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Sheng #8: Shengs Schwur

2016 120 Seiten

Leseprobe

SHENG – DER KUNG FU-KÄMPFER

 

Band 8

 

Shengs Schwur

 

Ein Western von Uwe Erichsen

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

 

Sheng ist Zeuge einer Unterhaltung geworden, die er besser hätte nicht mitbekommen sollen. Jetzt ist es aber zu spät dafür. Der Bandit Jiggo und seine Kumpane wollen mit allen Mitteln verhindern, dass Sheng ausplaudert, was er gehört hat. Denn die Halunken planen einen Überfall auf die Stadt Kimball und wollen Gold rauben.

Sheng muss fliehen. Er erreicht eine abgelegene Farm, aber die Verfolger holen ihn ein. Dabei wird der Farmer erschossen – und ein Aufgebot aus der Stadt Pine Bluff hält Sheng für den Mörder. Wird es dem Kung Fu-Kämpfer gelingen, seine Unschuld zu beweisen und die wahren Mörder noch einzuholen? Es wird ein dramatischer Wettlauf mit der Zeit...

 

 

 

 

 

 

Roman

 

Danke für das Wasser“, sagte Sheng.

Er legte die hölzerne Schöpfkelle auf den Rand des Brunnens neben den ledernen Eimer und sah den Mann an, der schwer wie ein Fels unter dem überhängenden Dach des Blockhauses stand und Shengs Blick ruhig erwiderte. Der Siedler hatte ein breites Gesicht mit wuchtigem Kinn und klaren hellblauen Augen. Er trug ein bunt gewebtes Baumwollhemd, dessen Ärmel aufgerollt waren und kräftige Unterarme freiließen. Er wischte sich den Schweiß aus der Stirn. Er hatte Holz geschlagen. Die große Axt stand neben ihm. Eine großkalibrige Flinte hing in Reichweite an der Hauswand.

Der Siedler betrachtete aufmerksam den Fremden, der aus den Bergen gekommen war. Er stülpte die Unterlippe vor.

Du könntest mir helfen“, sagte er. „Ich kann einen kräftigen Burschen brauchen.“ Der Siedler ließ seinen Blick in die Ferne schweifen, zu den scharfgezackten Kämmen der Berge im Nordwesten, über denen sich ein eisblauer Himmel wölbte. „Es gibt einen frühen Winter. Du kannst hierbleiben, wenn du willst.“

Ruhig lag der Blick des Siedlers auf dem fremden Mann mit den markanten Gesichtszügen und den dunklen, leicht geschlitzten Augen, auf der abgewetzten Kleidung und der Deckenrolle, die der Mann an einem ledernen Riemen über der Schulter trug.

Sheng lächelte. „Danke", sagte er und verneigte sich leicht. „Ich muss weiter. Danke.“

Die hellen Augen des Mannes unter dem Vordach verdunkelten sich. Er hatte rostrotes struppiges Haar, das lange nicht mehr geschnitten worden war.

Ich bin dir wohl nicht gut genug, he?“, rief er mit plötzlich rauer Stimme. Seine breite Pranke ergriff das Gewehr. Der Kolben lag an der breiten Brust, die große schwarze Mündung schwenkte herum und richtete sich auf Sheng.

Der große Mann rührte sich nicht. Er spürte die Wärme der Sonne in seinem Rücken. Er sah den Hang, die bestellten Felder, die Korrals, in denen gesunde Zuchtpferde tollten. Ein Mann, der so etwas geschaffen hatte, war kein Mörder.

Ich kann nicht hierbleiben“, sagte er ruhig. „Ich muss nach Kimball. Es ist wichtig."

Was hast du schon Wichtiges in Kimball zu erledigen! Kimball liegt jenseits der Grenze. In einem anderen Land! Was geht uns Nebraska an!“

Fünf Männer sind unterwegs nach Kimball. Sie wollen dort Gold stehlen.“

Woher weißt du das?“

Ich habe sie belauscht“, antwortete Sheng.

Sheng wusste nicht alles, weil sie auf ihn aufmerksam geworden waren. Er hatte in einem Mietstall in Laramie geschlafen, tief im warmen Stroh, als die Männer ihre Pferde geholt hatten. Viel hatten sie nicht gesagt, denn ihr Plan stand bereits fest. Aber sie sprachen erregt wie Männer, die auf eine Goldader gestoßen waren und es nicht erwarten konnten, sie auszubeuten.

Kimball. Gold. Deshalb musste Sheng nach Nebraska.

Der Siedler kniff die Lider zusammen. Mit der linken Hand strich er über sein rostrotes Haar. „Du erzählst mir hier eine wilde Geschichte, weil du weg willst! Arbeit schmeckt dir wohl nicht, he?“

Es ist die Wahrheit. Wenn ich hier bleibe, werden die Männer glauben, ich hätte Ihnen erzählt, was ich gehört habe. Sie werden dann auch Sie töten wollen.“

Die Männer waren auf Sheng aufmerksam geworden, weil eins ihrer Pferde nicht auf den Mann im Stroh hatte treten wollen. Er war mit knapper Not entkommen.

Männer jagen dich? Banditen?“

Sheng nickte.

Der Siedler lachte. „Sag bloß, sie verfolgen dich?“

Wieder nickte Sheng.

Auf Pferden, eh? Von Laramie bis hierher!“ Der Siedler legte den Kopf in den Nacken und lachte laut.

Ja, sie haben Pferde. Aber ich bin über die Range gekommen, über Fort Russel, und dann durch die Schlucht. Die Männer haben den weiteren Weg. Mit ihren Pferden können sie nicht über die Berge.“

Der Siedler blickte zurück. Steil stiegen die schroffen Felsen aus rosa Granit hinter den saftig-grünen Hügeln auf, die den Bergen vorgelagert waren. Noch nie war ein Mensch durch die Steilrinne gekommen, aus der im Frühjahr das Schmelzwasser schoss. Wieder blickte er Sheng an. „Du lügst“, sagte er. „Warum bist du nicht zum Sheriff von Laramie gegangen, he?“ Lauernd sah der Siedler in Shengs Gesicht.

Was geht uns Nebraska an?“, wiederholte Sheng die Worte des Siedlers. Laramie lag in Wyoming. Kimball in Nebraska. Und diese Farm lag auf ColoradoTerritorium. Grenzland - gesetzloses Land. Sheng deutete an dem Siedler vorbei nach Norden. Der rothaarige Mann trat vor, um besser sehen zu können.

 

*

 

Sie kamen in einer langgezogenen Reihe den Hang hinab. Fünf Reiter auf zähen knochigen Pferden.

Bitte, lassen Sie mich jetzt gehen“, sagte Sheng. „Sie haben mich noch nicht gesehen. Sagen Sie ihnen nicht, dass ich hier war. Dann ist alles gut. Ihnen passiert dann nichts.“

Der Siedler hob den Gewehrlauf, den er zuvor gesenkt hatte. „Was wollen die Männer wirklich von dir? Sag mir die Wahrheit!“

Sie wollen mich töten. Denn sie wollen das Gold rauben.“

Du bleibst hier, mein Junge. Ich glaube dir nicht! Ein Mann, der zu Fuß aus den Bergen kommt und weder nach Gold gesucht noch Pelztiere gejagt hat, muss ein Gesetzloser sein! Was hast du angestellt? Hast du gestohlen? Hast du jemanden beraubt? Sag es mir!“

Sheng sah nach Norden. Es war zu spät, diesen rothaarigen Mann überzeugen zu wollen. Die Reiter hieben ihren Pferden die Stiefel in die Flanken. Der Anführer stieß schrille Anfeuerungsschreie aus. Sie hatten ihn entdeckt. Es war zu spät.

