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Mörder und Hacker: Drei Krimis

2016 400 Seiten

Leseprobe

Mörder und Hacker: Drei Krimis

Alfred Bekker

Published by Alfred Bekker, 2016.

Mörder und Hacker

Von Alfred Bekker

Der Umfang entsprich 400 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Mörder mit Hut

Alfred Bekker: Killer ohne Namen

Alfred Bekker: Der Hacker

Er nennt sich "The Virus" - und er ist einer der berüchtigsten Hacker aller Zeiten. Und er versucht den Coup seines Lebens zu machen, indem er die Zugangscodes der Pentagon-Rechner knackt und an den chinesischen Geheimdienst zu verkaufen versucht.

Bald ist ein Gejagter, der um sein Leben kämpfen muss. Und die Fahnder des FBI sind dabei noch sein geringstes Problem...

Als beim Dreh eines Action Movies der Star eine echte Kugel abbekommt, beginnen die Ermittlungen von Jesse Trevellian und seinem Team - denn es handelte sich nicht um einen Unfall, wie sich schnell herausstellt.

Ein Action Star, der tief in die Machenschaften des organisierten Verbrechens verstrickt ist, gegen die er in seinen Filmen immer kämpfte und ein Machtkampf innerhalb der Unterwelt - damit hat es Trevellian in diesem Fall zu tun. Und schon bald steht er ebenfalls auf der Abschussliste der Syndikate...

MÖRDER MIT HUT

von Alfred Bekker

Der Umfang dieser Geschichte entspricht 5 Taschenbuchseiten.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Alle, die an jenem Abend um Geld spielten, gehörten zu denjenigen, die es sich leisten konnte, etwas aufs Spiel zu setzen, ohne dabei auf den Pfennig sehen zu müssen: Da war Gundelach, der Juwelier, ein Spieler aus Leidenschaft, der sich diese ruinöse Sucht seines gutgehenden Geschäftes wegen leisten konnte. Geiger war Bankdirektor und als solcher schon Berufs wegen mit einem gewissen Hang zum Geiz behaftet: Er spielte nie über sein Limit hinaus, selbst wenn er dafür von den anderen, allesamt weitaus vermögenderen Mitspielern belächelt wurde. Jochimsen, ein kühler, zurückhaltender Mann, war in derselben Branche wie Brandner tätig, besaß ebenfalls ein gutgehendes Unternehmen und es gehörte fast schon zum Ritual dieser Spielabende, dass er den Gastgeber drängte, seine Firma doch an ihn zu verkaufen und sich ins Privatleben zurückzuziehen. Natürlich lehnte Brandner dieses Ansinnen seines schärfsten Konkurrenten stets ab.

"Wie wäre es, wenn Sie Ihre Firma als Einsatz stiften würden?", meinte Jochimsen nachdem er einige Fünfhunderter an seine Mitspieler hatte auszahlen müssen. "Wenn es um einen lohnenden Einsatz ginge, könnte ich mich vielleicht auch besser auf das Spiel konzentrieren!"

Brandner lächelte. "Sie werden nie aufgeben, was?"

"Da haben Sie recht!", erklärte Jochimsen "Irgendwann werde ich Ihre Firma kaufen, ob Sie nun wollen oder nicht!"

Im weiteren Verlauf des Abends suchte das Pech vor allem den Juwelier Gundelach heim, der von Runde zu Runde verbissener versuchte, das Verlorene zurückzugewinnen.

"Ich denke, Sie sollten jetzt Schluss machen!", meinte Geiger, der Bankdirektor. Gundelach rieb sich nervös die Stirn.

Es war allgemein bekannt, dass der Juwelier nicht nur innerhalb dieser Herrenrunde seiner Spielleidenschaft frönte, sondern auch regelmäßiger Gast verschiedener Spielsalons war.

"Wollen Sie Kredit, Gundelach?", erkundigte sich Brandner. "Ich bezahle Ihre Schulden und Sie unterschreiben mir einen Schuldschein. Zinslos, Sie verstehen?"

"Das ist großzügig. Sie sollten darauf eingehen", meinte Geiger, noch bevor der Betroffene selbst sich äußern konnte.

2

Es war schon nach Mitternacht, als die Spielrunde sich auflöste. Brandner wusste seine Frau bereits seit einigen Stunden schlafend im Bett, aber er selbst war noch nicht müde genug, um sich ebenfalls zur Ruhe zu begeben. Er ließ sich daher mit einem Buch in einen der schweren Sessel fallen.

Zu selben Zeit war jener Mann, der wenig später zu Brandners Mörder werden sollte, damit beschäftigt, das Küchenfenster mit Hilfe eines stabilen Schraubenziehers auszuhebeln.

Dann schlich er auf leisen Sohlen ins Wohnzimmer. Brandner drehte sich im Sessel herum. Der Eindringling trug einen auffallend breitkrempigen Schlapphut, der etwas albern wirkte und sein Gesicht im Schatten versinken ließ. Dennoch erkannte Brandner ihn. Aber er kam nicht mehr dazu, irgend etwas zu sagen, denn zwei Schüsse aus einer Pistole mit Schalldämpfer machten seinem Leben ein Ende. Später würde man feststellen, dass der Schuldschein, den Gundelach dem Hausherrn unterschrieben hatte, nicht mehr aufzufinden war.

3

Als wenige Tage später Brandner zu Grabe getragen wurde, gaben alle - bis auf Gundelach - die an jenem Abend zusammen gespielt hatten, dem so plötzlich zu Tode gekommenen das letzte Geleit. Gundelach war unterdessen vorläufig festgenommen worden, da er als Einziger ein offenkundiges Motiv zu haben schien und darüber hinaus der unter Zeugen ausgestellte Schuldschein verschwunden war.

"Mein Beileid", sagte Geiger, der Bankdirektor, zu der wie versteinert dastehenden Witwe des Ermordeten.

Sie nickte nur und sagte: "Ich hoffe, dass der Schuldige zur Rechenschaft gezogen werden wird!"

"Das wird er!", meinte Geiger zuversichtlich.

Frau Brandner lächelte zynisch. "Die Polizei hat bereits den richtigen verhaftet. Bleibt nur zu hoffen, dass man es diesem Gundelach auch beweisen kann!"

Geiger schüttelte den Kopf. "Ich für meinen Teil kann es kaum glauben, dass Gundelach einen Mord begehen könnte..."

4

Einige Tage später trafen sich Geiger und Jochimsen zufällig.

"Haben Sie schon gehört, dass man Gundelach wieder freigelassen hat?", fragte Jochimsen.

"Ach, was Sie nicht sagen! Das beruhigt mich aber. Ich konnte mir ohnehin nicht vorstellen, dass unser Freund Gundelach - auch wenn er in einer finanziell verzweifelten Situation war - deshalb zum kaltblütigen Mörder würde."

Jochimsen schüttelte den Kopf. "Es ist nicht so, dass die Polizei von seiner Unschuld überzeugt ist. Vielmehr deuten nach wie vor alle Indizien - so spärlich sie auch sein mögen auf Gundelach. Aber man kann es ihm nicht beweisen."

"Ach so ist das." Geiger zuckte die Achseln. "Nun, jeder kann auch unschuldig in die Fänge der Justiz geraten."

5

Die mehr oder minder regelmäßigen Glücksspielabende bei Brandners fanden nun - nach dem Tod des Gastgebers - natürlich nicht mehr statt. Aber es dauerte nur wenige Wochen, da traf man erneut zusammen und zwar wieder auf einer Beerdigung. Es war Gundelach, der (mitsamt den beiden Bleikugeln im Rücken, die seinem Leben ein Ende gemacht hatten) zu Grabe getragen wurde. Jochimsen bemerkte mit Erstaunen, dass Frau Brandner bei dieser Bestattung zugegen war, und so dachte er sich, dass dies möglicherweise eine günstige Gelegenheit wäre, ihr den Kauf des Brandner'schen Unternehmens anzubieten. "Ich würde Ihnen einen vorzüglichen Preis bieten", erklärte er der Witwe.

Sie nickte. "Ja, ich bin einverstanden", sagte sie. "Um ehrlich zu sein, Sie nähmen mir mit der Firma eine große Bürde ab, denn ich verstehe nichts von geschäftlichen Dingen."

Jochimsen lächelte zufrieden. "Der Verkaufserlös, das kann ich Ihnen versichern, wird Ihnen für den Rest Ihres Lebens eine standesgemäße Existenz sichern."

Sie nickte leicht. "Das ist ein großer Tag für mich."

Jochimsen runzelte die Stirn. "Verzeihen Sie... "Würden Sie mir das näher erklären?"

Sie sah ihn mit einem offenen Blick ein paar Sekunden lang an und antwortete dann: "Es ist ein gutes Gefühl, den Mörder meines Mannes im Grab zu wissen!"

"Für die Polizei war Gundelach nicht der Mörder."

"Ach! Hören Sie doch auf!", zischte sie ihm zu, gerade noch leise genug, so dass es sonst niemand mitbekam und die Zeremonie nicht gestört wurde. "Diese Polizisten sind doch allesamt Stümper! Wie hätten sie diesen Mann sonst laufenlassen können? Erklären Sie mir den verschwundenen Schuldschein, von dem sowohl Sie, als auch Geiger übereinstimmend gesagt haben, dass er ausgestellt wurde! Nein, Gundelach ist für mich der Mörder meines Mannes, ganz gleich, was die zuständigen Beamten dazu sagen!"

"Haben Sie etwas mit Gundelachs Tod zu tun?", fragte Jochimsen zögernd. Erst schwieg sie.

"Und wenn schon...", war dann die kühle Antwort.

Als die Zeremonie beendet war, verabschiedeten sie sich voneinander und Jochimsen setzte seinen großen, breitkrempigen Schlapphut auf. Irgendwie albern, dieser Hut, dachte Frau Brandner. Aber seit sie Jochimsen kannte, hatte er stets einen gewissen Hang zur Extravaganz gehabt.

ENDE

Killer ohne Namen

von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 205 Taschenbuchseiten.

Alles beginnt mit einem Überfall auf einen Sicherheitstransport. Die Beute: Druckplatten zur Herstellung von Dollarnoten. FBI Special Agent Jesse Trevellian und sein Team nehmen die Ermittlungen auf und kommen einer unglaublichen Verschwörung auf die Spur.

Ohne es zu ahnen, ist Trevellian jedoch längst selbst im Visier eines Mörders, der nur als KILLER OHNE NAMEN bekannt ist...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

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© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

New York 1998

Der gepanzerte Transporter hielt an der rotgestreiften Barriere. Es sah ganz nach einer Vollsperrung aus. Das konnte heiter werden...

"Verdammt, warum hat uns niemand etwas davon gesagt?", knurrte einer der Wachmänner. Er saß auf dem Beifahrersitz. "Was soll das hier?"

"Vielleicht ein Unfall, Billy", meinte der Mann am Steuer.

"Ich frage trotzdem mal in der Zentrale nach."

Links von ihnen hielt ein Chevy, rechts ein Mercedes. Hinter ihnen war ein Lieferwagen. Der gepanzerte Transporter war eingekeilt.

Billy griff zum Funkgerät.

Aber noch ehe er auch nur einen Ton gesagt hatte, sprangen links und rechts bis auf die Zähne bewaffnete Vermummte aus dem Wagen. Nicht mehr als einen schmalen Streifen in Augenhöhe ließen die dunklen Sturmhauben frei. Sie trugen Maschinenpistolen, Pump Guns und Sturmgewehre. Dazu kugelsichere Westen. Fast konnte man von der Ausrüstung her an ein Sondereinsatzkommando des New York Police Departments denken.

Aber dies waren keine Polizisten.

Billy schrie es fast in das Funkgerät hinein.

"Überfall! Etwa zwei Meilen nach dem Ausgang des Lincoln Tunnels Richtung Union City... Zwölf bis fünfzehn schwerbewaffnete Täter."

"Verhalten Sie sich ruhig und gehen Sie kein Risiko ein", kam es aus dem Lautsprecher des Funkgeräts heraus.

"Verstanden", murmelte Billy.

"Versuchen Sie, die Täter hinzuhalten. Wir tun was wir können."

"Ein wunderbarer Trost", erwiderte Billy gallig.

"Wo ist unsere Eskorte?"

"Keine Ahnung. Nicht da, wenn man sie braucht..."

Einer der Gangster fuchtelte mit dem kurzen Lauf seiner Uzi-Maschinenpistole herum. Er signalisierte den beiden Wachmännern auszusteigen.

"Wir bleiben hier ganz ruhig sitzen", erklärte Billy. "Die können uns mit ihren Waffen nichts anhaben..."

Der Transporter hatte ein so stabiles Panzerglas, dass selbst ganze Salven von Maschinengewehrfeuerstößen für die Insassen ungefährlich bleiben würden.

Und auf die Panzerung der Karosserie war Verlass.

Die Türen waren von innen verschlossen.

Einer der Kerle riss jetzt von außen daran. Aber er hatte keine Chance.

Billy grinste. "Denen geht es jetzt wie dem berühmten Affen, der versucht, an das weiche Innere einer Kokosnuss heranzukommen!"

Die Wachmänner würden einfach abwarten, bis die ganze Maschinerie von Polizei und FBI sich in Bewegung gesetzt hatte. Das Gebiet würde weiträumig abgeriegelt. Die Gangster hatten keine Chance. Jede Sekunde bedeutete für sie, dass ihre Chancen erheblich sanken.

Die beiden Wachmänner griffen zu den automatischen Pistolen, die sie in den Gürtelholstern stecken hatten.

"Sie können nichts machen", meinte der Mann am Steuer zufrieden.

Aber dann öffneten sich seine Augen weit vor Entsetzen.

Einer der Gangster hatte sich mit einer Bazooka in Stellung gebracht. Deren Geschosse durchschlugen mühelos die Stahlplatten von Panzerfahrzeugen.

Die beiden Wachleute wurden bleich.

Sie erkannten, dass ihr Verzögerungsspiel jetzt vorbei war. Endgültig. Sie ließen die Waffen sinken und hoben die Hände. Aber offenbar nicht schnell genug.

Die Bazooka wurde abgefeuert. Das Geschoss durchschlug das Panzerglas. Die Fahrerkabine des Transporters verwandelte sich in ein Inferno. Flammen schossen empor. Der Knall der Detonation war ohrenbetäubend und übertönte die Todesschreie der Insassen.

Diese hatten keine Chance.

Wenn sie nicht durch die Explosion förmlich zerrissen worden waren, versengten sie die Flammen.

In die Reihen der Gangster kam Bewegung.

Mit zwei Feuerlöschern wurden die Flammen eingedämmt.

Grauweißer Schaum erstickte das Feuer innerhalb von fünfzehn, zwanzig Sekunden.

Einer der Maskierten half einem Komplizen dabei von vorn, durch die zerstörte Frontscheibe hindurch in die Fahrerkabine zu steigen. Es roch nach verbrannten Leichen und geschmolzenem Plastik.

"Der Schlüssel!", rief der Kerl.

Er warf ihn hinaus, einem Komplizen direkt in die Hand.

Dieser rannte zur Rückfront des Transporters.

Die Tür wurde geöffnet.

Und dann lag endlich das vor ihnen, was sie haben wollten.

Es war eine Kiste aus Stahl, gut gesichert durch mehrere Halterungen. Mit zwei winzigen Plastiksprengstoffladungen wurden sie zersprengt.

Die Kiste war schwer.

Zwei Männer trugen sie hinaus und luden sie in den Kofferraum des Chevys.

Zehn Sekunden später brausten die Vermummten in ihren Wagen davon. Reifen drehten durch und quietschten. Sie fuhren wie die Teufel, denn sie wussten nur zu gut, dass jetzt jeder Cop im Umkreis von fünfhundert Meilen hinter ihnen her sein würde.

Aber ihre Beute war es wert.

Glaubten sie.

Der Staat New Jersey gehört zum Zuständigkeitsbereich des FBI-Districts New York. Aber das war längst nicht der einzige Grund dafür, dass das unser Fall war.

Als ich zusammen mit meinem Freund und Kollegen Milo Tucker am Ort des Geschehens eintraf, herrschte dort das blanke Chaos. Die State Police des Staates New Jersey hatte alles weiträumig abgeriegelt. Der McKeeway nach Union City war gesperrt.

Ich ließ die Seitenscheibe meines Sportwagens hinuntergleiten, als man uns an der ersten Straßensperre anhielt.

Ein uniformierter und schwerbewaffneter State Police-Beamter grüßte knapp.

Ich hielt ihm meinen Dienstausweis hinaus.

"Special Agent Jesse Trevellian vom FBI-District New York", murmelte ich dazu.

Mein Gegenüber nickte nur und winkte mich durch.

Ich stellte den Sportwagen irgendwo ab. Wir stiegen aus.

Der überfallene Transporter sah furchtbar aus.

Spurensicherer machten sich bereits überall zu schaffen.

Unser FBI-Distrikt hatte auch eine gute Handvoll Erkennungsdienst-Spezialisten herübergeschickt, um die hiesigen Kräfte zu unterstützen.

Außerdem war da noch ein ziemlich gestresst wirkender Captain der Polizei von Union City, in deren Zuständigkeitsbereich diese Tat bereits lag.

Der Captain hieß Craig, war grauhaarig und etwas untersetzt. Seine Schultern waren breit und gaben ihm ein sehr stämmiges Aussehen.

Er sah sich meinen Ausweis interessiert an.

"Ihnen nach dem, was hier passiert ist, noch einen guten Tag zu wünschen, würde mir unpassend erscheinen, Agent Trevellian", brummte Craig zwischen den Zähnen hindurch. "Kommen Sie, ich zeige Ihnen, was wir bislang haben."

Wir umrundeten den Transporter.

Ein unangenehmer Geruch stieg uns in die Nase.

Bei dem Blick in die Fahrerkabine wurde mir fast schlecht.

Ich habe dem Kampf gegen das Verbrechen mein Leben gewidmet. Und mein Job als G-man bringt es nun einmal mit sich, immer wieder auch dem Tod in vielfältiger Gestalt zu begegnen. Und doch gibt es immer wieder Dinge, die man in den Schlaf mitnimmt. Bilder wie das der beiden schrecklich zugerichteten Wachmänner in diesem Transporter zum Beispiel.

Ich bin hart im Nehmen.

Aber nicht abgestumpft.

"Die Gangster waren sehr gut organisiert", erklärte Craig mit tonloser Stimme. "Sie haben eine Bazooka oder so etwas verwendet. Die beiden armen Kerle hatten nicht den Hauch einer Chance."

Craig ballte die Hände zu Fäusten.

Irgendein Kollege meldete sich über Funk bei ihm. Er zog das Gerät aus der Manteltasche und meldete sich.

