Lade Inhalt...

Saltillo #1: Der Tiger vom Rio Bravo

2016 120 Seiten

Leseprobe

Der Tiger vom Rio Bravo

SALTILLO

 

Band 1

 

 

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von H.W. Dunton, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

 

Wir schreiben das Jahr 1845. Der junge Staat Texas ist erst seit kurzem ein Teil der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Schlacht von Alamo im Jahr 1836 hat auch jetzt noch ihre Spuren hinterlassen. Tiefe Gräben ziehen sich immer noch durch breite Schichten der texanischen und mexikanischen Bevölkerung.

Der Haziendero Sam O´Hara ist ein Sohn der Alamo-Generation. Sams Vater Jim O´Hara kämpfte zusammen mit Davy Crockett und Jim Bowie bei Alamo und starb für seine Heimat. Das Erbe - die Hazienda Saltillo - verwaltet nun Sam O´Hara, dessen Mutter eine Penateka-Comanchin war. Saltillo – so heißt nicht nur die Hazienda, sondern auch die nahe gelegene Stadt. Und als Sam O´Hara den Bewohnern der Stadt einmal in einer gefährlichen Situation beigestanden hat, trägt er zu Ehren der Stadt ebenfalls diesen Namen: SALTILLO.

 

Der Geschäftsmann Ben Mortimer ist mit einem Trupp Revolvermänner auf dem Weg zum Rio Bravo und der Hazienda Saltillo. Er möchte sich Sam O´Haras Besitz unter den Nagel reißen und jeden aus dem Weg räumen, der ihn daran hindert. Diesem Trupp hat sich auch die schöne Kreolin Layla Sheen angeschlossen. Sie musste aus New Orleans fliehen, weil man ihr einen Mord anhängen wollte – und sie hofft in Texas auf eine neue Zukunft. Dies gilt auch für Buck Mercer, einen Abenteurer aus Kentucky, der zu Mortimers Revolvergarde gehört.

Sie alle glauben, dass ihre Präsenz und ihre Waffen ausreichen, um eine ganze Region zu unterjochen. Aber keiner von ihnen kennt Sam O´Hara. Er und seine mexikanischen Vaqueros werden alles tun, um die Hazienda Saltillo mit ihrem Leben zu verteidigen. Denn Saltillo, der Sohn der Alamo-Generation, weiß, was Kämpfen bedeutet ...

 

 

 

 

Roman

 

Keuchend durchbrach der Mexikaner-Junge das Gebüsch. Er verharrte einen Augenblick, um zu lauschen. Dabei presste er die Gitarre gegen die Brust.

Sie war sein einziger Besitz. Die Fluten des Rio Bravo glänzten wie flüssiges Silber zwischen den Zweigen.

Der Junge wusste die Verfolger noch immer auf der Fährte. So stolperten die nackten Füße weiter durch Sand und verfilztes Gestrüpp. Er war höchstens siebzehn Jahre alt.

Er schrie auf, als er plötzlich bis zu den Knien einsank.

Treibsand!

Mit einer verzweifelten Anstrengung kam er noch einmal frei und versuchte den nächsten Strauch zu umklammern. Dabei hielt er noch immer die Gitarre fest. Doch das Instrument behinderte ihn nun. Die zupackende Linke glitt am brechenden Zweigwerk ab. Er fühlte entsetzt, wie der Sand ihn langsam einzuschließen drohte, einem tödlichen Panzer gleich. Noch einmal schnellte er vor. Krampfhaft hielt er dabei die Gitarre hoch über dem Kopf.

Sand verklebte das zerzauste kohlrabenschwarze Haar, rieselte über die Schultern. .

Bis zur Taille steckte er schon fest. Eine Weile war er wie betäubt, vor ungläubigem Entsetzen unfähig, sich zu bewegen. Dann merkte er, wie sein Körper unaufhaltsam tiefer in den Sandbrei sank.

»Nein!« Der Ruf durchzitterte das Schweigen, das den Jungen umgab. Stetig strömte der Fluss unter der brennenden Sonne vorbei.

Der Oberkörper bäumte sich auf, der Junge warf sich nach vorn. Zerfetztes Gestrüpp blieb in den krallenden Fingern zurück - sonst nichts.

Je heftiger er sich wand, desto rascher sackte er tiefer. Der Sand schwappte schon über die Gurtschnalle, tastete nach der sich stoßweise hebenden Brust. Die Beine schienen in Blei gegossen.

»Sanchez! Ramiro!« In seiner Verzweiflung schrie er nach den Verfolgern.

Zoll um Zoll schluckte der Sand seinen zuckenden Körper. Er schluchzte vor Qual. War er Trujillo, dem Schinder, nur entflohen, um diesen lautlosen, grausigen Tod zu finden?

Da wieherte ein Pferd. Sein Kopf zuckte herum. Die Augen weiteten sich. Zuerst sah er den Reiter nur als Riesenschatten auf dem Steilhang über dem sandigen Uferstreifen. Der Himmel darüber waberte wie eine Flammenwand. Erst als das Pferd einige Yards zur Seite tänzelte, erkannte der Junge seinen Reiter.

»Saltillo!« gellte er das spanische Wort, das auch der Name einer Stadt in New Mexico war. Der Reiter hieß so, seit er eben diese Stadt vor der Vernichtung bewahrt hatte.

Saltillo - das war auch der Herrscher über dieses weite, einsame Land zwischen dem Rio Bravo und den Ausläufern der Rocky Mountains. Ein großer, schlanker Mann mit breiten Schultern, dessen dichtes schwarzes Haar nun in der Texassonne schimmerte. Der Junge konnte sich nicht entsinnen, Saltillo je mit einer Kopfbedeckung gesehen zu haben. Das scharfgeschnittene, tiefgebräunte Gesicht verriet Comanchenblut. Die grauen Augen jedoch waren das Erbe des Vaters, eines irischen Mountain Man.

