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Zwei Teufelskerle 4: Duell der Stuntmen

2016 120 Seiten

Leseprobe

Zwei Teufelskerle

 

Band 4

 

Das Duell der Stuntmen

 

Ein Roman von Wolf G. Rahn

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Andrey Armyagov/123RF, 2016

Früherer Originaltitel: Die Faust aufs Auge

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

 

Lee Caminsky und Paul Rogers sind absolute Profis in ihrem Job. Sie haben schon so manches Risiko gemeistert und sind selbst dann noch mit dabei, wenn ein Stunt gefährlich ist. Das wissen auch die Regisseure und Produzenten – und deshalb stehen Caminsky und Rogers auf ihrer Liste ganz oben.

Wer erfolgreich ist, hat aber auch viele Neider. Einer von ihnen ist Nathan Travers. Er ist ebenfalls Stuntman, aber auch arrogant und überheblich. Er hält sich für den besten Mann in diesem Job. Als Caminsky und Rogers ihm seine Grenzen aufzeigen, kann Travers das nicht ertragen. Deshalb will er den nächsten riskanten Stunt unbedingt mit Paul Rogers machen – aber insgeheim schmiedet er finstere Pläne. Weil seine Freundin sich mit Rogers eingelassen hat, und dafür will er sich rächen ...

 

 

Roman

 

Das Steuerbord-Schanzkleid des Hauptdecks bildete einen einzigen Trümmerhaufen. Eines der tonnenschweren Geschütze hatte sich aus den Brooktauen gerissen und schlitterte nun über die Planken, wobei es eine breite Spur der Verwüstung hinterließ.

Ein Mann warf sich im letzten Augenblick vor dem heranschießenden bronzenen Ungeheuer zur Seite, überschlug sich ein paar Mal und sprang wieder auf. Er grinste breit. Ein verwegener Bursche, der sich vor nichts zu fürchten schien.

Er war nicht allein auf dem Schiff. Mindestens zwanzig finstere Gestalten mit wilden Bärten, Narben in den Gesichtern und zum Teil zerfetzter Kleidung huschten über das Deck, zurrten hier etwas fest, brachten dort etwas in Sicherheit und blickten von Zeit zu Zeit prüfend zum Himmel.

Er war schwarz. Ein Sturm war über die Galeone hereingebrochen. Er wollte vollenden, was das vorangegangene Gefecht nicht geschafft hatte.

Grell zuckte ein Blitz auf. Sturmböen heulten durch das Rigg und zerrten an Wanten und Pardunen. Ein schäumender Brecher raste über das Vorschiff und begrub es sekundenlang.

Die Männer fluchten und brüllten.

Ein Segel riss knallend aus den Lieken und hing knatternd an der Rah. Andere Segel blähten sich prall und wurden auf eine harte Zerreißprobe gestellt.

Regenmassen schütteten herab und durchnässten die Männer, die sich nur noch taumelnd fortbewegen konnten und damit rechnen mussten, dass die unter ihnen rollende See, ein dunkelgrünes Ungeheuer, ihr gefräßiges Maul aufriss, um das gebeutelte Schiff mit Mann und Ladung zu verschlingen.

Ein paar gebrüllte Kommandos schallten übers Deck.

Vier der verwegenen Gesellen, in deren breiten Gürteln sich Entermesser und riesige Steinschlosspistolen befanden, enterten in den Wanten auf und turnten mit halsbrecherischer Kühnheit auf den Rahen herum.

Die Galeone bot dem Sturm zuviel Angriffsfläche. Der größte Teil der Segel musste eingeholt und aufgetucht werden.

Bei diesem Wetter war das eine Schinderei und lebensgefährlich dazu. Doch nach der Gefahr fragte keiner dieser eisenharten Kerle, die allesamt aussahen, als wenn sie dem Teufel schon hundert Mal von einem Mundwinkel zum anderen gesegelt wären und ihm höhnisch in den Rachen gespien hätten.

Die tollkühnen Burschen hingen auf der Fockmarsrah. Der Sturm zerrte ihnen das Segel buchstäblich aus den Fingern. Derbe Flüche waren zu hören. Und das Ächzen und Stöhnen der Seeleute.

Piraten waren sie allesamt, aber auch sie hingen an ihrem Leben. Jeder wusste, dass es mit ihm vorbei war, falls er hier oben, annähernd fünfunddreißig Yards über dem Deck, seinen Halt verlor und abstürzte. Sein Körper würde zerschmettert auf den Planken liegenbleiben und von dem nächsten Brecher außenbords gespült werden.

Das Unwetter wurde immer schlimmer. Die Männer auf der Rah waren hinter den dichten Regenschleiern nur noch als Schemen zu erkennen.

Die Galeone holte nach Backbord über.

Einer der Piraten schrie entsetzt auf. Die unerwartete Neigung des Schiffes hatte ihn überrascht. Kopfüber kam er über die Rah geschossen und krallte sich verzweifelt in das noch nicht gänzlich aufgetuchte Fockmarssegel. So hing er zwischen Himmel und Deck. An seinem nackten Oberkörper spannten sich dicke Muskelstränge, die anzeigten, mit welcher Anstrengung er versuchte, sich wieder auf die Rah zu ziehen.

Doch er hatte keine Chance. Schon bei ruhiger See wäre dieses Unternehmen schwierig gewesen. Jetzt war es unmöglich.

Die nächste harte Bö riss seine linke Hand los. Die Piraten auf Deck brachten sich in Sicherheit, damit sie von dem niederstürzenden Körper nicht erschlagen wurden. Niemand kam dem Todgeweihten zu Hilfe. Er war auf sich allein angewiesen.

An einer Hand hing er, und auch diese Finger schafften es nicht, das grobe Tuch noch länger zu packen.

Sie streckten sich quälend langsam. Ein gellender Schrei. Der Mann sauste in die Tiefe.

Alle anderen hielten den Atem an. Sie unterbrachen ihre Tätigkeit. Nichts anderes schien mehr wichtig zu sein. Nur der Sturm und die tobende See kannten kein Erbarmen. Sie wüteten weiter.

