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Callahan 3: Wo die Mördersonne brennt

2016 120 Seiten

Leseprobe

Wo die Mördersonne brennt...

CALLAHAN

Band 3

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Ein Western von John F. Beck

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Charles Schreyvogel mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Diese verdammten Hundesöhnen wollten mich beim Pokerspiel übers Ohr hauen. Bei jedem anderen hätten sie vielleicht Glück gehabt. Aber nicht bei einem Kerl wie mir, der das Unheil schon ahnte, bevor es so richtig begann. Das war aber erst der Anfang einer Kette von schicksalhaften Ereignissen. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nämlich noch nicht, dass mir diese Bastarde noch einmal über den Weg laufen würden. Zu einem Zeitpunkt, an dem ich am wenigsten damit gerechnet hatte. Nämlich auf dem Weg nach Mexiko. Die schöne Janice Rushford hatte mir Geld geboten, wenn ich sie und eine Wagenladung Dynamit begleiten würde. Die Lady war schon eine Sünde wert – und genau das führte zu jeder Menge Ärger ...

Roman

Mitten im Spiel warf der Kerl, der mir gegenüber saß, sein auseinandergefächertes Pokerblatt auf den Tisch. Im selben Moment hielt er auch schon einen 38er Remington Revolver in der anderen Hand. Die Mündung starrte mich über die in der Tischmitte aufgehäuften Münzen und Geldscheine wie ein schwarzes Todesauge an. Damit schien meine Glückssträhne beendet.

Jackman, so hieß der Bursche, war sicher einer von denen, die ihr Schießeisen nur in die Faust nahmen, wenn sie auch zum Abdrücken entschlossen waren. Jammerschade um mein schönes Full House! Ich hatte mich eine Sekunde lang von meinen drei Kings und zwei Zehnern ablenken lassen. Das war die Chance, auf die Dean Jackman wohl schon den halben Abend gewartet hatte.

Ich schob meine fünf Glücksbringer zu einem dünnen Päckchen zusammen und lehnte mich auf dem Stuhl zurück. „Es ist ein Kreuz mit solchen Geizhälsen, wie du einer bist, Compadre. Man hat euch zwar beigebracht, wie man pokert, aber nicht, wie man mit Anstand verliert.“

Ich probierte ein möglichst unverschämtes Grinsen. Nicht, weil ich wild drauf war, mich mit einem Kugelloch verzieren zu lassen, sondern weil ein wütender Gegner sich leichter zu einem Fehler hinreißen lässt. Jackman jedoch blieb eiskalt.

Er war ein großer, schlanker Hombre, der in seinem eleganten Maßanzug wie ein Dandy aus New Orleans aussah. Aber ich hatte schon anfangs gewittert, dass er ein scharfer Hund war. Sein schmales, sonnengebräuntes Gesicht blieb ausdruckslos. Nur die dunklen Augen funkelten ein bisschen heftiger. Seine Stimme hatte auf mich eine Wirkung, als würde ein Kübel voll eisigen Wassers über mich ausgekippt.

„Du irrst, Callahan! Die Lektion, die ich hier anwende, heißt: Wie lege ich einem verdammten Falschspieler sein dreckiges Handwerk! Roan, Briscoe, vorwärts, durchsucht ihn! Ich wette, ihr findet nicht nur ein verstecktes Ass bei diesem Kerl!“

Die beiden Typen, die wie zum Sprung geduckt auf ihren Stühlen hockten, hatten nur darauf gewartet. Mit einem hässlichen Grinsen auf den derben Gesichtern standen sie auf. Im Gegensatz zu Jackman wirkten diese zwei unrasierten, abgerissenen Burschen wie Galgenvögel auf der Flucht. Vielleicht waren sie das auch. Sie stanken nicht nur nach Schweiß und Fusel, sondern vor allem auch nach Gewalttätigkeit. Welcher Teufel hatte mich bloß geritten, dass ich mich ausgerechnet mit diesem Trio zu einer Pokerpartie hingesetzt hatte!

Im Saloon, der nicht viel mehr war als eine aus Kistenbrettern zusammengenagelte Baracke, waren inzwischen die Gespräche verstummt. Mitternacht war schon vorbei, und nur mehr an zwei, drei Tischen saßen ein paar Leute. Gespannt blickten sie zu uns herüber.

Der Wind, der nach Einbruch der Dunkelheit aufgekommen war, hatte sich zum regelrechten Sturm ausgewachsen. Er drohte Whitehill, dieses armselige Kaff am Rand der Gilawüste, unter gewaltigen Sandmassen zu ersticken. Der Keeper hatte zwar die Läden geschlossen, aber das Heulen und Toben da draußen war so mörderisch, dass es mich wunderte, wieso diese Bruchbude von Saloon überhaupt noch stand.

Es war noch keine vierundzwanzig Stunden her, dass ich aus der Gluthölle der Gila hier in Whitehill gelandet war. Bei dem Gedanken, jetzt noch da draußen zwischen den Sanddünen und Geröllfeldern zu stecken, schutzlos diesem brüllenden Ungeheuer Sturm ausgeliefert, verlor sogar der Sechsschüsser in Jackmans Faust etwas von seinem Schrecken.

Bevor Roan und Briscoe heran waren, erhob ich mich ebenfalls. Diese verflixte schwarze Revolvermündung, die meinen Blick immer wieder wie magisch anzog, bewegte sich mit mir.

„Bleib nur schön friedlich, Callahan!“, warnte mich Jackman kalt. „Hier kräht kein Hahn nach einem Kartenhai, der mit ’nem falschen Ass im Ärmel auf dem Boot Hill landet. Roan, nimm ihm die Kanone weg! Briscoe, zieh ihm die Jacke aus! Seid vorsichtig, der Bastard ist gefährlich!“

Sie waren vorsichtig, aber nicht vorsichtig genug. Mittlerweile war ich nämlich auf dem Siedepunkt, auch wenn ich nach außen die Ruhe in Person blieb. Es ging längst nicht mehr nur um die zweihundert Bucks, die auf dem Tisch lagen. Für Jackman vielleicht. Für mich stand mein Skalp auf dem Spiel. Erstens war Whitehill nämlich ein Nest, in dem es weder einen Sheriff noch einen Town Marshal gab. Zweitens würde keiner hier drinnen einen Finger für einen Fremden rühren, der des Falschspiels überführt wurde. Genau das würde aber passieren, wenn Briscoe meine Jacke in die Hände bekam.

Der Kerl mit dem grimmigen Bulldoggengesicht war gewiss imstande, eine ganze Sammlung falscher Asse in meine Ärmel zu zaubern. Das war für mich kein neuer Dreh. Manchmal war es jedoch gesünder, wenn man sich dumm stellte.

