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Big John Morgan 6: Die Taverne am Rio Pecos

2016 120 Seiten

Zusammenfassung

Big John Morgan und ein Teil seiner Mannschaft sind mit einer Pferdeherde unterwegs nach Midland. Dort werden die Tiere schon sehnlichst erwartet. Aber es ist nicht die einzige Mannschaft, die solch ein lukratives Geschäft machen will. Der missgünstige Rancher Pinney will auch ein gutes Geschäft machen und unbedingt als erster mit der Herde in Midland ankommen. Ihm ist jedes Mittel recht – auch wenn er sich dafür mit zwielichtigen Zeitgenossen verbünden muss.
Big John und seine Männer lassen sich aber so schnell nicht austricksen – auch wenn man ihnen einige unerwartete Hindernisse in den Weg legt. Sie werden kämpfen, wenn es sein muss!

Leseprobe

BIG JOHN MORGAN

 

 

 

Die Taverne am Rio Pecos

 

Ein Wildwestroman von Glenn Stirling

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von C.M.Russell, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappe

Big John Morgan und ein Teil seiner Mannschaft sind mit einer Pferdeherde unterwegs nach Midland. Dort werden die Tiere schon sehnlichst erwartet. Aber es ist nicht die einzige Mannschaft, die solch ein lukratives Geschäft machen will. Der missgünstige Rancher Pinney will auch ein gutes Geschäft machen und unbedingt als erster mit der Herde in Midland ankommen. Ihm ist jedes Mittel recht – auch wenn er sich dafür mit zwielichtigen Zeitgenossen verbünden muss.

Big John und seine Männer lassen sich aber so schnell nicht austricksen – auch wenn man ihnen einige unerwartete Hindernisse in den Weg legt. Sie werden kämpfen, wenn es sein muss!

 

 

Roman

 

Die Pferdeherde weidet ruhig neben dem Fluss.

Träge fließen die Wassermassen des Rio Pecos nach Südosten. Auf dem anderen Ufer erheben sich die roten Felsen der Pecos Rocks, der Tafelberge, die das Prärieland und die Wüsten von Nordwesten nach Südosten längst des Flusses durchziehen.

Während das Wasser leise am Ufer plätschert und hin und wieder ein Pferd schnaubt, weil es zu sehr von den Fliegen in der Nase gekitzelt wird, herrscht in der sonnenüberfluteten Landschaft eine lähmende Stille. Die Hitze ist derart drückend, dass jede Bewegung Anstrengung kostet. Einige der Pferde stehen deshalb bis zu den Bäuchen im Wasser und lassen sich abkühlen.

In einiger Entfernung vom Ufer befinden sich Büsche, in deren Schatten mehrere Cowboys rasten. Ihre Sättel liegen in der prallen Sonne.

Ein Mann stapft träge vom Fluss her auf die Gruppe der Rastenden zu. Seine Kleidung ist staubig und beinahe steif von Schweiß und Sand. Das Gesicht wirkt unter dem breiten Hut wie Leder. Weiße Narben an den Händen erzählen von täglicher Lassoarbeit. Das Alter dieses Cowboys ist schwer zu schätzen. Er mag aber etwas über vierzig Jahre alt sein. Steifbeinig schreitet er auf die anderen Weidereiter zu. Vier von ihnen schlafen oder dösen in der Mittagshitze. Der fünfte malt gedankenverloren Figuren in den Sand, während der sechste an seinen nackten Füßen hantiert. Die nach Schweiß riechenden Stiefel stehen neben ihm.

He, Gordon! Machst du ’n Ausflug?“, fragt der Barfüßige den ankommenden Cowboy.

Gordon nickt. „Schätze, es ist das richtige Wetter dazu! Blauer Himmel, Sonnenschein und eine angenehme Wärme!“, sagt er und wischt sich den Schweiß ab. „Zieh dir nur deine Stiefel wieder an, Buck, sonst wird’s mir noch schlecht!“

Der rothaarige Buck grinst und spuckt einen Strahl Tabakssaft aus. „Du bist ja sehr empfindlich, Alter!“, erwidert er lachend.

