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Sein Name war Jones

2016 120 Seiten

Zusammenfassung

Jeder kennt ihn unter dem Namen ‚Jones‘: Ein Glücksspieler und Freund der Rothäute, der dem Sheriff von Laramie ein Dorn im Auge ist. Dass er für die Alder Gulch Company arbeitet, weiß nur der Beauftragte der Firma – Mr. Sears. Keiner in Laramie ahnt, dass Jones den vor Jahren verschwundenen Geldtransport der Gulch Company finden soll, bei dem das Unternehmen ein Vermögen verlor.
Gelingt es dem gewitzten und mit allen Wassern gewaschenen Jones, den verschollenen Geldtransporter ausfindig zu machen und das Vermögen der Alder Gulch Company zurückzugeben? Welche Rolle spielt der zwielichtige Frauenheld Jamie Walker, der sich an Jones' Angebetete heranmacht? Kann er Carrolls Herz zurückerobern?

Leseprobe

SEIN NAME WAR JONES

HORST WEYMAR HÜBNER

 

 

 

 

Roman

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von F. Remmington mit steve Mayer, 2016

Korrektorat – Karin Welters

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 Klappe

Jeder kennt ihn unter dem Namen ‚Jones‘: Ein Glücksspieler und Freund der Rothäute, der dem Sheriff von Laramie ein Dorn im Auge ist. Dass er für die Alder Gulch Company arbeitet, weiß nur der Beauftragte der Firma – Mr. Sears. Keiner in Laramie ahnt, dass Jones den vor Jahren verschwundenen Geldtransport der Gulch Company finden soll, bei dem das Unternehmen ein Vermögen verlor.

Gelingt es dem gewitzten und mit allen Wassern gewaschenen Jones, den verschollenen Geldtransporter ausfindig zu machen und das Vermögen der Alder Gulch Company zurückzugeben? Welche Rolle spielt der zwielichtige Frauenheld Jamie Walker, der sich an Jones' Angebetete heranmacht? Kann er Carrolls Herz zurückerobern?

 

 

 

1

Mr. Sears ist der Beauftragte der Alder Gulch Company. Er blickt unwillig auf, als der Sheriff der Stadt an seinen Tisch tritt und knurrend dem Kartenspiel zuschaut.

„Ist was?“, fragt Sears nach einer Weile und mischt die Karten neu. Er teilt aus — fünf für Jones und fünf für sich. Sie spielen ein Idiotenpoker. Zu zweit. Andere Mitspieler wollen sie nicht haben.

„Ich wundere mich“, sagt der Sheriff unfreundlich, „warum Sie jedes Jahr im Mai hier auftauchen und mit diesem Halunken spielen und sich das Fell über die Ohren ziehen lassen.“

Sears legt langsam die Karten aus der Hand und blickt Jones an, den Mann mit der Klapperschlangenhaut am Hut. Jones müsste jetzt explodieren oder bis in die Wolken springen.

Aber Jones lächelt nur, blickt in sein Blatt und sagt langsam: „Er mag mich nicht. Er will mich reizen, dass ich etwas gegen ihn unternehme. — Halten Sie mit, Sears?“ Er schiebt fünf Dollar zum Geldhaufen in der Tischmitte.

Sears zuckt mit dem Mund, dann nimmt er sein Blatt auf und schiebt ebenfalls fünf Dollar zur Mitte. Danach legt er zwei Karten ab und nimmt sich neue.

Der Sheriff zwirbelt an seinem Schnurrbart und bekommt einen dicken Hals. „Sears, das war eine Frage!“, knurrt er scharf.

Aufreizend langsam legt Sears sein Blatt wieder weg und wendet sich auf dem Stuhl etwas zur Seite. Er blickt den Sheriff von Kopf bis Fuß an und dreht sich wieder Jones zu. „Eine Frage?“, sagt er. „Die muss ich überhört haben.“ Er schüttelt bekümmert den Kopf. „Haben Sie etwas gehört, Jones?“

„Er muss sich irren“, erklärt Jones. Er hat eine volle Stimme, aber er spricht sehr sanft und irgendwie nachsichtig. Und um seine Augen werden hundert winzige Lachfalten sichtbar. „Spielen wir oder unterhalten wir uns?“

„Warum Sie jedes Jahr im Mai her kommen!“, faucht der Sheriff. „Jones, halt jetzt bloß dein Maul!“

Sears streicht mit der rechten Hand über seine prächtige Seidenweste und hakt den Daumen hinter die goldene Uhrkette. „Ich bin der Beauftragte der Alder Gulch Company, Sheriff. Ich mache jedes Jahr meine Tour und inspiziere unsere Niederlassungen. Immer nach dem Winter. Anfang Mai ist Laramie an der Reihe. Stört Sie das?“

Der Sheriff beantwortet das nicht. Er reckt den Kopf ein wenig vor und sagt: „Ich beobachte Sie seit drei Jahren. Ich habe meine Leute, die mir über alles berichten. Wenn Sie auftauchen, erscheint auch Jones. Dann spielen Sie Karten. Und wenn Sie aufhören, hat er ungefähr fünfhundert Dollar gewonnen. Seit drei Jahren. Was bedeutet das?“

Obgleich Jones das Maul halten soll, sagt er: „Es sind genau fünfhundert Dollar, Mister. Ich gewinne sie auch jetzt wieder. Gefällt es Ihnen nicht, wenn jemand Glück hat? Ich hörte mal, dass Sie beim Poker eine sehr schlechte Hand haben.“

Der Sheriff macht eine ausholende Handbewegung. Aber mehr auch nicht.

In Jones’ Augen sind plötzlich gelbe Lichter, und sein Kinn wirkt eckig und die Kopfhaltung angespannt.

„Wollen Sie mich schlagen?“, fragt Jones langsam.

