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Heldenhafte Seemänner #13: Feuer auf hoher See

2016 140 Seiten

Leseprobe

Feuer auf Hoher See

HELDENHAFTE SEEMÄNNER

 

Band 13

 

 

 

Ein Roman von Glenn Stirling

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Alexander Kircher mit Steve Mayer, 2016

Früherer Originaltitel: Meer in Flammen

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappe

Charleston / South Carolina (Buddockpress). Im Laufe des gestrigen Tages ist das unter griechischer Flagge fahrende Handelsschiff „San Marco“ 250 Seemeilen östlich von Charleston gesunken. Überlebende konnten bis jetzt nicht geborgen werden. Lediglich an Wrackteilen konnte die Besatzung des zufällig dort vorüberkommenden Schiffes „Questor“ erkennen, dass es sich bei dem Unglücksschiff um die „San Marco“ gehandelt haben muss. Das Schiff fährt in Charter für die Reederei Stefanopoulos, die auch in Liverpool und New Jersey Agenturen unterhält. Nach Angaben der Reederei und der Agentur der Seeversicherer der Corporation of Lloyd’s haben sich zur Zeit des Unglücks 58 Seeleute an Bord befunden. Mit ihrem Tod muss gerechnet werden, wenn nicht doch noch ein Rettungsboot oder dergleichen gefunden wird...

 

Ein spannender Roman, der die Verbrechen und Machenschaften eines skrupellosen Reders schildert. Ein Roman, wie ihn nur Glenn Stirling schreiben kann!

 

 

 

Roman

 

Es gibt Leute, die vergisst man nie, so wie Marty. Und es gibt welche, denen wünscht man die Pest an den Hals, so wie Kapitän Gruczinski und seinem Ersten Offizier, diesem Menschen und Tierschinder Palm.

Sie hatten sich alles fein zurechtgelegt, und trotzdem unterlief Palm ein schwerer Fehler. Dieser Fehler hieß Push.

Push war Martys Katze.

In Tampico hatte ein junger Mexikaner sie in einen Sack gestopft, den Sack zugebunden, mit ein paar Steinen beschwert und ins Wasser geworfen.

Marty war in seiner besten Landmontur, in seinem Ausgeh-Collani, von der Pier aus ins Wasser gesprungen und hatte der Katze das Leben gerettet. Seitdem hing Push an Marty, als wäre sie ein Stück von ihm.

Sie alle an Bord hatten Push gern. Im übrigen machte sie sich unheimlich nützlich. Auf jedem Schiff gibt es Mäuse und Ratten. Aber ich glaube, bei uns wurden sie allmählich zur Mangelware, denn Push war schwer hinter ihnen her. Und manchmal sah man ihr die Spuren der Kämpfe an, die sie mit den Ratten ausfechten musste, denn Ratten konnten einer Katze mitunter erbitterte Kämpfe liefern. Unsere Push blieb immer Sieger in diesen Kämpfen.

Push war eine schwarz-grau-weiß getigerte Katze. Sie war nichts außergewöhnliches, auch keine besondere Schönheit, aber ebenso anmutig und so charaktervoll, wie Katzen sind. Sie konnte weder Gruczinski, den neuen Kapitän, noch den Ersten Palm auf Anhieb leiden, im Gegenteil. Sie musste wohl geahnt haben, mit wem sie es da zu tun hatte.

Es war in Liverpool, als die beiden an Bord kamen. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich da übrigens auch unseren Reeder. Stefanopoulos hieß er. Ein kleiner dicker Mann mit Glatze, der eine wieselartige Geschäftigkeit und eine schleimige Freundlichkeit zeigte. Er kam mit einer Frau, der man ansah, dass er sich mit ihrer Schönheit und ihrer Jugend schmückte wie mit einem Orden.

Ich kann mich an diesen Tag noch genau erinnern. Der Hafen grau in grau, Nieselregen, tief hängende Wolken, das richtige Englandwetter. Wir waren vor zwei Stunden eingelaufen, lagen noch an den Dückdalben und würden vor morgen nicht löschen können.

Das Jollenführerboot kam zu einem Zeitpunkt längsseits, als sich die meisten von uns für den Landgang fertigmachten. Außer einer Bordwache brauchte niemand auf dem Schiff zu bleiben.

Die SAN MARCO war ein Dampfer, und mit ihren fast 4800 Bruttoregistertonnen ein äußerst seetüchtiges Schiff. Jedenfalls gehörte sie im Hafenbecken zu den großen Schiffen. Natürlich gab es auch noch viel größere, aber seinerzeit waren die noch nicht so dick gesät wie heutzutage.

Als das Boot mit dem Reeder längsseits ging, lehnten Leon und ich auf dem Vorschiff über der Reling und sahen uns das Schauspiel an.

Mit Leon fuhr ich jetzt schon sieben Jahre auf See. Er war untersetzt, breit in den Schultern, hatte unheimliche Kraft. Seine Vorfahren waren Franzosen, aber er sprach breitestes Amerikanisch, als wäre er in der Bronx auf die Welt gekommen.

Mittschiffs quatschte Marty gerade mit unserem Bauchbetrüger, dem Smutje. Wir hörten bis zum Vorschiff, wie die beiden lachten. Marty war mittelgroß, sehnig, muskulös, strohblond, und unser Smutje hätte Schmied oder Ringkämpfer werden können, was seine Figur betraf. Er war ein Riese, unheimlich stark, und seine Haut wie kaffeebrauner Samt. Pepe stammte von den Bahamas, und er hatte das Gemüt eines gutmütigen Kindes. Wie viele Lieder habe ich von Pepe gelernt! Die sangen wir mehr als irgendwelche Shanties. Das Repertoire von Pepes melancholischen, aber auch heiteren Liedern schien riesengroß.

Das Boot war unten längsseits gegangen, hatte das Fallreep erreicht, und als ich einmal nach achtern blickte, bemerkte ich unseren Kapitän, der in voller Sonntagsmontur nach mittschiffs ging, dort, wo das Fallreep angebracht war. Auch der Erste tauchte auf, ebenfalls in blauer Montur, weißer Offiziersmütze, wie ich ihn eigentlich erst ein einziges Mal gesehen hatte. Der Erste sah sich ungeduldig um, und dann erkannte ich auch den Grund. Unser Chief, klein und dick, wieselte herbei.

Ich stieß Leon mit dem Ellenbogen an und sagte: „Siehst du, es ist etwas dran an dem Kombüsenbesteck, was wir gehört haben.“

Er nickte nachdenklich, blickte wieder runter. „Sollen das die Vögel sein, die hier das Kommando übernehmen?“, knurrte er.

Wir schauten beide auf das Boot, sahen den dicken Stefanopoulos und dann einen Mann in tadelloser Kapitänsmontur. Über dieser Uniform, die so korrekt saß wie bei einem Kriegsschiffskommandanten, ein blasses, farbloses Buchhaltergesicht mit einem Augenpaar, das in diesem Augenblick zu uns heraufsah. Es waren eigenartige Augen. Kalt wirkten sie. Aber ich wollte kein Urteil abgeben, bevor ich den Mann nicht vorher näher kannte.

Neben ihm stand ein bulliger Typ. Er hatte so etwa die Figur von unserem Koch Pepe, war aber ein Weißer und ganz sicher auch älter als Pepe. Auch er schaute nun zum Schiff herauf, und das Gesicht war nicht so gutmütig wie das von Pepe, im Gegenteil. Es wirkte verschlagen, gemein, roh. Wir sollten sehr rasch erfahren, dass dieser Eindruck haargenau stimmte.

