Yard Vogel!«

»Ich nehme an, damit bin ich gemeint«, kommentierte Bill und lächelte ungerührt.

»Wer denn sonst? Ist ja nur ein Yard Vogel da.«

»Eben.« Bill nickte. »Denn du bist ja ein Galgenvogel.«

Der Mann wollte McKay ins Gesicht schlagen. Im letzten Moment beherrschte er sich aber dann noch.

»Wozu soll ich mir die Finger an dir dreckig machen, McKay. Mit dir ist’s sowieso bald aus.«

»Ich nehme an, ihr habt mit mir irgendeine Schweinerei vor«, brummte der Sergeant.

Der Maskierte lachte hämisch.

»Bist du ein kluges Bürschchen, Sergeant.«

Horseface zuckte bescheiden die Achseln.

»Ist mir angeboren. Kann ich jetzt endlich was zu essen haben, oder muss ich mich bei der Kurverwaltung beschweren?«

Der Mann lachte aus vollem Hals. Die Maske dämpfte sein Gelächter ein bisschen und ließ es unnatürlich klingen.

»Essen, Bill McKay? Wer denkt denn ans Essen, so kurz vor dem Sterben!«

9

Es war kein Kunststück gewesen, Nicholas Shook auszuforschen, nachdem er die Sprengstoffbriefe abgeschickt hatte. Der Bursche war nicht besonders schlau vorgegangen. Er hatte die Dinger gleich bei seinem zuständigen Postamt aufgegeben.

Als man ihn dann gefasst hatte, wusste man, wieso der Junge nicht sehr clever vorgegangen war. Nicholas Shook war zwar ein leidlich guter Bastler, aber er hatte Stroh im Kopf. Er war dümmer, als es die Polizei erlauben durfte. Deshalb wanderte er nicht ins Gefängnis, sondern in eine geschlossene Nervenklinik.

Rod Ferguson war auf dem Weg dorthin.

Das Grundstück war von hohen Hecken umsäumt. Die Anstalt war ein flacher Bau, der hinter gewaltigen Pittosporum Sträuchern versteckt lag. Daran schloss sich ein riesiger Garten an, in dem sich tagsüber die »leichteren Fälle« aufhalten durften.

Nicholas Shook gehörte nicht zu diesen. Ihn behielt man nahezu rund um die Uhr in einer kleinen Zelle.

Der Leiter der Anstalt war Dr. David Frazee. Fünfzig, vollschlank, mittelgroß. Er sah aus wie jedermanns Schwager. Kein auffälliger Typ. Er trug einen hellen Mantel. Sein Hemd war waschmaschinenweiß und gewebetief rein.

Der Inspector saß dem Leiter der Anstalt in dessen wohnlich eingerichtetem Büro gegenüber. Da sich Rod bereits telefonisch angemeldet hatte, konnte er nun gleich mit dem Fenster ins Kreuz fallen.

»Wie geht es Shook, Dr. Frazee?«

Der Nervenarzt hob die hellen Augenbrauen.

»Den Umständen entsprechend gut.«

Das hieß mit anderen Worten, es ging Shook nicht besonders.

»Wir behandeln ihn im Augenblick mit Elektroschocks«, erklärte der Arzt.

»Macht er Fortschritte?«, wollte Inspector Ferguson wissen.

»Man muss viel Geduld mit ihm haben«, antwortete Dr. Frazee ausweichend.

Demnach war Shooks Geisteszustand immer noch down.

»Darf ich zu ihm?«, fragte Ferguson.

»Selbstverständlich, Inspector.« Dr. Frazee nickte einladend.

Ferguson erhob sich.

»Ich möchte Sie nur bitten, ihn mit Samthandschuhen anzufassen«, sagte der Arzt. »Er ist sehr sensibel. Eine zu heftige Erregung könnte den Heilungsprozess weit zurückwerfen.«

Ferguson grinste.

»Keine Sorge. Ich habe nicht die Absicht, ihm eine Verzierung abzubrechen.«

Sie verließen das Büro des Arztes. Vor ihnen lag ein langer Korridor. Ihre Schritte hallten von den weißen Wänden wider. Der Korridor machte einen Knick nach rechts.

