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Kit Carson 12: Die Swann-Expedition

2016 120 Seiten

Leseprobe

DIE SWANN – EXPEDITION

 

Kit Carson

 

Band 12

 

 

 

von Leslie West

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von William Tylee Ranney mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Klappe

Haben die Griechen bereits vor zweieinhalb Jahrtausenden Amerika entdeckt? Dem exzentrischen amerikanischen Millionär Lafcadio Swann scheint kein Aufwand zu groß, um seine These bestätigt zu finden. Er organisiert eine wissenschaftliche Expedition, der auch Kit Carson und Ezekiel Calhoun als Scouts angehören.

Auf ihrem Verlauf gerät Lafcadio mehrmals in Lebensgefahr. Kit Carson merkt bald, dass dies kein Zufall sein kann. Einer der Expeditionsangehörigen muss ein gedungener Mörder sein, der dafür sorgen will, dass Lafcadio nicht lebend von diesem Unternehmen zurückkehrt.

 

 

 

 

 

 

Roman

Der Besucher hatte erst einmal geklopft, als die Eingangstür aufschwang.

Der Hausherr erwartet Sie bereits, Mr. ... ?“

Hingegen ist sein Hausdiener zu neugierig. Sie wissen mit Bestimmtheit, dass unter keinen Umständen mein Name fallen darf."

Verzeihen Sie meine Unbesonnenheit, Sir, und folgen Sie mir bitte.“

Der Gesichtsausdruck des Bediensteten, den der ihm folgende Besucher nicht wahrnehmen konnte, strafte ihn Lügen.

Der Besitzer des Hauses, das nicht gerade zu den vornehmsten Gebäuden New Yorks zählte, war Terence Prickley. Beim Eintreten des Gastes erhob er sich, um seinem Gast die Hand zu schütteln.

Schön, dass Sie gekommen sind, Sir. Lass uns allein, Philipp.“

Als sie zu zweit waren, bot der Hausherr dem Gast einen Zigarillo an und entzündete ihn, bevor er sich selbst bediente. Das Gebaren des Besuchers verriet eine gewisse Ungeduld.

Sie sagten, Mr. Prickley, dass für mich... “

Dass für Sie eine Menge drin wäre, ja. Sagen wir ... eine Viertelmillion Dollar.“

Die Höhe dieser Summe entriss dem Gast jedes Verhandlungsansinnen. Er konnte nur schlucken.

Dafür keine Vorauszahlung. Nur genügend Handgeld für notwendige Unternehmungen.“

Unternehmungen welcher Art, Sir?“

Terence Prickley gelang ein absolut symmetrischer Rauchring, dem er versonnen nachblickte.

Sie sind doch einer der Teilnehmer der Swann-Expedition, nicht wahr?“

Mit Verlaub, Sir, ich bin erstaunt! Meines Wissens ist der Kreis der darin Eingeweihten so klein, dass außer Ihnen bisher niemand davon Kunde bekommen haben dürfte!“

Mein Wissen soll Ihre Sorge nicht sein, Sir.“

So bitte ich um meinen Auftrag.“

Sorgen Sie dafür, dass Lafcadio Swann von dieser Expedition nicht zurückkehrt.“

Wie eine Glocke hing eine Zeitlang Stille über dem Raum .

Das ,Wie’ ist Ihre Sache, Sir“, griff Prickley den Faden erneut auf. „Dafür dürfte Ihnen bekannt sein, dass mir im Falle seines Todes das gesamte Swann-Vermögen zufällt. Deshalb kann ich Sie auch erst nach Gelingen des Unternehmens auszahlen. Sie sehen, ich bin für ehrliche Verhältnisse.“

Dann bei aller Aufrichtigkeit, Mr. Prickley: Warum halten Sie ausgerechnet mich einer solch ungeheuerlichen Tat für fähig?“

Weil ich Ihre wahren Verhältnisse kenne. Sie sind in Wirklichkeit in einer verdammt verzweifelten Lage. Diese Expedition ist vielleicht Ihre letzte Chance, Sir, und ich weiß, dass Sie Ihre Teilnahme nur unter Vorspiegelung falscher Tatsachen erreichen konnten.“

Sein Gegenüber erbleichte.

Im Gegenzug der Ruf Ihrer Familie“, fuhr Prickley unerbittlich fort. „Ihr Urgroßvater mit den höchsten Häusern Englands verwandt, ihr Großvater Generalstabschef während der Revolution und einer der engsten Freunde Lafayettes ... man kann nicht gerade behaupten, dass Sie Ihrem Haus zur Zeit Ehre bereiten. Und ich weiß noch weit mehr.“

Ich will es nicht hören, Mr. Prickley!“

Ihr Bruder starb letztes Jahr an Tuberkulose, und dieses Jahr gab es in der Stadt, aus der Sie kommen, eine Choleraepidemie. Sie sind ein Gesundheitsrisiko für die Expedition!“

Allerdings kein größeres als der Initiator und Leiter selbst, Mr. Prickley!“

Da mögen Sie allerdings recht haben. Nun, Sir, Sie haben die Wahl: Wollen Sie künftig mit Ihren augenblicklichen wirklichen Verhältnissen weiterleben, die ich jederzeit preisgeben kann, oder lieber mit einer Viertelmillion?“

Sie treiben mich in die Enge, Mr. Prickley.“

Erst einmal treibe ich Sie mit meinem Halbbruder Lafcadio in die Weite, Sir. Ihre fundierten Kenntnisse und Erfahrungen, die Sie zweifellos besitzen, sollen schließlich der bevorstehenden Expedition zugute kommen.“

Das werden sie in jedem Fall, Mr. Prickley.“

Nun, dann ist noch einzig entscheidend, ob Sie dem Haupt- oder dem Nebentrupp zugeteilt werden, aber das dürfte bei der breiten Fächerung Ihrer allgemeinen Kenntnisse keine Frage mehr sein. Nun denn: Sind wir uns einig?“

Keine weiteren Fragen, Mr. Prickley.“

Also verstehen wir uns. Den Termin bei Lafcadio haben Sie ja bereits in drei Stunden: Das erste spannende Treffen, bei dem sich alle beschnuppern und endlich erfahren, worum es geht. Denn genau dies weiß selbst ich noch nicht.“

Verlassen Sie sich auf mich.“

Mache ich, Sir.“

Noch einmal: Lafcadio Swann darf von dieser Expedition nicht zurückkommen!"

 

 

DER WEG UND DAS ZIEL

 

 

Lafcadio Swanns Bibliothek nahm den gesamten ersten Stock des prachtvollen Familiengebäudes ein. Damit war genug Platz geboten, um die neun Sessel der Besprechungsteilnehmer kreisförmig aufzustellen und zwischen ihnen auch noch ausreichend Raum zu lassen für den Fall, dass bei allen ein Bedürfnis nach Bewegung entstehen sollte - noch dazu gleichzeitig.

Kit Carson hatte es bereits, als er sich noch kaum gesetzt hatte. Er war die unendlichen Weiten der Prärien gewöhnt und fühlte sich entsprechend unbehaglich, aber er konnte sich beherrschen.

Den ebenso höflichen wie nichtssagenden Eingangsfloskeln der Anwesenden verschloss er sich. Seine Aufmerksamkeit wurde im Moment noch von den drei Monumentalgemälden in Anspruch genommen, die zwischen den Bücherregalen den Aufstieg und Fall Karthagos sowie die Verspottung Polyphems durch Odysseus wiedergaben.

Gerade die ersten beiden Bilder hatten es Kit angetan. Sie drückten eine frühe Wucht menschlichen Strebens aus, die sich in Gebäuden von titanischen Ausmaßen und ungeheurer architektonischer und gestalterischer Kunstfertigkeit und Vollkommenheit niederschlug. Schier jedem Verfall trotzen wollend, schienen sie sich den aus dem Hintergrund einbrandenden Weltelementen Licht und Wasser triumphierend entgegen zu recken. Allein beide Bilder zusammen vermittelten, wie unmerklich für die vermessenen Sterblichen die Urmächte der Natur an ihnen fraßen: Was für die Menschen ganze Zeitalter darstellte, war für sie nicht mehr als das Vergehen eines Regentropfens im Meer der Unendlichkeit.

