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Milton Sharp 2: Xurus Höllenhund

2016 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Xurus Höllenhund

Klappe

Die Personen

Roman

 

Xurus Höllenhund

Band 2

 

WOLF G. RAHN

 

- Milton Sharp: Der Schattenjäger -

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2016

Logo: Steve Mayer

Redaktion und Korrektorat: Dr. Frank Rossnagel

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

Milton Sharp, der Starreporter der kleinen Zeitung »Seaford Post« ist zum Schattenjäger geworden. Dem sterbenden Victor Vargas und seinem Bruder versprach er, den Kampf gegen das Böse aufzunehmen und vor allem seinen Bruder aus den Klauen des Dämons Xurus zu befreien. Die Spur aus Leichen, die die Wölfin Noelle Tyrell hinterlässt, führt Milton und Jennifer in das walisische Provinznest Llanforest, am Fuß des Snowdon. Doch Xurus hat nicht im Sinn, Glyn Sharp oder seinen Bruder am Leben zu lassen. Eine weitere schwere Prüfung wartet auf den Schattenjäger.

 

Als 1984 der erste Milton-Sharp-Roman im Rastatter Zauberkreis-Verlag erschien, ahnte niemand, dass der Serie keine lange Lebensdauer beschieden sein würde. Zum einen kämpfte der Zauberkreis-Verlag nach dem Weggang der erfolgreichen Reihe »Larry Brent« um seine Leser; zum anderen schaffte es der Verlag nicht, die vom Autor vorgesehene Reihenfolge der Romane einzuhalten, was folgerichtig zu einer großen Verwirrung der Leser führte.

 

Die Edition Bärenklau wird dieses Kleinod deutscher Pulp-Fiction nicht nur als eBook wieder herausgeben, sondern dieses Mal die Romane in der richtigen Chronologie anordnen. Darüber hinaus werden der Reihe vier bislang unveröffentlichte Romane hinzugefügt und ein vom Autor speziell für diese Edition geschriebener Abschlussroman.

 

 

 

 

 

 

Die Personen

 

 

Milton Sharp

Der Reporter der kleinen Zeitung »Seaford Post« hat mit der Entführung seines Bruders erkennen müssen, dass es Dinge gibt zwischen Himmel und Erde, an deren Existenz er bis vor kurzem nicht im Traum gedacht hätte. Seine erste Bewährungsprobe hat Milton bestanden, doch der Dämon, der seinen Bruder entführt hat, ist mit Glyn nach Wales geflohen. Milton folgt ihm in das kleine, verschlafene Nest Llanforest am Fuß des Snowdon, nur um feststellen zu müssen, dass neue Schrecken auf ihn warten.

 

Glyn Sharp

Der Zwillingsbruder Miltons beschäftigt sich während seines Studiums sehr intensiv mit Wissen über Magie und Okkultismus. Aus diesem Grund wurde er eines Abends unter unheimlichen Umständen entführt. Xurus, der Düstere, hält ihn in seiner Gewalt, um ihn für seine finsteren Zwecke zu missbrauchen. Wenn Glyn diese Zwecke erfüllt hat, ist sein Leben nichts mehr wert.

 

Jennifer Britten

Glyn Sharps Verlobte freute sich auf die bevorstehende Hochzeit mit Miltons Bruder. Als am Vorabend der Hochzeit Glyn entführt wurde, brach für Jennifer eine Welt zusammen. Fest entschlossen begleitet sie Milton nach Wales, um ihren Verlobten zu befreien, ungeachtet der Schrecken, die dort auf sie warten.

 

Noelle Tyrell

Die Wölfin hinterlässt eine Spur von Tod und Zerstörung, die bis nach Wales führt, wo sie sehnlichst darauf wartet für ihren Herrn, Xurus den Düsteren, den verhassten Schattenjäger zu töten.

 

Xurus der Düstere

Nur der Dämon alleine weiß, für welche grausamen Zwecke er Glyn Sharp braucht. Seinen Bruder Milton weiß er bei seinen monströsen Dienern und Helfershelfern in den besten Händen, denn der Schattenjäger soll Wales nicht mehr lebend verlassen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Roman

 

Bart Askew zog die dünne Jacke fester um die Schultern und versuchte, seine Frau zu wärmen.

Die plötzliche Kälte ließ die zierliche Esther Askew schaudern. Sie schien krank zu werden. Überall sah sie Gesichter, als läge sie im Fieber.

»Da!«, wimmerte sie und streckte ihre zitternde Hand aus. »Da ist es wieder. Ich sehe es ganz deutlich. Ein entsetzliches Scheusal, das den Rachen aufreißt, als wollte es uns verschlingen.«

Sie drängte sich noch fester an ihren Mann, der sie beruhigend streichelte. Bart Askew sah nichts. Er trug eine Brille, und der auf die Erde peitschende Regen nahm ihm die Sicht. Nur das fahle Aufblitzen, das hinter dem Gipfel des Snowdon von Zeit zu Zeit leuchtete, nahm er wahr. Auch ihm war nicht wohl dabei.

Sie stolperten weiter.

Das Schiefergeröll bewegte sich unter ihren zaghaften Schritten.

Esther glitt aus, und Bart konnte sie gerade noch auffangen, sonst wäre sie gestürzt.

»Ich kann nicht mehr weiter«, jammerte sie. »Ich habe Angst.«

»Angst? Vor einem Gewitter?«

»Es ist nicht das Gewitter«, widersprach die Frau schwach. »Es ist etwas anderes, etwas Unheimliches. Ich spüre es genau. Es ist ganz nahe.«

Bart Askew schwieg zu dieser Behauptung.

Er dachte an die düsteren Erzählungen der Männer unten im Ort. Sie hatten Esther völlig durcheinandergebracht. Sie war für derlei Spukgeschichten empfänglich.

Aber er wusste, dass das alles nur Unsinn war.

Es gab keine Gespenster und auch keine Ungeheuer, wie Esther sie zu sehen behauptete. Damit wollten die Dorfbewohner sich nur interessant machen.

»Dort drüben ist ein Felsvorsprung«, sagte er mit erzwungener Fröhlichkeit. »Dort stellen wir uns unter, bis das Unwetter vorüber ist.«

Der Felsvorsprung entpuppte sich als regelrechte Höhle, die den beiden sehr willkommen war. Hier konnten sie es aushalten. Proviant hatten sie auch noch dabei. Erfahrungsgemäß dauerten in dieser Gegend Gewitter nie lange.

Bart schob Esther vor sich her.

Sie sollte zuerst im Trockenen sein.

Kaum hatte sie jedoch ihren Fuß in die Höhle gesetzt, schrie sie gellend auf und stand wie festgenagelt.

Genau vor ihr glühten zwei riesige, drohende Augen in der Dunkelheit.

 

*

 

Esther Askew spürte, wie ihre Beine nachgaben. Sie wollte Bart auf die grausige Erscheinung aufmerksam machen, aber außer einem Schrei brachte sie nichts heraus.

Die Augen wuchsen.

Sie waren schon fast so groß wie Untertassen.

Ein unheimliches Feuer loderte in ihnen.

Sie kamen immer näher.

Der Mann merkte, dass mit seiner Frau eine Veränderung vorgegangen war.

Er dachte, sie sei mit der Höhle nicht zufrieden.

Es roch hier nicht gerade angenehm. Fast wie im Raubtierhaus in einem Tierpark.

Bart Askew erschrak.

