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Nevada Western Doppelband #1

2016 260 Seiten

Leseprobe

Nevada Western Doppelband #1

Uwe Erichsen

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Nevada Western Doppelband #1

Cover: Edward Martin

WO DIE WÖLFE WARTEN

Western von Uwe Erichsen

––––––––

Kopfgeldjäger sind hinter Dundee her. Dundee hat in der Vergangenheit schwere Schuld auf sich geladen. Dundee, der eigentlich Paul Massey heißt, arbeitet am Bau der Eisenbahn in Wyoming. Nie hätte er damit gerechnet, dass man ihn dort aufspürt. Nun muss er sich die Verfolger vom Hals schaffen und herausbekommen, wer ihn verraten hat.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Cover: Firuz Askin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Als der schmierige Kerl mit den rot geränderten Geieraugen die Brettertür öffnete, wurde sie ihm von einer Windbö draußen fast aus der Hand gerissen.

»Tür zu!«, schrie jemand mit rauer Stimme.

Ruhig schloss der Fremde die Tür. Achtzehn Männer starrten ihn und seinen Revolver an, als er langsam durch den trostloskahlen Raum auf die Theke zustakte. Der Raum diente den Männern vom Camp Macoon als Saloon, Kantine und weiß der Teufel was sonst noch. Sogar als Heimatersatz musste dieses Dreckloch herhalten.

»Kann ich was zu trinken haben?«, fragte der Fremde und warf gleich ein paar Münzen auf die riesige Holzplatte.

Das Klingeln der Münzen klang wie Musik in den Ohren des Wirts. Denn in den Eisenbahnercamps gab es keinen mieseren Tag als den Donnerstag. Der freie Sonntag lag noch in weiter Ferne, der karge Lohn war längst verbraucht, versoffen, verspielt, der Kantinenwirt schrieb nichts mehr an, weil ihm ohnehin der nächste Lohn gehörte, und die Kameraden borgten einem nichts mehr, weil sie selbst keinen lausigen Cent in den Taschen hatten. Nein, es gab keinen lausigeren Tag als Donnerstag.

Und heute war Donnerstag.

»Mann, ist das ein mieser Abend«, sagte irgendjemand an einem der langen Tische. Niemand antwortete etwas darauf, und so fuhr er fort, die Tischplatte mit seinem Messer zu zerhacken. Der Wirt blickte missmutig hinüber: Wenn er gekonnt hätte, hätte er die Männer rausgeschmissen. Aber ihm gehörte nur die Theke hier und sonst nichts. Und natürlich die Flaschen im Lagerraum und die paar Fässer Bier, die gestern mit dem Versorgungszug heraufgekommen waren.

Immerhin hatte er jetzt einen Kunden. Eine Fremden, der ein paar Dollar in der Tasche hatte.

»Was darf es sein, Sir?«, fragte er.

Die Männer an den Tischen hätten beinahe laut aufgebrüllt. Sir sagte der armselige Keeper zu diesem Fremden. Noch nie hatten sie gehört, dass er einen von ihnen so nannte, dabei kassierte er fast jeden Dollar, den sie hier mit ihrer Knochenarbeit verdienten. Sir!

Paul Massey blickte auf. Er saß weiter hinten im Schatten, wo er vor sich hingedöst hatte. Jetzt musterte er den Fremden.

Der Kerl gefiel ihm nicht. Er sah schmierig aus. Seine kleinen Augen, die gekrümmten Finger und die ruckartigen Bewegungen der Arme erinnerten ihn an einen Geier.

Paul Massey legte seinen Kopf wieder gegen die Bretterwand und schloss die Augen. Draußen tobte der Wind, der bald Schnee bringen würde. Noch einen Winter würde er hier oben verbringen, und vielleicht noch einen, weil dann die Prämie höher ausfiel. Er war Schienenschlepper beim Bau der Nebenlinie zwischen Glenwood und Casper, Wyoming. Big Muddy hatten sie diesen Abschnitt getauft. Berge, Dreck und der Schlamm unten am Fluss, wo sie die Schienen verlegten. Wer einmal dabei war, kam nur schwer wieder davon weg. Das mörderische System glich einem Sklavendasein. Nachdem selbst die chinesischen Kulis, die die erste Eisenbahnlinie quer durch die Rocky Mountains verlegt hatten, vom Eisenbahnbau nichts mehr wissen wollten, holten die Bosse ihre Männer, wo sie sie kriegen konnten, und fesselten sie mit langfristigen Verträgen.

Paul Massey spuckte auf den Boden. Jeder der Männer bekam von seinem Wochenlohn nur einen Teil ausgehändigt. Der größere Teil des Lohns wurde zurückgehalten und nur dann ausgezahlt, wenn die volle Vertragszeit abgelaufen war.

Aber wer hielt schon fünf Jahre Eisenbahnbau durch? Fünf eisige Winter und fünf dürre Sommer? Nur Verrückte. Und Männer, die vor etwas davonliefen.

Paul Massey zuckte unmerklich zusammen, als er einen Namen hörte. Der Fremde sprach mit dem Wirt. Er beugte den Geierkopf über die Theke und beäugte das feiste Gesicht des Keepers. Seine schneidende Stimme war auch im letzten Winkel der Kantinenbaracke zu verstehen.

»Kennen Sie jemanden, der Dundee genannt wird?«

Paul Massey hielt den Kopf gesenkt, dennoch beobachtete er den Fremden jetzt sehr genau. Dundee. Er hätte nicht gedacht, dass jemand diesen Namen noch kannte.

Denn er war es, den man vor Jahren so genannt hatte. Er hatte gehofft, diesen Namen und die Erinnerung an die Zeit, in der er so genannt wurde, abgeschüttelt zu haben.

Doch der Fremde, der da an der Theke stand und mit dem Keeper sprach, bewies, dass er seiner Vergangenheit nicht entrinnen konnte.

2

Massey schlängelte sich durch die Reihen der mürrisch dahockenden Männer. Manche versuchten es sogar mit einem Spielchen, doch ohne Dollars machte es keinen Spaß. Massey schlug den Kragen seiner Jacke hoch, als er in die Nacht hinaustrat.

Die Wolken jagten tief durch das Flusstal, und es war schon sehr kalt. Massey sehnte sich nach der Wärme des Südens.

Er schritt durch das Camp. Die flachen dunklen Schlafbaracken ließ er links liegen. Die Umrisse der Schwellenstapel und der Hilfsfahrzeuge auf der rechten Seite waren kaum auszumachen.

Im Schatten der Schmiede blieb er stehen und lauschte. Der Wind heulte durch das Lager. Es gab zwei Nachtwächter, aber Massey wusste, dass die beiden Nichtsnutze meistens in einer Ecke lagen und schliefen oder ein Spielchen wagten. Denn welcher Bandit verirrte sich schon in diese Einöde, dreitausend Fuß hoch, wo es keine Straße durch das Tal des Flusses gab, über die man die Beute aus einem Eisenbahncamp hätte wegschleppen können. Es gab nur die Schienen. Jede Woche ein paar Yards mehr. Und ein paar Fuß höher.

Das Pferd des Fremden war neben der Hütte der Ingenieure angebunden. Durch die beiden Fenster auf dieser Seite fiel gelber Lichtschein. Massey konnte die drei Ingenieure sehen, die sich über ihre Pläne beugten.

Paul Massey betrachtete das Pferd. Es war ein zähes, hellbraunes Pony mit einem zu schweren mexikanischen Sattel. Eine Winchester steckte im Sattelschuh. Die beiden Packtaschen waren prall gefüllt. Der Reiter hatte einen langen harten Ritt hinter sich, und die Ausrüstung ließ vermuten, dass der Mann das Ende seines Trails noch nicht erkennen konnte.

Massey stellte sich in den Schutz der Hausecke. Er wartete auf den Fremden. Er musste wissen, warum der Mann ihn suchte.

Paul Massey atmete den Geruch des fremden Pferdes ein. Wie lange hatte er ihn vermisst! Er war selbst ein Reiter. Seine klaren grauen Augen waren es gewohnt, weit über die Prärie zu schauen. Seine Beine waren leicht gekrümmt von den Jahren, die ihr Besitzer im Sattel verbracht hatte.

Er bewegte die Finger. Früher waren sie gelenkiger gewesen. Mit dem Colt würde er nicht mehr so gut umgehen können wie damals, gewiss nicht. Dafür konnte er sich jetzt auf seine Fäuste verlassen.

Massey presste sich gegen die Bretterwand, als die Tür der Hütte geöffnet wurde: Einer der Ingenieure trat heraus. Er klopfte seine Pfeife an einem der Stützbalken des Vordaches aus und blieb dort stehen.

Massey rührte sich nicht. Nur das Pony schnaubte und warf den Kopf in die Höhe. Massey fragte sich, ob der Fremde hier im Camp übernachten wollte. Es war die nahe liegende Lösung. Er konnte nirgendwo mehr hin in der Nacht. Es gab immer einen Strohsack für einen Durchreisenden und einen Becher Kaffee am Morgen.

Dann würde der Mann gleich kommen. Fast im selben Moment hörte Massey die Schritte des Fremden, und er duckte sich unter ein breites Brett, das gegen die Hüttenwand gelehnt war.

3

Der Fremde stapfte durch den knöcheltiefen Schlamm der Lagerstraße. Paul Massey konnte ihn gegen das Licht sehen, das aus den Kantinenfenstern fiel. Der Kerl ließ den Kopf hängen.

Der Fremde konnte nicht ahnen, wie nahe er dem Gesuchten war. Doch ganz gleich, wie viel er über Paul Massey oder Dundee wissen mochte, hier würde er ihn nicht auf spüren. Denn Massey nannte sich hier anders. Niemand kannte ihn als Massey oder Dundee. Paul Massey war Ire. Irgendjemand war früher einmal der Ansicht gewesen, Dundee, die schottische Stadt, läge in Irland, und hatte ihn deshalb Dundee genannt. Der Name hatte ihn viele Jahre lang begleitet, aber hier oben nannte ihn niemand so.

Er war hier sicher gewesen. Diese Sicherheit musste er jetzt aufgeben. Er musste wissen, weshalb der Fremde nach ihm gefragt hatte.

Der Fremde band sein Pferd los. Massey warf einen Blick zur Ecke, wo immer noch der Schatten des Ingenieurs zu sehen war.

Niemand durfte etwas hören.

Der Fremde nahm das Pony am Zügel und drehte es herum. In diesem Augenblick sprang Massey vor.

Der Fremde spürte die Bewegung in seinem Rücken. Er wollte herumfahren, aber Massey war schneller. Er schlang den linken Arm um den langen Hals des Fremden und riss ihm mit der anderen Hand den Revolver aus dem Holster.

»Halt deinen Gaul fest!«, sagte er heiser in das Ohr, das von zottigen grauen Haaren bedeckt war. Gleichzeitig drückte er die Mündung der Waffe in die Seite des Fremden. »Wie heißt du?«

Der Kerl wand sich, und Massey musste den Arm fester um den mageren Hals ziehen. Gleichzeitig presste er die Revolvermündung tief in die Seite des anderen, der jetzt spürte, welche Gefahr ihm drohte. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und bewegte sich nicht mehr.

Massey lockerte den Würgegriff ein wenig.

»Wie heißt du?«, fragte er.

»Ich bin Link Wyler. Hör mal...«

»Schnauze! Was willst du von Dundee?«

»Kennst du ihn?«

»Vielleicht. Was willst du von ihm?«

Der Kerl atmete rasselnd. Er ahnte, wer der Mann war, dessen Arm an seiner Kehle lag, und er suchte nach einer Lüge.

»Ich habe von ihm gehört, unten in New Mexico. Ich hab vielleicht ’nen Job für ihn...«

Paul Massey rammte ihm das Knie ins Kreuz und gleichzeitig drückte er ihm die Kehle zu. Der rasselnde Schmerzlaut erstickte. Immer noch stand der Ingenieur vor der Hütte. Der Wind heulte schauerlich durchs Tal. Massey wollte um jeden Preis vermeiden, erkannt zu werden.