Die Bilder stammten von einem gewissen William Turner, und falls es sich nicht um die Originale handelte, hatte der Nachvollzieher jede bessere Bezeichnung als „Fälscher“ verdient.

Erst als der Hausherr um Aufmerksamkeit bat, wurde der junge Trapper aus seiner Versenkung gerissen.

Lafcadio Swann räusperte sich; ein fahlblonder, zartgliedriger und dennoch hochgewachsener junger Mann, dessen Teint deutlich genug verriet, dass er sich seinen Büchern weit häufiger aussetzte als der frischen Luft.

Erstens, meine Herren, danke ich Ihnen für Ihr Kommen, zweitens für die ungezwungene Unterhaltung, der ich nun kurze Zeit lauschen dürfte. Sie, Doktor Schutzbier, haben rasches Erkennen und eine geradezu olympische Bildung bewiesen, indem Sie bemerkt haben, dass diese meine Bibliothek der gesamten Alten Welt als Beispiel dafür vorgeführt werden sollte, wie unangemessen und unangebracht die Verachtung ist, die man uns Amerikanern dort entgegenbringt, indem man uns des Hinterwäldler- und Barbarentums sowie der Einfältigkeit bezichtigt.

Sie, Doktor Chapman, haben hingegen recht, wenn Sie darauf hinweisen, dass auch unser Kontinent hinreichend Spuren älterer und versunkener Kulturen aufweist, die in der Forschung bisher sträflich vernachlässigt wurden. Zwar denken Sie an gänzlich andere Kulturen als ich, aber dennoch sind Sie damit dem Ziel meiner Expedition weit näher gekommen als Sie ahnen können. Ich habe Sie bisher ganz bewusst darüber im Unklaren gelassen, aber angesichts der Zusammensetzung unseres Teilnehmerkreises haben Sie sich bestimmt schon Ihre eigenen Gedanken darüber gemacht.“

Im Gegensatz zu seinen akademischen Kollegen, die mit Unwissen offensichtlich schwerer umgehen konnten als er, wagte der liebenswürdige deutschstämmige Arzt einen Vermutungsvorstoß.

Außer Ihnen als Expeditionsleiter, zwei Scouts, einem Offizier und mir als Arzt sehe ich hier nur noch drei Naturwissenschaftler versammelt“, begann Norman Schutzbier seine Mutmaßungen, „und eben Dr. Chapman, als Historiker also ziemlich in der Minderheit. Nun ist aber doch von versunkenen Kulturen die Rede, was einen Widerspruch zur Zusammenstellung der Beteiligten ergibt. Darüber hinaus handelt es sich bei Dr. Chapmans Fachgebiet um erloschene Indianerreiche, die aber nach Ihren letzten Worten ebenfalls nicht gemeint sind. Nachdem Sie jedoch, Millionär hin oder her, doch ganz beträchtliche Interessen und eben auch Finanzen in dieses aufwendige Unternehmen investieren, gehe ich fast von einem sehr persönlichen Anliegen aus.“

Lafcadios Augen leuchteten überrascht auf, und sein Gesicht bekam Farbe.

Mister Carson hat Sie mir als Begleitarzt für die Expedition empfohlen, Doc, und ich war zunächst skeptisch, weil ich hier in New York dank meiner gesellschaftlichen Stellung etliche andere Koryphäen persönlich kenne. Nun überraschen Sie mich mit einem Scharfsinn, dem Ihre ärztlichen Fähigkeiten hoffentlich ebenbürtig sind. Allmählich glaube ich, und gebe dies hiermit zu, Mr. Carson unterschätzt zu haben. Erst dachte ich, er wollte nur einen weiteren Freund neben Mr. Ezekiel Calhoun dabei haben, und nun stelle ich fest, dass Ihre Palette weit vielfältiger ist. Mein Dank an Sie, Mr. Carson. Fahren Sie fort, Doc.‘‘

Lafcadios Augen hatten sich bei seinem vorletzten Satz mit denen Kits getroffen. Dabei hatte der junge Trapper sein schulterlanges, dichtes blondes Haar eher unwillig nach hinten geworfen. Ihm war dieser verweichlichte junge Städter nicht auf den ersten Blick sympathisch gewesen, und es war eher Ezekiels geduldigem Zureden als der sensationellen Prämie zuzuschreiben gewesen, dass er sich letztendlich doch zur Teilnahme an diesem Vorhaben entschlossen hatte. Die Entlohnung würde sein jährliches Einkommen als Trapper immerhin weit in den Schatten stellen, aber Lafcadio Swann war ihm als Mensch suspekt. Letztendlich aber hatte Kits Neugierde den Ausschlag gegeben.

Ezekiel Calhoun, der steinalte Scout, aus dessen Augen die Ewigkeit zu leuchten schien, hatte sich längst mit dem aufgeschlossenen Arzt angefreundet. Er nickte Norman Schutzbier aufmunternd zu.

Ihr persönlichstes Anliegen aber scheint Ihre Bibliothek zu sein“, nahm dieser den Faden erneut auf. „Wobei ich nicht glaube, dass Sie unseren derart gestalteten Trupp zum Wiederfinden einer verschollenen Ausgabe einsetzen wollen. Trotzdem muss der Schlüssel in Ihrer Sammlung liegen. Also durchmessen meine scharfen Augen Ihre Meilen von Büchern. Bezüglich meiner ärztlichen Fähigkeiten kann ich Sie im übrigen vollends beruhigen, aber ich gehe davon aus, dass Sie sich in einschlägigen Kreisen längst umfassend darüber informiert haben. Sie hätten mich ansonsten heute Abend überhaupt nicht dabei sein lassen.

Zurück zu Ihren Beständen und kurz zum Schluss: Ich werde daraus nicht klug, zumindest, wenn es darum geht, daraus eine Brücke zu Ihrer geplanten Expedition zu schlagen. Allein der starke Anteil griechischer Schriftsteller der Antike fallt mir auf! Aber bereits Washington Irving hat gesagt, die Versonnenheit im Umgang mit den Alten ... “

Der junge Millionär hatte bei den letzten Bemerkungen vor Begeisterung in die Hände geklatscht.

Sie haben es getroffen, Doc! Ein Denkmal für Ihren Scharfsinn, der uns bei unserer Unternehmung nur zugute kommen kann!“

Ein Hustenanfall überkam ihn, den er mit einem Leinentaschentuch zu dämpfen versuchte.

Fertig husten“, riet der uralte Ezekiel rasch. „Es hat keinen Sinn, wenn Sie es zu früh wieder mit dem Sprechen versuchen!“

Lafcadios zustimmende Kopfbewegung ging in einen zweiten Anfall über. Alle Anwesenden wappneten sich mit Geduld. Endlich wurde es wieder still.

Walt Redacre, der Geograph, ergriff das Wort.

Bei allem Interesse, Sir ... ich denke, ich spreche im Namen meiner Kollegen, wenn Sie im Vorfeld wenigstens auf die naturwissenschaftlichen Anforderungen und Erwartungen des Unternehmens eingehen sollten. Oder sollen wir etwa nur schmückendes Beiwerk darstellen?“ Lafcadio Swann hob erschrocken die Hände.

Da sei der Allmächtige vor! Um nur kurz auf meine einleitenden Worte zurückzukommen: Wie oft waren es Forscher der Alten Welt, die sich auf unserem Kontinent Meriten erwarben! Von Humboldt, Martius, Darwin ... um nur wenige Namen zu nennen! Es wird höchste Zeit, dass sich unsere Nation eigene Forscherdenkmale setzt, und ich hoffe von Herzen, dass Sie die ersten sein werden, die dazu Gelegenheit bekommen werden.