Stellen Sie das Gewehr weg“, bat Sheng ruhig. „Sie wollen nur etwas von mir. Bringen Sie sich nicht in Gefahr.“

Sheng nahm noch eine Kelle voll Wasser aus dem Eimer. Er trank. Der Siedler betrachtete ihn erstaunt. Es dämmerte ihm, dass es ein Fehler gewesen war, diesen seltsamen Fremden hier festgehalten zu haben. Er stellte die Flinte hinter den Holzstapel und lief schnell ins Haus, um seinen Revolver zu holen.

Das Dröhnen der Hufe kam rasch näher.

 

*

 

Sie zügelten ihre Pferde vor dem flachen Holzhaus. Der Siedler kam heraus. Er trug einen langläufigen Remington in der Halfter. Die Männer sahen den Siedler an, dann wanderten ihre Blicke zu dem Mann am Brunnen.

He, Schlitzauge!“, schrie der Anführer, ein Mann mit einem Gesicht, das dunkel wie Bronze war. Die umschatteten Augen waren grau. Er hatte zottiges schwarzes Haar, das lang bis in den Kragen seiner Schafsfelljacke fiel. Er schwang sich aus dem Sattel.

Er war sehr groß, sechseinhalb Fuß, und alles an ihm bestand aus Knochen und Muskeln unter glatter Haut. Er zog die langen Handschuhe aus, die schwarz waren von Schweiß und Staub. Mit langsamen, schleichenden Schritten bewegte er sich auf den Mann am Brunnen zu. Die anderen Reiter schien es nicht zu geben in diesen Sekunden. Nur Sheng und den großen Banditen.

Sheng legte die Kelle ab. Der rothaarige Siedler bewegte die Lippen. Er wollte etwas sagen, aber da war ein Gefühl, das ihm Schweigen gebot.

Der Große trat neben Sheng an den Brunnen. Er nahm die Kelle, er trank, wobei er Sheng über den Rand des Löffels hinweg beobachtete. Er trug zwei Revolver in gefetteten Halftern. Es waren moderne Colts mit Walnussgriffen. Urplötzlich bewegte er die rechte Hand. Es war eine schnelle, peitschende Bewegung. Wasser spritzte in Shengs Gesicht. Die Hand schnellte zum Revolver hinab.

Sheng rührte sich nicht. Das Wasser floss an seinem Hals hinab. Ruhig erwiderte er den kalten Blick der grauen Augen.

Los, komm mit, Schlitzauge. Du begleitest uns ein Stück.“

Sheng atmete auf. Sie hatten nicht die Absicht, auch den Siedler zu töten. Er nickte.

Nimm dir eins von den Pferden da!" Der Bandit deutete auf den Korral.

Ich kann gut laufen“, sagte Sheng.

Die anderen Männer johlten. Es waren wilde Gesellen. Seit fünf Tagen waren sie im Sattel. Fünf Tage lang hatten sie sich weder gewaschen noch rasiert. Galgenvögel auf einem Trail, der sie reich machen sollte.

He, Jiggo!“, schrie einer der Kerle, ein vierschrötiger Geselle mit rotem Gesicht und bösen feuchten Augen. „Warum knallst du ihn nicht gleich hier ab?“

Der mit Jiggo Angesprochene wandte den Kopf. Seine Augen glitzerten wie kaltes Glas. Er ballte die Fäuste. Sheng spürte eine Leere in sich. Es war vergeblich.

He!“, rief der Siedler. „He!“ Er sprang von der Veranda und trat in die Sonne, die bald den Grat der Bergkette im Westen berühren würde. „Was wollt ihr von diesem Mann?“

Jiggo starrte den Siedler an. „Halt dich da raus, Rotfuchs, oder es geht dir schlecht. Verzieh dich! Los, mach schon! Aber vorher gibst du mir dein Eisen!“

Jiggo ließ Sheng die ganze Zeit nicht aus den Augen. Die geschmeidige braune Hand lag auf dem Kolben des Colts. Mit dem Instinkt des Gejagten, mit der nie erlahmenden Wachsamkeit eines Wolfs, fühlte er, dass Sheng ein gefährlicher Mann war.

He, Jiggo! Leg ihn um! Los, mach ihn kalt! Dann bleiben wir die Nacht hier!“

Nehmt dem Halunken das Eisen ab!“, rief Jiggo mit mühsam unterdrücktem Unwillen in der Stimme.

Ein junger Bursche ließ sich aus dem Sattel gleiten. Er schob seinen Hut in den Nacken und leckte sich die Lippen. Seine Augen zuckten. „Los, Mann, gib schon her! Und dann sag mir, wo du dein Geld versteckt hast!“

Er streckte die Hand aus. Der Siedler wollte den Remington herausreißen, doch der junge Bursche schmetterte dem Mann eine kleine harte Faust auf die Nase. Der Kopf des schweren Siedlers flog in den Nacken. Seine Faust zuckte zum Griff des Revolvers. Die Augen des Jungen leuchteten auf, als seine Hand zur Waffe griff.

Ein scharfer Ruf des Anführers stoppte ihn. Sheng hielt seine Hand zurück. Gab es noch Hoffnung?

Gab es die Hoffnung, eine Zuspitzung der Gewalt zu vermeiden?

Töte nur, um nicht selbst getötet zu werden...

Der Junge nahm dem Siedler den Remington ab und steckte die Waffe in seine Satteltasche. Der Siedler wich zurück. Neben dem Holzstapel blieb er stehen.

Wollen wir gehen?“, sagte Sheng leise.

Jiggo machte eine schnelle Kopfbewegung. Der Junge sprang in den Sattel. Er grinste über sein schmutzstarrendes Gesicht, bedauernd, wie es Sheng scheinen mochte. Jiggo ging zu seinem Pferd.

In diesem Augenblick riss der Siedler seine Flinte hinter dem Holzstapel hervor.

Der Junge stieß einen schrillen Schrei aus, gleichzeitig riss er seinen Revolver heraus. Jiggos rechte Hand flog herab. Sheng warf sich vor. Sein rechter Fuß schnellte in die Höhe, das Knie gerade, das Bein gestreckt.

Jiggo sah den Fuß kommen. Seine Reflexe bewahrten ihn vor einem vernichtenden Treffer. Shengs Spann wischte über die Schulter des Banditen.

Wenn ein Kung Fu-Kämpfer einen seiner Füße einsetzt, ist seine Standfestigkeit ernsthaft beeinträchtigt. Jiggos rechter Arm vollführte eine kreisende Bewegung. Der Unterarm hakte sich unter Shengs Schenkel und riss dessen Bein in die Höhe. Sheng gab der Bewegung nach, indem er sich zur Seite warf und sich gleichzeitig nach hinten abrollte. Der Bandit versetzte Sheng einen heftigen Tritt, der ihn mitten in der Rolle auf den Boden zurückholte. Schwer prallte Sheng mit dem Rücken auf den gemauerten Brunnenrand, wo er benommen liegen blieb.