Doch dann sagte er sich, dass es in Wales keine Löwen oder Tiger in freier Wildbahn gab, und auf dem Snowdon schon gar nicht. Sicher hatten Touristen nur ihren Abfall zurückgelassen, der nun allmählich in Fäulnis überging.

Esther rührte sich noch immer nicht.

Sie stand wie eine Salzsäule.

Der Mann suchte für sie einen bequemen Platz.

Er scharrte loses Geröll mit der bloßen Hand beiseite und stellte fest, dass er sich tatsächlich nicht geirrt hatte. Jede Menge Unrat lag herum.

Hauptsächlich abgenagte Knochen.

Merkwürdig! Für Hähnchenknochen waren sie eigentlich viel zu groß. Nicht einmal Putenkeulen konnten es gewesen sein.

Sie sahen eher aus wie die Rippen eines Menschen.

Jetzt fröstelte auch Bert.

Unwillkürlich dachte er daran, dass ein Mensch in dieser Höhle gestorben sein musste. Vielleicht hatte er einen Herzschlag erlitten, und niemand hatte etwas davon bemerkt.

Doch eigentlich war es undenkbar.

Den Weg zum Gipfel des Berges benutzten täglich viele Wanderer, die es verschmähten, stundenlang darauf zu warten, dass sie von der kleinen Schienenbahn mitgenommen wurden.

Im Lauf der Jahre wäre das Skelett längst entdeckt worden.

Es konnte erst kurze Zeit hier liegen.

Mord, schoss es Bart durch den Kopf.

Der Gedanke entsetzte ihn.

Ihm fiel nicht ein, dass ein Mörder sein Opfer normalerweise nicht in Stücke riss und zerfleischte.

Ein greller Blitz erhellte die Tiefe der Höhle.

Da sah er, dass es sich nicht nur um einen einzigen Menschen handelte. Es mussten mindestens vier oder fünf sein. So schnell hatte er die grinsenden Schädel nicht zählen können, bevor der Lichtschein wieder erlosch.

Seine Frau schrie wie eine Wahnsinnige.

Auch sie musste die verstreuten Knochen bemerkt haben.

Sie wollte an ihm vorbei.

Bart versuchte, sie zurückzuhalten.

So schaurig das Ganze auch war, vor bleichen Knochen brauchten sie sich nicht zu fürchten.

Weniger jedenfalls als vor den Blitzen, die draußen ununterbrochen zuckten.

Esther sah ihren Mann an, als sähe sie ein Monstrum mit zwei Köpfen vor sich.

Ihr Mund war weit geöffnet.

Ein nicht enden wollender Schrei folgte und wurde in der Tiefe verstärkt und wieder zurückgeworfen.

Sie riss sich von ihm los.

Als er nachfassen wollte, versetzte sie ihm einen Stoß, dass er rückwärts taumelte. Eine solche Kraft hätte er seiner zierlichen Frau nicht zugetraut, und sie waren immerhin schon sechs Jahre verheiratet.

Esther hetzte an ihm vorbei, hinaus ins Freie, wo sie mit wehenden Haaren im Zucken der Blitze wie eine Furie wirkte.

«Esther!«, schrie der Mann wütend. »Verdammt, komm zurück! Du holst dir da draußen den Tod.«

Sie hörte nicht auf ihn, sondern rannte weiter und schrie.

Bart wollte seiner Frau folgen und wurde brutal zur Seite gestoßen. Er fiel gegen die glitschige Felswand.

Etwas Schwarzes sprang an ihm vorbei und jagte fauchend aus der Höhle.

Der Mann schlug hart mit dem Kopf gegen das Gestein.

Er kämpfte gegen die aufsteigende Bewusstlosigkeit an.

Seine Gedanken waren noch wirr. Er begriff nur, dass seine Frau vor diesem schwarzen Ungeheuer geflohen war und nicht vor den Gebeinen.

Er musste ihr nach.

Hastig schüttelte er die Benommenheit ab und stürzte zum Höhleneingang.

Von rechts waren sie gekommen. Es wäre logisch gewesen, bergab zu flüchten, aber er sah in fahlem Licht seine Frau nach oben taumeln.

Die Bestie war hinter ihr.

Der Abstand verringerte sich zusehends.

Ein riesengroßer Hund schien es zu sein.

Oder ein Wolf, was allerdings unwahrscheinlich war.

Bart hob Steine auf und warf sie hinter dem Untier her. Mit einem traf er, die anderen verfehlten ihr Ziel.

Aber auch der Treffer veranlasste das schwarze Scheusal nicht, seinen Lauf zu stoppen.

Es jagte weiter, wobei Bart den Eindruck hatte, als würde es Feuer speien oder von seinem Fell würden knisternde Funken wegspringen.

Esther Askew verschwand hinter einer Biegung, die Bestie immer dichter hinter ihr.

Bart rannte ebenfalls los.

Er schrie und lärmte in der Hoffnung, das Tier von Esther abzulenken.

Eisige Kälte überfiel sein Gesicht.

Er spähte über nasse Brillengläser.

Ein Blitz schlug in der Nähe ein. Es roch brandig, und zu seiner Linken stieg eine Rauchsäule auf.

Hier oben wuchs nichts.

Also musste der nackte Stein brennen.

 

*

 

Bart Askew mobilisierte alle Kräfte, die in ihm steckten. Unentwegt rief er den Namen seiner Frau.

Doch sie antwortete nicht.

Momentan hatte er auch das Tier aus den Augen verloren.

Er würde es erst wieder sehen, wenn er selbst die Biegung erreichte.

Auf dem nassen Geröll rutschte er aus und stürzte.

Er schrammte sich die Hände blutig.

Ein spitzer Stein schlug ihm gegen die Brille und zertrümmerte das rechte Glas, ausgerechnet das stärkere.

Zum Glück wurde sein Auge nicht verletzt.

Er raffte sich fluchend auf und rannte weiter. Während des Laufes fingerte er die Glassplitter aus der Fassung und drückte das Gestell anschließend wieder auf die Nase.

Bart war klatschnass, doch das spürte er nicht.

Er fragte sich, warum er weder Esther noch das Tier sah, obwohl er die Wegbiegung inzwischen hinter sich hatte.

So schnell konnten sie unmöglich sein.

War Esther abgestürzt?

Er blickte in die Tiefe, aber da war nichts als graues Geröll, das unter Regenschleiern zu tanzen schien.

Geheul drang zu ihm herüber.

Das war kein Hund!

Bart hatte zwar noch nie einen Wolf heulen hören, doch genauso stellte er sich das vor.

Kurz hintereinander flammten erneut drei Blitze auf. Es war als wollten sie mit aller Gewalt den Berg spalten, den zweithöchsten Gipfel von ganz Großbritannien.

Aber der Snowdon widerstand, und endlich ließen auch die Naturgewalten nach. Der Regen erstarb so überraschend, wie er hereingebrochen war, und nur in der Ferne war noch abflauendes Donnern zu hören.

Zwischen dunkelgrauen Wolkenballen blitzte die Sonne hervor.

Das Geröll dampfte. Unten im Tal stiegen Nebel auf.

Bart Askew hatte für dieses Naturschauspiel weder Auge noch Sinn.

»Esther!«, schrie er nach jedem fünften Schritt, den er mühsam keuchend zurücklegte.

Immer wieder keine Antwort ... nicht einmal ein Echo.

Er fühlte sich völlig verlassen in dieser Einsamkeit.

Doch er war nicht allein.

Ihm kam plötzlich eine Gestalt entgegen.

Ein freudiger Schreck durchzuckte ihn.

Das musste Esther sein. Wer sonst?

