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Wie der Mond auf den Dom ging: Weihnachtserzählungen

2016 120 Seiten

Zusammenfassung

Dieses Buch erschien erstmals 2003 unter dem Titel „ Die Fahrt nach Jevensand“ und liegt nun mit neuer Rechtschreibung als eBook vor.

Lotte Betke macht das Weihnachtsfest, auch schon im Vorfeld zu etwas ganz Besonderem. Sie zeigt, wie selbst mit kleinen Gesten der Zuneigung, seien es Worte, kleine Aufmerksamkeiten (ein alter, fleckiger Teddybär) oder Taten, Freude und Licht in die Herzen der Menschen gebracht werden können. Und jemand, der nicht in der Lage ist, Freude zu schenken, auch keine Freude erleben kann. Die Umstände sind immer ungewöhnlich, die Menschen dazu, meist einfache Leute; Lastwagenfahrer, Schießbudenbesitzer, Matrosen, Hausmeister, die Ereignisse, unspektakulär mit großer Wirkung, ohne große Worte, sondern in der Sprache der kleinen Leute erzählt.

Inhalt

Advent 1918
Das Weihnachtssegel
Der Fahrgast
Der Indianer
Der kleine und der große Nikolaus
Der Schneeball
Der Vogelpepi
Die Fahrt nach Jevensand
Olympia 1972
Wie der Mond auf den Dom ging
Das Geschenk der Delphine
Über die Autorin

Leseprobe

Wie der Mond auf den Dom ging

 

von Lotte Betke

 

Weihnachtserzählungen

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: 95C/123RF mit Steve Mayer, 2016

Erschien zuerst unter dem Titel: Die Fahrt nach Jevensand“

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

 

 

 

Klappe

 

Dieses Buch erschien erstmals 2003 unter dem Titel „ Die Fahrt nach Jevensand“ und liegt nun mit neuer Rechtschreibung als eBook vor.

 

Lotte Betke macht das Weihnachtsfest, auch schon im Vorfeld zu etwas ganz Besonderem. Sie zeigt, wie selbst mit kleinen Gesten der Zuneigung, seien es Worte, kleine Aufmerksamkeiten (ein alter, fleckiger Teddybär) oder Taten, Freude und Licht in die Herzen der Menschen gebracht werden können. Und jemand, der nicht in der Lage ist, Freude zu schenken, auch keine Freude erleben kann. Die Umstände sind immer ungewöhnlich, die Menschen dazu, meist einfache Leute; Lastwagenfahrer, Schießbudenbesitzer, Matrosen, Hausmeister, die Ereignisse, unspektakulär mit großer Wirkung, ohne große Worte, sondern in der Sprache der kleinen Leute erzählt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weihnachtsgeschichten

 

 

 

Advent 1918

 

Die Adventszeit 1918 verbrachte ich in Schleswig Holstein auf einem großen Marschhof. Wie es dazu kam, dass ich Hamburger Großstadtkind plötzlich auf dem Lande saß? Nun, daran waren zwei Ereignisse schuld. Das erste passierte schon im November.

Da kam ich eines Tages aus der Schule, stürzte in die Küche zu meiner Großmutter, warf den Ranzen irgendwohin in die Ecke und rief begeistert: „Geschossen, Osche, sie haben geschossen!“ Meine Großmutter, die gerade am Herd stand und in dem Steckrübentopf herumrührte, sah mich entgeistert an: „Geschossen? Wer? Und wo?“ „Na, die Matrosen! Auf dem Rathausmarkt. Und eine Kugel ist direkt neben mir durch die Fensterscheibe von der Straßenbahn geflogen. Da haben wir uns alle auf den Boden geworfen, alle Fahrgäste, toll!“ „So, so“, sagte Großmutter bloß und rührte weiter in den Steckrüben herum. Das war im berühmten November 1918, als die Matrosen meuterten; sie hatten genug vom Krieg, und kurz darauf war er ja auch zu Ende.