»Noch eine Lüge, und ich bringe dich um! Du kannst es dir überlegen!«

Hatten sie seine Spur?, fragte er sich besorgt. Woher? Er war damals nicht erkannt worden. Niemand hätte ihn mit dem Raub in Verbindung bringen können. Außer den Strolchen natürlich, die um ein Haar ein Blutbad angerichtet hätten. Beinahe wäre er zum Mörder geworden, da war er geflohen.

Dieser Link Wyler sah genau wie ein Kopfgeldjäger aus...

»Mann, ich habe doch nichts gegen dich«, würgte er krampfhaft. »Du bist doch Dundee, mach mir nichts vor...«

Der Schatten des Ingenieurs bewegte sich durch die schmale Lichtbahn, die aus der Hütte fiel, dann klappte die Tür ins Schloss.

Massey schob den Fremden vor sich herauf die hohen Schwellenstapel zu, die gewaltige Vierecke bildeten. Er trieb den Mann zwischen zwei Stapel, dann wirbelte er ihn herum und stieß ihn gegen das Holz.

Es war so dunkel, dass der andere Masseys Gesicht nicht erkennen konnte. Massey wiederholte seine Frage.

»Warum suchst du Dundee?«

Seine Stimme war nicht mehr als ein tonloses Flüstern, doch die Gestalt vor ihm erschauerte vor der Kälte, die diese Stimme ausstrahlte.

»Sie zahlen 5.000 Dollar, wenn ich dich erwische.«

»Wer?«

»Es gibt einen Steckbrief in Hill City, Kansas.«

Massey spürte, wie seine Knie weich wurden. War alles umsonst gewesen?

»Warum bist du hier heraufgekommen?«

»Jemand hat mir einen Tipp gegeben. Ich sollte es in Wyoming versuchen, bei der Bahn. Ich klappere die Camps ab, die ganzen verdammten Camps von Laramie bis zum Bitter Creek...«

Eine eiskalte Hand wühlte in Paul Masseys Innerem. Nur ein einziger Mensch wusste, dass er nach Wyoming gehen wollte, zum Eisenbahnbau.

Dieser Mensch war seine Schwester.

Nur Maud wusste alles von seinem früheren Leben. Maud, die den biederen Pete Gallet geheiratet hatte und mit ihm glücklich war.

»Wer hat dir den Tipp gegeben?«

»Mann, das kann ich nicht sagen...«

Massey schlug zu. In die Dunkelheit hinein. Er traf das Geiergesicht.

»Wer?«, fragte Massey.

»Ich traf ihn in Allison... Ich kenne seinen Namen nicht... Mann, du bringst mich ja um...« Link Wyler schluckte krampfhaft.

Massey lockerte seinen harten Griff. Der Kerl konnte sich nicht auf den Beinen halten. Massey musste ihn gegen den Schwellenstapel lehnen.

»Wie sah er aus?«

»Groß, breit...« Wyler keuchte.

»Flache Nase, etwas schief. Unten fehlen ein paar Zähne.

In Masseys Hirn erschien das Gesicht einer mordlüsternen Bestie. Ein Name drängte an die Oberfläche. Rocco Vaughn. Paul Massey knirschte unbewusst mit den Zähnen. Die Erinnerung an Vaughn legte einen Schleier über sein Bewusstsein.

Es war sein noch immer wacher Instinkt, der Instinkt des Gejagten, der ihn warnte. Er warf sich zur Seite. Schwach sah er ein helles, metallisches Aufblitzen, dann fuhr die Klinge eines langen Messers seitlich in seine Jacke.

Der Schmerz war urplötzlich da. Er strahlte von einer Stelle an den unteren Rippen aus, breitete sich über den Brustkorb aus mit der Geschwindigkeit von Peitschenhieben.

Er hielt noch den Revolver in der Faust. Er wollte abdrucken, aber sein Zeigefinger gehorchte ihm nicht.

Massey wälzte sich im Schlamm. Er wusste nicht, wie er zu Boden gestürzt war. Er tötet mich, dachte er träge.

Nur sein Instinkt bewegte noch die Muskeln. Er brachte die Beine hoch. Link Wyler stieß eine überraschten Schrei aus, als er zurückflog.

Er hat mich schon tot gesehen, dachte Massey triumphierend, er selbst hatte sich schon tot gesehen, aber er lebte noch.

Er rollte sich hinter einen Schwellenstapel. Atemlos blieb er liegen. Er presste eine Hand auf die linke Seite. Warmes Blut rann an der Hüfte herab. Er atmete flach und leise. Die Klinge war unterhalb der kurzen Rippen in die Haut gedrungen, nicht sehr tief wahrscheinlich, sonst sähe es schon anders um ihn aus.

Er hörte die saugenden Schritte des Kopfgeldjägers im Schlamm. Der Kerl suchte ihn. Wenn er ihn jetzt tötete, hätte er 5.000 Dollar verdient.

Wer hatte einen solchen Preis auf ihn ausgesetzt?.

Masseys Kopf wurde schwer und sank zurück. Er schreckte auf, als Wyler mit einem Fuß gegen seine Schulter stieß.

Massey ließ die Arme vorschnellen. Mit beiden Händen packte er zu. Er bekam ein Bein des Fremden zu fassen.

Ein schneidender Schmerz breitete sich in Masseys Körper aus, als er sich herumwarf, ohne das Bein loszulassen. Wyler flog durch die Luft und platschte in den Schlamm.

Massey kroch neben ihn. Er nagelte die Rechte des anderen in den weichen Boden, nahm ihm das Messer ab und schleuderte es weit in die Nacht hinaus.

»Wenn du mir noch einmal über den Weg läufst, Wyler, bringe ich dich um«, flüsterte er in das Ohr des Fremden. »Und wenn ich dich morgen früh noch im Lager sehe, hetze ich die Kameraden auf dich!«

Er richtete sich auf. Im Dunkeln suchte er den Revolver, den er losgelassen hatte. Er fand die schwere Waffe und schob sie unter seine Jacke. Dann humpelte er langsam davon.

Eine Minute später schlüpfte er in die Baracke, in der seine Pritsche stand. Es stank nach Schweiß. Einige Schläfer schnarchten laut.

Er ließ sich auf seinen Strohsack fallen. Den Revolver stopfte er tief unter die Matratze. Mühsam schälte er die schlammbedeckte Jacke und die nasse Hose von seinem Körper und versteckte die Sachen unter der Pritsche. Dann zog er das Hemd aus. Er presste den weichen Stoff gegen die immer noch heftig blutende Wunde, und er biss die Zähne zusammen, wenn der Schmerz ihn wie Wogen überrollte.

Eine der Wogen wollte nicht weichen. Sie war dunkel und schwer, und sie presste ihn auf das Lager.

4

Er erwachte, als das erste Grau durch die schmutzigen Scheiben sickerte und die Einzelheiten der schäbigen Unterkunft deutlicher hervortraten.

Paul Massey hob den Kopf. Noch war niemand wach. In wenigen Minuten müsste der Vorarbeiter erscheinen, um seine Männer zu wecken. Er bekam eine Prämie, wenn der Abschnitt, für den er verantwortlich war, pünktlich fertig wurde. Die Männer bekamen nichts.

Dünn hörte er das Klappern der Blechkannen und der Pfannen. In der Küchenbaracke wurde das Frühstück vorbereitet.

Massey wunderte sich, dass es ihm vergönnt war, diese Geräusche noch einmal zu vernehmen. Seine Hand hatte er immer noch gegen die Seite gepresst. Er versuchte, sie zu lösen, doch das herausgequollene Blut hatte den Stoff durchtränkt und die Hand fest mit dem Hemd verklebt. Paul atmete vorsichtig ein und aus. Es stach ein wenig. Die Rippen, an denen das Messer entlanggeschrammt war, schmerzten noch von der Prellung.

Er schlug die Decke zurück. Behutsam löste er die Hand. Der hart gewordene Stoff brach auf und gab die Wunde frei. Paul Massey hielt den Atem an, als ein stechender Schmerz durch die Seite zuckte.

Er verdrehte den Kopf und starrte die hässliche schmale Wunde an. Der Schlitz blutete wieder, und schnell presste er die Hand darauf.

Hinter den Scheiben wurde es heller. Wo mochte der Fremde jetzt sein? Link Wyler nannte sich die Ratte. Ob der Kerl wusste, wie schwer er ihn getroffen hatte? Paul Massey gab sich keinen Illusionen hin. Der Kopfgeldjäger hatte sich durch seine, Pauls, Drohungen bestimmt nicht einschüchtern lassen. Wenn er wusste, dass er sein Opfer getroffen und verletzt hatte, brauchte er jetzt nur draußen zu lauern und jeden Mann zu mustern. Ein unsicherer Schritt, schmerzhaft herabgezogene Mundwinkel, dunkle Schatten unter den Augen würden ihn verraten.

Niemand durfte merken, dass er verletzt war. Er durfte nicht allein in der Schlafbaracke zurückbleiben. Er musste die Zähne zusammenbeißen und seine Kräfte sammeln für den Trail nach Kansas.

Nur Maud hatte gewusst, dass er nach Wyoming gehen wollte...

Das helle Bimmeln der alten Lokomotivglocke riss ihn aus seinen Gedanken. Bevor das Signal verklang, polterte auch schon der Schinder in die Schlafbaracke. Die Tür krachte gegen die Wand. Der Vorarbeiter brüllte die Männer an. Für ihn konnten sie nicht schnell genug aus ihren Kojen kommen.

Es war wie an jedem Morgen. Flüche, Verwünschungen. Der Vorarbeiter trieb die Männer an. Die Kette, die er an seinem Gürtel befestigt hatte, klirrte bei jedem stampfenden Schritt. Paul hatte einmal gesehen, wie der Schinder einen Mann mit dieser Kette fast zu Tode geprügelt hatte, weil der Mann eine Sprengladung ein Stück zu weit vorgesetzt hatte. Die Ladung hatte einen Schwellenstapel umgeblasen. Die Gruppe hatte zehn Minuten verloren. Zehn Minuten!

Massey hasste den Schinder, wie alle Männer in der Baracke, die zu seiner Gruppe gehörten, ihn hassten.

Er wälzte sich aus dem Bett.Vor seinen Augen erschienen rote Schleier, und als er sich aufsetzte, fühlte er sich schwindelig. Er wartete, bis der Anfall nachließ. Er hatte die Decke um seine Hüfte geschlungen, damit niemand die Wunde sehen konnte.

Er zog ein frisches Hemd aus der Wäscherolle im Regal und schlüpfte hinein. Das blutverschmierte Hemd ließ er, wo es war. Es bildete ein dickes Polster, das er mit dem Ellbogen fest gegen die Wunde pressen konnte.

Er zog seine Hose und die Stiefel an. Die ersten Männer waren schon fertig. Er mischte sich unter sie und schlurfte mit ihnen hinaus in den Hof. Als er sich über einen der Tröge mit dem eiskalten Wasser beugte, sah er das Geiergesicht.

Link Wyler hockte auf einem Bretterstapel und rauchte eine Zigarette. Aus kleinen runden Augen beobachtete er die Männer, die sich um die Tröge scharten.

Hier kamen alle Männer aus den vier Schlafbaracken von Big Muddy zusammen. Von hier aus gingen sie an dem Stapel vorbei zur Essensausgabe.

Paul wusch sich oberflächlich. Auf eine Rasur verzichtete er. Wie die meisten Männer rasierte er sich nur einmal in der Woche. Er ging in die Baracke zurück, um sich abzutrocknen und seine Jacke zu holen. Einem Impuls folgend, zog er den Revolver unter dem Strohsack hervor und steckte ihn in den Gürtel. Unter der dicken braunen Jacke war von der Waffe nichts zu sehen.

Zwischen ein paar anderen ging er an dem Kopfgeldjäger vorbei. Im Stehen tranken sie ihren Kaffee und aßen die gebratenen Eier und den Speck von den Blechtellern. Paul sah den Kopfgeldjäger wie einen Schakal um die Kantinenbaracke herumstreichen.

Paul Massey schlürfte seinen Becher aus und ging zu der großen Kanne, um den Becher noch einmal zu füllen. Über den Rand blickte er in die Richtung des Mannes mit den Geieraugen.