Der Siedler feuerte. Sheng sah das Rucken der Waffe in den Fäusten des Rothaarigen. In das Dröhnen mischte sich das hellere Bellen des Revolvers, der von dem Jungen abgeschossen wurde. Der Junge schoss jedoch zu hastig, weil er sich vor der Ladung aus dem Gewehr des Siedlers in Sicherheit bringen wollte.

Jiggo zog mit beiden Händen. Beide Waffen spuckten ihr tödliches Blei. Die Einschläge der Kugeln schleuderten den Siedler gegen den Stützpfosten der Veranda. Das Gesicht des Jungen hatte sich verzerrt. Er hatte dem Tod ins Auge gesehen. Er schoss noch einmal auf den bereits Getroffenen. Der Körper des Siedlers zuckte, doch die starken Fäuste hielten den Mann immer noch aufrecht.

Sheng balancierte seinen Körper auf dem Brunnenrand aus und hob die Füße. Er wollte sich in die Höhe schnellen wie eine Schlange, sich auf den Mörder stürzen, auf den Mann, der Jiggo genannt wurde. Sein Rücken schmerzte, seine Bewegungen kamen etwas langsamer als sonst.

Jiggo hatte Sheng jedoch nicht vergessen. Er wirbelte herum. Seine Lippen hatten sich auseinandergezogen und gaben weiße Zähne frei wie bei einem hungrigen Wolf. Er riss sein Bein hoch. Jiggo trug feste hohe Stiefel. Fuß und Bein schoben sich unter Shengs Beine, flogen hoch. Der Gewalt dieses Fußtritts konnte Sheng nichts entgegensetzen, er konnte ihr auch nicht ausweichen. Er musste sie voll nehmen.

Er kippte nach hinten. Hinter seinem Rücken war nichts, nur Leere, das kalte schwarze Loch, und in der Tiefe - wie tief? - das Wasser.

Er stürzte. Während des Falles spreizte er die Arme und die Beine.

Der Brunnen war in den Felsen gesprengt worden. Die scharfen Kanten und Schründe zerfetzten die Haut seiner Hände. Und dann klatschte er in dunkles eiskaltes Wasser, das über ihm zusammenschlug und ihm für einen Moment den Atem nahm. Sein Schädel schrammte gegen Stein. Es wurde dunkel um ihn herum, doch das war nicht die Dunkelheit dieses tiefen Brunnens, denn sein Kopf stieß durch die Oberfläche.

Sheng atmete tief. Er durfte jetzt nicht das Bewusstsein verlieren. Jetzt nicht, nicht jetzt! Er rief seine innere Kraft, das Chi, und er spürte, wie die Kälte und die Benommenheit von ihm wichen.

Seine tastende Hand fand einen Felsvorsprung. Er grub seine Finger hinein und hielt den Kopf über Wasser.

Hohl und schaurig klang das Johlen der Banditen, die oben ihren Sieg bejubelten. Sheng blickte hoch. Klein und rund sah er das Loch des Brunnens mit dem blauen Himmel darüber, der sich bereits verdunkelte. Sein linker Arm schlug prüfend gegen den Brustkorb.

Wo war die Deckenrolle mit seinem Teil der Schriftrolle? Mit dem größten Schatz, den je ein Mensch gehütet hatte? Lag sie noch oben? Was würden diese Banditen mit der Deckenrolle und dem Schatz anfangen, der für sie völlig wertlos war?

Sheng atmete schneller. Er musste hinauf. Er musste zu diesen Männern. Denn die Lehre des Tao Chi durfte nicht in die falschen Hände fallen, und sie durfte nicht verloren gehen.

Da verdunkelte etwas den runden Brunnenschacht. Zwei, drei Gestalten beugten sich über den Rand. Sheng zog sich eng an die Wand. Er hielt den Atem an. Nichts sollte ihn verraten. Das kalte Wasser reichte bis an sein Kinn. Er ließ sich noch tiefer gleiten, bis nur noch die Nase und die Augen über dem kalten schwarzen Wasser lagen.

Die Männer begannen zu schießen. Die Detonationen drohten den engen Schacht zu sprengen. Kleine Steinsplitter prasselten herab. Die Kugeln der Revolver drangen mit einem schnellen fauchenden Geräusch ins Wasser. Eine prellte Shengs rechten Fuß, eine andere streifte seine Hüfte. Kein Laut drang über seine Lippen.

Der ist ersoffen!“, grölte eine Stimme, trunken von einem wilden Siegestaumel. Der Besitzer der Stimme zog noch einmal ab, doch der Hammer klickte nur auf eine leere Kammer. Die Männer zogen sich zurück.

Sheng hatte den Mund unter Wasser geöffnet. Seine Ohren waren taub. Das Wasser, das in seinen Mund drang, schmeckte nach Blut. Nach seinem Blut.

Noch einmal verdunkelten Gestalten den hellen Ausschnitt des Himmels. Sheng blickte hoch. Pulverdampf wehte noch durch den Schacht wie Frühnebel über ein Flusstal. Da wirbelte ein Körper herab. Er schlug hart gegen die Brunnenwand, drehte sich, Glieder wirbelten. Sheng zog den Kopf zwischen die Schultern und tauchte weg.

Der Körper zerteilte die Oberfläche. Der plötzliche Überdruck hüllte Sheng ein wie etwas Zähes, wie schwerer saugender Sand. Tief tauchte der Körper ein. Eine Hand strich über Shengs Gesicht. Sheng packte fest zu und ließ sich an die Oberfläche zurücktragen.

Er hielt den Kopf des Siedlers über Wasser. Er fühlte, dass der Mann noch atmete.

Die Banditen warfen den Ledereimer und das Seil in den Brunnen. Noch einmal hörte er ihre wilden Schreie, als sie in das Haus des Siedlers eindrangen, um es auszuplündern. Um einem Mann das Wenige zu stehlen, das er nach Jahren harter Arbeit angesammelt haben mochte.

Wenig später verkündeten schrilles Lachen und wilde Triumphschreie, dass sie Geld oder andere Wertsachen gefunden haben mussten. Sie warfen sich auf ihre Pferde, und kurz darauf erzitterte die Erde unter dumpfem Hufgetrappel. Die Verbrecher ritten davon, einer Stadt voller ahnungsloser Menschen entgegen.

 

*

 

Sheng fischte den Eimer aus dem Wasser. Er leerte ihn und band ihn dann mit dem Seil vor der Brust des Siedlers fest. Als er den Mann losließ, blieb er oben - der Eimer trug ihn wie eine Schwimmweste.

Sheng legte sich das Seil über die Schulter. Mit den Fingern suchte er nach einem Spalt in der felsigen Brunnenwand. Langsam zog er sich aus dem Wasser. Sein Körper wurde schwerer, als der Auftrieb ihn nicht mehr erleichterte. Unendlich langsam zog er sich höher hinauf. Seine Finger saugten sich an der glatten feuchten Wand fest wie mit Saugnäpfen. Jeden Spalt, den er fand, nutzte er aus. Er blickte nur nach oben, in den blasser werdenden Himmel. Das Blau war längst einem hellen Grau gewichen, das sich jetzt langsam schwärzte.