Mit bloßen Fingern wischte er die Feuchtigkeit von dem verbliebenen Brillenglas und blickte hindurch.

Enttäuschung ergriff ihn. Es war nicht Esther, obwohl die Frau ebenfalls schlank und nicht sehr groß war. Aber ihre langen Haare waren tiefschwarz, während Esther mittelblond war.

Trotzdem hatte er Grund zur Hoffnung.

Die Fremde musste Esther gesehen haben.

Vielleicht auch das Tier. Es gab nur diesen einen Weg.

Beide blieben stehen.

Die Frau war bildschön, doch das interessierte Bart nicht. Er war mit Esther verheiratet und liebte sie.

Auf seine Frage nach der Geflüchteten hatte sie nur ein bedauerndes Kopfschütteln.

»Ich hätte sie sehen müssen, wenn sie an mir vorbeigelaufen wäre«, sagte sie. »Ich habe keinen Menschen getroffen.«

»Und die Bestie?«, fragte der Mann verzweifelt. »Haben Sie die auch nicht gesehen?«

»Was für eine Bestie?«

Die Frau lächelte seltsam, hielt ihn wohl für nicht ganz recht im Kopf.

Oder für betrunken.

Bart Askew beschrieb das Tier, das wie ein großer Hund oder wie ein schwarzer Wolf ausgesehen und auch so geheult hatte.

»Hier gibt es keine Wölfe«, erklärte die Schwarzhaarige. »Und Ihre Frau ist sicher hinunter ins Dorf gegangen.

Bart wusste es besser.

Er hatte Esther schließlich in diese Richtung laufen sehen und bat deshalb, seiner Frau im Dorf Bescheid zu sagen, dass er hier oben nach ihr suche, falls sie wider Erwarten doch unten sein sollte.

Die Fremde versprach es und setzte ihren Weg fort.

Gedankenverloren blickte ihr der Mann nach.

Die Frau verströmte einen eigenartigen Reiz, der ihm noch bei keiner anderen bewusst geworden war. Er riss sich rasch von dem Anblick los und setzte seine Suche fort.

Nach zwei weiteren Stunden ergebnisloser Suche traf er ergebnislos im Dorf ein. Zwischenzeitlich war es stockfinster geworden.

Sie hatten in der »Blauen Laterne« Quartier bezogen, und er hoffte inständig, dass sich Esther längst an heißem Tee wärmte.

Doch überall begegneten ihm nur betretene Gesichter. Esther Askew hatte seit dem Morgen keiner mehr gesehen.

Da entschloss sich Bart, bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufzugeben.

Der Beamte hörte ihm geduldig zu, und als Bart die Dienststelle verließ, starrte der dickliche Polizist auf das Protokoll und murmelte mit belegter Stimme:

»Verdammt! Wie soll das bloß noch enden?«

 

*

 

Bart Askew bildete sich das nicht nur ein, es war tatsächlich so.

Die Leute im Ort und besonders die Gäste der »Blauen Laterne« wichen ihm aus. Seit er ohne seine Frau zurückgekommen war, gingen sie ihm aus dem Weg und warfen ihm nur noch verstohlene Blicke zu.

Es trieb ihn hinaus, obwohl es Nacht war.

Schlafen konnte er ohnehin nicht. Die Furcht um Esther ließ das nicht zu.

Er stand mitten auf dem Marktplatz und starrte zu dem unheilvollen Schatten des Snowdon hinüber.

Sonst hatte der Berg nie einen gespenstischen Eindruck gemacht, doch jetzt schien es, als würde ein böser Geist in ihm wohnen.

Ein Dämon, der Schrecken verbreitete.

Wieder kamen ihm die Knochen in der Höhle in den Sinn, und er erinnerte sich, dass er gestern noch über das wirre Gerede über Spuk gelacht hatte. Wie lange war das schon her!

Von der kleinen Kirche schlug es verhalten Mitternacht.

Jemand kam über den Platz auf ihn zu.

Es war die Fremde, die Bart schon unterwegs getroffen hatte.

Sie erkannte ihn im milchigen Schein einer Laterne ebenfalls und blieb stehen.

»Na, ist wieder alles in Ordnung?«, erkundigte sie sich.

»Nichts ist in Ordnung«, reagierte Bart heftig.

Sie sah ihn befremdet und leicht gekränkt an.

Er entschuldigte sich für sein barsches Benehmen.

Sie konnte wirklich nichts dafür, dass Esther wie vom Erdboden verschwunden war und die örtliche Polizei auch keinen großen Eifer bei der Suche nach ihr zeigte. Morgen würde er die Sache selbst in die Hand nehmen. Vielleicht konnte er doch noch ein paar unerschrockene Burschen dazu bringen, ihm bei der Suche zu helfen. Auf ein paar Pfund sollte es ihm nicht ankommen.

»Sie werden allein sein«, sagte die Frau als wenn sie seine Gedanken erraten hätte. »Die Leute hier sind stur und verschlossen. Sie denken nur an sich selbst.«

»Gestern noch wurden Esther und ich sehr freundlich behandelt«, widersprach der Mann leise.

Es tat ihm gut, dass wenigstens diese Frau noch mit ihm sprach.

Er stellte sich vor, und auch sie nannte ihren Namen.

Sie hieß Noelle Tyrell und hielt sich erst seit ein paar Tagen in dieser Gegend auf, die ihr aber ausnehmend gut gefiel.

»Sind Sie allein hier?«, erkundigte sich Bart.

Sie lachte amüsiert.

«Sie meinen, ob ich verheiratet oder verlobt bin? Ich kann Sie beruhigen. Weder das eine noch das andere.«

Sie schenkte ihm einen verheißungsvollen Blick.

Der Mann zuckte zusammen, als hätte ihn eine Flammenzunge getroffen. Diese Frau war voller Leidenschaft.

Aber was musste sie von ihm denken?

Schließlich war er glücklich verheiratet, und seine verzweifelte Suche nach Esther war kein Theater.

»Ich wollte sagen«, stotterte er verwirrt, »es ist nicht ungefährlich, allein auf den Snowdon zu gehen. Noch dazu bei dem schrecklichen Wetter.«

»Ich fürchte mich nicht«, gab Noelle Tyrell zurück. »Vor nichts und vor niemandem.«

Das konnte der Mann von sich nicht behaupten.

Heute nicht mehr.

An diesem grauenvollen Tag hatte er gelernt, was Furcht bedeutet.

Er war in Angst um Esther, denn er war nicht sicher, ob er sie jemals wiedersah.

Minutenlang schwieg er. Die Turmuhr schlug viertel eins.

Noelle Tyrell räusperte sich nach einer Weile.

»Ich würde Ihnen gern bei der Suche helfen«, erbot sie sich.

»Tatsächlich?«

Er hatte nicht mehr damit gerechnet, dass sich jemand für seinen Kummer interessierte.

Sie nickte eifrig.

»Wir sollten morgen den ganzen Berg absuchen. Nicht nur den Weg, sondern auch die Hänge zu beiden Seiten. Vielleicht ist Ihre Frau gestürzt und wartet mit einem gebrochenen Bein auf Hilfe.«

Neue Hoffnung keimte in Bart Askew.

»Meinen Sie wirklich? Dann muss ich sofort los. Ich kann nicht länger warten.«

Er setzte sich eilig in Bewegung, wurde aber durch ihren sanften Griff zurückgehalten.

Der Mann stand wie vom Donner gerührt.

Diese Noelle Tyrell raubte ihm fast den Atem.