Sie sind in erster Linie Geologe, Dr. Longhurst, doch ich weiß, welche Bedeutung Sie der Paläontologie beimessen, die erst 1825 ins Leben gerufen wurde. Unsere Forschungen aber werden uns in derart abgelegene und gerade deshalb erdgeschichtlich hochinteressante Gebiete führen, die noch kein Mensch außer ...

Mit mir können Sie in jedem Fall rechnen, Sir!“, unterbrach ihn der hochaufgeschossene, drahtige Franklin Joseph Longhurst, dessen Kopfhaar aufgrund eines misslungenen chemischen Experiments beträchtlich zurückgewichen war. „Je kärger eine Landschaft ist, desto umfassendere erdgeschichtliche Zusammenhänge lassen sich aus ihr ableiten!“

Ihre hohe Denkerstirn müsste somit einen wahren Fundus an Erdgeschichte verbergen, Kollege“, konnte sich Chapman nicht verkneifen.

Lafcadio unterdrückte ein Lächeln. Weder schweifte sein Blick über die Eingeladenen.

In Ihren Augen, lese ich Unruhe, Dr. Younger. Oh nein, Sie werden als Botaniker keineswegs unterfordert sein, aber darauf würde ich lieber im folgenden Teil des Gesprächs eingehen.“

Frederick George Younger winkte lächelnd ab.

Der Gegenstand meiner Wissenschaft mag schnelllebiger sein als jener der Geologie; indes sollte man daraus nicht auf eine größere Ungeduld ihres Betreibers schließen.“

Das werde ich mir merken“, erwiderte der junge Millionär. „Mit großer Freude stelle ich fest, dass wir keinen einzigen vernagelten Fachidioten unter uns haben. Umso aufgeschlossener dürften Sie für das bisher ungenannte Bestreben unserer Expedition sein, dessen Schlüsselwort Dr. Schutzbier bereits geliefert hat: Die Griechen!“

Der Erwähnte runzelte schmunzelnd die Stirn.

Nun, Mr. Swann ... ich gehe nicht davon aus, dass Sie uns alle nach Europa einschiffen wollen, wo sich gerade eine neue Antikebegeisterung abzuzeichnen beginnt?“

Genau diese Geistesströmung aber ist der Schlüssel zu meinem geplanten Unternehmen! Klassizistische Bauten entstehen seit etlichen Jahren diesseits und jenseits des Ozeans, und mit ihnen der erneute Versuch eines Brückenschlags ins Altertum, den auch die Renaissance bewies. Weit bedeutender aber ist ein Versuch der Alten Welt, gerade eben begonnen, die griechische Antike aus ihrer Versunkenheit emporzuheben, sie zu neuem Leben zu erwecken, um ihren wiedererwachten Geist eines fernen Tages erneut über den gesamten Kotinent strömen zu lassen, auch wenn bisher erst ein einziger Monarch dieses Zeichen der Zeit erkannt hat beziehungsweise neu setzen will. Das alte Griechenland soll zu neuem Glanz erwachen!“

Horace Chapman nickte eifrig.

Der Wittelsbacher im Herzen Europas, ich weiß! Ludwig I., der als erstes und bisher einziges Staatsoberhaupt der Alten Welt die Griechen mit eigenen Gedichten, vor allem aber Geldern dabei unterstützt, das türkische Joch abzuschütteln. Nach zwölf blutigen Kriegsjahren hat der Bund der ,Hetäne’ die osmanische Tyrannei in ihre Schranken verwiesen, und am 7. Mai dieses Jahres wurde Ludwigs Sohn Otto von den Großmächten England, Frankreich und Russland zum König von Griechenland bestimmt. Noch im Herbst wird der ‚Bavaresenkönig Ludivikos’ diesbezüglich eine Deputation griechischer Generäle zum Münchner Oktoberfest empfangen. Sie werden ...

Genug, genug“, unterbrach ihn Lafcadio. „Ich teile Ihre Kenntnis und Begeisterung, aber damit langweilen wir unsere übrigen Gesprächsteilnehmer eher. Zurück zum eigentlichen Thema. Gewiss, es geht darum, eine Erkenntnis über das Volk der Griechen zu erringen, die die gesamte Alte und Neue Welt in Erstaunen versetzen wird.“

Um gerade zum jetzigen Zeitpunkt einen entscheidenden Fortschritt in der Erforschung der griechischen Antike zu erreichen, Mr. Swann“, ergriff erstmals der anwesende Offizier sein Wort in der Diskussion, „bedarf es eines Besuchs ihres Landes. Nur dort können Ausgrabungen etwas zutage bringen.“

Lafcadio lächelte verschmitzt.

Was, wenn genau das Gegenteil der Fall wäre, Lieutenant Poe? Wenn zum Erreichen des gleichen Ziels bereits umgekehrt ein Besuch unseres Kontinents von Seiten der Griechen dafür ausreichen würde?“

Aber ... was hätten uns die Griechen der Neuzeit so Interessantes mitzuteilen?“

Sie gehen von falschen Voraussetzungen aus, Lieutenant. Der Besuch hat längst stattgefunden. Vor etwa, sagen wir, zweieinhalb Jahrtausenden.“

 

*

 

In der Bibliothek war es so still geworden, dass man eine Stecknadel zu Boden hätte fallen hören.

Das ... das wäre ungeheuerlich!“ Horace Chapman schnappte nach Luft. „Das wäre geradezu eine Weltsensation!

Nein, Sir, das kann nicht sein! Wir verfügen bereits jetzt über genügend Dokumente, um mit Sicherheit belegen zu können, wie weit die Griechen, so geschickte Seeleute und kundige Schiffebauer sie auch immer gewesen sein mögen, bestenfalls kommen konnten.

Das Mittelmeer und das Schwarze Meer, gewiss. Kolaios, der als erster die ‚Säulen des Herkules‘ vor Gibraltar erreichte, im 7. Jahrhundert vor Christus. Die Umsegelung Afrikas unter phönizischen Seeleuten des ägyptischen Herrschers Necho mit von Griechen gebauten Schiffen.

Allerdings ... aus welcher Quelle hat der Grieche Herodot sein Wissen über Cimmerer und Hyperboreer geschöpft, über Cornwall, die Bretagne und die Hebriden, über den Phönizier Himilko, der gar bis zum Sargassomeer vor der amerikanischen Küste vorgestoßen sein soll? Bisher wurde dieser Inhalt von Herodots Schriften allerdings ins Reich der Legenden verwiesen ...

... weil man die Griechen bislang eben unterschätzt hat“, griff der junge Millionär den Faden auf. „Dabei hat gerade der berühmteste aller Griechen als erster seinen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt.“

Ach ja? Sollten Platon oder Sokrates jetzt auch noch Seeleute gewesen sein?“

Es war der Geologe Longhurst gewesen, der sich diese sarkastische Bemerkung nicht hatte verkneifen können.

Dann aber ging dem steinalten Ezekiel Calhoun, ausgerechnet ihm, ein Licht auf.

Wer, Leute, war der berühmteste Grieche? Lasst mal die Wissenschaft beiseite.“

Spannen Sie uns nicht lange auf die Folter, Mann“, beschwerte sich Walt Redacre, der Geograph. „Ulysses ... bekannter als Odysseus. Stimmt ‘s?“

Lafcadio Swann nickte begeistert.

 

 

NOCH GRAUE THEORIE

 

 

Der Geologe Longhurst schüttelte fassungslos den Kopf.

Wenn ich einem Kollegen der Alten Welt mit dieser Theorie käme, könnte ich ihn wohl nur schwerlich daran hindern, in das berühmte ‚wahrhaft homerische Gelächter’ auszubrechen, denke ich.“

Verraten Sie alle mir lieber Ihr bisheriges Wissen über die Reisen des Odysseus“, schlug Lafcadio Swann vor. „Wer hat den Mut, anzufangen?“

Ich“, erklärte der Botaniker F. G. Younger zum Erstaunen aller. „Homers Odyssee ist zufällig mein Lieblingsbuch, und ich darf zugeben, dass ich mich durchaus mit seinem Umfeld und Hintergrund beschäftigt habe. Ich habe mich sogar an eine Neuübersetzung gewagt.