Gleich darauf hielten sie vor einer blütenweißen Tür. Aus einem gegenüberliegenden Raum trat ein rotgesichtiger Mann. Er war schwer und groß, hatte den bösen Blick eines stets grimmigen Menschenfeindes, und es machte ihm wohl viel Vergnügen, die Narren der Anstalt ab und an zu quälen.

»Bitte öffnen Sie!«, sagte Dr. Frazee zu dem Mann.

Der Blick des Wärters verfinsterte sich um eine Nuance. Ferguson fragte sich, weshalb.

Der Mann zog einen Schlüssel aus der Hosentasche und schloss damit die Tür auf. Sie war innen weich und weiß gepolstert.

Auf dem sterilen Eisenbett - ebenfalls weiß - hockte ein schmales Bürschchen. Es trug eine weiße Zwangsjacke, die so fest zugeschnürt war, dass es kaum atmen konnte.

Dr. Frazee fuhr mit zornig funkelnden Augen herum.

»Wer hat das angeordnet?«, zischte er den Wärter an.

Der schwere Brocken zuckte gleichgültig die Achseln und knurrte:

»Niemand.«

»Was geht hier vor?«

»Es war so ... Er hat mich angegriffen, Dr. Frazee. Er wollte mich umbringen.«

»Mit bloßen Händen?«, fragte der Arzt ungläubig. »Er ist Ihnen körperlich unterlegen. Sie wissen, dass er Ihnen nichts antun kann.«

Ferguson beobachtete den Wärter genau. Das war ein Sadist. Er sah die Menschen gern leiden. Deshalb hatte er Shook die Zwangsjacke verpasst.

»Es ist nicht wahr, was er sagt, Dr. Frazee«, stöhnte der schmächtige Shook. »Er lügt. Ich habe ihm nichts getan. Ich hatte nicht einmal die Absicht ...«

Der Wärter stierte Shook wütend an. Er drohte dem Mann mit den Augen. Na warte, wenn wir beide wieder allein sind! Sagten seine Blicke.

»Nehmen Sie ihm die Jacke sofort ab!«, befahl Dr. Frazee.

»Wenn er aber ...«, versuchte der Wärter einen Einwand.

Doch Frazee winkte ihn mit einer herrischen Handbewegung ab.

»Ich sagte, Sie sollen ihm die Zwangsjacke abnehmen!«

Der Wärter kam diesem Befehl nur sehr widerwillig nach. Er ließ sich sehr lange damit Zeit. Dabei schaute er von oben herab auf den Patienten. Sein Blick war höhnisch. Er schien sich den nächsten Streich auszudenken.

Endlich glitt die Zwangsjacke von den schmalen Schultern des Patienten. Nicholas Shook hatte Knochen wie ein Suppenhuhn. Seine Gesichtshaut schien aus Pergament zu sein. Seine grünen Augen waren abwechselnd auf Ferguson und Dr. Frazee gerichtet.

Er nickte dem Arzt aufatmend zu.

»Danke, Dr. Frazee. Vielen Dank.«

»Haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen?«, fragte der Anstaltsleiter. Wahrscheinlich stellte er diese Frage nur deshalb, weil Ferguson neben ihm stand. Er wollte wohl zeigen, dass ihm einiges am Wohlbefinden seiner Patienten lag.

Nicholas Shook schüttelte scheu den Kopf.

»Nein, Dr. Frazee. Ich glaube, sonst ist alles in Ordnung.« Nun sah er den Inspector neugierig an. »Ein neuer Arzt?«, erkundigte er sich nicht gerade erfreut. »Wieder jemand, der sich Tricks einfallen lässt, um mich zu quälen?«

Dr. Frazee verwies den Wärter mit einem ruckartigen Kopfnicken aus der Zelle.