Gordon setzt sich in den Schatten und mustert die anderen Kameraden. Da liegt Big John Morgan und schnarcht. Sein blondes Haar hängt ihm wirr um den scharfgeschnittenen Kopf. Beim Atmen hebt und senkt sich die breite Brust. Über ihm an einem Ast baumeln seine beiden Colts am Waffengürtel. John ist der Anführer dieser Schar, obgleich er nicht der älteste von ihnen ist. Neben ihm liegt Buffalo und ächzt im Schlaf wie eine ausgediente Lokomotive.

John ist etwa dreißig Jahre alt; Buffalo mag Mitte der Vierzig sein. Doch das ist nicht das auffälligste; vielmehr ist es die klotzige und klobige Figur Buffalos. Obwohl John schon groß und breit ist, so wirken doch Buffalos breite Schultern durch seine verhältnismäßig kleine Figur noch markanter. Sein Kopf ist es, der ihm zu dem Spitznamen „Buffalo“ verhalf; er sieht aus wie ein Nussknackerschädel. Ein ungeheuer starkes Kinn, eine massige Stirn geben ihm einen harten und scharfen Ausdruck. Doch da sind in den vielen bald nicht zu zählenden Falten und Fältchen einige, die auch diese Härte mildern; sie zeugen vom Humor und vielem Lachen des Mannes.

Hinter den beiden Männern sitzt Dave, der schwarzhaarige Cowboy und Mannschaftskoch, der eine besondere Leidenschaft für hübsche Mädchen hat, die sein Denken so ziemlich ausfüllen. Er malt die Figuren in den Sand. Wie Gordon belustigt feststellt, sollen sie Mädchen darstellen. Na, was anderes hat Gordon auch gar nicht erwartet. Trotzdem ist Dave ein erstklassiger Cowboy. Eine Marotte haben ja alle Weidereiter.

Hinter Buck liegt Tonny, der jüngste Mann der Crew, im Sand und schläft. Er ist das „Baby“ der Cowboys, hat aber schon mehr als einmal bewiesen, dass er ein ganzer Mann ist.

Was guckst du so in der Weltgeschichte herum?“, fragt Buck und zieht sich endlich die Schuhe an. Sein sommersprossiges Gesicht ist zum Grinsen verzogen. Er hat selten schlechte Laune. Dabei ist er ein Hitzkopf, der sein irisches Blut nicht verleugnen kann.

Gordon sagt: „Ich würde allerhand ausgeben, wenn sich einer findet, der hinüber zur Taverne reitet und mir ’n Drink besorgt! Wie ist es, Steve?“ Er stößt einen langen, dürren Cowboy an, der gerade aufwacht.

Steve ist nicht älter als zweiundzwanzig Jahre. Sein blondes Haar ist wuschelig wie das eines Wollschafes. Verschlafen blinzelt er Gordon an. „Du sagtest etwas von Ausgeben?“, fragt er und gähnt, die Arme seitwärts reckend.

Gordon will dir 'n gutes Trinkgeld geben!“, erklärt ihm Buck. „Aber er wird es nur tun, wenn du auch mir etwas mitbringst!“

Du bist ein Erpresser!“, knurrt Steve.

Jetzt wacht Buffalo auf. „Welcher Bandit macht wieder so einen dreimal verdammten Krach, he?“, ruft er mit tiefer Stimme und blickt wild in die Runde. „Kann ein ehrlicher Mann bei euch Rotznasen nicht mal in Ruhe schlafen?“

Gordon hat Durst, Buffalo! Ich soll ihm was holen!“, versucht sich Steve bei dem starken Mann für die Ruhestörung zu entschuldigen.

Hoho, der Mr. Gordon hat also Durst?“, donnert Buffalo. „Meinst du grüner Junge, ich hätte keinen, he?“ Er wischt sich über die Lippen. „Wenn du reitest und für mich nichts mitbringst, werde ich dich auseinanderschrauben!“

Jetzt wird es Steve zuviel, denn auch John wacht auf und blinzelt schläfrig in die Runde. Als er hört, was die Kameraden vorhaben, meint er: „Well, das ist eine gute Idee! Steve, du holst in der Taverne ordentlich für uns alle zu trinken! Aber bring nur nicht wieder den billigen Mist wie neulich!“

Aber wo soll ich denn das alles hinpacken?", fragt Steve verstört. „Meine Satteltaschen sind doch dafür zu klein!“

Wecke Jonny auf, der soll mitreiten!“, bestimmt John, der die Mannschaft führt.

