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Roy Matlock - der Eisenbahnmarshal #4: Bill Mercers Rache

2016 120 Seiten

Zusammenfassung

Der ehemalige Südstaaten-Offizier Delmont und seine Bande haben einen Zug kurz vor der Brücke über den Colorado River zum Entgleisen gebracht. Dabei sind viele Menschen ums Leben gekommen – unter anderem auch der Verlobte von Lydia Mackenzie. Der Bahnmarshal Bill Mercer wurde ebenfalls schwer verletzt, aber er hat den Anschlag überlebt. Sowohl Lydia als auch Mercer sind bis heute nicht darüber hinweggekommen, was damals geschehen ist. Delmont und seine Kumpane sind seitdem spurlos verschwunden. Die Suche nach ihnen brachte kein Ergebnis.
Mercer leidet noch heute unter den Folgen des Anschlages. Deshalb muss er regelmäßig einen Arzt in Sacramento aufsuchen – und ausgerechnet in Sacramento sieht er den Mann wieder, dem er sein Schicksal verdankt. Der Mann nennt sich heute Boone und hat großen Einfluss in der Stadt.
Jetzt kann nur noch einer helfen – Mercers alter Freund Roy Matlock. Als dieser davon hört, was Mercer vorhat, willigt er sofort ein. Ein riskantes Spiel beginnt, bei dem auch Lydia Mackenzie eine wichtige Rolle spielen soll. Gemeinsam versuchen sie, den gesuchten Bahnräuber und dessen Komplizen zu überführen.

Leseprobe

Roy Matlock – der Eisenbahnmarshal

 

Band 4

 

Bill Mercers Rache

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von W.H.Dunton mit Steve Mayer, 2016

Früherer Originaltitel: Die Brücke am Colorado

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

Klappe

 

Der ehemalige Südstaaten-Offizier Delmont und seine Bande haben einen Zug kurz vor der Brücke über den Colorado River zum Entgleisen gebracht. Dabei sind viele Menschen ums Leben gekommen – unter anderem auch der Verlobte von Lydia Mackenzie. Der Bahnmarshal Bill Mercer wurde ebenfalls schwer verletzt, aber er hat den Anschlag überlebt. Sowohl Lydia als auch Mercer sind bis heute nicht darüber hinweggekommen, was damals geschehen ist. Delmont und seine Kumpane sind seitdem spurlos verschwunden. Die Suche nach ihnen brachte kein Ergebnis.

Mercer leidet noch heute unter den Folgen des Anschlages. Deshalb muss er regelmäßig einen Arzt in Sacramento aufsuchen – und ausgerechnet in Sacramento sieht er den Mann wieder, dem er sein Schicksal verdankt. Der Mann nennt sich heute Boone und hat großen Einfluss in der Stadt.

Jetzt kann nur noch einer helfen – Mercers alter Freund Roy Matlock. Als dieser davon hört, was Mercer vorhat, willigt er sofort ein. Ein riskantes Spiel beginnt, bei dem auch Lydia Mackenzie eine wichtige Rolle spielen soll. Gemeinsam versuchen sie, den gesuchten Bahnräuber und dessen Komplizen zu überführen.

 

 

 

 

Roman

 

Als die Sonne an diesem Morgen ihre ersten Strahlen gegen das Firmament schleuderte, würde die Brücke nur noch eine knappe Stunde stehen.

Sie überspannte das weite ausgetrocknete Flussbett und war ganz und gar aus Holz gebaut. Ein Wald war dafür gerodet worden. Hoch oben in schwindelnder Höhe hatten bisher die Züge das Tal überquert. Aber nur noch einer sollte sie bis zur Hälfte passieren. Im Tal herrschte Stille - die Stille des Todes.

Etwa hundert Schritt vom Ort des Geschehens entfernt stand an einem Brückenende leicht vorgebeugt ein hagerer Mann mit grauen Schläfen und ledernem Gesicht. Ausdruckslos blickten die dunklen Augen auf das Zifferblatt einer Taschenuhr, die er in seiner Rechten hielt. Er klappte den Deckel zu, schob die Uhr mit zufriedenem Nicken in die Westentasche zurück und spähte dann prüfend die Gleise entlang zur anderen Seite der Brücke hin. Dort waren die Vorbereitungen ebenfalls abgeschlossen.

Einer seiner Männer kletterte gerade auf den Mast der Telegrafenleitung. Und auf ein Handzeichen des Hageren hin zwickte er mit der Zange den Draht durch. Die Leitung fiel herunter, und es entstand ein singendes Geräusch.

Jetzt ein Blick des Hageren in die Tiefe. Neben gewaltigen Quadern, die da unten lagen, wurde das Flussbett von Schotter bedeckt. Nach der Schneeschmelze oben in den Bergen bildete sich hier ein reißender Strom. Jetzt war noch nicht einmal ein Rinnsal zu erkennen.

Nachdenklich sah der hagere Mann in die Runde. Noch einmal versuchte er sich irgendwelche Komplikationen dessen vorzustellen, was er und seine Männer vorhatten.

Als er die Schienen zurückging und die Brücke hinter sich ließ, bewegte er sich auf einer aus Baumstämmen und Steinen errichteten Barriere über den Schienen. Dort bei der Barriere stand ein halbes Dutzend Männer, alle die Gewehre in den Händen, bereit, den Befehlen des Hageren zu folgen. Sie schauten ihm allesamt entgegen. Ein paar von ihnen grinsten erwartungsvoll und hofften wohl auf ein Lob für ihre Arbeit.

Der Hagere ging um das Bauwerk herum, das den Zug zum Halten bringen sollte, betrachtete es kritisch, nickte aber dann zufrieden und war der Überzeugung, dass kein Lokführer eine solche Barriere unterschätzen würde.

Er zog an der Kette die Uhr aus der Westentasche, ließ den Sprungdeckel aufschnappen und sah kurz aufs Zifferblatt. Dann wandte er sich seinen Männern zu und sagte: „Noch gut eine halbe Stunde. Ich denke, dass wir kurz danach um einen Haufen Geld reicher sind. Kennt jeder seine Position? Oder hat irgendwer noch eine Frage?“

Er sah die sechs Männer an. Ein paar von ihnen zuckten die Schultern, sahen auf ihre Nachbarn. Die anderen schüttelten stumm den Kopf.