Offenbar gab es noch immer keine Spur von den Tätern. Und das obwohl eine Großfahndung eingeleitet worden war. Das konnte eigentlich nur heißen, dass sie eine sehr gute Organisation im Hintergrund hatten, die ihnen beim Untertauchen half.

Ich erwartete, dass wir bald irgendwo auf ein paar Wagen stießen, die sie benutzt und dann irgendwo abgestellt hatten.

Wenn wir Glück hatten, ergaben sich dann ein paar Hinweise.

Wenn wir Glück hatten. Aber die Chancen standen nicht allzu gut, wenn man die Kaltblütigkeit bedachte, mit der sie gehandelt hatten.

Jedes Detail schien genau überlegt und organisiert gewesen zu sein.

Während Craig damit fortfuhr, uns den Tatort zu erläutern, wurde mir das immer klarer.

"Sehen Sie das weißgraue Pulver, Agent Trevellian?"

"Ja. Stammt wohl von einem Feuerlöscher. Sie haben den Brand gelöscht. Warum haben sie das gemacht?"

"Um den Schlüssel an sich zu bringen. Das Schloss der Hintertür verfügt über einen besonderen Schutzmechanismus gegen Sprengungen. Bei Hitzeeinwirkung schmilzt da irgend etwas zusammen und man kann die Tür dann nur noch mühsam aufschweißen. Deswegen haben die auch nicht einfach ihre Bazooka auf die Rückfront gehalten oder versucht, die Tür aufzusprengen. Nein, sie mussten an den Schlüssel..."

"Sie meinen, dass sie diese Details wussten?", mischte sich jetzt Agent Milo Tucker ein.

Craig zuckte die Achseln.

"Haben Sie eine bessere Erklärung? Das mit der Bazooka hatte übrigens auch noch einen anderen Vorteil für diese Killer. Sehen Sie den schwarzen, eingeschmolzenen Klumpen da oben?"

"Ich sehe ihn."

"Das war mal die Videoüberwachungsanlage."

Selbst, wenn die Täter maskiert gewesen waren, ließen sich aus solchen Aufnahmen oft wertvolle Rückschlüsse ziehen.

Auch, wenn von den Gesichtern nichts zu sehen war. In Kalifornien war von den dortigen FBI-Kollegen vor kurzem ein maskierter Bankräuber auf Grund des unverwechselbaren Waschmusters seiner Jeans überführt worden.

Aber wir konnten in diesem Fall auf derartige Hilfe nicht hoffen.

Ich wandte mich von dem schrecklichen Anblick der ausgebrannten Fahrerkabine ab und deutete auf die rotgestreiften Barrieren, die mitten auf die Straße gestellt worden waren.

"Sieht nicht gerade nach einer Baustelle aus, an der viel gearbeitet worden ist", stellte ich fest.

Craig nickte.

"Sie haben vollkommen recht, Agent Trevellian. Das haben die Gangster inszeniert, um den Transport anzuhalten."

"Das bedeutet, dass sie auch über den Zeitplan genau Bescheid wussten, der für den Transporter galt."

"Das ist auch mein Gedanke."

"Ich möchte mir den Wagen gerne von innen ansehen", meinte Milo.

Craig nickte.

"Nichts dagegen."

Er führte uns zur hinteren Tür. Der Schlüssel steckte noch.

Er war verkohlt. Schon daran konnte man sehen, dass er aus der Fahrerkabine geholt worden war.

Craig kramte einen Latexhandschuh aus der Manteltasche, bevor er die Tür öffnete.

Er stieg hinein und deutete mit der ausgestreckten Hand auf eine Stelle am Boden. Zerborstene Halterungen zeugten davon, dass man hier wenig zimperlich vorgegangen war.

"Hier war die Kiste mit den Druckplatten", erklärte der Police Captain. "Mehr als nur eine Lizenz zum Gelddrucken! Wer diese Dinger hat, kann Originalbanknoten der Vereinigten Staaten von Amerika herstellen, soviel er will." Craig deutete mit gestrecktem Zeigefinger im Laderaum des Transporters umher. "Die Halterungen wurden gesprengt... Der Transport wurde übrigens von einer Zivileskorte begleitet, die dem eigentlichen Transport unauffällig folgen sollte. Aber die wurde durch einen - vermutlich provozierten Auffahrunfall aufgehalten..."

Milo sah mich an.

Sein Gesicht war ernst.

"Da muss ein ganz großer Hai dahinterstecken", war er überzeugt. Ich konnte ihm nur zustimmen.

3

26 Federel Plaza ist die Adresse des FBI-Distrikthauptquartiers. Wir saßen im Büro von Special Agent in Charge Jonathan D. McKee, unserem Chef.

Außer Milo Tucker und mir waren noch ein halbes Dutzend weiterer Agenten anwesend. Darunter Ronald Figueira, ein Falschgeldspezialist aus dem Innendienst und Max Carter aus unserer Fahndungsabteilung.

Carter erläuterte uns gerade, wie der Stand der Großfahndung war, die man in vier Bundesstaaten ausgelöst hatte. Leider war das Ergebnis bis jetzt gleich null, wenn man es auf den Punkt brachte.

"Der Wagen war von Queens aus unterwegs. Ausgangspunkt war das Gelände von McGordon Inc., einem kleinen McKee-Tech-Unternehmen, das unter anderem solche hochwertigen Druckplatten in seiner Produktpalette hat. Zielpunkt war eine Druckerei in Newark, die im Auftrag der US-Zentralbank arbeitet."

"Wir werden sehr intensiv nachforschen müssen, in wie weit es in der Druckerei oder bei McGordon Inc. schwache Stellen gibt", meinte Mr. McKee.

"Es muss sie geben", war Carter überzeugt. "Dazu waren die Täter einfach zu gut informiert."

"Was ist mit den Wachleuten?", fragte ich.

"Soweit wir wissen, sind das zuverlässige Sicherheitsbeamte, die über jeden Zweifel erhaben scheinen", erwiderte Carter. "Sowohl diejenigen, die das Pech hatten mit im Transporter zu sitzen als auch die Leute von der Eskorte scheinen über jeden Zweifel erhaben..."

"Auch das werden wir genau überprüfen müssen", kündigte Mr. McKee an. Er sah sich um, blickte von einem G-man zum anderen. "Dieser Fall hat absolute Priorität. Denn, wenn der FBI nicht sehr schnell und sehr gut ist, werden uns die Täter durch die Lappen gehen. Und dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann irgendwo eine Geldfabrik zu arbeiten beginnt, die Dollarnoten herstellt, die von niemandem mehr von echten Scheinen zu unterscheiden sind!"

Wir waren uns alle über den Ernst der Lage im Klaren.

"Ich werde mal die Reihe unserer Informanten abklappern", meinte Agent Clive Caravaggio. Der flachsblonde Italo-Amerikaner kratzte sich am Hinterkopf. "Wäre doch gelacht, wenn nicht der eine oder andere in Little Italy etwas von diesem Coup gehört hätte!"

"Sie tippen auf die Mafia?", fragte Mr. McKee.

Caravaggio zuckte die Achseln.

"Es war doch hier immer von einer schlagkräftigen Organisation die Rede! Die Mafia mag etwas in die Jahre gekommen sein, aber was die Organisation angeht, ist sie anderen Syndikaten immer noch meilenweit voraus!"

"Falschgeld ist eigentlich nicht gerade das traditionelle Betätigungsfeld der Mafia", gab Mr. McKee zu bedenken.

Caravaggio beugte sich etwas vor. "Ihr Betätigungsfeld liegt immer da, wo es großen Gewinn gibt..."

"Und wenig Risiko", gab ich zu bedenken. "Wenn wirklich die Mafia dahinterstecken würden, hätten wir vermutlich im Vorfeld irgend etwas gehört. Hinweise, Gerüchte... irgendetwas."

Mr. McKee sah mich nachdenklich an, dann wandte er sich an Caravaggio. "Versuchen Sie es, Clive! Immerhin ist die Mafia eine der wenigen in Frage kommenden Organisationen, die so etwas überhaupt auf die Beine stellen könnte! Außerdem müssen wir natürlich die bekannten Adressen in der Falschgeldszene abklappern..."

Jetzt meldete sich Agent Orry Medina zu Wort, ein G-man indianischer Herkunft, der durch seine ausgesucht edle Garderobe auffiel. "Wenn wir jeden unter die Lupe nehmen, der in dieser Hinsicht mal auffällig geworden ist und zur Zeit frei herumläuft, brauchen wir viel zu lange, um den Tätern noch gefährlich werden zu können!"

"Keine wahlloses Überprüfen", korrigierte Falschgeldspezialist Figueira. "Ich habe nach bestimmten Kriterien eine Vorauswahl getroffen... Es könnte gut sein, dass die Druckplatten in der Szene irgendwann angeboten werden und dann müssen wir zur Stelle sein. Schließlich sind die Dinger nicht geraubt worden, um sie in einem Safe versauern zu lassen."

Ich hoffte nur, das Figueira damit recht hatte.

Ein bisschen Zweckoptimismus war sicher auch dabei. Denn, wenn sich wirklich jemand dazu entschloss, die Platten einfach für ein paar Jahre wegzuschließen, sah es für uns unter Umständen nicht gut aus.

Aber vielleicht hatten wir ja Glück, und einer der Täter lief in das weitgespannte Netz, das der FBI im Verbund mit den Staatspolizeien von New York und New Jersey gezogen hatte. Straßenkontrollen an den Highways und Bundesstraßen gehörten dazu ebenso wie eine Überwachung der Flughäfen.

Ein Netz, das uns Fahndungsspezialist Max Carter im Anschluss eingehend erläuterte.

Uns rauchten die Köpfe, als schließlich Mandy, die Sekretärin unseres Chefs, für eine angenehme Unterbrechung sorgte. Sie brachte uns ein Tablett mit dampfenden Pappbechern herein. Mandys Kaffee war im gesamten FBI-Hauptquartier eine Legende.

4

Milo und ich fuhren nach Queens. Das Gelände von McGordon Inc. lag an einer Sackgasse, bei der sich niemand die Mühe gemacht hatte, ihr einen Namen zu geben. Strenggenommen war es überhaupt keine öffentliche Straße, sondern ein Privatweg, der der Firma gehörte.

Wir mussten mehrere Schlagbäume passieren. Jedesmal wurden unsere FBI-Ausweise einer intensiven Prüfung unterzogen.

"Als würden die den Schatz von Fort Knox bewachen", scherzte Milo.

Der eigentliche Komplex war mit einem hohen Zaun abgesperrt. Düster dreinblickende Uniformierte patrouillierten auf und ab. Mannscharfe deutsche Schäferhunde wurden an kurzen Leinen geführt. Es beruhigte mich zu sehen, dass sie Maulkörbe trugen.

Wir stellten den Sportwagen auf einen Mitarbeiterparkplatz und stiegen aus.

Eine wasserstoffblonde Schönheit erwartete uns mit geschäftsmäßigem Lächeln.

Sie reichte mir die zierliche Hand mit rotlackierten Nägeln - passend zu ihrem engsitzenden Kostüm.

"Mein Name ist Janet Larono. Ich bin die Pressesprecherin von McGordon Inc. und verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit."

"Jesse Trevellian, FBI", sagte ich. "Dies ist mein Kollege Milo Tucker..."

"Ja, Sie wurden bereits erwartet..."

"Allerdings weiß ich nicht, ob Sie der richtige Gesprächspartner für uns sind", wandte Milo ein. "Nichts gegen Ihre Arbeit, aber es geht hier nicht darum, etwas an die Öffentlichkeit zu verkaufen."

Janet Larono hob die Augenbrauen. Sie ließ sich nicht anmerken, ob sie beleidigt war.

"Ich kann Ihnen versichern, dass ich durchaus in der Lage bin, Ihnen zu helfen. Ich bin instruiert worden, Sie überall dort hinzuführen, wo Sie hinwollen..."

"Das ist gut", sagte ich. "Uns interessiert vor allem der organisatorische Ablauf bei der Vorbereitung des Transports. Seit wann standen Zeitpunkt und Fahrtroute fest?"

"Das werden wir klären können, Mr. Trevellian", erwiderte sie.

"Nennen Sie mich ruhig, Jesse."

Vielleicht war das Lächeln, das ich dieser Schönheit geschenkt hatte, etwas zu nett. Jedenfalls war ihre Erwiderung kühl wie ein Gefrierschrank.

"Ich will Ihnen gleich sagen, dass Ihr Charme an dieser Stelle verschwendet ist, Mr. Trevellian."

"Ach,ja?"

"Ich halte Beruf und Privatleben strikt auseinander."

"Ich wollte nur freundlich sein!"

"Dann ist es ja gut."

"Hören Sie, Janet..."

"Nennen Sie mich lieber Miss Larono."

"...könnte es sein, dass jemand anderes in Ihrem Unternehmen diese Trennung nicht so genau nimmt?"

"Was meinen Sie damit?"

"Die Täter waren sehr gut informiert. Sie wussten Details, die eigentlich nur jemand wissen konnte, der an der Quelle sitzt!"

Sie zeige mir ihre wunderschönen Zähne, als sie erwiderte: "Was glauben Sie, worüber sich hier jeder Gedanken macht, Mr. Trevellian?"

Officer Cameron von der New Jersey State Police schob sich die Mütze ein Stück in den Nacken. Er schwitzte erbärmlich unter seiner kugelsicheren Weste. Die Maschinenpistole vom Typ Heckler und Koch hing ihm an einem breiten Riemen über der Schulter.

"Die Kerle sind doch längst über alle Berge", war sein Kollege, Officer Brent überzeugt, der eigentlich seinen verdienten Urlaub hatte nehmen wollen und von seinem Vorgesetzten in letzter Sekunde zurückgepfiffen worden war.

Ein weißer Golf fuhr langsam an die Straßensperre heran, die die Interstate in Richtung Pennsylvania blockierte.

Ein gutes Dutzend State Police-Beamte waren schwer bewaffnet in Stellung gegangen und kontrollierten jeden Fahrer. So gründlich wie möglich durchsuchten sie die Wagen nach Waffen oder anderen Gegenständen, die vielleicht mit dem Überfall auf den Druckplatten-Transport in Verbindung stehen konnten.

Die Gangster waren ja in alle Richtungen davongebraust.

Bei irgendeinem von ihnen war die Beute.

Der Golffahrer trug eine dunkle Sonnenbrille. Er wirkte ziemlich mürrisch.

Als er ziemlich hektisch unter seine Jacke griff, um seine Papiere herauszuholen, wurden gleich mehrere Maschinenpistolen durchgeladen. Das Geratsche ließ den Mann erstarren.

Ganz langsam zog er dann seinen Führerschein heraus.

"Sie müssen schon entschuldigen", meinte Officer Cameron dann, nachdem er die Papiere überprüft und den Kofferraum durchsucht hatte. "Die Kerle, auf die wir scharf sind, haben eine Bazooka..."

"Schon gut", sagte der Mann. "Ich habe von der Sache im Radio gehört!"

Cameron winkte ihn durch.

Dann kam ein Mercedes.

Zwei Männer saßen darin.

Baseballmützen und Sonnenbrillen mit Spiegelgläsern ließen von ihren Gesichtern so gut wie nichts übrig, woran man sie identifizieren konnte.

Die beiden wirkten nervös. Ein heftiger Wortwechsel ging zwischen ihnen hin und her. Cameron konnte davon keine Silbe verstehen. Er sah nur die Gesten.

Der Wagen kam heran.

Cameron klopfte an die Scheibe der Beifahrertür. Langsam glitt sie hinunter.

"Führerschein und Zulassung bitte. Und setzen Sie Sonnenbrille und Mütze ab..."

Der Fahrer suchte in seinen Taschen, während Officer Brent von außen die Tür öffnete. Die Maschinenpistole hatte der State Police-Mann im Anschlag.

"Hier ist der Führerschein", sagte der Fahrer schließlich und reichte ihn Brent.

"Sie sind Jay Wilbur?" fragte Brent.

"Ja." Er setzt seine Brille und die Baseballmütze ab. "Gibt bessere Fotos von mir, denke ich!"

"Was ist mit der Zulassung?", fragte Brent.

"Ich weiß nicht, ich dachte, ich hätte sie in den Führerschein gelegt... Vielleicht im Handschuhfach..."

Der Beifahrer beugte sich vor, um das Handschuhfach zu öffnen. Aber Cameron hielt ihn davon ab. "Zurück! Steigen Sie aus, das machen wir!"

Brent wandte sich an den Fahrer: "Sie auch, Mr. Wilbur! Ziehen Sie den Schlüssel ab und geben Sie ihn mir!"

Die beiden stiegen aus.

Wilbur gab Brent den Schlüsselbund.

"Welcher ist für den Kofferraum?"

"Der mit dem schwarzen Rand!"

Brent warf ihm einem Kollegen zu, der nach hinten ging, um die Klappe zu öffnen.

"Das Gesicht zum Wagen, die Hände auf das Dach", sagte Brent. Wilbur gehorchte. Der Beifahrer stand ihm auf der anderen Seite gegenüber, ein Officer hinter ihm. Cameron öffnete derweil das Handschuhfach.

Dort war nichts, außer einem Funktelefon.

Jetzt meldete sich der Officer zu Wort, der den Kofferraum geöffnet hatte.

"Seht euch das an!", rief er, nachdem er etwas darin herumgekramt hatte. "Eine Bazooka!"

Sekundenbruchteile war Officer Brent abgelenkt. Der Schlag kam mit unwahrscheinlicher Geschwindigkeit. Ein mörderischer Handkantenschlag in die Halsgegend - geführt, als wäre die Hand eine messerscharfe Klinge. Jay Wilbur hatte seine volle Kraft in diesen Schlag gesetzt. Ein hässliches, knackendes Geräusch wurde von dem Ächzen übertönt, das aus Wilburs Mund kam.

Während Officer Brent mit starren Augen und unnatürlich abgewinkeltem Kopf zu Boden sackte, riss Wilbur dem Toten die MPi aus den Händen. Eine Sekunde später feuerte er wild drauflos.

Zwei State Police Beamte zuckten unter den Feuerstößen zusammen, die aus der MPi herauskrachten. Die Projektile rissen die Einsatzjacken auf, fraßen sich in die kugelsicheren Westen. Ihre Wucht war dennoch immens. Einer der Officers taumelte zurück und riss dabei seine eigene Waffe hoch. Rot züngelte das Mündungsfeuer aus dem kalten Lauf.

Aber der Schuss ging dicht über Wilbur hinüber.

Den etwas weiter rechts stehenden Officer erwischte es am Kopf.

Wilbur duckte sich, während der Feuerstoß einer Polizeiwaffe in seine Richtung ging. Die Kugeln ließen die Scheiben zerspringen und stanzten Löcher in das Blech.