Der Pirat stieß sich mit der Rechten vom Mast ab, während er, mit dem Kopf voraus, in die Tiefe sauste. Nichts konnte ihn mehr aufhalten.

Er kauerte sich zusammen und drehte sich wie eine Kugel in der Luft.

Das Deck mit seinen harten Planken aus Eichenholz raste unerbittlich auf ihn zu. Schon war er fast in Höhe der Fockrah, und seine Fallgeschwindigkeit wurde immer höher, immer mörderischer.

Er hatte seine Körperdrehung vollendet. Nun befanden sich seine Füße unten. Doch was konnte das nützen?

Das Schicksal des dunkelblonden Seeräubers war besiegelt.

Oder doch nicht?

War es Zufall, dass seine Füße ausgerechnet die Blindebrasse trafen, die wie eine straffgespannte Violinsaite unter seinem Gewicht nachgab?

Das starke Tau, das benötigt wurde, um das Vorsegel in den Wind zu drehen, gab einen singenden Laut von sich.

Der Pirat ging bei dem Aufprall tief in die Knie. Dann streckte er sich wieder und wurde wie ein Pfeil von der Sehne in weitem Bogen davongeschleudert.

Er breitete die Arme aus und drehte sich um seine eigene Achse. Sein Körper beschrieb eine flache Parabel. Für einen Atemzug verschwand er in einem schäumenden Gischtkamm, tauchte in der nächsten Sekunde wieder daraus auf und stürzte mit vorgereckten Armen in die brodelnde, wütende See.

Ihm war erspart geblieben, auf den Decksplanken zerschmettert zu werden, doch ein Sturz in diese entfesselte Naturgewalt konnte auch nur den Tod bedeuten.

 

*

 

Offenbar hatte der Wettergott ein Einsehen, denn so plötzlich, wie der Sturm über die Galeone und deren Besatzung hereingebrochen war, so plötzlich flaute er auch wieder ab.

Das Wasser glättete sich. Das Schiff kehrte in seine horizontale Lage zurück und blieb ruhig, als wäre es mit dem Meer verschraubt. Von einer Sekunde zur anderen hörte der Regen auf. Gespenstische Stille trat ein.

Erst als Lee Caminsky, der in den Fluten verschwundene Pirat, wieder auftauchte und grinsend seinen Arm schwenkte, brach frenetischer Jubel los.

Die drei Burschen auf der Fockmarsrah kümmerten sich nicht mehr um das Segel. Sie ließen es hängen, wie es war, und enterten grölend in den Wanten ab. Aus zehn Fuß Höhe sprangen sie aufs Deck, weil sie es gar nicht erwarten konnten, ihren Kollegen für den gelungenen Sturz zu beglückwünschen.

Sie alle waren Stuntmen wie Lee Caminsky. Der Piratenfilm, der in der Bucht von Cambria an der Pazifik-Küste gedreht wurde, benötigte für die zahlreichen Kampf und Enterszenen viele dieser Cascadeure, die sich schlugen und erstachen, ohne sich gegenseitig auch nur ein Haar zu krümmen. Eisenharte Profis, deren Job es war, ihre Knochen für den Ruhm der Leinwandstars hinzuhalten.

Sie verstanden ihren Job, sie arbeiteten mit fast beängstigender Präzision, obwohl alles wie eine wilde, zügellose Rauferei aussah. Jeder von ihnen hatte schon hundert Mal seinen Kopf riskiert, aber vor Caminsky zogen sie den Hut. Neidlos erkannten sie an, dass er einer der Größten in ihrem gefährlichen Geschäft war.

Dem Aussehen nach hätte Lee Caminsky selbst ein Leinwandliebling sein können. Er besaß alle Voraussetzungen dafür, in Frauenaugen einen verträumten Ausdruck zu zwingen und ihre Herzen in Aufruhr zu versetzen.

Doch der Stuntman hatte einen Weg gefunden, der ihn wesentlich mehr befriedigte. Er war ein Star unter denen, die den Tod täglich herausforderten und ihn fast immer bezwangen. Und er verstand es, eine Frau glücklich zu machen. Nach getaner Arbeit und nicht nur von der Leinwand herunter.

Jetzt schwamm er mit kräftigen Stößen ans Ufer, das keine Spur von Seeräuberromantik bot. Überdimensionale Windmaschinen waren an mehreren Stellen aufgebaut worden. Daneben standen Wasserwerfer und weitere Geräte, die für die zahlreichen Effekte benötigt wurden.

Seilzüge zum Beispiel, die die Galeone in die geforderte Schräglage bringen konnten, ohne dass die Taue von den Kameras erfasst wurden.

Und natürlich die Brücken mit den Scheinwerfern, die nun der Reihe nach erloschen. Die Szene war im Kasten. Jetzt mussten die langwierigen.Vorbereitungen für die nächste Einstellung getroffen werden.

Hilfreiche Arme reckten sich Lee Caminsky entgegen.

Er ergriff die Hand, die zu einem Mann gehörte, der sich noch vor wenigen Minuten vor der losgerissenen Culverine in Sicherheit gebracht hatte.

Dieser Mann besaß pechschwarze Haare, ebensolche Augenbrauen und blitzende Zähne. Sein gewaltiger Vollbart war ebensowenig echt wie die blutigen Schmisse in seinem Gesicht. Er lachte und zog Caminsky aus dem Wasser.

Er hieß Paul Rogers, und selbst Fachleute wagten nicht zu beurteilen, wer von beiden seinen Job kaltblütiger und perfekter ausübte. Er oder sein Freund Caminsky.

Nur in einem waren sich die Experten einig. Einen Besseren als sie musste man erst noch suchen. Kein Wunder, dass sie auf Monate hinaus ausgebucht waren. Die Produzenten rissen sich um sie, denn mehr als je zuvor wollten die Zuschauer atemberaubende Action-Szenen sehen. Immer gefährlicher mussten sie werden, immer unmöglicher. Wenn der Film überleben wollte, musste er seinem Publikum etwas Besonderes bieten.