Homer war bekanntlich kein Zeitgenosse des Odysseus. Zu Homers Zeiten waren die Reisen der mykenischen Vorfahren, zu denen ja auch Odysseus zählte, schon beinahe ins Reich der Legenden verwiesen worden, bis Händler und Kolonisten an den Küsten Süditaliens, Siziliens und Afrikas auf die Spuren ihrer Ahnen stießen. So konnten dann Historiker und Philosophen wie Hesiod, Platon, Thukidydes und Lykophon Odysseus’ Reisen anhand der Einzelheiten in Homers Epos nachvollziehen.

Schon früh aber entstand die Theorie, die Odyssee enthielte eine geheime Botschaft, die dem Kundigen einen Weg weit über die bekannte Welt hinaus wiese: nach Marokko und Madeira, zu den Hebriden und gar bis nach Cimmeria. So kamen nach Krates von Mallos auch Plutarch und Tacitus zu der Auffassung, die Fahrten des Odysseus seien über die Säulen des Herkules bis in den Atlantischen Ozean hinausgegangen. Stabon, selbst Geograph und berühmter Reisender, der zu Beginn der neuen Zeitrechnung lebte, gestand dieser Auslegung ebenfalls eine hohe Wahrscheinlichkeit zu. Die erste ,Exokeanismos - Theorie’ der Neuzeit stammt hingegen von dem Iren Roderic O’Flaherty, der 1685 mit seinem Werk ‚Ogygia, seu Rerum Hiber nicarum‘ Odysseus‘ Fahrten mit der Geschichte Irlands verband.“

Irland, die Hebriden ... und mehrere Quellen dafür.“ Norman Schutzbier zuckte mit den Schultern. „Man könnte dies ohne weiteres für glaubhaft halten. Aber bis nach Amerika ..."

Nähme man Homers Angaben der Tagesreisen“, fuhr Younger fort, „als Entfernungen, so käme man in der Tat bis Nordamerika. Allerdings ohne die geringste Rücksicht auf die damals wirklich möglichen Fahrgeschwindigkeiten. Doch immer wieder wurde der Versuch solcher Theorien gewagt. Der Atlantik als das sagenhafte Äolos, Südamerika als Heimat der Laistrygonen, Telepylos als Hörfehler Homer ‘scher Nachsänger, während es ursprünglich Tylepolis geheißen habe, was Zeltstadt bedeutet und womit nur Indianerdörfer gemeint sein konnten. Das große kreisrunde Strömungssystem zwischen Europa und Nordamerika als Homers Ringstrom Okeanos, woraus sich eine Umrundung des Sargasso-Meers über Haiti, Kuba, Ostkanada, die Azoren und Florida ableiten ließe. Odysseus’ Irrfahrten sollen in Wirklichkeit die erste Weltumsegelung der Antike gewesen sein, über den St. Lorenz-Strom und um Südamerika herum. Die Niagarafälle als Eingang zur so beklemmend geschilderten Unterwelt ... “

Lafcadio Swann hatte mit einem gönnerhaften Lächeln zugehört; nun aber hob er unterbrechend die Hand.

Glauben Sie mir, meine Herren, ich will die Kirche beim Dorf lassen! Ich selbst bin mit den meisten von Ihnen völlig einer Meinung! Niemals, mit keinem Mittel und mit keiner Beweisführung lässt sich aus Homers Epos die Anwesenheit Odysseus’ auf dem amerikanischen Kontinent belegen.“

Moment“, wandte der Historiker Chapman ein. „Ich denke, gerade Sie .. w o l l e n doch beweisen, dass uns dieser berühmte griechische Seefahrer tatsächlich einmal besucht hat?“

In der Tat, das will ich auch“, bekräftigte der junge Millionär. „Aber doch nicht mit Homer. Haben Sie alle denn nie von der letzten Reise des Odysseus gehört?“

Jetzt aber gleiten wir wirklich ins Reich der Legenden“, erklärte Horace Chapman. „Also gut, ich gebe gern zu, davon gehört zu haben. Aber sicher wollen Sie jetzt nicht Dante Alighieri als ernsthaften Reiseschriftsteller bezeichnen, oder?“

Was denn?“, staunte Longhurst. „Sie meinen diesen Olivenölhändler im italienischen Viertel?“

Endlich e i n Einwand, der sich von selbst erledigt.“ Lafcadio entspannte sich. „Ich danke Ihnen dafür, Mr. Longhurst. Und ich verstehe, was Sie meinen, Mr. Chapman. Fast niemand hat je von der letzten Reise des Odysseus gehört, und wenn, dann aus dem Bereich der Dichtkunst. Ist es nicht so?“

Der Historiker nickte.

In der Tat, Mr. Swann. Es ist ganz erstaunlich, zu welch unterschiedlichen Zeitaltern und in welch verschiedenartigen Kulturen dieses eine Motiv immer wieder aufgegriffen worden ist: Nach zehn Jahren Trojakrieg und zehn Jahren Irrfahrt gelingt es dem Helden letztendlich doch nicht, seine Wurzeln des beginnenden Alters in den Boden der lang vermissten Heimat zu graben; zu vieles hat er gesehen, zu vieles erlebt. Noch einmal muss er hinaus, ein letztes Mal. Weder Gattin noch Sohn vermögen dieser Rastlosigkeit Einhalt zu gebieten.

Bei Dante begibt er sich mit dem letzten Schiff und den wenigen Getreuen, die ihm noch verblieben sind, auf das offene Meer. Wieder erreichen sie die Säulen des Herkules, die Grenze, die ein Gott dem Ehrgeiz oder der Verwegenheit gezogen hat, und Odysseus spricht: ,Wir sind nicht geboren, um wie Vieh zu leben, sondern um Tugend und Erkenntnis zu suchen. Wir sind alt, uns lockt ein Jenseits: Ist es gar lebend zu erreichen? Über die unbefahrenen Meere der anderen Welthälfte - wer weiß ... ? Lasst uns das Unbekannte stürmen! Folgt mir!‘

Sie segeln nach Westen, dann nach Süden. Sie sehen alle Sterne der Südhalbkugel. Fünf Monate durchpflügen sie den Ozean, und eines Tages entdecken sie am Horizont einen braunen Berg. Er erscheint ihnen höher als jeder andere, und sie fassen wieder Mut . Da aber erhebt sich ein Sturm, der das Schiff dreimal um sich selbst kreisen lässt, bevor er es beim vierten Mal versenkt ...

Ich kenne das Werk“, bestätigte Doc Schutzbier. „Der braune Berg als Zwischenreich, das die Welt der Götter von jener der Menschen trennt. Mit dem Wunsch, ihn zu erstürmen, fordert Odysseus voller Vermessenheit die Unsterblichen des Olymp heraus und wird dafür bestraft. Dante maß sich ein wenig an ihm, denn er war überzeugt, sich eines vergleichbaren Sakrilegs schuldig gemacht zu haben. Freilich ist das Ganze symbolisch zu verstehen und weist keinerlei Bezüge zu einer realen Geographie auf. Auch die Stoffbearbeitungen Calderons, Schillers und zahlreicher anderer literarischer Größen legen keinen Wert auf Wirklichkeitsnähe. Erst dieses Jahr hat der eifrige Verseschmied Tennyson mit seinem Lotosesser-Gedicht aus Homer und Dante geschöpft ...

Oh ja, ich kenne das Gedicht!“, versetzte Lieutenant Poe.“ Sein Kernstück lautet:

 

Des Krieges und der Meeresungeheuer

sind müde wir. Nun lasset uns am Feuer

im Rausch des Lotos bald Vergessen finden.

Von uns 'ren Fahrten mögen and 're künden:

Zu lang war ’n wir von Ruhmes Sucht besessen,

Längst haben uns die Götter selbst vergessen‘ ... “

 

Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus“, gestand Lafcadio. „Nun erweist sich auch noch die Hälfte der Expeditionsteilnehmer als profunde Literaturkenner!