Der Sheriff läßt den Arm sinken. Er starrt Jones düster an. Es werden zu viele Geschichten über diesen Mann erzählt, und er ist nicht sehr scharf darauf, herauszufinden, ob sie alle stimmen. Wenn nur die Hälfte wahr ist, dann würde er es nicht überleben, Jones eine Ohrfeige gegeben zu haben.

„Ich werde dich irgendwann bei einer krummen Geschichte erwischen, und dann jage ich dich aus der Stadt oder ich schieße ein Loch in dich hinein!“, sagt der Sheriff drohend.

„Nicht schlagen?“, fragt Jones. „Wie Schwarzfuß-Charlie? Oder einige andere? Oder stört es Sie, dass hier Leute sind? Machen Sie es nur in Ihrem Gefängnisbau, wo es keine Zeugen gibt?“ Sears legt überrascht die Karten weg. Der Sheriff zieht die Oberlippe von den Zähnen. „Du verfluchter Hund!“, stößt er hervor. „Eines Tages bekomme ich dich!“

„Das haben viele gehofft“, sagt Jones lächelnd, legt seine Karten verdeckt ab und beginnt, sich eine Zigarette zu drehen.

Sheriff Harris ist ein jähzorniger und aufbrausender Mann. Und dieses Laramie ist ein richtiges Höllennest, das nur mit harter Hand zu beherrschen ist. Harris ist in der Wahl seiner Mittel weder kleinlich noch zimperlich. Er hat sich Männer zu Deputies genommen, die von seiner Art sind.

„Eines Tages!“, sagt er drohend zu Jones und richtet den Blick wieder auf Sears. „Ihrer Gesellschaft verdanke ich eine Menge Ärger! Es wird Zeit, dass die verschwundene Winterkasse gefunden wird. Gibt es Anhaltspunkte?“

„Wenn wir sie haben, werden wir es Sie wissen lassen“, sagt Sears mit sanftem Spott. „Vorläufig sind wir nur auf Vermutungen angewiesen. Es ist damals niemand davongekommen.“

Harris knurrt bösartig. „Ihre Gesellschaft soll sich etwas einfallen lassen! Jede Woche kommen ein paar Hundesöhne her, die sich einbilden, etwas zu wissen. Sie finden nichts, aber sie bleiben und vermehren das Gesindel dieser Stadt.“

„Wir haben niemand gebeten, uns bei der Suche behilflich zu sein“, erklärt Sears.

Harris zieht den Schnauzbart hoch. „Ich halte mich an Tatsachen. Und Tatsache ist, dass durch die Schlamperei Ihrer Gesellschaft der Abschaum mehrerer Staaten wie ein Wespenschwarm hier eingefallen ist. Der gehört auch dazu!“ Sein horniger Zeigefinger stößt vor und zeigt auf Jones. „Und mit dem setzen Sie sich an einen Tisch.“

„Er spielt gut“, sagt Sears trocken.

„Und gewinnt, verdammt!“, flucht Harris. „Ich glaube, ich werde an Ihre Verwaltung schreiben. Fünfhundert Dollar! Die verspielt kein Mensch bei klarem Verstand. Vielleicht hat das Geld eine bestimmte Quelle.“ Er spricht jetzt lauernd und fast gehässig.

Aber wenn er denkt, er kann Sears beeindrucken, so sieht er sich getäuscht. Der Beauftragte blickt auf Jones, der wieder Geld zur Tischmitte schiebt. Sears zieht gleich und sagt über die Schulter zu Harris: „Ich bearbeite am Sitz der Gesellschaft auch die Anregungen, Reklamationen und sonstigen Hinweise. Ihr Brief würde bei mir landen.“

Harris läuft krebsrot an. „Verflucht!“, keucht er. Er nagt an seinem Schnurrbart und erklärt schließlich grollend: „Vielleicht lassen Sie Jones für Ihre Gesellschaft arbeiten, wie? Ich habe schon von solchen Sachen gehört. Konnten Sie keinen Besseren finden?“

„Wieso soll er für uns arbeiten?“, fragt Sears, ohne den Kopf zu heben. Er legt gerade sein Blatt auf.

Jones legt auch seine Karten hin. Er gewinnt, und streicht den Geldhaufen ein.

Harris starrt düster auf die knisternden Scheine, die Jones sorgfältig glättet, einmal faltet und dann in die Tasche seiner fleckigen Hose schiebt.

„Ich komme schon noch dahinter!“, droht Harris. „Fünfhundert Dollar für einen Halsabschneider! Die Pest, das ist zuviel!“

„Wollen Sie fünf Dollar Anteil haben?“, fragt Jones grinsend. „Man sagt, Sie seien empfänglich für kleine Geschenke.“

Peinliche Stille tritt ein, in die nur das Keuchen von Harris dringt.

„Nun gut, es wird ein Aufwaschen!“, verspricht der Sheriff unheilvoll. „Ich werde dich dann an viele Dinge erinnern!“ Er will sich abwenden, als vorn die Tür auffliegt und einer seiner Deputies in den Great Plains Saloon stürmt.

Die Leute blicken hoch, der Mann schaut sich um, entdeckt den Sheriff und kommt mit gewaltigen Schritten näher. Sein Gesicht ist gerötet und verschwitzt und sein Hemd zerrissen.

„Sie ist wieder da, die verdammte Rothaut!“, meldet er dem Sheriff. „Wir haben den Kerl abgepasst und eingesperrt! Der hat um sich geschlagen wie ein wilder Gaul.“

„Wo war er?“, fragt Harris scharf.

„Vor dem Store. Sicher wollte er Pulver kaufen und Schnaps und...“

„Allein?“, unterbricht ihn Harris.

