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Die Krimi Weihnachts-Biblothek 2016

Sieben Thriller - 1700 Seiten Spannung

2016 1700 Seiten

Leseprobe

Die Krimi Weihnachtsbibliothek 2016: Sieben Top Thriller

von Alfred Bekker, Peter Schrenk , Peter Haberl & Horst Bieber

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1700 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Horst Bieber: Wer erschießt schon eine Leiche?

Alfred Bekker: Ein Scharfschütze

Peter Schrenk: Fetter Sand

Alfred Bekker: Katzenjammer für einen Killer

Horst Bieber: Schnäppchen mit Blutspuren

Peter Schrenk: Die Freifrau und die Geisterpiraten

Peter Haberl: Es kann der Frömmste nicht in Frieden morden

 

 

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors/ Cover: Birgit Haehnke

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Wer erschießt schon eine Leiche?

(Marlene Schelm, die Kommissarin fragt...)

Kriminalroman von HORST BIEBER

 

Max Berruth geht am 30. Dezember auf ein Pils in seine Stammkneipe „Zum Prellbock“, verlässt das Lokal nach dem zweiten Glas und ist seitdem spurlos verschwunden. Seine Frau Pia meldet ihn im neuen Jahr als vermisst.
Christine (Tine) Dellbusch vom zuständigen Referat 7 kann eine Spur aufnehmen, doch die führt zu einer Frau, die am 30. Dezember abends ermordet worden ist. Der Ehemann hätte zwar ein gutes Motiv, seine Frau aus dem Weg zu räumen, hat aber auch ein bombenfestes Alibi. Das Referat 11 (Mord und Totschlag) übernimmt. Lene Schelm bekommt Hilfe, einmal von der Kollegin
Tine aus dem R-7, zum anderen von Petrus und Frau Holle, die unerwartete viel Schnee schicken, so dass Berruth in einem Auto, das ihm nicht gehört, tödlich verunglückt...

 

Personen

Max Berruth: Medizingeräte-Techniker, ist seit dem 30. Dezember des Vorjahrs verschwunden

Pia Berruth, geborene Zillig: Max' Ehefrau

Daniel Berruth: Der vierjährige Sohn des Ehepaares

Carla Zillig: Pias ledige Schwester

Lothar Scharff: Carlas Freund, Maler von Beruf

Gustavo Toller: Berruths Chef

Susanne Krüger: Tollers Mitarbeiterin

Ann-Katrin Toller, geborene Steinberg: Tollers nymphomane Ehefrau

Die Mannschaft der Kneipe Zum Prellbock am S-Bahnhof „Brekum-Lunden“

Otto Dick: Wirt

Gerda Blume: Bedienung

Rita Funke: Aushilfe, Studentin

Die Kripo-Mannschaft

Marlene Schelm: Erste KHK

Jule Springer: KOK

Sigrid Bauer: KK

Die drei Frauen bilden das Referat R-11, die früher so genannte Mordkommission im Tellheimer Präsidium.

Paul Hase: Staatsanwalt, lebt mit Jule Springer zusammen

Nadine Golowski: Gerichtmedizinerin in Tellheim, lebt mit Jörg Steiner zusammen, dem Chef der Tellheimer Kripo

Kurt Grembowski: KHK (Grem der Grobe)

Christine (Tine) Dellbusch: KK

Grembowski der Grobe und Tine Dellbusch sind die Stammmannschaft des Referats R-7 (Vermisstenfälle) im Tellheimer Präsidium.

 

 

Alle Personen, Namen und Taten, Orte, Bahnhöfe und Firmen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären also rein zufällig.

 

 

Erstes Kapitel (30.Dezember)

So, ich gehe jetzt noch auf ein Bier in den Prellbock. Kommst du mit?“

Pia Berruth tätschelte ihr mittlerweile recht ansehnliches Bäuchlein: „Nein, Max, lieber nicht. Viel Spaß. Bis nachher.“

Wenn er weg war, konnte sie in Ruhe noch alles für den Nudelsalat vorbereiten, der bei den Berruths mittlerweile zur Silvestertradition gehörte. Nach dem Feuerwerk und Anstoßen mit Sekt war Nudelsalat mit heißen Würstchen angesagt, und danach ein starker Kaffee. Viele der Gäste und Freunde, die mit dem jungen Ehepaar den Jahreswechsel feierten, mussten anschließend noch Auto fahren. Pias Eltern schliefen bei Tochter und Schwiegersohn und fuhren erst am nächsten Tag zurück nach Kronberg. Wenn sie gute Laune hatten, machten sie noch einen Abstecher zum Ellermannshof, um der zweiten Tochter Carla ein gutes Neues Jahr zu wünschen. Was sie aber nur taten, wenn Carla am Telefon schwor, ihr Freund Lothar Scharff sei für längere Zeit außer Haus, sie würden ihm nicht begegnen. Schwiegereltern und Freund der Tochter vertrugen sich überhaupt nicht.

 

Max Berruth war Biertrinker. Mit Bier aus Dosen konnte man ihn allerdings jagen, Bier aus der Flasche trank er nur, wenn es gar nicht anders ging. Den richtigen Genuss hatte er nur bei einem vor seinen Augen frisch gezapften Pils, und aus diesem Grund hatte er die Bahnhofskneipe von Brekum-Lunden mit dem sinnigen Namen Zum Prellbock zu seinem Stammlokal erkoren. Die Kneipe war eher mieser Durchschnitt, das Radeberger Bier dagegen Spitze. Unter der Woche trank Max Berruth überhaupt nicht. Da war er täglich viele Stunden mit dem Auto unterwegs, um Apparate und Anlagen, die seine Firma Medizintechnik Gustavo Toller GmbH geliefert und aufgestellt hatte, zu inspizieren, zu reparieren oder auch neu zu eichen. Und weil von diesen Geräten manchmal Menschenleben abhingen, hatten es Ärzte, Schwestern und Patienten überhaupt nicht gerne, wenn der Mechaniker, der sich an den Apparaten zu schaffen machte, nach Bier duftete oder nach Alkohol roch. Deswegen freute sich Max die ganze Woche über auf sein Wochenend-Bier im Prellbock. Pia, die im sechsten Monat mit einer Tochter schwanger war, ging nicht mehr mit. Sohn Daniel war erst vier und schied als Begleiter - noch - aus. Mit seinen Schwiegereltern Lukas und Luise Zillig verstand er sich nicht so gut, dass er sie oder ihn aufgefordert hätte, ihn zu begleiten. Er vermutete ganz richtig, dass sie sich seiner etwas schämten. Ein zwar tüchtiger, aber simpler Mechaniker und eine Millionärstochter, wie sollte das denn auf Dauer gut gehen, und wie sah das vor den Freunden des Ehepaares Zillig aus? Doch Pia hatte ihren dicken Kopf durchgesetzt, wie auch ihre Schwester Carla, die - wie die Eltern klagten - in „wilder Ehe“ mit dem Maler Lothar Scharff in einem umgebauten Gutshof, dem Eldermannshof, am Rande von Brekum zusammenlebte. Scharff war ein beliebter und erfolgreicher Porträtist, bei seinen Künstlerkollegen allerdings nicht beliebt und aus dem Tellheimer Kulturforum demonstrativ und mit Aplomb ausgetreten. Pia und Max mochten den gelegentlich sehr arroganten Scharff nicht leiden, verkniffen sich aber wegen Pias Schwester Carla jede Bemerkung.

Luise Zillig hätte sich gerne von Scharff malen lassen, was der mit der liebenswürdigen Begründung ablehnte: „Ich mal nur interessante Menschen.“ Pia hatte daraufhin verzichtet, Scharff zu fragen. Der Künstler hatte es geschafft, sich innerhalb kürzester Zeit die gesamte Familie zu Feinden zu machen. Nicht gelungen war es ihm, die Schwestern, die seit der Jugend wie Kletten aneinanderhingen, zu entzweien. Max wusste, dass Scharff ihn insgeheim verachtete, und mit solchen Menschen wollte er kein Bier trinken. Auch Schwiegervater Lukas Zillig war mit seiner snobistischen Überheblichkeit kein Begleiter, mit dem Max entspannt ein Bier trinken wollte.

 

Zum Prellbock lief Max zehn Minuten über die Straße oder lieber eine Viertelstunde über den Hauptweg der Kleingartenkolonie Kohlgrub. Der Weg war breit und ordentlich gepflegt, links und rechts von dichten Liguster- oder Buchsbaumhecken gesäumt und bei Dunkelheit sogar einigermaßen beleuchtet. Im Sommer begegnete er oft Liebespärchen, jetzt, einen Tag vor Silvester, war es um diese Zeit zu dunkel und schon viel zu kalt, selbst für Heißblütige, die es zueinander drängte.

 

Der Prellbock war um diese Tageszeit wenig belebt. Am frühen Abend, nach Dienstschluss, kehrten viele Pendler hier ein, um in Ruhe noch ein Bier zu trinken, bevor sie sich mit Frau und Kindern beschäftigen mussten. Otto Dick, der Wirt, wäre auch ohne Bedienung gut klar gekommen, zumal sein Name seinem Äußeren entsprach, und etwas mehr Bewegung ihm gut getan hätte. Vermutlich hatte er die Bedienung Gerda Blume nur eingestellt, um tagsüber Unterhaltung zu haben. Morgen Abend würde der Prellbock gerammelt voll sein; hier konnte man lange lärmen und ungehindert Raketen abschießen, Und bei solchen Anlässen half eine Studentin aus; Rita Funke war tüchtig und bei den Gästen beliebt. Heute half sie neben der Arbeit am Tresen in der Küche aus, wo möglichst viel für den morgigen Abend vorbereitet wurde. Und nachher mussten noch Tische und Stühle weggeräumt werden, um Platz für eine Tanzfläche zu schaffen. Otto stellte dann seine Musikanlage auf, mit deren Lautstärke man Tote aufwecken konnte. Als Max das Lokal betrat, stellte Otto gerade zehn volle Gläser und zehn Pinnchen Klaren auf sein Tablett. Die alten Knaben schienen in der Kneipe zu wohnen und machten jeden Abend eine für Otto erfreuliche Zeche. Sonst war die Kneipe leer, bis auf eine junge Frau, die am Tresen saß und ein Pils vor sich stehen hatte. Rita zapfte gerade und sagte auf Maxens „Guten Abend“ automatisch „Hei, Max.“ Die fremde Frau schaute kurz auf zum Eingang. Zweite Hälfte zwanzig vielleicht, blonde, glatte Haare und ein faszinierendes Gesicht, das Max einen Moment im Profil bewundern konnte. Sie kam ihm irgendwie bekannt vor, er hatte sie schon einmal gesehen, aber der Henker mochte wissen, wann und wo. Und wie sie heißen mochte. Max wollte nicht unhöflich sein und ging auf sie zu: „Guten Abend“, sagte er laut, „wie geht es Ihnen?“

Wieder schaute sie kurz auf, zischte jetzt aber unfreundlich. „Lassen Sie mich in Ruhe!“ Daraufhin stoppte Max und setzte sich nicht neben sie, sondern suchte einen Hocker mit Abstand zu der Blondine.

Wie üblich“, sagte er zu Rita, die ihn und die Frau beobachtete, aber auf die Entfernung wohl kaum verstanden hatte, was die Frau zu ihm gesagt hatte. Max bekam sein Pils, löschte den schlimmsten Durst und schaute dann wie die andern Gäste auf den Fernseher mit der Tagesschau. Während der Wettervorhersage winkte die Blondine Rita heran und zahlte. Max schaute ihr nach, als sie ging und war schwer beeindruckt. So eine perfekte Figur sah man nicht jeden Tag, auch nicht solche engen Jeans. Und selbst ein solcher Hüftschwenk wurde einem nicht oft geboten.

Weißt du, wer sie ist?“ fragte er Rita.

Nein, nie vorher gesehen.“

Nach dem zweiten Bier zahlte auch er und winkte Otto zu; dem stand morgen wie der ganzen Prellbockmannschaft ein harter Abend bevor. Als Max über den Park-and-Ride-Platz auf den Eingang der Kleingartenanlage zuging, löste sich eine Gestalt aus dem Dunkel und trat ihm in den Weg. Die hübsche Blondine aus der Kneipe, die ihn so unfreundlich angefahren hatte. Sie steckte gerade ein Handy weg.

Entschuldigung“, begann sie leise. „Ich war eben wohl etwas arg unhöflich zu Ihnen, und wollte mich entschuldigen.“

Max konnte sich immer noch nicht daran erinnern, wo er sie früher schon einmal gesehen hatte. „Keine Sorge“, sagte er großmütig. „Ist schon vergessen.“

Kann ich das irgendwie wieder gutmachen?“ wollte sie wissen. Sie hatte eine sehr helle, sehr klare Stimme, und die Art, wie sie mit den flachen Händen über ihre Hüften strich, hatte etwas Aufreizendes. „Mein Auto steht hier. Kann ich Sie nach Hause bringen?“

Max war kein Fremdgeher oder Schürzenjäger, aber er hatte männliche Bedürfnisse und wurde zurzeit von seiner Frau Pia, wie er oft dachte, recht knapp gehalten. Und neben ihm ging eine verführerische Blondine, die sich um ihn bemühte. Mal sehen, was daraus wurde.

Das würde ich sogar gerne annehmen.“

 

Dass sie nicht in seine Richtung fuhr, merkte er sofort, sagte aber nichts. Lunden gehörte zwar noch zu Brekum, lag aber jenseits des Parks und war das Viertel der betuchteren Tellheimer. Max und Pia hatten sich auch hier Häuser angesehen, die meisten überstiegen ihre finanziellen Möglichkeiten bei weitem, bei anderen fanden sie die Preisvorstellungen unverschämt, und bei ihrem jetzigen Haus hatten beide sofort gesagt: „Das ist es.“

Als sie in eine kleine Sackgasse einbogen, sagte sie: „Ich heiße Ann-Katrin. Und du?“

Max.“

Fein. Max, du hast doch sicher etwas Zeit, mit hereinzukommen und einen Schluck mit mir zu trinken?“

Ja, habe ich.“ So was gab's also tatsächlich und nicht nur im Fernsehen.

Sie zog den Zündschlüssel ab und öffnete die Haustür so rasch, dass er keine Gelegenheit hatte, den Namen an der Klingel zu lesen. Sie hieß also Ann-Katrin - und wie weiter?

Sie hängte ihren gefütterten Anorak über einen Bügel, zog sich die dicken Schuhe aus und schlüpfte in ein Paar niedrigen Hausschuhe, griff nach seiner Hand und zog ihn in ein großes, hell erleuchtetes Zimmer und drückte ihn auf eine breite Couch herunter.

Was möchtest du trinken?“

Wenn du einen klaren Schnaps und etwas Sprudel für mich hättest ...“

Aber sicher.“

Sie sprang auf und zog sich mit einer raschen Armbewegung ihr Shirt über den Kopf. „Ist dir auch so warm?“

Ja“, sagte er automatisch. Obwohl er ihre Frage gar nicht richtig verstanden hatte. Sie lief aus dem Zimmer und war im Nu zurück mit einem Tablett, auf dem zwei Gläser, Eisbehälter, Sprudel und eine Flasche Wodka standen, setzte das Tablett auf dem niedrigen Tisch vor der Couch ab und goss ein. Er bewunderte ihre geschickten Bewegungen fast noch mehr als ihren Busen.

Prost, Max.“

Zum Wohl, Ann-Katrin.“

Sobald er sein Glas abgestellt hatte, nahm sie seine Hand und legte sie auf ihren Busen. „Ich hab's gern, wenn man meine Titten streichelt.“

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Sie hatte eine prachtvolle Brust und stöhnte auf, als er ihre Brustwarzen küsste. Ihr Slip fiel, er spürte ihre Hand an seinem Hosenschlitz und sie murmelte: „Nun mach schon!“ Sie kam sehr schnell zum Höhepunkt und gluckste, als er sich neben sie legte, um wieder zu Kräften zu kommen. Dabei kraulte sie seinen Penis, kein Zweifel, sie hatte viel Übung in Sachen Sex, und trotzdem wurde er den komischen Eindruck nicht los, dass sie gar nicht richtig bei der Sache war. Beim zweiten Mal kam sie nicht zum Orgasmus, er wollte sich schon entschuldigen, als er bemerkte, dass sie an ihm vorbei nach oben an die Decke schaute. Er folgte ihrem Blick und sah neben der Lampe ein winziges Gerät, das mit seinem „Glasauge“ auf sie gerichtet war. „Was ist denn das?“ fragte er halb verwundert, halb beunruhigt.

Eine Kamera“, sagte sie unbefangen.

Die hat uns jetzt aufgenommen?“

Ja.“

Und warum?“

Meine Freunde und Freundinnen schauen uns das gerne an, um uns etwas anzutörnen, bevor eine ordentliche Sexparty abgeht.“

Und darauf bin ich und bist du zu erkennen?“

Sicher“, kicherte sie vergnügt und er dachte zum ersten Mal heute Abend an Pia und das Kind, das sie von ihm erwartete.

Bist du verrückt? Ich will sofort das Band oder den Chip oder den Film.“

Hast du noch alle? Ich denke nicht daran. Stell' dich doch nicht so an. Du bist verheiratet, nicht wahr, und deine Frau erwartet ein Kind?“ Das hatte ihr Lothar Scharff verraten, als sie in fragte, wer denn der Mann da eben in der Diele des Eldermannshofes gewesen sei. „Nur mein Schwager Max. Ein Trottel und langweiliger Familienvater. Treu und doof, den kriegst nicht einmal du herum.“

Um was wetten wir, dass doch ...“ Als die Junge hinter dem Kneipen-Tresen „Hei, Max“ sagte, hatte sie ihn sofort wiedererkannt und sich an ihre Wette mit Scharff erinnert. Sie liebte Männer und sie liebte Geld und hatte nichts dagegen, von geliebten Männern Geld anzunehmen.

Damit rückte sie sich in die richtige Position unter das Objektiv, spreizte wieder die Beine und forderte ihn auf: „Leck mich, Max.“

Das war zu viel. Max knurrte nur und schlug ihr mit voller Kraft ins Gesicht. Sie wehrte sich, strampelte, kreischte und kratzte und versuchte, ihn zu beißen. Bis er wutentbrannt eines der Kissen nahm und ihr auf Mund und Nase presste. In seinen Ohren rauschte es unerträglich laut und vor seinen Augen flimmerten grellrote Blitze, so dass er nichts mehr deutlich erkannte. Endlich spürte er, dass ihre Gegenwehr erlahmt war. Vorsichtig nahm er das Kissen hoch, aber sie blieb regungslos liegen und bewegte sich nicht. An Mund und Nase konnte er keinen Atem mehr spüren, links und rechts an den Halsschlagadern nichts mehr spüren. Vorsichtig stand er auf und begriff erst jetzt, was er getan hatte. Weg, nur weg! Aber wenn das stimmte, und diese verdammte Kamera da oben alles aufgenommen hatte? Er musste das Band, den Chip oder den Film unbedingt mitnehmen und vernichten. Aber wo stand das Aufzeichnungsgerät? Er zog seine Sachen an, weil er nicht nackt durch das große, fremde, wenn auch wahrscheinlich leere Haus laufen wollte. So eine hübsche Frau und dabei so ein verkommenes Luder. Ihr Gesicht hatte sich verändert, war schlaff geworden und hatte den Ausdruck von Lebhaftigkeit und den Ausdruck verführerischer Bereitwilligkeit verloren. Dann fiel ihm ein, dass er Sperma und Fingerspuren hinterlassen würde. Ob es günstig war, zur Ablenkung der Polizei die Vorhänge zur Seite zu ziehen und die Veranda-Glastür einen Spalt zu öffnen? Von draußen kam es kalt herein. Für heute Nacht war starker Frost angesagt. Schnee war noch nicht gefallen.

Max Berruth durchsuchte das ganze Haus, wobei er Klinken und Schalter nur mit dem Taschentuch anfasste. Die gesuchten Geräte standen auf dem Dachboden in einem verriegelten Holzverschlag. An einer Wand war ein Regal aufgebaut, auf dessen Bretter viele CDs und DVDs lagen. Max hatte beruflich genug mit elektronischen Geräten zu tun, so dass er den Bildschirm und den Disc-Spieler in Betrieb setzen konnte. Es traf ihn wie ein Schlag, die Blonde legte sich nackt auf die Liege und zog ihn zu sich herunter, drehte sich einmal so zur Seite, dass auch sein Gesicht deutlich abgebildet wurde. Max Berruth war klar zu erkennen und oben lief eine Datums- und Zeitangabe mit. Auf der Scheibe waren aber auch noch andere Sexszenen gespeichert. In einem großen Wohnraum wurde eine Stripping-Party gefeiert, an der sich nicht nur seine Blonde aus dem Prellbock, sondern auch fünf, sechs andere zum Schluss textilfreie Frauen und nackte Männer beteiligten. Bei zwei Gesichtern stockte Berruth. Der eine mit einer etwas unglücklichen Miene sah aus wie sein Chef Gustavo Toller, und der zweite konnte, nein, musste Lothar Scharff sein, der Maler, mit dem Maxens Schwägerin Carla Zillig zusammenlebte. Und jetzt fiel ihm auch wieder ein, woher ihm die Blondine aus dem Prellbock so bekannt vorgekommen war. Max hatte sie bei einem Besuch auf dem Eldermannshof für Sekunden gesehen, aber nicht gesprochen, bevor sie mit Lothar Scharff in einem Zimmer verschwand und die Tür hinter sich schloss. Er steckte die DVD ein und wollte sich gerade eine andere Disc ansehen, als er aus dem Parterre ein seltsames Geräusch hörte, gefolgt von einem dumpfen Knall, der wie ein Pistolenschuss klang. Zehn, fünfzehn Sekunden später knallte es noch einmal - kein Zweifel, im Parterre wurde geschossen. Nun wurde es kritisch; so leise wie möglich schlich Max die Stufen hinunter, bis er in der Diele vor der Tür zu dem Zimmer mit der Couch stand. Drinnen schimpfte eine Frau zwar leise, aber doch verständlich vor sich hin: „Na, du verdammte Hure, jetzt ist endlich Schluss, was? Wie mich das freut. Hoffentlich hast du deinen letzten Fick noch genossen. Und wenn nicht, umso besser. In der Hölle herrscht das Zölibat.“

Max zögerte und klinkte dann behutsam die Tür auf. Das Geräusch musste die Frau alarmiert haben, sie fuhr herum und schwenkte die Waffe Richtung Tür. Als sie in der Öffnung eine menschliche Gestalt entdeckte, feuerte sie sofort. Die Kugel verfehlte Max und schlug in den Türrahmen ein. Eine halbe Minute standen sie beide wie die Ölgötzen voreinander und starrten sich an. Die Frau fand als erste ihre Sprache wieder. „Was machst du denn hier?“ fauchte sie ihn an.

 

 

Zweites Kapitel

Susanne Krüger hatte den ganzen Nachmittag auf seinen Anruf gewartet, und ihre Laune war von Minute zu Minute schlechter geworden. Als ihr Handy endlich bimmelte, schnauzte sie sofort los: „Wo steckst du denn den ganzen Tag?“

Ich konnte nicht früher anrufen.“

Und warum nicht?“

Susi, wir haben einen unerwarteten Prüfer vom Finanzamt im Hause. Und der Kerl hat sehr unangenehme Fragen gestellt. Ich fürchte, er hat Verdacht geschöpft. Und will nun pausenlos sehr knifflige Auskünfte haben. Ich kann hier jetzt nicht weg. Tut mir leid.“

Das sagst du in letzter Zeit immer häufiger. Tut mir leid, ich kann jetzt hier nicht weg.“

Erst als sie das ausgesprochen hatte, ging ihr auf, dass sie genau das dachte und ihm heimlich zum Vorwurf machte. Oder sein: „Nicht jetzt, Susi. Ich bin total erledigt.“

Dabei hätte sie es wissen müssen. Wer sich mit einem verheirateten Chef auf ein Verhältnis einließ, musste mit Ärger und Problemen rechnen. „Gusto“, wie sie unter vier Augen ihren Gustavo nannte, hatte immer mit offenen Karten gespielt, eine Scheidung kam nicht in Frage. Einmal hatte Gustos Schwiegervater Hans-Joachim Steinberg das Geld für den Aufbau der Firma Medizintechnik Gustavo Toller GmbH vorgestreckt und Susanne Krüger wusste genau, dass ein beträchtlicher Teil des Kredits noch nicht zurückbezahlt war.

Sie wusste auch, dass Gustos Ehe nicht glücklich war. Er bezeichnete seine Frau als läufige Hündin, was sie wohl nicht immer gewesen war, aber mittlerweile war sie wohl ihren Ehemann gründlich leid und nutzte so ziemlich jede Möglichkeit, ihn zu betrügen. Verliebt war sie in keinen dieser Liebhaber, anders als Gusto, der sich in Susi Krüger ernsthaft verliebt hatte und heute aufrichtig bedauerte, die auffallend hübsche Ann-Katrin Steinberg so rasch geheiratet zu haben.

Den Grund für den Liebhaberverschleiß seiner Frau begriff Gusto nicht. Susanne Krüger hatte ihm das nicht auf Anhieb geglaubt. Ob er nicht doch Vergnügen an diesen Orgien empfand, von denen er ihr so empört berichtete? Und noch weniger glaubte sie ihm, dass Ann-Katrin eine Kamera hatte einbauen lassen, die alles filmte und aufzeichnete, was sie so trieb, ob allein oder in einer Truppe Gleichgesinnter.

Wozu denn das, das ist doch Schwachsinn.“

Angeblich schauen sie und ihre Freundinnen und Freunde sich das vorher an, weil es sie so schön antörne.“ Gusto hatte ihr eine solche Platte vorgeführt und sie hatte sofort eine ganz andere Erklärung parat - von wegen antörnen und aufgeilen, erpressen war hier angesagt. Susi hatte einen ausgeprägten Hang zum Praktischen.

Wo bist du denn jetzt?“ erkundigte sie sich.

Wir sitzen in der Speisekammer und essen etwas zu Abend.“

Und deine geliebte Ann-Katrin?“

Die besucht eine Freundin in Konstanz. Hat sie wenigstens gesagt, weiß der Henker, was sie wirklich treibt.“

Susanne Krüger überlegte eine Minute, ihr war eine verwegene Idee gekommen. Das Haus stand also leer, Gusto hatte ein Alibi - einem Finanzbeamten würde die Polizei doch wohl glauben. Und wo Ann-Katrin Toller ihren Schmuck und ihr Geld und wo sie die DVDs aufbewahrte, wusste sie, seit Gusto sie in sein Haus mitgenommen hatte. Man konnte viele Dinge gewinnbringend verkaufen, und Geld brauchten Gusto und sie dringend. Sie hatten lange genug darauf gewartet, dass er sich von Ann-Katrin trennen konnte. Wozu er vorher den Kredit an ihren Vater zurückzahlen musste.

Sie ging in ihr Arbeitszimmer und holte die Pistole und die Schachtel mit der Munition heraus. Und einen festen Leinenbeutel; aus der Küche nahm sie ein Paar dünne Plastikhandschuhe mit. Dann fuhr sie los Richtung Brekum-Lunden. Sie wusste, wo sie ihr Auto von den Nachbarn unbemerkt parken und wo sie bequem über den Jägerzaun in den Garten einsteigen konnte. Die Verandatür zum Wohnzimmer stand einen Spalt offen. Das war ungewöhnlich. Das „bessere“ Viertel Lunden war bei den reisenden Einbruchbanden bekannt und beliebt, wie die Polizei immer wieder warnte. Sie schob die Verandatür einen Spalt weiter auf und schaute in das hell erleuchtete Zimmer. Ann-Katrin Toller lag nackt auf der Couch, die Beine angezogen und schlief tief und fest, hatte nicht einmal bemerkt, dass jemand von draußen ins Zimmer gekommen war. Das war die Chance. So rasch und so leise wie möglich zog Susi Krüger die Pistole aus der Tasche und vergewisserte sich, dass sie den festen Leinenbeutel dabei hatte, und schob die Tür noch ein Stück weiter auf. Ann-Katrin Toller schlief immer noch bewegungslos in der vorigen Position. Susi hob die Waffe und feuerte. Der Körper zuckte unter dem Einschlag der Kugel, und sie schoss nach kurzer Pause ein zweites Mal.

Dann stand sie länger vor der Couch und beschimpfte die Tote, die ihr und Gustos Glück so massiv im Wege gestanden hatte. Endlich hörte sie ein Geräusch von der Tür her, und zu ihrem ungläubigen Entsetzen ging die Tür auf, bis in der Öffnung ein Mann stand, der sie sprachlos anstarrte. Instinktiv hatte sie geschossen, die Gestalt aber verfehlt. Sie fand als erste die Sprache wieder und schnauzte den Mann an: „Was machst du denn hier?“

 

 

Drittes Kapitel

Kurioserweise riss das „Du“ Max Berruth aus seiner Lähmung. Ja, das war Susanne Krüger, Sekretärin, Buchhalterin, Terminplanerin, Frau für alles in der Firma Medizintechnik Gustavo Toller GmbH, so unentbehrlich wie zuverlässig, dazu recht hübsch, flott und freundlich. Seit der letzten sehr feuchten Weihnachtsfeier duzten sich alle Angestellten. „Das wollte ich dich auch fragen“, sagte Susanne rasch.

Gusto - Gustavo - hat mich angerufen, ich sollte ihm was bringen. Ich dachte, er sei zu Hause. Und wie kommst du hierher?“

Ann-Katrin hat mich mitgenommen.“

Die Hure da?“

Warum er, ohne nachzudenken, wie aus der Pistole geschossen, erwiderte: „Die du erschossen hast“, wusste er nicht.

Ihr schien erst jetzt aufzugehen, dass es für ihre Tat einen Zeugen gab. Automatisch hob sie die Pistole, Max schüttelte besorgt den Kopf.

Besser nicht, Susi. Die Kamera da oben an der Decke hat alles aufgenommen.“

Schiet. Hast du eine Ahnung, wo das Bandgerät steht und wo die DVDs aufbewahrt werden? Die Kamera hat alles aufgenommen?“

Einen Moment überlegte er. Gegen seine Behauptung, sie habe Ann-Katrin erschossen, hatte sie nicht protestiert. Sollte er sie nicht in dieser Überzeugung belassen?

Verdammt ja. Hat sie wohl. Ja, ich weiß, wo das Aufnahmegerät steht. Wir könnten alle Discs einpacken und dann von hier verschwinden, wenn du einen Ort weißt, an dem wir uns verstecken können, bis Gustavo seine Frau gefunden hat.“

Sie stiegen zusammen auf den Dachboden, und während sie alle Scheiben in den Beutel räumte, meinte sie plötzlich: „Ich habe eine Idee. Gusto hat eine Jagdhütte im Lantener Forst. Ich weiß, wo er den Reserveschlüssel versteckt.“

Bist du schon mal mit ihm in der Hütte gewesen?“

Mehr als einmal.“

Ihr habt was miteinander?“

Seit Jahren schon.“ Warum sollte sie das noch verschweigen?