Es waren harte Burschen, die er da um sich geschart hatte. Stahlhart. Ein paar von ihnen waren früher einmal Cowboys gewesen. Die Not im Winter hatte sie zu Banditen gemacht. Zwei andere stammten aus dem Süden. Nach dem für sie verlorenen Krieg hatte es für sie keinen Wiederanfang gegeben, keinen geregelten jedenfalls. So wie ihm selbst, dem Hageren, der einmal Offizier der Südstaaten-Armee gewesen war und seitdem keinen Rückweg ins bürgerliche Leben finden konnte.

Aus einem allgemeinen Krieg war sein persönlicher Krieg geworden, bei dem es allerdings nicht um irgendwelche Ideale, sondern ganz schlicht um schnelles Geldverdienen ging, und dies hier, der Hold up an der Brücke, sollte der ganz große Geniestreich werden. Denn in diesem Zug, den sie alle sehnsüchtig erwarteten, befand sich eine gigantische Beute. Ein für die damalige Zeit gigantischer Betrag von etwas über hunderttausend Dollar.

Der Hagere hatte alles geplant bis ins kleinste. Er war sicher, keinen Fehler gemacht zu haben. Ihn und seine Männer kannte hier niemand. Keiner stammte aus dieser Gegend. Und keiner würde hierher zurückkommen. Immerhin hatten sie einen Monat hier verbracht, um alles sorgfältig vorzubereiten. Der Hagere ließ sich nicht auf Glück und Zufall ein, er wollte alles berechnet haben. Er wusste auch, wer die Männer waren, die diesen Zug fuhren. Er kannte auch das Innere des Packwagens ganz genau, die Stelle auch, wo sich der Tresor befand, in dem das Geld lag. Er wusste, dass drei Personenwagen angehängt waren und dass möglicherweise eine ziemliche Zahl von Passagieren in ihnen saß. Aber er hatte nicht vor, einen Passagier zu verletzen.

Die Begleitmannschaft befand sich, wie er präzise wusste, im Packwagen. Es gab da einen Bahn-Marshal und zwei weitere bewaffnete Männer. Und dann den Packwagenschaffner. Mehr würde die Union Pacific Railroad nicht zum Schutze des Geldes einsetzen, auch das war sicher. Man hatte dafür einen plausiblen Grund. Eine stärkere Schutzmannschaft würde auffallen, und das wiederum war ein Beweis für eine größere Geldsumme im Tresor. Und das genau wollte man niemanden so offenkundig zeigen. Also würde diese große Summe genauso befördert wie die weit geringeren Beträge, die in den eingebauten Tresoren der Packwagen mitgeführt wurden.

Der älteste seiner Männer, dessen Haar schon ergraut war, der ein Gesicht hatte, das aus unzähligen Falten zu bestehen schien, kam jetzt auf den Hageren zu und sagte: „Zurück können sie auch nicht. Ich habe die Sprengladung an die Schienen gesetzt, für den Fall, dass sie versuchen zurückzustoßen, um rückwärts zu entkommen. Dann haben wir sie voll in der Falle, Captain.“

Der Hagere lächelte. Auf Vatman konnte er sich verlassen. „In Ordnung“, sagte er. „Geht jetzt auf eure Plätze. Wir haben noch etwas Zeit, aber keinen Alkohol. Getrunken wird erst viel später. Wir müssen uns jetzt zusammennehmen, damit nichts schief geht.“

Von uns hat keiner getrunken“, erwiderte Vatman.

Also, Männer, es muss klappen. Aber sollte doch etwas schiefgehen und sie haben trotz aller Informationen eine stärkere Begleitmannschaft, dann donnert nicht wie die Wahnsinnigen in der Gegend herum, sondern seht zu, dass ihr wegkommt. Sie können nur zu Fuß sein, werden uns also nicht folgen. Sind die Maultiere alle bereit?“, wandte er sich wieder an Vatman.

Der nickte. „Sie stehen drüben im Gehölz, da kann nichts passieren. Bonny ist dabei.“

Delmont, den sie hier nur Captain nannten, nickte zufrieden. Bonny, das war der Schwarze Bonaparte, den er selbst aus dem Krieg mitgebracht hatte und der ihm treu ergeben war. Auf Bonny war Verlass. Bonny würde sich eher zerfleischen lassen, als einem Befehl seines geliebten Captains nicht nachzukommen.

Delmont, der ehemalige Südstaaten-Captain aus der Zeit des Bürgerkrieges, wirkte gelassen, ja, eiskalt. Aber das täuschte. In seinem Innern sah es nicht so aus. Er wollte Schluss machen, Schluss mit all dem, was in den letzten Jahren seit dem Krieg hinter ihm lag. Diese Überfälle auf Banken, auf Züge, Postkutschen und eben alles, was eine Beute versprach. Nie hatten sie einen dicken Fischzug machen können. Seine Männer waren bis auf Vatman und Bonny immer wieder andere gewesen. Er und sie hatten oft genug die größten Schwierigkeiten gehabt, sich aber immer bemüht, möglichst kein Blut fließen zulassen.

Eine Zeitlang, so kurz nach dem Krieg, richteten sich Delmonts Überfälle ausschließlich auf Militärzüge der Unionstruppen. In dieser Zeit war er für die Leute des Südens so etwas wie ein Volksheld geworden. Aber dann ebbte der Nationalismus des geschlagenen Südens merkbar ab. Es gab kaum noch Militärtransporte mit Wagenkolonnen oder später sogar mit der Bahn. Und noch weniger war Beute auf diese Weise zu machen. Delmont musste sich private Unternehmen aussuchen, und von einem Mal zum anderen schwand die Sympathie der Leute im Süden für ihn. Und jetzt war er für sie ganz offensichtlich nichts weiter als ein Bandit.

In den Staaten, die von der Union Pacific Railroad durchquert wurden, hatte man so stark Jagd auf Delmont gemacht, dass er sich weit in den Süden verziehen musste, eine Weile in Kalifornien untertauchte und sich dort mit Überfällen auf Goldsucher am Leben hielt. Eines Tages aber erhielt er so genaue Informationen über einen Geldtransport der UPRR, dass er sich auf den Weg gemacht hatte, um den ganz großen Fischzug einzuheimsen.