„Wie immer. Bloß seinen Gaul haben wir noch nicht gefunden.“ Der Deputy nimmt den verdreckten und zerdrückten Hut ab, fährt sich mit dem Unterarm über die feuchte Stirn, verpasst seinem Hut Form und setzt ihn auf. Sein Blick fällt auf Sears und Jones.

„Ah!“, sagt er gehässig. „Kassierst du wieder fünfhundert Dollar im Spiel?“

Jones grinst wie alle Teufel dieser Erde. „Harris hat sich auch schon dafür interessiert. Ihr seid mächtig neugierig. — Sollen wir’s ihnen sagen, Sears?“

Sheriff Harris fährt wie von einem Wolf gebissen herum. Der Deputy sperrt den Mund etwas auf und bekommt einen lauernden Augenausdruck. Sears schiebt überrascht die Karten zusammen. Sein Gesicht drückt Ablehnung aus.

Jones hebt langsam den Kopf und grinst Harris und den Deputy an. „Ich habe mit der Alder Gulch Company ein Abkommen“, sagt er langsam und genüsslich, und die Lachfalten um seine Augen werden immer tiefer. „Ich bekomme im Jahr fünfhundert Dollar dafür, dass ich keine ihrer Kutschen überfalle. Und es macht mir Spaß, um die Prämie zu spielen.“

Sears beugt sich schnell nach vorn, damit niemand sein Lachen bemerkt.

Der Deputy nickt grimmig. „Wie Black Bart“, knurrt er. „Der hatte auch so ein Abkommen. Mit der Wells Fargo, glaube ich.“

„Mit der Butterfield Overland“, berichtigt ihn Jones.

Harris nagt an einem Ende seines Schnurrbartes. Er starrt Jones an, blickt dann auf den vorgebeugt sitzenden Sears und merkt langsam, was los ist.

„Du ausgekochter Lügenbold!“, tobt er. „Auch darüber reden wir noch!“ Er blickt seinen Deputy an, der heisere Flüche ausstößt, und rammt ihm die Faust in die Seite. „Und fall du nicht auf jeden billigen Dreck herein, den man dir erzählt!“

Sie verlassen mit schnellen Schritten den Saloon.

Die vielen Gäste werfen neugierige Blicke zum Tisch von Sears und Jones.

„Müssen Sie ihn auf diese Art ärgern?“, fragt Sears bekümmert.

„Wir ärgern uns gegenseitig schon lange — seit Kane erschossen wurde und er den Sheriffposten bekam“, sagt Jones und trinkt sparsam aus seinem Glas.

„Er wird Ihnen Schwierigkeiten machen.“

„Nicht mehr als bisher. Er kommt nur nicht so richtig zum Zug. Er will mich aus der Gegend forthaben. Vielleicht passt ihm meine Nase nicht oder sonst etwas.“

„Könnte es sein“, sagt Sears und legt die Hände zusammen, „dass es ihn stört, dass Sie sich an der Grenze der Fisher Ranch angekauft haben?“

„Ich habe schon Überlegungen in dieser Richtung angestellt“, erklärt Jones. „Er hat kein Interesse bekundet, das über seine berufliche Neugierde hinausgeht. Auch seine Leute nicht. Niemand. Es wundert mich, dass niemand auf die Fisher Ranch tippt.“

Sears dämpft die Stimme. „Es ist auch nur eine Vermutung. Die Wagen müssen damals über das Ranchland gefahren sein. Die Straße war bereits dicht hinter Laramie blockiert. Nicht einmal die Armee hat ihre Wintertransporte für das Powder River Gebiet durchgebracht. Und hier in der Stadt hat man den Wagenzug nicht gesichtet. Auch nicht östlich von hier, wo das Land dichter besiedelt ist. Sie können es drehen und wenden, wie Sie wollen, Jones — die Wagen sind über das Land der Fisher Ranch gefahren. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.“

„Man hat aber nichts gefunden. Es gibt keine Beweise.“

„Einen schon“, meint Sears, und Jones beugt sich ruckartig vor.

„Wo?“, fragt er.

„Nördlich der Ranch“, sagt Sears gedämpft. „Vor sechs Wochen. Es ist ein Wagen aus unserem verschwundenen Transport. Er war nicht mehr sehr gut erhalten. Er lag in einem unbenützten Seitental. Wolfjäger, die aus der Laramie Range herunterkamen und das Tal benützten, entdeckten ihn. Das Schmelzwasser hatte ihn frei gewaschen. Er muss im Bach verschüttet gewesen sein.“

„Waren Sie dort?“ fragt Jones trocken.

„Ja. Wir haben den Bachlauf abgesucht und die Uferhänge abstechen lassen. Nichts. Die Winterkasse ist nicht zu finden gewesen.“

Jones sagt zunächst nichts. Er stützt das Kinn in die Hand und betrachtet eine Fliege, die sich einem Whiskytropfen auf der Tischplatte nähert und sich Mut antrinkt. Als er den Kopf hochnimmt, surrt die Fliege davon.

„Das ist ein Wagen“, meint er. „Es waren außer diesem noch fünf. Und wenn sie den Roten in die Hände gefallen sind?“

„So viel Geld? Ich bitte Sie, Jones. Das wäre aufgefallen. Bei irgendeiner Station wären Indianer aufgetaucht und hätten eingekauft. Sie kennen längst den Wert des bedruckten Papieres.“

„Also nicht bei den Kriegern", sinniert Jones. „Vielleicht verbrannt?“

„Niemand hat Rauch gesehen. Nicht in der fraglichen Zeit, und das sind ziemlich genau neun Tage.“

„Ich sehe schon, ich muss für die fünfhundert Dollar wirklich arbeiten“, sagt Jones seufzend und trinkt sein Glas aus. Er steht auf, rückt seinen Hut zurecht und lüftet den Revolver in seiner Halfter an.