Wilbur hechtete in den Wagen und zog die Tür hinter sich zu. Seinen Beifahrer hatten die Cops. Jedenfalls sah Wilbur nichts von ihm. Und die Officers, die auf der Beifahrerseite des Mercedes gestanden hatten, hatten sich ganz offensichtlich in Sicherheit gebracht.

Wilbur lud die MPi durch.

Keiner würde ihn kriegen!

Keiner!

Erst jetzt bemerkte er das Blut an der Schulter. Er fluchte lautlos.

Das Puls ging ihm bis zum Hals.

"Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus!", dröhnte von draußen ein Megafon. "Sie haben keine Chance!"

Wilbur verzog das Gesicht zu einer wölfischen Grimasse.

Er dachte gar nicht daran, aufzugeben.

Wilburs griff ging an die Verkleidung unterhalb des Lenkrades. Er riss sie einfach heraus. Mit geübten Bewegungen zog er die entscheidenden Kabel heraus. Er schloss den Wagen kurz. Der Motor sprang an und übertönte das Megafon, das ihn noch einmal zum Aufgeben aufforderte.

Wilbur drückte den Schalthebel des Automatikgetriebes in die Position D.

Dann trat er mit dem Fuß das Gaspedal voll durch.

Der Mercedes schoss vorwärts.

Wilbur musste blind fahren.

Den Straßenverlauf schätzte er grob aus der Erinnerung.

Mit einer Hand lenkte er, während die andere die MPi umklammert hielt.

Wie ein Geisterwagen schoss der Mercedes auf die Barriere zu. Die State Police Officers sprangen zur Seite, während die rotgestreifte Sperre durch die Luft geschleudert wurde.

Wilbur tauchte hoch, hielt mit einer Hand die Maschinenpistole empor und ließ die Waffe losknattern.

Die Projektile pfiffen durch die zersprungene Scheibe.

Der Mercedes jagte indessen in seiner Höllenfahrt vorwärts.

Aber nur noch wenige Sekunden lang.

Ein Ruck ging durch den Wagen.

Ein Knall!

Wilbur verlor die Kontrolle über den Wagen. Ein schleifendes Geräusch ertönte. Der Geruch von verbranntem Gummi erfüllte die Luft.

Wilbur hatte eine Wegfahrsperre überfahren.

Spitze Metalldornen hatten sich in die Reifen gebohrt. Der Wagen rutschte schräg über die Straße und krachte dann gegen einen der Einsatzwagen der State Police.

Wilbur schlug mit dem Kopf hart auf.

Etwas benommen erhob er sich.

Einer der State Police-Männer war bereits mit der Waffe im Anschlag an den Mercedes herangestürmt.

"Fallenlassen!", brüllte dieser.

Wilbur ließ die MPi nicht fallen. Er riss die Waffe hoch und ließ seinem Gegenüber keine Wahl. Die Kugel traf Wilbur im Oberkörper. Er selbst hatte fast gleichzeitig gefeuert.

Das Projektil war oben an der Dachkante durch das Blech gefetzt. Etwa eine Handbreit am Kopf des State Police-Beamten vorbei.

Janet Larono hatte uns in die Personalabteilung geführt. Wir gingen zusammen mit Personalchef Duane Jennings die Daten jener Mitarbeiter durch, die in den sicherheitsrelevanten Bereichen beschäftigt waren. Insbesondere interessierte uns natürlich, in wie weit sie Zugang zu den Einsatzplänen hatten, die für die Transporte existierten.

"Wir gehen da auf Nummer sicher", erläuterte uns Duane Jennings, ein ergrauter Mitvierziger, der ziemlich ratlos wirkte. "Einzelheiten werden immer erst festgelegt, kurz bevor es losgeht. Selbst die begleitenden Sicherheitsleute wissen nicht, wann es losgeht oder was sie transportieren."

"Solche Transporte scheinen häufiger vorzukommen", meinte ich.

"Wir sind eines der wenigen Unternehmen in unserer Branche, das diesen Standard aufweist. Das der Dollar immer noch eine relativ leicht zu fälschende Währung ist, liegt nicht an uns, sondern an der Regierung, die einfach kein Geld für wirklich innovative Neuerungen hat." Jennings redete sich geradezu in Rage. "Aus Sicherheitsgründen wäre ein Austauschen sämtlicher Dollar-Noten längst überfällig. Aber wer will das bezahlen."

"Allerdings."

"Wir bieten unsere Technologie übrigens weltweit an. Einige südamerikanische und asiatische Länder lassen ihr Geld mit unseren Verfahren drucken und wir warten auch die Druckanlagen. Wir hatten sogar schon Anfragen aus den ehemaligen GUS-Staaten, von denen ja jetzt jeder sein eigenes Geld produziert. Naja, Sie können sich denken, dass wir da eben ab und zu kostbare Teile hin- und hertransportieren müssen."

"Ist das kein immenses Risiko?"

"Es sind ja nicht jedesmal komplette Druckplatten. Manchmal auch elektronische Bauteile, mit denen höchstens die Konkurrenz etwas anfangen könnte. Aber bis jetzt haben wir nie Probleme gehabt, Mr. Trevellian."

"Doch diesmal hat jemand genau Bescheid gewusst und entsprechend zugeschlagen", gab ich zu bedenken. "Und wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann hätte es den Gangstern auch wenig gebracht, einfach nur irgendeinen ihrer Transporte zu überfallen, weil das transportierte Gut dann zumindest für sie - wertlos gewesen wäre."

"Das ist richtig." Duane Jennings nickte nachdenklich.

"Haben Sie irgendeine plausible Erklärung dafür?"

"Nein."

In diesem Moment ertönte ein Summton. Jennings schaltete die Gegensprechanlage seines Büro ein.

"Ich habe doch gesagt: Keine Störung!", fauchte er.

"Mr. Jennings, es gibt Schwierigkeiten", säuselte eine Sekretärinnenstimme, der man die Verwirrung deutlich anhörte.

"Hier ist Mr. Reilly von der EDV... Es scheint da ein Problem zu geben..."

Reilly war noch einen ganzen Kopf größer als ich, blassgesichtig und trug eine ziemlich dicke Brille.

"Es scheint so, als hätte jemand an unserer EDV herummanipuliert", erläuterte er. "Jedenfalls ist eine E-Mail abgeschickt worden, kurz nachdem der Einsatzplan für den Transport eingegeben wurde."

"Können Sie nicht ermitteln, wer von den Mitarbeitern zu der Zeit im System war?", fragte ich.

"Sicher, das ist möglich."

"Gut. Sie werden verstehen, wenn wir die befragen würden. Ich schlage vor, Sie rühren das System jetzt nicht mehr an."

"Aber..."

Reilly schien davon nicht begeistert zu sein.

"Der FBI verfügt über Computerspezialisten. Lassen Sie unsere Leute da heran. Dann haben wir vielleicht eine Chance, zu rekonstruieren, was passiert ist!"

In diesem Moment klingelte das Handy in Milo Tuckers Jackentasche. Er holte das Gerät heraus, nahm es ans Ohr und sagte ein paarmal "Ja."

"Und?", fragte ich, nachdem das Gespräch beendet war.

"Die New Jersey State Police hat zwei Kerle gefasst, die eine Bazooka im Kofferraum hatten. Einer der beiden starb bei einem Feuergefecht, aber der zweite Mann lebt."

Immerhin, dachte ich. Das sah endlich nach einem Anfang in diesem Fall aus.

Die meisten Leute wohnen in Queens, um in Manhattan zu arbeiten. Bei Nathan Reilly war es umgekehrt und damit gehörte er zu einer Minderheit. Der Top-Job, den er bei McGordon Inc. innehatte, sorgte dafür, dass er sich eine Wohnung am Central Park West leisten konnte. Nicht gerade ein Penthouse, aber die Aussicht war auch aus dem 9.Stock traumhaft genug.

Es war später als gewöhnlich.

New York war bereits zu einem Lichtermeer in der Dunkelheit geworden.

Reilly passierte den Security-Mann am Eingang dieses Mietshauses. Nur die wirklich guten Adressen leisteten sich diesen Luxus noch. Zumeist wurden die Sicherheitsdienste durch elektronische Überwachungsanlagen verdrängt.

"Guten Abend, Mr. Reilly!"

"Hallo, Jordan! Wie geht's?"

"Ich beneide Sie, Sir. Sie haben schon Feierabend, mein Dienst beginnt erst."

Reillys Lächeln war matt. Die Erlebnisse des heutigen Tages waren nicht spurlos an ihm vorbeigegangen.

Er nahm den Aufzug.

Wenig später stand er dann vor seiner Wohnungstür.

Sie war nicht abgeschlossen.

Reilly runzelte die Stirn. Er öffnete die Tür und trat ein.

Die Wohnung war sehr großzügig - zumal für einen Single.

Und für New Yorker Verhältnisse ohnehin, wo jeder bewohnbare Quadratmeter einer Wertanlage gleichkam.

Reilly durchquerte das Wohnzimmer. Seine Aktentasche legte er auf einen der weichen, etwas klobigen Sessel.

Die Tür zum Schlafzimmer stand einen Spalt breit offen.

Dahinter war es dunkel.

Reilly lockerte sich die Krawatte und schob sich die dicke Brille wieder den Nasenrücken hinauf.

Dann ging Reilly zur Schlafzimmertür. Er gab ihr einen Stoß, so dass sie sich vollkommen öffnete.

"Hallo, Darling!"

Die rauchige, tiefe Frauenstimme wirkte elektrisierend auf Reilly.

Er machte einen Schritt nach vorn.

Auf dem breiten Bett räkelte sich im Halbdunkel eine aufregende Schönheit. Die langen Stiefel reichten ihr bis zur Hälfte der Oberschenkel. Der schwarze Lederfummel den sie trug, ließ die Körpermitte frei. Die wenigen Fetzen, mit denen sie bekleidet war, schmiegten sich geradezu perfekt an ihre aufregende Formen.

Ihr Blick hatte etwas Herausforderndes.

Eine Strähne ihrer blauschwarzen Mähne befand sich zwischen ihren großen, sinnlich wirkenden Lippen.

"So magst du mich doch am liebsten, oder Darling?", hauchte die Leder-Lady.

"Ja...", murmelte Nathan Reilly kaum hörbar. Er musste schlucken. Der ganze verdammte Tag bei McGordon Inc. war für ein paar Augenblicke vergessen. Mein Gott, dachte er.

Die Leder-Lady zog einen Schmollmund.

"Ich musste lange auf dich warten, Darling."

"Ich weiß, Baby... Ich weiß..."

"War irgend etwas Besonderes?"

"Es gab Probleme in der Firma!"

"Was denn für Probleme?"

"Unwichtig, Baby!"

"Komm schon, öffne dein Herz, Darling."

Reilly kam näher. Ein Schritt noch trennte ihn von dem breiten Bett und dieser Traumlady. Reilly registrierte, dass ihre Brüste das knappe Lederteil um ihren Oberkörper beinahe zu sprengen drohten.

Und dann blieb der Computerfachmann von McGordon Inc. abrupt stehen.

Mit einer blitzschnellen Bewegung hatte die Leder-Lady etwas metallisch Aufblinkendes in der Hand.

Eine Pistole.

Der kalte Lauf war so blank, dass man sich darin spiegeln konnte. Und die Mündung war direkt auf Reillys Körper gerichtet.

Ein teuflisches Lachen ging über die dunkelrot geschminkten Lippen der Leder-Lady.

"Setz dich, mein Guter," säuselte sie.

"Ja..."

Reilly gehorchte wortlos.

Die Leder-Lady lachte schrill.

"Na, los, mach schon!" forderte sie ihn dann auf.

Reilly langte in seine Hemdtasche. Er holte ein Päckchen Zigaretten heraus und nahm sich eine heraus. Seine Finger zitterten leicht. Er steckte sie sich in den Mund. In den Augen der Leder-Lady blitzte es.

"Na, endlich, Darling", hauchte sie.

Und drückte ab.

10 

Die Leder-Lady atmete tief durch. Ihre Brüste hoben und senkten sich dabei. Sie richtete sich vollends auf und lächelte zufrieden, als die Flamme aus dem Revolverlauf schlug.

Reilly beugte sich etwas nieder, so dass die Zigarette an die Flamme kam.

Dann nahm er einen tiefen Zug.

"Die eigenen vier Wände - einer der wenigen Orte an denen man in New York diesem Laster noch frönen darf", meinte er.

"Du solltest es dir trotzdem abgewöhnen", erwiderte die Leder-Lady.

"Ja, ja..."

"Ist auch schlecht für die Liebe, Darling."

"Wenn mich nichts anderes umbringt, bin ich zufrieden, Baby."

"Tja, wer kann das schon garantieren", murmelte die Leder-Lady mehr zu sich selbst als zu ihrem Darling.

Sie erhob sich und stand auf.

Reilly verschluckte sich fast, als er die schwindelerregende Silhouette ihrer Figur sah.

Ihr Blick war auf die silberfarbene Pistole gerichtet.

"Ein hübsches Feuerzeug, was du da hast", meinte sie und richtete den Lauf erneut auf Reilly. Sie drückte ab, ließ das Feuer herausschießen und warf dem Computerspezialisten dann das Spielzeug zu. Reilly fing es mit Mühe auf.

Dann lehnte er sich zurück.

Die Leder-Lady begann, an ihren Sachen herumzunesteln.

"Was machst du da?", fragte Reilly.

"Na, wonach sieht's denn aus, Darling?"

Ein Teil nach dem anderen glitt zu Boden, bis sie schließlich nur noch die hohen Stiefel trug. Nichts sonst.

Ihr aufregender Körper schimmerte im Gegenlicht. Reilly sah ihr fasziniert zu.

Dann beugte sie sich über ihn. Ihre aufregenden Brüste wippten dabei auf und nieder.

Sie packte ihn an der Krawatte.

"Darling, du erzählst mir jetzt, was in der Firma war..."

"Später, Baby! Später..."

"Nein, jetzt! Solange das nicht 'raus ist, kannst du dich sowieso nicht richtig entspannen, Nathan!"

Reilly atmete tief durch.

Ihre Augen funkelten ihn an.

"Na, los!", forderte sie.

Sie saß jetzt rittlings auf seiner Körpermitte.

"Du hast sicher von dem Überfall gehört... Auf den Transport, der Druckplatten zur Produktion von Dollarnoten in eine Druckerei nach Newark bringen sollte..."

"Die kamen aus eurem Laden?", fragte die Leder-Lady.

"Ja." Reilly hatte Schweißperlen auf der Stirn. Er starrte erst einen Augenblick auf ihre Brüste, dann in ihr Gesicht.

"Mein Gott, der FBI war bei uns. Wir sind nacheinander verhört worden. Die Gangster wussten genauestens Bescheid... Und dann stellte sich noch heraus, dass jemand an unserer EDV

herummanipuliert hat."

"Ach! Jemand von euch?"

Reilly schüttelte den Kopf. "Jemand von außen... Aber eigentlich ist das unmöglich..."

"Wieso? Hacker sind doch auch in die Zentralcomputer des Pentagon gelangt!"

"Trotzdem... Mit Hilfe der FBI-Spezialisten konnten wir in etwa rekonstruieren, was passiert ist. Die haben unsere Passwörter benutzt!"

"Hat der FBI denn schon irgendeine Spur?"

"Die werden jetzt nacheinander jeden durchleuchten, der Zugang zum Sicherheitsbereich hatte! Und dann ist da noch..."

Er hielt plötzlich inne.

Sein Blick wurde nachdenklich. Er schien durch ihren Körper hindurchzublicken.

"Was?", fragte sie.

Ihre Stimme klirrte jetzt wie Eiswürfel in einem Glas Scotch.

"Nichts", murmelte er.

Sie stieg von ihm herunter.

"Was ist los?", fragte Reilly.

Sie antworte ihm nicht.

Er sah, wie sie nackt auf diesen bis zu den Oberschenkeln reichenden Stiefeln durch das Halbdunkel ging.

Reilly richtete sich auf.

Er sah gerade noch, wie die Leder-Lady nach ihrer Handtasche griff, die sie auf einem Stuhl abgelegt hatte. Sie öffnete die Tasche. Etwas Dunkles, Längliches kam zum Vorschein.

Eine Pistole mit Schalldämpfer.

Reilly öffnete den Mund. Seine Augen waren schreckgeweitet.

Er brachte keinen Ton heraus.

Die Leder-Lady streckte den Arm aus und zielte. Ein kurzes 'Plop!' ertönte. Rot züngelte für einen Sekundenbruchteil das Mündungsfeuer aus dem Schalldämpfer.

Mitten auf Reillys Stirn bildete sich ein roter Punkt, der rasch größer wurde. Reilly wurde nach hinten gerissen.

Ein zweiter Schuss traf ihn im Oberkörper und verursachte ein letztes Zucken.

Reillys tote Augen blicken fragend gegen die Decke.

Die Leder-Lady trat noch einmal etwas näher an ihn heran, um sich davon zu überzeugen, dass er auch wirklich nicht mehr lebte.

"Tut mir leid, Darling", murmelte sie dann. "Aber dich am Leben zu lassen hätte einfach ein zu großes Risiko bedeutet."

11 

Es war schon dunkel, als Milo und ich mit meinem Sportwagen durch die Straßen von Manhattan jagten. Das Blaulicht hatte Milo auf das Dach gesetzt.

Wir mussten schnell sein.

Verdammt schnell.

Stundenlang hatten wir in den Büroräumen von McGordon Inc. die Mitarbeiter befragt, während unsere Computerspezialisten sich um die Manipulationen in der EDV gekümmert hatten.

Inzwischen stand fest, dass jemand von außen in das System eingedrungen war. Ein Hacker. Er hatte das Computersystem von McGordon Inc. dahingehend manipuliert, dass sämtliche Daten über Transporte, für die irgendwelche Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden, sofort per E-Mail verschickt wurden. So waren die Gangster über jede Änderung - auch in letzter Minute - sofort informiert. Das Programm, dass bei McGordon Inc. benutzt wurde, erstellte normalerweise selbsttätig eine Protokoll-Datei, in der sämtliche Vorgänge verzeichnet waren. Der Hacker hatte dafür gesorgt, dass dieses Protokoll nur in verstümmelter Form vorlag. Unsere Spezialisten hatten es geschafft, die gelöschten Daten zurückzugewinnen. In dem Fall war das nicht so problematisch, weil die entsprechende Datei noch nicht neu überschrieben worden war. Aber unsere Leute hatten auch schon aus halb eingeschmolzenen Notebooks hin und wieder noch Daten retten können.

Das wichtigste hatten wir jedenfalls.

Nämlich jenen Telefonanschluss, über den die Daten empfangen worden waren.

Der Anschluss gehörte zum Blackwood-Hotel in der Lower East Side. Ein Etablissement der gehobene Ansprüche.

