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Glück und Zufall

©2016 120 Seiten

Zusammenfassung

Sein Hausarzt schickt den arbeitslosen Witwer Martin Hansen auf eine
südliche Insel, damit der endlich seine permanente Wintererkältung
auskuriert. Hansen lernt auf der Insel die in Scheidung lebende Tellheimer Firmenerbin Sara Frenzen kennen, der er verschweigt, dass seine Frau Gunda nicht normal gestorben sondern ermordet worden ist. Das Referat R – 11 und Marlene Schelm hatten sich vorschnell auf den Ehemann als Mörder festgelegt und mussten schließlich von ihm ablassen; der Fehlschlag wurmte das Team noch immer...

Leseprobe

Glück & Zufall

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Kriminalroman

HORST BIEBER

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Klappe

Sein Hausarzt schickt den arbeitslosen Witwer Martin Hansen auf eine

südliche Insel, damit der endlich seine permanente Wintererkältung

auskuriert. Hansen lernt auf der Insel die in Scheidung lebende Tellheimer Firmenerbin Sara Frenzen kennen, der er verschweigt, dass seine Frau Gunda nicht normal gestorben sondern ermordet worden ist. Das Referat R – 11 und Marlene Schelm hatten sich vorschnell auf den Ehemann als Mörder festgelegt und mussten schließlich von ihm ablassen; der Fehlschlag wurmte das Team noch immer...

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild:

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Personen

Martin Hansen: Verwitweter und arbeitsloser Kaufmann

Sara Frenzen/Budde: (Noch) verheiratete Unternehmerin

Benno Frenzen: Ihr Ehemann, mit dem sie getrennt in Scheidung lebt, Laufferstraße 44

Meike Carius: Hansens ledige Nachbarin in der Bergerstraße 39, hat für den Nachbarn viel übrig

Annegret Holzapfel: Reich, aber einsam

Josef Hemmerling: Hartnäckiger Ahnenforscher

Marlene (Lene) Schelm: Erste Kriminalhauptkommissarin im Tellheimer Referat R – 11

Ellen König: KHK im R – 11

Jule Springer: KOK im R – 11

Sigrid Bauer: KK im R – 11

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Alle Namen und Taten, Personen und Ereignisse, Geschäfte und Organisationen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Erstes Kapitel

Das Flughafengebäude war primitiv, heruntergekommen und viel zu klein für die Menge der Urlauber, die beim Aussteigen von der Hitze überfallen worden waren und nun alle in den Schatten drängten. Unter dem Dach drehten sich lustlos Ventilatoren, es roch nach Schweiß und Staub, der Lärm und das Durcheinander nahmen immer noch zu.

Er stand mit dem Rücken an der Wand und wartete geduldig. Nichts würde die Maschinerie des Ausladens und der Pass- und Ausweiskontrolle beschleunigen, jede Äußerung von Ärger und Ungeduld verlangsamte sie nur. Die beiden jungen Frauen, die neben ihm gesessen hatten, strichen an ihm vorbei und warfen ihm geringschätzige Blicke zu, die er ignorierte. Den ganzen Flug über hatten sie pausenlos miteinander geschnattert, und sein Gesicht verriet wohl zu deutlich, was er von ihnen und ihrer Intelligenz hielt. Beide Mitte zwanzig, schlank, lange helle Haare, katalogreife Exemplare des „Bleiben-Sie-nicht-einsam“-Angebots von Partnership.com. Irgendwo quäkte ein Lautsprecher erfolglos gegen das Stimmengewirr an.

Wie durch ein Wunder löste sich das Chaos schließlich auf, Koffer und Beutel verschwanden in den bereitstehenden Bussen. Eine kleine Schwarzhaarige verteilte vor den Türen Pappkarten.

„Hansen, Martin Hansen La Molina, sagte er freundlich.

„Herzlich willkommen, Herr Hansen. Bus Nummer fünf bitte. Ihr Ticket.“

Niemand setzte sich neben ihn, Einzelreisende waren selten, und er legte im Moment auch wenig Wert auf Gesellschaft. Als Speditions-Kaufmann verstand er sehr wohl, warum die Chartermaschine so früh startete, dass sie noch am selben Tag zurückfliegen konnte, aber das frühe Aufstehen und das lärmige Gedränge auf dem Flughafen hatten ihn verstimmt, er war müde und spürte, dass die bohrenden Kopfschmerzen zurückkehren wollten.