Das habe ich nicht gewusst.“ Was nicht einmal gelogen war, Max war viel unterwegs und fand selten Gelegenheit zu Klatsch und Tratsch mit den Kollegen und Kolleginnen. Sie nickte zustimmend:

Du bist ja auch selten da. Wir sind seit gut drei Jahren zusammen.“

Du weißt, dass er verheiratet ist?“

War“, verbesserte sie spöttisch und begann über sein verdutztes Gesicht zu lachen: „Ich werd' nicht mehr. Sag' bloß, du hast nicht gewusst, dass diese Ann-Katrin die Frau des Chefs ist oder war?“

Nein, woher denn auch. Ich habe sie nie vorher gesehen und der Chef hat sie uns ja auch nicht vorgestellt. Und an der Weihnachtsfeier hat sie auch nicht teilgenommen.“

Er hätte sich gerne scheiden lassen, aber sein Schwiegervater hat ihm das Geld für die Firma vorgestreckt unter der Bedingung, dass Gusto sofort zurückzahlen muss, wenn er die Scheidung einreicht oder sich von Ann-Katrin trennt.“

Ich glaube, der Vater hat vor allem seine Ann-Katrin elegant für immer loswerden wollen.“

Das hat Gusto zum Schluss auch vermutet. Uns fehlen noch knapp 50 000 Euro, dann haben wir genug zusammen. Vielleicht klappt es jetzt mit den Scheiben. Ich möchte noch eigene, gesunde Kinder haben.“

Deswegen die DVDs?“

Warum nicht.“

Kennst du alle Frauen und Männer, die an den Partys teilgenommen haben?“

Nein, aber ich kenne in Stübern eine kleine Firma, die mir gegen Honorar preiswerte Kopien herstellt. Wie können es uns leisten, einige DVDs auf gut Glück, vielleicht an den falschen Adressaten loszuschicken.“

Trotzdem brauchen wir ein Abspielgerät. Ich hole am besten den kleinen Apparat vom Dachboden.“

Beeil' dich, ich pack' in der Zwischenzeit noch was zum Frühstück ein.“

Außerdem spülte sie die beiden Gläser vom Couchtisch und wischte die Wodkaflasche feucht ab.

Sie fuhren bald in ihrem Auto los. Bis zum Lantener Forst brauchte man bei vernünftigem Tempo 45 Minuten, und Susanne Krüger kannte den Weg zu der Jagdhütte ganz genau. Als sie in die erste Bergstraße einbogen, wollte Max wissen: „Wo steckt dein Gusto denn jetzt?“

Als wir zum letzten Mal miteinander telefoniert haben, saß er in der Speisekammer und aß mit einem Steuerfahnder zu Abend. Ich kann ihn ja mal anrufen, wo er jetzt ist.“

Um Himmels willen, nein! Gibt mir sofort dein Handy. Hast du nie was von Vorratsdatenspeicherung gehört? Sobald die Kripo die tote Ann- Katrin gefunden hat, wird sie nach der möglichen Geliebten des Ehemannes suchen.“

Das war vielleicht etwas übertrieben, aber es konnte nicht schaden, ihr etwas Angst einzujagen, lieber zu vorsichtig sein als leichtsinnig.

Der Schlüssel zur Hütte, die sich als besseres, wenn auch kleines Haus herausstellte, lag in seinem Versteck, und aus dem Haus wehte es sie kühl an. Max musste zuerst hinter dem Haus Holzscheite hacken. Und dann dauerte es eine ganze Weile, bis der Kachelofen richtig wärmte. Die Dunkelheit, die Kälte und die Stille konnten einem Stadtmenschen auf die Nerven gehen. Max entfernte Akku und SIM-Karte aus ihrem Handy und setzte sich vor den altmodischen Ofen. Die Flammen flackerten und prasselten hinter einer dicken Glimmerscheibe. Was mochte Pia jetzt denken oder tun?

Plötzlich verspürte er Appetit auf Nudelsalat.

 

 

Viertes Kapitel

Gustavo Toller kam schlecht gelaunt nach Hause. Erstens war das Essen in der Speisekammer erbärmlich gewesen und außerdem sah es so aus, als habe sich dieser Steuerfritze ausgerechnet an das unwichtigste Betrugsmanöver herangearbeitet, mit dem Gustavo Toller und Susanne Krüger gemeinsam das Konto „Ehe-Freikauf“ aufzufüllen trachteten. Spesenbetrug brachte nicht viel, aber Susi meinte, auch Kleinvieh mache Mist, aber leider eben auch Menschen verdächtig, die man dabei erwischte. Er fuhr seinen Wagen in die Garage und wunderte sich, dass im Parterre Licht brannte, und, wie er bei einem Rundgang ums Haus festgestellte, eine Verandatür nicht vollständig geschlossen war. Ann-Katrin hatte doch eine Freundin am Bodensee besuchen wollen, unter anderem mit der albernen Begründung, sie müsse ihr unbedingt einige der neuen Kleider vorführen, die sie für ein irrsinniges Geld bei einer Bekannten erworben hatte. Gustavo kannte diese „Freundin“.

Carla Zillig lebte mit dem Maler Lothar Scharff auf dem Eldermannshof zusammen und verdiente ihr eigenes Geld mit einem winzigen Mode-Label. Wer partout seinem Kleid nicht auf einer Veranstaltung begegnen wollte, ließ von Carla Zillig ein Einzelstück entwerfen und schneidern. Carla forderte Mondpreise, genauso wie ihr Lebensabschnittsgefährte Lothar Scharff für seine Porträts, aber beide waren im Moment in oder angesagt und hatten über fehlende Aufträge nicht zu klagen. Gustavo ging zurück, schloss die Haustür auf und rief laut in die Diele: „Hallo Ann-Katrin, ich bin da!“

Keine Antwort; das war ungewöhnlich. Meist pflegte sie mit einer Unfreundlichkeit zu reagieren: „Endlich, Weichei oder auch: Schon, Schlappschwanz? Mach' nicht wieder so viel Dreck in der Diele. Ich komm' gleich, sobald ich fertig bin.“

Gleich“ hieß in der Regel 15 Minuten. „Sofort“ dauerte bis zu einer halben Stunde.

Gustavo rief noch einmal. Wieder keine Reaktion; er hätte gern mit ihr besprochen, was der Steuerfahnder massiv kritisiert hatte. Er ging auf die Wohnzimmertür zu und klinkte sie auf. Ann-Katrin lag nackt und regungslos auf der Couch und starrte ihn aus leblosen, weit geöffneten Augen an.

Hallo, Ann-Katrin“, wiederholte er töricht und spürte, wie ihm ein eiskalter Finger über den Rücken strich. Das war doch ... das konnte doch nicht sein? Warum schlief sie so tief, nackt bei dieser Kühle, was war da passiert. Er trat etwas näher und konnte auf ihrem Busen zwei mit etwas Blut umgebene Flecken erkennen. Dann beugte er sich zu ihr herunter - kein Atemgeräusch. Ihre Brust bewegte sich nicht. Jetzt warnte ihn etwas, er berührte den Körper seiner Frau nicht, sondern holte sein Handy heraus und wählte 112, dann auch die 110. Die Tür zur Veranda ließ er so, wie sie war.

 

Gustavo hatte den Namen „Mordtrio“ noch nie gehört. Aber er kam ihm sofort in den Sinn, als sich die drei Frauen von der Kripo vorstellten: Marlene Schelm, die Chefin. Jule Springer, unzweideutig ihre Vertreterin. Sigrid Bauer, die jüngste im Team und letzte in der Hierarchie der Mordermittlerinnen. Dazu eine auffällige Blondine aus der Rechtsmedizin, der ein elegantes Abendkleid besser gestanden hätte als der grüne Kittel.

Eindeutig Mord?“ erkundigte sich Lene Schelm.

Eindeutig. Aber ...“

Was aber, Nadine?“

Schau dir mal die Augen an. Siehst du diese roten Pünktchen?“

Ja.“

Das spricht eigentlich dafür, dass sie erwürgt worden ist. Also unter Umständen schon mausetot war, als die beiden Kugeln sie trafen. Das würde nebenbei auch erklären, warum so wenig Blut aus den Brustwunden ausgetreten ist. Die Pumpe arbeitete schon nicht mehr.“

Das gibt es doch nicht. Wer erschießt schon eine Leiche?“

Wer unter Umständen geglaubt hat, die Schöne hier würde nur tief schlafen.“ Nadine Golowski grinste. „Ich würde mich auf jeden Fall mal auf zwei Täter einrichten, Lene. Einer hat gewürgt, ein anderer geschossen.“

Und du sagst uns noch, in welcher Reihenfolge?“

Na klar.“

Und wann ist das alles geschehen?“

Da lege ich mich jetzt nicht fest.“

Morgen?“

Eher übermorgen. Für morgen Abend haben wir Caro Heynen zu uns eingeladen.“

Caro(line) Heynen war als Erste Hauptkommissarin mal Chefin und Vorgängerin von Lene Schelm gewesen. Nadine Golowski, Leiterin der Tellheimer Rechtsmedizin, war immer noch Lenes beste Freundin, und Nadines Freund, mit dem sie zusammenlebte, war der Leitende Direktor der Tellheimer Kriminalpolizei.

Nadine. Pi mal Daumen. Wann?“

Die Frau ist etwa zwei Stunden tot.“

Und wo waren Sie vor rund zwei Stunden?“ fragte Lene Schelm, die sehr direkt sein konnte.

Gustavo war noch zu erschüttert, um sich zu wehren. „Vor zwei Stunden habe ich in der Speisekammer am Hauptbahnhof gegessen.“

Dafür gibt es Zeugen?“

Ja. Einen Fahnder aus dem Finanzamt.“

Wie bitte?“

Also musste Gustavo Toller die ganze Geschichte erzählen. Als auch der Steuerfahnder das Knurren seines Magens nicht mehr ignorieren konnte, waren sie gemeinsam in die Speisekammer gegangen. Einladen durfte Gustavo den Finanzbeamten nicht, und der konnte sich die sehr zivilen Preise in der Speisekammer eben noch leisten. Vor einer halben Stunde war Gustavo dort aufgebrochen und direkt nach Hause, nach Brekum-Lunden, gefahren, nein, durch die Haustür hereingekommen, die Verandatür hatte er nicht berührt.

Und wo war Ihre Frau heute?“

Mir hatte sie gesagt, sie wolle eine Freundin in Konstanz besuchen.“

Leise seufzend schrieb er alle Namen und Anschriften auf.

Sigrid Bauer hatte inzwischen das Glasauge an der Decke entdeckt: „Sagen Sie mal, Herr Toller, was ist denn das da oben?“

Gustavo musste ein zweites Mal auspacken und gewann dabei den durchaus richtigen Eindruck, dass man ihm jetzt noch weniger glaubte als bei der Speisekammer-Geschichte. Andererseits - vom Dachboden waren zwei Geräte und alle Speicherplatten verschwunden. Zwei „Mörder“ brauchten sie ohnehin und durch die halb offenstehende Verandatür konnte auch ein Dieb gekommen sein, der es auf die Speicherplatten abgesehen hatte. Nach einer guten Stunde rückte die Kripo-Mannschaft wieder ab und Gustavo gönnte sich einen ordentlichen Whisky. Trauer über den Tod der schönen Ann-Katrin wollte sich bei ihm nicht einstellen, aber ihn irritierte, dass sich am Handy weder Susanne Krüger noch ihre Sprachbox meldeten.

 

 

Fünftes Kapitel

Die erste Nacht verlief anfangs ruhig, obwohl beide schlecht schliefen. Susanne zweifelte nicht daran, dass sie Ann-Katrin Toller erschossen hatte und dachte voller Schrecken an die Folgen, hätte gern ihrem Gusto alles gestanden und ihn um Hilfe gebeten, wusste aber nicht, wie und wo sie ihn erreichen sollte. Und dass sie in einer so beschissenen Situation ausgerechnet an Max Berruth gebunden war, gefiel ihr am allerwenigstens. Max war ein lieber, aber harmloser und - wie sie manchmal dachte - auch hirnloser Kollege, für den sie wenig übrig hatte, auch wenn Gusto häufiger sagte, er wünschte sich, dass alle Mitarbeiter und Monteure so fleißig, zuverlässig und tüchtig wären wie Max Berruth. Wie konnte sie an ihr Handy kommen und Gusto anrufen? Würde die Polizei sie verdächtigen? Sie zerbrach sich den Kopf, wer in der Firma von ihrem Verhältnis mit Gusto etwas wissen und erzählen könnte.

Irgendwann fiel sie dann doch in einen leichten, unruhigen Schlaf, aus dem sie ein unbekanntes, aber bedrohlich klingendes Geräusch hochriss. Nach zehn Sekunden wiederholte es sich. Nun war sie hellwach und lauschte angestrengt. Da macht sich doch jemand an der Hüttentür zu schaffen. Nach dem dritten Knacken rief sie unterdrückt: „Max, schnell.“

Er hatte nebenan geschlafen und sie gehört, vielleicht ebenfalls von dem Knacken aus dem Schlaf gerissen. Jedenfalls antwortete er sofort: „Ja? Was ist los?“

Da versucht jemand, die Tür aufzubrechen.“

Moment, ich komm' mal rüber.“ Der Unbekannte war so nett, das nächste Geräusch genau in der Sekunde zu produzieren, in der Max Susis Zimmer betreten hatte.

Du hast Recht“, sagte er überrascht. „Dem werde ich mal ... wo ist deine Pistole?“

An die Waffe hatte sie noch gar nicht gedacht. „Die hast du mitgenommen.“

Richtig.“

Sind da noch Patronen im Magazin?“

Sie musste erst überlegen „Ich weiß nicht ... Halt: doch, ich weiß. Ich habe zweimal auf Ann-Katrin geschossen ...“

... und einmal auf mich. Macht drei Schuss, also sollten noch drei Patronen im Magazin sein. Halt mir die Daumen. Ich versuche dann mal, den Kerl zu vertreiben.“

Wo und wie man entsicherte und durchlud, hatte sie ihm gezeigt.

Mit der Waffe in der Hand schlich er zur Hüttentür. Es knackte zum vierten Mal. Max zog lautlos den Riegel zurück, riss die Tür auf und feuerte blindlings auf einen sich bewegenden Schatten, der wie von einer Riesenfaust herumgerissen wurde und zu Boden stürzte. Dort blieb er bewegungslos liegen, bis es Max zu kalt wurde und er die Tür wieder schloss. So konnte er nicht sehen, dass sich der Mann aufrappelte und davonschwankte, wobei er sich die rechte Schulter hielt.

Ist der weg?“ rief Susi, und er schaute bei ihr herein. „Ja. Ich glaube, ich habe ihn sogar getroffen.“

Was wollte der?“

Woher soll ich das wissen. Ich versuche, weiter zu schlafen.“

 

Was ihnen beiden nicht so recht gelang. Morgens gähnten sie sich um die Wette an. Er hackte noch einmal Brennholz, fütterte den Kachelofen und dann legten sie sich noch einmal hin. Jetzt konnten sie noch ein paar Stunden ungestört schlafen, und als sie dann endgültig aufstanden, war es immer noch nicht richtig hell geworden. Dicke, dunkle Wolken trieben am Himmel, es roch irgendwie nach Kälte und Schnee, an Silvester in dieser Region eigentlich zu früh.

 

 

Sechstes Kapitel (31.Dezember)

Pia Berruth verbrachte den ganzen Vormittag damit, telefonisch die Silvesterparty abzusagen: Max habe sich ein Bein gebrochen und liege noch für ein paar Tage im Krankenhaus. Ihre Eltern erreichte sie nicht mehr, die waren aus dem Taunus schon losgefahren, und Schwester Carla und Lothar Scharff sagte sie die Wahrheit: Max war über Nacht einfach weggeblieben und hatte sich nicht gemeldet. Auch bei den restlichen Bekannten und Nachbarn, die sie gestern Abend nicht mehr erreicht hatte, sagte sie nichts. Carla und Lothar waren gestern Abend auch nicht in ihrem Eldermannshof gewesen. Carla hatte einer Kundin in Bockern das Kleid für deren Silvesterparty gebracht und Lothar mitgenommen, um die schwierige Kundin notfalls abzulenken und zu besänftigen. Doch die war mit allem einverstanden, nur ihr Mann begann zu knöttern, das könne man doch kein Kleid mehr nennen, da sei ein Bikini züchtiger und vor allem preiswerter. Was sachlich völlig richtig war, aber nicht im Sinne von Carla und Lothar, die den Erzürnten aber mit vereinten Kräften beruhigen konnten.

Pia richtete anschließend ihren vorbereiteten Nudelsalat an und sparte an Salz, das sie zum Teil durch Tränen ersetzte. Dass sie ihn auf diese Weise nicht versalzte, lag auch daran, dass die Wut immer wieder einmal über ihre Verzweiflung siegte. Was hatte sie Carla nicht alles von der Treue und Zuverlässigkeit ihres Max vorgeschwärmt, wenn die Schwester sich mal wieder über ihren Lothar beklagte. Und dieser Lothar, der ihre Gedanken erriet, scheute sich nicht, ihr verschwörerisch zuzuzwinkern. Erst am Nachmittag kamen Lothar und Pia dazu, ein, zwei Sätze unter vier Augen zu wechseln:

Ist da was im Gange ...?“

Nein.“

Sicher?“

Ganz sicher.“

Vater Zillig sah das alles unter geschäftlichen und finanziellen Aspekten. „Die Lebensversicherung ist doch okay?“

Pia brach in Tränen aus, aber auf Gefühle hatte ihr Vater noch nie Rücksicht genommen. Und weil er Tochter und Schwiegersohn einen beachtlichen Teil der jährlichen Prämien zahlte, glaubte er fest, das müsse er auch nicht. Sie saßen bis Mitternacht stumm vor dem Fernseher, stießen um Null Uhr mit Sekt an - Pia wünschte sich vom neuen Jahr nur, dass Max heil zurückkomme. Daniel zuliebe feuerten sie vor dem Haus ein paar Raketen und zwei schöne Feuerräder ab, schlugen bescheidene Breschen in den Nudelsalat und den Berg von Würstchen und gingen alle früh schlafen.

 

Wie hatte sie den Kerl mal attraktiv und nett finden können. Es wurde nicht besser, als Pias Eltern eingetroffen waren und die Wahrheit erfahren hatten. Zum Glück verkniffen sich beide das „Was haben wir dir immer gesagt?“

Carla und Lothar verzogen sich, bevor das drohende Gewitter losbrechen konnte. Auf der kurzen Heimfahrt erleuchteten immer wieder Feuerräder, Raketen und bengalische Lichter die Straßen.

 

 

Siebtes Kapitel

Das „Blonde Gift“ Nadine Golowski und ihr Freund Jörg Steiner hatten gemeinsam gekocht, und ihr Gast Caroline Heynen lobte begeistert, sie habe lange nicht mehr so gut gegessen. „Mal anders herum gefragt“, versetzte Steiner, „essen Sie überhaupt noch regelmäßig zu Mittag?“

Caro schüttelte den Kopf. Sie war zum frühestmöglichen Termin in Pension gegangen, obwohl man sie häufig und dringend gebeten hatte, doch bis 67 zu bleiben. Auch Marlene Schelm hatte das getan. Aber Caro wollte nicht mehr und vertraute den wahren Grund niemandem an. Sie war über viele Jahre mit einem Privatdetektiv eng und früher auch intim befreundet gewesen, der ihr einmal geholfen hatte, einen Mörder zu überführen. Der Täter hatte nach der Urteilsverkündung noch im Gerichtssaal geschworen, sich an Rolf Kramer, dem Privatdetektiv, zu rächen. Was er auch nach seiner Entlassung sofort getan hatte, er hatte Kramer auf einem Friedhof am Grab seines Opfers erschossen, und Caro fühlte sich mitschuldig, weil sie nicht daran gedacht hatte, dass der Mörder bald entlassen werden würde. Caros Job als Erste Hauptkommissarin im Referat 11, der früher so genannten Mordkommission, übernahm Marlene Schelm.

Caro litt keine Not, weder finanziell, weil sie ein Drittel der elterlichen Firma geerbt hatte, noch emotional; sie war viel unterwegs, arbeitete ehrenamtlich in einem Seniorenheim und vermisste nur manchmal den Trubel und die Spannung einer Mordkommission. Und weil Steiner der Direktor der Tellheimer Kriminalpolizei war, landete das Gespräch unvermeidlich bei den jüngsten Fällen. Die Opfer von Mord und Totschlag bekam zwangsläufig Nadine Golowski zu sehen („auf dem Blechtisch serviert“), und sie berichtete fast amüsiert von der jüngsten Leiche, die zuerst erstickt und dann erschossen worden war.

In dieser Reihenfolge?“ vergewisserte sich Steiner.

Den gerichtsfesten Beweis bekomme ich bei der Obduktion am Dienstag, wenn ich Textilfasern in der Lunge finde.“

Aber wer erschießt denn schon eine Leiche?“ fragt Caro ungläubig.

Wer glaubt, auf einen noch lebenden Menschen zu schießen.“

Zuerst ersticken, dann erschießen? - so nach dem bekannten Motto, doppelt hält besser?“

Nein, aber es können zwei Täter unabhängig voneinander am Tatort und an dem Mord beteiligt gewesen sein.“

Zwei Täter? Arme Lene!“ seufzte Caro mitleidig.

Es kann noch komplizierter sein. Das Opfer, eine sehr hübsche Nymphomanin, hat ihre sexuellen Eskapaden von einer eingebauten Kamera aufnehmen lassen. Das Aufzeichnungsgerät hat die Spusi gefunden. Aber es fehlen alle DVDs oder Bänder.“

Die hat der Täter mitgenommen?“

Oder eine dritte Person, die sich am Tatort aufhielt.“

Lene Schelm tut mir echt leid.“ Jeder wusste, dass Zeugen auffallend stumm wurden, wenn in der Nähe des Tatortes, zu dem man sie befragen wollte, eine Leiche herumlag.

Sie haben es mehr mit lebenden Leichen zu tun?“ wollte Steiner wissen.

Das war sehr unfreundlich formuliert, aber was Caro über einige Senioren zu berichten wusste, legte diese Bezeichnung sehr nahe. Sie konnte immer noch nicht verdauen, wenn Demenzkranke, zu denen sie glaubte, eine Art Vertrauensverhältnis aufgebaut zu haben, sie nach einem Krankheitsschub wie eine feindliche fremde Person behandelten. Mit dem Verstand wusste sie natürlich, warum das so war, aber mit dem Gefühl der Enttäuschung kam sie immer noch nur schwer klar.

Das Trio fühlte sich zu alt, um noch Raketen abzuschießen und Böller zu zünden. Man trennte sich nach einem Glas Champagner früh am 1. Januar.

 

Achtes Kapitel

Werner Pölzig schaffte es nicht mehr. Er verblutete, noch bevor die Ärzte ihn im OP behandeln konnten. Die Kugel steckte noch in der rechten Schulter. Ein, zwei Stunden früher und man hätte ihn wohl retten können. Aber er hatte sich so lange geweigert, bis es zu spät war. Der Notarztwagen brachte einen schon halb Toten in die Uniklinik nach Tellheim . Seine Frau wusste angeblich nicht, wo und wie er sich die Kugel eingefangen hatte.

Pölzig verdarb dem Mordtrio den Feiertag 1.Januar. Besonders Lene zürnte dem Toten: Da hatte sich ihr Freund Jochen Pauli ausnahmsweise einmal von Familie und Ehefrau frei nehmen und Lene in Tellheim besuchen können, und da musste das Trio am frühen Nachmittag gleich zur Uniklinik ausrücken, wo man ihnen nur die Leiche eines etwa vierzigjährigen Mannes zeigen konnte, der vor rund 24 Stunden angeschossen worden war. Seine Frau konnte nicht sagen, wo und warum das geschehen sei, nein, sie hatte keine Ahnung, was ihr Mann am Vortag getrieben hatte. Das glaubte ihr keine der drei Frauen, zumal ihr Computer eine höchst plausible Erklärung anbot. Werner Pölzig war ein alter Kunde der Kripo, der sich auf Einbrüche in leerstehende Häuser spezialisiert hatte. Und davon gab es im Lantener Forst vor der Haustür der Pölzigs jetzt, im Winter, mehr als genug. Viele Hütten standen leer, erst recht über die Feiertage, und Pölzig hatte womöglich Pech gehabt, sich ausgerechnet eine auszusuchen, in der die Besitzer schliefen und nicht lange fackelten, sondern dem unerwünschten Besucher eine Kugel verpassten, was zwar nur in Ausnahmefällen erlaubt war, aber immer häufiger geschah, weil weder die Polizei noch die privaten Wachdienste die Einbrüche verringern oder verhindern konnten. Die Chirurgen hatten das Geschoss aus der Wunde herauspräpariert und gaben es den Polizistinnen mit. Sigrid Bauer lieferte es bei der KTU ab.

Nadine Golowski hatte im neuen Jahr gleich Arbeit.

 

Neuntes Kapitel

Hauptkommissar Kurt Grembowski stand auf, als Christine in das Zimmer kam.

Darf ich vorstellen? Meine Kollegin Kommissarin Dellbusch. Frau Pia Berruth, sie möchte ihren Ehemann Max als vermisst melden.“

Solch ungewohnte Höflichkeit war bei Grem dem Groben immer ein Warnzeichen dafür, dass Ärger in der Luft lag.

Guten Tag“, sagte Tine verbindlich und gab der jungen, schwangeren Frau die Hand, setzte sich dann an den langen Tisch, legte Stenoblock und Bleistift parat und schaltete das Tonband ein.

Würden sie uns bitte Ihren Namen, Anschrift, Telefonnummer nennen und dann erklären, was Sie zu uns führt.“ Grem hatte keine Zeit mehr gefunden, das Revier Brekum anzurufen und sich zu erkundigen, warum die Kollegen nicht die Daten aufgenommen, sondern die Frau gleich zu ihm ins Präsidium geschickt hatten.

Ich heiße Pia Berruth und wohne in der Lilienstraße 35.“ Sie war 31 Jahre alt, verheiratet mit Max Berruth, der am 30. Dezember gegen 19 Uhr 40 das Haus verlassen hatte, um im Prellbock ein Bier zu trinken.

Früher bin ich oft mitgegangen“, sagte sie leise, „aber heute ...“ - Dabei strich sie über ihren Bauch.

Wann ist es denn so weit?“ fragte Tine interessiert.

In zweieinhalb Monaten.“

Wissen Sie schon, was es ist?“

Ein Mädchen.“ Das Ehepaar hatte einen vierjährigen Sohn Daniel und freute sich auf Daniels Schwesterchen.

Frau Berruth, was macht ihr Mann Max beruflich?“

Er ist im Außendienst der Firma Medizintechnik Gustavo Toller beschäftigt.“

Weil sie wohl wusste, was mit Außendienst normalerweise umschrieben wurde, fügte sie rasch hinzu: „Er ist unter der Wochen unterwegs, um Geräte zu warten, zu reparieren oder neue einzustellen.“ Weil dabei eine Bier- oder Alkoholfahne nicht erwünscht war, trank er unter der Woche so gut wie gar nicht und freute sich deshalb auf sein Wochenend-Pils.

Der Prellbock war die einzige zu Fuß erreichbare Kneipe, die sie in Brekum hatten, und das dort ausgeschenkte Radeberger Pils schmeckte Max besonders gut. Allerdings trank er selten mehr als zwei Glas. Als er um 22 Uhr nicht wieder zurück war, hatte Pia im Prellbock angerufen und mit dem Wirt Otto Dick geredet.

Max ist vor der Tagesschau dort angekommen, hat zwei Pils getrunken und ist kurz nach der Tagesschau wieder gegangen. Nein, er hatte nichts gesagt, deshalb vermute er mal, dass Max doch nach Hause gegangen sei.“

Grem kannte sich in Brekum aus: „Über die Lundener Straße?“

Nein, wenn das Wetter einigermaßen war, ist er durch die Kleingartenanlage Kohlgrub gelaufen.“

Den Hauptweg und die Seitenwege hatten sie und Sohn Daniel am nächsten Tag bei Helligkeit abgesucht. „Ohne Ergebnis.“

Ab jetzt wurde es heikel, und Grem überließ diesen Teil gern seiner Kollegin, die nicht in jeden Fettnapf stolperte oder emotionalen Flurschaden anrichtete.

Wohin konnte der vorbildliche Familienvater Max Berruth nach dem Prellbock gegangen sein? Es gab Freunde und Bekannte in der Siedlung, die Pia alle spätestens am Vormittag des 31. Dezember abtelefoniert hatte. Keine Spur von Max. Auch ihre Schwester Carla, die auf dem Eldermannshof lebte, hatte Max seit Wochen nicht mehr gesehen. „Und nun - Entschuldigung, Frau Berruth, aber ich muss Sie das fragen - ist es denkbar, dass Ihr Mann zu einer Freundin oder Kollegin gegangen oder gefahren ist, die er vor Ihnen geheim hält?“

Nein. Absolut nein ... Ja, da bin ich ganz sicher.“

Gut. Hat Ihr Mann Kummer oder Sorgen? Private oder berufliche Probleme? Angst, Furcht? Hatte er Streit mit Ihnen oder in der Firma? In der Familie?“

Pia schüttelte bei jeder Frage energisch den Kopf.

Grem stand auf: „Hatte ihr Mann am 30. Ausweispapiere bei sich?“

Ja.“

Dann fange ich mal an, herumzutelefonieren.“

Nach Silvester gab es immer erschreckend viele Menschen, die von Raketen, Böllern oder Feuerrädern verletzt und in Krankenhäuser eingeliefert wurden, die dann keine Papiere bei sich hatten, weil sie ja „nur zum Knallen kurz vor's Haus getreten waren“. Zuerst rief er jedoch auf dem Revier Brekum an: „Warum habt ihr diese Pia Berruth direkt zu mir geschickt?“

Du weißt also nicht, wer sie ist?“ fragte Kollege Schöne gemütlich, der in Brekum eine ruhige Kugel schob und dabei nicht gerne gestört werden wollte.

Nein, keine Ahnung.“

Sie ist eine geborene Zillig. Na, klingelt es?“

Ja.“ Zillig war ein guter Freund des Oberbürgermeisters.

Und wie der Polizeipräsident war er Rotarier und einer der wichtigsten Mäzene der Stadt Tellheim, auch nachdem er in den Taunus fortgezogen ist.“

Alles klar, vielen Dank, Kollege.“

So war das also. Alle Menschen waren gleich, aber einige eben doch etwas gleicher.

Der Rest war ungeliebte Routine. Überall zog Grem Nieten. Ein Max Berruth war nirgendwo eingeliefert oder gefunden worden, auch kein bislang nicht identifizierter Mann, auf den Berruths Beschreibung passte. Sein Auto sollte noch in der häuslichen Garage stehen.

Grem ging zurück und schüttelte den Kopf. „Verunglückt ist er nicht.“

Gottseidank.“

Pia Berruth, seit einigen Monaten geduldige Fernsehzuschauerin, hatte ein aktuelles Buntbild mitgebracht und verabschiedete sich zwar nicht erleichtert, aber für den Moment etwas beruhigter.

Haben Sie jemanden, der sich um Sie kümmert?“ fragte Tine besorgt.

