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Der Horror-Koffer #3: Zehn Gruselromane

2016 1000 Seiten

Zusammenfassung

Horror-Koffer #3: Zehn Gruselromane
von Alfred Bekker, A. F. Morland & Pete Hackett

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1051 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Alfred Bekker: Das Höllentor

A. F. Morland: Fahrstuhl in die Hölle - Tony Ballard Band 8

A. F. Morland: Das Bildnis des Samurai - Tony Ballard Band 9

A. F. Morland: Die Rückkehr des Samurai - Tony Ballard Band 10

A. F. Morland: Der Geist der Serengeti - Tony Ballard Band 11

A. F. Morland: Duell mit dem Satan - Tony Ballard Band 12

A.F. Morland: Die blutige Spur des Werwolfs

A.F. Morland: Das Buch der Bestien

Pete Hackett: Das Grauen im Moor – Reverend Pain Band 4

Pete Hackett: Die Stunde des Werwolfs – Reverend Pain Band 5

Leseprobe

Horror-Koffer #3: Zehn Gruselromane

von Alfred Bekker, A. F. Morland & Pete Hackett

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1051 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Alfred Bekker: Das Höllentor

A. F. Morland: Fahrstuhl in die Hölle - Tony Ballard Band 8

A. F. Morland: Das Bildnis des Samurai - Tony Ballard Band 9

A. F. Morland: Die Rückkehr des Samurai - Tony Ballard Band 10

A. F. Morland: Der Geist der Serengeti - Tony Ballard Band 11

A. F. Morland: Duell mit dem Satan - Tony Ballard Band 12

A.F. Morland: Die blutige Spur des Werwolfs

A.F. Morland: Das Buch der Bestien

Pete Hackett: Das Grauen im Moor – Reverend Pain Band 4

Pete Hackett: Die Stunde des Werwolfs – Reverend Pain Band 5

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors /Cover: Michael Sagenhorn

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Das Höllentor

von Alfred Bekker

"Hellgate"- Das Tor zur Hölle! So heißt das neue Computerspiel, das Robert auf der Straße bei einem abgedrehten Gothic-Typen gekauft hat. Als er es mit seiner Freundin Brenda spielt, werden beide in die Höllenwelt hineingesaugt und müssen sich mit immer neu erscheinenden Waffen und Kräften gegen Vampirfledermäuse, Zombies und Hexen von Level zu Level kämpfen, bis sie dem mächtigen Dämon selbst gegenüberstehen.

Kapitel 1: Das Spiel der Spiele

Robert Thornton hatte gerade die Subway Station DeKalb Street in Brooklyn, New York, verlassen, als ihm der Stand des fliegenden Händlers auffiel.

Auf einem Tapeziertisch lagen Computerspiele aus.

Robert atmete tief durch. Seine Eltern hatten ihm das Taschengeld halbiert, weil seine Schulleistungen momentan stark zu wünschen übrig ließen. Er griff unwillkürlich in die weiten Taschen seiner Cargo-Hose und fühlte sein Portemonnaie, aber er ließ es stecken. Schließlich wusste er auch so, dass er nur noch fünf Dollar hatte.

Fünf Dollar für den Rest des Monats.

Trotzdem trat Robert etwas näher an den Tisch heran.

Dort lagen fast ausschließlich Exemplare eines Spiels, das Hellgate hieß.

Cool! , dachte Robert. Das Tor zur Hölle!

Eine Menagerie des Schreckens war auf dem Cover abgebildet. Mischwesen aus Vampir und Fledermaus, Zombies mit stumpfem Totenblick, bei denen sich das faulige Fleisch von den Knochen löste... Im Hintergrund war ein Friedhof zu sehen, dessen Grabsteine zum Teil umgestoßen waren. Totenhände ragten bereits aus der Erde hervor und griffen nach einer jungen Frau in zerfetzter Kleidung, die verzweifelt zu fliehen versuchte.

Robert nahm eines der Spiele, drehte es um und sah auf die Alterskennung.

Es war immer dasselbe. Die wirklich guten Spiele waren erst ab 18. Robert war für seine sechzehn Jahre zwar recht gut entwickelt, aber wenn ein Altersnachweis verlangt wurde, stand er dumm da.

Bei einem fliegenden Händler hatte er vielleicht Glück. Es kam schon mal vor, dass ein oder zwei Augen zugedrückt wurden. Nur zu dumm, dass er nicht das nötige Kleingeld hatte.

„Hellgate – das Spiel der Spiele!“, sagte die sehr tiefe Stimme des Händlers. „Kann ich nur empfehlen!“ Diese Stimme hatte auf Robert eine elektrisierende Wirkung. Das war eine Stimme von unerbittlicher Autorität.

Eine Stimme, die einem Schuldirektor oder einem Navy-Offizier hätte gehören können.

Robert blickte auf.

Der Mann war groß, breitschultrig und hatte beängstigend dürre und langfingrige Hände. Sein schwarzer Ledermantel reichte fast bis zu den Knöcheln. Sein haarloser Kopf erinnerte an einen Totenschädel, der durch den dunklen Kinnbart noch länger wirkte. Ganz im Gegensatz zu dem haarlosen Schädel besaß er sehr buschige und nach oben gebogene Augenbrauen.

Ein Gothic-Opa! , dachte Robert. So wie der riecht, hat er es mit dem Leichenöl für seine Körperpflege aber ein bisschen übertrieben!

„Tja, das Spiel sieht cool aus, aber ich fürchte, ich habe nicht genug Geld dabei“, bekannte Robert. „Sind Sie öfter her?“

„Das Spiel kostet fünf Dollar.“

„Hey, das ist ja genauso viel wie...“

„Du kannst es bezahlen – und ich sage dir, du wirst diesen Tag nicht vergessen. Ein Spiel wie Hellgate hast du noch nicht gespielt. Es sprengt alle Dimensionen, bringt dich in Gefilde des Schreckens, von deren Existenz du bisher nicht einmal etwas geahnt hast!“

„Mich interessiert eigentlich mehr, mit welcher Grafik-Engine da gearbeitet wird und...“

Der Händler unterbrach ihn.

„Du wirst dich in einer anderen Wirklichkeit befinden, Junge! Dieses Spiel ist ein Tor zur Hölle. Wenn du etwas erleben willst, dann kauf es. Wenn du dich weiter mit Kinderkram abgeben willst, dann verschwendest du hier nur deine Zeit.“

Robert atmete tief durch.

Die Sache kam ihm merkwürdig vor. Der Händler hatte etwas an sich, das ihn beunruhigte. Etwas, das nichts mit seiner Verkleidung zu tun hatte, die ihn aussehen ließ wie eine Kopie von Morpheus aus Matrix. Robert hatte keine Erklärung dafür. Er spürte nur, dass eine Gänsehaut seinen gesamten Körper überzog, sobald dieser Mann seine Stimme erhob.

Ihre Blicke trafen sich.

Ein überlegenes, triumphierendes Lächeln spielte um die Lippen des Händlers. Das Lächeln eines Mannes, der wusste, dass er bekam was er wollte. Immer. Und zu seinen Bedingungen.

„Ich bin nur dieses eine Mal hier – und du hast doch die fünf Dollar! Du würdest es bereuen, wenn du jetzt einfach weitergehst.“ Das Lächeln wurde breiter. „Aber in Wahrheit hast du dich doch auch längst schon entschieden.“

„Ich nehme an, das sind Raubkopien... Bei dem Preis!“

„Es sind Originale.“ Er kicherte. „Frisch aus der Höllenpresse...“

„Sind die Dinger geklaut oder wie können Sie die so günstig anbieten?“

„Das braucht dich ebenso wenig zu kümmern, wie es mich kümmert, dass du erst sechzehn bist.“

Robert war perplex. „Wie...?“

„Habe ich doch richtig schätzt, oder?“

„Also greif schon zu! Du bezahlst mit fünf Dollar und deiner Seele, an die du doch sowieso nicht glaubst. Da kommen wir beide auf unsere Kosten! Glaub mir!“ Robert schluckte. Der Händler bedachte ihn mit einem Blick, der ihn unwillkürlich schaudern ließ. Er hatte das Gefühl, dass dieser Mann ihm bis auf den Grund seiner Seele blicken konnte und alles über ihn wusste.

Wirklich alles.

Das ist doch Quatsch! , dachte er.

Dann sah er sich noch einmal das Cover des Spiels an.

Vielleicht ist es ja wirklich so supercool, wie der Typ sagt!, überlegte Robert. Bei einem Preis von fünf Dollar ging er jedenfalls kein großes Risiko ein.

„In Ordnung“, sagte Robert, legte seine Schulbücher kurz auf den Tisch des Händlers und kramte sein Portemonnaie hervor.

Er ahnte nicht, dass damit das Grauen begonnen hatte.

*

Robert ging bis zur nächsten Straßenecke, dort musste er abbiegen. Dabei blickte er immer wieder auf das Cover von Hellgate. Die dämonischen Wesen, die dort abgebildet waren, schienen ihm mit ihrem Blick zu folgen, gleichgültig, aus welchem Winkel er sie betrachtete.

Wenn die Cover-Graphik schon so geil ist, lässt das ja einiges für das Spiel hoffen! , dachte er.

Er probierte es mehrfach aus. Ein eigentümlicher Sog schien von diesem Cover und den darauf abgebildeten Gestalten auszugehen. Fast glaubte er schon, das Rascheln der Fledermausflügel zu hören...

Bevor er abbog, blickte er noch einmal zurück zu dem kahlköpfigen Händler.

Aber er war samt seinem Stand verschwunden.

Wie vom Erdboden verschluckt.

Zwei Polizisten standen in der Nähe und unterhielten sich.

Der eine aß einen Hot Dog, der andere gestikulierte mit den Armen. Wahrscheinlich durfte der Kerl hier gar nicht seinen Stand eröffnen! , dachte Robert. Komischer Typ! Ein alter Mann, der versucht cool zu wirken, damit er seine Spiele besser verkauft! Der war doch mindestens dreißig!

Kapitel 2: Der Horror zu Hause

„Hi Mom, Hi Dad!“

Robert ging gleich die Treppe hinauf, aber er war nicht schnell genug, um seiner Mom auszuweichen.

Sie kam in den Flur, als es Robert gerade bis zum Treppenabsatz geschafft hatte.

„Kommst du gleich essen, Robert?“

„Ja, sicher.“

„Wie war’s in der Schule?“

„Wie immer.“

Ihr Blick fiel auf das Cover von Hellgate, woraufhin sich ihr Gesicht sofort veränderte. „Hast du dir wieder dieses Zeug gekauft! Du weißt doch, wie du in der Schule stehst.

Willst du unbedingt das Jahr noch mal machen?“

„Nein, Mom.“

„Aber wenn du dauernd vor der Kiste hängst und mit diesen Spielen deine Zeit vertrödelst, wird es darauf hinauslaufen.“

„Brenda kommt nachher noch zum Lernen“, sagte er. Eine Antwort, die ihm in diesem Augenblick vielleicht noch retten konnte.

„Heute Abend noch?“, fragte seine Mom.

„Gleich, um halb sechs. Wir schreiben doch morgen den Test in Mathe – und da ist Brenda einfach der Spitzen-Crack!“ Mom seufzte. „Fällt dir ein bisschen früh ein, für den Test zu üben. Stattdessen bringst du seit Wochen deine freie Zeit damit zu, diese Ballerspiele zu spielen, bei denen es nur darum geht, irgendwelche Gegner abzuschießen. Grässlich!“

„Wenn ich mich in zwei Jahren zu den Scharfschützen der Army melde, kann ich das gut gebrauchen!“, erwiderte er.

Das war Moms Horror-Vorstellung. Ihr einziges Kind meldete sich zur Army und starb bei irgendeinem Auslandeinsatz.

Robert hatte das gar nicht vor. Er wusste noch nicht genau, was er später mal werden wollte, aber diese Antwort war immer ein gutes Mittel gewesen, um Moms Argumentationsfluss treffsicher zu stoppen. Meistens war sie dann erstmal gar nicht mehr in der Lage, überhaupt etwas zu sagen.

Aber heute hatte sie offenbar ihren schlagfertigen Tag.

„Robert, mit deinem Zeugnis nimmt die Army dich nicht mal fürs Wachpersonal – geschweige denn bei den Scharfschützen!“

*

Nach dem Essen war vor der Verabredung mit Brenda noch etwas Zeit. Robert ging in sein Zimmer und fuhr den Computer hoch.

Dann packte er das Computerspiel aus.

Warum nicht noch einen kurzen Blick hineinwerfen? , fragte er sich. Er legte die DVD ein und startete das Spiel.

„Willkommen am Tor zur Hölle!“, sagte ein Zombie mit verrotteter Kleidung und glühenden Augen. Er hielt eine Sense in der Hand, mit der er auf ein flammendes Tor deutete. „Wenn du dieses Tor durchschreitest, bist du im Reich der Verdammten und es gibt dann kein Zurück mehr. Click hier, wenn du dem Satan deine Seele überantwortest – denn nur dann kannst du Zutritt ins Höllenreich erhalten.“ Mal sehen, was passiert! , dachte Robert und führte den Click aus.

Auf einmal spürte er einen unbeschreiblichen Sog. Alles schien sich vor seine Augen zu drehen. Er hatte das Gefühl, in einen Strudel zu geraten, dem man nicht widerstehen konnte.

Für den Bruchteil einer Sekunde schien er ins bodenlose Nichts zu fallen, dann spürte er festen Grund unter seinen Füßen. Er sank leicht ein. Plötzlich wurden die Bilder vor seinen Augen wieder klarer. Der Strudel aus Farben und Formen wich eindeutig umrissenen Konturen.

Instinktiv blickte Robert zuerst nach unten.

Er stellte fest, dass er auf Schnee stand.

Dann sah er sich um. Eine gefrorene, zu Eis erstarrte Landschaft umgab ihn. Schwere Zapfen hingen von den knorrigen Bäumen herab, deren verwachsene Stämme aussahen, als hätten sie Gesichter. Es war Nacht. Der Mond verbreitete ein fahles Licht und die Schreie von Eulen, Krähen und anderen, namenlosen Kreaturen unterbrachen immer wieder die Stille.

Fledermäuse flogen in Schwärmen um die Burgzinnen herum, sammelten sich zu Formationen, bevor sie auseinander stoben und sich in alle Richtungen zerstreuten.

„Cool!“, stieß er hervor.

Er verfügte nun wirklich schon über eine reichhaltige Erfahrung in Sachen PC Games und träumte insgeheim davon, eines Tages als Profispieler auf E-Sport-Turnieren sein Geld zu verdienen.

Aber etwas, das mit dem Effekt von Hellgate vergleichbar war, hatte er noch bei keinem Spiel erlebt.

„Wähle die Waffen, o Verdammter!“, ertönte jetzt eine hallende Stimme.

Im nächsten Moment erschienen in der Luft drei verschiedene Schwerter, eine Streitaxt und eine Armbrust, die mit Holzpflöcken geladen wurde.

„Wähle die Waffen, o Verdammter!“, wiederholte die Stimme.

Das ließ sich Robert nicht zweimal sagen. Seine Mom, sein Dad, ihr Gemecker über seine Schulleistungen, Brenda...

Das war in diesem Moment alles vergessen. Auch die Frage, wie es eigentlich möglich war, dass dieses Spiel ihn förmlich in seine Höllenwelt hinein gesogen hatte, trat in den Hintergrund.

Er wählte eines der Schwerter.

Eine zweischneidige Klinge, wie er schnell merkte.

Und dazu sehr scharf.

Als er die Klinge mit der linken Hand berührte, hatte er sich sofort geschnitten. Blut troff daraus hervor in den Schnee.

Es tat sogar weh.

„Das gibt’s doch nicht!“, entfuhr es ihm.

„Und nun überlebe!“, meldete sich noch einmal die Stimme, woraufhin, die in der Luft schwebenden und von einem hellen Schein umgebenden Waffen plötzlich verschwanden.

Robert focht mit dem Schwert in der Luft herum. Der Schnitt an der linken behinderte ihn etwas. Wie ist es nur möglich, das so realistisch zu machen!, durchfuhr es ihn.

Das Schwert lag jedenfalls gut in der Hand, so dachte er.

„Ja, jetzt soll nur kommen, wer kommen mag! Wo sind sie, die Kreaturen des Bösen?“, rief er lachend.

Ein Flügelschlag ließ Robert herumfahren. Es war vollkommen still geworden.

Auf einem der knorrigen Bäume hatte eine Kreatur sich niedergelassen, die nur als dunkler Schattenriss zu erkennen war. Die Augen leuchteten wie glühende Kohlen und beobachteten Robert.

Das muss der erste Gegner sein, dachte Robert. Und wahrscheinlich residierte der Herr des Bösen in dem dunklen Schloss und musste am Ende vom Spieler besiegt werden.

Aber erst nachdem er es geschafft hatte, sämtliche Schattenkreaturen mit einer der Waffen zu zerhacken.

Na ja, nicht unbedingt ein besonders intelligenter Plot, dachte Robert. Da gab es wirklich schon Raffinierteres auf dem Markt. Aber die Umsetzung ist einsame Spitze! , fand er.

„Na, nun komm schon, du Riesen-Eule!“, rief Robert provozierend. „Ich will jetzt kämpfen und sehen, wie die Waffen wirken!“

Das hast du doch bereits! , meldete sich eine Gedankenstimme. Robert schauderte, denn er hatte keine Sekunde lang einen Zweifel daran, dass diese Gedankenstimme der Kreatur auf dem knorrigen Baum gehörte.

Dann breitete dieses Wesen die Flügel aus und es wurde für Robert Thornton jetzt erkennbar, dass diese Schattenkreatur keinerlei Ähnlichkeit mit einer Eule hatte. Die Flughäute mit den daran befindlichen Händen erinnerten vielmehr an Fledermäuse.

Das Wesen erhob sich in die Luft. Dabei stieß es einen Schrei aus, der so schrill und durchdringend war, das er Robert durch Mark und Bein ging.

Das fahle Mondlicht ließ ihn jetzt das Wesen besser erkennen. Es handelte sich um eine bizarre Mischung aus Mensch und Fledermaus.

Zusätzlich zu den Flügeln gab es noch ein weiteres, sehr menschlich wirkendes Armpaar. Aus den langen Fingern wuchsen Krallen heraus.

Das zu einer Maske verzerrte Gesicht offenbarte lange Vampirzähne.

Das Wesen stürzte sich auf Robert.

Dieser versuchte, es mit seinem Schwert zu treffen, die Kreatur stieß ihn grob zu Boden. Er fiel in den Schnee und wirbelte herum, ehe die Kreatur einen Bogen geflogen war und sich erneut auf ihn stürzen konnte.

Er hieb mit dem Schwert nach dem Angreifer und ritzte leicht dessen Flughaut.

Die Kreatur brüllte wütend auf.

Dann kehrte sie zurück. Von der Wunde war nichts mehr zu sehen. Sie schien inzwischen geheilt zu sein. Wie willst du denn die Kreaturen des Todes töten, du Narr? , meldete sich die Gedankenstimme, bevor das Wesen erneut zum Angriff auf den am Boden Liegenden ansetzte.

Robert fasste das Schwert mit beiden Händen und schlug zu.

Das Schwert fuhr durch den Arm, mit dem die Kreatur angriff, drang aber nur bis zum Knochen vor.

Das Wesen schien dies nicht weiter zu stören.

Robert fühlte die Krallenhand bereits an seinem Hals und rang nach Atem.

Ein großmäuliger Narr bist du! Dein Blut für den Schlossherrn – deine Seele für den Herrn der Hölle! , meldete sich die Gedankenstimme.

Die Kreatur öffnete den an das Maul eines Affen erinnernden Mund und schickte sich an, seine langen Vampirzähne in Roberts Fleisch zu schlagen.

Robert konnte noch spüren, wie die Zähne den Hals aufrissen und etwas Warmes an ihm hinab lief.

Sein eigenes Blut.

Er schrie.

Er schrie wie noch nie zuvor in seinem Leben.

*

„Robert!“

Wie aus weiter Ferne hörte er diese Stimme. Sie war hell und irgendwie vertraut.

„Robert!“

Ihr Klang wurde von einer anderen Stimme überlagert, die sehr viel deutlicher zu hören war. „Der Vorgang konnte nicht abgeschlossen werden. Kein Zugriff.“

Jemand fasste ihn bei den Schultern.

Einen Augenblick lang war Robert schwarz vor Augen.

Ein Cocktail aus verschiedenen Farben und Formen tauchte dann auf und nur sehr langsam formten sich daraus Gegenstände. Der Schirm eines Computers, die Tastatur...

Er wurde herumgerissen und blickte in ein Gesicht.

„Robert, was ist los mit dir? Du blutest ja!“ Robert sah in ein weibliches, feingeschnittenes Gesicht, das von kinnlangen, blonden Haaren umrahmt wurde.

„Brenda!“, stieß er hervor.

Es war kaum mehr als ein heiseres Krächzen, das über seine Lippen kam. Einen Augenblick lang konnte Robert kaum fassen, dass er sich wieder zu Hause in seinem Zimmer befand. Brenda hatte ihn bei den Schultern gepackt und gerüttelt.

Und jetzt starrte sie ihn gleichermaßen irritiert und besorgt an.

„Deine Hand blutet“, stellte sie fest. „Ich sag deiner Mom Bescheid und besorge ein Pflaster.“

Er blickte auf seine Hand und erschrak. Der Schnitt, den er sich mit dem Schwert zugezogen hatte, war keinesfalls Einbildung gewesen.

Brenda wollte bereits gehen, aber Robert hielt sie zurück.

„Nein, lass!“, murmelte er, während der noch ganz unter dem Eindruck des Erlebten stand. Es fehlte gerade, dass er jetzt mit seinen Eltern darüber diskutieren musste, woher die Verletzung kam – zumal es ihm ohnehin niemand geglaubt hätte.

Auf jeden Fall hat der kahlköpfige Typ an der DeKalb Station keineswegs übertrieben, dachte er. Dies war tatsächlich das Spiel der Spiele.

Brenda sah ihn stirnrunzelnd an. 15 Jahre war sie, hieß mit vollem Namen Brenda Lucille Coogan, war vorzeitig eingeschult worden und abgesehen davon, dass sie einfach einen sehr viel besseren Draht zur Mathematik hatte als Robert, war sie auch noch sehr nett.

Brenda und Robert waren kein Paar, aber keiner von beiden hätte wohl etwas dagegen gehabt, wenn sich ihre Beziehung in naher Zukunft mal in diese Richtung entwickelte.

„Was ist los? Deine Mom hat mich zu dir heraufgeschickt und mich schon vorgewarnt, weil da so komische, gurgelnde Geräusche aus deinem Zimmer kamen und dann sehe ich dich da, wie...“

Sie sprach nicht weiter.

„Wie was?“, hakte er nach.

Erneut starrte sie ihn an wie ein exotisches Tier. Ihre Augenbrauen zogen sich dabei zusammen. Sie deutete auf seinen Hals. „Robert, da ist alles ganz rot, so als hätte dich jemand gewürgt, der lange Fingernägel hatte...“ Robert schluckte unwillkürlich.

Die Erinnerung an sein Erlebnis mit der Vampirfledermaus wurde jetzt noch einmal sehr lebendig.

„Sieht man das?“

„Natürlich sieht man das. Was denkst du denn?“

„Als du herein kamst, was hast du beobachtet?“

„Du saßt auf deinem Stuhl und hast auf den Bildschirm geschaut, wo irgendwelche Monster herumgeturnt sind. Aber du warst völlig weggetreten.“

Robert lächelte. „Ja, ich habe vorhin, als ich aus der Schule kam, dieses Hammerspiel gekauft. Hellgate heißt es...“ Er blickte zum Bildschirm. Das Bild war erstarrt.

Ein Fledermausmonster beugte sich über einen am Boden liegenden jungen Mann, dessen Gesicht zur Maske des Schreckens geworden war, während ihm das Vampirgebiss des Monsters den Hals aufriss.

Brenda glaubte ihren Augen nicht zu trauen. „Das bist ja du, Robert!“, stellte sie fest. „Dein Gesicht!“

„Mist!“, sagte Robert. „Abgestürzt. Aber das verstehe ich nicht. Die Hardware-Vorrausetzungen stimmen eigentlich.“ Brenda konnte es noch immer nicht fassen, was sie gesehen hatte. „Robert, das bist du da auf dem Bildschirm!“, wiederholte sie. „Wie kommst du dort hinein? Wird die Grafik nach einem Foto des Benutzers generiert oder hast du den Machern des Spiels Modell gestanden und dich abscannen lassen?“

„Weder noch!“

„Dann verstehe ich das nicht. Ich habe doch nichts an den Augen, oder?“

Sie beugte sich noch etwas näher an den Bildschirm und schien doch ihrem Blick noch nicht so recht trauen zu können.

„Es stimmt“, lächelte er. „Das bin ich. Ich verstehe das auch nicht ganz, aber bei diesem Hammerspiel ist man völlig in der Spielwelt drin. Das musst du selbst erlebt haben!“ Brenda nahm sich das Cover.

„Hellgate – das Tor zur Hölle. Das klingt...“

„Cool, oder?“

„Ich wollte sagen, das klingt eigentlich nicht gerade nach einer Umgebung, die man unbedingt besuchen möchte.“

„Brenda, das ist ein Spiel! Du begegnest Monstern und schlägst sie tot, damit du überlebst. Das ist alles. Ein Riesenspaß eben!“

„Na, ich weiß nicht.“

„Du musst das unbedingt auch mal probieren.“

„Das ist doch wahrscheinlich nur Daumentraining!“

„Nein, bei diesem Spiel nicht. Der Typ, der es mir verkaufte, hatte Recht, es ist wirklich das Spiel der Spiele.

Du bist vollkommen in der Spielwelt drin, so als wärst du ein Teil davon. Ich habe keine Ahnung, wie die das machen, aber es ist einfach so.“

Brenda sah ihn skeptisch an und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie blickte kurz zu dem Bildschirm hinüber und las sich dann noch einmal den Covertext durch.

„Ich bin eigentlich kein besonders großer Fan von so etwas.“

„Aber das wird dich überzeugen, Brenda!“

„Hör mal, ich bin eigentlich hier, um mit dir Mathe zu lernen. Wir schreiben doch morgen den Test.“

„Ja, ich weiß“, murmelte Robert. „Aber weißt du was? Ich fahre den Rechner jetzt noch einmal hoch und dann probierst du es einfach mal. Nur ein paar Minuten, dann wirst du begreifen, was ich meine.“

Sie seufzte. „Okay“, stimmte sie schließlich zu. „Zehn Minuten. Und dann üben wir. Sonst verhaust du morgen den Test. Und ich denke, du weißt, was davon abhängt.“

Kapitel 3: Im Reich der Verdammten

Robert ließ den Computer erneut hochfahren und startete das Spiel. In der Beschreibung sah er nach, wie man den Modus für zwei Personen einstellte.

Brenda hatte sich inzwischen den zweiten Stuhl in Roberts Zimmer passend zurechtgestellt. „Na, dann mal los“, sagte sie und lachte ihn an. Grübchen entstanden dabei auf ihren Wangen.

Auf dem Bildschirm erschien wieder das flammende Höllentor, das von einem Zombie mit scharfer Sense bewacht wurde.

„Und das soll gruselig sein?“, fragte Brenda.

„Warte es ab.“

„Das ist zum Gähnen!“

„Ich sagte: Warte ab!“

„Eine moderne Version der Addams Family. Aber nichts, wovor man sich fürchten müsste.“

„Dann amüsier dich meinetwegen, wenn du es so witzig findest.“

„Ach, Robert!“

„Willkommen am Tor zur Hölle!“, sagte der Zombie mit verrotteter Kleidung und glühenden Augen. Er deutete wieder mit seiner Sense auf das flammende Tor. „Wenn ihr dieses Tor durchschreitet, seid ihr im Reich der Verdammten und es gibt dann kein Zurück mehr. Click hier, wenn ihr dem Satan eure Seelen überantworten wollt – denn nur dann könnt ihr Zutritt ins Höllenreich erhalten.“

„Es ist wirklich zu blöd, Robert!“

„Etwas Geduld, Brenda!“

„Dann schalte die Lautstärke etwas herunter.“

„Wieso?“

„Na, deine Eltern denken doch, dass wir hier fleißig lernen!“

„Click jetzt! Na, los!“

Sie seufzte. „Meinetwegen. Und jetzt du!“ Im nächsten Augenblick erfasste sie beide der unheimliche Sog, den Robert bereits einmal gespürt hatte. Ein Sog, dem man nicht widerstehen konnte. Alles drehte sich vor den Augen und sie schienen in einen bunten Strudel aus Farben und Formen zu stürzen.

Dann wurde es für kurze Zeit dunkel.

Im nächsten Moment fanden sie sich in jener bizarren, tief gefrorenen Welt wieder, die den Hintergrund für einen Horrorfilm hätte abgeben können - der fahle Mond, der helle Schnee, die verwachsenen Bäume und die tierischen Schreie namenloser Kreaturen, die immer wieder die gespenstische Stille unterbrachen.

In der Ferne lag – erhaben und Furcht einflößend – das Schloss, aus dem die riesenhafte Vampirfledermaus gekommen war.

Robert musterte Brenda. Sie sah sich um, machte einen Schritt nach vorn und stellte fest, dass ihre Füße tatsächlich ein Stück in den Schnee einsanken.

„Das ist...“

Sie sprach nicht weiter und hatte offenbar keine Worte für das, was sich ihr darbot.

„Das ist cool, oder?“, meinte Robert. „Gib es zu, so was hättest du nicht erwartet!“

Sie schüttelte den Kopf. „Okay, ich gebe zu, dass dies wirklich ein ganz außergewöhnliches Spiel sein muss!“

„Habe ich es dir doch gesagt!“

„Wie kommen wir hier her? Wie haben die das gemacht?“

„Keine Ahnung, Brenda. Ich weiß nur, dass ich noch nie ein Spiel gespielt habe, das auch nur annähernd an diesen Effekt herankam!“

Brenda trat ein paar Schritte vor und pflückte einen Eiszapfen von einem erstarrten Strauch.

Wenig später ließ sie ihn fallen.

„Der ist ja wirklich kalt!“, stellte sie fest.

„Na klar, was denkst denn?“

„Was ist mit der Verwundung an deiner Hand? Kommt die auch...“, Brenda zögerte, ehe sie weiter sprach, „...von hier?“

Robert nickte. „Ja. Du musst bei den Schwertern aufpassen.

Die sind scharf wie Rasierklingen – und zwar auf beiden Seiten.“

„Was für Schwerter?“

„Wirst du gleich sehen. Eigentlich wundert es mich, dass wir noch keine Waffen zur Auswahl bekommen haben.“ Sie rieb sie die Hände und sagte dann: „Robert, wir sollten jetzt damit aufhören. Wie kommen wir wieder zurück?“

„Aber wir sind doch gerade erst hier!“

„Vergiss nicht, dass wir lernen wollten!“ In diesem Augenblick ertönte eine Stimme.

„Wählt eure Waffen – und versucht zu überleben. Im Schloss wartet der Herr des Bösen auf euch und freut sich, euer Blut kosten zu dürfen. Eure Seelen hingegen, wird ein anderer bekommen, dessen Namen ich nicht auszusprechen wage.“ Im nächsten Moment erschienen nacheinander verschiedene Waffen. Sie schwebten genau wie beim ersten Mal einfach in der Luft, nur war diesmal das zur Verfügung stehende Arsenal etwas größer.

Es gab neben Streitäxten, Schwertern und einer Armbrust auch noch verschiedene Dolche und Rapiers sowie einen Langbogen.

„Jetzt haben wir die Qual der Wahl“, sagte Robert. „Also eins weiß ich, diesmal werde ich mich etwas besser ausrüsten als beim letzten Mal. Ich würde dir dasselbe empfehlen Brenda, sonst hast du nämlich gegen die Monster keine Chance.“

„Quatsch, wir gehen jetzt zurück!“, beharrte Brenda. „Das reicht mir. Vor allem ist mir schrecklich kalt. Auf einen Schiurlaub war ich nämlich nicht so richtig eingestellt!“ Die Stimme meldete sich wieder.

„Wählt die Waffen und überlebt! Aber bedenkt, dass ihr Verdammte seid. Verdammt zu sterben, verdammt eure Seelen und euer Blut zu geben...“

Ein Gelächter ertönte.

„Schluss jetzt mit dem Gequatsche!“, sagte Brenda entschieden und stemmte die Hände in die Hüften. „Ich will jetzt zurück! Definitiv!“

„Wählt die Waffen!“, beharrte die stark verhallte Stimme, deren Kathedralen-Akustik einen eigentümlichen Kontrast zu der Schnee gedämpften Stille dieser gefrorenen Landschaft stand.

Brenda wandte sich an Robert. „Hör mal, was soll das denn?

Gibt es hier keine Escape-Funktion?“

„Anscheinend nicht in diesem Menue“, murmelte Robert.

„Wählt die Waffen oder ihr werdet den Mächten des Bösen ein leichtes Opfer werden. Aber den Jägern des Blutes macht es keine Freude, ihre Beute ohne Kampf zu erjagen!“, verkündete die Stimme. Ein gehässiges Kichern ertönte. Dazu ein schauriger Chor von schrillen Stimmen, die wie ein Singsang zwei Wörter wiederholten.

„Blut!“

„Durst!“

„Blut!“

„Durst!“

„Ich würde sagen, wir bringen es hinter uns!“, sagte Robert.

„Du willst jetzt hier eine Runde spielen, oder was?“

„Klar! Wir hauen ein Monster tot und dann gibt es sicher einen Zugang zur Escape-Funktion!“

„Das ist nicht dein Ernst, Robert! Wir wollen lernen!“

„Das geht bestimmt ganz schnell. Bei jedem Spiel kann man aussteigen, wann man will, nur muss man gegebenenfalls in einem tieferen Level wieder anfangen.“

„Tja, aber hier scheint das anders zu sein, Robert!“

„Besser wir wählen jetzt die Waffen, sonst sind sie weg!“, schlug Robert vor.

Er wählte ein Schwert, das dazugehörige Futteral, um es sich auf den Rücken zu schnallen, die Armbrust mit Holzpflöcken, einen Dolch und ein Rapier.

Zur Armbrust gehörte auch noch eine Ledertasche für die Holzpflöcke.

Als er auch noch die Axt nehmen wollte, wurde diese plötzlich transparent.

„Du hast keine Waffenpunkte mehr!“, sagte die hallende Stimme.

Brenda wählte auch.

Sie nahm ein Schwert, einen Dolch und den Bogen mit einem Köcher voller Pfeile.

Sie besaßen keine Metallspitzen, sondern waren aus Holz.

„Ist doch logisch!“, fand Robert, als Brenda sich darüber wunderte. „Vampire tötet man durch Holzpflöcke. Noch wie was von Dracula gehört?“

„Da gab’s bestimmt im Eingangsmenue eine Funktion für Fragen und Erklärungen“, erwiderte sie.

„Die haben wir wohl übersehen. Aber darauf kommt es auch nicht so an. Wir wollten doch nur kurz mal in dieses Game hinein schnuppern und dann lernen.“ Er zwinkerte ihr zu.

„Oder?“

Brenda schien die ganze Situation gar nicht mehr komisch zu finden. „Das ist kein normales Spiel, Robert!“

„Was sag ich denn die ganze Zeit!“

„Was war das denn für ein Typ, der dir Hellgate verkauft hat?“

„Sah aus wie Morpheus aus Matrix. Langer Ledermantel, kahler Kopf und ein schwarzer Knebelbart. Außerdem roch er nach Leichenöl.“

Brenda runzelte die Stirn. „Wie bitte?“

„Ja, damit schmieren sich doch Grufties ein, um ihrem Outfit gemäß zu riechen. Wusstest du das nicht?“

„Also mein Fall ist das nicht! Ein klassisches Deo tut’s doch auch, finde ich.“

„Ich sage dir, der hatte sich damit so doll einbalsamiert wie eine ganze Gruftbelegschaft. Aber seine Preise waren cool. Fünf Dollar und meine Seele wollte er haben. Also so gut wie nichts.“

Eine Pause entstand. In der Ferne krächzte eine Krähe und der Wind heulte um die Mauern des fernen Schlosses auf der Anhöhe.

„Robert...“

„Ja?“

„An deiner Stelle würde ich von meiner Seele nicht als ‚so gut wie nichts’ sprechen.“

„Na ja...“

„Und außerdem kannst du wetten, dass mit dem Typ und seiner Ware was nicht in Ordnung war. Geklaut, kopiert oder sonst was.“

„Ist doch egal!“

Sie rieb sich die Arme.

„Mir ist verdammt kalt und ich hätte gerne etwas Wärmeres zum Anziehen, wenn wir hier länger bleiben. Und danach sieht es ja leider aus.“

Robert zuckte die Schultern. „Warum rufen wir nicht einfach die Stimme?“ Er stapfte ein paar Schritte durch den Schnee. „Heh, Stimme? Wir brauchen Kleider! Es ist verdammt kalt hier!“

Keine Reaktion.

Robert versuchte es noch einmal, wieder gab es keine Antwort.

Plötzlich knackten Zweige im nahen Unterholz. Robert schob die Armbrust, die ihm an einem Riemen über der Schulter hing etwas weiter nach hinten und riss das Schwert aus dem Rückenfutteral.

„Pass auf, dass du nicht schneidest!“, sorgte sich Brenda.

„Keine Sorge, das habe ich jetzt im Griff!“

„Lass uns einfach nur einen Weg finden, der möglich schnell hier herausführt, Robert!“

„Sicher!“

Wieder knackte es im Unterholz eines nahen Waldstücks.

Nebelschwaden waberten über den Boden, sodass man kaum etwas davon sehen konnte, was dort geschah. Krähen wurden aufgescheucht. Der Schlag ihrer dunklen Schwingen erzeugte ein raschelndes Geräusch.

Aus dem Unterholz kam eine Gestalt, kaum größer als einen Meter und fast genauso breit.

Ein Gnom mit einem Kopf, der fast ein Drittel seines Körpers ausmachte und der ein tierhaftes, mit spitzen Zähnen bewehrtes Maul besaß. Die Beine waren kurz und stämmig. Die Arme so dick und kräftig, wie die Oberschenkel eines ausgewachsenen Mannes - und so lang, dass sie über den Boden schlürten, wenn er sie nicht verschränkte.

Robert senkte das Schwert.

„Gegen Zwerge kämpfe ich nicht, das ist unfair!“

„Sag das nicht!“, stieß Brenda hervor. „Der sieht ziemlich böse aus!“

Der Gnom näherte sich. „Ich bin Karashlon, der dienstbare Dämon. Für den Schlossherrn das Blut! Für den Herrn der Hölle die Seelen!“ Er kicherte wie irre. „Wer schreit da um einen ungerechtfertigten Bonus?“

Brenda und Robert wechselten irritierten Blick.

„Uns ist kalt“, sagte Brenda schließlich. „Wir brauchen Kleidung. Aber genau genommen wollen wir eigentlich auf dem schnellsten Weg hier raus und zurück...“

„Zurück?“, echote der Gnom und kicherte erneut. „Zurück?

Habe ich das richtig verstanden? Ihr wollt zurück, obwohl die Bewohner des Dorfes dort hinten ihre verzweifelte Hoffnung darauf setzen, dass ihr das schafft, was niemand zuvor schaffte? Nämlich den Mächten des Bösen die Stirn zu bieten und sie von immerwährenden Qualen zu erlösen? Wollt ihr die Verdammten enttäuschen und davonlaufen wie Feiglinge? Und wollt Ihr außerdem den Mächten des Bösen das Vergnügen rauben, euer Blut wie guten Wein zu schlürfen und eure Seele zu einer Sklavenseele zu machen? Diese Mächte wollen euch kämpfen sehen. Sie wollen miterleben, wie ihr euch vergeblich bemüht und letztlich scheitert. Ich rate es euch, ihnen nicht diese Freude zu nehmen, denn ihre Rache dafür würde furchtbar sein.“

„Jetzt ist der Spaß vorbei!“, bestimmte Robert. „Wir wollen hier raus. Wo ist die Escape-Funktion?“ Brenda registrierte sehr genau die Veränderung in Roberts Tonfall. Wenn er jetzt schon genug von der Sache hat, dann ist wohl tatsächlich nicht alles in Ordnung.

„Spaß?“, echote der Gnom. „Hast du wirklich Spaß gesagt?

Ihr seid im Reich der Verdammten, da ist der Begriff Spaß wohl völlig fehl am Platz! Und was die Escape-Funktion angeht...“ Er kicherte gehässig. „Die ist hier nicht vorgesehen!“

„Wie bitte?“, fragte Robert. Sein Gesicht war jetzt kreideweiß geworden – genau wie das von Brenda. „Das ist doch ein Scherz, oder?“

„Habt ihr angeklickt, dass ihr eure Seelen dem Herrn der Hölle überantwortet oder nicht?“, fragte der Gnom. Er wartete die Antwort gar nicht erst ab. „Na also! Worüber beklagt ihr euch? Es gibt kein Zurück, es sei denn...“

„Was?“, fragte Robert.

„Es sei denn, dass Programm hängt sich auf oder ihr schafft es, den Endgegner der letzten Ebene zu besiegen.

Aber, ich kann euch versichern, dass dies noch niemandem gelang.“

Schrille, durchdringende Schreie drangen jetzt vom Schloss her. Mehrere der Fledermausmonster zogen dort ihre Kreise.

Das fahle Mondlicht tauchte sie in ein geisterhaftes Licht.

Robert vermochte bereits Gedankenstimmen zu hören – wenn das dafür überhaupt das richtige Wort war.

Euer Blut ist unser. Wie schlürfen es wie Wein und weiden uns ans eurer Furcht, auf dass auch ihr Kreaturen der Finsternis werdet!

„Was war das?“, fragte Brenda.

Sie hatte es offenbar auch wahrgenommen.

„Und jetzt wehrt euch! Fürchtet euch und macht den Mächten des Bösen Freude durch eure Angst und euren Schrecken!“, tönte der Gnom. „Und was die Kleider angeht, die ihr verlangt habt, so verdient sie euch doch! Wenn ihr es schafft, ein paar Angreifer abzuwehren, bin ich vielleicht bereit, euch behilflich zu sein.“ Er lachte schallend und trommelte dabei auf seinen vorgewölbten Bauch.

Unterdessen wurden die Kreise, die die Fledermausmonster zogen, immer enger. Sie näherten sich, obwohl sie auf Robert einen nicht besonders zielstrebigen Eindruck machten.

Wir wollen eure Angst etwas länger genießen! , war eine Gedankenstimme zu hören. Wenn wir euch zu schnell töten, dann ist das Vergnügen für unsere Oberen zu rasch vorbei... Und wer wollte so missgünstig sein, ihnen zu verwehren, was den Mächten des Bösen gebührt?

„Bitte hilf uns hier heraus!“, flehte Brenda an den Gnom gewandt. „Das ganze ist ein Irrtum gewesen.“ Der Gnom runzelte die Stirn.

„Ein Irrtum? Nein, das glaube ich kaum. Ihr bekommt, was ihr gewollt habt und verdient.“ Er schüttelte seinen Kopf und fletschte grimmig die Zähne. „Wie gerne würde ich selbst euch zerfleischen und euer Blut in meinen Hals rinnen lassen, aber das lasse ich lieber, denn dann bekomme ich Ärger.

Schließlich bin ich ja nur ein Diener-Dämon.“

„Dann diene auch und lass uns hier raus oder gib uns wenigstens warme Kleider!“, forderte Robert.

„Du hast die Bezeichnung Diener-Dämon vielleicht etwas missverstanden, junger Mann“, antwortete der Gnom. „Tut mir leid, das ist vielleicht meine Schuld, schließlich habe ich euch recht großzügig mit Waffen ausgestattet, sodass ihr vielleicht auf die irrige Idee kommen konntet, ich sei in diesem Spiel, um euch zu dienen. Aber das ist nicht der Fall.

Ich diene den Mächten des Bösen, zu deren Vergnügen ihr hier seid!“

Inzwischen wurde klar, dass die Fledermausmonster noch auf zwei weitere ihrer Art gewartet hatten, bevor sie zum Angriff aufbrechen wollten. Sechs dieser monströsen Mischgeschöpfe aus Mensch und Riesenfledermaus schwebten jetzt am Himmel.

Sie nahmen eine v-förmige Formation ein und flogen auf Brenda und Robert zu.

„Ich schlage vor, wir verschwinden hier!“, sagte Robert.

„Ich dachte, das ist alles nur ein cooles Spiel!“, rief Brenda.

„War offensichtlich ein Irrtum!“

„Na, toll!“

„Komm jetzt!“

Robert steckte das Schwert wieder ins Rückenfutteral. „Da vorne im Wald dürften wir etwas mehr Schutz haben. Sollen sich die Biester an den Ästen die Flughäute aufreißen!“ Wie gebannt stand Brenda da und starrte die herannahenden Monstren an. Das dämonische Leuchten in den Augen dieser Nachtkreaturen hatte eine beinahe hypnotische Wirkung auf sie.

Robert nahm sie bei der Hand und riss sie mit sich.

„Los jetzt, sonst können sie auf offenem Feld angreifen.“ Sie rannten zum Waldrand.

Der Gnom war inzwischen verschwunden. Von einem Augenblick zum anderen war er nicht mehr da gewesen. Aber über seinen Verbleib machten sich die beiden jetzt am allerwenigsten Gedanken.

Sie rannten auf den Nebel verhangenen Wald zu, der aus seltsam verwachsenen Bäumen bestand. Dazwischen war dichtes Unterholz. Hier da fanden sich auch Nadelbäume, von denen Eiszapfen hingen.

Der Schnee wurde hier allerdings plötzlich tiefer. Bis zu den Knien sanken sie ein und kamen kaum noch vorwärts.

So leicht macht ihr es uns? Welch ein Enttäuschung!, nahmen sie beide die Gedankenstimme eines ihrer Verfolger wahr. Ein Chor aus kreischendem Gelächter erscholl.

Robert spürte, wie ihn etwas im Rücken berührte und einen Schlag versetzte, der ihn in den Schnee taumeln ließ.

Er drehte sich am Boden um die eigene Achse, riss das Rapier heraus, aber sein Handgelenk wurde von der Klauenhand der Nachtkreatur gepackt und zur Seite gebogen. Ein Griff wie ein Schraubstock, gegen den Robert nichts tun konnte.

Eine namenlose, unfassbare Kälte ging von dieser Berührung aus. Die Kälte dieser Winterlandschaft war nichts dagegen.

Eine zweite Klauenhand griff nach Roberts Hals.

Das tierhafte Maul des Monstrums öffnete sich und ein fauliger, übel riechender Atem betäubte Roberts Sinne. Das dämonische Leuchten hypnotisierte ihn. Er spürt, wie sein Willem zum Widerstand erlahmte und ihm langsam, aber sicher alles gleichgültig wurde.

Der bleiche, an einen Halbaffen erinnernde Kopf senkte sich nieder und schon berührten die spitzen Reißzähne Roberts Haut.

Die triumphierende Äußerung der Gedankenstimme erreichte ihn noch.

Schwächling! Es war schnell zu Ende mit dir!

Kapitel 4: Kreaturen der Finsternis

Irgendwo hatte Robert mal gelesen, dass man das eigene Leben wie einen Film innerhalb von Sekunden vor sich ablaufen sah, wenn man seine letzten Momente erlebte.