Sheng spürte weder seine Finger noch seine Füße. Alles war wie abgestorben. Es war reine Energie, nur Willenskraft, die ihn durch den Schacht klettern ließ, während die Minuten verstrichen, die dem geschundenen Körper unten im schwarzen und eisigen Wasser des Brunnens noch eine Chance hätten geben können. Sheng dachte an diesen Mann, und er dachte an seine Deckenrolle und die Schriftrolle.

Die Gedanken an den Mann und die Lehren des Tao Chi waren es, die ihn die letzten Fuß überwinden halfen.

Frische kühle Nachtluft strich über sein Gesicht. Er hielt inne, reckte sein Gesicht in den Wind, als könne er den Geruch der Männer aufnehmen, die den Tod in eine kleine Stadt in Nebraska tragen wollten.

Er zog sich über den Rand. An einem mattschwarzen Himmel begannen die Sterne bereits zu glühen, während im Westen noch die scharfen Grate der Range gegen den helleren Hintergrund standen, scharf und klar und schwarz - wie mit dem Tuschpinsel eines Künstlers gezeichnet.

Sheng bewegte die Schultern und die steifen Finger, ehe er das Seil von seiner Schulter gleiten ließ. Er stemmte seine Beine über dem Brunnenbrett fest. Langsam begann er dann, das Seil einzuholen. Es straffte sich. Der Körper des Siedlers glitt aus dem Wasser. Hand um Hand zog Sheng den Strick ein. Diese Anstrengung spürte er nicht. Es war die Hoffnung, die ihn nicht an Schwäche oder an Nachgeben denken ließ. Vielleicht lebte der Mann noch. Vielleicht konnte er ihm helfen. Und wenn nicht - würde er ihn begraben. Doch dazu musste er seinen Namen wissen. Den Namen ... kein Mensch sollte namenlos begraben werden, dachte Sheng.

Er sah den Kopf im schwachen Sternenlicht. Das Haar, dunkel von der Nässe, das Gesicht eine blasse Fläche, die Lippen zwei starre Striche, klaffend wie die Ränder einer Wunde, dahinter die Zähne, lang und braun.

Sheng schlang das Seil um die Hüften des Mannes. Die reglose Gestalt drehte sich am Seil. Der Eimer verhinderte, dass das Gesicht die Brunnenwand berührte. Behutsam schob Sheng die Hände unter die Schultern, dann zog er den Mann über den Brunnenrand, legte ihn in das weiche Gras. Er löste das Seil und den Eimer, dann nahm er den Mann auf wie ein Kind.

Das Haus stand schwarz vor den wuchtigen Felsen, die sich weiter oberhalb des Hanges in den Himmel türmten. Vorsichtig tastete er sich über die Veranda, dann betrat er das Haus. Das Herdfeuer war erloschen. Es roch nach kalter Asche und vergossenem Whisky.

Sheng stieß gegen die Bank neben dem Herd. Felle lagen auf dem harten Brett.

Sheng legte den Mann ab. Er fand eine Kerze und Streichhölzer. Die kleine Flamme leuchtete auf. Sie spiegelte sich in den geöffneten Augen des Siedlers. Einen Moment glaubte Sheng, der Mann sei gestorben. Doch dann bemerkte er die Bewegung der Lippen und ein Zucken der Lider. Rasch kniete er neben dem Mann nieder. Er nahm die großen rissigen Hände und rieb sie. Sie blieben jedoch kalt und steif.

Im flackernden Licht der Kerze sah Sheng die schrecklichen Wunden, die die Kugeln der Banditen gerissen hatten. Der Mann hob einen Arm, es war eine flehende Gebärde. Sheng verstand die Bitte, und er richtete den Oberkörper des Siedlers auf. Er schlang Felle und Decken um den Körper. Mehr konnte er nicht tun. Denn der Mann musste sterben. Sheng wusste es. Kein Mensch kann mit so schrecklichen Verletzungen überleben. Der Mann hätte bereits tot sein müssen. Mitleidig betrachtete Sheng die zerfetzten Überreste eines Mannes, der ihm, Sheng, im letzten Augenblick hatte zu Hilfe kommen wollen. In einem Augenblick, als es bereits zu spät gewesen war.

Die Lippen bewegten sich, die Augen flehten Sheng an. Sheng brachte sein Ohr nah an den Mund.

... Du musst zu ihr.... meine Frau.... ich habe schreckliches Unrecht begangen ...“ Die Worte waren nur ein Hauch. „Sag ihr, dass ich ... sie ... liebe ...“

Wo ist sie?“, fragte Sheng. Seine Stimme klang dunkel und ruhig.

Pine Bluff. In Pine Bluff... da ist sie... Unrecht... sag es ihr...“

Ja“, versprach Sheng.

Bring ihr das Kreuz und...“ Der Siedler tat einen rasselnden Atemzug, nachdem blutiger Schaum auf seine blau angelaufenen Lippen trat. Sheng wischte das Blut mit einem Tuch ab. „Und... du musst es ihr bringen, hörst du?“

Die Augen, eben noch stumpf und vom nahen Tod gezeichnet, glänzten noch einmal, leuchteten auf. Eine Hand tastete nach Shengs Unterarm, die Finger gruben sich tief in seine Muskeln. Sheng ließ seinen Arm, wo er war.

... und den Leuchter. Er ist sehr wertvoll. Er gehört ihr. Unsere ganzen Ersparnisse stecken darin ... alles. Aber das Kreuz... sie soll es haben, damit sie mir verzeiht...“

Der Unterkiefer fiel herab, die Augen rollten nach oben, zeigten das Weiße. Nur der Druck der Finger auf Shengs Arm hielt an und zeigte, dass noch Leben in diesem Körper steckte.

Wie heißt du?“, fragte Sheng. Keine Reaktion. Nur rasselnder Atem und blutiger Schaum. „Wie heißt sie? Wie heißt sie?“

Noch einmal kehrten die Augen zurück. groß und klar. „Schwöre es! Schwöre, dass du ihr das Kreuz und den Leuchter bringst!“

Ich verspreche es“, sagte Sheng schlicht.

Du sollst es schwören!“

Ein Schwur hatte für Sheng keine Bedeutung. „Ich schwöre es“, sagte er. Er hatte es versprochen, das war mehr als ein Schwur. Er hatte einem Sterbenden etwas versprochen. Niemand würde ihn aus diesem Versprechen entlassen können.

... Leuchter... über dem Herd... Kreuz da ...“

Die andere Hand hob sich ein wenig, wies in das Dunkel der Hütte. Sheng hob die Kerze. Die Schatten wanderten. Das Licht zuckte über den Sims beim Herd. Die Banditen hatten die Dosen und Flaschen darauf heruntergerissen. Mehl, Zucker und Kaffee lagen über der Herdplatte. Doch der Leuchter war nicht da.

Siehst du ihn?“, fragte der Sterbende.

Ja“, sagte Sheng. Er schloss die Augen. Er sah den Leuchter. Er war aus schwerem Silber, und so hing er am Sattel eines Banditen. „Ja“, sagte er noch einmal.