Ja. Meine Schwester Carla bleibt so lang bei mir, bis Max wieder zurück ist.“

Dann hätten wir gerne Name, Anschrift und Handynummer.“

 

Scheiße“, murmelte Grem, als sie gegangen war. „Sie ist eine geborene Zillig.“

Auch das noch.“ Tellheim war zwar eine Großstadt, aber mit ausgeprägten Dorfstrukturen. In der high society kannte jeder jeden, das galt auch für die snobiety, und mit beiden Gruppen wollte es der Polizeipräsident nicht verderben. Nach Aussage der Ehefrau war Max gesund, trank nicht, rauchte nicht, schluckte kein Rauschgift oder Medikamente, hatte kein Auto, aber Ausweispapiere und nur wenig Bargeld bei sich. Bei solchen Männern konnte man in der Regel einfach abwarten. Die meisten tauchten nach ein, zwei Wochen wieder auf, spätestens dann, wenn sie zum ersten Mal mit der Freundin heftig gestritten hatten. Jeder anderen Frau hätte Grem das in seiner bekannten groben, aber unmissverständlichen Art auch erklärt und danach abgewartet. Tine hatte längst durchschaut, dass ihr Chef sich, wie er das auszudrücken pflegte, die „Arbeit einteilte“, aber beim Schwiegersohn des Mäzens Lukas Zillig? Grem sah eine fürchterliche Zeit vor sich, getrennt von seinem geliebten Schreibtisch; sein verzweifeltes Gesicht rührte Tine so, dass sie anbot: „Soll ich mal zum Prellbock fahren?“

Würdest du das wirklich für mich tun?“

Na klar.“

 

Die Straßen waren immer noch ausgesprochen trocken, Schnee ließ auf sich warten, allerdings waren jetzt dicke Wolken aufgezogen. Dafür sanken von Nacht zu Nacht die Temperaturen tiefer in den Keller.

Sie hatte Glück und traf Otto Dick und Gerda Blume in der Kneipe an. Beide bestätigten, was Pia Berruth schon erzählt hatte. Am 30. Dezember war Max vor der Tagesschau gekommen, hatte zwei Bier getrunken und war danach wieder gegangen.

Er hat sich also nicht mit jemandem hier getroffen?“

Nein“, sagten beide erstaunt.

Können Sie sich noch daran erinnern, wie viele Gäste zu der Zeit im Prellbock waren?“

Otto konnte: „Unsere zehn Alten.“

Ihre zehn Alten?“

Jenseits des Bahnhofs gibt es ein Altenheim, das ist so triste, dass ich gut verstehe, wenn die Insassen abends regelmäßig eine Kneipe aufsuchen. Als Wirt bin ich nicht böse, dass sie regelmäßig eine schöne Zeche machen. Und die zehn Leutchen finden trotz Alkohol gemeinsam immer irgendwie nach Hause.“

Sonst keine Gäste?“

Doch“, mischte sich Gerda Blume ein. „Am Tresen saß eine auffallend hübsche Frau.“

Allein? Und könnten Sie sie beschreiben?“

Ja, allein. Und beschreiben? So genau habe ich nicht auf sie geachtet. Aber vielleicht kann Ihnen Rita weiterhelfen.“

Wer ist Rita?“

Eine studentische Aushilfe. Sie war am 30. hier und hat gezapft.“

Otto Dick holte ein schwarzes Büchlein mit Adressen und Telefonnummern. Rita Funke wohnte in der Rabenstraße 55 - „das ist ein Studentenheim“ - und sie versprach am Telefon, auf Tine Dellbusch zu warten.

 

Die beiden jungen Damen verstanden sich auf Anhieb, und als Tine

die Studentin Rita versehentlich duzte, meinte die, ob man es nicht dabei belassen könne.

Ja, ich erinnere mich an Max Berruth und die Frau am Tresen. Nein, deren Namen weiß nicht. Aber ich habe sie an dem Abend zum ersten Mal im Prellbock gesehen.“

Wartete sie auf jemanden?“

Glaube ich nicht. Eine ungewöhnlich hübsche Frau. Grüne Augen, etwas schräg gestellt, und ein Hauch von Sommersprossen, hellbrünette, fast blonde Haare. Umwerfend und beneidenswert apart. Eine richtige Hexe.“ Rita seufzte neidisch. „Meine Mutter würde sagen: 'Vorsicht, das ist eine Männerfresserin.“

Eine Professionelle?“

Nein, danach sah sie nicht aus, keine Männerfeindin, aber nicht vom Strich oder aus einem Edelpuff. Auch kein Callgirl.“

Na gut, was verschlägt so eine in den Prellbock?“

Das habe ich mir auch überlegt. Aber dann ist was Komisches passiert. Max kam herein - ja, den kenne ich schon lange - schaute auf die Frau und ging sofort auf sie zu, so, als kenne er sie. Dabei hat er etwas gesagt, nein, das habe ich leider nicht verstanden, auch nicht, was sie darauf geantwortet hat, aber es scheint nicht sehr freundlich gewesen zu sein. Denn Max hat sofort gebremst und sich einen Hocker ziemlich weit von ihr entfernt genommen. Nein, unterhalten haben sie sich nicht.“

Die beiden sind nicht zusammen weggegangen?“

Nein, zuerst sie. Da war die Tagesschau gerade vorbei. Er hat erst noch in Ruhe sein zweites Bier ausgetrunken.“ Rita verstummte und schaute an Tine vorbei auf die Wand. Sie hatte noch etwas auf dem Herzen.

Du lachst mich nicht aus?“

Nein, warum sollte ich.“

Ich habe die Hexe ja ganz aus der Nähe gesehen, als ich ihr das Glas hinstellte. Und ich war mir sicher, ich hatte sie vorher schon einmal gesehen, aber du kannst mich prügeln, ich weiß beim besten Willen nicht mehr, wann und wo.“

Macht nichts“, tröstet Tine. „Du hast mir viel geholfen. Und wenn dir noch was einfällt, rufst du mich bitte an.“

 

Grem war nicht so überzeugt, dass die „Hexenspur“ sie weiterbringen würde, aber er hatte noch einmal lange mit den Kollegen vom Revier in Brekum telefoniert und nur Entmutigendes gehört.

So was kannst du dir nicht vorstellen. Ein Mustergatte aus dem Märchenbuch eines Teenagers. Treu, zuverlässig, kinderlieb, tüchtig, ehrlich - nein, da bleibt nur noch ein Unfall, von dem wir noch nichts erfahren haben.“

Arme Pia, armer Daniel.“

Aber du machst noch ein schönes, ausführliches Protokoll? Ruhig zweizeilig, damit die Akte später nach was aussieht.“ Tine nickte nur: „Und du lässt zwanzig oder dreißig Kopien von Maxens Porträt herstellen?“

Mach ich. Schon weitere Pläne?“

Ich schaue mir diese Kleingartenanlage an und rede noch mit zehn Säufern im Rentenalter.“

Tolles Programm.“

 

Im tief verfrorenen Kohlgrub standen bei diesem Dauerfrost die meisten Lauben leer. Nur zwei Männer kamen Tine auf dem Hauptweg entgegen, weil sie die abgestellten Wasserstellen kontrollieren wollten. Einen Max Berruth kannten sie nicht. Tine machte kehrt und ging zum Bahnhof zurück. Otto Dick erklärte ihr, wie sie am besten zum Seniorenheim Acanthus kam. Sie verstand sofort, warum noch halbwegs gesunde Menschen ihre Abende lieber in einer öden Bahnhofskneipe verbrachten als in diesem Mausoleum, wo an der Heizung gespart wurde. Aber der 30. Dezember lag für die meisten Senioren schon so weit zurück, dass sie sich an nichts mehr erinnerten.

Max Berruth - wer sollte das sein? - eine hübsche Frau am Tresen? Wirklich? Hatten sie da was versäumt?

Tine war schon auf dem Rückweg, als ihr Handy bimmelte. Rita jubelte: „Ich hab sie.“

Wen hast du?“

Die Frau, die am 30. abends neben Max am Tresen gesessen hat.“

Toll. Und wer ist sie?“

Kannst du bei mir vorbeikommen? Ich muss dir dazu was zeigen.“

In einer Dreiviertelstunde?“

Okay, ich warte.“

 

Rita Funke hatte fast den ganzen Tag damit verbracht, alte Bücher, Kataloge, Prospekte und Programme durchzublättern - „es hat mir einfach keine Ruhe gelassen. Das ist sie.“

Tine nickte. Eine wirklich beeindruckende Frau, auffällig hübsch und apart. Leider stand kein Name darunter, sondern nur der Name des Künstlers: Lothar Scharff (20..) Porträt einer Frau.

Was ist das für ein Buch?“

Herausgegeben zum 40. Geburtstag des Tellheimer Kulturforums.

Leihst du mir das Buch für eine Woche?“

Aber gerne.“

 

Tine wusste, wo das Kulturforum untergebracht war, und hatte Glück, im Büro eine Sekretärin anzutreffen, die alle Mitglieder kannte.

Nein, tut mir leid, wer die Frau ist, weiß ich nicht. Aber den Maler kann ich Ihnen nennen. Lothar Scharff.“

Ist er Mitglied des Forums?“

Nicht mehr. Er ist ausgetreten - aber ich weiß, wo er wohnt und arbeitet. Eldermannshof in Brekum.“ Bei Tine klingelte etwas, aber sie kam im Moment nicht darauf, bis sie vor dem Fachwerk-Rotklinkerbau ausstieg.

Die Frau, die an die Haustür kam, hatte es eilig: „Tut mir leid, ich muss zu meiner Schwester. Nein, Lothar ist unterwegs, vor Mitternacht wird der kaum heimkommen.“

Ich habe auch nur eine Frage. Wer ist diese Frau, die er gemalt hat?“

Zeigen Sie mal. Ach, das ist Ann-Katrin Steinberg. Nein, das Bild ist vor ihrer Hochzeit gemalt, wie sie heute heißt, weiß ich nicht. Jetzt muss ich aber los.“ Sie schwang sich wir eine Rennfahrerin auf ein Fahrrad und sauste davon. Tine sah ihr voller Bewunderung nach und gondelte dann langsamer ins Präsidium zurück.

Grem war begeistert, als sie berichtet hatte. „Das ist ja toll, Tine.“

Die Begeisterung legte sich, als er den Computer befragt hatte. Eine Ann-Katrin Steinberg war nicht verzeichnet, dafür zweimal der Name Steinberg. Beide Male erkundigte sich Tine sehr höflich, ob sie eine Tochter namens Ann-Katrin hätten. Bei der ersten Nummer zog sie eine Niete, beim zweiten Versuch meinte ein etwas mürrischer Mann: „Sie ist nicht da.“

Wissen Sie, wo ich Ann-Katrin jetzt erreichen kann? Es ist wirklich wichtig.“

Rufen Sie doch Katrins Mann an, wenn es eilig ist.“

Wenn Sie mir seinen Namen verraten ...“

Toller, Gustavo Toller.“

Der völlig fassungslose Gustavo brach am Telefon in Tränen aus. „Ann-Katrin? Was wollen Sie? Meine Frau ist gestern ermordet worden.“

Ermordet?“ Jetzt war Tine fassungslos und Grem, der zuhörte, begann zu lächeln. Mord - das hieß: Land in Sicht. Dafür war er nicht zuständig.

Die Polizei war schon gestern hier.“

Vielen Dank, dann werde ich mich dort erkundigen. Und mein herzliches Beileid, Herr Toller.“

Danke.“

Angeblich umgebracht. Und die Kollegen sollen schon gestern dort gewesen sein.“

 

Grem telefonierte bereits. „Lene? Grem hier. Habt ihr gestern in Brekum eine Leiche gehabt? Ann-Katrin Toller? - Na prima. Dann kommen Tine und ich mal rüber. Nein, das ist zu lang für's Telefon.“

Die drei Mordschwestern - Lene Schelm, Jule Springer und Sigrid Bauer erwarteten die Kollegen Grembowski und Dellbusch schon gespannt. Die berichteten in der gebotenen Ausführlichkeit von Max und Pia Berruth, geborene Zillig (Lene schnitt eine Grimasse), über den Prellbock und Rita Funke, das Kulturforum, Lothar Scharff und den Ellermannshof. Jule Springer revanchierte sich mit einer nackten Frauenleiche, zwei Mördern und einem Ehemann, der als Alibizeugen ausgerechnet einen Steuerfahnder aufzubieten hatte. Lene hatte aufmerksam, aber stumm zugehört und fragte zum Schluss: „Glauben Sie, Sie könnten diese Rita Funke bewegen, noch heute in die Gerichtsmedizin zu kommen, um die Tote als die Biertrinkerin aus dem Prellbock zu identifizieren?“

Ich kann's versuchen. Aber ich fürchte, wir werden sie holen müssen, meines Wissens hat sie kein Auto.“

Daran soll es nicht scheitern.“

Rita Funke jubelte nicht gerade vor Begeisterung, aber sie hatte sich genug Tatorte im Fernsehen angeschaut, um auf eine reale Gerichtsmedizin neugierig zu sein. „Sie ist doch noch nicht aufgeschnitten?“

Nein, keine Angst.“

Okay. Dann komme ich.“

Wir schicken dir eine Streife.“

Lene und Grem hatten mit Unbehagen gehört, dass Tine die Zeugin duzte. Aber daran ließ sich nun nichts mehr ändern. In den kühlen, gekachelten Räumen, in denen es durchdringend nach Formaldehyd roch, wurde Rita Funke sehr still und schien erst aufzutauen, als das „Blonde Gift“ hereinkam und den Duft eines teuren Parfüms verbreitete. Rita brauchte nicht lange: „Ja, das ist sie. Meine Hexe aus dem Prellbock.“

Und Sie haben diese Frau am 30. Dezember zum ersten Mal gesehen?“

Persönlich ja . Früher schon mal auf einem Ölbild in einer Kulturforum-Ausstellung. Da habe ich an der Garderobe ausgeholfen und mir natürlich die Bilder angesehen.“

 

Das Protokoll war schnell geschrieben, und weil Rita sie darum bat, versprach Tine, mit ihr noch einen Wein zu trinken: „Weißt du, das war der erste tote Mensch, den ich je gesehen habe.“

Abgesehen von den Bierleichen.“

Davon gibt es im Prellbock nicht so viele. Kurz vor dem Umfallen schmeißt Otto sie hochkant raus.“

Rabiate Sitten.“

Kommt darauf an. Ich hab' nichts dagegen, seit mich mal ein Schwerbetrunkener verprügelt hat, nur weil ich ihm gesagt habe, er hätte eigentlich genug getankt.“

Während die beiden Frau zur Spätlese unterwegs waren, versuchte Lene Schelm den Kollegen Grem zu überreden. Aber der hatte bei dem Wort „Zusammenarbeit“ nur den Wortteil „Arbeit“ verstanden und zog nun die große Grem-Schau ab: Sein Schreibtisch quoll über, noch zwei Zeugenaussagen in dieser Woche, nein, bei aller Hilfsbereitschaft, das ginge nun gar nicht. Lene hatte nichts anderes erwartet, aber Jule Springer und Sigrid Bauer einmal eine Kostprobe der Gremschen Drückebergerei vorführen wollen. Dem kam eine Idee: „Lene, was hältst du davon, wenn ich euch Tine Dellbusch zur Verfügung stelle? Sie ist eine sehr kluge Kollegin, hat auch schon eine Menge Erfahrung und kann ruhig mal in ein anderes Referat hineinriechen.“

Lene sah ihn groß an.

Schau mal, sie hat die Identität dieser „Hexe“ in weniger als 24 Stunden herausgefunden. Das ist doch was, oder?“

Weiß sie schon von ihrem Glück?“ fragte Sigrid Bauer skeptisch.

Nein“, musste Grem zugeben und spürte drei anklagende Augenpaare auf sich gerichtet.

 

Die Spätlese war erstaunlich leer. Man schonte wohl seine Leber für das neue Jahr. Tine hatte für sich den Rivaner entdeckt und überredete Rita zu einem Schoppen. Sie verstanden sich so gut, dass zwischen ihnen nicht einmal eine Verlegenheitspause entstand. Rita hatte nach der Mittleren Reife eine Lehre als kaufmännische Angestellte durchgemacht und auf dem zweiten Bildungsweg das Abi nachgeholt. Jetzt studierte sie BWL - „Das ist auf jeden Fall was Sicheres“ - und musste sich das Geld durch Jobben verdienen.

Und was willst du später machen?“

Keine Ahnung.“

Hast du mal an den Polizeidienst gedacht?“

Nein, bisher nicht.“

Bist du körperlich gesund?“

Ich denke schon.“

Dann überleg' dir das mal.“

Jeden Tag da in der Gerichtsmedizin herumwuseln und Leichen bestaunen?“

Ach was. Ich kenne viele Kollegen, die noch nie da gewesen sind. Allerdings auch einige, die scheußlich zugerichtete Körper nach Verkehrsunfällen erlebt haben. Aber das müssen Sanitäter und Rettungsassistenten und Ärzte auch.“

Rita bestellte sich noch einen Schoppen, „Nein, mein Traum wäre, nach dem Studium in der Verwaltung eines Museums unterzukommen. Da fällt mir übrigens was ein. Diese tolle Blondine, die da zu uns gekommen ist, die kannte ich.“

Professor Nadine Golowski? Woher?

Nicht persönlich. Von einem Bild. Als das Kulturforum seine Jubiläumsausstellung machte, war ich als Garderobenaushilfe eingestellt. Ihr Bild hing neben dem der Hexe.“

Ach nee. Auch von Scharff gemalt?“

Das weiß ich nicht.“

 

 

Zehntes Kapitel

Nadine Golowski hatte als erstes die Leiche der Ann-Katrin Toller obduziert und das Ergebnis gleich telefonisch an Lene Schelm weitergegeben, die alle Möglichkeiten ins Gespräch brachte, aber Nadines Urteil nicht erschüttern konnte: „Sie war tot, und zwar erstickt, als die beiden Kugeln sie trafen. Die Fasern aus der Lunge werden noch mit den Fasern des Kissenbezugs verglichen, das neben der Leiche lag.“

Lene seufzte tief: „Wer erschießt schon eine Leiche?“

Wer zum Beispiel nicht weiß, dass die Person bereits tot ist. Lene, einen Menschen zu ersticken, dauert eine gewisse Zeit. Und ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass sie mit dem Täter vorher ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte ... nein, die DNA des Samenspenders haben wir nicht gespeichert ... Wiesbaden hat noch nicht geantwortet.“

Lene legte bekümmert auf. So sehr Nadine sie enttäuscht hatte, so aufgeregt stimmte sie der nächste Anruf. Der kam von Seidel, dem Leiter er KTU: „Also, die beiden Kugeln, die die - hm - nackte Frau auf der Couch getroffen haben, stammen aus einer 7,65er Beretta. Aus derselben Waffe stammt auch die Kugel, die im Türrahmen steckte. Und das Schönste um Schluss: Ihr habt euch doch am 1.Januar in der Uniklinik die Leiche eines Mannes angeschaut, der zu spät den Notarzt geholt hat. Die Kugel aus der Schulter dieses Mannes stammt auch aus unserer Beretta.“

Seidel, du spinnst.“

Nicht, wenn ich mit dir telefoniere, Lene. Höchstens, weil ich das tue. Bericht ist schon im System.“

Susanne Krüger hatte zwei unerfreuliche Tage hinter sich. Max behandelte sie wie eine Gefangene oder Geisel. Und erst gestern Abend, als sie schon im Bett lag, kam ihr die Idee, sie könne für ihn auch eine Geisel sein, nämlich die Frau, die Ann-Katrin Toller ermordet hatte, obwohl er doch vor Susi im Haus Toller gewesen war und mit Ann-Katrin gebumst hatte. Und wenn es nun dabei oder hinterher zum Krach gekommen war? Und sie dummes Schaf hatte Max selbst angeboten, den wichtigsten Beweis dafür, die Aufzeichnung der Kamera, zu holen und verschwinden zu lassen.

Beim Frühstück knurrte Max sie wie schon die ganze Zeit nur an. Susi wagte nicht aufzumucken, weil ihr aufgegangen war, dass „das Weichei“ Max unter Umständen viel zielstrebiger und egoistischer vorging, als sie ihm bislang unterstellt hatte.

Du hast gesagt, du würdest in Stübern eine kleine Firma kennen, die Kopien der CDs und DVDs herstellt.“

Ja.“

Können wir da heute mal hinfahren?“

Sicher. Aber wie ist das mit Geld? Ich habe nicht so viel bei mir, und mit Kreditkarte sollten wir besser nicht bezahlen.“

Scheiße, ja. Du hast Recht. Dann lass uns mal zusammenwerfen.“

Knapp hundert Euro kamen zusammen. Das dürfte kaum reichen - wenn sie etwas eingekauft und getankt hatten. Er hatte keine Karte dabei, sie schon, aber sie fehlte heute den zweiten Tag unentschuldigt in der Firma und was, wenn Gustavo Toller sie bei der Polizei als vermisst meldete? Susi hatte keine Ahnung, wie gut oder wie schnell die Kommunikation innerhalb der Polizei funktionierte, und als sie Max ihre Befürchtung erklärte, biss der sofort an. „Und wenn du deinen Gusto anrufst und ihn bittest, ein paar Tage stillzuhalten?“

Dazu brauchte ich mein Handy.“

Vielleicht finden wir in Stübern eine Telefonzelle. Oder du kannst den Firmenmenschen überreden, einmal sein Netztelefon zu benutzen.“

 

Die Sorgen hatten sie sich zu früh gemacht. Gustavo Toller hatte zwar mehrfach versucht, Susanne telefonisch zu erreichen, war aber nicht zur Polizei gegangen, als sie heute den zweiten Tag ohne ein Lebenszeichen in der Firma fehlte. Pia Berruth hatte nicht gewagt, Maxens Chef das Märchen von dem Ehemann mit einem gebrochenen Bein in der Klinik aufzutischen, sondern hatte eine schweren Erkältung und leichtes Fieber erfunden, was er sich am Silvesterabend eingefangen habe: Zuviel Bowle vor Mitternacht, zu dünn angezogen beim Knallen vor dem Haus. Gustavo hatte es geschluckt und gute Besserung gewünscht.

 

Der Mann in Stübern fragte nicht, was er da kopieren sollte. Er wollte drei Euro pro Kopie haben, sie bestellten zwanzig Stück von drei DVDs und nahmen die restlichen Scheiben wieder mit. Sobald er das Geld eingestrichen hatte, wurde er hilfsbereit. „Kein Problem, natürlich können Sie mein Telefon benutzen - wenn Sie nicht gerade mit Hawaii telefonieren wollen.“

Nein, nein, nur mit Tellheim.“

Gusto nahm direkt ab und stöhnte erleichtert, als sich Susi Krüger einstellte: „Wo steckst du denn?“

Gusto, ich habe eine Riesen-Dummheit begangen und muss mich im Moment in deiner Hütte im Lantener Forst verstecken. Bitte, suche mich nicht, und erzähle in der Firma nicht, dass ich mich verstecke.“

Was hast du denn angestellt?“

Bitte, Gusto, nicht am Telefon, wer weiß, wer da mithört, du musst mir einfach vertrauen. Ach und noch eine Bitte. Kannst du zweihundert Euro in einen Briefumschlag stecken und mir an die Hütte schicken?“

Er drängelte noch etwas, aber Susi blieb hart: Keine Einzelheiten am Telefon, alles später. Gustavo fügte sich, wie immer, wenn er Widerspruch erfuhr - zum Bespiel von seiner Ann-Katrin - und Susi fragte sich zum ersten Mal, ob er wirklich der richtige Mann für ein ganzes Leben zu zweit war.

 

Tine Dellbusch kam sehr spät zum Dienst im R - 11.

Ich habe Neuigkeiten“, verkündete sie eher bedrückt als stolz. „Der Mann, der Ann-Katrin Toller porträtiert hat, hat auch das 'Blonde Gift' gemalt. Das hat mir das Sekretariat des Kulturforums bestätigt. Beide Bilder sind in der Jubiläums-Ausstellung gezeigt worden.“

Lene schaute sie groß an. Zuerst hatten sie überhaupt keine Anhaltspunkte und dann zu viele.

Danke, Tine, schreiben Sie bitte einen Bericht für die Akte?“

Bevor Lene versuchte, mit Nadine zu sprechen, rief sie die Telefonnummer der Frau an, die Ann-Katrin angeblich in Konstanz besuchen wollte. Charlotte Wünsche war alles andere als begeistert.

Besuch. Keine Rede davon. Und Freundin, erst recht nicht.“

Aber Sie kennen Ann-Katrin Toller?“

Doch, ja. Kenne ich.“

Könnten Sie mir ein paar Fragen zu Ann-Katrin beantworten?“

Könnte ich, aber nicht am Telefon. Jeder kann sich als Hauptkommissarin - wie war der Name noch? - Schelm vorstellen. Was halten Sie von einem Tagesausflug nach Konstanz? Mit Perso und Dienstausweis? Oder wenn es nicht so eilt - ich komme immer wieder mal nach Tellheim. Wenn Sie mir Ihre Diensttelefonnummer geben, rufe ich rechtzeitig an.“

Lene diktierte sie ihr und schmunzelte dabei. Charlotte Wünsche stellte sich nicht dumm an.

 

Doch aus dem Gespräch mit Nadine, dem Blonden Gift, wurde heute nichts. Lothar Scharff wartete auf das Mordtrio.

Den Eldermannshof hatten die neuen Eigentümer perfekt renoviert. Schlecht konnte es den beiden nicht gehen.

Lothar Scharff gefiel Lene überhaupt nicht. Ein sogenannter schöner Mann, ungeheuer von sich eingenommen, vielleicht tüchtig, aber kein angenehmer Partner. Neben ihm sah Carla Zillig sehr brav und bieder aus. Hilfsbereit waren allerdings beide. Als Lene ihm das Heft mit dem Bild der Hexe hinhielt, sagte er sofort: „Ann-Katrin Steinberg. Sie hat geheiratet, wie sie jetzt heißt, weiß ich nicht.“

Hieß“, verbesserte Jule, die sich bei Scharffs prüfendem Blick unwohl fühlte.

Was soll das heißen- hieß.“

Sie ist ermordet worden.“

Ermordet: wann, wo, von wem?“

Den ersten und zweiten Teil Ihrer Frage können wir beantworten. In den späten Abendstunden des 30. oder den frühen Morgenstunden des 31. Dezember, im Hause Toller in Brekum-Lunden. Von wem und warum - das wissen wir noch nicht. Da hoffen wir auf Ihre Hilfe.“

Meine Hilfe?“

Sie haben Sie doch gemalt, deswegen haben Sie doch Stunden mit ihr verbracht. Wie war sie denn so, klug, intelligent, etwas dümmlich, geschwätzig oder stumm? Offenherzig oder verschwiegen?“

Tine wollte auch etwas sagen: „Ihr Mann ist da keine große Hilfe. Für ihn war sie ein reiner Engel.“

Gustavo war schon immer ein blinder Vollidiot“, platzte Scharff heraus und merkte, als alle ihn musterten, dass er sich verplappert hatte und nun mit Einzelheiten herausrücken musste. „Sie hat ihn nach Strich und Faden betrogen.“

Immer schon?“ wollte Lene wissen

Das vielleicht nicht. Aber seit Jahren. Ann-Katrin war vom Ehemann, den ihre Eltern ausgesucht hatten, alles andere als begeistert.“

Das hat sie Ihnen einfach so direkt gestanden?“ zweifelte Lene spöttisch.

Nicht sofort. Aber wenn man über Monate immer wieder mal Stunden zusammensitzt, kommt man schon ins Reden. Und mir ist bei ihrem Herumschwafeln schnell die Idee gekommen, dass ihre Eltern für sie einen Ehemann gekauft haben, um sie loszuwerden.“

Gekauft?“ brummte Sigrid Bauer. „Wie das?“

Toller wollte sich selbständig machen mit diesem Medizingeräte-Laden. Aber ihm fehlte das nötige Kleingeld, und das hat ihm der alte Steinberg als Mitgift seiner Ann-Katrin versprochen.“

So meinen Sie das“, versetzte Lene energisch. „Das klingt aber nicht so, als sei Toller ein gewiefter Geschäftsmann.“

Ist er auch nicht“, versetzte Scharff kurz. „Ohne seine Mitarbeiterin Susanne Krüger wäre er völlig aufgeschmissen. Sie leitet den Laden eigentlich.“

Erfolgreich?“

Was man so hört - ja.“

Herr Scharff, sind sie Ann-Katrin Steinberg oder Toller nach Abschluss des Malens noch mal begegnet?“

Mehr als einmal. Tellheim schimpft sich zwar Großstadt, aber wie auf einem Dorf begegnet man bestimmten Leuten immer wieder, auf Partys, Feiern, in Konzerten oder bei Empfängen.“

Oder im Kulturforum“, ergänzte Jule listig, doch Scharff schüttelte sofort den Kopf: „Da hat man mich wegen allgemeiner Unbeliebtheit und unerträglicher Arroganz rausgeschmissen.“

Lene wollte dieses Thema nicht weiterverfolgen: „Können Sie sich noch daran erinnern, wann Sie Ann-Katrin Toller zuletzt gesehen oder gesprochen haben?“

Scharff musste überlegen: „Das muss bei der Eröffnung der Gartenschau am Luisenpark gewesen sein.“

Für so etwas interessierte sich Ann-Katrin also?“

Um Himmels willen, nein, sie konnte wahrscheinlich eine Rose nicht von einer Tulpe unterscheiden. Aber bei solchen Gelegenheiten wird man gesehen, und wenn auch die Presse anrückt, gibt es eine kleine Chance, dass man am nächsten Tag im Tageblatt erwähnt oder auf einem Foto gezeigt wird.“

Sie war also eitel?“

Sicher.“

Schon mit der Hand an der Türklinke sagte Lene wie beiläufig: „Wir kennen übrigens noch eine Frau, die Sie gemalt haben.“

Ich weiß. Wie geht es dem Blonden Gift? Würden sie ihr bitte schöne Grüße ausrichten?“

Arroganter Pinsel!“ bemerkte Tine auf der Rückfahrt. „Außerdem lügt er. Er ist aus dem Kulturforum rausgeflogen, weil er der Frau des wichtigsten Mäzens gesagt hat: Nein, ich porträtiere Sie nicht. Ich male nur interessante Frauen.“

Was soll an einer Ann-Katrin Steinberg interessant sein“, murrte Jule.

Lene hatte von ihren „Kunden“ gelernt, dass es manchmal nötig war, sich drastisch auszudrücken, um verstanden zu werden: „Vielleicht das, was sie zwischen den Beinen hat?“

Jule Springer und Sigrid Bauer sagten nichts, die Chefin ließ manchmal solche Schoten los, aber Tine gickste erschrocken.

 

Im Präsidium teilte Lene die Arbeit für den nächsten Tag ein: „Tine, Sie versuchen von Carla Zillig zu erfahren, was sie von den Frauen hält, die ihr Mann porträtiert. Und, wo beide am 30. Dezember abends waren. Sigrid, du knöpfst dir diese Susanne Krüger vor. Alles über Toller, sein Geschäft und seine Ehe. Jule, du lässt dir von Nadine erzählen, was sie über Scharff weiß.“

Und was machst du“, fauchte Jule los.

Lene grinste. „Ich mache einen Tagesausflug nach Konstanz, so lange die Straßen noch schneefrei sind.“

Charlotte Wünsche würde auf Lene warten.

 

Max und Susanne langweilten sich, bis sie aus einem alten Schrank einen verstaubten Kasten mit Brettspielen ausgegraben hatten. Von Mensch-ärgere-dich-nicht steigerten sie sich über Dame, Zwickmühle bis zu Halma. Max wäre fast in Tränen ausgebrochen, als Susi ganz harmlos bemerkte: „Etwas Üben kann dir nicht schaden. Dein Daniel ist doch schon so weit - oder?“

Ja“, schluchzte er. „Kannst du dir vorstellen, dass ich richtig Sehnsucht nach ihm habe?“

Ja, das kann ich“, sagte sie ruhig und rückte mit ihrem Stuhl um den Tisch herum an seine Seite. „Ich habe auch Sehnsucht.“

In dem Moment klopfte es an die Hüttentür und ein Mann rief etwas mit unterdrückter Stimme, was sie beide nicht verstanden.