Saltillo war ganz in weich gegerbtes Antilopenleder gekleidet Es zeigte die Spuren von Wind und Wetter und roch nach dem Holzrauch einsamer Camps. Seine mokassinähnlichen Stiefel waren aus dem gleichen Material gefertigt. Ein rotes Seidentuch war um seinen Hals geschlungen. Es verdeckte fast völlig das Amulett mit den in Silber gefassten Türkisen. Rechts an seinem Gürtel trug die Halfter den fünfschüssigen Paterson Colt. Links ragte der Elchhorngriff des Bowiemessers aus einer Lederscheide.

»Rühr dich nicht, Amigo! Ich hol dich raus!«

Die gelassene Anweisung ließ die Panik in dem Jungen abebben. Gebannt beobachtete er, wie der große Mann vom Pferd glitt, die Reata vom Sattel löste und den steilen Hang herab kam.

Jede Bewegung war Ausdruck kraftvoller Geschmeidigkeit. Kühl schätzten die grauen Augen die Entfernung. Der Sand reichte dem Eingesunkenen schon über die Brust. Krampfhaft reckte er die Arme hoch. Die Saiten der Gitarre schimmerten wie Goldfäden. Es war nicht mehr viel Zeit. Sie wussten es beide.

Rasch schüttelte Saltillo die Schlinge aus. Er würde nur diesen einen Wurf haben.

Der Sand kroch bereits den Schultern des jungen Mexikaners entgegen. Sein Gesicht war grau vor Angst, doch kein Laut drang mehr über die Lippen. In Nuevo Saltillo, dem Dorf weiter oben am Fluss, wusste jeder Mann, dass es auf der Hazienda keinen besseren Lassowerfer gab als den Patron. Die Schlinge kreiste schon. Plötzlich löste sie sich aus der Hand, stand im nächsten Moment über dem Kopf des Jungen, ehe sie sich jäh senkte.

»Streif sie über, Muchacho! Halte dich fest!«

Der Mann unter der Steilkante zog die Schlinge erst zu, als der Versinkende die Arme durchgeschoben hatte. Dann holte er ihn schnell und kraftvoll ans Ufer. Er lächelte, als der Junge, nach Atem ringend, neben ihm kauerte und als erstes mit dem Hemdärmel seine Gitarre vom Sand befreite.

»Du bist Antonio aus Trujillos Bodega, nicht wahr?«, fragte Saltillo, während er die Reata aufrollte.

Der Junge fuhr geduckt hoch. Plötzlich glühte Trotz in seinen Augen.

»Ich bin ihm davongelaufen!«, stieß er hervor. »Ich will nicht zu ihm zurück, nie mehr!«

»Hat er denn nicht nach dem Tod deiner Eltern eine Menge für dich getan?«

»Das hier!« Keuchend zeigte Antonio auf die Striemen, die durch sein zerschlissenes Hemd zu sehen waren. »Das ist jedesmal sein Lohn, wenn ich von Sonnenaufgang bis spät in die Nacht für ihn schufte! Nun hat er zwei Burschen aus Paso del Norte hinter mir hergehetzt. Er will mich wie einen Sklaven an sie verschachern. Du hast mir das Leben gerettet, Patron. Trotzdem verlange nicht von mir, dass ich zu Trujillo zurückkehre!«

Saltillos Miene blieb ausdruckslos.

»Ich denke, du bist alt genug, deinen eigenen Weg zu gehen. Nur - wohin?«

Der Junge schaute zu Boden.

»Mein Vater war Vaquero, Patron«, sagte er leise. »Ich möchte auch einer werden.«

»Kannst du denn mit Pferden und Rindern umgehen?« Der Anflug eines Lächelns zeigte sich wieder auf Saltillos Gesicht.

Antonios Augen blitzten. »Ich konnte früher reiten als laufen. Den Rest, Patron, den lern’ ich schon.«

»Wenn das so ist, dann komm!«

Der junge Mexikaner strahlte. Seine schlanken Finger entlockten der Gitarre einen volltönenden Akkord.

Saltillo winkte ab, als der Junge sich bedanken wollte.

»Es wird nicht leicht! Dieses Land schenkt keinem etwas.«

Er wandte sich dem Hang zu. Da wieherte droben das Pferd zwischen den Kreosot- und Mesquitesträuchem. Sporen klirrten dazu. Erschrocken griff Antonio nach Saltillos Arm.

»Sie sind da!«

Saltillo blickte ihn an. Wieder spürte der Junge die unerschütterliche Ruhe dieses Mannes.

»Komm!«, wiederholte Saltillo nur.

 

*

 

Es waren wildäugige, sehnige Burschen. Spitzkronige Strohsombreros beschatteten die verkniffenen Gesichter. Sie waren abgesessen. Ihre Pferde standen ein Stück von Saltillos Rehbraunem entfernt. Der Mann mit der Narbe auf der linken Wange hielt eine spanische Reiterpistole. Sein sichelbärtiger Gefährte säuberte mit einem dolchartigen Messer die Fingernägel.

Grinsend deutet er nun mit der Klinge auf Antonio.

»Da haben wir ihn ja samt seiner Guitarra!« Er lachte höhnisch. »Trujillo wird sich freuen, wenn er dich wiedersieht, Amigo! Na, komm schon, lass ihn nicht warten!«

Sie verharrten so lässig, als wären sie mit dem Jungen allein.

Antonio blieb ruckartig auf der Kante der Böschung stehen. Das gehetzte Flackern war wieder in seinem Blick. Er sah aus, als würde er gleich herumschnellen, um erneut zu fliehen. Da legte Saltillo ihm die Hand auf die Schulter.

»Er wird nicht mitkommen!«, erklärte er kühl.