Die Augen der beiden Männer verhakten sich kurz ineinander. Der Jäger musste eine Beschreibung seines Opfers haben, das war klar, doch die mochte auf ein paar Dutzend andere Männer im Camp ebenfalls zutreffen. Groß und drahtig waren viele, auch rotblondes Haar war nicht selten.

Paul Massey stellte den Becher ab, als der Schinder auftauchte und mit seiner Kette rasselte.

5

Paul Massey und sieben andere Männer arbeiteten ein Stuck das Tal hinauf an einem Hang, wo eine andere Gruppe am Vortag einen Sims in den Felsen gesprengt hatte. Sie mussten jetzt die Trümmer zur Seite räumen.

Es war Knochenarbeit. Ihre einzigen Werkzeuge waren die Schaufeln und ihre Fäuste.

Die Wolken sanken herab. Schon am Mittag arbeiteten die Männer in undurchdringlichem Nebel. Die warnenden Hornsignale der Sprengkommandos drangen nur dünn zu den anderen. Die Detonationen klangen gedämpft und weit entfernt.

Paul wusste nicht, wie er die Zeit bis zum Lunch hinter sich brachte. Als die beiden Boys mit den Körben kamen, ließ er sich erschöpft auf einen Felsbrocken fallen. Zwanzig Minuten Pause.

Er hatte keinen Hunger. In seinem Magen wühlte Übelkeit. Um nicht aufzufallen und weil er wusste, dass er alles tun musste, um bei Kräften zu bleiben, aß er einen Streifen Speck, der zu fett war. Irgendjemand hatte eine halbe Flasche Brandy bei sich, die er jetzt kreisen ließ. Der Brandy vertrieb die Übelkeit für kurze Zeit.

Noch bevor die Pause zu Ende, war, tauchte der Schinder aus dem Nebel. Wie ein Geist stand er da, umwallt von weißen Schleiern, bis die Männer ihre Arbeit pünktlich wieder aufnahmen. Dann erst stieg er Ketten klirrend höher ins Tal hinauf.

Paul schwankte. Immer öfter musste er sich auf den Schaufelstiel stützen und warten, bis die dunklen Schleier vor seinen Augen sich wieder hoben.

»He!«, stieß ihn jemand an. »Der Schinder...«

Paul schwang die Schaufel. Der Vorarbeiter zog vorbei. Erschöpft hielt Paul wieder inne.

»He, Cal«, sagte der Kamerad. Cal nannte er sich hier, Cal Shaw. »Es geht dir nicht gut. Setz dich hin.«

Paul schüttelte den Kopf. Die anderen mussten seine Arbeit machen, wenn er aussetzte, ohne sich krank zu melden.

Der Kamerad stieß einen Pfiff aus. Die anderen standen plötzlich um Paul herum. Er sah sich um. Der Nebel drehte sich plötzlich um Paul, die Gesichter verschwammen.

Paul Masseys Augen rollten nach oben, dann gaben seine Beine nach.

6

Paul erwachte langsam. Ihm war kalt, obwohl die Kameraden ihn auf ihre Jacken gebettet hatten. Er hörte das Klirren ihrer Schaufeln und das Prasseln der Steine, die den Hang hinab geworfen wurden, gedämpft durch den Nebel. Sehen konnte er die Männer nicht mehr.

Er setzte sich auf und zog die Jacke fester um die Schultern. Seine Zähne klapperten. Die Kameraden hatten den Revolver nicht entdeckt, ebenso wenig die Wunde. Er betastete sie vorsichtig. Das Hemd an der Seite war feucht. Die Wunde konnte sich nicht schließen.

Noch einen Tag Knochenarbeit hielt er nicht aus. Er musste sich krank melden, musste zum Knochenflicker, der im Hauptlager arbeitete, das jetzt schon drei Meilen zurücklag, weil die Company die Sanitätsbaracke nicht alle paar Wochen abbauen und näher am Kopf der Strecke wieder aufbauen lassen wollte. Lieber schaffte man die Kranken und Verletzten mit einem der leer zurückfahrenden Versorgungszüge zum Doc.

Er musste jetzt nur noch bis zum Einbruch der Dunkelheit aushalten. Dann wurde er sich an dem Kopfgeldjäger vorbeischleichen und ins andere Lager wandern. Zu Fuß, ohne Aufsehen. Vermissen würde man ihn morgen früh. Dann wollte er schon auf dem Weg nach Kansas sein.

Er schleppte sich zu den Kameraden. »Danke«, sagte er und nahm seine Schaufel wieder in die Hände. Er hatte den Eindruck, als ob die anderen genau dort den Schutt wegschaufelten, wo er gerade arbeitete. Die Jungs waren schon in Ordnung, dachte er. Außerdem war heute Zahltag. Da waren die Männer freundlicher gestimmt.

Paul Massey überstand den Tag. Mit seiner Gruppe wanderte er ins Lager zurück. Der Zahlmeister aus dem Hauptbüro in Julesburg war bereits eingetroffen. Paul reihte sich in die Schlange vor dem Zahltisch und nahm seinen Lohn in Empfang.

Als er aus der Reihe trat, fing er wieder einen Blick des Geiers auf. Der Kopfgeldjäger lehnte an der Kantinen wand, eine Zigarette hing in seinem Mundwinkel.

Und er beobachtete Paul Massey.

Paul ging in seine Baracke. Draußen, zwischen den Hütten, brannten jetzt ein paar Kerosinlampen, und am Balken unter der Decke schaukelte eine Petroleumlampe. Paul sah nicht nach draußen. Er hatte das Gefühl, als ob er beobachtet wurde. Er stopfte die Dollarscheine in die Taschen seiner Jacke und stand wieder auf.

Trübe glommen die Lichthöfe der Lampen durch den Nebel. Vom Geier war nichts zu sehen. Wartete er jetzt in der Kantine auf ihn, wo sich alle versammelten, um das Abendessen einzunehmen?

Paul Massey verschwand hinter der Schlafbaracke in der Dunkelheit. Der Schienenstrang lief genau zwischen den Materialstapeln her. Paul erkannte die Baldwinlok mit dem dünnen Schlot. Die Maschine stand nicht mehr unter Dampf. Erst am Morgen würde sie nach Julesburg zurückfahren.

So lange konnte Paul nicht mehr warten. Drei Meilen. Er machte sich auf den langen und beschwerlichen Weg, über den schmalen Sims, den die Trupps in den letzten Monaten in den Felsen gesprengt hatten. Tief unter dem Sims lag das Bett des Flusses. Sein Rauschen war durch den Nebel kaum zu hören. Doch das Wasser war da. Wenn er neben die Gleise geriet und abrutschte, gab es keine Rettung.

Paul kannte den Weg, und der schwach glänzende stählerne Schienenstrang diente ihm als Wegweiser und zusätzliche Sicherheit.

Er hielt die Hand gegen die pochende Wunde gepresst. Der Schmerz nahm wieder zu, er fraß an ihm wie ein Raubtier.

Er taumelte nur noch, als ihn die Stimme traf.

»He, Dundee!«

Paul Massey blieb keuchend stehen. Er starrte in den Nebel, ohne irgendetwas zu sehen.

Nur hören konnte er. Das scharfe Klicken, mit dem eine Patrone in den Lauf einer Winchester gehebelt wurde, ließ sich nicht dämpfen. Doch die Nacht und der Nebel verzerrten die Geräusche, ließen nicht einmal die Richtung ahnen, aus der sie kamen.

Da schnaubte ein Pferd. Der Jäger war vorausgeritten.

Nein, das war nicht wahrscheinlich. Er konnte ihm nur gefolgt sein, aber er hatte den Hufschlag nicht gehört, weil er halb bewusstlos durch den Nebel getappt war.

Paul tastete nach dem Revolver. Unter der Jacke spannte er den Hahn, dann erst zog er die Waffe heraus.

»He, Dundee!«, höhnte die Stimme des Jägers. »Wohin so spät in der Nacht? Doch nicht zum Doc im Camp Deer?«

Die Stimme war überall. Das Pferd setzte vorsichtig einen Huf vor den anderen. Lose Steine kollerten gegen die Schienen.

Paul Massey drehte sich langsam um. Er krümmte den Rücken und zog den Kopf zwischen die Schultern. Der Kerl konnte ihn nicht sehen, da war er ganz sicher. Doch Paul glaubte, ganz schwach einen großen dunklen Umriss in der Nebelwand wahrzunehmen. Das Pferd.

Paul Massey ließ sich zu Boden gleiten. Er rollte über die Schiene und presste sich gegen den kalten Stahl. Das Blut rauschte in seinen Ohren und pochte in der Wunde

»He, Dundee! Wo steckst du?« Der Geier kicherte schrill. Er wollte seinen Spaß haben, wenn er sein Opfer tötete.

Das Pferd stand jetzt. Paul hörte das Knirschen des Sattelleders. Der Killer stieg ab. Pauls Hand umklammerte den Kolben des Revolvers. Er atmete flach. Der Umriss des Pferdes war nicht mehr auszumachen. Wallende Nebelschleier hatten es verschluckt.

Ein Stein löste sich unter einem Fuß. Und dann schnaubte das Pony erschreckt, als Link Wyler ihm die Hand auf die Kruppe klatschte. Es machte ein paar unsichere Schritte und blieb wieder stehen.

Paul Massey rührte sich nicht. Das Pony stand fast genau vor ihm. Der Atem des Tieres vermischte sich mit dem Nebel.

Der Killer kam. Seine Stiefelsohlen scharrten über den Schotter, als er zwischen zwei Schwellen trat.

»Dundee!«, rief er. »He, Dundee...«

Er stand hinter seinem Pony. Paul Massey nahm einen scharfkantigen Stein auf und warf ihn in die Richtung, in der er den Kopfgeldjäger vermutete.

Der Stein prallte mit einem hellen Laut auf einen Felsen.

Das Winchester-Gewehr des Killers brüllte auf. Eine Kugel schlug neben Paul Masseys Kopf in den Schotter. Steinsplitter spritzten in seine Augen. Der Kopfgeldjäger lud sein Gewehr durch.

Paul Massey hatte sich getäuscht. Der Killer stand nicht hinter seinem Gaul. Er hockte an der Felswand, wo er eher in der Lage war, eine Bewegung im Nebel wahrzunehmen.

Er musste gesehen haben, wie Paul den Arm mit dem Stein hob. Er hatte Geieraugen.

Vorsichtig schwenkte Paul den Arm mit dem Revolver herum. Als der Kopfgeldjäger ein zweites Mal abdruckte, schoss er auf die dünne Mündungsflamme.

7

Paul hörte den Mann fallen, noch bevor der Nebel den Nachhall der Schüsse verschluckte. Atemlos wartete er.

Der Mann begann zu stöhnen, dann schrie er. Unruhig warf das Pferd den Kopf in die Höhe.

Paul Massey rührte sich nicht. Er spürte, wie das Blut aus der Wunde in seiner Seite quoll. Erst als die Schreie des Kopfgeldjägers leiser wurden und in ein gequältes Röcheln übergingen, rollte er sich über die Schiene, die ihm Deckung gegeben hatte, und kroch auf den Getroffenen zu. Jede Bewegung bereitete ihm Höllenqualen.

Seine tastende Hand berührte den Gewehrlauf. Er drückte ihn zur Seite. Eine zuckende Hand fuhr über seinen Arm. Paul hielt die Hand fest. Er drehte den Mann auf den Rücken und suchte die Wunde, die den Killer zu Boden gezwungen hatte.

Als er sie fand, mitten in der Brust, wusste er, dass es für diesen Mann keine Hilfe mehr gab. Erschöpft lag er neben dem Kopfgeldjäger, bis der starb.

Paul Massey raffte sich auf. Er durchsuchte die Taschen des Toten und steckte jedes Stück Papier, das er fand, ein. Dann zerrte und rollte er die Gestalt über die Schienen bis zur Kante des Abgrunds. Er presste die Kiefer aufeinander, als er ihr einen Stoß versetzte.