»Niemand will Ihnen etwas Böses antun, Shook«, sagte der Anstaltsleiter dann mit einem maliziösen Lächeln, das gerade noch ein Irrer vertragen konnte. »Wir alle wollen Ihnen nur helfen.«

Shook verzog das Gesicht zu einem spöttischen Grinsen.

»So, helfen wollt ihr mir? Ich kann euch sagen, wie ihr mir helfen könnt. Hört endlich mit dieser verdammten Schockbehandlung auf! Die bringt mich noch ins Grab.«

Dr. Frazee entgegnete ernst: »Wir wissen besser, was für Sie gut ist, Shook.«

»Ihr wisst nicht, wie ich darunter leide«, jammerte Nicholas Shook und verzog gequält das Gesicht.

»Sie müssen Vertrauen zu uns haben!«

»Vertrauen!«, schrie Shook und lachte dabei verkrampft. »Zu Folterknechten im Ärztekittel kann ich kein Vertrauen haben, ausgeschlossen. Das kann ich nicht. Jeden Tag habt ihr verfluchten Hunde eine neue Idee, wie ihr mich martern könnt. Ihr spielt an mir herum. Ich bin doch kein Tier. Ich bin ein Mensch. Na schön, ich bin vielleicht nicht ganz richtig im Kopf. Aber ich empfinde Schmerzen wie Sie und wie dieser Mann da.«

»Sie sollen sich nicht aufregen, Shook«. sagte Dr. Frazee eindringlich.

Der Patient lachte schrill.

»Das schadet meinem Geist, was? Meinem Geist, den ihr bereits total verpfuscht habt!«

Dr. Frazees Gesicht wurde hart wie Stein. Er richtete sich auf, als hätte er eine Hühnerleiter verschluckt, wies auf den Besucher und sagte: »Das ist Inspector Ferguson von Scotland Yard, Shook. Er will mit Ihnen reden.«

Shooks ganze Aggression richtete sich sofort gegen den Yard Detective.

»Ein mieser, stinkender Bulle, vom Scheitel bis zur Sohle. Ihr verdammten Hunde seid schuld daran, dass ich hier bin!«, schrie er Ferguson hasserfüllt ins Gesicht, während seine Augen funkelten.

Der Inspector schüttelte ungerührt den Kopf.

»Das stimmt nicht ganz, Shook. In erster Linie sind Sie selbst daran schuld.«

»Wieso?«, fragte Shook lauernd.

»Schon vergessen, was Sie getan haben?«

»Ich weiß ganz genau, was ich getan habe, Inspector.«

»Umso besser.« Ferguson nickte und bat Dr. Frazee, ihm mit dem Patienten allein zu lassen. Als der Arzt draußen war, setzte er sich auf Shooks Bett. Der Junge rutschte so weit wie möglich von ihm weg, als befürchtete er, von Ferguson die Krätze zu kriegen.

Shook begann breit zu grinsen, als sich die Tür geschlossen hatte.

»Allein!«, knurrte er. »Allein mit einem Bullen. Ich sollte die Gelegenheit wahrnehmen und Sie umbringen.«

»Versuchen Sie das lieber nicht, Shook«, erwiderte Ferguson glashart. »Ich würde Ihnen mühelos das dürre Genick brechen.« Er holte eine Zigarettenpackung aus der Tasche, die er eigens für diesen Besuch gekauft hatte. » Zigarette?«, fragte er einladend und hielt Shook die geöffnete Packung hin.

Der Patient schüttelte wild den Kopf.

»Ich rauche nicht. Und schon gar nicht eine Zigarette von einem Bullen.«

Der Inspector steckte die Packung weg.

»Ich kann verstehen, dass Sie sauer sind, Shook.«

Der Geisteskranke glühte den Yard Detective mit flatternden Augen an.