Anfang Dezember passierte wieder etwas. Wir saßen alle beim Frühstück, wieder bei meiner Großmutter in der Küche, als es ein Geklirr gab: Lotte, also ich, war vornüber auf den Tisch gefallen, mit dem Gesicht mitten in ihre Kaffeetasse. Warum? Ganz einfach, Schwäche, Hunger. In diesem Augenblick wurde meine Großmutter wild. Als ich wieder zu mir gekommen war, sah ich sie aufgerichtet am Küchentisch stehen und hörte, wie sie zu meiner Mutter und den Tanten sagte: „Nun ist das Maß voll. Erst schießen sie durch die Scheiben, und dann fällt mir das Kind noch in die Kaffeetasse! Das ist zu viel! Nun geh ich mit den Kindern aufs Land zu Femanda!“ Fernanda war eine Nichte meiner Großmutter, deren Mann einen großen Hof in der Marsch besaß.

Meine Großmutter packte also ihren Koffer und fuhr mit meinem kleinen Bruder und mir zum Dammtorbahnhof. Dort mussten wir lange auf einen Zug warten. In der damaligen Zeit herrschte ein ziemliches Durcheinander. Es war ein Bummelzug, die Fahrt dauerte endlos, und als wir endlich in Lunden ankamen, waren wir tüchtig durchgefroren.

Wir kletterten also aus dem Zug und liefen die Landstraße entlang. Wie das auf dem Lande so geht: Plötzlich hält ein, mit Pferden bespannter Leiterwagen, neben uns, ein Mann beugt sich herunter, starrt meiner Großmutter unter den Hut, und fragt, natürlich auf Plattdeutsch: „Nanu, ist das nicht Anna Witt?“ „Und ist das nicht Jehann Harder?“ gibt Großmutter zurück. Es war tatsächlich Jehann Harder, der Mann von Großmutters Nichte, und wir brauchten bloß auf den Leiterwagen zu klettern. Dieser Onkel Jehann war ein Mann, der Kinder mochte. Das erwies sich gleich bei unserer Ankunft auf dem Hof. Kaum waren wir abgestiegen, rief er nach seiner Frau: „Femanda, wir haben Besuch.“ Und dann nach seinen erwachsenen Töchtern: „Mieke, Grete, Agnes, kommt mal in die Tenne, sagt guten Tag! Und bringt was zu essen für diese mageren Heringe aus der Stadt!“ Na, nun ging es ja los mit der allgemeinen Begrüßung. Und dann ließ Jehann Harder in der Tenne auftischen. Da gab es Milchsuppe mit Klößen, Bratkartoffeln mit Pferdebohnen und Speck, Schwarzbrot mit Butter und Wurst. Beim Anblick all der Herrlichkeiten gingen mir die Augen über, und als wir an dem ellenlangen Tisch saßen und Onkel Jehann mich aufforderte, mit ihm um die Wette zu essen, ließ ich mir das nicht zweimal sagen.

Mitten im schönsten Schmaus ging die Tür auf, zwei Männer traten in die Tenne und setzten sich an das Ende der Tafel. „Unsere Gefangenen“, erklärte Tante Fernanda. „Sie sind keine Gefangenen mehr, Femanda“, wies Onkel Jehann sie zurecht, „der Krieg ist zu Ende“, und zu meiner Großmutter gewandt, fuhr er fort: „Grigori und Iwan wollen erst mal abwarten, was in Russland wird, da ist ja Revolution. Ich bin froh, wenn sie noch’n bisschen hierbleiben. Ohne die beiden hätte ich den Hof überhaupt nicht halten können. „Bei uns in Hamburg war auch Revolution“, rief ich stolz. „Sie haben in die Straßenbahn geschossen, wo ich drin saß.“ Tante Femanda schüttelte den Kopf: „Was sind das bloß für Zeiten!“ „Ja“, stimmte meine Großmutter zu, „Lottes Vater ist auch noch irgendwo in Russland, wir hören gar nichts mehr von ihm.“ „Unser Junge ist auch in Frankreich“. Tante Fernanda fing an zu weinen, und mein kleiner Bruder verzog das Gesicht. Da nahm Onkel Jehann ihn auf den Schoß und sang ihm was vor. Was ganz Wildes. Ich war fasziniert vom Onkel. Vor allem sein schwarzer Schnurrbart gefiel mir ungeheuer. Ich fand, Onkel Jehann sah aus wie ein Seeräuber, dass seine Beine ein bisschen krumm waren, störte mich nicht im Geringsten.