Jonny wird geweckt. Steve tut es nicht gerade sehr zärtlich, sondern tritt dem Schlafenden „liebevoll“ ins Gesäß. „Los, Pennbruder, steh auf und sattele deinen Gaul!“

Werde nicht frech, Bohnenstange!“, brummt Jonny schlaftrunken.

Big John sagt: „Ihr reitet hinunter zur Taverne und holt was zu trinken. Wir werden dann am Abend weitertreiben. Schätze, dass wir die Gäule dann bis zum Wochenende bei Curtiss haben!“

Wenn wir später dort eintreffen, John“, entgegnet Buffalo nachdenklich, „könnte uns dieser verdammte Kerl aus Cotulla noch dazwischenkommen! Er will seine Pferde ja auch zu Curtiss nach Midland bringen!“

Sure, Curtiss wird die Pferde kaufen, die ihm zuerst angeboten werden, das ist klar!“, gibt John zu. „Aber wenn wir gleichzeitig mit Pinney ankommen, wird er sich doch für unsere Herde entscheiden. Wir haben bessere Gäule als Pinney!“

Schließlich ist unsere Zucht auch besser!“, meint Buck und blickt Steve nach, der drüben bei der Herde seinem Pferd pfeift. „Sind wahre Prachtstücke! Schade, dass man so was verkaufen muss!“

Ich möchte sehen, ob du von der Luft leben kannst, Buck!“, sagt Buffalo. „Wer Geld verdienen will, muss arbeiten und dann seine Arbeit an den Mann bringen! Unsere Arbeit ist es, Pferde zu treiben und zu verkaufen! Daheim ziehen Franzisco und Vasolvo die Klepper auf. Alles geht Hand in Hand! Nun halte endlich deine Klappe!“

Buck grinst. Er versteht sich im Grunde sehr gut mit dem vierschrötigen Buffalo, obgleich er sich fast immer mit ihm streitet.

Steve und Jonny haben endlich gesattelt und reiten flussabwärts weg. „Wenn ich sehe, wie lange diese beiden Babys immer zum Satteln benötigen, kann ich Krämpfe kriegen!“, stellt Gordon fest.

Dann wirst du aus den Krämpfen bald nicht mehr herauskommen!“, sagt Buck streitlustig. „Die werden das nie schneller können!“

Sei du nur still, Rotkopf! Du lässt dir auch zu allem Zeit!“, ruft Dave anzüglich.

Well, ein richtiger Mann darf sich auch nicht aus der Ruhe bringen lassen! Nicht wie du, Dave, dem jedes junge Weib den Kopf verdreht!“, erwidert Buck schlagfertig.

Dave blickt nur verträumt zum Fluss hinüber. „Ob sie wohl in der Taverne auch ’ne Frau haben?“

Sure“, sagt Buffalo mit todernster Miene. „So ’ne alte Dicke! Sie heißt Rosalia! Wenn sie sich in Bewegung setzt, erzittert das ganze Haus! So war es voriges Jahr, als ich zum letzten Mal dort einkehrte! Nur dieses Jahr hat's nicht geklappt, weil John seinen Hartschädel hatte und nicht ums Verrecken dort anhalten wollte!“

Big John nickt. „Richtig, Freund, aber du weißt selbst, dass wir dort mit der Herde nicht lagern können! Außerdem wirst du dann wieder drei Tage lang durch nichts auf der Welt zum Fortgehen zu bewegen sein! Ich kenne das!“

Buffalo grinst schuldbewusst. Seine Liebe zu scharfen Getränken ist sprichwörtlich. Er trinkt sehr selten, doch wenn er es einmal tut und dazu Gelegenheit findet, dann geschieht das immer sehr ausgiebig. Die folgenden Tage ist er dann immer ernstlich krank und zu keiner Arbeit fähig.