Auf den ersten Blick gefiel ihm die Insel nicht sonderlich. Nachdem sich der Bus über mehrere Serpentinen auf die Landstraße hochgequält hatte, die oberhalb des Flughafens in den Hang hineingebaut war, konnte er das Meer sehen. Tiefblaues Wasser, das sich in matten Wellen an der Felsenküste brach. Die dünnen, zähen Sträucher an den Hängen waren jetzt, im April, noch grün, würden aber schon in wenigen Wochen grau und staubig-braun werden. Schafe zogen durch das Geröll von einer Grasinsel zur anderen, der blanke Fels reflektierte grell das Sonnenlicht. Dann bog der Fahrer in eine Straße ein, die zwischen Felswänden hinunter in die Ebene führte. Links und rechts der staubigen Piste blühten Kakteen. Die ersten Palmen, Getreidefelder und lange, saftig grüne Strecken des scharfen Calzagrases. Kleine Häuser, mit Bougainvilleen überwachsen, die Ebene war sehr viel freundlicher und bunter als die Küste. Ganze Galerien von noch hellroten Stocktomaten säumten jetzt die Straße.

„So, meine Damen und Herren, wir befinden uns jetzt im Tal von Mantoque, dem Zentrum der Landwirtschaft auf der Insel ...“

Ohne dringendes Zureden seines Arztes hätte er die Reise nicht gebucht. Was sollte er allein auf einer Ferieninsel? Er hatte Meike gefragt, die aber am Telefon sofort ablehnte: „Das kann ich mir nicht leisten.“

„Was soll ich auf einer Touristik-Insel?“ hatte er seinen Arzt gefragt.

„Himmel hilf, legen Sie sich in die Sonne, tun Sie gar nichts und lassen Sie sich durchwärmen. Bei Ihnen bin ich mit meinem Latein am Ende, Herr Hansen, ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was ich gegen Ihre ständigen Erkältungen machen soll.“

„Wie wär's mit einem neuen Immunsystem auf Kassenkosten?“

„Sehr witzig.“

Einen Versuch schien es wert, hatte er schließlich zögernd zugestimmt. Der Winter war nicht einmal richtig kalt gewesen, sondern nur kühl, nass, windig und unfreundlich, und den ersten Schnupfen samt Kopf- und Gliederschmerzen hakte er im Oktober noch als die übliche Herbsterkältung ab. Das vergeht mit Medikamenten in zwei Wochen und ohne in vierzehn Tagen, tröstete er sich. Doch so leicht kam er diesmal nicht davon, der Schnupfen ging, Husten und Heiserkeit traten auf, verzogen sich für eine scheußliche Magen-Darm-Grippe, das Rippenfell meldete sich mit Stechen und Fieber; nach fünf Monaten streckte Dr. Konrad die Waffen: „Sie werden in die Annalen der Medizin und Pharmazie als der diagnoseresistente Dauerpatient eingehen. Ab mit Ihnen in die Sonne und die Wärme.“

„Sie meinen doch in Wahrheit: Weg aus ihrer medizinischen Verantwortlichkeit.“

„Völlig richtig. Haben Sie den Begriff psychosomatisch schon mal gehört?“

„Natürlich.“

„Einen psychosomatischen Entzündungsherd kann ich nicht heilen oder beseitigen. Den müssen Sie mit sich selbst bereden und vertreiben.“

Im Reisebüro hatte ein fremder Mann, der hinter ihm stand, zufällig gehört, dass er sich nach einer Insel erkundigte, auf der es um diese Jahreszeit schon warm, aber nicht brüllheiß war, und hatte ihm Vilona empfohlen, sonnig, immer etwas angenehmer Wind und im Notfall die Hauptstadt Maleja. Dort weht es immer.“

„Sie kennen die Insel?“

„Mein Bruder lebt dort. Und nach diesem Winter beneide ich ihn mehr denn je.“

Die Angestellte hielt das noch nicht so überlaufene Vilona auch für eine gute Wahl und reservierte ihm sofort in La Molina eine Hälfte eines Doppelbungalows.