Für mich begann in dieser schlimmen Nachkriegsperiode eine herrliche Zeit oben in der Marsch. Ich durfte Onkel Jehann zum Kohlladen begleiten, durfte, neben ihm auf dem Kutschbock sitzend, ab und zu die Zügel halten, durfte mit meinen großen Kusinen in den Stall und so tun, als ob ich melken könne. Zum Schluss will ich noch berichten, mit welch einem Höhepunkt diese schöne Zeit damals endete. Es war beschlossen worden, dass meine Großmutter mit meinem Bruder und mir zum Heiligabend nach Hamburg in die große Familie zurückkehren solle. Ich weiß noch, dass ich gar nicht entzückt war bei dem Gedanken an das kalte Haus in Hamburg, wo eine ziemlich trübselige Stimmung herrschte. Aber Onkel Jehann tröstete mich und meinte, ich könne bald wieder zu Besuch kommen und außerdem wollten wir noch ein schönes Adventsabschiedsfest feiern. So geschah es denn auch.

Zuerst saßen wir alle in der großen Tenne und sangen Weihnachts- und Volkslieder. Eines unserer liebsten Lieder war: „Jetzt gang i ans Brünnele.“ Es war so „schön fremd“ fand Mieke. Wir konnten alle Verse auswendig. Inbrünstig betonten wir das Brünnele, in unseren norddeutschen Ohren klang es besonders reizvoll. Es dauerte nicht lange, da gesellten sich die beiden Russen zu uns und summten leise mit. Nach einer Weile stand Grigori auf, verschwand in seiner Kammer und kam mit einer Ziehharmonika unter dem Arm zurück. Na, nun ging es aber los! Er spielte russische Lieder, beide Russen sangen dazu. alle Lieder in Moll. Ich war ganz außer mir! Mit Musik hatte ich es immer schon, und nun noch Melodien in Moll! Ich spürte, wie meine Backen anfingen zu glühen und schielte zu Onkel Jehann hinüber. Der war auch ganz in Fahrt und sang die russischen Lieder einfach mit auf „lalala“.

Es herrschte eine fröhliche Stimmung. Ganz zum Schluss ging der lange Iwan in die Knie und warf die Beine in die Luft. Da war ich nicht mehr zu halten und tanzte mit, russisch. Später brachte Tante Femanda auf den Tisch, was man sich in der damaligen Zeit nur wünschen konnte: Eingemachtes, Eier, Grütze und Fleisch; das Schönste aber war, dass meine Kusinen am Tag vorher in die Geest gefahren waren, mit dem Pferdewagen, versteht sich, und Tannenreiser besorgt hatten, denn auf der Marsch wuchsen keine Tannen, nur wenige Eichen und Buchen. Die Reiser hatten sie überall in der Tenne an den Balken befestigt und mit Lichtern besteckt. Es war also eine Art Weihnachten im Voraus. Wir saßen bei Tisch in der Tenne und meine Tante Femanda hatte Feuer im großen Kamin angezündet, der eigentlich nur zum Räuchern von Schinken und Würsten bestimmt war. Und es war warm und hell. Als wir mitten im schönsten Schmaus waren, wurde von draußen an die Tennentür geklopft. „Kuck mal nach, wer da ist“, sagte Tante Femanda, und meine Kusine Mieke ging hin und machte das eine obere Viertel der Tür auf. Diese Tennentüren bei uns sind geviertelt. Sie haben riesige, oben abgerundete Türflügel, von denen man, weil sie so schwer sind, meistens nur einen Teil öffnet. Also, Mieke stieß das obere Viertel auf, schaute nach draußen, drehte sich zu uns herum und sagte: „Da steht’n Soldat.“ Als sie das sagte, machte aber schon der Soldat von draußen den ganzen Türflügel auf und trat in die Tenne.

Er sagte irgendetwas, und die Stimme kam mir merkwürdig bekannt vor, aber ich traute meinen Ohren nicht, und meine Augen konnten mir auch nicht zu Hilfe kommen, das Kerzenlicht reichte nicht aus, um den hinteren Winkel der Tenne zu erhellen. Unterdessen kam der Soldat näher und trat an den Tisch. Und da war es mein Vater. Mein Vater im feldgrauen Mantel. Die Tafelrunde starrte ihn an wie einen Geist, aber der Geist sagte ganz einfach: „Ja, guten Abend. Ich wollte man bloß meine Kinder abholen.“ Mal bloß eben aus Russland kommen und mal bloß eben die Kinder abholen.