 

*

 

Der lange Steve und Jonny reiten im Schritt den Fluss entlang. Für einen Galopp wäre es zu heiß. Also lassen sie ihren Pferden die Zügel locker und schaukeln schlaff im Sattel hin und her. Selbst zum Reden fehlt ihnen die Lust. Die Sonne spiegelt sich im Wasser und blendet die Männer, so dass sie die Augen schließen und den Pferden die Führung überlassen. Nur ab und zu achten sie auf den Weg.

Es sind noch etwa zwei Meilen bis zur Taverne. Sie liegt direkt am Fluss und ist nicht zu verfehlen.

Die Landschaft macht einen trostlosen Eindruck. Die Blätter an den Büschen hängen schlaff herunter; die Gräser wirken grau und ausgetrocknet, obgleich Wasser in allernächster Nähe ist. Bei jedem Huftritt wirbelt Staub auf und senkt sich erst nach einigen Minuten wieder.

Man macht nur immer den Affen für die anderen!“, brummt Steve vor sich hin.

Hattest du erwartet, dass Buffalo reitet?“, fragt Jonny spöttisch. „Oder etwa der Boss selbst, was?“

Jedenfalls werde ich mir erst einmal die Kehle ordentlich spülen, ehe ich zurückreite!“, erklärt Steve beleidigt.

Da hat niemand was dagegen, Steve!“, entgegnet Jonny belustigt.

Endlich taucht die Taverne auf. Wie eine Baracke wirkt sie von weitem. Doch dann sieht man, dass sie wie die indianischen Pueblos aus Lehm gebaut ist. Die Umrisse des Hauses scheinen in der Hitze zu zittern. Vor dem größeren Gebäude - dahinter befindet sich noch ein kleines - stehen vier Pferde mit hängenden Köpfen in der Sonne.

Die haben sogar Besuch“, stellt Steve fest.

Wenn wir da sind, wird sich der Besuch noch vergrößern!“, meint Jonny, der Steve gern aufzieht, weil er ihm geistig überlegen ist. „Da findest du vielleicht wieder so ’n Kuhschwanz, dem du deine Leiden vorkauen kannst!“

Ich habe es auch satt, mich dauernd von John herumkommandieren zu lassen! Bei ihm geht's ja noch, aber Buffalo mit seinem Getue fällt mir langsam auf die Hühneraugen! Immer hat er was zu meckern!“

Ohne die beiden ist unsere Mannschaft einen Dreck wert, Steve, das kannst du glauben!“ belehrt ihn Jonny. „Ich bin noch nicht so lange bei ihnen wie du, aber es gibt verdammt wenig Männer, die so anständig sind wie John und Buffalo!“

Du bist ein armseliger Knabe, Jonny! Denkst du, die machen es mit dir nicht auch so? Jonny hinten, Jonny vorn! Immer müssen wir beide die Dreckarbeit für die Herren machen!“

Das müssen die Jüngsten in jeder Mannschaft, Steve! Auch Buffalo und John haben das einmal tun müssen!“, meint Jonny.

Ich habe jedenfalls die Nase voll!“, erklärt Steve unlustig.

Vor der Taverne steigen sie ab und führen ihre Pferde in den Schatten.

Steve klopft sich den Staub von der Hose und spuckt wie ein alter Weidereiter auf die Stufen vor der Tür. Jonny muss lachen, denn er kennt Steves betont raues Benehmen, das ihn als ausgekochten Cowboy ausweisen soll, der er nur zum Teil ist. Mehr als nötig lärmend, stößt Steve die Schwingtür auf und wischt mit der Geste eines alten Westlers die Fliegengardine zur Seite. Dann bleibt er breitbeinig stehen und hindert Jonny daran, einzutreten.

Geh weiter, Wagendeichsel!“, sagt Jonny und schiebt Steve weiter.