Die Leiche rollte zuerst ein Stück den Hang hinab, dann stürzte sie in freiem Fall in die Tiefe. Den Aufschlag unten im tosenden Fluss konnte Paul nicht hören.

Er suchte das Gewehr und steckte es in den Sattelschuh. Das Pony hatte sich beruhigt. Trotzdem brauchte der erschöpfte Mann sehr viel Zeit, um sich in den Sattel zu ziehen, doch als er erst einmal saß, fühlte er sich besser. Behutsam trieb er das Tier an, und dann überließ er es seinem Instinkt, den Weg am Abgrund entlang zu suchen und zu finden.

8

Camp Deer, so genannt, weil es an der Einmündung des Deer Creek in den North Platte River lag, stellte so etwas wie ein Nachschub- und Versorgungslager für die Bautrupps dar, die die Eisenbahnlinie durch das Flusstal den Pass hinauf vorantrieben. Das Lager bestand schon seit knapp zwei Jahren, und es gab außer einigen Saloons und Geschäften auch ein Bordell. Und natürlich die Büros und Werkstätten der Eisenbahngesellschaft.

Paul schwankte im Sattel, während das Pferd instinktiv auf die Wärme eines Stalles zuhielt. Der Stall gehörte zur Schmiede. Als das Pferd stehen blieb, ließ Paul sich aus dem Sattel rutschen. Seine Beine zitterten heftig, und er musste sich am Sattelhorn festhalten, wenn er nicht einfach umfallen wollte.

Ein Junge kam auf ihn zu. Hier unten arbeiteten viele Jungen, die ihren Vätern gefolgt oder von zu Hause ausgerissen waren. Neugierig betrachtete der Bursche Pauls Gesicht, das vom matten Schein einer Lampe auf der anderen Straßenseite beleuchtet wurde.

»Starr mich nicht so an«, sagte Paul.

»Geht es Ihnen nicht gut, Mister?«, fragte der Junge.

Paul fletschte die Zähne. »Hol den Doc«, brachte er hervor.

Der Junge rannte davon. Paul lehnte sich gegen das Pferd. Eine Ewigkeit verging, bevor der Junge mit dem Arzt zurückkam. Der Doc trug einen hellen weiten Mantel, der um seine magere Gestalt flatterte. Er ging sehr aufrecht und sehr gerade, und Paul wusste, dass er wieder betrunken war.

Der Doc legte seine Hand unter Pauls Kinn und hob seinen Kopf. Eine Whiskyfahne stieg in Pauls Nase, und er verzog das Gesicht.

»Böse, böse«, sagte der Arzt düster. »Kommen Sie mit.« Er nahm die Hand weg, und Pauls Kopf fiel auf die Brust.

Paul ließ den sicheren Halt los, um dem Doc zu folgen. Er schwankte.

»Doc!«, schrie der Junge.

Paul spürte, wie er aufgefangen wurde. Es war ein gutes Gefühl.

9

Als er erwachte, war es heller Tag. Er starrte gegen eine braune Balkendecke, die dunkle feuchte Flecken aufwies. Es roch nach Feuchtigkeit und Moder. Die Krankenstube im Camp Deer war eben nicht der komfortabelste Raum des Lagers. Seine Insassen brachten der Company kein Geld.

Paul wandte den Kopf. Zwischen seiner Pritsche und dem Fenster standen weitere drei Betten. Die Männer, die darin lagen, waren bis zu den Nasen eingepackt. Sie bewegten sich nicht. Typische Erdrutschopfer.

Ein Geräusch ließ ihn den Kopf wenden. In der Tür stand der Doc, und hinter ihm erschien das Gesicht des Jungen. Paul Massey erinnerte sich schwach. Der Junge, der Doc...

Doc Grimes grinste über sein hageres Gesicht. »Du hattest Glück, mein Freund!«, sagte er mit rostig klingender Stimme, »dass ich am Freitag noch nüchtern war.«

Paul grinste zurück. »Welchen Tag haben wir denn heute?«, fragte er.

»Sonntag, mein Freund. Da hast du wenigstens keinen Lohnausfall.«

Der Arzt zerrte die schwere Decke von Pauls Körper. Er trug nur seine Unterhose und einen unförmigen Verband. Doc Grimes begann, den Verband abzuwickeln. Beim Anblick der Wunde grunzte er zufrieden.

»Das sieht ja gut aus, sehr gut! Wenn man bedenkt, dass du am Freitag beinahe verblutet wärst...«

Er richtete sich wieder auf, nachdem er den Verband notdürftig wieder um die Wunde gewickelt hatte. »Ich mache dir später einen neuen Verband. Jetzt lasse ich dir etwas zu essen bringen. Bis gleich.«

Der Junge blieb neben Pauls Bett stehen. Er hatte langes blondes Haar und tief liegende helle Augen.

»Ich habe Ihr Pferd und alles versorgt, Mister. Den Sattel und die Packtaschen habe ich versteckt. Sie wären sonst gestohlen worden.«

Paul runzelte die Stirn. Wem gehörten die Sachen des toten Kopfgeldjägers jetzt?

»Wie heißt du?«, fragte er den Boy.

Die klaren Augen verdüsterten sich. Misstrauisch blickte er Paul an.

Paul lachte. »Keine Angst, Junge. Ich wollte nur wissen, wie ich dich rufen soll.Von mir aus können wir es bei Boy lassen.«

»Ich heiße Ellis«, sagte der Junge.

Paul nickte. »Ich heiße Paul«, sagte er. Er wollte nicht mehr unter falschem Namen leben. Er wollte die vergangenen Jahre jetzt abschütteln, mit seiner Vergangenheit leben. Davonlaufen war keine Lösung gewesen. Das Auftauchen des fremden Kopfgeldjägers hatte es bewiesen.

»Sie wollen weg«, sagte der Junge. Es war eine Feststellung, keine Frage. »Wo ist der Mann, der mit dem Pferd gekommen war?«

Paul starrte in das ernsthafte Gesicht des Jungen.

»Er ist tot«, antwortete Paul Massey. »Ich habe ihn getötet.« Er musste es sagen. Er durfte diesen Jungen nicht belügen.

Ellis nickte verstehend. »Er hat hier überall herumgeschnüffeit, bevor er nach Big Muddy raufritt. War er ein Killer?«

»Ich glaube, ja.«

»Wer will Sie umbringen?«

»Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, warum.«

»Was werden Sie tun?«, fragte Ellis.

Herausfinden, wer den Killer geschickt hat. Laut sagte er: »Ich reite nach Hause, Ellis.« Er drehte den Kopf zur Seite. Der Junge brauchte nicht zu sehen, dass es in seinen Augen feucht schimmerte.

Denn es gab keinen Ort auf der Welt, den er als sein Zuhause hätte bezeichnen können. Außer der kleinen Ranch am Cimarron, auf der Maud mit ihrem Mann lebte.

10

In Julesburg verkaufte Paul Massey das Pferd des toten Kopfgeldjägers. Mit der Eisenbahn fuhr er nach Kansas weiter.

Link Wyler hatte fast 300 Dollar in seinen Taschen gehabt, ein kleines Vermögen. Paul hatte es für durchaus gerecht gehalten, dem Jungen 20 und dem Doc 30 Dollar davon abzugeben. Ellis hätte Paul zwar lieber begleitet, aber Paul, der auf einen ungewissen Trail ging, konnte keinen Begleiter brauchen. Irgendjemand hatte einen Killer oder Kopfgeldjäger auf ihn angesetzt. Und dann war da Maud, seine Schwester. Paul musste zu ihr. Ein unbestimmtes Gefühl trieb ihn an.

In Abilene verließ er den Zug. Er kaufte einem Cowboy ein Pferd ab und ritt nach Süden, wobei er um Hill City einen großen Bogen machte.

In Hill City sollte es einen Steckbrief geben.

Überall auf seinem Weg fragte er nach Rocco Vaughn und seinen Strolchen Chess Keefer und Randy Brown. Er hörte nur Gerüchte, und es hätte ihn nicht verwundert, wenn die Banditen ihre Aktivitäten in eine andere Gegend verlegt hätten. Der Boden des Staates Kansas musste doch glühend heiß für sie sein!

Paul Massey verschwieg seinen Namen nicht mehr. So dauerte es nur wenige Tage, bis sich wieder Verfolger an seine Fährte hefteten.

Diesmal waren es zwei. Paul hatte in Wichita übernachtet. Früher war er oft in Wichita gewesen, und er hatte gehofft, alte Bekannte zu treffen. Doch die Stadt hatte sich verändert. Die Menschen schienen nicht mehr die alten zu sein, seit die Stadt mit einer Seitenlinie an die Topeka & Santa Fe Pacific angeschlossen worden war. Jetzt endeten die großen Rindertrecks aus Texas an den Verladerampen der Bahn.

Die Verfolger zeigten sich am Morgen in Wichita. Paul Massey blickte aus dem Fenster des Frühstückraumes zum Texas-Wagenhof hinüber. Hinter dem Wagenhof lagen die Verladerampen und die Korrals für die Rinderherden.

Die beiden Galgenvögel kamen über die Straße, wobei sie so taten, als ob sie sich nicht kannten. Allein diese Tatsache war es, die Pauls Misstrauen weckte.

Vor dem Hoteleingang trafen sie sich. Sie blieben unter dem Vordach stehen, lehnten sich an die Stützbalken und sahen gelangweilt aneinander vorbei.

Paul trank in Ruhe seinen Kaffee aus. Die Kerle hatten einen Plan, das war offensichtlich. Seufzend stand er auf. Er warf einen letzten Blick durch die Gardine nach draußen auf die beiden Strolche. Sie würden versuchen, ihn am Mietstall zu erwischen. Nicht auf offener Straße. Die offene Straße war nicht die geeignete Bühne für solche Heckenschützen.

Paul Massey bezahlte für die Übernachtung, dann ging er hinauf, um sein Gepäck zu holen. Er benutzte immer noch die Packtaschen, die er auf dem Rücken des Ponys vorgefunden hatte. Link Wylers Packtaschen. Paul hatte sich neue Hemden und Hosen und ein Paar Reitstiefel gekauft.

Die Taschen waren gepackt. Er warf sie sich über die Schulter, stieg wieder die Treppe hinab und trat auf den Plankenweg hinaus. Zwischen den beiden Männern blieb er stehen und blinzelte in die Sonne.

»Das wird ein heißer Tag heute«, sagte er halblaut und lächelte. Die Kerle sahen ausdruckslos an ihm vorbei.

Paul sprang auf die Straße und wandte sich nach links, Die Douglas Avenue war voller Menschen, trotzdem spurte er ein unangenehmes Kribbeln zwischen den Schulterblättern. Er atmete erst auf, als er die Gasse erreichte, die zu Tiggot’s Mietstall führte.

Der alte Tiggot war vor einem Jahr gestorben, hatte Paul gehört, doch der neue Besitzer nannte den Stall immer noch nach dem alten Tiggot’s Livery Stable.

Paul trat durch das Tor in den dunklen Gang. Er warf die Taschen ab, wirbelte herum und spähte aus dem Schatten heraus den Weg zurück, den er gekommen war.

Da kamen sie. Paul spürte fast so etwas wie Befriedigung darüber, dass er sich nicht getäuscht hatte. Seine Instinkte waren noch so scharf wie früher.

Er sah sich rasch um. Es gab acht Boxen auf jeder Seite, und in jeder stand ein Pferd. Im Hintergrund erkannte Paul den alten Mann, der jetzt den Stall führte. Gestern Abend hatte er ein paar Worte mit ihm gewechselt.

Paul rannte auf den Mann zu. »In Deckung!«, zischte er, als er nahe genug heran war.

Der Oldtimer reagierte prompt. Er war nur deshalb so alt geworden, weil er seinen Kopf stets schnell genug aus der Feuerlinie gebracht hatte. Er wieselte davon und warf sich irgendwo ins Stroh.

Paul blieb stehen, wo er war. Vor ihm lag der Gang mit dem geöffneten Tor. Er hatte die bessere Position.