Die Männer, die ihn begleiteten, waren ausgesucht. Jeder von ihnen war nach Delmonts Meinung ein Meister seines Fachs. Insgesamt waren sie acht Mann. Und Delmont war überzeugt, dass diesmal sein Coup gelingen musste. Es sollte sein letzter Coup werden, hatte er sich vorgenommen. Und es würde sein letzter Coup sein.

Während die Zeit zäh wie Honig dahinfloss und die Männer gespannt warteten, ahnte wohl niemand von ihnen, was da in wenigen Minuten passieren würde.

Vatman, der in regelmäßigen Abständen aus seinem Versteck auftauchte und zu den Schienen ging, um sein Ohr daraufzulegen, rief plötzlich: „Er kommt, ich höre ihn!“

Das Verhängnis nahm seinen Lauf. Das Rad des Schicksals lief, und niemand war imstande, in die Speichen zu greifen und es zurückzuhalten.

 

*

 

Ein wenig neidisch blickte der Heizer der Baldwin 440 Lokomotive auf das Liebespaar drüben im Schatten des Lagerschuppens. Er kannte sie alle beide. Den jungen Eric Thompson, der als Zugführer diese Fahrt mitmachte, und Lydia Mackenzie, die dunkelhaarige, bildhübsche Tochter des großen Ranchers Rudyard Mackenzie, der diesem wilden Land ein kleines Königreich abgetrotzt hatte. Jeder hier, der diese Gegend kannte, wusste, dass Eric Thompson und Lydia Mackenzie so etwas waren wie Romeo und Julia. Sie liebten sich und sollten nach dem Willen von Lydias Vater doch nicht zusammenkommen. Er wollte einen Rindermann zum Schwiegersohn. Und keinen Bahnmenschen wie Eric.

Sie liebten sich dennoch, ungeachtet aller Drohungen von Lydias Vater.

Lydia hörte dem großen blonden jungen Mann zu, den sie so sehr liebte und mit dem sie doch so selten zusammensein konnte. Er erzählte ihr seine Träume von der gemeinsamen Zukunft. Sie mochte es, wenn er so sprach. Aber sie kannte ein süßes Geheimnis, von dem er noch nichts wusste. Und nun, als sie so vor ihm stand, in seinen Armen lag und ihn ansah, da verriet sie ihm:

Ich glaube, ich werde mit dir fliehen. Eines Tages muss ich es tun.“

Aber Lydia, ich kann nicht fliehen, da gebe ich meinen Job auf“, erwiderte er.

Sie lächelte traurig. „Ich werde müssen. Glaubst du, mein Vater hat Verständnis dafür, dass ich von dir ein Kind bekomme?“

Eric traf es wie ein Hammer. Er sah sie erschrocken an.

Du bekommst ... du bist schwanger? Verdammt, wie konnte das passieren?“

Wie so etwas passiert“, entgegnete sie lachend. „Darüber bin ich nicht traurig. Und ich hatte ja gehofft, du freust dich auch.“

Verdammt noch mal, ich freue mich auch. Aber auf der anderen Seite, glaubst du, dass er jetzt sein Jawort gibt?“

Sie schüttelte verbissen den Kopf. „O nein“, meinte sie, „auch wenn ich ein Kind vor dir bekomme, er wird nie einverstanden sein, dass ich dich heirate. Ich weiß, dass er mich sehr liebt, und das ist der einzige Grund, warum er nicht schon ein paar Männer losgeschickt hat, die dich zum Teufel jagen. Das ist so seine Redensweise. Er sagt es ein paarmal am Tag. Aber damit wäre er mich auch los. Und das weiß er. Deshalb hält er zähneknirschend still. Aber ein Einverständnis ... Ich müsste warten, bis ich einundzwanzig bin. Anderthalb Jahre noch.“

O Hölle, welch ein Verhängnis“, knurrte Eric. Er blickte hinüber zum Zug. „Ich muss, wir fahren gleich. Ich kann nicht erst in letzter Sekunde kommen, schließlich bin ich der Zugführer.“

Sie sah ihn stolz an. „Aber der jüngste Zugführer auf der ganzen UPRR-Strecke.“

Es tat ihr weh, ihn ziehen lassen zu müssen. Und sie empfand zum ersten Mal bei einer Trennung von ihm Angst, Angst vor etwas, das sie gar nicht hätte erklären können. Sie spürte so einen eigenartigen Druck unter dem Herzen. Das Kind konnte es noch nicht sein. Sie war höchstens im vierten Monat. Nein, da merkt man noch nichts von einem Kind.

Ich glaube, irgendwie geht die Zeit herum“, sagte sie tröstend. „Ich meine die anderthalb Jahre. Und vielleicht wird er doch noch weich. Vielleicht schaffe ich es. Weihnachten könnte so ein Augenblick sein. Da wird er immer sehr sentimental. Kann sein, dass er dann sagt: Also, dann tut, was ihr wollt. Das sagt er nämlich oft, wenn er schließlich nachgibt. Bis jetzt hat er mir jeden Wunsch erfüllt. Nur das mit uns beiden, da war er so bockig wie noch nie. Und ich liebe dich so, Eric.“

Ich dich ja auch. Aber wir sehen uns ja bald wieder. Auf dem Rückweg, das habe ich alles eingeteilt, dann tausche ich mit Smith, der fährt für mich weiter. Und ich habe dann Zeit, drei ganze Tage. Wirst du hier sein?“

Natürlich werde ich hier sein. Ist es wieder der Zug, der abends ...“

Derselbe wie neulich“, versicherte er ihr. „Also dann.“

Sie küssten sich noch einmal zärtlich, dann machte er sich widerstrebend von ihr los, fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, als müsse er einen Alptraum wegwischen, sah sie noch einmal an, wandte sich dann aber ab und ging schnurstracks auf den Packwagen zu.

Die Tür war geschlossen, aber als er näherkam, öffnete sie sich um einen Spalt. Grinsende Gesichter blickten ihm entgegen, aber keiner der drei Männer, die ihn da ansahen, frotzelte oder machte einen Scherz über ihn und das Mädchen. Sie grinsten nur, und er hätte nicht sagen können, ob es Verständnis oder Belustigung war.