Er hatte sich das nie richtig vorstellen können und deshalb für Unsinn gehalten. Aber jetzt geschah genau das! Er sah Szenen aus seinem bisherigen Leben vor sich. Wie Zeitrafferaufnahmen wirkte das. Aber es lief immer wieder auf dasselbe hinaus. Der Typ an der DeKalb Station... Verdammt, ich hätte mich nie von ihm anquatschen lassen sollen...

Aber für diese Erkenntnis war es jetzt zu spät.

Das Fledermausmonster, das sich über ihn beugte, stieß jetzt einen tiefen, grollenden Laut aus, der ein paar ausgesprochen schrille Obertöne hatte, die Robert fast das Gehör raubten.

Blut! , dachte das Wesen.

Plötzlich surrte etwas durch die Luft.

Ein Pfeil!

Brenda musste ihn abgeschossen haben. Er fuhr dem Monstrum in die Schulter. Die Nachtkreatur brüllte laut auf.

Ein weiterer Pfeil fuhr ihr in den Oberkörper und durchbohrte ihn.

Nein!

Der Schrei der Gedankenstimme fuhr wie ein schmerzhafter Stich durch Roberts Hirn. Das Wesen zerfiel zu übel riechendem Staub, der auf Robert herabrieselte und ihm schier den Atem nehmen drohte.

Nichts blieb von dem Ungeheuer. Nicht einmal die Knochen.

Der beinahe hypnotische Bann der dämonischen Augen war gebrochen. Robert drehte auf dem Boden herum.

Dort, wir er gerade noch gelegen hatte, stürzte sich eine andere Nachtkreatur mit geöffnetem Maul zu Boden, um das Werk seines Vorgängers zu vollenden.

Auch dieses Wesen wurde von Brendas Pfeil getroffen und zerfiel zu Staub. Robert richtete sich auf. Im nächsten Moment stand er wieder auf den Beinen als bereits die dritte Kreatur herannahte.

Diesmal griff Robert zum Schwertgriff. Er zog die zweischneidige Klinge aus dem Futteral auf seinem Rücken und hielt sie mit beiden Händen. Das Wesen stürzte sich auf ihn.

Der Schrei, der dabei ausgestoßen wurde, war so schrill, dass er kaum zu ertragen war und einen allein schon in den Wahnsinn treiben konnte.

Robert hieb der Kreatur den Kopf ab.

Auch sie zerfiel zu Staub, der grau über den weißen Schnee gestreut wurde.

Drei Angreifer waren noch übrig, doch die waren jetzt vorsichtiger geworden. Sie zogen Kreise über den Köpfen von Brenda und Robert.

„Danke übrigens!“, sagte Robert keuchend. „Das war ziemlich knapp eben!“

„Schon gut. Aber sag nie wieder, dass das alles nur ein Spiel ist!“

„Das wirst du nicht mehr von mir hören, Brenda!“, versprach Robert.

Sie legte einen weiteren Pfeil ein und schoss ihn ab, aber er ging daneben.

„Wir dürfen unsere Waffe nur benutzen, wenn wir absolut sicher sind, damit auch einen Erfolg zu erzielen“, sagte Robert.

„Du meinst, dieser nicht gerade sehr zuvorkommende Diener-Dämon gibt uns keine weiteren Pfeile?“

„Sehr hilfsbereit schien er mir jedenfalls nicht.“ Sie gingen Schritt für Schritt weiter in den Wald. Robert schlug das gefrorene Geäst des Unterholzes aus dem Weg. Hier, zwischen den knorrigen, eigenartig verwachsenen Bäumen und dem größtenteils blattlosen und von einer Eisschicht überzogenen Geäst der Sträucher, war es für die Fledermaus-Monster sehr viel schwerer, ihre Beute am Boden anzugreifen.

Zahllose gefrorene Äste behinderten sie dabei.

Mochten diese Schattenwesen auch über eine erstaunliche Regenerationsfähigkeit nach Verletzungen verfügen, so stand nach Roberts Beobachtungen allerdings fest, dass auch sie es vorzogen, nicht verletzt zu werden.

Aber wenn sie nicht in dem Gewirr aus gefrorenen Ästen hängen bleiben wollten, dann mussten sie sich schon auf den Boden begeben.

Aber dort waren sie leichter zu stellen und zu vernichten.

Für einige Momente schienen die Kreaturen etwas ratlos zu sein. Mit aufgeregtem Flügelschlag zogen sie ihre Runden über den beiden Flüchtenden, die immer weiter in den Wald vorstießen.

Brenda lehnte sich schließlich völlig außer Atem gegen einen Baum. Ihr Kopf war hochrot. Sie glühte förmlich.

Robert nahm die Armbrust von der Schulter und legte einen der Holzpflöcke ein. Man musste ziemlich viel Kraft aufwenden, um die Waffe zu spannen. Aber schließlich gelang es ihm.

„Robert, die beobachten uns und warten nur darauf, zuschlagen zu können!“

„Ich weiß. Gehen wir tiefer in den Wald. Es wird dort immer schwieriger für sie, uns zu erreichen.“ Brenda zuckte plötzlich zusammen, als von oben etwas auf sie herabstürzte.

Ein Eiszapfen hatte sich von einem der oberen Äste des Baumes, an die sich gerade anlehnte, gelöst.

Wie die Klinge eines riesigen Dolchs fuhr dieser mehr als ein Meter lange Zapfen mit seiner Spitze in den Boden.

Brenda schluckte. „Ganz ungefährlich ist es hier aber auch nicht“, stieß sie hervor.

„Jedenfalls wissen wir inzwischen, dass für diese Monstren das meiste zu gelten scheint, was in klassischen Vampirgeschichten über die Blutsauger bekannt ist.“

„Du meinst, man kann sie pfählen! Wie tröstlich!“

„Und man tötet sie auch, wenn man ihnen den Kopf abschlägt. Aber es wäre ja auch möglich, dass sie auf das Sonnenlicht reagieren. Dann hätten wir zumindest am Tag zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang Ruhe vor ihnen.“ Sie stapften weiter durch den Schnee und hatten dabei immer wieder ängstlich den Blick empor gerichtet. Einerseits, um nicht von einem der zahllosen Eiszapfen erschlagen zu werden, die von den Bäumen herabhingen und andererseits um die drei Nachtkreaturen im Auge zu behalten, die ihre Jagd offenbar noch lägst nicht aufgegeben hatten.

So schnell werdet ihr uns nicht los! , meldete sich die Gedankenstimme.

Sie warteten offenbar nur auf einen geeigneten Moment um zuschlagen zu können.

Irgendwann werden eure Kräfte erlahmen und dann schlägt unsere Stunde. Und zuvor werden wir uns an eurer Furcht weiden!

„Sadisten!“, stieß Brenda ärgerlich hervor.

Eine der Kreaturen streifte jetzt im Tiefflug durch die Baumkronen, griff dabei an die Äste und riss daran.

Ein Dutzend Eiszapfen sausten hernieder und bohrten sich rechts und links von den beiden Flüchtenden in den Boden. Die beiden rannten weiter – geradewegs in eine Zone hinein, die von dichten Nebelschwaden erfüllt wurde.

Der Kreatur schien es Freude zu machen, Brenda und Robert auf diese Weise in Angst und Schrecken zu versetzen.

Robert hob seine Armbrust und zielte. „Dieser garstige Gnom hat ja versprochen, uns warme Sachen zu geben, wenn wir genug dieser Bestien ausgeschaltet haben!“

„Auf die Versprechen dieses kleinen Teufels würde ich nicht allzu viel setzen“, lautete Brendas bissiger Kommentar.

Robert drückte ab.

Der angespitzte Holzpflock durchbohrte die Nachtkreatur.

Im Flug zerfiel sie. Staub und Knochen rieselten in die Baumkronen. Mehrere Eiszapfen lösten sich und noch ehe die Knochen den Boden berührten, waren sie ebenfalls zu einer pulverigen grauen Masse zerbröselt, die auf dem weißen Schnee Muster hinterließ.

„War doch gar nicht schlecht – für den erste Schuss!“ Er griff nach dem nächsten Pflock aus der Tasche und begann damit, ihn in die Waffe einzulegen.

Zwei Nachtkreaturen hatten noch überlebt. Ein Schwall wütender Gedanken erreichte Brenda und Robert. Sie bestanden aus einer Kette unflätiger Beschimpfungen und üblen Verwünschungen. Zum Teil jedoch handelte es sich nur um ein sinnloses, aufgebrachtes Gestammel - kombiniert mit eindrücklichen Gedankenbildern, die zeigten, was die Schattenwesen vorhatten. Mit schmerzhafter Intensität brannten sich dieser Bilder ins Bewusstsein, sodass es schwer wurde, sich auf das Laden der Waffe zu konzentrieren.

„Versuch es zu ignorieren, Robert!“, schlug Brenda vor, die unter demselben Bewusstseinsstrom litt und sich vor Schmerzen die Schläfe hielt, während vor ihrem inneren Auge kurze, schlaglichtartige Szenen erschienen, in denen zu sehen war, wie die Nachtkreaturen über sie herfielen, ihr den Hals aufrissen, das Blut aus der Schlagader hoch empor spritzte und sie mit ihren spitzen Vampirzähnen regelrecht zerrissen.

Ein Rascheln ging durch das Geäst, als Dutzende von Eiszapfen und hier und da auch eine Ladung Schnee zu Boden rutschten, während die Nachtkreatur zu Boden glitt und dabei zahllose Äste abknickten.

Hier und da riss das Monstrum sich sogar die Flughäute auf, aber man konnte zusehen, wie sie heilten.

Es stürzte sich auf Brenda.

Sie versuchte noch, einen Pfeil abzuschießen, aber die Kreatur war zu schnell. Sie bewegte sich für Sekunden mit einer schier unglaublichen Geschwindigkeit.

Brendas überhasteter Schuss ging daneben.

Das Wesen warf sie zu Boden und drückte sie in den Schnee.

Schon spürte sie den Griff der Klauenhand. Sie schrie aus Leibeskräften, aber dann brachte sie der hypnotische Blick der dämonisch glühenden Augen abrupt zum Schweigen. Jeder Widerstand erlahmte.

Das zweite Schattenwesen schickte jetzt zur Landung an.

Robert hatte die Armbrust inzwischen schussbereit.

Er drückte ab. Der hölzerne Bolzen bohrte sich in das offene Maul der Riesenfledermaus und nagelte sie an einen der knorrigen Bäume, wo der hölzerne Bolzen zitternd stecken blieb.

Die Kreatur zerfiel zu Staub.

Robert warf die Armbrust zur Seite, denn um Brenda zu helfen konnte diese Waffe nicht benutzen. Es war unmöglich, einen Bolzen schnell genug einzulegen, um noch verhindern zu können, dass das Schattenwesen seine Vampirzähne in den Hals des Mädchens hineinschlug.

Er griff nach dem Schwert in seinem Rückenfutteral und riss es heraus.

Die zweischneidige Klinge fasste er mit beiden Händen und stürzte sich auf das Fledermausmonster.

Mit einem Hieb trennte er den Kopf vom Rumpf.

Der Kopf rollte in den Schnee. Die zur Grimasse erstarrten Züge der Nachtkreatur verfielen innerhalb von Sekunden. Im nächsten Moment sah man einen lemurenartigen Totenschädel, der ebenfalls zu Staub wurde.

Dasselbe geschah mit dem Körper des Schattenwesens. Ein graues, ascheartiges Pulver rieselte auf Brenda nieder.

Gleichzeitig verbreitete sich unbeschreiblicher Geruch von Fäulnis und Verwesung. Brenda strich sich den Staub von der Kleidung.

Sie verzog angewidert das Gesicht.

Schreckensbleich sah sie aus – aber auch Roberts Züge waren durch das, was sie soeben durchgemacht hatten, gezeichnet. Das war weder cool noch ein Spiel, sondern eine leibhaftige Hölle, in der sie beide offensichtlich verdammt dazu waren, gegen Schattenkreaturen zu kämpfen, die sich an ihrer Furcht weideten.

Wie fern lag da jetzt der Gedanke an die morgige Matheklausur – und daran, dass Robert noch kein bisschen dafür getan hatte. Wie fern die ewigen Nervensägen-Predigten über eine verpfuschte Zukunft und irgendwelchen Brücken, unter denen man schlafen würde müssen, wenn man in der Schule nichts zu Stande brachte.

Robert war inzwischen so weit, dass er sich den täglichen Horror zu Hause sehnlichst zurückwünschte, wenn er dafür aus dem Bann dieser grotesken Höllenwelt hätte gelangen können.

Aber danach sah es nicht aus.

Robert trat auf Brenda zu und half ihr auf.

„Danke!“, stieß sie hervor. „Du hattest echt Mut!“

„War ja gerade noch rechtzeitig!“

„Aber später hätte es auch nicht sein dürfen.“ Sie fasste sich unwillkürlich an die Kehle und schluckte.

„Jedenfalls können wir sicher sein, dass die phänomenale Heilkraft der Biester nicht wirkt, wenn man ihnen den Kopf abschlägt.“

„Gott sei Dank!“

Robert Thornton atmete tief durch. Sein Blick traf sich mit Brendas. Er hatte sie immer schon gemocht. Jetzt sah er in ihren meergrünen Augen die Angst aufleuchten. Pures Entsetzen vor einem Schrecken, der völlig unfassbar war. Und ich bin schuld daran, dachte er. Wenn ich sie nicht überredet hätte, wäre wir jetzt nicht hier, sondern würden über irgendwelchen Gleichungen brüten...

Vor kurzem wäre diese Vorstellung noch der Verkörperung des reinen Schreckens gleichgekommen – nicht Brendas, sondern der Gleichungen und Formeln wegen, die Robert hasste wie die Pest. Jetzt jedoch erschien im der Gedanke daran fast idyllisch.

„Es tut mir leid“, sagte er.

„Was?“

„Wenn ich nicht so dämlich gewesen wäre, dich zu bereden, bei diesem Spiel mitzumachen.“

„Das konntest du ja nicht wissen, Robert.“

„Der Typ, der mir das Spiel verkauft hat, kam mir gleich ziemlich seltsam vor. Ich kann es nicht erklären, aber irgendetwas stimmte mit dem nicht. Und das hatte nichts damit zu tun, dass seine Ware vielleicht aus zweifelhaften Quellen stammte. Da war etwas...“ Er brach ab und schüttelte den Kopf.

„Etwas, das einem den Willen nimmt!“

„So, wie wenn man diesen Vampirbestien in die Augen schaut!“, stellte Brenda fest.

Robert nickte.

„Ja, genau so!“

„Aber, das ist doch alles absurd! Was sollte dieser komische Gothic-Opa, von dem du gesprochen hast, mit diesem Spiel zu tun haben?“

„Die Grenzen zwischen der Spielwelt und der Wirklichkeit scheinen nicht ganz so genau gezogen worden zu sein, wie das eigentlich normal wäre“, erwiderte Robert. „Du erinnerst dich doch an das Bild auf dem Computerschirm...“

„Du meinst, als eine Vampirbestie dir die Kehle aufreißen wollte!“

„Ja, genau!“

Brenda schwieg einen Moment. „Wir sind auf irgendeine, nicht zu erklärende Weise tatsächlich in die Welt dieses Spiels hineingelangt.“

„Ja, so muss es sein. Jedenfalls fällt mir keine plausiblere Erklärung ein. Ich dachte, es wäre ein Trick oder eine besondere Technik, die direkt auf das Gehirn wirkt.“

„So ein Quatsch!“

„Das ist kein Quatsch. Wusstest du, dass die schnellen Schnitte in Kombination mit den bunten Farben in japanischen Animés epileptische Anfälle auslösen können?“

„Echt?“

„Natürlich nur bei bestimmten, sehr empfindlich reagierenden Personen, aber es kommt vor und letztlich weiß man nicht genau, weshalb das so ist. Warum sollte also nicht auch so ein Programm direkt auf das Gehirn wirken können?“ Brenda schüttelte den Kopf. Sie bückte sich und nahm etwas von dem Schnee in ihre Hand, der im nächsten Moment darin zu schmelzen begann. „Das hier ist mehr, Robert. Viel mehr. Nenn die Kraft, die uns hier hergebracht hat meinetwegen Magie oder wie immer du auch willst! Aber im Moment ist diese Höllenwelt für uns offenbar die einzige Realität. Wir frieren hier, wir verletzen uns – vielleicht sterben wir auch hier, wenn wir müde werden und für kurze Zeit nicht aufpassen.“

„Ja“, murmelte Robert düster.

Er wandte sich um und ging zu der im Schnee liegenden Armbrust, die er sich wieder über die Schulter hängte.

Er zitterte leicht und versuchte es zu unterdrücken. Aber inzwischen war er ebenso vollkommen durchgefroren wie Brenda, deren Lippen sich bereits blau zu verfärben begannen.

Anschließend ging er zu dem knorrigen, sehr verwachsenen und durch viele, knollenartige Missbildungen verunstalteten Baum, in der noch der angespitzte Holzpflock steckte, den Robert mit der Armbrust verschossen hatte. Es war schließlich besser, wenn sie sparsam mit der Munition umgingen.

Schließlich hatte keiner von ihnen Lust, den Gnom allzu bald erneut um Hilfe bitten zu müssen, um dann anschließend doch nur ein höhnisches Gelächter zu ernten.

Brenda sammelte in der Zwischenzeit ihren Bogen vom Boden auf.

„Wohin gehen wir jetzt?“, fragte Brenda.

Robert sah sich um.

Von allen Seiten umgab sie der von Nebel durchwirkte Wald.

Wohin man auch blickte, war nur eine graue Wand zu sehen.

„Wir müssen zum Schloss“, sagte Robert. „Schließlich scheint der einzige Weg, der uns aus dieser Hölle herausführt nur dann eröffnet, wenn wir den Schlossherrn töten.

Wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine Art Super-Vampir

- etwas größer, älter, schauriger als die Kreaturen, die er uns bis jetzt geschickt hat.“

„Und woher sollen wir wissen, ob das alles, was man uns gesagt hat, überhaupt stimmt?“, fragte Brenda.

Er zuckte die Schultern.

„Keine Ahnung, mein Vorschlag ist besser, als gar nichts zu unternehmen und abzuwarten, bis der Schlossherr wieder ein paar seiner fiesen Kreaturen auf den Weg schickt, um uns zu töten.“

„Wenn du meinst...“

„Auf dem Weg zum Schloss müssten wir an dem Dorf vorbeikommen, von dem der Gnom gesprochen hat. Vielleicht erhalten wir dort noch etwas mehr an Informationen.“

„Und warme Kleider! Himmel, ist mir kalt, Robert!“

„Mir auch.“

„Aber das ist keine gewöhnliche Kälte. Klar, hier liegt Schnee und überall sind Eiszapfen, vor denen man sich vorsehen muss, damit sie einen nicht erschlagen. Aber diese Kälte...“ Es gelang ihr nicht, das Zittern zu unterdrücken.

„Robert, diese Kälte geht einem durch und durch. Als ob sie das tiefste Innere erreicht und langsam gefrieren lässt.“ Robert machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich würde sagen, der letzte Blizzard in New York war schlimmer...“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Robert! Das ist etwas völlig anderes. Ich kann es schwer beschreiben. Mir kommt es vor wie die Kälte des Todes, die einem langsam überall hin kriecht. Sie bewirkt, dass wir langsam von innen heraus sterben. Auch warme Kleidung wird dagegen nicht helfen!“

Kapitel 5 : Hexenspuk im Nebel

Die Nebelschwaden waberten zwischen den knorrigen Bäumen her und wirkten wie die Arme eines konturenlosen Ungeheuers.

Von dem Schloss auf der Anhöhe war jedenfalls nichts mehr zu sehen.

„Hast du noch eine Ahnung, in welche Richtung wir uns wenden müssen, wenn wir zum Schloss wollen?“, fragte Brenda.

Roberts Gesicht wirkte genauso ratlos wie das seiner Begleiterin.

Er deutete in Richtung eines verwaschenen Lichtflecks, der durch die dichte Nebelfront hindurchschimmerte.

„Das muss der Mond sein!“, war er überzeugt. Er streckte den Arm aus. „Dann liegt das Schloss in dieser Richtung!“, verkündete er im Brustton der Überzeugung.

„Na, Hauptsache, du weißt, wohin wir gehen.“

„Von wissen kann keine Rede sein, Brenda. Aber ich denke, alles ist besser, als hier zu bleiben.“ Er nahm ihre Hand.

Sie war eiskalt.

Wie die Hand einer Toten, durchfuhr es Robert. Ihn schauderte unwillkürlich. As sie seinen Blick erwiderte, wusste er, dass sie bei der Berührung seiner Hand denselben Schauder empfand.

Keiner von ihnen sagte jedoch ein Wort.

Sie hat Recht, dachte Robert. Wir sterben. Langsam aber unaufhaltsam.

*

Robert und Brenda setzten ihren Weg fort, auch wenn sie sich im Laufe der Zeit immer unsicherer darüber wurden, ob er sie tatsächlich an ihr Ziel bringen würde.

Zunächst mussten sie sich ihren Weg durch knietiefen Schnee und dichtes Gestrüpp bahnen. Dann liefen sie über vereisten Waldboden, der so hart wie Asphalt war. Die Sicht wurde immer schlechter. Das Mondlicht verschwand schließlich beinahe zur Gänze im Nebel und so verloren sie zeitweilig jede Möglichkeit, sich zu orientieren.

Immer wieder mussten sie sich vor plötzlich in die Tiefe stürzenden Eiszapfen in Acht nehmen und einmal begrub sie eine Ladung nasser Schnee unter sich.

Ihre Kleidung war inzwischen längst klamm und kalt.

„Wir werden uns hier eine Lungenentzündung holen“, glaubte Robert irgendwann und nieste.

Brenda reagierte kaum. Sie wirkte apathisch.

Nicht einmal die schrillen Schreie, die immer wieder die Stille des Waldes unterbrachen, ließen sie jetzt noch zusammenzucken.

Sie setzte einfach nur einen Fuß vor den anderen.

Wenn das so weiter geht, werden wir selbst zu Zombies, ging es Robert durch den Kopf.

*

Während Brenda und Robert ihren Weg fortsetzten, verloren sie nach und nach jeden Bezug zur Zeit. Ihre Uhren, das hatten sie inzwischen festgestellt, waren stehen geblieben.

Und zwar genau in dem Moment, in dem dieses dämonische Höllenspiel sie auf magische Weise in sich hinein gesogen hatte.

„Ich frage mich, wann in dieser Welt die Sonne aufgeht und endlich diesen Nebel vertreibt“, sagte Robert irgendwann in die Stille hinein.

Sie stoppte und lehnte sich gegen einen der knorrigen Bäume, die aussahen, als würden sie jeden Augenblick aus ihrer Totenstarre erwachen, sich bewegen und zu einem unheimlichen Eigenleben erwachen. Schon jetzt war es ja kaum möglich, die groben Strukturen seiner Rinde mit den knollenförmigen Missbildungen und Wucherungen anzusehen, ohne Gesichter darin zu erblicken.

Brendas Blick wirkte erschöpft, die Augen glänzten fiebrig.

Sie hob den Kopf.

„Vielleicht gibt es in dieser Welt weder einen Sonnenaufgang, noch einen Tag“, befürchtete sie.

„Das wäre doch absurd.“

„Nicht absurder, als alles andere, was hier geschieht.“

*

Irgendwann schimmerte dann wieder das Mondlicht durch die grauen Nebelschwaden. Zumindest glaubten Brenda und Robert zunächst, dass es sich um das Mondlicht handelte.

Aber schon bald waren sie sich da gar nicht mehr so sicher, denn plötzlich tauchten mehrere derartige Lichtflecke in verschiedenen Richtungen auf.

Robert blieb stehen. „Das gibt es doch nicht!“, stieß er hervor.

Brenda wurde durch das Auftauchen dieser zusätzlichen Lichter aus ihrer Apathie gerissen.

„Das müssen Irrlichter sein!“, war sie überzeugt.

„Irrlichter, die nur den Sinn haben, uns zu verwirren.“

„Meinst du wirklich?“

„Auf jeden Fall irgendeine Teufelei!“

„Fragt sich nur, nach welchem dieser Lichter wir uns jetzt richten sollen.“

„Spielt das noch eine Rolle?“

Sie entschieden sich für eines der Lichter, aber schon nach kurzer Zeit tauchten weitere Lichter aus dem Nebel auf.

Manche bewegten sich, als würde jemand eine Fackel schwenken.

Andere verschmolzen scheinbar miteinander oder teilten sich aus unerfindlichen Gründen.

Jedenfalls verloren Robert und Brenda schon nach kurzer Zeit den letzten Rest ihrer Orientierung.

Bald hatten sie sich vollkommen verlaufen.

„Gib’s zu, wir könnten jetzt schon stundenlang im Kreis laufen und würden es nicht merken!“, erklärte Brenda irgendwann.

Das Heulen eines Wolfes ließ sie beide plötzlich aufhorchen.

„Das kam ganz aus der Nähe!“, glaubte Robert.

Er hielt die Armbrust mit beiden Händen, konnte im Nebel nichts erkennen. Äste knickten. Dann war erst einmal nichts mehr zu hören.

„Ich weiß nicht, ob eine Armbrust mit Holzpflöcken wirklich gegen alle Schattenkreaturen das richtige Mittel ist, Robert.“

Er zuckte die Schultern. „Schon möglich, dass die verschiedenen Waffen auf unterschiedliche Gegner auch eine verschieden starke Wirkung haben. Und so wie es aussieht, werden wir wohl Gelegenheit bekommen, das genau auszuprobieren. Schließlich müssen wir ja den Endgegner des letzten Levels erreichen.“

„Ich glaube das nicht, Robert.“

„Nein?“

„Ich denke, dieser Gnom...“

„Dienstbarer Dämon nannte er sich!“

„Wie auch immer. Dieser kleine Teufel wollte uns doch nur auf eine bestimmte Bahn bringen. Wir sollten uns nicht darauf einlassen.“

„Leider haben wir doch keine andere Wahl! Dass wir den Schlossherrn töten müssen, um in ein höheres Level zu gelangen, gehört doch zu den wenigen Hinweisen, die wir besitzen!“

Brenda wollte sich auf der knorrigen, vereisten Wurzel eines besonders großen und breiten Baumes niedersetzen.

Mindestens zwei Dutzend Männer wären nötig gewesen, um diesen Baumriesen einmal mit ausgestreckten Armen zu umfassen.

„Wir müssen in Bewegung bleiben Brenda, sonst ist es aus.“ Sie wusste, dass er Recht hatte. Und doch war die Versuchung inzwischen sehr groß geworden, sich einfach niederzulegen und die Augen zu schließen, um anschließend auf den Angriff der ausschwärmenden Nachtkreaturen zu warten.

Auf diesen Moment warteten die Schattenwesen im Schloss doch nur! , sagte sich Robert. Und er war wild entschlossen, ihnen diesen Gefallen nicht zu tun.

„Ja...“, murmelte sie.

„Wenn wir reden, ist das auch ein Mittel gegen die Müdigkeit. Also lass es nicht still werden.“ Erneut knackten Äste. Etwas Dunkles kam aus dem Nebel heraus. Es war ein riesiger Wolf mit struppigen weißem Fell und roten Augen. Ein Albino. Er hechelte und musterte Brenda und Robert.

Die beiden erstarrten förmlich.

Robert hob langsam die Armbrust. Er ahnte, dass dieses Tier ein gewaltiges Sprungvermögen hatte und innerhalb von Sekundenbruchteilen bei ihm sein und seine Kehle zerfleischen konnte. Der Wolf knurrte leicht und entblößte dabei sein Gebiss.

Ein durchdringender Pfiff ertönte. Das Tier drehte um und verschwand wenig später im Nebel.

Etwas später war nach einmal aus weiter Ferne das Heulen des Wolfs zu hören.

Ein Chor seiner Artgenossen antwortete ihm aus verschiedenen Richtungen.

*

Robert und Brenda wankten halb erfroren vorwärts, bis sie schließlich einen Singsang hörten. Es war eine helle Frauenstimme, die in einer unbekannten Sprache ein Lied vor sich hin sang.

Ein flackerndes Licht schimmerte durch den Nebel. Es wirkte wärmer, als die fahlen Irrlichter, von denen eines der Mond sein mochte.

Als Robert und Brenda sich weiter näherten, mischten sich knisternde Laute in den Gesang der Frau hinein.

Hin und wieder waren auch die Wölfe zu hören, die überall im Umkreis zu finden waren. Es gab also keine Möglichkeit, vor ihnen auszuweichen. Sie haben uns längst eingekreist! , dachte Robert.

„Ein Feuer!“, stieß Brenda hervor. „Das muss ein Feuer sein!“

Ein Ruck ging durch ihren Körper, der auf einmal von neuer Kraft erfüllt war. Sie ging schneller.

„Warte! Wir sollten vorsichtig bleiben!“, gab Robert zu bedenken. „Es könnte sich um eine Falle handeln – oder um eine Aufgabe, die wir erfüllen müssen, um zum Schloss zu gelangen.“

„Ja“, murmelte sie. Einen kurzen Moment nur die Wärme dieses Feuers spüren! , ging es ihr durch den Kopf. Was würde ich dafür jetzt alles geben...

Eine rußige Wolke aus schwarzem Qualm wehte ihnen entgegen. Sie vermischte sich mit dem grauen Nebel.

Aus dem Nichts tauchten ein gutes Dutzend der riesigen weißen Albino-Wölfe auf. Sie umringten Robert und Brenda knurrend, hielten aber gehörigen Abstand.

Brenda legte sicherheitshalber einen Pfeil in den Bogen ein, obwohl sie bezweifelte, dass ihr dies im Ernstfall helfen konnte. Selbst wenn sie es schafften, die ersten Angreifer zu stoppen, waren immer genug dieser Bestien vorhanden, um sie schon im nächsten Moment bei lebendigem Leib zu zerfleischen.

Der Speichel troff den Albino-Wölfen aus dem Maul, während sie die Ankömmlinge interessiert musterten und ihre Witterung aufnahmen.

„Am besten, wir unterlassen jede überflüssige Bewegung“, schlug Robert vor.

Brenda senkte den Bogen. „Ich frage mich, was sie davon abhält, uns einfach anzufallen?“

„Gute Erziehung, würde ich sagen. Sie gehorchen irgendjemandem.“

„Der Frau, die da singt?“

„Keine Ahnung, aber wir sollten uns keinen Illusionen darüber hingeben, dass sie sofort zuschlagen, wenn ihr Herr und Meister es ihnen befiehlt. Fragt sich nur, wer das ist.“

„Dieser Schlossherr mit seinen Schattenkreaturen scheidet ja wohl aus, würde ich sagen“, äußerte Brenda ihre Ansicht.

„Sonst wären wir doch schon längst tot. Meinst du nicht auch?“

Die Albino-Wölfe begleiteten Brenda und Robert bis zum Feuer, an dem die singende Frau saß. Im Hintergrund hob sich ein dunkler Schatten aus dem Nebel heraus. Bei näherem Hinsehen stellte sich heraus, dass es sich um eine Holzhütte handelte.

Ein paar Raben saßen auf dem Dach und krächzten vor sich hin.

Die Frau unterbrach ihren Gesang. Sie war in einen dunklen Umhang gehüllt, sodass ihr Gesicht im Schatten lag. Zunächst sah es so aus als wäre unter diesem Umhang nichts außer absoluter Dunkelheit. Doch dann fielen Robert die leuchtenden Augen auf. Weiß waren sie. Weiß, wie das grelle Feuer der Sonne. Unwillkürlich wich Robert diesem gleißenden Blick aus und Brenda erging es nicht anders. Sie hob die Hand um sich davor zu schützen.

„Guten Abend!“, sagte Robert, obwohl das sicherlich nicht die richtig Bezeichnung der Tageszeit sein konnte.

Schließlich währte diese Nacht schon so lange, wie es die beiden in die bizarre Welt jenseits des Höllentores verschlagen hatte. Andererseits war es auf seiner Uhr immer noch wenige Minuten nach halb sechs.

Die Albino-Wölfe fletschten die Zähne. Der Speichel troff in Strömen aus ihren Mäulern heraus. Dumpfe Knurrlaute kamen tief aus ihren Wolfskehlen.

Die weißen Bestien rückten näher.

Da brauchte man wohl kein Begleit-Booklet zu Hellgate mehr zu lesen, um zu erfassen, worauf es die Albino-Wölfe offensichtlich abgesehen hatten.

„Die denken wohl, dass wir ihre nächste Mahlzeit sind!“, brachte es Brenda auf den Punkt.

„Tut mir leid, aber so groß ist mein Herz für Tiere dann allerdings doch nicht, Brenda!“, gab Robert zurück.

„Wem sagst du das? Aber sie kommen immer näher!“ Die Frau stieß einen Pfiff aus.

Er war so durchdringend, wie Robert zuvor noch nie jemanden hatte pfeifen hören. Für den Bruchteil einer Sekunde, glaubte er taub zu ein.

Die hechelnden Bestien zogen winselnd davon.

Sie verzogen sich mit eingekniffenem Schwanz und verschwanden in den wabernden Nebelschwaden. Es dauerte nur wenige Augenblicke und keiner von ihnen war noch zu sehen.

Brenda atmete hörbar auf und senkte den Bogen. Dann steckte sie den Pfeil zurück in den Köcher.

Jetzt erhob sich die Frau.

Von der Singstimme her hatte Robert damit gerechnet, es mit einer jungen Frau zu tun zu haben.

Aber das war offensichtlich eine Illusion gewesen. Sie hatte eine stark gebeugte Körperhaltung. Auf ihrer Schulter hatte sich ein Buckel gebildet und der flackernde Schein des Feuers erhellte nun ihr Gesicht.

Es war uralt.

Ein von runzeliger, faltiger Haut bedeckter Totenschädel.

Es gab fast kein Bindegewebe mehr und als sie den lippenlosen, eingefallenen Mund verzog, kam ein einziger Zahn zum Vorschein.

Nur die leuchtenden Augen schienen irgendwie nicht zu ihr zu passen.

Ihr irres Kichern mündete schließlich in einem heiseren Räuspern. Sie stützte sich auf einen Stock, in dessen Knauf der Totenschädel eines Nagetiers eingearbeitet war. Eine Ratte, schätzte Robert.

„Kommt näher!“, sagte die Alte mit ihrer überraschend jugendlichen Stimme. „Kommt näher, ihr Beiden. Ich bekomme leider nicht sehr oft Besuch in der Einsamkeit meiner Wald-Residenz!“

Robert und Brenda ließen sich das nicht zweimal sagen.

Insbesondere Brenda war froh, endlich näher ans Feuer treten und sich wärmen zu können. Sie streckte die völlig verfrorenen Hände aus.

„Hier können wir wenigstens wieder auftauen“, sagte sie.

Robert betrachtete die Alte.

Eine Hexe!, das war sein erster Gedanke. Die Tatsache, dass sie offenbar auf geheimnisvolle Weise Macht über die Albino-Wölfe besaß, schien ihm ein weiteres Argument für seine Annahme zu bieten.

„Ihr wollt sicher zu dem Dorf, das zu Füßen des Schlosses liegt“, stellte die Alte fest.

Robert sah sie erstaunt an. „Woher weißt du das?“, fragte er.

Ein meckerndes Gelächter drang aus ihrem eingefallenen Mund. „Dorthin wollten sie alle!“

„Von wem sprichst du?“

„Von denen, die vor euch hier her kamen und von denen sich der Verdammten des Dorfs so viel erhofften. Aber diese Hoffnungen waren vergebens. Der Schlossherr residiert noch immer unverändert in seinem Gemäuer. Und jede Nacht schickt er seine Schattenkreaturen aus, um nach Beute Ausschau zu halten, deren Blut sie trinken können.“

„Dann stimmt es, dass die Nachtkreaturen am Tag nicht existieren können?“, fragte Robert.

„Wer hat dir das gesagt, junger Mann?“

„Habe ich gehört.“

Sie lachte in sich hinein. „Ja, du hast Recht. Am Tag sind die Schattenkreaturen der Burg Gefangene ihres grauen Gemäuers. Die Sonnenstrahlen würden sie töten. Aber seit diese Kreaturen der Nacht die Herrschaft über dieses Land errungen haben, hat sich manches geändert. Der Tag ist nichts weiter als eine kurze Dämmerung geworden und ich fürchte, es wird irgendwann so aussehen, dass die Dunkelheit gar kein Ende mehr nimmt. Aber das soll euch Narren nicht kümmern.“

„Du stehst nicht auf der Seite dieser Monstren?“

„Ich stehe auf meiner eigenen Seite“, erklärte die Alte.

„Ich komme aus dem Dorf, in das ihr wollt und wo ihr Näheres über die Burg und ihre schaurigen Bewohner zu erfahren hofft.“

„Warum bist du dann jetzt nicht mehr dort, sondern kampierst hier draußen?“, fragte Brenda, die sich die Hände über dem Feuer rieb und langsam wieder auftaute.

Die Alte räusperte sich geräuschvoll.

„Es gab ein paar Unstimmigkeiten mit den Dorfbewohnern.

Sie haben mich verbannt, weil sie glaubten, dass ich das Unheil über die Bewohner gebracht habe! Dabei ist das nicht wahr! Sie waren von Anfang an verdammt dazu, den Blutsaugern vom Schloss als willenlose Opfer zu dienen, die schon ein hypnotischer Blick in die Knie zwingt. Ich bin sicher, dass ihr auch eines Tages so enden würdet, wenn nicht...“ Sie brach ab. Ihr Satz endete in einem irren, schrillen Kichern. Plötzlich schossen die Flammen des Lagerfeuers hoch empor, so als hätte jemand etwas extrem leicht Brennbares in die Glut hineingeworfen.

Brenda zuckte zurück.

„Wenn was?“, hakte Robert nach.

Aber die Alte schien nicht dazu bereit zu sein noch mehr Preis zu geben. Plötzlich schien sie gar nicht genau zu wissen, worüber sie gerade noch gesprochen hatte. „Ich bin eine alte Frau, was verlangst du von mir? Erinnerungen sind für mich wie der flüchtige Wind. Sie kommen und gehen, lassen sich aber nicht festhalten.“

„Wieso glaubst du, dass wir zu Verdammten werden - wie die Bewohner des Dorfes?“, hakte Robert nach.

„Robert, wir sollten von hier verschwinden!“, raunte Brenda plötzlich ihrem Begleiter auf dieser unfreiwilligen Reise in den Schrecken zu.

„Ich will das jetzt wissen!“, beharrte Robert.

„Du trittst ja recht selbstbewusst auf!“, tönte die Alte.

Hatte ihre Stimme soeben dem Krächzen eines altersschwachen Raben geähnelt, so wirkten ihre Worte jetzt wieder jugendlich frisch. Ihr Tonfall war darüber hinaus von einer überraschenden inneren Stärke gekennzeichnet. Robert spürte das sofort. Und diese plötzlichen Schwankungen, irritierten ihn.

Brenda hielt sich dicht neben ihm. Sie stieß ihn an.

„Robert! Wir müssen so schnell wie möglich weg von hier!

Mit der Alten stimmt etwas nicht“, vermutete das Mädchen.

„Deine Gefährtin ist klüger als du, junger Mann!“, erhob sich nun die Stimme der Alten erneut. „Oder sie hat einen angeborenen sechsten Sinn für die Kräfte der Magie. Einen Sinn, der nur wenigen gegeben ist!“

Die Alte trat auf Brenda zu und berührte sie zuerst am Arm, dann an der Stirn. Brenda zuckte regelrecht zurück.

„So große Angst erfüllt dich?“, fragte sie. Dann musterte sie Brenda von oben bis unten und schien urplötzlich das Interesse an dem Mädchen zu verlieren. Von einem Augenblick zum nächsten würdigte die Alte Brenda keines Blickes mehr.

Stattdessen wandte sie sich Robert zu.

Auch ihn berührte sie kurz am Arm und dann an der Stirn.

„Ja, vielleicht bist du besser geeignet, als dieses Mädchen... Viel besser!“

Robert spürte für Augenblicke einen stechenden Schmerz in seinem Kopf. Aber schon nach kaum einer Sekunde war es vorbei. Es ging so schnell, dass er nicht einmal einen Schrei ausstoßen konnte.

„Versprich mir, dass du mir einen Gefallen tust!“, forderte die Alte. „Dann werde ich euch helfen, zuerst das Dorf zu finden. Von dort aus seht ihr das Schloss als eine dauernde Drohung vor euch!“ Erneut drang ein Lachen aus ihrem beinahe zahnlosen Mund. Ein Lachen, das in einem heiseren Röcheln schließlich sein Ende fand.

„Was ist das für ein Gefallen?“, fragte Robert.

Brenda schien von dem Gedanken, dass Robert sich mit der Alten auf irgendeine Art von Handel einlassen wollte, überhaupt nicht begeistert. Instinktiv spürte sie, dass hier irgendeine Teufelei im Vorgang war. Sie konnte die Bedrohung beinahe körperlich spüren – und doch gab es nichts, was sie unternehmen konnte.

Was sollen wir auch tun? , fragte sie sich voller Verzweiflung. Wenn wir einfach in den Wald laufen, dann holen uns diese grauenhaften Albino-Wölfe, die dieser Hexe willenlos ergeben sind!

Die Alte stellte sich neben das Feuer.

„Sieh her, junger Mann!“, rief sie und im nächsten Moment erwies sich, dass sie tatsächlich eine Hexe war.

Ihre alte, gebeugte Gestalt wurde zu einem tierhaften Wesen, das Züge einer Echse besaß. Ihre Falten verwandelten sich in Schuppen und die Haltung straffte sich.

Erstaunlicherweise wuchs sie zum Doppelten ihrer Größe heran, sodass sie es in diesem Augenblick mit den längsten NBA-Profis hätte aufnehmen können.

Die weiten Kleider der Alten schienen jetzt plötzlich richtig ausgefüllt zu sein und hingen nicht mehr schlaff von dem faltigen, ausgemergelten Körper.

Sie – oder das Wesen zu dem sie in den letzten Augenblicken geworden war – breitete die Arme aus. Dazu sprach sie Worte in einer Sprache, von der weder Robert noch Brenda auch nur je ein Wort gehört hatten.

Innerhalb der nächsten Augenblicke bekamen ihr Körper und ihr Gesicht immer mehr Merkmale einer Schlange. Die Arme bildeten sich zurück. Der Körper streckte sich. Wie eine mit Lumpen behangene, riesige Königskobra stand sie vor dem Feuer. Das Schlangenmaul – so groß wie ein menschlicher Kopf

– öffnete sich. Nur ein einziger Giftzahn war dort noch vorhanden. Die gespaltene Zunge zuckte hervor, ein zischender Laut ertönte.

Brenda und Robert wichen unwillkürlich ein paar Schritte zurück.

Die Zunge der Schlangenkreatur, zu der sich die Hexe gewandelt hatte, wurde zu einem orangeroten Flammenstrahl, der sich mit den Flammen des Lagerfeuers vereinigte.

Eine Blase aus Feuer entstand.

Diese Blase fülle sich mit weißem Rauch, der mit schwarzen Schlieren durchzogen war. Daraus bildeten sich innerhalb weniger Augenblicke immer deutlicher sichtbare Umrisse und Formen.

Schließlich erschienen in rascher Folge Bilder. Bilder, die eine Gegend zeigten, die sich deutlich von diesem Land der Todesschatten unterschied. Die Vegetation war reich und überbordend. Eine strahlende Sonne schien auf grüne Wiesen herab, die immer wieder von Sträuchern und Feldern mit dicht gedrängt wachsenden bunten Blumen unterbrochen wurden. Das nahe Meer rauschte und das Sonnenlicht ließ die Wasseroberfläche glitzern. Auf einem ins Meer hineinragenden Felsmassiv war eine Burg zu sehen. Das graue Gemäuer erinnerte Robert auf den ersten Blick an das düstere Schloss der Nachtkreaturen.

Die umgebende Landschaft unterschied sich jedoch völlig.

„Was wird uns da gezeigt?“, fragte Brenda stirnrunzelnd.

„Keine Ahnung. Vielleicht ein anderes Level dieses Spiels.

Aber im Moment erscheint mir die Alte nicht in der Verfassung, unsere Fragen zu beantworten!“ Wie zur Bestätigung dieser Aussage, ging erneut ein Zischlaut von der Riesenschlange aus, deren Kopf innerhalb von wenigen Augenblicken zur doppelten Größe anwuchs. Das Maul öffnete sich. Eine Substanz troff aus ihrem einzigen Giftzahn. Es zischte, wenn diese Tropfen auf dem Boden aufkamen und sich mit dem Schnee verbanden. Wolken mit ätzendem Geruch stiegen dann auf.

Dann drang erneut ein Feuerstoß aus dem Rachen der Schlange hervor. Die magische Bildfläche in den Flammen wuchs dadurch auf die anderthalbfache Größe an. Mit bestechender Detailgenauigkeit waren Einzelheiten zu erkennen – bis hin zu den Schmetterlingen, die über die grünen Wiesen flogen. Am Horizont spannte sich ein Regenbogen.

Das Blickfeld war jetzt auf die Burg gerichtet.

Gleichzeitig schrumpfte die Riesenschlange wieder zur gebeugten Gestalt einer alten Frau zusammen. Die Schuppen wurden wieder zu den Runzeln einer faltigen, vom Wetter und den Jahren gegerbten Haut und der Säure triefende Giftzahn wurde zu dem letzten Zahnstummel in der Mundhöhle einer Greisin heruntergestutzt.

Es dauerte insgesamt fast eine Minute, bis die Rückverwandlung der Hexe abgeschlossen war. Sie näherte sich Robert.

„Sieh dir alles gut an, mein Sohn!“

„Tja, irgendwie war doch von einem Gefallen die Rede...“

„Dazu komme ich gleich. Nur keine Ungeduld!“ Sie streckte ihren dürren Finger in Richtung der in den Flammen erscheinenden Bilder aus und fügte schließlich mit brüchiger Stimme hinzu: „Das ist die Burg des Namenlosen Magiers. Sie liegt in einer anderen Welt, die du früher oder später von selbst erreichen wirst, sofern zu es schaffst, zu überleben.“

„Cool! Dann muss das der Endgegner in diesem Spiel sein!“, verstand Robert die Worte der Hexe auf seine Weise.

Aber die alte Frau sah ihn nur mit einem irritierten Blick an. „Du sprichst wirres Zeug, mein Sohn. Aber in Anbetracht deiner Jugend sei dir das verziehen.“

Wie in einer rasanten Kamera-Fahrt veränderte sich jetzt das Blickfeld. Die Fensteröffnung eines Turms auf der See-Seite der Burg wurde herangezoomt. Anschließend konnte man sehen, was sich hinter den dicken Mauern abspielte.

Fackeln erhellten ein düsteres Verlies.

Eine junge Frau mit dunklen, über die Schultern reichenden Haaren und fein geschnittenen Zügen war nun zu sehen. Man hatte sie an die Wand gekettet. Das tunikaartige Kleid war zerrissen und die dunkelbraunen Augen drückten Verzweiflung und Angst aus.

„Wer ist das?“, fragte Robert.

„Sie heißt Jarmila. Du brauchst nicht mehr über sie zu wissen, als dass sie vom Namenlosen Magier gefangen gehalten und für seine magischen Experimente missbraucht wird. Wenn ich euch den Weg in Richtung des Schlosses der Nachtkreaturen zeigen soll, dann musst du mir versprechen, Jarmila aus der Gewalt des Magiers zu befreien.“

Robert zuckte die Achseln. „Wenn es weiter nichts! Ich meine, wenn wir es tatsächlich schaffen, zu überleben, bis wir auf diese Ebene gelangen, dann werde ich sehen, was ich für Jarmila tun kann.“

Aber damit war die Hexe keineswegs zufrieden.