Im Raum sitzen vier Männer um einen kleinen Tisch. An der Decke hängen bunt bemalte Tonkrüge an Baststricken herunter. Eine kurze Theke mit zwei ramponierten Hockern stellt die Schankeinrichtung dar. Und doch hat die ziemlich schmutzige Kneipe etwas Gemütliches an sich. Einmal ist es angenehm kühl, und dann wirken für die Begriffe der Weidereiter Korbstühle als unerhörter Luxus. Die Taverne ist für jeden Durchreisenden und besonders für Treibermannschaften ein Ort, der sie wie ein Magnet anzieht.

Hinter der Theke lehnt die dicke Rosalia, von der schon Buffalo erzählte. Ihr massiger Busen wischt über die schmutzige Blechtafel der Theke. Wie eine Qualle lehnt sie mit ihren Fettmassen hinter den Flaschen. Das ungekämmte Haar hängt in Strähnen herunter. Doch sie grinst die Eintretenden sehr freundlich an, so dass man die gelben Zähne und die Lücken dazwischen ausgiebig betrachten kann. Als sie sich eine Pfeife in den Mund schiebt und auch noch daran zieht, ist Jonny fast sicher, dass diese Frau jeden Augenblick zu einem Colt greifen könnte, der schussbereit unter der Theke liegen muss. So eine imposante Frau sieht man ja auch nicht alle Tage.

Die vier Männer am Tisch grinsen ebenso freundlich wie die Wirtin. „Hallo, Freunde, setzt euch zu uns!“, rufen sie Jonny und Steve zu.

Seid ihr von Johns Mannschaft draußen am Fluss?“, fragt ein älterer Cowboy, der ein narbiges Gesicht hat.

Jonny mustert die Männer sehr misstrauisch. John hat ihm einmal gesagt, dass ein Mann, der sein Pferd hart behandelt, ein schlechter Mensch sei. Diese Reiter lassen ihre Pferde in der Sonnenglut braten und sitzen selbst im Kühlen. Das betrachtet der junge Jonny als eine Gemeinheit den Tieren gegenüber.

Steve fühlt sich als ganzer Kerl, weil ihn die viel älteren Cowboys freundlich aufnehmen. „Yeah, sind von Johns Mannschaft! Treiben nach Norden!“, erklärt er großspurig.

Jonny entgeht es nicht, dass sich die vier Kerle heimlich zublinzeln. Alle vier sehen wie hartgesottene Burschen aus, die fast alle Wasser des Westens gekostet haben. Ihre blankgewetzten Revolver sehen auch nicht gerade aus, als wären sie nutzlose Zierstücke.

Einer der Kerle hat eine Glatze. Sie ist weiß bis zur Stirn. Das Gesicht darunter ist sonnenverbrannt. Zwei stahlgraue Augen mustern Jonny und Steve. „Seid wann reiten Kinder bei Big John?“, fragt er grinsend.

Steve scheint einen Schlag zu bekommen, so zuckt er zusammen. Jonny übernimmt es, zu antworten: „Richtig, Mann, er reitet nicht mit Kindern! Aber er macht sich auch nichts aus alten Narren, die zu nichts mehr taugen!“

Die vier Kerle betrachten den schmalen Jonny wie ein Wunder. Auch Steve schielt Jonny an, als habe er sich verhört. .Dieser Hecht wagt es, so etwas zu den Typen hier zu sagen, denkt er staunend.

Sag mal, Baby, wie schnell willst du eigenlich hier hinausfliegen?“, fragt ihn der Glatzkopf scheinbar gutmütig und kaut dabei unablässig auf seinem Priem.

Hinter dir herfliegen möchte ich, Vollmond!“, erwidert Jonny ohne großen Stimmaufwand. .Mehr sein, als scheinen, so sagte ihm John einmal, und er hat es immer beherzigt.

Der Glatzkopf hört das Wort. „Vollmond“ und springt wie eine Antilope auf. Seine Kumpane grinsen belustigt,

Jonny sieht, dass der Mann viel größer und schwerer ist als er. Doch das nimmt ihm nicht den Mut.

Steve stemmt die Arme ein und wartet ab. Wenn er etwas unternimmt, werden auch die anderen drei Kerle nicht neutral bleiben. Aber die denken gar nicht daran, einzugreifen. Für sie steht der Sieger schon lange fest.