Der Erste bog in den Gang ein. Vorsichtig drückte er sich neben dem Torpfosten an die Wand. Gleich darauf kreuzte der zweite Strolch auf. Er entdeckte Pauls Packtaschen, die mitten im Gang standen. Er stand starr, nur sein Kopf bewegte sich. Gegen die sonnenüberflutete Gasse bildete er einen deutlichen Umriss. Als der andere ihm eine Warnung zurief, tauchte er blitzschnell in Deckung.

Ein Pferd schnaubte, der Oldtimer bewegte sich im Stroh. Sonst war es sehr still. Paul schob sich hinter das Sattelgestell. Er zog den erbeuteten Revolver. Es war ein 45er Remington, eine zuverlässige Waffe, mit der er stets gern geschossen hatte.

»He!«, schrie einer der beiden Halunken. Es war der zuerst Gekommene. Ein stämmiger Kerl mit schiefem Mund und strähnigen dunklen Haaren. »He! Ist hier niemand?«

»Was gibt’s denn?«, fragte Paul.

»Wo steckst du?«, brüllte die Stimme.

Paul lachte hohl. »Was willst du? Deinen Gaul abholen?« Er vermutete, dass die Kerle ihre Pferde ebenfalls in Tiggots Stall abgestellt hatten.

Er warf einen Sattel vom Ständer.

Sie ballerten sofort los, womit sie ihre Nervosität verrieten. Paul warf sich auf den Boden. Er robbte unter dem Gestell her und kroch in eine Box. Die Pferde begannen zu stampfen, eine Stute wieherte schrill. Eine andere stieg auf die Plinterhand und schlug mit den Hufen gegen die Boxenwand.

Paul sprang hoch und warf sich über die Trennwand in die nächste Box. Er streichelte den schwarzen Wallach, der darin stand, und schwang sich über die nächste Boxenwand.

Er musste jetzt gut zu sehen sein, nachdem die Augen der Kerle sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten, doch bevor sie sich auf ihn einschießen konnten, ließ er sich fallen, Zwei Kugeln pfiffen über seinen Kopf hinweg.

Paul schob sich hinter dem Pferd vorbei, das in der Box stand und vor ihm zurückwich. Dann presste er sich mit der linken Schulter gegen die Boxentür. Der eiserne Riegel ließ sich auch von innen betätigen. Behutsam zog er ihn zurück.

Er vermutete, dass die beiden Halunken ihre Position vorn am Tor nicht aufgegeben hatten. Er konnte es jetzt nicht riskieren, noch einmal seinen Kopf zu zeigen. Sie wussten, wo er steckte.

Er nahm seinen Hut ab und warf ihn flach über die halbhohe Wand der Box. Gleichzeitig stieß er die Boxentür auf und hechtete in den Gang.

Der Hut segelte noch durch die Luft.

Die beiden Kerle schossen darauf. Paul sah, wie der Hut in der Luft von den Kugeln getroffen wurde.

Er streckte den rechten Arm aus und feuerte auf die Stelle neben dem Tor, wo er einen der Banditen vermutete.

Ein gellender Aufschrei bestätigte die Vermutung. Paul rollte sich herum, während der getroffene Halunke die Arme hochriss und in den Gang taumelte.

Der andere feuerte wild drauflos. Paul hörte, wie die Kugeln neben seinem Kopf den gestampften Boden aufrissen.

Paul zog die Beine unter seinen Körper. Er sah eine Mündungsflamme auf sich zukommen, heißes Blei streifte seinen Kopf. Er warf sich zur Seite.

Der andere schoss hastig, zu hastig. Paul schoss zurück, als er fest stand.

Er wusste, dass er getroffen hatte.

Er hörte das dumpfe Krachen, als der Schütze von der Wucht des schweren Bleis gegen die Schuppenwand geworfen wurde. Paul sprang auf. Der Bandit, den er zuerst getroffen hatte, wälzte sich am Boden. Er trat ihm den Revolver aus der Hand. Dann näherte er sich dem anderen.

Er fand ihn auf einem Haufen alter Pferdedecken. Er hatte die Beine ausgestreckt und hielt die Hände an den Körper gepresst. Die Augen waren weit geöffnet.

Paul steckte die Waffe ein. »Warum?«, fragte er rau.

Die Augen wurden bereits trübe. Der Mund bewegte sich. Paul wartete, aber er hörte nur einen Fluch.

»Fahr zur Hölle!«, flüsterten die grauen Lippen.

Paul bückte sich. Er zerrte den Kerl, der ihn hatte töten wollen, in die Höhe, und er tastete dessen Taschen ab.

Er fand ein Bündel Dollarnoten, aber kein Papier. Auch Link Wyler hatte keinen Steckbrief bei sich gehabt, der den Namen Paul Massey getragen hätte.

Paul richtete sich auf. Hinter ihm standen drei Männer. Der Marshal und zwei Deputys. Die beiden Gehilfen hielten schwere Colts in den Fäusten.

Paul spreizte die Arme und überließ den Gesetzeshütern seinen Waffengurt. Er wollte nicht aus Versehen erschossen werden.

Der Marshal hatte ein finsteres Gesicht mit einem kantigen Kinn. Er bewegte nur den Kopf. Die Deputys nickten. Sie nahmen Paul in ihre Mitte und führten ihn ab.

11

Am Nachmittag holten die Deputys ihn wieder aus seiner Zelle. Im Office saßen der Marshal und der Stadtrichter. Der Marshal zeigte immer noch sein finsteres Gesicht. Er deutete auf den Tisch, wo Paul Masseys Waffengürtel lag.

»Sie sind frei«, sagte er mürrisch. »Es war Notwehr.«

Der Richter nickte dazu. Niemand fragte Paul nach seinem Namen. Er schnallte den Gürtel um seine Hüften und prüfte den Sitz des Remington.

»Was ist mit den Kerlen?«, fragte er.

»Einer ist tot, der andere wird die Nacht nicht überleben. Sie verlassen die Stadt spätestens morgen früh.«

Paul presste die Lippen aufeinander. Schweigend verließ er das Office. Er überquerte die Straße, die jetzt noch voller war als am Morgen. Er betrat das Hotel. Als der Wirt ihm eröffnete, dass sein Zimmer nicht mehr frei sei, begriff er sofort.

Er lief zum Stall. Von der Schießerei gab es keine Spur mehr. Der Oldtimer kam hinter seinem Verschlag hervor. Er kicherte, als er Paul erkannte.

»Danke«, sagte Paul Massey.

Der Alte wehrte ab. »Schon gut. Ich habe dein Gepäck hier ins Stroh gepackt«, sagte er.

Paul drückte ihm ein paar Dollar in die Hand. »Kann ich hier schlafen?«, erkundigte er sich.

»Klar. Bist du Paul Massey?«

Pauls Magen zog sich zusammen. »Woher kennst du meinen Namen?«

»Jemand hat nach dir gefragt. Behauptete, er wäre ein alter Bekannter von dir. Müsste im Texas Saloon sein, er sagte, er heißt Wallace Lockhart.«

Zwei Jahre lang hatte Paul für Lockhart Herden von Texas heraufgetrieben. Er lächelte. »Einen alten Freund soll man nicht warten lassen«, sagte er.

Der große Saloon, den die Rinderleute bevorzugten, war gerammelt voll. Paul erkannte Wallace Lockhart trotzdem sofort, weil er nicht nur groß war, sondern auch breit und die zähen Cowboys oder die fetten Rinderagenten um Haupteslänge überragte.

Lockhart trug immer noch einen schwarzen runden Hut und eine hellgelbe Cordjacke. Paul boxte sich zu ihm durch.

»Dein Haar ist grauer geworden«, sagte er und lächelte knapp. »Aber sonst bist du genau der Alte.«

»Paul Massey!«, rief Wallace. »Ich hätte nie gedacht, dass ich dich einmal wieder sehe!« Er goss ein Glas aus seiner Flasche voll und schob es zwischen Pauls Fäuste. »Wo hast du gesteckt?«

»Im Norden«, antwortete Paul ausweichend.

»Ich habe gesehen, wie man dich weggeschleppt hat. Du hast zwei Halunken umgelegt. Mach dir nichts daraus.«

»Einer lebt noch. Kennst du die Typen?«

»Ich habe nur gehört, dass sie sich schon eine ganze Weile hier herumtreiben. Vielleicht haben sie auf dich gewartet.«

Paul rollte unbehaglich die Schultern. Wenn er zum Cimarron wollte, zu Maud, musste er durch Wichita. Jemand schien seine Absichten vorauszusehen und war darauf aus, sie zu durchkreuzen.

»Was wollten die Kerle von dir? Nur umlegen ist doch etwas billig.«

Paul hob die Schultern. »Ich bin nicht sicher«, sagte er. Besser hätte er antworten können, keine Ahnung zu haben.

»In Hill City soll es einen Steckbrief mit meinem Namen geben«, sagte er leise. »5.000 Dollar.«

Wallace starrte Paul verblüfft an. »Du auf einem Steckbrief? Das verstehe ich nicht.«

»Ich auch nicht«, gab Paul zu. »Aber irgendetwas muss dran sein.«

»Hast du den Steckbrief gesehen?«

»Nein.«

»Vielleicht ist es ein Bluff. Geh nach Hill City«, riet Wallace.

»Später. Zuerst muss ich nach Oklahoma. Kennst du Rocco Vaughn und seine Bande? Chess Keefer und Randy Brown?« 

»Was hast du mit diesen Banditen zu schaffen?«, fragte Wallace. Seine Stimme klang plötzlich abweisend.

»Ich bin einmal mit ihnen geritten, aber da wusste ich nicht, was das für Halunken waren. Bei Gott, ich wusste es nicht!« Paul goss sich selbst aus Lockharts Flasche nach und kippte den Whisky hinunter wie ein Verdurstender. »Weißt du, wo die Kerle stecken?«

»Vaughn soll vor ein paar Wochen den Sheriff von Sharon Springs umgelegt haben. Man nimmt an, dass er nach Colorado geflohen ist. Chess Keefer soll in Ness City im Jail sitzen, habe ich gehört, und Randy Brown muss sich in der Gegend um Hill City herumtreiben. Wenn du einem von ihnen begegnest, leg ihn um.« Wallace nickte grimmig. »Brown soll sogar einige Zeit ehrlich gearbeitet haben«, fuhr der Viehagent dann fort. »Bei einem Fuhrunternehmer in Hill City.«

Hill City, der Name tauchte immer wieder auf. Die Banditen waren zwar in alle Winde verstreut, aber Paul konnte sich nicht vorstellen, dass sie sich für immer getrennt haben sollten. Sie waren immer ein verschworenes Trio gewesen. Alle für einen.

Vielleicht hatte Rocco Vaughn einen Preis auf seinen, Pauls, Kopf ausgesetzt?

Unsinn, dachte er. Warum? Rocco war kein Mann, der Dollars unnötigerweise hinauswarf. Denn was hätte er durch den Tod seines ehemaligen Gefährten zu gewinnen?

»Seit wann sitzt Keefer in Ness City im Jail?«, erkundigte er sich.

Wallace hob die Schultern. »Ich hab’s gestern erst gehört. Lange kann’s demnach nicht her sein. Sie werden ihn hängen.«

Das, vermutete Paul, werden sie nicht schaffen, solange Rocco Vaughn frei herumlief.

12

Ihn hielt nichts mehr in Kansas, nicht einmal die Frage, wer die Killer auf seine Spur gesetzt hatte, interessierte ihn, solange er Maud nicht wieder gesehen hatte.

Fünf Tage nach seinem Aufbruch aus Wichita überquerte er bei Alva den Arkansas River und trieb sein Pferd nach Westen über die Hügel auf den Cimarron zu.

Er legte jetzt keine Rast mehr ein. Am Nachmittag begegnete er einer Horde Kiowas. Die Indianer zogen auf ihren Ponys an ihm vorbei, ohne sich um ihn zu kümmern.

Dann lag das weite fruchtbare Flusstal unter ihm. Paul erkannte weiß gestrichene Häuser am Fluss und eine Hütte oberhalb der alten Furt. Dort lag ein langer schwarzer Holzkahn am Ufer vertäut.