„Nein, das ist mir zu schwammig. Ich will dein Versprechen, Robert!“

„Gut, dann verspreche ich dir hiermit, Jarmila zu befreien, falls es möglich und wir noch am leben sind.“ Die Hexe trat auf Robert zu und kam ihm plötzlich sehr nahe. Ehe er sich versah, berührte sie ihn an der Stirn. Er hatte das Gefühl, dass eine geistige Macht sein Bewusstsein berührte. Im ersten Augenblick fühlte es sich wie ein Stromstoß an, der seinen gesamten Körper durchlief. Das Gesicht Jarmilas erschien vor seinem inneren Auge. Ihre lieblichen Züge, ihr Blick, der so voller Verzweiflung war...

Jarmila...

Immer wieder hallte dieser Name in ihm wider. Eine eigenartige Faszination ging von diesem Mädchen plötzlich aus. Eine Faszination, in die sich noch etwas anders mischte.

Eine tief aus seinem Bauch heraus kommende Empfindung, nach der dieser Jarmila etwas Gefährliches anhaftete. Doch dieses Gefühl wurde rasch in den Hintergrund gedrängt.

Jarmila ist kaum älter als du, mein Sohn! , drang plötzlich die Gedankenstimme der Hexe in Roberts Bewusstsein. Und ich bin mir sicher, dass du in Zukunft sehr viel an sie denken wirst. Mehr als an irgendetwas anderes auf der Welt!

Robert spürte eine Berührung am Arm.

Das war Brenda.

„Ist alles in Ordnung? Du siehst so blass aus.“ Robert war unfähig etwas zu sagen. Er nickte nur.

Die Hexe kicherte und wich in Richtung des Feuers zurück.

Sie schien auf einmal über neue Kraft zu verfügen und bewegte sich mit einer überraschenden Behändigkeit, die man ihr vom äußeren Anschein her eigentlich nicht zutraute.

„Ich bin mir jetzt sicher, dass du dein Versprechen auch halten wirst, Robert“, erklärte die Hexe. „Vollkommen sicher.“

Robert sah in die Flammen, aber die Bilder von jener anderen Ebene, auf der der Namenlose Magier die schöne Jarmila in seiner Gewalt hielt, verblasste.

Schließlich war da nichts anderes mehr sichtbar, als lodernde Flammen.

Brenda hatte von Anfang an eine skeptische Einstellung zu dem Handel gehabt, auf den Robert eingegangen war. Einen konkreten Grund für ihr Misstrauen konnte sie dabei nicht nennen und auf der einen Seite leuchtete ihr auch durchaus ein, dass wahrscheinlich gar keine andere Möglichkeit bestand, das Dorf und das Schloss doch noch zu finden, als auf die Bedingungen der Hexe einzugehen.

Es war einfach ein mulmiges Gefühl, das sie beschlichen hatte und sich nicht verdrängen lassen wollte.

Immerhin hatte sie sich inzwischen am Feuer soweit aufwärmen können, dass sie wieder in der Lage war, klar zu denken.

„Meine Albino-Wölfe werden euch jetzt in die Nähe des Dorfes bringen!“, verkündete die Hexe. Sie lachte heiser.

„Keine Sorge, sie sind hungrig nach der Seelenkraft all derer, die es wagen, in diese einsame Ödnis zu kommen - aber dennoch werden sie nicht über euch herfallen.“ Ihr Blick wandte sich an Robert. „Schließlich liegt es in meinem Interesse, dass du überlebst, mein Sohn! Um Jarmilas Willen...

Und jetzt geht!“

„Einen Augenblick!“, schritt Brenda ein.

Die Augen der Hexe leuchteten bedrohlich auf. Als ihr Blick Brenda traf, musste sie den Kopf wenden und ihre Augen mit der Hand schützen, um nicht geblendet zu den.

„Was ist noch?“, fragte die Alte ziemlich unwirsch.

Es war unüberhörbar, dass sie an einer Fortsetzung der Unterhaltung nicht interessiert war.

Kein Wunder! , dachte Brenda. Schließlich scheint sie bekommen zu haben, was sie wollte...

Aus dem Nebel tauchte jetzt ein gutes Dutzend der riesigen Albino-Wölfe auf, die unter dem Einfluss der Hexe standen.

Sie verharrten in gebührendem Abstand, so als würden sie darauf warten, von ihrer Herrin neue Anweisungen entgegen zu nehmen.

„Wer ist diese Jarmila?“, fragte Brenda mit fester Stimme an die Hexe gewandt, woraufhin sich das unangenehm grelle Leuchten ihrer Augen noch einmal deutlich verstärkte. „Und warum hast du so ein besonderes Interesse daran, dass sie befreut wird?“

„Sagen wir so: Ihr Schicksal ist auf gewisse Weise mit dem meinen verbunden.“

„Das ist keine Antwort, die mich zufrieden stellt!“, beharrte Brenda.

Für einen kurzen Moment verwandelte sich ihr altes, faltiges Antlitz in das Gesicht einer Schlange zurück. Ein fauchender Laut drang tief aus der Kehle des Reptils hervor, bevor sie sich schließlich zurückverwandelte.

„Seit froh, dass ich zu Jarmila Befreiung einen Helfer brauche, sonst wärt ihr schon längst Seelenfutter für meine hungrigen Albino-Wölfe!“, fauchte die Hexe. „Und nun geht, ehe ich es mir doch noch anders überlege! Folgt den Wölfen.

Sie werden euch in die Nähe des Dorfes bringen. Und von dort wird es sich schon ergeben, wohin ihr euch wenden müsst!“

Kapitel 6: Der Weg der weißen Wölfe

Brenda und Robert folgten zunächst wortlos und voller Misstrauen den Wölfen. Die rotäugigen Bestien rannten stets etwas voraus und warteten dann, bis die beiden Jugendlichen ihnen gefolgt waren.

Hier und da war ein dumpfes Knurren aus den Kehlen dieser Tiere zu hören, das vielleicht andeutete, wie sehr sie sich insgeheim gewünscht hätten, sich nicht an die Befehle ihrer Herrin halten zu müssen.

In den Augen der Wölfe schimmerte Brendas Auffassung nach unverhohlene Gier. Am liebsten wären sie wohl augenblicklich über sie und Robert hergefallen, wenn nicht die Kontrolle, die die Hexe über sie ausübte, dies verhinderte.

Der Weg durch den nebeligen Wald schien sich schier endlos hinzuziehen.

„Mit rechten Dingen kann das alles nicht zugehen“, meinte Brenda. „So weit können wir uns doch gar nicht verlaufen haben! Das ist doch absurd.“

„Wir sind hier im Reich der Verdammten, kurz auch wohl unter der Bezeichnung Hölle bekannt!“, erinnerte Robert sie.

„Na, wenn du schon wieder coole Sprüche machen kannst, scheinst du dich ja ganz gut erholt zu haben.“ Robert machte eine wegwerfende Handbewegung. „Mit coolen Sprüchen hat das nichts zu tun. Es ist doch einfach so, dass wir uns offenbar nicht in unserer gewohnten Realität befinden, oder?“

„Das kannst du aber laut sagen!“

„Na, dann ist es doch auch logisch, dass hier vielleicht das eine oder andere Naturgesetz nicht ganz so funktioniert, wie wir das gewohnt sind.“

„Wenn der Begriff ‚logisch’ in dem Zusammenhang überhaupt passend ist...“

„Komm schon, Benda, du weißt doch, was ich meine!“ Sie nickte. „Ich denke schon.“

„Diese Welt ist schließlich Computer generiert und irgendeinem kranken Geist entsprungen, der ein Spiel entwickelt hat, dass zu einer neuen Wirklichkeit wird.“

„Zu einer tödlichen Wirklichkeit“, erinnerte ihn Brenda.

Wie zur Bestätigung knurrte einer der Albinowölfe und fletschte dabei die Zähne.

Der geistige Einfluss der Hexe schien mit zunehmender Entfernung schwächer zu werden.

Robert war schon seit einiger Zeit aufgefallen, dass die Unmutsäußerungen der Bestien immer deutlicher wurden. Sie sträubten sich innerlich einfach dagegen, ihre potentielle Beute dorthin zu bringen, wo sie diese nicht mehr erlegen konnten.

Die Gefahr, dass die Wölfe sich vielleicht kurzfristig der magischen Kontrolle durch die Hexe entzogen, um ihre Opfer doch noch zerfleischen und sich ihrer Seelenkraft bemächtigen zu können, war nicht von der Hand zu weisen und bereitete Robert zunehmend Sorge.

Andererseits hatten sie kaum ein Mittel, das ihnen die Bestien wirklich nachhaltig vom Leib halten konnte.

Die Holzpflöcke und Pfeile, die sie mit ihren Waffen verschießen konnten, schützten sie allenfalls vor einem einzigen Wolf, aber die anderen hatten nach Einsatz der Waffe freie Bahn. Und sich mit Schwert und Rapier gegen ein ganzes Rudel, dieser sehr großen und kräftig geratenen und sich mit der Geschmeidigkeit geübter Jäger bewegenden Raubtiere behaupten zu wollen, wäre schon für geübte Fechter schwierig geworden.

Für Brenda und Robert war es so gut wie aussichtslos.

„Wir müssen in dieser Welt immer wieder damit rechnen, dass die Mächte des Bösen einfach die Regeln ändern“, nahm Robert den Gesprächsfaden wieder auf. „Und wir sind dann die Deppen...“

„Inzwischen ist mir wieder kalt!“

„Im Dorf gibt’s hoffentlich auch ein Feuer.“ Der Gedanke an das Feuer der Hexe sorgte dafür, dass sich Robert schlaglichtartig an Jarmila erinnerte. Er sah sie wieder an die Wand des düsteren Verlieses gekettet in der Burg des Namenlosen Magiers und auf einmal schien es nichts Wichtigeres zu geben, als dieses Mädchen zu befreien. Ihre Augen schienen ihn anzusehen und um Hilfe zu bitten. Hatte vor wenigen Augenblicken noch der Gedanke an eine Flucht aus dieser bizarren Spiel-Welt seine Gedanken beherrscht, so war das nun plötzlich nicht mehr der Fall. Jarmila, ich werde kommen, und dich aus der Gewalt des Namenlosen Magiers befreien!, nahm sich Robert vor.

Er spürte, wie sich seine Lippen dabei bewegten und er erschrak.

Was ist nur los mit mir? , durchfuhr es ihn. Jarmila ist Teil dieses Computerprogramms - so wie alle anderen hier lebenden Kreaturen auch. Eine Subroutine, der man Gestalt und ein paar hübsche Augen gegeben hat. Aber das ist auch alles...

Und doch war da auch eine andere Empfindung in ihm.

Ein Gefühl, das ihm sagte, dass er Jarmila unbedingt aus den Klauen ihres Peinigers befreien musste.

Bleib cool, Mann! Du wirst dich doch nicht in einen Avatar verlieben? Das ist doch absurd!

Er versuchte, die Gedanken an Jarmila zu verscheuchen.

„Nein!“

Ein Wort, das die Bündelung seiner Gedanken manifestierte.

Ein Wort, das alles auf den Punkt brachte.

Zu seiner eigenen Überraschung stellte Robert jetzt fest, dass er laut gesprochen hatte.

„Was ist los, Robert? Mit wem sprichst du?“

„Mit niemandem.“

„Hattest du irgendwelche Halluzinationen oder so etwas Ähnliches?“

„Ich sagte doch, es ist alles in Ordnung, Brenda!“, erwiderte er deutlich barscher, als er es eigentlich beabsichtigt hatte.

Entsprechend eingeschnappt war Brenda. „Entschuldige, dass ich nachgefragt habe, aber es ist mir halt nicht gleichgültig, was mit dir los ist.“

„Ist ja schon gut!“, knurrte Robert. Sie hielt an und fasste ihn bei den Schultern.

Der Blick ihrer meergrünen Augen bohrte sich förmlich in die seinen. Nach ein paar Augenblicken hatte die Präsenz dieser Augen es sogar geschafft, die Erinnerung an Jarmilas Blick zu verscheuchen.

Aber nicht für lange! , war es Robert in seinem tiefsten Inneren klar. Ich werde kommen, Jarmila! Du kannst dich auf mich erlassen!

„Was hat diese Hexe mit dir gemacht, Robert?“

„Gar nichts!“

„Das ist doch nicht wahr! Sie hat dich berührt!“

„Lass uns einfach den Wölfen folgen und zu dem Dorf gehen, dann werden wir das alles bald vergessen haben“ Sie atmete tief durch. „Ich hoffe, du behältst Recht, Robert!“

„Bestimmt!“

Einer der Wölfe heulte auf. Er saß in einer Entfernung von ungefähr fünfzig Meter neben einem der knorrigen Bäume.

Das Tier schien ungeduldig darauf zu warten, dass der Weg endlich fortgesetzt wurde und die beiden Jugendlichen ihm und seinen Artgenossen weiter folgte.

Aber Robert spürte instinktiv, dass da noch etwas anderes sein musste, was den Albino-Wolf beunruhigte. Er begann die Nase in die Luft zu halten und sich schnüffelnd herumzudrehen. Ein winselnder Laut entrang sich seinem gewaltigen Maul.

Inzwischen hatte es auch Brenda bemerkt. Sie legte einen Pfeil in den Bogen.

„Irgendetwas stimmt hier nicht!“, war sie überzeugt.

Sie lauschten in den Nebel hinein.

Plötzlich jaulte in einiger Entfernung einer der Albino-Wölfe auf. Es war ein verzweifelter, grausiger Laut, dem noch ein Wimmern folgte. Dann trat eine gespenstische Stille ein.

Robert und Brenda standen wie erstarrt da und blickten in den Nebel. Es war nicht zu sehen, was geschehen war. Der Nebel war einfach zu dicht.

Der Albino-Wolf, der die beiden Jugendlichen gerade noch dazu aufgefordert hatte, ihm und seinen Artgenossen zu folgen, kauerte jetzt mit eingekniffenem Schwanz am Boden.

Das Tier winselte vor sich hin und presste sich regelrecht an den Boden.

Von den anderen Albino-Wölfen war nirgends etwas zu sehen.

Dafür konnte man einen von ihnen jämmerlich Schreien hören. Anschließend folgte ein Geräusch, als ob etwas Schweres zu Boden fiel.

„Was geht da vor sich?“, flüsterte Brenda.

Sie sollte sehr rasch eine Antwort darauf bekommen. Einer der knorrigen Bäume begann plötzlich, sich zu bewegen. Die gerade noch hartgefrorenen Äste verwandelten sich in geschmeidige, tentakelartige Arme. Gesichter bildeten sich auf dem verwachsenen Stamm.

Der Baum in unmittelbarer Nähe des am Boden kauernden Albino-Wolfs gewann plötzlich eine unheimliche Art von Eigenleben.

Die Äste schlugen wie Peitschen auf den Boden. Der Albino-Wolf versuchte sich durch einen Sprung zu retten, aber es war zu spät. Einer dieser Peitschenschläge traf ihn. Er rollte sich winselnd um die eigene Achse. Dabei kam er einem anderen Baum sehr nahe, der plötzlich ebenfalls lebendig wurde, während das Leben aus dem ersten Baum so urplötzlich verschwand, wie es in ihn hinein gefahren war.

Der Albino-Wolf bekam einen weiteren, diesmal tödlichen Schlag. Regungslos blieb das Tier liegen.

Innerhalb von Sekunden schrumpfte er zusammen, so als ob ihm jegliche Lebenskraft entzogen wurde. Ein Geruch der Verwesung verbreitete sich und raubte Brenda und Robert beinahe den Atem.

Im nächsten Moment stand der Baum wieder stocksteif da.

Das unheimliche Leben, das in gerade noch erfüllt hatte, war aus ihm gewichen.

„Eine Art Baumgeist!“, stellte Robert fest. „Er fährt von einem Baum zum anderen, nimmt Besitz von ihm und saugt offenbar die Lebenskraft derjenigen auf, die er schlägt.“ Brenda ließ den Bogen sinken und steckte den Pfeil weg.

„Damit werden wir wohl nichts gegen diesen Baumgeist ausrichten können, wie du ihn nennst!“

„Holz gegen Holz – das klingt nicht gerade viel versprechend“, nickte Robert.

„Und was dann?“

„Vorsichtig weitergehen“, schlug Robert vor. „Und immer schön auf die Bäume achten. Ich hoffe nicht, dass dieser Geist alle Albino-Wölfe erschlagen hat.“ Aus dem Nebel drang erneut ein jämmerliches Winseln.

„Wieder einer weniger“, meinte Brenda.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich diesen Bestien mal nachtrauern würde!“, gestand Robert.

Vorsichtig setzten sie einen Fuß vor den anderen.

Robert nahm das Schwert in beide Hände und Brenda hängte sich den Bogen über den Rücken und nahm ebenfalls ihre Klinge. Im Fall eines Angriffs durch den Waldgeist hatten sie dann vielleicht die Chance, sich durch ein paar schnelle, entschlossene Hiebe zu wehren.

Andererseits hatten es die wesentlich stärkeren Albino-Wölfe auch nicht geschafft, sich vor den Mörderbäumen in Sicherheit zu bringen.

„Diese weißen Wölfe unserer Hexe müssten doch eigentlich an das Leben in diesem Wald perfekt angepasst sein“, murmelte Brenda. „Wieso können sie sich dann nicht besser gegen den Waldgeist zur Wehr setzen?“

„Vielleicht meiden sie ihn normalerweise einfach“, bot Robert eine Erklärung.

Sein Blick glitt an Brenda vorbei.

Ein verwachsener Baum ganz in ihrer Nähe begann sich zu bewegen. Augen und ein Mund bildeten ein verzerrtes Gesicht.

Die Äste bogen sich und sausten wie die Tentakel eine Krake hernieder.

Robert zog Brenda am Arm aus dem Gefahrenbereich heraus.

Der Peitschenschlag verfehlte sie nur um wenige Zentimeter.

Mit dem Schwert schlug Robert zu und trennte den Ast durch. Ein wütendes Brüllen ertönte. Das Gesicht auf der Rinde verschwand wieder.

Robert wirbelte herum und ließ den Blick schweifen. In welchen der Bäume der Geist als nächstes fahren würde, war nicht vorhersehbar.

„Wir müssen uns immer möglichst weit von den Bäumen entfernt halten, Brenda!“

„Leichter gesagt, als getan – in einem Wald!“ Ein weiterer Baum begann plötzlich mit seinen Ästen auszuschlagen. Robert entging dem Schlag nur mit knapper Not.

Sie hetzten weiter. Jedes Geräusch im Unterholz, jedes Knacken eines Astes brachte sie beide an den Rand des Wahnsinns.

Manchmal glaubten sie bereits, in der Baumrinde ein Gesicht zu sehen, was sich dann als Irrtum herausstellte.

In der Ferne hörten sie noch das eine oder andere Winseln eines erschlagenen weißen Wolfs.

Dann herrschte Stille.

„Ich glaube, wir sind jetzt allein auf uns gestellt!“, sagte Brenda.

„Und vor allem haben wir immer noch keine Ahnung, wohin wir uns eigentlich wenden müssen!“ Die Wölfe waren entweder alle erschlagen oder geflohen. Auf jeden Fall war es sehr unwahrscheinlich, dass einer von ihnen zurückkehrte und sie zum Dorf brachte.

„Irgendwann wird ja diese furchtbare Nacht auch einmal ihr Ende finden, Robert!“

„Und du glaubst, dass wir uns dann in diesem Wald besser orientieren können?“

„Man sollte die Hoffnung nie aufgeben“, sagte Brenda.

Vorsichtig tasteten sie sich weiter voran. Teilweise gerieten sie ins Unterholz, das so dicht war, dass sie sich zunächst mit Schwertern einen Weg bahnen mussten. Keiner von ihnen sprach es aus, aber sie ahnten natürlich beide, dass sie nicht auf dem richtigen Weg sein konnten.

Es war absolut still im Wald.

Kein Wind wehte, nicht einmal eine Eule oder irgendein anderer Nachtjäger rührte sich. Dass sie zum letzten Mal einen der Albino-Wölfe aufheulen gehört hatten, war jetzt schon eine ganze Weile her.

Die Tiere kennen die Gefahr! , dachte Robert. Selbst in diesem simulierten Spiel ist das so! Sie meiden diesen Ort deswegen und warten ab...

Plötzlich schlug einer der Bäume zu. Die Veränderung ging so schnell vonstatten, dass es unmöglich war, rechtzeitig zu reagieren. Ein Ast, aus dem ein tentakelartiger Arm geworden war, legte sich wie eine Schlinge um Brendas Hals und zog sie mit sich. Sie taumelte, griff nach dem Rapier und versuchte es, in diesen Greifarm hineinzustoßen. Aber die äußere Rindenhaut war zu hart. Das Rapier brach. Robert eilte hinzu und versuchte den Ast mit einem Schwerthieb abzutrennen, wie er es schon einmal getan hatte. Aber das war nicht rechtzeitig möglich. Die anderen Ast-Arme des zum Leben erwachten Baumes, griffen nach ihm und so musste er sich zunächst seiner eigenen Haut wehren. Wütend und mit aller Kraft hieb er auf diese Arme ein. Viel Erfolg hatte er damit nicht. Und da lag wenig später ein Stück Holz auf dem Boden, das sofort, nachdem es abgeschlagen war, seine unerklärliche Geschmeidigkeit verlor, die ihm die Magie des Baumgeistes so plötzlich verliehen hatte.

Brenda konnte nicht schreien. Der Würgegriff, in dem sie sich befand, schnürte ihr die Kehle zu. Der Baum hob sie hoch. Sie strampelte und versuchte verzweifelt, sich zu befreien.

Robert gab noch immer sein Bestes im Kampf mit diesem Monstrum.

Da geriet er zu nahe an den Gegner.

Einer der zu Arme umfunktionierten Äste schlang sich um seinen Fuß. Augenblicklich verlor er das Gleichgewicht, als er einen Ruck spürte. Robert stürzte zu Boden. Gleichzeitig zog das Monster ihn zu sich herab.

Unaufhaltsam.

So sehr er auch kämpfte, er wusste in seinem tiefsten Inneren, dass er diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Sein Gegner war einfach zu stark.

Der zahnlose Mund, der zu dem Gesicht gehörte, das sich in den missgestalteten Konturen der Außenrinde gebildet hatte, stieß ein höhnisches Gelächter hervor.

Wie aus dem Nichts tauchten jetzt mehrere Albino-Wölfe auf. Die Tiere waren deutlich kleiner und vermutlich jünger als jene riesenhaften Bestien, die Robert und Brenda bis hier her mehr schlecht als recht begleitet hatten.

Die meisten von ihnen überschritten kaum die Größe von Huskies.

Welpen! , dachte Robert.

Dann erschien eine Gestalt zwischen den Bäumen.

Eine fast drei Meter hoch aufgerichtete Kobra, deren Körper teilweise von Lumpen umhüllt war.

Augenblicklich ließen die Arme des Waldgeistes Brenda los.

Sie taumelte zu Boden und hielt sich den Hals. Robert half ihr auf.

Dann starrten sie in Richtung der Riesenschlange.

Als diese den Kopf wandte, mussten Brendas und Robert dem gleißenden Licht der hell leuchtenden Augen ausweichen.

Die Schlange bewegte sich mit einer Behändigkeit, die man einem so großen Geschöpf kaum zutraute. Sie glitt über den Boden, verschwand hinter Bäumen und tauchte wenig später wieder auf.

Ein stöhnender Laut erfüllte den Wald.

Er klang Angst erfüllt.

Das muss dieser Waldgeist ein! , glaubte Robert. Die Hexe jagt ihn!

Dann schoss plötzlich ein Flammenstrahl aus ihrem Schlund heraus und versengte einen der Bäume, der sich daraufhin verwandelte. Der Baum versuchte sich zu wehren. Die Äste schlugen nach dem Reptil, aber dies wich geschickt aus und antwortete mit weiteren Feuerattacken. Der Waldgeist floh in einen anderen Baum, aber seine Kraft schien bereits stark reduziert zu sein.

Für die Schlange war es ein Leichtes, auch diesen Baum zu versengen. Wieder ertönte das furchtbare Stöhnen. Die Schreie einer gequälten Seele, der jetzt dämmern musste, dass ihre eigene Existenz kurz vor dem Ende stand.

Nur Aschehaufen blieben.

Die Schlange verwandelte sich. Schon wenige Augenblicke später hatte sie die Gestalt jener alten Frau angenommen, der sie im Wald begegnet waren.

Die Albino-Wolf-Welpen sammelten sich um sie.

Dabei sprach sie ein paar Worte in einer Sprache, von der weder Brenda noch Robert je ein Wort gehört hatten.

„Sieh dir das an, Robert! Die Welpen! Sie wachsen!“, flüsterte Brenda.

„Hier scheint sich alles um Seelenenergie zu drehen“, glaubte Robert. „Die Hexe gibt den Wölfen offenbar etwas von der Lebenskraft des getöteten Baumgeistes ab.“ Brenda rieb sich den Hals, wo ein roter, deutlich sichtbarer Striemen als Würgemal des Baumgeistes zurückgeblieben war.

„Was geschieht mit uns, wenn wir hier getötet werden?“, flüsterte sie. „Glaubst du, wir sind dann tatsächlich tot?

Auch in der Realität?“

„Normalerweise hat man ein zweites Spielleben oder wird ein Level zurückgeworfen. Aber hier gilt das alles nicht.

Brenda. Der Schnitt an meiner Hand war echt - dann wäre das wahrscheinlich auch unser Tod! Wieso das so ist, weiß ich nicht, aber inzwischen habe ich überhaupt keine Zweifel mehr daran!“

Die alte Frau kam auf die beiden zu. In einem Abstand von wenigen Metern blieb sie stehen.

„Ihr könntet euch wenigstens bedanken!“, sagte die Hexe.

„Aber so ist das leider! Die Jugend von heute hat keinerlei Manieren mehr!“

„Danke!“, sagte Robert stocksteif und wenig enthusiastisch. Brenda folgte seinem Beispiel.

Die Hexe fuhr fort: „Der Kampf mit dem Baumgeist hat mich meine besten Albino-Wölfe gekostet.“

„Wir konnten nicht vorhersehen, dass hier ein Baumgeist lauert“, erwiderte Brenda, die sofort ahnte, worauf das Ganze hinauslief - nämlich auf eine weitere Gegenleistung. „Du wusstest das allerdings schon, nehme ich an. Schließlich lebst du doch seit langer Zeit in diesem Wald und kennst dich aus!“

Ein Zischen, das an die Laute der Schlange erinnerte, kam jetzt aus dem lippenlosen Mund der Alten. Die grell leuchtenden Augen wurden noch gleißender und Brenda war gezwungen, zum Schutz ihre Hand vor die Augen zu nehmen und ihren Blick abzuwenden.

„Bedenke, dass ich dich nur aus einem einzigen Grund gerettet habe! Und das ist der, dass ich deinem Gefährten irgendwelche Seelenqualen ersparen möchte. Ihm habe ihm das Versprechen abgenommen, Jarmila zu retten - nicht dir! Grob gesprochen ist deine Existenz nicht unbedingt erforderlich!

Es reicht, wenn dein Begleiter die Attacken des Schlossherrn und seiner Blutsauger überlebt, um schließlich in die Ebene des Namenlosen Magiers zu gelangen. Auf dich bin ich in keiner Weise angewiesen, Brenda – so ist doch dein Name, oder?“

Brenda schluckte.

„Ja“, murmelte sie.

„Also erweise dich als dankbar und sporne deinen Begleiter dazu an, sein Versprechen zu halten, sonst könnte ich hier und jetzt zu dem Schluss kommen, dass deine Seelenenergie für mich wertvoller ist, als dein Überleben. Bedenke dies!“ Dann wandte sie sich an Robert. „Ich weiß, dass du viel an Jarmila denken musst, nicht wahr?“

„Ja“, bestätigte Robert. Er wirkte wie in Trance dabei.

Seine Stimme hatte einen erschreckend weichen und nachgiebigen Klang.

Er steht unter ihrem Bann! , durchfuhr es Brenda.

„Da geht es dir so wir mir, mein Sohn. Wir teilen jetzt einen Gedanken. Sieht sie dich jetzt, in diesem Moment an?

Erfleht sie Hilfe von dir? Du würdest es nicht übers Herz bringen, das abzulehnen!“

„Nein“, flüsterte Robert.

Sie trat an ihn heran.

Brenda wollte einschreiten, aber sie konnte nicht. Wie angewurzelt stand sie da – gelähmt von der unheimlichen Hexenkraft.

Die Hexe berührte Robert an der Schläfe.

„Ich werde dir etwas von der Lebenskraft des Waldgeistes abgeben“, sagte sie. „Dann kannst du ausdauernder kämpfen und bist schwerer zu töten. Deine Chancen, die Schattenkreaturen des Schlossherrn zu besiegen und schließlich Jarmila aus der Gewalt des Namenlosen Magiers zu befreien steigen damit. Aber bedenke eines...“

„Was?“

„Wenn du das Versprechen brichst und Jarmila nicht befreist, wird diese Kraft von einem Augenblick zum nächsten aus dem deinem Körper fliehen. Und das kann lebensgefährlich sein.“ Sie kicherte in sich hinein.

Im nächsten Moment durchströmte Robert ein Gefühl der Kraft, das er bisher auf ähnliche Weise noch nie zuvor gespürt hatte. Die Kälte, die zuvor seinen Körper bereits wieder ins Mark durchdrungen hatte, war wie weggeblasen.

Die Hexe wich zurück.

„Leb wohl, mein Sohn. Und halte dein Versprechen. Sonst wird es dein Ende sein.“

Diese Teufelin! , durchfuhr es Brenda.

Anschließend trat sie an Brenda heran. „Dir werde ich nur so viel zusätzliche Kraft geben, dass du nicht zu einer Belastung wirst und du die Reisegeschwindigkeit zu sehr verminderst!“

Sie streckte die Hand aus und berührte Brenda an den Schläfen, woraufhin ein prickelnder Kraftschauer das Mädchen durchfuhr. Immerhin spürte sie jetzt die Kälte nicht mehr.

Die Hexe entfernte sich wieder. Der Bann, mit dem sie Brenda belegt hatte, war nun gebrochen. Sie hatte die Kontrolle über ihren Körper zurück und fühlte sich ausgeschlafen.

Die Hexe schnippste mit den knorrigen Fingern ihrer rechten Hand. Dann deutete sie mit dem Stock, dessen Knauf aus dem Rattenschädel gefertigt worden war, auf den größten unter den Albino-Welpen.

„Er wird euch jetzt zum Dorf führen. Da der Baumgeist jetzt nicht mehr auf euch lauert, ist das keine allzu gefahrvolle Aufgabe mehr.“ Noch einmal wandte sie sich Robert. „Enttäusch mich nicht, mein Sohn. Oder du wirst es bereuen.“

Dann verblasste ihre Gestalt plötzlich.

Sie wirkte nun wie eine schwache, durchscheinende Diaprojektion und verschwand wenige Augenblicke später völlig.

Kapitel 7: Gefrorene Gesichter

Robert und Brenda folgten dem Wolfswelpen und gelangten schließlich in eine Region des Waldes, die weniger vom Nebel betroffen war.

Der huskiegroße Albino-Wolf trottete vor ihnen her und wartete gegebenenfalls ab, wenn die beiden Jugendlichen ihm nicht schnell genug folgten.

Aber das war nicht oft der Fall, denn sowohl Robert als auch Brenda fühlten sich deutlich gekräftigt.

„Ich spüre die Kälte nicht mehr“, sagte Brenda. „Ist das jetzt nur ein Zeichen der zusätzlichen Lebenskraft, die uns die Hexe verabreicht hat?“

„Was sollte es sonst sein?“, erwiderte Robert.

„Vielleicht werden wir einfach immer mehr ein Teil dieser Welt. Lara Croft kämpft doch auch in einem hautengen, dünnen Suit in sibirischer Kälte, was normalerweise niemand auch nur eine halbe Stunde überleben würde.“

„Du meinst, dass wir uns nach und nach an die Welt von Hellgate anpassen?“

„Ja.“

„Ich fürchte, du könntest Recht haben.“

„Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass wir irgendwann – vorausgesetzt wir überleben lange genug –

vielleicht gar nicht in die Realität zurückkehren können?“ Dieser Gedanke war Robert durchaus schon gekommen, aber bislang hatte er ihn erfolgreich verdrängt. Schließlich war es in erster Linie darum gegangen, das nackte Überleben zu sichern. „Das ist doch alles Spekulation, Brenda!“

„Wir sollen der Wahrheit ins Gesicht sehen, Robert. In deinem Innersten spürst du doch auch, dass es so ist, wie ich sage. Gehen wir am besten davon aus, dass diese Welt mit ihren verqueren Regeln für uns so real ist wie unsere eigene Realität.“ Eine Pause entstand. Schließlich fragte sie vorsichtig: „Robert?“

„Ja?“

„Ich habe Angst.“

Es dauerte einen Augenblick, bis er antwortete.

„Ich auch.“ Robert sah sie an. „Aber wir schaffen es, Brenda. Auch wenn es im Moment vielleicht nicht gut aussieht.

Aber die Zuversicht sollten wir trotz all dem nicht verlieren, denn dann können wir uns gleich den Nachtkreaturen zum Fraß anbieten.“

Brenda schien weniger davon überzeugt zu sein, dass sie tatsächlich eine Chance hatten. Dennoch nickte sie.

„Wir haben wohl keine andere Wahl, als uns den Aufgaben zu stellen, die hier auf uns warten.“

„So sehe ich das auch.“

„Ich frage mich, was geschieht, wenn jetzt jemand in dein Zimmer kommt und uns da so vor dem Bildschirm sitzen sieht.“ Robert hob die Augenbrauen. „Bist du dir sicher, dass wir dort überhaupt noch sitzen?“

Sie zuckte die Schultern. „Als ich in die Zimmer kam und dich aus deinem tranceartigen Zustand herausgeholt habe, ist das Programm abgestürzt. Das wäre doch auch eine Hoffnung für uns. Deine Mutter wird doch sicher genau registrieren, dass ich euer Haus noch nicht verlassen habe und uns irgendwann mal was zu trinken anbieten, um zu kontrollieren, ob wir auch wirklich lernen...“ Sie grinste und Robert musste auch unwillkürlich schmunzeln.

„Aber das hätte doch längst geschehen müssen.“

„Die Zeit könnte in dieser Spielwelt in einem ganz anderen Tempo voranschreiten“, gab Brenda zu bedenken.

„Oder gar nicht!“ Robert deutete auf seine stehen gebliebene Uhr, deren Zeiger sich nicht bewegt hatten, seit sie das Tor zur Hölle passiert hatten.

*

Schließlich erreichten sie den Rand des Waldes.

Der Albino-Wolf wollte Robert und Brenda ganz offensichtlich nicht weiter begleiten. Er winselte und setzte sich. Eine grüne Wiese schloss sich an, auf der es nur vereinzelt noch Nebelschwaden gab. Am Himmel stand der bereits vertraute fahle Mond und in der Ferne war auf einer Anhöhe als dunkler Schattenriss die Silhouette des Schlosses zu sehen, in dem die Blutsaugenden Nachtkreaturen residierten.

Der Albino-Wolf zog sich in den Wald zurück. Nach wenigen Augenblicken war er verschwunden.

„Jetzt haben wir unser Ziel wieder klar vor Augen!“, stellte Robert fest.

„Ein einladender Ort scheint auch dieses Dorf nicht zu sein!“, glaubte Brenda mit Blick auf die düsteren Steinhäuser, die um eine verwitterte Kirche mit angrenzendem Friedhof gruppiert waren.

„Lass uns keine Zeit verlieren“, schlug Robert vor und wollte gerade losgehen, aber Brenda hielt ihn am Arm.

„Stehst du noch immer unter dem Einfluss der Hexe?“

„Brenda...“

„Ich habe Augen im Kopf. Sie hat dich auf irgendeine Weise verhext, damit du treu und brav diese Jarmila befreist! Das ist alles, worum es ihr geht.“

„Aber ich treffe meine eigenen Entscheidungen.“

„Dann sag mir, dass es dir gleichgültig ist, ob diese Jarmila im Verlies des Namenlosen Magiers verschimmelt!“

„Was soll das denn jetzt?“

„Sag es! Und versprich mir, dass wir die erste Gelegenheit nutzen, dieses Spiel zu verlassen!“

Ihre Blicke begegneten sich.

Er atmete tief durch und schluckte.

„Es ist so wie ich vermutet habe“, stellte sie fest. „Du kannst es nicht sagen, weil die Alte dich noch immer in ihrem Bann hat. Da brauchst du mir nichts zu erzählen, ein wenig habe ich schließlich auch ihre Kraft zu spüren bekommen!“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, es ist nicht so wie du denkst“, behauptete er. „Erstens wird es nach allem, was wir wissen für uns kein Zurück in die Realität geben, wenn wir nicht auf die Ebene des Namenlosen Magiers gelangen und ihn vernichten...“

„Was wir nur von der Hexe wissen! Du kannst dir sicher denken, dass sie uns die Informationen so zurechtgebogen hat, wie es ihr nützt! Meinst du nicht auch?“

„Und zweitens denke ich, sollten wir erst einmal zusehen, dass wir die nächste Herausforderung bestehen. Im Moment ist uns nicht kalt, aber das kann sich auch wieder ändern.“ Er weicht nur aus! , dachte Brenda. Ich werde ihn daher genau beobachten müssen...

*

Bevor sie das Dorf erreichten, mussten sie einen gefrorenen Bach überqueren, der das Tal durchzog.

Ein paar vereinzelte Bäume standen dort – starr und von einem Eispanzer überzogen, wie die Bäume im Wald. Die besonders eigenartigen Verwachsungen ließen auf einen wiederholten Blitzeinschlag schließen.

Nach ihren Erlebnissen mit dem Waldgeist hielten sie instinktiv Abstand von diesen Bäumen, obwohl ihnen klar war, dass es hier vermutlich keinen Waldgeist gab und ihre Furcht daher unbegründet war.

Vorsichtig tasteten sie sich über das Eis.

Es hielt.

Brenda blickte hinab und stieß einen Schrei aus.

Im nächsten Moment bemerkte es auch Robert.

Zahllose Gesichter blickten sie aus dem Eis heraus an. So als ob der Bach voller Leichen gewesen wäre, als er zufror.

Bleich und totenstarr waren sie, die Augen weit aufgerissen, die Züge verzerrt.

„Wir gehen ganz ruhig weiter“, bestimmte Robert. „Ich meine, was erwartest du? Wir haben schließlich das Tor zur Hölle passiert.“

„Trotzdem...“, murmelte Brenda und atmete tief durch.

Schließlich erreichten sie das andere Ufer und stiegen die hart gefrorene Böschung empor.

Brenda streckte die Hand aus und deutete in den Bach.

„Was meinst du – sind das die Leichen derjenigen, die es nicht geschafft haben?“

„Dieses Spiel war brandneu. Es kann vor uns niemand gespielt haben. Das Siegel war noch intakt.“ Sie schluckte. „Ich dachte nur...“

Eine Bewegung ließ beide herumfahren. Hinter dem nächsten Baum sprang eine Gestalt hervor. Es war der Gnom, der sich selbst einen dienenden Dämon genannt hatte. Seine Augen funkelten böse, das tierhafte Maul entblößte die Raubtierzähne.

„Halli, hallo, so schnell sieht man sich wieder.

Unerwarteterweise, wie ich gerne zugebe, und was mich selbst etwas Lebensenergie gekostet hat. Ich habe nämlich mit ein paar anderen Diener-Dämonen gewettet, wie lange ihr am Leben bleiben würdet und ich muss sagen – bislang habt ihr meine kühnsten Erwartungen in dieser Hinsicht übertroffen!“

„Wie wäre es dann mit warmer Kleidung und ein paar zusätzlichen Waffen? Ich denke, die hätten wir uns in der Zwischenzeit redlich verdient!“, glaubte Robert.

„Im Prinzip stimme ich dir in dieser Hinsicht sogar zu.

Und ich kann dir sagen, dass ich beauftragt wurde, dir dies hier zu zeigen!“

Eine Reihe warmer Kleidungstücke schwebten plötzlich in der Luft. Es handelte sich um dicke Wollmäntel, außerdem gab es verschiedene Kopfbedeckungen und Fell gefütterte Handschuhe. Und dazu ein Sortiment von altertümlich wirkenden Steinschlosspistolen und –gewehren.

„Unter Shopping Tour verstehe ich zwar eigentlich was anderes, aber ich schlage vor, wir nehmen uns, was wir kriegen können!“, schlug Brenda vor.

Sie wollte bereits nach einem der Mäntel greifen.

Aber das Kleidungsstück war plötzlich transparent. Ihre Hand glitt hindurch.

„Einen Moment!“, tönte der Gnom. „Ich habe gesagt, dass ich befugt bin, euch diese Gegenstände zu zeigen – nicht, sie euch auch zu geben.“

„Was soll das denn?“, entfuhr es Robert ärgerlich. „Willst du uns zum Narren halten?“

„Keineswegs. Nichts läge mir ferner – und was die Wetten mit meinen Mit-Dämonen betrifft, so trage ich euch nichts nach. Die Verluste gleichen sich schon noch wieder aus. Im Übrigen muss ich meine Fehleinschätzung, was euer Überleben angeht, mit selbst zuschreiben.“ Sein Kopf drehte sich ruckartig um etwa dreißig Grad. Er sah von einem zum anderen.

Ein böses, widerwärtiges Grinsen kennzeichnete seine Züge. Es schien ihm Freude zu machen, andere zu quälen. Schließlich fuhr er fort: „Ich habe nicht erwartet, dass ihr so zäh seid

– dumm, aber zäh. Bei der großen Anzahl von Fehlentscheidungen wären andere schon längst nicht mehr am Leben.“ Er streckte den Arm aus und deutete zum Bach. „Dort sind einige jener Verdammten, die vor euch ihr Glück auf dieser Ebene versucht haben und jämmerlich gescheitert sind.“

„Wir sind die ersten die dieses spielen!“, entfuhr es Robert.

Der Gnom lachte. „Wenn du glaubst, du und deine Begleiterin wären die Ersten, die das Tor zur Hölle hinter sich ließen und die Seele unwiderruflich den Mächten des Bösen überließen, so ist das schlicht und ergreifend falsch.

Der Beweis liegt vor euch unter dem Eis. Ihr könnt ja eure Zeit damit vertun, und das Eis aufbrechen, wenn ihr mir nicht glauben wollt.“ Der Gnom lachte gehässig. „Aber so töricht könnt nicht einmal ihr beide sein!“

„Wie ist das möglich?“, wandte sich Robert an Brenda. „Das Spiel war versiegelt, ich bin mir sicher!“

„Hier gelten die Gesetze der Magie!“, erwiderte Brenda.

„So fern man da tatsächlich von Gesetzen sprechen kann.

Anscheinend teilen all diejenigen, die jemals dieses Spiel gespielt haben, diese Welt.“

„Beziehungsweise teilten“, korrigierte Robert. „Die Vergangenheitsform dürfte nach allem, was wir wissen, wohl angemessener sein.“ Robert wandte sich an den Gnom. „Was ist jetzt mit dieser Kleidung und den Waffen?“

„Nicht so ungeduldig“, mahnte der Gnom. „Zunächst einmal möchte ich euch sagen, dass dieses Dorf da unten nun wahrlich auch kein paradiesischer Ort ist. Vielleicht nicht ganz so ungastlich, wie der Hexenwald, in dem ihr so lange und unnötig herumgeirrt seid, obwohl man mit etwas mehr Intelligenz... Aber lassen wir das! Es dürfte jetzt zu spät sein, noch etwas an eurem Auffassungsvermögen zu verbessern.

Ihr seid nun mal wie ihr seid und ich werde mein Wettverhalten gegenüber den anderen Dienerdämonen in Zukunft darauf einstellen müssen. Das ist das Beste. Akzeptiere immer die Gegebenheiten, hat mal jemand sehr Weises gesagt.“ Der Gnom verzog das Gesicht und kratzte sich an dem gewaltigen Kinn. „Wer war das noch? Der Namenlose Magier vielleicht oder...“

„Was weißt du über den Namenlosen Magier?“, fuhr Robert sofort dazwischen.

Der Gnom lachte triumphierend. „Dachte ich es mir doch.“

„Was?“

„Hast du dir diesen Auftrag aufschwatzen lassen, Jarmila zu befreien?“ Er schüttelte den Kopf. „Jedenfalls ist das der einzig vorstellbare Grund, weshalb du auf dieser Ebene erstens vom Namenlosen Magier wissen kannst und zweitens ihn für so wahnsinnig wichtig hältst, dass du unbedingt mehr über ihn erfahren willst.“ Er zwinkerte Robert zu. „Oder richtet sich dein Interesse vielleicht doch eher auf die schöne Jarmila?“ Der Gnom wandte sich Brenda zu. „Ich fürchte, du wirst dich damit abfinden müssen, dass dein Begleiter dieser Jarmila nun hoffnungslos verfallen ist und sich für dich höchstens noch am Rande interessiert. Aber so ist der Lauf der Dinge. Und leider darf ich nicht mehr darüber verraten.

Weder über Jarmila noch über den Namenlosen Magier.“

„Warum nicht?“, fragte Robert.

„Sie gehören zu einer anderen Ebene. Ich weiß, ich habe bereits ein paar unvorsichtige Bemerkungen zu dem Thema fallen lassen, aber damit soll's auch gut sein. Sonst bekomme ich nicht nur Ärger mit meinen Dienerdämonenkollegen, sondern auch noch mit den höheren Höllenmächten und werde am Ende noch degradiert. Ich könnte euch da Geschichten über Oberdämonen erzählen, die am Ende als Reiniger der Höllenöfen endeten...“ Er schüttelte den Kopf und für einen Augenblick hätte man ihm die Betroffenheit beinahe abnehmen können.

Der Gnom vollführte einen Satz, machte einen Salto und kam sicher wieder auf die Füße.

„Unser Sortiment an nützlichem Items!“, rief er. „Wozu man warme Kleidung braucht, muss wohl nicht erklärt werden, aber da ihr so dumm wart, die Gastfreundschaft und den Schutz der Hexe anzunehmen, anstatt das Schlangebiest zu erschlagen, wie es sich für Helden gehört hätte, habt ihr ja ein bisschen mehr Lebenskraft bekommen und euch etwas am Feuer dieser alten Vettel aufgewärmt!“ Er seufzte und verdrehte die Augen.

„Ein schwerer Fehler! Aber ihr seid nicht die ersten, die ihn begangen haben. Ja, ja, die Leichen unter dem Eis könnten einiges erzählen, wenn sie noch sprechen könnten und ihnen ein ungnädiges Schicksal nicht den Mund für immer verschlossen hätte! Und leider muss ich sagen, wird es euch letztendlich nicht viel besser ergehen, denn den dunklen Mächten, die es nicht auf dem Schloss und dem Wald, sondern genauso auch im Dorf gibt, habt ihr wenig entgegen zu setzen.“ Der Gnom nahm eine der langläufigen Steinschlosspistolen. Die Waffe hatte zwei Läufe, die jeweils mit einem gesonderten Abzugshahn ausgestattet waren, sodass man sie nacheinander abfeuern konnte. „Eine wunderbare Waffe.