Natürlich sahen wir die Frau vor allen anderen. Schwarzhaarig war sie, schlank wie eine Gerte, behängt mit Schmuck wie ein Hafenschlepper mit Ketten, ein hellblaues Kleid trug sie, darüber eine Pelerine. Und als sie zu uns herauf sah, wirkte sie wie eine Elfe.

Ein Stück weiter achtern im Boot saß neben dem Jollenführer ein hagerer, blutarm wirkender Mann, lang, mit kalten Fischaugen und trübem Blick.

Es gab aber noch einen, der eine Rolle spielen sollte, vielleicht die entscheidendste Rolle von allen, aber das wusste natürlich von uns niemand, das ahnten wir nicht einmal. Er war relativ klein, trug keine Mütze trotz des Regens, und sein Haar war strohblond. Er hatte wasserhelle Augen. Sie schienen zu leuchten, als sich unsere Blicke begegneten. Sein Gesicht wirkte hässlich. Er hatte etwas Gnomenhaftes an sich, das mein Mitleid erregte.

Als wenn dieser Hogan, so hieß dieser Bursche, Mitleid wert gewesen wäre!

Der neue Alte gefällt mir nicht“, hörte ich Leon neben mir sagen. „Er sieht wie ein Leuteschinder aus. Der erinnert mich an einen Kerl, den sie mal in London wegen Mordes verurteilt haben. Der sah auch so aus. Aalglatt, ganz vornehm, und dabei hatte er sieben Menschen umgebracht.“

Wir beide ahnten zu diesem Zeitpunkt nicht, was hinter der Maske eines Buchhaltergesichtes verborgen war.

Unser Erster ließ den Bootsmann „Alle Mann an Deck“ pfeifen.

Leon und ich waren schon oben, ebenfalls Marty und unser Küchenbulle.

Auch Push war da. Immer wenn es so kühl und feucht war wie heute, saß sie hinter dem Ofen in der Kombüse, und Pepe wäre der Letzte gewesen, der sie verjagt hätte, im Gegenteil. Marty schimpfte oft, weil sie von Pepe so verwöhnt wurde. Von ihm bekam sie Leckerbissen, durfte sie naschen, und er war auch der einzige außer Marty selbst, dem sie sich auf die Schulter setzte.

Als wir alle versammelt waren, starrten wir die Frau an. Wie sollte es anders sein? Ihr dunkles Haar fiel wie Seide. Sie hatte die Pelerine vorn etwas geöffnet, und so blieb keinem von uns verborgen, mit welch rassigen Formen sie die Natur versehen hatte. Ich schätzte sie auf fünfundzwanzig. Älter konnte sie keinesfalls sein. Stefanopoulos war mindestens sechzig.

Sie waren ein seltsames Paar, aber ich ahnte damals schon, was ihn wohl bewogen haben mochte, diese Frau überall hin mitzunehmen, besonders auf ein Schiff, wo Männer waren wie wir, die wochenlang keine Frau gesehen hatten.

Ich sah dieses Grinsen im Gesicht von Stefanopoulos, als er uns musterte. Schleimig lächelte er dann unserem Alten zu, der zuerst wie ein vollendeter Kavalier die junge Frau begrüßte, schließlich seinen Reeder. Wir hörten nicht, was Stefanopoulus zu unserem Alten sagte, aber wir sahen an den Handbewegungen, dass er wohl den neuen Kapitän vorstellte.

Das ging alles sehr schnell. Anschließend an die Begrüßung kam unser Alter mit diesem Kapitän zu uns. Wir bildeten eine Art Spalier. Der Alte ging ein paar Schritte bis zum Zweiten Offizier und dem Moses, die sich gegenüberstanden. Dann sagte er: „Ich werde dieses Schiff verlassen, auch unser Erster Steuermann und der Chief verlassen die SAN MARCO. Kapitän Gruczinski wird das Schiff übernehmen. Mr. Palm wird Erster Offizier sein, Mr. Baldini der Chief. Ich wünsche Ihnen gute Fahrt und lohnende Fahrt!“ Er hatte sich lächelnd Kapitän Gruczinski zugewandt.

Und dann ging Webster, unser bisheriger Alter, ein großer hagerer Mann, hart aber gerecht, ein hervorragender Seemann und ehrlich bis auf die Knochen. Mit ihm ging unser Erster, mit ihm ging unser Chief, der im Grunde mein Chef war, denn ich bin Maschinist auf der SAN MARCO gewesen.

Kapitän Gruczinski stand da wie ein Ölgötze. Er musterte uns aus kalten Augen, räusperte sich nur und begrüßte noch nicht einmal den Zweiten mit Handschlag. Dann lächelte er mokant, wandte sich diesem Bullen von Ersten Offizier zu und sagte: „Mr. Palm, machen Sie sich mit den Leuten vertraut. Ich gehe mit Herrn Stefanopoulos, seiner Frau Gemahlin und Mister Webster unter Deck, um den Abschiedstrunk einzunehmen.“

Es war eine alte Sitte. Man trank einen, und das bedeutete für Webster, seinen Ersten und den Chief den Abschied.

So ganz kalt ließ mich der Weggang von Webster und den beiden nicht, besonders unser Chief war wohlgelitten gewesen, und ich fragte mich, was wohl jetzt kommen würde. Am liebsten hätte ich abgeheuert, und viel wäre bei mir wohl gewiss nicht nötig gewesen, um dem Entschluss die Tat folgen zu lassen. Aber noch standen wir zusammen, Leon, Gino mit seiner Boxernase, den buschigen Brauen und dem lockigen Haar. Ich weiß nicht, wie viele Mädchen in jedem Hafen auf ihn warteten. Jedenfalls gebärdeten sie sich immer wie verrückt, wenn er in der Nähe war. Und dann war noch Marty da und unser Koch Pepe, und schließlich noch zwei Männer, die ich sehr schätzte, mit denen ich mich regelrecht angefreundet hatte. Der eine war unser Zweiter Offizier Gilbert Fabre, ein Kerl wie ein Kleiderschrank, blond, so ein richtiger Normanne, aber er stammte aus Kanada.

Der zweite war Walter Siebeck, ein Deutscher. Er und der Holländer Marty, der eigentlich Marius Lekkeboesch hieß, kabbelten sich oft und stritten sich. Sie neckten sich auch ihrer Herkunft wegen, weil eben der eine aus Holland und der andere aus Deutschland war. Doch im Grunde verstanden sie sich großartig. Wir alle, die ich hier genannt habe, waren so etwas wie richtige gute Freunde.

Es gab natürlich an Bord noch mehr Leute. Insgesamt waren wir achtunddreißig. Aber die hier, von denen ich eben sprach, und ich, wir waren so eine verschworene Bande, die zusammenhielt durch dick und dünn, und wie sich zeigen sollte, wurde diese Freundschaft einer schweren Probe unterzogen.

 

*

 

Palm hatte sich wohl vorgenommen, uns gleich zu zeigen, was mit ihm los war. Er stemmte die muskulösen Arme in die Hüften, grinste uns an und musterte uns der Reihe nach. Dann blieb sein Blick an Pepe haften. Pepe Marengo, unseren Koch, unserem Bauchbetrüger, wie wir ihn liebevoll nannten, denn das war kein Tadel. Pepe, den mochten wir alle an Bord. Er war ein hervorragender Koch. Und er war groß und breit, genau so groß und breit wie dieser Mr. Palm, der neue Erste Offizier. Vielleicht meinte der, gleich alles in Ordnung bringen zu müssen, die richtigen Maßstäbe zu setzen und auch vor allem einem ihm körperlich ebenbürtigen Mann zeigen zu wollen, wer das Sagen auf dem Schiff hatte. Und deswegen ging er auf Pepe zu.