Paul lächelte. Also hatte der Pole es tatsächlich geschafft, eine Fähre einzurichten. Der Pole er wurde einfach so genannt, weil niemand seinen Namen aussprechen konnte war mit den Gallets und anderen Pionieren aus dem Osten ins Tal des Cimarron gekommen. Der Pole hatte sofort eine Fähre bauen wollen, obwohl es die flache Furt gab und niemand die Dienste eines Fährmannes benötigte. Aber vielleicht gab es doch Leute, die lieber auf einem Kahn über den Fluss setzten. Die Zeiten ändern sich eben, dachte Paul.

Er ritt ins Tal hinunter. Die neue Siedlung ließ er links liegen. Pete Gallets Ranch lag ein paar Meilen flussaufwärts hinter einer Hügelwelle. Paul hatte den Platz damals mit ausgesucht und Pete und Maud beim Bau ihrer ersten Hütte und des Pferdekorrals geholfen.

Die Sonne versank hinter den Hügeln im Westen. Ihre letzten Strahlen blendeten den Reiter. Er konnte das Haus erst erkennen, als er tiefer am Hang in den Schatten tauchte.

Nichts hatte sich verändert. Das Blockhaus an dem schmalen Bach, der eine halbe Meile unterhalb des Hauses in den Cimarron mündete, der Blumen- und Gemüsegarten hinter dem Haus, der lang gestreckte Stall, mehr ein Bretterschuppen, der für die Milchkühe bestimmt war, die Pete sich zulegen wollte, sowie sie Kinder hätten.

Paul zügelte sein Pferd. Etwas war anders, etwas störte ihn, obwohl er es nicht sofort zu erfassen vermochte. Das Land war gut die Weiden im Tal grün, nur an den Flanken der Hügel hatte sich das Gras gelb verfärbt. Alles müsste voller Longhorns stehen, dachte Paul.

Aber es gab keine Rinder. Kein einziges Stück Vieh stand auf den fetten Weiden unten am Fluss.

Langsam ritt er auf das Haus zu. Eine kalte Hand presste seine Brust zusammen. Der Kamin zeigte keine Rauchfahne. Beim Näherkommen erkannte Paul, dass das Haus verkommen war, die Beete, Mauds Stolz, waren von Unkraut überwuchert.

Fünf Schritte vor der Veranda glitt Paul aus dem Sattel. Er band den Braunen an der Haltestange fest. Langsam stieg er die zwei Stufen hinauf. Pauls Schritte klangen hohl auf dem Verandaboden. Er schlug mit der Faust gegen die Tür.

»Jemand zu Hause?«, rief er.

Die Tür war verriegelt. Er schlug dagegen. Immer und immer wieder. Sie mussten im Haus sein. Er wollte schon aufgeben und es hinten versuchen, als die Tür nach außen schwang. Eine Gewehrmündung stieß in Pauls Seite. Betroffen hob er die Hände.

»Gehen Sie!«, befahl eine dumpfe Stimme. »Gehen Sie...«

Der Mann mit dem Gewehr hatte keine Ähnlichkeit mit dem Pete Gallet, den Paul gekannt hatte. In der Tür stand ein alter Mann mit gebeugtem Rücken, grauen Haaren und fahler Haut. Die Augen waren blutunterlaufen, der Blick trübe.

Aber es war trotzdem Pete.

»Ich bin’s, Paul«, sagte Paul Massey tonlos.

Pete hob das Gewehr ein Stück höher. Er kniff die Lider zusammen, als ob er seinen Besucher auf diese Weise besser erkennen könnte. Vorsichtig drückte Paul den Gewehrlauf zur Seite.

»Paul!«, sagte Pete. Er begann zu zittern. »Paul, wo kommst du her?«

Paul überging die Frage. »Wo ist Maud?«, fragte er.

»Maud? Welche Maud?«

Paul riss das Gewehr mit einem Ruck an sich und schleuderte es über die Veranda. Seine Fäuste zuckten vor. Sie packten das dreckige Hemd seines Schwagers und hoben die abgemagerte Gestalt in die Höhe.

»Wo ist sie?«, fragte Paul mit einer Stimme, die vor unterdrückter Angst kratzte.

Speichel troff aus Pete Gallets Mundwinkeln. Angeekelt schleuderte Paul seinen Schwager gegen die Hauswand. Pete atmete schwer. Dann schüttelte er den Kopf, als könne er so seine Gedanken klären.

»Paul«, sagte er schwer. »Paul, sie haben sie umgebracht...«

Paul verstand die Worte, aber er begriff nicht, was sie bedeuteten, »Maud, sie kann nicht tot sein«, sagte er.

Pete Gallet blickte auf. Seine Augen glänzten jetzt wie im Fieber. »Sie ist tot, Paul. Und du bist schuld, nur du...«

Paul schrie auf. Wie konnte er eine Schuld am Tod seiner Schwester haben? Seine Faust schlug zu.

Dann sank er vor Pete auf die Knie und hämmerte seine Stirn auf den Boden.

13

Pete Gallet schleppte ihn schließlich ins Haus. Paul war benommen. Die Wirklichkeit hatte aufgehört, für ihn zu existieren. Pete versorgte sein Pferd, dann kam er zurück und zündete die Lampen an. Er wirkte jetzt kraftvoller als bei der ersten Begegnung. Er hatte sich das Blut aus dem Gesicht gewaschen. Seine Nase und die Oberlippe waren geschwollen.

»He, Paul«, sagte er. Er drückte seinem Schwager einen Becher mit heißem Kaffee in die Hand.

Paul nahm den Becher und trank einen Schluck. »Wann?«, fragte er.

»Vor vier Monaten. Paul, sie kamen einfach ins Haus. Drei Männer. Sie wollten wissen, wo du steckst. Maud wollte es nicht sagen. Sie hatte es mir gesagt, dass du nach Wyoming oder Idaho gehen wolltest zu den Schienenlegern oder was weiß ich. Warum, hat sie mir nicht verraten, und ich habe sie nicht gefragt...«

Paul nickte ungeduldig. »Ja, ja. Und was dann?«

»Sie hat den Kerlen nichts gesagt. Da habe ich ihnen gesagt, was ich wusste. Sie wollte es nicht, aber ich konnte es nicht mit ansehen. Paul, sie haben sie...«

»Schweig!«, schrie Paul.

Aber Pete konnte nicht schweigen. Tränen rannen über seine Wangen.

»Paul, sie haben ihr die Kleider vom Leib gerissen. Sie haben mit Messern auf sie geworfen. Und dann haben sie sie ins Schlafzimmer gezerrt.«

»War das, bevor du es ihnen gesagt hast?«

Pete schüttelte den Kopf. »Es war hinterher. Sie haben keine Ruhe gegeben. Ich konnte nichts machen, Paul. Sie hatten meine Waffen gefunden. Ich hatte doch nichts Böses geahnt. Das Tal war so friedlich...« Pete schlug die Hände vor das Gesicht.

»Beschreib sie«, forderte Paul seinen Schwager auf.

»Der Anführer war groß und breit, sehr groß. Er hat eine flache Nase und zottige Haare. Die Nase ist gebrochen, glaube ich, und ihm fehlen ein paar Zähne im Unterkiefer...«

»Rocco Vaughn«, knirschte Paul Massey.

»Dann war da ein magerer Bursche, noch ziemlich jung, mit einem dünnen blonden Bart.« Pete hatte den Kopf in den Nacken gelegt. Die Gesichter dieser Männer hatten sich in sein Hirn gebrannt.

Auch Paul sah jetzt die Gesichter vor sich. Der Blonde mit dem dünnen Ziegenbart war Chess Keefer.

»Der Dritte hat einen eckigen Schädel mit kurz geschorenen Haaren. Die Augen sind klein, der Mund, der Mund...«

Die Erinnerung nahm Pete Gallet den Atem.

»Randy Brown«, sagte Paul, »Ich bin tatsächlich schuld. Du hast Recht...«

Pete schüttelte den Kopf. »Sie sind Bestien. Sie wollten sie töten.«

Warum hatte er Rocco Vaughn von seiner Schwester erzählt?, fragte sich Paul verzweifelt. Er war doch kein schwatzhaftes Weib! Aber als er ihm von Maud erzählte, da hatte sie gerade geheiratet, und er wusste noch nicht, was für ein Mensch Rocco Vaughn in Wirklichkeit war.

»Wer hat sie getötet?«, fragte er heiser.

Pete starrte Paul an. »Wer? Paul, sie alle waren es! Du hättest ihren Körper sehen müssen...« Pete schluchzte. »Wir haben sie verfolgt. Ich auch. Obwohl. ..« Er riss sich das Hemd von der Schulter. Paul sah eine lange, schlecht verheilte Narbe, die von der Schulter bis zur Brustwarze reichte. »Ich war verletzt. Wir haben sie trotzdem gejagt, bis nach Kansas hinein. Der Sheriff hätte umkehren müssen. Er hat keinerlei Rechte auf dem Territorium der Vereinigten Staaten. Nach drei Tagen haben wir ihre Spur verloren. Wir kannten ja ihre Namen nicht.«

Paul bewegte sich nicht. Er wusste jetzt, dass Maud tot war, obwohl sein Verstand sich immer noch weigerte, ihren Tod als Tatsache zu erfassen.

»Ich habe dich gehasst, Paul, weil du mit diesen Menschen einmal zu tun hattest. Aber es ist vorbei. Ich kann nicht mehr hassen, nur noch trauern. Ich werde Judy zurückholen und weitermachen. Oder von vom beginnen.«

»Wer ist Judy?«

»Unsere Tochter. Sie ist jetzt zwei Jahre alt. Sie hat geschlafen, als... es passierte. Seit... damals ist sie bei Freunden in der Siedlung. Aber ich werde sie holen. Gleich morgen.«

Paul nickte. »Vorher würde ich hier etwas Ordnung schaffen«, sagte er.

Pete sah sich um. »Du hast Recht, Paul. Bleibst du hier? Wir zwei könnten etwas schaffen.«

Paul schüttelte den Kopf. Sein Gesicht war starr. »Ich reite nach Kansas. Ich weiß, wo ich die Kerle finde.«

14

Der zweite Mittwoch im Monat war Gerichtstag im Ness County. Viele Menschen waren in der Stadt Farmer, Rinderleute, Händler, Spieler und Strolche.

Und die Richter natürlich. Sie versammelten sich im Hotel, wo sie den Stadtrichter trafen, den Bürgermeister und den Town Marshal.

Dieses Mal musste eine Grand Jury zusammengestellt werden. Es wurde gegen einen Mörder verhandelt. Chess Keefer, angeklagt des Mordes in zwei Fällen. Dazu kamen Pferdediebstahl, Raub und noch ein paar Kleinigkeiten. Von den beiden Schwarzen, die er im benachbarten County erschossen hatte, sprach niemand.

Die Stadt hatte ihre Sensation, und es brodelte, als Paul Massey sein Pferd am Montagabend aus dem Viehwaggon führte.

Ness City war ein solides Städtchen und mit seinen 1200 Einwohnern fast so groß wie Wichita. Aber Ness City unterschied sich doch beträchtlich von Wichita, das nur von den Rinderherden, die von Texas herauf getrieben wurden, lebte. Ness City dagegen lebte von seiner eigenen Umgebung, von den Ranches und Farmen. Ness City war eine Kleinstadt, die den wahren Mittelpunkt eines überschaubaren Bezirks darstellte. Die Bürger standen zu ihrer Stadt, und sie waren bereit, ihre Pflicht zu tun. Es gab eine freiwillige Feuerwehr, eine große Schule, einen Frauenverein.

Paul führte seinen Braunen am Zügel über die Main Street. Die Straße war staubig. Es hatte lange nicht mehr geregnet.

Interessiert blieb er vor dem breiten Backsteingebäude stehen, in dem das Office des Marshals und das Stadtgefängnis untergebracht waren. Das Haus hatte ein flaches Ziegeldach. Ein schräges Vordach aus Holzschindeln überschattete den hölzernen Stepwalk. Neben der massiven Balkentür standen zwei durchgesessene Schaukelstühle. Die beiden Fenster links und rechts der Tür waren vergittert.