Sie taten, als bemerkten sie ihn jetzt erst. Ihr Grinsen wurde noch scharfzügiger. Doch es wirkte auch angestrengt.

»Holla, wen haben wir denn da?«, rief der Bursche mit dem Messer. »Trujillos Teufelsjunge hat offenbar ’nen Beschützer gefunden! Und was für einen! He, Ramiro, sieht der Bursche nicht gefährlich aus?«

»Halb so gefährlich wie das Blei in meinem Eisen!«

Der Narbige lachte kehlig. Er richtete die Pistolenmündung auf Saltillo, der keine Miene verzog, sondern nur einen Schritt vortrat, so dass er zwischen dem Jungen und seinen beiden Jägern stand. Die beiden hatten keine Ahnung, wer er war. Dennoch war ihre Überlegenheit nur Pose. Sie spürten die Entschlossenheit des großen, indianerhaften Mannes wie einen kalten Hauch.

Ramiro drehte halb den Kopf und spuckte aus.

»Du wirst dir doch wegen dieser Ratte keinen Arger einhandeln, Hombre?«

»Die Frage ist: Wollt ihr das?«

Saltillo legte die Hand an den rotbraunen Walnusskolben seines Colts.

Das Grinsen der beiden verflog. Ramiros Pistolenlauf wackelte bedrohlich.

»Hör zu, Compadre! Trujillo ist nicht nur unser Freund. Er steht auch verflucht tief bei uns in der Kreide für all die Sachen, die wir ihm in letzter Zeit aus El Paso geliefert haben. Wir sind Händler. Wir können nun mal nicht von den Schulden leben, die andere bei uns haben. Der Junge da ist kräftig und geschickt. Und weil Trujillo unser Amigo ist, sind wir damit einverstanden, dass er seine Schulden bei uns abarbeitet. Doch weshalb, zum Teufel, erzähl ich dir das alles? Du hast es inzwischen sicherlich kapiert: Die ganze Sache geht dich nichts an, Compadre!«

»Es geht mich sehr wohl etwas an, was auf meinem Land geschieht!« Saltillos Stimme klirrte. »Hier wird niemand wie ein Sklave verschachert! Merkt euch das und verschwindet!«

»Den Teufel werden wir! Niemand ... Was hast du gesagt? Dein Land?«

Jähes Erschrecken zeigte sich in den Augen des Narbigen. Beide wichen zurück, als Saltillo sich entschlossen in Bewegung setzte und schweigend auf das Pferd zuging.

»Du bist Saltillo?«, keuchte Ramiro.

Die Gitarrensaiten tönten.

»Er ist es!«, triumphierte Antonio.

Mit der Hand an der Waffe blieb Saltillo neben seinem Rehbraunen stehen. Er pflegte Befehle nicht zu wiederholen oder sich von der Pistole eines Galgenvogels beeindrucken zu lassen. Ein Flackern von Schreck und Hass war in den Augen der beiden. Dann überwand Ramiro sich und steckte die Pistole in die Schärpe zurück, die er statt eines Gurts um den Leib geschlungen hatte.

»Das wussten wir nicht, Senor«, murmelte er heiser. »Wir dachten ...« Das Funkeln in den Augen des Hazienderos ließ ihn verstummen. »Komm, Sanchez!«, krächzte er. »Verschwinden wir!«

»Und lasst euch hier nie mehr sehen!«, fügte Sam O’Hara, denn auf diesen Namen war Saltillo getauft, scharf hinzu. »Ich dulde keine Sklavenfänger auf meinem Land!«

Ihre sporenklirrenden Schritte entfernten sich. Saltillo hatte sich bereits seinem Pferd zugewandt. Schnaubend rieb es die Nüstern an seiner Schulter, während er die Reata wieder am hochbordigen Vaquerosattel befestigte. Ein Lederschutz umschloss die Steigbügel. Über dem Sattelhorn hing eine zusammengerollte Rinderpeitsche. Sie hielt Saltillo im selben Augenblick in der Hand, als das Sporengerassel plötzlich aussetzte.

Gleichzeitig gellte Antonios Warnschrei. Da wirbelte der Haziendero tigergleich herum. Die Rechte, die den Peitschenstiel umklammerte, schoss vor.

Sanchez hatte das schmalklingige Messer zum Wurf erhoben. Pfeilschnell rollte die geflochtene Rohlederschnur auf ihn zu.

Die Wut in Sanchez’ Augen verwandelte sich in Entsetzen. Er brüllte, als die Schnur sein Handgelenk umwickelte und den Arm mit solcher Wucht packte, dass er das Messer verlor. Auch Ramiro schrie, aber es war ein Schrei des Hasses. Er hatte die Pistole aus der Schärpe gerissen, umkrampfte sie mit beiden Händen und legte auf Saltillo an.

Da packte die Peitsche ihn auch schon wie der blitzschnelle Fanggriff eines Kraken. Als die Pistole dröhnte, lag der narbige Mexikaner längst am Boden. Die lange, mehrfach um ihn geschlungene Peitschenschnur hielt ihn noch etliche Atemzüge fest Dann genügte die geschickte Handbewegung des Hazienderos, sie von ihm zu lösen. Mehr vom Schreck als vom Sturz betäubt, blieb Ramiro reglos liegen.

Sanchez war auf die Knie gesunken. Er presste die Linke auf das blutende rechte Handgelenk. Sicher steckte irgendwo unter seiner speckig glänzenden Jacke noch ein zweites Messer. Doch der Sichelbärtige hatte nicht mehr den Schneid, es zu versuchen.

Sie waren sich ihrer Sache so verdammt sicher gewesen, als Saltillo ihnen den Rücken zugekehrt hatte.

Nun wussten sie, dass die Legenden, die sie im Dorf weiter oben am Fluss über diesen Mann gehört hatten, nicht übertrieben waren. Sanchez schauderte, als ihm bewusst wurde, dass ihr Gegner statt zur Peitsche ebensogut zum Colt hätte greifen können.