„Nur keine falsche Hast, Jungs“, lächelte ich, als würde der Sixshooter in Jackmans Rechter nicht existieren. „Ich brauche niemanden, der mir aus den Klamotten hilft.“

Ich schlüpfte aus der Jacke, tat, als wollte ich sie Briscoe reichen, warf sie aber blitzschnell Roan über den Kopf, ehe er mir den Peacemaker wegschnappen konnte. Der Trumpf, auf den ich nun alles setzte, war meine Schnelligkeit.

Ich riss den runden Tisch hoch und schleuderte ihn auf Jackman. Das Krachen des Remington vermischte sich mit dem Brausen des Sandsturms. Das Blei durchschlug die Tischplatte. Da Jackman aber bereits samt Stuhl nach hinten sauste, richtete die Kugel keinen Schaden an, außer dass sie ein Loch in die verräucherte Saloondecke bohrte. Dort passte es jedenfalls besser hin als in meine Haut.

Während noch Münzen, Geldscheine und Spielkarten durch die Luft wirbelten und von Jackman nur mehr die unter dem Tisch hervorragenden Beine zu sehen waren, schnellte ich wie ein Tiger herum. Die volle Wucht der Drehung saß hinter dem Hieb, den ich Briscoe in den Bauch pfefferte. Das Bulldoggengesicht hatte zwar noch seinen 45er aus dem Leder gebracht, aber dabei blieb es.

Seine plötzliche tiefe Verneigung gefiel mir nicht. Ich halte nichts von Unterwürfigkeit. Also richtete ich ihn mit einem blitzschnellen und prächtig gezielten Haken wieder auf. Der Kerl starrte mich glasig an. Seine Faust öffnete sich, sein Colt polterte auf die mit Sägemehl bestreuten Dielen. Überzeugt, dass Briscoe sich ebenfalls gleich dort unten aufhalten würde, wollte ich nach Roan, dem ich meine Jacke verehrt hatte, Ausschau halten.

Aber das war ein ganz Ungeduldiger. Und er hatte so seine eigenen Methoden, sich bemerkbar zu machen. Im angelaufenen Spiegel über der Bar sah ich den von hinten über meinem Kopf schwebenden Stuhl im allerletzten Augenblick. Keine Zeit mehr, herumzuwirbeln. Ich schleuderte mich verzweifelt zur Seite.

Wo ich eben noch gestanden war, gab es Kleinholz. Der Schwung des mörderischen Hiebs riss Roan nach vorn. Ich lag am Boden und rammte ihm meine Stiefelabsätze gegen die Beine. Er stürzte mit einem heiseren Aufschrei über die Bestandteile des zertrümmerten Stuhls.

Bevor er kapierte, wie es zuging, war ich über ihm. Ich hatte so eine Ahnung, dass Roans Schädel nicht bloß so stur, sondern auch so massiv wie der eines Bisons sein würde. Also riskierte ich gar nicht erst, mir meine Fäuste an ihm kaputtzuschlagen, bis er ebenfalls auf dem Weg ins Reich der Träume war. Viel besser klappte das mit dem Stahllauf meines Colts.

Inzwischen hatte Dean Jackman sich von dem umgeworfenen Tisch befreit. Er dachte gleichfalls nicht daran, sich auf einen Faustkampf einzulassen. Er hatte immer noch seinen Revolver. Seine verkniffene Miene verriet, dass er ihn auch benutzen wollte.

Gleichzeitig kamen wir hoch. Es war Jackmans Pech, dass ich ebenfalls den Sechsschüsser in der Faust hielt. Wir standen uns auf vier Schritte gegenüber, jeder den Finger am Drücker. Eine dunkle Strähne hing Jackman in die Stirn. Ich sah den Hass in seinen Augen. Ich zielte auf den zweitobersten Knopf seiner Chinaseidenweste, die er unter der offenen grau gestreiften Anzugjacke trug.

„Ich bin sicher, wir bekommen ein großartiges Begräbnis, wenn wir uns jetzt gegenseitig ins Jenseits befördern“, rief ich. „Was von dem hier herumliegenden Geld dann noch übrig bleibt, reicht für unsere Freunde hier, um eine Woche lang im nachhinein auf unser Wohl zu trinken. Schon deshalb werden sie uns garantiert in dankbarer Erinnerung behalten. Was meinst du, Jackman?“

Ich sah ihm an, dass er für die Chance, mir doch noch sein Blei zu servieren, gern auf die Moneten verzichtet hätte. Jedoch nicht auf sein Leben.

„Möglich, dass du recht hast, Callahan.“ Das Feuer in seinen Augen erlosch. Er war wieder der kühle, durch nichts zu erschütternde Pokerspieler. Er ließ den Remington in der tiefhängenden, mit Lederriemen an seinem Oberschenkel festgebundenen Halfter verschwinden.

Kein Wort mehr. Er war kaltblütig genug, mir den Rücken zuzuwenden und die Theke anzusteuern. Vielleicht hatte er aber auch ganz einfach erkannt, dass ich kein Bursche war, der einen Gegner von hinten anging oder gar auf einen Mann schoss, der keine Waffe in der Hand hielt. Ich behielt meinen Peacemaker zwischen den Fingern, als ich die Jacke aufhob. Ich schüttelte sie, um den Gaffern zu zeigen, dass sowohl ihre Taschen als auch die Ärmel leer waren.

„Wenn noch einer denkt, ich hätte mit faulen Tricks gearbeitet, dann soll er mal Briscoe unter die Weste sehen. Da findet er sicher die Asse, die bei mir hätten zum Vorschein kommen sollen.“

Keiner rührte sich. Auch der Keeper nicht. Der dicke, glatzköpfige Mann verharrte wie ein Stein gewordener Buddha. Jackman goss sich selber einen Drink ein. Ich bückte mich nach dem Geld, das ich gesetzt hatte. Die übrigen Dollar ließ ich liegen. Sollten Jackman und seine Freunde sie sich an den Hut stecken oder sonstwohin!

Als ich mich aufrichtete, begegnete mein Blick Jackmans Augen im Barspiegel. Jackman trank gerade. Ruhig setzte er das Glas ab.

„Irgendwann sehen wir uns wieder, Jed Callahan, und dann wirst du dein Eisen nicht rechtzeitig genug in die Hand bekommen“, sagte er kühl und ohne sich umzudrehen. Es war ein Versprechen, eins, auf dessen Einlösung ich gern verzichtet hätte.

„Vergiss nicht zu üben“, erwiderte ich spöttisch, während ich mit dem nach unten gerichteten Colt, die Jacke über der linken Schulter, rückwärts zur Tür ging. Doch statt es gleich zu versuchen, griff Jackman wieder nach seinem Drink.