Du warst großartig“, lobte Paul Rogers.

Caminsky schnitt eine Grimasse, die unter der Schminke noch unheimlicher wirkte.

Ich war miserabel“, widersprach er. „Ich habe das Tau lediglich mit der Ferse getroffen. Es wurde im letzten Augenblick etwas zur Seite gedrückt. Um ein Haar hätte ich es verfehlt. Die Spannung muss sich gelockert haben.“

Keiner hat was gemerkt", sagte Rogers. „Ich glaube nicht, dass Mattinghouse die Szene wiederholen lässt. Sie ist im Kasten, und wir können losfahren. Wir werden erst übermorgen wieder gebraucht.“

Ich könnte der Agentur an die Gurgel gehen“, schimpfte Lee Caminsky. Er nahm das Handtuch, das ihm gereicht wurde, und frottierte sich ab. Das begeisterte Schulterklopfen des Aufnahmeteams ließ er mit stoischer Ruhe über sich ergehen.

Paul Rogers wusste, was sein Freund meinte. Die Universal Agency hatte Mist gebaut. Sie hatte sie an zwei Produzenten gleichzeitig vermittelt, Terminverzögerungen beim Piratenfilm hatten das Ganze noch verschlimmert. Jedenfalls waren sie nun gezwungen, zwischen zwei Drehorten hin und her zu pendeln. Zwischen der Küste und der Mojave Wüste. Das schlauchte ganz schön. Und, was noch schlimmer war, ihnen fehlte dadurch die Zeit, sich auf die einzelnen Stunts mit der erforderlichen Gründlichkeit vorzubereiten.

Die Beinahe-Panne mit der Blindebrasse war dafür der beste Beweis. Das hätte böse ausgehen können.

Die Freunde verschwanden in einer der provisorisch aufgestellten Wellblechbaracken, wo sich Lee Caminsky seiner nassen Sachen entledigte und trockenes Zeug anzog.

Auch Paul Rogers zog sich um. Er rechnete aus, dass sie wieder sechs Stunden unterwegs sein würden. Sechs Stunden für rund dreihundert Meilen.

Vielleicht nahmen sie diesmal eine Abkürzung. Hinter Bakersfield zum Beispiel. Sie gewannen dadurch zwar nicht viele Meilen, aber wenn sie nicht die Straße benutzten, brauchten sie sich nicht an das Tempolimit zu halten und konnten fahren, was ihre Maschinen hergaben.

Unwillkürlich leuchteten seine dunklen Augen auf. Er freute sich schon wieder auf seine rosafarbene Freundin, die temperamentvoller sein konnte als jede Blondine oder Rothaarige, die er bisher kennengelernt hatte. Und er konnte in dieser Beziehung auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückblicken.

Die beiden Motorräder standen hinter der Baracke. Die prallgefüllten Satteltaschen waren bereits aufgeschnallt. Es konnte losgehen.

Doch es gab noch eine kleine Verzögerung.

Ein etwas pummeliges Mädchen eilte herbei. Es trug ein Päckchen und war ziemlich atemlos. Es musste eine weite Strecke gelaufen sein.

Da kommt Julie“, stellte Rogers fest und grinste unverschämt. Er schwang sich auf seine Harley Davidson Electra Glide 1200 cc und stülpte sich den Sturzhelm über den Kopf.

Caminsky beeilte sich, es ihm gleich zu tun, aber er kam nicht mehr dazu.

Julie hatte ihn erreicht und schlang ihre Arme um seinen Hals. Das Päckchen ließ sie dabei achtlos fallen.

Ihr Gesicht glühte. Sie war zweiundzwanzig und rasend in den Burschen verliebt, der scheinbar keine Nerven besaß. Was ihr an körperlichen Reizen abging, glich sie durch Ungestüm aus. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, auf Lee Caminsky einen bleibenden Eindruck zu machen. Sie wollte ihn. Das zeigte sie ihm mehr als deutlich.

Wie ein Koalabär am Baum hing sie an dem starken Mann und suchte mit ihren feuchten Lippen seinen Mund.

Ich hatte solche Angst um dich, Lee“, sprudelte sie hervor. „Wann hörst du endlich mit diesem Wahnsinn auf? Mir zuliebe. Mir kannst du auch auf andere Art beweisen, dass du ein Mann bist. Überlass den anderen die Todessprünge. Ich will dich lebend.“

Caminsky packte sie an der Taille und hielt sie ein Stück von sich weg.

Ihr Mund schnappte verzweifelt nach ihm wie der eines Karpfens auf dem Festland. Nur mit Mühe verbiss er sich ein Grinsen. Julie sah zu komisch aus.

Ich lass es mir durch den Kopf gehen“, versicherte er todernst. Er stellte sie auf den Boden, schnappte sich schleunigst seinen Helm und setzte ihn auf. Jetzt war er leidlich vor den impulsiven Attacken des Mädchens geschützt.

Julie bückte sich und hob das Päckchen auf.

Ein paar Sandwiches für unterwegs“, sagte sie lockend. „Du brauchst eine Frau, die für dich sorgt. Nichts gegen Paul, aber in mancher Beziehung ist er genauso unbeholfen wie du.“

Welche Beziehungen sie meinte, verriet sie nicht, und Caminsky fragte sie nicht danach.

Gehorsam verstaute er das Päckchen in einer der Satteltaschen, obwohl sich darin genügend Verpflegung befand. Julie war ja ganz nett, aber von der Frau seiner Träume meilenweit entfernt.

Vor allem war sie schrecklich lästig. Er hatte etwas gegen Frauen, die ihm die Initiative abnahmen. Das war ein Grund, warum er ganz froh war, sich jetzt verdrücken zu können. Vielleicht ließ Julies Leidenschaft in den nächsten Tagen etwas nach oder wandte sich einem anderen Opfer zu. Er brauchte seine Nerven für die Arbeit an den beiden Filmen. Sie verlangte ihm soviel ab, dass er sich voll darauf konzentrieren musste.