»Was wollen Sie?«, fragte er unbeherrscht. »Kommen Sie, um nachzusehen, ob ich bald krepiere?« Er lachte schrill. Das Gelächter ging Rod durch Mark und Bein. »Tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, Inspector. Ich bin zäh. Fragen Sie Dr. Frazee. Ich bin verdammt zäh. Ich halte eine ganze Menge aus. Was diese Hundesöhne schon alles mit mir verbrochen haben - ich habe alles überlebt. Kommen Sie in einem Monat wieder vorbei. Vielleicht hat mich diese Brut im weißen Kittel bis dahin geschafft.«

»Wir haben im Safe eines Mannes namens Peter Neves einen Sprengstoffbrief gefunden, der aus Ihrer Werkstatt stammt, Shook«, sagte Ferguson ernst.

Shook schüttelte zornig den Kopf. Er schien nicht ganz bei der Sache zu sein. Er presste die Kiefer fest aufeinander und murrte: »Ich muss etwas falsch gemacht haben, verdammt. Kein einziger Brief ist explodiert. Beim nächsten Mal ...«

»Wie viele Briefe haben Sie gebastelt, Shook?«, hakte der Inspector sofort nach.

»Elf.«

»Nach welchen Überlegungen haben Sie die Adressaten ausgewählt?«

»Überlegungen? Ausgewählt? Quatsch! Ich hatte eine Liste. Auf der standen elf Namen.«

»Haben Sie diese Liste angefertigt?«, wollte Ferguson wissen.

Shook schüttelte den Kopf.

»Nein.«

»Wie ist diese Liste in Ihre Hände gelangt?«

Shook blickte den Inspector höhnisch an und grinste verächtlich.

»Das möchten Sie wohl gern wissen, was?«

»Ehrlich gesagt - ja.«

»Daraus wird nichts, Inspector Ferguson. Finden Sie es selbst heraus. Diese elf Personen haben mit Israel sympathisiert. Ich mag die Israelis nicht.« Er lachte kurz und trocken. »Ich weiß nicht mal, warum. Ich mag sie einfach nicht.« Er lachte wieder. »Ein Verrückter muss nicht alles erklären können. Und ich bin verrückt. Das hat der Psychiater vor dem Gericht einwandfrei festgestellt.«

Natürlich war Nicholas Shook nicht normal. Aber er war nicht total übergeschnappt. Er hatte viele lichte Momente. Und das machte ihn so gefährlich.

»Ich habe diesen verdammten Personen meine niedlichen Briefchen geschickt. Ich hoffte, die Leute würden von meinen Briefen zerfetzt werden. Aber diese Freude war mir nicht gegönnt«, sagte Shook bedauernd. Und nachdenklich fügte er hinzu: »Wenn ich rauskomme, werde ich es bestimmt besser machen.«

Rod schauderte. Der Kerl meinte das so ernst, wie er es sagte.

»Wo ist die Namensliste jetzt, Shook?«

Der Patient bleckte die Zähne.

»Verbrannt. Was dachten Sie denn?« Er rümpfte die Nase. »Würden Sie die Güte haben, mich nun wieder allein zu lassen, Inspector Ferguson? Ich halte nämlich diesen penetranten Bullengestank nicht mehr länger aus. Mir wird ganz übel.«

Ferguson erhob sich.

»Sie haben elf Leute umzubringen versucht, Shook ...«

»Verrückt, was?« Der Geistesgestörte kicherte.

»Jemand hat Ihnen den Auftrag dazu erteilt.«

»Natürlich.«

»Ich muss den Namen wissen, Shook! Es ist wichtig.«

»Nichts zu machen, Inspector.«

»Haben Sie Angst?«

»Wovor?«

»Vor dem Mann.«

»Vor welchem Mann denn?«

»Der Ihnen den Auftrag und die Liste gegeben hat.«

»Ich habe vor niemandem Angst.«

»Nennen Sie mir seinen Namen!«

»Kommt nicht in Frage.«

»Sie fürchten ihn also doch, Shook.«

»Ich fürchte niemanden. Niemanden! Hören Sie? Nicht einmal einen Bullen. Und jetzt gehen Sie. Bitte! Verlassen Sie meine Zelle! Ich will meine Ruhe haben.«

»Wie heißt der Mann?«

Shook setzte ein hohntriefendes Grinsen auf.