*

Das Hotel, in dem ich mich eingemietet hatte, lag schräg gegenüber. Ich brauchte jedoch fünf Minuten, um über die Straße zu gelangen. Es war, als müsste ich mich auf dem Grund eines reißenden Flusses mühsam Schritt für Schritt vorankämpfen. Der Sturm zerrte wie mit tausend unsichtbaren Krallen an mir. Ich versank bis halb zu den Knien im Sand, den er tonnenweise aus der nahen Gilawüste herüberpeitschte.

Gleich als ich aus dem Saloon getreten war, hatte ich die Jacke angezogen, die Bandana, mein Halstuch, vors Gesicht gebunden und den Kinnriemen meines Stetsons festgezogen. Trotzdem hatte ich das Gefühl, jeden Moment ersticken zu müssen. Vor lauter Sand war kaum mehr genug Luft zum Atmen da.

Als ich nach einem halben Dutzend Yards zurückschaute, waren die Umrisse der Whiskyburg schon nicht mehr zu erkennen. Es hätte mich nicht überrascht, wenn der Saloon samt Insassen irgendwo droben bei den Wolken dahingesegelt wäre. Um mich waren nur Schwärze, sturmgepeitschter Sand und ein ohrenbetäubendes Fauchen und Jaulen, als wären sämtliche Bewohner der Hölle losgelassen worden.

Ich dachte an die Halunken, die mich in die Gila gejagt hatten. Wie Bluthunde waren sie hinter mir hergewesen, bevor ich ihnen eine Fährte hingezaubert hatte, die auch einem ausgekochten Apachenkrieger das Wasser in die Augen treiben konnte. Wüste Typen. Sie hatten es auf mein Pferd, meine Waffen und vor allem auf die Dollars abgesehen, die ich bei einer glücklichen Pokerpartie in einem mexikanischen Grenznest gewonnen hatte. Wenn die jetzt noch irgendwo dort draußen in der Wüste steckten, wo ich sie abgehängt hatte, dann gute Nacht! Dann konnten sie mir echt leid tun, so sehr sie sich auch angestrengt hatten, mich dorthin zu befördern, wo nun auch Jackman mich gern haben wollte.

Ich wunderte mich, dass ich es schaffte, plötzlich vor dem Hoteleingang zu stehen. Licht schimmerte durch eine Türritze. Der Bau hieß prahlerisch „Grand Palace“. Wahrscheinlich nur deshalb, weil er das einzige doppelstöckige Gebäude in dem Kaff war. Mir schien, als wankte und knirschte der Kasten in allen Fugen, so dass ich schon überlegte, ob ich nicht lieber bei meinem Braunen im Mietstall unterkriechen sollte. Aber es war lange her, dass ich in einem weichen Bett gelegen war. Auch der verflixte Sturm sollte mich nicht daran hindern. Er riss mir fast die Tür aus der Hand, als ich hineinschlüpfte.

Eine Petroleumlampe verbreitete schummrige Helligkeit. Das schmächtige Kerlchen auf dem Hocker hinter der Rezeption brachte das Kunststück fertig, nicht aufzuwachen. Auf der wackligen Treppe ins Obergeschoss spürte ich das Zittern und Knistern der Wände noch deutlicher. Aber sicher war es nicht der erste Sandsturm, den der „Grand Palace“ überstanden hatte.

Ich pfiff vor mich hin, als ich mein Zimmer am Ende des schmalen, ebenfalls von einer Lampe erhellten Korridors ansteuerte. Es gab keine Schlüssel. Ich trat einfach ein. Zum Glück befand sich das Fenster auf der vom Sturm abgewandten Seite. Es war pechfinster. Kaum dass ich die Tür zugedrückt hatte, spürte ich, dass ich nicht allein war.

Im Toben des Sturms warnte mich kein Geräusch. Aussichtslos, nach Atemzügen oder einem Rascheln zu lauschen. Es war mein Instinkt, mein Unterbewusstsein, das reagierte. Ein Leben, das seit langem aus einer Kette von Abenteuern und Gefahren bestand, hatte meine Sinne geschärft, mich gestählt.

Es gab Leute, die mich für einen eiskalten Hund hielten, weil ich es fertigbrachte, lächelnd auf einen Mann mit schussbereitem Colt zuzumarschieren. Von dem kalten Schweiß auf meiner Stirn wussten sie nichts. Vielleicht war das auch ganz gut so.

Ich schwitzte auch jetzt, während ich stocksteif verharrte und unwillkürlich den Atem anhielt. Die Vorstellung, dass im Dunkeln ein geladenes Schießeisen nach einem Ziel - und zwar nach mir! - suchte, behagte mir nicht. Nichts rührte sich. Nur der Sturm schüttelte wie ein irres Ungeheuer an den Ecken des Gebäudes. Vergeblich wartete ich darauf, dass meine Augen sich besser an die Schwärze gewöhnten. Es war zu finster.

Langsam, als könnte dennoch eine zu hastige Bewegung auffallen, zog ich den Colt. Dann holte ich ein Schwefelholz hervor. Mit der ausgestreckten Hand, möglichst weit weg von meinem Körper, riss ich es an der Tür an. Bereit, mich im Krachen eines Schusses sofort niederzuwerfen und zurückzufeuern.

Nichts dergleichen geschah. Für einen Moment wusste ich nicht, ob ich wachte oder träumte. Die Streichholzflamme verbrannte mir die Fingerkuppen, und ich starrte noch immer gebannt auf die junge Frau, die lächelnd auf der Kante meines Betts saß.

„Hallo, Callahan, da sind Sie ja endlich!“

Ihre Stimme kam schon wieder aus dem Finstern.

Ich ließ das verbrannte Hölzchen fallen und riss ein neues an. Gleich darauf brannte der Docht der Petroleumlampe an der Zimmerdecke. Der Glaszylinder war zwar ziemlich verrußt, aber das Licht reichte aus zu erkennen, wie verteufelt hübsch die Kleine war. Ich vergaß Jackman, den Sturm und die schäbige Umgebung, in der ich schon zufrieden gewesen wäre, wenn mein Bett von Wanzen verschont blieb.

Und nun diese Frau! Ausgerechnet in Whitehill, und noch dazu mitten in der Nacht auf meinem Zweidollarzimmer! Wahrscheinlich starrte ich sie an, als hätte ich eins mit der Keule über den Kopf bekommen. Sie war garantiert nicht von der Sorte, die im Service des „Grand Palace“ einbegriffen war.