Wer kann das denn sein?“ fragte Max beunruhigt.

Ich weiß es nicht“, sagte sie nervös. „Vielleicht der Mann vom Sicherheitsdienst. Weil hier so viel eingebrochen wird, haben die Hüttenbesitzer einen Sicherheitsdienst angeheuert. Lass mich mal gehen, ich darf die Hütte benutzen.“ Sie sprang auf und lief zum Eingang. Keine Minute später war sie zurück. „Wie ich mir gedacht habe, der Sicherheitsdienst.“

Alles okay?“

Ja, alles.“

Sag' mal Susi, gibt es hier in der Bude wohl einen Schluck zu trinken?“

Ich glaub' schon. Warte mal!“

 

Aus der Küche kehrte sie mit einer halbvollen Flasche Whisky zurück. Das war nicht gerade sein Leib- und Magengetränk und pur schon gar nicht. Soda gab es nicht, der Eiswürfelbehälter im Kühlschrank war leer, und sie füllte einen Krug mit kaltem Leitungswasser auf. Sie genehmigten sich einen stark verdünnten Whisky und tranken sich zu. Sie rückte ihren Stuhl noch etwas näher, schluckte mehrmals heftig und fragte endlich: „Darf ich dich mal was fragen, Max?“

Aber sicher.“

Du hast Ann-Katrin zufällig getroffen?“

Er erzählte ihr, was im Prellbock geschehen war. „Und dann hat sie mich draußen auf dem Parkplatz angesprochen und gefragt, wie sie ihre Unhöflichkeit wieder gut machen könnte.“

Du kanntest sie da noch nicht?“

Ja und Nein. Ich wusste nicht, wer sie war und wie sie hieß. Aber ich hatte sie einmal für Sekunden im Eldermannshof gesehen, als sie Lothar Scharff besuchte. Der lebt mit Carla Zillig zusammen, mit der Schwester meiner Frau.“

Sie nickte. „Alles klar, und warum bist du zu Ann-Katrin ins Auto gestiegen?“

Einen Moment zögerte er - was sollte diese Ausfragerei? Dann sagte er offen: „So, wie sich benahm, dachte ich, daraus könnte ein nettes Abenteuer werden.“

Denken alle Männer so?“

Viele.“

Sie knurrte und trank noch einen Schluck. „Da ist Gustavo hoffentlich anders.“

Das weiß man vorher leider nie.“

Meinst du?“

Du hast doch auch mit Gustavo geschlafen, obwohl er verheiratet ist. Hast du den ersten Schritt getan, oder er?“

Die Frage gefiel ihr gar nicht. Nach einer Weile trank sie aus und stand auf. „Ich bin müde. Ich geh' schlafen.“

 

 

Elftes Kapitel

Lene fuhr nicht gern längere Strecken mit dem Auto. Da leistete sie sich lieber eine Fahrkarte für die Bahn, für die sie jedes Jahr eine Bahncard 50 (Erster Klasse) berappte. Sie fuhr gerne Zug, und schlief fast immer tief ein. Es war ihr auch schon passiert, dass sie vor dem Umsteigebahnhof nicht wach geworden war, und von Tellheim nach Konstanz musste sie umsteigen. Dann doch ausnahmsweise Auto, und Tellheim - Konstanz und zurück war eine Strecke, die sie an einem Tag schaffte. Freund Jochen hatte ihr einmal vorgehalten: „Im Grunde deines Herzens bist du faul.“

Nein, bequem.“

Wo liegt da der Unterschied?“

Der faule Mensch vergeudet seine Zeit, der bequeme überlegt, wie kann ich die Arbeit besser organisieren oder auf Maschinen abwälzen, damit ich schnell wieder meine Ruhe habe. Bequeme Menschen haben den Fortschritt gebracht, von dem heute leider auch die Faulen profitieren.“

Jochen Pauly wusste, ab wann es sinnlos war, mit Marlene Schelm noch weiter zu diskutieren.

 

Charlotte Wünsche besaß ein kleines Haus auf einem Grundstück nahe am Seeufer.

Frau Schelm?“

Ja, guten Morgen, Frau Wünsche.“

Kommen Sie herein, wie war die Fahrt?“

Erträglich, bis auf die anderen Autofahrer.“

Sie müssen mal am Wochenende kommen, wenn schönes Wetter angesagt ist. Kein Zweifel, die Spezies Mensch ist aus dem Wasser an Land gestiegen, das steckt immer noch in den Genen.“

 

In der Unterhaltung kam Charlotte Wünsche, eine flotte Mittdreißigerin, schnell zur Sache. Sie hatte Ann-Katrin Steinberg bei einem Skikurs im Schwarzwald kennengelernt. „So ganz meine Kragenweite war sie nicht, aber es gab nicht viel Auswahl. Lieber Aprèski als Ski. Ich habe sie dann mal in Tellheim besucht, als ich dort zu tun hatte, und sie wollte mich gleich zu einer Party einladen. Vielleicht hätte ich zugesagt, wenn ihre erste Frage nicht gewesen wäre: 'Bist du prüde?'

'Nein, warum?'

'Meine Parties sind etwas wild.'

Damit ich mir darunter etwas vorstellen konnte, hat sie mir eine Aufzeichnung ihrer letzten Party vorgespielt. Frau Schelm, ich bin wirklich nicht prüde, aber das war eine einzige Schweinerei mit wildfremden Männern und Frauen. Ich bin sofort gegangen, es war das erste und letzte Mal, dass ich Ann-Katrins Haus betreten habe. Seitdem gibt es keinerlei Kontakt mit Ann-Katrin Steinberg.“

Sie hieß später Ann-Katrin Toller.“

Was bedeutet - sie hieß?“

Sie ist in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember ermordet worden und hatte ihrem Mann erzählt, sie würde zu Ihnen nach Konstanz fahren.“

Kein Gedanke daran. Sie hat dieses Haus nie betreten.“

Der Mord an Ann-Katrin scheint Sie nicht sehr zu erstaunen?“

Nein, ganz und gar nicht. Als sie mir diese Aufzeichnung vorführte, habe ich sofort an Erpressung gedacht.“

Wer sollte erpresst werden? Der Ehemann oder die Ehefrau?“

Unter Umständen beide. Frau Schelm, ich bin Steuerberaterin. Wenn mich einige männliche Kunden so gesehen hätten, wäre ich den Auftrag los.“

Von den Ehefrauen ihrer Kunden ganz zu schweigen.“

Sie sagen es. Auch mein Freund dürfte sofort seine Sachen packen, wenn ich ihn als Gast einer solchen Party erkennen würde.“

Ann-Katrin war doch verheiratet. Was hat denn ihr Mann dazu gesagt?“

Ihren Mann hat sie verachtet. Der sei ein impotentes Weichei und habe sich im Büro getröstet, mit einem ausgekochten Luder.“

Kennen Sie dessen Namen?“

Wieso dessen - deren Namen, Frau Schelm. Er hatte wohl ein Verhältnis mit einer Mitarbeiterin angefangen.“

Was Ann-Katrin nicht gestört hat?“

Ich vermute - nein. So hatte jeder Partner freie Fahrt.“

Sie haben eben gesagt, Sie vermuteten Erpressung hinter diesen Aufzeichnungen. Sie oder er oder beide zusammen?“

Keine Ahnung.“

Auch keine Vermutung?“

Nein. Absolut nicht.“

Damit waren eigentlich alle Fragen gestellt. Lene bedankte sich und ging.

Bevor sie losfuhr, telefonierte sie mit Sigrid Bauer. „Meine Zeugin hat eben ausgesagt, Toller habe im Büro ein Verhältnis angefangen, und Scharff hat betont, ohne Suanne Krüger wäre Toller völlig aufgeschmissen.“

Ich weiß. Susanne Krüger hat sich in der Firma krank gemeldet. Ich war schon bei ihr zu Hause, aber da meldet sich niemand. Und eine Nachbarin meinte sogar, Susi sei schon seit Silvester verschwunden.“

Das ist ja ein Ding. Sigrid, hat diese Krüger ein Auto? Wo ist das? Marke. Farbe, Kennzeichen.“

Anfrage läuft schon, Chefin.

Prima. Ich lass' mir Zeit, bin schon auf dem Rückweg.“

 

Tine Dellbusch war kurz nach elf Uhr im Eldermannshof. Carla Zillig wunderte sich, als Tine sich nach den Frauen erkundigte, die ihr Freund Lothar porträtiert hatte. „Warum denn das, Frau Dellbusch?“

Weil die Kripo an Silvester die Leiche einer Frau gefunden hat, die offenbar auch von ihrem Freund gemalt worden ist. Ann-Katrin Steinberg.“

Steinberg ...Steinberg ....“

Sie ist jetzt oder genauer: Sie war verheiratet und hieß Toller.“

Tine drückte sich die Daumen, dass Rita Funke am 30. Dezember im Prellbock nicht etwas überinterpretiert hatte: „Die Toller oder Steinberg war also gelegentlich im Eldermannshof?“

Ja.“

Tine holte tief Luft: „Frau Zillig, ist es möglich, dass Max Berruth die Steinberg oder Toller hier gesehen hat?“

Carla überlegte lange, was Tine nicht sehr gefiel. Dachte sie nach oder legte sie sich eine Ausrede zurecht? Doch Carla lächelte plötzlich: „Ja, mindestens einmal sind sich die beiden bei uns über den Weg gelaufen.“

Tine atmete tief durch. Das war knapp gewesen, ein einzelner Seidenfaden - Ritas Bemerkung, Max sei auf die Schöne am Tresen direkt zugegangen - führte über diese Schlucht. Grem, der Grobe, pflegte zu predigen: „Man kann nicht genau genug zuhören, Mädchen, und der Täter stolpert nicht über Feldbrocken, sondern über Maulwurfshügel.“

Ist Ann-Katrin oft hier gewesen?“

Es geht. Fünfzehn oder zwanzig Sitzungen hat Lothar gebraucht. Etwas mehr als bei anderen.“

Das heißt, Sie lernen eigentlich alle Personen kennen, die sich von ihrem Freund malen lassen?“

Aber sicher.“

Frau Zillig, kommt es vor, dass sich aus solchen Sitzungen zwischen ihnen und dem - hm - Modell so etwas wie eine persönliche Freundschaft entwickelt?“

Selten. Wissen Sie, Lothar ist kein besserer Fotograf. Er legt in das Bild auch etwas von seiner persönlichen Beurteilung hinein. Und die gefällt nicht immer. Weil wir über Ann-Katrin gesprochen haben - als ihr Bild fertig war und nur noch darauf wartete, gerahmt zu werden, kam der alte Steinbergvorbei, um sich das Porträt seiner Tochter anzuschauen. Er war gar nicht begeistert und hat Lothar angeschnauzt: 'Sie haben aus meiner Tochter eine Edelnutte gemacht.'

Ich überlegte noch, woher kennt Steinberg Edelnutten, aber Max war direkter: 'Das ist sie doch auch, Sie sind doch froh, Ann-Katrin aus dem Haus zu kriegen und haben für sie schließlich einen Ehemann gekauft.' Aus solchen Bemerkungen entstehen keine Freundschaften, Frau Dellbusch.“

Tine musste lachen.

Ich kann Ihnen noch ein Beispiel dafür geben, dass Verstimmungen häufiger sind als Freundschaften. Lothar und ich haben am Abend des 30. einer Kundin das Kleid gebracht, das sie für ihre Silvesterparty bei mir bestellt hatte. Wollen Sie es mal sehen?“

Tine nickte und Carla holte eine Aufnahme auf das Display ihres Fotohandys.

Eine sehr hübsche Kundin“, meinte Tine vorsichtig. „Aber vielleicht etwas wenig Stoff?“

Das meinte der Ehemann auch und wollte den vereinbarten Preis nicht zahlen. Es wurde ein langer Streit, zum Schluss hat er gezahlt, aber seiner Frau verboten, bei mir noch einmal zu kaufen.“

Das verstand Tine angesichts dieses Kleides gut, hütete sich aber, so etwas laut zu sagen.

 

Jule ging nicht gerne in die Gerichtsmedizin, aber Nadine Golowski machte es ihr leicht: „Sie kommen bestimmt wegen Ann-Katrin Steinberg oder Toller?“

Ja.“

Ja, ich kenne oder kannte sie, wir sind uns mal bei dem Maler Scharff auf dem Eldermannshof begegnet. Aber ehrlich gesagt, mein Personengedächtnis ist nicht sehr gut und mein Interesse an Menschen, die noch auf zwei Füßen stehen und nicht bei mir auf dem Tisch liegen, sehr beschränkt. Erst als Lene mir den Namen sagte, ist sie mir wieder eingefallen.“

Frau Professor, was ist eigentlich nymphoman?“

Das dürfen Sie mich nicht fragen. Davon versteh' ich weniger als nichts. Sie wollen natürlich wissen, ob Ann-Katrin Toller nymphoman war.“

Jule nickte.

Das müssen Sie die Eltern fragen. Oder auch den Ehemann.“

Jule ging sehr erleichtert. Sie kannte das enge Verhältnis Nadine Golowski - Lene Schelm, und war froh, dass sie dienstlich kein Porzellan zerschlagen hatte.

 

Sigrid Bauer sauste bis zum frühen Abend wie ein Weberschiffchen zwischen der Firma Medizintechnik Gustavo Toller und Susanne Krügers Wohnung in der Köhlergasse 24 hin und her. Dann stand fest, dass Susi Krüger nicht krank im Bett lag, sondern verschwunden war. Toller wusste von nichts, und dass er einen Kurier mit Bargeld an seine Jagdhütte im Lantener Forst losgeschickt hatte, verschwieg er Sigrid Bauer, die sich mit scharfem Blick die redefreudigste Kollegin ausgeguckt und zum Kaffee eingeladen hatte. Von Kaffee und Kuchen ging es nahtlos mit Cognac weiter, bei dem sich Sigrid wohlweislich zurückhielt, Helga Müller aber kräftig schluckte. Sicher, es war ein Trauerspiel, diese Ehe des Chefs, aber er hatte ja Ersatz gefunden.

Ersatz?“

Na klar. Susi Krüger. Die beiden taten zwar immer ganz harmlos, glaubten wahrscheinlich auch, in der Firma habe noch keiner was bemerkt, aber die meisten Kollegen wussten längst Bescheid. Wenn Sie mich fragen, das war was Ernsteres zwischen den beiden.“

Sigrid fuhr die schwer angetrunkene Helga Müller nach Hause und verfasste im Präsidium einen Bericht, während sie darauf wartete, dass die Chefin und die Kolleginnen zum „Abendgebet“ eintrafen.

 

Der Zufall wollte, dass der Kurierfahrer nur Susanne Krüger, die er persönlich kannte, in der Hütte antraf. Die unterschriebene Empfangsquittung warf er in den Bürobriefkasten der Firma Medizintechnik Gustavo Toller.

Susanne Krüger hatte den Briefumschlag geöffnet, das Geld herausgenommen und danach versucht, sich die Autoschlüssel

zu besorgen, wobei Max sie erwischte und verprügelte. Um seinen Schlägen zu entgehen, presste sie sich fest an ihn, und er spürte zu seinem Erstaunen eine Erektion. Er ließ sie los und befahl: „Zieh dich aus!“ Ängstlich gehorchte sie, er zerrte sie in das Schlafzimmer und schlief mit ihr, wobei sie einen Höhepunkt erreichte, wie sie ihn lange nicht mehr erlebt hatte. Hinterher lagen sie schwer atmend nebeneinander und befingerten sich, bis sie wider Willen sagte: „Es war wunderschön.“ War es das, was sie in den letzten Monaten an ihrem Gusto vermisst hatte? Dass jemand sie wirklich wollte? Sie grübelte noch Stunden und wurde sich ihrer Gefühle nicht klar. Den Gedanken, der Schmerz der Schläge zuvor habe das bewirkt, verbot sie sich. War es das, was Ann-Katrin ebenfalls vermisst und gesucht hatte? Susi konnte mit dem Ausdruck „nymphoman“, den Gusto verwendet hatte, nichts anfangen.

Maxens Gedanken waren ganz andere Wege gegangen.

Wir können nicht mehr zurück“, sagte er plötzlich. „Diese Kopien sind unsere letzte Hoffnung.“

Nicht mehr zurück?“ fragte sie entsetzt.

Hast du vergessen, dass du Ann-Katrin erschossen hast?“

Für Minuten hatte sie es vergessen und von einer neuen, anderen Zukunft geträumt.

 

Als die Mannschaft wieder komplett in den Räumen des R - 11 versammelt war, stellten alle fest, dass ihre Mägen erbärmlich knurrten, und Lene lud die vier Kolleginnen zu Marcello ein. Marcello hatte erst vor wenigen Wochen sein Ristorante an der Einmündung des Krötengraben in den Hexensumpf eröffnet und war bei den Polizisten, die es sich leisten konnten, sehr beliebt. Lene konnte es sich leisten, stellte allerdings Bedingungen. Während des Essens waren dienstliche Gespräche über laufende Ermittlungen verboten.

Tine Dellbusch fragte harmlos in die Runde: „Ist der Straßennamen Krötengraben vor oder nach dem Bau des Präsidiums entstanden?“

Sie konnte nicht wissen, dass sie damit eine Lawine lostrat. „Vorher“ natürlich, aber -zig Versuche, ihn später zu ändern, waren gescheitert, die Stadt stellte sich stur zur Empörung vieler älterer Kolleginnen und Kollegen. Der Verkehrsunfalldienst war in einen Neubau am Ring 2 umgezogen, die dort Beschäftigten hörten seitdem die Verwünschung „Euch Kröten sollte man alle überfahren“ sehr viel seltener.

 

Das Essen war hervorragend, ebenso der Rotwein, von dem Lene anschließend zwei Flaschen mit ins Präsidium nahm. Dass Tines Chefin auf Zeit gerne Rotwein trank, war allen schon aufgefallen und Sigrid Bauer hatte ihr verraten, dass Marlene Schelm einen ganzen Keller voll mit exzellenten Burgundern besaß.

So weit war Tine noch nicht, sie war erst durch einen Kurzzeitfreund aus der Spätlese vor kurzem ans Weintrinken gekommen und hatte sich an Rivaner gewöhnt, der auch ihrem Einkommen eher entsprach als edler Roter aus der Toskana oder Riesling Spätlesen aus dem Rheingau. Kollegin Sigrid verriet ihr auch, dass Chefin Lene von ihren Eltern gut geerbt hatte und sich leisten konnte, großzügig zu sein.

Hat sie keinen Freund, ich meine, bei dem Aussehen und der Figur?“

Doch, doch, hat sie. Aber der ist verheiratet und arbeitet in Berlin.“

Sobald alle ihre Stühle in Lenes Zimmer geholt und Gläser organisiert und für alle Fälle das Tonband angeschlossen und gestartet hatten, begann Lene das „Abendgebet“ mit einer Schilderung ihres Gespräches mit Charlotte Wünsche in Konstanz.

Jule warf ein: „Gottseidank haben wir jetzt einen Zeugen, dass es diese Aufzeichnungen tatsächlich gibt.“

Und ein zweites mögliches Motiv“, mahnte Tine. „Frage: nun auch noch Erpressung? Und wir haben keine Ahnung, wer die Erpressten sein könnten. Wenn ich gleich fortfahren kann: Max Berruth kann das Opfer durchaus bei Carla Zillig und Lothar Scharff auf dem Eldermannshof kennengelernt haben.“

Sigrid Bauer war an der Reihe: „Vielleicht war auch Gustavo seine Ehefrau endlich leid, zumal er sich schon was anderes für's Gemüt und Bett zugelegt hat. Und diese Susanne Krüger aus seiner Firma ist auch vermisst. Fahndung nach ihr und ihrem Auto läuft.“

Prima. Und du, Jule?“

Das blonde Gift hat Ann-Katrin nach einer Sitzung auf dem Eldermannshof getroffen, aber erst wiedererkannt, als du ihr den Namen der Toten genannt hattest.“

Sag mal, Sigrid, hast du was über diese Susanne Krüger erfahren? Hat sie sich ernsthaft Hoffnungen auf Toller gemacht?“

Tine hatte auch noch eine Frage auf dem Herzen: „Wenn Max für längere Zeit verschwunden bleibt, wovon leben dann Pia und ihre Kinder?“

An dieser Stelle machte die Runde Schluss und verzog sich nach Hause.

Lene blieb noch, schüttete sich den Rest der zweiten Flasche ein und begann zu grübeln. Ließen sich zwei Motivstränge kombinieren? Wut mit Erpressung? Was war passiert, als Ann-Katrins Beischläfer die Kamera neben der Lampe entdeckt hatte? Mal unterstellt, der Beischläfer war Max Berruth, dann dürfte der wenig Interesse daran gehabt haben, dass seine schwangere Frau von dem Seitensprung erfuhr. Und was, wenn es ganz anders gewesen war? Seit eben wusste sie, dass Toller eine Freundin im Büro hatte, und die war verschwunden, wie ihr Auto. Verschwunden - oder versteckte sie sich? Susanne Krüger - auch ein Zusammenhang mit dem Mordfall Toller?

Lene stieß fast ihr Glas um, als sie sich nach vorne beugte und nach ihrem Block angelte. Susanne Krüger und Gustavo Toller? Wenn sie auch in der Firma Medizintechnik arbeitet, durfte man vermuten, dass sie Max Berruth kannte. Und wenn nun - fantasieren war ja wohl noch erlaubt - Susanne Krüger mit Berruth im Hause Toller zusammengetroffen war? Lene malte neue Kringel, Verbindungslinien und Fragezeichen auf ihren Arbeitsblock, bis Glas und Flasche keinen Tropfen mehr hergaben. Dann organisierte sie eine Heimfahrt ohne Gefahr, den Führerschein zu verlieren.

 

 

Zwölftes Kapitel

Am nächsten Morgen schaute sich Lene nach dem zweiten Becher Kaffee einmal gründlich an, was sie gestern auf ihrem Arbeitsblock notiert hatte. Es sah ziemlich wild aus, viel Fantasie, viel Rotwein, mehr, als Freund Jochen wohl gutgeheißen hätte. Zwei noch halbwegs lesbare Fragen schienen es wert, überprüft zu werden: 1. Wovon würden Pia und die Kinder leben, wenn ...? 2. Wo hatte Berruth eigentlich vor seiner Heirat gesteckt?

Jule Springer war schon im Büro und konnte zweimal rasch Auskunft geben. Nein, über Max Berruth hatten sie nichts im Computer und das Ehepaar wohnte in der Lilienstraß 35.

Seit einigen Wochen konnte Lene ihr eingebautes Navi bedienen und landete tatsächlich vor dem Haus Lilienstraße 35.

Pia Berruth machte ein besorgtes Gesicht, als Lene ihr den Dienstausweis hinhielt: „Ist was mit Max?“

Lene musste lügen: „Nein, gefunden haben wir ihn noch nicht, und wir suchen unverdrossen. Dazu habe ich noch ein paar Fragen. Darf ich reinkommen?“

Bei einer dritten sehr nötigen Tasse Kaffee ging Lene direkt auf ihr Ziel zu. „Frau Berruth, was hat Ihr Mann eigentlich gemacht, bevor er zu Medizintechnik Gustavo Toller ging?“

Da hat er bei Tollers Konkurrenz Medicaprom auch als Wartungstechniker gearbeitet, bis Mellenberg pleite ging.“

Und von da direkt zu Toller?“

Nein. Toller war noch im Aufbau und hatte nicht direkt einen Job für Max.“

Dann war Ihr Mann eine Zeit arbeitslos?“

Ja.“

Hat er mal erzählt, ob er sich in der Zeit Geld geliehen oder versucht hat, mit Spielen was dazuzuverdienen?“

Nein. Er hatte ja Zeit und wurde auf dem Ellermannshof verpflegt.“

Verpflegt?“

Ja. Er wohnte in dem alten Backhaus des Gutes und half Carla und Lothar beim Umbau. Sozusagen gegen freie Kost und Station. Das ALG konnte er sparen. Aber warum fragen Sie das alles?“

Wir haben einen Tipp bekommen, dass eine schräge Type, die illegal Geld verleiht, von Max noch eine große Summe kassieren will.“

Na, viel Spaß. Bei uns ist nichts zu holen. Die Kinder und ich leben im Moment vom Geld meiner Eltern, und die zahlen auch die Prämien für Maxens Lebensversicherung.“ Pia schluckte Tränen herunter: „Aber ich möchte lieber meinen Mann zurück als das Versicherungsgeld.“

Wir bemühen uns wirklich“, sagte Lene, die einen Augenblick ein schlechtes Gewissen verspürte. Die für sie wichtigsten Informationen hatte sie zum Schluss eher beiläufig bekommen.

 

Als sie aus der Lilienstraße zum Ellermannshof losfuhr, waren am Himmel dichte Schneewolken aufgezogen, und Lene nahm sich wieder einmal fest vor, die Winterräder montieren zu lassen und Schneeketten zu kaufen. Aber Lene und die guten Vorsätze waren schon immer ein traurigen Kapitel gewesen.

 

Max und Susi fuhren am nächsten Vormittag nach Stübern. Die Kopien waren fertig, sie besorgten noch CD-Etuis, Luftpolsterversandtaschen und Briefmarken. In der Hütte schauten sie sich auf dem mitgebrachten Abspielgerät einige DVDs an und ließen sich auch „antörnen“. Als sie sich wieder anzogen, war es draußen fast dunkel geworden und die ersten Schneeflocken fielen. In diesem und dem vorigen Jahr war alles durcheinander geraten, ein kalter, feuchter Sommer, zu Anfang ein traumhaft schöner Oktober und dann, Mitte Oktober, der erste Schnee, der nicht liegenblieb, weil der Boden noch nicht gefroren war. Doch seit Weihnachten herrschte Dauerfrost, die Heiligen drei Könige würden sehr kalte Füße bekommen, und für Max und Susi hieß das: Sie würden mit ihrer Erpressungsaktion etwas warten müssen. Die Briefe in der Nähe der Hütte, in Lantern oder Wickenborn am See einzuwerfen, durften sie nicht riskieren. Susi hatte einige Teilnehmer wiedererkannt, von denen sie die Anschriften auswendig wusste. Die Begleitschreiben hatten sie von Hand verfassen müssen. „Zehntausend Euro, oder wir schicken eine zweite Kopie an die Presse. Für die Übergabe melden wir uns noch einmal.“

Meinst du, das reicht?“ fragte Susanne besorgt.

Je kürzer, desto besser“, antwortete er so grob, dass sie keine weiteren Fragen zu stellen wagte.

Es hatte kräftig zu schneien begonnen, und Susi hatte Angst, hier oben eingeschneit zu werden. Gusto hatte immer gewarnt, im Winter traue ich mich nur mit dem Geländewagen, der einen Vierradantrieb besaß und neben dem Ersatzreifen immer Schneeketten mitführte. Wie sollte sie mit Sommerreifen an ihrem Kleinwagen Geld und Vorräte besorgen? Geräumt wurde hier oben nicht. Und der Schnee blieb lange liegen.

Auch Max machte sich Sorgen, der Holzkorb vor dem Kachelofen war schon wieder leer. Und als er auf den Hof kam, stellte er mit Schrecken fest, wie sehr sich der Stapel mit den Holzkloben verkleinert hatte. Er musste unbedingt Holz hacken, bevor der Schnee den ganzen Stapel bedeckte. Er ging in die Hütte, um den Feuerholzkorb zu holen und rief laut: „Susi, ich muss Holz hacken. Nimm ein Bad, solange wir noch warmes Wasser haben.“ Sie zog sich aus und beeilte sich im Bad. Als sie sich abtrocknete und anzog, ertönten regelmäßig dumpfe Schläge vom Hof. Max war gut beschäftigt. Sie schaute in dem Einkaufsbeutel nach Kaffee und stieß auf die DVD- und die Kopien. Komisch: Auf eine hatte Max mit Fettstift ein großes X gemalt. Warum das? Susi lauschte, draußen wurde immer noch gleichmäßig Holz gespalten. Sie legte die DVD ein und schaute sich auf dem kleinen Monitor den Inhalt an. Schon bei der zweiten Datei glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Max Berruth bumste mit Ann-Katrin Zoller, schien dann mit ihr in Streit zu geraten, als sie sich mit gespreizten Beinen so hinlegte, dass die Kamera sie deutlich aufnehmen konnte. Dann schlug er sie plötzlich, sie wehrte sich und er drückte ihr zum Schluss ein Kissen so lange und so fest auf das Gesicht, bis sie still liegen blieb. Max verließ fluchtartig die Couch und verschwand aus dem Bild. Ann-Katrin bewegte sich nicht mehr. Minutenlang passierte nichts, Susi wollte schon abschalten, als Ann-Katrins Körper zweimal zuckte. Dann trat eine Person an die Couch heran, deren Gesicht nicht zu erkennen war. Susi hatte genug gesehen und schaltete ab, verstaute die DVD in dem Plastikkästchen, das sie wieder in den ziemlich vollgestopften Einkaufsbeutel steckte. Sie hatte schon eine recht zutreffende Vorstellung von dem, was sie da eben gesehen hatte. Max war nach dem Bumsen mit Ann-Katrin in Streit geraten und hatte sie mit dem Kissen erstickt. Später hatte sie - Susi - zweimal auf die Leiche geschossen und Max hatte sie in dem Glauben gelassen, sie habe Ann-Katrin getötet. Nein, diesen Mann musste sie so rasch wie möglich loswerden.

Als Max mit einer richtigen Schneehaube hereinkam, stand ihr Entschluss fest. „Wir müssen von hier so bald wie möglich abhauen, bevor wir total eingeschneit sind.“

Oder erfroren, wir haben kein Holz mehr. Hast du mir noch etwas warmes Wasser gelassen?“

Ja.“

Prima, dann will ich mir nur meine erstarrten Hände auftauen. In der Zwischenzeit könntest du packen.“

Es schneite ununterbrochen, dicke, fest Flocken, die auf dem Hof schon einen geschlossenen kräftigen Teppich erzeugt hatten, als Max und Susi anfingen, das Auto zu beladen. Sie hatte die mit X markierte DVD mit den andern Originalen und Kopien zusammen in den Beutel gesteckt, links und rechts mit Schmutzwäsche ausgepolstert und im Kofferraum ganz nach vorn geschoben und schön mit Tüten und Kartons eingekeilt. Max hatte nichts bemerkt, fragte nur: „Hast du auch nichts vergessen?“

Nein, aber schau selber einmal nach!“

Er kam zufrieden an die Tür zurück: „Alles weg. Wer fährt?“

Ich glaube, du bist der bessere Fahrer“, sagte sie demütig und setzte sich schon auf den Beifahrersitz. Die einzige Versandtasche, die sie noch gefüllt, mit der Anschrift versehen und frankiert hatten, steckte in ihrer Handtasche. Max hatte die Pistole und das Handy ins Handschuhfach gelegt und drehte jetzt den Zündschlüssel. Beide klapperten mit den Zähnen, das Auto war schlimmer ausgekühlt als ein Eisschrank.