Pepe sah ihn groß an wie ein Kind. Ich kann mir keinen gutmütigeren Menschen als Pepe vorstellen, einen, der immer hilfsbereit war, der alles tat, um uns zufriedenzustellen, der sich für uns und für seine Freundschaft zu uns, für jeden von uns in Stücke hauen ließ, wenn es hätte sein müssen.

Pepe ahnte überhaupt nichts Schlimmes. Auch wir anderen ahnten nichts, was dieser Palm vorhatte.

Und dann blieb er vor Pepe stehen, grinste ihn kalt an, tippte ihn plötzlich vor den Bauch, und weil Pepe überrascht war, zuckte er zusammen. Palm lachte schallend. Aber ebenso plötzlich, wie er zu lachen begonnen hatte, wurde er ernst.

Scher dich beiseite! Ich will den Stall von Kombüse sehen. Du bist doch der Koch. Du stinkst ja danach.“

Auf unserem Schiff war es nicht üblich gewesen, dass die Offiziere die Mannschaft duzten. Er tat es, und er tat es in einer beleidigenden, geringschätzigen Art, die unser Blut in Wallung setzte. Ich merkte richtig, wie Leon neben mir zu kochen begann. Er atmete geräuschvoll durch die Nase. Und das war immer dann der Fall gewesen, wenn eine Explosion bevorstand.

Ich musste in diesen Augenblicken immer daran denken, wie oft wir Seite an Seite in irgendeiner Hafenkaschemme den anderen gezeigt hatten, was wir von der SAN MARCO auf dem Kasten hatten.

Aber noch platzte die Bombe nicht, denn es war immerhin Pepe gewesen, der da von Palm gekränkt worden war, ein Pepe, der sich in seiner Naivität gar nicht vorstellen konnte, dass jemand zu ihm, dem Gutmütigen, so gemein sein konnte. Pepe trat beiseite. Er machte ein verdutztes Gesicht, er, ein Bär von einem Kerl, aber die Gutmütigkeit in Person.

Vielleicht hatte Palm Gegenwehr erwartet. Er schien jedenfalls enttäuscht, stiefelte in die Küche hinein, und da Leon und ich ihn von unserem Platz aus sehen konnten, bemerkten wir, wie er Töpfe vom Herd zog, wie er hineinblickte, sich schließlich einen großen Schöpflöffel nahm und damit die anderen Töpfe und Schüsseln vom Regal stieß, dass es nur so schepperte.

Erschrocken über diesen plötzlichen Lärm tauchte Push auf.

Das Geklirre und Gepoltere hatte sie jählings hinter ihrem Ofenplatz weggescheucht, und so schoss sie hinter dem Ofen hervor, fegte wie ein Blitz an Palm vorbei, aber zu ihrem Unglück hatte der sie rechtzeitig entdeckt.

Mit einem gemeinen, hinterhältigen Tritt erwischte er Push in der Seite.

Der Liebling der ganzen Mannschaft an Bord flog hoch, sauste durch die Luft, prallte gegen die Wand, überschlug sich, kam aber nicht mehr auf die Beine, wie das bei Katzen sonst der Fall ist, sondern landete mit dem Rücken auf der heißen Herdplatte.

Den Schrei, den Push ausstieß, werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen. Ein schriller, alles durchdringender, markerweichender Schrei!

Sie flog von der Herdplatte wieder herunter und raste dann aus der Kombüse heraus, jagte los ... direkt in Martys Arme.

Wie er sie so hielt, konnte ich sehen, dass Push auf dem Rücken eine mehr als handflächengroße Brandwunde hatte.

Wasser!“, schrie der Zweite. „Schüttet Wasser drauf! Kaltes Wasser!“

Das war eigenartig. Die Hälfte von uns kümmerte sich um Push. Der eine holte Wasser, der nächste brachte Salbe, alle wollten helfen. Aber dann waren noch welche, die konzentrierten sich voll und ganz auf Palm. Leon zum Beispiel und ich, auch Walter und schließlich auch Pepe.

Ich hatte gesagt, dass Pepe verdammt gutmütig war. Aber jetzt stimmte das nicht mehr. Pepe, den ich noch nie böse gesehen hatte, ging plötzlich auf Palm los. Wie eine Furie schoss er Palm entgegen, und der hatte sich wohl nichts mehr gewünscht als das.

Was dann ausbrach, war ein Kampf der Giganten.

Hinten in der Küche stand ein großer Hackstock. Auf ihm lag der gewaltige Holzhammer, mit dem Pepe sonst unsere Steaks oder Koteletts breitschlug. Diesen Holzhammer hatte Palm jetzt in der Hand, holte damit aus, um Pepe auf seine Art damit zu empfangen.

Im Sprung packte Pepes linke Hand eine gewaltige Pfanne. Er hielt sie mit einer Hand. Ich hätte bestimmt zwei dazu gebraucht, um sie hochheben zu können. Er nahm sie mit links, riss sie hoch und sie war voll mit kochendem Wasser. Das schüttete er Palm entgegen.

Palm schrie röhrend auf wie ein Hirsch in der Brunftzeit. Das Wasser ergoss sich über seinen blanken Schädel, über seine Brust, über sein Gesicht, und wie gesagt, es kochte. Er schrie, ließ den Hammer fallen, griff sich ins Gesicht, und so stand er da, geschlagen, ohne dass Pepe ihn überhaupt angefasst hatte.

Aber Pepe hatte noch nicht angefangen. Er wollte jetzt loslegen.

Was kommen würde, konnten wir uns denken. Der gutmütige Pepe, dieser Engel mit den Fäusten wie Schmiedehämmer, konnte, wenn er so in Fahrt war wie jetzt, zum Mörder werden.

Festhalten!“, schrie mir Leon zu, und wir stürzten beide in die Kombüse, packten Pepe, wollten ihn zurückreißen, aber er schüttelte uns ab wie überreife Pflaumen.

Ich bin kein Schwächling. Ich hatte immer schon Kraft, aber gegen Pepe waren wir alle Winzlinge, vor allen Dingen, wenn er tobte. Und jetzt tobte er.

Wir eilten dann zu fünft hinein. Wir hatten gar nicht genug Platz in der kleinen Kombüse, und es war schwer genug, ihn zu bändigen.

Um Palm brauchte sich niemand zu kümmern. Der stand noch immer brüllend, drehte sich im Kreise, hielt sich die Hände vors Gesicht. Kopfhaut, Gesicht, Hals und Brust waren krebsrot.

Niemand half ihm, denn wir waren auch genug beschäftigt, bis es uns gelungen war, den tobenden Pepe aus der Kombüse zu bringen. Mit der Rechten warf er Leon an die Wand, und der riss im Fallen das ganze Regal mit herunter. Ich wäre um ein Haar mit dem Allerwertesten auf der heißen Ofenplatte gelandet.

Walter Siebeck packte unseren Pepe schließlich am kurzen Kraushaar, rammte ihm das rechte Knie in den Rücken und riss seinen Kopf zurück. Und da endlich konnten wir ihn überwältigen. Wir schleiften ihn hinaus, zerrten ihn wie einen gefangenen Büffel hinter uns her und wollten ihn nach vorn ins Logis bringen.