An der linken Seite des Gebäudes führte eine Gasse auf den Hof, an dem die Ställe des Marshal’s Office lagen. Die Gasse endete ein paar hundert Yards weiter am Schienenstrang.

Rechts hatte man die neu erbaute County Hall fast an den Backsteinbau geklebt. Die County Hall war ein Prachtbau mit viel Glas, die den Wohlstand der Gemeinde zur Schau stellte. Hier würde übermorgen das Gericht zusammentreten.

Die Tür des Marshal-Büros wurde geöffnet. Paul Massey packte die Zügel seines Braunen fester. Langsam setzte er sich in Bewegung.

In der Tür erschienen zwei Männer. Der erste war der Marshal. Er hatte ein fleischiges Gesicht und einen stämmigen Hals, und obwohl der breitrandige Hut sein Gesicht beschattete, konnte Paul die kristallklaren Augen erkennen. Es waren harte Augen, denen nichts entging. Sie verweilten nur eine Sekunde lang auf Paul, doch Paul schien es, als hätten diese Augen bereits alles über ihn erfahren.

Der andere war ein jüngerer Deputy. Er schloss die Tür des Office und blieb auf dem Plankenweg stehen, während der Marshal die Straße überquerte.

Der Deputy hielt eine doppelläufige Flinte mit abgesägten Läufen in der Hand.

Diese Männer erwarteten Schwierigkeiten, doch sie schienen sich nicht zu fürchten.

Paul wandte sich einem Hotel auf der anderen Straßenseite zu. Er band den Braunen fest und betrat die Halle.

»Ich möchte ein Zimmer nach vorn hinaus«, sagte er zu dem Wirt.

Der Mann sah auf. »Wir haben ohnehin nur noch eins frei, das nach vorn hinausgeht«, sagte er. »Vorn wird es laut werden, Sir, aber wenn Sie es wollen erster Stock, Zimmer vier. Bitte, tragen Sie sich ein.«

Paul nahm die Feder aus dem Tintenfass und beugte sich über das Buch. Seine Hand zitterte leicht. Er dachte an die durchdringenden Augen des Marshals. Doch dann schrieb er entschlossen seinen Namen in die untere Zeile.

15

Von seinem Zimmer aus konnte er den umlaufenden Balkon betreten. Er öffnete die Tür und trat an das Geländer.

Es wurde dunkel, und die Luft war schon kühl. Er stützte sich auf das Geländer und starrte auf die Straße hinunter. Er betrachtete jedes Haus, das in seinem Blickfeld lag. Die Saloons, den Generalstore, das Geschäft und die Werkstatt des Büchsenmachers, die Schmiede, die Sattlerei. Alles lag in der Nähe.

Paul zog sich zurück. Er musste noch sein Pferd versorgen. Und dann wollte er damit beginnen, die anderen zu suchen.

Rocco Vaughn und Randy Brown. Sie waren bestimmt in der Nähe. Und wie er Rocco kannte, würde der alles daran setzen, Chess Keefer vor dem Galgen zu bewahren.

Man konnte von Rocco Vaughn halten, was man wollte er war ein Bandit, aber er war auch ein zuverlässiger Kamerad. Das jedoch war die einzige positive Eigenschaft, die Paul dieser mordgierigen Bestie zuzugestehen bereit war.

Paul sah noch einmal zum Jail hinüber. Die Lampen neben der Tür brannten nicht, aber Paul konnte den Umriss des jüngeren Deputy erkennen, der dort Wache hielt.

Paul brachte sein Pferd in den Mietstall am Nordende der Stadt, sattelte es dort ab und versorgte es mit frischem Wasser und Futter. Ein etwa 16jähriger Bursche half ihm dabei.

»Wie viele Mietställe gibt es in der Stadt außer diesem?«, erkundigte sich Paul.

»Noch zwei, Sir. Einer liegt hinter der County Hall, in der Nähe der Bahnstation. Und der andere sehen Sie die Gasse dort drüben bei McEanes Schuhgeschäft? Es ist nur ein kleiner Stall, Sir.«

Paul nickte.

»Suchen Sie jemanden, Sir?«, fragte der Junge.

Paul sah ihn an, und er lächelte. Der Junge erinnerte ihn an Ellis aus dem Camp Deer. Aufgeweckt und hilfsbereit. Und ehrlich. Er beschrieb Rocco Vaughn und Randy Brown, doch der Junge schüttelte bedauernd den Kopf.

»Tut mir Leid, Sir, diese Gentlemen habe ich nicht gesehen.«

Paul gab ihm einen Vierteldollar und verließ den Stall. Auf dem Hinweg hatte er ein nettes, einladend aussehendes Speiselokal bemerkt, das er jetzt ansteuerte.

Der Gastraum war noch leer, und er setzte sich ans Fenster. Von hier aus konnte er die Main Street überblicken. Wenn Rocco Vaughn kam, musste er über die Main Street kommen.

Das Mädchen aus der Küche sah ihn an und lächelte. »Es ist noch sehr früh, aber wenn Sie Hunger haben, mache ich Ihnen sofort etwas.«

Paul lächelte zurück. »Irgendetwas«, sagte er. »Ein Steak, oder Eier mit Speck.« Wenn er jetzt etwas aß, brauchte er später keine Zeit mehr dafür zu verwenden.

Er starrte wieder nach draußen. Immer noch kamen Reiter in die Stadt. Er versuchte sich Klarheit zu verschaffen über das, was er wollte.

Er wollte Rache für Maud. Das Gefühl brannte wie Feuer in ihm, und er wusste, dass nichts und niemand ihn davon abbringen konnte, dieses Feuer zu löschen. In ein paar Tagen würde Chess Keefer gehängt werden. Nicht für den Mord an Maud.

Aber er sollte für Mauds Tod sterben.

Er versuchte, einen Plan zu fassen. Einen verrückten Plan, der ihn in Chess Keefers Nähe bringen sollte. In seine Zelle?

Langsam und bedächtig aß er sein Steak. Dabei wusste er nicht, wie viel Zeit er hatte. Diese Nacht? Und die nächste auch noch? Alles hing davon ab, ob Rocco Vaughn schon in der Stadt war. Und welchen Plan er verfolgte, um seinen Komplizen herauszuholen.

Paul blickte nach draußen. Schräg gegenüber lag das Arkansas Hotel, das größte Hotel der Stadt. Ein paar Farmerwagen standen davor und mehrere Pferde. Hinter den hell erleuchteten Fenstern konnte Paul städtisch gekleidete Männer erkennen, die sich in einem Saal versammelten.

Er zuckte zusammen, als er ein Gesicht erkannte. Ein Gesicht, das er fast vergessen hatte.

Es gehörte Curt Demeyer vom Wells Fargo Büro in Hill City.

Paul kniff die Lider zusammen. Er hatte sich nicht getauscht. Hinter den Fenstern herrschte jetzt ständige Bewegung. Curt Demeyer wurde von einem anderen Mann am Arm genommen und zur Seite gezogen.

Paul warf ein paar Münzen neben seinen Teller und eilte hinaus.

16

Er sprang auf den Stepwalk und presste sein Gesicht fest gegen die Scheibe. Auf langen, mit weißen Tüchern gedeckten Tischen wurden Speisen aufgetragen. Die Gäste nahmen ihre Plätze ein. An der Wand hing eine amerikanische Flagge. Ein Mann mit rotem Gesicht schien ein Gebet zu sprechen.

Der Mann, den er für Curt Demeyer hielt, saß mit dem Rücken zum Fenster. Der Mann hatte langes, gewelltes dunkelblondes Haar, das sich um die abstehenden Ohren ringelte. Jetzt wandte er sich seinem Nachbarn zu, und Paul erkannte Demeyers Profil die fliehende Stirn, die leicht vorquellenden Froschaugen und die spitzen Rattenzähne.

Paul zuckte zurück. Überall waren die Schatten der Vergangenheit. Diesen Mann da drinnen hätte er um ein Haar ermordet. Zusammen mit Rocco Vaughn, Chess Keefer und Randy Brown.

Sein Herz hämmerte. Er stellte sich neben das Fenster und zog den Tabaksbeutel heraus. Seine Finger zitterten leicht, als er sich eine Zigarette rollte. Er schob das Produkt seiner Bemühungen, das nur entfernte Ähnlichkeit mit einer Zigarette aufwies, zwischen seine Lippen und suchte die Taschen nach einem Streichholz ab.

Er blickte nach links, als der Bretterboden unter seinen Füßen erbebte. Der Marshal war auf den Stepwalk gesprungen und kam jetzt mit schnellen, weit ausholenden Schritten näher. Wieder traf Paul ein Blick aus klaren Augen, und es kam ihm so vor, als ob ihn ein Blitzschlag streifte. Dieses Mal hielt er dem Blick stand.

Der Marshal trug eine weit geschnittene braune Jacke und ein weißes Hemd mit einer dünnen Schnurkrawatte. Unter der Jacke hing der tief geschnallte Colt.

Der Marshal spähte kurz an Paul vorbei durch das Fenster in den Saal des Arkansas Hotels hinein. Dann sah er wieder Paul an, und er ließ ein Streichholz aufflammen. Es wirkte wie ein Zaubertrick.

Paul zog den Rauch in seine Lungen. Der Marshal ließ die kleine Flamme länger brennen, als es zum Anzünden der Zigarette nötig gewesen wäre.

»Da drinnen tagt der Bürgerverein«, sagte er ruhig mit voller Stimme. »Sie legen auf meine Anwesenheit wert.« Er hob die breiten Schultern und lächelte. »Sie sind fremd in Ness City?«

Paul nickte. Der Marshal wollte ihn noch etwas fragen, doch jetzt hatte ihn einer der Gäste im Speisesaal entdeckt, und es wurde gegen die Scheibe geklopft. Der Marshal hob beschwichtigend die Hände und ging zur Tür.

Paul sah ihm nach. Er stand jetzt wieder vor dem Fenster. Als er den Kopf wandte und in den Speisesaal hineinblickte, starrte er genau in Curt Demeyers Augen.

Dieser Blick ging Paul durch und durch. Schon einmal hatte er diesen Blick gesehen. Damals hielt er eine Waffe in der Faust, und beinahe hätte er geschossen.

Aber er hatte eine Maske getragen, und Demeyer hatte ihn nicht erkennen können.

Immer noch starrte Demeyer ihn an. Das Gesicht des untersetzten Mannes zeigte keine Regung, doch der Ausdruck der blassen Augen ließ keinen Zweifel zu.

Curt Demeyer wusste genau, wen er vor sich hatte.

Paul hielt dem Blick stand, bis Demeyer sich um wandte und seinen Platz wieder einnahm. Demeyer trug eine goldene Uhrkette über der Brokatweste und eine seidene Krawatte. Er neigte sich seinem Nachbarn zu, einem dicken Mann mit Speckwülsten im Nacken. Der Dicke lachte, und Demeyer lachte ebenfalls. Der Marshal hatte nur drei Stuhle von Demeyer entfernt Platz genommen, doch Demeyer wandte sich nicht an den Marshals, um ihm mitzuteilen, dass draußen ein Mann stand, der in Hill City wegen schweren Raubes gesucht wurde.

Paul zog sich ins Dunkle zurück. Tausend Gedanken wirbelten durch seinen Kopf.

Curt Demeyer hatte ihn erkannt, und er konnte ihn auffliegen lassen. Er, Paul Massey, konnte nicht mehr in Ruhe darauf warten, dass Rocco Vaughn Chess Keefer aus dem Jail holte, damit er, Paul, ihn umlegen konnte.

Es gab nur eine Möglichkeit. Er, Paul, musste zu Chess Keefer.

Er steuerte den nächstgelegenen Saloon an.

17

Am Nachmittag, vor dem Bankett, hatte die monatliche Versammlung des Bürgervereins stattgefunden. Im Saloon wurde über dieses Ereignis gesprochen, und Paul hörte aufmerksam zu.

Auch der Marshal, so hieß es, habe an der Sitzung teilgenommen. Sein monatlicher Bericht zu Sicherheitsfragen der Stadt war fällig, und weil er einen Mörder im Jail sitzen hatte und eine Schwurgerichtsverhandlung bevorstand, war seine Rede auf besondere Aufmerksamkeit der Versammlung gestoßen. Das jedenfalls vermutete der Barkeeper, als er sich vertraulich zu Paul über die Theke beugte.