Sears runzelt die Stirn. „Haben Sie noch einen Gang vor?“

„Einen kleinen Besuch im Jail“, antwortet Jones schlicht.

Sears greift sich an den Kopf. „Sind Sie des Teufels, Mann? Dieser Sheriff braucht dann nur noch eine Zelle aufzumachen, und wir sind Sie los. Jones, lassen Sie es bleiben. Wir finanzieren keine Selbstmörder!“

„Bezahlt ist bezahlt!“, sagt Jones hartnäckig. „Außerdem habe ich nicht die Absicht, mich von Harris erwischen zu lassen. Ich muss nur eben einem guten Freund zur Freiheit verhelfen.“

Das ist zuviel für Sears, den Mann aus dem Osten, der nur zu seinen regelmäßigen Inspektionsreisen in dieses Land kommt und sich erst wohl zu fühlen beginnt, wenn er auf der Rückfahrt ist.

Dieses Land und seine Menschen waren ihm stets nicht sehr geheuer.

„Gefangenenbefreiung?“, sagt er schwach und mit dumpfer und angegriffener Stimme. „Jones, ich distanziere mich! Ich weiß nichts, habe nichts gehört und nichts gesehen.“

„Was denn?“, sagt Jones. „Ich betrüge Harris doch nur um zehn Dollar. Soviel bekommt er für eine Hinrichtung. Er ist nebenbei noch der Henker dieser netten Stadt.“

„Einen zum Galgen Verurteilten wollen Sie befreien? Jones, Sie sind verrückt!“

Jones lacht glucksend. „Verurteilt? Mann, Sie haben Vorstellungen. Der wird nie verurteilt. Der wird einfach aufgehängt, wenn Sie mich noch lange aufhalten. Als vorhin der Deputy kam und von der Rothaut erzählte — da sprach er von Little Bear. Das ist ein Cheyenne, ein ganz kluger Bursche, der hier schon einen Prozess um einen wildreichen Landstreifen gewonnen hat. Seitdem mögen ihn die Leute nicht mehr. Harris hat ihm Stadtverbot erteilt. Der Junge ist dennoch gekommen, und jetzt brummt er. Ja — und außerdem bin ich mit ihm befreundet.“

„Aufhängen — einfach so?“ Sears ist tief erschüttert.

„Warum nicht?“, fragt Jones giftig und plötzlich wütend. „Er ist doch bloß eine lausige Rothaut, was? Vor vierzehn Tagen hat diese Stadt Tapmai aufgehängt. Der war bei den Shoshones ein geachteter Mann. Es hat Harris nicht gestört, dass der Mann schon siebzig oder noch älter war. Er hatte nur ein Gewehr bei sich, was verboten ist. Der Richter war auch dabei. Er hat aus der Bibel was vorgelesen. Es war sehr feierlich, aber Tapmai war das verdammt egal, als er am Strick hing.“

Die Fliege kehrt zurück und setzt sich neben den Whiskytropfen, der in das Tischholz einzusickern beginnt. Jones greift vorsichtig nach seinem leeren Glas, dreht es um und stülpt es blitzschnell über die Fliege und den Tropfen.

Das Tier surrt in seinem gläsernen Gefängnis herum und stößt gegen die Wände.

Jones blickt aufmunternd Sears an.

Der deutet den Blick richtig und hebt das Glas hoch. Die Fliege entwischt in den Saloon.

Jones blickt ihr nach. „Was ist die jetzt froh“, sagt er. „Little Bear hat keine gläsernen Wände um sich herum. Aber ich brauche auch nur eine Hand dafür.“ Er lächelt und verlässt mit einem knappen Gruß den Tisch.

*

2

Vor jedem vierten Haus brennt ein Feuer, das die Fliegen anlockt und ihnen die Flügel abbrennt, bevor sie in die Etablissements gelangen.

Es ist ein sehr warmes Frühjahr. Der Winter hielt lange vor. Draußen im Land steht in lehmigen Senken noch das Winterwasser und bildet eine Brutstätte für allerlei Ungeziefer.

Jones lehnt sich auf dem Vorbau des Great Plains Saloons an einen Balken und betrachtet das Treiben in der nächtlichen Hauptstraße, während er sich in den Nacken klatscht und zwei Stechmücken erschlägt, die ihn anzapfen.

Die Biester übertragen eine Krankheit. Es hat schon einige Schwerkranke in der Stadt gegeben. Die Leute bekamen hohes Fieber und redeten noch wirrer als Schwarzfuß-Charlie.

„Mistzeug!“, murmelt Jones und bindet sich das Halstuch neu, damit die Stechmücken nicht länger den ungeschützten Nacken erreichen können.

Er rümpft die Nase. Neben dem Saloon unterhält ein Stiefelmacher vor seiner Ladentür ein Schweifeuer. Eben kommt der Mann mit einem Eimer heraus. Er schichtet trockene Kuhfladen auf sein Feuer. Es qualmt und stinkt abscheulich. Aber es scheint zu nützen.

Solange Jones in der Qualmwolke steht, die der ewig wehende Wind zum Vorbau herüberdrückt, fängt er keinen neuen Stich ein.

Jones lächelt etwas und denkt, dass er eben wieder etwas gelernt hat. Kühe gibt es genug in diesem Land. Man muss sich in diesen Tagen nur mal die Mühe machen, sich zu bücken.

Er blickt schräg hinüber zum Office des Sheriffs. Er kannte Kane noch. Das war ein Mann! Schnauzbärtig, mit einem Nussknackergesicht und ohne seine Doppelflinte undenkbar. Aber er hielt den Daumen auf die Stadt. Bis ihn eines Nachts jemand aus einer finsteren Gasse heraus abgeschossen hat.