Dennoch muss ich Ihnen allen gelinde wiedersprechen. Inzwischen ist man längst der Ansicht, Dantes Odysseus sei ein Vorgriff auf die großen Forscher, die Jahrhunderte später die Küsten Amerikas und Indiens erreichen sollten. Die Odysseus-Stellen bei Dante sollen Columbus zu

seiner Fahrt nach Westen über den Ozean angeregt haben: Er habe nur Dantes Odysseus - Reise wiederholt und mehr Glück gehabt.“

Vor Columbus waren allerdings bereits die Wikinger hier“, wandte F. G. Younger ein. „Sollten wir nun aber beweisen können, dass doch die Griechen selbst die wirklichen ersten Entdecker Amerikas waren, dann hätten wir eine Weltsensation.“

Keiner widersprach ihm.

Vielleicht greife ich Ihren Argumenten vorweg, Mr. Swann, aber ich darf vorausschicken, dass mir durchaus eine weitere Quelle vertraut ist, in der eine letzte Reise des Odysseus geschildert wird.

In ihr vermählt Odysseus vor seinem letzten Scheiden seinen Sohn Telemach mit Nausikaa, um den Fortbestand des Hauses zu sichern. Unterwegs hilft er seinem alten Kampfgefährten Menelaos in Sparta, einen Volksaufstand niederzuschlagen. Er nimmt Helena, die des langweiligen Palastlebens müde ist, nach Kreta mit, wo sich die Palastsklaven mit Barbaren aus dem Norden, die als neue Waffen das Eisen mitgebracht haben, gegen König Idomeneus erheben. Odysseus macht sich selbst zum Haupt der Verschwörung und gibt während eines großen nächtlichen Gelages das Zeichen zum Aufstand; er gelingt, der Palast von Knossos wird niedergebrannt . Helena hat sich unterdessen in einen blonden Barbaren verliebt und beschließt, auf Kreta zu bleiben, während Odysseus nach Ägypten weiterfährt. Auch dort verbündet er sich mit Aufrührern und wird im Kampf mit dem Heer des Pharaos gefangengenommen. Durch eine List gelingt ihm schließlich wieder die Flucht, und die wildesten Sklaven und Barbaren schließen sich ihm an.

Nach Kämpfen mit Eingeborenenstämmen gelangen Odysseus und seine Genossen an die Quellen des Nils im Herzen Afrikas und errichten dort eine Stadt. Sie wird jedoch von einem Erdbeben verschlungen, und Odysseus findet sich allein und ohne Hoffnung am Rand des Abgrunds, der seine Gefährten verschlungen hat. Wieder zieht er rastlos weiter.

Am entferntesten Rand Afrikas angelangt, sieht Odysseus vor sich den langersehnten Ozean; auf einem schmalen, zerbrechlichen Floß stößt er vom Land ab und nimmt Kurs auf den Südpol. Ein Sturm wirft ihn an eine felsige Küste; er macht sich auf den Weg landeinwärts und gelangt in ein tiefverschneites Dorf, dessen Bewohner, wilde Robbenjäger, ihn wie einen Gott empfangen. Nachdem er bei ihnen überwintert hat, besteigt er im Frühjahr sein letztes Boot, das aus Seehundsfell gemacht ist . Lange rudert er unter der antarktischen Sonne dahin, bis ihm Charon begegnet. In tiefstem Verständnis fahren sie gemeinsam wortlos weiter, bis das Boot an einem schwimmenden Eisberg strandet ...

Nicht ohne innere Bewegung brach Younger just an dieser Stelle ab.

Die Spannung in den Gesichtern seiner Zuhörer hatte etwas Knabenhaftes an sich. Wer von ihnen mochte in seiner kindlichen Phantasie den Faden der Reisen des Odysseus nicht noch weit über die Erzählungen Homers hinaus weitergesponnen haben?

... was uns nicht weiterhilft“, griff der Botaniker den Faden wieder auf. „Von einer Reise nach Amerika ist in diesem Epos nicht die Rede. Ich darf nun endlich daraus schließen, Mr. Swann, dass Sie eine Quelle entdeckt haben, die bisher keinem von uns bekannt und die hoffentlich konkreter ist als unsere Bezugnahmen es sind.“

Beides trifft zu, Mr. Younger, und ich schließe einen Kreis, indem ich nun wiederum ins alte Europa zurückkehre.

Die Griechenland-Begeisterung König Ludwigs I. von Bayern ist nicht erst von gestern auf heute entstanden. Bereits vor Jahren hat er als Förderer Forscher und Gelehrte seiner Heimat, die nach Griechenland gingen, aus eigener Tasche finanziert. Zu ihnen gehört der angesehene Altertumsforscher und Altphilologe Gerhard Schecher, und ihm ist eine Entdeckung gelungen, deren Bedeutung in diesem Zusammenhang nicht hoch genug angesiedelt werden kann.

Seit dem Beginn der christlichen Zeitrechnung und möglicherweise schon vorher hat es Bestrebungen gegeben, eine Gesamtinhaltsangabe aller trojischen Mythen zu erstellen. Die größte Ausdauer hat darin ein gewisser Proklos bewiesen, der zwischen dem 2. und dem 5. Jahrhundert nach Christus gelebt haben muss. In jahrzehntelanger Arbeit hat er die Epen über sämtliche an Troja beteiligten Helden und ihre Zeit danach zusammengetragen. Offensichtlich ist ihm dies gelungen, und in der Bibliothek von Alexandria dürfte dieser Zyklus zum einzigen und letzten Mal in der antiken Zeit geschlossen vorhanden gewesen sein.

Zu diesem Komplex gehörten mit Sicherheit die Telegonie von Kinaithon und Eugammon aus Kyrene, in der es um Odysseus’ und Circes Sohn geht, und die Nostoi des Agias von Troizen, die - und das ist für uns wichtig - die Fortsetzung und ergänzende Vorbereitung des Homer ’schen Epos zugleich darstellt. Jedoch galt sie seit ewigen Zeiten als verschollen.

Nun aber hat sie vor etlichen Monaten dieser Professor Schecher in Form einer Abschrift ganz in der Nähe von Athen in einem Ruinenberg wiederentdeckt und mit dem Eifer und der Begeisterung eines wahren Forschers umgehend übersetzt und soweit kommentiert, wie es in dieser kurzen Zeit möglich war. Auf eben diese Arbeit aber werden wir uns bei der Expedition stützen.“

Von dieser Nostoi habe ich in der Tat schon gelesen“, erklärte Horace Chapman. „Wie aber konnte Professor Schechers Dokumentation so rasch den Weg in die Neue Welt finden?“

Nicht in die Neue Welt, sondern allein zu mir“, korrigierte der junge Millionär. „Und das habe ich allein meinen guten Beziehungen zu John Franklin zu verdanken, dessen umfangreiche Sendung mich erst vor wenigen Wochen erreicht hat. Sie kennen ihn alle zumindest vom Namen her als Entdeckungsreisenden: Einmal hat er die Terra Australis bereist, zweimal den Nordpol und das Polarmeer. Seit zwei Jahren ist er der Oberbefehlshaber der englischen Seestreitkräfte in den griechischen Gewässern. Dank seiner Besonnenheit ist es ihm bisher gelungen, bewaffnete Auseinandersetzungen zu vermeiden, und dank seiner Aufgeschlossenheit für Altertumsforschung hat er sich auch mit Professor Gerhard Schecher angefreundet.“

Sie kennen John Franklin?“, staunte Walt Redacre, der Geograph.

Und Sie kennen ihn auch“, erwiderte Lafcadio. „Er hat mir davon erzählt.“

Er ist der Mann, ohne den mein Leben anders verlaufen wäre“, war Redacres kurze Antwort.

Nun haben Sie uns lange genug auf die Folter gespannt, Mr. Swann.“ Doc Schutzbier war aufgestanden. „Worum geht es denn nun in dieser Nostoi?“

Nun, in dem für uns wichtigen Abschnitt eben um die letzte Reise des Odysseus - um die einzig wahre, wohlgemerkt, da sie die Nachdichtung von etwas wirklich Geschehenem ist! Da Sie die Schrift Professor Schechers ohnehin bald selbst studieren können, will ich die Handlung der Nostoi nur ganz kurz zusammenfassen.