Da sahen wir auf einmal Gruczinski. Breitbeinig stand er da und hinter ihm der neue Chief, lang wie eine Bohnenstange, blass und mit Fischaugen. Gefährlich wirkte der Dritte im Bunde. Es war dieser gnomartige Blonde. Der sah jetzt gar nicht mehr bemitleidenswert aus. Die Flinte, die er in den Händen hielt, war auf uns gerichtet. Es war eine richtige, doppelläufige Greener-Flinte, und die Läufe waren abgesägt. Er musste dieses Ding mit an Bord gebracht haben. Auf eine kurze Entfernung war er damit imstande, fünf von uns von den Beinen zu pusten, und ganz sicher wären mindestens drei nie wieder aufgestanden.

Was ist hier geschehen?“, fragte Gruczinski mit leiser und dennoch eindringlicher Stimme.

Es war die Greener und nicht Gruczinski, die uns innehalten ließ. Wir richteten uns auf, und sofort war auch Pepe wieder auf den Beinen. Aus rot unterlaufenen Augen blickte er sich um, sah dann auf Gruczinski und entdeckte jetzt erst die Flinte.

Wenn Pepe losgeht, drückt dieser Gnom ab, dachte ich. Und dann ist Pepe hin.

Diese Überlegung forderte von mir eine sofortige Entscheidung, eine, die auch keine einzige Sekunde Aufschub duldete.

Im selben Augenblick fiel mir etwas in die Augen, das im Verlauf des Handgemenges aus der Kombüse herausgeschleudert worden war: der Holzhammer.

Ich handelte blitzartig. Ich musste blitzartig handeln, wenn ich Pepe retten wollte.

Ich warf mich nach rechts, packte den Holzhammer, riss ihn hoch und schlug Pepe auf den Hinterkopf.

Ich hatte nicht sehr geschlagen, aber es reichte. Pepe rollte mit den Augen, und dann fiel er auf die Knie.

Ich konnte richtig sehen, wie sehr der Gnom das bedauerte. Er wirkte richtig traurig. Vielleicht hatte er sich gefreut, abdrücken zu können.

Irgendwo im Hafenbecken tutete eine Barkasse. Ich sah nach steuerbord und entdeckte das Jollenführerboot, in ihm Webster, unser Alter, neben ihm die beiden anderen, die von Bord gegangen waren, und der Jollenführer.

Sie schauten alle zum Schiff zurück. Was mochte in diesen Köpfen vorgegangen sein, als sie Zeuge eines Geschehens wurden, das genau genommen von ihrem Weggang heraufbeschworen worden war? Aber zugleich dachte ich folgendes: Wenn nur die drei weg sind, muss der Reeder mit seiner Frau noch an Bord sein.

Sie waren an Bord. Aber sie befanden sich in der Kajüte, und ich bin nicht sicher, ob sie achtern von dem etwas gehört hatten, was hier mittschiffs vor sich ging.

Gilbert Fabre, unser Zweiter, hatte eben noch neben der Katze gekniet, die Marty auf den Armen hielt und die sie jetzt, nachdem sie mit kaltem Wasser begossen war, mit irgendeiner Brandsalbe bepinselten. Das arme Tier konnte einem leid tun. Immer wieder schrie es vor Schmerzen auf.

Sir“, sagte Gilbert Fabre. „Diese Männer haben keine Schuld.“ Und dann begann er zu erzählen, was sich zugetragen hatte.

Gruczinski unterbrach ihn mit keiner Silbe. Aber dann, als Fabre fertig war, sagte er:

Lassen Sie sofort den Schwerverletzten versorgen! Dann stellen Sie mir innerhalb von zehn Minuten eine Liste auf, wo alle Personen vermerkt sind, die sich an diesem Zwischenfall beteiligt haben. Ich möchte diese Liste nach achtern haben!“

Aye, aye, Sir!“, sagte Fabre und machte in diesem Augenblick einen ziemlich hilflosen Eindruck.

Nun kümmern Sie sich endlich um den Schwerverletzten!“, fuhr ihn Gruczinski an.

Zwei von euch sollten sich um ihn kümmern!“, sagte Fabre und blickte dabei auch mich an.

Er hätte ebensogut chinesisch sprechen können. Ich tat jedenfalls so, als hätte ich seine Sprache noch nie im Leben gehört.

Gruczinski drehte sich um, gab aber dann dem Gnom einen Wink. Der senkte die Flinte und ging hinein in die Kombüse, wo Palm in der Ecke saß und wie ein kleines Kind wimmerte.

Da sich von uns keiner dazu bewegen ließ, Palm zu helfen, ging schließlich unser Zweiter ebenfalls in die Kombüse, kam aber kurz danach mit dem Gnom wieder heraus, und sie beide hatten den torkelnden Palm zwischen sich. Jetzt hielt er die Hände nicht vors Gesicht. Blind konnte er keinesfalls sein, allenfalls war seine Kopf und Brusthaut verbrüht.

Als er mit Leon und mir auf gleicher Höhe war, blieb er stehen und schrie: „Ich werde euch alle umbringen! Ich werde euch alle umbringen! Ihr verdammten Hundesöhne! Ich bringe euch um, wartet nur!“

Der Gnom zischte ihm was zu, und da war Palm ruhig. Zwischen dem Kleinen und unserem Zweiten torkelte Palm dann weiter zu dem Schiffslazarett hin, das wir achtern hatten.

Es steht für mich fest“, verkündete in diesem Augenblick Walter Siebeck, „dass ich abmustere. Ein solcher Kapitän und so ein Schwein von einem Ersten Offizier sind nicht nach meinem Geschmack. Was meinst du, Marty? Push wird hier auch nicht mehr bleiben wollen.“

Push lag in Martys Armen und hatte die Augen geschlossen. Die verbrannte Stelle war jetzt mit speckig glänzender Salbe versehen. Feuerrot sah es dort aus, und mir war klar, dass sie, wenn das je verheilte, an dieser Stelle nie wieder Haare haben würde. Arme Push!

Ich gehe auch weg. Ich hau’ in ’n Sack“, erklärte Leon.

Wenn du gehst, bleibt mir ja nichts anderes übrig“, meinte Gino Geraldi, „dann muss ich auch weg.“ Er rieb sich seine Boxemase, grinste in meine Richtung und fragte: „Was ist mit dir, Charly?“

Was soll sein? Ich kann euch Lümmel doch nicht alleine lassen. Ihr macht ja den größten Blödsinn ohne mich“, sagte ich.

Oder du ohne uns!“, rief schließlich Walter.

Pepe war wieder zu sich gekommen. Verwundert tastete er nach seinem Hinterkopf, verzog schmerzvoll das Gesicht und Leon sagte: „Der hatte eine Greener in der Hand. Wenn du noch einen Schritt gemacht hättest, Pepe, wäre die losgegangen. Dein Bauch hätte danach sehr viel schlechter ausgesehen als jetzt.“

Und wer hat mich gestoppt?“, röhrte Pepe mit seiner dunklen Stimme.

Tut mir leid“, sagte ich, „aber was sollte ich machen? Ich hänge ja an dir. Und von einem Grabstein habe ich nicht viel.“

Er grinste noch breiter zu mir herauf, dann streckte er mir die Hand entgegen und sagte: „Hilf mir wenigstens beim Aufstehen.“

Ich Narr fasste auch zu. Er packte mich, riss mich zu sich wie ein kleines Kind an seine Brust, drückte mich zusammen, dass ich meinte, er würde mir sämtliche Rippen brechen, aber es war ein Zeichen seiner Dankbarkeit.

Als er mir mit der Lautstärke eines Typhons seinen Dank ins Ohr gebrüllt hatte, ließ er mich endlich wieder los.

Du brauchst mich nicht gleich umzubringen, wenn du mir Danke sagen willst“, stieß ich hervor.

Aber wer wollte denn schon Pepe böse sein?