Das Kreuz... Kommode...“

Ja. Und jetzt sag mir, wie du heißt! Wie sie heißt!“ Er brachte seinen Mund nah an das Ohr des Siedlers. Dreimal wiederholte er seine Worte, dann lauschte er angespannt.

Maureen ... Maureen heißt sie."

Und du? Wie heißt du?“

Maureen ... O’Flaherty..."

Sheng blieb bei dem Mann, von dem er jetzt den Nachnamen wusste. Reglos, den Druck der Finger spürend, bis der Atem des Sterbenden versickerte wie ein Rinnsal im Sand.

Sheng begrub den Siedler hinter dem Haus. Dann suchte er die Hütte ab. Er fand einige persönliche Papiere, und er fand das Kreuz, das die Verbrecher übersehen hatten. Es lag unter einem dünnen Seidenschal. Die gierigen Hände hatten das kleine Schmuckstück mit dem Schal herausgerissen und achtlos zu Boden fallen lassen.

Der Leuchter, von dem der Sterbende gesprochen hatte, fehlte. Sheng betrachtete das Kreuz. Es war kaum größer als Shengs halber Zeigefinger, aber es war aus purem Gold, mit Rubinen besetzt, und auf der Rückseite trug es eine Widmung.

Die Schrift war kaum zu entziffern. Sehr fein, sehr dünn und abgegriffen. Für Pat... Gottes Segen ... Pater Patrick Conroy, Tralee, Irland.

Sheng blickte zu dem braunen Hügel inmitten des grünen Grases hinüber. Da war ein Mann aus einem fremden Land gekommen, von weit her, um hier zu sterben. Sheng fühlte sich irgendwie mit ihm verbunden, obwohl Welten sie trennten - und jetzt auch der Tod.

Sheng fand seine Deckenrolle draußen am Brunnen. Die Banditen hatten sie auseinandergerissen.

Für die Schriftrolle hatten sie sich nicht interessiert.

Sheng wickelte sie sorgfältig wieder zusammen und verstaute sie in der Decke. Dann öffnete er die Korrals und ließ die Pferde frei. Er hielt nur eine kräftige Buckskin-Stute zurück, der er den einzigen Sattel auflegte, den er auf dem Anwesen fand. Dann ritt er nach Osten.

 

*

 

Zum Lodge Pole Creek hin fiel das Land stetig und sanft ab, und erst weiter im Nordosten erhoben sich braune Felsen, an die sich verwitterte Kiefern klammerten. Dort irgendwie musste ein Ort liegen, der Pine Bluff hieß. Sheng hatte den Namen auf einer Karte gesehen. Vor drei Tagen in Fort Russel. Die Karte hatte im Warteraum der Poststation gehangen. Sie war mindestens acht Jahre alt. Demnach lag Pine Bluff auf dem Weg nach Kimball, aber in Wyoming, und sehr nah an der Grenze nach Nebraska. Es war möglich, dass die Banditen diesen Ort südlich umgangen hatten, wenn sie an ihrem ursprünglichen Plan, in Kimball Gold zu rauben, festgehalten hatten.

Sheng wollte über Pine Bluff reiten. Er wollte die Frau suchen, ihr das Kreuz geben und ihr die letzten Worte ihres Mannes mitteilen, ehe er seinen Trail weiterverfolgte. Er würde den Banditen den Leuchter abnehmen und ihn der Frau später bringen. Das hatte er dem Sterbenden versprochen.

Gegen Abend frischte der Wind auf, und als Sheng zurückblickte, sah er die schwarzen Wolken, die sich über den Bergen auftürmten und an ihrer Ostflanke herabfielen. Er gab dem Siedler recht, der gesagt hatte, es gebe einen frühen Winter. Der Wind war schon sehr kalt, und jenseits der Laramie Mountains gab es in dieser Nacht gewiss den ersten Schnee.

Die Stute hielt einen leichten Trab, so dass Sheng sie nicht anzutreiben brauchte. Er ritt, bis die Dunkelheit hereinbrach und ein weiteres Fortkommen erschwerte. Mit der Stute hatte er ein gutes Stück Weg geschafft, und er rechnete damit, den Ort am nächsten Morgen zu erreichen.

Sheng fand einen geschützten Platz unterhalb eines von Krüppelkiefern bewachsenen Hanges. Er sattelte die Stute ab und band sie an einen der dünnen Stämme. Dann suchte er Feuerholz. Und dürre Äste und Zweige für sein Lager. Bevor er das Feuer anzündete, kletterte er auf den Felsen. Er glaubte, den Geruch eines Holzfeuers wahrgenommen zu haben, einen schwachen Hauch nur, aber weil er nichts sehen konnte und der Wind keinen frischen Rauch zu ihm hertrug, steckte er das Holz schließlich in Brand.

Er brachte Wasser zum Kochen, und dann nahm er einige der wenigen Teeblätter, die ihm noch verblieben waren, aus der verbeulten Blechdose, gab sie in den Becher und goss das Wasser darüber. Langsam trank er den Tee.

Der Wind fachte die Glut des Feuers noch einmal an. Das Holz knackte. Sheng hörte die Schritte eines Menschen, der sich seinem Lagerplatz näherte. Der Mensch war sehr vorsichtig. Sheng bewegte sich nicht. Die Banditen waren nicht mehr in der Nähe. Sie wären auch nicht so leise gewesen, wenn sie ihn erkannt hätten. Sie hätten sich johlend auf ihn gestürzt und ihn jetzt endgültig niederzumachen versucht.

Sheng stellte den Becher ab. Er blickte über das Feuer hinweg, das zusammengesunken war. Er sah Metall schimmern. Und dann trat der Mann an das Lager.

Sheng warf eine Handvoll Zweige auf die restliche Glut. Der Wind ließ bald kleine gelbe Flammen aufzucken. Sie beleuchteten ein längliches Gesicht mit dunklen Bartschatten und tiefliegenden Augen von unbestimmbarer Farbe. Der Mann trug einen breitkrempigen Hut, den er jetzt in den Nacken schob. Sheng sah eine hohe Stirn und die tiefen Furchen, die das Leben in das Gesicht gegraben hatte.

Setzen Sie sich“, sagte Sheng. „Möchten Sie einen Becher Tee?"

Der Fremde schüttelte den Kopf. Die Augen wanderten prüfend über Shengs Gestalt und über die wenigen Habseligkeiten, die er mit sich führte. Sheng senkte den Blick. Er hatte genug gesehen. Der Mann trug einen tiefgeschnallten Revolver, enge braune Cordhosen, ein großkariertes Hemd mit einer Lederweste und einer dicken Felljacke darüber. Er stocherte mit einem Stock in der Glut herum.

Du reitest allein?“, fragte er. Sheng nickte. „Und du hast nichts zu beißen, stimmt’s?“ Sheng lächelte und nickte. „Okay, dann pack deine Sachen und komm zu uns rüber. Wir liegen ein Stück weiter unten.“

Der Mann deutete in die Finsternis. Sheng wusste, was dort war. Er hatte es gesehen, bevor die Nacht hereingefallen war. Einen Föhrenhain und eine schroffe Felskante, die nur östlich zu umgehen war.

Danke“, sagte er. „Ich komme gern.“

Er rollte seine Decke zusammen, packte die Dose ein und den Becher. Den Sattel nahm er auf den Rücken. Er band die Stute los.