Eine Fülle von kastanienfarbenem, seidig schimmerndem Haar umrahmte das faszinierende Gesicht. Dunkelblaue Augen, in deren Tiefe sich ein Mann verlieren konnte. Ein Mund, der zum Küssen einlud, aber auch Herbheit verriet. Und diese Figur! Das Cape über den weich gerundeten Schultern war ein wenig verrutscht. Deutlich zeichneten sich die runden, festen Brüste unter dem dünnen Blusenstoff ab. Mir war auf einmal verdammt heiß. Ich fühlte mich plötzlich, als hätte ich ein paar Drinks zuviel gekippt.

Die Frau musterte mich ruhig, aufmerksam und ein wenig spöttisch, wie mir schien. Sie saß da, als wartete sie auf eine Entschuldigung von mir, ich hätte mich im Zimmer geirrt. Aber, verflixt noch mal, das war meine Bude! Da hingen meine Satteltaschen über der Stuhllehne. Daneben lag meine Winchester 73 auf dem wurmstichigen Tisch. Und sie hatte mich außerdem mit meinem Namen angesprochen. Mit hartem Grinsen ging ich auf sie zu.

„Okay, Lady, ich habe nichts dagegen, wenn Sie zu mir ins Bett wollen. Sollten Sie jedoch aus einem anderen Grund hier sein, haben Sie sich ’nen verdammt schlechten Zeitpunkt für Ihren Besuch ausgewählt.“

Das brachte sie hoch. Da war kein Spott und kein kühles Taxieren mehr in ihrem Blick.

„Glauben Sie ja nicht, ich hab’ hier zum Spaß so lange auf Sie gewartet!“, fauchte sie mich an.

Wütend war sie beinahe noch hübscher. Sie stand so dicht vor mir, dass ich die Wärme ihres biegsamen Körpers spürte. Es war nicht nur lange her, dass ich in einem weichen Bett gelegen hatte - aber der Henker sollte mich holen, wenn ich die Zügel jetzt nicht eisern in der Faust behielt. Mein Grinsen wurde noch breiter.

„Warum dann?“

Ich ließ mich neben ihr aufs Bett fallen. Das Quietschen der Sprungfedern kam gegen das Heulen des Sandsturms nicht an. Das matt erhellte Zimmer war wie eine Insel in einem orkanzerwühlten Ozean. Die Frau raffte ihr Cape zusammen. Für einen Moment schien sie zu frösteln. Ihre Stimme klang geschäftsmäßig.

„Ich konnte mir den Zeitpunkt nicht aussuchen, Callahan. Denn morgen früh sind wir schon unterwegs, falls der Sturm bis dahin aufgehört hat. Ich hoffe sehr, Sie sind dann mit dabei.“

Es gab zwei Dinge, für die ich mich restlos begeistern konnte. Eins davon war Pokern. Dabei hatte ich gelernt, mit keiner Miene zu verraten, ob ich gerade ein gutes oder schlechtes Blatt in der Hand hatte. Ich zeigte auch jetzt nicht, wie gespannt ich war.

„Sind Sie sicher, Ma’am, dass ich der Mann bin, zu dem Sie wollten?“

„Ganz sicher. Ich bin Janice Rushford, und ich habe schon drüben in New Mexico von Ihnen gehört. Damals, ehe ich meinem Vater nach Mexiko folgte.“

„Trotzdem wagen Sie sich hierher?“, warf ich ironisch ein. Ich wusste nur zu gut, dass ich für die meisten ein Revolvermann, Herumtreiber, Kartenhai und Weiberheld war, der einfach so in den Tag hinein lebte. Zum Teil stimmte das. Aber von meiner Vergangenheit, in der das Schicksal verdammt rau mit mir umgesprungen war, sprach keiner. Janice Rushford überging meine Bemerkung ohnehin.

„Als ich vom Portier erfuhr, dass Sie gestern geradewegs aus der Gila gekommen sind, war mir klar, dass ich Sie, Callahan, unbedingt mit auf meiner Lohnliste haben muss!“

Jetzt reagierte ich fast so wie sie vorhin. Mein Grinsen war weg. Ich saß plötzlich kerzengerade.

„Keine zehn Pferde bringen mich in dieses Sandloch zurück!“

„Keine zehn Pferde“, lächelte sie, „aber vielleicht die zweihundert Dollar, die ich Ihnen zahlen, wenn Sie mich und meine Freunde mit einem Frachtwagen durch die Wüste zur mexikanischen Grenze bringen.“

Ich stand ruckartig auf, packte sie an den Schultern und wies mit einer heftigen Kopfbewegung auf das schwarze Fenster, vor dem der Sturm wütete.

„Reicht Ihnen die Kostprobe nicht, die Ihnen die Gila da liefert? Was glauben Sie, würde Ihnen und Ihren Freunden jetzt blühen, wenn Sie da draußen wären? Glauben Sie denn, so ein Sandsturm kommt nur alle zehn Jahre einmal vor? Wenn Sie wissen, dass ich aus der Gila kam, dann wissen Sie noch lange nicht alles! Nämlich nicht, dass ich nicht freiwillig dort war und auch nicht freiwillig dorthin zurückkehre! Mein Skalp ist mir nämlich einen ganzen Batzen mehr wert als zweihundert Bucks, die ...

Der Ausdruck in ihren großen, blauen Augen ließ mich verstummen. Ein Ausdruck voller Verzweiflung, der bestimmt nicht gespielt war und von dem sie auch nicht wollte, dass ich ihn bemerkte. Deshalb riss sie sich los. Ihr Cape flatterte zu Boden. Ihre Brüste hoben und senkten sich heftig. Ihre Taille war hinreißend schmal, der Schwung ihrer Hüften eine unübersehbare Verlockung.

„Zweihundertfünfzig ist alles, was ich bieten kann!“, stieß sie hervor. „Ich weiß, dass diese Summe für einen Mann wie Sie vielleicht lächerlich klingt! Aber wenn wir mit dem Wagen rechtzeitig in Sonoita sind und alles so läuft, wie mein Vater es...“

„Ich rede nicht von Geld, sondern davon, dass die Gilawüste die Hölle bedeutet, die kein Mensch herausfordern sollte, wenn er nicht dazu gezwungen wird!“

Ihr Blick senkte sich. Ihre Lippen zuckten leicht. Aber sie war gekommen, um ein Geschäft mit mir abzuschließen. Sie war keine Frau, die sich aufs Bitten und Jammern verlegte.

„Ich habe keine Wahl“, erklärte sie leise. „Der Weg durch die Wüste ist der kürzeste, und wenn wir in einer Woche mit dem Dynamit nicht über die Grenze sind, war alles umsonst. Dann...“

Ich war schon wieder bei ihr. Härter als beabsichtigt umschloss meine Hand ihren Arm.