Wohin wollen wir eigentlich?“ fragte er Susi, die hastig und sehr nervös antwortete: „Erst mal runter ins Tal, in irgendein Nest mit einem Gasthof. Hier oben sitzen wir spätestens in einer Stunde fest.“

Hast du solchen Schneefall schon mal erlebt?“

Nee, nicht solche Mengen in so kurzer Zeit. Aber Gusto und ich sind einmal in der Hütte eingeschneit worden, und daher weiß ich, dass hier nicht geräumt wird.“

Nur im Frühjahr sammelt man die steif gefrorenen Leichen ein „bemerkte Max. Es sollte witzig klingen, aber sie warf ihm einen bitterbösen Blick zu. „Entschuldigung, Susi, das war total daneben.“

Schon das kurze Stück vom Hof auf die Zufahrt wurde eine einzige Schlinger- und Schleudertour. Der Wagen dachte nicht daran, auf Steuern zu reagieren. Er suchte sich seinen Weg selbst und rüttelte und schüttelte dabei die Insassen unbarmherzig durcheinander. Und am dunkelgrauen Himmel schienen immer noch neue Schneewolken aufzuziehen. Die Scheibenwischer kamen gegen den Flockenteppich nicht an, das Licht der Scheinwerfer erreichte die Fahrbahn nicht.

 

Carla Zillig war nicht erfreut, als Lene fragte, ob sie ein paar Minuten mit ihrem Freund Lothar Scharff reden könne. „Das ist schlecht. Er hat gerade eine Sitzung und malt.“

Was meinen Sie, wie lange das noch dauern wird?“

Höchstens eine halbe Stunde. Gerda Schönthal muss bald los, sie hat noch gut eine Stunde bis Bellingheim zu fahren und im Radio wird pausenlos vor gewaltigem Schneefallgewarnt.“

Na, dann würde ich gern die halbe Stunde noch warten. Ob Sie mir in der Zeit ein paar Fragen zu Max Berruth beantworten können?“

Zu Max?“ fragte Carla verwundert.

Ja, wir können ihn einfach nicht finden.“

Ich weiß, meine Schwester macht sich mittlerweile große Sorgen. In ihrem Zustand nicht die beste Gemütsverfassung.“

Nein. Aber wir haben jetzt alle uns bekannten Stellen und Personen abgefragt, wo er untergetaucht sein könnte. Ob Sie uns jetzt weiterhelfen können?“

Ich? Wie kommen Sie darauf?“

Er hat doch mal ein halbes Jahr hier auf dem Hof gewohnt und ihnen beim Um- und Ausbau geholfen?“

Richtig.“

Hat er in der Zeit mal von einem Ort, einem Menschen, einer Institution erzählt, bei der er jetzt untergekrochen sein könnte?“

Carla Zillig überlegte lange und schüttelte entschieden dann den Kopf: „Nein, dazu fällt mir nichts ein.“

Max Berruth hat Ihre Schwester hier auf dem Hof kennengelernt?“

Ja, sie wohnte damals im Veilchenweg und kam nach der Arbeit häufiger zu uns, damals war jede Hand willkommen.“

Was machte Pia beruflich vor der Ehe?“

Sie war Ernährungsassistentin an der Laurentiusklinik. Sie hat sich mit Max auf Anhieb gut verstanden. So perfekt wie die beiden konnten keine gelernten Maler und Tapezierer Tapeten schneiden und kleben oder Dübel für Lampen und Regale setzen. Und ihnen zuzuschauen, wie sie Fußbodenleisten lackierten, war geradezu ein ästhetischer Genuss.“

Mochten Sie Max?“

Ja, schon ...“

Aber?“

Carla strich sich die Haare zurück: „Ich halte ihn für etwas arg schlicht gestrickt.“

Zwei links, zwei rechts und eine Masche fallen lassen?“

So etwa, ja.“

Mit anderen Worten - etwas langweilig.“

Unfreundlich formuliert, ja. Zuverlässig, freundlich, hilfsbereit -aber nicht die große Erleuchtung bei der Unterhaltung.“

In dem Moment klopfte es und Lothar Scharff kam herein. „Sie ist weg, hoffentlich schafft sie es noch.“ Dann erst bemerkte er Lene und grüßte verwundert „Guten Tag.“

Frau Schelm erkundigt sich nach Max.“

Lene musterte Scharff einen Moment: „Wir müssen ihn unbedingt sprechen, aber wir finden ihn nicht. Was meinen Sie, wo könnte er stecken?“

Keine Ahnung, viele Freunde hat er wohl nicht, wenn, dann würde ich mich in der Firma danach erkundigen.“

Die Firma ist - Medizintechnik Gustavo Toller?

Ja.“

Sie haben gehört, was mit Ann-Katrin Toller passiert ist?“

Natürlich. Vor ihrer Hochzeit habe ich die Ann-Katrin Steinberg gemalt.“ Und weil sich Carla Zillig räusperte, fuhr Scharff gleichmütig fort: „Ja. Max und Ann-Katrin sind sich hier einmal begegnet. Das war doch, was Sie wissen wollen?“

Sein hochmütiger Ton ärgerte Lene maßlos: „Danke, das wusste ich schon. Mich interessiert viel mehr, ob Sie sich Geld von Max Berruth geliehen haben.“ Lene war keine schlechte Pokerspielerin.

Ich? Wie denn? Von dem Habenichts.“

Wenn Lene schon die Ehefrau geblufft und belogen hatte, konnte sie das bei Maxens Schwager ruhig fortsetzen. „Wenn Sie sich da mal nicht täuschen.“

Scharff und Carla schnappten nach Luft, aber Lene setzte ihre harmloseste Miene auf - ich habe schon zu viel gesagt, mehr erfahren Sie nicht von mir. Scharff lenkte sofort ab und deutete zum Fenster. Zu Lenes Erstaunen reagiere Carla auf den kryptischen Satz ihrer Besucherin als erste: „Ich hab' euch gleich gesagt, ihr unterschätzt ihn.“ Scharff knurrte laut und sie verstummte sofort. Scharff wollte ablenken und deutete nach draußen: „Schauen Sie sich das mal an!“

Es war kein Schneefall mehr, da rutschten gleichzeitig von allen Dächern massive Schneebretter in die Tiefe. Von einer Minute auf die andere war es Nacht geworden.

 

Max und Susi hatten gerade den Beginn der Serpentinenstrecke durch den Wald von den Lantener Höhen ins Tal erreicht, als Petrus den Verschluss des himmlischen Schneevorratskastens aufriss. Fahren konnte man das, was Max am Steuer veranstaltete, immer noch nicht nennen. Das Auto mit den abgefahrenen Sommerreifen machte, was es wollte, steuern war so sinnlos wie bremsen, und so beschleunigte der Karren, sobald sich die Straße senkte, auf die erste Serpentine zu, kam von der Straße ab, stieß gegen einen Stein oder Felsen oder Baumstumpf und neigte sich zur Seite. Max fluchte, Susi schrie vor Angst, aber davon unbeeindruckt rollte der Wagen über die Beifahrerseite den Hang hinunter, drehte sich einmal um seine Längsachse und krachte mit der Fahrerseite gegen einen Baum, wobei das Blech ächzte und stöhnte, als wolle es sich um den Stamm wickeln. Die Gurte hielten, der Airbag löste aus, und als der Karren zum Stillstand kam, saß Susi mit Prellungen und schmerzenden Striemen auf Schlüsselbein und Schulter, aber nicht schwer verletzt, eingekeilt auf dem Beifahrersitz. Sie löste zuerst den Gurt, dann den Airbag, nahm aus dem Handschuhfach die Pistole, probierte dann das Handy, das es nicht tat, bis ihr einfiel, dass Max Teile herausgenommen hatte, damit man sie nicht orten konnte, und ließ es im Fach zurück. Mit Mühe konnte sie die Beifahrertür öffnen. Die ganze Zeit über gab Max nicht einen Ton von sich, auch nicht, als sie seine Schulter rüttelte und schüttelte. Kein Gedanke daran, die Fahrertür von innen zu öffnen. Und außen hatte sie sich um den Baumstamm gebogen, das war aussichtslos. Max bewegte sich nicht, reagierte nicht. Sie glaubte, ihn noch atmen zu hören, war sich aber nicht sicher. Mit letzter Kraft drückte sie die klemmende Tür auf ihrer Seite auf und fiel nach draußen in den tiefen Schnee, umklammerte ihre Handtasche wie einen Rettungsring, während sie sich aufrappelte, mehrfach umstürzte und dann der Spur folgte, die der von der Straße herabrollende Wagen gezogen hatte. Die Landstraße erkannte sie nur an dem festeren Untergrund unter ihren Sohlen. Wie und wohin sie lief, konnte sie später nicht mehr erinnern, Kälte, Nässe und Dunkelheit waren betäubend und überwältigend. Dass vor der Senkung ein Geländewagen anhielt und das Ehepaar sie noch in sein warmes Auto zerrte, bekam Susi nicht mehr mit. Der Wagen mit Vierradantrieb und Schneeketten bewältigte die Fahrt ins Tal ohne Unfall.

 

Lene beschloss, nach einem Blick in die Dunkelheit auf dem Hof, endlich aufzubrechen. Carla und Lothar waren nicht böse, dass sie ging.

Keine Schneeketten?“ erkundigte sich Lothar Scharff.

Nicht einmal Winterreifen“, beichtete Lene.

Soll ich Sie bis zur nächsten Bahn oder zum nächsten Taxenstand fahren? Einschneien kann Ihr Auto auch bei uns auf dem Hof.“

Großartig, vielen Dank. Ich nehme Ihr Angebot gerne und mit Handkuss an.“ Ihre Pistole lag warm und trocken eingeschlossen im Präsidium, Wagenpapiere und -schlüssel hatte sie in der Handtasche, auch ihr Handy. Und wer bei dem Wetter Autos klaute, war ohnehin schwachsinnig.

Haben Sie was dagegen, wenn ich Sie am Bahnhof Brekum absetze? Ich würde gerne mal nachschauen, was Pia und Daniel machen.“

Nein, schon recht.“ Verwunderlich, nach allem, was sie über die Berruths und Carla plus Lothar gehört hatte, dass sich der Maler solche Sorgen um die Schwester seiner Frau und deren Sohn machte. Aber noch ein Knoten passte nicht mehr in ihr Taschentuch.

So lernte sie wenigstens mal den Prellbock kennen und konnte theoretisch sogar ein Pils auf Spesenkonto trinken. Die Kneipe war richtig voll, Lene stellte sich an den Tresen, bestellte beim Wirt ihr Pils und betrachtete amüsiert, was um sie herum gesprochen wurde. Die meisten Männer wussten, was ihnen bevorstand: Schneeräumen und Holz hacken für den Kamin; einige würden helfen müssen, Schneemänner im Garten zu bauen. Aber es gab auch Erfreuliches: „Wer ist denn die Hübsche hier am Tresen?“ wurde der Wirt gefragt, der in gleicher Lautstärke erwiderte: „Keine Ahnung, war noch nie hier.“ Lene lauschte amüsiert. Komplimente, auch versteckte, konnten sie nicht beleidigen. Sie zahlte und musste noch fünf Minuten auf einem zugigen Bahnsteig warten, bis die S-Bahn aus dem Tunnel rollte und lautstark quietschend hielt. Um diese Zeit war stadteinwärts nicht viel Verkehr. Sie bekam in einer leeren Vierergruppe einen Platz und wunderte sich, wie schnell sie den Hauptbahnhof erreichte. Bis zur Colmarstraße nahm sie sich ein Taxi. Einmal ÖPNV pro Tag reichte ihr. Unterwegs telefonierte sie mit dem Präsidium, die Kolleginnen hatten sich angesichts der bevorstehenden Schneelastkatastrophe rechtzeitig nach Hause verzogen.

 

Das hilfsbereite Ehepaar hielt an der nächsten Polizeistation. Der Wachhabende entschied, die Frau müsse erst einmal aus ihren nass-kalten Klamotten heraus, bevor sie sich eine schwere Lungenentzündung zulege. Er schlug das Bercelius-Klinikum im Stadtteil Solgen vor. Gesagt, getan. In der Notaufnahme wurde Susanne Krüger entsprechend in Empfang genommen, doch als der Wachhabende, der zur Klinik mitgefahren war, die Handtasche auf der Suche nach Personalpapieren öffnete und eine Pistole fand, wurde er nervös und beschlagnahmte das gute Stück samt Inhalt. Auf dem Revier schaute er sich den Inhalt genauer an, fand einen Führerschein mit Namen und Anschrift, warf den Computer an und fand eine Susanne Krüger, die von einer Kommissarin des R - 11, Sigrid Bauer, zur Fahndung ausgeschrieben war. Das hatte eine Stunde später zur Folge, dass die gerade nach dem Genuss einer halben Flasche Burgunder eingeschlafene Erste Hauptkommissarin Marlene Schelm unsanft aus dem schönsten Schlaf geweckt wurde und zur Entschuldigung vorbringen konnte, ersten habe sie zu viel getrunken, um Auto zu fahren und zweitens werde ihr Auto gerade auf dem Ellermannshof in Brekum total eingeschneit. Der Wachhabende grunzte: „Wer keine Ausreden erfinden kann, ist nicht wert, in Schwierigkeiten zu geraten, was?“

Sie sagen es, Kollege! Halten Sie die wieder aufgewärmte Dame in der Bercelius-Klinik bitte fest, ich komme so schnell wie möglich.“

Ihr Versprechen hinderte Lene nicht daran, erst einmal gründlich auszuschlafen und dann Sigrid Bauer mit Auto einschließlich Winterreifen in die Colmarstraße zu bestellen. Es hatte zwar aufgehört, wie verrückt zu schneien, aber über Nacht war noch so viel von der weißen Pracht heruntergekommen, dass Lene auf dem Hof des Gutes ihr Auto nicht fand, sondern hilflos zwischen mehreren viereckigen Schneehaufen herumwanderte, in denen sich alles Mögliche verbergen konnte, unter Umständen auch ein Auto. Sigrid drängte, und so ließ Lene ihr Auto zurück in der Hoffnung, dass bald Tauwetter einsetzen werde.

Auf dem Revier schauten sie sich zuerst die Handtasche an. Die frankierte und adressierte Luftpolstertüte mussten sie sich im Präsidium ansehen.

Wo ist Susanne Krüger eigentlich aufgefunden worden?“

Nach Aussage des Ehepaares noch oben auf der Lantener Ebene, da, wo die Straße ins Tal beginnt. Ich denke mir, sie ist mit ihrem Auto von der Straße abgekommen und gegen einen Felsen oder Baum geknallt.“

Kann man da hoch, um nachzuschauen?“

Sicher, mit der richtigen Ausrüstung. Aber vor der Schneeschmelze liegt jedes Auto da oben ruhig und sicher. Bergen können Sie es im Moment sowieso nicht“

Sigrid meldete sich mit Kleinmädchen-Piepsstimme. „Und wenn noch jemand im Auto gesessen hat?“

Dann ist der oder die heute Nacht erfroren“, gab der Wachhabende, den es vor Gähnen schier zerriss, grob Auskunft.

 

Susanne Krüger war mit einigen Prellungen und Schürfwunden davongekommen. „Keine Lungenentzündung“, versicherte der Stationsarzt, „aber wohl eine schwere Erkältung.“ Davon war ihr nichts anzusehen oder anzuhören, als sich Lene und Sigrid zu ihr ins Schwesternzimmer setzten.

Na, Frau Krüger, das war aber knapp“, begann Lene im Plauderton.

Ja, ich bin eine halbe Stunde zu spät losgefahren. Wer rechnet aber auch in unseren Breiten mit solchen Schneemassen.“

Sie waren im Lantener Forst.“

Susi hatte einige Zeit damit verbracht, sich eine Ausrede auszudenken. „Ja, in Tollers Jagdhütte.“

Lene zog die Augenbrauen hoch.

Sie wissen doch sicher, dass Tollers Ehefrau ermordet worden ist“, sagte Susi dreist. „Der Chef war völlig von der Rolle, zu nichts zu gebrauchen, und weil ich ihm in dieser Stimmung gern für ein paar Tage aus dem Weg gehen wollte, habe ich ihn gefragt, ob ich seine Jagdhütte benutzen dürfe. Er war einverstanden.“

Waren Sie früher schon einmal in der Hütte?“

Ja. Ich wusste, wo der Reserveschlüssel versteckt war. Das Kaminholz liegt in der Garage. Nein, und ein paar Tage Ruhe wären mir schon recht gewesen.“

Bis der Schnee kam.“

Ja, damit hatte ich nicht gerechnet, vor allem war zu wenig Holz da, und wenn der große Kachelofen nicht brennt, erfriert man im Handumdrehen, warmes Wasser gibt es dann auch nicht. Also musste ich weg, als die Wetterleute im Radio Alarm schlugen. Aber eben eine halbe Stunde zu spät.“

Sie sind dann da von der Straße abgekommen, wo die Serpentinenstrecke runter ins Tal beginnt.“

Dann wissen Sie mehr als ich.“

Das Ehepaar hat Sie an der Stelle aufgelesen.“

Welchen Ehepaar?“

Sagen Sie bloß, das wissen Sie nicht mehr“, mischte sich Sigrid Bauer ein, die Susanne Krüger die ganze Zeit über aus schmalen Augen misstrauisch beobachtet hatte.

Nein, tue ich nicht. Wirklich nicht. Ich erinnere mich noch, dass mein Auto sich auf die Seite legte und dann ging es wie eine Teppichrolle abwärts. Danach habe ich einen Filmriss.“

Hm.“

Lene nahm wieder das Wort. „Frau Krüger, haben Sie allein im Auto gesessen, als Sie verunglückten?“

Ja“, sagte Susi fest. „Warum fragen Sie?“

Wir vermissen Max Berruth. Den kennen Sie doch?!“

Natürlich.“

Haben Sie eine Ahnung, wo er stecken könnte?“

Ich? Wieso ausgerechnet ich?“

Sie sind doch das lebende Lexikon der Firma und kennen alle Mitarbeiter bestens.“

Behauptet wer?“

Ihr Chef Gustavo Toller.“

Der hat's nötig“, regte sich Susi auf. „Gusto, so nennt man ihn in der Firma, vergisst doch seinen Namen, wenn er ihn nicht irgendwo notiert hat. Aber wo er den Zettel hingelegt hat, muss ich ihm dann sagen.“

Sie lachten alle, als eine Schwester ins Zimmer kam. „Entschuldigung, ich muss Frau Krüger zum CT abholen.“

Okay, wir verschwinden für heute, entschied Lene. „Frau Krüger, Sie brauchen doch bestimmt einige Sachen zum Anziehen, wenn Sie noch ein paar Tage im Krankenhaus bleiben müssen. Können wir jemandem Bescheid sagen?“

Das wäre sehr freundlich. Sie heißt Helga Müller und arbeitet auch bei Toller.“ Aus der Tasche ihres vom Krankenhaus gestellten Bademantels kramte sie einen Schlüsselbund.

 

Glaubst du ihr?“ fragte Sigrid skeptisch, als sie von der Klinik losfuhren.

Nur zum Teil“, antwortete Lene zerstreut. „Als geschickte Lügnerin hat sie Dichtung und Wahrheit gut vermengt.“

Und was machen wir jetzt mit ihr?“

Vorerst gar nichts“, brummte Lene. „Weißt du, wo die Köhlergasse ist?“

Ja, aber was sollen ... oh, Chefin, ich ahne Böses.“

Wieso? Sie hat uns doch freiwillig die Schlüssel gegeben.“

Aber doch nicht, damit die Polizei ihre Wohnung filzt.“

Das Risiko geht man eben ein, wenn man zu vertrauensvoll ist.“

Sigrid Bauer schwieg. Die Chefin hatte ihre Methoden, die musste man nicht gutheißen, aber Protest half da gar nichts.

 

In der Köhlergasse verriet nichts mehr davon, dass hier früher die Holzköhler ihre Produkte gelagert und verkauft hatten. Allenfalls die großen Höfe hinter den Einzelhäusern verrieten noch etwas von dem Betrieb, der hier mal geherrscht hatte. Susanne Krüger bewohnte in Nummer 24 das Parterre, eine kleine, aber praktisch eingerichtete Dreizimmerwohnung. Das Schlafzimmer besaß vergitterte Fenster zum Hof, ein früherer Schuppen diente als Garage für Susis Auto, das nach ihrer Schilderung jetzt irgendwo auf den Lantener Höhen vom Schnee begraben wurde. Es schneite immer noch, aber sehr viel dünner als zuvor.

Lene zog sich Plastikhandschuhe an und begann mit den Schubladen und Fächern, in denen sich Schriftliches befand. Eine Stunde pflügte sie sich durch nichtssagende Korrespondenz. Briefe und Abrechnungen. Susanne Krüger verdiente gut und sparte viel. Die Depotbestandsmeldungen erstaunten Lene, die aus eigener Erfahrung wusste, wie schnell Geld ausgegeben war und welche Mühe und wieviel Verzicht es kostete, etwas anzusparen und damit eine Anleihe oder Beteiligung zu kaufen. Sie erinnerte sich an Tollers Alibi: Hatte das Finanzamt auch jenen Verdacht gefasst, der sie jetzt beschäftigte? Sie überlegte schon, die Spusi zu alarmieren und den ganzen Schmutz zu fotografieren, bevor der unersättliche Finanzminister seine Hand darauf legte. Sie verzichtete darauf, sobald sie das nächste Buch aufgeschlagen hatte, ein altmodisches Fotoalbum, das unter anderem Urlaubsbilder enthielt. Susi Krüger im Evakostüm neben einem Adam, der einen Arm um ihre Taille gelegt hatte.

Sigrid? Kommst du mal?“

Sigrid Bauer konnte weiterhelfen. „Das ist Gustavo Toller mit seiner rechten Hand Susanne Krüger.“

Und wer ist die Nackte neben unserer Susi?“

Sie heißt Helga Müller, arbeitet auch bei Toller.“

Der sie offenbar zu schätzen wusste. Denn auf dem nächsten Foto hatte Adam Toller seinen Arm um die Taille einer nackten Helga gelegt.

Das sieht doch sehr nach einer ménage à trois aus“, tadelte Lene, die nie auf die Idee käme, ihren Jochen freiwillig mit einer anderen zu teilen.

Gut möglich.“

Hast du was gefunden, was das Mitnehmen lohnt?“

Nein.“

Ich nehme die drei Fotos mit und dann verduften wir.“

 

Während sie zusammenräumten, telefonierte Susanne Krüger mit ihrem Gusto, der eine Unmenge Fragen stellen wollte.

Alles später, Gusto. Hör zu, ich glaube, gleich wird die Kripo bei dir erscheinen. Du musst alles bestätigen, was ich ausgesagt habe. Und lass dir bitte nicht anmerken, dass du erstaunt bist. Du hast mir erlaubt, deine Hütte im Lantener Forst zu benutzen, einverstanden? Kein Wort von dem Geld, das du mir geschickt hast.“

Und warum?“

Später, mein Schatz. Ich muss Schluss machen.“

 

Bei Medizintechnik Gustova Toller GmbH herrschte noch großes Durcheinander, aber die Hektik hatte sich gelegt, seit der Inhaber im dunklen Anzug und mit schwarzer Krawatte wieder im Büro erschienen war. Auch Helga Müller, die zurzeit das Allerheiligste bewachte, hatte sich in dezentes Grau gewandet.

Lene macht keine Umstände: „Herr Toller, hatten Sie ein Verhältnis mit Susanne Krüger?“

Wer sagt das?“

Wir haben eben mit Susanne Krüger in der Bercelius-Klinikgesprochen.“

Toller erinnerte sich an Susis Bitte am Telefon und nickt deshalb. „Aber wieso in der Klinik?“ wollte er wissen.

Sie hat gestern vor dem großen Schneefall versucht, von der Höhe ins Tal zu fahren, ist von der Straße abgekommen und mit dem Auto gegen einen Baum geknallt.“

Um Gottes willen. Ist sie schwer verletzt?“

Nein, sie hat Glück gehabt, und andere Autofahrer haben sie rechtzeitig gefunden und ins Krankenhaus gebracht.“

Gottseidank.“

Sie war in Ihrer Hütte?“

Ja. Ich wollte keinen Menschen um mich sehen, es hat einigermaßen gekracht und sie hat gesagt, sie würde sich gerne in die Hütte verziehen.“

Kann man das überhaupt im Winter?“

Kann man, auch wenn es nicht sehr komfortabel ist. Für den Kachelofen gibt es Holz, und solange da ein Feuer brennt, gibt es auch warmes Wasser im Bad und Wärme in der ganzen Hütte.“

Man darf nur nicht eingeschneit werden!“

Richtig, dann wird es kritisch. Diese Serpentinenstraße ins Tal hat es in sich.“

Herr Toller, besitzen Sie eine Pistole?“

Nein.“

Und Susi Krüger?“

Soviel ich weiß, auch nicht.“

Her Toller, wir müssen uns noch einmal über den Todestag Ihrer Frau unterhalten. Sie wollte an dem Tag nach Konstanz fahren, zu einer Freundin, Charlotte Wünsche. Ich habe mit Charlotte Wünsche gesprochen. Ihre Frau war nicht dort, hatte sich auch nicht angemeldet. Mehr noch: Charlotte Wünsche bestreitet, mit Ihrer Frau befreundet gewesen zu sein. Im Gegenteil, seit sie hier im Hause eine der Sexpartys im Fernseher gesehen habe, habe sie jeden Kontakt abgebrochen. Haben Sie das gewusst?“

Toller war in sich zusammengesackt.

Von den Partys? Natürlich. Aber Ann-Katrin hat nie mit einer Silbe erwähnt, dass sie die Aufnahmen ihrer Bekannten Charlotte Wünsche vorgeführt hat.“

Sigrid Bauer hakte ein: „Aber weiterhin so getan, als besuche sie eine Freundin am Bodensee.“

Toller nickt gequält.

Ein prachtvolles Alibi“, höhnte Bauer. „Und wen hat sie in der Zeit wirklich besucht?“

Woher soll ich das denn wissen?“

Haben Sie sie nie gefragt, sind Sie ihr nie nachgefahren?“

Nein.“

Lene winkte heimlich ab: „Herr Toller, kennen Sie eine Kneipe namens Zum Prellbock, am S-Bahnhof Brekum?“

Nein, kenne ich nicht.“

Kannte Ihre Frau den Prellbock?“

Das weiß ich nicht, glaube ich aber nicht. Sie hatte was gegen Kneipen.“

Herr Toller haben Sie jemals daran gedacht, sich scheiden zu lassen?“

Gusto rieb sich das Kinn. Was hatte Susi den beiden Kriminalbeamtinnen in der Klinik erzählt.

Das ging nicht so ohne weiteres.“

Wie dürfen wir das verstehen?“ schnarrte Sigrid Bauer.

Steinberg - also Ann-Katrins Vater - hatte mir Geld geliehen, um meinen Laden vergrößern zu können.“

Ist dieser Kredit zurückgezahlt?“

Nein.“

Und Steinberg drohte, den Schuldschein zu Protest gehen zu lassen, wenn Sie sich von Ann-Katrin trennen?“

Toller wand sich wie ein Aal: „Nicht so direkt, aber schon in der Richtung - ja.“

Wusste Ihre Frau von Ihrer Beziehung zu Susanne Krüger?“

Wahrscheinlich ja.“

Auch von Ihrer Beziehung mit Helga Müller?“

Mit der Müllerin? Wie kommen Sie denn auf den Blödsinn?“

Statt einer Antwort legte Lene die Fotos vor, die sie aus Susi Album mitgenommen hatte. Toller rang nach Luft, wurde rot und sagte vorerst nichts mehr.

Mit Frau Müller müssen wir gleich noch sprechen“, bemerkte Lene kühl. „Es sieht also ganz so aus, als hätten Sie sich mit Ihrer Frau arrangiert. Jeder konnte und durfte seiner Wege gehen, wie, Herr Toller?“

Sie wissen nicht, wie meine Frau war. Ann-Katrin hat mir das Leben zu Hölle gemacht. Und mich vor allen Bekannten und Freunden lächerlich gemacht.“ Am liebsten hätte er geschluchzt.

Warum haben Sie sie geheiratet?“ Lene fragte ganz sachlich, und Toller würgte an der Antwort, bis er tiefrot anlief. Die etwas boshafterer Sigrid kannte weniger Rücksicht als Lene: „Richtig! Sie brauchten ja den Kredit, um ihr Geschäft zu vergrößern.“ Toller stand kurz vor einem Herzinfarkt, als Lene und Sigrid sich verabschiedeten.

Helga Müller, sexy und kaltschnäuzig, leugnete nicht. Für die vacances à trois hatte sie Bargeld und eine Gehaltserhöhung bekommen. Ja, sie würde in Susis Wohnung ein paar Sachen packen und ins Krankenhaus bringen.

Zu den Fotos meinte sei nur: „Hübsch, nicht wahr. Gustavo ist noch gut dabei, wie?“

 

Sigrid Bauer fragte scharf: „Hat Susi Krüger in der Zwischenzeit angerufen und Sie gebeten, diese Bilder aus dem Album zu entfernen?“

Nein, hat sie nicht.“

 

Auf der Fahrt ins Präsidium brummte Sigrid: „Wir hätten sie fragen sollen, ob sie auch mal an einer dieser Partys teilgenommen hat.“

Wahrscheinlich ja“, meinte Lene zerstreut. „Unsere Helga ist geldgierig.“

Glaubst du, sie hat dafür Geld genommen?“

Ja. Die Frage ist, ob sie was dafür bekommen hat.“

 

Die Restmannschaft des R - 11 hatte sich im Präsidium auch gut beschäftigt, einen DVD-Player organisiert, und sich die Scheibe aus der Versandtüte angesehen. Tine, die jüngste, war regelrecht erschüttert.

Wer sollte denn erpresst werden?“ wollte Lene wissen.

Der Vorsitzende des Schlossbau-Vereins.“ Eine, wie Lene wusste, umstrittene Persönlichkeit mit zahlreichen Feinden, die schon seit Jahren auf eine Gelegenheit lauerten, ihn mit einem Skandal abzuschießen.

Aber wir haben noch was Schönes, was den Fall noch verrückter macht“, warnte Jule.

Geht das noch?“

Aus der Pistole, die in Susis Handtasche war, ist zweimal auf die tote Ann-Katrin geschossen worden, und einmal auf den Türrahmen des Tatortzimmers. Und auf Werner Pölzig.“

Aufhören!“ befahl Lene erbost. „Wer soll sich denn da noch durchfinden?“

Wir hoffen alle auf dich“, piepste Jule.

Lene schüttelte den Kopf. Sie hatte andere Sorgen.

 

 

Dreizehntes Kapitel

Nach zwei Tagen hörte der Schneefall so plötzlich auf, wie er begonnen hatte, und überall wurden die Spuren und Folgen beseitigt. Ein Trupp Waldarbeiter quälte sich mit einer großen Heuladung zu einem der Winter-Füttterungsplätze für das Rotwild die Höhen zur Lantener Hochebene hoch und entdeckte ein Auto, das von der Serpentinenstraße abgekommen und mit der Seite gegen einen Baum geprallt war. Der Fahrer saß noch hinter dem Steuer, offenbar hatte er es nicht geschafft, die eingebeulte und verklemmte Tür zu öffnen oder auf die Beifahrerseite zu rutschen.