Als das Mädchen ihm erneut um den Hals fallen wollte, klappte er hastig das Visier seines Helms herunter und hob grüßend die Hand.

Er schlupfte in seine Handschuhe und ließ den Ständer einrasten. Dann schwang er sich auf die Maschine, eine bullige Honda CB 750 four, und startete sie.

Der Viertakter brüllte auf.

Julie sprang erschrocken zurück. Sie nahm sich vor, Lee Caminsky auch diese grässliche Motorrad-Leidenschaft abzugewöhnen, wenn sie ihn erst mal gewonnen hatte. Und auch sonst musste sie ihn noch zähmen. Sie hatte sich eine Menge vorgenommen.

Paul Rogers gab betont aggressiv Gas, so dass seine Harley, die bonbonrosa lackiert war, einen Satz nach vorn machte.

Er wusste, dass Julie diese Spielchen verabscheute.

Am liebsten hätte sie Lee in Watte gepackt und unter einem Glassturz aufgehoben, damit ihm nur nichts passierte. Aber da kam sie bei ihm an den Falschen. Irgendwann würde auch sie das begreifen.

Rogers drehte eine Runde um Lee und das Mädchen.

Sein Partner nickte ihm befreit zu und folgte ihm. Er saß lässig im Sattel der kraftvollen Maschine.

Sekunden später fuhren sie nebeneinander. Partner, denen keine Gefahr zu groß war. Freunde, die durch dick und dünn gingen. Zwei Männer, die es liebten, wild und frei zu sein. Stuntmen.

 

*

 

Die unerbittliche Hitze flirrte über der Mojave-Wüste.

Sie befanden sich etwas südlich des Soda Lake. Angst um ihr Leben brauchten sie nicht zu haben, denn an der Nordseite des Sees führte die Interstate 15 vorbei, und über diese Verkehrsader wurde das Filmteam mit allem versorgt, was sie benötigten.

Manchmal kam der Nachschub auch aus der Luft. Für Hubschrauber war es kein Problem, auf dem weitflächigen Gelände zu landen. Trotzdem litten alle unter den Temperaturen. Das Thermometer zeigte einhundertvier Grad Fahrenheit an. Genau richtig, um sich im Pazifik abzukühlen. Dummerweise war der Ozean nicht in der Nähe.

Die glitzernde Brühe des Soda Lake verdiente die Bezeichnung Wasser nicht. Außerdem kochte sie und stank fürchterlich. Wer eine Erfrischung suchte, fand sie allenfalls bei einer Flasche Mineralwasser, die er aus einer klimatisierten Box zog.

Die Kameramänner und Techniker mussten ihre teuren Geräte vor den Sandkörnern schützen, die überall eindrangen, obwohl kein Wind spürbar war. Jedenfalls war er so heiß, dass er keine Abkühlung brachte, und er wehte so gleichmäßig, dass sich längst alle an ihn gewöhnt hatten.

Etwas abseits von den Fahrzeugen und Zelten stand ein Helikopter. Ein Agusta Bell AB 206 Jet Ranger mit rot-weißer Lackierung. Er besaß keine Türen. Sie waren ausgebaut worden. Auch sonst hatte man einige Veränderungen mit diesem dreizehn Yards langen Vogel vorgenommen. Er sollte noch eine besondere Rolle spielen. Doch die notwendigen Akteure ließen noch auf sich warten.

Zumindest einer. Er hieß Nathan Travers, und soweit Lee Caminsky und Paul Rogers informiert waren, handelte es sich um einen Mann der Superklasse.

Sie hatten zwar noch nie mit ihm zusammengearbeitet, doch man erzählte sich wahre Wunderdinge über ihn. Sie freuten sich auf ihn, denn Konkurrenzdenken war ihnen fremd. Sie liebten es, mit einem wirklichen Könner zu agieren.

Etwas gefiel ihnen allerdings weniger an diesem Kollegen. Er war nicht pünktlich. Für sie war ein Stuntman ohne strenge Disziplin undenkbar. Bei diesem Beruf kam es wie bei kaum einem anderen auf absolute Perfektion an, auf Sekundenbruchteile und Millimeter. Das Gefühl dafür ließ sich zwischen den Stunts nicht einfach abstellen. Es lebte weiter. Travers musste einen schwerwiegenden Grund haben, warum er noch nicht hier war.

Die Freunde waren über die Verschnaufpause nicht böse. Sie hatten die Strecke von der Küste in nur knapp fünf Stunden geschafft. Danach hatten sie sich sofort in den Caravan zurückgezogen, über den sie verfügen durften, und sechs Stunden durchgeschlafen. Auch das schafften sie wie ein gut funktionierendes Uhrwerk. Sie hatten ihre Körper voll unter Kontrolle.

Doch als sie aufgewacht waren, musste ihnen Piet Flamingo, der ewig hektische Regieassistent, beichten, dass die Proben zum Dreierstunt verschoben werden mussten.

Verdammt!

Wir ziehen den Auto-Crash vor“, sagte Piet und schob mit dem Zeigefinger eine Brille über den Nasenrücken nach oben, obwohl er gar keine trug. Diese Geste hatte er sich bei Raymond Ollesak, seinem Boss, abgeschaut. Sie imponierte ihm, weil sie so klug und vielbeschäftigt wirkte. Piet Flamingo hatte längst begriffen, dass Show und Pose im Filmgeschäft eine Sprosse zum Erfolg waren. Selbst dann, wenn man hinter der Kamera stand.

Was ist mit Travers los?“, erkundigte sich Rogers. Seinem Gesicht war nicht anzusehen, was er dachte. „Warum ist er nicht da?“

Piet hob die Schultern. Das war auch eine Antwort.