Der Stationsvorsteher blinzelte gegen die noch tiefstehende Morgensonne, trat dann aus der Tür des Gebäudes heraus, blickte den Zug entlang, tippte sich dann mit zwei Fingern an seinen Mützenschirm und rief dem Lokführer, einem vollbärtigen, grauhaarigen Mann, zu: „Also, dann fahrt! Ich habe keine Verbindung mit Elko bekommen. Passt auf, ob nicht irgend etwas an der Telegrafenleitung kaputt ist. Habt mal ein Auge darauf!“

Er sah zu den Männern im Packwagen hin. Sie standen jetzt zu viert in der geöffneten Tür. Der Zugführer, der Bahnmarshal Bill Mercer, ein sehniger, stahlharter Bursche, und die beiden anderen Begleitwächter. Dann tauchte auch noch das runde Gesicht des Packwagenschaffners auf.

Es gab nicht viele Fahrgäste. Längst nicht so viele, wie im Frühling mitfuhren. Die Wagen waren nur zu einem kleinen Teil gefüllt. Als der Blick des Zugführers über die zwei Personenwagen wanderte, da sah er ein paar verschlafen wirkende Gesichter. In diesem Zug gab es keinen Schlafwagen, wie sie von einigen Expressen neuerdings mitgeführt wurden. Das war die Sensation der Transkontinentalbahn, aber längst nicht bei allen Zügen. Hier durften die Leute noch auf der Bank schlafen. Auf einer hölzernen, knochenharten Bank, auf der sie durchgeschüttelt wurden und mit Muskelkater am Ziel ankamen, wenn sie eine ganze Nachtreise hinter sich hatten.

Also, ab die Post!“ rief der Stationsvorsteher, den es zurück an seinen Kaffeetisch zog. Wenn der Zug weg war, würde er in Ruhe frühstücken. Dass die Telegrafenstrecke nach Elko unterbrochen war, bedeutete für ihn nichts Besonderes. Im Winter passierte das regelmäßig, jetzt im Sommer allerdings war so etwas sehr selten. Aber er machte sich keine Gedanken.

Die Lok begann zu schnauben und zu zischen, dann setzte sie sich stampfend in Bewegung. Der Morgenwind trieb eine dicke fette Rauchwolke direkt auf die Rampe dem Stationsvorsteher zu. Der stieß einen Fluch aus und verschwand im Haus. Das Gelächter von Heizer und Lokführer hörte er nicht mehr.

 

*

 

Der Zug wurde schneller. Hinter der Station ging es zunächst in etwas Gefälle. Dadurch gewann der Zug rasch an Fahrt. Dann aber kam die Ebene. Die Hochfläche eigentlich, durchzogen von vielen Canyons. Wo der Zug einen Canyon erreichte, überquerte er ihn auf einer Brücke. Es wimmelte von Brücken, große und kleine. Für den Lokführer sah es aus, als führe er immer über einen Tisch, dann plötzlich tauchte so ein Canyon auf, ein Schild nur, und die Geschwindigkeit musste herabgesetzt werden.

Nach einer halben Stunde Fahrt stand für den Heizer der Dampfdruck, die Feuerung war bis Marke 2 angefüllt. Er hatte jetzt Zeit, sich seine Pfeife zu stopfen, ein wenig in die öde Landschaft hinauszuschauen, aber dazu hatte der Heizer keine Lust, denn er kannte dieses Land. Viel lieber hockte er sich auf den Tender zwischen dem Holzstoß, holte sich seine Jacke, rollte sie zu einem Kopfkissen zusammen und genehmigte sich ein Nickerchen. Der Lokführer würde ihn beizeiten wecken, wenn Feuerungstemperaturen und Kesseldruck nachließen.

Für den Lokführer war dies der langweiligste Teil der ganzen Kontinentalstrecke. Hier ging es immerzu gleichmäßig dahin. Es gab auch kein Vieh, das auf diesem Teil der Strecke gefährlich werden konnte. Die Indianer waren es schon lange nicht mehr. Die hatte man ganz von hier vertrieben. Und auch sonst passierte ganz selten etwas. Manchmal blickte er auf die Telegrafenleitung, aber die war hier nirgendwo defekt. Wie schwarze Spinnweben hingen die Drähte von einem Mast zum anderen neben der Strecke. Immerzu das eintönige Rattern über die Schienenstöße, das Pfeifen des Windes, das Stampfen der Maschine, ein Lied, das der Lokführer liebte, was ihn aber zugleich einschläferte. Er blinzelte gegen die Sonne, denn sie fuhren nach Osten. Sie war schon ein Stück höher über den Horizont geklettert, blendete aber noch immer.

Auf der Lok war es heiß. Um sich ein wenig zu kühlen, hängte der Lokführer seinen Kopf zum Fenster hinaus, hielt manchmal die Hand flach gegen die Fahrtrichtung, den Strom des Windes abzuleiten und sich damit etwas Kühlung zu verschaffen. Ab und zu lauschte der Mann auf die Funktion der Maschine. Alles arbeitete normal.

Als er über die Strecke nach vorn sah, flimmerte die Luft über den Schienen. Die weite, große Kurve, die er schon so oft gefahren war, tauchte auf. Jetzt musste er etwas besser aufpassen. Hier gab es Gebüsch, auch schon die Andeutung von Grasland. Manchmal weideten hier versprengte Rinder. Sollten sie auf den Schienen stehen, konnten sie gefährlich werden. Aber es stand nichts auf den Gleisen.

Schließlich senkte sich die Strecke ein wenig ab. Gleichzeitig vermehrte sich die Vegetation. Immer dichter wurde das niedere Gehölz und immer unübersichtlicher die Hochfläche. Hier hatte es noch vor einigen Jahren Büffel gegeben. Jetzt allerdings waren sie hier ausgerottet. Statt dessen musste er nun wirklich mit einer Rinderherde rechnen. Ein paar Rancher aus Elko ließen zeitweise ihr Vieh in der Gegend weiden. Und genau das wusste der Lokführer, und er passte also auf. Er musste es auch, weil der Zug durch eine Kurve fuhr, eine lange, weite Kurve, die bis zu der Stelle reichte, wo die Strecke den Canyon des Colorado River überquerte, einen Nebenfluss des Humboldt River. Jetzt um diese Jahreszeit war der Colorado River dort in seinem oberen Verlauf nur ein Rinnsal und nicht mit seinem mächtigen Namensvetter im tiefen Süden zu vergleichen.