Das wilde Feuer in Saltillos Augen erlosch. Kalte Ruhe spiegelte sich wieder in ihnen. Er wusste, dass es nicht nötig war, die Warnung zu wiederholen. Deshalb verschwendete er keinen Blick mehr an die beiden, sondern drehte sich zu Antonio um. Der stand noch wie gelähmt da, fassungslos darüber, was sich da eben in Sekundenschnelle vor seinen Augen abgespielt hatte. Ein Lächeln vertrieb die Härte aus Saltillos Miene.

»Wach auf, Amigo! Auf der Hazienda wartet ’ne Menge Arbeit auf uns.«

 

*

 

Eine Stunde später zügelte Saltillo sein Pferd auf einer grasbewachsenen Anhöhe, Gleichzeitig mit dem Hufschlag setzte das melodische Geklimper der Gitarre aus.

»Noch kannst du’s dir anders überlegen, Muchacho«, meinte Saltillo mit einem Lächeln in den Mundwinkeln. Der Junge rutschte hinter ihm von dem kräftigen, hochbeinigen Hengst.

»Niemals, Patron!« Aus leuchtenden Augen blickte er auf die nur mehr eine halbe Meile entfernten Gebäude der Hazienda.

Das Silberband des Alamo Creek schlängelte sich zwischen sanftwelligen grünen Hügeln vorbei nach Süden, dem Rio Bravo entgegen, den auch die Menschen diesseits der Grenze später einmal Rio Grande del Norte nennen würden. Weiße Mauern leuchteten in der Sonne. Durch das Geäst knorriger Bäume schimmerten rotbraune Ziegeldächer. Die Hazienda war im landesüblichen spanischen Stil erbaut. Eine Festung im weiten Land, die von einer Handvoll tapferer Männer gegen jede Übermacht verteidigt werden konnte. Ringsum wogte ein Meer aus Gras, durchsetzt von Baum und Buschinseln. Salbei blühte im warmen Wind.

Ein Rinderland. Dazu ein Anblick, der das Herz jedes Vaqueros höher schlagen ließ. Vor Jahren, bevor Saltillos Männer die erste Lehmziegelmauer hochzogen, weideten hier noch Büffel. Sie waren von den zähen Longhorns, den Nachkommen der von den Spaniern über den Rio Bravo gebrachten, später verwilderten Rinder abgelöst worden.

Saltillo hatte dieses Land als väterliches Erbe übernommen. Es war eine Schenkung des bisherigen Präsidenten der Republik Texas, Sam Houston. Sie galt dem einzigen Hinterbliebenen eines seiner treuesten Gefolgsmänner aus den Jahren des blutigen Freiheitskampfes: Jim O’Hara.

Der Mountain Man, Saltillos Vater, war der erste Weiße in diesem Gebiet gewesen. Die Tochter eines Comanchenhäuptlings war seine Frau geworden. Später hatte er sich jenen 182 Kämpfern angeschlossen, die unter dem Kommando von William Barett Travis den Alamo von San Antonio de Bexar bis zum letzten Atemzug gegen sechstausend mexikanische Soldaten verteidigten. Die Anfänge der texanischen Geschichte waren mit Blut geschrieben, und mit demselben Blut war dieser Boden bezahlt.

Antonios Blick schweifte über die blauschimmernden Bergketten, die das Grasmeer im Norden, Westen und Osten umschlossen. Das Land dahinter war einsam und wild. Ein Land, das in diesem Jahr 1845, in dem Texas in den Staatenbund der Union aufgenommen worden war, nur von den Jagd- und Kriegstrupps der Comanchen und Lipan-Apachen durchstreift wurde. Wie eine paradiesische Insel lag die Hazienda del Saltillo mitten in dieser gewaltigen Wildnis.

Die südliche Grenze war »der Fluss«, wie der Rio Bravo hier nur allgemein genannt wurde. Das Dorf Nuevo Saltillo mit seinen ausgedehnten Feldern gehörte ebenso dazu wie die saftigen Weiden. Sie erstreckten sich bis in die fernen Täler der Tierra Vieja Mountains, der Cuesta del Burro Range und all der anderen Bergzüge, die erst später, nach der Besiedlung durch die »Gringos«, Namen erhalten sollten. Es waren die Ausläufer der Rockies, die in diesen südwestlichen Teil von Texas vorstießen und die einmal Jim O`Haras Jagdrevier gewesen waren.

Einiges davon wusste Antonio aus den Geschichten, die im Dorf über den Patron erzählt wurden. Sein Wunschtraum war erfüllt: Nun gehörte auch er hierher. Flink glitten seine Finger über die Gitarrensaiten. Der Wind trug die temperamentvolle Melodie bis zu den Berghängen.

Doch er wehte auch den dumpfen Knall des Schusses von der Hazienda herüber.

 

*

 

Saltillo sprang aus dem Sattel, bevor der Rehbraune richtig stand. Ein weißgekleideter Peon fing die Zügel auf.

Saltillos Hand glitt vom Colt, als er die beiden berittenen Vaqueros bemerkte, die das tote Pferd mit ihren Reatas vom sonnenbeschienenen Hof schleiften. Das also war die Erklärung für den Schuss vorhin: Eine Kugel hatte das Tier erlöst, nachdem es bis zur Erschöpfung geritten worden war. Saltillos Miene spannte sich. Er wusste genau, dass keiner seiner Männer ohne triftigen Grund so handelte.