Der Auto-Crash war mit ein Grund, warum die Stunts hier draußen gedreht wurden. Da konnte am wenigsten passieren. Jedenfalls mit Unbeteiligten. Außerdem war man hier vor lästigen Zuschauern sicher, die nur die Aufnahmen störten. Raymond Ollesak, der Regisseur dieses Gangsterstreifens, war lange genug im Geschäft, um zu wissen, wie man Schwierigkeiten möglichst klein hielt.

Der Stunt war in allen Einzelheiten geplant. Zunächst auf dem Papier. Entfernungen und Geschwindigkeiten waren genau berechnet worden. Caminsky und Rogers hatten den Ort des Zusammenstoßes ausgeklügelt und ein paar Mal verändert. Und schließlich hatten sie das Planspiel mit dem Zeichenstift aufs Gelände übertragen.

Im Grunde wurde nichts von ihnen verlangt, was sie nicht schon mehrfach gebracht hatten. Nur in einer neuen Kombination, auf ungewohntem Terrain und mit fremden Fahrzeugen. Das waren die großen Unbekannten.

In ’ner dreiviertel Stunde geht’s los“, sagte der Regieassistent und verließ den Wagen, um die Freunde bei ihren Vorbereitungen nicht zu stören.

Guck nicht so verliebt“, mahnte Paul Rogers. „Ich weiß, dass dir die süße Julie nicht aus dem Kopf geht.“

Caminsky schüttelte sich. „Süß wie ein Doughnut und auch so rund“, stellte er fest.

Und auch so klebrig“, ergänzte sein Partner.

Du meinst anhänglich.“

Sage ich doch. Ihre Eiersandwiches hast du jedenfalls mit großem Appetit gegessen. Das Mädchen weiß, was du brauchst.“

Armleuchter!“

Unsinn! Was solltest du mit Armleuchtern? Ich dachte eher an Kraftfutter. Ein Prachtkerl dank glücklichen Hennen.“

Halt die Klappe und zieh dir lieber deine Reizwäsche an", knurrte Caminsky. „Ich schätze, dir wird ein bisschen warm um den Hintern werden. Gib nur nicht zuviel Gas. Ich meine, mit deinem Rambler.“

Paul Rogers holte aus dem Einbauschrank ein Oberhemd, das nicht von einem Modeschöpfer entworfen worden war. Es bestand aus Asbestmaterial und war unabdingbar für das, was auf den Stuntman zukam.

Gewissenhaft knöpfte er es zu und zog einen dicken Wollpullover darüber. Gesicht, Hals und die Hände beschmierte er sich dick mit feuerfester Schminke. Er sah noch wuchtiger aus, als er in Wirklichkeit war. Das lag an den Polstern, die Schultern und Ellbogen schützen sollten und unter dem Pullover verborgen waren.

Auch Lee Caminsky traf inzwischen seine Vorkehrungen. Auf ein Asbesthemd konnte er verzichten, nicht aber auf die Wattierungen. Auch ihn würde es kräftig durchbeuteln.

Er stieg in einen dezenten grauen Anzug und wirkte darin wie ein seriöser Geschäftsmann oder wie ein Bursche von der Mafia.

Vor dem Spiegel kontrollierte er sein Aussehen. Zum Schluss streifte er sich dünne, schwarze Handschuhe über und nickte zufrieden.

So müsste dich Julie sehen“, schmunzelte Rogers erneut. „Du siehst haarscharf wie der Biedermann aus, den sie sich so sehnlichst wünscht.“

Sein Partner wirbelte herum. Mit zwei Schritten war er bei dem Schwarzhaarigen und ballte die Fäuste.

Hier endet das verpfuschte Leben eines mittelmäßigen Stuntman“, drohte er und rollte mit den Augen, dass einem Himmelangst werden konnte.

Paul Rogers aber ließ sich nicht einschüchtern. Er griff blitzschnell hinter sich und richtete plötzlich eine Maschinenpistole auf den Angreifer.

Keinen Schritt weiter!“, warnte er düster.

Caminsky wich zurück und ließ die Fäuste sinken. „Was verlangst du?“, stammelte er entgeistert.

Du hast die Wahl. Entweder heiratest du Julie, oder ich kriege von dir fünfzigtausend Dollar."

Ist das dein Ernst?“

Mein voller Ernst.“

Okay“, sagte Caminsky, „ich geb’ dir ’nen Scheck.“

Dann lachten beide schallend und verließen gemeinsam den Caravan. Während der nächsten Minuten würden sie für Witze keine Zeit mehr haben.

Die Hitze traf sie wie eine Keule. Sie spürten sie nicht. Von nun an waren sie voll konzentriert und dachten nur noch an die vor ihnen liegende Aufgabe. Schwitzen konnten sie hinterher wieder. Und fluchen auch.

Raymond Ollesak hob nur flüchtig den Kopf, als sie sich ihm näherten. Er brauchte ihnen keine Anweisungen zu geben. Für ihre Stunts waren Rogers und Caminsky selbst verantwortlich. Da machte ihnen keiner etwas vor. Der dicke Ollesak schon gar nicht.

Vielleicht arbeiteten sie deshalb so gerne mit ihm zusammen. Ollesak redete ihnen nicht dazwischen.

Mattinghouse drüben in der Bucht von Cambria war da anders. Der wusste immer alles besser, war selten zufrieden und hatte immer neue, noch verrücktere Ideen.

Piet Flamingo rückte aufgeregt an seiner imaginären Brille. Keiner hatte ihn je ruhig gesehen.

Allerdings war auch bei dem übrigen Aufnahmeteam eine deutliche Erregung spürbar. So hartgesotten auch die meisten sein mochten, sie hatten sich doch das Gespür für echte Gefahr bewahrt.

Hinter dem Regisseur standen Mal Clever und Rene de Lorca. Sie waren die männlichen Stars des Films, und die Szene, die jetzt gedreht werden sollte, gehörte eigentlich ihnen.

Doch nicht für sehr viel Geld hätten sie sich in eines der Autos gesetzt, auf die Lee Caminsky und Paul Rogers zugingen.