»Komisch. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, Inspector Ferguson. Aber ich kann mir einfach keine Namen merken.«

»Na schön!«, seufzte Rod und verließ die Zelle. Dr. Frazee erwartete ihn auf dem Korridor. Der Inspector unterhielt sich kurz mit ihm und bat ihn anschließend, in den nächsten Tagen mehr in Richtung Auftraggeber in den Patienten hineinzuhorchen.

Frazee versprach, das zu tun. Und er versprach, im Yard anzurufen, falls er mit einer Versuchsbohrung fündig geworden war.

10

Die Schule war aus. Die breiten Pforten öffneten sich und spien quirlendes, bunt gekleidetes junges Leben auf den Platz hinaus.

Ein Geschrei und Geschnatter lag wie eine dicke Schallglocke über dem Areal. Man konnte kaum sein eigenes Wort verstehen. Schreihälse aller Altersstufen rannten kreuz und quer. Jungs zogen Mädchen an den Zöpfen. Andere rauften und schleuderten ihre Schultaschen wie zukünftige Hammerwerfer von sich, um zu testen, was so eine Tasche alles auszuhalten vermochte. Natürlich wurde im gleichen Vorgang auch der Tascheninhalt geprüft.

»Der Kleine im blauen Anzug«, sagte der Mann neben dem Fahrer. »Das ist Cash Frazee.«

Cash Frazee, Dr. Frazees zehnjähriger Junge, schlenderte neben einen gleichaltrigen Schüler einher. Sie lachten und scherzten.

Die Männer im Wagen trugen ihre Masken. Der Fahrer drehte den Zündschlüssel nach rechts. Der Anlasser drehte sich so langsam herum wie ein Toter im Grab.

»Du solltest mal eine neue Batterie kaufen!«, knurrte der Anführer der Maskierten.

Der Motor sprang an. Cash Frazee sprach im Augenblick mit einem jungen, hübschen Mädchen. Blondes Haar, kurzer Rock, wohlgeformte Beine und ein knapp sitzender Pulli. Niemand hätte ihr angesehen, dass sie die Professur für Englisch und Latein hatte.

»Da kommt das Kindermädchen!«, zischte der Anführer. »Die Puppe soll Cash abholen und nach Hause bringen.«

»Die wird sich wundern«, sagte der Mann im Fond des anthrazitfarbenen Rover kichernd.

»Na los, mach schon!«, presste der Anführer aufgeregt hervor. »Worauf wartest du? Auf den nächsten Eisstoß? Fahr doch endlich!«

Der Fahrer drückte das Gaspedal kräftig nieder. Gleichzeitig ließ er ziemlich schnell die Kupplung kommen.

Der Rover machte einen wilden Satz nach vorn. Der Motor heulte auf. Es ging alles ungeheuer schnell. Die Lehrerin hob den Kopf und riss die Augen auf. Der Rover sprang förmlich auf den Gehsteig hinauf. Das Kindermädchen begann zu schreien und zu rennen. Die Kinder spritzten entsetzt kreischend auseinander.

Die Lehrerin wollte Cash Frazee packen und mit sich von dem heransausenden Rover wegreißen, doch da war der graue Wagen schon bei ihr.

Der Fahrer trat blitzschnell auf die Bremse. Die Pneus blockierten augenblicklich. Sie schmierten dicke schwarze Striche auf den Asphalt. Die hintere Tür flog auf. Der maskierte Kerl schnellte aus dem Fond des Fahrzeugs. Er versetzte der verdatterten Lehrerin einen derben Stoß. Sie stolperte und fiel mit einem spitzen Schrei zu Boden.

Cash Frazee wollte davonlaufen. Doch der Maskierte hatte ihn mit einem weiten Satz eingeholt. Er packte ihn mit festem Griff.

Cash strampelte verzweifelt. Er schlug schreiend um sich, versuchte den Maskierten zu beißen. Der Mann schleuderte den Jungen in den Wagen. Wieder heulte der Motor des Rover furchtbar laut auf.