Die Berührung ihrer Hand ließ seine Sinne vorübergehend schwinden.

Er musste sich zusammenreißen. Für ihn gab es nur Esther, sonst keine andere Frau.

»Seien Sie nicht töricht, Bart!«, mahnte sie. »Was wollen Sie bei der Dunkelheit finden? Allenfalls den Tod. Sie gleiten aus und brechen sich den Hals. Damit ist Esther nicht gedient.«

Das musste er zugeben.

Er wunderte sich nur, woher sie seinen Namen wusste.

Er musste ihn wohl genannt haben, obwohl er sich nicht daran erinnerte. Aber das war ja auch nicht von Bedeutung.

Er lud sie noch zu einem Glas in die »Blaue Laterne« ein, was sie jedoch ablehnte.

»Sie sollten auch schlafen gehen, Bart«, empfahl sie. »Wir werden morgen schon in aller Frühe aufbrechen. Ich warte hier auf Sie. Seien Sie unbesorgt! Wir finden sie ganz bestimmt ...«

Er lächelte dankbar.

Seltsam! Ihre Worte erfüllten ihn mit Zuversicht, obwohl er sich sagen musste, dass kaum Aussicht bestand, Esther aufzuspüren.

Wenn sie lediglich verletzt war, warum hatte sie dann auf seine Rufe nicht geantwortet.

 

*

 

Als die Wirtin ihm das Frühstück brachte, beeilte sie sich, wieder in der Küche zu verschwinden, bevor Bart Askew das Wort an sie richten konnte.

Es saßen nur drei Männer in der Gaststube. Sie blickten hin und wieder zu ihm herüber und steckten dann die Köpfe zusammen, um miteinander zu tuscheln. Einige Brocken schnappte er trotzdem auf, obwohl sie sich Mühe gaben zu flüstern. Von einem Grabmal war die Rede und von einem Mann, der anscheinend bei einem Unfall sein Gesicht eingebüßt hatte.

Bart blickte auf den leeren Stuhl, auf dem an den vorherigen Tagen Esther gesessen hatte. Es bedrückte ihn.

Hastig stürzte er den Kaffee hinunter und verließ die Gaststube.

Die Blicke der drei Männer folgten ihm. Einer schlug sogar das Kreuz.

Draußen fühlte sich Bart wohler.

Aber auch hier fand er keinen Kontakt zu den Menschen, mit denen er gestern noch angeregt geplaudert hatte. Alle taten, als würden sie ihn nicht kennen.

Der Pfarrer des Ortes, Reverend Redgrave, zögerte, als er an ihm vorbeiging.

Doch dann setzte auch er hastig seinen Weg fort in Richtung der kleinen Kirche.

Er musste am Brunnen vorbei, an dem Noelle Tyrell bereits wartete.

Sie wandte sich demonstrativ ab und schickte einen Blick hinter ihm her, der alles andere als freundlich war.

Anscheinend hatten die beiden Streit gehabt.

Bart begrüßte sie freudig und wurde dafür mit einem Blick bedacht, der das genaue Gegenteil dessen war, mit dem sie den Geistlichen bedacht hatte.

Noelle Tyrell sah fantastisch aus.

Die dunkle Leinenbluse saß ziemlich straff, und auch die sportliche Hose hob ihre Reize deutlich hervor.

»Wir können«, sagte sie. »Am besten beginnen wir dort mit der Suche, wo Ihnen Ihre Frau davongelaufen ist.«

Bart stieg das Blut in den Kopf.

»Sie ist nicht vor mir davongelaufen«, erinnerte er, »sondern vor diesem Scheusal.«

»Ach ja!«

Sie lächelte ungläubig.

»Sie sagten etwas von einem Wolf.«

»Es kann auch ein Hund gewesen sein, allerdings ein ungewöhnlich großer.«

»Ungewöhnlich wäre das allerdings. Was hätte ein Hund in der Höhle verloren?«

Diese Frage hatte sich der Mann während der Nacht, in der er nicht hatte schlafen können, ungezählte Male gestellt.

Im Nachhinein glaubte er selbst kaum noch, was er doch mit eigenen Augen gesehen hatte.

Sie benutzten nicht die Bahn, sondern gingen zu Fuß.

Immer wieder rief Bart Esthers Namen. Immer wieder lauschte er in die Stille und hoffte auf ein Lebenszeichen.

Aber er erhielt keine Antwort.

Sie suchten die Hänge ab, schauten hinter jeden größeren Felsbrocken, und nach jedem vergeblichen Versuch war der Mann umso enttäuschter.

Die anfängliche Hoffnung zerrann immer mehr.

Allmählich näherten sie sich der Höhle, in der Esther und er Schutz vor dem Unwetter gesucht und das Grauen gefunden hatten.

Noelle Tyrell war die Anstrengung des Aufstieges anzumerken.

Sie kam immer schlechter voran und begann vor Anstrengung zu keuchen.

Ihr Gesicht spiegelte die Anspannung wider.

Bart hatte dieses Mal eine Taschenlampe mitgenommen, damit er das Innere der Höhle beleuchten konnte. Ein Messer der Fallschirmspringer mit versenkbarer Klinge steckte ebenfalls in seiner Tasche.

Er wollte dem Höllenhund, wie er die Bestie in Gedanken getauft hatte, gegebenenfalls nicht ohne Waffe gegenüberstehen.

 

*

 

Er hatte seine Begleiterin mehrfach vor dem Ungetüm gewarnt, denn er wollte nicht, dass ihr auch noch etwas zustieß.

Sie hatte versprochen, sich in der Höhle stets eng hinter ihm zu halten.

Auch heute begegneten sie keinem Menschen. Dabei stand der Berg als beliebtes Ausflugs- und Wanderziel in jedem Reiseführer.

Bart hatte seine Ersatzbrille aufgesetzt und starrte in alle Himmelsrichtungen, weil er ein unbehagliches Gefühl nicht los wurde.

So, als würden sie verfolgt.

Aber da war niemand außer Noelle und ihm, und Noelle stellte bestimmt keine Gefahr dar. Nicht einmal für sein seelisches Gleichgewicht, solange er intensiv an Esther dachte.

»Warten Sie hier!«, schlug er vor, als sie vor der Höhle standen. »Das da ist kein Anblick für Frauen.«

»Ich komme mit«, entschied die Schwarzhaarige, und ihre Stimme duldete keinen Widerspruch.

Gemeinsam betraten sie den dunklen Raum.

Sofort wurden sie von dem strengen Geruch angefallen, den Bart kannte.

Befand sich das Untier wieder hier?

Sicherheitshalber nahm Bart das Messer aus der Tasche und ließ die Klinge vorschnellen. So fühlte er sich besser.

In der linken Hand hielt er die Taschenlampe.

Ihm wurde bewusst, dass er gern eine dritte Hand freigehabt hätte, um sie um Noelles Schultern legen zu können.

Verwirrt wischte er diesen Gedanken fort

Der Lichtfinger tanzte anfangs über die kahlen Felswände und fiel dann vorsichtig auf das grauenvolle Knochenfeld.

An einem Beckenknochen blieb er hängen.

Es gab überhaupt keinen Zweifel, dass es sich hierbei um menschliche Gebeine handelte. Ihm war unverständlich, dass sich noch niemand aus dem Dorf darum gekümmert hatte. Sogar die Polizei, die er von seinen Beobachtungen in Kenntnis gesetzt hatte, hielt es offensichtlich nicht für nötig, diesem Hinweis nachzugehen.