„Dynamit?“, keuchte ich. „Sie wollen mit einer Wagenladung Dynamit mitten durch die Gila?“

„Ich muss! Das ist ein Unterschied. Außerdem bedeutet das Dynamit, in zwanzig Kisten verpackt, kein Risiko.“

„Nicht, solange niemand auf die Idee kommt, einen Bleihagel auf Sie, Ihre Freunde und den Wagen loszulassen! Das kann nur zu leicht passieren. Da sind zum Beispiel die Apachen. Banden von Kriegern, die um alles in der Welt nicht in einer vom weißen Mann zugewiesenen Reservation krepieren wollen, treiben sich auf der Flucht vor den Blauröcken in der Wüste herum. Und am Rand der Gila hält sich ständig eine Menge lichtscheues Gesindel auf. Immer auf dem Sprung, vor dem Gesetz zu verschwinden. Kerle, die hinter jedem her sind, bei dem sie ein bisschen Beute wittern. Wenn solche Bastarde rausfinden, was Sie transportieren, Janice, ist vollends die Hölle los. Drüben in Tucson können Sie zehn Kisten voll Dynamit vielleicht schon für fünfhundert Dollar haben. Aber da draußen in der Wildnis, Mexiko mit seinen Horden von Bandoleros und Möchtegern-Revolutionären vor der Nase, wird das Zeug wie Gold gehandelt. Ich selber kenne mindestens ein Dutzend wilder Burschen, die jederzeit und ohne zu zögern ihre Haut riskieren, um so eine Wagenladung in ihren Besitz zu kriegen.“

„Angst, Callahan?“

Sie wollte mich herausfordern. Ich lachte nur hart. „Nennen Sie’s, wie Sie wollen. Ich halte es jedenfalls für Wahnsinn, was Sie vorhaben. Wozu brauchen Sie das Zeug eigentlich? Wollen Sie die Nationalbank von Mexico City in die Luft sprengen?“

„Mein Vater besitzt eine Silbermine in den Bergen südlich von Sonoita“, berichtete sie. „Sie stammt noch aus der Zeit der Spanier. Jahrzehnte hindurch galt sie für seit langem ausgebeutet. Pa ist jedoch überzeugt, dass noch genug aus ihr herauszuholen ist, um ein für allemal ausgesorgt zu haben. Glauben Sie nur nicht, Callahan, er sei ein Greenhorn oder Phantast. Er hat Erzproben aus dem Berg geholt und sie untersuchen lassen. Er ist ein erfahrener Prospektor, der weiß, worauf es ankommt. Damals, als vor dem Krieg die großen Silberfunde in Nevada gemacht wurden, war er auch schon dabei. Nur hat er sein Leben lang wenig Glück gehabt...“

Sie lächelte schmerzlich, war aber gleich wieder bei der Sache.

„Pa musste einen Partner mit ins Geschäft nehmen, da seine eigenen Mittel nicht ausreichten, die Mine wieder einigermaßen in Schuss zu bringen. Das Silber, das bisher gefördert wurde, genügte kaum, die mexikanischen Arbeiter zu bezahlen. Doch Pa ist felsenfest überzeugt, dicht vor dem Ziel zu stehen. Nur muss es jetzt schnell gehen, bevor ihm die Arbeiter davonlaufen, weil er sie nicht mehr bezahlen kann. Er will sprengen. Es ist seine letzte Chance. Er ist entschlossen, den halben Berg wegzublasen, wie er sagt, um an das Silber zu gelangen. Es war die Idee seines Partners, eine Wagenladung Dynamit aus Tucson über die Grenze zu schaffen. Da Pa bei seinem Silberberg unabkömmlich ist, zog ich mit los. Die zweihundertfünfzig Dollar, die ich Ihnen biete, Callahan, sind Pas letztes Hab und Gut. Wenn wir den Wagen nicht durchbringen, ist er ruiniert. Wie Sie sich denken können, ist er nicht mehr der Jüngste. Ein Mann, der alles auf eine Karte gesetzt hat. Sieg oder Untergang. Verstehen Sie nun, weshalb ich hier bin?“

Sie erwartete keine Antwort Ihr Blick senkte sich tief in meine Augen. „Ich verspreche Ihnen, Callahan, dass viel mehr als zweihundertfünfzig Dollar für Sie herausspringen, wenn Pa seine große Silberader entdeckt!“

„Wenn!“, dehnte ich. „Glauben Sie denn daran?“

Sie zögerte. Es sprach für sie, dass sie mich nicht zu belügen versuchte. „Seit wir mit dem Dynamit Tucson verlassen haben, bete ich darum, dass Pa recht behält“, sagte sie leise.

Ich schüttelte den Kopf. „Er hätte das Geld für das Dynamit dazu verwenden sollen, Mexiko zu verlassen und sich irgendwo eine kleine Farm zu kaufen.“

Janices Schultern spannten sich. „Heißt das, Sie lehnen ab?“

„Ich hatte nie was anderes vor“, brummte ich. „Ich hab’ schon eine Menge verrückter Sachen gedeichselt. Aber für zweihundertfünfzig Bucks mit ’nem Wagen voll Sprengstoff durch die Gila? Nein, danke.“

Sie presste die Lippen zusammen. Grelle Flecken brannten plötzlich auf ihren Wangen. Dann trat ein abwesender Ausdruck in ihre Augen.

„Nun gut, Callahan“, sagte sie mit einer Stimme, die nicht ihr zu gehören schien. „Ich bin bereit, Ihnen mehr zu bieten.“

Draußen heulte der Sturm, die Bretterwände knarrten, und die Lampe an der Zimmerdecke schaukelte leicht. Aber mir blieb keine Zeit für Gedanken über die Baufestigkeit des „Grand Palace“. Denn während Janice mich ansah, mit einem Blick, als würde sie durch mich wie durch eine Glasfigur hindurchschauen, begann sie langsam, ihre Bluse aufzuknöpfen. Meine Kehle war trocken. Mein Herz schlug wie eine Indianertrommel, und ich fragte mich, wieso ich verdammter Narr noch wie festgewurzelt dastand, anstatt die Kleine in den Arm zu nehmen.

Ihre Haut schimmerte pfirsichfarben. Das lange, rötlich glänzende Haar bot einen wundervollen Kontrast dazu. Der Anblick ihrer vollen Brüste genügte, einen Mann um den Verstand zu bringen. Aber ihr Blick und ihre mechanischen Bewegungen hielten mich zurück. Sie war wie in Trance.

Sie zwang sich zu dem, was sie tat. Es war ein Teil des Geschäftes, das sie mir bot. Sie wollte mich bezahlen, sonst nichts, und das machte mich wütend. Ich hob ihr Cape auf.