Und dann näherte sich der Zug jener Brücke. Es war eine der größten hier weit und breit.

Der Lokführer erinnerte sich noch daran, wie damals beim Bau diese Brücke durch sechs Lokomotiven probebelastet worden war. Die Brücke hatte gehalten.

Plötzlich wurde der Lokführer jäh aus seinen Gedanken gerissen. Da war vorn etwas auf der Strecke. Er sah eine Rauchwolke, und es kam ihm so vor, als läge da etwas auf den Schienen. Aber diese flimmernde Luft, er konnte es nicht richtig erkennen. Es war noch viel zu weit entfernt.

Jimmy!“, schrie er dem Heizer zu, der erschrocken aufblickte und verwirrt fragte:

Wieso ... was ..

Jimmy, hoch mit dir! Da vorn ist etwas!“

Der Lokführer drosselte die Geschwindigkeit. Aber der Zug machte hier im Gefälle ziemlich Fahrt, und das Eigengewicht von Lokomotive und Wagen war so groß, dass die Verminderung der Fahrtgeschwindigkeit kaum merkbar wurde.

Da liegt was auf den Schienen!“, schrie der Heizer, rieb sich die Augen und sah wieder nach vorn.

Der Lokführer begann zu bremsen. Aber sein Zug verfügte noch nicht über eine Luftdruckbremse wie die modernen Expresse. Bei ihm mussten noch die Wagen einzeln von Hand gebremst werden.

Zum Zeichen für die Bremser stieß er mit der Dampfpfeife drei kurze Pfiffe aus. Und gleichzeitig kurbelte er am Rad der Bremsen für die Lokomotive.

Sie machten sehr viel Fahrt. Viel zuviel, um bis zu dem Hindernis noch anhalten zu können. Der Lokführer zog am Sandstreuer, um die Bremswirkung zu erhöhen. Tatsächlich wurde der Zug ruckartig langsamer.

Ein Holdup!“, stieß der Heizer hervor. „Verdammt, die wollen den Zug aufhalten, siehst du das nicht? Die haben sich nur versteckt, da drüben im Gebüsch! Maultiere! Sie stehen auf einer Lichtung, ich habe es deutlich gesehen. Das ist ein Überfall!“

Der Lokführer sagte nichts. Er. hatte etwas Ähnliches befürchtet. Und nun konnte er viel zu deutlich sehen, was da alles auf den Schienen lag. Eine Barrikade, die den Zug stoppen sollten.

Nein, dachte er, und er erinnerte sich an seinen Kollegen Hank Bronson, der mit seiner Lokomotive schon mehrmals solche Barrieren einfach umgerannt hatte. Barrieren, die aus einem oder zwei Baumstämmen bestanden hatten. Aber hier war es etwas anders. Hier lagen nicht nur Baumstämme, aber der Lokführer sah nur sie. Die Felsbrocken, die dahintergerollt waren, die konnte er nicht erkennen. Und so glaubte er, es werde mit der Wucht des Anpralls möglich sein, diese Baumstämme einfach beiseite zu schleudern.

Er zog an der Dampfpfeife ein einfacher kurzer Pfiff, und die Bremser würden die Handräder wieder zurückkurbeln, würden die Bremsen lösen. Er selbst tat es mit der Bremse der Lokomotive ebenfalls und stieß den Fahrhebel nach unten.

Jimmy, der Heizer, sah ihn verstört an. „Bist du verrückt?“, schrie er.

Halt dich fest!“, schrie der Lokführer zurück. „Verdammt, Jimmy, halt dich fest, wir brechen durch!“

Du bist verrückt!“, schrie der Heizer, der das Schlimmste befürchtete.

Mit Volldampf fegte jetzt die Lok auf das Hindernis zu. Schemenartig sah der Lokführer jetzt rechts und links des Hindernisses Gestalten auftauchen. Männer, die jetzt voller Entsetzen beiseite spritzten, als sie begriffen, was der Lokführer vorhatte.

Viel zu spät sah der Mann auf der Lokomotive die Felsquader hinter dem Holz. Aber Jimmy, der Heizer, sah sie. Aber als er das begriff, wusste er: Es gab nichts mehr, was sie vor dem Unheil bewahren konnte, auf das sie zurasten.

Ein Donnerschlag, als der Kuhfänger die ersten Baumstämme erreichte, sie hochwirbelte, beiseite drosch und dann voll in die zwischen die Schwellen eingerammten Steinquader stieß.

Die Eisenstäbe des Kuhfängers flogen blitzartig zur Seite, die Lok hob sich an, einer der Felsquader geriet zwischen die Räder. Es gab einen Schlag, dass Lokführer und Heizer dachten, die Lok werde auseinandergerissen.

Aber dann flog sie regelrecht weiter nach vorn, vom eigenen Schwung getrieben, die Räder drehten durch, die Lok bebte, Brocken flogen rechts und links am Fahrstand vorbei. Funken flogen, eine dicke Qualmwolke hüllte alles ein, und zugleich ertönte ein kreischendes, ratterndes Geräusch, während Heizer und Lokführer sich verzweifelt festklammerten.

Aus weit aufgerissenen Augen sah der Heizer nach hinten. Jimmy meinte, der nachfolgende Wagen hebe sich an, als wolle er über die Lok fliegen. Zeitweise war die ganze vordere Frontseite des Packwagens bis über den Tender.

Bruchteile von Sekunden waren vergangen. Und auf einmal hob sich der Fahrstand der Lok an und schien der Tender nach hinten abzuknicken, Holz flog über die Männer im Fahrstand, lange Scheite donnerten wie Axthiebe gegen den Heizer. Aber er verlor die Besinnung nicht. Und plötzlich war es ganz still. Kein Rattern, kein Kreischen, Ratschen und Donnern mehr ...