„Sie werden es nicht bereuen“, versprach der unbekannte Helfer.

Hoffentlich behielt er Recht.

In der Mittagshitze lagen die Dörfer wie ausgestorben, die großen Windräder an den Brunnen bewegten sich nur träge mit langen Pausen. Die wenigen Geschäfte waren geschlossen, alle Holzläden zugeklappt, die Hunde schliefen im Schatten. Voraus tauchten die nächsten Anhöhen auf, traten aus der lila-glasigen Unschärfe heraus, über den Kämmen flimmerte es. Im Bus war es still geworden, die Klimaanlage fauchte leise, aber stetig, trotzdem liefen ihm die Schweißtropfen den Rücken hinunter. Eine Viertelstunde später hatte der Bus das Hochtal durchquert und rollte auf Meeresniveau zurück.

Am ersten Halt stiegen die meisten Fahrgäste aus, auch seine beiden langhaarigen Schnattergänse aus dem Flugzeug; das Hotel war riesig mit monotonen Fensterreihen, die Hansen an ein Gefängnis erinnerten, der gelbe Putz bröckelte an vielen Stellen. 'Die Sardinen streben in ihre Büchse', murmelte er vor sich hin.

Schon die nächste Station war La Molina, ein junges Paar verließ mit ihm den Bus, und als der Bus um die Ecke gebogen war, herrschte eine himmlische Ruhe, die ihm selbst die Wärme erträglich machte.

„Guten Tag“, grüßte die Empfangschefin, „buenas tardes“, antwortete er automatisch, noch in den Rundblick vertieft. Sie lächelte versteckt.

Im Reisebüro hatte er trocken geschluckt, weil er bei dem Preis seine Reserven angreifen musste. Aber die Bungalow-Anlage La Molina schien den Preis wert zu sein. Ein niedriges Haupthaus mit einem Restaurant, einer Bar und einem winzigen Geschäft für alle jene Artikel, die Reisende erfahrungsgemäß gerne einzupacken vergaßen. Auf der Meeresseite lag ein großer Swimmingpool; er hatte sich mehrfach, auch schriftlich versichern lassen, dass es keinen Animateur und keine zentrale Lautsprecheranlage gab. Das Gelände senkte sich leicht, die Doppelbungalows waren hinter vielen Sträuchern, Hecken und Büschen sehr geschickt versteckt, die Namen der roten, rosa und gelben Blüten kannte er nicht.

„Usted tiene la casa numero cinco.“

„Muy bien, vamos.“

Auch die gepflasterten Pfade waren so geführt, dass er wenig von den Sitzplätzen vor den Wohnräumen sah. Seine Laune hob sich, er schätzte Distanz und saß nicht gern auf dem Präsentierteller. Hier würde er es wohl drei Wochen aushalten können. In Nummer Sechs, in der anderen Hälfte seines Bungalows, waren die Läden geschlossen und das Sonnenschutzsegel über die kleine Veranda herausgekurbelt.

In aller Ruhe packte er aus, viel hatte er nicht mitgenommen. Die beiden Räume waren angenehm kühl, die dunkelroten Fliesen sogar so kalt, dass er Sandalen anzog. Bücher, die er schon immer lesen wollte, ein kleines Radio und Spielkarten; im letzten Jahr hatte er damit begonnen, Patiencen zu legen, zuerst nur, um die Zeit totzuschlagen, dann mit wachsendem Interesse. Den Schachcomputer hatte er nur für alle Fälle mitgenommen, Spaß hatte er bisher an dem Apparat nicht gehabt, die Maschine schlug ihn zu regelmäßig, und die beiden Rätselbücher verlangten eine Konzentration, die er nur selten aufbringen wollte. Die Langeweile hatte er besiegt; doch den Termin, an dem er von sich ernsthaft sagen konnte, er wisse sich vernünftig zu beschäftigen, schob er immer wieder hinaus. Vielleicht nach diesen drei Wochen.