Noelle Tyrell hielt sich erstaunlich tapfer.

Ihr Gesicht war zwar nicht mehr so frisch und lebendig wie noch vor kurzem, aber in ihren dunklen Augen lag keine Angst.

Sie zeigten einen ganz anderen Ausdruck, den er nicht zu deuten vermochte.

Bart war auf der Hut.

Er vergewisserte sich, wie tief die Höhle war.

Er wollte keine unliebsame Überraschung erleben.

Mit einem plötzlichen Angriff des Höllenhundes war nicht zu rechnen.

Zwar war die Höhle größer, als man ihr von außen ansah, doch sie war eindeutig leer, bis auf die Knochen.

Er zählte sechs Schädel.

Sechs Menschen hatten demnach hier einen furchtbaren Tod gefunden.

Nicht weit vom Ort im Tal waren sie gestorben, ohne dass jemand davon Kenntnis genommen hätte.

Ihn grauste.

Was mochten das für Menschen gewesen sein, die hier, nach dem Zustand ihrer Gebeine zu urteilen, schon beträchtliche Zeit lagen?

Er beleuchtete den Schädel, der unweit seiner Füße lag.

Es war ein Frauenkopf, der noch die langen Haare trug.

Mittelblondes Haar, wie auch Esther sie besaß.

Der Gedanke an seine Frau lähmte ihn.

Plötzlich verzerrte sich sein Gesicht.

Er sah die Zähne des grinsenden Totenkopfes. Oben und unten standen sich zwei Goldkronen schräg gegenüber.

Es war ein typisches Bild.

Er hatte es bis jetzt erst bei einem einzigen Menschen gesehen und war sicher, dass dieser Mensch vor ihm lag und tot war.

»Esther!«, gellte sein Schrei durch die Höhle.

 

*

 

Schluchzend warf er sich auf den schaurigen Knochenhaufen, der kein komplettes Skelett mehr darstellte, denn die Gebeine waren gewaltsam aus ihren Gelenken gerissen worden.

Er konnte das Entsetzliche nicht fassen.

Esther lebte nicht mehr! Sie lag hier ... Tot!

Von einer grausamen Bestie umgebracht und offenbar gefressen, dass nur noch ungenießbare Reste von ihr Zeugnis ablegten.

Minutenlang kauerte er da und murmelte immer wieder den Namen jener Frau, der seine Liebe gehörte.

Tränen strömten über Barts Gesicht.

Er vergaß alles um sich her.

Er war allein.

Noch mal keimte Hoffnung in ihm.

Vielleicht irrte er sich.

Schließlich gab es Zufälle.

Esther war sicher nicht die einzige Frau in Wales mit zwei schräg gegenüberstehenden Goldkronen.

Er klammerte sich an diesen Gedanken, bis er den gebrochenen und wieder verheilten Schienbeinknochen entdeckte. Er stammte von einem Sturz mit dem Fahrrad vor drei Jahren. Esther hatte zwei Wochen im Krankenhaus liegen müssen, bevor sie dann auf Krücken mühsam wieder das Laufen lernte.

So viele Zufälle gab es nicht. Er hatte seine Frau gefunden und wünschte sich die Ungewissheit der vergangenen Nacht herbei!

Endlich hob er den Kopf.

Die Suche war beendet.

Er musste Noelle ins Dorf zurückbringen.

In seiner augenblicklichen Verfassung fühlte er sich außerstande, sie nötigenfalls gegen das Ungeheuer zu verteidigen.

Als er die Frau mit tränenfeuchten Augen ansah, war ihm, als würde eine der herumliegenden Knochenhände seine Kehle zupressen.

Das war nicht mehr Noelle!

Sie hatte sich verändert und veränderte sich noch immer auf unglaublich grässliche Weise.

Ihr seidiges, schwarzes Haar wurde struppig und glanzlos.

Die dunklen Augen bekamen einen grünlich phosphoreszierenden Schimmer.

Der Kopf wurde spitz, und aus ihrem Mund wuchsen gewaltige Reißzähne.

Ihr Atem ging hechelnd.

Voller Entsetzen sah Bart, wie auch mit ihrem weiblichen Körper eine unfassbare Veränderung vorging.

Durch Hose und Bluse wuchs ein dichtes Fell, schwarz wie ihr Kopfhaar! Ihr Rücken krümmte sich.

Sie fiel vornüber auf ihre Hände, die sich zu krallenbewehrten Pranken ausbildeten!

Noelle wurde eine Wölfin, eine blutgierige Bestie!

Sie hatte Esther und all die anderen Menschen gerissen, und jetzt wollte sie auch ihn.

Der Mann konnte nicht fassen, was er mit eigenen Augen sah.

Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass er keine Zeit hatte, sich über die unerklärliche Verwandlung den Kopf zu zerbrechen.

Es ging um sein Leben!

Noelle, die Wölfin, versperrte ihm den Fluchtweg nach draußen.

Und in diesem Augenblick setzte sie zum Sprung an.

 

*

 

Über dreihundert Meilen waren sie gefahren, aber sie hatten während der ganzen Zeit nicht viel miteinander gesprochen. Umso mehr beschäftigten sie ihre eigenen Gedanken, und beide kreisten um denselben Mann: Glyn Sharp.

Glyn war auf rätselhafte Weise verschwunden.

Man hatte ihn entführt.

Eine Geisterkutsche war vorgefahren, ein paar Gestalten mit Ziegenköpfen hatten den Achtundzwanzigjährigen hineingezerrt und waren mit ihm davongejagt.

Die beiden Menschen, die sich in dem whiskyfarbenen Rover 2600 der kleinen Ortschaft Llanforest näherten, suchten diesen Mann.

Vor wenigen Tagen hatten beide sich noch nicht gekannt.

Jetzt verband sie ein gemeinsames Schicksal.

Jennifer Britten hatte ihren Verlobten verloren und Milton Sharp seinen Bruder.

Dass sie selbst noch am Leben waren, hatten sie ihrem Glück zu verdanken, und vor allem einem Mann, der sich dem Kampf gegen Geister und Dämonen verschworen hatte.

Victor Vargas war nicht zufällig Zeuge der gespenstischen Entführung Glyns geworden.

Er hatte seinen Widersacher in Brighton aufgespürt.

Er wollte Xurus, den Düsteren, endlich besiegen.

Doch der Unheimliche war ihm nicht nur entwischt, er hatte auch ein Opfer mit sich genommen, und mit diesem hielt er sich versteckt.

Victor Vargas, der mutige Geisterjäger, lebte nicht mehr.

Im Kampf gegen das Böse war er an einen Stärkeren geraten.

Jennifer und Milton waren bis zu seiner Beerdigung in Brighton geblieben, doch dann hatte sie nichts mehr in dieser Stadt gehalten, in der ihr Unglück seinen Anfang genommen hatte.

Miltons Schwur neben dem sterbenden Geisterjäger waren keine leeren Worte gewesen.

Der Reporter einer Provinzzeitung in Seaford war fest entschlossen, Victor Vargas’ Kampf fortzuführen.

Milton selbst war den finsteren Mächten begegnet.

Er, der noch bis vor kurzem Untote und Dämonen ins Reich der Fabel verwiesen hatte, war ein anderer geworden.

Er hatte Vargas, seinem Bruder und den unwissenden Menschen geschworen, gegen das Böse zu kämpfen und die Schatten zu besiegen.

Er war der Schattenjäger geworden.