Danach passierte die Geschichte mit der Winterkasse der Alder Gulch Company. Sechs Wagen befanden sich auf dem Marsch nach Norden. Ein Wagen hatte die Löhne und Gehälter für die Angestellten und Mitarbeiter der Gesellschaft geladen. Löhne für den ganzen Winter! Futtergeld für sechzehn Wechselstationen! Geld für den Eintausch und Ankauf von Gold in Gallatin Valley. Ein Vermögen in ein paar eisernen Kisten! Aber zeitig im Herbst machten die Indianer einen Aufstand. Sie schnitten alle Verbindungen hinauf in den Norden ab. In diesen wilden und wirren Tagen verschwand der Transport mit den Pferden, den Männern und den Wagen. Ein Heer von Abenteurern suchte nach dem Schatz. Aber bis auf diesen einen Wagen, von dem Sears berichtete, fand sich nichts.

Und kaum war das Verschwinden des Transports bekanntgeworden und der Winter hereingebrochen, als Harris in die Stadt kam. Er machte sich mehr wichtig als nützlich, hielt Reden und brachte ein paar Leute bei, die erzählten, er hätte schon mal eine Stadt gebändigt. Die Bürger wählten Harris zum neuen Sheriff.

Und das ist er seit mehr als drei Jahren, unzufrieden mit seinem Salär von sechzig Dollar, die ihm die Stadt im Monat bezahlt, und darum ständig auf der Suche nach weiteren Erwerbsquellen. Er ist der Henker. Er zieht die Steuern ein. Er betreibt einen Pferdehandel. Und er bezieht von einigen Spielhallen, Tanzsaloons und Kristallpalästen ein Handgeld dafür, dass er die Einhaltung der Nachtruhe großzügig auslegt.

Harris ist nicht das, was man bestechlich nennt. In anderen Städten ist dies genauso üblich, und Jones lernte eine Menge Städte kennen, bevor er vor fünf Jahren nach Laramie kam.

Er brachte nur etwas Geld mit, aber keine feste Vorstellung, was er hier anfangen könnte. Als er merkte, wie sehr Laramie ein Umschlagplatz für Waren aller Art war, betätigte er sich auch, sehr zum Ärger der eingesessenen Geschäftsleute.

Er überschwemmte Laramie zweimal mit besserem und billigerem Whisky, als ihn die Saloons anboten.

Er kaufte den Shoshones viermal eine Pferdeherde ab und gab sie mit gutem Gewinn an die Armee weiter.

Er machte auch ein paar heiße Geschäfte und brachte gegen Beteiligung fremde Wagen auf verschwiegenen Pfaden durch die Laramie Range.

Und er kaufte in der Umgebung Rinder auf und kam den Abgesandten der großen Handelsgesellschaften zuvor. Sie mussten von ihm kaufen. Zu seinem Preis.

Darum halten ihn die ansässigen Geschäftsleute für einen Halsabschneider. Sie fürchten ihn wie die Pest, weil sie nicht wissen, welches Geschäft Jones als nächstes machen wird.

Und er hat solche Leute bisher immer geärgert. Er hat ihnen böse Streiche gespielt, wenn sie ihn krummer Geschäfte bezichtigten.

Wie Sawyer zum Beispiel, dessen Spielhalle genau neben dem Office des Sheriffs liegt. Jones ließ Sawyers Bankhalter in einer Woche dreimal verlieren und gewann eine Menge Geld. Sawyer wurde gerufen, als der Bankhalter pleite war. Sawyer sagte, Jones sei ein Falschspieler. Fünf Minuten später war die Spielhalle ein Trümmerfeld. Sawyer brauchte einen neuen Bankhalter, einen Saalwächter und einen Keeper. Vor allem aber musste er für teures Geld neue Spieltische und Lampen von weit herschaffen lassen.

Seitdem knirscht Sawyer mit den Zähnen, wenn er Jones nur auf der Straße sieht.

Ein paarmal hat man auch auf Jones schon geschossen. Aber seit er gezeigt hat, dass er mit dem Revolver mindestens genauso tüchtig ist wie in seinen blitzartigen Geschäften, da fand sich keiner mehr, der auf ihn gefeuert hätte.

Den Leuten wäre es lieb, wenn Jones baldmöglichst aus der Stadt verschwände. Und sicher zählt Harris zu den Leuten, die diesen Zeitpunkt so früh wie möglich herbeisehnen.

Sie mochten sich vom ersten Tag an nicht — Jones und Harris. Jones ist die ruppige Art von Harris zuwider. Und Harris stört sich daran, dass Jones einen größeren Ruf als Revolvermann besitzt als er als Sheriff. Das wurmt ihn.

Jones sieht drüben vor dem Office einen Menschenauflauf. Die Menge staut sich vor der Tür. Sie wartet auf Einlass und darauf, den gefangenen Little Bear besichtigen zu können.

Jones schätzt, dass sie Little Bear noch in dieser Nacht hängen werden. Richter Deland kommt mit seiner Bibel die Fahrbahn herauf und bahnt sich einen Weg durch die Leute.

„Die haben es verdammt eilig!“, knurrt Jones und starrt auf das Feuer, das vor Sawyers Spielhalle nebenan brennt.

Es zuckt plötzlich in seinem Gesicht. Er stößt sich vom Balken ab und verlässt den Vorbau des Great Plains Saloons. Nebenan betreibt die Schwester von Schwarzfuß-Charlie einen kleinen Store.

Jones tritt ein. Celia steht im Lampenlicht und blinzelt ihm kurzsichtig entgegen. Sie ist keine berauschende Schönheit und mindestens dreißig Pfund zu dürr, aber sie führt ihren Store tapfer und umsichtig und hält sich und ihren Bruder am Leben, den Harris zum Idioten geschlagen hat.