"Kaum zu glauben", meinte Milo. "Da sitzen diese Kerle seelenruhig in einem Hotelzimmer, schließen ihre Notebook ans Telefonnetz an und spionieren ohne irgendein Risiko die bestgehütesten Geheimnisse von McGordon Inc. aus!"

"Ja, Spione sind auch nicht mehr das, was sie mal waren", murmelte ich.

Vor uns wichen die Wagen nach rechts und links aus.

Die Leute hinter denen wir her waren, hatten keinen Grund, ihren Horchposten aufrecht zu erhalten.

Sie hatten bekommen, was sie wollten.

Die Lizenz zum Gelddrucken.

Wenn wir Pech hatten, dann waren sie längst über alle Berge.

Die Reifen des Sportwagen quietschten, als ich um eine Ecke bog. Ich hoffte, dass die Kollegen schneller waren, als wir.

Immerhin kamen wir von Queens her, während die anderen alarmierten G-men von der Zentrale an der Federal Plaza in Manhattan aus einen viel kürzeren Weg hatten.

Allerdings musste das im dichten New Yorker Abendverkehr nicht unbedingt sehr viel bedeuten.

"Ich glaube nach wie vor, dass einer aus der Firma denen geholfen hat", war Milo überzeugt.

"Ach, und wieso? Dafür konnten wir keine Anhaltspunkte finden! Hacker können doch heute mehr oder weniger überall eindringen, wenn sie gut genug sind!"

"Eben! Wenn sie gut genug sind - das ist der Punkt! Die Hacker-Szene ist relativ abgeschlossen, aber ich vermute, dass die Leute, mit denen wir es zu tun haben aus einer ganz anderen Ecke kommen. Die Benutzung der Bazooka spricht doch Bände!"

"Milo, wenn du das entsprechende Kleingeld hast, dann bekommst du jeden Hacker herum, für dich zu arbeiten!"

"Solche Leute sind eitel. Wenn ich so ein Projekt aufziehen würde, wäre mir das zu risikoreich jemanden von außen hereinzunehmen."

Ich war ziemlich erstaunt über Milos Worte.

"Da kann der FBI ja froh sein, dass du niemals so ein Ding aufziehen würdest. Sonst sähen wir wohl ziemlich alt aus!"

"Im Ernst, Jesse. Die Gangster wussten die Passwörter, sonst wären sie nicht ins System gekommen. Normalerweise kommen Hacker an diese Passwörter, indem sie probieren. Bei der Auswahl dieser Wörter werden nämlich immer wieder dieselben Fehler gemacht. Man nimmt das Geburtsdatum, den Vornamen der Ehefrau und so weiter. Aber ich habe mir die Liste der verwendeten Passwörter zeigen lassen. Solche Fehler hat man bei McGordon Inc. nicht gemacht."

"Vielleicht sind wir ja gleich schlauer, wenn wir dieses Hotelzimmer besichtigen."

"Ich hoffe nur, dass wir dort überhaupt noch irgend etwas finden, Jesse."

12 

Als wir das Blackwood-Hotel erreichten, waren unsere Kollegen Medina und Caravaggio schon da, dazu noch ein gutes Dutzend weiterer G-men.

Caravaggio lockerte den Sitz seiner Dienstpistole.

"Alle Ausgänge sind von unseren Leuten besetzt, Jesse." Er deutete in die Höhe. "Wenn sie noch da oben sind, dann kriegen wir sie."

"Okay", murmelte ich.

Wir betraten die Eingangshalle.

Zwei unserer Agenten hatten sich am Portal postiert.

Wir alle waren über kleine, zierliche Walkie Talkies miteinander verbinden.

In der Eingangshalle war verhältnismäßig viel Betrieb. Für diejenigen, hinter denen wir her waren, bedeutete das einen Vorteil. Schließlich waren wir es, die Rücksicht nehmen mussten und nicht einfach ein Blutbad riskieren konnten.

Das Zimmer, zu dem der Anschluss gehörte, lag im dritten Stock. Clive Caravaggio hatte mit dem Hotelmanager gesprochen. Schließlich wollten wir nicht, dass uns einer der Hoteldetektive in die Quere kam.

Also musste die andere Seite informiert sein.

Es war die Nummer 321, eine richtige Suite.

Die Schlüssel waren in der Rezeption nicht abgegeben worden. Vielleicht bedeutete das, dass jemand dort war.

Wir nahmen den Aufzug.

Dann ging es einen langen Flur entlang.

Vor der Zimmernummer 321 hing ein Schild BITTE NICHT STÖREN. Aber diesen Gefallen konnten wir ihnen nicht tun. Wie auf ein geheimes Zeichen hin griffen wir nach unseren Dienstwaffen, automatischen Pistolen vom Typ P 226 der Firma Sig Sauer. Eine Patrone im Lauf, 15 weitere im Magazin.

Medina nickte mir zu.

Ich nahm einen Schritt Anlauf. Mit einem wuchtigen Tritt ließ ich die Tür aus dem Schloss springen.

"FBI! Hände hoch!", brüllte ich mit der Waffe im Anschlag.

Vor mir lag ein recht weiträumiges Wohnzimmer. Eine Glastür führte zum Balkon. Eine Schiebetür trennte den Wohnraum von einem weiteren Raum - vermutlich dem Schlafzimmer.

Zwei Männer saßen an dem niedrigen Tisch, auf dem sich tatsächlich ein Notebook befand. Offene Taschen und Koffer lagen auf dem Sofa. Offenbar hatten wir hier jemandem beim Packen gestört.

Einer der beiden Männer war dunkelhaarig, der andere so strohblond, dass man seine Zweifel haben konnte, ob die Farbe echt war.

Der Blonde schnellte herum.

Hinter der Stuhllehne hatte ich die Uzi-Maschinenpistole nicht sofort sehen können.

Erst im letzten Moment sah ich das Mündungsfeuer aus dem kurzen Lauf der MPi herausschießen.

Ich duckte mich, sprang zur Seite und drückte gleichzeitig zweimal meine P226 ab.

Dann presste ich mich gegen die Wand, während das Dauerfeuer der Uzi den Türrahmen zersplittern ließ.

"Geben Sie auf! Hier ist der FBI! Das Gebäude ist umstellt! Sie haben keine Chance zu entkommen!", rief Medina, als der Kugelhagel nachgelassen hatte.

Hektische Schritte waren zu hören.

Jetzt tauchte Milo aus der Deckung heraus.

Die P226 hielt er mit beiden Händen umklammert.

Er war bereit abzudrücken, wenn ihm die Gangster keine Wahl ließen.

Doch er ließ schon in der nächsten Sekunde die Pistole sinken. Auf seinem Gesicht erschien ein Ausdruck, der ungläubiges Staunen signalisierte.

"Die sind weg", murmelte er.

Caravaggio gab es gleich per Funk an die Kollegen. Ich nahm ihm das Funkgerät kurz aus der Hand lieferte eine kappe Beschreibung der beiden.

Milo pirschte sich bis zu der Sitzgruppe heran.

Orry folgte. Er arbeitete sich zur Tür des Nebenzimmers voran, die einen Spalt offenstand. Mit einem Tritt öffnete er sie vollends und stürmte mit der Waffe im Anschlag hinein.

Caravaggio und ich betraten als letzte die Suite.

Mit ziemlich ratlosem Gesicht kehrte Orry aus dem Nebenzimmer zurück.

"Hier ist niemand", erklärte er. "Und auch im Bad nicht."

Ich ließ den Blick schweifen. Die Fenster und die Glastür zum Balkon waren geschlossen. Und mir erschien es auch unwahrscheinlich, dass sie jemand geöffnet hatte, zumal die gläserne Hebetür, die zum Balkon führte, nur von innen zu verschließen war.

"Das gibt's doch nicht!", schimpfte Milo.

G-men sind im allgemein logisch denkende und nüchtern analysierende Leute. Für Zauberei oder dergleichen ist in unserem Weltbild kein Platz. Es gibt für alles eine Erklärung.

Orry setzte sich in einen der Sessel und warf einen Blick auf den Schirm des Notebooks. Ein Modem war auch zu finden, mit dessen Hilfe man das Notebook ans Telefonnetz anschließen konnte. Aber sämtliche Geräte waren jetzt nicht eingeschaltet.

"Hallo, hier Agent Caravaggio", meldete sich der flachsblonde Italo-Amerikaner per Funk bei den Kollegen. "Die Kerle sind nicht mehr hier. Ist bei euch jemand aufgetaucht, auf den die Beschreibung passt?"

Die Antwort war durchweg nein.

"Jemand muss den Ausgang der Tiefgarage überwachen", meinte ich.

Caravaggio sah mich mit leichtem Vorwurf an.

"Für wen hältst du uns, Jesse?"

"So war es nicht gemeint."

"Still", zischte Milo Tucker.

Ein summendes und manchmal etwas schepperndes Geräusch drang an unser Ohr. Wir lauschten angestrengt.

Dann machte ich zwei Schritte nach vorn und zog einen Wandteppich zur Seite.

Die Schiebetür dahinter sah auf den ersten Blick aus, als würde sie zu einem Wandschrank gehören. Ich öffnete sie. Dahinter war ein Loch in der Wand.

"Ein Lastenaufzug", stellte ich fest. Offenbar ließen sich die gutbetuchten Mieter dieser Suite auf diesem Weg das Essen servieren.

Ich blickte den Schacht hinunter.

Die beiden Männer hatten sich wohl in die Kiste gequetscht, die an Stahlbändern auf und abtransportiert wurde. Für die beiden Männer war es abwärts gegangen.

"Wo sind sie?", fragte Orry.

"Vermutlich in der Küche", meinte ich.

Ich drückte auf den Knopf, der den Aufzug heraufholte.

Ächzend kam das Ding herauf.

Ich sah Milo an. "Wird ein bisschen eng werden, Alter! Aber ich denke, das ist der kürzeste Weg!"

13 

Der Mann mit der weißen Koch-Haube stöhnte erschrocken auf und wich zwei Schritte zurück.

Mit der P226 im Anschlag sprang ich aus dem Lastenaufzug heraus, in dem ich in kniender, geduckter Haltung hatte kauern müssen.

Milo folgte mir.

Ich zog meinen Ausweis.

"FBI!", rief ich und ließ dabei den Blick durch die Großküche des Blackwood-Hotels schweifen. Überall dampfte es. Auf großen Essenswagen wurden Mahlzeiten transportiert.

Lastenaufzüge für die Suiten wurden mit erlesenen Spezialitäten bestückt.

Insgesamt gab es vier Ausgänge.

"Hier sind gerade zwei Männer mit dem Lastenaufzug angekommen?"

"Ja, ja! Diese Verrückten! Die haben mich einfach über den Haufen gerannt!"

"Wohin sind sie?"

Der Mann deutete auf einen der Ausgänge.

"Die waren bewaffnet", flüsterte er dann noch.

Aber da waren Milo und ich längst auf dem Weg. Wir rannten quer durch die Großküche. Das kam einer Art Hindernislauf gleich. Mit einem Satz schwang ich mich über eine Spüle.

Augenblicke später hatten wir die Tür erreicht.

Mit der Waffe im Anschlag gab ich ihr einen Tritt. Sie flog zur Seite.

Dahinter war ein langer kahler Flur. Vermutlich waren dort Vorratsräume untergebracht.

Ich spurtete los.

Milo folgte mir. Am Ende des Gangs befand sich ein Treppenhaus, das wohl als Notausgang im Brandfall zu dienen hatte.

Ein Hinweisschild verriet, dass man auf dem Weg nach unten in die Tiefgarage gelangen konnte.

Milo holte das Walkie Talkie aus der Jackentasche.

"Hier Tucker. Die Gesuchten befinden vermutlich in der Tiefgarage!"

Mein Blick ging kurz nach oben. Die Kerle hinter denen wir her waren, waren keineswegs auf den Kopf gefallen. Sie mussten ahnen, dass eine panische Flucht sie nur in die Arme unserer Kollegen treiben würde.

Oder sie setzten darauf, dass wir geblufft hatten und das Blackwood keineswegs umstellt war.

Eine Geräusch ließ mich herumfahren.

Auf dem kahlen Flur war eine Tür aufgegangen.

Ich sah das Gesicht des Blonden. Mein Waffenarm mit der P226 ging blitzartig hoch, während ich in den Lauf der Uzi blickte, die mein Gegenüber auf mich richtete. Der Dunkelhaarige kam ebenfalls aus der Tür. Er packte seine Uzi mit beiden Händen und riss sie hoch.

Ich konnte nicht abdrücken.

Der Blonde hatte einen Mann in weißer Küchenkleidung im Würgegriff und hielt ihn wie einen Schutzschild vor sich.

Der Blonde feuerte.

Milo und ich warfen uns zur Seite und pressten uns dann rechts und links des Flureingangs gegen die Steinwand. Die MPi-Garbe knatterte an uns vorbei. Die Projektile fetzten irgendwo hinter uns den Putz von der Wand.

Dann war plötzlich Stille.

"Lassen Sie uns gehen! Legen Sie Ihre Waffen auf den Boden! Andernfalls stirbt dieser lausige Koch hier!", rief eine heisere Stimme aus dem Flur. "Ich zähle bis drei, verdammt nochmal!" Der Kerl war nahe an einem Zustand, den man nur als Panik bezeichnen konnte.

Milo sprach in sein Funkgerät.

"Hier Tucker! Die Kerle sind im Flur zwischen Küche und Treppenhaus. Sie haben eine Geisel..."

In der nächsten Sekunde konnte man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen. Einer der Gangster ließ seine Maschinenpistole nochmal loskrachen.

"Halt's Maul dahinten!", krächzte er.

"Wir müssen versuchen, sie hinzuhalten", meinte ich.

"Eins!", hörte ich die heisere Stimme. Ich glaubte, dass sie dem Blonden gehörte, der den armen Kochgehilfen immer noch als lebenden Schutzschild vor sich hielt.

"Zwei!"

Ich hörte ein ratschendes Geräusch.

Das Magazin einer MPi wurde ausgewechselt und die Waffe dann durchgeladen.

"Nein!", schrie die Geisel. "Bitte nicht!"

"Wir gehen auf Ihre Forderungen ein!", rief ich. "Aber lassen Sie den Mann frei!"

"Eure Waffen, G-men!"

Ich ließ meine P226 so zu Boden fallen, dass der Kerl es sehen musste. Ich selbst hielt mich aber immer noch in Deckung.

Die Uzi krachte wieder los. Ein Feuerstoß von mindestens zwanzig Kugel ließ meine Pistole am Boden tanzen. Die Projektile zerfetzten den Griff, ließen ihn splittern und kratzen in den glatten Fußboden.

"Ich warte nicht länger!", krächzte der Kerl.

Ich hoffte nur, dass Orry, Caravaggio und den anderen Kollegen in der Zwischenzeit etwas einfiel.

Milo ließ seine Waffe ebenfalls zu Boden segeln. Sie rutschte ein Stück.

"Jetzt ihr! Wenn ihr Bastarde nicht herauskommt, hat der arme Kerl hier keinen Kopf mehr! Habt ihr verstanden! Wollt ihr das? Verdammt, ihr Arschlöcher, ich habe ich euch was gefragt!"

Unser Gegner war unberechenbar.

Wie ein in die Enge getriebenes Raubtier.

"Sie bekommen alles, was Sie wollen", versprach ich, obwohl ich nicht wusste, ob ich das halten konnte. Aber erst einmal mussten die beiden Gangster beruhigt werden. So außerhalb jeder Selbstkontrolle, wie sie im Moment waren, lief das ganze auf eine blutige Katastrophe hinaus. "Wir können über alles reden. Aber..."

"Halt's Maul und zeig dich G-men! Sonst ist meine Geisel gleich so lebendig wie die Rinderhälften in der verdammten Kühlkammer hier!"

Wir kamen aus unserer Deckung hervor.

Wehrlos.

"Kickt eure Waffen zu uns hinüber!", brüllte der Blonde.

Wir gehorchten. Unsere am Boden liegenden Pistolen rutschten über den glatten Boden wie Eishockey-Pucks.

Auf dem Gesicht des Dunkelhaarigen stand ein gemeines Grinsen.

Die beiden kamen auf uns zu.

Der Kochgehilfe war totenbleich.

"Leg sie um", knurrte der Blonde. "Alle beide."

14 

Mein Blick war auf den kurzen, dunklen Lauf der Uzi gerichtet, die der Dunkelhaarige in den Händen hielt. Der Zeigefinger seiner Rechten wurde weiß am Knöchel, als er den Druck auf den Abzug etwas verstärkte.

"Worauf wartest du, blas sie um, die Cops!", kreischte der Blonde. "Sie haben unsere Gesichter gesehen!"

"Halt's Maul!", knurrte der Dunkelhaarige. Mir fiel die kleine Narbe auf, die er knapp unterhalb des linken Auges hatte.

"Heh, Milo, was ist los bei euch?", meldete sich Agent Medinas leicht verzerrte Stimme durch Milos Walkie Talkie.

Der Dunkelhaarige zeigte seine Zähne wie ein Raubtier.

"Umlegen können wir sie später!", brummte er. Er hob die Uzi etwas an. Sie zeigte auf Milos Oberkörper. "Eure Leute stehen unten am Ausgang der Tiefgarage, oder?"

"Ja", sagte Milo.

"Dann sagt eurer Meute, dass sie dort verschwinden soll! Sonst ist die Geisel tot! Und ihr auch!"

Milo nahm das Walkie Talkie. "Orry! Es gibt ein Problem. Zieht alle Leute von der Tiefgarage zurück."

"Haben die euch in der Gewalt?", fragte Medina.

Der Dunkelhaarige machte einen Schritt nach vorn. Brutal rammte er die Uzi in Milos Bauch und riss ihm das Funkgerät aus der Hand. Milo taumelte ächzend nach hinten.

Der Dunkelhaarige richtete einhändig die Uzi auf ihn.

"Wenn du fällst, fällst du für immer, G-man!"

Milo unterdrückte einen Fluch.

Der Dunkelhaarige nahm das Funkgerät.

"Hört ihr mich? Es gibt hier ein Blutbad, wenn ihr uns den Weg nicht freigebt! Kapiert?"

"Wir ziehen unsere Leute zurück", sagte Medina.

"Keine Tricks!"

"Keine Tricks", versprach Medina.

In den Augen des Dunkelhaarigen blitzte es triumphierend.

Er schwenkte die MPi. "Vorwärts!", forderte er uns auf.

Es ging die Treppe hinunter. Mit erhobenen Händen gingen wir vor den Mpi-Läufen her. Milo hatte den gemeinen Schlag inzwischen einigermaßen weggesteckt.

Ich wechselte einen kurzen Blick mit ihm.

Es war uns beiden klar, dass wir auf unsere Chance warten mussten. Jetzt irgend etwas zu versuchen war sinnlos.