Für Jennifer war von einer Minute zur anderen eine Welt zusammengebrochen. Glyn hatte sie am nächsten Tag vor den Traualtar führen wollen. Ihr Brautkleid war genäht, alles war für das große Ereignis bereit.

Doch es würde keine Hochzeit geben ...

Die junge Frau mit den langen, rotgoldenen Haaren saß schweigend neben dem Reporter. Ein wenig unheimlich war ihr dieser Mann noch immer.

Bei ihrer ersten Begegnung war sie ihm jubelnd um den Hals gefallen, bevor sie erfahren musste, dass er nicht Glyn, sondern dessen Zwillingsbruder war. Die Ähnlichkeit der beiden war geradezu unglaublich.

Nicht nur äußerlich.

Auch im Charakter war unverkennbar, dass sie derselben Eizelle entstammten.

Milton war möglicherweise etwas sportlicher und draufgängerischer als der ernstere Glyn. Doch das fiel jetzt nicht auf, denn die Sorge um seinen Bruder ließ auch bei ihm keine Fröhlichkeit aufkommen.

 

*

 

Sie glaubten, dass der Verschwundene noch lebte.

In einer Höhle, in der Glyn gefangengehalten worden war, hatte man seine Taschenuhr gefunden.

Sie ging noch. Glyn musste sie selbst aufgezogen haben.

Wahrscheinlich hatte er sie absichtlich zurückgelassen, um eine Spur zu legen, die zu ihm und seinen Entführern wies.

Inspektor Crabbs beharrte inzwischen nicht mehr auf seiner Theorie, es würde sich um ein normales Kidnapping mit Lösegeldforderung handeln. Die Entführer waren weder an Glyns Bruder noch an dessen Verlobte herangetreten. Und doch mussten sie einen bestimmten Zweck mit dem Verbrechen verfolgen. Sonst hätten sie ihn, wie ihre anderen Opfer zuvor und danach, an Ort und Stelle umgebracht.

Victor Vargas hatte dazu seine eigene Theorie entwickelt.

Er war der Meinung gewesen, Xurus wollte von Glyn den augenblicklichen Wissensstand erfahren, über den die Menschen bei ihrem Kampf gegen die Wesen der Zwischenwelten verfügten. Erst wenn er, der sich neben seinem Studium der Archäologie selbst intensiv mit derartigen Fragen befasst hatte, seine Kenntnisse preisgab, würde er sterben müssen.

An diese Hoffnung klammerte sie sich.

Glyn war kein Dummkopf. Er begriff zweifellos, was für ihn auf dem Spiel stand.

Es war nur die Frage, wie lange er Xurus würde hinhalten können, bis dieser die Geduld und das Interesse an ihm verlor.

Dass sie ausgerechnet in Wales unterwegs waren, hatte seinen Grund.

Sie hatten einen Hinweis bekommen, dass sich Xurus den Snowdon als Schlupfwinkel ausgesucht hatte, und rechneten damit, dass sich Glyn bei ihm befand.

Deshalb waren sie hier, um ihn zu befreien, und sollte es ihr eigenes Leben kosten.

Milton las das Hinweisschild, das vor ihm auftauchte, und wählte bei der nächsten Weggabelung die nordwestliche Richtung. Auf dieser Straße sollte es direkt nach Llanforest gehen.

Die hübsche Frau neben ihm machte ihn ein wenig befangen.

Er sah blendend aus. In Seaford verdrehten sich die Mädchen nach ihm die Köpfe. Besonders Kit Jeffers, die ebenfalls bei der »Seaford Post« angestellt war, himmelte ihn an.

Ihn hatte das bisher kalt gelassen, weil er nur seinen Beruf kannte.

Aber Jenny berührte etwas in seinem Inneren, das er bekämpfen musste.

Jenny gehörte seinem Bruder, den er liebte wie sich selbst.

Das Mädchen musste für ihn tabu bleiben.

Aus diesem Grund und wegen der zu erwartenden Gefahr hätte er es lieber gesehen, wenn sie in Brighton geblieben wäre, doch mit diesem gutgemeinten Vorschlag war er auf heftigen Protest gestoßen. Trotz ihrer grauenvollen Erlebnisse ließ sich Jennifer nicht davon abbringen, ihn zu begleiten.

Sie wollte in Glyns Nähe sein.

Sie glaubte, dass ihm das half.

Milton konnte die Frau verstehen, und er bewunderte ihren Mut.

Trotzdem gab er sich keiner Illusion hin. Durch ihre Gegenwart würde seine Aufgabe in mancherlei Hinsicht nicht leichter werden.

 

*

 

Llanforest entpuppte sich als verschlafenes Nest am Fuß des Snowdon.

Es verfügte nur über ein einziges Gasthaus, in dem die Zimmer zwar spartanisch, aber sauber und zweckmäßig waren.

Der Wirt überschlug sich fast, als er Jennifers Koffer nach oben trug.

Er wurde dafür aus der Küche zurückgepfiffen.

Cleo Hammer kannte anscheinend die Schwäche ihres Gatten, der mangelnde körperliche und geistige Vorzüge durch Aufdringlichkeit wettzumachen pflegte.

Mat Hammer zog sich brummend zurück, doch seinem Gesicht war anzusehen, dass er nicht daran dachte, so schnell aufzugeben, wenn schon mal ein so appetitlicher Käfer in seinem Haus nächtigte.

Milton war einigermaßen enttäuscht.

Während er in der Gaststube auf Jennifer wartete, die mit dem Duschen noch nicht fertig war, versuchte er, Cleo Hammer, die schwergewichtige Wirtin, in ein Gespräch zu verwickeln. Anfangs schien sie dazu auch bereit zu sein. Doch kaum erwähnte er seinen verschwundenen Bruder, von dem man ihm gesagt hatte, dass er zum Snowdon gebracht worden sei, ging mit der Frau eine Veränderung vor, und sie wollte nicht mehr reden.

»Bei uns verschwinden keine Menschen, Mister«, sagte sie fast wütend. »Ich weiß nicht. Ich kann Ihnen nicht helfen. Da müssen Sie schon zu Cottrill gehen.«

»Wer ist das?«

»Unser Polizist. Aber der weiß auch nichts. Das kann ich Ihnen schon im Voraus sagen.«

Diese Auskunft fand der Reporter ziemlich eigenartig.

Die Wirtin verheimlichte etwas vor ihm.

Davon war er überzeugt. Sie wusste mehr, als sie zugeben wollte.

Allerdings bezweifelte er, dass sie Glyn gesehen hatte.

Er ähnelte seinem Bruder zu sehr als dass sie ihre Überraschung darüber hätte verbergen können.

Er nahm noch einen Anlauf, aber Cleo Hammer blockte ihn wieder kühl ab.

Danach versuchte er bei ihrem Mann sein Glück, doch auch er war nicht sehr gesprächig. Was den Snowdon betraf, schienen hier alle Leute taube Ohren zu besitzen.

Dahinter steckte etwas, und er würde es herausfinden.

Als Jennifer erschien, blitzte es in den verschlafenen Augen des Wirts.

Milton erkannte die Chance.

Jennifer gegenüber würde der Bursche zweifellos gesprächiger sein. Irgendwie mussten sie es einrichten, dass Cleo ihren Angetrauten nicht wieder vorzeitig bremsen konnte.

Es war gerade Mittagszeit.

Die Wirtin hatte in der Küche zu tun.

Milton verständigte sich mit Jennifer, und diese kapierte schnell.

Während der Reporter in die Küche ging und die Frau mit Fragen über ihre Kochgeheimnisse überfiel, bei denen sie sich wesentlich gesprächiger zeigte, warf Jennifer dem Wirt einen lockenden Blick zu, und der Mann biss sofort an.