Und während Susanne Krüger in der Klinik auf den Arztbrief für ihre Entlassung wartete, bargen Feuerwehr und THW das Auto, das auf den Namen Susanne Krüger zugelassen war. Der Mann am Steuer war tot: Wie die Gerichtsmedizin schnell feststellte, erfroren, weil er nach dem Aufprall gegen den Baum mit dem Kopf gegen den Türrahmen geschlagen war und offenbar für längere Zeit das Bewusstsein verloren hatte. Spuren im Schnee deuteten darauf hin, dass neben dem Fahrer jemand gesessen hatte, der sich aus dem verunglückten Wagen befreien konnte und zur Serpentinenstraße mehr gekrochen und gestolpert als gelaufen war. Ob der oder die rechtzeitig Hilfe für den eingeklemmten Fahrer hätte holen können, wollte das Blonde Gift erst nach einer Obduktion beurteilen, und erst dann konnten andere entscheiden, ob hier ein Fall von Totschlag durch Unterlassen vorlag. Immerhin hatte der Mann in einer aufgesetzten Brusttasche seines dicken Pullovers einen Personalausweis auf den Namen Max Berruth bei sich, so dass Lene Schelm umgehend informiert wurde.

Sie griff sich Tine Dellbusch und ging mit ihr zum Kollegen Grembowski, der unwirsch hochschaute.

Wir haben Berruth gefunden, Grem.“

Toll. Und wo ist er?“

Beim Blonden Gift in einem Kühlfach.“ Dann registrierte Lene sein verwundertes Gesicht und erklärte: „Zum Auftauen. Er hat mindestens eine Nacht in einem Autowrack gelegen. Kommst du heute Abend ins Elfte zu unserem Nachtgebet? Wir könnten den Fall abschließen.“

Grem winkte sofort ab. „Ich ertrinke in Arbeit. Danke, Lene, aber das müsst ihr ohne mich erledigen.“

Lene kannte ihn fast noch besser als Tine, der krumme Hund hatte sich kein einziges Mal um seinen Fall gekümmert und wusste einfach nichts von dem Stand der Ermittlungen. Sie ging wortlos und Tine schaute ihn lange unverwandt an, bevor sie Lene folgte. Der Blick beunruhigte ihn immerhin so weit, dass er einen Spezi in der Personalabteilung anrief.

Sicher? ... Prächtig, vielen Dank.“

Im Elften war keine Planstelle frei und würde auch so bald nicht frei werden. Christine Dellbusch konnte also nicht vom Siebten ins Elfte wechseln. Er ahnte nicht, dass sich Lene nach diesem Meisterstück Grems eben das vorgenommen hatte und die besseren Beziehungen zum Direktor der Kriminalpolizei besaß.

 

In der Zeit hatte die KTU nicht gefaulenzt und den Kofferraum des Autowracks ausgeräumt und unter die Lupe genommen. Lene wurde noch vor der Mittagspause gerufen und schaute sich die Fundstücke an. Bei den vielen CDs oder DVDs war sie sich sicher, dass es sich um die gestohlenen Scheiben aus dem Hause Toller handelte, die sie in der Toller-Villa nicht gefunden hatten und seitdem vermissten. „So viele?“

Ich vermute mal, das sind auch Kopien, die zusammen mit einem Erpresserbrief verschickt werden sollten.“

 

Susanne Krüger würde sich ihrer Bewegungsfreiheit nicht sehr lange erfreuen dürfen.

Seidel brummte. „Da haben wir noch eine DVD, die war in einem Beutel mit Schmutzwäsche versteckt.“

Bevor sie zu Seidel in die KTU ging, hatte Lene Schelm ihre Hilfskraft angehalten. „Ich möchte Pia Berruth im Moment weitere Aufregungen ersparen. Ob Rita Funke in die Gerichtsmedizin kommen und Berruth identifizieren kann? Und danach bringen Sie bitte Frau Funke ins Elfte mit.“

 

Rita Funke hatte zwar wenig Lust, aber genug Zeit, um mit in die Gerichtsmedizin zu fahren. Der Erfrorene war Max Berruth, Rita Funke unterschrieb das Protokoll und ließ sich, fast ehrfürchtig schweigend von Tine ins Elfte bringen. Dort hatte man sich zu einer Fernsehsession niedergelassen. Lene fragte vorsichtshalber: „Sie sind aufgeklärt?“

Mehrfach, Frau Schelm.“

Und nicht leicht zu schockieren?“

Als Aushilfe im Prellbock?

Für alle Anwesenden interessant war die zweite Datei vom 30. Dezember, ab 20 Uhr 45.

Das ist doch ...“, begann Rita ungläubig.

... die Frau aus dem Prellbock, ja. Sie heißt oder hieß Ann-Katrin Toller.“

Und das ist doch ... Max. Max Berruth.“

Ja, genau.“

Rita drehte den Kopf weg, als auf dem Bildschirm erschien, wie der Mann mit einem Couchkissen die Frau erstickte.

Lene hatte sich die Aufzeichnung schon einmal angesehen. „Achtet auf den nackten Körper.“

Und wenig später, als der Körper zweimal kurz gezuckte hatte, stellte Ellen König trocken fest: „Tatsächlich, zwei Einschüsse. Aber wer erschießt denn eine Leiche?“

Wer nicht weiß, dass die Person vor ihm schon tot ist. Zum Beispiel die Frau, die jetzt gleich ins Bild kommt.“

Richtig erkennen konnte man Susi Krüger nicht, als sie herumfuhr und eine Waffe Richtung Zimmertür hob. „Der Schuss geht in den Türrahmen“, erklärte Lene ungerührt. Die weitere Szene spielte sich außerhalb des Aufnahmebereichs der Kamera ab.

So das war's erst einmal. Der Rest beim Nachtgebet. Und Sie, Frau Funke, bitte ich herzlich, über alles, was Sie hier gesehen und gehört haben, Stillschweigen zu bewahren. Tine ist so freundlich und bringt Sie wieder nach Hause.“

 

Rita schwieg bis kurz vor ihrem Wohnheim. „Ich habe mich übrigens beworben, Tine.“

Wo? Bei der Polizei?“

Nein, bei der Feuerwehr.“

Ach nee.“

Lene lud Jörg Steiner zum „Abendgebet“ ein, der ablehnte, und dann Staatsanwalt Hase. Hase sagte zu und versprach ohne Aufforderung, mehrere Flaschen eines „trinkbaren“ Beaujolais mitzubringen, worauf Lene bei Marcello auf 18 Uhr dreißig sechs Riesenportionen Antipasti speciale bestellte, die fast andächtig, mit dem gebotenen Schweigen über dienstliche Dinge, verspeist wurden. Nach dem ersten Schluck im R -11 begann Lene: „So, wir versuchen mal, eine Chronologie des Falles aufzustellen, nur mit unseren beweisbaren Kenntnissen. Max Berruth beschließt am 30. Dezember gegen 19 Uhr 30, auf ein Bier in den Prellbock zu gehen. Dort trifft er vor Beginn der Tagesschau ein. Am Tresen sitzt Ann-Katrin Toller, die Max vom Ellermannshof kennt ...“

Dort einmal kurz gesehen hat“, verbesserte Jule, die auch das Tonband bediente.“

Okay. Ann-Katrin verlässt den Prellbock gegen Ende der Tagesschau vor Max Berruth, den sie draußen angesprochen haben muss. Denn schon gegen 20 Uhr 45 schlafen sie miteinander auf der Couch im Hause Toller, aufgenommen von einer Deckenkamera, geraten in Streit ...“

Worüber, Frau Schelm?“ unterbrach Hase höflich.

Das wird ungeklärt bleiben, beide Beteiligten sind tot. Aber ich vermute, Max hat sich auf die Suche nach dem Aufzeichnungsgerät gemacht und das Tatzimmer verlassen. In der Zeit ist Susi Krüger mit einer Pistole in das Zimmer gekommen und hat zweimal auf die störende und scheinbar noch lebende Rivalin Ann-Katrin geschossen. Max hat die Schüsse gehört und ist in das Tatzimmer zurückgekommen. Er hat sie überrascht und sie hat auf ihn geschossen, aber verfehlt. Was dann genau im Einzelnen passiert ist, muss Susi Krüger uns noch erzählen. Sie haben alle Aufzeichnungen mitgenommen - Max, um seinen Tat zu verbergen, und Susi, um damit Geld zu erpressen. Einen Versuch haben wir in ihrer Handtasche gefunden. Beide sind dann in die Tollersche Jagdhütte gefahren, er oder sie hat dann einen Einbrecher so schwer angeschossen, dass der später daran verblutet ist. Dann drohte der Schneesturm und sie mussten vorher ins Tal zurück. Susi hatte offenbar entdeckt, dass nicht sie Ann-Katrin erschossen, sondern Max sie erstickt hatte und den Beweis in der Schmutzwäsche versteckt. Doch dann kam das Auto von der Straße ab und knallte gegen den Baum. Am Steuer saß Max und Susi konnte sich auf die Straße retten, wo sie aufgelesen und in die Klinik gebracht wurde. So, Herr Staatsanwalt, Siedürfen noch eine Runde einschenken, ich bin fertig.“

Kompliment, Frau Schelm“, sagte Hase ehrlich beeindruckt. Die noch fehlenden Einzelheiten dann in Ihrem Abschluss-Bericht?“

Nicht alle, Herr Hase. Ich würde einige Personen gerne schonen.“

Zum Beispiel wen?“

Lene schwieg, und Hase kannte ihre Tricks mittlerweile.

Etwa die Familien Zillig in all' ihren Verzweigungen?“

Respekt, Herr Hase. Ja. Vor allem in den noch nicht ans Tageslicht gekommenen Verzweigungen.“

 

 

Vierzehntes Kapitel

Ende Januar eröffnete die Tellheimer Modenwoche in der Stadthalle, und Lene, die Modenschauen für genau so dämlich und überflüssig hielt wie Autorennen und european song contests, studierte sorgfältig im Tageblatt die Liste der Aussteller und besorgte sich dann eine Eintrittskarte. Das Label „Ellermannshof“ versteckte sich in der Halle 13 unter vielen kleinen Herstellern. Carla Zillig schaute sie verwundert an: „Wenn ich ehrlich sein soll, sind Sie die Letzte, die ich hier erwartet hätte, Frau Schelm.“

Lene zwinkerte ihr zu: „Ich liebe stoffarme Kleider und hochhackige Schuhe. Im Büro sind leider Jeans, Schnürschuhe mit rutschfesten Sohlen und langärmelige Shirts angesagt.“ Lene liebte es, Vorschriften zu zitieren, und wenn es gerade mal keine passende gab, stand sie nicht an, flugs eine zu erfinden. „Vom Beamten wird erwartet, dass er durch Kleidung und Verhalten dem Arbeitgeber möglichst lange seine ungeschmälerte Arbeitskraft erhält.“

Das war vielleicht doch etwas zu dick aufgetragen, Carla Zillig legte den Kopf schräg und grinste.

Sie haben eine sehr gute Figur, das meint auch mein Freund Lothar Scharff.“

Und woher will er das wissen?“

Anders als ich besucht er gelegentlich die Konzerte im Schloss und da sind Sie ihm aufgefallen, hochhackig und stoffarm.“

Ihr Freund hat ein scharfes Auge für attraktive Frauen?“

Irgendetwas hatte sich in Lenes Ton verändert, deshalb schaute Carla Zillig ein halbe Minute an ihr vorbei, bis sie leise seufzte: „Ja, das stimmt.“

Kann es sein, dass er während der Zeit, in der Sie zu viert den Hof umgebaut haben, auch einmal entdeckt hat, dass Ihre Schwester Pia attraktiv ist?“

Sein kann, wenn sie will“, verbesserte Carla schnell. „Aber sie will selten.“

Schön. Hat sie gewollt?“

Ja. Aber ich habe gedacht, Sie hätte es auf Max abgesehen, mit dem sie sich sehr gut verstand.“

Um den Sie sich doch zu der Zeit bemühten, wie?“ versetzte Lene sanft.

Frau Schelm, können wir bitte nach hinten gehen. Da ist es bequemer und wir müssen nicht befürchten, dass uns einer belauscht.“

Was Ihnen peinlich wäre?“

Ja, das auch.“

Hinten war ein kleiner Aufenthaltsraum mit einem Tisch, zwei Stühlen und einem Bord eingerichtet, auf dem eine Kaffeemaschine blubberte. Sie setzten sich.

Frau Zillig, wir haben den Fall Ann-Katrin Toller abgeschlossen.

Max Berruth hat sie umgebracht, aber der ist tot. Nach einem Autounfall in einem Wagen erfroren. Was das für Ihre Schwester Pia bedeutet, wissen wir noch nicht genau. Ich möchte allerdings mit ihr nach diesem Schock und so kurz vor dem Geburtstermin nicht darüber sprechen und bin deshalb zu Ihnen gekommen. Strafrechtlich haben Sie nichts zu befürchten, an einem Skandal haben wir kein Interesse. Wir wollen nur unsere Akten abschließen und an die Staatsanwaltschaft respektive an das Archiv weiterreichen.“

Bei dem ersten Schluck hätte sich Carla Zillig beinahe die Zunge verbrannt. „Nein, ich hatte es nicht auf Max abgesehen. Es war ein Ausrutscher nach dem Richtfest, ganz nett und schön, aber nicht der Beginn einer ernsthaften Affäre. Nein, abgesehen hatte ich es da schon auf Lothar Scharff. Aber als ich Pia von dem Ausrutscher mit Max erzählte, meinte sie, dann könne sie mir ja auch ihren Ausrutscher mit Lothar gestehen. Pia und ich haben nie Geheimnisse voreinander gehabt, und wenn es nur nach uns gegangen wäre, hätte niemand von dem privaten Teil des Richtfests erfahren, aber leider hatte das Bäumchen-Wechsel-dich Konsequenzen. Nicht bei mir, aber bei Pia. Sie war schwanger, und Lothar war nicht bereit, dafür einzustehen, Windeln wechseln und ein schreiendes Baby beruhigen - er sei Künstler und kein Säuglingspfleger. Nein, nicht mit ihm.

Frau Zillig, ein uneheliches Kind war doch schon damals keine Beinamputation.“

Sie kennen meine Eltern nicht, Frau Schelm. Pia und ich sind auf das Geld angewiesen, das wir einmal erben werden. Mein Vater hat voller Genuss das Wort Enterbung ausgesprochen. Also haben Pia, Lothar und ich mit Max verhandelt. Und der war sofort einverstanden. In Windeseile haben sie geheiratet und Max hat Daniel als seinen Sohn anerkannt.“

Das verstehe ich nicht so ganz. Was hatte er davon?“ zweifelte Lene.

Eine ganze Menge. Eine hübsche Frau, sehr reputierliche Schwiegereltern und die Aussicht auf ein sehr umfangreiches Erbe seiner Frau. Außerdem hat mein Vater mit einem günstigen Kredit an einen gewissen Gustavo und mit Beziehungen nachgeholfen, dass Max diesen Job bei Toller erhielt.“

Haben Sie deshalb Ihrem Freund vorgehalten: 'Ich hab euch gleich gesagt, ihr unterschätzt ihn - nämlich Max Berruth - alle'.“

Das haben Sie behalten?“

So gut, dass ich mir die Blutgruppen von Pia, von Max und Daniel Berruth besorgt habe. Es hat mir keine Ruhe gelassen. Max konnte nicht der Vater von Daniel sein.“

Ich habe Sie wohl unterschätzt.“

So was kommt bei mir häufiger vor. Aber weiter. Wo lag für Scharff der Vorteil?“

Er behielt eine recht ordentliche und vorzeigbare Frau respektive Freundin. Mietfreies Wohnen in einem ansehnlichen Haus mit einem riesigen Atelier.“

Und Sie, Frau Zillig?“

Ich habe wohl mit Zitronen gehandelt. Die Dankbarkeit meiner Schwester, okay. Einen Maler, der auch dank meines Geldes und meiner Beziehungen Karriere machte und zum Dank dafür jede Frau flachlegte, die nicht bei drei aus seinem Atelier geflohen war.“

Auch Ann-Katrin Toller respektive Steinberg?“

O ja. Sozusagen aus seinem Holz geschnitzt. Hübsch, geil, rücksichtslos und egoman. Und vor allem reich. Ich glaube, er dachte daran, das Pferd zu wechseln. Ich hab' geahnt, dass er an dem Abend mit Ann-Katrin im Ellermannshof verabredet war und haben ihn deshalb so kurzfristig gezwungen, mich zu der Kundin zu begleiten, dass er Ann-Katrin nicht mehr absagen konnte.“

Lene nickte. So hatte sie sich das auch schon ausgerechnet. Ann-Katrin hatte am Hof vergeblich geklingelt. Lothar Scharff am Handy nicht erreicht und war in den Prellbock gefahren, um die Zeit totzuschlagen, bis sie ihn wieder erreichte. Pech für alle, dass ausgerechnet in den Minuten Max Berruth den Prellbock betrat und sie wiedererkannte.

Wie geht es Ihrer Schwester denn?“

Körperlich einigermaßen, seelisch beschissen. Mein Vater kümmert sich um alles, Rente, Lebensversicherung, Hypothek. Er weiß übrigens nicht, dass Lothar Scharff Daniels Erzeuger ist. Und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn er es auch nicht erführe.“

Das konnte Marlene Schelm versprechen, die sich nach diesem Gespräch die Modenschau nicht weiter ansah.

 

Ende

 

 

Ein Scharfschütze

Thriller von Alfred Bekker

 

1. Kapitel

Hey, sollen wir noch in die Geisterbahn gehen - oder ist das für den großen Big Jimmy DiCarlo unter seiner Würde?“

DiCarlo - ein kleiner, drahtiger Mann um die vierzig mit schwarzem, nach hinten gekämmtem Haar und hervorspringendem Kinn grinste schief. „Willst du mich auf den Arm nehmen oder was soll das jetzt?“

Die großbusige Blondine an DiCarlos Seite überragte „Big Jimmy“ um einen halben Kopf.

Fünf breitschultrige Männer in dunklen Anzügen sicherten Big Jimmy DiCarlo von allen Seiten ab.

Unter den Jacketts der Bodyguards drückten sich ihre Waffen ab.

Hey, was ist, Jim?“, fragte die Blonde jetzt und stemmte die Arme in die provozierend geschwungenen Hüften. „Ich habe das ernst gemeint mit der Geisterbahn!“

Sie streckte den Arm aus und deutete auf eine aufblinkende Neonschrift. „Very Loud Screams From Hell“ stand dort. Aus der Außenwand ragten in unregelmäßigen Abständen Knochenhände, die nach den Passanten zu greifen schienen und gerade eine Gruppe von Teenagern zum Kreischen brachte. Jimmy DiCarlo verzog genervt das Gesicht und verdrehte die Augen.

Francine, das ist doch Kinderkram“, beschwerte er sich.

Ach, Jimmy!“

Ja, stimmt doch!“

Insgeheim wusste DiCarlo bereits, dass er verloren hatte. Er konnte Francine einfach nichts abschlagen - selbst wenn das bedeutete, dass sein Image als knochenharter „Captain“ im Syndikat der Marini-Familie aus Little Italy etwas litt, wenn sich herumsprach, dass er sich in einer Geisterbahn vergnügte.

Francine lachte ihn herausfordernd an. Ihre Stimme klang dunkel und verführerisch. „Hör mal Jimmy, wir sind hier in Brooklyn - da kennt dich keine Sau!“

Jimmy DiCarlos Blick wurde durch ihr tiefes Dekolleté abgelenkt und er dachte unwillkürlich: Sie hat eben andere Vorzüge als eine kultivierte Ausdrucksweise. Damit gehörte sie zwar nicht gerade zu der Art von Frau, mit der er vor seinem Onkel Harry Marini, dem gegenwärtigen Chef der Familiengeschäfte, hätte Eindruck machen können, aber solange sich Jimmy DiCarlo nur mit Francine vergnügte und weder beabsichtigte, sie zu offiziellen Familienfeierlichkeiten mitzubringen, noch sie zu heiraten, war das selbst für den Clan-Patriarchen in Ordnung.

Es ist eine Schande“, fand Jimmy DiCarlo und schüttelte dabei energisch den Kopf, „wusstest du, dass Brooklyn noch in den Fünfzigern fest in italienischer Hand war?“

Jimmy ...“

Ist wahr!“

Du lenkst jetzt nur ab, Big Jimmy.“

Quatsch!“

Tust du doch!“

Heute haben Russen und Ukrainer das Sagen in Brooklyn - abgesehen von den Heights. Aber das kommt auch noch, du wirst sehen!“

In ihren Augen blitzte es.

Wenn du mich allein in die Geisterbahn steigen lässt, erzähle ich allen, dass Big Jimmy DiCarlo Angst vor Gespenstern hat.“

DiCarlo verzog das Gesicht.

Mach mich nicht wütend, Baby!“, knurrte er. Aber schon die Art und Weise, in der er das sagte, verriet, dass er es wohl kaum noch schaffen würde, richtig wütend zu werden. „Du weißt, wie zornig ich werden kann!“, meinte er und gab sich Mühe, die Mundwinkel weit genug unten zu halten.

Du weißt, dass ich es mag, wenn du wütend wirst, Jimmy!“, gab Francine lachend zurück. Ihre makellosen Zähne blitzten dabei auf. Das Haar fiel ihr weit über die Schultern. Mit einer unnachahmliche Geste strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. Schon allein für die Art, wie sie das tat, mochte Jimmy DiCarlo sie.

Du hast das noch nie erlebt, Schätzchen...“

Ach nein?“

Nein!“

Jimmy DiCarlos Gesichtsausdruck veränderte sich in diesem Augenblick schlagartig.

Seine Züge erstarrten.

Die Augen wurde unnatürlich groß und traten aus ihren Höhlen hervor. Eine Maske des gefrorenen Entsetzens entstand innerhalb eines Sekundenbruchteils. Er hob die Hand, wie in einer instinktiven Abwehrbewegung.

Mitten auf seiner Stirn bildete sich ein kleiner roter Punkt, der rasch größer wurde. Francine ließ seinen Arm los und stieß einen Entsetzensschrei aus.

Jimmy DiCarlo schwankte noch einen Moment, eher er der Länge nach wie gefällter Baum zu Boden fiel und regungslos liegen blieb. Mit einem dumpfen Laut prallte sein lebloser Körper auf den Asphalt und blieb in unnatürlich verrenkter Haltung liegen.

Die Leibwächter bemerkten erst mit einer Verzögerung von ein bis zwei Sekunden, was geschehen war.

Sie rissen ihre Waffen heraus, duckten sich und stierten suchend in der Gegend herum. Zwei von ihnen beugten sich schützend über ihren am Boden liegenden Boss.

Scheiße, Mann!“, rief der Größere von ihnen, der in geduckter Haltung neben dem reglos daliegenden Mann kauerte.

Er konnte gerade noch DiCarlos Tod feststellen, bevor es ihn selbst erwischte.

Ein Treffer in den Oberkörper ließ ihn über seinem Boss in sich zusammensacken. Die Kugel ging durch seinen Körper hindurch und riss ein blutiges Loch an der Stelle, an der sie austrat. Der Kleinere der beiden Leibwächter bekam einen Kopftreffer, der ihn augenblicklich tötete.

Ein Angriff aus dem Nichts – ohne auch nur den Hauch einer Abwehrchance.

Francine stand für ein paar Sekunden wie angewurzelt und mit offenem Mund da. Sie wirkte völlig erstarrt und wagte es kaum zu atmen. Der Schock stand ihr überdeutlich ins Gesicht geschrieben.

Innerhalb weniger Augenblicke sanken auch die anderen Leibwächter getroffen nieder. Noch ehe sie so richtig begriffen hatten, aus welcher Richtung eigentlich auf sie gefeuert wurde, ging ein Ruck durch ihre Körper – wie bei Marionetten die an ihren Fäden aus dem Spiel genommen wurden. Ihre Körper klatschten anschließend leblos auf den Boden. Aus keiner ihrer Waffen war auch nur ein einziger Schuss abgegeben worden, um diesen Angriff abzuwehren.

Eine vollkommen lautlose Attacke.

Kein Schussgeräusch war zu hören. Passanten blieben stehen, realisierten erst mit einer Verzögerung von mehreren Augenblicken, was geschehen war und stoben dann in Panik auseinander.

Schreie gellten mit einer Verzögerung von weiteren Sekunden und pflanzten sich in der Menge fort, wie in einem Dominoeffekt.

Nur Augenblicke später schwoll dieses Schreien zu einem so ohrenbetäubenden Lärm an, dass selbst die stampfende Musik aus den Lautsprechern der Fahrgeschäfte darin unterging.

 

 

Da ist es!“, sagte Milo und streckte die Hand aus.

Wir hatten uns sehr beeilt.

Es war später Nachmittag, als Milo und ich den Jamaica Bay Fun Park im Westen Brooklyns erreichten. Er lag auf dem Gelände eines ehemaligen Einkaufzentrums, das sich gegen die harte Konkurrenz nicht hatte durchsetzen können. Ob dies bei den Fahrgeschäften, die jetzt auf dem Gelände am Spencer Drive um Kunden warben, anders sein würde, war höchst zweifelhaft. Als Disneyland für Arme hatten die lokalen Medien den Park schon verspottet, der wahrscheinlich vorwiegend von Familien frequentiert wurde, die im Westen Brooklyns und an den angrenzenden Gemeinden Long Islands wohnten.

Dass sich jemand von außerhalb hier her verirrte, war kaum anzunehmen. Dazu waren die Riesenräder und Achterbahnen, mit denen man sich hier vergnügen konnte, einfach technisch gesehen nicht innovativ genug.

Mein Kollege Milo Tucker und ich mussten den Sportwagen, den uns die Fahrbereitschaft des FBI zur Verfügung stellte, in einer Seitenstraße abstellen und die letzten fünf Minuten zum Tatort zu Fuß gehen. Es herrschte ein unbeschreibliches Chaos. Sämtliche Zuwege des Parkgeländes waren hoffnungslos verstopft.

Die letzten Meter sind mal wieder die Schlimmsten“, meinte ich.

Da heißt es, sich durchkämpfen, Jesse!“, gab mein Kollege Milo Tucker zurück.

Kollegen des New York Police Department versuchten, das Durcheinander aus in Panik geratenen Passanten, die das Gelände so schnell wie möglich verlassen wollten und den Einsatzfahrzeugen der Polizei und des Emergency Service so gut es ging zu koordinieren.

Worum es auf dem Jamaica Fun Park im Groben ging, darüber hatte man uns bereits informiert.

Jimmy DiCarlo, ein Unterboss des Marini-Syndikats, war mit fast einem halben Dutzend Leibwächtern ermordet worden und wir hatten Grund zu der Annahme, dass dies Teil einer größeren Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Gruppen des organisierten Verbrechens war. Geldwäsche, Drogen und Waffen – das waren Gebiete auf denen sich die Marini-Familie unseren Erkenntnissen nach geschäftlich betätigte. Und das mit großem Erfolg, denn Marini hatte sich in der Hierarchie der New Yorker Unterwelt schnell nach oben geboxt.

Aber die Konkurrenz schlief nicht.

Insgesamt drei weitere Unterbosse des Marini-Syndikats waren innerhalb der letzten Monate umgebracht worden. Da konnte wirklich niemand mehr an einen Zufall glauben, zumal in allen drei Fällen dieselbe Waffe benutzt worden war.

Es sah ganz so aus, als wäre Jimmy DiCarlo die Nummer vier auf der Liste dieses unbekannten Killers, der in der New Yorker Unterwelt aufräumte.

Fragte sich nur, für wen er das tat. Das Ganze war vermutlich als Teil einer sehr viel umfassenderen Auseinandersetzung unterschiedlicher Syndikate aufzufassen, die sich kompromisslos und bis aufs Blut bekämpften, um die Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen.

Die Kollegen der City Police hatten den eigentlichen Tatort weiträumig abgesperrt. Milo und ich wurden gestoppt.

Ich zog meine ID-Card und hielt sie dem Kollegen entgegen.

Jesse Trevellian, FBI“, stellte ich mich vor. „Dies ist mein Kollege Milo Tucker. Captain Rick Donovan vom 102. Revier hat uns angefordert.“

Schön, dass Sie da sind. Sie werde schon sehnsüchtig erwartet“, sagte der Officer.

Wir habe es leider nicht früher geschafft!“

Kann ich mir denken. Um diese Zeit ist auf den Straßen der Teufel los, wenn man aus Richtung Manhattan unterwegs ist.“

Das kann man wohl laut sagen!“

Der Officer deutete mit dem Arm und sagte: „Gehen Sie an dem Hot Dog Stand links bis zur Geisterbahn. Da ist es passiert.“

Ich nickte. „Danke.“

Wenig später hatten wir den eigentlichen Tatort erreicht. Außer den uniformierten Kollegen war dort noch etwa ein Dutzend Beamter vom 102. Revier anwesend. Dazu kamen noch die Ermittler der Scientific Research Division, dem zentralen Erkennungsdienst aller New Yorker Polizeieinheiten, dessen Hilfe auch das FBI häufig in Anspruch nahm.

Zwei dunkle Vans des Coroners hatten es irgendwie geschafft, bis hier zu gelangen. Wahrscheinlich würde noch ein dritter Wagen gerufen werden müssen, um alle Leichen abtransportieren zu können.

Uns bot sich ein Bild des Grauens.

Die Toten waren zwar bereits in Leichensäcke eingepackt und zum Transport in die Gerichtsmedizin fertig gemacht worden, aber überall auf dem Asphalt ließen Spuren getrockneten Blutes erkennen, dass hier etwas Furchtbares geschehen war. Kreidemarkierungen zeigten uns, wo sie gelegen hatten.

Captain Donovan war ein rothaariger, etwas korpulenter Mann. Ich kannte ihn flüchtig. Wir waren uns hin und wieder begegnet, als er noch Lieutenant und stellvertretender Leiter der zweiten Homicide Squad des 12. Reviers in Downtown Manhattan gewesen war. Inzwischen war er Captain und hatte die Homicide Squad des 102. Reviers als Chief übernommen, nachdem der vorherige Amtsinhaber Captain Zach Gonella bei einer Schießerei ums Leben gekommen war.

Das war jetzt ungefähr ein Dreivierteljahr her.

Hallo Jesse!“, sagte er und begrüßte auch Milo. „Nachdem wir die Identität eines der Opfers anhand seiner Papiere festgestellt hatten, war uns gleich klar, dass das ein Fall für euch ist.“

So?“

Schließlich gehört DiCarlo doch zum Marini-Syndikat und da liegt ein Zusammenhang dieses Mordfalls mit dem organisierten Verbrechen mehr als nahe.“

Ich nickte. „Jemand scheint systematisch Harry Marinis Unterbosse einen nach dem anderen ausschalten zu wollen“, stellte ich fest.

Er nickte. „Gangsterkrieg. Davon reden alle zurzeit.“

Ja – und wahrscheinlich sogar erst der Anfang“, mischte sich Milo ein.

Die Umstände der Tat sprechen für einen Profi-Killer“, meinte Donovan. „Er muss von irgendeinem erhöhten Ort aus in rascher Schussfolge punktgenau getroffen haben. Keiner der Leibwächter konnte sich noch in Sicherheit bringen. Bis wir das Kaliber herausgefunden haben, müsst ihr euch noch ein bisschen gedulden.“

Ich wette, das Ergebnis deckt sich mit den Fakten, die wir aus den anderen Fällen dieser Serie kennen“, glaubte Milo.