„Wenn Sie morgen früh unterwegs sein wollen, sollten Sie sich noch ein paar Stunden Schlaf gönnen, Miss Rushford“, sagte ich förmlich.

Ihre Hände stockten, sanken herab. Dann ein Blitzen in ihren Augen. Ich dachte, gleich würde sie auf mich zuspringen und versuchen, mir ihre hübschen Nägel durchs Gesicht zu ziehen. Da riss sie mir das Cape aus der Hand und stürzte zur Tür.

Plötzlich fühlte ich mich wie ein lausiger Schuft. Ich begriff, wie verzweifelt sie war. Wie musste sie ihren Vater lieben, dass sie zu allem bereit war, ihm den Traum seines Lebens verwirklichen zu helfen! Ein Traum, wie auch ich ihm einmal nachgejagt  und dabei tüchtig auf die Schnauze gefallen war...

Ich erwischte Janice gerade noch am Arm. Sie fuhr herum, fauchend wie eine Wildkatze und holte aus, mir ihre kleine Faust ins Gesicht zu schmettern. Dabei schimmerten Tränen in ihren Augen. Ich fing ihr Handgelenk ab. Dann presste ich sie an mich. Ihr Körper war verkrampft, als ich sie küsste.

Sie presste die Lippen zusammen. Doch schließlich gab sie meinem Fordern nach. Diese Frau im Arm zu halten, dafür hätte mancher Hombre sicher Jahre seines Lebens verschenkt! Sie klammerte sich wie eine Ertrinkende an mich. Das Spiel ihrer Zunge verwandelte das Blut in meinen Adern zu kochender Lava. Doch nicht einmal jetzt verlor sie ihr Ziel aus den Augen.

„Du wirst mitkommen, Jed Callahan, nicht wahr?“, keuchte sie. „Versprich es mir!“

„Ich versprech’s.“

Dennoch bleibt es Wahnsinn, hatte ich sagen wollen, aber ihre Lippen verschlossen meinen Mund. Ich wusste nicht, war es der Sturm, der mir das Gefühl gab, dass Zimmerboden und Wände wackelten, oder das Fieber, das mich gepackt hatte. Ich nahm Janice auf meine Arme und trug sie zum Bett. Es gab, wie gesagt, zwei Dinge, für die ich mich restlos begeistern konnte. Gepokert hatte ich heute schon ...

*

Sonnenstrahlen kitzelten meine Nase und weckten mich. Das erste, was mir auffiel, war die absolute Stille. Ein geradezu unwirkliches Schweigen nach dem Toben des Sturms, das ich noch in den Ohren hatte. Blauer, wolkenloser Himmel strahlte durchs Fenster. Ich war allein. Mit einem Hauch von zartem Parfüm, der mich an das Versprechen erinnerte, das ich gegeben hatte.

Ich seufzte, grinste aber dazu, weil ich mich, verdammt noch mal, nach dieser herrlichen Nacht wie neugeboren fühlte. Ich grinste auch noch, als ich den Zettel neben meinem Bett auf dem Boden entdeckte.

„Komm nach, Callahan, wenn du ausgeschlafen hast!“, stand darauf. „Du brauchst nur der Fährte des Wagens nach Süden zu folgen. Janice.“

Na denn, Callahan, hoch mit dir, lass sie nicht warten! befahl ich mir. Irgend jemand hatte mir mal prophezeit, dass keine Revolverkugel, sondern eine Frau mein Verhängnis sein würde. Ich dachte in diesem Zusammenhang nicht an Janice, sondern an die Gila. Von mir aus! Ich war in einer Stimmung, es mit allen Teufeln der Hölle aufzunehmen. Wenn sogar dieser morsche Kasten, der sich protzig „Grand Palace“ nannte, dem Pestatem der Gila widerstanden hatte, dann, zum Teufel, würde die Wüste auch mich nicht aus den Stiefeln heben!

Eine halbe Stunde später war ich mit einem Frühstück im Bauch, der Winchester unterm Arm und den Satteltaschen auf der linken Schulter auf dem Weg zum Mietstall. Die Stadt war ein Dünenfeld. Die halbe Einwohnerschaft der Stadt schien beschäftigt, Vorbauten und Gehsteige freizuschaufeln. Die Sandmassen hatten ein paar Vordächer durchgedrückt. Pfosten waren geknickt, Zäune umgerissen. Doch hier in Whitehill gehörte das zum Nachbarschaftstribut, den die Wüste forderte. Das nahm keiner tragisch.

Das Tor des Mietstalls stand sperrangelweit offen. Mein Brauner empfing mich mit freudigem Schnauben. In der langen Reihe der Boxen war er der einzige Gast. Ich kam noch dazu, ihm den Sattel aufzulegen. Dann sagte eine nach Verdruss klingende Stimme vom Tor her: „Wozu die Eile, Callahan? Sie sind erst seit einer Stunde weg. Die holst du noch spielend ein.“

Teufel noch mal, was war ich doch für ein gefragter Mann! Alle Welt, schien mir, hatte plötzlich meinen Namen im Mund. Die Schritte, die hinter mir herkamen, verrieten, dass ich es nicht nur mit einem Kerl zu tun hatte. Ich vermied es also, die Hand in die Nähe meiner Kanone zu bringen, als ich mich umdrehte.

Sie waren zu dritt. Der Kerl rechts spielte an einer siebenschüssigen Spencer herum, deren Mündung wie zufällig auf mich deutete. Ein langer, geiernasiger Bursche mit stechenden Augen. Seine fransenverzierte, speckige Lederjacke hing ihm bis auf die Oberschenkel.

Der links war ein Bulle von Mann. Ich war bestimmt alles andere als klein und schmächtig. Aber dieser Typ überragte mich noch um einen halben Kopf, und seine Schultern waren noch ein ganzes Stück breiter als meine. Kleine, blutunterlaufene Augen in einem Gesicht, das aussah, als hätte ein Steinmetz vergessen, es fertig zu meißeln, starrten mich tückisch an.

Die Burschen gefielen mir nicht. Am wenigsten der in der Mitte. Ein untersetzter, etwa fünfzigjähriger Mann mit einem bartumwucherten Gesicht, über der Nase zusammengewachsenen buschigen Brauen und einer Narbe quer über der Stirn. Er paffte an einer pechschwarzen Zigarre. Dabei musterte er mich, als hätte er einen Zuchtbullen vor sich, den er zu kaufen beabsichtigte. Ich kannte ihn. Nicht persönlich, aber diese Räubervisage hatte mich entlang der mexikanischen Grenze schon von mancher Bretterwand und Telegrafenstange angegrinst. So Auge in Auge wirkte Bob Scranton  gesucht wegen Mordes, Totschlags, Bankraubs, Postkutschenüberfalls und was weiß ich  noch unangenehmer als auf den Steckbriefen, die es von ihm massenhaft gab. Whitehill, das fünfzig Meilen oder noch mehr vom nächsten Sheriff Office entfernt lag, war gerade das richtige Pflaster für ihn.