Dieser, vielleicht zwei bis drei Sekunden währenden Stille folgte ein schmetternder Schlag. Und das war so die letzte Wahrnehmung, die Lokführer und Heizer in ihrem Leben machten. Mit der Gewalt von Tonnen wurden sie gegen den glühend heißen Kessel gedrückt, wurden ihre Köpfe gegen kantigen Stahl gerammt und zerschmettert. Auf sie kam die Last von drei Waggons und einem Tender, schob sich alles ineinander, wurde ihnen zum Grab. Ihnen und vielen anderen Menschen.

Im Getöse des Aufschlages verklangen die Schmerzensschreie der Menschen. Die Männer oben, die diese Falle für den Zug vorbereitet hatten, standen wie erstarrt und blickten nach unten, sahen in der Tiefe den Zug, der, nachdem er entgleist war, vom eigenen Schwung getrieben noch auf die Brücke geschossen und dann in die Tiefe gestürzt war, nachdem die Lokomotive das Übergewicht zur Seite verloren hatte.

Eine Weile lang war nur eine gewaltige Qualmwolke, hüllte der Dampf und Rauch die gesamte Unglücksstelle ein, und dieser Rauch quoll bis empor zur Brücke.

Und dann kam der zweite Teil dieses fürchterlichen Geschehens.

Von den Erschütterungen bis ins Mark getroffen, begann die Brücke zu zittern und zu beben, und plötzlich brach die erste Versteifung heraus, dann die nächste, und dann war es wie bei einem Kartenhaus. Ein ganzer Teil dieser kräftigen Stämme knickte weg oder rutschte aus seinen Halterungen heraus wie ein kunstvolles Gebilde aus Streichhölzern, prasselte jetzt alles nach unten, fiel der ganze Westteil der Brücke in sich zusammen. Die Hälfte der Brücke blieb als Fragment stehen. Und alles das, was herniederfiel, stürzte auf den Trümmerberg des Zuges und auf die Menschen, die sich in ihm befanden.

Die Personenwagen waren alle ineinander verkeilt. Der Packwagen hatte sich aus den anderen herausgelöst und war quer unten auf die Felsquader des Flussbettes gestürzt. Die Seitenwand war in Stücke geschlagen worden. Ein Gewirr von Paketen, Verstrebungen des Waggons und von oben aus gar nicht richtig erkennbaren Dingen war im zertrümmerten Waggon zu erkennen. Von den übrigen Wagen sah man oben nur schemenhaft etwas, da es aus der zerstörten Lokomotive noch immer herausqualmte.

Dann erfolgte einmal ein Knall, und danach quollen schwarze Wolken nach oben und hüllten alles ein, machten eine Sicht in die Tiefe unmöglich. Kochendes Wasser zischte.

Jetzt durchdrang diese Geräusche das Schreien eines Menschen. Irgendwo aus diesem Gewirr kam es. Und die Männer, die da oben standen, starrten voller Entsetzen hinunter, denn das, was da geschehen war, hatten sie nicht gewollt. Ein Überfall sollte es werden, ein Holdup, aber kein Massenmord. Nun hatte sich aus allem diese Katastrophe entwickelt.

Am liebsten wären sie allesamt einfach weggeritten. Auch Delmont dachte in den ersten Sekunden an nichts anderes. Aber nun, da er den Packwagen sah, der aufgerissen dort unten lag, entsann er sich seines ursprünglichen Vorhabens, und die Gier nach diesem Geld war größer als jedes Mitgefühl. Vielleicht, so dachte er, können wir dem oder jenen helfen. Aber erst einmal wollen wir das Geld und nichts anderes. Es geht um uns, wer hat je nach uns gefragt, warum sollen wir nach den anderen fragen...

 

*

 

Bill Mercers Arm war eingequetscht von dem losgerissenen Tresor, der mit seinem Tonnengewicht auf Bill Mercers Arm lag. Bill Mercer war Bahnmarshal. Und jetzt, als die Männer auftauchten, als sie durch die Trümmer kletterten, von Rauchwolken umweht, da sah er ihnen mit vollem Bewusstsein entgegen.

Einen Augenblick lang hoffte er auf Hilfe, auf Rettung. Und einer von ihnen, ein großer, hagerer Mann mit bärtigem Gesicht schaute auf ihn herab. An den kalten Augen, die ihn da musterten, erkannte Bill Mercer im selben Moment, dass dieser Mann und seine Freunde ganz sicher nicht gekommen waren, um Hilfe zu leisten.

Dieses Gesicht prägte er sich ein, ob er es nun wollte oder nicht, es meißelte sich regelrecht in sein Hirn. Und er wusste schon in diesem Augenblick, dass er nie im Leben, falls es für ihn noch ein weiteres Leben gab, dieses Gesicht vergessen konnte.

Ein anderer tauchte auf, der älter aussah, graue Haare hatte, und Bill Mercer hörte ihn sagen: „Das arme Schwein, sollen wir nicht versuchen, ihm zu helfen? Der Arm ist hin. Zum Glück ist es sein linker. Wenn wir ihn losmachen, kommt er durch.“

Wir werden Hilfe für den und die anderen holen. Aber jetzt seht zu, dass ihr das Ding aufbekommt.“

Dazu war kein Kunststück nötig. Der Sturz hatte die Tür des Tresors gesprengt. Zwei der Männer wuchteten sie auf, und die Erschütterung, die dabei entstand, verursachte bei Bill Mercer, dessen Arm unter diesem Stahlklotz eingeklemmt war, entsetzliche Schmerzen. Schmerzen, über die er das Bewusstsein verlor.

Er bekam nicht mit, wie sie den Tresor ausräumten, wie sie verschwanden. Als er aufwachte, war Mittag. Glühende Hitze sengte in dieses Tal hinunter, kaum dass hier ein Lüftchen wehte. Bill Mercer hörte das Wimmern von Verletzten, nahm ein schlurfendes Geräusch wahr und sah einen Mann, der auf den Knien herumrutschte. Ein Gesicht, das. er nicht kannte.