Donovan kratzte sich an den kurz geschorenen roten Haaren seines Hinterkopfs. „Ich nehme an, ihr habt da so etwas wie die Ouvertüre zu einem ausgewachsenen Blutbad am laufen.“

Das einzige was mich dabei wundert, ist, dass Marinis Reaktion bislang sehr ruhig ausgefallen ist“, gab mein Freund und Kollege Milo Tucker zurück. „Jedenfalls ist uns von einer vergleichbaren Todesrate unter den Mitgliedern der Konkurrenz-Syndikate nichts bekannt.“

Donovan grinste schief.

Marini mag darauf aus sein, sein Image als sauberer Geschäftsmann zu pflegen und nicht mit diesem blutigen Sumpf in Verbindung gebracht zu werden – aber irgendwann kommt der Punkt, an dem er zurückschlagen muss, wenn er die Autorität in den eigenen Reihen behalten will.“

Von wo aus wurde geschossen?“, fragte ich. Einen Moment lang wunderte ich mich darüber, wie gut Donovan über Marini Bescheid wusste. Das meiste von dem, was bisher über Marinis Organisation bekannt war, konnte über das Datenverbundsystem NYSIS von alle Polizeieinheiten abgerufen werden – also auch vom Chief einer Homicide Squad in Brooklyn. Schließlich nützte eine noch so gute Bekämpfung des organisierten Verbrechens nichts, wenn diejenigen, die als erste am Tatort waren, den Zusammenhang nicht erkannten, den ein Tötungsdelikt zu bestimmten Bereichen der organisierten Kriminalität hatte. Wiederholt hatten wir vom FBI wertvolle Zeit verloren, weil die Brisanz einer Tat vor Ort nicht schnell genug erkannt worden war.

Donovan konnte man in dieser Hinsicht nun wirklich nicht das Geringste vorwerfen.

Er war mehr als wachsam gewesen und hatte sich erstaunlich gut über die Hintergründe informiert.

Donovan streckte den Arm aus und deutete zu einem zwanzigstöckigen Gebäude hinüber, von dem der Rohbau fertig gestellt war und unmittelbar an das Gelände des Jamaica Bay Fun Parks angrenzte. „Wir nehmen an, dass aus diesem Gebäude da vorne geschossen wurde. Jedenfalls muss es diese Richtung sein.“

Ich warf einen Blick hinüber und kniff die Augen zusammen.

Muss aber ein guter Schütze gewesen sein – aus der Entfernung!“, stellte ich fest.

Das sind schätzungsweise vierhundert Meter – falls von einem der höheren Etagen aus gefeuert worden ist - sogar noch mehr“, gab Milo zu bedenken.

Falls der Kerl ein Scharfschützengewehr verwendet hat, ist das eine ganz normale Distanz“, meinte Donovan. „Und der Killer muss ein Scharfschütze gewesen sein. Die Schüsse folgten sehr schnell aufeinander, das er nur sehr wenig Zeit hatte, um zu zielen. Der Täter brauchte jeweils nur einen Schuss, um DiCarlo und seine Männer zu töten.“

Das passt ins Muster“, stellte ich fest und wechselte dabei einen Blick mit Milo.

Bei den vorangegangenen Morden an Mitgliedern des Marini-Syndikats war immer dieselbe Waffe verwendet worden. Ein Spezialgewehr vom Typ MK 32, das nur in relativ kleiner Stückzahl hergestellt worden war. Die SWAT-Kommandos einiger Großstädte setzten diese Waffe ein. Außerdem hatte man kurzzeitig erwogen, die MK-23 für Scharfschützen in Spezialeinheiten von Army und Navy anzuschaffen. Böse Zungen behaupteten, dass dies an den besseren Beziehungen der Konkurrenz zum Pentagon gescheitert war.

Jedenfalls ging ich jede Wette ein, dass auch dieser Mord mit derselben MK-23 verübt wurde, mit der auch die vorherigen Morde an Unterführern des Marini-Syndikats begangen worden war.

Eine Bestätigung konnten wir dafür natürlich erst nach Abschluss der ballistischen Untersuchungen erwarten.

Jimmy DiCarlo befand sich übrigens in Begleitung einer jungen Frau, wie mehrere Zeugen übereinstimmend ausgesagt haben“, berichtete Donovan. „Blond und großbusig. Eine Art fleischgewordener Männertraum. Wir haben ein Phantombild angefertigt“, Donovan seufzte hörbar, bevor er fort fuhr. „Sie ist verschwunden.“

Mal sehen, wie schnell wir sie finden, wenn wir sie in die Fahndung geben“, meinte ich.

Donovans Handy klingelte in diesem Augenblick. Er sagte mehrfach „ja“ und beendete das Gespräch schließlich wieder. Anschließend wandte er sich Milo und mir zu.

Das war Lieutenant Grosvenor. Er glaubt, den Standort des Schützen gefunden zu haben.“

Dann sehen wir uns das doch mal an“, schlug ich vor.

Donovan wies einen seiner Detectives an, ihn kurzzeitig zu vertreten. Dann folgten wir ihm quer durch den Jamaica Bay Fun Park und erreichten schließlich das angrenzende Gelände, auf den der Rohbau des zwanzigstöckigen Gebäudes. Das Gelände war mit einem mannshohen Bretterverschlag abgegrenzt, der mit Plakaten überklebt war. Darunter auch ein Hinweis, dass hier ein Bürohaus errichtet wurde, dessen Mieten im Vergleich zu den Preisen in Manhattan geradezu lächerlich waren.

Die Kollegen der City Police hatten den vernagelten Zugang zum Gelände aufgebrochen. Offenbar wurde hier schon seit einiger Zeit nicht mehr gearbeitet.

Wusstet ihr, dass Jimmy DiCarlo sowohl am Jamaica Bay Fun Park als auch an diesem Büroturm finanziell beteiligt war?“, fragte Donovan fast beiläufig.

Rick, man könnte meinen, du wärst diesem DiCarlo seit Jahren auf der Spur“, meinte ich mit einer Mischung aus Anerkennung und Verwunderung. „Du fährst nicht zufälligerweise Doppelschichten und arbeitest nebenbei noch für die DEA oder das FBI?“

Donovan grinste schief. „Dies ist mein Bezirk, Jesse, vergiss das nicht.“

Verstehe.“

Und in meinem Revier weiß ich einfach gerne Bescheid. Das ist nun mal so!“

Ich wusste nicht, dass DiCarlo so viel Kleingeld übrig hatte, um sich Projekte dieser Größenordnung leisten zu können“, gestand ich zu.

Er wird als Strohmann für Marini tätig gewesen sein“, glaubte Donovan. „Zumindest dieser Fun Park kann unmöglich Gewinne abwerfen, das sieht doch ein Blinder, Jesse. Die Riesenräder und Autoscooter, die man hier sehen kann, gehören doch ins Museum.“

Etwas in der Art hatte ich mir schon gedacht.

Also ein Geldwäsche-Projekt!“, schloss ich.

Worauf du Gift nehmen kannst!“ Er seufzte hörbar und fuhr dann fort: „Ich habe es nicht gern gesehen, dass dieser DiCarlo sich hier breit gemacht hat und ich hatte gleich das Gefühl, dass es Ärger geben würde…“

Na, zumindest DiCarlo selbst ist dazu jetzt nicht mehr in der Lage“, warf Milo ein.

Warten wir es ab“, knurrte Donovan. „Vielleicht ist ein toter DiCarlo sogar noch schlimmer als ein lebender.“

Mal den Teufel nicht an die Wand!“, meinte Milo.

Ich konnte mir denken, worauf Donovan hinaus wollte.

Schließlich war anzunehmen, dass DiCarlos Ermordung nur Teil einer viel größeren Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Gangstergruppen war, die wohl ihre jeweiligen Einflusssphären und Märkte neu unter sich aufteilten und dabei offenbar ihre Meinungsverschiedenheiten hatten.

Donovan führte uns in den siebten Stock des Rohbaus. Ein paar in weiße Schutzoveralls gekleidete Kollegen der Scientific Research Division begegneten uns. Zementgeruch hing in der Luft. Frischer Staub bedeckte den Boden.

Einer der SRD-Kollegen kam auf uns zu.

Er hatte lockiges, dunkles Haar. Donovan schien ihn zu kennen und redete ihn mit „Reilly“ an.

Wir haben einen sehr deutlichen Fußabdruck der Größe 43“, berichtete Reilly. „Das Profil der sehr auffälligen Sohle war sehr gut im Zementstaub erhalten. Allerdings können wir nicht ganz ausschließen, dass es sich nicht um Spuren des Killers sondern eines Bauarbeiters handelt.“

Tragen die nicht eigentlich Sicherheitsschuhe?“, wandte ich ein.

Reilly nickte. „Die Betonung liegt auf dem Wort eigentlich. Aber viel zu viele halten sich nicht daran – vor allem Aushilfskräfte.“

Hier wird seit Wochen nicht mehr gearbeitet“, wandte Donovan ein.

Je nachdem, ob vielleicht gerader ein heftiger Wind durch den Rohbau pfeift, können sich solche Staubspuren durchaus über mehrere Wochen hinweg erhalten“, erwiderte Reilly. „Aber es gibt noch eine wichtigere Spur, die sie sich am besten selbst ansehen.“

Reilly führte uns über einen Korridor in einen großen, kahlen Raum.

Eine etwa einen Meter breite Bahn aus Folie führte zur Fensterfront, von der aus man den Jamaica Bay Fun Park überblicken konnte.

Bleiben Sie bitte auf der Folie“, wies uns Reilly an. „Wir haben zwar den gesamten Boden fotografiert und gründlich abgesucht, aber es ist ja nicht ausgeschlossen, dass wir im nach hinein doch noch etwas finden, was von Interesse ist.“

Ich war der Erste, der den Folienpfad beschritt. Etwa einen halben Meter von der Fensterfront entfernt war ein Kreuz auf dem Boden zu sehen.

Es bestand aus sieben Patronenhülsen.

Ich glaube, da will uns jemand etwas klar machen, Jesse“, raunte mir Milo von der Seite her zu.

Es fragte sich nur, ob wir schon in der Lage waren, diese Botschaft richtig zu deuten.

Entweder der Kerl ist gläubig oder sehr zynisch“, murmelte Rick Donovan.

 

 

Zwei Stunden später waren wir zu Jimmy DiCarlos letzter Adresse unterwegs. Ich steuerte den Sportwagen gerade über die Manhattan Bridge, die neben der Brooklyn Bridge und dem Brooklyn-Battery-Tunnel eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Manhattan und Brooklyn ist. Unter uns glitzerte der East River im milchigen Licht des Spätnachmittags.

Am Manhattan-Ufer führte die gigantische Brückenkonstruktion über den Elevated Highway. An einem Punkt, an dem sich Bowery, St. James Place und Canal Street treffen, senkte sich die Manhattan-Bridge nieder, nachdem wir mit ihrer Hilfe die südwestliche Hälfte der Lower East Side überquert hatten.

Ich bog mit dem Sportwagen in die Canal Street ein. Little Italy und Chinatown trafen hier aufeinander, wobei Little Italy schon seit Jahren einem Schrumpfungsprozess durchmachte, während sich Chinatown immer weiter Richtung Norden ausbreitete.

Jimmy DiCarlo hatte ein Penthouse Ecke Mulbury/Hester Street bewohnt.

Das Haus, in dem die Wohnung lag, verfügte über eine eigene Tiefgarage, sodass uns die in Manhattan ansonsten meistens ziemlich aufreibende Parkplatzsuche erspart blieb.

Mit dem Aufzug fuhren wir hinauf, nachdem wir uns zunächst mit dem privaten Security Service in Verbindung gesetzt hatten, der im Haus für Sicherheit zu sorgen hatte.

In dem Korridor, der zu DiCarlos Wohnung führte, erwarteten uns zwei schwarz gekleidete Security Guards.

Wir zeigten unsere Ausweise.

Die beiden Guards trugen Namensschilder, wonach sie Gonzalez und Dexter hießen. An der Seite trugen sie Revolver vom Typ Smith & Wesson Kaliber .38 Special, die auch uns vom FBI lange Zeit als Standardwaffe gedient hatte, ehe sie durch die feuerstärkere automatische Pistole P226 der Firma SIG Sauer ersetzt worden war.

Wir haben leider keine Möglichkeit, das elektronische Schloss zu decodieren“, erklärte Dexter, der größere der beiden Security Guards.

Ich dachte, das ist aus Feuerschutzgründen Vorschrift!“, meinte Milo.

Dexter zuckte die Schultern.

Dies ist eine ziemlich exquisite Adresse und da rangieren Mieterwünsche vor irgendwelchen Vorschriften. Tut mir leid, wir werden die Tür aufbrechen müssen, was angesichts der ziemlich aufwendigen Sicherheitstechnik, die hier installiert wurde, nicht so ganz einfach werden dürfte.“

Immerhin wissen wir, was installiert wurde!“, ergänzte sein Partner Gonzales.

Glücklicherweise hatten wir die Magnetkarte des Opfers bei uns. Die Kollegen der SRD hatten sie aus Jimmy DiCarlos Jackettinnentasche geborgen und gründlich nach Fingerabdrücken untersucht.

Ich nahm die Karte hervor und steckte sie in den dafür vorgesehenen Schlitz.

Die Tür öffnete sich.

Wir traten ein.

Schritten durch einen Korridor in das weiträumige Wohnzimmer, dessen Fensterfronten einem einen phantastischen Panoramablick über Little Italy lieferten.

Ein Geräusch ließ uns zusammenzucken und zur Waffe greifen. Innerhalb eines Augenaufschlags hatte ich die SIG in der Faust.

Die Tür zum Nebenraum – wahrscheinlich dem Schlafzimmer – stand halb offen.

Kein Laut war jetzt zu hören.

Ich bedeutete den Security Guards, die ebenso wie wir ihre Waffe gezogen hatten, ein Stück zurück zu bleiben.

Milo und ich pirschten uns an die halboffene Tür heran.

Wir wechselten einen kurzen Blick. In solchen Situationen verstehen wir uns ohne Worte. Dann weiß jeder, was der andere denkt. Eine besondere Art von Telepathie, wie sie wohl nur bei langjährigen Partnern im Dienst vorkommt.

Milo nickte mir zu.

Ich trat die Tür zur Seite und stürmte mit der Pistole in der Hand in Raum. Innerhalb von Sekundenbruchteilen sondierte ich die Lage. Ein großes Wasserbett, ein ultramoderner Kleiderschrank in Metalloptik, ein Airbrush-Gemälde, das eine nackte Frau zeigte, die auf einem Drachen ritt und das in leicht abgewandelter Form auf den Tanks von ungezählten Harley-Bikern zu finden war.

Auf dem Wasserbett befand sich eine Reisetasche.

Eine weitere Tür führte zum Bad.

Ich schnellte vor, hatte die Badezimmertür im nächsten Moment erreicht und traf dort eine junge Frau mit langen blonden Haaren an.

Ich senkte die Waffe und zog stattdessen meine ID-Card.

Jesse Trevellian, FBI!“, stellte ich mich vor. „Wer sind Sie?“

Sie schluckte und brauchte wohl erst ein paar Sekunden, um sich vor dem Schrecken zu erholen. Der Beschreibung nach war sie jene Frau, die sich in DiCarlos Begleitung befunden hatte, als auf den Captain in der Organisation von Harry Marini geschossen worden war. Sie trug Jeans, T-Shirt und darüber einen Blouson, der eindeutig für den Outdoor-Bereich gedacht war. Zusammen mit der Reisetasche auf dem Bett legte das den Schluss nahe, dass sie ihre Sachen gepackt hatte und nun gehen wollte. Latexhandschuhe, wie sie in Erste-Hilfe-Sets üblich waren, bedeckten ihre feingliedrigen Hände.

Ich bemerkte einen Eimer mit schaumigem Wasser, auf dessen Oberkante hing ein Lappen.

Offenbar hatte die junge Frau noch einmal alles gründlich saubermachen wollen, bevor sie dieses Penthouse auf Nimmerwiedersehen verließ.

Mein Name ist Francine Benson“, sagte sie. „Und was tun Sie hier?“, fragte sie. Ihre Haltung entspannte sich etwas. Sie stemmte eine ihrer Hände in die Hüften.

Jimmy DiCarlo, der Eigentümer dieser Wohnung ist vor wenigen Stunden erschossen worden“ erklärte ich. „Aber ich glaube, das wissen Sie schon.“

Jimmy?“, fragte sie. „Er ist tot?“ Ihre Stimme klang belegt. Sie schluckte. Aber ich hatte allenfalls das Gefühl, es mit einer drittklassigen Schauspielerin zu tun zu haben. Gesamturteil: Nicht gefühlsecht. Sie machte denselben Fehler wie viele Anfänger. Sie trug einfach viel zu dick auf, als das man ihr hätte glauben können.

Ich sah ihr ins Gesicht.

Sie wich meinem Blick aus.

Sie waren am Tatort, als es geschah, dafür gibt es mehrere Zeugen“, erklärte ich sachlich und kühl. „Also können Sie mir vermutlich mehr über den Tatverlauf sagen als ich Ihnen.“

Sie erwiderte jetzt meine Blick für einen kurzen Moment und schluckte.

Tränen glitzerten in ihren Augen. Sie begann zu schluchzen. Ich forderte sie auf, das Bad zu verlassen, was sie auch tat. Dann sank sie auf das Bett und saß dort wie zur Salzsäule erstarrt. Ihr Blick schien ins Leere zu gehen. Sie wirkte apathisch. Ein leichtes Zittern durchlief ihren Körper.

Milo bedachte mich mit einem tadelnden Blick. „Fass sie nicht so hart an“, schien dieser Blick zu sagen.

Für mich war die Situation im ersten Moment ziemlich eindeutig gewesen. Die junge Frau hatte das Chaos nach Jimmy DiCarlos Ermordung genutzt, um sich möglichst schnell davon zu machen und sämtliche Spuren zu tilgen, die hätten beweisen können, dass sie jemals mit DiCarlo in Beziehung gestanden, geschweige denn, seine Wohnung betreten hatte.

Sie hatte etwas zu verbergen.

Etwas, das sie davon abhielt, sich bei der Polizei oder dem FBI zu melden und von sich aus auszusagen, was sie gesehen hatte.

Möglicherweise war sie eine Prostituierte und da ihr Gewerbe zwar als das Älteste der Welt bezeichnet wurde, im Staat New York aber nach wie vor illegal war, fürchtete sie vielleicht eine rechtliche Verfolgung.

Ich holte tief Luft. Milo bedeutete mir mit einem Handzeichen zu schweigen. Er wollte diese Vernehmung ganz offensichtlich in die Hand nehmen.

Ich zuckte mit den Schultern.

Vielleicht erwies sich mein Kollege ja als sensiblerer Vernehmungsspezialist.

Hören Sie, wir sind vom FBI und nicht vom Vice Department - wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Ein Ruck ging durch ihren sehr weiblichen und nahezu formvollendeten Körper.

Sie hob trotzig den Kopf.

Natürlich weiß ich, was sie damit sagen wollen“, gab sie spitz zurück. „Gnädigerweise würden Sie von einer Anzeige wegen Prostitution absehen, wenn ich zu ihrer Zufriedenheit mit Ihnen kooperiere. Das ist es doch, worauf dieses miese Spiel hinausläuft, oder?“

Nein, ich wollte Ihnen damit eigentlich nur deutlich machen, dass wir an Informationen über Jimmy DiCarlo interessiert sind – und an sonst gar nichts“, erklärte Milo leicht gereizt.

Ich bin – ich war – Jimmys Lebensgefährtin“, erklärte Francine. „Keine Bordsteinschwalbe von der Bowery. Und wenn Sie mir das nicht glauben, dann sehen Sie sich das hier an!“ Sie griff in ihre Jackentasche und holte eine Magnetkarte für das Türschloss hervor. Ich nahm sie an mich. „Jimmy hätte mir wohl kaum eine Karte für sein Penthouse gegeben, wenn er mich nur für ein paar Dollar von der Straße aufgelesen hätte!“

Sie waren dabei, als DiCarlo starb“, sagte ich, diesmal etwas ruhiger. Es war eine Feststellung – keine Frage. „Oder müssen wir Sie erst mitnehmen und eine Gegenüberstellung mit dem Betreiber einer Geisterbahn organisieren?“

Sie atmete tief durch. Ihre vollen Brüste hoben und senkten sich dabei.

Sie haben Recht, Agent…“, flüsterte sie schließlich.

„…Trevellian.“

Ich bin mit Jimmy durch die Gegend gekreuzt und dann kam er irgendwie auf die Idee, zum Jamaica Bay Fun Park zu fahren.“

Sie fuhren einfach nur durch die Gegend?“, fragte ich verwundert.

Ja.“

Ohne Ziel?“

Mit Jimmys gelben Ferrari macht das einfach Spaß.“

Dieser Ferrari wurde am Tatort nicht gefunden.“

Ich bin damit zurück nach Manhattan gefahren, nachdem…“ Sie zögerte, ehe sie weiter sprach. „…es passiert ist. Ich war völlig fertig und stand unter Schock. In gewisser Weise trifft das immer noch zu. Ich kann das einfach noch nicht wirklich glauben. Plötzlich gehen Jimmy und seine Leibwächter einer nach dem anderen zu Boden. Es ging so verdammt schnell! Selbst seine Männer konnten überhaupt nichts tun, obwohl er immer nur Spitzen-Bodyguards engagiert hat.“ Sie atmete schwer und musste ein erneutes Aufschluchzen unterdrücken. Ihre Lippen zitterten dabei. Sie presste sie aufeinander und fasste sich nach einigen Augenblicken wieder.

Entweder sie hatte das Zeug zum Hollywood-Star, oder ich tat ihr mit meiner Einschätzung ein ziemlich großes Unrecht an und sie war von Jimmy DiCarlos Tod tatsächlich so mitgenommen, wie es den Anschein hatte.

Inzwischen war ich mir da nicht mehr sicher.

Sie hatten keine Angst, selbst getroffen zu werden?“, hakte ich nach.

Natürlich hatte ich das! Ich war einen Moment wie erstarrt. Dann ging ich hinter der Geisterbahn in Deckung.“

Warum sind Sie nicht dort geblieben, bis die Polizei eintraf?“

Weil…“ Sie brach ab, biss sich auf Lippe.

Weil Sie schnell genug hier her kommen wollten, um in Jimmy DiCarlos Appartement jegliche Spuren Ihrer Existenz zu vernichten“, vermutete ich. „Darum tragen Sie die Latexhandschuhe. Oder können Sie mir einen anderen, halbwegs plausiblen Grund dafür nennen, dass Sie – kurz nachdem Ihr Lebensgefährte ermordet worden ist! – Ihre Sachen packen und anfingen, das Bad zu reinigen!“

Ich weiß nicht, wann Sie das letzte Mal so unter Schock standen, dass Sie glaubten, Ihr Kopf explodiert. Wahrscheinlich sind Sie durch Ihren Job so abgebrüht, dass es Ihnen nichts mehr ausmacht, wenn sieben Menschen vor Ihren Augen sterben.“

Ich kann Ihnen versichern, dass ich mich in all meinen Dienstjahren nie an derartige Dinge gewöhnen konnte“, erklärte ich ihr mit großem Ernst. „Ganz gleichgültig, wer auch das Opfer sein mag, ob Männer, Frauen, Kinder, ob Unschuldige oder Schuldige, ob Gangster oder Cops – ein Mord bleibt immer ein Mord und der jeweilige Täter muss dafür zur Rechenschaft gezogen werden.“

Sie lachte heiser.

Es hört sich eigenartig an, wenn Sie das sagen, Agent Trevellian, dann klingt das fast schon überzeugend. Aber die Wirklichkeit sieht doch ganz anders aus. Ich glaube nicht, dass das FBI wirklich betrübt über den Tod von Jimmy ist! Sie haben ihn mit allen möglichen Verdächtigungen überzogen, ihm aber bis heute nichts nachweisen können, was vor Gericht Bestand gehabt hätte! Wer weiß, es würde mich nicht einmal wundern, wenn es einer Ihrer Leute gewesen wäre, der ihn auf dem Gewissen hat.“

Das ist doch Unsinn.“

Sie müssen so reden, Agent Trevellian. Aber noch kann ich sagen, was ich denke.“

Wir können uns gerne noch einmal darüber unterhalten, wenn wir den Mörder von Jimmy DiCarlo hinter Schloss und Riegel gebracht haben.“

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.

Milo wandte sich inzwischen an Dexter und Gonzales und sagte ihnen, dass sie gehen und uns sämtliche noch vorhandene Aufzeichnungen der Videoüberwachung heraussuchen sollten, die in diesem Haus auf sämtlichen Korridoren sowie in den Aufzügen und im Eingangsbereich angebracht waren.

Wir werden sehen, was wir für Sie tun können, Sir“, versprach Dexter. „Allerdings werden die Aufnahmen in regelmäßigen Abständen gelöscht.“

Das macht nichts“, erwiderte Milo. „Wenn wir erfahren würden, wer Jimmy DiCarlo in den letzten Tagen besucht hat, wäre das auch schon eine große Hilfe.“

Wie Sie meinen, Sir.“

Die beiden Wachmänner verließen den Raum.

Ich nahm mir inzwischen die Sporttasche vor, die Francine gepackt hatte. „Haben Sie was dagegen, wenn ich mir die mal ansehe?“

Ich wette, es hätte ohnehin keinen Sinn, wenn ich mich dagegen sträuben würde, Agent Trevellian.“

Da haben Sie Recht.“

Warum fragen Sie dann?“

Ich durchsuchte den Inhalt der Tasche schnell. Es waren ausschließlich persönliche Sachen. Kleidung vor allem. Ein paar Zeitschriften, Socken, Wäsche, ein paar T-Shirts und ein zusammengepferchtes Kleid aus einem Stoff, der das nicht ertrug. Sie hatte zweifellos in sehr großer Eile gepackt. Das war mehr als offenkundig.

Und für diese Eile musste es Gründe geben.

Die junge Frau hob jetzt das Kinn und sah mir geradewegs in die Augen. „Sie wollen also wissen, warum ich mich aus dem Staub machen wollte!“, sagte sie.

Wenigstens versuchen Sie mir jetzt nicht mehr etwas anderes einzureden.“

Hören Sie, Agent Trevellian. Ich habe Jimmy geliebt – aber er hatte Geschäftspartner, die ein äußerst unangenehme Auftreten hatten, wenn Sie verstehen was ich meine. Ich wollte keinem von denen begegnen.“

Ich hob die Augenbrauen. „Wollten Sie nicht vielmehr uns aus dem Weg gehen?“

Diesmal begegnete sie meinem Blick.

Und wenn schon! Bringt es mir Jimmy zurück, wenn ich Ihre Fragen beantworte?“ Ihr Tonfall bekam jetzt eine ungewohnte Schärfe. „Aber wenn irgendjemand von Jimmys Partnern herausbekommt, dass ich mit dem FBI geredet habe, dann fragen die sich gleich, ob ich Ihnen nicht irgendetwas verraten habe, was…“ Sie verschluckte den Rest.

Was wissen Sie über DiCarlos Geschäfte?“, fragte jetzt Milo.

Francine wandte den Kopf in seine Richtung.

Das ist es ja. Ich könnte Ihnen noch nicht einmal etwas darüber sagen, weil ich nie etwas davon mitbekommen habe“, behauptete sie. „Das bedeutet allerdings nicht, dass ein paar andere Leute davon überzeugt sein könnten, dass ich sehr wohl etwas darüber weiß und an die Cops verraten könnte.“

Milo hob die Augenbrauen. Er gab sich keine Mühe, seine Zweifel zu verbergen. „Und das sollen wir Ihnen wirklich glauben?“, fragte mein Kollege.

Warum denn nicht? Jimmy hat mir nichts gesagt und ich habe auch nicht gefragt. Es reichte mir völlig, zu wissen, dass Jimmy jemand war, der die Taschen immer voller Geld hatte.“ Tränen rannen ihr über das Gesicht und ließen ihr Make-up schon wenig später wie ein Aquarell aussehen.

Haben Sie eine Ahnung, wer ein Motiv gehabt haben könnte, Mister DiCarlo umzubringen?“, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf.

Da kann ich Ihnen wirklich nicht weiterhelfen“, behauptete sie.

Wahrscheinlich wollte sie uns auch gar nicht weiter helfen. Es fragte sich nur, ob das daran lag, dass sie selbst etwas mit dem Mord zu tun hatte oder ob sie wirklich Angst vor DiCarlos Familie hatte.

Ich schloss ihre Tasche und gab sie ihr. „Sie können gehen, aber wir brauchen Ihre Aussage noch schriftlich. Melden Sie sich in den nächsten Tagen im FBI Field Office New York. Kennen Sie das Bundesgebäude an der Federal Plaza?'

Um ehrlich zu sein, war ich noch nie dort, aber ich werde es schon finden.“

Wo können wir Sie erreichen?“

Bei meiner Schwester. Ich gebe Ihnen die Adresse!“

In Ordnung.“

Milo holte einen Notizblock hervor und reichte ihn ihr.

Sie war zunächst etwas unschlüssig und streifte dann die Latexhandschuhe ab und warf sie in einen Papierkorb. „Ich bin gegen die Putzmittel allergisch“, meinte sie, so als glaubte sie, unbedingt noch erklären zu müssen, weshalb sie diese Handschuhe benutzt hatte.

Anschließend nahm sie den Block und schrieb darauf mit zierlicher Handschrift die Adresse und Telefonnummer ihrer Schwester auf.

Ich überprüfte die Telefonnummer.

Eine gewisse Tyra Benson bestätigte mir, eine Schwester namens Francine zu haben. Ich gab das Handy an Francine weiter.

Diese kündigte an, gleich bei ihr einzutreffen und für ein paar Tage zu bleiben. Was ihre Schwester sagte, konnte ich natürlich nicht verstehen. Aber Francine sagte zweimal: „Später... Nein, später...“ Ich konnte mir schon denken, was da los war. Solange ich zuhörte, wollte sie auf die bohrenden Fragen ihrer Schwester offenbar nicht antworten und ich hatte mehr als nur ein unbestimmtes Gefühl, dass es sich mit Jimmy DiCarlos schöner Freundin so verhielt wie mit der berühmten Spitze eines Eisberges, von dem neun Zehntel unter der Wasseroberfläche verborgen blieben.

Tja, das wär's dann“, meinte Francine anschließend.

Wir werden uns sicher noch wiedersehen.“

Soll das ein Versprechen oder eine Drohung sein?“

Das hängt wohl ausschließlich von Ihnen ab.“

Wie auch immer...“

Anschließend hatte es Francine ziemlich eilig, zu verschwinden.

Milo machte keine Hehl daraus, dass er unzufrieden mit mir war. „Warum hast du sie so hart angefasst, Jesse?“, fragte mein Kollege, nachdem Francine Benson das Penthouse verlassen hatte.

Das fragst du im Ernst?“

Ja!“

Weil sie uns von vorne bis hinten angelogen hat, Milo. Das sieht doch ein Blinder! Leider haben wir nichts in der Hand, um sie festzuhalten. Einen Putztick zu bekommen, nachdem der Lebensgefährte erschossen wurde, ist leider kein Straftatbestand!“

Milo atmete tief durch. „Jesse, vielleicht stand sie nicht ganz so sehr unter Schock, wie sie versuchte uns vorzumachen...“

Sie sollte es als Nebendarstellerin bei einer Soap versuchen!“, unterbrach ich meinen Kollegen.