Ihr könnt euch denken, was da für ein Begrüßen, Händeschütteln und Fragen losging. Mein kleiner Bruder und ich hängten uns bei unserem Vater ein und ließen ihn überhaupt nicht mehr los. Zum Schluss der verwandtschaftlichen Begrüßung ging mein Vater zu den beiden Russen, die stumm am Ende des Tisches standen; obwohl ich ein Kind war, spürte ich, was das für ein denkwürdiger Augenblick war:

Da standen sie sich gegenüber: Ein deutscher Soldat, dem man die Strapazen der mühseligen Heimkehr ansah, und die beiden russischen Gefangenen, die den ungewissen Weg in ihre Heimat noch vor sich hatten. Die drei Männer gaben einander die Hand. Viele Worte wurden nicht gewechselt. Aber ich meine etwas wie ein notvolles Einverständnis zwischen den dreien gespürt zu haben. Oder bilde ich mir das heute nur ein, nach einem Leben, in dem ich zwei Kriege mitgemacht habe?

 

***

 

 

Das Weihnachtssegel

 

An dem Tag, bevor das Weihnachtssegel kam, wehte ein heftiger Wind. Aber das waren wir gewöhnt, meine Schwester Maike und ich. Deshalb fanden wir auch weiter nichts dabei, als unser Vater an diesem Tag, trotz Nordwest‑Wind und Seegang mit unserem Nachbarn Feddersen zum Festland fuhr. Das tat er jedes Jahr einen Tag vor Weihnachten, um uns einen Tannenbaum zu holen. Auf unserer Hallig wuchs ja weder Baum noch Strauch. Dieser Nachbar Feddersen hatte einen kleinen Fischkutter mit Motor, aber wenn es nur irgend ging, dann setzten sie Segel, Feddersen und mein Vater.

Als die beiden frühmorgens den Motor anwarfen und mit dem Kutter über’s Wasser tuckerten, war der Nordwest‑Wind noch erträglich. Aber am Nachmittag, als sie hätten zurückkommen sollen, war aus dem frischen Nordwest‑Wind ein heftiger Sturm geworden. Ich weiß noch ich saß mit meiner kleinen Schwester in der Dönz, und wir spielten Halma. Das spielte man damals, als ich klein war. Mitten im Spiel fingen wir an, uns zu zanken. Als Maike nämlich merkte, dass sie verlor, warf sie einfach die ganzen Figuren um, und ich wurde wütend und riss sie an den Haaren. In diesem Augenblick kam unsere Stine von draußen rein und ich hörte, wie der Wind durch den Hausflur heulte.

Als Stine sah, dass Maike und ich uns an den Haaren hatten, grinste sie und sagte, es sei doch überall dasselbe, bei Mensch und Tier, und der Nordwest‑Wind wäre sicherlich nur deshalb so. wütend, weil ein paar Walfischkinder draußen auf dem Meer ihm die Zunge rausgestreckt hätten. Ja, und sie gehe nun und treibe die Schafe die Warft rauf ins Haus, denn wenn der Sturm so weiter mache, kriegten wir heut Nacht womöglich noch „Landunter“. Stine meinte, das würde eine böse Nacht werden, und wir sollten ja im Haus bleiben, sonst würde der Wind uns hoch in die Luft pusten. Na, das hätte sie lieber nicht sagen sollen, denn kaum war sie draußen, da wollten wir natürlich ausprobieren, ob der Wind uns wirklich hoch in die Luft pusten würde. Wir liefen zur Haustür, kriegten sie aber zuerst gar nicht auf, denn der Sturm stemmte sich von außen mit aller Macht dagegen. Als es uns endlich doch gelang, flog sie uns aus der Hand und knallte gegen die Hauswand. Wir wollten gerade rauslaufen und uns für unseren Ausflug in die Luft rüsten, als unsere Osche die Warft raufkam.