 

*

 

Drei Stunden später waren wir an Land. Den Reeder hatten wir ebensowenig noch mal zu Gesicht bekommen wie Gruczinski und bedauerlicherweise auch die Frau nicht. Sie war der einzige erhebende Anblick bei der ganzen Geschichte.

Fabre hatte auch abgemustert. Er, Leon und Gino, Marty mit seiner Push und Pepe, Walter Siebeck und ich, wir hatten unsere Seesäcke auf dem Buckel bis auf Gilbert Fabre, der schleppte sich mit einer unvorstellbar großen Kiste herum. Schließlich nahm ihm die Pepe ab, und er klemmte sie sich unter den Arm wie eine Zigarrenschachtel. Pepe war wirklich ein ungeheurer Bursche.

Die Geschichte mit Push steckte uns in allen Knochen. Damit waren wir noch nicht fertig. Komischerweise drängte es jetzt keinen von uns zu irgendeinem Mädchen. Wir gingen zuerst einmal zu Juan Carpentero.

Juan war früher auch zur See gefahren, ein Südamerikaner, der in Liverpool eine der besten Seemannskneipen aufgemacht hatte, die es seinerzeit da gab, vielleicht der einzige Schuppen, wo man nicht betrogen wurde.

Bei Juan lernten wir den Doktor kennen. Er hieß eigentlich James Forrester, war groß, nicht sehr breit in den Schultern und hielt den Kopf immer ein wenig vorgeneigt, als befürchte er, irgendwo anzustoßen. Meiner Schätzung nach musste er mindestens fünfzig sein, doch in seinen Augen leuchtete die Unternehmungslust eines Zwanzigjährigen.

Zuerst war Juan da. Er war seit dem letzten Jahr wieder etwas dicker geworden, und die blaue Schürze spannte sich über seinen runden Leib. Sein martialischer Schnauzbart hing zu beiden Seiten des Mundes herunter. In seiner Glatze spiegelten sich die Lampen an der Decke.

Als Juan Push sah und wir berichteten, was auf der SAN MARCO passiert war, da schaute er sich die arme Push an, richtete sich auf und brüllte über die Köpfe der ganzen Sailors hinweg, die sich in seiner Kneipe befanden:

Maria, ruf den Doktor!“

Ja, und dann kam der Doktor.

Er hat gerade meiner Frau die Schulter behandelt. Sie hat Rheuma, die Ärmste. Aber keiner lindert ihren Schmerz so wie der Doktor. Und vorige Woche noch, da sind drei Norweger hier gewesen. Dem einen hat es beim Anlegemanöver den Fuß zerquetscht. Unser Doktor hat ihn behandelt, besser als diese ganzen Pfuscher, die so tun, als wären sie richtige Ärzte. Er ist wirklich einer. Er ist der beste Arzt von Liverpool.“

James Forrester war kein Arzt. Er hatte nie Medizin studiert, aber er besaß etwas, das Ärzte gar nicht lernen konnten auf den Universitäten. Er hatte ein sehr großes Einfühlungsvermögen und verfügte über den Wissensschatz eines Mannes, der zwei Jahrzehnte in der Südsee gelebt hatte und dort mit einem Schoner von Insel zu Insel gefahren war. Davor musste er Offizier auf einem Handelsschiff gewesen sein.

Etwas gefiel mir sofort, als ich ihn das erste Mal sah: Er hatte ein gutes Gesicht. Mein Vater sagte immer: „Du erkennst einen Menschen an seinem Gesicht. Du weißt nicht, was hinter seiner Stirn vorgeht, und doch kannst du an seinem Gesicht sehen, ob er viel lacht oder ob er sehr oft böse ist.“

James Forrester hatte einen Mund, dessen Winkel nach oben gebogen waren. Die Krähenfüße an den Augen, aber auch die Falten an den Wangen verrieten, dass er oft und gerne lachte.

Der erste Eindruck von James Forrester, dem Doktor, hatte mich nicht getäuscht.

Er kümmerte sich um Push. Es war eigenartig. Push ließ sich von Fremden nicht berühren. Sie ließ sich normalerweise erst recht nicht an einer Wunde von einem Fremden behandeln, ganz gleich, ob ihr diese Wunde von einem Menschen oder einer Ratte beigebracht worden war. Aber mit dem Doktor war alles anders. Bei ihm lag sie still, streckte sie sich aus wie unter Hypnose, als er sich mit ihr und ihrer Verletzung befasste.

Er tupfte vorsichtig die Salbe herunter und meinte: „Was ihr da draufgemacht habt, das taugt nichts. Ich habe etwas anderes.“

Er ließ sich von Maria, der Tochter Juans, viele rohe Kartoffelschalen mit relativ wenig Wasser dämpfen. Von dem Sud, der dadurch entstand, machte er Umschläge. Diese Umschläge wurden immer wieder mit diesem Sud beträufelt.

Es war fast wunderbar, aber Push ließ sich alles von Forrester gefallen.

Diesen ersten Tag debattierten wir darüber, wie wir es Gruczinski und seinem Ersten Offizier heimzahlen konnten. Als wir so richtig in Fahrt waren, ging Leon einmal nach draußen, um sich Tabak zu holen.

Ich weiß nicht, wie lange er weggeblieben war, ich weiß nur, wie er plötzlich brüllte: „Nun seid doch endlich einmal still und hört mir zu!“

Wir alle am runden Tisch fuhren hoch und blickten ihm entgegen.

Die SAN MARCO ist verschwunden. Ich habe mit dem Stellvertreter des Hafenmeisters gesprochen. Sie ist ausgelaufen.“

Aber die Ladung ist doch nicht gelöscht“, wunderte ich mich.

Auch Fabre schüttelte verständnislos den Kopf und meinte: „Will der das wieder wegfahren? Was soll dieser Zauber?“

Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist sie weg, auf und davon. Jungs“, meinte Leon, „ich habe das Gefühl, die ahnen, dass wir etwas gegen sie im Schilde führen.“

Regt euch doch nicht auf!“ rief Gino. „Wir haben unsere Heuer. Machen wir uns ein paar schöne Tage. Nach den Wochen haben wir das verdient. Ein neues Schiff wird sich schon finden.“

Er hatte recht. Wir fanden ein neues Schiff. Aber so einfach ging das nicht. Wir wollten ja zusammenbleiben. Aber wer suchte schon mit einem Schlag einen Zweiten Offizier, zwei Maschinisten, einen Rudergänger, zwei Heizer und einen Koch? Doch der Doktor und Juan Carpentero wussten Rat. Auch hier half uns der Zufall.

Ich weiß heute nicht mehr, ob man es als Glücksfall ansehen konnte, was der Doktor uns verschaffen konnte. Er selbst und wir glaubten natürlich damals daran, dass es schon verdammtes Glück sein musste, auf der LIVINGSTONE anheuern zu können.

Die 5200 Bruttoregistertonnen große LIVINGSTONE war mit ihren zwei Maschinen ein schnelles und ein schönes Schiff. Sie gehörte der Lear’s Shipping Company.

Die LIVINGSTONE war vor einem Vierteljahr auf der Fahrt von Kapstadt in der Biskaya in einen schweren Sturm geraten. Dabei hatten nicht nur die Aufbauten gelitten. Es waren auch einige Männer verletzt worden. Ein weiterer Teil der Mannschaft wurde abgemustert, weil das Schiff ein Vierteljahr lang auf der Werft liegen musste.

So fanden wir auf der LIVINGSTONE alle einen Job.

Pepe musste die Kombüse mit einem weißen Koch teilen, doch die beiden verstanden sich nach kurzer Zeit recht gut.