Der Mann ging voraus. Er war ziemlich groß, etwa gleich groß wie Sheng, und er hatte einen elastischen Gang. Sheng hatte ihn auf Ende Vierzig geschätzt, doch jetzt war er geneigt, den Mann für jünger zu halten, vielleicht für Ende Dreißig. Das Leben im Freien hatte sein Gesicht in eine rissige Landschaft verwandelt.

Unterhalb des Felsens erst konnte Sheng den Rauch des fremden Feuers wahrnehmen, den ein aufsteigender Wirbel eine Stunde zuvor einmal kurz an seine Nase geweht hatte. Das Feuer brannte in einer Mulde. Sheng erkannte einige Pferde und hinter den blendenden Flammen die Umrisse zweier Gestalten.

Ich bringe Besuch mit!“, rief der Mann laut. Die Pferde schnaubten. Eine der Gestalten erhob sich und ging um das Feuer herum, um den Neuankömmling besser erkennen zu können.

Sheng sah eine breite Hutkrempe, feste hohe Stiefel und einen dicken Mantel, der bis zu den Stiefeln reichte.

Das ist ja ein Chinese!“, rief eine Frauenstimme. Die Stimme gehörte der Gestalt in dem langen Mantel. Sheng kniff die Lider zusammen. Langsam trat er näher. Die Frau drehte ihr Gesicht dem Feuer zu. Sie hatte ein breites Gesicht mit einer kleinen Nase und leuchtenden Augen, die das Grün feiner Jade aufwiesen.

Sheng konnte jetzt auch die Haare erkennen, die in verschwenderischer Fülle über den Rücken der Frau flossen. Die Haare zeigten das gleiche flammende Rot, das er wenige Tage zuvor am Westabfall der Laramie Mountains gesehen hatte. Das flammende Rot der Pappeln im Herbstlaub.

Halbchinese“, bemerkte der Mann, der Sheng hergebracht hatte. „Habe ich recht? Setz dich. Nimm dir ein Stück Fleisch, Kaffee kannst du auch haben.“

Der zweite Mann dieser kleinen Gruppe hatte sich noch nicht gerührt. Er lag auf einer Decke, den Hut tief über das Gesicht gezogen. Der Kopf ruhte auf dem Sattel. Sheng legte den Sattel der Stute auf den Boden und setzte sich darauf. Die Frau starrte ihn an, dann wandte sie den Blick ab. Sie nahm den Arm des großen Mannes und zog ihn in die Dunkelheit.

Sheng nahm ein großes Stück Fleisch aus der Pfanne und biss hinein. Er kaute bedächtig. Er hatte das Stück noch nicht heruntergeschluckt, als die beiden schon zurückkehrten. Er sah sich erst um, als er das scharfe Klicken hörte, mit dem der Hammer eines Revolvers einrastete.

Nimm die Hände hoch, Bürschchen“, sagte der große Mann. Er stieß Sheng den Lauf des Revolvers in die Seite. Sheng krümmte sich zusammen. „Und jetzt steh auf! Los, aufstehen, oder ich jage dir sofort ein Stück Blei in die Rippen!“

Sheng fühlte eine unbestimmte Trauer. Er hatte den Mann mit dem zerfurchten Gesicht nicht für einen Wegelagerer gehalten.

 

*

 

Der zweite Mann regte sich. Er schob den Hut aus seinem Gesicht und stützte sich auf den Ellbogen. Er hatte das gleiche Gesicht wie die Frau. Flach, mit einer kleinen Nase und schmalen Lippen, die Augen leuchteten grün. Sein Haar war jedoch kurz und borstig und nicht so rot, und die Haut des Gesichtes bedeckten Sommersprossen wie Wasserlinsen die Oberfläche eines Teiches. Der Mann war noch sehr jung. Er grinste über sein glattes Gesicht.

Wen haben wir denn da?“, fragte er.

Die Frau bewegte die Hand. Zu dem großen Mann sagte sie: „Durchsuch ihn! Los, durchsuch ihn!“

Tu du’s!“ Der Mann presste den Revolver in Shengs Seite. Sheng spannte die Muskeln. Die Hände der Frau strichen an seinem Körper hinab. Sie ertasteten die Umrisse des kleinen goldenen Kreuzes. Die Hand fuhr in die Tasche der Jacke, und dann kam sie mit dem Kreuz zurück.

Da!“, rief sie. „Glaubst du es jetzt?"

Ja“, antwortete der Mann schwer. „Ja, ich glaube es.“

Wir müssen zu ihm rauf!“ Die Frau drehte sich zu Sheng herum. „Was hast du mit ihm gemacht?“ Ihre Augen sprühten Feuer. Grünes, funkensprühendes Feuer. „Den Leuchter hast du wohl nicht gefunden? Oder steckt der wohl in der Rolle da?“ Sie winkte dem jungen Mann. „Sieh nach, George!“

Bitte, Madam ...“ Sheng hob die Hände.

Ross! Sieh nur!“ Sie deutete auf Shengs Jacke und auf seine verschlissene Hose. Der Stoff war mit rotbraunen Flecken übersät. Aus dem Schuh ragte ein Stück des blutgetränkten Lappens heraus, mit dem er die Wunde verbunden hatte, die der Streifschuss gerissen halte. „Blut? Alles ist voller Blut! Hast du ihn umgebracht?“ Die Frau wollte sich auf Sheng stürzen. Sie hob die Hände, die Finger formten sich zu Krallen.

Der junge Bursche, George, sprang auf und hielt sie zurück. Er hatte die Rolle geöffnet. „Er hat kein Geld bei sich, keinen Cent...“

Er hat ihn umgebracht!“, schrie die Frau. „Pat würde niemals eine Buckskin-Stute hergegeben haben, für kein Geld der Welt! Was hätte dieser Strolch ihm auch bieten können! Und dann das Kreuz! Pat hing wie ein Affe an dem Ding! Er hatte es von seinem Priester bekommen...“

Der große Mann, der Sheng den Revolverlauf in die Seite drückte, hob eine Hand. Sheng fühlte sich so elend wie nie zuvor in seinem Leben.

Was hast du mit ihm gemacht? Los, du musst es sagen!“

Sheng schloss einen Moment die Augen, dann öffnete er sie wieder. Wie konnten diese Menschen ihm glauben?

Sie sind Maureen O’Flaherty“, sagte er leise. Der Druck der Waffe in seiner Seite verstärkte sich. Er sah der Frau in die Augen. „Ich war unterwegs zu Ihnen nach Pine Bluff. Ich sollte Ihnen das Kreuz bringen und Ihnen etwas bestellen ...“

Etwas bestellen? Von Pat? Pat wusste genau, wo ich war! Er hätte selbst kommen können! Warum ist er nicht gekommen?“

Sheng blickte die Frau zwingend an. Es war schrecklich, ihr die Nachricht vom Tod ihres Mannes unter diesen Umständen mitteilen zu müssen. Sie hielten ihn fest, sie hatten das Kreuz gefunden. Sie mussten ihn für einen gemeinen Verbrecher halten. Das Gesicht der Frau verzerrte sich in plötzlichem Hass. Sie wollte die Fäuste des jungen Mannes abschütteln.