„’n Abend, Celia!“ Jones greift an seinen Hut. „Ich brauche etwas Munition. Fürs Gewehr, du weißt schon.“

„Hallo, Jones!“, sagt sie mit einer Stimme, die genau so dünn ist wie ihr Haar. „Ich hörte, dass du in der Stadt bist.“ Sie wendet sich um und nimmt aus einem Regal eine Schachtel Gewehrpatronen.

„Zwei!“, sagt Jones. „Du brauchst sie nicht einpacken, ich steck’ sie in die Tasche.“

Sie legt die beiden Schachteln auf den Tisch und sagt blinzelnd: „Little Bear ist drüben. Charlie wollte schon...“

„Halte ihn auf, wenn er kommt. Ich mache das schon.“ Er bezahlt, schiebt die Schachteln in die Tasche und geht hinaus.

Mit lässigen Schritten überquert er die Straße, und es sieht so aus, als wolle er sich unter die Menge vor dem Office mischen, die nun endlich Einlass bekommt.

Doch er geht eiskalt daran vorbei und marschiert ungeniert in den Hof von Harris.

Hinten ist es dunkel. Er muss einen Moment warten, bis sich seine Augen an die Finsternis gewöhnt haben.

Dann erkennt er, dass kein Pferd draußen ist. Doch das stört ihn nicht.

Er geht zum Stall, in dem Harris und die Deputies ihre Gäule haben und in dem Harris auch die Tiere unterstellt, mit denen er handelt.

Jones öffnet die Tür. Es geht sehr kaltblütig vor. Aber er weiß, dass jetzt niemand kommen wird. Die Leute vorn sind damit beschäftigt, den Gefangenen anzustarren. Und Harris und seine Gehilfen damit, die Leute abzuwehren, damit Little Bear nicht schon zu Schaden kommt, bevor man ihn aufhängt.

Jones verschwindet im Stall. Er sucht sich Kopfgeschirr zusammen, reißt ein Streichholz an und bindet das Pferd von Harris los. Es sind genügend andere Pferde untergestellt, aber Jones sieht einen besonderen Spaß darin, eben diesen Gaul zu nehmen.

Vielleicht trifft Harris hinterher der Schlag.

Jones nimmt noch ein Kopfgeschirr. Aber er legt es dem Gaul um die Brust und knotet zwei Seile daran.

Im Schein eines neuen Streichholzes nimmt er eine doppelarmlange Holzschwelle von dem Haufen, an dem Harris manchmal seine Gefangenen beschäftigt, indem er sie das Holz zu seinem Vorrat an Winterbrennstoff aufspalten läßt.

Jones bindet die Holzschwelle hinten an die beiden Seile und führt den Gaul auf den Hof, nachdem er sich davon überzeugt hat, dass niemand zur Einfahrt hereingekommen ist.

Er bindet den Gaul an der Rückwand des Zellenbaues an einen eisernen Wandhaken und hält ihm eine Weile die Hand auf die Nüstern. Über Jones ist ein vergittertes Fenster erleuchtet. Stimmen dringen heraus.

Das ist die Zelle von Little Bear, der jetzt besichtigt wird.

Jones macht sein Halstuch ab und macht es am Kopfgeschirr so fest, dass es dem Gaul über die Nüstern hängt. Das soll das Tier beruhigen.

Danach kehrt er eilig in den Stall zurück, holt noch zwei Gäule und legt auch ihnen Kopfgeschirr an. Nur auf die Sättel verzichtet er bewusst.

Es muss nach einer schnellen Flucht aussehen und nicht danach, dass diese Sache sorgfältig vorbereitet war.

Diese beiden Tiere bindet er am Zaun an, der den Hof des Office vom Hof der Spielhalle trennt. Es gibt ein Gattertor, und von Sawyers Hof besteht ein schmaler Fahrweg hinten aus der Stadt hinaus. Jones läßt das Gattertor noch zu. Das kommt später dran.

Er verriegelt die Stalltür ordentlich, rammt die Hände in die Hosentaschen und geht nach vorn, wo die Menge inzwischen noch etwas angewachsen ist. Jeder möchte schließlich mal diesen Indianer sehen, der drei Tage lang einen Prozess mit einem weißen Richter und einem weißen Landagenten durchstand und gewann. Der von der Potter Ranch sogar eine Geldentschädigung für das widerrechtlich genutzte Land durchsetzte.

Jones reckt den Kopf wie viele andere auch. Dann schiebt er sich hinter der Menge zum Vorbau der Spielhalle. Er bleibt aber zwischen dem Gehsteig und dem Zügelbalken.

In einem unbeobachteten Augenblick holt er seine zwei Schachteln Gewehrmunition aus der Tasche und läßt sie lässig in das mächtig lodernde Feuer fallen. Ein paar Funken stieben hoch.

Jones bewegt sich schon wieder in Richtung der erwartungsvollen Menge vor dem Office.

Als er in den Hof gehen will, zupft ihn jemand am Ärmel. Er fährt erschrocken herum.

Es ist Schwarzfuß-Charlie, ein einfältiges Grinsen im zernarbten Gesicht. Das war einmal der beste Pferdefänger hier oben. Bevor ihn Harris in der Kur hatte.

„Little Bear ist drin“, sagt Charlie. Hin und wieder hat er seine fünf Sinne beisammen. Er beginnt zu kichern, greift in die Tasche und bringt eine Handvoll Streichhölzer hervor. „Hihi, ein kleines Feuer — kann doch nicht schaden, was? Ob er hängt oder brät, ist doch egal. Jones, die verdammte Mauer brennt nicht. Hab’ ich schon probiert.“

Jones schielt zu dem Feuer vor Sawyers Spielhalle und tritt unruhig von einem Fuß auf den anderen.