Vier Schritte von mir blieb das Trio stehen. Kein Wunder, dass der Stallmann sich nicht blicken ließ. Die Kerle versperrten die ganze Breite des Stallgangs.

„Hallo, Scranton!“, sagte ich. „Haben sie noch immer nicht den passenden Strick für deinen Hals gefunden?“ Scrantons zweibeinige Bluthunde starrten mich an, als hätte ich sie tödlich beleidigt. Der Bärtige lachte heiser.

„Den Strick schon, aber nicht den Mann, der es geschafft hätte, ihn mir als Hanfkrawatte zu verpassen! Komm nur nicht auf die Idee, Callahan, du könntest dieser Bursche sein!“

„Ich hab’ genug eigene Probleme.“

„Deswegen sind wir hier.“

„Beinah hab’ ich’s mir gedacht!“, knurrte ich unfreundlich. „Was wollt ihr?“

Scranton grinste mit der Zigarre zwischen den Zähnen. „Stell dich nicht dumm, Callahan. Den Wagen natürlich. Selbstverständlich samt Dynamit. Ist ja wohl klar.“

Die Spencer, mit der der Geiernasige herumfummelte, verursachte nun doch ein leichtes Kribbeln in meinem Nacken, um es loszuwerden, drehte ich den Banditen einfach den Rücken zu und beschäftigte mich wieder mit meinem Braunen.

„Da wirst du dich schwertun, Scranton“, meinte ich, während ich den Sattelgurt strammzog.

Ich hörte den Kerl wütend schnaufen, aber Scranton hielt ihn wohl zurück. „Nicht, wenn du an meiner Seite mit am Lasso ziehst, Callahan“, entgegnete der Oberhalunke.

Ich streifte dem Pferd das Zaumzeug über, hakte die Trense ein. „Wie kommst du auf die Idee, Mann?“

Meine Hände waren ganz ruhig, auch wenn ich das Gewehr auf meinen Rücken gerichtet wusste. Doch solange Scranton redete, bestand keine unmittelbare Gefahr. Er lachte wieder und nahm beim Sprechen nicht die Zigarre aus dem Mund.

„Du willst doch, dass die Puppe, ich meine Rushfords Tochter, am Leben bleibt, Callahan, oder? Das wird sie aber nur, wenn wir den Wagen kampflos in die Hand bekommen. Mit deiner Hilfe, Callahan. So einfach ist das.“

Ich drehte mich um. „Noch einfacher wäre es, dich mit ein paar Unzen Blei zwischen den Rippen auf den Boothill zu schicken.“

Der Bulle konnte sich kaum mehr ruhig halten. Sein Nussknackergesicht war dunkelrot angelaufen. Aber um bei dem Vergleich mit den Bluthunden zu bleiben: Er war gut dressiert. Erst Bob Scrantons Befehl würde ihn von der Kette lassen. Der Anführer der Schurken grinste ungerührt.

„Du bist ein Witzbold, Callahan. Aber Spaß beiseite: Ich will den Wagen, und ich werde ihn auch bekommen! Bisher habe ich eine Menge Geduld bewiesen. Stell dir vor, ich bin sogar so weit gegangen, Rushfords Tochter den Dynamitkarren abzukaufen, für denselben Preis, den sie drüben in Tucson geblecht hat. Sag selber, ist das nicht verdammt fair? Ich hab’s auch nur getan, weil ich nicht gern gegen ’ne Frau losschlage. Aber sie will es wohl nicht anders ...“

„Gleich kommen mir die Tränen!“, knurrte ich. „Deine Gefühle kenn’ ich. Du hast Angst vor dem großen Knall, den es gibt, wenn du den Wagen mit seiner Begleitmannschaft offen angreifst und nur eine Kugel danebengeht!“

Scranton lachte. „Wäre auch zu schade, was? Du weißt ja selber, was das Zeug auf der anderen Seite der Grenze wert ist. Ich hab ’nen Abnehmer dort, der mir sage und schreibe zehntausend Dollar für die Ladung hinblättert! Da könnte auch für dich was drin sein, Callahan, wenn du klug bist!“

„Ein Messer zwischen die Rippen oder ein Stück heißes Blei ins Kreuz, so wie ich dich einschätze!“

Mit Daumen und Zeigefinger nahm Scranton die Zigarre aus dem Mund. Diesmal lachte er nicht mehr. „Zerbrich dir lieber den Kopf darüber, was du kassierst, wenn du nein sagst!“

„Ich lass mich gern überraschen.“

Bob Scranton schüttelte bedächtig den Kopf. „Zehntausend Dollar, Callahan! Du lieber Himmel, will es dir denn nicht in den Kopf, wozu ich für so eine Summe fähig bin?“

Ich spürte meinen Magen wie einen Steinbrocken. Ich überlegte, ob ich nicht versuchen sollte, unter dem Pferdebauch wegzutauchen, den Colt zu ziehen und... Ich verwarf den Gedanken. Freund Geiernase brauchte nur den Zeigefinger zu krümmen. Da halfen kein Trick und keine Schnelligkeit. Der Bulle knetete inzwischen seine Fäuste. Er witterte förmlich, dass er „Arbeit“ bekommen würde.

„Zehntausend!“, wiederholte Scranton genussvoll. „Das hab’ ich von Ramon Delgado schwarz auf weiß. Seit der Rushford-Wagen Tucson verlassen hat, steh’ ich mit ihm in Verbindung. Eine altbewährte Geschäftsverbindung, verstehst du?“

Ich verstand vor allem, dass er wie Janices Vater einem Traum nachjagte. Dem uralten Traum von Reichtum, Luxus und einem sorgenfreien Leben. Der Unterschied war nur, dass Scranton dafür zu jeder Schandtat bereit war.

Der Name Ramon Delgado war mir nicht unbekannt. Ein berüchtigter mexikanischer Bandenhäuptling, der vorhatte, eine Revolution in Gang zu bringen, über blutige Raubzüge, Plünderungen und Brandstiftung jedoch nicht hinauskam. Zwanzig Kisten vollgepfropft mit Dynamitpatronen in den Händen so eines Bastards! Nicht auszudenken, was dann da unten in Sonora los sein würde!