Osche, so nannten wir unsere Großmutter. Sie war drüben bei Feddersens gewesen. Als sie uns sah, kriegte sie uns gleich beim Schlafittchen und schob uns vor sich her in die Küche, wo meine Mutter braune Kuchen backte.

Nun lass du mal Kuchen, Kuchen sein“, sagte Osche zu meiner Mutter, „du musst rüber zu Feddersens.“ „Ist da jemand krank?“ wollte ich wissen. „Ja.“ Osche nickte. „Carsta hat wieder ihr Asthma. Mutter muss rüber und ihr beistehen.“ Unsere Mutter zog gerade das Blech mit den duftenden, braunen Kuchen aus dem Ofen. Dann band sie ihre Schürze ab, nahm ihre große Medizintasche vom Nagel und packte noch allerhand Kram ein. Zuletzt hängte sie sich ein paar zusammengebundene Schaftstiefel von Vater über die Schulter, denn „man kann nie wissen“, meinte sie. Als wir mit ihr vors Haus traten, sahen wir schon die weißen Schaumpferde über den Halligrand galoppieren. Dahinter tobte das grünschwarze, weißgetüpfelte Meer, und die Möwen kippten kreischend durch die Böen. Als unsere Mutter zu Feddersens Warft rüber ging, wehten ihre schweren Röcke hoch, und sie hatte alle Mühe, die runterzudrücken. Wie sie da ging, die Stiefel über der Schulter, und sich gegen den Wind stemmte, war ich ziemlich stolz auf sie. Wir hatten keinen Arzt auf der Hallig, aber wir hatten Mutter.

Es dämmerte schon, aber wir konnten noch deutlich erkennen, dass sie drüben bei Feddersens auch dabei waren, die Schafe reinzutreiben.

Jetzt kam auch unsere Herde angehoppelt mit „böh „ und „bäh“, und Flock, unser Hund, bellte wie verrückt. Es war ein Heidenlärm, und als alle großen und kleinen Tiere glücklich im Stall waren, wischte Stine sich den Schweiß von der Stirn und meinte: sie habe wohl einen kleinen „Vorgeschmack“ auf Weihnachten verdient. Den bekam sie, in Gestalt von ein paar leckeren, braunen Kuchen. Die krachten ordentlich zwischen ihren Zähnen. Da kriegten wir auch Appetit, Maike und ich. Osche gab auch uns von den duftenden Kuchen, und während wir sie verzehrten, guckten wir aus dem Küchenfenster.

Inzwischen war es draußen ganz dunkel geworden, der Sturm rüttelte an Fenstern und Türen und die See brüllte. Da fragte Maike in all das Tosen hinein: „Und Feddersens Boot, Osche, wo ist das jetzt?“ „Oh, dein Vater und Feddersen sind auf dem Festland geblieben“, erwiderte Osche ruhig, „da bin ich ganz sicher.“ Osche hatte wohl recht, dennoch fühlte ich, wie sich in meiner Brust etwas vor Angst zusammenzog. Als Stine jetzt die Tür aufriss, fuhr ich ordentlich zusammen. „Der Priel“, rief Stine, „der Priel läuft über! Ich musste noch was von draußen reinholen, da hab ich’s gesehen. Zwischen Feddersens Warft und unserer ist alles voll Wasser! Nu’ kann unsere Mutter nicht mehr zurückkommen heute Abend.“

Ich sah, dass Maikes Augen ganz groß wurden, aber unsere Osche stand aufrecht wie ein Mast mitten in der Küche.