Wo hast du das Geld gelassen?“ Sie atmete keuchend. „Ross, frag du ihn! Das Geld! Wo hat er das Geld gelassen?“

In den Augen des Mannes tanzten die Flammen des Lagerfeuers. „Was ist geschehen, Mann?“, fragte er. Seine Augen blickten ruhig. Der rothaarige Bursche hatte die Frau losgelassen und den Mantel zurückgeschlagen. Seine schmale Hand steckte in einem hellen Lederhandschuh. Es waren dünne Handschuhe. Die Finger darin bewegten sich geschmeidig. Sie schwebten über dem Kolben der Waffe wie die Krallen eines Raubvogels.

Sheng ließ kein Auge von der Frau. „Er ist tot“, sagte er. „Fünf Banditen haben ihn ermordet. Ich war bei ihm, als er starb. Er hat an Sie gedacht...“

Maureen O’Flaherty schrie gellend auf. Sie sprang Sheng an wie eine wilde Katze. Sheng ergriff ihre Arme und hielt sie fest. Sie wand sich, wobei sie fauchte und mit den Füßen nach Shengs Beinen trat. Ross und George rissen sie zurück. Ross kniff die Lider zusammen. Er schlug seine Jacke zurück. Auf der Lederweste trug er einen blitzenden Stern.

Ich bin der Sheriff von Pine Bluff. Ich habe hier draußen keine Rechte. Aber ich werde dich nach Pine Bluff mitnehmen. Beschweren kannst du dich später. George, fessele ihn!“

Wir müssen weiter!“, rief die Frau. „Vielleicht ist das Geld noch da! Vielleicht war ihm der Leuchter zu schwer! Es steckt im Fuß!“

Die Banditen haben den Leuchter mitgenommen.“

Er lügt!“

Die Frau sprang vor. Diesmal fuhren ihre Fingernägel über Shengs Wange und rissen die Haut auf. Sein Gesicht brannte, Blut quoll aus den langen Rissen.

Er hofft, dass er irgendwie freikommt! Dann kann er zurückgehen und sich das Geld holen!“

Noch einmal kam die Hand, doch diesmal hielt Ross sie fest, bis George Shengs Hände auf den Rücken gebunden hatte.

Warum hängen wir ihn nicht gleich?“, fragte George. Er richtete sich auf. Sein Atem ging pfeifend, die grünen Augen leuchteten.

Binde seine Füße“, befahl Ross. Der Junge fuhr herum. „Binde seine Füße!"

Die Stimme des Sheriffs von Pine Bluff klirrte metallisch. Die Lippen des Jungen verzogen sich in kalter stiller Wut, das von Sommersprossen übersäte Gesicht rötete sich. Er bückte sich und schlang das Ende eines Lassos um Shengs Fußknöchel. Er zog die Schlinge nicht sehr fest zu. Er richtete sich auf und betrachtete den Gefesselten aus tückisch zusammengekniffenen Augen. Er wollte, dass dieser Fremde einen Fluchtversuch unternahm. Denn dann könnte er ihn abknallen. Sheng las in den Gedanken dieses Burschen wie in einem offenen Buch.

In meiner Jacke stecken die Papiere“, sagte er. „Ich wollte sie nicht in der Hütte lassen.“ Die Finger des Jungen griffen zu. Er warf das zusammengeschnürte Bündel der Frau zu. Sie betrachtete es mit einem angeekelten Gesichtsausdruck, dann warf sie es zu den Sätteln.

Wir müssen weiter! Ross, lass uns reiten!“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Vielleicht morgen früh, vielleicht bringe ich ihn auch erst nach Pine Bluff..

Warum nicht jetzt?“

Ross blickte zum Himmel hinauf. Schwere Wolken hatten sich vor die Stemenkuppel gezogen. außerhalb des Feuers herrschte pechschwarze Finsternis. „Es ist zu gefährlich, Maureen. Morgen sehen wir weiter.“

Er setzte sich ans Feuer und warf Holz in die Flammen. Seine Blicke wanderten zu Sheng. Sheng setzte sich ebenfalls. Die Frau stand mit geballten Fäusten vor dem Sheriff. Der sah immer nur Sheng an.

Ich muss nach Kimball“, sagte Sheng. „Die Banditen wollen dort Gold stehlen. Ich weiß es...“ George wollte etwas sagen, doch Sheng sprach unbeirrt weiter. „Ich hatte sie belauscht. Das war vor vielen Tagen in Laramie. Seitdem hatten sie mich verfolgt. Ich wollte vor ihnen in Kimball sein ...“

So, sie wollen Gold rauben. Ausgerechnet in Kimball!“ Ross lachte trocken auf. „Noch nie hat es jemand geschafft, an das Gold der Minengesellschaft heranzukommen! Noch nie!“

Sie haben mich eingeholt, als ich bei ihm war. Bei Pat O'Flaherty. Er wollte mich festhalten. Ich sollte bei ihm bleiben und ihm helfen."

Jetzt war es die Frau, die auflachte. „Das sieht ihm ähnlich! Das ist Pat wie er leibt und lebt! Mich wollte er auch mit der Waffe dabehalten! Aber bei dir ist er an den Falschen geraten, wie? Sag mir, \vie hast du es geschafft?"

Sheng sah in die grünen Augen. Was mochte sich zwischen den beiden Menschen da draußen in der Wildnis abgespielt haben? Welche Tragödien? Welche Kämpfe?

War es Notwehr?“, fragte Ross. Er deutete auf Shengs Fuß und auf das Blut an seiner Kleidung.

Die Banditen wollten nur mich haben. Weil er mich festhielt, geriet er mit hinein, und als er mir helfen wollte, war es zu spät für ihn. Sie warfen zuerst mich in den Brunnen und dann, nachdem sie ihn zusammengeschossen hatten, stürzten sie auch ihn hinab ...“

Und du bist rausgekommen? Aus eigener Kraft?“ Der Junge starrte Sheng an, wobei er höhnisch grinste.

Ich bin nach oben geklettert und habe ihn dann über den Brunnenrand hochgezogen. Er war noch nicht tot. Etwas hielt ihn am Leben. Es war der Gedanke an Sie, Madam. Ich sollte Ihnen etwas sagen und Ihnen das Kreuz und den Leuchter bringen. Der Leuchter war nicht mehr da. Aber ich werde Ihnen den Leuchter holen. Denn ich habe es ihm versprochen.“

Die Frau lachte. Sheng sah sie an. Unter dem Blick senkte sie den Kopf.

Du wolltest ihr etwas sagen“, erinnerte ihn der Sheriff.

Es ist persönlich. Es sind die letzten Worte eines Mannes. Ich will es ihr allein sagen.“

Entweder sagst du es uns allen, oder du sagst es gar nicht!“ Der Mund der Frau war ein breiter hellroter Strich im blassen Gesicht. „George ist mein Bruder, und der Sheriff ist mein bester Freund. Mein einziger Freund! Sag es schon!"

Sheng zögerte. Es war ein Vermächtnis. Die Worte eines Sterbenden sind etwas Heiliges, so hatte er es gelernt. Jetzt sollten die Ohren Unbefugter die Worte vernehmen und sie entweihen?