Sie werden mit Kugeln aus geweihtem Silber geladen. Diese Kugeln werden natürlich mitgeliefert. Ich, als Geschöpf der Hölle, habe jedoch gewisse Probleme damit, sie anzufassen, doch das soll euch nicht weiter kümmern!“ Fast liebevoll strich der Gnom über den Lauf der Waffe. Dann warf er sie empor. Sie schwebte wieder in der Luft. „Diese Pistole wäre genau das Richtige für euch und sie würde vor allem eure Chance, den Aufenthalt im Dorf zu überleben erheblich verbessern, nur leider, leider darf ich euch keinen dieser Gegenstände übergeben!“

„Wie bitte?“, stutzte Robert fassungslos.

Der Gnom zuckte die breiten Schultern. „Ja, es tut mir leid, aber ich bin nun einmal an die Regeln der Hölle gebunden. Da beißt kein Teufelchen einen Faden ab.“

„Und welche Regel bitteschön würdest du brechen, wenn du uns ein paar von diesen Sachen überlässt?“, fragte Brenda –

ebenso aufgebracht wie Robert.

Der Gnom verzog das Gesicht.

„Ja, ja, das ist mal wieder ein ganz typischer Fall. Wie viele haben schon vor euch gedacht, dass sie das Handbuch nicht zu lesen brauchen. Zur Erinnerung: Es war als Booklet in der Verpackung und außerdem als Datei auf dem Datenträger.

Wie auch immer, ihr seid weder die Ersten, noch werdet ihr die Letzten sein, die es bitter bereuen, sich nicht genügend informiert zu haben. Hier, im Reich der Verdammten, kann das tödlich sein!“ Er kicherte wie irre. „Und glaubt mir, es gibt hier noch weit schlimmere Dinge als den Tod zu erleiden, aber das werdet ihr alles selbst merken.“

„Das ist doch alles nur dummes Geschwätz!“, konterte Robert.

„Nein, es ist die Wahrheit! Eine Wahrheit, die ihr nicht hören wollt. Also lernt aus euren Fehlern, dann bekommt ihr vielleicht auch irgendwann eine dieser hervorragenden Waffen und verbessert auf diese Weise eure Überlebenschance ganz erheblich. So etwas wie mit der Hexe sollte euch besser nicht wieder passieren. Ihr seid hier um die Wesen der Finsternis totzuschlagen, nicht um mit ihnen irgendwelche fragwürdigen Geschäfte zu machen, bei denen ihr sowieso den Kürzeren zieht!“

Roberts Hand ging zum Schwertgriff.

„Wir werden es in deinem Fall besser machen!“, drohte er.

„Für Diener-Dämonen gilt das nicht. Vergaß ich das vielleicht zu erwähnen?“ Der Gnom räusperte sich.

Anschließend schlug er erneut einen Salto.

Die Waffen und Kleider verschwanden.

Der Gnom machte mit seinen überlangen Armen, die auf dem Boden schlürten, wenn er sie nicht vor der Brust ineinander verschränkte, eine große, ausholende Geste. „Ihr haltet mich für garstig und böse – aber so bin ich gar nicht. Und auch wenn ihr denkt, dass ich euch jetzt vollkommen ohne ein Zusatz-Item dastehen lasse, so liegt ihr falsch!“ Er schnippste dreimal hintereinander mit dem Finger. Daraufhin erschienen drei angespitzte Holzpflöcke in der Luft. „Na, das ist doch auch etwas, oder? Schließlich müsst ihr noch bis zum Morgengrauen mit Angriffen der Blutsauger rechnen und da ist es doch besser, wenn die Munitionsvorräte nicht ganz so spärlich bestückt sind, oder?“

Die drei Pflöcke fielen zu Boden.

An Brenda gewandt, erklärte der Gnom: „Pfeile sind leider derzeit nicht im Angebot, aber wenn sich das kurzfristig ändern sollte, melde ich mich!“

Von einer Sekunde verwandelte sich der Gnom in eine Rauchwolke, die sich langsam verteilte.

Robert hob die Pflöcke auf und steckte sie in die Tasche.

„Besser als nichts!“, meinte er.

„Ich hätte dem Kerl am liebsten links und rechts ein Paar geklebt!“

„Ich auch, aber unglücklicherweise ist er der Herr des Zubehörs. Besser wir stellen uns gut mit ihm.“

„Wenn ich das richtig verstanden habe, hat er darauf gewettet, dass wir schnell sterben – also soweit es nach mir geht, habe ich nicht vor, ihm entgegenzukommen.“ Robert grinste. „Ich auch nicht.

Brendas Stirn umwölkte sich etwas. Ihr Tonfall wurde sehr ernst. „Robert?“

„Ja?“

„In einem Punkt teile ich die Meinung dieses Gnoms.“

„So?“

„Ich spreche von der Hexe!“

„Brenda!“

„Und von Jarmila!“

„Reden wir über näher liegende Dinge, okay? Schließlich haben wir diese Superpistole ja jetzt leider nicht zur Verfügung, die uns der Gnom so angepriesen hat!“

Kapitel 8: Das Dorf der lebenden Toten

Als sie das Dorf erreichten, konnte man in der Ferne, hoch über dem Schloss bereits die Schattenkreaturen mit ausgebreiteten Flügeln im Mondlicht dahinsegeln sehen. Jäger, die nach Beute Ausschau hielten. Ihre schrillen Schreie drangen ganz leise bis zu Brenda und Robert herüber.

Robert hielt die Armbrust mit den Holzpflöcken bereits schussbereit in den Händen. „Ich schätze, früher oder später werden wir noch ein paar von den Biestern niedermetzeln müssen!“

„Hoffen wir, dass sie uns erstmal nicht bemerken!“

„Glaubst du das?“

„Ich hoffe immer das Beste. Aber es geht mir wie dem Gnom - es kommt immer anders, als ich gedacht habe. Aber ehrlich gesagt gehörte Wahrsagerin bis jetzt auch nicht zu meinen Berufswünschen!“

*

Das erste, was Robert und Brenda in dem Dorf auffiel war, dass die Fenster und Türen der Häuser regelrecht verrammelt waren.

„Sieh nur – Kreuze und Knoblauchzehen an den jeder Tür und jedem Fenster“, stellte Brenda fest.

„Die Vampire sehen zwar ein bisschen ekeliger aus als im Kino, aber dafür scheinen sie auf dieselben Dinge zu reagieren, wie wir das aus unserer Realität gewohnt sind.“

„Aber endgültig besiegen ließen sich die Bestien dort auch nicht“, gab Brenda zu bedenken. „Denn sonst wären all diese Vorsichtsmaßnahmen gar nicht nötig...“

Die beiden blieben vor einem Haus stehen, das deutlich größer war als die anderen. „Shadow Inn“ stand über der Tür in verwitterten Lettern.

„Ein Gasthaus“, stellte Robert fest.

„Wir sollten uns dort vielleicht mal bemerkbar machen!“

„Du vergisst, dass wir keine zahlenden Gäste sind“, gab Robert zu bedenken. „Jedenfalls besitze ich keinerlei Geld in irgendeiner Währung, die hier Gültigkeit besitzen würde.“ Wie zum Beweis dieser Tatsache griff er sich in die Taschen seiner Cargo-Hose. Das Portemonnaie war immer noch dort. „Für meine letzten fünf Dollar habe ich dieses Spiel gekauft, wie du weißt. Aber als Zahlungsmittel dürften die hier wohl sehr unüblich sein!“

„Trotzdem“, beharrte Brenda. „Wenn es wirklich so ist, dass all diejenigen, die dieses Spiel schon gespielt haben, hier gewesen sind, sofern sie lange genug lebten, heißt das doch, dass es eine andere Möglichkeit geben muss, sich hier einzuquartieren.“

„Eine bestechende Logik, Brenda!“, erwiderte Robert ironisch.

Er hielt offenbar nichts von dem Gedanken.

Brenda glaubte auch zu wissen, warum das so war.

Er will möglichst schnell zur Burg, um den Schlossherrn zu besiegen, damit er in eine der höheren Ebenen gelangen kann.

Dorthin, wo der Namenlose Magier regiert und diese Jarmila gefangen hält...

Brenda wurde ganz schlecht, wenn sie nur daran dachte.

Widerwille kam unwillkürlich in ihr auf, wenn sie vor ihrem inneren Auge das Gesicht dieses Mädchens sah. Weshalb das so war, konnte sie nicht sagen. Aber sie wusste ganz genau, dass sie Jarmila nicht mochte.

Warum gibst du ihr nicht wenigstens eine Chance? , meldete sich eine Stimme in ihrem Hinterkopf. Bist du etwa eifersüchtig auf sie? Denkst du, dass sich Roberts Interesse vollkommen von dir abwendet und er nur noch diese Jarmila im Kopf hat – ein Phantom aus dem Computer?

Brenda spürte, wie ihr der Puls bis zum Hals schlug.

Eifersucht - genau das war der Grund! , musste sie zugeben, wenn sie wirklich ehrlich zu sich selbst war. Eifersucht auf ein Avatar – ein Geschöpf, das letztlich aus nichts anderem, als ein paar clever zusammen gefügten Datensätzen besteht –

das ist doch vollkommen absurd!

Aber diese Stimme der Vernunft hatte es schwer, in Brendas Kopf die Oberhand zu gewinnen.

Andererseits – waren in dieser computergenerierten magischen Welt nicht diese irrealen, der kranken Fantasie eines Story-Liners entsprungenen Geschöpfe ebenso real wie sie selbst? Real genug um zu töten sind sie jedenfalls! , rief sie sich ins Gedächtnis.

Robert trat an die Tür des Gasthauses.

„Okay, ich werde den Wirt mal aus den Federn klopfen. Aber ich prophezeie dir, dass das nicht gerade für einen warmen Empfang sorgen wird!“

„Trotzdem, wir sollten es versuchen. Es ist nämlich besser als...“ Sie stockte, riss plötzlich ihren Bogen empor, legte einen Pfeil ein und schoss ihn ab. Er surrte durch die Luft und etwas Großes, Schattenhaftes fiel wie ein Stein zu Boden.

„Ein Blutsauger!“, entfuhr es Robert.

Noch ehe das Mischwesen aus Mensch und Fledermaus den Boden erreicht hatte, war dessen Fleisch zu Staub zerfallen.

Die Knochen zerbröselten wenig später durch den Aufprall zu einer ascheartigen Substanz. Der Schädel war das Letzte, was noch greifbar war. Er rollte mehrere Umdrehungen über den Boden, ehe er zerfiel.

„Ein guter Schuss!“, staunte Robert. „Du wirst immer besser!“

„Ich bin selbst erstaunt.“

„Nein, das ist doch ganz logisch!“

„Wieso!“

„Jeder Spiel-Charakter wird besser, wenn man mit ihm übt.

Außerdem hast du von der Hexe zusätzliche Lebenskraft bekommen.“

„Logik nennst du so etwas?“

„Hier gilt sie. Und das ist das einzige, was uns interessieren sollte!“

„Wenn wir hier jemals herauskommen, sollte ich überlegen, ob ich das nicht als Leistungssport betreibe!“

„Ich fürchte, Bogenschießen in der Welt von Hellgate und in der Realität sind zwei verschiedene Paar Schuhe!“ In der Ferne tauchten jetzt weitere Nachtkreaturen auf.

Aber die Blutsauger sahen sich vor und griffen nicht so ungestüm an, wie jener, den Brenda bereits zur Strecke gebracht hatte. Sie hielten sich in einer Entfernung die es kaum möglich erscheinen ließ, mit Pfeil und Bogen etwas auszurichten.

„Das ist eher ein Fall für die Armbrust!“, glaubte Brenda.

„Nur fürchte ich, habe ich nicht genug Zielwasser getrunken, um auf die Entfernung einen der Blutsauger zu erwischen! Und dann noch im Flug!“

„Probier’ doch einfach! Wahrscheinlich haben sich ja auch deine Fähigkeiten verbessert!“

„Ich will die Pflöcke nicht verschwenden, also warte ich bis das Biest näher heran ist.“

Sie zuckte die Achseln.

„Wie du meinst.“

Auf jeden Fall war die die Frage, ob man den Wirt jetzt aus dem Schlaf klopfen sollte oder nicht, endgültig entschieden. Weder Robert noch Brenda stand der Sinn danach, den Rest der Nacht – wie lange auch immer sie dauern mochte –

draußen im Freien zu verbringen, wo sie zweifellos ständig den Angriffen der gierigen Blutsauger aus dem Schloss ausgesetzt waren.

Robert klopfte.

Es erfolgte keine Reaktion.

„Versuch es noch mal!“, forderte Brenda.

Robert klopfte diesmal etwas kräftiger. „Aufmachen! Wir brauchen Schutz vor den Blutsaugern!“, rief er.

In diesem Augenblick stürzte sich eine der Bestien förmlich vom Himmel.

Sie raste mit unglaublicher Geschwindigkeit geradewegs auf Robert zu.

Dieser riss seine geladene Armbrust empor und schoss den eingelegten Holzpflock ab. Allerdings verfehlte er sein Ziel in der Hast. Auch Brendas Pfeil ging daneben. Die Bestien schienen aus ihren Fehlern zu lernen – und zwar sehr schnell.

Durch die enorme Angriffsgeschwindigkeit boten sie kaum ein Ziel.

Robert spürte, wie ihn die Krallen bewehrten Hände des Monstrums am Oberkörper berührten und mit unglaublicher Wucht zu Boden stießen.

Der Blutsauger legte bereits die Vampirzähne an Roberts Kehle, als genau diese Zähne aus dem lemurenartigen Maul heraus fielen und zu Staub zerbröselten. Robert musste niesen. Innerhalb weniger Sekunden zerfiel der Körper des Angreifers vollständig.

Danach wurde auch Brenda ersichtlich, was geschehen war.

Robert hatte in die Tasche mit den Holzpflöcken gegriffen und der Bestie einen davon mit aller Gewalt in den Leib gerammt. Offenbar akzeptierte das Programm diese Aktion als Pfählung.

Robert stand auf und streifte sich den Staub von den Sachen.

Brenda hämmerte nun gegen die Tür.

„Aufmachen!“

Währenddessen griff bereits der nächste Blutsauger an.

Er verfolgte eine andere Strategie. Seine Flugbahn war ähnlich chaotisch wie die einer Motte, die ihre Feinde damit zu verwirren pflegte, sich zwischenzeitlich ein Stück fallen zu lassen – eine Kampftaktik, die auch moderne Kampfjets anwendeten, um gegnerischer Radarpeilung zu entgehen, wie Robert aus seiner Erfahrung als Pilot in verschiedenen Games wusste, die diesem Thema gewidmet waren.

Brenda legte einen Pfeil ein und schoss.

Aber der Pfeil verfehlte den chaotisch dahinsegelnden Blutsauger. Um einen neuen Bolzen in die Armbrust einzulegen, war es zu spät.

Robert griff zum Schwert und riss die zweischneidige Klinge heraus. Mit einem wuchtigen Hieb schlug er der Bestie im Moment des eigentlichen Angriffs den Kopf ab, woraufhin der Körper innerhalb von Sekunden in sich zusammenfiel.

„Das war knapp!“, meinte Brenda, die bereits den nächsten Pfeil eingelegt hatte und misstrauisch den Nachthimmel betrachtete.

Robert klopfte noch einmal gegen die Tür des Gasthauses, obwohl er eigentlich schon gar nicht mehr damit rechnete, dass er Antwort erhielt.

Die Menschen dieses Dorfes schlossen sich offenbar in der Nacht in ihre Häuser ein, was auch mehr als verständlich war, wenn man bedachte, dass dann offenbar die Jagdsaison der Schattenkreaturen war.

Aber diesmal gab es gegen alle Erwartung eine Reaktion.

In der Tür öffnete sich eine winzige Klappe.

Aber anstatt einer Antwort, wurde Robert etwas Glitschiges entgegen geworfen, das ihn voll im Gesicht traf.

Er fuhr sich abwehrend über das Gesicht.

Die Klappe wurde mit einer heftigen Bewegung geschlossen.

„Was war das?“, fragte Brenda.

„Zerriebener Knoblauch, würde ich sagen.“ Als sie sich ihm näherte und etwas schnupperte, fand sie Roberts Annahme bestätigt.

„Ja, das würde ich auch sagen, Robert.“

„Das bedeutet, die Leute hier glauben wohl, dass jeder, der sich jetzt noch draußen im Freien aufhält eine Nachtkreatur ist.“

„An deren Stelle wäre ich wahrscheinlich auch vorsichtig“, bekannte Brenda.

„Was machen wir jetzt?“

„Dass du mich das mal fragst!“

„Jedenfalls wäre es gut, wenn wir eine Strategie finden, die uns nicht dazu zwingt, unseren gesamten Vorrat an Pflöcken und Pfeilen bereits in diesen Scharmützeln aufzubrauchen, sodass wir dann nichts mehr übrig haben, wenn wir das Schloss erreichen...“

„Wenn Knoblauch wirkt, dann vielleicht ja auch Kreuze.“

„Worauf willst du hinaus, Brenda?“

Sie streckte ihren Arm in Richtung der Kirche aus.

„Na darauf! Vielleicht finden wir dort ja eine Zuflucht!“

„Gute Idee.“

*

Auf dem Weg zur Kirche pflückte Brenda ein paar Knoblauchzehen von den Fenstern der Häuser, an denen sie vorbeikamen.

„Sollte es hier jemals Tag werden, ist so ein Diebstahl sicherlich keine Basis für eine freundschaftliche Kontaktaufnahme!“, glaubte Robert.

„Erstens ist es fraglich, ob die Hausbewohner das überhaupt bemerken und zweitens habe ich immer noch genügend Zehen übrig gelassen, sodass der bestehende Schutz für die Häuser dadurch wohl kaum vermindert werden dürfte!“ Robert grinste.

„Es sprach Brenda Van Helsing, die Vampirexpertin erster Klasse und Professorin für Vampirpfählung im Flug!“

„Ja, lach du nur. Nimm besser eine davon!“ Sie warf Robert eine der Zehen zu.

„Steck sie ein oder bewahre sie sonst wie auf. Schaden kann sie jedenfalls nicht!“

„Und wenn wir sie als Notration für den Fall verwenden, dass es in dieser Welt doch noch so etwas wie ein Hungergefühl gibt!“

„Das scheint der teuflische Programmierer glücklicherweise vergessen zu haben – sonst hätten wir noch ein paar Probleme mehr.“

„Tja, zum Beispiel, dass Gasthäuser hier sehr ungastlich sind!“

„Eine Toilette suchen möchte ich hier ehrlich gesagt auch nicht gerne!“, ergänzte Brenda.

*

Sie erreichten den Friedhof, der die Kirche umgab.

„Fällt dir was auf?“, fragte Brenda.

„Nein.“

„Die Grabsteine...“

„Was soll damit sein?“

„Die stehen ziemlich schief! Und zwar fast alle!

„Liegt vielleicht an der Bodenbeschaffenheit!“

„Hör mal, wer von uns beiden ist denn jetzt der Super-Gamer, Robert! Hier liegt doch nichts nur an der Bodenbeschaffenheit!“

Inzwischen standen sie vor der Kirchtür.

Auch sie war mit Knoblauchzehen behängt. Ein großes Kreuz war in die schwere Holztür eingraviert worden.

Robert wollte die Klinke herunterdrücken, aber eine Art elektrischer Schlag traf ihn. Es blitzte aus dem Metall heraus und Robert sprang zurück. Ein Schmerz durchfuhr für kurze Zeit seinen gesamten Körper.

„Heh, was ist mit der Tür?“, entfuhr es ihm.

Er konnte es einfach nicht glauben, dass ihm der Zugang zur Kirche nicht möglich sein sollte und versuchte es gleich noch einmal. Wieder bekam er einen Stromschlag und zuckte zurück.

„Ich weiß nicht, ob ich dir wirklich raten soll, es auch zu versuchen“, sagte er. „Es tut nämlich verdammt weh...“ Aber Brenda nahm sich ein Herz und versuchte ebenfalls, die Türklinke herunterzudrücken. Sie schaffte es. Die Reaktion war nicht so heftig wie bei Robert, aber immer noch stark genug, um sie schließlich die Hand wieder zurückzucken zu lassen.

Auch sie rieb sich die Hand und betrachtete sie anschließend genauestens im Mondlicht. Es schien allerdings –

von einer leichten Rötung abgesehen – alles in Ordnung zu sein. Sie zuckte die Schultern. „Irgendein Zauberbann oder so etwas, würde ich sagen!“

Hinter einer der niedrigen Hecken, die den Friedhof durchzogen und immer wieder von knorrigen, verwachsenen Bäumen unterbrochen wurden, war ein Rascheln zu hören.

Eine Bewegung, Schritte.

Robert und Brenda wirbelten herum.

Robert hatte inzwischen schon längst wieder einen neuen Pflock in seine Armbrust eingelegt und die Waffe auch gespannt, sodass er sofort reagieren konnte, falls ein weiterer Angriff der Blutsauger erfolgte.

Und damit mussten sie wohl rechnen.

Denn wenn man zum Schloss blickte, dann braute sich dort im mondhellen Himmel Übles zusammen.

Eine Schar von mindestens einem Dutzend Nachtkreaturen zog dort immer größer werdende Kreise.

Die Angreifer schienen sich zu einer gemeinsamen Jagd zu sammeln. Das Schicksal ihrer bereits gepfählten Artgenossen schien sie in keiner Weise abzuschrecken.

Doch jetzt richtete Robert die Armbrust zuerst einmal gegen jenes Etwas, das da hinter der Hecke hervorkam.

Es sprang hervor, drehte sich in unvorstellbar schnellem Tempo um die eigene Achse und wirkte wie ein Luftwirbel. Es waren keinerlei Einzelheiten zu erkennen. Wie ein Gummiball kam es immer wieder auf den Boden und sprang dann hoch.

Dabei entstand ein schier unerträglicher Pfeifton.

Ehe sich dieses Wesen weiter nähern konnte, schoss Robert seine Armbrust ab.

Seiner Ansicht nach hatte Robert das Wesen genau getroffen. Die Frage war nur, ob Holzpflöcke gegen diese Art von wirbelndem Geist das richtige Mittel war.

Der Wirbel verlangsamte sich und fiel wie ein Stein zu Boden.

Dort kam er auf die Füße und jetzt wurde auch sichtbar, dass es sich um einen alten Bekannten handelte.

„Der Gnom!“, entfuhr es Brenda.

Mit böse leuchtenden Augen stand er da. Den Holzpflock hatte er mit der Hand aufgefangen. Offenbar reichte seine Reaktionsgeschwindigkeit aus, um den Angriff mit einer Armbrust abzuwehren – was für künftige Gegner nichts Gutes ahnen ließ.

„Was soll das, mich anzugreifen?“, meckerte das zwergenhafte Wesen, das sich selbst als einen Diener-Dämon bezeichnet hatte. Das Gesicht war zu einer Maske reiner Boshaftigkeit geworden. Der Gnom fletschte die Zähne wie ein Raubtier und hatte damit plötzlich eine erschreckende Ähnlichkeit zu den Albino-Wölfen der Hexe.

„Da will ich euch etwas Gutes tun – und das ist nun der Dank! Du versuchst, mich zu töten!“, rief er Robert zu.

„Tut mir Leid, da war nur ein Wirbel in der Luft zu erkennen!“

„Man sollte eben immer genau hinsehen, bevor man diese gefährliche Waffe abschießt! Wer weiß, vielleicht ist deine Begleiterin die nächste, die du aus Versehen umbringst!

Eigentlich sollte ich dir die Armbrust wegen erwiesener Unfähigkeit abnehmen!“ Er seufzte. „Leider fehlen mir dazu jegliche Befugnisse!“

„Ich kann nur noch mal betonen, dass es keinesfalls meine Absicht war, dich zu treffen!“, wiederholte Robert sich.

„Getroffen hast du Narr mich ja auch nicht! Sonst hätten dich meine vorgesetzten Höllenoberen ohnehin sofort in den Limbus versetzt.“

„Was ist das?“

„Die Welt jenseits aller Welten. Das Nichts. Das Vergessen. Das Kontinuum der absoluten Nicht-Existenz. Es gibt viele Ausdrücke dafür und jede dieser Bezeichnungen trifft einen gewissen Aspekt des Limbus ganz gut.“ Ein grollender Laut kam aus seiner Kehle hervor. Die Prankenartigen Hände ballten sich zu Fäusten. Er schleuderte den Holzpflock zurück, sodass er dicht an Roberts Kopf vorbei zischte und im Holz der Kirchentür zitternd stecken blieb.

Daraufhin wurde dieser Pflock plötzlich von elektrischen Funken umflort.

Diese Blitze hörten erst auf, nachdem das angespitzte Holzstück wenig später wie durch magische Hand verursacht seinen Halt verlor, zu Boden fiel und ein Stück über den grob gepflasterten Weg rollte, der zur Kirchentür führte.

Der Gnom schien sich in der Zwischenzeit einigermaßen beruhigt zu haben.

„Das ist der Punkt, über den ich mit euch reden wollte!“

„Das Gezische an der Tür?“, wunderte sich Robert.

„Ja, genau!“

„Und? Was ist damit?“

„Ihr könnt nicht ins Innere der Kirche hinein, die normalerweise einen natürlichen Schutzraum für euch darstellen würde, zumindest im Kampf gegen die Blutsauger, denn sie können weder dort noch in den mit Kreuzzeichen geschützten Häusern im Dorf eindringen. Eigentlich könntet ihr eine kleine Ruhepause in sicherer Obhut gut gebrauchen, nicht wahr? Und wenn ihr bedenkt, dass ihr in Zukunft nicht mehr viele Gelegenheiten bekommen werdet, um in Ruhe einen klaren Gedanken fassen zu können, so gewinnt das, was ich jetzt sage, um so mehr an Brisanz!“

„Red nicht so lange um den heißen Brei herum, Gnom!“, verlangte Robert. „Bring die Sache auf den Punkt!“

„Ich habe die Sache schon mal auf den Punkt gebracht – das war da draußen am Bach. Aber mir scheint, ihr habt mir vorhin nicht wirklich zugehört und die Konsequenzen verstanden...“

„Dann erkläre sie uns jetzt!“, verlangte Robert.

„Ich sprach schon einmal davon, dass es ein unverzeihlicher Fehler war, mit der Hexe einen Handel einzugehen, anstatt sie zu erschlagen, wie es eigentlich vorgesehen war!“

„Was hat diese Kirche mit der Hexe zu tun?“

„Ganz einfach. Seit die Hexe euch einen Teil der Lebenskraft des getöteten Waldgeistes eingeimpft hat, ist in euch selbst die Macht des Bösen vertreten. Nicht stark, aber stark genug, um euch den Zutritt zu gewissen Orten zu verwehren – und dazu gehört leider auch die Kirche. Und was die Häuser in diesem Dorf betrifft, so kommt es jeweils darauf an, wie stark sie gesichert sind!“

„Den Knoblauch, mit dem man mich beworfen hat, habe ich ganz gut vertragen“, erwiderte Robert.

Der Gnom lachte schallend.

Was ihn gerade in diesem Augenblick dermaßen amüsierte, war weder für Robert noch für Brenda im Moment richtig nachzuvollziehen.

Schließlich beruhigte er sich wieder.

„Der Knoblauch hat nur eine sehr begrenzte Wirkung, wie ihr feststellen werdet. Die Leute hier im Dorf überschätzen ihn maßlos....“

In diesem Augenblick fiel einer der Grabsteine um.

„Was war das?“, fragte Brenda.

„Tja, das ist ein anderes Problem, mit dem ihr noch zu kämpfen haben werdet.“

„Von welchem Problem sprichst du?“, fragte Robert.

„Nun, es gibt einige wenige, die von den Schattenkreaturen gebissen und durch das Einflößen von Vampirblut selbst zu Nachtgeschöpfen gemacht werden. Die Blutsauger nehmen sie mit auf das Schloss und zapfen sie ab und zu an. Aber die Verwandlung geht recht schell voran und wenn sie erst abgeschlossen ist, taugen die Betreffenden nicht mehr als Blutlieferanten. Bei den meisten Opfern verfahren die Nachtkreaturen jedoch anders. Sie zerreißen ihnen die Halsschlagader und saugen sie aus. Aus den Toten wird niemals ein Vampir – aber untot sind sie dennoch. Die Menschen im Dorf begraben sie, aber es ist unsicher sie in den Gräbern zu halten. Kreuze haben eine schwache Wirkung und Holzpflöcke gar keine. Übrigens ist das auch ein Grund dafür, weshalb hier im Dorf niemand nach Anbruch der Dunkelheit jemandem die Tür aufmachen würde!“

Der Gnom vollführte mehrere Saltos über Hecken und Gräber hinweg.

Schließlich sahen Robert und Brenda ihn auf einem der äußeren Grabsteine hocken.

„Lebt wohl! Und gebt euch etwas mehr Mühe, nicht so schnell getötet zu werden!“

Der Stein fiel um. Der Gnom schrie.

Einen Augenblick lang war nichts von ihm zu sehen, weil die Hecken und die anderen Grabsteine ihn überragten. Doch wenig später tauchte er auf der äußeren Friedhofsmauer wieder auf, die das Gelände mit einer Höhe von ungefähr einem Meter fünfzig umfriedete.

„Das mit dem Grabstein gerade war ich – und kein Untoter!

Also kein Grund zur Besorgnis. Übrigens ist es besser, ihr verlasst den Friedhof so schnell wie möglich. Der Geruch von lebendem Menschenfleisch lockt die Biester an. Tja, so sind sie nun mal.“

Und damit war der Gnom verschwunden.

*

„Wirklich nett von dem Kerl, dass er uns gewarnt hat!“, meinte Robert ironisch, als ein weiterer Grabstein plötzlich niederstürzte.

„Dieser Diener-Dämon will doch nur seine Wette gewinnen!“, war Brenda überzeugt.

Überall auf dem Friedhof kippten nun die Steine. Die Gräber machten alle den Eindruck, als wären sie erst vor kurzem angelegt worden. Hände, Arme, Beine und Köpfe kämpften sich aus dem Erdreich hervor. Das Geräusch von berstendem Holz war zu hören. Offenbar hatten die Untoten Kräfte, die weit über das menschliche Maß hinausgingen und problemlos in der Lage waren, auch Särge zu sprengen.

Brocken mit Erde, Steine und Pflanzen wurden in die Höhe geschleudert. Gleichzeitig erfüllten stöhnende Laute die unheimliche Stille.

„Besser, wir befolgen den Rat des Gnoms“, meinte Robert.

„Damit uns dann auf der Straße die Nachtkreaturen in aller Ruhe anvisieren und angreifen können.“ Robert seufzte.

Er blickte sich um. Die Untoten würden wohl etwas brauchen, bis sich die ersten von ihnen wirklich endgültig aus dem Erdreich heraus gegraben hatten. Hier und da waren Köpfe zu sehen. Die Betreffenden hatten furchtbare Wunden, vor allem im Halsbereich davongetragen. Wunden, die sehr wahrscheinlich durch Angriffe der Nachtkreaturen verursacht worden waren.

Brenda und Robert verließen den Friedhof.

Die schauerlichen, stöhnenden Laute, der zu einem neuen, unheimlichen Leben erwachten Toten jagte ihnen eiskalte Schauer über den Rücken.

„Was für eine perverse Welt“, murmelte Robert.

„Normalerweise dein Spielplatz, Robert!“

„Es ist ein Unterschied, ob etwas wirklich nur ein Spiel ist, aus dem jeder Beteiligte jederzeit aussteigen kann, oder so etwas wie das hier!“

Sie traten auf den Dorfplatz, der sich in unmittelbarer Nähe der Kirche und des Friedhofs befand.

Roberts besorgter Blick glitt hinauf zum Schloss. Die Schattenwesen hatten sich zu einer Formation versammelt, die einem V glich.

„Sie kommen“, flüsterte er. „Mach dich auf einiges gefasst, Brenda!“

Kapitel 9: Der Kampf gegen die Schattengeschöpfe

Schon waren die ersten von ihnen herangekommen. Robert schoss sofort seine Armbrust ab. Eine der Nachtkreaturen wurde getroffen und fiel zu Boden. Wie die anderen zuvor löste sie sich in Staub auf. Ein weiterer Blutsauger wurde von einem Pfeil getroffen. Brenda schaffte es gerade noch, einen zweiten Pfeil einzulegen und abzuschießen, der sein Ziel ebenfalls nicht verfehlte. Doch nun änderten die Bestien ihre Taktik. Sie griffen vollkommen gleichzeitig an. Je fünf von ihnen stürzten sich auf Brenda und Robert.

Robert griff nach dem Schwert. Mit der anderen Hand nahm er einen Pflock aus der Tasche, den er bereits dem ersten Angreifer in den Leib rammte.

Dann ließ er das Schwert kreisen, mit dem er eine Schattenkreatur nach der anderen besiegte. Die Kraft des Waldgeistes, die ihm durch die Hexe eingeflößt worden war, spürte er jetzt deutlich. Das Schwert schien plötzlich ohne Gewicht zu sein. Er drosch damit auf die Ungetüme ein. Aber nur dann, wenn es ihm gelang, den Kopf abzutrennen, war der Angriff auch erfolgreich und der Blutsauger zerfiel anschließend zu grauem Staub.

Brenda hatte etwas mehr Schwierigkeiten.

Aber angesichts der Tatsache, dass die Hexe ihr nicht so viel Kraft eingeflößt hatte wie Robert, war das auch logisch.

Dennoch konnte auch sie sich einigermaßen gegen die Übermacht behaupten. Die fledermausartigen Monstren umlagerten sie und versuchten immer wieder mit ihren Krallenhänden nach ihr zu greifen. Ihr Bogen wurde ihr bereits abgenommen und mit Wutgeheul zerbrochen. Offenbar hatten die Schattengeschöpfe nicht vergessen, dass die damit verschossenen Pfeile vielen von ihnen bereits die Existenz gekostet hatten.

Wild und entschlossen schlug Brenda um sich und sorgte dafür, dass die Biester auf Distanz blieben. Nur einmal gelang es ihr im Alleingang, einen der Blutsauger zu enthaupten, der daraufhin zerfiel.

Robert hatte inzwischen seine Gegner in die Flucht geschlagen oder enthauptet.

Die Schattenwesen schienen zu spüren, dass er von einer Kraft beseelt war, die ihn für sie im Moment nur schwer bezwingbar machte.

Einige von ihnen zogen sich zurück, damit ihre zerrissenen Flügel und ihre von Hieb- und Stichwunden übersäten Körper sich regenerieren konnten. Robert eilte nun Brenda zu Hilfe.

Mit einem gewaltigen Schlag trennte er gleich zweien der Bestien die Schädel vom Rumpf. Die anderen stoben auseinander und erhoben sich in die Lüfte, so fern sie dazu noch in der Lage waren.

Eines dieser Nachtgeschöpfe taumelte mit zerrissenen Flügel auf den Dorfplatz zu. Man konnte sehen, wie sich die Flughaut regenerierte. Aber der Blutsauger vermochte noch nicht zu fliegen. Das Wesen versuchte sich vom Boden zu erheben, sank aber wieder tiefer und kam schließlich wieder auf die Erde.

Vom Friedhof her kam jetzt eine Kolonne von schrecklich zugerichteten Gestalten.

Lebende Tote! , durchfuhr es Robert. Zombies!

Der Blutsauger entkam ihnen nicht.

Wankend, aber unbeirrbar kamen de Untoten auf die Nachtkreatur zu, die jetzt in die andere Richtung zu flüchten versuchte. Aber die Regeneration ihrer Flughäute war noch nicht weit genug fortgeschritten. Sie kam nicht hoch.

Die Zombies packten den Blutsauger und zerrissen ihn. Eine Traube dieser Schauergestalten bildeten sich um den Blutsauger, dessen Lage jetzt beinahe Mitleid erregend war.

Nur die Schreie des Vampirs waren noch eine Weile zu hören, dann nur noch die genussvoll aufstöhnenden Laute der Zombies.

„Offenbar freuen diese Untoten sich höllisch über etwas mehr Lebenskraft“, zog Robert einen nahe liegenden Schluss.

„Und was machen wir dagegen, dass die sich nicht auch noch unsere aneignen?“, fragte Brenda.

„Gut kämpfen. Was anderes wüsste ich jetzt nicht!“

„Wahrscheinlich könnten uns jetzt diese geweihten Kugeln weiterhelfen, von denen der Gnom sprach.“

„Ich dachte immer, so etwas helfe nur gegen Werwölfe!“

„In diesem Spiel ist das offenbar anders.“ Eine kurze Pause folgte.

„Im Moment sind wir scheinbar ganz gut mit Lebensenergie ausgestattet“, sagte Robert schließlich.

„Besonders du, Robert.“

„Ja, ich weiß...“

Aber er begann zu ahnen, dass er dafür noch einen Preis würde zahlen müssen.

Einige der Zombies hatten bereits eingesehen, dass sie von der Lebenskraft des Fledermausmonsters nichts mehr abbekommen würden und wandten sich daher der als nächstes erreichbaren Beute zu – Brenda und Robert!

„Es war vielleicht wirklich keine gute Idee, in dieses Dorf zu gehen und darauf hoffen, dass wir hier Hilfe bekommen“, murmelte Robert.

Sie wichen vor den Zombies zurück und wollten eine Gasse nehmen die zwischen zwei Häusern herführte. Doch auch dort befanden sich bereits mehrere der Untoten.

Robert schoss seine Armbrust ab, als einer von ihnen auf ihn zu taumelte.

Der Bolzen ging durch den Körper des Untoten hindurch, traf noch einen zweiten und blieb schließlich in einem Fensterrahmen stecken.

Der erste Getroffene blickte an sich herunter, befühlte mit der Hand das Loch und wankte weiter. Der Treffer schien ihn nicht weiter zu behindern.

Ein dumpfer, grollender Laut drang durch seine aufgesprungenen Lippen.

„Weg hier!“, rief Brenda.

Aber es war längst zu spät.

Von allen Seiten kamen die Untoten nun auf die beiden Jugendlichen zu.

Es gab nirgends einen Ausweg.

Selbst wenn es ihnen gelungen wäre, sich durchzuschlagen und das Dorf doch wieder zu verlassen, so drohten vom Bach her bereits neue Schrecken. Das Eis platzte auf und einige der Wasserleichen begannen damit, empor zu steigen.

Der erste Zombie griff Brenda an. Sie hieb mit dem Schwert auf ihn ein. Der Untote taumelte schwer getroffen zu Boden.

Aber er stand wieder auf. Die Verwundung machte ihm nichts aus. Auch Robert versuchte die Untoten auf Distanz zu halten.

Mit einer raschen Folge von Schwerthieben schaffte er es.

Es schien unmöglich zu sein, sie zu töten. Selbst schwerste Verletzungen konnten sie nicht davon abbringen, wieder aufzustehen und erneut anzugreifen.

Der Ring um Brenda und Robert wurde immer enger.

Sie standen Rücken an Rücken da und kämpften um ihr Leben.

„Das einzig Gute an der Sache ist, dass diese Zombies offenbar die Blutsauger fern halten!“, meinte Robert, womit er auf die Tatsache anspielte, dass die Fledermausartigen Nachtkreaturen zwar noch immer über dem Dorf herum kreisten, bislang aber noch nicht einmal in das Geschehen eingegriffen hatten. Sie schienen Respekt vor den Zombies zu haben und das Risiko, von ihnen angegriffen zu werden, schien ihnen die Aussicht auf das Blut zweier Menschen nicht wert zu sein.

Schließlich zogen sie sich ganz zurück. Man konnte sie als dunkle Schattenrisse auf das Schloss zufliegen sehen. Ihre schrillen Rufe waren noch in großer Entfernung deutlich zu hören und verursachten Ohrenschmerzen.

Aber der Rückzug der Nachtkreaturen hatte offensichtlich noch einen anderen Grund, denn am Horizont sandte die Sonne ihre ersten Strahlen auf diese düstere Welt.

Der Tag hatte begonnen.

*

Je höher die Sonne stieg, desto mehr erlahmten die Kräfte der Zombies. Manche fielen jetzt sogar von allein um und blieben reglos am Boden liegen. Ein unbeschreiblicher Geruch der Verwesung und Fäulnis verbreitete sich jetzt.

Das Dorf bot ein Bild des Grauens.

„Siehst du, wie schnell die Sonne emporsteigt?“, fragte Brenda und deutete zum Horizont. „Du kannst zusehen.“

„Meinst du, sie geht ebenso schnell wieder unter, oder was willst du damit sagen, Brenda?“

„Könnte doch sein. Wenn sie in dem Tempo weiter steigt, haben wir in zwei Stunden Mittag.“

„Das ist doch...“

„Hier ist alles möglich, Robert. Das sollten wir inzwischen begriffen haben.“

„Vielleicht ist der helle Tag die beste Möglichkeit zum Schloss vorzudringen, ohne dauernd von Angriffen der Blutsauger heimgesucht zu werden!“

„Dann lass uns keine Zeit verlieren, Robert.“

„Und was ist mit den Informationen, die wir von den Dörflern haben wollten?“, fragte Robert.

„Darauf verzichten wir“, lautete Brendas Ansicht. Sie deutete zum Himmel. „Die siehst, wie die Sonne über das Firmament rast. Wenn wir jetzt nicht aufbrechen, werden wir dort oben in dem Schloss unser Werk nicht vollendet haben, bevor es wieder dunkel wird und für die Blutsauger wieder die Jagdsaison beginnt!“

Robert atmete tief durch. „Meine Güte, du fängst schon an, so geschwollen zu reden wie das Personal in den Dracula-Filmen.“

„In welchen? Es gibt doch so viele!“

„Aber etwas eigenartig reden die in allen! Abgesehen natürlich von den ersten Stummfilmen zu dem Thema!“

Kapitel 10: Im Schloss der Blutsauger

Robert und Brenda machten sich auf dem Weg zum Schloss.

Die Sonne stand schon bald hoch am Himmel. Es wurde warm.

Vögel zwitscherten und man hätte an ein idyllisches Postkartenmotiv denken, wenn man zum Schloss hinaufsah –

nicht an den Sitz dämonischer Kräfte.

Zwischendurch drehte sich Robert um und blickte zurück.

Brenda blieb ebenfalls stehen.

„Es tut sich einiges im Dorf“, stellte Robert fest.

Die Bewohner hatten inzwischen nach und nach die Häuser geöffnet. Sie traten ins Freie und begannen damit, die Toten wieder zu beerdigen. Sie hatten große Eile dabei.

In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen verfolgten Robert und Brenda, was im Dorf noch geschah. Die Beerdigungen schienen mit seltsamen Ritualen einher zu gehen. Offenbar versuchten die Bewohner durch die Anwendung magischer Rituale zu verhindern, dass die Toten wieder aus ihren Gräbern kamen.

„Ich glaube, es ist ganz gut, dass wir mit keinem der Dörfler mehr zusammengetroffen sind!“, war Brenda plötzlich überzeugt.

Robert sah sie stirnrunzelnd an. „Wieso?“

„Weil es schwer gewesen wäre, ihnen zu erklären, weshalb wir die durch Kreuze geschützten Häuser nicht hätten betreten können!“

„Wäre doch auf einen Versuch angekommen. Meinst du nicht?“

„Und was ist mit den Untoten? Sieh dir an, wie viel Mühe sich die Leute damit machen, sie wieder unter die Erde zu bringen und mit Hilfe von Magie dort auch zu halten. Robert, ich glaube, es war unsere Anwesenheit, die sie geweckt hat!“

„Der Gnom deutete so etwas an!“

„Genau!“

„Wie auch immer, lass uns diese Sache hier hinter uns bringen.“

*

Nach einem anstrengenden Aufstieg erreichten sie schließlich das Schloss. Die Sonne senkte sich bereits wieder. Brendas Vermutung, dass die Tage hier sehr viel kürzer waren als die nicht enden wollenden Nächte, sollte sich offenbar bestätigen.

„Nicht mehr lange und die Dämmerung bricht herein“, stellte sie fest. „Wir müssen uns beeilen!“

„Ja“, nickte Robert.

„Ich finde übrigens, wir sind ein gutes Team“, sagte sie.

„Ich meine, allein hätte bis jetzt keiner von uns es geschafft zu überleben. Aber gemeinsam haben wir sogar diese Nacht überstanden.“

„Wir können froh sein, dass die Sonne aufging, sonst wäre es vorbei gewesen.“ Er sah sie an und lächelte. „Aber ansonsten hast du recht. Allerdings wünsche ich mir, dass wir unsere Teamfähigkeit beim Lesen von Mathe-Formeln unter Beweis gestellt hätten – und nicht hier!“

„Das können wir ja nachholen“, meinte sie. „Ich meine, vorausgesetzt, wir kommen hier lebend wieder heraus!“

„Daran darfst nicht zweifeln, Brenda! Wir kommen hier lebend heraus. Verlass dich drauf!“

Er nahm sie bei der Hand und zog sie mit sich. Sie erreichten wenig später das morsche Haupttor zum Schlosshof.

Die Sonne stand schon bedenklich tief.

Das morsche Tor ließ sich leicht öffnen. Ein knarrender Laut entstand dabei. Seit vielen Jahren war niemand hier eingetreten.

„Jetzt wäre es nicht schlecht, wenn man sich hier ein bisschen auskennen würde!“, meinte Robert.

„Versuchen wir es doch mal mit dem Haupthaus!“, meinte Brenda.

„Warum nicht?“

Die Schlossmauern waren von wildem Wein überwuchert. Alles wirkte verfallen. Die Fenster waren vernagelt oder mit sicheren Gardinen verhangen.

Robert und Brenda öffnete mit einiger Mühe die Tür.

Im Inneren war ein Empfangsraum. Die Möbel waren Staub bedeckt. In der Mitte des Raumes waren ein Dutzend Särge fein säuberlich nebeneinander aufgereiht.

Robert nahm den Dolch und hebelte damit den Deckel des ersten Sarges auf. Er ließ sich leicht zur Seite schieben.

Brenda half ihm dabei.

Zum Vorschein kam eine der Nachtkreaturen, die halb Mensch und halb Riesenfledermaus waren.

„Dieser Blutsauger sieht noch sehr menschenähnlich aus“, stellte Brenda fest. „Zumindest im Gesicht.“

„Vielleicht entwickeln sich erst im Verlauf der Zeit immer tierhaftere Züge und verändern sich“, meinte Robert.

„Gut möglich.“

„Ich frage mich, wie der Schlossherr dann aussieht. Er muss ja wohl der Mächtigste unter den Bewohnern dieses Gemäuers sein!“

„Wir werden schon noch auf ihn treffen, Robert. Was machen wir jetzt mit den Nachtkreaturen?“

„Wir öffnen die Särge und sorgen dafür, dass Sonnenlicht in diese Räume kommt! Der Rest dürfte sich von allein erledigen!“

„Die Fenster sind vernagelt, das dauert zu lange! Wie wär’s wenn wir zumindest hier im Erdgeschoss die Särge einfach hinaus ins Freie zerren!“

„Nichts dagegen.“

„Dann packen wir es an!“

„Das wird eine Akkord-Arbeit. Die Sonne rennt uns davon!“

*

Ein Sarg nach dem anderen zerrten Robert und Brenda hinaus ins Freie und öffneten ihn dort. Wenn die Strahlen der inzwischen bereits untergehenden Sonne auf die Nachtkreatur fielen, fingen die Körper der Blutsauger Feuer.

Brenda und Robert betraten auch die höheren Stockwerke des Haupthauses. Auch hier gab es Särge. Doch manche der Schattengeschöpfe hatten sich inzwischen so weit von ihrer menschlichen Urform fortentwickelt, dass sie es vorzogen, wie Fledermäuse von der Decke herabzuhängen, wenn sie ruhten.

Zwischen den Nachtgeschöpfen hingen hunderte von gewöhnlichen Fledermäusen unterschiedlichster Größe.