»Felipe ist schwer angeschossen!«, rief der Peon, der den stampfenden Hengst hielt. »Ruidosa hat ihn ins Haus schaffen lassen.«

Saltillo spürte den Hauch einer unsichtbaren Gefahr, die sich über der Hazienda zusammenbraute. Unwillkürlich dachte er an die Jahre knochenbrechender Arbeit, die hinter ihm und seinen Leuten lagen. Hagelsturm und Dürre, Rinderkrankheit und Stampede. Immer wieder war jeder einzelne von ihnen bis an die Grenze seiner Leistungskraft gefordert worden. Doch in der ganzen Zeit hatten sie es mit keinem wirklich gefährlichen menschlichen Gegner zu tun bekommen. Nur ab und zu hatten sich ein paar Rustler auf die Weide »verirrt«.

Mit kantiger Miene eilte er auf das doppelgeschossige Haupthaus zu.

Ramon Ruidosas hagere Gestalt tauchte eben im Schatten des Säulengangs auf. Der grauhaarige, lederhäutige Mayordomo war Saltillos rechte Hand auf der Hazienda. Es gab keinen zuverlässigeren, erfahreneren Mann für den Posten des Verwalters.

Das verwitterte Gesicht des Mayordomo war ernst. Obwohl die Adobemauern die Tageshitze abhielten, glänzten Schweißperlen auf seiner Stirn.

»Er ist noch immer bewusstlos, Patron. Paco kümmert sich um ihn.«

Saltillo nickte nur, eilte an ihm vorbei. Ruidosa folgte ihm in die große, schattige Eingangshalle. Gänge zweigten ab. Die Türen waren holzgetäfelt. Topfpalmen waren neben der breiten Treppe zum Obergeschoss aufgereiht. An den Wänden hingen indianische Waffen und Teppiche. Ein riesiges Grizzlyfell bedeckte die Fliesen. Und die blankpolierte Ritterrüstung auf einem Sockel in der Ecke erinnerte an die Zeit, da Mexiko und der gesamte übrige Südwesten von der spanischen Krone beansprucht wurden.

Felipe, ein dunkelhäutiger, stämmiger Vaquero, lag auf einem ledergepolsterten Sofa. Ein blutgetränkter Verband verhüllte seinen Oberkörper. Paco, der kleine Mexikaner, der sonst als unumschränkter Herrscher der Küche regierte, zog gerade den letzten Knoten fest. Sein spitznasiges, meist pfiffiges Gesicht wirkte bekümmert, als er sich aufrichtete.

»Glatter Durchschuss, Patron. Er hat viel Blut verloren. Ein Wunder, dass er diesen Ritt durchstand.«

Felipe stöhnte, die Lider zuckten. Er schlug die Augen auf, als Saltillo sich über ihn beugte.

»Benito«, ächzte er. Es war der Name seines Kameraden, mit dem er in der Turkey Hills nach entlaufenen Rindern gesucht hatte. »Reite, Amigo! Sie töten dich, wenn sie ...« Plötzlich wollte er sich aufrichten. »Wo bin ich?«

Behutsam, aber entschieden schob Saltillo ihn zurück.

»Du bist in Sicherheit. Ich bin’s - Saltillo. Was ist geschehen? Wer hat auf dich geschossen?«

Der Verwundete atmete heftig. Langsam klärte sieh sein Blick.

»Wir haben Spuren gefunden, Patron«, begann er. »Spuren von Männern, die Rinder von der Weide trieben. Wir sind ihnen zur Barranca Grande gefolgt. Dort haben sie sich eingenistet.«

»Wer?«

»Americanos ... mit Revolvern und Gewehren. Sie haben sich in der Schlucht festgesetzt... Sie schlachten unsere Rinder, fällen Bäume für ihre Hütten ... Der Posten hat sofort geschossen ... Dann waren sie hinter uns her...« Die heisere Stimme versagte ihm.

Saltillo holte eine Flasche aus dem Wandschrank und ließ den Vaquero trinken.

»Was ist mit Benito?«, fragte er mit einer äußerlichen Ruhe, die er auch in schwierigen Augenblicken bewahrte.

»Wir haben uns am Cerro Blanco getrennt«, berichtete Felipe mühsam. »Benito wollte zum Dorf, die Leute warnen ... Ich hab den Weg zur Hazienda eingeschlagen, als mich die Kugel traf...« Er lächelte verzerrt. »Por Dios! Ich hätte keinen rostigen Peso mehr für meinen Skalp gegeben, Patron!«

»Du hast es geschafft, Amigo. Mach dir keine Sorgen. Wenn du ...« Er verstummte. Abermals hatte Felipe die Besinnung verloren.

Nun nahm auch Saltillo einen Schluck aus der Flasche. Dann verkorkte er sie und stellte sie auf den Tisch.

»Fremde, die mein Land besetzen, meine Rinder stehlen, auf meine Reiter schießen«, murmelte er kopfschüttelnd. Dann spannte ein harter Zug seinen Mund. Seine Augen funkelten. »Ich werd’ sie mir noch heute ansehen!«

 

*

 

Das durchgeschwitzte Hemd klebte Benito Gomez auf der Haut. Atemlos zügelte er sein Pferd vor der stacheligen Mauer des Dornbusch- und Kakteendickichts. Irgendwo dahinter, auf einer versteckten Lichtung duckte sich die Hütte der alten Juana. Bruja, Hexe, nannten die Dorfbewohner sie heimlich, weil sie sich angeblich nicht nur auf die Kräuterheilkunst, sondern auch auf überlieferte, geheime Beschwörungs- und Zauberformeln verstand. Vielleicht war er, Benito, dort vor den Verfolgern sicher.

Zur Hölle damit! dachte er im nächsten Moment. Er war nicht hergekommen, um sich unter den Rock eines alten Kräuterweibs zu flüchten. Er wollte Valdez, Trujillo und all die anderen vor den Fremden warnen, die sich in der Barmaca Grande eingenistet hatten und irgendwann auch hier aufkreuzen würden, wenn ihnen erst die Vorräte ausgingen. Seine Hand umschloss den Knauf der Pistole, die in seinem Gürtel steckte. Der Sombrero baumelte an einer Lederschnur auf dem Rücken.