Verrückte Hunde sind das schon“, murmelte de Lorca und tupfte sich die schweißfeuchte Stirn mit einem seidenen Tuch ab.

Er sprach damit die Meinung der übrigen aus, aber es lag Anerkennung in seinen Worten.

Der sattgrüne Rambler und der feuerrote Chevy wirkten in der prallen Sonne wie zwei satte, zufriedene Schildkröten. Ein paar Burschen hatten sie kurz vorher noch auf Hochglanz gebracht. Raymond Ollesak wollte ein paar bizarre Lichtreflexe mit der Kamera einfangen. Sozusagen ein bisschen Poesie vor dem Chaos.

Die Freunde wechselten kein Wort mehr miteinander. Sie schlüpften in ihre Rollen. Jäger und Gejagter. Sie waren Gegner. Unerbittliche Todfeinde.

Das musste man auf der Leinwand später spüren. Sie wussten, worauf es ankam. Es genügte ihnen nicht, mit heilen Knochen aus dem Schrott herauszukriechen und ihre Gage zu kassieren. Sie wollten gut sein. Und sie waren gut. Besser als die anderen. Etwas anderes kam für sie nicht in Frage.

Lee Caminsky musste grinsen, als er sein verzerrtes Spiegelbild in einer der Radkappen des Chevy sah. Piekfein sah er aus. Julie würde vor Begeisterung ein paar Seufzer ablassen und ihm nach der Aufnahme die Filzpantoffeln bringen.

Er fühlte sich nicht wohl in diesem Dress. Er beneidete Paul, weil der so salopp aussah.

Er stieg in den Chevy, der mit einem speziellen Fahrwerk ausgestattet war, damit er nicht im Sand steckenblieb.

Auch sonst hatten die Techniker ein wenig mit ihm gespielt. Hinter ihm lag eine Bombe. Der Zeitpunkt, wann sie hochgehen sollte, war genauestens festgelegt worden. Doch wer kannte schon den Charakter einer Bombe? Vielleicht wurde ihr die Warterei zu lang und sie explodierte dann, wann es ihr passte. Sie erhielt ja keine Gage, und es war ihr zweifellos egal, ob Lee noch Gelegenheit hatte, seine Scheinchen in Empfang zu nehmen.

So ein Kracher war unheimlich sensibel und wollte mit Handschuhen angefasst werden. Lee hatte aber vor, sie gewaltig durchzuschütteln. Es war durchaus möglich, dass sie ihm diese Behandlung übelnahm. Dann würde von ihnen beiden nicht viel übrigbleiben. C’est la vie! So ist das Leben!

Paul Rogers hatte einen weiteren Weg zurückzulegen. Sein Rambler stand ungefähr dreihundert Yards von dem Chevy entfernt. Auch er war präpariert. Auch er eine Todesfalle.

Der Stuntman hielt die Maschinenpistole in der Armbeuge. Er starrte geradeaus und wusste, dass dreißig, vierzig Augenpaare jeden seiner Schritte verfolgten. Er ließ eine atemlose Spannung hinter sich zurück. So, als würde er sich tatsächlich in der nächsten Sekunde herumwerfen und tödliche Feuerstöße in die Menge jagen.

Der Rambler blitzte. Für die nächsten zwei Minuten befand er sich noch in Superform. Danach würde es ihn nicht mehr geben.

Paul Rogers war am Ziel. Er öffnete die Tür, indem er einfach daran zog. Ein Magnet hielt sie, genau wie den Schlag auf der Gegenseite, während der Fahrt geschlossen. Eine normale Verriegelung war für diesen Stunt zu riskant.

Rogers hatte den Fahrersitz so weit, wie es nur ging, nach hinten gestellt. Er nahm hinter dem Lenkrad Platz und legte die MPi quer über seine Oberschenkel.

Er blickte zu dem Chevy hinüber.

Lee konnte er nicht erkennen. Sein Kopf wurde durch den Sonnenreflex auf der Windschutzscheibe überstrahlt.

Immerhin beruhigte ihn das Bewusstsein, dass sein Freund in dem Wagen saß. Er musste sich auf den Partner absolut verlassen können. Sonst ging es schief.

Es wurde mit mehreren Kameras gearbeitet. Eine war auf einen Wagen montiert, der auf Schienen lief. Der Wagen wurde durch einen Motor ziemlich rasant bewegt. Der Kameramann und sein Assistent waren Spezialisten für schnelle Bewegungen. Halbe Artisten waren sie. Paul hatte schon früher mit ihnen zusammengearbeitet. Er schätzte sie, weil er alle Könner schätzte.

Raymond Ollesak rückte seine Brille zurecht und schrie ein Kommando.

Piet Flamingo trug das Kommando mit seiner krächzenden Stimme weiter.

Die Kameras begannen zu laufen.

Die Klappe fiel.

Es konnte losgehen.

 

*

 

Auch in Las Vegas war es heiß. Aber hier gab es eisgekühlte Drinks, soviel man haben wollte und bezahlen konnte.

Nathan Travers hatte genug Geld. Er ließ sich nicht lumpen. Schließlich hatten auch andere Leute Durst. Vor allem die aufregende Blondine, die auf seinen Knien kauerte und Champagner in einem Tempo schluckte, als stünde die nächste Prohibition vor der Tür.

Er selbst bevorzugte Bourbon und ein gemäßigteres Tempo. Dafür war er beschäftigt, die Körperlandschaften seines Knieschützers kennenzulernen.

Mabel Rudolph hatte eine Schwäche für starke Männer. Als sie Nathan Travers kennengelernt hatte, war sie auf der Stelle schwach geworden. Der Mann sah einfach super aus, fand sie.

Das war natürlich Geschmackssache, aber Travers war unheimlich stolz auf seine eindrucksvollen Proportionen, und er war auch auf sonst alles stolz, was seine Vorzüge betraf.

Vor zwei Jahren hatte ihn irgendeine Frauenvereinigung zum Mister Beauty gewählt. Das war ihm in den Kopf gestiegen, und es ließ sich auch nicht mit Whisky wieder herausspülen.