Statt dessen hatte er wieder das Gesicht dieses Banditen vor Augen, der da auf ihn herabgeblickt hatte, der womöglich, so sagte sich Bill Mercer, der Anführer dieser Bande sein musste. Ein Gesicht, dessen Beschreibung eigentlich auf einen Mann passte, den die Bahnmarshals schon lange suchten. Und nicht nur die Bahnmarshals. Überall längs der Strecke waren die Behörden hinter diesem Mann her. Sollte das wirklich Captain Delmont gewesen sein?

Bill Mercer hatte keine Schmerzen, im Augenblick nicht. Er lag ganz ruhig, aber er fühlte sich so schlapp und müde, dass sein Verstand Gefahr signalisierte, Gefahr für das eigene Leben.

Ich bin so fertig, weil ich auszubluten drohe. Ich bin verloren, und da überlege ich, wer dieser Bursche gewesen sein könnte, als würde ich je wieder in der Lage sein, etwas daran zu ändern, diesen Kerl womöglich zu fassen.

Ich werde aus diesem Tal nicht wegkommen. Ich hätte nie gedacht, dass es einmal so zu Ende geht. Der Arm ist weg. Sie werden ihn mir hier an Ort und Stelle amputieren müssen. Aber wer soll das machen? Selbst wenn ich bis dahin lebe, würde ich daran sterben. Es ist aus und vorbei. Jetzt bin ich sechsundzwanzig, ich hätte es mir nicht träumen lassen, dass ich nun schon die letzte Karte gespielt haben soll.

Aber es war nicht seine letzte Karte. Er und dreizehn weitere Menschen, die bei diesem furchtbaren Unglück verletzt wurden, sollten es überleben. Für achtunddreißig wurde der Canyon zum Grab. Darunter der Lokführer, sein Heizer, der Zugführer und der dicke Packwagenschaffner, viele Reisende, auch Kinder hatten in diesem Canyon sterben müssen.

Bill Mercer aber und zunächst sechzehn andere lebten noch, als eine Rettungsmannschaft eintraf.

Sie kam von Elko her, wo man den Zug längst erwartet hatte. Nachdem die Telegrafenleitung unterbrochen war, schickte man eine Rettungsmannschaft zu Pferde und mit zwei Wagen aus. Ein Arzt war dabei. Ein Arzt für zunächst sechzehn Schwerverletzte. Aber er musste sie alle untersuchen, die aus den Trümmern herausgezerrt werden konnten. Bei siebenunddreißig stellte er den Tod fest. Von den Schwerverletzten starb ihm einer unter den Händen. Dann waren es noch fünfzehn. Unter ihnen Bill Mercer. Der Arzt musste nicht nur ihm den Arm amputieren, sondern zwei anderen auch die Beine. Aber sie wurden gerettet. Allerdings starben auf dem Transport nach Elko auf einem ratternden primitiven Pferdewagen die beiden Beinamputierten. Sie verbluteten; es war unmöglich, diese Blutung völlig zu stoppen. Und auch für Bill Mercer wurde es grauenhaft.

Fast zwei Wochen kämpfte er mit dem Tod. Und er gehörte zu denen, mit denen Lydia Mackenzie nicht sprach. Sie, die jeden, der ihr halbwegs Rede und Antwort stehen konnte, befragte, die alles wissen wollte, was mit dem Tod ihres geliebten Eric Thompson zusammenhing.

Nie hatte Elko eine fanatischere Frau gesehen. Sie hatte geschworen, den Mann zu töten, der am Sterben ihres Geliebten verantwortlich war.

Bill Mercer hätte ihr vielleicht aufschlussreiche Auskunft erteilen können, aber zu ihm hatte sie der Arzt nie gelassen. Und dann brauchte Lydia selbst einen Arzt.

Die Aufregungen, der Schock vom Tod Erics und all diese Dinge, waren nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Drei Wochen nach dem furchtbaren Unglück verlor Lydia ihr Baby. Bei der Fehlgeburt wäre sie fast verblutet. Wochenlang lag sie ebenso darnieder wie Bill Mercer.

Er war noch nicht richtig auf den Beinen, dieser einarmige Bahnmarshal, da bekam er die Kündigung der UPRR, denn dort konnte man mit einem einarmigen Bahnmarshal nichts anfangen. Er bekam eine winzige Abfindung, sie hätte normalerweise noch nicht einmal das Honorar des Arztes gedeckt, aber dieser Arzt verlangte kein Honorar, als er von der Kündigung hörte. Im Gegenteil. Er beschwor seinen Bruder, einen Rechtsanwalt, Bill Mercer gegen die Gesellschaft zu vertreten. Und der tat es auch. Aber es war hoffnungslos. Die mächtige UPRR brauchte keine Rücksicht auf einen Krüppel zu nehmen. Das einzige, was man tat: Die UPRR folgte der Empfehlung ihres Sicherheitschefs Ernest Jenkins und leistete eine abermalige geringe Abfindung.

Danach war das Urteil über Bill Mercers Verbleiben bei der Gesellschaft endgültig. Man wollte ihn nicht einmal als Telegrafist einstellen, obgleich Bill Mercer diese Arbeit beherrschte.

So zog er, nachdem er wieder genesen war, nach Holbrook und hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten, aber auch als Pfadfinder für Jäger oder Militärpatrouillen in die Sierra Nevada hinein, über Wasser. Er war beliebt in Holbrook. Wenn Ernest Jenkins am Ort war und von da aus seinen Dienst versah, hatte er oft genug für Bill Mercer eine kleine Beschäftigung, die dem einige Dollars einbrachte.

So ging es Bill Mercer nicht gerade besonders. Als Ernest Jenkins aber ihm einen Posten in der Zentrale in Omaha anbot, in jener Stadt, wo die UPRR ihren Sitz hatte, da wollte Bill zunächst begeistert zustimmen. Als er aber erfuhr, dass es sich um eine reine Schreibtischarbeit handelte, winkte Bill ab. Dann lieber arm und frei und immer an der frischen Luft, als ein Bürosklave zu werden.

Indessen suchten die anderen Bahnmarshals der UPRR fieberhaft nach der Bande. Einer der Marshals war Roy Matlock, und der galt wirklich als äußerst erfahren und tüchtig. Trotzdem fand er ebensowenig die Spur der Bande wieder wie seine Kollegen. Alles, was sie herausbrachten, war, dass die ganze Bande in Richtung Süden geflohen war und die Spuren am Rande der Mohave-Wüste endeten.