Da hier die Fenster nicht vernagelt, sondern lediglich mit schweren Vorhängen verdeckt waren, die nicht einen einzigen Strahl des Tageslichts hereinließen, hatten Brenda und Robert es hier leichter. Sie öffneten die Särge und rissen die Vorhänge von den Fensterfronten und das Sonnenlicht sorgte für den Rest.

Das Feuer breitete sich rasend schnell aus. Die Fledermäuse schienen ebenfalls vom Virus des Bösen befallen zu sein, denn sie reagierten auf das Sonnenlicht genauso wie die Schattenkreaturen, denen so gut wie nichts Menschliches mehr anhaftete.

Der Brand fraß sich vorwärts.

Ein unbeschreiblicher Gestank breitete sich aus.

„Los, wir müssen noch in den Keller!“, war Brenda überzeugt. „Ich denke, da muss es irgendwo eine Gruft geben...“

„Einen Moment...“

Robert ging zum Fenster.

Die Sonne berührte bereits den Horizont. Es war höchste Eile geboten, sonst war es zu spät.

Sie rannten die Treppe hinunter, auf der sie ins Obergeschoss gelangt waren.

Im Erdgeschoss des Hauptshauses fanden sie schließlich den Eingang zum Keller.

Eine unscheinbare Tür in der dicken Steinwand, deren Oberfläche mit magischen Zeichen versehen war.

Eine schmale Wendeltreppe führte hinab.

„Das muss es sein!“, meinte Brenda.

„Es gibt sicher viele Keller und Verliese in diesem Schloss. Aber wir können nicht lange überlegen.“ Plötzlich erschienen Fackeln in verschiedenen Größen. Sie schwebten in der Luft und wie aus dem Nichts materialisierte der Gnom.

„Für die nächste Herausforderung habt ihr euch einen der folgenden Items verdient. Wählt bitte!“

„Zu gütig! Ich dachte schon, wir bekommen gar nichts für unsere Heldentaten!“, meinte Brenda.

„Keine Sorge!“, erwiderte der Gnom. „Ich vergesse euch schon nicht.“

Robert nahm sich eine der Fackeln. Auch Brenda griff zu.

„Viel Glück – und keine Angst vor der Dunkelheit!“, tönte der Gnom. „Und noch etwas! Erschreckt nicht, wenn ihr dem Schlossherrn begegnet! Die Dämmerung setzt ein und er wird sehr bald erwachen! Seht zu, dass ihr ihn erwischt, bevor es soweit ist, sonst verliere ich meine Wette.“ Er kicherte verschwand.

Der Gnom wurde einfach durchscheinend und verblasste schließlich ganz.

„Er hätte uns ruhig sagen können, wo wir suchen sollen!“, fand Robert.

Vorsichtig ging er die Treppe hinunter. Das flackernde Licht der Fackel ließ Schatte auf den uralten Mauern tanzen.

Ein feuchter Modergeruch schlug ihnen entgegen.

Am Fuß der sehr engen Wendeltreppe schloss sich ein Korridor an, der in ein hallenartiges Gewölbe mündete. Auch hier standen Särge.

Robert und Brenda verloren keine Zeit. Sie zündeten die Särge an. Rasch schlugen die Flammen empor, jetzt erst wurde sichtbar, dass an der kuppelartigen Decke des Gewölbes ebenfalls einige Exemplare der Fledermausmonster hingen.

Robert und Brenda setzen die Armbrust und den Bogen ein.

Eines dieser Monstren hatte fast die dreifache Größe der anderen und fiel dadurch aus der Reihe, dass es nicht sofort zerfiel, als der erste Pflock in den Körper eindrang.

Die gewaltige Nachtkreatur regte sich.

Das Wesen erwachte. Es stieß einen grollenden Laut aus und ließ sich zu Boden gleiten. Dort landete die Kreatur auf den Füßen und breitete die Flügel aus. Ein wütender Schrei entrang sich dem kaum noch menschlich zu nennenden Maul. Der Riesenvampir sah, was mit den Särgen geschehen war. Die Flammen verschlangen sie.

„Das muss der Schlossherr sein!“, glaubte Robert. „Der Obervampir oder wie man ihn auch immer nennen mag!“ Robert gab Brenda seine Fackel. Dann griff er zur Armbrust, die ihm bis dahin an einem Riemen an der Seite hing und zielte.

Ja, du hast Recht! Ich bin der Schlossherr! , gab der Vampir zu, dessen Gestalt sich am meisten von allen Schattenkreaturen, denen Brenda und Robert bislang begegnet waren, verändert hatte.

Aber er schien auch über die größten Kräfte zu verfügen.

Robert drückte die Armbrust ab. Der Holzpflock traf den Schlossherrn nahe dem Herzen, aber das schien ihm wenig auszumachen.

So einfach bin ich nicht zu besiegen! , grollte das Wesen.

Was habt ihr getan! Seit langer Zeit ist es keinem Sterblichen mehr gelungen, meine Residenz zu betreten!

Verlassen werdet ihr sie jedenfalls nicht mehr!

Mit fieberhafter Eile legte Robert einen weiteren Pflock ein, während Brenda die beiden Fackeln hielt. Aber aufgrund der brennenden Särge war es ohnehin hell genug im Gewölbe.

Robert schoss erneut.

Zwar traf sein Geschoss, aber der Schlossherr zog es diesmal einfach wieder aus seinem Körper heraus. Die Wunden heilten unmittelbar danach.

Meine Kräfte sind größer als die aller anderen Kreaturen der Nacht. Und wie ich sehe, habt ihr nicht geahnt, wie groß!

Ein telepathisches Gelächter hallte in den Köpfen von Brenda und Robert wieder. Es war so schrill, dass ein stechender Kopfschmerz die Folge war. Beide waren sie jetzt kaum noch in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

Sie wichen zurück.

Der Schlossherr näherte sich. Sein Körper hatte bereits kaum noch menschliche Merkmale. Lediglich die obere Hälfte des Kopfes erinnerte Robert flüchtig an jemanden, den er kannte.

Diese Augen! , durchfuhr es ihn. Es hat dich schon mal jemand so angesehen!

Robert musste unwillkürlich an den Mann denken, der ihm das Spiel verkauft hatte.

Aber dann schalt er sich einen Narren.

Ein Fauchen drang aus dem Maul der Kreatur, deren Zähne wie bei einem Raubtier gebleckt waren.

Robert und Brenda wichen abermals ein Stück zurück.

„Deine Waffe ist unwirksam!“, stellte Brenda verzweifelt fest. Ihr Bogen war ja ein Opfer der angreifenden Zombies gewesen, aber es war nicht anzunehmen, dass er ihnen in dieser Situation hätte helfen können.

Der Schlossherr umrundete einen der brennenden Särge.

„Vielleicht muss ich die Wirkung meiner Waffen etwas verstärken!“, meinte Robert. Er nahm seinen letzten Holzpflock aus der Tasche und hielt ihn in die Flamme der Fackel, die Brenda in der Linken hielt. Robert wartete, bis die Spitzer des Pflocks brannte.

Anschließend legte den Pflock in die Armbrust ein. Er verbrannte sich die Finger dabei.

Der Schlossherr griff an.

Er schien zu begreifen, was Robert vorhatte.

Aber schon im nächsten Moment traf ihn Roberts Geschoss genau ins Herz. Das Feuer fraß sich rasch vorwärts. Im Gesicht des Schlossherrn zeigte sich erst Unglauben, dann Entsetzen.

Niemand hat das je geschafft... Das ist unmöglich!

Er brannte lichterloh und zerfiel gleichzeitig zu einem Asche artigen Pulver. Wie Myriaden von Glühwürmchen segelten sie durch die Luft und sanken langsam zu Boden. Ein Schwall von Hass- und Rachegedanke erreichte Brenda und Robert noch.

Die Kopfschmerzen wurden für einige Augenblicke unerträglich.

Dann war auch das vorbei. Der Geist des Schlossherrn hatte sich ebenso aufgelöst wie sein Vampirkörper.

Kapitel 11: Der Namenlose Magier

Brenda und Robert verließen das dunkle Gewölbe. Hustend liefen sie durch die rauchverhangenen Gänge und erreichten schließlich den Ausgang. Die Fackeln ließ Brenda im Haupthaus zurück. Sollten die Flammen diesen Ort des Bösen ruhig vollständig verzehren!

Das Feuer hatte sich inzwischen überall ausgebreitet. Als sie ins Freie traten sahen sie, wie die Flammen bereits aus den Fenstern schlugen. Es war unbeschreiblich heiß.

Draußen war es bereits dunkel.

„Lass uns hier verschwinden“, sagte Brenda.

„Es muss hier eine Möglichkeit geben, die nächste Ebene zu erreichen“, war Robert überzeugt.

„Wenn es so ist, dann werden wir früher oder später darauf stoßen!“

„Oder dieser Gnom meldet sich wieder, um uns irgendwelche Waffen von zweifelhafter Wirkung anzudrehen.“ Sie gingen in Richtung des Schloss-Tores, das sich plötzlich verwandelte. Flammen schlugen aus dem Stein und es glich auf einmal in erschreckender Weise jenem Höllentor, das sie als erstes durchschritten hatten.

Was dahinter lag, wurde von einem plötzlich auftretenden Nebel verhüllt.

Der Gnom trat daraus hervor.

„Immer hereinspaziert! Ihr habt euch trotz aller Widrigkeiten und einem miserablen Start die nächste Ebene verdient!“, gab er zu. Die Armbrust war plötzlich verwunden.

Den Bogen hatte Brenda schon zuvor bei der Flucht aus dem Gewölbe verloren.

„Es gibt auf der nächsten Ebene keine Vampire, daher brauchst du weder eine Armbrust, noch Holzpflöcke oder irgendetwas anderes, das mit all diesen Dingen zu tun hat!“

„Kommen wir jetzt auf die Ebene des Namenlosen Magiers?“, fragte Robert.

„Da ihr den Schlossherrn besiegt habt – ja!“, gab der Gnom zögernd Auskunft.

„Ich dachte, das wäre die Voraussetzung, um überhaupt im Spiel zu bleiben!“, wunderte sich Brenda.

„Habt ihr das etwa angenommen?“, tat der Gnom recht unschuldig. „Tut mir leid, wenn ihr meine objektiven Informationen ein bisschen falsch verstanden zu haben scheint.“

„Was soll das heißen – falsch verstanden?“, hakte Robert sofort nach.

„Nun, ganz einfach! Wenn ihr nur lange genug in dieser Ebene überlebt und euch tapfer der Schattenkreaturen erwehrt hättet, währt ihr irgendwann auch auf die nächste Ebene gekommen. Allerdings nicht auf die Ebene des Namenlosen Magiers. Da hättet ihr vorher noch Station auf ein paar anderen Levels machen müssen, was sicher der Vervollkommnung eurer Kampfkünste sehr dienlich gewesen wäre, wenn mir diese Bemerkung erlaubt sei!“ Der Gnom hüstelte verlegen vor sich hin. „Da ihr jedoch den Schlossherrn getötet habt, kommt ihr in den Genuss einer Abkürzung. Also frohlockt!“ Der Gnom machte einen Salto. Dann streckte er die Hände aus. Wie durch magische Hand wurden die Schwerter, die Robert und Brenda bei sich trugen, ihnen weggerissen. Sie schwebten durch die Luft, wirbelten um die eigene Achse und wurden schließlich vom Gnom im Flug aufgefangen. Mit traumwandlerischer Sicherheit legten sich seine Hände um die Griffe der beiden Klingen, die er daraufhin gegeneinander rieb, wie ein Essbesteck.

„Heh, was soll das?“, empörte sich Brenda.

„Ihr bekommt neue Waffen! Zwei Pistolen mit je einer geweihten Kugel! Für das doppelläufige Modell war euer Start hier im Reich der Verdammten leider einfach zu dämlich –

sorry!“

Die Pistolen erschienen plötzlich und sowohl Brenda als auch Robert griffen sofort zu. Schließlich konnte man bei dem Gnom ja nie wissen, ob er es sich noch anders überlegte.

„Und es gibt noch das hier!“, verkündete der Gnom.

Zwei einfache Metallstäbe schwebten ebenso wie zuvor die Pistolen schwerelos in der Luft umher.

„Was soll das sein?“, fragte Robert.

„Dummkopf, wie hast du nur das erste Level überstanden?“, tadelte ihn der Gnom. „Das sind Zauberstäbe. Ihr seid ja nicht zaubermächtig, aber ihr könnt sie einfach zum Blitze schleudern verwenden. Damit kann man sich recht effektiv irgendwelcher Gegner erwehren. Nur für den Namenlosen Magier, euren Endgegner, werdet ihr wohl nur mit einer der beiden Waffen zum Ziel kommen, die mit geweihten Kugeln geladen sind.“

„Wie ist es denn, kriegen wir noch etwas mehr Munition?“, fragte Robert.

Der Gnom grinste. „Es gibt doch nur einen Namenlosen Magier“, argumentierte er dagegen. „Und ihr habt zusammen zwei Kugeln. Ich finde, das ist mehr als genug. Aber was die Blitze und die Zauberstäbe angeht, so möchte ich euch doch in einer Hinsicht warnen! Benutzt sie nicht zu häufig, denn jeder Blitz, den ihr sendet, wird euch von der persönlichen Lebensenergie abgezogen. Und ihr wollt doch im nächsten Level nicht unbedingt alt und gebrechlich aussehen! Aber genau das würde passieren, wenn ihr eure Blitzkraft wahllos und zu jedem nur erdenklichen Angriff benutzt! Und nun durchschreitet das Tor.“

Kaum hatte er das gesagt, war der Gnom auch schon wieder verschwunden.

Die beiden Zauberstäbe fielen zu Boden. Brenda und Robert nahmen sich je einen.

*

Brenda und Robert durchschritten das Flammentor. Auf der anderen Seite lösten sich die Nebel rasch auf. Dahinter zeigte sich eine völlig veränderte Welt. Sie entsprach dem, was Brenda und Robert im Hexenfeuer gesehen hatten. Es war heller Tag. Auf einer Klippe nahe dem Meer ragten die Mauern einer Burg empor. Davor erstreckten sich grüne Wiesen unter einem strahlend blauen Himmel.

„Spürst du noch den Einfluss der Hexe?“, fragte Brenda, während sie sich der Burg näherten.

Er sah sie verwundert an und schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin vollkommen frei in meinen Entscheidungen“, behauptete er.

„Könntest du dir vorstellen, Jarmila nicht zu befreien?

Ich meine nur theoretisch...“

Er schwieg. Sein Gesicht bekam plötzlich einen gequälten Ausdruck.

„Warum sollten wir über diese Möglichkeit nachdenken?“, fragte er.

Also doch! , erkannte sie. Der Einfluss, den die Hexe auf Roberts Geist genommen hat, ist auch auf dieser Ebene noch wirksam.

„Sie hat dich verhext, Robert! Sonst wäre dir das nicht so wichtig!“

„Wir haben zu dem Thema doch alles gesagt!“, fand Robert.

Und was wäre, wenn er sich tatsächlich nur in diese Jarmila verliebt hat? , fragte sie sich. Wäre dir das wirklich lieber?

Das Tempo, das Robert vorlegte, war ziemlich schnell und Brenda hatte Mühe mitzuhalten. Sie schob das auf die unterschiedlichen Kraftreserven, die ihnen von der Hexe eingeflößt worden waren.

Dann erreichten sie schließlich die Burg.

Zunächst wirkte sie verlassen.

Dich dann erschienen plötzlich ein paar Wächter. Sie hatten die Gestalt von geflügelten Affen, waren etwa einen Meter fünfzig groß und trugen Helme, Dreizacke und tunikaartige Gewänder.

Von den Zinnen blickten sie misstrauisch herab.

Schließlich rief ihr Anführer: „Heh, ihr dort! Da ihr beide Zauberstäbe bei euch tragt, müsst ihr jene Zauberer sein, die sich zum magischen Duell mit unserem Herrn verabredet haben!“

„Die sind wir!“, stimmte Robert zu. „Also lasst uns herein! Öffnet das Tor!“

„Dieses Tor ist schon seit ewigen Zeiten nicht mehr geöffnet worden!“, antwortete der geflügelte Affe.

Das Holztor verschwand und machte festem Mauerwerk Platz.

„War das Tor nur eine Illusion oder ist das, was wir jetzt sehen die Täuschung?“, fragte Brenda. „Wir haben es mit der Burg eines Magiers zu tun, da müssen wir mit allem rechnen.“

„Hauptsache, wir kommen da schnell herein und können unsere Aufgabe erledigen“, erwiderte Robert.

„Jarmila?“, fragte sie.

Er sah sie an. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn.

„Es tut mir leid, aber ich kann einfach nicht anders. Ich muss fortwährend an sie denken.“

„Das geht so, seit die Hexe dich berührt hat, nicht wahr?“

„Ja“, gab er zu. Er wirkte niedergeschlagen. „Aber hier, auf dieser Ebene ist es noch weitaus schlimmer geworden!“ Sie kamen nicht mehr dazu, weiter darüber zu reden, denn in diesem Augenblick flatterten zwei Dutzend der geflügelten Affen von den Burgzinnen herab. Aber anstatt zu landen, packten sie Robert und Brenda an Armen und Beinen. „Wir bringen euch zu unserem Herrn!“, riefen sie und flatterten wieder empor.

Im nächsten Moment hatten Robert und Brenda keinerlei festen Boden mehr unter den Füßen.

Die geflügelten Wächter brachten sie in den Innenhof der Burg und setzten sie vorsichtig ab.

Ein Mann in einem dunklen Umhang stand dort. Er hatte kein einziges Haar auf dem Kopf und sein Mund wurde von einem Knebelbart umgeben. Die Augenbrauen wirkten sehr kräftig und beschrieben jeweils einen nach oben gerichteten Bogen.

Robert schluckte unwillkürlich.

„Erkennst du mich wieder?“, fragte der Mann.

„Der Gothic-Opa, der mir dieses Teufelsspiel verkauft hat!“, stellte Robert mit bitterem Unterton fest.

„Ja, Teufelsspiel ist eine gar nicht so verkehrte Bezeichnung.“ Er wandte sich Brenda zu. „Wie schön, dass dein Freund noch eine zweite Seele mit ins Verderben gezogen hat!“

„Du nennst dich Namenloser Magier – aber wie heißt du wirklich?“, fragte Robert.

„Ich trage viele Namen und trete an vielen Orten gleichzeitig auf. Aber überwiegend bin ich Garabos, ein Oberdämon des Höllenreichs.“ Er lachte schallend. „Seht euch diese Burg an! Die Umgebung erinnert eher an ein verlorenes Paradies, als an eine Hölle. Es bedarf einer großen Menge an Energie, um so etwas hier zu erhalten! Seelen kraft!“ Er lachte schallend. „Ich sammle Seelen und das Spiel, das ihr unter dem Namen Hellgate kennt, ist ein Mittel dazu. Es gibt keine Escape-Funktion, es sei denn, ihr könntet mich besiegen. Es ist erstaunlich, wie lange ihr durchgehalten habt. Die meisten erliegen schon den Herausforderungen auf dem unteren Level. Dennoch, hier ist eure Reise zu Ende. Ihr werdet das sein, was ihr in Wahrheit die ganze Zeit schon wart. Verdammte Seelen, gefangen in einem Reich des Bösen.“ Garabos nahm plötzlich eine Haltung ein, die an die Kampfstellung eines Kung Fu-Kämpfers erinnerte. Das Gesicht wirkte grimmig und entschlossen.

„Verlängern wir euer Leiden nicht unnötig. Denn unerfüllbare Hoffnungen bedeuten Leiden. Ihr seht also, dass ich durchaus meine menschliche Seite habe!“ Eine Handbewegung folgte.

Blitze fuhren aus den Fingern des Magiers. Sie trafen Brenda und Robert gleichzeitig. Sie wurden zu Boden geworfen.

Robert glaubte zu spüren, wie die ungeahnte Kraft, die er seit der Berührung durch die Hexe in sich gespürt hatte, sogleich um mindestens die Hälfte reduziert worden war. Er rappelte sich auf. Brenda hatte mehr Schwierigkeiten damit.

Sie schien bereits der erste Angriff des Magiers an den Rand des Todes gebracht zu haben. Sie war blass und ihr Gesicht wirkte eingefallen.

Robert wollte zu der Pistole mit der geweihten Kugel greifen.

Tu das nicht! , meldete sich plötzlich eine Stimme in ihm.

Es war die Hexe. Sie schien tatsächlich immer noch eine Verbindung zu seinem Geist zu haben. Nicht jetzt jedenfalls.

Du musst ihn erst geschwächt haben, sonst verfehlt auch die geweihte Kugel ihre Wirkung!

Das hätte mir der Gnom auch sagen können! , ging es Robert ärgerlich durch den Kopf.

Die Gedankenstimme der Hexe lieferte ihm jedoch eine sehr einleuchtende Erklärung dafür, dass er es nicht getan hatte: Diesmal hat er anders gewettet!

Robert benutzte den Zauberstab.

Konzentriere deine Kräfte. Alle auf einen Punkt und in einem Moment. Du hast genug Kraft, um ihn besiegen zu können.

Ich weiß es, sonst hätte ich dich niemals mit der Aufgabe betraut, Jarmila zu befreien!

Ein Blitz fuhr jetzt aus Roberts Zauberstab. Er traf den Magier und warf ihn mehrere Meter zurück, bis er gegen die Wand jenes Turmes prallte, von dem Robert gesehen hatte, dass die schöne Jarmila dort gefangen gehalten wurde.

Der Magier war überrascht.

„Ah, ich spüre da eine fremde Energie in dir... Ich hätte gleich darauf kommen sollen...“

Er hob die Hände für den magischen Angriff. Doch diesmal wartete Robert nicht ab. Alles in einem Moment, alles auf einen Punkt!

Gleichzeitig zuckten Blitze aus Roberts Stab und den Fingern des Magiers. Es war jetzt ein offenes magisches Duell. Für Augenblicke glaubte Robert, dass sämtliche Lebenskraft seinen Körper verließ. Aber er versuchte durchzuhalten. Diesen Magier zu besiegen war die einzige Möglichkeit um diese Welt jemals wieder verlassen zu können.

Doch daran dachte Robert jetzt nicht. Er konzentrierte sich nur auf den Impuls, den er in Richtung seines Gegners schickte.

Beide sanken dann plötzlich ermattet zu Boden.

Sie brauchten Erholung.

Der Namenlose Magier schien mit diesem massiven Widerstand nicht gerechnet zu haben.

Robert wiederum hat nicht geahnt, welche Kräfte in ihm steckten. Aber es waren nicht seine Kräfte und das war ihm durchaus schmerzlich bewusst.

Brenda versuchte ebenfalls einen Angriff. Doch der Magier hob nur die Hand und parierte ihre magische Attacke mit links. Brenda taumelte zu Boden. Der Magier atmete schwer.

Erneut wandte er sich Robert zu. Noch einmal prallten die magischen Energien aufeinander. Diesmal nur für kurze Zeit, denn beide Kontrahenten brauchten jetzt weitaus früher eine Pause.

Nimm die Pistole!

Robert tat, was die Stimme sagte.

Der Magier hob noch die Hand. Robert drückte ab. Die Kugel durchzuckte ein Feld aus Blitzen der magischen Energie, das jedoch nicht mehr stark genug war, um das Projektil aufzuhalten. Es traf den Magier im Oberkörper. Mit überraschtem Gesicht starrte er Robert an, bevor er schließlich transparent wurde und sich auflöste.

Im nächsten Moment war er nicht mehr existent.

Kapitel 12: Jarmila

Langsam erholten sich Brenda und Robert.

„Wir haben es wirklich geschafft“, sagte er. „Der Namenlose Magier ist besiegt!“ Er trat zu Brenda und half ihr auf. Ein mattes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie hatte zu viel Kraft eingebüßt, um sich richtig freuen zu können.

Die geflügelten Affen wirkten etwas desorientiert und verzogen sich auf die Wehrgänge. Misstrauisch beobachteten sie, was nun geschah.

Das zugemauerte Tor veränderte sich. Die Mauer barst und eine Öffnung von etwa einem Meter mal einem Meter entstand.

Dahinter war der Blick frei auf...

„Sieh nur!“, rief Brenda und streckte den Arm aus. „Die Couch, das Poster... Hey, das ist dein Zimmer!“ Sie fasste ihn bei der Hand und wollte ihn mit sich ziehen. „Robert, das ist die Escape-Funktion!“ Aber Roberts Gesicht wurde starr.

Er blieb stehen. „Etwas ist noch zu tun“, sagte er.

„Du wirst jetzt nicht hier bleiben, um dieser Hexe gegenüber ein Versprechen einzulösen, das ja wohl alles andere als freiwillig gegeben wurde!“

Doch Robert hörte sie gar nicht.

Er ging mit stieren Augen auf die Tür des Turms zu. Seine Schritte wirkten entschlossen. Brenda nahm alle ihre Kräfte zusammen und stellte sich ihm in den Weg.

„Nein, Robert!“

Aber sie spürte, dass er einer fremden Macht gehorchte und sie ihn nicht erreichen konnte.

Er packte sie grob und warf sie zu Boden. Funken sprühten dabei. Die magischen Kräfte, die Robert erfüllten, waren den ihren haushoch überlegen. Sich ihm in den Weg stellen zu wollen war sinnlos. Sie kauerte kraftlos am Boden und war ähnlich benommen wie nach der Attacke durch den Magier.

Robert streckte die Hand mit dem Zauberstab aus. Blitze fuhren in die Tür zum Turm. Sie wurde aus den Halterungen gerissen und über die Brustwehr in Richtung Meer geschleudert. Man hörte noch, wie sie an den Klippen zerschellte.

Dann betrat Robert das Innere des Turms.

Jarmila! Er war nicht fähig, irgendetwas anderes zu denken. Seltsamerweise wusste er, wo er hinzugehen und nach der Gefangen zu suchen hatte.

Schließlich hatte er die letzte Tür zu ihrem Gefängnis geöffnet. Sie war an die Wand gekettet – so wie er es im Hexenfeuer gesehen hatte.

Er streckte die Hand mit dem Zauberstab aus.

Instinktiv schien er zu wissen, was getan werden musste.

Es war so, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan, als mit magischen Energien zu jonglieren.

Ein Blitz zuckte aus dem Zauberstab heraus, teilte sich und traf jeweils die Eisenmanschetten, mit denen Jarmilas Handgelenke fixiert waren.

Die Ketten sprangen auf.

Robert senkte den Stab.

„Jarmila!“, stieß er hervor. „Du bist frei! Der Namenlose Magier existiert nicht mehr und es gib keinen Grund mehr, sich zu fürchten.“

Jarmila rieb sich einen Moment lang die Handgelenke. Sie war schön. Aber in ihren Augen glitzerte es kalt. Robert bemerkte davon jedoch nichts. Er starrte sie an, wie ein Weltwunder. Dass draußen die vielleicht einmalige Chance wartete, diese Welt verlassen zu können, hatte er fast vergessen.

„Du Narr!“, sagte Jarmila und ihre Stimme klirrte dabei wie Eis.

Sie trat an ihn heran. Er war völlig verzaubert von ihrer Gegenwart. Sie berührte ihn leicht an der Schläfe und Robert spürte, wie die Kraft, mit der ihn die Hexe ausgestattet hatte, verließ.

Jarmila lachte schallend.

Ihr Körper veränderte sich.

Für einen Moment nahm sie die Gestalt der Hexe an.

„Erkennst du mich nicht?“, fragte sie. „Wir sind uns begegnet – im Wald einer anderen Ebene!“ Ein irres Kichern kam aus ihrem lippenlosen Mund. Dann verwandelte sie sich abermals. Sie wurde zu jenem riesigen Schlangenwesen, das ihre wahre Gestalt sein musste.

„Deine Seele gehört jetzt mir. Und da du mir außerdem den Gefallen getan hast, den Namenlosen Magier zu töten, werde ich jetzt seine Stelle einnehmen. Lange habe ich auf diesen Moment gewartet.“

Das Schlangenmaul mit dem einen, Säure triefenden Giftzahn öffnete sich.

Robert stand unbeweglich da. Er war wie hypnotisiert und unfähig, sich zu bewegen.

In diesem Moment ertönte ein Knall.

Brenda stand an der Tür. Sie hatte sich mit letzter Kraft her geschleppt und die Pistole mit der geweihten Kugel abgefeuert.

Der Schuss traf den Kopf der Riesenschlange. Den Schutzschirm aus blitzender magischer Energie hatte dieses Projektil offenbar ohne Schwierigkeiten durchdringen können.

Noch ehe der Schlangenkörper zu Boden fiel, wurde er transparent und löste sich in nichts auf.

*

Ein Ruck ging durch Robert. „Was tue ich eigentlich hier?“, murmelte er.

„Ist das jetzt noch wichtig?“, fragte Brenda. Sie wirkte erleichtert und nahm in bei der Hand. „Komm. Ich weiß nicht, ob das Tor, durch das wir zurück können, überhaupt noch offen ist. Jedenfalls glaube ich nicht, dass wir diese Chance sehr lange haben werden.“ Robert nickte.

„Du hattest recht!“, sagte er. „Ich meine, was Jarmila und die Hexe betrifft.“

„Sie waren ein und dieselbe Person!“

„Ja.“

Sie verließen den Turm.

Draußen hatte sich die Witterung verändert. Über dem Meer waren düstere Wolkengebirge aufgezogen und die ersten Blitze schossen daraus hervor – untermalt von einem dunklen Donnergrollen.

Robert und Brenda erreichten das Loch im Tor.

Bevor sie hindurch gingen, zögerte Robert.

„Was ist noch?“

Er zog den Dolch und Rapier aus dem Gürtel und warf sie von sich. „Wir sollten zurücklassen, was hier her gehört.“ Die Pistole folgte.

Brenda nickte und tat es ihm gleich.

Dann stiegen sie durch das Loch. Es wurde ihnen beiden schwarz vor Augen. Ein Strudel aus Farben und Formen zog sie beide in sich hinein.

*

Wenig später fanden sie sich in Roberts Zimmer wieder.

GAME OVER stand auf dem Bildschirm. Und darunter die Frage: MÖCHTEST DU EINE ZWEITE RUNDE SPIELEN?

„Bestimmt nicht!“, gab Robert die Antwort, nachdem er einigermaßen begriffen hatte, dass er sich tatsächlich wieder in der Realität befand.

Brenda strahlte ihn an. Sie betastete sich selbst, ihre Arme, Beine und den Stuhl, auf dem sie saß, so als könnte sie es kaum fassen.

„Wir sind zurück!“ rief sie.

„Ja.“

Sie sprang auf. Robert war bereits aufgestanden und hatte den Datenträger aus dem Rechner genommen und in die Verpackung gelegt.

Im Überschwang umarmte sie ihn.

„Ich kann es noch gar nicht fassen!“

„Ich auch nicht“, gab er zu. „Es erscheint mir alles wie ein böser Alptraum.“ Er strich ihr sanft über das Haar.

„Aber etwas Gutes hatte die Sache schon.“

„So?“

„Wir haben gesehen, dass wir uns aufeinander verlassen können, Brenda.“

Sie nickte. „Ja, das stimmt.“

Er lächelte. „Eigentlich wollen wir ja lernen...“ Sie löste sich von ihm und sah auf die Uhr. Dann lächelte auch sie. „Das können wir auch immer noch! Sieh nur! Es ist eine Minute nach halb sechs!“

Robert stutzte, sah erst auf seine Armbanduhr, dann auf den Wecker, der ihn jeden Morgen aus dem Schlaf klingelte.

„Während unseres Aufenthaltes in der Hölle ist hier die Zeit stehen geblieben!“, stellte er fest.

Brenda lächelte. „Das erspart uns erstens ein paar lästige Fragen unserer Eltern danach, wo wir in den letzten Tagen waren und zweitens...“

Robert seufzte.

„Ich ahne es!“

„... haben wir tatsächlich noch eine realistische Chance deinen ganz persönlichen Endgegner zu bezwingen – und der heißt in diesem Fall Mathematik!“ Sie lachte. „Da sollst du mal sehen, dass du dich in der Realität auf mich verlassen kannst! Lass uns gleich anfangen!“

„Einen Moment!“, widersprach Robert. Er nahm das Spiel samt Verpackung in die Hand. „Was machen wir damit?“

„Vernichten würde ich sagen.“

Robert nickte. „Es ist allerdings fraglich, ob das was nützt... Es gibt so viele, denen der Gothic-Opa Kopien verkauft hat!“

„Aber du hast ihn besiegt!“, erinnerte sie ihn. „Und vielleicht stimmt es ja, dass alle Kopien dieses Spiels dieselbe magische Welt teilen.“

„Ich werde trotzdem die Augen offen halten, ob mir dieser Typ irgendwann noch einmal über den Weg läuft!“, versprach Robert. Er nahm die DVD aus der Packung und zerbrach sie.

ENDE

Fahrstuhl in die Hölle

Tony Ballard Band 8

von A. F. Morland

1

Es wäre alles anders gekommen, wenn Edward Tagger eine halbe Stunde länger bei seinen Freunden geblieben wäre.

Aber es hatte ihn plötzlich zum Aufbruch gedrängt, er hatte genug vom Rauch und vom Whisky gehabt und war schläfrig geworden.

Er sehnte sich nach seinem Bett, verließ die Freunde, die ihn belächelten, weil er der erste war, der für diese Nacht die Segel strich. Er setzte sich in ein Taxi, ließ sich quer durch New York fahren und betrat um Mitternacht das Haus, in dem er wohnte.

Immer noch beschwipst trat er an die Fahrstuhltür.

Er legte den Daumen auf den Rufknopf.

Irgendwo begann die Liftmaschine zu summen. Der Fahrkorb sank von oben herab.

Tagger verfolgte die wechselnden Lichter der Etagenanzeige.

Augenblicke später hatte der Fahrstuhl das Erdgeschoss erreicht.

Tagger roch sofort, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Er rümpfte die Nase. Es stank penetrant nach Fäulnis. Nach Schwefel. Nach Ruß. Nach beißendem Rauch.

Er trat auf die Lifttür zu.

Da fiel ihm auf, dass aus allen Ritzen gelber Qualm sickerte.

Er hatte den Eindruck, der Fahrkorb würde brennen. Der Gestank schwebte auf ihn zu, umhüllte ihn. Er hustete, fuchtelte mit den Händen herum, wurde mehr und mehr eingenebelt.

Plötzlich konnte er kaum noch etwas von seiner Umgebung erkennen.

Seltsamerweise war die Sicht auf die Lifttür wesentlich besser.

Sein vom Alkohol benebelter Geist versuchte dafür eine plausible Erklärung zu finden. Aber er war auch zu müde, um noch glasklar denken zu können.

Mit von Ekel verzerrtem Gesicht fasste er sich an die Kehle. Seine Augen begannen zu tränen. Ihm wurde übel. Beinahe hätte er sich erbrochen.

Da summten die Lifttüren langsam auseinander.

Dicker Rauch wehte ihm geisterhaft entgegen. In vielen Farben schillernd. Bräunlich dicht über dem Boden. Etwas höher wurde der Qualm dann rosa und darüber waren zarte Grüntöne zu sehen.

Edward Tagger wankte zurück.

Er rang nach Luft.

Aber irgendetwas war hinter ihm, das nicht zuließ, dass er sich zu weit von dem Fahrstuhl entfernte. Es war ihm, als würden sich im Qualm Hände formen. Hände, die er nicht sehen konnte. Hände, die jedoch verhinderten, dass er weitere Schritte nach hinten machte.

Sie drückten ihn nun langsam auf den offenen Fahrkorb zu.

Alles um ihn war so entsetzlich unwirklich. Es fiel ihm schwer, zu begreifen, dass er nicht träumte, dass er wach war.

Er verstand nicht, was mit ihm geschah.

Mit steifen Schritten näherte er sich dem wartenden Fahrstuhl.

Plötzlich teilte sich der wabernde Nebel. Er sah das hübsche Gesicht eines betörenden Mädchens.

Sie war noch sehr jung. Ihr Haar war von reinem Gold. Es schimmerte da, wo es auf ihren wohlgerundeten Schultern lag.

Tagger trat auf sie zu.

Er erkannte, dass das Mädchen einen geistesabwesenden, vielleicht sogar verstörten Eindruck machte. Das blonde Geschöpf stand mitten im tanzenden Nebel und starrte mit geweiteten Augen zu Boden.

Jetzt hatte Tagger die Lifttür erreicht.

In dem Moment, wo er den Fahrstuhl betreten wollte, hob das Mädchen den Blick.

Sie sah ihn nun zum erstenmal. Und namenlose Furcht verzerrte ihr hübsches Antlitz. Sie riss verstört den Mund auf und stieß grelle Angstschreie aus.

Und plötzlich griff sie ihn an, als müsse sie ihr Leben verteidigen, als hätte sie um ihr Leben zu fürchten.

Sie stemmte sich von der Rückwand des Lifts ab und sprang wie vom Katapult geschleudert auf Edward Tagger zu.

Verblüfft wollte er sie auffangen, und er breitete schon seine Arme aus.

Da sah er die Axt in der Hand des wahnsinnigen Mädchens.

Jetzt schrie auch er.

Die Axt flog blitzend hoch und sauste nieder.

Taggers Geschrei verstummte.

Er brach getroffen zusammen, während das seltsame Mädchen über ihn hinwegsprang und wimmernd aus dem Haus rannte.

2

Dr. Frank Esslin, ein hagerer Mann mit kultivierten Manieren, schälte sich aus seinem braunen Dodge, den er auf dem Parkplatz für Privatbesucher des Krankenhauses abgestellt hatte.

Esslin arbeitete für die Weltgesundheitsorganisation, kurz WHO genannt.

Ein einträglicher, äußerst interessanter Job, der ihn viel in der Welt herumkommen ließ.

Zuletzt war er in der Südsee gewesen.

Nun war er wieder daheim in New York. Was er an Material aus Ozeanien mitgebracht hatte, musste nun allmählich aufgearbeitet werden. Darüber wollte Esslin aber nicht vergessen, dass er auch ein Mensch war. Ein Mensch mit Freunden. Ein Mensch, der die Geselligkeit liebte.

Deshalb war es nicht verwunderlich, und es kam auch nicht selten vor, dass Esslin noch um Mitternacht bei irgendeinem Freund auftauchte, um mit ihm die Nacht zum Tag zu machen.

Frank Esslin betrat das Krankenhaus.

Stille herrschte. Bis auf einige Ausnahmen. In einem Zimmer stöhnte ein Sterbender. Man hatte ihn isoliert. Man hatte ihn aufgegeben. Was nun auf ihn zukam, musste er allein durchstehen.

Esslin machte, dass er an der geschlossenen Tür vorbeikam.

Für ihn als Arzt hätte es eigentlich nicht schrecklich sein dürfen, wenn ein Mensch starb. Es war ein biologisch richtiger Ablauf. Irgendwann nach der Geburt kommt für jeden der Tod.

Trotzdem berührte Esslin die Todesstunde eines Menschen jedesmal wie eine eiskalte Hand, die sich in seinen Nacken legte und fest zusammendrückte.

Eine Gänsehaut bildete sich auf seinem Rücken. Er ging schneller. Seine Schritte hallten durch den langen Korridor.

Das Stöhnen blieb zurück.

Esslin atmete erleichtert auf. Er lief fast immer weg, wenn er nicht mehr helfen konnte. Es war ihm unerträglich, zuzusehen, wie es mit einem Menschen zu Ende ging.

Er bog in einen Quergang ein.

Über die Treppe kam ihm ein hohlwangiger Kerl entgegen. Der Mann starrte ihn kurz an. Dann wandte er sich ab und verschwand in der Tür, die zur Leichenkammer führte.

Im ersten Stock klopfte Esslin an eine Tür.

»Herein!«, rief jemand dahinter.

Esslin öffnete die Tür und trat ein.

Im Raum war es dunkel. Nur der Schreibtisch und ein paar Zentimeter darum herum waren erhellt. Die Pilzlampe strahlte durch den gläsernen Schirm grünes Licht zur Decke.

Der Mann am Schreibtisch hob den Kopf.

Er war breitschultrig, wirkte nicht wie ein Arzt, obwohl er der beste Chirurg des Krankenhauses war. Er sah eher wie ein Metzger aus. Seine Hände waren rot und groß wie Tennisschläger. Sein Gesicht war breit und unfreundlich. Aber Esslin wusste trotzdem, dass er hier herzlich willkommen war. Von diesem Gesicht durfte man sich nicht abschrecken lassen. Diese Miene war nicht so gemeint, wie sie wirkte.

Der Mann sprang lachend auf.

Er trug einen weißen Ärztekittel.

Sein Name war Dickinson Boyd.

Lachend kam er um den Tisch herum. Auf dem Weg zu Frank Esslin machte er im Vorbeigehen Licht. Dann lief er mit ausgebreiteten Armen auf Esslin zu und umarmte ihn wie einen Bruder, den er lange Zeit nicht mehr gesehen hatte.

»Frank!«, rief er begeistert. »Mensch, das ist vielleicht eine gelungene Überraschung! Frank Esslin. Altes Haus! Verdammt nett, dich wiederzusehen. Wirklich sehr nett.«

Er wies auf einen Sessel.

»Komm, setz dich, Frank.«

»Danke, Dick.«

»Wie war’s in der Südsee? Bist braungebrannt wie ein Neger.«

»Es war herrlich da.«

»Was willst du trinken, Frank?«

»Alles... außer Wasser. Davon kriegt man Läuse im Magen, habe ich mir sagen lassen!«

Dr. Boyd, Esslins Studienkollege, lachte schnarrend.

»Du hast dich überhaupt nicht verändert, Frank.«

»Du tust ja gerade so, als wäre ich zehn Jahre weg gewesen.«

»Wie lange haben wir uns nicht gesehen?«

»Es werden etwa zwei Monate sein.«

»Nur zwei Monate? Mir kam es wesentlich länger vor.«

»Das liegt wahrscheinlich an dir«, grinste Frank Esslin.

Dr. Boyd brachte zwei Martinis und setzte sich Esslin gegenüber. Sie tranken auf das Wiedersehen.

»Seit wann bist du wieder daheim, Frank?«, fragte Dickinson Boyd.

»Seit drei Tagen.«

»Schon wieder bis über die Ohren in Arbeit?«

»Wie könnte es anders sein«, erwiderte Esslin achselzuckend. »Aber das Vergnügen wollen wir doch nicht ganz unter den Tisch fallen lassen, wie?«

»Aber natürlich nicht. Wir könnten zusammen ‘ne Sause machen.«

»Wann?«, fragte Esslin sofort.

»Noch heute, wenn du Wert darauf legst.«

»Ich lege!«, lachte Frank Esslin. »Ehrlich gesagt, genau deshalb bin ich hier. Ich habe um elf den Portier angerufen und ihn gefragt, ob Dr. Boyd im Hause wäre, weil sich bei dir zu Hause niemand gemeldet hat. Er sagte, ja. Ich fragte ihn, wie lange du heute Nacht Dienst haben würdest. Da sagte er: Bis Mitternacht. Nun, Dick, es ist Mitternacht. Das heißt, du hast Feierabend. Was tun wir nun mit dem angebrochenen Abend?«

»Wir könnten erst mal einen Happen essen gehen.«

»Okay«, sagte Frank Esslin.

»Und dann könnten wir ein paar Girls aufreißen. Was hältst du davon? Ich hätt’ mal wieder Lust darauf.«

»Tja, wenn das so ist, dann würde ich vorschlagen, dass du gleich mal die Koffer packst.«

»Noch einen Drink, Frank. Hier ist das Zeug billiger als in der Bar.«

Boyd brachte noch zwei Martinis.

Er forderte den Freund auf, ihm von der Südsee zu erzählen, was er da so getrieben hätte, welches seine Eindrücke gewesen wären, wie es ihm gefallen hätte und was er alles erlebt hätte.

Erlebt hatte Esslin einiges.

Gravierende Dinge. Böse Dinge. Er hatte das Abenteuer schlechthin kennengelernt.

»In Papeete«, begann Frank Esslin nachdenklich und sich an jedes Detail genau erinnernd, »machte ich die Bekanntschaft eines ganz außergewöhnlichen Mannes, Dick. Er ist Engländer...«

Boyd lachte.

»Was ist an einem Engländer schon außergewöhnlich. Also ich kenne da nur verzopfte Idioten.«

»Tony Ballard ist kein verzopfter Idiot!«, sagte Esslin und schüttelte heftig den Kopf. »Ich wollte, du würdest diesen Mann kennenlernen. Ich habe an seiner Seite ein Abenteuer durchgestanden, das mir hier keiner glauben würde, Dick. Nicht mal du, obwohl du weißt, dass ich dich niemals belügen würde. Es ist zu phantastisch, zu verrückt. Jeder würde an meinem Geist zweifeln, wenn ich davon spräche.«

Boyds Augen nahmen einen neugierigen Glanz an.

»Davon musst du mir unbedingt mehr erzählen, Frank. Ich bin richtiggehend gespannt, was du mit diesem Ballard erlebt hast. Der Mann scheint wirklich mächtigen Eindruck auf dich gemacht zu haben.«

»Er ist der außergewöhnlichste Mensch, dem ich jemals begegnet bin, Dick.«

»Donnerwetter, das klingt ja beinahe ehrfürchtig«, lachte Dickinson Boyd.

»So soll es auch klingen«, sagte Esslin ernst.

Boyd erhob sich.

»Was war denn da auf Tahiti, Frank?«

»Du wirst mich vermutlich auslachen, obwohl ich die Wahrheit sage.«

»Nun mach es nicht gar so spannend. Versuch’s mal. Vielleicht glaube ich dir sogar. Und wenn nicht – was macht es schon aus, wenn ich lache? Lachen tut nicht weh.«

Boyd öffnete seinen weißen Kittel. Er streifte ihn ab. Sein Bauch wölbte sich weit über die Hose.

»Du hast zugenommen, Dick.«

»Wie soll jemand, der Dick heißt, nicht zunehmen?«, lachte Esslins Freund. »Aber das kommt alles wieder weg. Ich hab’ mir eine recht brauchbare Ernährungsfibel gekauft...«

»Sag mal, Dick, was hältst du eigentlich von Geistern und Dämonen?«, fragte Frank Esslin scheinbar völlig unmotiviert.

»Was soll ich schon davon halten?«, fragte Dr. Boyd achselzuckend. »Ich denke darüber wie jeder normale Mensch: Es ist reiner Quatsch.«

Esslin nickte.

»Aha.«

»Bist du etwa anderer Meinung, Frank?«, fragte Boyd beinahe amüsiert.

»Ich glaube«, erwiderte Frank Esslin, während er den Freund sinnierend ansah, »wenn du so darüber denkst, hat es wohl keinen Sinn, dir von meinem Abenteuer zu erzählen.«

Boyd streifte sein Jackett über die breiten Schultern.

»Nun mach aber wirklich ‘nen Punkt, Frank. Willst du damit etwa sagen, du und dieser Tony Ballard... ihr zwei habt ein Abenteuer mit Geistern und Dämonen gehabt?«

Esslin blickte seinen Freund ernst und durchdringend an.

»Das will ich nicht bloß sagen. Dick! Das ist so!«

3

Nach dem Mord an Edward Tagger taumelte das Mädchen wie eine Schlafwandlerin die menschenleere Straße entlang.

Es hatte den Anschein, als hätte sie überhaupt nicht mitbekommen, was sie getan hatte.

Taggers Blut klebte an der Axt, die sie fest umklammert hielt.

Sie wankte mit schmerzverzerrtem Gesicht um die nächste Ecke.