Stine!“ rief sie, „was gackerst du hier rum. Lass es sein. Du kannst es doch nicht so schön wie die Möwen.“ Da mussten Maike und ich lachen, und wir bekamen unser Abendbrot. Mir wollte es nicht so recht schmecken, und ich war froh, als ich in mein Wandbett kriechen und den Bettladen zumachen konnte. Sonst machte mir der Sturm nichts aus, aber heute musste ich immerzu an Vater und Feddersens Boot denken. Und an unsere Mutter, die heute Nacht drüben im Haus auf der Nachbarwarft wachte. Ich grübelte und grübelte, und alle möglichen Bilder zogen durch meinen Kopf. Aber endlich schlief ich doch ein. Mitten in der Nacht wachte ich von einem unheimlichen Lärm auf. Erschrocken stieß ich den Bettladen auf; da war es, als bullere der Wind direkt durchs Zimmer, so laut war das Getöse. Draußen vor der Tür sah ich einen Lichtschein, der glitt auf und ab. Das war unsere Osche, die auf dem Flur hin und her ging und die Wasserwache hielt. Drüben in dem anderen Wandbett saß meine kleine Maike. Sie hatte die Beine außenbords hängen und rief laut nach mir. „Komm!“, rief ich und streckte die Arme aus, und schon kam sie angelaufen. Sie kam mir so klein und schutzbedürftig vor, wie sie da vor meinem Bett stand, und ich zog sie schnell unter die Bettdecke und stopfte sie überall zu. Nur ihr kleiner weißblonder Kopf guckte noch heraus, und ihre Stimme klang ganz ängstlich, als sie fragte, ob es denn auch bei Sturm und „landunter“ Weihnachten werden würde? Ich wusste es selbst nicht so recht, aber ehe ich noch antworten konnte, trat meine Osche auf die Schwelle. Sie hatte alle Kleider an und hielt ein Licht in der Hand. Das flackerte heftig, weil es im Flur zog. Draußen hörte man das Klatschen der Wellen. Da lief ich zum Fenster, und als meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, dass das Wasser schon über den Fuß der Warft leckte. „Osche“ rief ich, „die See!“

Ja“, sagte Osche, „wir haben Springflut. Das merken sogar die Schafe. Hört ihr? Sie können auch nicht schlafen. Zieht euch man fix an und kommt in die Küche. Stine ist schon dabei, mir einen Kaffeepunsch zu machen.“ „’n bisschen kriegt ihr ab, ihr seid ja auch tüchtige Wasserwächter, nicht?“

Es gefiel uns, Maike und mir, dass wir Wasserwächter waren, und als wir in der Küche saßen, schlurften wir bedächtig unseren Kaffeepunsch wie die Großen. Aber das Wasser klatschte draußen heftiger und heftiger, und meine kleine Maike, die die Nase tief in die Tasse gesteckt hatte, hob plötzlich den Kopf und rief laut nach unserer Mutter. Da nahm Osche sie schnell auf den Schoß und sagte: „Denkt ihr eigentlich daran, dass Mitternacht vorbei ist, und wir also jetzt schon den 24. Dezember haben?“ Nun wurde bei uns immer am Heiligabend die Weihnachtsgeschichte erzählt. Meine Osche fing aber jetzt an, wo es noch nicht einmal Weihnachtsmorgen war, sie zu erzählen. Sie sprach mit lauter Stimme, denn sie musste ja das Heulen des Sturmes übertönen. Und sie erzählte von Maria und Josef, wie sie sich aufmachten nach Bethlehem, der Stadt Davids. Und unsere kleine Maike, die mit ihren fünf Jahren erst ein einziges Mal von der Hallig zum Festland gefahren war, hob wieder den Kopf und fragte, ob das damals auch so’n Sturm gewesen sei, als Maria und Josef mit ihrem Schiff losgefahren waren nach Bethlehem? Meine Osche blickte sie einen Augenblick starr an, dann nickte sie langsam mit dem Kopf. „Ja, ja“, sagte sie, „am Anfang hat auch ein Sturm getobt, aber dann brach ein Stern aus der Tiefe des Himmels.

Und als seine Strahlen auf die krausen Wellen fielen, da legten sie sich, und auf einmal lief über das Wasser eine Straße aus Licht. Auf der ist Josef mit seinem Schiff gefahren, und es hat nicht lange gedauert, da ist das Schiff auf den Strand gelaufen. Weil aber so viele Leute zur Schätzung aufs Festland gekommen waren, fanden Maria und Josef nirgends mehr eine Herberge. Aber der Stern leuchtete ihnen wie auf dem Meer so zu Lande und wies ihnen den Weg zu einem alten Schafstall. Da gingen sie rein und drinnen war es schön warm, und da kam das Kind Jesus zur Welt.

Zum dritten Mal hob unsere kleine Maike den Kopf. Aber sie sah gar nicht mehr so ängstlich aus, als sie fragte:

Und die Hirten, Osche, zu denen der Engel kam? Von denen musst du auch noch erzählen!“

Ja“, Osche dachte ein bisschen nach und dann fuhr sie mit einem Blick auf Maike fort: „Vor dem Festland lag ja auch so’ne große Hallig, darauf waren die Hirten und hüteten ihre Schafe.