Der Glatzkopf fasst nach seinem Glas und will es Jonny an den Schädel werfen, doch der weicht aus, und das Glas zersplittert an der Wand.

He, ihr Banditen!“, brüllt jetzt die dicke Rosalia mit tiefer Stimme. „Hier wird nicht gerauft!“

Halt den Schnabel, alte Krähe!“, murmelt einer der Zuschauer.

Jetzt springt der Glatzkopf auf Jonny los. Aber der schmale Boy ist viel schneller als der massige Mann und weicht aus.

Der Glatzkopf stolpert und schlägt mit seinem schweren Körper auf die Bohlen des Bodens. Dabei reißt er einen Stuhl um.

Rosalia wird nun völlig wild. Mit einer Flasche geht sie auf den Glatzkopf los. Aber dessen Freunde reißen sie zurück und halten sie fest.

Jonny wartet ab, bis der Glatzkopf wieder fest auf den Beinen steht. Wie ein schnaubendes Nashorn schießt der bullige Mann auf ihn zu.

Wieder weicht Jonny geschickt aus und stellt diesmal sein Bein vor die Füße des Angreifers. Doch der Glatzkopf stürzt nicht. Vielmehr landet er einen wilden Schwinger auf Jonnys Brust, der den jungen Cowboy wie ein Geschoss zur Seite wirbelt.

Niemand sagt ein Wort. Alle beobachten gespannt den Kampf. Selbst Steve gibt Jonny auf die Dauer wenig Chancen.

Der Boy kommt wieder auf die Füße und erwartet seinen Gegner. Doch dann starrt er plötzlich wie gebannt zur hinteren Tür der Schenke. Dort tritt ein junges, bildhübsches Mädchen ein. Verächtlich und halb neugierig blickt es auf die kämpfenden Männer.

Bis auf den Glatzkopf und Rosalia drehen sich alle Anwesenden im Raum nach dem Mädchen um. Rosalia reißt sich von ihren Bezwingern los und lehnt sich keuchend an die Theke. Der Glatzkopf dagegen springt vor und wuchtet seine Faust unter Jonnys Kinn. Nur einen Augenblick lang hatte der junge Mann nicht auf den Gegner geachtet. Jetzt fliegt er zur Seite und stürzt an der Theke zu Boden.

Der Glatzkopf ist noch nicht fertig. Er geht auf Steve los und. will auf ihn einschlagen, als plötzlich ein Schuss fällt. Rosalia hält einen rauchenden Revolver in der Rechten. Der Glatzkopf sinkt, in die Schulter getroffen, auf einen Stuhl.

Die Kumpane des wütenden Raufers entreißen Rosalia die Walte. In diesem Aussenblick erhebt sich. Jonny. Etwas benommen wankt er umher und blickt auf Steve, der unsicher abwartet

Das Mädchen steht noch immer in der Türöffnung. Einer der Männer geht langsam auf sie zu. „Na, mein Täubchen!“, sagt er freundlich, allein es misslingt ihm, den richtigen Ton zu finden.

Scher dich weg!“, sagt das Mädchen und blickt auf Jonny.

Jonny mustert die Kleine. Sie ist für seine Begriffe schön zu nennen. Ihr dunkles Haar fällt lang herab und schmiegt sich wellig an den Hals. Aus dunklen Augen blicht sie Jonny an. Ihre Brüste erscheinen jung und fest, und die Taille ist schmal.

Noch entzückter als Jonny starrt Steve auf das Mädchen. Während die beiden Kumpane den Glatzkopf verbinden, beschäftigt sich der dritte mit dem Mädchen.

Steve geht plötzlich schnell voran und packt den viel älteren Cowboy an der Schulter. Mit einem Ruck reißt er ihn herum. „Du tust, was die Lady dir sagt, verstehst du?“

Jonny beobachtet, dass einer der anderen beiden neben dem Glatzkopf plötzlich seinen Colt zieht und auf Steve richtet. Er greift daher selbst zu der Waffe und zieht.

Der Glatzkopf muss etwas gemerkt haben. Obgleich er verletzt ist, reißt er seinen Revolver, einen alten Hopkins, heraus und schießt noch schneller, als Jonny je schießen könnte. Er trifft Jonny aber nicht: denn in diesem Augenblick wirft ihm die alte, dicke Rosalia eine Flasche an den Arm.