Eigentlich hatte er nur die Härte der Matratzen prüfen wollen, aber er schlief sofort ein, sobald er sich ausgestreckt hatte. Weil er sich kein Decke übergezogen hatte, weckte ihn die Kühle auf. Am Swimmingpool gab es eine Café-Bar, er brauchte unbedingt einen Kaffee, um wach zu werden. Alle Liegen waren jetzt belegt. Viel Mittelalter, kaum junge Leute, und nur wenige Kinder, die im Wasser herumtollten, Wasserbälle warfen und feindliche Luftmatratzen enterten. Vom jetzt dunkelblauen Meer wehte eine schwache Brise, die nicht wirklich kühlte, aber doch diese Illusion vermittelte.

Immer noch gähnend inspizierte er das Gelände, das größer war als er beim ersten Blick vermutete hatte. Zum Meer hin war ein Holzzaun gezogen, an dem sich unbekannte Blumen hochrankten. Manches erinnerte ihn an Madeira; man musste zwanzig feste Stufen mit einem ordentlichen Geländer zum Sandstrand hinuntersteigen, der an die dreihundert Meter breit war. Links und rechts schoben sich Felsen ins Wasser vor, dort schäumte und toste die auflaufende Flut, vor der Sonne zeichneten die Gischtschleier rasch vergehende Regenboden. Auch der Strand war jetzt belegt, selbst bei Hochwasser blieb ein zwanzig, dreißig Meter tiefer Streifen trocken und der junge Mann, der ihn zum Bungalow gebracht hatte, sammelte Holz, Steine, Taureste und Stücke von zerbrochenen Plastikkisten in eine Tonne auf einem Wägelchen, gezogen von einem Esel oder einem Maultier – Hansen konnte die beiden Arten nicht auseinanderhalten. Unmittelbar an der niedrigen Felswand standen Bänke, er setzte sich und schaute den Mutigen zu, die durch die Wellen tauchten, bevor die kämmten, und amüsierte sich über zwei junge Frauen, die drei kleine Kinder beaufsichtigten. Immer wieder stapften die Knirpse auf die Brecher zu, wurden umgeworfen, verschwanden in Gischt und Schaum, landeten unsanft auf dem harten, feuchten Sand, weinten oder lachten und versuchten es hartnäckig ein nächstes Mal. Zwei Mädchen hatten eine prachtvolle Sandburg gebaut, die sie nun aufgeregt und kreischend gegen das gefräßige Meer verteidigten, der Vater schüttelte nur den Kopf und verweigerte sich, bis sie ihm ein Eimerchen Wasser auf den Bauch kippten und affenartig fix vor dem erzürnten Erzeuger ins Wasser flüchteten. Sie schwammen beide hervorragend, glitten wie Stöcke durch die Wogen und waren nicht gewillt, sich einholen zu lasen, auch von einem wütenden Vater nicht.

Hansens Sohn Ulrich war auch so ein Wassertier, eigentlich hätte er mit Kiemen zur Welt kommen sollen; die zwei Jahre jüngere Uta hatte das Turmspringen entdeckt und verachtete diese gleichmäßigen Schwimmbewegungen. Wann hatte er seine Kinder zum letzte Mal gesehen? Melancholisch trat er die Zigarette aus, warf die Kippe in den Abfallkorb und stieg schwerfällig die Treppe hoch. Er hatte Halbpension gebucht und ging zum Abendessen in das Restaurant, wo ein großes Büffet aufgebaut war. Die meisten Plätze waren noch nicht besetzt, er suchte sich einen kleinen Tisch aus, an dem er hoffentlich allein bleiben würde.

Er hatte seinem Hausarzt verschwiegen, dass es immer mehr Tage gab, an denen er nicht ein Wort zu einem anderen Menschen sprach. Seine Nachbarn schnitten ihn nach wie vor, seit Wochen grüßte er niemanden mehr, dem er im Treppenhaus begegnete, und wenn es nicht einen akuten Wohnungsmangel in Tellheim bei exorbitant steigenden Mieten geben würde, hätte er längst versucht umzuziehen. Aber so sah er nicht ein, dass er eine günstige Wohnung verlassen sollte, nur weil die Nachbarn ihn nicht leiden mochten und gerne vertrieben hätten.

Das Büffet war sehr gut, und er ließ sich verführen, zum ersten Mal Seetang zu probieren, der sich für seinen Gaumen nicht als Delikatesse herausstellte. Dann doch lieber kalter Spargel.