Ihr Spiegelbild in der hohen Auslagenscheibe erschreckte sie zu Tode. Sie schnellte davor zurück, stöhnte, weinte und lief weiter.

Ihr Hals schien von einer unsichtbaren Faust zugeschnürt zu sein.

Sie röchelte und krümmte sich. Sie zitterte, und sie musste in immer kürzer werdenden Abständen stehen bleiben. Dann lehnte sie sich gegen die Mauer eines Hauses, während sie gurgelnde Laute ausstieß und den erschreckenden Eindruck erweckte, als würde sie noch in dieser Stunde sterben.

Sie kam bis zum Montefiore Cemetery.

Weiter konnte sie sich nicht mehr schleppen. Mit fahlem Gesicht und grauen Wangen lehnte sie an der hohen Friedhofsmauer.

Die Axt wollte ihren Fingern entgleiten, doch als das Mädchen das merkte, krampften sich ihre Finger sofort wieder fest um den Stiel.

Schritte kamen auf sie zu.

Ganz langsam sank sie an der Friedhofsmauer nach unten. Ihre Beine wollten sie nicht mehr tragen. Sie wirkte total entkräftet.

Ein dicker Cop mit gütig schimmernden Augen trat besorgt zu dem Mädchen.

»Kann ich Ihnen irgendwie helfen, Miss?«, fragte er sehr freundlich. Das Mädchen reagierte nicht.

»Miss!«, sagte der Cop besorgt.

Keine Antwort.

»Miss!«

Röcheln. Stöhnen.

»Um Himmels willen, Miss! Geht es Ihnen nicht gut?«

Der Cop bückte sich. Er griff nach der Schulter des Mädchens. Sie war eiskalt. Er faßte unter die Achseln. Seine Finger spürten nur Haut und Knochen. Das Mädchen war entsetzlich mager.

»Kommen Sie«, sagte der Uniformierte. »Kommen Sie, ich helfe Ihnen auf die Beine.«

Er hob das federleichte Ding hoch.

Sie wandte ihm den Kopf zu. Er erschrak. Diese Augen!, dachte er bestürzt. Welch fürchterliches Grauen müssen die schon gesehen haben.

Mit einemmal verzerrte das Mädchen in panischer Furcht sein Gesicht. Es kreischte entsetzt auf, stieß den Cop von sich, riss die Axt hoch und wollte ihn damit erschlagen.

Aber der Polizist war kräftig genug, um diesen neuerlichen Mord zu verhindern.

Er fiel dem Mädchen in den hochgeschwungenen Arm. Er packte die Hand, die die Axt hielt.

Er rang mit dem Mädchen, das für Sekunden ungeheure Kräfte entwickelte.

Doch schon nach wenigen Augenblicken verfiel sie. Der Cop entriss ihr die Axt.

Atemlos drehte er ihr beide Arme auf den Rücken. Sie ächzte mit gefletschten Zähnen auf.

»Das sind vielleicht Sachen!«, murrte der Polizist verblüfft. »Geht mit einer Axt los, um einen Polizisten zu erschlagen!«

Jetzt erst fiel ihm auf, dass an der Schneide bereits Blut klebte.

Kalter Schweiß trat auf seine Stirn.

»Ach, du meine Güte!«, stieß er erschrocken hervor. »Da... da hat vermutlich bereits einer dran glauben müssen.«

Das Mädchen schaute durch ihn hindurch.

Ihre Haut wurde allmählich welk.

Plötzlich begriff der Cop.

»Ausgerechnet mir!«, stieß er verstört hervor. »Ausgerechnet mir muss das passieren.«

Das Mädchen verfiel zusehends.

Der Cop wusste, was das zu bedeuten hatte. Als er das Mädchen losließ, fiel es röchelnd um.

Der Polizist rannte hastig davon. Er wusste zwar, dass dieses Mädchen nicht mehr zu retten war, aber er lief trotzdem zur nächsten Telefonzelle, um schnellstens einen Krankenwagen anzufordern.

4

Dickinson Boyd klatschte erfreut in die Hände. Er nickte dem Freund zu und bemerkte, dass er nun ausgehfertig wäre.

»Gleich nach dem Essen musst du mir dann von deinem Geisterabenteuer erzählen!«, sagte er schmunzelnd. »Wenn ein an und für sich ernst zu nehmender Mann wie du so etwas sagt, dann muss die Geschichte gewiss verflixt prickelnd sein.«

Frank Esslin erhob sich seufzend.

»Sie ist mehr als das, Dick. Sie ist schockierend.«

»Ich bin gespannt«, grinste Boyd. Dann traten sie auf den Korridor hinaus.

Sie wollten gerade losmarschieren, da hörten sie hastige Schritte hinter sich.

Die Freunde blieben stehen.

Dr. Boyd wandte sich mit erstaunt nach oben gezogenen Brauen um.

Eine Krankenschwester kam atemlos auf die Männer zu. Ihre veilchenblauen Augen drückten größtes Entsetzen aus.

»Dr. Boyd!«, presste sie keuchend hervor. »Dr. Boyd...«

Dickinson Boyd griff nach dem Arm der zitternden Schwester.

»Nun beruhigen Sie sich doch. Was ist denn passiert?«

»Eben wurde wieder so ein... so ein ... seltsamer Patient eingeliefert!«

Boyds Augen weiteten sich.

»Was?«

Die Schwester nickte.

»Diesmal ist es ein Mädchen.«

»Dieselben Symptome?«, fragte der Arzt hastig.

Wieder nickte die Schwester gehetzt.

»Haargenau dieselben Symptome, Dr. Boyd.«

»Wo liegt sie?«

»Auf Station eins.«

Boyd wandte sich an seinen Freund.

»Tut mir leid, Frank, ich kann jetzt nicht weggehen. Ich muß mir dieses Mädchen ansehen.«

»Darf ich mitkommen?«

»Natürlich«, sagte Boyd. Dann eilten sie mit der Krankenschwester nach Station eins.

Ein »seltsamer« Patient!, dachte Frank Esslin, während er genauso schnell ging wie sein Freund. Eben wurde »wieder«, so ein »seltsamer« Patient eingeliefert!, echote es in Esslins Kopf. Was hatte das zu bedeuten? Was konnte an einem Patienten schon seltsam sein?

Esslin fiel auch auf, dass die Schwester erwähnt hatte, diesmal wäre es ein Mädchen. Dann war der erste seltsame Patient also ein Mann gewesen. Was ging hier vor? Esslin war ungemein aufgeregt. Ein Blick nach dem verkanteten Gesicht seines Freundes sagte ihm, dass ihm schon in wenigen Augenblicken ein Schauspiel ganz besonderer Art geboten werden würde.

Sie erreichten die Station eins.

Die Krankenschwester warf die Tür auf.

Drei Ärzte wandten sich ruckartig herum. Ihre Blicke waren besorgt. Sie schauten Boyd geradezu entsetzt an.

Boyd nickte ihnen zu.

Dann trat er an das Krankenbett, in dem jenes Mädchen lag, von dem die Schwester gesprochen hatte.

Esslin stellte sich so, dass er alles genau beobachten konnte.

»Wann wurde sie eingeliefert?«, fragte Boyd, während er die Decke zurückschlug.

»Vor fünf Minuten«, sagte einer seiner Kollegen tonlos.

Frank Esslin blickte auf das nackte Mädchen.

Ihm drehte sich der Magen um. Der Körper sah schrecklich aus.

Jemand hatte ihn gefoltert. Schwerste Verletzungen bedeckten den gesamten Leib des Mädchens. Spuren von mörderischen Peitschenschlägen.

Doch das alles war nicht so grauenvoll anzusehen wie der verfallene Körper in seiner schrecklichen Gesamtheit.

Als Esslin in dieses Zimmer getreten war, hatte an diesem Mädchenkörper noch eine Spur von Jugend gehaftet.

Doch nun war davon nichts mehr zu sehen. Das Mädchen alterte vor den Augen der Männer. Und zwar unheimlich schnell. Die Haut bekam immer mehr Runzeln. Die Falten wurden immer tiefer. Das Fleisch trocknete buchstäblich auf den Knochen des Mädchens ein. Sie wurde innerhalb weniger Lidschläge zur furchterregenden Greisin. Und sie stieß markerschütternde Schreie aus, weil sie schreckliche Schmerzen litt.

Sie wand sich.

Sie musste Höllenqualen durchstehen.

Ihr hässlicher, knöcherner Schädel rollte auf dem weißen Kissen verzweifelt hin und her. Plötzlich fehlten ein paar Zähne aus ihrem Gebiss. Dann war der Mund zahnlos.

Eine dünne, trockene, zitternde Zunge hing hechelnd aus diesem Mund, strich über die grauen, papierenen Lippen.

Die Augen wurden erschreckend groß. Sie traten aus schwarzen Höhlen hervor.

Die Wangen fielen mehr und mehr ein.

Die Greisin jammerte und winselte. Keiner der umstehenden Ärzte vermochte ihr zu helfen.

Gebannt verfolgten sie das Ende.

Es kam erschreckend schnell. Plötzlich erstarrte der ausgemergelte, ausgetrocknete, lederne Körper in einem letzten Krampf.

Ein letzter wahnsinniger Schrei, der den Männern eiskalte Schauer über den Rücken jagte, entrang sich der spindeldürren Kehle.

Dann war es vorbei.

Aber dadurch war jener erschreckenden, verblüffenden Verwandlung noch nicht Einhalt geboten. Sie ging immer noch weiter.

Für Sekunden füllte sich der Raum mit Verwesungsgestank. Dann löste sich vor den Augen der Männer die Haut auf. Das restliche Fleisch fiel von den steifen Knochen ab. Bleich schimmerte das Skelett auf dem Laken.

Sekunden später wurden die Knochen grau. Sie überzogen sich mit einer seltsam fluoreszierenden Schicht.

Dann verging dieses Leuchten. Das Grau der Knochen wurde wesentlich intensiver. Das Gebein begann zu brechen, zu zerfallen, sich in Staub zu verwandeln.

Innerhalb weniger Sekunden war von dem Mädchen nichts anderes mehr übrig als ein kleines unscheinbares Häufchen grauen Staubes.

5

Frank Esslin trat zutiefst erschüttert aus dem Krankenzimmer.

Draußen zündete er sich eine Zigarette an. Er sog den Rauch tief in die Lunge, doch das half ihm nicht.

Er fühlte sich elend.

Es war zu scheußlich gewesen, was er miterlebt hatte.

Drinnen murmelten die Ärzte. Die Krankenschwester schluchzte. Das Erlebnis hatte ihre Nerven angegriffen.

Als sich Esslin die zweite Zigarette ansteckte, kam Dickinson Boyd auf den Korridor. Er holte tief Luft.

»Kann ich auch eine haben?«, fragte er halb erschlagen. Sein Gesicht war außergewöhnlich blass. Aber auch Esslin sah nicht besser aus. Keine Spur war mehr von der Südseesonne in seinem Antlitz.

»Wie?«, fragte Frank Esslin verwirrt.

»Eine Zigarette!«, sagte Dickinson Boyd heiser. »Gib mir bitte auch eine. Mir sind die meinen ausgegangen.«

»Natürlich«, murmelte Esslin. »Hier.«

Boyd bediente sich. Esslin gab ihm Feuer.

Nach den ersten Zügen sagte Dr. Boyd: »Das ist nun schon der dritte Fall, Frank.« Er schüttelte benommen den Kopf. »Du weißt, wie ich auf der Uni war. Ein Streber war ich. Und ich dachte bis vor ein paar Tagen, ich wüsste wirklich alles über den Menschen. Aber das hier... das hier übersteigt einfach meinen Horizont. Ich habe keine Erklärung dafür, verstehst du? Ich weiß nicht, wodurch diese entsetzliche Krankheit hervorgerufen wird. Ich meine, es ist doch verrückt, dass hier ein Mensch eingeliefert wird, der innerhalb weniger Minuten uralt wird und schließlich sogar zu Staub zerfällt. Das kann ich mir einfach nicht erklären, Frank.«

Sie begaben sich in Dickinson Boyds Büro.

Sie hatten beide keinen Hunger mehr. Der Appetit war ihnen gründlich vergangen.

Weder Esslin noch Boyd hatten jetzt noch den Wunsch, schick auszugehen.

Angesichts dieser makabren Tatsache war ihnen jegliche Lust hierfür vergangen.

Boyd goss zwei Gläser mit Bourbon bis an den Rand voll.

»Ich glaube, den können wir jetzt gut gebrauchen«, sagte er erschüttert. Dann ließ er sich ächzend in den weichen Sessel fallen.

Esslin blickte den Freund fassungslos an.

»Der dritte Fall ist das nun schon, sagst du?«

Boyd nickte niedergeschlagen.

»Der dritte. Alles war gleich. Die Patienten, es waren Männer, litten wahnsinnig, ehe sie starben...«

»Diese Verletzungen, die wir bei dem Mädchen gesehen haben...«

»Die hatten auch die beiden Männer«, fiel Dickinson Boyd dem Freund ins Wort. Dann trank er vom Bourbon. Er nahm einen kräftigen Schluck, um die vibrierende Unruhe in seinem Körper zu besänftigen.

»Erzähl mir mehr darüber, Dick!«, verlangte Esslin.

Der breitschultrige Arzt zuckte die nach vorn gesunkenen Schultern.

»Es ist immer dasselbe, Frank. Wenn sie hier eingeliefert werden, sind sie bereits nicht mehr zu retten. Wir können ihnen einfach nicht helfen. Wenige Minuten später liegt nur noch ein Häufchen Staub vor uns. Es ist irrsinnig, Frank. Einfach irrsinnig.«

»Diese Verletzungen«, sprach Esslin, »ich muss sie noch einmal erwähnen, Dick. Ich hatte den Eindruck, die Patientin wäre grausam gefoltert worden.«

Boyd nickte hastig.

»Alle drei wurden auf diese grässliche Weise gefoltert, Frank.«

»Von wem?«

»Keine Ahnung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass heutzutage jemand einen Menschen so bestialisch quält. Zu Zeiten der Inquisition war das an der Tagesordnung. Aber wir leben heute im zwanzigsten Jahrhundert.«

»Woher kommen diese seltsamen Menschen, Dick?«

»Keiner weiß es genau. Oder sagen wir, das sind Menschen wie du und ich, habe ich mir von der Polizei sagen lassen. Der erste Patient hieß Earl Jenkins. Ein Mechanikermeister drüben in Manhattan. Ein braver, arbeitsamer Mann. Der zweite hieß Porter Harrison. Schneider von Beruf. Keine Schrullen. Keine Feinde. Allseits beliebt. Und plötzlich taucht er in St. Albans auf. Drüben in Brooklyn. Taucht da auf, hat eine Axt in der Hand und erschlägt damit einen harmlosen nächtlichen Passanten.«

»Warum?«

»Keiner weiß das, Frank. Und keiner kann mehr mit diesen Leuten reden, wenn sie hierherkommen. Du hast es ja selbst erlebt.«

»Dieser Earl Jenkins, Dick...«

»Ja?«

»Hat der auch einen Mord begangen?«

»Das hat er, Frank. Er hat einen Blinden erschlagen. Ganz ohne Grund. Er hat den Mann überhaupt nicht gekannt, sagt die Polizei. Und er hat ihn auch nicht ausgeraubt. Hat ihn ›bloß‹ erschlagen.«

»Auch mit einer Axt?«, erkundigte sich Frank Esslin interessiert.

»Habe ich das zu erwähnen vergessen?«

»Ja, Dick.«

»Er hatte auch so ‘ne verdammte Axt.«

»Dann wird dieses Mädchen...«

»Mein Gott, Frank! Sprich es lieber nicht aus!«, sagte Dickinson Boyd. Er sprang auf, nahm sein Glas und ging damit zum Fenster. Verwirrt blickte er in den Anstaltsgarten hinunter. Dunkel standen die Büsche auf dem kurz geschnittenen Rasen. »Sprich es lieber nicht aus, Frank!«, wiederholte Boyd seufzend. Dann nahm er wieder einen großen Schluck Bourbon. Aber die erhoffte Wirkung stellte sich nicht ein. Vermutlich hätte Boyd eine ganze Flasche austrinken können, der Whisky konnte ihm einfach nicht helfen. Solange er denken konnte, würde er an dieses Erlebnis denken müssen.

Er schüttelte sich verzweifelt.

»Was ist das für eine Axt...?«, begann Frank Esslin.

»Wir sollten nicht zu viel über diese grauenvollen Dinge sprechen, Frank!«

»Man muss sich darüber doch Gedanken machen, Dick!«

»Das alles ist zu schrecklich, einer krankhaften Phantasie entsprungen, sag’ ich dir.«

Esslin horchte auf.

»Was ist das für eine Axt?«, fragte er noch einmal. Diesmal hart, energisch.

Boyd wandte sich nicht um. Er blickte weiterhin in den Garten hinaus.

»Die Axt, Frank... Die Axt ... stammt aus dem zwölften Jahrhundert! Das haben Experten einwandfrei nachgewiesen!«

6

Ein Fall für Tony Ballard!, dachte Frank Esslin sofort.

Boyd nannte die Sache verrückt.

Sie war nicht verrückt. So einfach konnte man das nicht abtun. Dahinter steckte mehr, als Boyd ahnte. Mehr, als er zu glauben bereit gewesen wäre.

Menschen – harmlose Menschen laufen plötzlich Amok. Mit einer Axt töten sie grundlos und vermutlich auch wahllos den erstbesten, der ihnen über den Weg läuft.

Mit einer Axt, die einwandfrei aus dem zwölften Jahrhundert stammt.

Und gleich nach dem Mord verfallen diese Amokläufer zusehends.

Sie können zwar noch ins Krankenhaus eingeliefert werden, aber keiner ist imstande, ihr Leben noch zu retten.

Sie werden innerhalb weniger Minuten alt.

Uralt!

Und sie zerfallen zu Staub. Ihre Körper zerfallen zu Staub, weil diese Körper ein astronomisches Alter haben.

Die Axt, die sie bei sich haben, stammt aus dem zwölften Jahrhundert.

Und ihre Körper zerfallen zu Staub! Vielleicht deshalb, weil sie genauso alt sind wie die Axt? Sind diese Körper achthundert Jahre alt?

Wenn ja, wäre wenigstens geklärt gewesen, weshalb sie sich in Staub aufgelöst hatten.

Das war aber auch schon alles, was in diesem gespenstischen Fall geklärt war.

Den Rest musste ein Mann wie Tony Ballard herausfinden. Frank Esslin war davon überzeugt, dass dieses grauenerregende Geheimnis – wenn überhaupt ein Mensch – nur Tony Ballard lösen konnte.

7

Vickys Atem strich mir über den Hals. Ich fühlte einen wohligen Schauer über meinen Rücken fahren. Sanft kraulte sie meine Nackenhaare, während ich meine Zungenspitze behutsam über ihren Hals gleiten ließ.

Da schlug das Telefon an.

Ich überhörte es. Machte einfach weiter. Es war viel zu herrlich, ich wollte einfach nicht aufhören. Nicht jetzt, wo wir beide gerade so schön in Fahrt gekommen waren.

»Tony!«, flüsterte Vicky.

»Hm?«, gab ich träge von mir. Ich genoss die Situation aus vollen Zügen.

»Tony!«

»Hm?«

»Telefon.«

»Bin nicht zu sprechen.«

»Es hört nicht auf, wenn du nicht abhebst.«

»Ich kann jetzt nicht abheben, Vicky. Und ich will auch gar nicht. Wer immer da anruft... Er soll sich zum Teufel scheren.«

»Vielleicht ist es wichtig.«

Misttelefon!, dachte ich. Aber ich sagte es nicht. Ich nahm Rücksicht auf Vicky.

Sie küsste mich aufs Ohrläppchen. Es kitzelte. Und ich war sofort wieder ganz bei der Sache.

»Das Telefon, Tony!«

»Was für ein Telefon?«, stellte ich mich dumm.

Da drängte mich Vicky Bonney lächelnd zur Seite und glitt von der Couch.

Wehmütig schaute ich ihr nach. Sie hatte die tollste Figur, die ich je gesehen hatte. Die Taille war aufregend schmal. Und die Schultern... Verdammt. Zum Teufel mit dem Anrufer. Zum Teufel mit dem Telefon. Warum musste es solche Störenfriede überhaupt geben?

Vickys hübscher verlängerter Rücken verschwand meinen traurigen, bedauernden Blicken.

Ich hörte sie den Hörer im Wohnzimmer von der Gabel nehmen.

Sie meldete sich.

»Leg auf!«, knurrte ich.

»Tony!«, rief sie.

»Ist nicht da!«, rief ich missmutig zurück.

»Es ist für dich!«

»Wenn schon. Leg wieder auf. Wer immer es ist – er soll morgen anrufen. Aber nicht zu früh!«

»Nun komm schon! Der Anruf kommt aus New York!«

»Ich kenne niemanden in New York!«

»Es ist Esslin. Dr. Frank Esslin!«

»Wer?«, schrie ich beinahe erschrocken. Natürlich hatte ich den Namen sofort verstanden. Und ich sprang auch schon aus dem Bett und rannte nach draußen. Nackte Männer sollten lieber nicht laufen. Vicky sah mich antraben und kicherte. Ich überging es, nahm ihr den Hörer aus der Hand und trompetete so laut in den Hörer, als müsse ich bis nach Amerika schreien: »Ballard!«

»Hallo, Tony!«, kam es durch das Transatlantikkabel. »Wie geht’s?«

»Eben wär’s beinahe wieder gegangen!«, gab ich zurück. Vielleicht klang es bissig. Es war jedoch nicht meine Absicht, Esslin zu ärgern. »Wohlbehalten in New York eingetroffen, Frank?«

»Hatten Sie daran gezweifelt?«

»Eigentlich nicht.«

»Schon wieder erholt, Tony?«

»Wovon?«, fragte ich.

»Nun tun Sie nicht so, als hätten Sie unser Südseeabenteuer bereits vergessen!«

»Das ist mein Job. Sie wissen ja«, sagte ich, während meine kribbeligen Finger über Vickys nackten Rücken wanderten.

»Tony...«, begann Esslin stockend, und ich hatte den Eindruck, ich könne eine Menge Sorgen aus seiner Stimme hören. »Tony, ich rufe Sie nicht ohne Grund an.«

»Was haben Sie auf dem Herzen, Frank? Sagen Sie’s mir. Vielleicht kann ich Ihnen helfen.«

»Wenn jemand helfen kann, dann Sie, Tony!«, gab der Arzt, der für die WHO arbeitete, gedrückt zurück.

»Was haben Sie für Probleme, Frank?«, erkundigte ich mich. Ich hatte ihm beim Abschied gesagt, er könne stets mit meiner Hilfe rechnen. Egal, wie tief er in der Klemme sitzen würde, ich würde immer versuchen, ihn herauszuhauen.

Was er mir nun in kleinen Portionen verabreichte, brachte mein Blut zum Kochen. Ich ließ sogar die Finger von Vicky und horchte aufmerksam zu. Ich war froh, dass die Sache nicht ihn persönlich betraf. Ihm drohten keine Schwierigkeiten. Das freute mich zu hören. Was er sonst zu sagen hatte, machte meine Handflächen nass.

Der Instinkt des Jägers erwachte augenblicklich in mir.

Ich brannte darauf, nach New York zu fliegen und diesen seltsamen Ereignissen an Ort und Stelle nachzugehen.

Da musste etwas geschehen. Und zwar so schnell wie möglich.

Ich witterte Dämonen hinter diesen grauenvollen Geschehnissen.

Und gegen Dämonen bin ich sozusagen allergisch. Egal, in welcher Gestalt sie mir begegnen, ich vernichte sie, sobald sie sich zu erkennen gegeben haben. Ich hasse sie genauso, wie sie mich hassen. Und ich habe mein Leben dem Kampf gegen diese Marionetten des Satans gewidmet. Und wenn es mir eines Tages gelingen sollte, Asmodi, dem Höllenfürsten selbst, gegenüberzutreten, dann würde ich nichts unversucht lassen, um auch ihn mitleidlos zu vernichten.

Frank Esslin redete zehn Minuten.

Dann wusste ich genausoviel wie er.

Ich versprach, zu kommen.

Und er kündigte an, mich vom Kennedy Airport abzuholen.

So verblieben wir.

Nach dem Telefonat huschten Vicky und ich wieder ins Bett.

Und wir liebten uns, als ob es das letztemal in diesem Leben sein würde.

8

Am nächsten Morgen setzte ich mich auf den Koffer, Vicky klappte die Verschlüsse nach unten.

Dann holte ich meinen Colt Government Mark IV und den Colt Diamondback. Sie wanderten mitsamt den ledernen Schulterholstern in die Reisetasche.

»Fertig!«, sagte ich dann.

Vicky trug ein pastellfarbenes Reisekostüm. Sie schaute auf die elektrische Wanduhr.

»Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit«, sagte sie.

Mich drängte es trotzdem schon aus dem Haus. Aber da kam Besuch.

Ich sah den Rolls Royce Silvershadow vor unserem Haus halten, und wusste sofort: Da kommt Tucker Peckinpah.

Augenblicke später stand er schon vor uns. Braungebrannt. Mit diesen vielen Fältchen um die Augen. Mit seiner unvermeidlichen dicken Zigarre zwischen den Zähnen. Wohlwollend. Gönnerhaft.

Wir beide waren seit einiger Zeit ein Gespann.

Wir kämpften beide gegen Geister und Dämonen. Er mit seinem Geld. Und ich mit meinem magischen Ring, dessen Stein mal im Besitz von sieben schrecklichen Hexen gewesen war.

Peckinpah hatte mir ein offenes Konto eingerichtet.

Er konnte sich das leisten. Er war einer der ganz großen Industriellen. Einer, der alles zu Gold machte, was er anfasste. Mit Geschäftsverbindungen in die ganze Welt.

»Sie verreisen?«, fragte er uns erstaunt.

»Ja, Partner!«, sagte ich. Er hatte es gern, wenn ich ihn Partner nannte. Und es entsprach auch der Wahrheit. Es war eine Partnerschaft, die der einstige Polizeiinspektor Tony Ballard mit dem sechzigjährigen Industriellen eingegangen war. Eine seltsame Partnerschaft zwar, aber immerhin eine Partnerschaft. Ein Dämon hatte Peckinpahs Frau Rosalind in Spanien getötet. Seither hielten er und ich wie Pech und Schwefel zusammen.

Ich sagte ihm, wohin wir reisen wollten und weshalb.

Seine Augen begannen sofort fanatisch zu funkeln. Wenn er hörte, dass er wieder mal gegen einen Dämon in den Krieg zog, war er voller Begeisterung.

»Wissen Sie schon, wo Sie wohnen werden, Tony?«, fragte er mich.

»In einem Hotel«, gab ich zurück. »In welchem, das wird sich finden.«

»Ich besitze drüben ein Penthouse, Tony.«

Ich schmunzelte.

»Wie könnte es anders sein. Das ist für einen Mann wie Sie einfach Pflicht.«

»In Manhattan«, sagte Peckinpah. »Mit Blick auf den Central Park.«

Ich nickte.

»Verstehe. Es steht leer, und Sie würden es mir krummnehmen, wenn ich es nicht beziehen würde.«

»Genauso ist es, Tony!«, nickte Peckinpah.

»Okay. Dann mache ich Ihnen eben die kleine Freude.«

Er nannte mir die genaue Anschrift. Ich brauchte sie nicht zu notieren. Ich habe ein gutes Gedächtnis für Adressen. Außerdem versprach mir mein Partner, dass er gleich drüben anrufen würde, damit alles zu meiner vollsten Zufriedenheit erledigt würde. Er meinte damit, dass das Penthouse gereinigt würde, dass der Kühlschrank mit allem möglichen aufgefüllt und die Bar mit Hochprozentigem bestückt würde.

Ich dankte ihm mit einem Händedruck, mit dem ich mich von ihm gleichzeitig verabschiedete.

Wir verließen alle zusammen unser Haus.

Tucker Peckinpah war sich nicht zu fein, ebenfalls einen Koffer zu tragen.

Ich verstaute sämtliche Gepäckstücke im Kofferraum meines weißen Peugeot 504 Injection.

Nochmals Händedruck.

Peckinpah wünschte uns beiden Hals- und Beinbruch.

Dann setzte er sich in seinen Silvershadow und fuhr davon.

Ich steuerte den Peugeot in die andere Richtung.

Auf dem Heathrow Airport kaufte ich mir noch etwas zu lesen, damit ich auf dem Flug nach drüben etwas zu tun hatte.

Bereits fünf Minuten später wurde unser Flug aufgerufen. Wir durchschritten das gläserne Portal.

Von da an waren wir nur noch Rädchen in einem unbarmherzigen Getriebe. Wir mussten uns mitdrehen und mussten alles das tun, was ein teuflischer Dämon sich für uns erdacht hatte...

9

Sobald unsere Maschine Landeerlaubnis bekam, schwebte der riesige Jet langsam auf den Kennedy Airport nieder.

Es gibt wohl kaum einen Reisenden, den die Skyline von Manhattan nicht fasziniert. Dieses Meer aus Beton und Glas schlug uns sofort in seinen Bann.

Wir drängten uns mit den anderen Reisenden durch den Zoll und wurden kaum belästigt.

Dann standen wir inmitten der riesigen Ankunftshalle und hielten nach Frank Esslin Ausschau.

Er kam aus einem Menschenknäuel heraus und fuchtelte mit beiden Armen. Er strahlte über das ganze Gesicht, erfreut uns nach so kurzer Zeit schon wiederzusehen. Wir schleppten das Gepäck zu seinem Wagen. Ich erzählte ihm von Tucker Peckinpahs Penthouse, in dem wir wohnen würden. Er nickte und brachte uns zum Central Park.

Die Straßenschluchten erdrückten uns beinahe. Vom Himmel war nicht viel zu sehen.

Es sah nach Regen aus.

Es stank nach Abgasen. Die Straßen waren vom Lärm unzähliger Autos erfüllt. Das hektisch pulsierende Leben gefiel mir nicht. Ich war sicher, dass ich kein begeisterter New Yorker gewesen wäre, wenn ich hier ständig hätte wohnen müssen.

Wir fanden das Haus auf Anhieb.

Ein freundlicher Mann mit Glatze hieß uns herzlich willkommen.

Wir fuhren mit dem Expresslift zum Penthouse hoch. Dort schloss der Mann für uns auf und reichte mir dann die Schlüssel.

Peckinpah hatte aus der Wohnung eine Insel der Gediegenheit gemacht. Auf dem Boden lagen teure Teppiche, Ölschinken hingen an den Wänden. Die Möbel waren modern, aber nicht verrückt.

Durch eine gläserne Schiebetür traten wir auf die Terrasse hinaus. Von hier hatte man einen herrlichen Ausblick über den Central Park, über die Bowery, über das nördliche Manhattan.

Hier oben war ich ein wenig versöhnlicher gestimmt. Von dieser Warte aus gefiel mir die Metropole.

Ich bat Frank, die Drinks zuzubereiten. Dann duschten Vicky und ich gemeinsam. Hinterher kleideten wir uns um.

Schließlich tranken wir auf ein erfolgreiches Unternehmen.

»Haben Sie inzwischen mehr erfahren?«, fragte ich ihn, als ich meinen Johnnie Walker gekippt hatte.

»Dieses Mädchen, von dem ich Ihnen erzählte«, sagte Esslin, »hieß Rita Brown. Sie hat in einem Übersetzungsbüro gearbeitet.«

»Hat sie auch jemanden umgebracht?«, wollte ich wissen.

Esslin nickte.

»Einen Mann namens Edward Tagger.«

»Ebenfalls mit einer Axt aus dem zwölften Jahrhundert?«

»Erraten, Tony«, seufzte Frank.

»Wo ist es passiert?«, erkundigte ich mich.

»Drüben in Brooklyn.«

»Wo genau?«

»St. Albans«, sagte Frank Esslin.

»Können Sie mir das auf meinem Stadtplan zeigen?«, fragte ich ihn und holte Hagstrom’s Pocket Atlas. Er blätterte kurz darin. Schließlich erreichte er Page 48/49. Planquadrat 22. Er fuhr mit dem Finger ins Zentrum der Karte.

»Hier genau hat das Mädchen den Mord verübt. Murdock Avenue 202. In einem Wohnhaus. Edward Tagger lag direkt vor dem Lift. Die Polizei ist der Meinung, das Mädchen müsse im Lift gestanden haben. Es müsse Tagger von da angegriffen haben.«

»Das Mädchen stürzte sich mit dieser uralten Axt aus dem Lift auf den Mann und spaltete ihm den Schädel«, fasste ich zusammen.

Esslin nickte.

»So ist es, Tony.«

Ich rieb nachdenklich mein glatt rasiertes Kinn. Vicky Bonney drehte neben mir schweigend ihr Glas zwischen den Handflächen.

»Diese Äxte«, sagte ich sinnierend, »wo befinden sich die jetzt?«

»Im kriminaltechnischen Labor«, sagte Esslin. Dann meinte er, er hätte vergessen, Rita Browns Weg zu beschreiben, den sie nach dem Mord an Tagger eingeschlagen hatte. »Sie kam bis zum Montefiore Cemetery«, erzählte Dr. Esslin. »Da hat sie dann einen Cop erschlagen wollen. Aber zu diesem Zeitpunkt war sie bereits so stark geschwächt, dass sie es nicht mehr schaffte.«

»Was für einen Eindruck hatte der Polizist von dem Mädchen?«, fragte ich.

»Er dachte, Rita sei verrückt. Sie machte einen verstörten Eindruck. So als hätte sie etwas ganz Grauenvolles erlebt.«

»Wenn man sich an die schweren Verletzungen erinnert, die ihr Körper aufwies, wäre das zu verstehen«, sagte ich. »Sie sagten doch, alle drei Personen schienen schrecklich gefoltert worden zu sein, Frank.«

»So sahen ihre Körper aus«, nickte Esslin.

Ich starrte Löcher in den teuren Teppich.

»Wäre es möglich, dass dieses Mädchen – bleiben wir vorläufig mal nur bei ihr –, dass dieses Mädchen vor etwas zu fliehen versucht hat?«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Frank.

»Nun, Rita war schwer gefoltert worden. Irgendwie hat sie ihre Freiheit wiedererlangt. Möglicherweise hatte sie diesen Umstand noch nicht richtig verdaut. Vielleicht hat sie sich mit dieser Axt ihre Freiheit erkämpfen müssen. Sie floh, und plötzlich stand ihr jemand im Wege. Vielleicht nahm sie an, das wäre wieder dieser Folterknecht, dem sie schon entronnen zu sein glaubte. In ihrer panischen Angst schlug sie wieder mit der Axt zu – und traf dabei einen Unschuldigen.«

Frank Esslin nickte.

»Das klingt einleuchtend, Tony.«

Ich ließ meine Zunge über die Lippen huschen. Dann nahm ich Vicky das Glas aus der Hand und trank ihren Johnnie Walker.

»Bleibt immer noch zu klären«, meinte ich nachdenklich, »wo diese Menschen so grausam gefoltert worden sind. Und wer das getan hat. Und wo sie diese alten Äxte herhaben. Was halten Sie von einer Zeitreise, Frank?«

Esslin lachte gequält.

»Mann, werden Sie bloß nicht utopisch.«

»Angenommen, diesen drei Personen gelang es auf irgendeine unerklärliche Weise, ins Mittelalter einzudringen. Angenommen, sie haben ganz kurz da gelebt, Frank. Möglicherweise sprachen ihre Körper auf diese Zeit an. Das heißt, ihre Körper lebten plötzlich in dieser Zeit. Und nun stellen Sie sich vor, diese Körper gelangen wieder in die Jetztzeit zurück. Dann müssten sie doch eigentlich zu Staub zerfallen.«

Esslin raufte sich die Haare.

»Ihre Logik ist haarsträubend, Tony.«

Ich war nicht mehr zu bremsen.

»Das würde gleichzeitig auch erklären, wieso diese drei Personen mit Äxten aus dem zwölften Jahrhundert bewaffnet waren. Und noch etwas: Damals gab es die Inquisition, Frank! Sagte Ihr Freund Dr. Dickinson Boyd nicht, dass solche Foltern zu Zeiten der Inquisition an der Tagesordnung gewesen wären, dass er sich aber nicht vorstellen könne, wer heutzutage so etwas noch tun würde?«

Esslin fuhr sich mit der zitternden Hand über die Lippen.

»Tony, Sie machen mir beinahe Angst.«

»Wieso?«

»Ihre Theorie geht dahin, dass es irgend jemand...«

»Nicht irgend jemand! Ein Dämon!«, sagte ich.

»... dass es irgend jemand möglich gemacht hat, Leute vom Heute ins Gestern zu befördern. Und wenn diese Leute ins Heute zurückkehren, sind ihre Körper dem Tod geweiht.«

»So könnte ich es mir gut vorstellen«, nickte ich. »Hier ist ein grausamer Dämon am Werk, Frank. Ich kann das beinahe fühlen. Das alles riecht nach Teufelswerk. Dagegen können Polizei und Wissenschaft nichts ausrichten. Es war gut, dass Sie mich unverzüglich verständigt haben...«

»Was werden Sie unternehmen, Tony?«

»Ich muss versuchen, diesen Dämon zu finden.«

»In dieser Riesenstadt? Das schaffen Sie doch nie!«

Ich lächelte.

»Abwarten, Frank. Die Sache liegt nicht ganz so kompliziert, wie Sie sie sehen. Ich gebe gern zu, New York ist kein Dorf. Aber was sich ereignet hat, hat sich in St. Albans ereignet. Und nur da. Deshalb werde ich den Dämon in dieser Gegend suchen. Und ich bin sicher, dass ich ihn da finden werde.«

Esslin erhob sich.

»Darf ich Sie zum Abendessen einladen?«

Wir nahmen die Einladung gern an. Er kündigte an, dass er seinen Freund Dickinson Boyd mitbringen würde. Wenn ich mehr über diese seltsamen Patienten wissen wolle, dann solle ich mich an ihn halten.

10

Wie der Schatten eines Riesen fiel die Dunkelheit in die Murdock Avenue.

Summend senkte sich der Fahrstuhl ins Erdgeschoss herab.

Endlich kam die Kabine zum Stillstand.

Dicker Rauch qualmte aus den Ritzen, flog träge durch die Halle, verbreitete einen üblen Gestank. Langsam glitten die Lifttüren auseinander.

Das Qualmen verstärkte sich.

Und mitten darin in dem wabernden Nebel begann sich plötzlich etwas zu regen.

Eine Gestalt trat aus dem Fahrstuhl.

Die Augen groß und verstört. Starr ins Nichts gerichtet.

Mit steifen Schritten begann der Mann zu gehen. Sein Gesicht war erschreckend fahl und schmerzverzerrt.

Irgend etwas machte ihm wahnsinnige Angst. Es hatte den Anschein, als versuche er vor etwas zu fliehen.

Ab und zu blieb er keuchend stehen, schaute sich mit seinem glasigen, leeren Blick um, ging dann mit staksigen Schritten weiter.

Er fand seinen Weg, ohne es bewusst zu begreifen.

Seine sehnige Hand lag um den Stiel einer alten Axt.

Er atmete schwer, rasselnd, manchmal ungemein mühsam, als drohte er zu ersticken.

Unbemerkt erreichte er den Belmont Park. Zwischen Bäumen und Büschen verschwand er.

Sobald er sich in Sicherheit wähnte, fiel er mit einem erstickten Gurgeln auf die Knie. Er konnte sich so aber nicht lange halten, kippte nach vorn und fiel aufs bleiche Gesicht. Ein schreckliches Zittern durchlief seinen Körper. Wahnsinnige Krämpfe verdrehten seine Glieder. Er stöhnte, ächzte und röchelte zum Steinerweichen.

Während seine Rechte die Axt auch jetzt noch umklammert hielt, krallte sich seine Linke verzweifelt in die feuchte Erde. Er riss das Gras aus dem Boden, verbiss sich mit den Zähnen darin, krümmte sich grässlich zusammen und kam nicht zur Ruhe.

11

Hank Powell und Julius Faber schlurften den asphaltierten Parkweg entlang.

Sie waren beide schäbig gekleidet.

Powell war dick wie ein verfressener Mayos.

Faber war dünn wie das Skelett eines Herings.

Sie passten rein äußerlich überhaupt nicht zusammen. Aber ihre Seelen waren Zwillinge.

Beide waren verarmt, obdachlos, verkommen.

Beide scheuten die Arbeit, liebten den Suff, bettelten sich durchs erbärmliche Leben. Verkommene Subjekte waren sie. Und sie suchten ab und zu die Gelegenheit, irgendwo einzubrechen oder einen Betrunkenen, der durch »ihren« Park kam, bis aufs Hemd auszuziehen.

»Ich habe seit zwei Tagen nichts gegessen!«, sagte Powell und rieb sich den schwammigen Bauch.

Faber griente.

»So siehst du gar nicht aus. Bist immer noch wohlgenährt.«

»Lass dich von meinem Bauch nicht täuschen!«, knurrte Powell. »Der ist vom Hunger aufgebläht.«

Die beiden Typen lachten. Sie waren unrasiert und dreckig.

Sie schliefen zumeist hier im Belmont Park oder in irgendeinem leerstehenden Haus, das kurz vor dem Abbruch stand.

Julius Faber schaute sich mit zusammengekniffenen Augen um.

»Verdammt!«, stieß er ärgerlich hervor. »Kommt denn da keiner, der zuviel Geld in den Taschen hat?«

Powell zog die Mundwinkel nach unten.

»Scheint sich bereits herumgesprochen zu haben, dass es nicht ratsam ist, hier abends durchzugehen.«

»Solange uns die Bullen in Ruhe lassen, ist’s okay. Wir können uns ja mal einen anderen Park aussuchen.«

Powell hob plötzlich die Hand. Seine kleinen Fettaugen weiteten sich unmerklich. Sein Mund klaffte auf. Er lauschte angestrengt.

»Was ist?«, fragte Faber.

»Halt doch die Klappe, verflucht!«, zischte Hank Powell. Dann lauschte er wieder. Schließlich nickte er. Seine Hand glitt in den zerschlissenen Mantel, der mit Flecken aller Art übersät war.

Als die Hand wieder zum Vorschein kam, lag ein Springmesser darin.

Die Klinge schnellte aus dem Griff.

»Da kotzt einer«, sagte Powell aufgeregt.

»Ein besoffener Typ?«, fragte Faber.

»Mal sehen!«, erwiderte Powell.

»Ich kann nichts hören.«

Powell grinste.

»Dann wasch dir doch mal den Dreck aus den Ohren!«

»Ach leck mich doch...«

»Das habe ich schon einer anderen Drecksau versprochen. Komm jetzt. Es gibt Arbeit.«

Sie liefen in die Richtung, aus der die würgenden Geräusche kamen.

Bald hörte auch Faber das Gurgeln und Röcheln.

Er hielt den Freund kurz am speckigen Arm zurück.

»Mensch, das hört sich an, als ob einer krepieren würde.«

»Um so besser. Einer der krepiert, kann sich nicht mehr wehren, wenn man ihm die Geldbörse abnimmt. Außerdem braucht einer, der draufgeht, kein Geld mehr!«

Nun holte auch Julius Faber sein Messer heraus.

Sie teilten die Zweige der dunklen Büsche.

Die Geräusche würden immer grauenvoller.

»Lass uns lieber abhauen!«, riet Faber mit tonloser Stimme. »Ich bin nicht scharf drauf, dass man uns ‘nen Mord anhängt.«

»Quatsch nicht. Wir tun ihm doch nichts.«

Sie bückten sich, schlüpften unter einem dichten Blätterbaldachin durch.

»Dort liegt er!«, stieß Hank Powell aufgeregt aus. Schweiß troff ihm von der Stirn.

Zaghaft folgte ihm Faber.

Der Mann, der auf dem Boden lag, gab schaurige Laute von sich. Faber war mit einemmal nicht wohl in seiner Haut.

»Na, Bester! Wo fehlt’s denn?«, fragte Powell, als er den Fremden erreicht hatte.

»Der ist schon halb hinüber!«, raunte ihm Faber ins Ohr.

»Um so besser«, grinste Powell.

Er beugte sich zu dem Mann hinunter, legte ihm seine Hand auf die zitternde Schulter und versuchte ihn umzudrehen.

Da schnellte der Fremde plötzlich mit einem grellen Schrei hoch.

»H-a-a-a-a-n-k!«, brüllte Julius Faber entsetzt, als er die hochgeschwungene Axt sah.

Powell wollte sich mit einem schnellen Sprung in Sicherheit bringen. Aber er war nicht schnell genug.

Die Axt traf genau die Mitte seines dicken Schädels...

12

Das Restaurant erinnerte mich an London. Frank Esslin hatte eigens dieses englische Lokal ausgewählt, um Vicky und mir einen Gefallen zu erweisen. Wir hatten Dickinson Boyd bereits kennengelernt. Vicky hatte sich von seinem Gesicht anfangs erschrecken lassen, doch nun war auch sie dahintergekommen, dass diese abweisende, beinahe böse aussehende Miene nicht ernst zu nehmen war. Boyd war ein freundlicher, netter, intelligenter Mensch, mit dem man vortrefflich plaudern konnte.

Wir hatten bereits gegessen.

Ich hatte Ginger Ale getrunken und war nun bei einem guten alten schottischen Whisky angelangt.

Dr. Boyd hatte uns seine persönliche Ansicht von diesem Fall dargelegt. Er war nicht der Meinung, dass hier ein Dämon seine grausame Hand im Spiel hatte. Aber er konnte uns keine andere Erklärung für all diese seltsamen Vorgänge anbieten.

Er beschränkte sich in der Beziehung auf ein ratloses Achselzucken.

»Seit dieses Mädchen in unser Hospital eingeliefert wurde«, sagte Dickinson Boyd mit sorgenvoller Miene, »habe ich Angst vor jedem neuen Tag. Denn jeder Tag kann uns neuerlich einen solchen rettungslos verlorenen Patienten bescheren.«

»Wer bearbeitet diese Axtmorde?«, erkundigte ich mich.

»Lieutenant Brian Stilman«, antwortete Boyd. »Ein netter Mann. Mittlerweile ein Nervenbündel, wie Sie sich vorstellen können.«

Ich nahm mir vor, Stilman in den nächsten Tagen in seinem Büro aufzusuchen.

Nun wandte ich mich an Esslin.

»Sagen Sie, Frank, glauben Sie, dass es möglich ist, in diesem Haus in der Murdock Avenue eine Wohnung zu kriegen?«

Alle sahen mich beinahe erschrocken an.

»Du willst aus Peckinpahs Penthouse schon wieder ausziehen?«, fragte mich Vicky verblüfft.

»Ich finde, Manhattan ist nicht nahe genug dran an St. Albans«, erwiderte ich.

»Eine Wohnung könnte vielleicht zu kriegen sein«, sagte Frank Esslin. »Soll ich mich darum kümmern?«

Ich nickte.

»Das wäre furchtbar nett von Ihnen, Frank. Die Höhe der Miete spielt absolut keine Rolle. Lassen Sie das von Anfang an durchblicken. Das wird Ihnen die Verhandlung sicherlich erleichtern. Feilschen Sie nicht. Mir ist jeder Betrag recht. Ich will nur eine Wohnung in diesem Haus haben.«

»Darf man fragen, was Sie sich davon versprechen, Mr. Ballard?«, erkundigte sich Dickinson Boyd.

Ich zuckte die Achseln.