Eine feuersichere Stahltür führte in die Tiefgarage.

Der Dunkelhaarige öffnete sie. Der Lauf seiner Uzi bohrte sich dabei schmerzhaft in meine Rippen. "Los", knurrte er.

Es war kühl in der Tiefgarage.

Mein Blick glitt schnell über die langen Reihen der luxuriösen Pkw, die die Hotelgäste hier unten abgestellt hatten. Eine Überwachungskamera bewegte sich selbsttätig.

Der Dunkelhaarige hatte das auch bemerkt.

Er riss die Maschinenpistole hoch und feuerte. Die Kamera wurde durch den Bleihagel regelrecht zerfetzt.

Dann ließ der Gangster misstrauisch den Blick kreisen.

Nichts zu sehen.

Aber genau das musste ihm verdächtig erscheinen. Schließlich war hier normalerweise ständig Betrieb. Irgendwer brauchte zu jeder Tages- und Nachtzeit seinen Wagen, ließ ihn sich entweder von einem Hotelangestellten holen oder ging selbst hier hinunter. Aber jetzt war hier buchstäblich niemand.

"Das ist 'ne verdammte Falle!", kreischte der Blonde, der kurz davor stand, die Kontrolle zu verlieren. Er setzte der Geisel die Uzi an die Schläfe.

"Sei still!", knurrte der Dunkelhaarige. Er nahm das Funkgerät und brüllte dann: "Was hat das zu bedeuten? Warum ist hier kein normaler Betrieb?"

Orry antwortete.

"Wir haben die Tiefgarage schon vorher räumen lassen!"

"Ihr wisst was passiert, wenn..."

"Wissen wir! Machen Sie sich keine Sorgen. Was haben Sie jetzt vor?"

"Wir gehen zum Wagen. Und dann werden Sie uns fahren lassen. Eine Geisel nehmen wir mit, damit ihr G-men nicht auf dumme Gedanken kommt!"

"Wo werden sie die Geisel freilassen?"

"Das müssen Sie uns überlassen!"

Wir durchquerten die Tiefgarage. Die Gangster beobachteten misstrauisch die dicken Betonpfeiler, so als erwarteten sie, dass jederzeit unsere Leute dahinter hervorspringen konnten.

Dann erreichten wir eine dunkle Limousine.

Ein langgezogener, viertüriger Chevy.

Der Blonde schloss die Tür auf und schob die Geisel auf den Rücksitz.

"Nehmen Sie mich statt dieses Mannes mit", sagte ich. "Lassen Sie ihn frei! Ich garantiere Ihnen, dass man Sie durchlässt!"

Der Dunkelhaarige grinste.

"Keine Chance, Mister!"

Die beiden stiegen in den Chevy.

Dann brauste der Wagen los. Die Seitenscheibe der Hintertür glitt hinunter, während der Chevy mit quietschenden Reifen einen Haken schlug.

"Vorsicht, Milo!"

Wir hechteten zu Boden, ehe der Blonde in unsere Richtung ballerte. Die Kugel durchstanzten das Blech der parkenden Wagen.

Der Chevy hatte indessen die Ausfahrt erreicht.

"Ich hoffe, unsere Leute bleiben dran", meinte Milo, nachdem er sich wieder erhob.

15 

Ich hatte mir die Autonummer des Chevys gemerkt. Eine Blitzabfrage in der Zentrale ergab, dass er auf einen gewissen Walid Kerim zugelassen war. Kerim war ein alter Bekannter. Er hatte mehrere Verurteilungen hinter sich, unter anderem wegen der Verbreitung von Falschgeld und schwerer Körperverletzung.

"Bingo", meinte Milo dazu, als wir oben in der Hotelsuite standen, von der aus die beiden operiert hatten.

"Die müssen sich sehr sicher gefühlt haben", war ich überzeugt. "Sonst wären sie nicht mit ihrem eigenen Wagen hier her gekommen..."

Kerim hatte auch das Zimmer angemietet, wie sich herausstellte. Allerdings unter falschem Namen.

Kerim war Amerikaner arabischer Abstammung. Seine Eltern kamen aus dem Libanon.

Vermutlich war er der Dunkelhaarige mit der Narbe unter dem Auge. Letzte Sicherheit würden wir erst haben, wenn wir sein Bild auf unserem Computerschirm vor uns sahen.

"Ihr habt verdammtes Glück gehabt", meinte Agent Medina.

Ich zuckte die Achseln.

"Ich hoffe, dieser Kochgehilfe hat es auch." In den Händen hielt ich noch die Einzelteile meiner zertrümmerten P226, die ich inzwischen aufgesammelt hatte. Ich würde mir eine neue Dienstwaffe besorgen müssen.

Im nächsten Moment klingelte Medinas Handy.

Er machte ein ziemlich deprimiertes Gesicht, als er den Apparat wieder sinken ließ.

"Das war Agent LaRocca! Unsere Leute haben den Wagen verloren..."

Ich fluchte innerlich.

Es war ein scheußliches Gefühl, nichts tun zu können.

"Die werden uns schon ins Netz laufen, Jesse," war Medina recht zuversichtlich.

Milo und ich fuhren zurück zum Hauptquartier in der Federal Plaza. Es war um diese Zeit kaum noch jemand da und auch wir hätten eigentlich längst Feierabend gehabt.

Mr. McKee hörte sich unseren Bericht an.

"Niemand macht Ihnen beiden einen Vorwurf", meinte er.

"Ich weiß", sagte ich. "Dieser Blonde war nahe davor durchzudrehen. Wir konnten kein Risiko eingehen."

"Ich hoffe nur, dass er inzwischen nicht durchgedreht hat", ergänzte Milo.

Mr. McKee war trotz allem zuversichtlich - zumindest, was die Chance anging, die beiden zu kriegen.

"Von Walid Kerim werden die Fahndungsfotos schon gedruckt. Der kann sich ab jetzt nirgends mehr sehen lassen. Und zwei unserer Agenten warten ständig vor seiner Wohnung."

"Er wird kaum so dumm sein, dorthin zurückzukehren," meinte ich.

"Weiß man nie, Jesse."

"Was ist eigentlich mit dem Kerl, den man in New Jersey festgenommen hat?"

"Wird noch verhört. Aber die Bazooka ist aller Wahrscheinlichkeit nach bei dem Überfall benutzt worden. Was das angeht, wissen wir morgen mehr."

In diesem Moment betrat Max Carter das Büro. In seinem Gefolge kam Ronald Figueira, unser Falschgeldspezialist herein. Figueira hatte bereits ein Dossier über Walid Kerim unter dem Arm. Er legte es Mr. McKee auf den Tisch.

"Kerim könnte ein vielversprechender Ansatzpunkt sein", meinte Figueira. "Allerdings halte ich ihn für ein zu kleines Licht, als das der Überfall auf den Transporter allein auf seinem eigenen Mist gewachsen sein kann."

"Immerhin hatte er doch eine äußerst wichtige Aufgabe bei der Sache", gab ich zu bedenken. "Auch, wenn er wohl kaum an dem Überfall selbst beteiligt gewesen sein kann."

"Kerim hat gewisse Kenntnisse, was Computer angeht", sagte Figueira. "Aber ich glaube nicht, dass die ausgereicht hätten, um so ein Ding durchzuziehen."

"Das heißt, der zweite Mann muss der Spezialist sein", schloss ich.

"Du sagst es, Jesse."

16 

Von dem Blonden konnte nach den Angaben von Milo und mir zwar ein Phantombild gemacht werden, das ihn ziemlich gut traf. Aber in unseren Datenbanken war nichts über einen Mann verzeichnet, der dieses Aussehen hatte. Selbst die Fingerabdrücke, die unsere Leute von dem Notebook im Hotel Blackwood genommen hatten, brachten uns nicht weiter.

Max Carter, unser Fahndungsspezialist, mit dem zusammen Milo und ich fast bis Mitternacht vor dem Bildschirm saßen, packte beinahe die Verzweiflung. 

"Der Kerl scheint noch nie verhaftet worden zu sein", meinte Milo.

"Ein Neuling. Vielleicht war er deshalb so nervös", meinte Carter.

Die Fingerabdrücke vom Notebook gehörten zwei verschiedenen Personen. Die eine war Kerim. Die zweite musste nach menschlichem Ermessen der Blonde sein. Aber über AIDS, das zentrale System zur Erfassung von Fingerprints, das die Abdrücke von Kriminellen, Bewerbern für den öffentliche Dienst oder Army-Angehörigen speicherte, erfuhren wir nichts über den Blonden.

"Wir kommen heute nicht weiter", meinte Carter. "Was möglich war, haben wir gemacht..." Er gähnte bereits.

Vermutlich hatte Carter sogar recht, auch wenn keinem von uns der Gedanke gefiel. Aber im Kampf gegen das Verbrechen braucht man oft eine langen Atem.

Es ist ein Langstreckenrennen, kein Sprint.

Ein Anruf kam.

Es war Agent Fred LaRocca.

"Hallo Jesse. Wir haben die Geisel. Und auch den Fluchtwagen. Steht hier an der Bowery."

"Geht es dem Mann wenigstens gut?", fragte ich.

"Er hat eine Gehirnerschütterung. Die Kerle haben ihn niedergeschlagen und im Wagen zurückgelassen, bevor sie zu Fuß ihre Flucht fortgesetzt haben. Ein Psychologe der City Police kümmert sich um ihn."

Ich nickte. "Danke, Fred."

17 

Am nächsten Morgen holte ich Milo wie üblich an der bekannten Ecke ab.

Wir waren auf dem Weg zur Federal Plaza, als uns die Zentrale anrief. Milo nahm das Gespräch entgegen.

"Ein gewisser Nathan Reilly ist in seiner Wohnung erschossen aufgefunden worden", berichtete er dann.

"Reilly? Von McGordon Inc.?"

"Genau der, Jesse."

"Das kann kein Zufall sein."

"Allerdings."

"Wo geht es hin?"

"Ich nehme an, du weißt, wo der Central Park West ist."

Ich setzte das Blaulicht auf den Sportwagen und trat auf das Gaspedal. Bis zu Reillys Adresse war es nur ein Katzensprung.

Als wir den Central Park West erreichten, war es keine Schwierigkeit, das richtige Haus zu finden. Die Blinklichter der City Police-Einsatzwagen wiesen uns den Weg.

Ich parkte den Sportwagen in einer der wenigen Lücken, die noch geblieben waren. Wir stiegen aus.

Die Posten der City Police ließen uns passieren.

Wir gelangten ins Haus. Der Sicherheitsdienstler, der am Eingang seinen Posten in einer Art Glaskäfig hatte, wurde gerade von Polizisten befragt.

Ein Aufzug brachte uns in den 9. Stock.

Als wir Reillys Wohnung betraten, war dort noch nicht viel los. Die Spurensicherer vom SRD, dem Scientific Research Department, ließen noch auf sich warten.

Kein Wunder. Der SRD hatte seinen Sitz in der Bronx. Er war der zentrale Erkennungsdienst aller New Yorker Polizeieinheiten, und auch wir vom FBI nahmen seine Hilfe häufig in Anspruch.

Im Wohnzimmer saß eine junge Frau, mit langem, sehr seidigen brünettem Haar. Sie sah in sich gekehrt aus. Das Make-up war etwas verwischt. Sie hatte geweint und schien uns gar nicht zu bemerken.

Aus dem Nebenzimmer trat ein breitschultriger Sergeant der City Police heraus.

"Trevellian, FBI", stellte ich mich kurz und knapp vor. Ich deutete auf Milo. "Das ist Agent Tucker."

"Ich bin Sergeant Willis. Kommen Sie bitte."

Wir folgen ihm ins Schlafzimmer. Der Tote lag ausgestreckt auf dem Bett. Starr und mit gebrochenen Augen blickte Nathan Reilly durch seine dicken Brillengläser an die Decke.

"Sie sind ziemlich früh", meinte Sergeant Willis. "Eigentlich hatten wir die Homicide Squad unseres Reviers erwartet..."

"Die kommt sicher noch", meinte ich.

"Was habt ihr G-men denn mit dem Fall zu tun?"

"Wir vermuten, dass dieser Mord mit dem Überfall auf den Transporter zu tun hat, bei dem die Dollar-Druckplatten erbeutet wurden", erläuterte Milo.

"Ich habe davon gehört", sagte der Sergeant.

Ich deutete auf den Toten.

"Zwei präzise Schüsse."

"Ja, sieht nach einem Profi aus. Jedenfalls hat hier niemand etwas gehört. Wenn der Gerichtsmediziner kommt, wissen wir vielleicht genaueres über die Todesursache."

Ich ließ den Blick durch den Raum schweifen. Die Einrichtung war von moderner Sachlichkeit. Fast konnte man sie unpersönlich nennen.

Milo deutete indessen auf die Pistole, die neben dem Toten auf dem Bett lag.

"Die Tatwaffe?"

"Wissen wir nicht. Am besten, wir lassen sie liegen, bis die Spurensicherer da sind..."

Ich fragte in gedämpftem Tonfall. "Wer ist die Frau, da draußen?"

"Miss Carol Reilly."

"Miss?", vergewisserte ich mich.

Sergeant Willis nickte. "Sie ist die Schwester des Toten - nicht seine Ehefrau."

"Hat Miss Reilly ihn gefunden?"

"Ja."

"Ich werde mich mal ein bisschen um sie kümmern..."

18 

"Mein Name ist Jesse Trevellian, ich bin Special Agent des FBI", sagte ich, als ich mich ihr gegenübersetzt hatte. Von meinem Dienstausweis nahm sie überhaupt keine Notiz. Sie sah mich nicht an. Tränen glitzerten in ihren Augen.

"Sie haben einen Schlüssel für diese Wohnung?", fragte ich dann.

Ein Ruck ging durch ihren zierlich wirkenden Körper. So als hätte ich sie jetzt aus ihrer inneren Welt herausgerissen.

"Ja, ich habe einen Schlüssel. Wissen Sie, ich studiere in Albany, aber wenn ich in New York bin, dann kann ich jederzeit bei meinem Bruder übernachten. Manchmal war ich wochenlang hier..." Sie seufzte. "Ich spreche immer noch in der Gegenwart von ihm. So als wäre er noch da...", fiel ihr dann auf. "Wissen Sie, ich kann einfach noch nicht begreifen, was geschehen ist."

"Das verstehe ich."

"Bestimmt fragen Sie mich jetzt danach, ob er irgendwelche Feinde hatte."

"Und?", fragte ich. "Hatte Ihr Bruder Feinde?"

"Nein, nicht, dass ich wüsste. Er war ein sehr sanfter, eher schüchterner Mensch, der Auseinandersetzungen lieber aus dem Weg ging. Das einzige, was ihn wirklich interessierte waren Computer. Er war auf dem Gebiet ein Top-Mann!"

"Bei McGordon Inc. hat er es ja auch schön weit gebracht."

Sie sah mich erstaunt an. "Sie wissen, wo Nathan gearbeitet hat?"

"Ja."

"Aber..."

"Miss Reilly, wir vermuten, dass der Tod Ihres Bruders mit dem Überfall auf einen McGordon-Transporter zu tun hat..."

"Sie meinen, das mit den Druckplatten? Meine Güte, das Fernsehen und die Zeitungen sind voll davon."

"Genau das nehme ich", bestätigte ich.

"Ich wusste nicht, dass diese Sache mit der Firma meines Bruders zusammenhängt."

"Die Gangster wussten genau, wann was transportiert werden würde. Sie waren über alle firmeninternen Einzelheiten informiert. Und Ihr Bruder hat herausgefunden, dass ganz offensichtlich Fremde Zugang zur Firmen-EDV hatten."

"...und jetzt ist er tot", vollendete Carol Reilly.

"Verstehen Sie jetzt meinen Gedankengang?"

"Deshalb kümmert sich das FBI um die Sache - und nicht die normale Mordkommission. Ich habe mich schon gewundert, als Sie mir gerade Ihren Ausweis zeigten. Aber irgendwie war ich einen Moment lang etwas weggetreten..." Sie zuckte die Achseln. "Es hat eine Weile gedauert, bis bei mir der Groschen gefallen ist."

"Haben Sie in letzter Zeit irgendeine Veränderung an Ihrem Bruder und seinen Lebensverhältnissen festgestellt? Irgend etwas, das Ihnen aufgefallen ist.."

"Sie glauben, dass Nathan mit diesen Gangstern unter einer Decke steckte?"

Empörung klang in ihrem Tonfall mit. Ich bemerkte deutlich die Reserviertheit, die sie plötzlich erfüllte.

Ich schüttelte den Kopf.

"Nein, das muss nicht unbedingt sein."

"Aber Sie schließen es nicht aus."

"Nun..."

"Ich halte das für völlig ausgeschlossen, Mr. Trevellian! Das hätte Nathan niemals getan! Dafür kenne ich meinen Bruder gut genug..."

"Miss Reilly..."

"Ich glaube das einfach nicht!"

"Noch wissen wir nichts Bestimmtes, Miss Reilly. Aber sehr wahrscheinlich hat jemand die Passwörter verraten und Ihr Bruder war einer der wenigen in Frage kommenden Personen.

Miss Reilly, womöglich wurde er dazu gezwungen und mit irgend etwas unter Druck gesetzt..."

"Am Ende werden Sie noch behaupten, dass er sich die Pistole selbst an die Stirn gesetzt hat!"

"Nein, das behauptet niemand, Miss Reilly." Eine Pause entstand. Sie strich sich mit einer fahrigen Geste das Haar zurück. Einen gewissen Schock über das, was geschehen war, musste man ihr zugutehalten. Aber andererseits wuchs die Chance des Killers von Augenblick zu Augenblick, der ungenutzt verstrich. Also konnte ich nicht lockerlassen. Beim besten Willen nicht.

"Ich denke, Sie wollen, dass die Mörder Ihres Bruders gefasst werden", sagte ich.

"Natürlich will ich das."

"Dann haben wir dasselbe Ziel, Miss Reilly. Auch wenn es Ihnen jetzt schwerfällt, denken Sie nochmal über das, was ich Ihnen gesagt habe, nach."

Sie atmete tief durch.

Ihr Blick war jetzt wieder so in sich gekehrt wie zu Anfang. Dann öffnete sie halb den Mund, ohne das ein Laut über ihre Lippen kam.

"Nun?", fragte ich.

"Sie sprachen von Veränderungen in der letzten Zeit..."

"Ja."

"Es gab da eine. Deswegen hatten Nathan und ich uns auch etwas zerstritten. Eigentlich hatte ich nämlich vorgehabt, die kompletten Semesterferien hier in New York zu verbringen, aber... Naja, ich bin im Streit abgereist und wollte mich jetzt eigentlich mit ihm aussprechen."

"Worum ging es bei dem Streit?"