Seine Zähne knirschten, als er wieder an die Kugeln dachte, die ihm nachpfiffen. Nein, das waren nicht bloß Warnschüsse gewesen! Einige hatten ihn so knapp verfehlt, dass er noch den Luftzug der Geschosse spürte. Er horchte, aber nur sein eigenes heftiges Keuchen war in seinen Ohren. Er war nicht umsonst wie der Teufel geritten - er hatte sie abgehängt.

Trotzdem zögerte er, den Schatten des Dickichts zu verlassen. Sein Blick lag auf den weißgetünchten, kastenförmigen Häusern. Nur einen Steinwurf entfernt war die Furt.

Ein dunkelgrünei Gürtel aus Weiden und Pappeln säumte die Ufer des Rio Bravo. Ein paar Meilen flussabwärts mündete der Alamo Creek, der von Norden her das Gebiet der Hazienda del Saltillo durchschnitt. Am gegenüberliegenden Ufer begann Mexiko. In der Ferne dämmerte die blaue Silhouette der Sierra.

Rings um das Dorf, bis an den Rand der Dornen und Kakteenwildnis erstreckten sich die Felder. Mais, Agaven, Bohnen und Tabak wurden angebaut. Die Erde war fruchtbar. Ein Netz von Bewässerungsgräben durchschnitt die Felder. Im Norden zog ein Wall schattenspendender Bäume, im Osten der Alamo Creek die Grenze zum Weidegebiet der Hazienda. Die Camps und Vorwerke in den weitverzweigten Nebentälern lagen viele Meilen entfernt.

Benito saß ab. Er führte sein abgetriebenes Pferd am Zügel zu den um die Plaza gescharten Gebäuden. Die Luft flimmerte über den Ziegeldächern. Es war still. Wer arbeiten konnte, war draußen auf den Feldern. Nur die Kleinkinder und die Alten genossen die kühle Dämmerung in den Adobelehmhütten. Hühner hatten sich in den heißen Sand gebuddelt. In den Pferchen dösten Schweine und Ziegen. Das Ganze bot ein Bild des Friedens, zu dem die Schüsse von vorhin in schroffem Gegensatz standen.

Keine Kinderstimme, kein Klappern von Geschirr durchbrach die Stille.

Benito blieb stehen, schaute zurück. Weit draußen auf den Feldern leuchteten weiße Kittel, bunte Kopftücher. Zu weit entfernt, dass seine Stimme die Menschen dort erreichen konnte.

»Komm weiter!«, raunte er seinem Pferd zu.

Sein Ziel war der schlanke Glockenturm, der jenseits der Plaza zwischen Trujillos Bodega und dem Haus des Alkalden aufragte. Saltillo hatte ihn bauen lassen, damit die Glocke die Dorfbewohner im Fall von Gefahr von den Feldern rief.

Der Vaquero stockte. Einen Moment füllte nichts als eisige Leere sein Gehirn.

Die Plaza lag nun vor ihm. Unter der knorrigen Weißeiche in der Mitte standen zwei Pferde am Zügelholm; Tiere mit staubbedecktem Fell und fremdartigen flachen Sätteln! Colttaschen hingen an ihnen. Sie waren leer. Die Gäule hatten die Nüstern in den steinernen Wassertrog gesenkt. Im dichtbelaubten Geäst über ihnen baumelten Zwiebelbündel, bastumwickelte Flaschen und zum Trocknen aufgehängte Wäschestücke.

Die Zügel glitten Benito aus der Hand. Sein Blick huschte an den Hüttenfronten entlang. Die Tür- und Fensteröffnungen gähnten wie dunkle Höhlen. Das Schweigen lastete jetzt wie ein Bleipanzer auf dem Dorf. Plötzlich bewegte sich der Perlenvorhang im Eingang der Bodega. Dabei berührte kein Lufthauch den Platz.

Sie waren da: Zwei Pferde zwei Männer!

Sie warteten auf ihn!

Der Mexikaner biss die Zähne zusammen. Nein, er würde nicht länger fliehen. Noch waren die Menschen auf den Feldern ahnungslos - aber nur, bis die Glocke ertönte. Lautlos wich er in den Schatten zwischen den Hütten zurück. Die Pferde unter der Weißeiche hatten die Köpfe gedreht. Sie wieherten. Bevor Benito es verhindern konnte, antwortete sein Brauner.

»Diablo!«, stieß der Vaquero erschrocken hervor.

Ein spöttisches Lachen klang hinter ihm auf.

»Mach dir nichts draus, Muchacho! Ich beobachte dich sowieso schon die ganze Zeit.«

Benito Gomez schnellte herum. Seine Pistole flog aus dem Gurt. Doch der Mann vor ihm hielt schon den klobigen Colt in der Faust, einen Paterson, das erste Modell dieser Waffe, das es bisher gab. Ein Feuerstrahl fuhr aus dem Lauf.

Er war das letzte, was Benito im Leben sah.

Im hartlinigen Gesicht des Fremden bewegte sich kein Muskel. Er stieg über den Zusammengesunkenen und betrat die Plaza. Er war groß und breitschultrig. Unter dem dunkelgrünen, fast knielangen Prinz Albert-Rock trug er ein weißes Rüschenhemd. Die dunklen Röhrenhosen steckten in hochschäftigen Stiefeln. Kalte Augen funkelten unter der flachen Hutkrempe.

Drüben tauchte ein weiterer Mann im Eingang der Bodega auf, hohlwangig, hager, mit einem von grauen Strähnen durchzogenen Bart. Er reichte ihm bis auf die Brust. Alles an dem Mann sonst war schwarz: Anzug, Weste, Stiefel, Hut. Er wirkte wie eine Mischung aus Prediger und Totengräber. Doch das hässliche Lachen und die Tequilaflasche, die er gerade absetzte, passten nicht dazu.