Dann jagte das Fahrzeug in wildem Tempo davon. Das Kindermädchen stand keuchend und mit aufklaffendem Mund auf dem Gehsteig und starrte bestürzt hinter dem Fahrzeug her, ohne daran zu denken, sich das Kennzeichen einzuprägen. Dazu war sie viel zu aufgeregt.

Der ganze Spuk hatte nicht mal eine Minute gedauert.

Als sich der Schock von Kindern und Erwachsenen gelöst hatte, hielt eine hochschlagende Hysterie auf dem Platz vor der Schule Einzug.

11

Dr. David Frazee trank in seinem Arbeitszimmer frisch zubereiteten Tee. Das goldfarbene Getränk war heiß und dampfte. Kleine Wölkchen kringelten sich über der hauchzarten Porzellanschale.

Das Telefon schlug an. Der Arzt griff nach dem Hörer.

»Dr. Frazee!«

Am anderen Ende war zuerst nur ein Schluchzen zu hören. Dann nannte das Kindermädchen abgehackt seinen Namen. Hinterher schluchzte es wieder effektvoll in die Muschel.

Klar, dass sich Frazees Nackenhaare sofort querstellten.

»Um Himmels willen, Miss O'Toole!«, rief er erschrocken aus. »Was ist? Ist etwas mit Cash?«

»Es ist furchtbar, Dr. Frazee. Ich konnte es nicht verhindern.«

»Was, Miss O’Toole?«

»Es ging so schnell ...«

»Was denn, Miss O’Toole? Was ist mit meinem Jungen? Was ist mit Cash? Hatte er einen Autounfall?«

Wieder schluchzte das Mädchen verzweifelt. Dr. Frazee saß auf glühenden Kohlen.

»So reden Sie doch endlich!«, schrie er in die Sprechmuschel.

»Cash ... Er ... er ist entführt worden, Dr. Frazee.«

Dem Arzt wäre beinahe der Hörer aus der Hand gefallen. Mit einem Mal schien das Gerät an die zwanzig Pfund zu wiegen.

»Cash!«, presste er mühsam hervor. »Cash! Entführt? Aber wieso denn? Wer hat das getan?«

»Es waren drei maskierte Männer.«

Dr. Frazee schüttelte den Kopf. Er konnte das nicht begreifen. Wer tat so etwas Verrücktes? Warum kidnappte jemand seinen Sohn? Cash war kein Enkel von Paul Getty.

»Von wo rufen Sie an, Miss O'Toole?«, fragte Dr. Frazee hastig.

»Ich bin in der Schule.«

»Ich komme sofort!«, stieß Frazee aus und schleuderte den Hörer auf die Gabel. Dann schnellte er hoch. Beinahe hätte er sich den heißen Tee auf die Schenkel geschüttet.

Er rannte zum Kleiderschrank. Da schlug das Telefon erneut an. Dr. Frazee wandte sich irritiert um. Ich habe keine Zeit, dachte er. Als das Telefon zum dritten Mal anschlug, rannte er zum Schreibtisch zurück. Er hätte ja doch keine Ruhe gehabt, wenn er nicht an den Apparat gegangen wäre.

»Dr. Frazee!«, bellte er in die Muschel.

»Hallo, Klapsdoktor!«, sagte eine schnarrende Stimme.

»Wer spricht?«

»Wir haben uns Ihr Sorgenkind unter den Nagel gerissen, Dr. Frazee.«

»Cash!«, rief der Arzt entsetzt. Er ließ sich auf den Sessel fallen und presste den Hörer nervös ans Ohr. »Wer sind Sie? Was wollen Sie? Wenn Sie denken, den Sohn eines schwerreichen Mannes gekidnappt zu haben, sind Sie auf dem Holzweg! Ich besitze ...«

»Wir sind nicht an Geld interessiert, Freund der Irren«, fiel der Anrufer dem Arzt ins Wort.

»Der arme Junge steht sicher Todesängste aus. Warum tun Sie ihm das an?«

Der Mann am anderen Ende der Leitung lachte spöttisch.