"Wissen Sie, Nathan ist unverheiratet gewesen und hatte eigentlich auch kaum Freunde oder Bekanntschaften. Außerdem ging er kaum raus, wenn Sie wissen, was ich meine."

"Ich denke schon", erwiderte ich.

"Keine Diskotheken, kein Ausgehen... Stattdessen surfte er lieber nächtelang im Internet. Computer waren sein ein und alles. Ein Verrückter, wenn Sie so wollen. Aber dann war da plötzlich diese Frau... Carla Raines. Sie hat ihn völlig unter Kontrolle gehabt. Typ: Leder-Vamp. Sie erinnerte mich vom Outfit her stark an die Art Frauen, die an der Bowery auf und ab gehen und gegenüber den Cops behaupten, dass Spazierengehen ja in New York noch nicht verboten ist - im Gegensatz zur Prostitution."

"Seit wann kannte er diese Carla Raines?"

"Seit ein paar Wochen."

"Wie hat er diese Frau kennengelernt?", hakte ich nach.

"Hat er mir nicht gesagt, aber ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass sie ihn angesprochen hat - nicht umgekehrt."

"Und was missfiel Ihnen an dieser Beziehung?"

"Ich glaube, dass diese Carla nicht ehrlich zu ihm war. Sie spielte mit ihm und er war so verblendet, dass er das gar nicht bemerkte... Ich sagte ihm, dass ich der Meinung bin, dass sie ihn nur ausnutzen wollte. Naja, das Ergebnis war ein ziemlich unerfreulicher Streit."

19

Jeder Quadratzentimeter der Wohnung wurde genauestens abgesucht, jeder Fingerabdruck genommen, jede Faserspur gesichert. Aber eines fanden wir nicht. Die Adresse von Carla Raines. Nathan Reilly schien sie sich nirgends aufgeschrieben zu haben.

Allerdings meinte seine Schwester, Reilly hätte immer ein kleines Notizbuch bei sich gehabt, wo er alles Wichtige hineingeschrieben hätte. Angefangen von Passwörtern für Computerprogramme bis hin zu wichtigen Adressen. Ein solches Buch fand sich allerdings nicht in der Wohnung.

Die Todeszeit ließ sich in etwa ermitteln.

Reilly war schon am vergangenen Abend ermordet worden.

Etwas später befragten wir den Security-Mann, der zu jener Zeit Dienst gehabt hatte.

Wir fragten ihn auch nach Carla Raines.

"Ich erinnere mich an die Frau. Dunkle Brille, dunkle Haare. Sie hatte hier freien Zutritt..."

"Wieso das?", fragte ich.

"Weil Mr. Reilly das so bestimmt hat. Soweit ich weiß, hatte sie einen Wohnungsschlüssel. In der letzten Zeit war sie fast jeden Tag hier, kam immer so am frühen Abend oder späten Nachmittag. Immer etwa eine Stunde, bevor Mr. Reilly nach Hause kam."

"Und gestern Abend?"

"Dasselbe. Allerdings ist mir aufgefallen, dass sie nicht nur gekommen, sondern am selben Abend auch wieder gegangen ist. Das war sonst nie der Fall. Ein Taxi hat sie abgeholt..."

"Es wäre gut, wenn Sie mit uns ins Hauptquartier kommen würden."

"Aber wieso? Ich habe doch alles gesagt!"

"Ja, sicher", gestand ich zu. "Aber wir müssen mit Ihrer Hilfe ein Phantombild erstellen. Sie kennen Miss Reilly?"

"Ja, sicher! Mr. Reillys Schwester."

"Sie wird uns dabei ebenfalls behilflich sein."

Der Security-Mann runzelte die Stirn. "Stimmte mit dieser Frau etwas nicht? Glauben Sie, diese Leder-Lady hat Mister Reilly auf dem Gewissen?"

"Das wissen wir nicht", erklärte ich sachlich. "Auf jeden Fall ist sie eine wichtige Zeugin."

20 

"Wenn Sie mich fragen: Das kling doch sehr einleuchtend", meinte Mr. McKee später, als wir in seinem Büro saßen. "Diese Carla wurde von den Drahtziehern des Überfalls auf Reilly angesetzt, um ihm die Passwörter abzuluchsen. Langsam setzt sich das ganze Puzzle Stück für Stück zusammen..."

"Zu dumm, dass wir noch nicht die wirklich wichtigen Teile haben", meinte Milo.

Von Walid Kerim und seinem unbekannten blonden Komplizen gab es bislang keine Spur. Sie schienen wie vom Erdboden verschluckt zu sein.

"Was ist eigentlich mit dem Kerl, der in dem Wagen saß, in die Bazooka gefunden wurde?", erkundigte ich mich.

Mr. McKee machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Die Kollegen in New Jersey haben ihn laufenlassen."

"Was?"

"Er war nur ein Anhalter, Jesse. Er hatte mit der Sache nichts zu tun. Nur der Fahrer steckte mit drin. Und der ist bei der Schießerei, die er vom Zaun gebrochen hat, gestorben. Aber zu dem Toten kann Max etwas mehr sagen."

Agent Max Carter blätterte in seinem Dossier herum, das vorwiegend aus Compterausdrucken bestand. "Der Tote besaß einen Führerschein, der auf den Namen Jay Wilbur lautete.

Eine schlechte Fälschung. Sein wirklicher Name war Kevin Fernandez. Ein Mann für's Grobe, wurde wegen mehrerer Raubüberfälle bereits steckbrieflich gesucht. Das war ganz bestimmt keiner der Köpfe dieses Überfalls. Dazu war die Sache einfach zu gut geplant."

"Aber Fernandez hat früher mal für Guy Carini als Leibwächter gearbeitet", gab Ron Figueira, unser Falschgeldspezialist zu bedenken.

"Wer ist Carini?", fragte ich.

"Ein Buchmacher aus East Harlem", erläuterte Figeira. "Allerdings betreibt er noch diverse Nebengeschäfte, von denen die meisten illegal sein dürften. Insbesondere besteht der Verdacht, dass er seine Finger in der Falschgeldszene hat. Wettbüros sind doch ein idealer Ort, um Blüten reinzuwaschen."

"Der Spur sollten wir nachgehen", meinte Mr. McKee. "Insbesondere wäre interessant, ob es auch eine Verbindung von Walid Kerim zu diesem Buchmacher gibt!"

"Checke ich ab", versprach Max Carter von der Fahndungsabteilung.

Mr. McKee wandte sich nun an Medina und Caravaggio.

"Was ist mit unseren Informanten?", fragte der Chef des FBI-Districts New York im Rang eines Special Agent in Charge dann.

"Nichts." Clive Caravaggio hob hilflos die Hände. "Niemand weiß was, jeder wundert sich über die Dreistigkeit der Täter. Und zum Verkauf angeboten wurden die Platten vermutlich auch noch nicht, sonst hätte das längst die Runde gemacht."

"Das hoffst du", warf Orry ein.

Clive verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln.

"Ich bin eben immer ein Optimist."

21

Fast anderthalb Stunden verbrachten wir damit, zu telefonieren. Dann hatten wir den Taxifahrer ermittelt, der Carla Raines abgeholt hatte.

Wir trafen uns mit ihm am Times Square.

"Klar, erkenne ich die Lady wieder", meinte er nachdem wir ihm das Phantombild gezeigt hatten. "Kommt nicht so häufig vor, dass ich Gäste mit so kurzem Rock habe! Gott sei Dank! Sonst würde ich wohl öfter einen Unfall bauen."

"Wohin ging die Fahrt?", fragte Milo.

Der Taxifahrer gab uns eine Adresse in der Lower East Side.

"Ich nehme an, dass sie dort wohnt."

"Woraus schließen Sie das?", hakte ich nach.

"Na, was hätte sie dort sonst wohl suchen sollen? Das ist ein großer Wohnkomplex mit Apartments. Keine Luxusbuden, eher was für die Mittelklasse."

Wir machten uns auf den Weg.

Carla Raines' Wohnung lag im zehnten Stock. Vom Verwalter ließen wir uns den Schlüssel geben. Als wir ihm Carlas Phantombild zeigten, zuckte er nur die Schultern.

"Wissen Sie, hier kennt eigentlich niemand den anderen", meinte er. "Die Bewohner der Apartments wechseln häufig. Es sind vor allem Leute, die vorübergehend in New York zu tun haben oder übergangsweise hier wohnen..."

Eine ideale Adresse für jemanden wie Carla, dachte ich. Für jemanden, der nicht auffallen will!

Wir betraten die Wohnung.

Die Möblierung war sparsam und preiswert. Die Regale waren leer. Die Schränke ebenfalls.

"Ich fürchte, wir kommen zu spät", kommentierte Milo das Bild, das sich uns bot. "Miss Raines scheint es vorgezogen zu haben, hier auszuziehen."

"Trotzdem sollten wir den Erkennungsdienst das Apartment unter die Lupe nehmen lassen", meinte ich.

"Ein Strohhalm, Jesse. Mehr nicht."

"Und wenn schon."

Ich ging ins Bad. Auch das war penibel gereinigt worden.

Gerade so, als wollte es die Leder-Lady dem Erkennungsdienst besonders schwer machen.

22

Das MEGAMOON war in der Nacht ein laserlichtdurchfluteter Nobel-Schuppen. Eine In-Disco der Superlative, in der an nichts gespart worden war.

Jetzt, mitten am Tag, gingen hier die Lieferanten ein und aus.

Putzkolonnen wienerten den Boden spiegelblank.

Walid Kerim hatte den Kragen seiner Lederjacke hochgeschlagen.

"Wir stecken ganz schön im Dreck, was?", meinte indessen der Blonde.

"Keine Panik", sagte Kerim.

"Du hättest mich die beiden G-men doch abknallen lassen sollen..."

"...was du ja um ein Haar auch noch gemacht hättest, du Narr", knurrte Kerim. "Weißt du, was auf Polizistenmord steht? Im Staat New York ist dir dann die Giftspritze ziemlich sicher."

Am Eingang des MEGAMOON stand ein breitschultriger Glatzkopf, der irgendwann mal mit einem Messer frisiert worden sein musste. Jedenfalls zog sich eine ziemlich hässliche Narbe quer über die Rundung seines kahlen Schädels.

"Halt, was wollt Ihr?", knurrte er, als Kerim und der Blonde versuchten, durch die Tür zu gehen. "Der Betrieb beginnt erst heute Abend. Aber ob ich euch dann reinlasse, weiß ich noch nicht. Wir sprechen eigentlich ein anderes Publikum an."

"Wir werden erwartet", sagte Kerim.

"Ach, was."

"Wir sind mit Mr. Carini hier verabredet, also jetzt lassen Sie uns rein!"

Das Gesicht des Glatzkopfs blieb unbewegt.

"Einen Moment", sagte er dann. "Ihr wartet hier!"

Er ging ins Innere des MEGAMOON und kehrte nach zwei Minuten zurück. Mit einer ruckartigen Kopfbewegung bedeutete er den beiden, ihm zu folgen.

Sie durchquerten die Nobeldisco, gingen vorbei an der Bar.

Der Kahlkopf führte sie durch eine Seitentür. Ein halbdunkler, schmaler Flur folgte, bis sie an eine weitere Tür gelangten.

Der Kahlkopf klopfte an.

"Herein", kam es heiser von drinnen.

Der Kahlkopf öffnete die Tür.

Kerim und der Blonde traten ein. Der Kahlkopf blieb hinter ihnen und schloss die Tür.

Ein Mann mit schwarzem, pomadegetränktem Haar saß hinter dem großen Schreibtisch. Er hatte die Füße auf den Tisch gelegt und eine dicke Havanna im Mund stecken. Rechts und links standen zwei baumlange Bodyguards mit kantigen Gesichtern.

"Mr. Carini", entfuhr es Kerim. In seinem Tonfall schwang fast so etwas wie Ehrfurcht mit.

Carini blies Kerim den Rauch seiner Havanna entgegen.

"Ihr seid in Schwierigkeiten", stellte Carini fest.

"Wir können unser Gesicht nirgendwo sehen lassen", erläuterte Kerim. "Vor meiner Wohnung stehen Zivilfahnder vermutlich vom FBI - die nur darauf warten, dass ich dort wieder auftauche. Wir können nirgends hin..."

"Ja, dumm gelaufen, Kerim", sagte Carini kalt.

Kerim streckte die Hand aus und deutete mit dem Zeigefinger auf Carini.

"Sie müssen uns helfen, Mr. Carini."

"Ihr habt doch genug an der Sache verdient, oder etwa nicht? Ich habe euch euren Anteil auf ein Schweizer Nummernkonto überweisen lassen! Ganz so, wie ihr das wolltet."

"Da können wir im Moment nicht dran. Was glauben Sie, was passiert, wenn wir eine Kreditkarte benutzen oder in eine Bank spazieren, um uns etwas überweisen zu lassen."

Carini zuckte die Achseln. "Ein gewisses Risiko, das gebe ich zu", meinte er. "Aber so stadtbekannt seid ihr nun auch nicht!"

Der Blonde wurde dunkelrot.

"Jetzt hören Sie mir mal gut zu", knurrte er. "Von Leuten wie uns lassen Sie sich die Kastanien aus dem Feuer holen, die Sie dann für viel Geld verscherbeln - und zum Dank lassen Sie uns dann im Regen stehen. Haben Sie sich mal überlegt, was passiert, wenn der FBI uns in die Finger kriegt? Man wird uns ein Angebot machen, denn die können sich ausrechnen, dass wir mit den Druckplatten nichts anfangen können..."

Der Blonde machte einen Schritt nach vorne. Eine hektische Bewegung folgte. Seine Hände wurden zu stahlharten Fäusten.

Die Knöchel wurden weiß, so sehr presste er sie zusammen.

Dann erstarrte er mitten in der Bewegung.

Die beiden Leibwächter von Mr. Carini hatten blitzschnell Automatik-Pistolen unter ihren Jacketts hervorgerissen und durchgeladen.

"Schön ruhig", sagte Mr. Carini. Er nahm die Füße vom Tisch und beugte sich etwas vor. Dann nahm er die Havanna aus dem Mund. "Jetzt hört mir mal gut zu, ihr Zwei. Ich mag es nicht, wenn ich unter Druck gesetzt werde! Kapiert? Ich mochte schon die Art und Weise nicht, in der ihr am Telefon gekommen seid! Und wenn das gerade eine Drohung sein sollte..." Er zerdrückte die Havanna im Aschenbecher, obwohl sie nicht einmal zur Hälfte aufgeraucht war. Ihm war offenbar gründlich der Appetit darauf vergangen. "Vor allem mag ich es nicht, hier im MEGAMOON gesehen zu werden... Es muss ja nicht jeder wissen, dass der Laden zu zwei Dritteln mir gehört. Das gibt nur Ärger mit der Konkurrenz..."

"Ach, Sie hätten sich also lieber mit uns in einem ihrer Wettbüros getroffen, was Carini", versetzte der Blonde voller Ironie. Kerim stieß ihn an.

Carinis Gesucht wurde dunkelrot.

"Es ist ja wohl nicht gerade die feine Art, wenn mich jemand mitten in der Nacht aus dem Bett klingelt und mir sagt: 'Wenn Sie nicht wollen, dass wir auspacken, treffen wir uns morgen Mittag im MEGAMOON!'"

"Mr. Carini, wir brauchen Hilfe", sagte Kerim dann relativ ruhig.

Carini lächelte wie ein Hai.

"Okay, das sehe ich ein. Dann legt als erstes eure Waffen hier auf den Tisch."

Der Blonde wirkte etwas irritiert.

Carini zischte: "Die sind heiß, Mann! Geht das nicht in deinen Schädel, Jespers?"

Der Blonde erhob sich.

Kerim holte indessen seine Uzi unter der Jacke hervor und legte sie auf den Tisch. Der blonde Jespers folgte einem Beispiel.

"Ich werde dafür sorgen, dass diese Dinger am Grund des Hudsons verrosten. Das Notebook, mit dem ihr in die EDV von McGordon Inc. eingedrungen seid, ist in den Händen des FBI?"

"Ja", gab Jespers kleinlaut zu.

"Bedeutet das ein Problem, Jespers?"

"Was weiß ich."

"Na, Kerim hat Sie mir doch als große Computerkapazität vorgestellt! Also spielen Sie nicht den Ahnungslosen. Wenn es Ärger geben könnte, weiß ich das lieber im Voraus."

"Es gibt keine Spur, die zu Ihnen hinführt, Mr. Carini", erklärte Jespers. "Das ist es doch, was Sie meinen."

"Ja, genau." Carini öffnete die Schublade des Schreibtisches. Zwei Bündel mit Geldscheinen warf er lässig auf den Tisch.

"Ihr wolltet etwas Handgeld. Hier, bedient euch."

"Das reicht nie im Leben", rief Jespers. "Wir brauchen Papiere und..."

"Es ist für alles gesorgt", erklärte Carini. "Dies ist lediglich ein Taschengeld, um die erste Zeit zu überbrücken. Ich sorge für alles andere. Ihr bekommt Papiere und werdet außer Landes gebracht. Irgendwelche Einwände?"

Kerim atmete tief durch.

"Nein."

"Na, fein!"

"Wann geht es los?"

"Jetzt gleich. Im Hinterhof steht ein Wagen bereit, der euch an einen Ort bringt, an dem euch niemand finden wird..."

23 

Wir befanden uns noch in Carla Raines Apartment, als der Anruf von der Zentrale kam. Max Carter von der Fahndungsabteilung meldete sich.

Er hatte inzwischen abgecheckt, ob es einen Zusammenhang zwischen Walid Kerim und Guy Carini gab.

Es gab ihn.

Carini hatte vor drei Jahren eine Kaution für Kerim bezahlt.

"Fernandez, der Kerl mit der Bazooka, war mal Carinis Leibwächter. Und jetzt Kerim! Das kann kein Zufall sein", war Milo überzeugt.

Ich fragte mich, welche Rolle Carla Raines in der ganzen Sache eigentlich spielte. Aber was die geheimnisvolle Leder-Lady anging, kamen wir im Moment nicht weiter. Dafür hatte sie gesorgt. Und zwar auf eine Weise, die für meinen Geschmack deutlich über das hinausging, was man einem gewöhnlichen Callgirl zutrauen konnte, das irgendein Fädenzieher im Hintergrund auf den armen Nathan Reilly angesetzt hatte, um ihm die Passwörter abzuluchsen.

24

Das Wettbüro lag an der 111.Straße in East Harlem, einem Stadtteil in dem Puertoricaner und Einwanderer aus der Karibik dominierten. Als wir nach Guy Carini fragten, wurden wir in ein Hinterzimmer geführt.

Ein dicklicher, kleiner Mann mit dunklem Teint saß uns gegenüber und kraulte einen Rottweiler.