Odysseus’ innere Ruhelosigkeit bleibt bestimmendes Motiv, doch ihre Ursache wird verlagert. Penelopes scheinbar ewige Jugend, auf die auch in der Telegonie verwiesen wird, setzt dem Helden immer stärker zu. Schon einmal wurde ihm selbst ewiges Leben angeboten, allerdings von der Zauberin Circe, und der Preis dafür wäre seine immerwährende Liebe zu ihr gewesen, für den Helden zu hoch.

Wie aber soll sich der alternde, aus Liebe treu gebliebene Held, nun neben der Alterslosigkeit seiner Gattin verhalten?

Es gibt einen zweiten Weg zur Unsterblichkeit. Als Odysseus zum ersten Mal Nausikaa erblickte, erinnerte er sich an seine Begegnung mit dem Gott Apollo auf Delos. Nun erwächst in ihm erneut die Erzählung von den Äpfeln der Hesperiden, die den Göttern das ewige Leben schenken sollen.“

Ich habe bei den griechischen Sagen nie verstanden, wo das Natürliche endet und das Übernatürliche beginnt“, räumte Ezekiel ein.

Die Griechen waren ihren Göttern näher als wir es jemals sein werden“, entgegnete ihm Chapman. „Odysseus erfuhr den Zorn des Windgottes am eigenen Leib und wurde von einer Göttin beschützt. Wir werden noch lange nicht begreifen, wie weit für die antiken Helden unsere sogenannte Realität ging. Odysseus nahm sein Wissen über die Götter jedenfalls für bare Münze. Nun lassen Sie uns hören, Mr. Swann, was die Äpfel der Hesperiden mit Apoll zutun haben.“

Lafcadio Swann nickte.

Dazu muss ich kurz auf die mythischen Hüterinnen der Gärten selbst, auf die Hesperiden, eingehen. Zuerst sahen sie die alten Griechen noch ‚außerhalb der Welt‘, später erfahren wir aus der Herkulessage, dass dieser bei der Verfolgung der kerynitischen Hirschkuh zunächst ins Land der Hyperboreer, von dort aber unvermittelt in die Gärten der Hesperiden gelangt.“

Hyperborea sagt mir etwas“, warf Doc Schutzbier ein, der sich wieder den Bücherregalen widmete.

Apolls Mutter Leto wurde einst von Zeus für zwölf Tage in eine Wölfin verwandelt und suchte in dieser Gestalt die Hyperboreer auf, die glücklichen Bewohner eines nördlichen Götterlandes, die angeblich Federschmuck im Haar trugen. Ihren Namen hatten sie von , Boreas’, dem Nordwind. Apollo soll der Sage zufolge auch nach seiner Geburt von hyperboreischen Jungfrauen betreut worden sein, die entweder aus dem hohen Norden oder aus dem fernen Westen gekommen waren. Auch soll Apoll den Tempel, den ihm auf Delphi die Bienen aus Wachs und Federn errichtet hatten, nach Hyperborea gebracht haben. Dorthin verschwand der Gott alljährlich, um mit einem Schwanen oder einem Greifengespann zurückzukehren.“

Lieutenant Poe bewies, dass er bereits am weitesten vorausgedacht hatte.

Folglich schloss Odysseus aus den eigenen Kenntnissen, dass er, um den Garten der Goldenen Äpfel der Unsterblichkeit zu erreichen, erst einmal dieses legendäre Hyperborea im fernen Westen durchqueren musste, um durch das Land weiter nach Norden zu gelangen. Wie aber stellte er sich die Gewährung der Äpfel vor, die von den Hesperiden doch allein den Göttern vorbehalten wurden?“

Eine gute Frage“, wurde er von Lafcadio gelobt, „doch hatte Odysseus durch den Hermessohn Autolykos, seinen Großvater, selbst göttliches Blut in den Adern. Wie sollten ihm da die Hesperiden die Unsterblichkeitsäpfel verweigern können, wenn er sie nur erst einmal gefunden hatte?“

Nun verstehe ich John Franklins Interesse“, warf der Geograph Redacre ein. „In der Legende um Hyperborea liegt das Land eine Jahreshälfte in Finsternis ... für ihn als Nordpolforscher ergeben sich daraus äußerst faszinierende Gesichtspunkte.“

Vielleicht bin ich hier am langsamsten von allen von Begriff“, ließ Kit sich zum ersten Mal vernehmen. „Sie wollen also nach Spuren suchen, die beweisen, dass Odysseus mit dem legendären Hyperborea Amerika gemeint hat und deshalb bis hierher gesegelt ist? Stimmt das auch mit den Vermutungen dieses Professor Schecher überein?“

Er geht in der Tat soweit. Damit kann ich mir die Idee leider nicht mehr selbst zugute schreiben; indes dünkt es mir als ausreichende persönliche Befriedigung, den Beweis für diese Theorie zu erbringen.

Allerdings sind die Nachforschungen aufwendig genug, um in zwei Gruppen vorgehen zu müssen. An der Spitze des kleineren Trupps werden Mr. Chapman und Mr. Younger stehen. Sie werden an Bord eines Raddampfers der American Fur Company gehen, der als erstes Schiff versucht, ins nördliche Dakota vorzudringen, und zwar bis nach Fort Union. Für jeden Zwischenstopp auf Wunsch Ihrer Kollegen wird die Company mehr als hinreichend entschädigt werden.“

Falls wir nicht ohnehin das Schiff unterwegs zur Gänze verlassen werden“, wandte Chapman ein.

Für den jungen Trapper war es eine ungeheure Erleichterung, dass man in den folgenden zweieinhalb Stunden zur konkreten Planung des Unternehmens überging. Hier wenigstens konnte er so manches Wort mitreden.

Beim Hinausgehen warf er einen unauffälligen Blick auf das zerknüllte Leinentaschentuch, in das Lafcadio Swann hineingehustet hatte, um es danach achtlos in eine Ecke zu werfen.

Die winzigen braunen Flecke waren längst getrocknet. Es konnte sich nur um Blut handeln.

 

 

NIAGARA FALLS

 

 

Land, wo Land nie geahnt! Es umarmten die Helden vor Freude

Mast um Mast ihres Schiffs, deren lebende Bruder von fernen

Küsten, die nie eines Griechen Augen erblickt, freundlich grüßten.

Darauf erhob Neoptolemos freudig die Stimme als erster:

Hyperborea, oh Land, in dem ewiges Leben gewährt wird!

Nun, Gefährten, gilt es, jenen Eingang des Gartens zu finden,

der, hinter Schleiern aus stürzenden Wassern verborgen, weit höher

als jeder Baum und Palast, die Unsterblichkeitfrüchte hervorbringt.“

Wahre Worte, mein Freund“, sprach Menelaos, doch wisse,

dass die Goldenen Äpfel der Hesperiden nur findet,

wer einem Flusse folgt, dessen Mündung von schrecklichen Echsen,

Bestien Ägyptens gleich, bewacht wird, deren Bezwingen

Einlass allein gewährt ins Reich des ewigen Lebens.“

Still blieb indessen Odysseus, der listenreichste von allen,

der einst Troja bezwang: Ihn drückte geheim eine Ahnung,

dass das ewige Leben nur ihm, keinen zweiten beschieden,

derart, dass er den richtigen Fluss zu den Gärten der Götter

niemals fände, bevor seine Freunde ihn sämtlich verlassen.

Wollte nun Neoptolemus Abschied als erster gleich nehmen,

galt es zu warten, bis Menelaos der Echsen Spur folgte.

Erst danach würde ihm, den Kämpfer von Ithakas Küsten,

sich offenbaren der Weg zur Unsterblichkeit - ihm, keinem and ‘ren.