Fast ängstlich blickte er zur Küchentür, bevor er eilig heranschlurfte.

Jennifer lobte zunächst das gut geführte Haus und die prächtigen Zimmer, bevor sie sich nach dem Weg zum Gipfel des Snowdon erkundigte.

Der Wirt wurde bleich.

»Sie wollen doch nicht etwa dort hinauf?« fragte er.

Seine Wurstfinger begannen zu zittern.

»Das sollten Sie nicht tun. Das Wetter ist hier unberechenbar. Jetzt ist der Himmel noch strahlend blau, aber in einer halben Stunde kann es schon wie aus Kübeln schütten. Dann sehen Sie nicht mehr die Hand vor Ihren hübschen Augen. Von dem Weg ganz zu schweigen.«

»Und wenn ich Sie bitte, mein Führer zu sein?«

Ihr Blick wurde noch verheißungsvoller.

Mat Hammer bekam einen Hustenanfall. Die Tatsache, dass er dieser Frau anscheinend gefiel, warf ihn aus dem Gleichgewicht.

Liebend gern hätte er sich einverstanden erklärt, doch er schüttelte heftig den mit spärlichem Haarwuchs bedeckten Kopf.

»Da bringen mich keine zehn Pferde hinauf«, stieß er heiser hervor.

»Wegen des Dämons?«, hakte sie sofort nach.

Der Mann wurde kreidebleich und griff sich ans Herz.

»Kein Wort mehr«, stammelte er. »Ich bitte Sie, Miss! Mit solchen Dingen soll man nicht scherzen.«

»Mir war noch nie so wenig zum Scherzen zumute wie jetzt«, entgegnete Jennifer bitter. »Ich suche meinen Verlobten. Ich muss ihn finden. Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen.«

»Ich verstehe Sie sehr gut, Miss«, gab der Wirt leise zurück. »Sie wissen, dass ich eine Menge für Sie tun würde. Aber verlangen Sie nicht, dass ich mit Ihnen auf den Berg gehe. Niemand geht mehr hinauf. Sogar der Bahnbetrieb wurde eingestellt.«

»Hast du nichts zu tun?«, fauchte Cleo Hammer von der Küche her.

Milton hatte sie nicht länger ablenken können.

Die misstrauische Frau hatte die Gefahr gerochen.

Der Wirt zuckte wie ein ertappter Sünder herum.

»Fragen Sie Reverend Redgrave!«, flüsterte er, bevor er in der Küche verschwand.

 

*

Sie suchten den Geistlichen in seiner Kirche auf.

Es hatte sich schon bis zu ihm herumgesprochen, dass sich Fremde im Ort befanden, die eines Verschwundenen Spur verfolgten.

Reverend Redgrave war typischer Dorfpfarrer.

Die beiden schätzten ihn auf fünfundfünfzig, obwohl sein Haar bereits schlohweiß war.

»Ihr seid zu mir gekommen«, begann er, »und ich will euch raten. Setzt euch in euren Wagen und fahrt dorthin, wo her ihr gekommen seid. Llanforest ist kein ruhiger Ort mehr, seit die Fremde hier ist. Sie hat keinen guten Blick. Ich spüre das. Sie macht um unser Gotteshaus immer einen weiten Bogen, dabei könnte ihr ein Gespräch sicher helfen.«

»Eine Fremde? Kennen Sie ihren Namen?«

Der Schattenjäger hatte einen bestimmten Verdacht.

Der Reverend schüttelte den Kopf.

»Ich weiß nichts über sie, und der Herr möge mich strafen, wenn ich ihr Unrecht tue. Sie kam vor fünf Tagen, und seitdem ist es hier nicht mehr geheuer. Ich sollte nicht darüber sprechen, aber ich kann nicht zulassen, dass auch ihr noch verschwindet.«

»Verschwindet?«, fragte Jennifer Britten aufgeregt. »Wer ist verschwunden?«

»Menschen, die in unser Dorf kamen. Es dürften inzwischen fünf oder sechs sein. Sie stiegen auf den Snowdon und kehrten nicht mehr zurück. Erst gestern wurde eine Frau als vermisst gemeldet. Sie war mit ihrem Mann oben, als das Unwetter losbrach.«

»Und ihr Mann?«

»Er sucht sie noch immer, doch er wird sie nicht finden. Die Fremde, mit der er hinaufgestiegen ist, hat den Berg verhext.«

Milton wollte wissen, was die Polizei unternommen habe, um die Verschwundenen wiederzufinden.

Reverend Redgrave winkte müde ab.

»Cottrill hat die ersten beiden Fälle weitergemeldet. Er hat wahrheitsgemäß berichtet, dass von den Bewohnern Schreie gehört worden seien. Außerdem hat man merkwürdige Dinge über dem Berg gesehen. Eine unheimliche Erscheinung ohne Gesicht. Es wurde auch das Heulen von Wölfen vernommen, obwohl es seit Menschengedenken bei uns diese Tiere nicht gibt. Wie die Polizei in Bangor reagiert hat, könnt ihr euch vielleicht vorstellen. Jedenfalls hütet sich Cottrill seitdem, auch nur noch eine Bemerkung darüber zu machen. Er rührt keine Hand mehr.«

Milton Sharp sah seine Begleiterin an.

Auch sie war bei der Erwähnung der Wölfe zusammengezuckt.

Sie dachten beide dasselbe.

»Diese Frau, von der Sie sprachen, die unheimliche Fremde, wie sieht sie aus?«

»Viele würden sie als hübsch bezeichnen«, sagte der Geistliche. »Wahrscheinlich ist sie sogar sehr schön. Ich kenne mich mit dieser Art von Schönheit nicht aus. Schwarze Haare hat sie jedenfalls, und niemand im Ort weiß, wo sie eigentlich wohnt Die Hammers führen das einzige Gasthaus, aber bei denen ist sie nicht abgestiegen. Sie taucht nur manchmal auf, und heute hat sie Mister Askew begleitet. Das habe ich gar nicht gern gesehen. Diese Frau hat das Böse im Leib!«

Jennifer Britten wurde blass.

»Noelle«, sagte sie tonlos.

Milton nickte.

»Wahrscheinlich hast du recht.«

Er erklärte dem Prediger, was sie über diese Frau wussten.

»Noelle Tyrell war Miss Brittens beste Freundin. Sie bewohnten gemeinsam dasselbe Haus. Doch ihre Freundschaft war falsch. Sie verriet Miss Brittens Verlobten an einen fürchterlichen Dämon, der ihn raubte und wahrscheinlich nach hier verschleppte. Noelle verriet das, bevor sie floh. Vor unseren Augen hat sie sich in eine reißende Wölfin verwandelt. Sie dient Xurus, dem Düsteren. Von ihm wurde sie offenbar mit magischen Fähigkeiten ausgestattet. Es scheint so, als könnte sie sich aus der Wölfin nach Belieben wieder zurückverwandeln.«

»Wenn das wahr ist«, stammelte Redgrave entgeistert, »dann ist auch Askew verloren. Sie hat ihn vermutlich als Wölfin längst umgebracht. So wie vor ihm dessen Frau und die anderen Menschen, die nie wieder aufgetaucht sind.«

»Vielleicht können wir es noch verhindern«, erklärte der Schattenjäger hoffnungsvoll. »Wir müssen diese Bestie zu fassen kriegen. Sie soll uns zu Xurus führen. Und vor allem zu Glyn, meinem Bruder.«

 

*

 

Sie hörten nicht mehr auf die eindringlichen Warnungen des Reverend.