Der Rowdy will sich auf die alte Frau stürzen, doch daran hindern ihn nun seine Kumpane. Sie zerren den Widerspenstigen aus dem Raum. Rosalia faucht wie eine Wildkatze.

Draußen lachen die Männer. Sie scheinen den Glatzkopf zu verhöhnen. Wie ihre schwankenden Schritte beweisen, sind sie alle schon ziemlich betrunken.

Es ist dein Glück, Kleiner, dass sie blau sind!“, sagt die Alte, zu Jonny gewendet „Oder weißt du etwa nicht, wer das war?“

Vielen Dank!“, erwidert Jonny der resoluten Frau. Dann wirft er einen kurzen Blick auf das Mädchen. Es lehnt in der Tür und betrachtet die Szene schweigend.

Steve geht zur Vordertür und blickt auf die vier Kerle, die sich auf ihre Gäule geschwungen haben. Des Glatzkopfs Schulterverletzung scheint nicht schlimm zu sein, denn er bewegt sogar den Arm noch. Als er Steve sieht, ruft er wild: „Sagt es eurem Häuptling, dass wir demnächst seinen Kindergarten vermöbeln!“

Halte endlich deine verdammte Klappe, Tom!“, herrscht ihn ein Begleiter an. Darauf beginnt der Rowdy zu singen.

Sie sind ja nur blau! Bestimmt sind es harmlose Burschen, wenn sie nüchtern sind!“, meint Steve.

Da hast du aber unrecht!“, belehrt ihn Rosalia und zündet ihre Pfeife wieder an. „Das sind vier ganz gefährliche Banditen! Nur habe ich den Eindruck, dass sie ihre Karten nicht verraten wollen, Sonnyboy!"

Nun spuckt sie aus wie ein Frachtfahrer. Wenn sie nicht weibliche Körperformen besäße, könnte man der Stimme und dem Getue nach meinen, es mit einem Mann zu tun zu haben. Aber Steve kann sich sehr gut vorstellen, dass in dieser Einsamkeit eine Frau so sein muss, um mit dieser Sorte harter Männer umgehen zu können.

 

*

 

Endlich kommen die jungen Cowboys dazu, Getränke einzukaufen und in den Satteltaschen unterzubringen. Danach unterhält sich Jonny mit der Alten, die ihm plötzlich sehr sympathisch erscheint. Steve dagegen raspelt mit dem Mädchen Süßholz. Er nennt sie schon nach wenigen Minuten beim Vornamen.

Jenny, die erst so Schweigsame, beginnt plötzlich sehr redselig zu werden und erzählt Steve, dass sie die Nichte der Alten sei und aus Menardville stamme. Fortan berichtet sie von jener Stadt und schwärmt davon, als wäre es ein New York im Kleinen. Dann teilt sie dem staunenden Steve im Vertrauen mit, dass sie gern hier weg wolle, die Tante es aber nicht zulasse.

Rosalia unterhält sich angeregt mit Jonny, wirft aber hin und wieder prüfende Blicke zu Steve und Jenny hinüber.

Der junge Jonny findet die Alte großartig. Er lässt sich von ihr aus den Zeiten der ersten Besiedlung erzählen und dem Bürgerkrieg, der hier besonders heftig tobte.

Ja, mein Junge, und daher kenne ich auch diese vier Lumpen, die eben hier waren! Sie ritten damals im Krieg für Quantrill! Weißt du, wer das war?“

Sicher“, erklärt ihr Jonny, „ein Guerillatruppenführer auf der Rebellenseite!“

Yeah“, brummte die Alte, „so war es! Aber sie kämpften nicht etwa für die Südstaaten, wenn Quantrill das auch behauptete und die Südstaatenfahne als Banner neben seiner schwarzen Piratenflagge führte. Sie schossen arme Farmer nieder, raubten und plünderten. Die Unionstruppen brauchten Jahre, ehe sie mit den Resten der Quantrillscharen fertig wurden. Quantrill selbst war schon lange tot, aber seine Unterführer kämpften noch weiter. Sie wurden das, was sie eigentlich immer waren: Banditen! Vier davon hast du eben gesehen, mein Sohn! Sie werden auch heute noch keinen anderen Beruf haben! Wenn sie sich vor mir in acht nehmen, so hat das seinen besonderen Grund, aber hüte dich vor ihnen!"