»Ehrlich gesagt, darauf kann ich Ihnen keine klare Antwort geben. Ich folge bloß einer Eingebung. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass dieses Gebäude das Zentrum sämtlicher Vorkommnisse darstellt.«

»Wie kommen Sie darauf, Tony?«, fragte mich Esslin.

»Überlegen Sie mal«, forderte ich ihn auf. »Earl Jenkins und Porter Harrison haben auf der Straße getötet. Auf der Straße! Und nicht in irgendeinem Gebäude. Die Polizei ist der Meinung, Rita Brown hätte sich aus dem Fahrstuhl auf Edward Tagger gestürzt. Das verleitet mich zu der Annahme, dass auch Jenkins und Harrison aus diesem Fahrstuhl gekommen sind. Nur... in ihrem Fall stand niemand vor dem Lift, als sie ihn verließen. Ihnen war es möglich, das Gebäude zu verlassen. Sie begegneten ihrem Opfer erst einige Zeit später.« Ich lächelte. »Natürlich kann ich mit meiner Theorie auch völlig danebenliegen. Aber ich finde, dass man gerade in einem solch geheimnisvollen Fall nichts außer Acht lassen sollte. Deshalb möchte ich eine Wohnung in diesem Haus haben.«

Frank Esslin nickte.

»Okay, Tony. Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann.«

13

Julius Faber verlor beinahe den Verstand, als er seinen Freund blutüberströmt zusammenbrechen sah. Brüllend kreiselte er herum. Er rannte los. Dabei schrie er gellend um Hilfe.

Der Mann mit der Axt jagte hinter ihm her.

Faber warf sich durch das Gezweig der Büsche. Äste peitschten ihm ins Gesicht, schlugen ihm die Haut blutig.

Wie von Furien gehetzt keuchte Faber davon.

Hinter sich hörte er die schnellen Schritte des Fremden.

Faber schrie, schrie, schrie.

Der seltsame Mörder holte ihn ein. Mit der linken Hand riss er sein Opfer blitzschnell herum. Zur Salzsäule erstarrt, zitternd vor Grauen, mit weit aus den Höhlen tretenden Augen glotzte Julius Faber den grausamen Fremden an.

Der schwang die Axt hoch.

Sein Gesicht verzerrte sich. Er stieß einen schaurigen Schrei aus.

Auch Faber brüllte. Zum letztenmal.

Dann fällte auch ihn das mörderische Beil.

14

Schon als Hank Powell der schreckliche Tod ereilte, hatte jemand den Polizeinotruf gewählt. Nun raste ein Patrolcar mit Rotlicht und Sirene heran. Er sauste über den Bordstein, fuhr in den Park hinein und rollte wippend über den Rasen, weil das der kürzeste Weg zum Tatort war.

Die beiden Cops saßen mit vibrierenden Nerven im Streifenwagen.

Der Beifahrer hatte bereits seine Dienstwaffe gezogen.

Die Scheinwerfer wischten über Bäume und Büsche.

Plötzlich erfassten sie einen Mann.

Er stand unbeweglich inmitten einer riesigen Rasenfläche.

Eine Axt in der Hand.

Ein blutbesudelter Körper zu seinen Füßen.

»Mensch, wir kommen bereits zu spät!« ächzte der Beifahrer aufgeregt.

Der Fahrer trat hart auf die Bremse. Das Polizeifahrzeug brach seitlich aus, schlitterte über den glatten Rasen und kam kurz vor dem Mann mit dem Beil zum Stehen.

Fahrer und Beifahrer schnellten aus dem Wagen.

Der unheimliche Mörder starrte sie unverwandt an.

Es hatte den Anschein, als würde er sie nicht sehen.

Die Cops richteten mit zitternden Nerven ihre Waffen auf ihn.

»Ganz ruhig, Junge!«, fauchte der Fahrer.

»Rühr dich nicht vom Fleck!«, verlangte der Beifahrer.

»Arme hochheben! Axt fallen lassen. Und keine faulen Tricks, Mann. Ja keine faulen Tricks. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie verdammt aufgeregt wir sind. Wir verstehen die kleinste Bewegung falsch, Mann.«

Plötzlich stieß der Mörder einen Wahnsinnigen Schrei aus.

Er fasste sich an den Leib, als würde siedendes Blei hindurchfließen. Er krümmte sich brüllend zusammen.

Die Axt entfiel ihm.

Er versuchte auf allen Vieren wegzulaufen.

Die Cops rannten auf ihn zu, stießen ihm mit den Füßen die Hände fort, und er fiel auf den Bauch, blieb liegen, knirschte mit den Zähnen, dass den Uniformierten kalte Schauer über den Rücken fuhren.

Während der eine ihm die Waffe an den Kopf setzte, durchstöberte der andere mit flinken Fingern seine Taschen.

Sie durchsuchten ihn nach Waffen, fanden aber keine.

Die Axt nahmen sie fort.

Sie warfen sie zum Patrolcar, damit sie der Mann nicht erreichen konnte.

Der Mann rollte sich herum.

Seine Augen glänzten im mörderischen Fieber.

»Dem geht’s verdammt dreckig!«, sagte der Beifahrer erschüttert.

Plötzlich fiel es dem Fahrer wie Schuppen von den Augen.

»Junge, das ist wieder so einer!«, stieß er hastig hervor.

»So einer – was?«

»Einer von denen, die sich in Staub auflösen!«

»Verdammt!«

»Wir müssen schnellstens Lieutenant Stilman benachrichtigen!«, keuchte der Fahrer. Dann schnellte er herum und hetzte zum Streifenwagen. Die Blinklichter flimmerten immer noch. Die Sirene hatten sie abgestellt, als sie in den Belmont Park eingefahren waren. Nun schaltete der Fahrer auch das rote Zucken ab.

Dann hakte er das Mikrophon aus der Halterung und setzte sich mit der Zentrale in Verbindung.

Während er wartete, bis sich Stilman meldete, wischte er sich den Schweiß mit dem Uniformärmel von der Stirn.

Dann war Stilmans unverkennbare Stimme im Lautsprecher.

»Jones hier, Sir!«, meldete sich der Fahrer. »Sergeant Jones!« Er rasselte den Situationsbericht herunter.

Stilman sagte, er komme sofort.

Zwanzig Minuten später fuhr der Kastenwagen der Mordkommission in den Park.

Neugierige hatten sich inzwischen eingefunden. Zwei weitere Streifenwagen waren angekommen.

Das Gelände wurde hermetisch abgeriegelt. Leute, die keine Polizeiuniform trugen oder nicht zumindest einen Polizeiausweis in der Tasche hatten, wurden aus diesem Kreis verbannt.

Inzwischen hatten die Cops auch den zweiten Toten entdeckt.

Der Polizeiarzt nahm sich ihrer an.

Dann trat der Fotograf in Aktion.

Und Lieutenant Brian Stilman kümmerte sich um die beiden Polizisten, die als erste am Tatort eingetroffen waren.

Stilman hatte ein Gesicht, das fürs Werbefernsehen geeignet gewesen wäre. Es war markant, war telegen, wirkte vertrauenerweckend und aufgeschlossen. Er war groß, schlank und kräftig.

Er ließ sich von den beiden Cops noch mal ganz schnell schildern, was sie erlebt hatten.

Inzwischen kam der Krankenwagen herangebraust.

Der Mörder wurde auf die Bahre geschnallt.

Von Kraft und Vitalität war nichts mehr zu erkennen.

Der seltsame Mann war nur noch ein Häufchen Elend. Ein Nichts, das gurgelte und röchelte. Ein Wesen, das dem Tod geweiht war.

Trotzdem wurde angeordnet, den Mann ins nächstgelegene Krankenhaus zu schaffen.

Hoffnung gab es jedoch keine mehr für ihn.

15

Ich trank meinen zweiten Scotch.

Der Drink rollte in meinen Magen und schien regelrecht zu explodieren. Dadurch strahlte er Wärme ab. Und ich hatte ein angenehmes Gefühl im Leib.

»Ich würde gern mal so eine Axt sehen«, sagte ich.

»Lieutenant Stilman kann Ihnen seine Sammlung ja mal vorführen«, meinte Frank Esslin.

Für mich stand unumstößlich fest, dass ich mich mit Brian Stilman mal zusammensetzen musste.

Ein Kellner eilte durch das englische Lokal. Er trug eine Tafel. Darauf stand, dass Dr. Dickinson Boyd am Telefon verlangt würde.

Esslin bemerkte den Aufruf. Er machte den Freund darauf aufmerksam.

»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick!«, bat uns dieser, dann erhob er sich und ging auf den Kellner zu.

Er sprach den Mann im weißen Jackett an. Der nickte und machte eine auffordernde Handbewegung, was heißen sollte, er solle mitkommen.

Sie verschwanden.

Wir schwiegen.

Vicky schaute mich von der Seite her an. Ich fühlte ihren Blick und wandte ihr mein Gesicht zu.

»Was ist?«

»Wer weiß, dass Dr. Boyd hier ist?«, fragte sie.

»Vermutlich hat er im Krankenhaus gesagt, dass er hier zu erreichen ist«, antwortete Frank Esslin an meiner Stelle.

Ich seufzte.

»Diese Ärzte. Sie sind immer im Dienst. Man muß schon ein verdammt verbissener Philanthrop sein, um seinen Beruf nicht nach einigen Jahren bereits zu hassen.«

Als Boyd wiederkam, erschraken wir.

Er war bleich. Sein Blick flatterte. Er schaute Esslin an und sagte: »Ich muss dringend ins Hospital.«

»Was ist passiert, Dick?«, fragte ihn Frank.

»Soeben wurde wieder so ein Patient eingeliefert!«

Uns allen stockte in diesem Augenblick der Atem.

Das war der vierte.

Und wir hatten noch keinen blassen Schimmer, wie wir diesem entsetzlichen Treiben Einhalt gebieten konnten.

Wir brachen gemeinsam auf.

Boyd hatte nichts dagegen, dass auch wir ins Hospital wollten.

Ich war auf dieses schreckliche Schauspiel neugierig.

Zwar hatte ich Angst davor, es mir aus der Nähe anzusehen, andererseits konnte ich mir nur dann ein Bild davon machen, wenn ich es aus nächster Nähe mit eigenen Augen mit ansah.

Nachdem ich die Rechnung beglichen hatte, verließen wir das Lokal.

Wir nahmen alle in Esslins Dodge Platz.

Er raste zum Krankenhaus.

Der Lift brachte uns in den vierten Stock. Wir hörten schon von weitem die grässlichen Schreie des Sterbenden.

Wenige Sekunden später standen wir neben ihm.

Mir krampfte es das Herz zusammen. Vicky krallte ihre Finger in meinen Arm. Ich riet ihr, nach draußen zu gehen und da zu warten. Es wäre zu abscheulich für sie hier drinnen.

Aber sie schüttelte den Kopf, wollte bleiben. Sie meinte, draußen wäre es genauso schlimm. Denn es waren vor allem die schaurigen Laute, die einem so sehr durch Mark und Bein gingen.

Wir erlebten alles das mit, was uns Dickinson Boyd geschildert hatte.

Jede Phase lief vor unseren verstörten Blicken ab.

Die Kollegen Boyds versuchten es mit einer Unzahl von Injektionen.

Aber das grässliche Sterben war nicht aufzuhalten.

Wir sahen uns den Körper an.

Fürchterliche Wunden glänzten überall. Tiefe Fleischwunden. Brandwunden. Schnitte. Stiche. Grauenvolle Marterstellen.

Das alles konnte kein Mensch getan haben.

Das hatte ein abscheulicher Dämon getan.

Am Sterbebett dieses Fremden schwor ich, jenen Dämon für diese Gräueltaten zur Verantwortung zu ziehen.

Die Haut des Mannes wurde schlaff.

Er röchelte und stöhnte, krächzte und heulte schrecklich.

Ich sah Vicky an.

Sie war leichenblass.

Der Mann bekam einen Totenschädel. Die Augen trockneten ein. Bald war nur noch das Skelett von ihm übrig.

Doch auch das nicht mehr lange.

Als nur noch Staub im Weißen Krankenhausbett lag, löste sich der wahnsinnige Alptraum aus unseren frierenden Gliedern.

Dieser Mann hatte es endlich überstanden.

Ich gönnte ihm die ewige Ruhe. Sie war die beste Lösung für ihn. Nach alldem, was er durchgemacht hatte.

16

Tags darauf ließ ich Vicky Bonney allein in Peckinpahs Penthouse zurück.

Sie sollte sich einen geruhsamen Vormittag machen. Das war leicht dahergeredet. Ich ahnte, dass sie das nicht fertigbringen würde.

Der Schock von gestern Abend saß zu tief in ihren Gliedern.

Als ich schon an der Tür war, klingelte das Telefon.

Tucker Peckinpah war am Apparat.

Er wollte wissen, wie sich die Dinge inzwischen entwickelt hätten und wie es uns in seinem Penthouse zusagte.

Ich schob ihn an Vicky ab und verdrückte mich.

Von Hertz hatte ich mir einen Leihwagen kommen lassen.

Es war ein aquamarinblauer Chrysler. Modell 1975. Er spielte alle Stücke. Eine Knopfbatterie verleitete mich, sie mal der Reihe nach durchzuspielen.

Schließlich ließ ich den starken Wagen abzischen.

Ich fand mich in dem Verkehrsgewühl New Yorks verhältnismäßig schnell zurecht.

Fünfundzwanzig Minuten nach meinem Start ließ ich den Wagen auf dem Besucherparkplatz vor dem Police Headquarters ausrollen.

Lieutenant Stilman war nicht nur da, er hatte auch Zeit für mich.

Ich saß einem Mann in seinem Büro gegenüber, dem man die Übermüdung auf eine Meile Entfernung ansah. Graue Ringe unter den Augen. Nervös zuckende Wangen. Eine Zigarette nach der anderen. Mokka auf dem Schreibtisch. Und er brüllte ins Telefon, wenn er mit jemandem sprach.

Er wirkte gerädert, zerschlagen, ausgeflippt.

Der Fall, den er am Hals hatte, war offensichtlich zu viel für ihn. Er überstieg seine Kräfte. Und von oben wurde vermutlich gehöriger Druck auf ihn ausgeübt. Dass ihn der Stress am Wickel hatte, war ganz klar. Man kennt das ja. Die Vorgesetzten wollen Erfolge sehen. Egal, wie man das anstellt.

Ich war lange genug in einer solchen Tretmühle, um mich da auszukennen.

Ich sagte es ihm, und er war mir sogleich menschlich verbunden.

Ich sagte ihm auch, dass ich nun als Privatdetektiv arbeite und dass ich nach New York gekommen wäre, weil ich der Meinung wäre, ihm helfen zu können.

Er meinte wohl, ich wäre verrückt, denn genauso schaute er mich daraufhin an.

Ich erzählte ihm ein bisschen was aus meinem Leben und von meinen bisherigen Erfolgen, die sich nachweisen ließen.

Das ließ ihn daran zweifeln, ob ich wirklich verrückt war.

Schließlich waren wir uns einig. Er wäre nicht dagegen, wenn auch ich mich um die Sache kümmern würde.

Das war eine grandiose Auszeichnung meiner Person, denn an und für sich sind Privatdetektive bei der Polizei eher verpönt.

Man mag keine Schnüffler.

Und wehe, ein solcher pfuscht der Polizei ins Handwerk. Der ist seine Lizenz schneller los, als er seinen Namen sagen kann.

Nun erfuhr ich von Stilman alles das, was ich bereits von Esslin wusste. Allerdings erzählte es mir der Lieutenant genauer.

Er steckte sich ein neues Stäbchen an, wollte mir auch eines anbieten, doch ich sagte ihm, ich wäre Nichtraucher.

Da nickte er und meinte: »Ich hab’ ja gleich gewusst, dass mit Ihnen irgendetwas nicht stimmt, Mr. Ballard.«

Ich hätte ihm nun einen stundenlangen Vortrag über das schädliche Nikotin halten können. In Anbetracht der ernsten Lage unterließ ich es jedoch. Wir wollten besser bei der Sache bleiben.

Ich lenkte das Gespräch auf den Mann von gestern Abend.

»Er hieß Sean Travers«, sagte Lieutenant Stilman. Aus dem Schreibtisch – oberste Lade, da wo die dringlichsten Fälle aufbewahrt waren – holte er einen Schnellhefter.

Er schlug ihn auf.

Ein paar Zettel waren eingeheftet. Ein Hochglanzfoto leuchtete mir entgegen.

Er schob mir das Ganze über den Tisch zu.

Den Unterlagen nach zu schließen, war Travers der Polizei bekannt gewesen.

»Betrüger, Falschspieler, Raufbold!«, sagte Stilman, während ich noch las.

»Mit einem Wort: ein übler Bursche.«

»Kann man sagen, Mr. Ballard.«

»Wohnhaft?«

»In Queens. Hatte da ein kleines Häuschen. Nichts Besonderes. Wir waren schon da. Kein Hinweis. Ich meine, nichts, was uns weiterbringen würde.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Seltsam. Diese Leute gehen von zu Hause weg, tauchen für kurze Zeit unter, und wenn sie wieder erscheinen, sind sie wie ausgewechselt.«

Ich bat den Lieutenant, mir die Äxte zu zeigen.

Er verließ mit mir sein Office.

Einen Stock tiefer konnte ich dann die uralten Stücke bewundern. Ich bin zwar kein Historiker. Trotzdem hätte auch ich diese seltsamen Waffen ins zwölfte, dreizehnte oder vierzehnte Jahrhundert eingereiht.

Brian Stilman ermöglichte es mir, mit dem Experten zu sprechen, der die Äxte untersucht hatte.

Der dürre Mann mit dem schneeweißen Haarkranz bewies mir anhand seiner Untersuchungsergebnisse, dass ein Irrtum ausgeschlossen wäre.

Die Waffen waren tatsächlich so alt.

Das ging aus der Holzbeschaffenheit des Stiels hervor. Das bewies dem Fachmann die Bearbeitung des Eisens und dessen Zusammensetzung.

»Woher haben die Leute diese Äxte?«, fragte mich Lieutenant Stilman, als wir auf dem Gang standen. Eine Axt hatte ausgesehen wie die andere. Sie mussten alle vom selben Handwerker angefertigt worden sein.

»Wenn wir das herausfinden, kommen wir einen gewaltigen Schritt vorwärts!«, erwiderte ich dem Lieutenant.

Und ich verheimlichte ihm meine Theorie nicht, die Frank Esslin ein bisschen zu gewagt angesehen hatte.

Ich teilte Stilman mit, dass ich mich um eine Wohnung in jenem Haus in der Murdock Avenue 202 bemühen würde, ließ ihm meine Penthouse-Rufnummer da und verabschiedete mich dann von dem Mann, der mir äußerst sympathisch war.

Wir wünschten einander viel Erfolg.

Er war nicht ganz so optimistisch wie ich. Deshalb zuckte er abschließend ein wenig hoffnungslos die Achseln.

Dann wandte er sich um und ging in sein Büro zurück.

Und ich verließ das Police Headquarters. Vollbeladen mit einem unbändigen Tatendrang.

17

Frank Esslin bestellte mich kurz vor Mittag zu einem Mann namens Flopp.

Der Knabe sah genauso aus, wie er hieß. Man hatte den Eindruck, er würde jede Sekunde von seinem Sitz hochschnellen und an die Decke springen.

Ein nervöses Bündel war er. Klein, Drahtig. Energiegeladen. Quirlig. Und so weiter. Er war ununterbrochen in Bewegung, trommelte mit den Fingern auf seinen Schreibtisch, wippte mit den Beinen, rutschte auf dem Sessel hin und her, oder drehte sich damit.

Dieser Mann verwaltete das Gebäude in der Murdock Avenue 202.

Von diesem Mann hing es ab, ob ich eine Wohnung in jenem Haus bekam oder nicht.

Seine listigen Augen musterten mich eingehend.

Frank hatte ihm anscheinend schon sehr viel von mir erzählt.

»Sie wollen also eine Wohnung in diesem Haus, Mr. Ballard?«

»Ja, Mr. Flopp.«

»Warum?«

»Der Mensch muss schließlich irgendwo wohnen.«

»Soviel ich weiß, wohnen Sie zur Zeit in einem herrlichen Penthouse. Mit Blick auf den Central Park.«

Ich warf Esslin einen ärgerlichen Blick zu.

»Sehen Sie«, sagte ich dann – um eine Ausrede nicht verlegen –, »das Penthouse gehört einem Freund. Und mit diesem Freund habe ich mich überworfen, zerstritten, verstehen Sie? Er wirft mich zwar nicht hinaus, aber er würde es sehr gern sehen, wenn ich selbst ginge. Nun, ich bin kein Mann, der die Haut eines Elefanten hat. Deshalb räume ich die Wohnung lieber und ziehe dahin, wo mir niemand lästig werden kann.«

»Ich hätte eine Wohnung frei«, sagte Flopp.

Ich rieb mir die Hände.

»Na, wunderbar.«

»Zweiter Stock.«

»Prima.«

»Sechs Zimmer.«

»Nicht zu groß.«

»Bad. WC. Neue Möbel. Völlig renoviert. Farbfernseher. Teppichboden in allen Räumen...«

Ich verstand. Jetzt machte er sozusagen Stimmung für seinen überhöhten Preis. Ich ließ durchblicken, dass mir keine Summe zu hoch wäre.

Da waren wir uns dann im Handumdrehen einig.

Ich hatte die Wohnung.

18

Nachdem ich mich bei Frank Esslin für die prompte Erledigung bedankt hatte, fuhr er nach Hause. Er musste wieder arbeiten.

Ich suchte unser Penthouse auf und eröffnete meiner Freundin, dass wir ab sofort in der Murdock Avenue 202 wohnen würden.

Bei Flopp hatte ich die Miete für drei Monate im Voraus bezahlt.

Dafür war er mir beinahe um den Hals gefallen.

Wir zogen um.

Als wir das Haus Nummer 202 in der Murdock Avenue betraten, beschlich mich ein seltsames Gefühl. Ich konnte es mir nicht erklären.

Es hockte tief in meiner Seele, war mehr Instinkt als Wissen. Eine Ahnung, dass in diesem Haus Schlimmes auf mich wartete.

Mein Blick fiel unwillkürlich auf Vicky.

Mir war schon öfter aufgefallen, dass sie auf außergewöhnliche, unheimliche, gefährliche Dinge stärker ansprach als ich.

Sie blieb mitten in der Halle stehen.

Wie in Trance wandte sie sich dem Lift zu. Irgend etwas musste an dem Fahrstuhl sein, das sie in seinen Bann schlug. Etwas, das auch mich berührte, wenn auch nicht so sehr wie Vicky.

»Vicky!«, sagte ich.

Sie reagierte nicht.

»Vicky!«

Ich existierte nicht mehr für sie.

Da stellte ich mich so, dass sie nicht mehr auf den Lift schauen konnte. Benommen sah sie mich an.

»Was ist, Tony?«, fragte sie mich verwirrt.

»Dasselbe wollte ich gerade dich fragen!«, gab ich beunruhigt zurück.

»Mich? Wieso?«

»Du hast den Fahrstuhl so seltsam angestarrt.«

»Blödsinn!«, lachte mich Vicky aus.

Da wusste ich, was es mit diesem Fahrstuhl für eine Bedeutung hatte. Ich drängte Vicky, weiterzugehen. Sie wollte mit dem Lift fahren. Ich sagte ihr, in den zweiten Stock könne man auch zu Fuß gehen. Wir wären schließlich noch keine alten Tattergreise. Ein kleiner Fußmarsch würde gewiss nicht schaden.

Sie ging nur ungern mit mir.

Und sie warf einen Blick auf die Lifttür, der mir Angst machte.

Angst um mein Mädchen.

Irgendetwas versuchte sie zu locken.

Wenn ich nicht dabei gewesen wäre, hätte sie darauf reagiert.

Und was wäre dann gekommen?

Wäre sie für kurze Zeit verschwunden? Um später als Sterbende wiederaufzutauchen?

Mich fröstelte.

Ich nahm mir vor, den Fahrstuhl in absehbarer Zeit genauer unter die Lupe zu nehmen.

Aber ohne Vicky.

Vorläufig sprach ich kein Wort mit meiner Freundin über diese Absicht.

Wir betraten die Wohnung im zweiten Stock.

Mr. Flopp hatte nicht gelogen.

Es war ein schönes Heim. Da es, wie ich vom Verwalter wusste, seit drei Monaten leer stand, roch es stickig in den Räumen.

Wir rissen alle Fenster auf, um atembare Luft hereinzulassen. Dann warf ich mein Jackett auf einen Stuhl im Wohnzimmer. Damit hatte ich endgültig von der Wohnung Besitz ergriffen.

Fünfzehn Minuten später klingelte es an unserer Tür.

Ich schaute Vicky erstaunt an.

»Nanu!«, sagte sie.

»Hast du Freunde eingeladen, die mit uns die Wohnung einweihen?«, fragte ich scherzhaft.

Vicky wollte nach draußen gehen.

Ich schüttelte den Kopf.

»Lass nur. Ich sehe selbst nach.«

»Denkst du, das würde ich nicht schaffen?«

»Macht dich das Jahr der Frau ebenfalls aggressiv?«, fragte ich zwinkernd zurück. Dann machte ich schleunigst, dass ich hinauskam.

Als ich die Tür aufklappte, stand ein freundlicher älterer Herr vor mir.

Er war gepflegt gekleidet. Sein weißer Schnurrbart hatte die Form einer Fahrradlenkstange. Er war ein stattlicher Mann mit einem kantigen Kinn – und Pantoffeln an den Füßen.

Nachbar!, dachte ich sofort.

Es stimmte.

»Sie wünschen?«, fragte ich trotzdem zuerst.

»Ich wohne nebenan«, sagte er freundlich lächelnd. »Wir sind Nachbarn. Ich hörte Sie hier drinnen rumoren und dachte, geh doch mal hinüber und sag den Herrschaften guten Tag. Mir liegt sehr viel an gutnachbarlichen Beziehungen.«

»Können Sie haben!«, sagte ich grinsend.

»Mein Name ist Oliver Hayes.«

»Meiner Tony Ballard. Kommen Sie herein, Mr. Hayes. Möchten Sie einen Drink mit uns nehmen?«

»O ja, gern, wenn ich nicht ungelegen komme.«

»Keineswegs, Keineswegs.«

Er blickte auf den schwarzen Stein meines magischen Rings.

»Prachtvolles Stück«, sagte er anerkennend.

»Sie würden staunen, was ich damit alles anfangen kann«, sagte ich scherzhaft. Dass es ernst gemeint war, konnte er nicht wissen.

Im Wohnzimmer stellte ich ihn Vicky vor. Dann ließ ich ihn von den Drinks wählen, die wir in der Hausbar gefunden hatten.

Er war ein liebenswertes Plappermaul.

Innerhalb ganz kurzer Zeit kannten wir seinen gesamten Lebenslauf.

Er hatte vieles mitgemacht. Aber er war ein unverbesserlicher Optimist geblieben.

Ich lenkte ihn geschickt auf das Thema, das mich am meisten interessierte.

Er sprang sofort darauf an.

Als erstes meinte er, dass man in letzter Zeit in dieser Gegend hier seines Lebens nicht mehr sicher wäre.

Die Leute munkelten alles mögliche.

Und kürzlich hätte man unten in der Halle einen Mann mit gespaltenem Kopf vorgefunden.

»Einen Mann aus diesem Haus?«, fragte ich.

»Ja«, sagte Hayes. »Edward Tagger. Er wohnte im neunten Stock. Vielleicht haben Sie seine Geschichte in der Zeitung gelesen. Schlimm, dass er ein solches Ende nehmen musste. Er war ein feiner Kerl. Ich mochte ihn sehr.«

»Er lag direkt vor dem Fahrstuhl«, sagte ich, und ich erwähnte nebenbei, dass ich das aus der Zeitung wüsste.

Oliver Hayes senkte den Blick.

»Ja, vor dem Fahrstuhl!«, brummte er.

»Ist irgendetwas nicht in Ordnung mit dem Lift?«, hakte ich sofort nach.

»Nein, nein, Mr. Ballard. Was sollte damit denn nicht in Ordnung sein?«

»Ich dachte, Sie hätten etwas gegen ihn«, sagte ich leichthin.

»Ich habe allgemein etwas gegen Fahrstühle«, klärte mich Hayes auf.

»Weshalb?«

»Sie sind so eng. Man kommt sich so eingeschlossen vor. Ich betrete ihn niemals. Und wenn ich mal unbedingt mit dem Lift fahren muss, mache ich Schreckliches mit.«

»Platzangst, wie?«, fragte Vicky und nippte an ihrem Drink.

Hayes nickte in ihre Richtung.

»So könnte man es nennen, Miss Bonney.«

Viel mehr war aus unserem Nachbarn nicht herauszubekommen. Er verabschiedete sich, sobald er seinen Drink gekippt hatte. Mir kam sein Aufbruch fast ein Bisschen zu plötzlich.

Möglicherweise bildete ich mir das aber auch bloß ein.

Er fragte, ob er mal wieder bei uns hereinschauen dürfte.

Ich hatte nichts dagegen und versicherte ihm, dass er jederzeit bei uns willkommen wäre. Dann war er draußen.

Irgendein bitterer Nachgeschmack blieb mir auf der Zunge.

Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er nur sehr ungern über den Fahrstuhl gesprochen hatte.

Lag das nun daran, dass er Lifts ganz allgemein nicht leiden konnte – oder steckte mehr dahinter? Wesentlich mehr?

19

Die erste Nacht in der neuen Wohnung.

Als Vicky sich zu mir ins Bett legte, roch sie betörend nach Apfelblüten. Sie kuschelte sich an mich. Ich war jedoch mit meinen Gedanken nicht bei ihr. Aber sie brachte mich soweit, dass ich an sie dachte. Und nur noch an sie.

Unsere Lippen fanden sich zu einem nicht enden wollenden Kuss.

Wir versanken beide in himmlischem Vergessen...

Zwei Stunden später lag ich immer noch wach auf dem Rücken.

Vicky schlief fest neben mir. Mit tiefen, regelmäßigen Atemzügen. Ihr hübsches Gesicht war entspannt.

Der Mond strahlte darauf und ließ ihre Wangen silbrig glänzen.

Und ich konnte nicht einschlafen. Ich starrte zur Decke, hatte das Gefühl, sie würde sich langsam senken und mich bald erdrücken.

Das war natürlich Unsinn.

Die Decke blieb oben. Ich hatte nichts von ihr zu befürchten.

Ich wurde mit meinen Problemen nicht fertig. Ich wusste, dass ich endlich den entscheidenden Schritt machen musste, wusste aber nicht, in welche Richtung.

Eine Möglichkeit drängte sich mir förmlich auf: Der Fahrstuhl.

Verdammt, mit dem stimmt irgendetwas nicht, dachte ich.

Barg der Fahrstuhl jenes Geheimnis, hinter das ich kommen wollte?

War er der Schlüssel?

Das Vorzimmer zur Hölle?

Plötzlich hielt ich es nicht mehr im Bett aus. Mir war, als würde unter meinem Hintern das Laken brennen.

Sanft glitt ich aus dem Bett. Wenigstens Vicky sollte schlafen.

Ich wusste noch nicht, was ich vorhatte. Wollte ich aus der Wohnung gehen? Aus dem Haus? In der Gegend herumirren? Darauf warten, dass mir solch ein seltsamer Mörder über den Weg lief? Mit einer Axt in der Hand, mit der er mir den Schädel spalten wollte!

Oder hatte ich bloß die Absicht, ins Wohnzimmer zu gehen, einen Schnaps zu trinken und mich hinterher wieder zu Bett begeben?

Ich wusste es nicht.

Was ich tat, machte ich ziemlich mechanisch. Ohne viel zu überlegen.

Ich kleidete mich vollständig an.

Und nicht nur das. Ich nahm auch das Schulterholster und den Colt Diamondback. Sogar eine Menge Reservepatronen stopfte ich in meine Taschen. Niemand darf mich fragen, warum ich das tat. Es geschah nahezu ohne mein Wissen. Ich traf sozusagen mit meinem Unterbewußtsein irgendwelche Sicherheitsvorkehrungen.

Als ich ausgehfertig war, begann mein Geist wieder zu arbeiten.

Ich stand vor dem Spiegel und schaute mich an.

Du gehst fort!, dachte ich. Fort von Vicky. Lass sie wissen, wohin du gehst.

Ich holte Kugelschreiber und Papier.

Dann überlegte ich, was ich für eine Nachricht hinterlassen sollte.

Ich schrieb. Und wieder setzte diese verdammte Mechanik ein.

Ich schrieb, dass ich mir den Fahrstuhl genauer ansehen würde. Und wenn ich nicht in den nächsten vierundzwanzig Stunden wiederauftauchen sollte, wäre es ratsam, die Polizei zu verständigen, denn dann wäre irgendetwas schiefgelaufen.

Ich nahm meiner Freundin brieflich das Versprechen ab, mir nicht zu folgen.

Vielleicht war das alles Unsinn, was ich niederschrieb, aber ich kritzelte es trotzdem auf das Papier.

Hinterher fügte ich hinzu, dass mir Vicky nicht böse sein solle wegen dieser Geheimniskrämerei, es geschähe alles nur, um sie nicht unnütz in Gefahr zu bringen und: »Ich liebe dich!« Das schrieb ich so oft, bis kein Platz mehr auf dem Zettel war.

War das ein Abschiedsbrief?

Es sah beinahe so aus.

20

Nun stand ich in der Halle.

Mein Herz hämmerte aufgeregt gegen die Rippen. Der Fahrstuhl erschien mir wie ein Feind. Ich fühlte, dass alles Böse von ihm ausging.

Und ich wollte sein schreckliches Geheimnis erforschen.

Entschlossen trat ich auf die Lifttüren zu. Ich drückte auf den Rufknopf. Es war mir, als könne ich mit diesem Knopfdruck nun nichts mehr rückgängig machen.

Ging ich in den Tod?

Das war nicht mit Sicherheit zu verneinen. Was in diesem Fahrstuhl auf mich wartete, vermochte keiner zu sagen. Ich am allerwenigsten.

Er kam im Erdgeschoss an.

Die Türen glitten auseinander. Ich fühlte mich vom Fahrkorb unwiderstehlich angezogen. Es wäre mir nicht mehr möglich gewesen, mich umzudrehen und einfach wegzugehen. Ich wollte das auch gar nicht. Aber mir war klar, dass es mir gewiss nicht gelungen wäre.

Das war irgendeine raffinierte Falle.

Errichtet von einem Dämon, der mir noch unbekannt war.

Eine Falle, in die bereits vier Menschen gegangen waren.

Als ich im Fahrkorb stand, schlossen sich die Türen hinter mir wie von Geisterhand.

Ich brauchte nichts zu tun.

Der Lift setzte sich von selbst in Bewegung, als wisse er haargenau, wohin ich wollte.

Schneller, immer schneller wurde der Lift. Er sauste im Schacht nach oben wie die Kanonenkugel durch den Lauf des Geschützes.

Unaufhaltsam. Unberechenbar. Eigenständig. Unbeeinflussbar. Er raste mit mir, seinem Opfer, einfach davon. Geradewegs in den nächtlichen Himmel hinein, wie es schien.

Aber was hatte der Fahrstuhl des Teufels im Himmel zu suchen?

Ich lehnte mich benommen an die Wand.

Mir war auf einmal so komisch. Nicht richtig übel. Und doch irgendwie zum Kotzen. Vielleicht vertrug ich diese rasante Beschleunigung nicht.

Meine Knie wurden weich.

Ich sank matt nach unten, setzte mich auf den Boden des Lifts, der mir kalt und feucht vorkam.

Schwaden flogen wie Geisterpranken auf mich zu. Sie strichen über mein schweißnasses Gesicht. Mir war entsetzlich kalt, und ich klapperte laut mit den Zähnen.

Aber in meinem Inneren brannte ein höllisches Fieber. Diese innere Hitze trieb mir mehr und immer mehr Schweiß aus den Poren.

Meine Kleider wurden feucht von meinem Schweiß.

Der Fahrstuhl fuhr immer noch.

Eigentlich hätte ich längst im neunten Stock angelangt sein müssen. Mehr als neun Etagen hatte das Haus in der Murdock Avenue 202 ja nicht.

Und doch fuhr ich weiter. Höher. Noch höher. Wohin? Wohin denn?

Ich wurde entführt! Von diesem Geisterlift wurde ich fortgerissen. Weg aus meiner Welt. Irgendwohin. Ich spürte deutlich, wie alles hinter mir zurückblieb. Vicky. Frank Esslin. New York. Die ganze Welt anscheinend.

Ich verließ das alles.

Aber wohin kam ich nun?

Der beißende Rauch wurde dicker. Er legte sich auf meine Lunge.

Ich hustete. Ich röchelte, rang nach Atem. Meine zitternde Hand fuhr zum Hals. Ich riss den Hemdkragenknopf keuchend ab.

Der Lift fuhr indessen unaufhaltsam weiter.

Genauso musste es Earl Jenkins, Porter Harrison, Rita Brown und Sean Travers ergangen sein. Sie hatten diesen verdammten Lift betreten, der sie wie eine fleischfressende Pflanze gefangen hatte.

Sie hatten gewiss furchtbare Ängste ausgestanden. Vor allem das Mädchen.

Der stinkende Brodem zerfraß meine Seele.

Er grub sich bis in mein Knochenmark hinein. Ich wollte mich aufrichten, aber es gelang mir nicht. Irgendetwas hatte mir alle meine Kräfte geraubt.

Verflucht hilflos war ich.

Ich war nahe daran, zu verzweifeln.

Gegen einen Dämon konnte ich kämpfen. Ich hatte schon eine ganze Menge von diesen Bestien vernichtet.

Aber das waren handfeste Wesen gewesen.

Körper. Gegner, die man angreifen konnte, gegen die man anrennen konnte. Das eigene Leben riskierend, aber es waren doch immerhin Gegner gewesen.

Hier jedoch war nichts, gegen das ich hätte anrennen können.

Ich hockte in einem Lift.

Ich hockte da und konnte mich nicht mal erheben. Und irgendjemand blies mir diesen verdammten stickigen Brodem ins Gesicht, um mich damit zu betäuben.

Ich spürte, dass er es schaffen würde.

Ich japste nach Luft.

Doch was ich in die Lunge bekam, war immer nur Qualm, Gestank. Rauch.

Graue Flecken erschienen vor meinen Augen. Ich wusste sofort, hier kündigte sich eine Ohnmacht an. Aber ich hatte nicht die Möglichkeit, sie abzuwenden.

Ich sah sie auf mich zuschweben und musste es einfach geschehen lassen.

Diese körperliche Ohnmacht machte mich rasend. Zornig riss ich mich zusammen. Wäre doch gelacht, wenn ich meinem Körper nicht meinen Willen aufzwingen könnte.

Die Glieder gehorchten widerwillig.

Ich kam auf die Beine.

Doch oben war die Luft hundertmal schlechter. Zwei Atemzüge genügten. Dann fiel ich um wie ein Brett.

Mir schwanden die Sinne.

Ich vergaß meine Angst, meine Wut, sogar mich selbst.

21

Vicky Bonney drehte sich auf die andere Seite. Da merkte sie, dass der Platz neben ihr leer war. Sie lag allein im Bett.

Erschrocken setzte sie sich auf.

Sie war besorgt. Noch verschlafen lauschte sie in die Dunkelheit. Dann warf sie die Decke zurück. Ihre nackten Füße fanden die Pantoffel.

Das hauchzarte Nightie umfloß ihren makellosen Körper.

Sie verließ das Schlafzimmer.

»Tony?«

Nichts.

Sie durchwanderte alle Zimmer.

»Tony?«, rief sie immer wieder. Nirgendwo brannte Licht.

Im Wohnzimmer fand sie dann den Zettel. Sie las ihn hastig, fuhr sich verwirrt an die Lippen und hielt unwillkürlich die Luft an.

Sie hatte Angst.

Schlimme, bohrende Angst. Nicht um sich. Sondern um Tony Ballard.

22

Wie lange war ich weg?

Ich wusste es nicht. Ächzend setzte ich mich auf. Hinter mir war die Wand. Ich lehnte mich dagegen. Sie war naßkalt. Und aus Stein.

Das verwirrte mich.

Ich hob den Kopf. Mein Gehirn funktionierte noch nicht richtig. Ein scheußliches Brummen füllte meinen Kopf. So als hätte mich jemand vorhin mit einem Hammer bewußtlos geschlagen.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht schaute ich mich um.

Die Schwaden hatten sich verflüchtigt.

Die Luft, die ich nun atmete, roch moderig und nach Fäulnis.

Meine Hände tasteten über den Boden.

Die Finger fühlten Stroh.

Nun begriff ich überhaupt nichts mehr. Wieso war die Fahrstuhlwand aus Stein? Wieso lag auf dem Fahrstuhlboden Stroh? Und wieso steckten Pechfackeln in den Eisenringen mir direkt gegenüber? Ihr flackernder Schein machte es mir möglich, so nach und nach zu entdecken, dass ich mich in irgendeinem alten Verließ befand.

Ich war nicht mehr in jenem Lift.

Jemand musste mich da herausgeholt haben.

Ich befand mich nun in einem Kerker! Ja, ein Kerker, das war es exakt!

Plötzlich ein Schrei, der mir das Blut in den Adern gerinnen ließ.

Eiskalte Schauer fuhren mir über den Rücken. Ein Mädchen kreischte.

Aber wie. Schlimmer, als ich es jemals gehört hatte. Das Mädchen musste furchtbar gequält werden. Anders waren einem Menschen solche Wahnsinnsschreie nicht zu entlocken.

Ich sprang auf.

Etwas klirrte und rasselte. Ich bemerkte, dass man mich in Ketten gelegt hatte. Dicke Eisenketten schlossen sich um meine Beine. Sie waren durch einen eisernen Mauerring gezogen. Ich konnte mich nur einen Meter von der Mauer wegbewegen. Dann spannte sich die dickgliedrige Kette, und ich musste stehenbleiben.

Und wieder schrie das Mädchen grauenvoll auf.

Ich konnte das nicht mit anhören, preßte meine Hände auf die Ohren, knirschte mit den Zähnen, war nahe daran, ebenfalls loszubrüllen, um die Schreie zu überplärren.

Ich zerrte wie verrückt an meinen Ketten.

Das Mädchen schrie.

Ich hörte Peitschenschläge. Mir drehte die Aufregung den Magen um.

Mein Blick war starr auf eine dicke Holztür gerichtet. Unerreichbar weit weg von mir.

Von dort kam das Gekreische in mein Verlies.

Mir fiel ein, dass all diese seltsamen Patienten von Dickinson Boyd grauenvolle Verletzungen gehabt hatten. Verletzungen, wie sie von bestialischen Folterungen herrührten.

War dieses Mädchen bereits das nächste Opfer?

Wurde sie soeben so übel zugerichtet?

Meine Hände waren nicht gefesselt. Ich griff nach meinem Colt. Eigentlich war es mehr eine Reflexbewegung gewesen. Ich hatte nicht erwartet, ihn in dem Schulterholster vorzufinden. Aber der Diamondback steckte da.

Mein Herz schlug wild in meiner Brust.

Ich riss die Waffe heraus und schoß mich mit zwei Kugeln von der lästigen Kette.

Die Schüsse rollten donnernd durch das feuchte Gewölbe. Zitternd hallten sie von den Wänden wider. Aber niemand kam, um nach mir zu sehen.

Statt dessen schrie das Mädchen wieder.

Noch greller. Noch schmerzlicher. Noch leidender.

Ich rannte zur Tür. Sie war abgeschlossen. Ich richtete die Waffe darauf.

Da hörte ich Schritte.

Jemand kam. Es waren schwere Schritte. Mindestens zwei Männer näherten sich meinem unheimlichen Gefängnis.

Ich überlegte kurz, was ich tun sollte.

Dann hastete ich zu meiner Kette zurück. Ich warf mich auf den strohbedeckten Boden. Die Kette legte ich so an meine Beine, dass der Schein gewahrt war.

Etwas rasselte vor der Tür.

Dann wurde sie aufgestoßen.

Sie knallte gegen die Wand. Ich hob den Kopf. Was ich sah, schnürte mir die Kehle zu.

Zwei Männer in Lederwämsen, kräftige, muskulöse Gestalten, gekleidet wie Henkersknechte aus dem zwölften Jahrhundert, mit wilden, gnadenlosen Blicken, traten in mein Gefängnis. Zwischen den beiden Muskelbergen hing ein grauenvoll zugerichtetes Mädchen.

Sie konnte nicht mehr gehen.

Ihre Beine schleiften über den Boden.

Das Kleid, das sie trug, war überall zerfetzt. Ihre nackten Brüste waren mit blutroten Striemen bedeckt. Noch schlimmer sah ihr Rücken aus.

Sie hatte bläulich schwarzes Haar und vielleicht sogar ein hübsches Gesicht.

Diese verdammten Schergen hatten es ihr mit Faustschlägen schrecklich zerschlagen.

Sie warfen die halb Ohnmächtige in meine Richtung.

Dann lachten sie teuflisch.

Ich wollte etwas sagen, wollte ihnen etwas zurufen, wollte sie beleidigen, sie angreifen, ja sogar töten wollte ich sie.

Aber meine Stimme versagte mir. Und ich war wie gelähmt.

Sie wandten sich um.

Zwei kraftstrotzende Folterknechte. Breitschultrig. Mit kurzen roten Stoffhosen bekleidet. Ihre nackten Waden waren genauso muskulös wie ihre nackten Arme. Mein ganzer Haß galt ihnen.

Sie beachteten mich nicht, obwohl sie gesehen hatten, dass ich bei Bewußtsein war.

Sie lachten nur und verließen dieses naßkalte Gefängnis wieder.

Die Tür knallte zu. Ich war allein. Allein mit einem wimmernden, stöhnenden und röchelnden Mädchen.

Ich warf die klirrenden Ketten fort.

Dann robbte ich auf das Mädchen zu. Mißtrauisch schielte ich zur Tür. Ich war nicht sicher, ob diese Folterknechte nicht die Möglichkeit hatten, mich zu beobachten.

Aber ich hörte ihre Stimmen, die sich entfernten.

Das Mädchen tat mir schrecklich leid.

Ein Schüttelfrost beutelte ihren zerschundenen Körper. Sie roch nach Blut. Und nach Schweiß. Und nach Tränen. Sie jammerte leise. Ich streckte zaghaft die Hand aus, strich ihr übers wirre, zerzauste Haar. Dabei spürte ich Beulen an ihrem Kopf.

Diese verfluchten Kerle hatten sie fürchterlich mißhandelt.

Sie bemerkte mich nicht, war allein mit ihrem wahnsinnigen Schmerz, der sich über ihren gesamten Leib erstreckte.

Der Stoff ihres Kleides war grob gewebt.

So, wie sie gekleidet war, hatte man sich vor vielen hundert Jahren angezogen.

Mehr und mehr kam ich zu der Überzeugung, dass ich dahin geraten war, woher diese seltsamen Äxte gekommen waren.

Ich musste mich im zwölften Jahrhundert befinden. Das bewiesen diese grauenvollen Folterknechte. Das bewies vielleicht auch dieses Verlies, das bewies zum Teil auch die Kleidung des gefolterten Mädchens.

Nun weinte sie.

Zitternd, schluchzend, haltlos.

Ich wusste nicht, wie ich ihr helfen sollte. Ich hatte nichts bei mir, womit ich ihre Wunden behandeln konnte.

Nicht einmal tröstende Worte fielen mir ein. Aber zum Teufel mit tröstenden Worten. Die hätte sie nicht gebrauchen können. Mit diesen höllischen Schmerzen überall am Leib ist man an schönen Worten nicht interessiert.