Mabel Rudolph leerte ihr Glas und bekam einen Schluckauf.

Schon wieder leer“, stellte sie erstaunt fest. „Ich glaube, das Zeug verdunstet in Nevada schneller als anderswo.“

Ich kenne einen Ort, Darling, da ist es noch heißer“, meldete sich der schöne Nathan Travers. „Die Mojave-Wüste. Dort verdampft der Champagner bereits auf dem Weg aus der Flasche ins Glas. Das kannst du mir glauben."

Er strich mit dem Zeigefinger über Mabels Wirbelsäule, und das Mädchen richtete sich steil auf und kicherte.

Hast du mir nicht erzählt, dass du dort einen Job hast?“, gurrte die Blondine gelangweilt.

Habe ich, Baby. Und eigentlich müsste ich schon längst dort sein. Aber ich konnte ja schließlich nicht wissen, dass ich dich treffen würde. Ein Mann muss Prioritäten setzen.“

Ist das etwas Unanständiges, Nathy?“ Die Frau mit den verheißungsvollen Augen versprach sich von dem Fremdwort eine Menge, wenn allerdings auch das Falsche.

Es kommt immer drauf an, was man daraus macht“, klärte sie der Mann auf.

Die beiden lachten vergnügt.

Mabel biss dem Mann ins Ohrläppchen. Dafür bekam sie das nächste Glas Sekt und wurde, kaum dass sie es geleert hatte, hochgehoben und ins Hotelzimmer getragen.

Ein Schlüssel drehte sich im Schloss. Vorhänge wurden vor die Fenster gezogen. Auf einen Knopfdruck begann sich ein Plattenspieler zu drehen.

Nathan Travers wagte einen kühnen Sprung, dass das Bett in sämtlichen Verbänden krachte.

Er vergaß völlig, dass er um diese Zeit eigentlich in der Mojave-Wüste einen anderen Sprung zu absolvieren hätte. Weitaus gefährlicher und längst nicht so amüsant.

Doch Travers setzte Prioritäten, wie er es nannte. Er fand, dass er großartig genug war, sich das erlauben zu können. Wer ihn sehen wollte, musste warten können. Das war er schließlich wert.

 

*

 

Weder Rogers noch Caminsky dachten in diesem Augenblick an Nathan Travers, der wenig Pflichtbewusstsein zeigte. Sie starteten gleichzeitig, wobei die Hinterräder den Sand wie einen dichten, körnigen Schleier hochwarfen.

Ihre Gesichter waren gespannt. Sie hatten nur Sekunden. In dieser winzigen Zeitspanne mussten sie ein Feuerwerk abbrennen, in dem alles stimmte.

Natürlich durften sie sich auch einen Fehler erlauben. Ob sie den allerdings überlebten, ließ sich nicht voraussagen. Es gab genügend Beispiele, die das fraglich erscheinen ließen.

Sie rasten aufeinander zu.

Sie mussten den Punkt treffen. Den einzig richtigen, zur einzig richtigen Zeit. Sie visierten ihn an, während sie die Drehzahl hochjagten.

Sie brauchten nicht auf die Instrumente zu schauen. Das absolute Empfinden für Entfernungen und Geschwindigkeiten war ihnen anscheinend schon in die Wiege gelegt worden.

Lee Caminsky korrigierte die Richtung geringfügig, während er voll aufs Gas stieg. So spiegelglatt die Wüste auch vom Highway aussah, so bucklig war sie aus der Nähe. Der Chevy sprang und wollte ein Eigenleben entwickeln, doch Caminsky zwang ihm mit eisenharter Faust seinen Willen auf.

Genauso tat es Rogers. Was da in fünfzig Yards Entfernung wie eine der normalen Bodenwellen aussah, war in Wirklichkeit eine schmale, geschickt kaschierte Rampe.

Mit dem rechten Vorderreifen musste er sie erwischen. Aber keinesfalls eine Sekunde zu früh oder zu spät.

Die MPi auf seinen Knien verrutschte ein wenig. Er klemmte den Riemen zwischen den Beinen ein. Seine behandschuhten Fäuste umklammerten das Lenkrad. Es bockte und versetzte ihm harte Stöße.

Der Chevy hielt genau auf ihn zu. Nur noch wenige Yards. Keiner der beiden Männer drehte ab. Keiner gab nach. Es musste krachen.

Und es krachte. Mörderisch.

Während der Rambler mit der rechten Seite über die Rampe schoss und sich dadurch etwas schräg stellte, donnerte der Chevy leicht schräg gegen seinen Scheinwerfer und versetzte ihm einen brutalen Stoß.

Paul Rogers spürte, wie sich der Boden unter ihm entfernte. Der Rambler stellte sich auf, während der Chevy durch den Schlag herumgerissen wurde und entgegen der ursprünglichen Fahrtrichtung durch den Wüstensand schlitterte.

Der Rambler neigte sich zur Seite und krachte aufs Dach. Rogers drosch gegen die Tür auf seiner Seite, bevor sie sich verklemmen konnte.

Er ließ das Lenkrad los und packte die MPi. Eine Stichflamme peitschte von hinten gegen seinen Rücken. In Sekundenschnelle stand der ganze Wagen in Flammen. Und er hockte mittendrin.

Es sah so aus, als hätte Lee Caminsky den ungefährlicheren Part erhalten. Sein Fahrzeug brannte nicht. Es sah relativ unversehrt aus. Bis auf den abgerissenen Kühlergrill und den Scheinwerfer, der nur noch an seinem Kabel aus der Karosserie heraushing.

Er stieß die Tür auf und kletterte hinaus. Steif, elegant. Passend zu seinem schicken, grauen Anzug.

Er wusste, dass die Kameras sein Gesicht in dieser Einstellung nicht erfassten. Sie würden später eine Großaufnahme von Rene de Lorca hineinschneiden. Eine lässige Visage, die überzeugt war, den Gegner ausgetrickst zu haben.