Das Restaurant füllte sich nur langsam. Besser als der Seetang war der einheimische Rote, den ihm die Bedienung empfohlen hatte. Er nahm eine Flasche mit in seinen Bungalow, organisierte sich am Empfang einen Korkenzieher, und als der Mann neugierig, aber sehr höflich fragte, woher er so gut Spanisch spräche, gab er ebenso freundlich-höflich zurück, dass er in Deutschland eine spanische Kollegin gehabt habe, die von ihm Deutsch lernte, während sie ihm Spanisch beibrachte. „Sie war eine gute Pädagogin“, bemerkte der Mann, und für dieses Lob bedankte sich Hansen aufrichtig. Der Roman, seit Wochen auf der Bestsellerliste weit oben, hielt nicht das, was er sich von dem Buch versprochen hatte; aber der Rote half, darüber hinwegzukommen. Hansen schlief durch, was ihm schon seit Wochen nicht mehr gelungen war. Die Nachrichten, sowohl die deutschen wie die einheimischen, brachten die übliche Mischung von kriegerischen Auseinandersetzungen und Kämpfen, Flüchtlingsströmen, Hungersnöten und Bombenanschlägen. Die Welt war verrückt geworden. Weil er nach dem reichlichen Frühstück nicht direkt ins Wasser gehen wollte, rückte er sich den kleinen Tisch auf der Veranda in den Schatten des Sonnensegels und mischte seine kleinen Patiencekarten. Er hatte sie kaum ausgelegt, als aus der anderen Bungalowhälfte seine Nachbarin auf die Veranda trat und es sich mit einem Buch bequem machte. Er hatte flüchtig hinübergegrüßt, und sie hatte mit einem „Guten Morgen“ geantwortet. Dass sie keine Anstalten machte, sich vorzustellen oder ihn nach seinem Namen zu fragen, war ihm nur recht.

Sie mochte in seinem Alter sein, unauffällig hübsch, schlank, mit einer guten Figur. Sie konnte es sich leisten, einen so knappen Bikini zu tragen.

Er achtete nicht weiter auf sie, sondern ärgerte sich über seine Karten, die nach dem Mischen so unglücklich lagen, dass er beim Aufdecken einfach nicht weiterkam. Ihr Buch schien nicht so spannend zu sein, sie ließ sich wohl gerne ablenken und schaute immer häufiger zu ihm herüber. Dann bemerkte sie, dass ihm ihre neugierigen Blicke aufgefallen waren, sie legte ihr Buch ab und fragte: „Entschuldigung, sprechen Sie Deutsch?“

„Ja.“

„Darf ich mir mal anschauen, was Sie da spielen?“

„Bitte, gerne.“

Sie stand auf und kam mit einem Stuhl auf seinen Teil der Terrasse, setzte sich neben ihn und schaute ihn und die Karten erwartungsvoll an.

„Das ist eine Patience namens La Reine. Die Dame ist heute allerdings ausgesprochen spröde.“

Er erklärte ihr die Spielregeln, die sie schnell begriff, aber recht kompliziert fand. In dem Punkt wollte er nicht widersprechen. Er musste diese Partie aufgeben und sie erkundigte sich: „Meinen Sie, dass man hier so kleine Karten kaufen kann?“

„Ich denke schon. Maleja ist doch eine recht große Stadt.“

„Und wie kommt man dahin?“

„Wenn ich nicht irre, hält ein Bus direkt vor dem Eingang.“

Sie verzog das Gesicht. „Also eine fahrende Sauna?“

„Wenn der Reiseführer nicht völligen Blödsinn erzählt, liegt Maleja an einem Hang gut 500 Meter hoch. Da oben sollte es etwas kühler sein als hier.“

„Einverstanden. Und jetzt will ich das Meer nicht zu warm werden lassen. Vielen Dank für diesen Einblick in die königlichen Eigenarten. Ich heiße übrigens Sara Frenzen und komme aus Tellheim.“

„Angenehm, Martin Hansen ebenfalls aus Tellheim.“

Danach sprang sie auf, schnappte sich ihren Stuhl und verschwand nach nebenan. Minuten später sauste sie aus ihrem Bungalowteil mit einer Liegematte unter dem Arm, einem Sonnenhut auf dem Kopf, mit Strandmantel und Badetasche.