Es dauerte lange, bis sie sich beruhigte. Immer noch hatte sie mich nicht bemerkt. Ich saß neben ihr auf dem Boden und wartete mit vibrierenden Nerven.

Sie schlief erschöpft ein.

Nach einer Stunde erwachte sie. Ich hatte ihren Kopf in meinen Schoß gebettet.

Sie richtete sich erschrocken auf.

Als sie merkte, dass ihre Brüste nackt waren, bedeckte sie sie mit ihren zitternden Händen.

Sie schaute mich verstört an. Sie schien sich vor mir zu fürchten. Ich lächelte, um ihr Vertrauen zu gewinnen.

»Wer bist du?«, fragte sie mich. Jedes Wort schmerzte sie im Hals.

»Ich heiße Tony Ballard«, sagte ich sanft. »Und wie heißt du?«

»Dodo Ferguson.«

»Ich habe gesehen, wie sie dich hierherbrachten.«

Dodo schaute sich an. Ich hatte ihr Blut mit Speichel und mit meinem Taschentuch abgewaschen. Es war nicht besonders gut gegangen. Aber nun sah sie nicht mehr ganz so schlimm aus. Die Schrammen und Striemen waren aber auch jetzt noch tief und bestimmt äußerst schmerzhaft.

»Sie... sie haben dich gefoltert«, sagte ich leise.

Dodo Ferguson nickte. Sie sah mich mit einem Blick an, den ich nicht deuten konnte. Angst und Neugier las ich heraus. Aber es war noch viel mehr darin.

»Warum?«, fragte ich.

»Wie?«

»Warum haben sie dich gefoltert?«

»Wer bist du, Tony Ballard? Wieso bist du so seltsam angezogen?« Während sie mich das fragte, versuchte sie ihr Kleid in Ordnung zu bringen. Irgendwie gelang es ihr, den Stoff so festzumachen, dass er ihren Busen verdeckte.

»Ich bin normal gekleidet«, sagte ich.

»Ich habe noch niemanden gesehen, der so gekleidet war!«

»In welchem Jahrhundert lebst du?«

»Im zwölften. Du doch auch.«

»Dies ist die Kleidung des zwanzigsten Jahrhunderts, Dodo.«

Das Mädchen schaute mich verwirrt an.

»Kannst du in die Zukunft sehen?«

»Ich könnte dir das vielleicht erklären, aber es würde zu lange dauern. Wie lange bist du schon hier, Dodo?«

»Sie haben mich vor einem Monat hierhergebracht.«

»Weshalb?«

»Sie sagen, ich wäre eine Hexe.«

»Bist du eine?«

»Nein.«

»Und nun foltern sie dich so lange, bis du zugibst, dass du eine Hexe bist, nicht wahr?«

»Ja.«

Um mich herum drehte sich alles. Was stürmte da auf mich herein? Ich befand mich mitten im zwölften Jahrhundert. Ein ganz gewöhnlicher Fahrstuhl hatte mich hierhergebracht. Das war doch wahnsinnig. Und doch war es Tatsache. Dieses Mädchen bewies es. Diese Umgebung bewies es.

Ein verfluchter Dämon trieb sein böses Spiel mit mir.

»Weshalb bist du hier, Tony? Weil du dich so seltsam kleidest? Meinen Sie, dass du deshalb ein Hexer wärst?«

»Möglich«, sagte ich nachdenklich.

Und ich überlegte: Wenn Dodo Ferguson nun schon seit einem Monat hier war, mussten ihr doch meine Vorgänger begegnet sein. Earl Jenkins, Porter Harrison, Rita Brown und zuletzt Sean Travers.

Ich nannte diese Namen.

Dodo kannte sie. Aber die Männer hatte sie nie zu Gesicht gekriegt. Nur das Mädchen. An Rita Brown konnte sie sich sehr gut erinnern. Ich versuchte mehr über Rita und ihr Schicksal zu erfahren.

»Eines Tages war sie da«, sagte Dodo. »Sie trug auch so seltsame Kleider. Ich hatte geschlafen. Als ich erwachte, saß sie dort in der Ecke. Völlig verstört war sie. Und als ich sie ansprach, begann sie zu schreien und hörte damit nicht mehr auf. Da kamen die Folterknechte und holten sie fort. Ich hörte, wie sie sie quälten. Aber sie brachten sie nicht mehr hierher zurück.«

Ich versuchte den würgenden Kloß, der in meinem Hals steckte, hinunterzuschlucken.

»Wer ist für all diese Gräueltaten verantwortlich?«, wollte ich wissen.

»Nicholas Braddock!«, sagte Dodo. Heftige Krämpfe ließen sie aufstöhnen. Doch sie kämpfte tapfer gegen die Schmerzen an.

»Wer ist das?«, wollte ich wissen.

»Du weißt nicht, wer Nicholas Braddock ist?«, fragte mich Dodo Ferguson verblüfft.

»Nein«, sagte ich ernst.

»Braddock ist der grausamste Hexenjäger, den es gibt. Aber es geht ihm nicht bloß um Hexen. Es geht ihm nur darum, Menschen zu quälen. Die Hexenjagd ist bloß sein Tarnmantel. Er hat sein satanisches Vergnügen daran, Menschen zu foltern.«

»Was wirft man dir vor, Dodo?«, wollte ich wissen.

»Angeblich habe ich den bösen Blick«, seufzte das leidgeprüfte Mädchen. »Ich habe mich nach einer Frau umgesehen. Zufällig. Und diese Frau hatte plötzlich wahnsinnige Schmerzen im Kreuz. Nicht durch meine Schuld. Aber sie schrie sofort, ich wäre eine Hexe, und ich hätte den bösen Blick und ich wäre schuld an ihrem schmerzhaften Leiden. Braddocks Schergen holten mich noch am selben Tag ab. Sie brachten mich hierher. Und seither versuchen sie mir Tag für Tag ein Geständnis abzupressen.«

»Was wird aus dir, wenn du es zugibst?«

»Dann stellen sie mich auf den Scheiterhaufen.«

»Und wenn du weiterhin leugnest, stirbst du auf der Folterbank.«

Dodo nickte verzweifelt.

»Wer in diesen Teufelskreis einmal hineingeraten ist, der entkommt ihm nicht mehr. Morgen wollen sie die Hexenprobe mit mir machen. Braddock selbst wird Hand anlegen.«

»Was werden sie tun?«, fragte ich besorgt.

»Sie werden mich an Armen und Beinen fesseln. Dann werden sie mich von einer Brücke ins Wasser werfen. Gehe ich unter, dann war ich keine Hexe. Komme ich hoch, dann hat mir der Teufel geholfen. Somit bin ich eine Hexe. Und man wird mich auf den Scheiterhaufen bringen und verbrennen. So oder so. Morgen werde ich sterben.«

Mich erschütterten Dodos Worte.

Sie sagte das so, als hätte sie sich seit langem damit abgefunden.

»Hast du noch nie an Flucht gedacht?«, fragte ich sie hastig.

»Gedacht? Ich träume jede Nacht davon. Aber es bleibt nur ein Traum. Aus diesem Verlies kommt keiner raus, Tony. Hier kannst du nur von Flucht träumen. Aber dieser Traum wird niemals Wirklichkeit.«

»Würdest du mit mir fliehen, Dodo?«

»Wohin du willst, Tony. Aber wir schaffen das nicht.«

Da hockten wir, in diesem steinernen Gefängnis. Das zwölfte und das zwanzigste Jahrhundert.

Hockten beisammen und redeten von Flucht.

»Vielleicht schaffen wir es doch. Wir müssen es jedenfalls versuchen. Wie fühlst du dich, Dodo?«

»Wenn du von Flucht sprichst, fühle ich mich kräftig.«

»Kräftig genug, um die Strapazen, die auf uns warten, durchzustehen?«

»Kräftig genug, Tony. Ich bin zäh!«, sagte das tapfere Mädchen. »Ich will nicht sterben. Ich bin noch so jung. Ich bin erst zweiundzwanzig. Ich möchte alt werden. An der Seite eines Mannes, der soviel Unternehmungsgeist hat wie du, Tony. Ich möchte ihm viele Kinder schenken, möchte ihm ein treues Weib sein, ihn umhegen, umsorgen, möchte seine Sklavin sein.«

Ich dachte an die anderen Frauen, die achthundert Jahre später als Dodo auf die Welt gekommen waren. Sie redeten von Emanzipation, wollten nicht mehr länger Lustobjekt für den Mann sein, wollten keine Gebärmaschinen mehr sein.

Völlig anders dachte dieses Mädchen über die Weib-Mann-Beziehung.

»Steh auf!«, befahl ich Dodo, und sie stand auf. »Geh hin und her!« Sie machte es. Den rechten Fuß zog sie ein bisschen nach, aber sie bemühte sich tapfer, das zu verbergen. Sie wollte nicht, dass ich sagte, sie müsse zurückbleiben. Sie wollte unter allen Umständen mit mir fliehen. Egal, wohin ich sie brachte. Sie wollte weg von hier. Weg vom Tod, der sie morgen ereilen würde.

»Schlimme Schmerzen, Dodo?«, fragte ich.

»Gar keine!«

»Sei ehrlich.«

»Ein bisschen. Aber ich kann sie verkraften, Tony.«

»Wir werden vielleicht um unser Leben rennen müssen!«

»Ich werde so schnell rennen wie du.«

»Oka?«, nickte ich. »Dann lass uns jetzt beginnen.«

Ich sagte ihr, wohin sie sich stellen sollte. Dann trat ich mit gezogenem Revolver an die Tür.

»He!«, brüllte ich aus Leibeskräften. »He, ihr verdammten Henkersknechte! Kümmert sich denn keiner von euch um diese verfluchte Hexe?«

Ich schrie so laut, dass sie mich hören mussten, wenn sie nicht allzu weit weg waren.

»Die Hexe haut ab!«, brüllte ich. »Die löst sich ganz langsam in Luft auf. Verdammt, die schafft es mit ihrer Zauberei, sich von hier zu verdrücken! Und was wird aus mir?«

Mir klopfte das Herz hoch oben im Hals.

Würde es klappen?

Würden die Folterknechte darauf hereinfallen?

Plötzlich hörte ich schnelle Schritte. Ich atmete erleichtert durch.

Es klappt, dachte ich. Es haut hin. Es gelingt!

Fiebernd stellte ich mich hinter die Tür und wartete auf meine Chance mit bis zum Zerreißen gespannten Nerven.

Sie kamen beide.

Ich schaute zu Dodo Ferguson hinüber. Der Schüttelfrost hatte sie wieder übermannt.

Es war wohl die höllische Angst, die ihr so schwer zu schaffen machte.

Ich bildete mit Daumen und Zeigefinger meiner linken Hand einen Kreis. Es sollte ein Okayzeichen sein. Damit wollte ich dem Mädchen ein bisschen von seiner Furcht nehmen.

Gerassel.

Gepolter.

Dann flog die Tür auf. Die beiden Folterknechte schnaubten herein.

Ich stemmte mich von der Mauer ab, flog auf sie zu, knallte dem einen den Knauf meiner Waffe hart an den mächtigen Schädel.

Der Bursche war kein Supermann.

Er brach erledigt zusammen. Der andere wirbelte mit stechenden Augen herum. Er begriff, dass da etwas Faules laufen sollte.

Sofort holte er mit seiner langen Lederpeitsche aus.

Vielleicht war es die, mit der er zuvor das Mädchen gepeinigt hatte.

Ein Pfeifen. Dann ein Klatschen. Das weiche Leder wand sich blitzschnell um meinen Hals. Der Bursche konnte verteufelt gut damit umgehen.

Nun riss er an der Peitsche.

Sein Gesicht war zu einem schadenfrohen Grinsen verzerrt.

Er riss an der Peitsche und nahm mir dadurch mit einem brutalen Ruck die Luft.

Er wollte mich mit seiner verdammten Peitsche erdrosseln. Mir hing die Zunge aus dem aufklappenden Mund.

Der Kerl kannte keine Gnade.

Ich sah es in seinen Augen, dass es ihm ein großes Vergnügen machte, mich umzubringen. Mir verschwamm alles vor den Augen. Ich wankte. Ich japste nach Luft. Sie wurde immer knapper. Ich versuchte die verfluchte Peitsche abzubekommen. Es war mir nicht möglich. Und der Kerl grinste, grinste, grinste. Es war eine höllische Herausforderung. Ich konnte nicht widerstehen. Ich hörte Dodo Ferguson entsetzt meinen Namen kreischen. Wahrscheinlich sah ich so aus, als wäre ich schon mehr drüben als da. Ich sah keine andere Möglichkeit mehr, mir den Henkersknecht vom Hals zu schaffen.

Nur noch die eine!

Ich richtete meine Waffe gegen seinen Bauch.

Kurz bevor bei mir der Blackout kam, drückte ich ab.

Donnernd jagte der Schuss durch das Gewölbe.

Dodo schrie verstört auf.

Der Muskelkoloss brüllte noch lauter.

Er ließ die Peitsche los. Ich wand sie mir blitzschnell vom Hals.

Luft sprang mir in die Kehle. Ich atmete gierig. Der Folterknecht sackte nieder.

Ich hatte Mitleid mit ihm. So schwer hatte ich ihn nicht verletzen wollen. Aber ich hatte keine Zeit gehabt, genau zu zielen. Ich wäre an seiner Peitsche zugrunde gegangen, wenn ich den Stecher meines Diamondback nicht schnellstens durchgerissen hätte.

Binnen weniger Augenblicke war der Mann tot.

Ich hatte seinen Tod nicht gewollt.

Er hatte Pech gehabt. Wir hatten beide Pech gehabt.

Dodo wankte benommen auf mich zu. Sie starrte mich ungläubig an.

»Du hast sie beide überwältigt, Tony!«, sagte sie zutiefst beeindruckt.

»Hast du daran gezweifelt?«, fragte ich sie nervös lächelnd.

»Ehrlich gesagt – ja.«

Ich nahm sie an der Hand und trat mit ihr aus dem Verlies.

Mit diesem Schritt trat ich mitten hinein ins zwölfte Jahrhundert.

Und ich hatte keine Ahnung, wie ich jemals wieder ins zwanzigste Jahrhundert zurückkehren konnte.

23

Im zwanzigsten Jahrhundert erwachte Vicky Bonney aus einem Schlaf, der mit wirren Träumen angefüllt gewesen war. Alpträume waren es gewesen, die sie während der Nacht gequält hatten. Sie war froh, dass nun endlich der Morgen angebrochen war.

Während sie duschte, dachte sie an Tony.

Es war nicht fair, sich einfach fortzustehlen, das wollte sie ihm sagen, wenn er wiederkam. Wenn er wiederkam.

Das Wasser perlte warm über ihre nackte Haut.

Trotzdem fror sie. Sie hatte immer noch Angst um Tony. Mehr denn je. Der Tag stellte die Schrecknisse deutlicher heraus.

Vicky wollte mit jemandem darüber reden.

Nackt verließ sie das Bad.

Im Wohnzimmer nahm sie den Hörer von der Gabel. Sie rief Esslin an.

Er war nicht da.

Da überlegte sie nicht lange, sondern stellte die Verbindung zu Tucker Peckinpah in England her. Sie redete sich den ganzen Kummer von der Seele. Peckinpah fand die richtigen Worte, um sie aufzumuntern. Er sagte, dass Tony schon mit ganz anderen Dingen fertig geworden wäre, und dass sie sich ganz bestimmt völlig grundlos Sorgen mache.

Nun läutete es an der Tür.

Vicky machte Schluss.

Sie lief nackt zur Tür und schaute durch den Spion nach draußen.

Da stand Mr. Oliver Hayes, der freundliche Nachbar.

»Einen Moment, Mr. Hayes!«, rief Vicky nach draußen. Dann rannte sie durch die Wohnung, holte ihren Bademantel, warf ihn sich über und eilte zur Tür zurück.

Erfreut ließ sie den Mann eintreten.

Sie war froh, nicht mehr allein zu sein.

Oliver Hayes hatte Zeit genug, um mit ihr ihre Zeit totzuschlagen. Sie musste immer nur an Tony denken, und was er gerade machte und wie es ihm ging. Und überhaupt noch lebte...

24

Ein Labyrinth von Gängen lag vor uns.

Dodo ging voraus. Sie wusste den Weg, der in die Freiheit führte. Wir kamen an unzähligen Verliesen vorbei.

Hier litten die Opfer des Inquisitors.

Ich hörte sie stöhnen und röcheln. Ich hätte ihnen gern geholfen, aber es war fraglich, ob ihnen überhaupt noch zu helfen war.

Sie wären ein Hemmschuh für uns gewesen. Sie hätten unsere Flucht zunichte gemacht. Und es war so verdammt wichtig, dass wir erst mal aus diesem schaurigen Keller fortkamen.

Düstere Nacht herrschte hier unten.

Gitter ratterten irgendwo. Ketten rasselten überall.

Dodo Ferguson brachte mich zu einer Treppe. Ich schaute immer wieder zurück, aber niemand folgte uns.

Wir schienen Glück zu haben.

»Da hinauf!«, sagte Dodo atemlos. Sie lehnte sich zitternd an mich. Sie war schwer entkräftet, hätte dringend Ruhe gebraucht. Aber ich konnte ihr diese kleine Verschnaufpause nicht gönnen. Eine kurze Rast hätte unser Schicksal besiegeln können.

Wir mussten weiter, mussten die Flucht fortsetzen.

Ich faßte unter ihren Arm, zerrte sie mit mir die steinernen Stufen hoch. Oben erreichten wir eine geschlossene Tür, die jedoch nicht abgesperrt war. Sie ächzte und knarrte, als ich sie aufzog. Ich steckte den Kopf nach draußen. Niemand war zu sehen. Wieder lag ein Gang vor uns.

Dodo Ferguson dirigierte mich in einen kleinen Raum. Diesen durchquerten wir. Wieder eine Tür... Und dahinter empfing uns der Teufel persönlich.

Jedenfalls sah der Kerl so aus.

Er stieß ein grauenvolles Gelächter aus, als Dodo und ich auf ihn zutraten. Er bewachte diese Tür. Sie war anscheinend der einzige Weg in die Freiheit.

Der Mann war ein Ausbund an Häßlichkeit. Er stank fürchterlich. Seine Augen standen weit auseinander. Die Nase war dreimal so dick wie die eines normalen Menschen. Er hatte wilde Pranken. Und in diesen Pranken hielt er ein blitzendes Schwert, mit dem er mir in diesem Moment den Kopf von den Schultern schlagen wollte.

Dodo kreischte entsetzt auf.

Sie sprang zurück, stolperte, fiel.

Ich duckte mich blitzschnell.

Das Schwert surrte haarscharf über meine Haarspitzen hinweg.

Ich sprang den Riesen an. Ich rammte ihm meinen Revolver in den fetten Bauch. Er grunzte, versetzte mir einen Hieb, der mich vier Meter zurückschleuderte. Ich sprang ihn erneut an. Da kassierte ich einen Treffer, der mich noch weiter zurückschmiss. Mir war, als wären sämtliche Knochen in meinem Leib zerschmettert.

Nun lachte er wieder so grausig.

Er wollte sich mit seinem gefährlichen Schwert auf Dodo stürzten, um sie zu zerstückeln.

Da zögerte ich nicht länger.

Ich holte ihn mit einem gezielten Schuss von den Beinen.

Er röhrte entsetzlich auf. Ich packte Dodo und lief an ihm vorbei. Er konnte uns nicht mehr daran hindern.

Sein Gebrüll hallte mir noch in den Ohren, als wir ins Tageslicht hinaustraten.

Es stimmte.

Ich schaute mich um. Menschen waren im Augenblick keine zu sehen. Aber ich sah eine staubige Dorfstraße. Ausgewaschen vom Regen. Mit Pfützen übersät. Uralte Häuser säumten die Straße. Wenn es bislang noch Zweifel gegeben hätte, in welchem Jahrhundert ich mich befand... Jetzt waren diese Zweifel restlos zerstreut.

Wir liefen an einer Lehmmauer vorüber.

Ein Pferd wieherte.

Ich reagierte sofort und sagte Dodo, es wäre von großem Vorteil, wenn wir die Flucht zu Pferd fortsetzen könnten.

Das Tier war vor einem Haus angebunden.

Ich griff nach dem Strick. Dann schwang ich mich auf den ungesattelten Rücken. Dodo streckte mir beide Hände entgegen.

Ich riss sie hoch und drückte die Schenkel wild zusammen. Der Fuchs begann zu laufen.

Ich hämmerte ihm meine Fersen in die Seiten. Das Tier lief schneller.

Wir galoppierten aus dem mittelalterlichen Dorf. Nun begegneten wir einigen Leuten.

Sie trotteten hinter Ochsenkarren einher, hatten kein Interesse an uns. Einige blieben stehen, sahen uns nach. Wohl deshalb, weil wir zu zweit auf einem Pferd saßen.

Sobald wir die letzten Häuser des kleinen Dorfs hinter uns gelassen hatten, machte sich in meiner Brust ein Gefühl des Triumphes breit.

Wir hatten es geschafft.

Es war uns gelungen, aus dem Verlies auszubrechen. Was jetzt kam, konnte kaum noch schlimm sein.

Saftige Wiesen erstreckten sich zu beiden Seiten der Straße.

Büsche rauschten im sanften Wind.

Dahinter stand ein kleines Wäldchen. Und weiche Hügel erhoben sich anschließend.

»Wohin?«, fragte ich Dodo.

Sie zeigte mir einen Pfad, auf den ich das Pferd lenkte.

Nun schaute ich mich kurz um.

Wir wurden nicht verfolgt. War unsere Flucht etwa noch gar nicht bemerkt worden?

Das wäre so herrlich gewesen, dass ich es nicht zu hoffen wagte.

Dodo Ferguson schrie mir ins Ohr, sie wisse eine große Höhle, in der man sich für längere Zeit verstecken könne.

Da könnten wir erst mal abwarten, neue Kräfte sammeln.

Ich ließ mir von ihr den Weg zu dieser Höhle zeigen.

Sie lag am Fuße eines Natursteinbruchs. Es war seltsam kühl in dieser Mulde, in die kein Sonnenstrahl fiel.

Ich fröstelte, obwohl ich vom scharfen Ritt erhitzt war.

Die Gegend war hier kahl. Das Gras wuchs spärlich. Nackter Fels umgab uns. Die Büsche waren dürr und zumeist laublos. Auf diesem Boden konnte nichts gedeihen.

Wir glitten vom Pferd.

Das Tier wieherte verstört, bäumte sich auf, zerrte an dem Strick, an dem ich es hielt, als ich es auf den großen schwarzen Höhleneingang zuführte.

»Was hat das Biest denn?«, fragte ich wütend.

»Scheint Angst vor Höhlen zu haben!«, gab Dodo zurück.

Schon wieder stieg der Fuchs hoch. Ich hatte Mühe, den Strick zu halten. Ich nahm eine Gerte und schlug das Tier, um es mir gefügig zu machen. Aber das machte den Gaul nur noch verrückter. Und plötzlich riss er sich los.

Riss sich los, warf sich herum und galoppierte in wahnsinniger Hast davon.

»Blödes Vieh!«, schrie ich dem Pferd nach.

»Lass nur, Tony«, sagte Dodo Ferguson tröstend. »Wir brauchen es nicht mehr. In der Höhle wäre es uns ohnedies hinderlich gewesen. Komm jetzt. Ich zeige dir unser Versteck.«

»Woher kennst du es?«, wollte ich wissen.

»Ich war als Kind oft da.«

»Sind wir hier vor diesem Braddock sicher?«

»Vollkommen sicher. Seine Leute haben keine Ahnung, dass wir hier sind. Und selbst wenn sie es wüßten, da hinein kämen sie nicht. Es gibt zu viele Gänge, zu viele Möglichkeiten, sich zu verbergen. Da drinnen fänden sie uns nie. Niemals. Komm jetzt und überzeuge dich selbst davon.«

Sie nahm mich bei der Hand.

Die Höhle war mir irgendwie unheimlich.

Aber ich wollte nicht mehr zurück in dieses schreckliche Verlies.

Deshalb folgte ich Dodo, ohne mich darum zu kümmern, dass mir mein sechster Sinn pausenlos Gefahr signalisierte.

25

Als der Folterknecht zu sich kam, schaute er sich entsetzt um. Er sah den anderen. Ein Loch im Bauch. Und tot.

Der muskulöse Kerl zuckte bestürzt zurück. Seine Augen weiteten sich angstvoll.

Sie hatten sich überrumpeln lassen. Er musste das sofort Nicholas Braddock mitteilen.

Wie würde Braddock daraufhin reagieren? Würde er ihn vierteilen lassen? Oder aufs Rad flechten? Oder würde er ihn einfach verbannen?

Es kam darauf an, wie gut oder wie schlecht Braddock heute gelaunt war.

Der Folterknecht hoffte zitternd, dass er einen guten Tag erwischte.

Dann hetzte er den dunklen Gang entlang. Er schwang sich die Sprossen einer Holzleiter hoch, warf eine Falltür nach oben auf, kletterte durch die rechteckige Öffnung, wurde von zwei kolosshaften Männern empfangen, die ihre Lanzen gegen seine nackte Brust richteten und ihn nach seinem Begehr fragten.

»Ich muss unbedingt zu Braddock!«, schrie der Mann im Lederwams aufgeregt.

»Weshalb?«

»Es ist etwas passiert.«

»Was?«

»Ein Missgeschick.«

»Welches?«

»Zwei Gefangene... Sie konnten fliehen ...«

Die Wächter starrten ihn an, als wäre er bereits tot.

»Wer trägt schuld daran?«, fragte einer von ihnen.

»Ich nicht! Ich nicht!«, schrie der Folterknecht. »Laßt mich zu Braddock! Ich muß ihm das erklären!«

Die Wächter hoben die Lanzen.

»Du kannst passieren!«

»Danke! Vielen Dank!«, sagte der Mann im Wams. Dann lief er zwischen den beiden Hünen hindurch. Eine mächtige Tür versperrte ihm den Weg. Er riss sie auf und trat in einen weiten, kalten Saal. An den Wänden hingen die Häute von Ziegen und Menschen.

Ein riesiger Tisch war vollbeladen mit unzähligen Köstlichkeiten.

Dahinter saß Nicholas Braddock. Er aß und trank.

Aber er war nicht dick.

Er war erschreckend hager. Sein Gesicht glich dem eines gefährlichen Geiers. Er war der grausamste Hexenjäger seiner Zeit. Unerbittlich. Und gnadenlos gegen seine eigenen Leute. Seine Zähne glichen denen eines Wolfs. Die Haut seines Gesichts war wie Pergament. Ein grauenerregendes Glühen füllte seine bösen Augen.

Und seine Hände wirkten wie die Klauen eines mordgierigen Monsters.

Hündisch geduckt schlich der Folterknecht auf Nicholas Braddock zu.

»Vergebt mir, dass ich Euch störe!«, stöhnte der kräftige Mann. »Ich bitte Euch tausendmal um Vergebung!«

»Schon gut. Was gibt es?«, fragte Braddock mit einer hallenden Stimme, die ganz und gar nicht zu seinem hageren Körper passte.

Der Henkersknecht wagte sich nicht aufzurichten. Er behielt den gekrümmten Rücken bei, schaute den Hexenjäger von unten ergeben an.

»Ich bitte Euch um Gnade, Herr!«, stöhnte der Mann verzweifelt.

»Sprich endlich! Was willst du mir sagen?«

»Die Hexe und der Hexer, Herr...«

»Was ist mit ihnen?«, fragte Nicholas Braddock schneidend.

»Sie sind entkommen, Herr!«

Braddock sog scharf die Luft ein.

»Du hast sie entkommen lassen?«, brüllte er wie von Sinnen.

»Herr...«

»Schweig! Du hast diese Bestien entkommen lassen! Wo ist der andere?«

»Tot, Herr! Er ist tot.«

»Dann sollst auch du sterben!«, entschied Braddock wutentbrannt.

»Gnade, Herr!«, winselte der Folterknecht. Er warf sich auf die Knie und rang verzweifelt die Hände.

Aber Nicholas Braddock kannte keine Gnade. Sein eiskalter Blick war haßerfüllt auf den ächzenden, zu Tode erschrockenen Mann gerichtet, während er mit seinen klauenartigen Fingern langsam das weiße Hemd öffnete, das seine knöcherne Brust bedeckte.

Der Folterknecht wusste, was nun kam.

Er heulte entsetzt auf.

Braddocks Gesicht verzerrte sich zu einem dämonischen Grinsen.

Nun war das Hemd offen.

Ein silbernes Amulett, an einem Lederriemen hängend, kam zum Vorschein. Von diesem Amulett ging ein tödliches Licht aus. Ein Strahl, der sich genau auf den wimmernden Folterknecht richtete.

»Nein!«, heulte der Mann. »Gnade, Herr! Gnaaade!«

Das Licht erfasste den Körper des Schreienden. Es verbrannte seine Kleider, verbrannte seine Haut, verbrannte sein Fleisch und schließlich seine Knochen.

Der Mann verdampfte innerhalb weniger Sekunden. Aus dem Jenseits brüllte er noch schaurig herüber.

Dann war es still in dem riesigen Saal.

Unheimlich still.

Bis Nicholas Braddock in ein teuflisches Gelächter ausbrach.

Hinterher trank er Wein und fraß gierig die köstlichsten Speisen in sich hinein.

Als er satt war, schlug er mit seiner harten Faust auf den Tisch.

Der Schlag hallte donnernd durch Braddocks Palast. Die mächtige Tür wurde aufgerissen. Seine beiden Wächter traten ein.

»Der Hexer und die Hexe sind entkommen!«, schrie ihnen Braddock entgegen. »Zwanzig Männer sollen sich sofort auf die Suche nach ihnen machen. Und sie sollen es nicht wagen, ohne die beiden in meinen Palast zurückzukehren!«

Die Wächter nickten stumm.

Dann gingen sie, um den Befehl des Hexenjägers weiterzugeben.

26

»Komm, Tony!«, drängte mich Dodo. »So komm doch weiter! Wir müssen tiefer in diese Höhle hineingehen! Warum zögerst du?«

Ich zuckte die Achseln und blieb stehen.

»Ich weiß nicht, Dodo. Aber diese Höhle gefällt mir nicht.«

»Was gefällt dir daran nicht?«

Wieder zuckte ich die Achseln.

»Ich kann es nicht definieren.«

»Es ist eine ganz gewöhnliche Höhle.«

Ich schüttelte entschieden den Kopf.

»Nein, Dodo. Das ist sie nicht. Das ist ganz und gar keine gewöhnliche Höhle. Hier drinnen droht uns Gefahr. Ich fühle das. Fühlst du denn nichts?«

»Nein.«

»Gar nichts?«

»Nein. Komm endlich. Wir müssen weiter.«

»Wir sollten umkehren!«, sagte ich, während ich meine Augen mißtrauisch über die rissigen Höhlenwände gleiten ließ.

Dodo Ferguson lachte seltsam schrill.

»Umkehren?« Sie schaute mich an, als hätte ich den Verstand verloren. »Ich sagte dir doch, dass ich als Kind oft in dieser Höhle war.«

»Seither sind einige Jahre vergangen.«

»Und was sollte deiner Meinung nach in dieser Zeit mit dieser Höhle geschehen sein?«

»Es könnte sich hier zum Beispiel ein Dämon eingenistet haben.«

Wieder dieses schrille Lachen.

Es erschreckte mich.

Dodo Ferguson kam mir auf eine unerklärliche Weise verändert vor. Sie war nervös. Sie konnte sich kaum beherrschen. Und sie wich meinem Blick aus, als würde sie mich belügen.

Da stimmte doch etwas nicht.

Warum lag diesem Mädchen so viel daran, dass ich mich weiter in diese weit verzweigte Höhle vorwagte?

»Kommst du jetzt endlich, Tony?«, fragte sie. Anscheinend wollte sie mir keine Zeit lassen, die Sache zu überlegen.

»Nein!«, sagte ich entschlossen.

»Soll ich allein weitergehen?«

»Du sollst hierbleiben, Dodo.«

»Hier sind wir vor Braddocks Meute noch nicht sicher, Tony!«

»Wir werden dann weiter in diese Höhle vordringen, wenn Braddocks Meute da ist!«, entschied ich.

»Wir müssen weitergehen!«, schrie Dodo mich an.

Was hat sie bloß?, fragte ich mich verwirrt. Sie hatte sich auf eine unerklärliche Weise verändert, seit wir diese Höhle betreten hatten.

Ich hatte auf einmal kein Vertrauen mehr zu ihr.

Plötzlich hörte ich ein Knirschen.

Ich kreiselte herum. Da sah ich einen Mann, der mehr als zwei Meter groß war. Was für ein Mann. Ich hatte noch keinen perfekteren Körper als diesen gesehen. Er trug silbrig schimmernde, knielange Hosen. Sein Oberkörper war nackt. Ich sah die ausgeprägten Muskeln. Sie glänzten. Irgendwie erinnerte mich dieser kraftstrotzende Mann an meine Idealvorstellung von Herkules. Er hatte ein markantes Gesicht.

In unserer Zeit hätte man ihn attraktiv genannt.

Seine Augen waren grau.

Die dichten Brauen darüber hatten einen silbernen Stich. Und auch das volle Haar, das seinen edlen Kopf umschloß, schien aus reinen Silberfäden zu bestehen.

Mich schauderte, als ich seinen Blick sah.

Sein Gesicht wurde von einem Hass verzerrt, wie ich ihn noch nie bei einem Menschen gesehen hatte.

Er starrte Dodo Ferguson an.

Woher er gekommen war, wusste ich nicht. Es war auch egal. Nun war er da. Und ich musste mit seiner außergewöhnlichen Erscheinung erst mal fertig werden.

Er fletschte wütend die Zähne.

Sein Zorn richtete sich offensichtlich gegen meine Begleiterin.

Edelstes Weiß schimmerte aus seinem Mund.

Er schnellte wie ein Raubtier auf Dodo zu. Sein Körper war nur noch aus Muskeln. Dieser seltsame Mann wurde für mich mehr und mehr das Sinnbild geballter, urgewaltiger Kraft.

Dodo stieß einen entsetzten Schrei aus, als er auf sie zuschoss.

Sie brüllte meinen Namen.

Der unheimliche Mann fuhr ihr blitzschnell an die Kehle.

Ich traute meinen Augen nicht.

Dieser Kerl mit den silbernen Haaren, scherte sich keinen Deut um mich.

Und er legte es offensichtlich darauf an, meiner Begleiterin mit seinen sehnigen Händen das Leben zu nehmen.

Mir brach der kalte Schweiß aus.

Der Fremde wollte Dodo erwürgen. Vor meinen Augen. Ich war fassungslos.

Entsetzt riss ich meinen Diamondback aus dem Schulterholster.

»Loslassen!«, brüllte ich den Mann an.

Er hörte mich anscheinend nicht.

»Lass sofort das Mädchen los!«

Er reagierte nicht.

Und Dodo Ferguson war schon fast hinüber. Sie sank zurück. Er beugte sich über das zitternde, zuckende Mädchen.

Ich wurde wahnsinnig vor lauter Sorge um das Mädchen.

Sie röchelte, dass mir das Blut in den Adern gefror.

Ich setzte dem schrecklichen Kerl die Waffe an den Schädel und schrie noch einmal, er solle Dodo loslassen.

Er tat es nicht.

Ich musste das Mädchen retten.

Deshalb drückte ich ab. Aber der Schuss zeigte keine Wirkung. Es knallte zwar. Aber der Mann mit den silbernen Haaren fiel nicht um. Die Kugel musste ihm in den Kopf gedrungen sein.

Ich durfte meinem Geist nicht mehr trauen. Er spielte mir schlimme Streiche.

Ich konnte nicht verstehen, wie es möglich war, dass dieser Kerl meine Kugel überlebt hatte. Ich drückte noch einmal ab. Und noch einmal. Ich schoss dreimal in seinen Schädel.

Aber er zeigte keine Wirkung.

Nicht einmal eine Verletzung war festzustellen.

Nichts. Gar nichts! So als hätte ich mir die Schüsse nur eingebildet.

Er würgte Dodo immer noch.

Ich hämmerte ihm meine Waffe auf den Kopf. Auch das nützte nichts.

Ich sprang ihm auf den Rücken. Ich legte meinen Unterarm um seinen Hals und drückte zu. Aber dieser Hals war wie Stein. Den konnte ich nicht zudrücken. Das war mir einfach nicht möglich.

Dodo war verloren, das wusste ich in diesem scheußlichen Augenblick.

Sie brach nieder.

Der Mann mit den silbernen Haaren ließ von ihr ab. Er schüttelte sich kurz. Und ich fiel zu Boden. Er hatte ungeheure Kräfte. Er war hundertmal stärker als er aussah.

Ich erhob mich mit gefletschten Zähnen.

Mit dem Revolver in der Hand kam ich mir verflucht lächerlich vor. Deshalb schob ich die Waffe in mein Holster zurück.

Der Mann stand unbeweglich da.

Ich hatte gedacht, nun würde er auch mich erwürgen. Aber er rührte mich nicht an.

Sein Blick war mit einem Mal bar dieses abgrundtiefen Hasses. Er sah mich beinahe versöhnlich an. Mich quälte die furchtbare Aufregung.

Ich wies mit zitternder Hand auf die Tote. Mich schmerzte der Verlust dieses Mädchens. Ich hatte sie aus dem Verlies geholt. Mir hatte viel an ihrem Schicksal gelegen. Sie war zu meiner Begleiterin geworden. Wir waren gemeinsam vor Braddocks Schergen geflohen. Die Angst hatte uns zusammengeschmiedet.

Nun war mir, als hätte dieser Mann mit den silbernen Haaren einen Teil von mir getötet.

»Warum hast du sie umgebracht?«, fragte ich den kraftstrotzenden Kerl, den ich wegen des Mordes mehr haßte als alles andere auf dieser Welt. »Warum hast du Dodo erwürgt?«

»Du hast an ihr gehangen, nicht wahr?«, fragte er mit einer ungemein wohlklingenden Stimme.

»Verdammt, ja!«, brüllte ich ihn an.

»Ich musste dich vor ihr schützen.«

»Weshalb? Weshalb denn?«, schrie ich ihm meine Frage verzweifelt ins Gesicht.

»Weil sie eine Hexe war!«

27

Das traf mich wie ein Keulenschlag. Dodo Ferguson eine Hexe? Ich konnte es nicht glauben. Ich wollte es einfach nicht glauben. Ich schrie diesem verfluchten Kerl entgegen, dass ich ihm das nicht abkaufte. Ich nannte ihn einen verdammten Lügner. Ich beschimpfte ihn. Mir war alles egal. Ich wusste, dass er mich genauso wie Dodo hätte umbringen können. Ich hätte es nicht verhindern können. Aber er tat mir nichts.

»Dodo Ferguson war eine Hexe!«, behauptete er fest.

»Lügner! Verfluchter, dreckiger Lügner!«, heulte ich.

»Ich sage die Wahrheit!«

»Beweise es! Beweise die Wahrheit!«, schrie ich verzweifelt.

»Ich kann es beweisen!«

»Wer bist du eigentlich?«

»Man nennt mich Mr. Silver.«

»Wegen deines Haars?«

»Ja.«

»Du bist ein Dämon, nicht wahr?«

»Ich war ein Dämon.«

»Und nun?«

»Nun kämpfe ich gegen die Dämonen. Vor allem gegen die Braddock-Drillinge!«

Drillinge!, dachte ich verblüfft. Er hat Drillinge gesagt.

»Die Braddocks haben erreicht, dass mich der Fürst der Finsternis verstoßen hat«, knurrte Mr. Silver bitter. »Seither mache ich Jagd auf Dämonen, wo immer ich kann.«

Genau wie ich!, dachte ich. Unzählige Dinge gingen mir durch den Kopf. Mir fiel wieder ein, dass Dodo Ferguson sich in dieser Höhle seltsam gewandelt hatte. Hatte Mr. Silver etwa recht? War sie wirklich eine Hexe gewesen? Hatte sie mich in eine Falle locken wollen?

»Was hatte Dodo mit mir vor?«, fragte ich Mr. Silver.

»Sie wollte dich zu Braddock, dem Vampir, bringen«, antwortete Silver kalt.

Ich versuchte Ordnung in meinen Kopf zu bringen.

Es gab also Braddock, den Hexenjäger, und Braddock, den Vampir.

»Und wo ist der dritte Braddock?«, fragte ich.

Doch darauf konnte mir Mr. Silver keine Antwort geben. Er wusste es nicht.

Die Drillinge hießen Nicholas, Delmer und Jonathan.

»Und Braddock, der Vampir, befindet sich in dieser Höhle?«, erkundigte ich mich.

»Ja«, sagte Mr. Silver knapp.

Ich blickte auf das tote Mädchen. Meine Miene drückte Verständnislosigkeit aus.

»Warum hat sie das getan?«, fragte ich tonlos. »Ich habe ihr doch zur Flucht verholfen.«

»Sie wollte dich zu Delmer Braddock bringen, damit er bei Nicholas Braddock ein gutes Wort für sie einlegt. Sie wollte dich opfern, damit sie von Nicholas Braddock und seinen Männern nichts mehr befürchten musste.«

Ich war erschüttert.

Dodo Ferguson eine Hexe.

Dodo wollte mich opfern. Sie wollte sich mit mir freikaufen. Indem sie mich dem Vampir opferte.

Wütend schüttelte ich den Kopf.

»Gerede!«, schrie ich ungläubig. »Alles nur Gerede! Das kannst du nicht beweisen! Das ist gelogen!«

Mr. Silver blickte mich durchdringend an.

Ich hasste ihn.

Ich ballte die Faust.

Vielleicht konnte ich ihn mit meinem magischen Ring fällen.

Blitzschnell warf ich mich nach vorn. Ich schmetterte ihm die Faust samt Ring ans Kinn. Mich schmerzten sämtliche Knöchel.

Aber Mr. Silver zeigte nicht die geringste Wirkung.

Es war so, als hätte ich mit voller Wucht in das Marmorgesicht einer Statue gedroschen.

War das ein Beweis dafür, dass er kein böser Dämon war?

Mein magischer Ring hätte in irgendeiner Form eine Reaktion bei ihm ausgelöst, wenn er dem Fürsten der Finsternis noch verbunden gewesen wäre.

Oder hatte mein magischer Ring seine schützende Kraft verloren?

Er schlug nicht zurück.

Bestimmt hätte er mich mit einem einzigen Hieb erschlagen können.

Aber er tat es nicht. Er verzieh mir meine Wut, meine Verzweiflung, den wirkungslosen Angriff.

»Beweise!«, röchelte ich. »Ich will Beweise haben!«

Mr. Silver nickte.

»Gut, Komm mit!«

Er wandte sich um und ging mit federnden Schritten in die Tiefe der Höhle hinein.

Schmerz raste wie verrückt in meiner Brust. Brachte er mich nun zu Braddock, dem Vampir?

Oder war er... Himmel, daran hatte ich noch gar nicht gedacht! War er vielleicht selbst dieser Vampir?

Plötzlich blieb er stehen.

Ich sah einen schwachen Lichtschein. Mr. Silver wies dorthin.

»Dort findest du Delmer Braddock!«

Ich schaute Mr. Silver misstrauisch an.

»Warum gehst du nicht weiter?«

»Ich werde ganz in deiner Nähe bleiben!«

»Wer sagt mir, dass du mich nicht ins Verderben schickst?«

»Ich werde über dich wachen. Ich bin hierhergekommen, weil ich Delmer Braddock töten will. Du paßt sehr gut in meinen Plan.«

»Ach nein!«, sagte ich spöttisch.

»Braddocks Gier nach deinem Blut wird ihn unvorsichtig machen. Ich werde im richtigen Moment da sein und vernichtend zuschlagen.«

»Und wenn du’s nicht schaffst? Dann säuft dieser Kerl mein Blut, wie?«

»Du wolltest Beweise haben«, erwiderte Mr. Silver grinsend. »Geh weiter. Dann wirst du deine Beweise kriegen. Dann wirst du erkennen, dass ich dich nicht belogen habe. Dann wirst du begreifen, dass ich nicht dein Feind, sondern dein Freund bin. Dann wirst du erkennen, dass Dodo Ferguson dich in eine tödliche Falle locken wollte.«

Ich schaute zu dem hellen Schein hin.

Sollte ich es wagen?

Mir war schrecklich mulmig.

War dort vorn tatsächlich ein Vampir?

Ich riskier’s!, dachte ich aufgeregt. Und ich nickte Mr. Silver zu. Allmählich glaubte ich zu fühlen, dass mir von ihm keine Gefahr drohte.

Die Gefahr lag woanders.

Dort vorn.

Da, wo dieser Schein herkam. Ich stakste los. Meine Füße stolperten über den steinigen Höhlenboden. Mr. Silver blieb zurück.

Hatte er Angst vor Delmer Braddock?

Ich sollte der Köder für den Vampir sein. Es war mir recht. Ich habe keine Angst vor Vampiren. Delmer Braddock war nicht der erste Blutsauger, mit dem ich es zu tun hatte.

Mein Blick fiel auf meinen magischen Ring.

Ob er bei Delmer Braddock wirken würde? Ich hoffte es.

28

Der Schein rührte von brennenden Fackeln her.

Die Höhle hatte sich erweitert. Nasskalte Wände umgaben mich. Ich fühlte die Nähe des Dämons. Aber ich hatte ihn noch nicht entdeckt.

Behutsam ging ich weiter.

Ich sah mich immer wieder um, denn ich erwartete seinen Angriff in erster Linie von hinten.

So durchwanderte ich die Höhle. Mich immer um die eigene Achse drehend.

Blutspuren an den Wänden. Eingetrocknetes Blut auf dem Boden.

Wenn draußen, vor der Höhle Dunkelheit geherrscht hätte, hätte ich angenommen, der Vampir hätte die Höhle verlassen, um sich auf seinem nächtlichen Streifzug ein Opfer zu holen.

Aber draußen war Tag.

Und die Sonne knallte vom Himmel.

Sie hätte den Vampir vernichtet, wenn er nach draußen gegangen wäre. Erst in der Finsternis war er in der Lage, die Höhle zu verlassen. Also war er da.

Aber wo?

Ich konnte ihn nirgendwo entdecken.

Plötzlich hörte ich ihn atmen.

Mir wurde kalt. Eine unangenehme Gänsehaut spannte sich über meinen Rücken.

Ich ging auf das Geräusch zu.

Da sah ich ihn.

Er lag in einem Sarg, der in eine Felsennische geschoben war. Er war erschreckend hager. Sein Gesicht glich dem eines gefährlichen Geiers. Er sah genauso aus wie Nicholas Braddock, dem ich jedoch noch nicht begegnet war. Und ich hoffte, dass ich ihm niemals begegnen würde.

Mit vibrierenden Nerven näherte ich mich dem schlafenden Blutsauger.

Ich schaute mich um. Ein Holz. Wenn ich irgendwo ein Holz entdeckt hätte, hätte ich kurzen Prozess mit ihm gemacht. Ich hätte es ihm in die Brust gerammt, hätte ihm damit das Herz durchbohrt. Aber es war kein Holz in der Höhle. Außer dem Sarg. Doch in dem lag ja der Vampir.

Seine schmalen Lippen waren hochgezogen. Ich sah die ekelhaft langen, dolchartigen Eckzähne.

Mir graute.

Ich wandte mich um.

Details

Seiten
1000
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738906226
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juli)
Schlagworte
horror-koffer zehn gruselromane

Autoren

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Titel: Der Horror-Koffer #3: Zehn Gruselromane