Sie stopft ihre Pfeife mit einem kräuseligen Tabak und beginnt bald wieder wie ein Ofen zu dampfen.

Ich wundere mich, dass sie Ihnen nichts tun, Madam“, sagt Jonny.

Die Alte macht eine unwirsche Geste und erklärt: „Das verstehst du nicht, mein Kind, ich kann’s dir auch nicht sagen! Es gibt Dinge, über die man nicht spricht! Aber du scheinst ein anständiger Boy zu sein, deshalb rate ich dir: reite zurück zu deinem Boss und sage keinem Menschen, was ich dir erzählte!“

Okay, ich werde schweigen!“, sagt Jonny, dem die Offenherzigkeit der alten, vierschrötigen Rosalia gefällt.

Die schöne Jenny macht Steve fast verrückt. Jonny muss lachen, als er das Gesicht des Kameraden und dessen Blick sieht, der das Mädchen fast zu verschlingen droht

Nimm mich mit, Cowboy!“, bittet Jenny mit zärtlicher Stimme.

Steve ist völlig von dem Mädchen beeindruckt. „Ja, sicher, ich möchte dich mitnehmen, Mädchen“, erwidert er, „doch Big John wird es nicht dulden!“

Ist das deine Amme?“, fragt Jenny etwas ironisch.

Steve schüttelt den Kopf. „John ist unser Boss. Ihm gehört die Herde!“

Ach", staunt Jenny, „und du lässt dich von ihm bevormunden?“

Steve gibt es einen Stich. Wieder ist dieses sonderbare Gefühl in ihm. Er möchte rebellieren. „No“, erklärt er großspurig, „wir werden zusammen reiten, Mädchen! Wenn es ihm nicht passt, schlage ich einen anderen Weg ein!“

Wann reiten wir?“, fragt Jenny und wirft einen Blick auf Rosalia.

Bei Dunkelheit!", erklärt Steve.

Wolltest du nicht vorher wieder bei deiner Herde sein?“, fragt Jenny unschuldig.

No!“, sagt Steve betont hart. „Ich mache, was ich will! Möchte den sehen, der mir befiehlt, wann ich zurückreite.“

Jonny kommt von Rosalia her auf die beiden zu. „Reiten wir?“, fragt er Steve.

Das mache ich wie ich will, verstanden?“, knurrt Steve.

Jonny ist nicht zu einem Streit aufgelegt. Er ist meistens gut gelaunt und hasst die kleinen Reibereien der Cowboys. „Wenn du hier bleiben willst, werde ich allein reiten!“

Dann hau endlich ab!“, faucht Steve, der mit seinem Gewissen noch nicht ganz im reinen ist. „Was stehst du noch ’rum?“

Warum will er so eilig weg? Hat er Angst vor seinem Boss?“, flötet Jenny naiv und harmlos tuend.

Jonny mustert das Mädchen kalt. Dann wendet er sich um und geht hinaus.

Bevor der junge Mann losreitet, lässt er sein Pferd saufen, dann schwingt er sich in den Sattel und galoppiert den Fluss entlang.

 

*

 

Die vier ehemaligen Quantrillreiter sind nicht sehr weit geritten. Schon nach einer Meile haben sie Rast gemacht. Der Glatzkopf ist nunmehr so fertig, dass er nicht mehr reiten kann. Der Alkohol, die Kopfverletzung durch die Flasche und der Streifschuss an der Schulter machen ihm schwer zu schäften. Jetzt liegt er im Schatten und ächzt.

Die drei Kumpane hocken rund herum. Sie sind noch nicht so angeschlagen wie ihr Freund.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738906257
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Dezember)
Schlagworte
john morgan taverne pecos

Autor

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Titel: Big John Morgan 6: Die Taverne am Rio Pecos