Er sah sich eingehend unsere Dienstausweise an, dann deutete er auf die protzigen Ledersessel. "Bitte setzen Sie sich, Gentlemen. Möchten Sie etwas zu trinken?"

"Nein danke", erwiderte ich.

"Es tut mir leid für Sie, aber Mr. Carini ist zur Zeit nicht im Haus."

"Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?"

"George Al-Malik", erwiderte unser Gegenüber. "Ich bin Mr. Carinis Partner."

"Was hat Mr. Carini denn dazu bewogen, einen Partner mit ins Geschäft zu nehmen?", fragte ich.

Al-Maliks Lächeln war kalt und geschäftsmäßig.

"Er brauchte Geld."

"Will er expandieren?"

"Darf ich Ihren Ausweis nochmal sehen? Ich möchte mich vergewissern, ob da statt FBI nicht vielleicht der Stempel der Finanzbehörde zu sehen war? Die Praktiken ehrbarer Geschäftsleute dürften Sie kaum interessieren, Mister...?"

"Trevellian", sagte ich. Ich holte drei Bilder aus der Jackettinnentasche. Eins zeigte Walid Kerim, das andere Kevin Fernandez. Außerdem noch ein Phantombild des unbekannten Blonden. "Kennen Sie einen dieser Männer?"

"Tut mir leid, aber meine Augen."

"Sie haben überhaupt nicht richtig hingesehen, Mr. Al-Malik."

"Was ist mit diesen Leuten?"

"Wir wissen, dass sie auf die eine oder andere Weise mit dem Überfall auf den Transport der Dollar-Druckplatten zu tun haben, der im Moment Schlagzeilen macht."

"Ja,ja, ich habe davon gehört."

"Seit wann kennen Sie Carini?"

"Ich wüsste nicht, was Sie das angeht, Mr. Trevellian. Und da Sie offenbar nichts von mir wollen und sich Ihre Fragen nicht auf die gemeinsamen Geschäfte beziehen, die Mr. Carini und ich betreiben, betrachte ich unser Gespräch als beendet."

Ich deutete auf die Bilder.

"Zwei dieser Männer haben etwas mit Carini zu tun. Und es würde mich nicht wundern, wenn wir bei dem dritten auch noch eine Spur finden, die in diese Richtung weist. Vermutlich nur eine Frage der Zeit. Und wenn Sie nicht in diesen Strudel mit hineingerissen werden wollen, sollten Sie uns jetzt sagen, was Sie wissen."

In dieser Sekunde sprang die Tür auf.

Ein Mann mit zurückgekämmten, pomadedurchtränktem Haar trat ein. Im Gefolge hatte er zwei riesenhafte Leibwächter, die demonstrativ die Jacketts zur Seite schlugen, so dass man die Griffe ihrer Pistolen aus den Gürtel-Halftern herausragen sehen konnte.

"Gut, dass Sie da sind, Mr. Carini", sagte Al-Malik. Der Rottweiler zu seinen Füßen knurrte indessen. "Jetzt können Sie sich mit den beiden G-men hier herumschlagen und sich Löcher in den Bauch fragen lassen!" Al-Malik kraulte den Rottweiler. "Ganz ruhig", brummte er. Er sah mich an und grinste breit.

"Ich hoffe, er gehorcht Ihnen", sagte ich.

"Sein Name ist Kaatil", sagte Al-Malik. "Das ist arabisch und bedeutet 'Mörder'. Und er gehorcht mir aufs Wort, Mr. Trevellian. Da können Sie ganz unbesorgt sein."

Ich hob die Augenbrauen.

"Wie ich sehe, sind Sie ein Mann von ganz erlesenem Geschmack, Mr. Al-Malik."

"Ich wünsche Ihnen noch einen guten Tag, Mr. Trevellian. Und im übrigen hoffe ich, dass wir so bald nichts mehr miteinander zu tun bekommen."

Ich lächelte dünn und erwiderte: "Kann ich leider nicht versprechen."

"Gehen wir nach drüben, in mein Büro, Gentlemen", schlug Carini vor. "Und dann sagen Sie mir, was Sie zu sagen haben. Ich hoffe nur, dass das nicht allzu viel Zeit in Anspruch nimmt. Ich bin nämlich ein vielbeschäftigter Geschäftsmann und kein Staatsbediensteter mit Pensionsberechtigung!"

25 

"Wohin fahren wir?", fragte Walid Kerim.

Der Fahrer der dunkle Limousine, die im Hinterhof des MEGAMOON auf sie gewartet hatte, trug eine Spiegelbrille und war stumm wie ein Fisch.

Der blonde Jespers saß hinten auf dem Rücksitz. Er drehte sich immer wieder nervös um. Kerim hatte hingegen auf dem Beifahrersitz platzgenommen.

"Kennt ihr euch so schlecht in New York aus?", sagte jetzt der Fahrer. Er lachte heiser. "Darf doch nicht wahr sein... Die Williamsburg Bridge führt nach Brooklyn..."

"Du kannst ja reden, Mann", knurrte Kerim.

"Aber du kannst nicht die Schnauze halten, was?"

"Hör zu, ich will wissen, wie es weitergeht."

"Erstmal machen wir Bilder von euch. Für die neuen Pässe. Mr. Carini hat einen Mann an der Hand, der hauptberuflich Maskenbildner am Broadway ist und der wird eure Visagen so verändern, dass ihr sie selbst nicht wiedererkennt. Und dann geht's so schnell wie möglich ab ins Ausland."

"Wohin?"

"Werdet ihr früh genug erfahren."

Die Limousine jagte die Williamsburg Bridge entlang, die in den Broadway mündete. Allerdings den Broadway von Brooklyn, der mit der gleichnamigen Theatermeile in Manhattan nichts zu tun hatte. Eine breiter Freeway, der sich wie eine gerade Linie durch die Stadtlandschaft zog.

"Ich habe das Gefühl, dass uns jemand folgt", meinte Jespers. "Schon eine ganze Weile..."

"Meinst du den champagnerfarbenen Mercedes?", fragte der Kerl mit der Spiegelbrille.

"Ja."

"Keine Sorge, Mann! Das sind unsere Leute. Die passen ein bisschen auf uns auf."

Die dunkle Limousine nahm eine Abfahrt. Der Mercedes folgte ihr. Dann ging es in immer kleinere Nebenstraßen, bis sie schließlich ein Gelände erreichten, das wie eine verkommene Industriebrache aussah. Ein halbes Dutzend Fabrikhallen standen nebeneinander. Zwei davon waren bereits zur Hälfte abgerissen. Hier war nichts los.

Die Limousine hielt an.

"Aussteigen, Amigos", sagte der Mann mit der Spiegelbrille. "Mein Job ist erledigt! Viel Glück!"

Kerim öffnete die Tür und stieg aus.

Jespers folgte seinem Beispiel.

Der Mann mit der Spiegelbrille trat auf das Gaspedal. Mit quietschenden Reifen brauste die Limousine davon und verschwand hinter der nächsten Ecke.

Aber der Mercedes blieb.

Er kam etwas heran.

Vier Männer saßen darin.

Auch sie hatte alle Spiegelbrillen auf. Die Haare waren dunkel, ihr Teint ebenfalls.

Sie stiegen aus.

Sie trugen dunkle Anzüge, wie zu einer Beerdigung.

Kerim hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend. Verdammt, dachte er. Was wird hier mit uns gespielt?

Dann ertönte ein dröhnendes Geräusch. Es wirkte geradezu ohrenbetäubend und schien aus einer der Hallen zu kommen.

"Mein Gott, was ist das?", rief Jespers.

"Verlier jetzt nicht wieder gleich die Fassung, Harry!", raunte Kerim dem Blonden zu.

Die Vierer-Gruppe der Spiegelbrillen-Träger kam auf sie zu.

"Kommen Sie mit uns", sagte einer von ihnen. Als er grinste, schimmerte ein Goldzahn hervor.

"Was ist da drinnen los?", wollte Jespers wissen.

Annähernd gleichzeitig rissen die vier ihre Waffen unter den Jacketts hervor. Automatische Pistolen vom Kaliber 45.

Kerim wusste nur zu gut, was deren Projektile für Löcher in menschliche Körper rissen.

"Schluss mit dem Gequatsche", knurrte der Kerl mit dem Goldzahn. "Vorwärts!"

26

Kerim und Jespers wurden in eine der Hallen hineingeführt.

Ein großer Betonmischwagen stand dort. Der Mischer war in Betrieb und drehte sich immer wieder. Daher kam der dröhnende Lärm.

Ein Mann stand daneben und bediente die Maschine.

Er war genauso gekleidet wie die vier Gorillas, die Kerim und Jespers hereingeführt hatten. Sein tausend Dollar-Anzug war entschieden zu fein, um damit auf den Bau zu gehen.

"Was soll das?", rief Kerim.

Der Mann mit dem Goldzahn lachte.

"Stellt euch da vorne vor die Grube!", befahl er.

Kerim sah die Grube.

Vielleicht hatte man dort früher Sattelschlepper gewartet oder etwas ähnliches.

"Wir werden dafür sorgen, dass euch keiner findet", sagte der Mann mit dem Goldzahn.

"Diese Hallen werden doch abgerissen", rief Kerim verzweifelt durch den Lärm hindurch, den der Betonmischer verursachte.

Der Mann mit dem Goldzahn grinste.

"Natürlich", gab er zu. "Aber erst, wenn der neue Eigentümer wieder flüssig ist und das kann ein paar Monate dauern. Außerdem - die Betonsockel sollen bestehen bleiben. Kein Mensch wird die aus der Erde reißen. Ihr werdet also im Fundament eines nagelneuen Bauwerks liegen - was immer das dann auch für eine Hütte sein mag." Er hob die Waffe. "Seit so freundlich und steigt die Leiter hinab. Wir wollen keine Verunreinigungen außerhalb der Grube hinterlassen, okay?"

In dieser Sekunde verlor der blonde Jespers die Kontrolle.

Er stürzte sich mit bloßen Händen auf den Mann mit dem Goldzahn.

Der drückte ab.

Der Schuss traf Jespers im Oberkörper und stoppte ihn.

Das Gesicht war wutverzerrt. Eine zweite Kugel gab ihm einen Ruck nach hinten. Mit einem heiseren Schrei auf den Lippen taumelte er in die Grube. Auf dem Betonboden blieben rote Flecken zurück.

Kerim hatte sich indessen geduckt. Aber schon blitzten die Mündungsfeuer an den dunklen Pistolenläufen der Automatiks auf. Die Schüsse konnte man auf Grund des Lärms, den der Betonmischer verursachte, kaum hören.

Die Projektile zerfetzten Kerims Lederjacke. Ein Stück des Futters flog in Form kleiner weißer Wattebällchen durch die Luft und segelte langsam herab. Ein Ruck ging durch Kerims Körper, ehe auch er in die Grube stürzte.

Der Mann mit dem Goldzahn atmete tief durch.

Er deutete mit dem Lauf seiner Waffe auf die Blutflecken und wandte sich dann an seine Leute. "Die Putzfrau werdet ihr spielen, kapiert?"

Er machte dem Mann am Betonmischer ein Zeichen.

Dann trat er an den Rand der Grube heran.

Das zufriedene Lächeln, das sich gerade erst auf seinem Gesicht breitgemacht hatte, gefror, als er hinabblickte.

Direkt in den Lauf einer Pistole hinein! Noch ehe er seine eigene Waffe abdrücken konnte, blitzte es da unten grellrot auf. Die Kugel trat durch das rechte Glas seiner Spiegelbrille. Einen Sekundenbruchteil später sackte er in sich zusammen und rutschte in die Grube.

27

Walid Kerim drückte sich an die nasskalte Betonwand, während neben ihm der Körper seines Gegners schwer zu Boden fiel. In seltsam verrenkter Haltung blieb er liegen.

Kerim beugte sich vor, um dem Toten die Waffe abzunehmen.

Die kleinkalibrige Pistole, die er aus einem kleinen Futteral herausgezogen hatte, das sich in seinem Stiefelschaft befand, reichte kaum aus, um sich diese Killer auf Dauer vom Leib zu halten.

Kerim drückte sich in eine Ecke der Grube, in jeder Hand eine Waffe. Sobald sich von oben irgend etwas zeigte, würde er losfeuern.

Seine Lederjacke hing ihm in Fetzen vom Oberkörper.

Aber die kugelsichere Weste, die er darunter trug, hatte das meiste von dem, was auf ihn abgefeuert worden war, abgehalten. Lediglich ein Streifschuss hatte ihn an der Schulter erwischt. Aber das war halb so schlimm.

Sein Komplize Jespers hatte es immer abgelehnt, mit schusssicherer Weste herumzulaufen. "Es sieht einfach entsetzlich aus", hatte er gemeint. Wer schön sein will, muss früher sterben, dachte Kerim jetzt. Er hatte zweimal geradezu unwahrscheinliches Glück gehabt. Zuerst, als die Killer nicht auf seinen Kopf, sondern auf seinen Körper hielten und dann zum zweiten Mal, als er beim Sturz in die Grube auf den toten Jespers gefallen war.

Andernfalls hätte Kerim sich vermutlich alle Knochen gebrochen.

Und jetzt wartete er.

Es war ein Pokerspiel.

Wer sich zeigte, bekam eine Kugel in den Kopf. Das war die einzige Regel.

Kerim umklammerte beide Waffen mit festem Griff. Die Knöchel an seinen Händen traten dabei weiß hervor.

Im nächsten Moment erzitterte der Boden zu seinen Füßen.

Es dröhnte gewaltig. Der Betonmischer, ging es ihm durch den Kopf. Er näherte sich... Und langsam dämmerte Kerim, dass die Killer wohl nichts anderes vorhatten, als ihn lebendig zu begraben!

Der Mischer kam heran.

Wie ein riesiges Ungetüm tauchte er oben am Grubenrand auf.

Die in der Mischung enthaltenen Steine klackerten an der metallenen Außenwand. Die breiten Doppelreifen fuhren bis an die Kante. Kerim presste sich an der Wand entlang, bis zu der Leiter, an der er und Jespers eigentlich hätten heruntersteigen sollen. Ein Schwall von Beton rutschte in die Grube. Die Mischung war ziemlich flüssig. Der Boden war innerhalb von wenigen Augenblicken bedeckt. Es war nur eine Frage von Augenblicken, wann die beiden Leichen endgültig begraben sein würden.

Kerim zog die Füße aus dem weichen Beton und stieg die erste Stufe der Leiter hinauf. Er fragte sich, wie hoch die Grube wohl abgefüllt sein würde, wenn der Mischer seine gesamte Ladung abgelassen hatte. Aber selbst wenn er nur bis zu den Knien im Beton stand, konnte er dort nicht bleiben.

Sonst stand er innerhalb kurzer Zeit buchstäblich wie angewurzelt da. Beton konnte verflucht schnell trocknen...

Kerim sah einen seiner Gegner über den Grubenrand auftauchen. Er zögerte keine Sekunde und feuerte.

Kerim war ein guter Schütze.

Auf der Stirn seines Gegners bildete sich ein roter Punkt, der rasch größer wurde. Der Killer knallte zu Boden.

Kerim spürte den Beton an seinen Füßen. Er stieg noch eine weitere Stufe hinauf. Die Kleinkaliberwaffe steckte er hinter seinen Hosenbund, um sich mit einer Hand festhalten zu können. Immer höher kam der Beton. Ein graues Leichentuch für Jespers und den Mann mit dem Goldzahn, dessen Hand gerade noch an der Oberfläche schwamm.

Jetzt setzte Kerim alles auf eine Karte.

Er kletterte die Leiter hinauf, hechtete dann sofort zu Boden und rollte sich herum, während einige Schüsse über ihn hinwegpeitschten. Kerim riss die Waffe hoch, die er dem Mann mit dem Goldzahn abgenommen hatte. Er feuerte. Ein heiserer Schrei mischte sich mit dem Getöse des Betonmischers. Kerim hatte einen seiner Gegner erwischt. Der Mann klappte zusammen wie ein Taschenmesser und blieb reglos liegen. Die anderen duckten sich und feuerten auf ihn.

Kerim sprang auf und hatte einen Sekundenbruchteil später hinter dem Betonmischer Deckung gefunden. Er spurtete los, riss die Beifahrertür des Mischers auf und feuerte sofort.

Ohne zu zielen, ohne zu schauen, ob überhaupt jemand hinter dem Steuerrad saß.

Der Fahrer sackte zu Boden.

Kerim duckte sich als ein Schuss die Frontscheibe zertrümmerte und feuerte sofort zurück. Dann durchsuchte er den Gürtel des Fahrers nach dessen Waffe. Er zog sie aus dem Gürtelholster, öffnete die Tür und schob den Toten hinaus.

Der leblose Körper kam mit einem dumpfen Geräusch auf dem harten Betonboden auf.

Kerim rutschte hinter das Steuerrad. Er löste die Handbremse und ließ den Motor aufheulen. Ein Geschoss zischte dicht an ihm vorbei. Kerim fuhr los. Er blieb in geduckter Haltung und feuerte blindlings durch die zerstörte Frontscheibe hindurch. Hier und da sah er seine Gegner in Deckung springen.

Kerim gab Vollgas.

Er fuhr einfach geradeaus, auf das große Tor zu.

Ein furchtbares, metallisches Geräusch ertönte bei der Kollision. Die Halterungen des Tores brachen aus dem Mauerwerk heraus. Dann hatte Kerim es geschafft. Er war draußen. Schüsse peitschten. Die Hinterreifen des Betonmischers zerplatzen. Kerim riss die Tür auf, sprang hinaus. Einer seiner Gegner tauchte beim Tor auf. Kerim feuerte, traf aber nicht.

Der Killer ging in Deckung, während Kerim auf den Mercedes zuspurtete. Dabei feuerte er unablässig in Richtung des Tors, bis die Waffe leergeschossen war. Dann warf er sie weg. Er erreichte den Mercedes, hechtete hinter den Kotflügel und holte die Waffe hervor, die er dem Fahrer des Mischers abgenommen hatte. Geduckt gelangte er zur Fahrertür des Mercedes, öffnete sie und sprang hinein. Dann startete er. Die Killer hatte den Schlüssel steckenlassen. Wer hätte ihnen auch den Wagen stehlen sollen? Sicher nicht der Mann, dem sie hier ein kaltes Grab bereiten wollten.

Kerim ließ den Mercedes mit quietschenden Reifen losjagen.

Er schlug einen Haken, riss das Lenkrad herum und hörte im Hintergrund noch ein paar Schüsse, eher er hinter der nächsten Halle verschwunden war.

28

"Hören Sie zu, Mr. Trevellian, das wird Konsequenzen für Sie haben", ereiferte sich Guy Carini. "Sie belästigen mich hier und beschuldigen mich auf eine Weise, die wirklich..."