Die LIVINGSTONE war ein normales Schiff, so wie auch die SAN MARCO bis zum Eintreffen von Kapitän Gruczinski und seinem Ersten Offizier Palm ein normales Schiff gewesen war.

Wir hatten mit dem Kapitän Glück. Wir hatten auch mit den Kameraden in der Mannschaft Glück. Das Schiff war modern, und es herrschten angenehmere Verhältnisse als auf den meisten anderen Schiffen.

Auch für Push schienen wieder gute Zeiten angebrochen zu sein. Allerdings behielt sie als Erinnerung an den Tritt, den ihr Palm versetzt hatte und der sie auf die Herdplatte beförderte, eine handgroße Stelle am Rücken bei, wo keine Haare mehr wuchsen. Dort war sie kahl, und das war ein Zeichen, das sie nicht mehr verlieren sollte.

Wir fühlten uns wohl, so wohl, wie. man sich als Seemann auf einem guten Schiff nur fühlen kann, und wir glaubten, dass unser Glück jetzt anhielte, dass die Begegnung mit einem Typ wie Gruczinski, Palm und den anderen nicht mehr als eine Episode bleiben würde.

Wir irrten uns.

Denn das Glück reichte nur für die Dauer dreier Fahrten. Die letzte machten wir von Rio nach Charleston.

Dort erfuhren wir eine schreckliche Nachricht. Wir wurden mit einem Mal an die Vorgänge in Liverpool erinnert. Jetzt, mehr als vier Monate danach.

Dass dies nicht nur eine Nachricht sein würde, die uns interessieren könnte, sondern uns eines Tages auch selbst betraf, darauf wären wir nicht einmal im Traum gekommen.

 

*

 

Als wir an einem strahlenden Sonnentag im August in Charleston einliefen, stand Odette auf der Pier.

Odette war Gilbert Fabres Frau, dreiundzwanzig Jahre jung, hübsch, wenn auch nicht gerade eine Schönheit. Aber sie hatte alles, was einem Mann Spass macht. Besonders Gilbert freute sich schon seit Wochen auf dieses Wiedersehen, sprach seit Tagen von nichts anderem.

Ihr dunkles Haar wehte im Wind, der hier als frische Brise vom Meer herkam. Sie rief etwas, aber das ging im Dröhnen eines Typhons unter, den ein größerer Hafenschlepper ertönen ließ.

Zehn Minuten später war sie an Bord, und unser Zweiter nahm sie mit in seine Kabine.

Wir anderen machten uns landfein, freuten uns auf Charleston, das einem Seemann eine ganze Menge zu bieten hatte.

Später kamen die Zoll-Leute und der Hafenkommandant, und danach waren alle Formalitäten erledigt. Wir konnten an Land gehen.

Zum Löschen und Laden waren vier Tage angesetzt. Vier Tage an Land, vier Tage Erholung, vier Tage keine schwankenden Planken unter den Füßen, vier Tage ein Mädchen, vier Tage Glücklichsein.

Wie immer waren wir zusammen, das heißt: Gilbert war nicht dabei. Seit er verheiratet war, hatte er natürlich andere Interessen. Ein wenig beneideten wir ihn. Manchmal tat er uns leid.

Er tat uns besonders leid, als wir bei Janos Ferency im „Red Eye“ hinten in der Ecke saßen, unserem Stammplatz.

Janos war so etwas wie ein Gegenstück von Juan Carpentero. Bei ihm gab es Zigeunermusik. Der gebürtige Magyar hatte ungarische Puszta-Romantik in einen amerikanischen Hafen gezaubert. Das Essen war bei ihm so scharf wie die Hölle. Die Frauen, die sich zu einem an den Tisch setzten, so schön wie die Sünde. Aber Janos machte Unterschiede und ließ nicht jeden in seinen Laden. Die er nicht kannte, mussten ihm fünfzig Dollar Kaution zahlen. Das nahm er als Sicherheit für sein Mobiliar. Zu oft war ihm die Kneipe zerschlagen worden.

Uns kannte er gut. Für uns wurde auch der Tisch hinten in der Ecke freigemacht. Und dann ließ er anrollen. Zuerst einmal die Fresserei. Spezialitäten, die man nur bei Janos bekam. Er behauptete zwar, so würde in Budapest gekocht, aber ich konnte es mir fast nicht vorstellen. Da würden den Leuten ja von früh bis abends in Budapest die Flammen aus den Ohren schlagen, so scharf war diese Spezialität. Wir löschten dieses Feuer mit massenhaft Wein und schließlich mit Bourbon-Whisky

Pepe, dieses Gebirge von Mensch, vertrug nicht viel Alkohol. Er war beizeiten dahin, aber er wurde nicht etwa krakeelig, sondern hockte sich still in die Ecke, schmunzelte vor sich hin und schlief dann ein. Man konnte ihn einfach nicht stockbetrunken machen. Er wurde vorher müde.

Anders war es mit Gino und Leon. Wenn die ordentlich getankt hatten, wurden sie laut. Erst sangen sie Lieder aus ihrer Heimat, dem schlossen sich dann hitzige Streitereien an, und das war der Augenblick, wo wir anderen aufpassen mussten, denn wir alle hatten die Absicht, irgendwann einmal wieder zu Janos zu kommen. Wer hier aber Krach schlug, flog raus und durfte nie mehr rein.

Zu diesem Zeitpunkt schickte Janos auf einen Wink seine heißblütigsten Mädchen zu Gino und Leon, und denen war es dann noch jedes Mal gelungen, die beiden wieder friedlich zu machen.

Vielleicht hatte Janos auch bei mir die Vorstellung, vielleicht war er aber auch der Meinung gewesen, mir täte etwas Zärtlichkeit gut. Auf alle Fälle schickte er mir auch ein Mädchen. Es war eine zierliche, rassige Mexikanerin mit pechschwarzen Haaren und großen dunklen Rehaugen. Sie trug riesige Ohrringe und Talmischmuck um den Hals. Ihr vollippiger roter Mund lud geradezu zum Küssen ein.

Sie umschlang mich zärtlich und weich. Und da ich nicht aus Stein gemacht bin, tat ich es bald Gino und Leon nach und verschwand mit meiner Kleinen in ihrem Zimmer im Obergeschoss.

Wir hatten eine Menge Spaß miteinander, und ich kann heute nicht mehr sagen, wie das Thema auf die SAN MARCO gekommen war. Aber plötzlich sprachen wir davon. Das war schon gegen Morgen, und das Licht des werdenden Tages fiel durch die Vorhänge. In diesem Licht sah nun meine kleine Mexikanerin nicht mehr so verlockend aus wie im Lampenschein am Abend. Trotzdem mochte ich sie recht gern, vor allen Dingen deshalb, weil sie nicht nur auf das Geld aus war, sondern auch wirkliches Interesse für ihren Partner zeigte.

Wir beide hatten beschlossen, die vier Tage zusammenzubleiben, die ich hier sein würde.

Sie war aufgestanden, hatte ihren Morgenrock angezogen und wollte gerade etwas Kaffee kochen, da waren wir dann auf die SAN MARCO gekommen. Sie fragte mich: „Weißt du eigentlich, dass du da sehr froh sein kannst?“

Wie ,froh sein kannst'?“ Ich begriff nicht, was sie meinte.