 

 

Seit dem Aufbruch der Expedition waren noch keine zwei Wochen vergangen. Sämtliche Teilnehmer hatten in dieser Zeit Gelegenheit gehabt,sich näher kennenzulernen, da die Aufspaltung in Haupt- und Nebengruppe erst lange nach Abschluss der ersten Phase vorgesehen war.

Ruhig wälzten sich die Fluten des Susquehanna unter der milden Nachmittagssonne dahin. Abseits jeder Niederlassung hatten die Männer in der Nähe des Flussufers ihr frühes Lager errichtet.

Längst war dieser Abschnitt des Landes von Weißen nicht mehr unberührt. Dort, wo der Wald seit Urzeiten nur die Stimmen der Indianer und die Rufe des Rotwilds vernommen hatte, stieß man inzwischen unversehens auf einzelne Äcker und Einödhöfe, die in ihrer zierlichen Bauweise an englische oder holländische Pachthöfe erinnerten, manche nur bis zur Hälfte ausgebaut, wo die dichte Wölbung uralter Baumkronen als ausreichend angesehen wurde. Vereinzelt waren sogar Kirchtürme emporgeragt, doch am meisten hatte Kit ein an zwei Ketten von einem dicken Walnussbaumast hängendes Schild beeindruckt, das zum Besuch einer nahegelegenen Wirtschaft lockte.

Der Flussabschnitt, an dem Swann und seine Begleiter sich niedergelassen hatten, war mit Kirschbirken und Essigbäumen bestanden. Aufmerksam waren alle der Vorlesung Lafcadios aus den Fragmenten der „Nostoi“ des Agias von Troizen gefolgt.

Sechzig Tage voller Schrecken, Ungewissheit und Wunder auf dem schier endlosen Weltmeer, dem Okeanos, und diese unglaublichen Abenteuer ... der seltsame Tod der beiden Ruderleute ohne äußeren Anlass: vielleicht Mangelkrankheiten?" Horace Chapman sog gedankenvoll an seiner Meerschaumpfeife. „Auch die Fahrzeit könnte hinkommen. Aber ich bin Historiker, und meine Altphilologie hat so ihre Lücken. Wer war Neoptolemos?“

Ein auf der Insel Skyros geborener Kämpfer, den Odysseus und Phoinix in der letzten Phase der Belagerung Trojas zur Unterstützung herbei riefen“, belehrte ihn Lafcadio. „In seinen ‚Philoktetes’ erzählt Sophokles von der früh entstandenen Freundschaft des Neoptolemos mit Odysseus. Er half ihm einst, sich des Bogens des Herakles zu bemächtigen, und er war auch einer der Insassen des hölzernen Pferdes. Ihre gegenseitige Treue hatte mehr als genug Proben bestanden, bevor sie diesen letzten Aufbruch ins Ungewisse ebenfalls zusammen unternahmen.“

Horace Chapman nickte, doch ihm schien noch eine weitere Frage auf den Lippen zu liegen.

Was mir seltsam vorkommt: Diese griechischen Helden stoßen auf ein völlig unbekanntes Land, größer als alle Länder zusammen, die sie bisher kannten, und möglicherweise gar von den mächtigen Göttern bewohnt. Wie konnten sie da auf den Gedanken kommen, sich zu trennen, wo von ihrer Gesamtstärke doch möglicherweise ihr Überleben abhing?“

Mir erscheint es nachvollziehbar“, meldete sich F.G. Younger, der Botaniker, unversehens zu Wort. „Denn durch den Anblick dieser unbekannten Gestade war jedem der griechischen Helden der bisherige Glaube zur gestaltgewordenen Gewissheit geraten. Umso mehr setzte sich in jedem von ihnen die Überzeugung fest, dass erst recht jede weitere Einzelheit ihres ganz persönlichen Glaubens nur noch einer Bestätigung harrte. Gerade deshalb musste jeder der drei Helden seinen eigenen Weg gehen.“

Ich kann mir noch einen ganz anderen Grund dafür vorstellen.“

Überrascht blickten alle auf Walt Redacre, den Geographen, von dem niemand einen Einwand erwartet hätte.

Ehrgeiz“, fuhr der dunkelhaarige Wissenschaftler fort. „Ehrgeiz, als erster ans Ziel der Unsterblichkeit zu gelangen.“

Lafcadio Swann schnappte nach Luft.

Bei Gott, da könnte etwas dran sein! Helena war die Zeustochter des Baumkultes, Menelaos ihr sterblicher Gatte! Und Neoptolemos konnte über Achilles und Thetis ebenfalls auf göttliche Herkunft zurückblicken! Dann mag diese Trennung der Helden möglicherweise auch das endgültige Ende ihrer Freundschaft bedeutet haben. Was für ein beklemmender Gedanke. Wie sind Sie darauf gekommen, Mr. Redacre?“

Ich weiß von John Franklin, was es bedeutet, sich an anderen messen zu müssen, die ihren Ehrgeiz durch Schnelligkeit erfüllen wollen“, erwiderte der Geograph. „Und so erkläre ich mir die Trennung.“

 

Traum! Ob er nun dem Leben Farbe schafft,

ob Widerstreit er spiegelt, schattenhaft

und neblich, zwischen Schein und Wirklichkeit,

dem phantasiernden Auge zeigt er weit

mehr Liebesglück und Paradiesesfrieden,

als Hoffnungs schönstem Augenblick beschieden."

 

Alle Köpfe wandten sich Lieutenant Poe zu, der sich nach diesen Versen in ihrer Mitte niederließ.

,Sie haben uns also belauscht“, stellte Lafcadio Swann fest, „und Ihre Strophe hat den Kern der Sache getroffen. Denn die griechischen Helden strebten nichts anderem als einem Traum entgegen, dessen Erfüllung keinem Sterblichen beschert war. Wer hat dieses schöne Gedicht verfasst?“

Sein Name ist unbekannt geblieben“, erwiderte der junge Offizier. „Wir werden morgen die Niagarafälle erreichen.“

Ihre Soldaten haben Sie gesucht, Officer“, ließ Kit sich vernehmen. „Ohne Sie scheinen sie sich nicht besonders sicher zu fühlen.“

Dem Angesprochenen schien der gutgemeinte Spott in diesen Worten zu entgehen, da er in seiner Antwort nicht darauf einging.

Ich war dabei, Mr. Calhoun und Mr. Longhurst zu folgen, doch ihr forsches Tempo hat sie mir offensichtlich zu rasch davongetragen. Dabei wäre ich gerne bei der Jagd dabei gewesen. Doch zurück zum Niagara, Mr. Swann. Sie haben ihn mit Neoptolemos in Verbindung gebracht?“

In der Tat, Mr. Poe. Die griechischen Schiffe müssen von Grönland heruntergekommen sein, und Neoptomelos scherte als erster aus dem Verbund aus. Auf dieser Höhe führt der St.-Lorenz-Strom ins Landesinnere und zu den Niagarafallen, die in einigen Theorien erwähnt werden. Hier aber möchte ich Chateaubriand zitieren, einen der berühmtesten Erkunder der Neuen Welt, der jedoch zweifellos aus seiner profunden Kenntnis der Alten schöpfte, als er in seiner ,Reise in Amerika‘ - ich zitiere - schrieb: ,Am Ende des Thales, doch weit entfernt, gewahrt man die Gipfel der hyperboreischen Berge, auf denen Gott die Quellen der vier größten Flüsse des nördlichen Amerika geöffnet hat. Aus einem Schoße entsprungen, fallen sie nach einem Laufe von zwölfhundert Meilen in vier verschiedene Weltgegenden, in vier Oceane ... ‘ Gemeint sind zu seiner Zeit der Ontawai, der Westfluss, der Mississippi und der St.-Lorenz-Strom. Heute haben wir den Irrtum darin erkannt, doch er ändert nichts an der älteren Weitsicht, derer sich Chateaubriand hier bedient hat, deren Ursprung hingegen gänzlich unbekannt geblieben ist: Werden wir ihre Wurzeln ergründen? Sind wir an ihrer Quelle, wenn wir auf Neoptolemos‘ Spuren stoßen, die einem bisher verschollenen Epos der Antike als Grundlage gedient haben?“

Nachts schlief Kit nicht weit von Lafcadio Swann entfernt. Mehrmals wurde er durch sein Husten geweckt, das der junge New Yorker Millionärssohn vergeblich zu ersticken versuchte.