Lee war gespannte Aufmerksamkeit. Das war er seinem Partner schuldig. Nicht der Kamera.

Er spürte die Hitze der Flammen, die ihn erreichte. Er wartete auf Pauls Sprung aus dem Feuer.

Aber Rogers, dieses Aas, trieb die Spannung wieder mal auf die Spitze. Wenn es um den Nervenkitzel beim Publikum ging, konnte er zum Sadisten werden. Dabei schien er zu vergessen, dass er sein eigenes Leben aufs Spiel setzte.

Paul Rogers kannte keinen Leichtsinn. Nicht bei der Arbeit. Sonst wäre er niemals so hoch gekommen. Er liebte die Sensation, aber nur, wenn sie sich mit Perfektion paarte. Alles andere war in seinen Augen Pfusch. Oder Selbstmord.

Er wusste genau, dass er die Hitze nicht länger als eine Minute aushalten konnte. Die Verbrennungen spürte man erst dann, wenn es schon zu spät war. Die größte Gefahr bei derartigen Stunts war, sich selbst zu überschätzen.

Er beobachtete Lees Gesichtsausdruck. Er sagte ihm genauer als ein Spiegel, wie das Flammenmeer jetzt aussah. Anscheinend konnte man nun zufrieden sein.

Er stieß sich von seinem Sitz ab und katapultierte sich mit einer Rolle aus dem Wagen. Die Flammen riss er mit. Sein Pullover brannte lichterloh. Nur eine dünne Asbestschicht trennte das Feuer von seiner Haut.

Er ließ sich nicht einfach fallen, um den Flammen zu entgehen. Auch jetzt noch war jede einzelne Bewegung exakt geplant und oft genug „trocken“ geprobt worden.

Wenn er in die Höhe kam, musste er genau dreieinhalb Yards vor Lee stehen. Mit der MPi im Anschlag. Und er musste in der gleichen Sekunde schießen.

Paul Rogers schoss.

Seine Maschinenpistole spie eine Feuerzunge aus, die aber nur optisch wirkungsvoll war. Munition verließ nicht den Lauf.

Trotzdem wurde Lee wie von Geisterhand herumgerissen. Er taumelte und griff sich mit beiden Händen an die Brust.

In der gleichen Sekunde explodierte die Bombe, die auf dem Rücksitz des Chevy lag. Einer der Techniker hatte sie aus sicherem Abstand gezündet.

Aus sicherem Abstand für ihn selbst. Lee stand in unmittelbarer Nähe, und er musste eine Winzigkeit vorher springen, bevor die Hölle hinter ihm losbrach.

Er sprang aus dem Stand und breitete seine Arme aus. Er sah aus, als wollte er direkt in den Himmel fliegen.

Ein Blechteil traf ihn an der Schulter und wirbelte ihn programmgemäß herum. Das bedeutete, dass er sein Ziel verfehlen musste, und sein Ziel war Paul Rogers den er beim Aufprall unter sich begraben hatte. Einmal, weil das so schön wirkungsvoll war, zum anderen, um bei dieser Gelegenheit einen Teil der Flammen zu ersticken, die nun allmählich im wahrsten, Sinne des Wortes für den Partner brenzlig wurden.

Er musste ungeheuer schnell schalten, schließlich war es ausgeschlossen, dass er als toter Mann ein zweites Mal in die Luft flog, um Versäumtes nachzuholen.

Noch während des Sprungs verstärkte er die Drehung, die er durch das Blech erhalten hatte, und schleuderte seine Beine nach vorn.

Damit sicherte er Rogers wieder.

Er fühlte sich von der Hand des Freundes gepackt und niedergerissen. Beide wälzten sie sich zuckend am Bolen, während der Sand die Flammen fraß und die Kameras die letzten Bilder durchspulten.

Sie blieben länger liegen, als notwendig war. Es konnte ja sein, dass Ollesak doch auf die Idee verfiel, einen Schwenk über das Bild des Grauens fallen zu lassen. Da hätte es sich sehr schlecht gemacht, wenn sich zwei Tote aus dem Bild entfernt hätten. Schließlich wurde ja hier kein Film über Zombies gedreht.

Erst als die Feuerwehrleute angerannt kamen, wussten sie, dass sie keine Leichen mehr zu mimen brauchten. Sie erhoben sich und spuckten den Dreck aus, während der brennende Rambler mit Löschschaum zugedeckt wurde.

Lee Caminsky verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. Sein grauer Anzug sah inzwischen erheblich ramponiert aus.

Du kannst sagen, was du willst“, knurrte er. „für solche Stunts lobe ich mir die Gegend am Great Salt Lake in Utah.“

Warum?“, wollte Paul Rogers wissen. „Ist es da weniger heiß?“

Das wohl auch. Vor allem aber schmeckt der Sand dort ganz einfach würziger. Der hier ist ’ne Zumutung für einen Gourmet wie mich.“

 

*

 

Raymond Ollesak zeigte sich vorläufig zufrieden. Was das Auge hatte verfolgen können, war optimal gelaufen. Allerdings waren die Objektive der Kameras in der Regel kritischer. Erst wenn das Material entwickelt war, konnte mit letzter Sicherheit gesagt werden, ob die Szene im Kasten war oder nicht.

Mit den beiden vorhandenen Wagen war sie ohnehin nicht zu wiederholen, und auch Rogers und Caminsky hatten eine kleine Pause verdient.

Doch die beiden konnten sich nicht gemütlich ausstrecken und ihre frischen Blessuren pflegen. Pause bedeutete für sie, dreihundert Meilen zur Bucht von Cambria zu fahren, wo sie am nächsten Tag wieder gebraucht wurden. Und man würde sie dort bestimmt nicht schonen, nur weil sie auch noch auf einer zweiten Hochzeit tanzten.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906219
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v349814
Schlagworte
zwei teufelskerle duell stuntmen

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Titel: Zwei Teufelskerle 4: Duell der Stuntmen