Sehr viel gemächlicher machte er sich eine Viertelstunde später auf den gleichen Weg. Der trockene Sand war warm und beschwerlich weich. Schatten gab es nicht; Wer keinen Sonnenschutz oder einen Sonnenschirm dabei hatte, wurde gefährlich schnell medium gegrillt. Objektiv war das Wasser erstaunlich warm, subjektiv galt es wie immer, den inneren Schweinehund zu überwältigen, wenn man das erste Wasser bis unters Kinn bekam. Hansen war früher viel mit den Kindern ins Frei- und Hallenbad gegangen. Gunda jammerte immer „Meine arme Frisur, weisst du, was das kostet und wie viel Zeit ich beim Friseur verbringen muss?“ Die Wahrheit dämmerte ihm erst viel später. Sie hatte wenig Lust, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen, andere Dinge interessierten sie sehr viel mehr, sie wollte umschwärmt und umworben sein, Kinder störten da nur. Und wenn schon Wasser, dann bitte in der Karibik vom Deck einer Luxusyacht und nicht im ordinären Frei- oder Hallenbad. Er hätte vielleicht noch weiter über Gundas Undankbarkeit und Untreue nachgedacht, wenn nicht eine besonders hohe Welle ihm eine volle Ladung Gischt ins Gesicht geschleudert hätte.

Sara Frenzen sah er bis zum Abend nicht wieder, worüber er nicht traurig war. Sie war hübsch und erfreulich anzusehen, aber ihr Temperament überstieg nach Monaten der Einsamkeit seine Belastungsgrenze. Einmal glaubte er, sie weit draußen zu erkennen, aber er war sich nicht sicher, und einen Anlass rauszuschwimmen und nachzusehen, gab es ja nicht. Nach einer Stunde hatte er genug Sonne auf den Pelz bekommen und genug Salzwasser geschluckt, er ging in seinen Bungalowteil, duschte -für das warme Wasser sorgten Sonnenkollektoren auf dem Dach – und legte sich zur Siesta, Teil Eins, hin. Prompt schlief er ein.

Am Nachmittag zog er sich doch ein Hemd an, er musste unbedingt Sonnenschutzcreme besorgen, dieses leicht brennende Prickeln auf der Brust, im Nacken und auf den Unterarmen kannte er nur zu gut. Männer und Frauen am Strand hatten mit viel Mühe eine glatte Boulebahn in den feuchten Sand gebaut und er beteiligte sich an den letzten Schönheitsarbeiten und wurde zum Spielen eingeladen. Ein großer Werfer war er nicht, aber mit drei, vier Glückswürfen verhalf er seiner Mannschaft zum Sieg.

„Großartig“, lobte einer der Männer.

„Anfängerglück“, wehrte er ab.

Als sie alle zum Abendessen aufbrachen, spürte er seine Wadenmuskeln. Was nicht verwunderlich war, im letzten halben Jahr hatte er sich sehr wenig bewegt und zu oft auf der Liege in seinem kleinen Arbeitszimmer gegrübelt. Die Kinder waren entweder in der Schule oder bei seinen Eltern, die ihm angeboten hatten, für Ulrich und Uta das Schulgeld im Internat Lohbergen zu bezahlen, damit er sich in aller Ruhe einen neuen Job suchen könne. Es war wohl ein Fehler gewesen, nur wegen der generösen Abfindung freiwillig zu kündigen; das Geld hatte er gut angelegt, er fühlte sich mit einer Rücklage für den Fall der Fälle wohler und besser. Für sich selbst gab er wenig Geld aus, leistet sich nur jede Woche einen Lottoschein mit sechs Spielen, hatte sogar auf den letzten Drücker einen Schein für drei Wochen abgegeben. Gunda pflegte zu höhnen: „Was soll denn das? Du hast doch so wenig Glück wie Erfolg.“

Beim Abendessen saß er wieder alleine, was ihn nicht störte.

Rings um ihn herum wurde viel und laut Deutsch gesprochen. An dem Satz schien was dran zu sein, dass die Deutschen Weltmeister im Verreisen seien.