„Heu“, sagte er. „Charlie, die Mauer brennt nie. Wir brauchen Heu. Geh zu Celia, die hat welches im Laden. Hol es her, wenn ich schieße. Das ist das Zeichen.“

„Schießen?“, fragt Charlie und blickt ihn blöde an.

„Ja, schießen“, sagt Jones drängend und leise. „Geh schon. Ich muss mich auf dich verlassen können.“

Charlie zwinkert und greift sich an den Kopf. Manchmal klagt er über entsetzliche Kopfschmerzen.

„Celia hat das Heu, jaja“, sagt er plötzlich und trottet davon. Die Menge nimmt ihn auf.

Jones verharrt ein paar Sekunden auf den Fußspitzen. Er ist nervös und angespannt. Ein paar Leute blicken immer noch her. Sie haben bemerkt, dass er sich mit Charlie unterhielt.

Als sie den Kopf wegdrehen, taucht Jones in der Dunkelheit der Hofeinfahrt unter und atmet befreit aus.

Von ihm aus kann es losgehen.

Er bindet an der Rückwand des Zellenbaues den Gaul von Harris los, stellt ihn genau unter das erleuchtete Zellenfernster, nimmt die Holzschwelle und klettert schnaufend auf den Rücken des Tieres.

Die Zellenfenster sind alle verglast, und das Glas ist dreckig und verstaubt. Die Gitter sind außerhalb der Fenster ins Mauerwerk eingelassen. Jones bindet die beiden Seile vom Holz los und schiebt die Holzschwelle durch die Gitterstäbe. Es geht gerade so.

Er achtet darauf, dass er nicht gegen die Scheibe stößt.

Dass man von drinnen etwas sehen könnte, hält er für unwahrscheinlich. Der Dreck liegt dick auf dem Glas.

Jones prüft den Sitz des querliegenden Holzes. Dann bindet er die beiden Seilenden wieder darum. Er macht Doppelknoten. Das ist die Lebensversicherung für Little Bear.

Gerade als er sich an eines der Seile hängt, um den Knoten zu prüfen, gehen im Feuer vor der Spielhalle die ersten Patronen los. Es knallt, knattert, pufft und heult gewaltig.'

Gebrüll und Geschrei brandet hoch, vor Jones flucht jemand lautstark in der Zelle. Das kann Harris sein. Oder Richter Deland.

Und unter Jones erschrickt der Gaul so sehr, dass er einen Schritt zur Seite macht.

Jones verliert das Gleichgewicht, läßt das Seil los und fällt kopfüber vom Pferderücken.

Er prallt hart auf und holt keuchend Luft.

Das hundertfältige Trappeln von Stiefeln vorn auf der Straße und auf den Gehsteigen treibt ihn hoch und lässt ihn seine Schmerzen verbeißen.

Er hört Geschrei aus dem Haus. Türen knallen im Zellenanbau, während vorne immer noch Patronen hochgehen. Funken kommen über das Nachbardach geflogen und verlöschen über dem Hof.

Jones springt an den Kopf des Pferdes, hängt sich ans Kopfgeschirr und überzeugt sich, dass das Riemenwerk richtig an der Brust des Gaules liegt. Das Tier ist kein Zugpferd, aber es wird gehen müssen.

Jones führt den Gaul langsam an. Das Tier stemmt sich gegen die Seile, die nach oben zum Holz hinter den Gittern laufen.

Es knackt und knistert in der Mauer, und Jones bildet sich ein, dass sich das Gitter bewegt.

Aber es bricht nicht heraus.

Er führt den Gaul einen Schritt zurück und nimmt einen neuen Anlauf.

Ein paar Steine fallen jetzt aus der Mauer. Das Gitter jedoch kommt auch diesmal nicht herunter.

„Scheiße!“, sagt er halblaut und versetzt dem Gaul einen Schlag mit der flachen Hand gegen den Bauch.

Erschreckt springt der Gaul los. Das Lederzeug und die Seile knirschen so sehr, dass Jones fürchtet, sie halten nicht.

Aber dann poltern weitere Steine aus der Mauer. Mit einem metallischen Kratzen bricht das Gitter aus der Mauer und schlägt dumpf auf.

Schlagartig fällt Licht in den Hof und läßt den aufquellenden Staub wie Nebel leuchten.

Jones hustet und blickt nach oben. Das Fenster ist noch drin und heil. Wo das Gitter aber unterhalb im Mauerwerk saß, klafft jetzt ein Loch, so groß, dass ein Bär hindurchkriechen könnte.

„Heho!“, ruft Jones gedämpft.

Aus dem Zellenanbau dringt ein schriller Schrei. Sicher eine der Wachen.

Im nächsten Moment wird das herausfallende Licht dunkler, ein Kopf mit langem Haar erscheint in der gezackten Öffnung.

Es ist Little Bear. Aber er kriecht so langsam, dass es Jones ungemütlich wird.

Was hat er? denkt er besorgt. Little Bear stößt einen Stein los und trifft damit Jones auf die Achsel.

Vorne explodieren noch ein paar Patronen.

Little Bear steckt den Kopf aus der Öffnung, spannt sich und läßt sich mit einem Ruck nach vorn fallen.

Er kommt wie ein Kartoffelsack herunter.

Die Hände von Jones schnappen zu und erwischen Little Bear am Hals und am langen Haar. Mit einem Ruck stellt er ihn auf die Füße.

Ein klirrendes Geräusch entsteht dabei.

Jones greift nach den Händen des Indianers und zuckt zusammen, als er die Handschellen spürt. Harris hat Little Bear fesseln lassen.

„Wasicun Jones!“ sagt Little Bear kehlig und grinst. „Medicine Hat ist sehr mutig.“

Sie nennen Jones bei fast allen Stämmen Medizin-Hut. Wegen seines Hutes mit der Klapperschlangenhaut. Schlangen haben bei allen Roten eine besondere Bedeutung.