Eine stille Wut fraß in mir. Sie galt nicht nur Scranton und seinen Begleitern. Janice hatte es gewusst - und geschwiegen! Aber da war auch die Erinnerung an ihre zärtlichen und leidenschaftlichen Lippen, an ihren glühenden, geschmeidigen Körper, an eine Nacht, in der es keinen Sturm, keine Gilawüste und keine Feinde mehr für mich gegeben hatte.

„Tausend für dich, Callahan!“, drang Scrantons Stimme in meine Gedanken. „Wie du’s anstellst, ist deine Sache, auf dem Trail durch die Gila gibt es gewiss hundert Gelegenheiten, mir den Wagen in die Hand zu spielen. Wann immer du soweit bist, wir werden in der Nähe sein. Tausend Bucks und die Puppe, auf die du scharf bist. Na, was hältst du davon?“

„So viel.“ Ich konnte nicht anders. Ich spuckte ihm gezielt vor die Stiefel.

Scranton zuckte nicht mit der Wimper. Er stippte die Zigarrenasche darauf. Sein bärtiges Gesicht war eine Maske, hinter der sich der Tod verbarg. „Simp!“, sagte er leise.

Der Bulle wirkte wie erlöst, als er sich in Bewegung setzte. Bulle? Was sag’ ich! Er marschierte wie ein Elefant auf mich zu! Das einzige Mittel, ihn zu stoppen, war eine gut gezielte Kugel. Aber da war Geiernase mit seinem Gewehr. Ich war mit Sicherheit ein toter Mann, wenn ich meinen Peacemaker auch nur anfasste.

Da gab’s nur noch eins: Ich durfte nicht warten, bis er mir seine Morgengabe servierte. Ich sprang ihn an. Wild und verzweifelt wie ein in die Enge getriebener Panther. Ich knallte ihm ein Ding an sein klobiges Kinn, das meiner Meinung nach ausreichte, einen Ochsen auf die Bretter zu schicken.

Er grunzte nur, wackelte mit dem Kopf, und dann wusste ich nicht, hörte ich die Engel singen oder die Teufel lachen, als ich wie von einem Keulenschlag zwischen die Hufe meines Pferdes geschleudert wurde.

„He, Callahan, du willst doch nicht etwa schon schlappmachen?“, kam Scrantons höhnische Stimme wie von weit her.

Von „wollen“ war keine Rede! Ich biss die Zähne zusammen. Mein Brauner war rücksichtsvoll genug, mir Platz zu machen, als ich mich im Stroh hochkämpfte. Unter meiner Schädeldecke war allerhand los. Meine Augen funktionierten auch nicht so, wie sie sollten. Ich sah das hämisch grinsende Gesicht des Bullen, der Simp hieß, wie durch eine Milchglaswand.

Genau das hätte Simp nicht tun sollen: mich so unverschämt und überlegen anzugrinsen, als bräuchte er nur noch zu pusten, damit ich wieder auf dem Boden lag! Nicht mit Callahan, Freundchen!, schwor ich mir, während ich mir mit dem Handrücken dieses verfluchte Milchglas von den Augen zu wischen versuchte. Dann sauste ich, kaum dass ich richtig stand, wie eine Ramme auf ihn los.

Ich kannte jetzt die Wirkung seiner Faust, und ich tat alles, um nicht mehr mit ihr in Berührung zu kommen. Wahrscheinlich war es neu für ihn, dass ein Gegner nach diesem Mörderhieb überhaupt noch auf den Beinen stehen, geschweige denn ihn angreifen konnte. Ich unterlief seine Dampfhammer-Rechte und bohrte ihm meinen fest zwischen die Schulter gezogenen Eisenschädel in den Wanst.

Damit hatte ich ihn offenbar genau an der richtigen Stelle erwischt. Sein Kinn war zwar aus Granit, aber nun blieb ihm die Luft weg. Er ruderte heftig mit den Armen, und wahrscheinlich wäre er auf den Rücken gekracht, hätte ihn ein Stützpfeiler, der eigentlich für das Dach da war, nicht aufrecht gehalten.

Sein Blick war glasig. Das verleitete mich dazu, zurückzutreten, um mir den nötigen Schwung für das nächste kostenlose Andenken zu holen, das ich ihm verpassen wollte.

Da flog er schon wieder auf mich zu. Seine Mörderpranke war plötzlich vor meinem Gesicht. Ich brachte gerade noch den Kopf weg. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, meine geballte Rechte gegen einen Felsklotz zu schmettern. Sein Anprall warf mich gegen die Boxwand. Nun war ich es, der Atemnot bekam.

„Gib’s ihm, Simp! Mach ihn fertig!“, krächzte der Geiernasige.

Simps hässliches, brutales Gesicht war dicht vor mir. Er holte zu einem fürchterlichen Hieb aus, während er mich mit seinem Bullengewicht gegen die Bohlen drückte. Mit beiden hochgerissenen Armen versuchte ich, den Schwinger abzublocken. Es gelang nur zum Teil. Seine Faust rasierte meine linke Kopfseite, dass ich glaubte, mein Ohr würde weggefetzt.

Ich hatte.nicht mal so viel Bewegungsfreiheit, ihm das Knie in den Leib zu rammen. Ich traf sein Gesicht, aber das machte ihm nichts. Er hatte es auf meinen Kopf abgesehen, und er war entschlossen, von mir nur ein jämmerliches Bündel übrigzulassen. Noch mal schaffte ich es knapp, einem vollen Treffer zu entgehen. Nun wurde er wütend. Aber nicht so wütend, dass er darauf verzichtet hätte, genau Maß zu nehmen.

„Schlag ihn nicht tot, Simp! Wir brauchen ihn noch!“, rief Scranton. Die Mahnung schien berechtigt.

Zusammenfassung

Diese verdammten Hundesöhnen wollten mich beim Pokerspiel übers Ohr hauen. Bei jedem anderen hätten sie vielleicht Glück gehabt. Aber nicht bei einem Kerl wie mir, der das Unheil schon ahnte, bevor es so richtig begann. Das war aber erst der Anfang einer Kette von schicksalhaften Ereignissen. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nämlich noch nicht, dass mir diese Bastarde noch einmal über den Weg laufen würden. Zu einem Zeitpunkt, an dem ich am wenigsten damit gerechnet hatte. Nämlich auf dem Weg nach Mexiko. Die schöne Janice Rushford hatte mir Geld geboten, wenn ich sie und eine Wagenladung Dynamit begleiten würde. Die Lady war schon eine Sünde wert – und genau das führte zu jeder Menge Ärger ...

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738906158
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Dezember)
Schlagworte
callahan mördersonne

Autor

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Titel: Callahan 3: Wo die Mördersonne brennt