In ihnen war nur ein Gedanke.

Noelle, die Verräterin, befand sich in der Nähe und ging einem blutigen Handwerk nach, falls sich ihr Verdacht bestätigte.

Mitleidlos tötete sie.

Vielleicht für Xurus, vielleicht weil sie sich selbst von ihnen ernährte.

Ein grauenvoller Gedanke.

Sie machten sich auf den Weg.

Sie wussten, dass Bart Askew schon zeitig mit der Fremden aufgebrochen war. Seitdem hatte man nichts mehr von ihnen gehört, und auch Mrs Askew war nicht wieder aufgetaucht.

Wieder versuchte Milton, Jennifer zur Umkehr zu bewegen.

Ihm wäre wohler gewesen, wenn sie im Gasthaus auf ihn gewartet hätte, doch das lehnte sie rundheraus ab.

»Ich bin nicht mit dir nach Llanforest gefahren«, erklärte sie wild, »um mich hier hinter einem Tresen zu verkriechen, während Glyn meine Hilfe braucht.«

Sie ließ offen, wie diese Hilfe aussehen sollte.

In Brighton war sie dem Tod nahe gewesen, als sie nicht nur die vier Ziegenköpfigen, sondern auch das mächtige Skelett mit dem abscheulichen Mumienkopf gegen sich hatte.

Sie trug ein silbernes Kreuz um den Hals.

Milton hatte es ihr geschenkt, weil er sich davon einigen Schutz für die Frau erhoffte.

Jennifer lief neben ihm her.

Die Schuhe, die sie trug, waren dem Geröll nicht gewachsen.

Sie schleuderte sie fort und lief barfuß weiter.

»Glaubst du, dass Glyn noch lebt?«, fragte sie nach einer Weile.

Milton sah sie nicht an. Er hastete weiter.

»Wenn er tot wäre, würden wir das spüren«, sagte er.

In diesem Augenblick ertönte ein grässlicher Schrei.

Der Himmel verdüsterte sich.

Unheimliche Wolken tauchten über dem Gipfel auf.

Sie sahen wie riesige Hände aus, die im Begriff standen zuzupacken.

»O Gott!«, murmelte Jennifer, und auch Milton ahnte nichts Gutes.

 

*

 

Bart Askew wusste, dass es um Leben oder Tod ging.

Gewaltsam drängte er die Lähmung zurück.

Er musste seine Nerven behalten, wenn ihn die grausige Wahrheit auch schier umbrachte.

Auge in Auge stand er mit der Mörderin, die sich sein Vertrauen erschlichen hatte.

Sie krümmte sich, um ihn anzuspringen. Als Wölfin war sie größer und kräftiger.

In seinen Händen hielt er noch immer die Taschenlampe und das Messer.

Ganz wehrlos war er also nicht, wenn er sich auch schon wie tot fühlte.

Als sie auf ihn zusprang, warf er sich zur Seite und versuchte, ihren Körper mit der Klinge aufzuschlitzen.

Er war nicht sicher, ob er sie überhaupt getroffen hatte, denn er hatte nicht den geringsten Widerstand gespürt.

Auch heulte sie nicht auf oder blutete.

Bart dachte an Esther.

Hass gegen dieses Geschöpf des Bösen stieg in ihm auf.

Er hätte fliehen können, denn momentan war der Eingang der Höhle frei, doch er wollte den Tod seiner Frau rächen. Deshalb warf er sich herum und sprang nun seinerseits die schwarze Wölfin an, die ihn knurrend erwartete.

Ein einziger Hieb ihrer Pranke schleuderte ihn tief in die Höhle.

Gleich darauf sprang die Wölfin.

Er blickte direkt in ihren weit aufgerissenen Rachen, in dem es nach Feuer und Schwefel stank.

Es stand außer Zweifel, dass es sich um eine Ausgeburt der Hölle handelte.

Bart ließ die Taschenlampe fallen, um das Messer mit beiden Fäusten fassen zu können.

Er stellte die Klinge steil auf und empfing damit die sich Wehrende.

Er wunderte sich selbst über seine Kaltblütigkeit.

Aber alles, woran ihm gelegen war, hatte er ja schon verloren.

Da war es nicht mehr so schwer, mutig zu sein.

Die Bestie prallte gegen ihn und schleuderte ihn auf den Rücken.

Er durchbohrte sie mit dem Messer, aber wieder richtete er nichts aus.

Entsetzt begriff der Mann, dass er mit normalem Stahl nichts ausrichten konnte.

Er wusste, dass er auf verlorenem Posten stand und hatte die Chance zur Flucht vergeblich verspielt, ohne Esthers Tod rächen zu können.

Trotzdem schlug er in sinnloser Wut zu, als sich das schwarze Untier auf ihn stürzte.

Ein Hieb traf ihn.

Die Krallen rissen blutige Bahnen in seine Schulter. Bart wimmerte.

Er strauchelte und ließ das Messer fallen, das ihm ohnehin nichts nützte, um seinen Sturz abfangen zu können.

Etwas Hartes geriet zwischen seine Finger. Es fühlte sich kalt und glatt an.

Es waren Knochen. Der Größe nach handelte es sich um Knochen eines Oberschenkels. Grauen durchflutete ihn.

Gleichzeitig erinnerte er sich, dass das Kreuz angeblich vor den Mächten der Hölle schützte.

Er rollte sich zur Seite, wobei er die Knochen an sich riss. Hastig bildete er aus ihnen ein Kreuz und hielt es weit von sich gestreckt.

Die Wölfin raste heran. Ihr Hecheln erfüllte die Höhle.

Sie knurrte ungehalten, als sie das Kreuz gewahrte, und schlug danach.

Bart Askew hielt die Knochen fest. Sie waren sein einziger Schutzschild.

Doch schon bald stellte sich heraus, dass die Wirkung des beinernen Kreuzes nicht groß war.

Die Bestie rückte näher.

Noch reichte ihr Respekt vor dem primitiven Kreuz aus, aber sie wurde ständig aggressiver, und als es ihr gelang, mit einem unheimlichen Schlag Barts linken Arm zu lähmen, löste sich das Knochenkreuz in seine Bestandteile auf.

Jetzt war er verloren.

Er besaß weder die Kraft noch den Mut, es ein weiteres Mal mit dem Scheusal aufzunehmen.

Er dachte nur noch an Flucht, für die es längst zu spät war.

Er rannte los.

Es schien auch so, als hätte die Wölfin nicht mit einer so plötzlichen Flucht gerechnet, denn sie zögerte. Doch dann jagte sie wütend hinterher und warf sich knurrend auf ihr Opfer.

Bart schrie auf.

Der Schmerz war kaum zu ertragen, bis ein gnädiges Geschick den Mann erlöste.

Die Wölfin hatte blutige Ernte gehalten.

Mit zufriedenem Knurren schickte sie sich an, ihre grausige Mahlzeit zu beginnen, als sie zusammenzuckte.

Ihre Ohren stellten sich auf.

Das Nackenhaar sträubte sich.

Knisternde Funken sprangen über.

Es roch nach verbranntem Fleisch.

Von draußen waren erregte Stimmen zu hören. Dann fiel ein Schatten in die Höhle.

Ein hochgewachsener, breitschultriger Mann tauchte auf.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906172
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v349127
Schlagworte
milton sharp xurus höllenhund

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Titel: Milton Sharp 2: Xurus Höllenhund