Irgendwer aus der Sippe von Tapmai gebrauchte erstmals den Namen, und der ist Jones geblieben.

„Komm, weg hier!“, sagt Jones keuchend und lauscht besorgt auf die dröhnende Stimme von Harris aus dem Zellenanbau.

Drinnen beginnt ein Revolver zu krachen. Die Kugeln winseln aus der Öffnung unter dem Fenster.

Little Bear und Jones ducken sich. Als Jones losrennt und den Indianer mit sich ziehen will, fällt Little Bear zu Boden.

Im trüben, von Staubwolken erfüllten Licht sieht Jones die hochfliegenden Beine des Indianers und die Fußschellen mit der kurzen Kette dazwischen.

Harris hat dem Gefangenen nicht nur Handschellen, sondern auch eiserne Fußfesseln anlegen lassen!

Jones ist in dieser Sekunde geneigt, Harris und allen Deputies den Hals umzudrehen. Das wird Ärger bringen. Little Bear wird es nicht hinnehmen, in Eisen gelegt worden zu sein.

Es kann auch Kummer für die Stadt und das umliegende Land bedeuten.

*

3

Würde Jones jetzt Little Bear liegen lassen, dann wären diese Probleme von allein erledigt.

Aber Jones ist mit Little Bear befreundet und nicht mit Harris und dieser Stadt.

Er bückt sich, packt den Indianer an den Armen und zieht ihn rücksichtslos über den Hof zur Stallecke. Er läuft dabei über eine aufgeweichte lehmige Stelle neben dem Brunnen. Dort wurde Wasser ausgeschüttet.

Jones kommt um ein Haar zu Fall.

Keuchend wirft er Little Bear an die Giebelseite des Stalles, saust zurück und öffnet das Gattertor zum Hof von Sawyer. Mit fliegenden Händen bindet er die zwei bereitgestellten Gäule los, führt sie hastig in den Hof und richtet sie zu dem Karrenweg hin aus.

Beide Pferde, durch die explodierende Munition, den Lärm und das Geschrei, die herabstürzenden Steine, den Staub und die Schüsse schon reichlich nervös, springen heftig an.

Ein Gaul feuert mit der Hinterhand aus und verfehlt das rechte Knie von Jones nur knapp.

Jones rennt zurück, packt Little Bear unter den Armen und zieht ihn zur Rückseite des Stalles.

Aus der Gasse an Sawyers Schuppen vorbei dringt der jagende Hufschlag der durchgehenden Pferde.

Jones hockt sich neben Little Bear und wischt sich mit dem Ärmel übers Gesicht.

Der Indianer setzt sich auf und brummt etwas. Er verstummt jedoch’ sofort, als aus der Hofeinfahrt wütende Stimmen dringen.

„Zwei Pferde!“, schrillt einer der Deputies. Jones erkennt ihn an der Stimme. Es ist Daniel Boyd, ein Bursche mit schrägstehenden Augen und einer Schwäche für blitzendes Silberzeug. Boyd hat wenigstens zwanzig durchbohrte Silberdollars an seinem Hut und die gleiche Anzahl auf seinem Revolvergurt. Er trägt sogar einen Ring. Ein eitler Zeitgenosse, der nur den Fehler hat, eine lachhaft hohe Stimme zu besitzen. Und der darum bösartig und gefährlich ist.

„Verdammt, wer war das?“, brüllt Harris unbeherrscht. „Gäule her! Die holen wir ein. Die Rothaut ist gefesselt!“

Jones legt blitzschnell die Hand auf den Arm von Little Bear, als dieser zu zischen beginnt. Little Bear versteht die Sprache der Wasicun, der Weißen. Er spricht sie sogar recht ordentlich.

An der Stalltür fliegt der Riegel zurück. Es klingt so nah, als sei es genau neben ihnen.

Lichtschein flackert im Stall auf und fällt durch die Ritzen.

Harris stößt einen heulenden Fluch aus. Jetzt muss er entdeckt haben, dass sein Pferd dazu benützt wurde, das Gitter herauszureißen.

„Mein Gaul!“, tobt er. „Mit meinem Gaul — hier liegt das Gitter! Oah, verfluchte Schweinerei...“

„Zwei Pferde sind fort!“, brüllt Boyd im Stall. „Hölle, das war gut vorbereitet.“

„Halt’s Maul! Nimm den Fuchs für mich!“, schreit Harris.

Drinnen wird hastig gesattelt.

Es dauert nur knapp drei Minuten, dann reiten vor dem Stall wenigstens drei Männer los. Sie jagen durch das offene Tor über den Hof von Sawyer und folgen dem in der Nacht verklingenden Hufschlag.

Jones denkt, dass sie alle losgeritten sind. Harris wird nicht alle seine Männer im Dienst haben.

Aber da vernimmt er die Stimme von Monday Leach, einem anderen Deputy.

Der Mann scheucht die Neugierigen vom Hof herunter und holt sich dann aus dem Stall die Lampe.

Er beginnt, den Mauerausbruch zu besichtigen. In der Zelle muss noch Richter Deland sein. Leach unterhält sich mit ihm durch das Loch. Dann klirrt er mit dem Gitter.

Hufschlag poltert. Leach schirrt das Pferd von Harris aus, knurrt ab und zu und bringt den Gaul in den Stall.

Jones fürchtet, dass Leach die Schleifspur im Hof entdeckt. Aber entweder achtet der Mann nicht darauf, oder Harris und seine Leute haben die Spur schon weitgehend zertrampelt.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738905823
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (November)
Schlagworte
sein name jones

Autor

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Titel: Sein Name war Jones