Sie lächelte mir nachsichtig zu. „Es ist doch ein unheimliches Glück, wenn man von einem Schiff weggeht, das nachher sinkt.“

Ich begriff immer noch nicht. „Sinkt? Was willst du damit sagen?“

Sie sah mich überrascht an. „Die SAN MARCO ist doch gesunken, mit Mann und Maus. Alle sind tot. Es ist keiner gerettet worden. Ein Schlepper war in der Nähe. Aber er kam zu spät.“

Gesunken? Die SAN MARCO?“

Ja, davon haben hier die Leute eine Woche lang geredet. Vor einem Monat ist das gewesen, nein, nicht ganz. Drei Wochen ist es her. Sie sagen, es wäre zweihundertfünfzig Seemeilen südöstlich von hier passiert.“

Und woher weiß man, dass es die SAN MARCO war?“, wollte ich wissen.

Es sind Wrackteile und Rettungsringe gefunden worden. Die wiesen darauf hin.“

Und keiner gerettet? Auch keine Leichen geborgen?“

Sie zuckte die Schultern. „Soviel ich weiß, sind ein paar gefunden worden. Alle tot. Ich sage ja, der Schlepper ist zu spät gekommen.“

Gruczinski, zum Teufel! Mein Gott, wer hätte das gedacht? Und diesen Palm scheint es auch erwischt zu haben.“

Von wem redest du?“, fragte sie mich.

Ich meine den Kapitän, ein neuer Kapitän. Ich erzählte dir doch davon. Und der Erste, dieses Schwein, der Push getreten hat, dass sie auf die Herdplatte flog, das kann man Push noch heute ansehen.“

Sie setzte sich neben mich, legte ihren Arm um meine Schultern und sagte leise: „Ich habe Katzen auch so gern. Mir hat mal einer eine Katze erschossen. Betrunken, und schießt mir meine Katze tot! Seitdem will ich keine mehr. Wenn ich wieder eine hätte und sie würde wieder auf irgendeine dumme Art umkommen, ich weiß nicht, was ich täte. Jedes Mal hängt man sein Herz an ein Tier, und wenn man es dann verliert ...“

Push lebt noch. Wenn es nach diesem Mistkerl gegangen wäre, hätte sie das nicht überlebt.“

Jetzt blas keinen Trübsal! Der Kaffee ist fertig.“

Aber die ganze Geschichte mit dem Kaffee und dem Frühstück danach machte mir kaum noch Spaß. Als ich dann am Vormittag mit Leon und Walter Siebeck zusammensaß, da kannten sie die Geschichte auch mittlerweile. Sie hatten sie von Janos selbst.

 

*

 

Gilbert und Odette Fabre hatten uns zum Essen eingeladen. Odette bewohnte das Haus einer Tante. Die Tante hatte aber eine Reise nach New York gemacht, so dass Odette über das Haus verfügen konnte.

Es war ein zauberhaftes Mittagessen, und doch beschäftigte uns alle etwas ganz anderes, denn unser Zweiter war mit noch besseren Informationen versorgt worden als wir alle. Er hatte nämlich den Agenten der Lloyds getroffen und von ihm die Geschichte der SAN MARCO erfahren. Demzufolge stimmten die Angaben, die mir die kleine Mexikanerin bei Janos gemacht hatte.

Viele der Männer, die mit in die Tiefe gerissen worden waren, hatten wir nicht nur gekannt, sondern einige davon waren gute Kameraden gewesen. Wenn man Monate, mitunter Jahre mit einem Menschen zur See fährt, dann bleibt man nicht unberührt von seinem Tode. Die SAN MARCO selbst war uns eine lange Zeit so etwas wie eine zweite Heimat gewesen. Der einzige Trost bei der Geschichte schien die Tatsache zu sein, dass es auch Gruczinski und vor allen Dingen diesen Palm erwischt hatte. Die Ursache dieses Schiffsunglücks war Lloyd’s nicht bekannt geworden. Aber der hohe Versicherungswert des Schiffes traf die Corporation of Lloyd’s hart genug. An den Reeder und Eigner der SAN MARCO Stefanopoulos war eine sehr hohe Summe gezahlt worden.

Vielleicht hätten wir all das den nächsten Tag schon wieder halb vergessen gehabt, wären wir nach dem Motto „Lieber die anderen als wir selbst!“ rasch über diese Nachricht hinweggekommen, hätte uns nicht eine andere erreicht, eine Nachricht, die der Zufall uns zuspielte. Und wieder hatte dabei meine kleine Mexikanerin die Hände im Spiel.

Dieses Mädchen hatte eine Marotte. Sie sammelte die Fotos ihrer Liebhaber.

Hast du nicht eins von dir? Und wenn du keins hast, dann lassen wir eins machen. Es gibt hier einen Fotografen. Gleich in der Nähe ist der. Und der ist nicht teuer.“

Ich will kein Bild“, sagte ich störrisch. „Ich mach’ mir nichts aus Fotos. Man sieht immer reichlich blöd darauf aus.“

Du doch nicht! Du siehst prima aus. Oh, ich möchte gerne ein Bild von dir! Schenk mir doch eins!“

Wieviel hundert hast du denn schon?“, fragte ich herausfordernd und lachte.

Statt einer Antwort ging sie zu ihrem Schrank, schloss ihn auf und holte einen Kasten heraus. Sie öffnete ihn, und darin befanden sich lauter schwarze Pappen, die genau in diesen Kasten passten. Auf jede dieser Pappen waren sechs Bilder aufgeklebt, darunter standen die Namen, manchmal nur die Vornamen, manchmal der ganze Name und mitunter sogar der Rang. Es waren Kapitäne dabei, Offiziere der amerikanischen Marine, aber auch einfache Heizer oder Matrosen, manchmal auch ein Fischer. Es gab alte und junge, und ich amüsierte mich darüber, mit welcher Sorgfalt die Kleine das alles aufbewahrte.

Sie erzählte mir von diesem und jenem, schlecht machte sie keinen. Sie sprach nur gut von ihnen oder schwieg ganz einfach. Manchmal sagte sie „Er war sehr nett“ oder „Der war besonders lieb“, und plötzlich sah ich das Bild von Gruczinski.

Sein Name stand darunter. Gruczinski wirkte genau wie damals auf dem Boot, bevor es an der SAN MARCO festmachte und Gruczinski das Fallreep aufenterte.

Als hätte er einen Ladestock verschluckt, so stand er da, in einer Offiziersuniform, und darunter stand: Lieutenant Commander Gruczinski.

Die kleine Mexikanerin wollte schon die nächste Pappe herausholen, aber ich sagte: „Moment mal! Von dem hast du noch nichts erzählt.“

Sie zuckte die Schultern. „Ich habe es vergessen.“

Ich glaube, du vergisst das, was nicht schön war. Du merkst dir nur das Gute.“

Sie lächelte verständnisinnig. „Kann sein, dass du recht hast.“

Und wenn du ein Foto von mir hast?“, fragte ich.

Du bist neugierig. Das solltest du nicht sein. Aber mach dir keine Sorgen. Bis jetzt habe ich keinen Grund, von dir nichts zu sagen. Im Gegenteil, ich erinnere mich gern an dich, bis jetzt noch. Aber ich weiß, dass sich das ändern kann. Bei manchen Männern ändert es sich. Manche werden so wie er. Zuerst war er sehr höflich. Aber dann ...“

Weißt du, wer das ist? Dieser Mann interessiert mich sehr.“

Ein Marineoffizier, von der Kriegsmarine.“

Weißt du das genau?“

Ganz genau. Sie waren hier stationiert. Er ist der Kommandant einer Korvette gewesen. Ich habe ihn nie wiedergesehen.“

Weißt du das alles ganz sicher?“

Sie nickte. „Ganz sicher. Damals, das ist vor vier Jahren gewesen, habe ich ihn oft gesehen. Aber nachdem die Korvette von hier abgezogen wurde, sah ich ihn nie wieder.“ Ich konnte es fast nicht glauben. Ob ich mich vielleicht täuschte? Diese Fotos waren zu jener Zeit nicht gerade perfekt, aber trotzdem, das Gesicht war so typisch, das konnte niemand anderer als „unser“ Gruczinski sein.