»Weil wir eine Situation schaffen müssen, in der Sie uns keine Bitte abschlagen können, Dr. Frazee.«

»Eine Bitte? Was wollen Sie?«

»Erst mal sollten Sie im Interesse Ihres Jungen die Polizei aus dem Spiel lassen.«

»Dazu ist es wahrscheinlich schon zu spät«, sagte Frazee erschrocken.

»Wieso?«

»Miss O’Toole, das Kindermädchen, hat sich bestimmt schon an die Polizei gewandt. Und wenn nicht, dann hat es der Schuldirektor getan.«

»Ich sehe, man hat Sie von dem Vorfall bereits informiert«, sagte der Anrufer. »Hören Sie zu: Sie werden der Polizei gegenüber unser Gespräch mit keiner Silbe erwähnen! Andernfalls stirbt Cash, klar?«

»Ja«, drückte Dr. Frazee zögernd hervor. Die Angst um seinen Sohn ließ ihn keinen klaren Gedanken fassen. Sein Herz schlug aufgeregt. Sein Puls raste. Er atmete schnell, während jeder Herzschlag immer wieder den Namen seines Jungen in sein brennendes Gehirn hämmerte:

Cash! Cash! Cash!

»Und nun zu unserer Bitte«, sagte der Anrufer mit hohntriefender Stimme. »In Ihrer Anstalt sitzt ein netter junger Mann namens Nicholas Shook.«

»Was hat Shook mit dieser Entführung zu t...«

»Sie werden Shook heute Abend die Flucht ermöglichen!«

»Aber ich kann doch nicht ...«

»Wie Sie das anstellen, überlasse ich ganz Ihnen«, fuhr der Anrufer unbeirrt fort. »Sollte sich Nicholas Shook um Mitternacht immer noch in Ihrer Anstalt befinden, wird man Ihren kleinen Sohn morgen mit durchgeschnittener Kehle aus der Themse fischen!«

Das war’s. Mehr kam nicht durch die Leitung.

Ein leises Klicken verriet dem entsetzten Arzt, dass der Anrufer aufgelegt hatte.

Natürlich hatte sich sofort nach Bekanntwerden der Entführung die Polizei eingeschaltet. Man verhörte die Schüler und eine Menge Leute, die die Entführung miterlebt hatten. Man verhörte auch Dr. Frazee, doch der Arzt behauptete, dass sich die Kidnapper mit ihm noch nicht in Verbindung gesetzt hätten.

Man vermutete zwar, dass er nicht die Wahrheit sagte, aber niemand konnte ihm das Gegenteil beweisen.

Der Abend kam. Und mit diesem Abend fegte ein gewaltiger Wind durch London. Er rüttelte an den halb kahlen Bäumen und fegte das restliche Laub herunter. Er heulte in den Wipfeln der Baumkronen und blies den wenigen unverzagten Mädchen unter die kurzen Röcke.

Dr. David Frazee nagte nervös an seiner Unterlippe. Er saß in seinem Wagen und war zur Anstalt unterwegs. Ihm war egal, was mit Shook passierte, wenn er ihn laufenließ. Ihm war egal, was mit ihm passierte, wenn man dahinterkam, dass er dem Narren die Flucht ermöglicht hatte. Ihm war alles egal, wenn er nur seinen Jungen lebend wiedersehen konnte. Er war zu allem bereit.

Er hatte nur Cash.

Cash war zehn. Seine Mutter war vor zwei Jahren bei einem Flugzeugunglück in der Nähe von Paris ums Leben gekommen. Das war ein harter Schlag für die Familie gewesen. Cash hätte über diesen schmerzlichen Verlust beinahe den Verstand verloren. Er hatte nichts mehr essen wollen. Es hatte Dr. Frazee viel Mühe gekostet, den Jungen darüber hinwegzubringen.

Nun war Cash nach zwei schlimmen Jahren über den Berg. Und nun musste das passieren. Frazee kam sich vom Schicksal schrecklich ungerecht behandelt vor.

Deshalb war er bereit, alles für Cashs Leben aufs Spiel zu setzen.