»Kein schlechter Tropfen, Ben! Von mir aus hätte sich der Mex ruhig Zeit lassen können.«

In dem Leinensack, den er geschultert hatte, klirrten weitere Flaschen. Im Dorf blieb alles still. Die Angst hatte sich in den Hütten eingenistet. Obwohl der Schuss weit über die Felder gehört worden war, ließen die beiden Gringos sich Zeit. Der Mann mit dem graugestreiften Bart band pfeifend den Mantelsack am Sattel fest. Als sie im Sattel saßen, humpelte ein weißhaariger Mexikaner aus einer Hütte.

»Saltillo wird euch finden, wohin ihr auch flieht, Gringos!«, rief er mit zittriger Stimme. »Ihr werdet ihm nicht entkommen, verfluchte Mörder!«

Der Bärtige lachte. Sein kaltäugiger Begleiter zog das Pferd herum und ritt langsam auf den Oldtimer zu. Er hielt noch immer den Colt.

»Wer ist Saltillo, Amigo?«, fragte er leise, als sein Schatten auf den vom Alter gebeugten Dörfler fiel.

»Ihr befindet euch auf seinem Land!«, krächzte der Alte. »Er wird euch zur Rechenschaft ziehen ...« Die Coltmündung war plötzlich dicht vor seinem faltigen Gesicht.

Der Mann auf dem großen, schwarzen Pferd lächelte. Seine Augen glitzerten dabei wie Eissplitter.

»Vergiss ihn! Der neue Boss in diesem Land heißt Ben Mortimer und das bin ich!« Mit hartem Auflachen lenkte er seinen Rappen herum.

 

*

 

Zögernd trat Antonio durch das offene Tor. Er war zum ersten Mal hier. Trujillo hatte ihn niemals mitgenommen, wenn er mit seiner Carreta, dem Mauleselkarren, dann und wann ein Fass Wein zur Hazienda brachte. Die hohen Mauern, die Säulengänge, die vielen Nebengebäude und Korrals, das alles schien ihm fremd und respekteinflößend. Sonnenlicht glänzte auf den Dächern.

Saltillo und der Mayordomo waren im Haus verschwunden. Ein Peon hatte Saltillos Pferd in den Stall gebracht.

Scheu blickte der Junge sich um. Dann wurde ihm plötzlich bewusst, wie durstig er war. Langsam ging er zum Ziehbrunnen, lehnte die Gitarre gegen die gemauerte Umrandung und ergriff die Holzkelle, die am wassergefüllten Eimer hing.

Sie fiel ihm fast aus der Hand, als er den Karren mit den beiden fast mannshohen Scheibenrädern sah. Er stand im Schatten des Küchenanbaus. Ein magerer Maulesel döste davor.

Trujillos Fuhrwerk.

Antonios erster Impuls war, die Gitarre zu packen und fortzulaufen. Dann fiel ihm ein, dass er von jetzt an hier zu Hause war. Das gab ihm Selbstvertrauen. Auch dann noch, als eine Stimme hinter ihm erklang, dieselbe, die er fürchtete und hasste, solange er sich erinnern konnte.

»Die Bruja muss deinen Verstand verhext haben, dass du ausgerechnet hierher fliehst.«

Antonios Hand zitterte zwar, doch er verschüttete keinen Tropfen, als er trank. Schritte malmten hinter ihm. Er zwang sich, die Kelle ruhig in den Eimer zurückzuhängen. Dann erst drehte er sich um.

Esteban Trujillo stand breitbeinig auf dem heißen Platz. Ein vierschrötiger, kaum mittelgroßer Mann, dessen Wangen ständig vom Schatten eines starken Bartwuchses verdunkelt waren. Es gab Leute, die sein rundes Gesicht für gutmütig hielten. Doch Antonio hatte früh gelernt, den verkniffenen Zug in den Mundwinkeln und den stechenden Blick der kleinen, halb hinter Fettwülsten verborgenen Augen richtig zu deuten. Wenn Trujillo so grinste wie jetzt, dann hatte das nichts Gutes zu bedeuten. In der Rechten hielt der Bodegabesitzer einen knotigen Weidenstock. Er zielte mit ihm wie mit einem Degen auf Antonio.

»Antworte!«, schnappte er.

Eine seltsame Ruhe überkam den Jungen.

»Du hast mich nichts gefragt, Trujillo. Lass mich in Ruhe!«

Trujillos Kinnlade klappte herab, als hätte er eine Ohrfeige eingefangen. Gleich darauf lief sein stoppelbärtiges Gesicht dunkelrot an. Auf kurzen, stämmigen Beinen bewegte er sich vorwärts.

»Du bist ja wirklich übergeschnappt! Na warte, dir zeig ich schon, wo du hingehörst, unverschämter Bengel!«

Drohend durchschnitt der Stock die Luft. Antonio erinnerte sich genau, dass der Bedegabesitzer mit demselben Stock einmal einem Hund, der ihm zwischen die Füße gelaufen war, den Schädel zertrümmert hatte.

Antonios Kehle war plötzlich wie zugeschnürt, aber er rührte sich nicht. Nein, zum Teufel, er war nicht mehr Trujillos Fußabtreter, sondern Vaquero auf der Hazienda del Saltillo: ein freier Mann, gegen den niemand ungestraft die Hand heben durfte.

Da sprang Trujillo schon mit einem wütenden Schrei auf ihn zu, den Knüppel zum Schlag erhoben.

Antonio duckte sich, presste das Kinn auf die Brust und warf sich dem klotzigen Mexikaner entgegen. Er prallte wie eine Ramme gegen ihn.

Trujillo glaubte zu träumen, als er plötzlich im Staub auf dem Hosenboden saß. Seine Augen waren starr und kugelrund.