Was trieb einen Kranken mit einer solchen Besessenheit wirklich in die Wildnis und ins Ungewisse? Der junge Trapper konnte sich nicht vorstellen, so bald eine Antwort auf diese Frage zu erhalten.

 

*

 

Die Stadt Niagara Falls ging auf eine Getreidemühle zurück, die erst vier Jahre vor Kits Geburt am gleichnamigen Fluss errichtet worden war. Die Expedition hatte einkalkuliert, in ihr die Bestände aufzufüllen, und war nicht enttäuscht worden.

Lafcadio Swann hatte in den vergangenen Wochen ein wenig Farbe bekommen und verriet keine Sehnsucht nach der Zivilisation. Nachdem man alle Besorgungen erledigt hatte, verließ man die kleine Stadt, um einen nahegelegenen verlassenen Bauernhof aufzusuchen, dessen Wohnhaus, Stall und Heuschober Platz für die gesamte Ausrüstung und sämtliche Expeditionsteilnehmer samt Reittieren boten.

Während Ezekiel eine halbzerfallene Bettstadt in Beschlag genommen hatte, war Kit im Freien geblieben. Noch vor Morgengrauen wurde er wach.

Swann hatte nichts darüber verlauten lassen, wie lange sie hier nachforschen wollten, doch Kit wollte die erste sich bietende Gelegenheit wahrnehmen, den Niagarafällen allein gegenüberzustehen. Zu mächtig war ihr Eindruck, als dass er ihn durch nichtssagende Kommentare gestört wünschte. Rasch war er in den Stiefeln und folgte ihrer Richtung.

Nach wenigen Minuten war das ferne Rauschen zu vernehmen, und der junge Scout spürte eine gewisse Erregung in sich hochsteigen, die sein Herz mit jedem Schritt, den er sich den Fällen näherte, schneller schlagen ließ.

Endlich war er so nahe heran, dass ihm die Ohren dröhnten.

Hatte Neoptolemos in der Tat den Eingang zu den Gärten der Hesperiden hinter diesen „Schleiern aus stürzenden Wassern“ vermutet und gesucht? Dem jungen Scout war die griechische Mythologie immer noch nicht so recht vertraut geworden. Richtig in die Alten hineinversetzen hätte er sich können, wenn ihr Schiff aus der entgegengesetzten Richtung gekommen wäre, vom Eriesee her. Eine Nähe vorausgesetzt, aus welcher das Sichtfeld gänzlich von der Kante des stürzenden Sees mit der Verschmelzung des Horizonts eingenommen wurde: So mussten sich die Altvorderen das Ende der Welt vorgestellt haben, den Rand der Scheibe, an der alle Meere ins Nichts stürzten.

Im einsetzenden Morgengrauen erkannte Kit, dass er nichtwissend einer frischen Spur gefolgt war. Eine böse Ahnung beschlich ihn.

Die Tritte führten die südliche Begrenzung der Fälle hinauf. Halb taub von den tosenden Wassermassen folgte ihnen der junge Trapper, bis sie auf halber Höhe der Fälle nach rechts abbogen. Sie endeten an einer Kirschbirke, um die ein Wurfseil geknotet war. Es verlief in gespanntem Zustand zu den Fällen hinunter.

Als Kit sich, selbst am Seil Halt suchend, so nahe an den tosenden Wassern nach unten beugte, dass er selbst in Sekundenschnelle durchnässt war, fand er seine schlimmsten Befürchtungen in Form Lafcadio Swanns, der am anderen Seilende hing, in vollem Umfang bestätigt.

He, Swann! Kommen Sie zurecht?“

Der hochgewachsene Trapper versuchte zugleich, das Donnern der Fälle zu übertönen und Lafcadio nicht zu erschrecken.

Was suchen Sie denn da unten?“

Der junge Millionärssöhn wirkte durch die klatschnasse Kleidung, die an seinem Körper klebte, noch hagerer. Das schmale Gesicht wies hektische rote Flecken auf, und seine Augen leuchteten.

Ich will wissen, wie es hinter den Wasserfällen aussieht, Mr. Carson!“ Swanns Stimme war kaum zu vernehmen. „Aber für heute, denke ich, reicht es bereits!“

Zumindest in diesem Punkt waren sich der junge Trapper und der Millionär einig. Kit fragte sich ohnehin bestürzt, wie sich die bisherigen Anstrengungen auf Swanns fragile Gesundheit ausgewirkt haben mochten. Bei seinen Versuchen, von selbst wieder am Seil hochzuklettern, sah Kit ihm nur kurz zu.

Lassen Sie davon ab, Mr. Swann!“, rief er hinunter. „Ich werde Sie hochziehen!“

Sein Auftraggeber nickte, zustimmend und bittend zugleich. Kit stand auf, überprüfte den Knoten des Seils am Baum, suchte mit den Füßen festen Halt und begann zu ziehen.

Als er gerade schätzte, wie wenige Yard er Swann bereits nach oben geholfen haben mochte, nahmen seine festgeklammerten Hände eine leichte, kurze Vibration wahr, die er nur allzugut kannte und bei der sich seine Nackenhaare aufrichteten.

Im nächsten Moment riss das Seil auch schon.

Lafcadio fiel auf die flache Stelle zurück, die ihm zuvor als Standpunkt gedient hatte, und fast sah es so aus, als würde er wieder Halt finden. Dann aber glitt er ab, und der Wasserfall verschlang ihn.

In der gleichen Sekunde schnellte sich Kit von den Felsen ab.

Während er mit dem Kopf nach unten in die Tiefe flog, versuchte er verzweifelt, Lafcadio nicht aus den Augen zu verlieren.

Dann schlugen die Fluten über ihm zusammen.

Einige Augenblicke fühlte sich Kit wie ein Sandkorn, das man in einen Topf kochenden Wassers geworfen hatte. Panik überkam ihn, bis er den Kopf wieder oben und die Füße unten hatte. Etliche Yard über ihm fiel das Licht des Morgens durch die Wasseroberfläche.

Wo war Swann?

 

 

VERDACHT UND GEWISSHEIT

 

 

Brodelnde Kaskaden wütender Sturzwasser stießen einen konvulsivisch zuckenden Menschenleib nach jedem kurzen Aufsteigen erneut in die Tiefe, drehten ihn um die eigene Achse und schoben ihn dabei auf die dunkle Felswand hinter dem Wasserfall zu.

Als Kit des gepeinigten Körpers endlich ansichtig wurde, erkannte er im gleichen Augenblick, dass ihm zu Swanns Rettung nur diese Richtung blieb - falls es überhaupt noch eine Rettung geben konnte.

Der Scout versuchte, nicht an seinen schwindenden Luftvorrat zu denken. Er kickte nach unten und schwamm los. Dabei hatte er große Schwierigkeiten, tiefer zu kommen, bis auch er den Ausläuferdruck der Tonnen herabstürzender Wasser in den Rücken bekam. Nun wurde er geradezu auf Swann zugeschoben.

Kit ergriff den hilflosen Körper an dem Seil, das sich Swann um die Hüften gebunden hatte, und zog ihn, einhändig schwimmend und dabei dem Druck der Sturzwasser gehorchend, Richtung Felswand. Als er schon das Gefühl hatte, dass seine Lungen bersten müssten, durchstieß er, endlich die Wasseroberfläche und rang nach Luft. Mit neuer Kraft brachte er Swanns Kopf auf gleiche Höhe mit dem seinen.

Sie waren in einem Hohlraum zwischen der Felswand und den Kaskaden heraufgekommen. Der daraus entstehende Widerhall steigerte das Donnern der Niagarafalle hier zur schieren Unerträglichkeit.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905779
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (November)
Schlagworte
carson swann-expedition

Autor

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Titel: Kit Carson 12: Die Swann-Expedition