"Niemand hat Sie beschuldigt, Mr. Carini", stellte ich klar. "Aber Sie werden doch verstehen, dass wir hellhörig werden, wenn sich herausstellt, dass zwei Männer, die unzweifelhaft an dem Überfall auf den Druckplatten-Transport beteiligt waren, Verbindungen zu Ihnen haben."

"Sie können mir nichts vorwerfen", rief Carini. "Meinetwegen können Sie gerne meine Läden nach diesen Druckplatten durchsuchen. Sie werden Sie nicht finden."

"Das glauben wir sofort", warf Milo ein.

Carini verzog das Gesicht. Wir hatten uns mit ihm in ein weiträumiges Büro zurückgezogen. An der Wand hingen großformatige Bilder von Künstlern, die gerade Furore machten. Carinis Geschäfte schienen nicht schlecht zu gehen.

"Bis wann war Kevin Fernandez bei Ihnen als Leibwächter beschäftigt?", fragte Milo.

"Was weiß ich?", fauchte Carini. "Das muss vor zwei, drei Jahren gewesen sein."

"Und Sie haben ihn seitdem nicht mehr gesehen?"

"Man läuft sich halt in einem Dorf wie New York City immer wieder über den Weg, G-man. Sie wissen doch, wie das ist."

Milo warf mir einen verzweifelten Blick zu. Was Carini anging, drehten wir uns immer wieder im Kreis. Und wir wussten genau, das wir gegen ihn nichts in der Hand hatten. Kein Richter in den USA hätte uns einen Durchsuchungsbefehl ausgestellt, von einem Haftbefehl ganz zu schweigen.

"Hören Sie, ich habe ein paar Fehltritte hinter mir. Aber ich bin seit langem sauber. Sie können mir nichts nachweisen. Nicht das geringste." Carini hob die Hände. "Ich bin ein ehrbarer Geschäftsmann mit großem Einfluss. Ein Einfluss, der bis in höchste Stellen reicht."

"Wir haben Ihre Drohung gut verstanden", sagte Milo. "Aber so leicht lassen wir uns nicht einschüchtern."

"Das war keine Drohung."

"Ach, nein? Hörte sich in meinen Ohren ganz so an."

"Es war nur eine Beschreibung der Tatsachen. Und wenn Sie klug sind, Mr. Tucker, dann ziehen Sie und Ihr Kollege die Konsequenzen daraus... Man begegnet sich immer zweimal, G-man! Denken Sie daran!"

"Ich denke an nichts anderes, Mr. Carini."

"Das freut mich zu hören."

"Sie haben vor einiger Zeit für Walid Kerim eine Kaution gestellt. Warum?", fragte ich dann sachlich.

Carini seufzte.

"Mein Gott, helfen Sie mir ein bisschen auf die Sprünge. Meinen Sie, ich habe solche Sachen noch jahrelang im Kopf?"

"Es war vor drei Jahren. Kerim war wegen schwerer Körperverletzung angeklagt."

"Ich glaube, das war einfach nur ein Gefallen, den ich jemandem getan habe."

"Wie kamen Sie dazu, Kerim einen Gefallen zu tun?"

"Nicht Kerim", behauptete Carini. "Den kannte ich gar nicht."

"Sondern?"

"Es ging um eine Frau..." Carini sah mich an und zögerte.

Dann kratzte er sich am Hinterkopf. "Ich lernte sie in einer Bar kennen. Leila Kerim. Walid ist ihr Bruder. Und als der in Schwierigkeiten geriet, habe ich ihm aus der Patsche geholfen. Leila hat mich darum gebeten. Ich konnte ihr damals einfach nichts abschlagen..."

"Haben Sie noch Kontakt zu dieser Leila?", fragte ich.

"Nein. Sie war eines Tages einfach verschwunden." Er zuckte die Achseln. "Wie auch immer, Mr. Trevellian, ich denke n Ihre Frage ist damit hinreichend geklärt!"

29

"Bringen Sie mich zum Hotel Plaza Athenee in der 64. Straße Ost, Hausnummer 37", sagte Carla Raines.

"In Ordnung, Ma'am", antwortete der Taxifahrer. "Darf ich Ihr Gepäck nehmen."

"Nein, das nehme ich lieber selbst."

"Wie Sie wollen."

Er zuckte die Schultern. Sie stiegen ein.

Als Leder-Lady hatte sie die öffentlichen Toiletten betreten. Und in einem gänzlich anderen Outfit war sie eine Viertelstunde später zurückgekehrt und hatte nach dem Taxi gerufen. Sie trug jetzt ein konservativ geschnittenes Kostüm, mit dem sie sich in jeder Bank hätte bewerben können.

Das Haar trug sie streng nach hinten frisiert. Das Make-up war dezent.

Der Taxifahrer summte ein Lied mit, das gerade im Radio lief.

Carla saß auf dem Rücksitz.

Sie hatte nur einen kleinen Handkoffer bei sich und eine Handtasche aus dunklem Leder. Das einzige Teil, was von ihrem vorhergehenden Outfit geblieben war.

Sie nahm die Handtasche und öffnete sie, während sich das Taxi durch den dichten New Yorker Verkehr den Broadway hinaufquälte.

Sie holte einen Pass aus der Tasche heraus, schlug ihn auf.

Ihr eigenes Foto blickte sie an. Carla Raines, amerikanische Staatsbürgerin. So stand es dort.

Sie lächelte.

Und dabei ließ sie langsam das Seitenfenster etwas hinabgleiten.

Carla Raines ist tot, dachte sie. Sie existiert nicht mehr.

Sie warf den Pass hinaus. Er segelte zu Boden. Ein Lieferwagen zermalmte ihn unter seinen Vorderreifen.

Aus der Tasche holte sie dann mit einem in sich gekehrten Lächeln einen zweiten Pass heraus.

Ein Schmunzeln flog über ihre Lippen, als sie den Namen sah, der dort eingetragen war.

Rebecca Smith.

Biederer ging es wohl kaum, dachte sie. Aus dem männermordenden Leder-Vamp war im Handumdrehen eine junge All-American Business-Frau geworden, wie man sie in den Banken- und Geschäftsvierteln des Big Apple zu hunderten antreffen konnte.

Das Foto, das in dem Pass enthalten war, passte zu ihrer jetzigen Erscheinung nahezu perfekt.

Ihr Schmunzeln veränderte sich, gefror zu einem eisigen Zug, der Entschlossenheit ausdrückte.

Ein paar Tage noch, ging es ihr durch den Kopf. In ein paar Tagen war alles vorbei... Jetzt darf kein Fehler mehr passieren, Der Erfolg liegt in greifbarer Nähe...

Die Frau, die sich jetzt Rebecca Smith nannte, legte den Pass zurück in die Handtasche.

Neben den dunklen, schlanken Lauf der Automatik-Pistole.

30 

Milo und ich fuhren nach Yonkers. Unsere Kollegen hatten dort Angehörige von Walid Kerim ausfindig gemacht und es war ja schließlich möglich, dass er Kontakt zu ihnen aufnahm.

Ein Onkel, Michael Habbash, lebte dort und betrieb ein Fischrestaurant. Dort arbeitete auch Kerims Mutter. Nachdem ihr Mann bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, hatte sie wieder geheiratet, so dass sie jetzt nicht mehr den Namen Kerim trug. Sie hieß jetzt Allison. Als wir sie in ihrem Vorstadt-Bungalow aufsuchten, war sie allein.

"Kommen Sie herein", sagte Mrs. Allison, nachdem sie sich unsere Ausweise eingehend angesehen hatte.

Sie führte uns ins Wohnzimmer.

Auf einer Kommode bemerkte ich ein Bild von Walid. Es schien schon etwas älter zu sein. Er hatte die Haare länger und sah im ganzem jünger aus. Aber er war unzweifelhaft jener Mann, dem wir im Hotel Blackwood begegnet waren.

"Mrs. Allison, wir suchen Ihren Sohn Walid", sagte ich ohne Umschweife.

"Ich weiß", sagte sie. "Ich sehe schließlich fern und lese Zeitung. Sein Bild war ja oft genug zu sehen..." Dann sah sie mich direkt an. Ihr Blick hatte etwas Schmerzvolles. Mrs. Allisons Haar musste irgendwann mal blauschwarz gewesen sein. Jetzt war es von silbrigen Strähnen durchwirkt. "Sie erwarten doch sicher nicht im Ernst, dass eine Mutter ihren Sohn verrät, oder? Also können Sie sich dieses Gespräch sparen..."

"Mrs. Allison..."

"Sehen Sie sich meinetwegen im Haus um, wenn Sie mir nicht glauben wollen. Walid ist nicht hier."

"Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?"

"Wir haben nicht mehr viel Kontakt", sagte sie. "Leider. Ich habe immer versucht, ihn zu beschützen. Ich habe versucht, ihn zu einem Menschen zu erziehen, der seinen Platz in diesem Land findet... Ich war wohl nicht sonderlich erfolgreich, Mr. Trevellian. Es tut weh, sich das eingestehen zu müssen. Es ist nicht das erste Mal, dass er Schwierigkeiten mit dem Gesetz hat... Und es wird auch nicht das letzte Mal sein."

"Er hat zusammen mit einem Komplizen wild um sich geschossen, eine Geisel genommen und diese brutal misshandelt. Außerdem war er zweifellos in der Vorbereitung eines Überfalls beteiligt, bei dem zwei Wachleute auf brutale Weise ums Leben kamen... Mrs. Allison, die Leute, für die ihr Sohn arbeitet sind eiskalt. Für die ist ein Menschenleben nichts wert. Soweit ich weiß, hat Walid bisher noch niemanden getötet. Wenn er sich jetzt den Behörden stellt und über seine Hintermänner Auskunft gibt..."

Sie unterbrach mich.

"Bemühen Sie sich nicht, Mr. Trevellian..."

"Sie sollten ihm das ausrichten, wenn Sie ihn sehen", erklärte ich ruhig.

Sie antwortete mir nicht. Ihre Arme hatte sie verschränkt.

Schließlich, nach einer längeren Pause, brachte sie dann heraus: "Ich habe schon lange keinen Einfluss mehr auf meinen Sohn. Tut mir leid, aber das ist die Wahrheit. Er jagt dem Geld hinterher wie die Motte dem Licht. Ich fürchte, Sie werden es ihm selbst sagen müssen, sobald Sie ihn finden..."

"Wann war er das letzte Mal hier?", fragte ich noch einmal.

"Vor zwei Wochen. Er war sehr guter Laune. 'Alles wird anders', hat er mir gesagt. Aber solche Anwandlungen hatte er öfter. Er kam mehr oder minder regelmäßig vorbei. Vorzugsweise dann, wenn mein Mann nicht da war. Die beiden haben sich nur gestritten. Walid hat mir des öfteren Geld zugesteckt."

"Vor zwei Wochen auch?"

"Ja."

Sie ging an eine Schublade, zog sie ein Stück heraus und holte zwei Bündel mit Geldscheinen. Sie warf sie auf den Wohnzimmertisch.

"Zwanzigtausend Dollar. Einfach so. Ich wollte sie nicht, aber Walid bestand darauf, dass ich sie nehme. Nehmen Sie sie ruhig mit, ich will dieses Geld nicht. Ich weiß nicht, wie viel Blut daran klebt."

"Hat er Ihnen irgend etwas darüber gesagt, woher das Geld kam?"

"Geschäfte, Mama, Geschäfte! Ich glaubte ihm kein Wort."

"Hatte er eine Freundin?", mischte sich jetzt Milo ein. "Irgendjemanden, der ihm nahestand?"

"Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Einmal war er mit einer Frau hier. Vielleicht vor drei, vier Monaten."

"Erinnern Sie sich an den Namen?"

"Er nannte sie Leila. Ein arabischer Name. Er bedeutet Nacht..."

"Sie haben eine Tochter, die Leila heißt", stellte ich fest.

Mrs. Allison sah mich irritiert an. Ihre dunklen Augenbrauen bildeten jetzt eine Schlangenlinie. Sie schüttelte energisch den Kopf.

"Was für eine Tochter? Ich habe keine Tochter. Ich weiß nicht, wer Ihnen das erzählt hat, aber Walid ist das einzige Kind, das ich geboren habe - auch wenn ich mir gewünscht hätte, es wären mehr gewesen!"

Milo runzelte die Stirn. "Walid hat keine Schwester?", vergewisserte er sich.

Mrs. Allison schüttelte den Kopf. "Was soll diese Fragerei eigentlich?"

Milo und ich wechselten einen kurzen Blick.

Dann klärte ich sie auf. "Ein Mann namens Guy Carini behauptet, Walids Schwester gekannt zu haben..."

"Sie existiert nicht", beharrte Mrs. Allison.

"Dieser Leila zu gefallen hat Carini für Walid vor drei Jahren eine Kaution bezahlt", fuhr ich fort.

"Davon weiß ich nichts."

"Können Sie uns diese Leila beschreiben, mit der Ihr Sohn mal hier bei Ihnen war?"

Sie zuckte die Achseln. Dann wirkte sie plötzlich sehr nachdenklich. Sie zuckte die Achseln.

"Was soll ich sagen? Eine sehr hübsche Frau. Dunkelhaarig. Von den Augen konnte ich nichts sehen, sie hatte sie dauernd unter einer Sonnenbrille verborgen. Sie schien ein Faible für Lederklamotten zu haben. Wie ein Flittchen lief sie herum. Mit hohen Stiefeln und kurzem Rock..."

31 

"Die Beschreibung dieser geheimnisvollen Leila könnte auch auf Carla Raines passen", stellte ich fest, als wir auf dem Rückweg von Yonkers nach Manhattan waren.

"Eine ziemlich vage Vermutung, Jesse. Findest du nicht?"

Milo blieb skeptisch. "Wenn du mich fragst, dann hat uns diese Fahrt nach Yonkers kein Stück weitergebracht..."

"Abwarten, Milo."

"Diese Leder-Lady lässt deine Fantasie nicht los, was?"

Ich zuckte die Achseln.

"Ich glaube einfach nicht, dass da jemand nur ein gewöhnliches Call-Girl angeheuert hat, um Reilly die Passwörter herauszukitzeln. Die Art, wie Sie ihn umgebracht hat..."

"Vermutlich umgebracht", korrigierte mich Milo. "Nicht ganz so so voreilig."

"Okay, wie du willst. Aber sieh dir nur an, wie sie in ihrem Apartment jegliche Spur verwischte, die uns irgendwie hätte weiterbringen können. Das sieht für mich sehr profimäßig aus."

"Du setzt allerdings voraus, dass sie wirklich selbst Reilly umgebracht hat und die Wohnung von ihr eigenhändig aufgeräumt wurde."

"Und? Was vermutest du, wer sie ist oder für wen sie arbeitet?"

"Guy Carini behauptet, sie in den letzten Jahren nicht gesehen zu haben..."

"Vorausgesetzt sie ist mit dieser Leila identisch, die sich als Kerims Schwester ausgegeben hat."

"Ja, das stimmt."

"Zu viele Wenns, Jesse. Da ist noch eine Menge, was wir nicht wissen."

"Immerhin sind wir uns doch wohl darüber einig, das dieser Carini eine zentrale Figur bei der Sache zu haben scheint."

"Das mag sein", gestand Milo mir zu. "Aber nach meinem Gefühl, muss da jemand dahinterstecken, der noch ein paar Nummern größer ist als Carini."

32 

Im Hauptquartier versuchten wir per Computer etwas mehr über Carini und sein Umfeld herauszufinden. Insbesondere sein Geschäftspartner George Al-Malik interessierte uns. Al-Malik war Sohn christlich-libanesischer Einwanderer. Er betrieb eine Import/Export-Firma und war stiller Teilhaber an verschiedenen anderen Firmen.

Al-Malik war vor einigen Jahren mal wegen angeblichem Steuerbetrug in die Schlagzeilen geraten. Ansonsten hatte er eine weiße Weste.

"Diese Spur führt ins Nichts", war Milo überzeugt.

Das Telefon klingelte.

Ich nahm ab. Myrna aus der Telefonzentrale des FBI meldete sich.

"Hier ist ein Mann, der angeblich Angaben zu der Bazooka machen kann, die bei dem Überfall auf den McGordon-Transporter benutzt wurde", sagte sie.

"Stellen Sie durch, Myrna", erwiderte ich. "Ich möchte außerdem wissen, woher der Anruf kommt."

"Okay, Jesse."

Es knackte in der Leitung. Ich aktivierte indessen ein Aufnahmegerät, um das Gespräch mitzuschneiden.

"Hier Special Agent Jesse Trevellian. Bitte melden Sie sich", sagte ich dann, nachdem nur ein paar unbestimmte Hintergrundgeräusche zu hören waren und etwas, das mit einiger Phantasie wie das Atmen eines Menschen klang.

"Sie interessieren sich für eine Bazooka...", wisperte eine verzerrte Stimme.

"Wer sind Sie?", fragte ich.

"Das tut im Moment noch nichts zur Sache, Mr. Trevellian."

"Dann sagen Sie, was Sie wissen..."

"Nein, so einfach geht das nicht."

"Und wie haben Sie sich das gedacht, Mister?"

"Kommen Sie in Gallaghers Bar in der Seventh Avenue."

"Wann?"

"Jetzt. Und tanzen Sie nicht mit einem Riesenaufgebot an."

"Wie erkenne ich Sie?"

"Gar nicht. Ich erkenne Sie. Fragen Sie den Mixer, ob jemand eine Nachricht für Sie hinterlassen hat!"

Es machte klick.

Die Verbindung war unterbrochen.

"Wir müssen uns beeilen", meinte Milo, während er den Sitz seiner P226 überprüfte. Ich sprach noch kurz mit der Telefonzentrale. Das Gespräch war zu kurz gewesen, um es zurückverfolgen zu können.

33

In Gallaghers Bar war nicht viel Betrieb. Ich ließ den Blick durch den halbdunklen Raum schweifen und fragte mich, wer von den Anwesenden unser Mann war.

"Nun komm schon, sag deinen Spruch auf", raunte Milo mir zu.

Ich wandte mich an den Mixer, der gerade dabei war, eine seiner farbenprächtigen und sehr kunstvoll aussehenden Eigenkreationen fertigzustellen. Bei den schwungvollen Bewegungen, die er dabei mit den Flaschen anstellte, fragte man sich, wie es möglich war, dass überhaupt noch ein Tropfen des Inhalts in den Gläsern landete.

"Hat jemand eine Nachricht für mich hinterlassen?", fragte ich, laut genug, damit es die dezente Musik übertönte.

Der Mixer sah mich irritiert an.

"Wie bitte? Wir sind doch keine Nachrichtenbörse, Mann! Hier kann man was trinken."

Details

Seiten
400
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906196
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v349812
Schlagworte
mörder hacker drei krimis

Autor

Zurück

Titel: Mörder und Hacker: Drei Krimis