»Versuch’s nicht noch mal!«, hörte er die Stimme des Jungen.

Sie trieb ihn hoch. Blind vor Wut schlug er um sich - immer dahin, wo Antonio vor einem Sekundenbruchteil noch gestanden hatte.

Keuchend hielt Trujillo inne. Plötzlich war er mit einem Satz beim Brunnen, packte die Gitarre und holte aus, um das Instrument auf der Lehmmauer zu zerschmettern.

»Nein!«, schrie Antonio entsetzt.

Das Grinsen erschien wieder auf Trujillos Gesicht. Seine Augen glitzerten tückisch. Er hatte ebenso wie der Junge vergessen, wo sie sich befanden.

»Komm her und hol sie dir, du nichtsnutziger, undankbarer Bastard!«

Wild lachend schwang er den Knüttel. Hilflos ballte Antonio die Fäuste. Sein Blick brannte sich an der Gitarre fest.

Trujillo wusste genau, wieviel ihm das Instrument bedeutete. Antonio und seine Gitarre hatten in den letzten Jahren bei keiner Fiesta im Dorf gefehlt. Alle waren von seinem Talent hingerissen.

»Na los!«, höhnte Trujillo. »Komm schon, die Trümmer aufsammeln!«

Die Drohung trieb Antonio den Schweiß auf die Stirn. Zögernd trat er einen Schritt vor.

Da ließ Saltillos Befehl den Bodegabesitzer zusammenzucken.

»Gib ihm die Guitarra zurück, Trujillo!«

Der Stoppelbärtige duckte sich, als sich die sehnige Gestalt des Hazienderos lautlos aus dem Schatten der Säulen löste. Plötzlich wirkte er so unterwürfig, dass Antonio angeekelt den Mund verzog.

»Gewiss, Patron! Ich wollte ihm nur eine Lehre erteilen, damit er nicht jedes Mal einfach die Arbeit im Stich lässt, wenn’s ihm gerade in den Sinn kommt. Du weißt ja, Patron, wieviel ich in all den Jahren für diesen Taugenichts getan habe.«

»Ja, das weiß ich nun«, erwiderte Saltillo in einem Ton, der Trujillo trotz der Hitze frösteln ließ. »Deshalb hab ich ihn hergebracht. Er wird als Vaquero arbeiten. Worauf wartest du? Die Guitarra gehört ihm.«

Trujillo schluckte. Er musste erst verarbeiten, was er da gehört hatte, ehe er sich überwand, Antonio das Instrument zurückzugeben. Er blickte ihn dabei nicht an. Er wollte vermeiden, dass der Junge den Hass sah, der in seinen Augen brannte. Als er sich wieder zu Saltillo umdrehte, lächelte er falsch.

»Ich wollte nur ...«

»Ich weiß, was du wolltest!«, unterbrach ihn Saltillo barsch. Das genügte, dass Trujillo zu seinem Mauleselkarren sauste, als hätte er sich zuvor nicht in den Staub, sondern auf einen Ameisenhaufen gesetzt.

»Schick einen Reiter nach Nuevo, Ramon«, wandte sich Saltillo an Ruidosa, der hinter ihm aus der Casa getreten war. »Er soll nachsehen, wo Benito geblieben ist. Du, Antonio, kannst erst einmal Pedro bei den Pferden helfen. Er soll den Grauen satteln. Ich breche in zehn Minuten auf.«

»Wenn du zur Barranca Grande reitest, begleite ich dich«, erklärte Ruidosa ernst.

Saltillo schüttelte den Kopf. »Ich brauch dich hier, Ramon.«

 

*

 

Die Wangen der jungen Frau glühten. Der Rhythmus der trommelnden Hufe füllte ihre Ohren. Wer sie so mit flatterndem blauschwarzem Haar auf dem Pferd dahinjagen sah, hätte es nicht für möglich gehalten, dass sie vor wenigen Monaten noch eine berühmt-berüchtigte Spielhölle im fernen New Orleans geleitet hatte.

Sie ritt wie eine Comanchensquaw. Geschmeidig passte sich ihr Körper jeder Bewegung des galoppierenden Pferdes an. Die violett schimmernden Augen in dem rassigen Gesicht funkelten vor Lebensfreude. Das Jagdfieber hatte die reizvolle Kreolin gepackt. Noch fünfzig Yard, dann hatte sie es geschafft. Dann konnte sie dem langhörnigen Bullen, den sie und ihr Begleiter geschickt von der Herde abgesondert hatten, den Weg zum Gebüsch am Rand der Hügel abschneiden.

Es war der gewaltigste Brocken von Stier, den sie je gesehen hatte - ein echter Ladino. Der mächtige Körper, der nur aus Knochen, Muskelwülsten und zottigem Fell zu bestehen schien, stampfte mit geradezu unglaublicher Geschwindigkeit über die Weide. Seine Hufe fetzten ganze Ballen von Erdklumpen und Grasbüscheln empor. Die Schreie der Reiter und das Krachen der Schüsse hatten ihn in Panik versetzt.

Noch dreißig Yard, zwanzig . . .

»Hey, Toro!« Die Frau lachte. Mit blitzenden Augen stellte sie sich in den Bügeln auf und löste die zusammengerollte Peitsche vom Sattel. Es war ein Männersattel, doch sie trug einen Rock, der sich an den Flanken ihres dahinstiebenden Braunen bauschte und so die wohlgeformten Beine preisgab. Nicht wenige Ladies wären bei diesem »empörenden« Anblick glatt in Ohnmacht gefallen. Doch nicht da, wo Layla Sheen herkam. Außerdem war sie keine Frau, die sich groß darum scherte, was andere von ihr dachten.

Noch fünfzehn Yard, zehn ...

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905830
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (November)
Schlagworte
saltillo tiger bravo

Autor

Zurück

Titel: Saltillo #1: Der Tiger vom Rio Bravo