Ich sollte es nur Ihnen sagen.“

Er sah die Hand herabsausen. Die Hand des Jungen, der neben ihm stehengeblieben war. Sie war zur Faust geballt. Shengs Kopf zuckte zur Seite, und die Faust zischte vorbei. Der eigene Schwung riss den Jungen weiter. Er prallte mit dem Knie gegen Shengs Schulter und stürzte über ihn hinweg. Am Rand des Feuers blieb er liegen. Der Hut war ihm vom Kopf gerollt. Seine roten Haare knisterten.

Ross sprang auf und zerrte den Jungen von den Flammen weg. Der sprang jedoch sofort wieder auf. Wütend trat er nach Sheng. Die Spitze des harten Stiefels bohrte sich in Shengs Seite. Er rutschte vom Sattel und kippte seitlich weg.

Genug jetzt!“, brüllte der Sheriff. „Verdammt, genug, sagte ich!“

Der Junge war nicht aufzuhalten. Er hatte seinen Revolver gezogen. Der Daumen glitt über den Hammer. Es klickte scharf. George zielte auf den Sheriff. „Wenn du dich rührst, bekommst du zuerst eine Kugel! Du bist hier nicht in Pine Bluff bei deinen Bürgern, die auf deine Sprüche reinfallen! Hier draußen kräht kein Hahn nach dir!“

Maureen, bring du ihn zur Vernunft!“

Ich will erst hören, was er zu sagen hat. Es ist zwar gelogen, aber ich will es hören!“

Hast du gehört?“, schrie George. „Meine Schwester will es hören!"

Seine Finger bewegten sich. Der Junge war nervös, und er war scharf darauf, jemanden umzubringen. Der Sheriff starrte auf die Hand mit dem Revolver.

Sheng überwand seine Hemmung: „Er sagte, er habe schreckliches Unrecht begangen...“

Das kann man wohl sagen!“

... er sagte, dass er Sie liebt. Und Sie sollten das Kreuz nehmen zum Zeichen, dass Sie ihm verzeihen. Das waren seine Worte.“

Und den Leuchter? Den hat er doch auch erwähnt?“

Ja, den sollten Sie ebenfalls haben. Ich habe ihm versprochen, Ihnen den Leuchter zu bringen.“

Dann bring ihn mir!“

Das werde ich.“

Du wirst hängen!“, schrie der Junge. „Verdammt, hängen wirst du!“

Die Hand mit dem Revolver schwenkte herum. In diesem Augenblick schlug der Sheriff zu. Die Faust knallte von oben auf den Unterarm des Jungen. Der schrie auf. Der Revolver fiel ihm aus der Hand. Noch einmal schlug der Sheriff zu. Seine Faust krachte trocken gegen das Kinn. Mit einem Seufzer und verdrehten Augen sank George neben seiner Schwester zu Boden.

 

*

 

Ja, er hat Unrecht begangen!“, sagte Maureen. Sie starrte aus leeren Augen ins erlöschende Feuer, in dem die Zweige knackten und unter einer Bö gelegentlich Funken sprühten. „Er hat mich behandelt wie man in Irland seine Kuh behandelt!“ Sie stülpte die Lippen vor. „Wie eine Kuh! Die Bauern in Irland nehmen ihre Kühe mit in die Stube, wusstest du das, Ross?“

Der Sheriff schüttelte den Kopf. „Damit dem Vieh auch ja nichts passiert! Armselige Bauern!“

Du kommst doch auch aus Irland“, sagte Ross.

Mein Vater, aber das ist eine Ewigkeit her. Er war kein armseliger Schafhirte oder Pächter! Er war Offizier, und er musste fliehen, weil er gegen die verdammten Engländer angetreten war!“

Der Sheriff legte ein paar Zweige nach und stocherte mit einem Ast in der Glut herum. Der Junge, er hieß George Milloy, lag wieder unter seiner Decke, mit dem Kopf auf dem Sattel, und starrte über die Flammen hinweg in Shengs Gesicht. Sheriff Ross Christensen hatte ihm den Revolver zurückgegeben.

Wie eine Kuh hat er mich behandelt! Das Geld, das bisschen Geld, das er mit der Zucht verdiente, hat er in den Fuß des Leuchters gestopft. Der Leuchter gehört mir! Ich habe ihn von meinem Vater!“

Sie stampfte mit den Füßen den Boden. Sie ergriff einen brennenden und glühenden Ast und schleuderte ihn gegen Sheng, der rasch den Kopf einzog. Die Glut sprühte durch die Nacht. Ross fluchte. Er sprang auf und trat die Funken aus.

Ich hätte nicht mitgehen sollen, verdammt“, knirschte er. „Ihr beiden hattet verdammte Probleme, aber...“

Er hat mich rausgeschmissen! Das hat er! Und das weißt du ganz genau! Deshalb habe ich dich gebeten, mitzukommen zu diesem Wahnsinnigen, damit ich mein Eigentum bekomme und nicht eine Kugel!“

Er hat Sie geliebt“, wiederholte Sheng. „Sein letzter Gedanke galt Ihnen!"

Ach, was verstehst du verdammtes Schlitzauge von Liebe!“ Die Frau sprang auf. Ross nahm ihre Hand und zog sie wieder hinab.

Schlaf jetzt. Morgen früh sehen wir weiter.“

Ich will zur Farm rauf, verflucht! Ross, ich will zur Farm! Ich glaube diesem Halunken nicht! Vielleicht hat er Pat in den Brunnen geworfen! Vielleicht liegt er da unten und lebt noch!“

George schaltete sich ein. „Wenn er dort unten liegt, lebt er nicht mehr! Du warst nie drinnen! Ich aber! Ich habe ihn mit gebaut! Die Wände sind Felsen, und das Wasser steht hoch!“

Schlaft jetzt“, befahl Ross. Er breitete seine Decke aus und rollte sich hinein.

 

*

 

Sturmböen jagten dunkelgraue Wolken über die Berge. Ihre Grate waren nicht zu sehen. Weiter oben musste es schneien. George mühte sich mit dem Feuer ab. Als die ersten Flammen zaghaft zu knistern begannen, klatschten die ersten schweren Tropfen ins Feuer nieder. Kurz darauf prasselte das Wasser herab. Im Nu wurde es wieder finster. Wasser schoss durch die Rinnen den Hang hinab, es sprang über die Felsvorsprünge und ergoss sich über die vier Menschen, die dort Schutz gesucht hatten.

Sie drängten sich eng an den ausgewaschenen Fels. Ross, George und die Frau schlugen die hohen Kragen ihrer Felljacken hoch und zogen die Hüte tief in die Gesichter. Shengs dünne Jacke war längst durchnässt. Er stand da, während das Wasser durch den Stoff drang und am Hals unter Hemd und Jacke entlang über die Haut rann.

Der ganze Hang schien in Bewegung zu geraten. Die dühne Schicht Erde auf dem harten Untergrund mischte sich in die Fluten. Schlammiges Wasser umspülte die Hufe der Pferde. Ihr Fell wurde nass und dunkel, die Mähnen klebten strähnig an den Hälsen.

Der Wolkenbruch dauerte nur kurze Zeit, dann trieb der Wind die Regenwolken weiter nach Osten. Die Frau fluchte leise.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906240
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v349882
Schlagworte
sheng shengs schwur

Autor

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Titel: Sheng #8: Shengs Schwur