Es war Nacht, und das Meer und der Wind sprachen miteinander, die Schafe blökten und die Luft war voll von allerhand Geräusch. Plötzlich aber war da eine große Stille. Und der Engel des Herrn trat zu den Hirten und sprach:

Fürchtet euch nicht. Ich verkünde euch große Freude. Denn euch ist heute zu Bethlehem der Heiland geboren.“ Maikes Kopf schwankte ein bisschen, als sie fragte:

Und als die Engel wieder zum Himmel geflogen waren, Osche?“

Da sagten die Hirten untereinander: ‚Lasst uns nach Bethlehem fahren‘. Und sie gingen zu ihren Booten, und obwohl Meer und Luft still waren, blähten sich ihre Segel. Sie fuhren übers Meer, und der Stern schien so hell, dass ihre Segel wie Schwanenflügel durch die Nacht leuchteten.“

An dieser Stelle, das weiß ich noch genau, sank Maikes Kopf gegen Osches Brust. Und auch ich hörte nur noch wie aus weiter Ferne Osches Stimme.

Und sie kamen zum Stall und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe.“

Dann war ich auch in den Schlafbrunnen gefallen.

Als ich aufwachte, war heller Mittag. Die Osche stand vor meinem Bett und lachte. Maikes Bett war schon leer, und als ich mir noch schlaftrunken die Augen rieb, hörte ich ihre helle Stimme aus der Küche:

Osche, schnell! Sie kommt, sie kommt!“ Meine Osche fuhr herum und lief in die Küche. Da sprang ich aus dem Bett. Während ich über die Dielen tappte, sah ich, dass die Sonne über die Holzbohlen leckte, und das kam mir nach der düsteren Nacht wie ein Wunder vor. Und als ich aus dem Fenster guckte, sah ich, dass unsere Warft wieder frei von Wasser war, und ich rannte vergnügt in die Küche. Meine Osche hatte gerade das Küchenfenster aufgemacht und rief:

Wie geht es drüben?“ Ich sprang zu ihr ans Fenster. Da sah ich meine Mutter. Sie hatte die Schaftstiefel an und watete durch den Priel. Das Wasser reichte ihr bis zu den Schenkeln, und sie hatte ihre Röcke hochgebunden. Sie rief uns irgendetwas zu, aber der Wind riss ihr das Wort vom Munde. Sie lachte aber und winkte; da wussten wir, dass es drüben bei Feddersens besser ging. Maike hüpfte wie ein Floh auf der breiten Fensterbank herum, sosehr freute sie sich, dass Mutter wiederkam. Plötzlich aber blieb sie mitten in ihrem Gehopse stehen und starrte aufs Meer. Da sah ich es auch: über den sich noch immer heftig aufbäumenden Wellen schwebte etwas Weißes auf und ab. Ein Segel. Wir sahen es alle.

Und wir blieben alle stumm. Als erste bekam Stine ihre Stimme wieder. „Feddersens Motor muss ja wohl kaputtgegangen sein“, sagte sie, „dass sie bei dem Wind Segel gesetzt haben auf dem Kutter?“ Es klang wie eine Frage. Keiner antwortete, bis Maikes Stimme hell durch die Küche klang:

Stine, du bist dumm. Vater und Feddersen haben das Weihnachtssegel gesetzt. Wie die Hirten in der Heiligen Nacht.“

Nach den Worten meiner kleinen Schwester wurde mir ganz wunderbar zumute. Ich dachte an unser altes Haus, das dem Sturm letzte Nacht die Stirn geboten hatte. Ich dachte an Vater, und wie gut es war, dass er Knecht Ruprecht den Weg abgenommen hatte, und in der hintersten Ecke meines Herzens dachte ich, dass ich Maike gern leiden mochte, auch wenn ich sie an den Haaren riss. Und während ich all das dachte, kam das Segel näher und näher und wurde immer leuchtender und größer.