Zweites Kapitel

Aber ganz sollte er seiner Patience-Königin nicht entkommen, Als sie zum Frühstück in das Restaurant kam, blieb sie an seinem Tisch stehen: „Guten Morgen, Herr Hansen, wie geht es Ihnen?“

„Danke, gut. Ihnen hoffentlich auch. Guten Morgen.“

„Meinen Sie, Ihre Kraft reicht aus, mich in die Stadt zu begleiten? Abfahrt 11 Uhr 10 vor dem Eingang?“

Große Lust hatte er nicht, aber weil sie ein dringendes „Bitte“ anfügte, stimmte er zu: „Okay, zehn nach elf vor dem Eingang.“

Die Fahrt in dem uralten, lauten Bus erinnerte tatsächlich an eine rollende Sauna, aber in Maleja war das Wetter erträglich, sonnig, aber etwas kühler. Und die Gebäude, Markisen und Vordächer spendeten immer wieder Schatten. Sie fanden ein Geschäft, in dem Sara Frenzen ihre kleinen Spielkarten erstand, und er sagte zu, bei nächster Gelegenheit eine Partie zu spielen oder ihr zu helfen, wenn sie nicht mehr weiterwusste. Dann lud er sie zu einem Eis ein und als sie saßen, fragte sie neugierig: „Wie hat es Sie auf diese Insel verschlagen?“

„Schuld ist mein Arzt, der behauptet hat, er könne mir nicht mehr helfen. Sozusagen austherapiert. Gegen meine pausenlosen Erkältungen würden nur noch Wärme und Sonne und in Maßen Rotwein etwas positiv ausrichten. Ich habe beschlossen, seinem Rat zu folgen, aber alle meine Wunschziele waren schon überbucht.“

„Und warum müssen Sie alleine Heilung in der wärmenden Helligkeit suchen?“

„Meine Frau ist im vorigen Jahr gestorben.“

„Oh, das tut mir leid. Mein aufrichtiges Beileid.“

„Danke. Und die Kinder sind mit den unternehmungslustigen Großeltern auf Foto-Safari nach Südafrika gefahren.“

„Pech für Sie.“

„Wie steht es mit Ihnen?“

„Kinder habe ich nicht, und noch bin ich verheiratet und lebe, wie vom Gesetz für eine Scheidung gefordert, seit fast einem Jahr von meinem Mann getrennt.“

Nach dem Eis bummelten sie weiter. Er dachte daran, neue Sonnenschutzcreme zu kaufen, besorgte die unvermeidlichen Postkarten und Briefmarken und riskierte, in einer Bodega zwei Flaschen eines namenlosen Tischweines zu kaufen.

„Meinen Sie, den kann man trinken?“

„Ausprobieren, bei dem Preis kann man ihn notfalls auch ohne Reue wegschütten.“

„Na, ich weiß nicht ... wegschütten.“

Er sah sie scharf an, kapierte und begann zu lachen. „Ach so, Sie meinen den Touristenpreis auf dem Schildchen im Schaufenster? Den zahlen nur Touristen und Pauschalreisende.“

„Sie haben ihn runtergehandelt?“

„Gnadenlos.“

„Die wollen doch auch leben“, tadelte sie.

„Keine Angst, die kommen schon auf ihre Kosten. Wenn er nicht nachgibt, sage ich 'nein', und wenn ich zu weit runter will, sagt er 'nein'.“ Ihr Gesicht reizte zum Lachen. „Feilschen kann ich nicht“, meinte sie dann treuherzig.

„Man gewöhnt sich an allem, auch am Dativ. So, jetzt muss ich noch einen Korkenzieher besorgen.“

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Beim Abendessen setzte sie sich wieder an einen Tisch, an dem schon drei junge Frauen saßen, drei moderne Grazien, wie er sie für sich bezeichnete. Sie fielen selbst am Strand auf, tief gebräunt, sexy Figuren und lange, helle, glatte Haare. Bei zweien war er nicht sicher, ob es sich nicht um die Schnattergänse handelte, die auf dem Flug neben ihm gesessen hatten. Alle drei straften ihn mit Missachtung. Vielleicht täuschte er sich ja. Aber für ihn sahen sie alle gleich aus, auch zu Hause auf der Straße.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738905717
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juli)
Schlagworte
glück zufall
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Titel: Glück und Zufall