Er steuerte seinen Wagen gedankenverloren auf den Parkplatz, der dem Anstaltsleiter vorbehalten war. In einigen Schlafsälen brannte noch Licht. Man hörte Stimmengemurmel durch Lüftungsklappen sickern. Ein Ventilator zerhackte die Geräusche, vermengte sie mit seinem Surren und machte sie unverständlich.

Dr. Frazee kletterte müde aus seinem Fahrzeug. Er blickte sich lauernd um und begab sich dann schnell in das Gebäude. Er eilte den Korridor entlang und war froh, dass ihm niemand begegnete.

Das Nachtpersonal bestand nur aus wenigen Leuten. Frazee lehnte sich in seinem Büro an die geschlossene Tür und wagte den ersten Seufzer. Es war furchtbar aufgeregt. Es konnte eine Menge schiefgehen. Wenn ihn jemand dabei beobachtete, wie er den Irren aus der Zelle holte, war Cash verloren.

Dr. Frazee atmete mehrmals kräftig durch, um sich zu beruhigen. Er schloss kurz die Augen, um sich zu sammeln. Dann holte er aus seinem Schreibtisch den Generalschlüssel, mit dem er jede Tür in dieser Anstalt aufschließen konnte. Auch die Zellentür von Nicholas Shook.

Dr. Frazee steckte den Schlüssel ein. Er ging zur Tür zurück, öffnete sie einen kleinen Spalt breit und äugte vorsichtig nach draußen.

Irgendwo randalierte ein Verrückter. Ein Wärter schrie mit ihm, doch das war so weit weg, dass Frazee es wagen konnte, aus dem Büro zu treten.

Mit schnellen Schritten eilte er zu Shooks Zelle. Er schloss die Tür hastig auf und schlüpfte in den dahinterliegenden Raum.

Der Geistesgestörte lag auf dem Bett und blickte teilnahmslos zur Decke.

»Wie geht es Shook?«, erkundigte sich Dr. Frazee.

»Wenn ich Sie sehe speiübel!«, erwiderte Nicholas Shook bissig.

»Möchten Sie gern nach Hause gehen?«

»Klar!« Shook grinste. »Ich habe Heimweh. Das wundert Sie wahrscheinlich. Einer, der nicht ganz richtig im Kopf ist, hat Heimweh ... hahaha!«

Dr. Frazee trat an Shooks Bett.

»Stehen Sie auf!«

»Weshalb denn?«, fragte der Irre verstört.

»Los, machen Sie schon.«

»Ich will nicht. Ich will liegen bleiben.«

»Kommen Sie mit, Shook!«

Der Geistesgestörte riss erschrocken die Augen auf, starrte den Arzt ängstlich an.

»Was wollen Sie denn jetzt noch mit mir machen, Dr. Frazee? Ich bin heute schon genug behandelt worden, mir reicht’s.«

»Reden Sie nicht so viel, Shook«, sagte Dr. Frazee nervös. »Kommen Sie endlich! «

»Wissen Sie, was mich interessieren würde, Dr. Frazee?« Der Patient grinste und sah den aufgeregten Arzt belustigt an. »Mich würde ehrlich interessieren, wie es in Ihrem Schädel aussieht.« Er zuckte die Achseln. »Wer weiß. Vielleicht bietet sich noch mal die Gelegenheit, hineinzusehen.«

Dr. Frazee lief es kalt über den Rücken. Er wusste, was diese Worte zu bedeuten hatten. Shook kündigte an, dass er versuchen würde, ihn eines Tages zu töten.

Frazee griff fest zu und riss Shook hoch.

»Kommen Sie, Sie dürfen nach Hause gehen!«

»Das ist gelogen!«, fauchte Shook misstrauisch. »Sie haben nicht den Mut, mir zu sagen, was Sie wirklich mit mir Vorhaben.«

Details

Seiten
260
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906288
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v349915
Schlagworte
krimi doppelband feierabend miss peal/schweigen silber rache gold

Autoren

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Titel: Krimi Doppelband #7:  Feierabend für Miss Peal/Schweigen ist Silber, Rache ist Gold