»Heute ist es ja noch ruhig«, sagte er, »aber morgen Abend geht es richtig los! Dann kommen die Cowboys und die Farmer in die Stadt. Die meisten übernachten hier. Morgen Abend ist Tanz...«

»Dann braucht der Marshal aber viele Deputys«, vermutete Paul.

»Er hat vier Mann. Marshal Corbett geht kein Risiko ein, wenn er einen Mörder im Jail hat. Morgen Abend wird er vier weitere Männer verpflichten.« Der Keeper nickte bekräftigend. »Don Corbett duldet keine Zwischenfälle.«

Paul trank seinen Doppelten. Er musste weiter, noch hier und da etwas trinken, damit niemand später seinen wahren Alkoholkonsum nachrechnen konnte.

Sie sollten ihn ins Jail stecken. Zu Chess Keefer. Am besten in dieselbe Zelle. Dann würde er ihn erwürgen. Chess Keefer sollte der Erste sein, der starb. Niemand sollte ihm zuvorkommen. Schon gar nicht der Henker, für den es nur ein Job sein würde, den Mann zu töten.

Der Keeper wischte vor Paul herum. Es war nichts los im Saloon. Paul stellte die Frage, die ihn beschäftigte, seit er Curt Demeyer wieder gesehen hatte.

Möglichst unbeteiligt sagte er: »Ich habe vorhin Curt Demeyer gesehen. Ich kenne ihn von früher, aus Hill City, glaube ich.«

Der Keeper lachte. »Mr. Demeyer ist unser Bürgermeister! Er lebt seit drei Jahren in Ness City.«

Paul schluckte, doch sein Gesicht blieb ausdruckslos. Damals leitete Demeyer die Niederlassung der Wells Fargo in Hill City. Warum sollte ein Frachtmakler und Prachtagent nicht Bürgermeister werden?

»Mr. Demeyer hat sich an Bruce Stevens Fuhrgeschäft beteiligt. Stevens & Co., Transporte in alle Teile der Vereinigten Staaten. Haben Sie das Schild an der Straße gesehen? Der Co. ist Mr. Demeyer. Die Firma hat einen Vertrag mit der Bahngesellschaft. Alle Frachten werden über Stevens & Co. abgewickelt. Mr. Stevens war fast pleite, als Mr. Demeyer bei ihm einstieg. Jetzt sind sie die reichsten Männer in der Stadt, Mr. Stevens und Mr. Demeyer. Vor einem halben Jahr haben wir Mr. Demeyer zum Bürgermeister gewählt.«

Paul trat auf die Straße hinaus. Sein Schädel dröhnte. Etwas stimmte nicht. Er konnte es nur noch nicht packen. Es hing irgendwie mit Demeyer zusammen. Mit demselben Demeyer, den er vor drei Jahren beinahe erschossen hätte. Demeyer hatte einen schweren Kavallerie-Colt in der Faust gehalten, als er plötzlich vor ihnen stand. Aber er hatte nicht geschossen.

Auch Rocco Vaughn hatte nicht geschossen, obwohl der Bandit doch sonst nicht zimperlich war, wenn es darum ging, die eigene Haut zu retten.

Paul ging zum Alhambra Saloon hinüber. Vor dem Eingang brannten Kutscherlaternen, und die acht oder neun Pferde am Hitchrail versprachen eine lebhaftere Unterhaltung als in dem Saloon, in dem er sich zuvor aufgehalten hatte.

In der Tür drehte er sich noch einmal um. Er sah zu dem Steinbau hinüber, in dem das Stadtgefängnis untergebracht war.

Er bemerkte das helle Oval eines Gesichts unter dem vorspringenden Dach, und er sah einen Stern schimmern, als der Mann, der neben der Tür Wache hielt, sich einmal bewegte.

Hinter den Fenstern des Office war es dunkel, doch Paul war sicher, dass dort ebenfalls ein Mann auf Posten stand. Ein weiterer bewachte vermutlich den Hof und die Rückseite des Gebäudes. So jedenfalls hätte Paul die Wachen eingeteilt, wenn er der Marshal gewesen wäre und vier Männer zur Verfügung gehabt hätte. Den vierten Mann hätte er in Reserve gehalten.

Paul betrat den Saloon. Einen Augenblick schloss er geblendet die Augen. An der hohen Decke hingen Lüster aus Kristall, deren Licht von den Spiegeln hinter der Theke über den ganzen Raum verteilt wurde. Eine breite, mit dicken Läufern belegte Treppe führte ins Obergeschoss.

Die Theke war gut besetzt, an den Tischen wurde gespielt. Paul konnte nur zwei weibliche Wesen entdecken. Sie arbeiteten hinter der Theke. Ness City war eine prüde Stadt, diesen Eindruck hatte Paul sofort gewonnen.

Langsam ging er zur Theke, wobei er die Gäste aufmerksam musterte. Er war immer noch davon überzeugt, dass Rocco Vaughn und Randy Brown ganz in der Nähe waren. Er wollte ihnen nicht unvorbereitet begegnen.

Randy Brown. Paul erinnerte sich an etwas, das Randy betraf. Wallace Lockhart hatte eine Bemerkung gemacht. Lockhart hatte erzählt, dass Randy Brown einige Zeit ehrlich gearbeitet hatte. Bei einem Fuhrunternehmer.

Bei Curt Demeyer?

Paul kippte schnell hintereinander zwei Whisky hinunter. Er konnte jetzt nicht nachdenken. Alles in ihm spannte sich. Bald wurde er Chess Keefer sehen. Paul fieberte diesem Augenblick entgegen. Er würde Chess töten. Er allein und nicht der Henker.

Steifbeinig ging er zur Tür. Zwei Kerle drängten an ihm vorbei, und er stolperte. Einer der Männer lachte über den vermeintlich Betrunkenen und ließ ihm den Flügel der Schwingtür gegen den Kopf knallen.

Paul blieb draußen stehen und atmete tief durch. Gleich würde er beginnen, Krawall zu machen. Er zog den Revolvergurt in die Höhe und sah sich um.

Wo waren die Kerle geblieben, die sich an ihm vorbeigedrängt hatten? Sie waren nicht mehr zu sehen, doch weder zu Fuß noch zu Pferde konnten sie so schnell verschwunden sein.

Er tat einen Schritt zur Seite, wo ihn der Schein der Kutscherlaternen nicht so voll traf. Vielleicht waren die Männer durch die schmale Gasse zwischen den beiden Häusern gegangen. Er spähte in den schmalen dunklen Gang, und als er nichts Verdächtiges sah oder hörte wollte er mit seiner Show beginnen.

Er setzte seinen Fuß auf die Straße, die wie ausgestorben dalag. Seine Hand berührte den Kolben des Remington. Er wollte den Revolver ziehen und ein paar Schüsse in die Luft ballern wie ein betrunkener Cowboy. In einer Stadt wie Ness City genügte das, um einen Mann hinter Gitter zu bringen.

Eine schattenhafte Bewegung auf der anderen Seite ließ ihn innehalten. Er stieg auf den Bretterweg zurück und schob sich hinter einen Balken.

Drüben schlich eine Gestalt geduckt an der Sattlerei vorbei, überquerte dann die Gasse zwischen der County Hall und dem Marshal’s Office und drückte sich dort an der Ecke gegen die Mauer.

Paul hielt den Atem an. Seine Augen versuchten, den Wächter auszumachen, doch in diesem Moment bemerkte er den zweiten Schatten, der sich dem Deputy von der anderen Seite her näherte.

Es war soweit. Rocco Vaughn schlug zu.

Rocco würde dabei über Leichen gehen. Paul musste sich entscheiden. Sehr schnell.

Er wollte einen Warnschrei ausstoßen, doch da brach schon die Hölle los.

18

Eine kleine Flamme zischte durch die Nacht. Funken sprühten, und Paul glaubte, das Zischen der Lunte zu hören. Er riss seinen Revolver aus dem Holster und legte auf den Schatten an, der das Dynamit geworfen hatte. »Achtung!«, gellte seine Stimme, und er schoss.

Der Deputy warf sich nach links, während die runde Sprengpatrone vor seine Füße kollerte. Die Flinte brüllte auf, eine lange Feuerlanze stach in die Dunkelheit.

Im gleichen Augenblick zerfetzte eine Explosion die Stille der Nacht. Flammen zuckten. Die Druckwelle schleuderte Paul gegen die Wand des Saloons. Er stürzte, kam jedoch sofort wieder auf die Füße. Der Blitz der Detonation hatte die Szene einen winzigen Moment lang beleuchtet. Paul konnte den Deputy sehen, den die Wucht der Explosion auf die Straße geschleudert hatte. Paul rannte auf ihn zu.

Der Deputy wälzte sich herum, und als er Paul auf sich zukommen sah, einen Schatten, brachte er die schwere Doppelflinte in Anschlag. Gegen Paul.

Trotz der Dunkelheit glaubte Paul, die hässlichen schwarzen Mündungslöcher erkennen zu können, und er hechtete zur Seite, rollte durch den Staub, während die schwere Waffe des Deputy auf brüllte und Blei über Pauls Kopf hinwegpfiff.

Paul sprang wieder auf. Beide Läufe der Donnerbüchse waren abgefeuert. Er wollte neben dem Deputy niederkauern, als eine zweite Explosion die Nacht erschütterte.

Eine dunkelrote Flamme stieg hinter dem steinernen Gebäude in den schwarzen Himmel. Paul riss den Mund auf und hob die Arme. Der Deputy tastete nach seinem Revolver. Paul schlug ihm die Hand zur Seite.

»Sie Narr!«, schrie er.

Sein Kopf ruckte herum. Die Tür des Marshal’s Office öffnete sich. Inmitten einer grauen Rauchwolke stolperte ein anderer Deputy heraus. Er fiel einfach über den Plankenweg und brach auf der Straße zusammen.

In der Umgebung wurden erregte Stimmen laut. Paul sprang über den am Boden liegenden Deputy und stürmte in die Gasse neben dem Gefängnis.

Die erste Sprengladung hatte den Wächter auf der Vorderseite ausschalten und die anderen ablenken sollen. Die zweite war die entscheidende gewesen.

Paul raste in die Dunkelheit. Er hielt immer noch den Remington in der Faust. Er konnte es dem Deputy nicht verdenken, dass der ihn für einen der Kerle gehalten hatte, die mit Dynamit um sich warfen.

Eine dichte Staubwolke walzte sich Paul entgegen. Irgendwo wurde ein Fenster aufgerissen, eine schmale Lichtbahn fiel in die Gasse und ließ den aufgewirbelten Staub leuchten,

Paul blieb stehen, wo sich die hintere Ecke des Gefängnisbaus befunden hatte. Die Ecke war nicht mehr vorhanden, sie war weggeblasen von einer gewaltigen Explosion.

Paul starrte in den wirbelnden Staub. Irgendwo im Innern des Gebäudes flackerte Feuerschein. Er sprang über die Reste der stehen gebliebenen Mauer, fiel über einen Balken, raffte sich wieder auf. Dann prallte er gegen ein Gitter.

E packte die Stäbe und rüttelte an ihnen, doch die Detonation hatte sie verbogen, und sie gaben nicht nach. Hatte Rocco Vaughn seinen Komplizen gar nicht befreien wollen? Hatte er ihn getötet, um ihn für immer zum Schweigen zu bringen?

Paul tastete umher. Er fand die Trümmer einer niedrigen Holzpritsche. Seine Hände strichen über eine Decke, dann berührten sie warme Haut und frisches, klebriges Blut.

Trotz der flackernden Flammen konnte Paul den Körper auf der Pritsche nicht erkennen, aber als er die Umrisse eines Sterns und dann die Konturen eines Revolvers ertastete, wusste er, dass der Tote einer der vier Deputys sein musste.

Details

Seiten
260
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906110
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346811
Schlagworte
nevada western doppelband

Autor

Zurück

Titel: Nevada Western Doppelband #1