 

***

 

 

Der Fahrgast

 

Letzte Weihnachten war es ziemlich kalt. Ich saß in meinem Lastwagen und fuhr und fuhr, da fing es auch noch an zu schneien. Als ich aus dem hügeligen Gelände raus war, fiel mir’n Stein vom Herzen, wegen der Rutscherei, und ich sagte zu Karoline, so heißt mein Lastwagen, „also Karoline“, sagte ich, „nu’ mal zu, Mädchen, nu’ gib mal Zunder, dass wir bald nach Hause kommen.“ Nach Hause, das ist für mich, meine Schwester Janne. Sie hat keinen Mann mehr, aber sie schlägt sich tadellos durch, mit ihrem kleinen Hof und dem Kramladen und ohne ihren drei Kröten geht nichts ab. Die Kröten, das sind Jan, Nelly und Sören. An die dachte ich grade, als ich durch die Lüneburger Heide kam. Ich brummte ganz vergnügt vor mich hin, hab ja Radio im Wagen, brummte also mit und mein Scheibenwischer flitzte im Takt hin und her.

Er hatte mächtig zu tun, denn es war Wind aufgekommen, und der Schnee wirbelte man so. Trotz dem Gewirbel sah ich auf einmal was Dunkles, Schlaksiges an der Straße stehen. Das hielt den Daumen in den Wind. Ich tu’s sonst nicht, aber es lag wohl an Weihnachten, dass ich anhielt.

Verflixt und zugenäht“, brüllte ich runter, „diese dämliche Anhalterei. Also denn rauf mit dir!“ Tür auf und er kam rauf. Er sah ziemlich verfroren aus. Hatte keinen Mantel an, aber sonst ganz ordentliches Zeug und auch stabiles Schuhwerk. Ich wusste nicht recht, wo ich ihn unterbringen sollte. Erst sagte ich gar nichts, und dann sagte ich: „Wo soll ich dich absetzen?“ „Ich muss nach Hamburg“, antwortete der Junge und guckte geradeaus. „So weit fahr ich nicht“, sagte ich und guckte auch geradeaus.

Ist egal“, sagte er, und ich dachte mir mein Teil. Wenn man wie ich immer auf der Landstraße liegt, kennt man seine Pappenheimer. Plötzlich schoss’n Hase über die Straße. Da drehte der Junge den Kopf zu mir rum, und ich sah zum ersten Mal so richtig seine Augen.

Keine Angst“, sagte ich, „der Hase ist schneller als Karoline“.

Er begriff sofort, wen ich meinte, und es wurde’n bisschen hell in seinem Gesicht. War aber gleich wieder vorbei. Als ein Parkplatz in Sicht kam, wollte ich halten, fuhr aber doch weiter. War vielleicht besser, wenn ich so im Fahren’n bisschen in ihm rumbohrte. „Wo soll’s denn hingehen in Hamburg?“

Hafen“, murmelte er.

Welche Straße?“

Hafen eben“.

Da wusste ich Bescheid. Wir hatten den Parkplatz nun hinter uns, und ich ging in die große Kurve, immer so eben weg und mittendrin sagte ich: „Du bist ausgerissen“. Seine Schultern sackten nach vorn. Aber er brachte kein Wort raus.

Tja“, fuhr ich fort, „das ist deine Sache.“ „Wenn’s meine Sache ist, brauchen Sie mich ja auch nicht anzuzeigen“. Er verzog geringschätzig den Mund. Aber seine Augen! Mann, tat er mir leid! „Wo denkst du hin“, sagte ich und trat auf den Gashebel, die Straße war ganz gerade „meinst du, ich geb mich, mit so’nem Krümel wie du, noch lange ab?

Du musst sowieso gleich aussteigen. Ich bieg jetzt ab.“ An der Kreuzung hielt ich. Er riss die Tür auf und sprang runter. Sagte nicht mal danke. Ich ließ ihn so lange laufen, wie ich ihn in dem Schneegestöber noch sehen konnte. Dann fuhr ich hinterher. Als ich neben ihm hielt, sah ich, dass er heulte. „Komm rauf, du Stück Malheur!“

Er schüttelte den Kopf. Dann ging ein Ruck durch seinen Körper. „Ausbüxen ist nicht“, sagte ich, „du bist kein Hase, Karoline ist schneller.“

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Titel: Wie der Mond auf den Dom ging: Weihnachtserzählungen