Ich konnte das nicht begreifen, und ich glaubte schon am Ende, mich geirrt zu haben, hätte womöglich das alles vergessen und ganz schlicht für einen Irrtum gehalten. Vielleicht war das ein Bruder von ihm.

Einer Eingebung folgend, bat ich die kleine Mexikanerin, mir doch dieses Bild auszuleihen. Ich versicherte ihr hoch und heilig, sie werde es noch am selben Abend wiederbekommen. Ich wollte nur meinen Freunden dieses Bild einmal zeigen und sie fragen, ob ihnen dieser Mann nicht auch bekannt vorkäme.

Sie zierte sich erst, aber schließlich, als ich ihr auch Geld dafür bot, war sie einverstanden. Doch das Geld wollte sie nicht nehmen. „Nicht dafür“, sagte sie.

Am Abend saßen meine Freunde und ich wieder zusammen. Auch Gilbert war auf einen Sprung gekommen, und ich zeigte ihnen das Bild.

Wie aus der Pistole geschossen rief Leon: „Das ist doch Gruczinski!“ Auch Gilbert Fabre glaubte, dass es Gruczinski sein müsse. Da setzte sich Janos zu uns. Wie er es meist tat, wenn wir ein paar Tage bei ihm blieben, spendierte er auch mal eine Runde auf Kosten des Hauses. Jetzt war es soweit. Er ließ Wein in Karaffen kommen, und dann tranken wir ihm erst einmal zu.

Da entdeckte er das Bild, das vor mir lag und rief: „Was hast du für ein schönes Bild gemacht!“

Ich schnippte es ihm herüber, er hielt es weit von sich, da er etwas weitsichtig war, und meinte dann: „Na ja, den kenn’ ich doch! Verdammt, woher kenn’ ich den? Ach ja, jetzt fällt es mir wieder ein. Das ist dieser Offizier von der Korvette.“

Als er dies sagte, ging gerade ein anderer Seemann hinter ihm vorbei. Es war ein Puertoricaner. Der sah zufällig auf das Bild, hörte das, was Janos sagte, blieb stehen, beugte sich nun über die Schulter von Janos und starrte auf das Bild. „He, wer soll das sein? Der Offizier von einer Korvette? Unsinn, das ist doch Gruczinski. Das ist der, unter dessen Kommando die SAN MARCO gestanden hat.“

Ich hätte den Puertoricaner umarmen können. Also war ich doch kein Idiot, der nicht wusste, was er redet. Auch die anderen schienen so zu empfinden wie ich. Nur Janos begriff kein Wort von dem, was der Puertoricaner sagte.

Gruczinski? Die SAN MARCO?“, rief Janos. „Wie kommt ihr denn darauf? Was hat dieser Mann mit der SAN MARCO zu tun? Das ist ein Marineoffizier.“

Also entweder hat Gruczinski einen Zwillingsbruder, der Lieutenant Commander ist“, rief ich, „oder aber wir sind alle verrückt.“

Der Puertoricaner blickte mich kopfschüttelnd än. „Wieso einen Zwillingsbruder?“

Weil Janos behauptet, der Bursche auf dem Bild wäre ein Lieutenant Commander. Und das sagt auch das Mädchen, mit dem ich zusammen bin.“

Der Puertoricaner zuckte die Schultern. „Für mich ist das Gruczinski, ein Satan von einem Kapitän. Die Schiffe, die er fährt, gehen früher oder später unter. Aber ich will nicht viel reden. Die Wände haben Ohren, und man hat schnell ein Messer zwischen den Schulterblättern. Adios, Amigos!“

Weil wir keine richtige Erklärung fanden, sprachen wir bald von etwas anderem. Wir waren schließlich nicht hergekommen, um uns über Gruczinski aufzuregen und auch nicht über die SAN MARCO. Natürlich gab der Untergang dieses Schiffes eine Menge Gesprächsstoff ab.

So wandten wir uns anderen Themen zu, zumal unser Zweiter, Gilbert Fabre, für die Nacht an Bord zurück musste. Der Erste hatte auch mal ein paar Tage Urlaub nötig, und der Kapitän kehrte sowieso erst wieder an Bord zurück, wenn alles erledigt war und die LIVINGSTONE wieder in See gehen wollte.

Marty hatte sich den Magen verdorben. Irgend etwas schien ihm nicht bekommen zu sein, wahrscheinlich der scharfe Schnaps zusammen mit noch schärferem Essen bei Janos. Er musste sich dauernd übergeben, ihm war schlecht, und er wollte am Abend mit unserem Zweiten zurück an Bord gehen. An Bord war ja auch Push, und mir kam es bald so vor, als hätte er Sehnsucht nach ihr.

 

*

 

Es war so gegen neun Uhr abends, als der Zweite und Marty an Bord des Jollenführerbootes gingen und hinausgebracht wurden zur LIVINGSTONE.

Wir anderen beschlossen, den angebrochenen Nachmittag ausgiebig zu feiern. Meine kleine Mexikanerin war die letzte, die dabei nicht feste mitmachen würde.

Aber an diesem Abend sollten wir noch einmal von der SAN MARCO hören, wenn auch in einer ganz anderen Beziehung.

Es war am späten Nachmittag ein Frachter mit einer Ladung Kaffee von Costa Rica eingetroffen. Einer der Sailors kannte Pepe sehr gut. Er war auch ein Farbiger, nur nicht so ein Bulle wie Pepe. Und weil Pepe sagte, dass der Junge sein Freund wäre, war er natürlich auch unser Freund. Er hieß übrigens Juan und stammte, genau wie Pepe, von den Bahamas. Die beiden unterhielten sich sehr angeregt und vergaßen fast ihre Mädchen. Dabei war die glutäugige Schwarze, die sich Pepe angelacht hatte, ein wandelnder Vulkan.

In der Bodega von Janos spielten jetzt mexikanische Gitarrenspieler einen schmissigen Tango, der die ersten Paare auf die Tanzfläche lockte. Ich wollte mit meiner kleinen Mexikanerin auch schon hin, denn Tanzen war etwas, dem ich nicht widerstehen konnte. Mir ging die Musik einfach ins Blut. Aber es kam nicht dazu.

Plötzlich schlug Pepe mit der flachen Hand auf den Tisch, dass ich das Gefühl hatte, er wollte ihn in zwei Hälften brechen. Da rief er schon: „He, Leute! Hört doch mal zu! Was mir Juan gerade erzählt hat, eine tolle Geschichte! Ein Schiff, genau wie die SAN MARCO, praktisch ein Schwesterschiff, hat er in einer Bucht der BahiaInseln gesehen.“

Was sagst du?“, rief Leon. „Ein Schwesterschiff? Die SAN MARCO hat kein Schwesterschiff.“

Aber er sagt es. Er kennt die SAN MARCO genau.“

Juan nickte. „Ich kenne sie sehr genau. Ich habe auf ihr gearbeitet, als sie noch gebaut wurde in der Werft. Sie kommt aus Norfolk. Damals habe ich auf der Werft gearbeitet.“

Wir sahen ihn ratlos an. „Begreift das einer?“ fragte Gino. „Sie sieht aus wie die SAN MARCO, sagst du?“

Details

Seiten
140
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905854
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Schlagworte
heldenhafte seemänner feuer

Autor

Zurück

Titel: Heldenhafte Seemänner #13: Feuer auf hoher See