Bahnmarshal Kincaid bekam den Auftrag, in Kalifornien und Arizona weiter nach der Bande zu suchen. Man vermutete nach Bill Mercers Aussage, dass es sich um Delmont handelte. Allein für die Steckbriefe gab die UPRR ein Vermögen aus. Die Belohnung war so hoch, dass selbst in Banditenkreisen die Versuchung groß war, den „Kollegen“ ans Gesetz oder an die Bahn zu überliefern. Kopfgeldjäger machten sich auf den Weg. Vergeblich. Delmont wurde nicht gefunden, ebensowenig einer seiner Komplicen.

Nach einem Jahr gab auch die UPRR die Suche auf. Kincaid wurde zurückgerufen, und wenn nicht der Zufall irgendwen wieder auf die Spur dieser Bande brachte, würde die UPRR nicht mehr nach Delmont und seinen Männern suchen.

Ein Mensch aber hörte nicht auf, nach Delmont zu suchen. Und dieser Mensch war Lydia Mackenzie. Sie hatte den Geliebten und das Kind von ihm verloren. Ein Jahr später verlor sie ihren Vater. Bei einem Roundup-Unfall kam er ums Leben. Ein Vierteljahr später starb ihre Mutter. Lydia Mackenzie war nun die Besitzerin einer gewaltigen Ranch.

Die erste Zeit wurde Lydia Mackenzies Suche nach dem Mörder, wie sie Delmont nannte, unterbrochen. Sie musste sich um die Ranch kümmern, hatte den Kopf voll mit Dingen, die sie zum Teil erst erlernen musste. Dann hatte sie Glück. Der verheiratete Sohn eines Nachbarn wurde ihr Ranchboss. Er zog mit seiner Frau und seinen beiden Kindern auf die Ranch und leitete den Betrieb. Und er leitete ihn gut. Lydia hatte wieder Zeit, Zeit um nach Delmont suchen zu lassen.

Sie brauchte nichts für sich. Das Geld, das sie nicht in die Ranch stecken musste, setzte sie als Prämien aus, als Kopfgeldprämie. Zeitweise waren bis zu zwanzig Kopfgeldjäger unterwegs, um sich diese Prämie zu verdienen. Aber dann gaben auch sie auf. Immer weniger waren geneigt, für eine solche Prämie monatelang unterwegs zu sein. Eine Prämie, die am Ende niemand verdienen konnte. Vielleicht war dieser Delmont längst mit dem Geld in Europa. Oder in Südamerika oder in New York, was fast auf dasselbe herauskam. Jedenfalls glaubte niemand, dass er sich noch im Westen aufhielt.

Es gab auf der ganzen Welt vermutlich nur einen einzigen Menschen, der davon überzeugt war, dass Delmont zu finden sein müsste, er und seine Freunde. Dieser Mensch war Lydia. Von Delmonts Freunden gab es nur von einem einzigen eine Beschreibung. Und das war Vatman. Die Beschreibung, die es von ihm gab, war sehr ungenau. Auf eine solche Beschreibung passten im Westen einige tausend Männer. Und es war Lydia auch klar, dass die Beschreibung von Delmont auch recht allgemein war. Wenn er nicht gerade wieder als Eisenbahnräuber erkannt wurde, würde es sehr schwer sein, ihn auf diese Beschreibung hin zu finden.

Lydia hatte sich in diesem Punkt sehr viel mehr Arbeit gemacht als die Behörden und die UPRR. Nachdem sie diesen Kincaid befragt hatte, der als Bahnmarshal noch ein Jahr lang in Arizona und Kalifornien herumgezogen war, um dort die verlorene Spur wieder aufzunehmen, war sie zu dem Schluss gekommen, dass Kincaid nicht mehr wusste als die übrigen Behörden. Immerhin sollte dieser Delmont einmal Captain der Südstaaten-Armee gewesen sein. Man sagte, dass er ein Captain der Kavallerie gewesen war.

Also machte sich Lydia auf und fuhr in Delmonts Heimat Arkansas. In Hot Springs, der einstigen Garnison von Delmont und dessen Einheit, stieß sie auf einen alten Mann, der einmal in der Truppe Delmonts Schirrmeister gewesen war. Und von ihm erfuhr sie von Bonaparte, dem Farbigen, der als Bursche des Captains diesem Offizier treu ergeben gewesen war und, wie der Alte behauptete, auch nach dem Krieg bei Delmont geblieben sei.

Von nun an durchforschte Lydia die Berichte von den Überfällen. In drei dieser Berichte tauchte auch die Beschreibung von einem Schwarzen auf.

Nun suchte Lydia nicht nur nach Delmont, sondern auch nach Bonaparte, dem Burschen und treuergebenen Diener des Captains. Denn dass Delmont von seinen Leuten Captain genannt wurde, war Lydia mittlerweile auch bekannt.

Lydia war eine begehrenswert schöne Frau. Viele Männer verehrten sie, versuchten mit ihr anzubändeln. Und Lydia hatte eine Art, die Männer bis zu einem gewissen Punkt auf sich aufmerksam zu machen. Dann aber wies sie alle ab. Ein paar, die sogar handgreiflich zu werden versuchten, konnte sie nur mit einiger Mühe loswerden. In einem Falle half ihr dabei ein Beutel Pfeffer, den sie immer in ihrer Handtasche mittrug. Einem anderen konnte sie nur mit ihrem Derringer davon abhalten, über sie herzufallen. Aber die meisten traten Lydia nicht zu nahe, verehrten sie aber ebenso beharrlich wie leidenschaftlich.

Fünf Jahre nach der furchtbaren Katastrophe im Canyon dachte an der Strecke zwischen Elko und Palisades kaum noch jemand an das fürchterliche Unglück. Lydia dachte täglich daran. Sie hatte sich die Sühne dieses Verbrechens, für das sie Delmont verantwortlich machte, zum Lebensziel gesetzt.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738905748
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (November)
Schlagworte
matlock eisenbahnmarshal bill mercers rache

Autor

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Titel: Roy Matlock - der Eisenbahnmarshal #4: Bill Mercers Rache