...und sehr wahrscheinlich hat sie alles so schön geputzt, um unseren Befragungen zu entgehen. Aber wenn sie tatsächlich ein Edel-Callgirl ist, so wie ich vermute, dann hat sie auch allen Grund dazu.“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, da muss mehr dahinter stecken.“

Und was schwebt dir da bitte schön so vor?“, fragte Milo.

Überleg doch mal! Jemand muss gewusst haben, dass Jimmy DiCarlo im Jamaica Fun Park auftauchen würde. Schließlich hat der Killer im siebten Stock des Büroturms nur darauf gewartet, dass DiCarlo auftauchte.“

Du denkst, dass diese Francine ihn dort hingelockt hat.“

Natürlich, Milo!“

Sie selbst hat es genau umgekehrt dargestellt!“, gab Milo zu bedenken.

Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das würde ich an ihrer Stelle auch so machen“, erwiderte ich. „Tatsache ist jedenfalls, dass der Besuch des Jamaica Fun Parks kein spontaner Plan gewesen sein kann. Zumindest der Killer hat jedenfalls vorher davon gewusst, dass sich für ihn eine Gelegenheit ergeben würde, Jimmy DiCarlo umzubringen. Das dürfte anhand des Tatablaufs wohl feststehen.“

Angesichts der Größe des Geländes kann man sich sogar fragen, ob der Killer nicht sogar genau wusste, dass Big Jimmy eine ganz gestimmte Geisterbahn aufsuchen würde“, ergänzte Milo. „Aber wir können Francine Benson bis auf weiteres einfach nicht beweisen, dass sie es war, die DiCarlo dorthin gelockt hat, damit irgendein Profikiller ihn und seine Leute über den Haufen schießen kann. Zumal es auch noch andere Gründe für ihn gegeben haben könnte, im Jamaica Bay Fun Park vorbeizuschauen.“

Du meinst, er wollte sehen, was seine Geldwaschanlage so macht?“

Wäre doch auch möglich, oder?“

Ich weiß nicht.“

Alte Ermittlerweisheit: Keine Ermittlungsrichtung vorschnell ausschließen.“

Ich kenne da eine noch Ältere!“

Ach, ja?“

Alles ausschließen, was unwahrscheinlich ist, und das was übrig ist muss die Wahrheit sein. Und ich glaube, die Möglichkeit, die du gerade genannt hast, klingt einfach nicht besonders einleuchtend.“

 

 

Wir durchsuchten die Wohnung und forderten außerdem noch Unterstützung der Spurensicherung an.

Da die Kollegen der Scientific Research Division im Moment mehr als überlastet waren und sich die Untersuchungen rund um den Jamaica Bay Fun Park mit Sicherheit noch den Rest des Tages hinziehen würden, kamen in diesem Fall unsere eigenen Erkennungsdienstler zum Einsatz. Es handelte sich zum einen um Special Agent Sam Folder.

Er wurde begleitet von Agent Mike Roth, einem Computerspezialisten, dessen Aufgabe es war, den Rechner genauer unter die Lupe zu nehmen, den wir in DiCarlos Penthouse gefunden hatten.

Insgesamt fand sich so gut wie nichts in der Wohnung, was uns irgendwie weitergebracht hätte. Die Wohnung wirkte so steril, als wäre sie in letzter Zeit unbewohnt gewesen. Francine hatte offenbar ganze Arbeit geleistet.

Agent Roth fand heraus, dass Jimmy DiCarlo offenbar seinen Rechner hauptsächlich zur Teilnahme an Online-Rollenspielen benutzt hatte.

Auffällig war, dass offenbar eine Email gelöscht worden war, wie Roth herausfand.

Und zwar zu einer Zeit, als Jimmy DiCarlo schon tot und Francine Benson höchstwahrscheinlich allein in dieser Wohnung war!“, berichtete unser Computerspezialist. „Festplatten sind wie Elefanten, sie vergessen so gut wie nichts.“

Einen Grund, um sie noch mal zu befragen, hätten wir also schon“, meinte Milo.

Eine halbe Stunde später stießen wir auf einen Safe, der in die Wand eingelassen war und die Geschäftsbücher einer Im- und Exportfirma in der Nähe des alten Navy Yards enthielt, an der DiCarlo beteiligt war. Ich blätterte die Abrechnungen kurz durch. Darum würde sich Agent Nat Norton, unser Fachmann für Betriebswirtschaft kümmern müssen. Aber schon bei der oberflächlichen Durchsicht fielen mir die Abrechnungen über eine ganze Schiffsladung von Kinderkarussells, Achterbahnen und anderen Fahrgeschäften aus. Es musste sich um eine gewaltige Ladung handeln, von der jetzt der größte Teil wohl auf dem Jamaica Bay Fun Park in Aktion zu bewundern war.

Zwei Dinge waren merkwürdig.

Einerseits erschien mir der Preis sehr gering - aber da ich von diesem Markt nicht den Hauch einer Ahnung hatte, musste ich da erst einmal selbst schlau machen.

Die zweite Merkwürdigkeit war die Herkunft der Ware.

Milo, hast du schon mal gehört, dass Spielgeräte für einen Vergnügungspark aus Usbekistan importiert werden?“

Ich wusste gar nicht, dass man da so etwas überhaupt herstellt“, gab Milo zurück.

Genau das meine ich. Und ausrangierte Geräte, die man nochmal flott machen kann, gibt es doch auch bei uns in den Staaten viel leichter zu besorgen, als ausgerechnet in der Steppe Zentralasiens!“

Nur keine Vorurteile“, erwiderte Milo. „Kasachstan zum Beispiel soll sich erst vor ein paar Jahren eine ultramoderne neue Glitzer-Hauptstadt mitten in der Wildnis geleistet haben, wie ich in der New York Times gelesen habe. Ein Ort, der sicher auch einen Vergnügungspark bekommen hat.“

Irgendwie passten in diesem Fall ein paar Dinge einfach nicht so zusammen, wie es hätte sein sollen. Der Grund dafür war eigentlich immer derselbe: Wir wussten noch nicht alles. Wesentliche Informationen fehlten und dann ist es unausweichlich, dass man zu falschen Schlüssen kommt.

Ich zuckte mit den Schultern.

Krabben, die vor Labrador gefangen und auf dem Fish Market von New York verkauft werden, schickt man vorher nach Mexiko, um die Schalen entfernen zu lassen“, meinte ich. „Warum sollten also die Geräte eines Vergnügungsparks in Queens nicht aus Zentralasien kommen?“

 

2. Kapitel

Harry Marinis Gesicht verzog sich zur Grimasse, als er die Gestalten hinter dem Mauervorsprung auftauchen sah. Sie versuchten davonzurennen. Aber Harry Marini dachte nicht daran, ihnen auch nur den Hauch einer Chance zu lassen.

Keine Überlebenden!“, brüllte er mit heiserer Stimme. „Kein Pardon!“

Er fasste die Maschinenpistole vom Typ MP 7 der Firma Heckler & Koch mit beiden Händen und drückte ab.

Die Waffe knatterte los.

Ihr Bastarde!“, schrie Marini, wobei sein heiserer Ruf durch das Geknatter der Maschinenpistole akustisch regelrecht zerhackt wurde.

Das Mündungsfeuer blitzte auf, als die Körper der Flüchtenden wie Marionetten unter Dutzenden von Treffern zuckten und zu Boden gingen.

Manche dieser Männer schafften es noch, ihre eigenen Waffen empor zu reißen. Hier und da blitzte Mündungsfeuer von schlecht gezielten Schüssen auf.

Harry Marini nahm darauf keine Rücksicht.

Ob er selbst Treffer erhielt, war ihm gleichgültig, für ihn zählte in diesem Augenblick nur eins.

Die Vernichtung seiner Gegner.

Jeden einzelnen von ihnen wollte er unter dem Beschuss von Dauerfeuer seiner MP 7 zucken und sich winden sehen.

Einer nach dem anderen sank in den Staub.

Eine tiefe Befriedigung erfüllte ihn, als der letzte von ihnen mit einem halben Dutzend, fast gleichmäßig über den gesamten Torso verteilten Treffern förmlich an die Hauswand genagelt wurde, die sich hinter ihm befand. Er rutschte zu Boden und zog eine Blutspur hinter sich her.

Harry Marini feuerte noch auf seinen Gegner, als er längst regungslos und wie ein Fötus zusammengekrümmt am Boden lag.

Dann war es vorbei.

Marini atmete tief durch und senkte endlich die Waffe. In seinen Augen stand noch immer ein seltsames Leuchten, das jeden, der ihn nicht kannte, zutiefst befremden musste.

Von seinen Leuten ließ er sich gerne ‚Il Duce’ nennen - so wie Benito Mussolini, den er als den größten Italiener der vergangenen drei Jahrhunderte verehrte. Mit dem italienischen Diktator aus der Zeit des Faschismus hatte Marini immerhin den fast haarlosen Kopf gemein.

Marini war ein sehr großer, massiver Mann. Fast zwei Meter lang und mit einer Figur, die an einen etwas aus der Form geratenen ehemaligen Boxer erinnerte.

Die Splitterweste spannte in der Bauchgegend.

Marini schleuderte die MP 7 von sich und riss sich die Weste vom Leib. Die Klettverschlüsse verursachten dabei charakteristische, ratschende Geräusche.

Auch die Weste warf er einfach zu Boden.

Ein letztes Mal würdigte er die Leichen eines kurzen Blickes. Ein erstarrtes Stillleben des Schreckens. In der Mitte erschien eine Schriftanzeige.

Simulation beendet. Sie wurden von vier Projektilen getroffen. Achten Sie mehr auf die Eigensicherung. Wünschen Sie eine Detailübersicht? Ja - nein. Ins Menue gehen? Ja - nein.“

Adriano!“, brüllte Marini. Jetzt erst zog er sich Stöpsel aus den Ohren und warf sie einfach weg. Schließlich hatte er genug gut bezahltes Personal, das für Ordnung sorgte.

Ja, Sir?“, kam eine Stimme aus dem Off.

Schalten Sie die verdammte Projektion ab!“

Sofort, Sir.“

Aber ein bisschen plötzlich, wenn ich bitten darf!“

Ja, Mister Marini.“

Anscheinend bin ich nur von Idioten umgeben! Unfähigen Stümpern! Nichtsnutzigen Weichlingen! Schwulen Ärschen! Und mit solchen Leuten soll man eine Organisation am laufen halten! Pah! Man sollte euch alle rausschmeißen!“

Während die Szene hinter ihm verblasste, drehte sich Marini um und verließ den Simulationsraum. Er fühlte sich jetzt besser.

Adriano Caprese, ein drahtiger Kerl mit Bodybuilderfigur trat auf ihn zu. Er war der beste Mann unter der Kompanie von hoch spezialisierten Bodyguards, für die Marini ein kleines Vermögen ausgab. Aber Adriano war jeden Cent davon wert. Er war lange Jahre Scharfschütze und später Ausbilder bei den Marines gewesen, hatte sich danach mit einem Trainingscamp zur Ausbildung von Bodyguards selbstständig gemacht, aber dabei in geschäftlichen Dingen keine glückliche Hand gehabt. Vor fünf Jahren hatte Marini ihn angeheuert. Seitdem hatte er wieder einen ruhigen Schlaf, denn ganz gleich, welche Waffe Adriano auch gerade in den Händen hielt - seine Trefferquote war außergewöhnlich hoch. Darüber hinaus hatte er auch noch eine solide Ausbildung in Karate.

Wollen Sie noch ein anderes Programm versuchen?“, fragte Adriano.

Marini machte eine wegwerfende Handbewegung und knurrte etwas Unverständliches vor sich hin. „Das reicht für heute“, meinte er dann.

Wie Sie wollen, Sir.“

Sehen Sie zu, dass Sie in nächster Zeit mal etwas Abwechslung in diesen Schießstand bringen“, meinte Marini. „Auf die Dauer macht es keinen Spaß, immer dieselben Typen abzuknallen.“

Ich verstehe, was Sie meinen, Sir.“

Will ich hoffen.“

Ein Summton ertönte. Marini ging zu dem Schalter der hausinternen Sprechanlage.

Was gibt es?“, fragte er unwirsch, nachdem er den Schalter betätigt hatte.

Brad Simon wartet im blauen Salon“, meldete sich eine männliche Stimme.

Er muss sich noch ein bisschen gedulden. Ich werde erst einmal duschen…“

Er sagt, es wäre sehr wichtig!“

Bestellen Sie ihm, er soll sich nicht in die Hose machen, dieses Sensibelchen!“

Marini unterbrach die Verbindung. Er fluchte leise vor sich hin. Dieser Feigling!, dachte er. Brad Simon war sein Großneffe und außerdem einer seiner Unterbosse. Marini hatte ihm den Rang eines Captain in seiner Organisation nur deswegen eingeräumt, weil er Brads Vater Billy einen Gefallen schuldig gewesen war.

Er soll warten“, bestimmte Marini. „Ich gehe erst einmal unter die Dusche.“

Ja, Sir.“

Dieser Idiot kann ich mal. Und ich hab nichts dagegen, wenn ihm das auch ausgerichtet wird! Wenn bei uns alle so eine lasche Einstellung wie Brad hätten, dann würde der Laden längst nicht mehr laufen!“

 

 

Brad Simon hatte ursprünglich den Namen Brad Simone getragen. Das „e“ am Ende hatte er einfach gestrichen. Nach Ansicht von Harry Marini verleugnete er damit seine italienische Herkunft und die Tradition seiner Familie, was in den Augen des Clan-Patriarchen nur ein weiteres Indiz dafür war, dass Brad keinen Charakter hatte. Simon hatte mit Ach und Krach ein Jurastudium hinter sich gebracht und besaß sogar eine offizielle Zulassung als Anwalt.

Jemandem, der seine Familie verleugnete, nur um den Vorurteilen vieler so genannter Anglo White Americans gegen Italoamerikaner aus dem Weg zu gehen, war alles zuzutrauen, so fand Marini.

Inklusive Verrat.

Der blaue Salon befand sich im Obergeschoss von Marinis Villa auf den Brooklyn Heights. Von hier aus hatte man einen hervorragenden Ausblick. Die Freiheitsstatue war ebenso zu sehen, wie der grüne Gürtel des Battery Park, der Manhattan an der Südseite umsäumte. Dazu das blaue, in der Sonne glitzernde Band des Hudson, von dem sich der East River trennte.

Als Marini den Salon betrat, stand an der Fensterfront ein Mann, den er hier jetzt nicht erwartet hatte. Der Mann war grauhaarig, vielleicht Mitte siebzig, mit wettergegerbter, von einem Faltenrelief durchzogener Haut. Die Nase sprang hervor und entsprach einem klassischen Profil.

Das war Ray Scirea. Der alte Ray hatte in der Marini-Familie den Rang eines Conciliere inne und schon Harry Marinis Vater beraten. Er hatte außerdem maßgeblich daran mitgewirkt, dass Harry seine jetzige Position innerhalb der Mafia hatte erreichen und über Jahre hinweg halten können.

Wenn Ray Scirea hier auftauchte, musste irgendetwas Wichtiges anliegen, war Marini sofort klar.

Ray Scireas Blick war gedankenverloren in die Ferne gerichtet.

Mit einem Ruck drehte er sich herum.

Seine leuchtend blauen Augen musterten Harry.

Neben ihm verblasste die eher schmächtige Erscheinung von Brad Simon sichtlich.

Onkel Harry, wie lange willst du noch warten?“, fragte Brad Simon ziemlich ungehalten – und für Harry Marinis Geschmack entschieden zu respektlos. „Jimmy ist umgebracht worden – ironischerweise auch noch auf dem Gelände dieses Jamaica Bay Fun Park, den er mit deinem Geld betreibt!“

Du solltest deine Tonfall mäßigen!“, schnitt Harry Marini ihm das Wort ab.

Aber dieser Auftritt war durchaus typisch für Brad Simon. Große Ansprüche stellen und wenig dafür leisten. Das konnte Harry Marini nicht ausstehen.

Wie lange willst du noch warten?“, fragte Brad Simon, ohne dass dabei sein Tonfall auch nur eine Nuance an Schärfe verlor. „Bis wir alle umgebracht worden sind? Da rasiert ein Wahnsinniger die halbe Führungsriege unserer Organisation einfach weg und der große Patron tut gar nichts! Onkel Harry, was glaubst du, was da draußen auf den Straßen geredet wird? Was hast du überhaupt für eine Vorstellung davon, was derzeit in Little Italy los ist – oder in der Bronx, wo unsere Leute ihr Geld im täglichen Konkurrenzkampf mit den Drogendealern der Miami-Connection, mit den Puertoricanern, den schwarzen Dealern aus Harlem oder Straßengangs, die es auf eigene Faust versuchen, verdienen müssen? Da braut sich etwas zusammen, und du willst das einfach nicht sehen!“

Brad Simon machte eine wegwerfende Handbewegung und fuhr sich anschließend durch das Haar und strich es mit einer fahrigen Geste nach hinten.

Hat dir deine Frau eingeredet, dass du hier auftauchen sollst?“, fragte Marini. „Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass sie eine Hysterikerin ist und du früher oder später unter ihrem Pantoffel stehen wirst. Man sollte sich von Frauen nicht in die Geschäfte reinreden lassen, das ist mein fester Standpunkt. Und jetzt beruhige dich etwas.“

Brad Simon verengte etwas die Augen. „Du hast gut reden, Onkel Harry! Schließlich hast du dich ja weit genug abgesetzt, hier her, in deine Villa auf den Heights, von der du auf die City hinabblicken kannst und gar nicht mehr mitbekommst, was da eigentlich abgeht. Du hast den Instinkt der Straße verloren, Onkel Harry! Jeder weiß, dass die Miami-Connection hinter den Morden an unseren Leuten steht. Man erzählt es sich in den Coffee-Shops und fragt sich, wie lange der Mann, der sich gerne als Duce von Little Italy bezeichnen ließ, eigentlich noch warten möchte, bevor er so etwas wie eine Reaktion zu zeigen bereit ist!“

Harry Marini holte rief Luft, um zu einer Erwiderung anzusetzen. Aber überraschenderweise kam Ray Scirea ihm zuvor.

Harry, vielleicht hat der junge Kerl hier nicht ganz den Ton getroffen, der angemessen gewesen wäre…“, sagte Scirea und war sichtlich bemüht, die Situation zu entschärfen.

Marinis Mund wurde ein dünner Strich. „Wenn ich nicht Billys Schuld stünde, würde ich ihn auf der Stelle umbringen!“, knurrte er dann einen Augenblick später. Sein Teint war dunkelrot geworden vor Zorn.

„…aber ich muss ihm in der Sache recht geben“, vollendete Ray Scirea seinen Satz. „Wir müssen zurückschlagen und zeigen, dass wir Zähne haben, sonst denken zu viele, dass da vielleicht nur noch der blanke Gaumen eines alten Mannes ist.“

Ein Muskel zuckte knapp unterhalb von Harry Marinis linkem Auge. „Du kennst Ellroy Garcia viel länger als ich…“

Das ist richtig.“

Du warst es, der mich einst mit dem Kontaktmann der Miami-Connection hier in New York bekannt gemacht hat!“

Wir haben über Jahre hinweg gute Geschäfte gemacht!“

Ich habe mich mit ihm getroffen und er hat mir sein Wort gegeben, dass er nichts mit dem Tod meiner Leute zu tun hat! Vielmehr hätte er selbst in letzter Zeit auch zwei seiner District-Bosse unter mysteriösen Umständen verloren.“

Ray Scirea trat näher an Harry heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Wir haben gute Jahre hinter uns, Harry. Sehr gute Jahre...“

Der große Boss hob die Augenbrauen.

Dieser sanfte Tonfall machte ihn nur um so misstrauischer.

Wir wollen nicht übertreiben“, murmelte Harry Marini. „Aber ich beklage mich ja auch nicht.“

Immerhin konnten die hässliche Seite des Geschäfts den Bluthunden auf der Straße überlassen und können es uns leisten, die angenehmen Seiten des Lebens zu genießen und uns in Paläste wie diese Villa hier zurückzuziehen. Aber diese Zeiten sind jetzt vorbei.“

Marini runzelte die Stirn und sah Ray Scirea verwundert an. Die verbindlichen Worte des Conciliere waren also nichts anderes als eine Ouvertüre gewesen, und jetzt kam das, was er eigentlich zu sagen hatte.

Die bittere Pille, die er von Anfang an hatte verabreichen wollen. Bisher hatte er sich das allerdings wohl nicht getraut.

Der große Boss sah seinen Conciliere mit vor unterdrücktem Zorn funkelnden Augen an.

Was redest du da?“, fauchte Marini. Er verzog den Mund und öffnete ihn auf eine Weise, die dem Zähne zeigen von Raubtieren mehr ähnelte als einem gepflegten Lächeln.

Ray trat einen Schritt näher.

Er hielt dem Blick von Harry Marini stand.

Eisern.

Wir sind zu weich geworden, Harry.“ Ein Satz für ein Todesurteil. Ray Scirea sprach sehr ruhig und leise. „Die Miami-Connection hat ihre Politik geändert. Dafür sprechen verschiedene Tatsachen, auf die ich dich in der letzten Zeit immer wieder hingewiesen habe – und ich war nicht der einzige. Ellroy Garcia mag ein Ehrenmann sein oder nicht – ich glaube, dass er entweder lügt oder gar nicht in das eingeweiht ist, was ein paar große Bosse in Florida beschlossen haben.“

Jedenfalls ist die Zeit, in der wir annehmen konnten, dass die Miami-Connection nur eine friedliche Koexistenz mit uns anstrebt, wohl vorbei!“, ergänzte Brad Simon.

Aber Harry Marini beachtete Brad nicht weiter.

Stattdessen wandte er sich an den Conciliere.

Ray, du weißt, was das bedeuten würde, wenn wir gegen Garcias Leute losschlagen würden!“, meinte Marini und machte dabei eine weit ausholende Geste.

Ray nickte. „Es wird Krieg geben“

Allerdings!“

Und zwar in einem Ausmaß, wie New York ihn lange nicht gesehen hat.“

Harry Marini schluckte. „Genau das möchte ich vermeiden. Ein Krieg nützt niemandem, das wissen wir alle. Friedliche Koexistenz und Zusammenarbeit ist doch am Ende für alle ertragreicher!“

Ray Scirea zuckte ungerührt mit den Schultern.

In seinem undurchdringlichen, wie aus Stein gemeißelt wirkenden Gesicht war keinerlei Regung erkennbar.

Sag das den Miami-Leuten, Harry“, schlug der Conciliere dann mit leisem Spott in der Stimme vor. „Die haben den Krieg längst erklärt.“

Ach, ja?“

Du merkst es nicht einmal.“

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen. Harry Marini trat an die Fensterfront heran. Ein Schiff quälte sich die Hudsonmündung stromaufwärts. Es zog eine lange, gut sichtbare Welle hinter sich her.

Ich war keineswegs untätig“, erklärte er schließlich, wandte dabei den Kopf und fixierte Brad Simon dabei auf eine Weise, die diesem äußerst unangenehm war. „Ich habe ein paar Leute losgeschickt, die der Sache auf den Grund gehen sollen. Die haben schon einiges herausbekommen, was ich eigentlich gar nicht wissen wollte, Brad.“ Harry Marini lächelte kalt. „Aber du hast natürlich keinerlei Vorstellung davon, was ich da meinen könnte, oder Brad?“

Brad Simon schluckte.

Nein. Natürlich nicht.“

Wirklich nicht?“

Keine Ahnung, was du meinst, Großonkel.“

Geh jetzt, Brad. Ich möchte noch etwas mit meinem Conciliere unter vier Augen besprechen!“

Das war wie eine Ohrfeige für Brad Simon.

Und genauso hatte Harry Marini es auch gemeint.

Die Blicke beider Männer begegneten sich noch für einen kurzen Moment.

Brad sagte kein einziges Wort mehr und verließ den Raum. Es war ihm anzusehen, dass er kurz vor der Explosion stand.

Was haben deine Leute über ihn herausgefunden, Harry?“, fragte Ray.

Zum Beispiel, dass er mich betrügt“, erklärte Harry.

Brad? Dein eigener Großneffe?“

Ja.“

Bist du sicher?“

Ich sollte vielleicht mit dem Gegenschlag in den eigenen Reihen beginnen!“

Beide Männer schwiegen einen Augenblicke. Schließlich ergriff Ray Scirea noch einmal das Wort und sagte: „Du musst Zähne zeigen, Harry. Etwas anderes bleibt dir gar nichts übrig.“

Davon bin ich langsam auch überzeugt, Ray.“

Je schneller du etwas unternimmst, desto besser ist die Chance, dass du das Ganze noch zu einem positiven Ende führen kannst!“, glaubte der Conciliere.

Eine deutlich sichtbare Falte erschien auf der Stirn von Harry Marini. „Und was schlägst du da vor?“

Engagiere ein paar diskrete Hit-men und lass sie ein paar von den Miami-Leuten umlegen. Es muss ja nicht gerade Ellroy Garcia persönlich sein, mit dem sind wir schließlich immer ganz gut ausgekommen.“

Wir wissen nicht, ob die Miami-Leute wirklich unsere Feinde sind.“

Spielt das eine Rolle, Harry? Hauptsache, deine eigenen Leute glauben wieder, dass du sie beschützt. Denn genau das erwarten sie von dir.“

Ich werde tun, was nötig ist“, versprach er.

Sein Tonfall war eisig, aber Ray Scirea schien das nicht zu bemerken.

Da ist noch etwas, worüber wir reden müssen“, erklärte Ray dann.

Harry hob erstaunt die Augenbrauen.

So?“

Es geht um diese Frau, mit der Jimmy seit kurzem zusammenlebte.“

Irgend so ein Flittchen wahrscheinlich.“

Wir sollten trotzdem dafür sorgen, dass sie sich ruhig verhält. Schließlich wissen wir nicht, was Big Jimmy ihr möglicherweise so alles über seine Geschäfte erzählt hat oder was die Lady davon mitbekam. Aber ich denke, ein großzügiger Scheck könnte die Sache regeln.“

 

 

 

Wir saßen morgens im Besprechungszimmer unseres Chefs. Jonathan D. McKee, der Chef des FBI Field Office New York, hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben. Sein Gesichtsausdruck wirkte besorgt. „Ein Killer, der so viele Personen auf eine Entfernung von über 400 Meter mit dieser Präzision zu töten vermag, muss ein wirklich exzellenter Schütze sein.“

Wir vermuten, dass er eine Scharfschützenausbildung in der Navy, Army oder in irgendeiner Spezialeinheit der Polizei genossen hat“, erklärte Agent Max Carter, ein Innendienstmitarbeiter aus unserer Fahndungsabteilung. „Andererseits könnte dieser Hit-man auch aus dem Ausland eingeflogen worden sein.“

Lässt sich möglicherweise anhand der Waffe der Täterkreis einschränken?“, erkundigte sich Clive Caravaggio. Der flachsblonde Italoamerikaner war stellvertretender Chef des Field Office New York. „Schließlich handelt es sich um eine Spezialwaffe, die nicht in allzu großer Stückzahl hergestellt worden ist!“

Mister McKees Blick wandte sich unserem ebenfalls anwesenden Chefballistiker Dave Oaktree zu.

Vielleicht können Sie uns zu diesem Themenkomplex etwas sagen, Dave.“

Gerne“, antwortete Oaktree. „Zunächst einmal konnten wir feststellen, dass sich die Vermutung bestätigt hat, wonach Jimmy DiCarlo mit derselben Waffe und vermutlich daher auch vom selben Täter erschossen wurde, wie die anderen Unterbosse aus dem Marini-Syndikat. Das heute Morgen eingetroffene ballistische Gutachten unserer Kollegen der Scientific Research Division lässt daran nicht den Hauch eines Zweifels. Der Typ des benutzten Spezialgewehrs stand ja bereits vorher auf Grund der aufgefundenen Patronenhülsen fest. Ich hatte deswegen schon vor Eintreffen des Gutachtens des SRD-Ballistiker mal anhand der verschiedenen Datenbänke, zu denen wir Zugang haben, recherchiert, wie viele Morde überhaupt mit einer MK-32 begangen wurden.“

Sie nehmen an, dass der Täter auch früher schon eine Vorliebe für dieses Gewehr gehabt haben könnte“, meinte Mister McKee.

Dave nickte entschieden.

Ja, genau.“

Und?“

Es gab vor drei Jahren eine Mordserie unter den Bossen an der Westküste. Insgesamt zwölf hochrangige Gangster aus den Führungsetagen des organisierten Verbrechens sind seinerzeit mit einer MK-32 ermordet worden. Man fand das Gewehr schließlich im Kofferraum eines als gestohlen gemeldeten Fahrzeugs.“

Dann hatte der Kerl ja auch einen triftigen Grund, die Waffe zu wechseln“, mischte sich unser ebenfalls anwesender indianischer Kollege Orry Medina in das Gespräch ein.

Gab es denn außer der Verwendung derselben Waffe noch weitere Parallelen?“, wandte ich mich an Dave.

Er schüttelte den Kopf.

Leider nein.“

Ich dachte da zum Beispiel an die seltsame Anordnung der Patronenhülsen.“

Dies ist der erste von sämtlichen in Betracht kommenden Mordfällen, in denen der Täter die von der Waffe geworfenen Patronenhülsen auf diese Weise angeordnet hat. Das unterscheidet den Mordfall Jimmy DiCarlo von den anderen dieser Serie - falls es sich um eine solche handeln sollte.“

Was geschah in den anderen Fällen mit den Patronen?“ fragte ich.

Bei den Morden in Los Angeles sind niemals Patronenhülsen gefunden worden“, berichtete Dave. „Wir müssen daher annehmen, dass er die aufgesammelt oder sich eine Vorrichtung konstruiert hat, die die Hülsen auffängt. Die MK-32 ist eine Waffe für den Einsatz beim Militär und anderen Sicherheitskräften, die haben normalerweise kein Interesse daran, Spuren ihrer Anwesenheit zu verwischen.“ Dave machte eine kurze Pause, die er dazu nutzte, einen Schluck des köstlichen und im gesamten Bundesgebäude gerühmten Kaffees zu sich zu nehmen, den Mister McKees Sekretärin Mandy gebraut hatte.

Schließlich fuhr er fort: „Bei sämtlichen Morden in und um New York, bei denen bislang ausnahmslos Unterbosse des Marini-Clans ums Leben kamen, wurden die Hülsen einfach dort liegen gelassen, wo sie von der Waffe ausgeworfen wurden.“

Milo hob die Augenbrauen.

Unser Super-Profi scheint nachlässig geworden zu sein“, meinte er.

Oder er fühlt sich so sicher, dass er sich gar nicht mehr vorzustellen vermag, dass ihm eine Horde Cops auf den Fersen sein könnte“, vermutete Clive.

Mister McKee zuckte die Schultern und nahm die Hände aus den Hosentaschen.

Vorausgesetzt, es handelt sich wirklich um denselben Killer, was wir noch nicht mit letzter Sicherheit wissen“, gab er zu bedenken. Er wandte sich Max Carter. „Ich möchte, dass Sie herauszufinden versuchen, ob es irgendwelche nennenswerten Verbindungen des Marini-Syndikats nach L.A. gibt.“

Sollten wir uns nicht erst einmal verstärkt darum kümmern, herauszufinden, wer diesen Killer von der Leine gelassen hat?“, fragte Clive. „In Little Italy pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass die Miami-Connection dahinter steckt.“

Die Miami-Connection war uns bekannt. Seit ein paar Jahren operierte dieses von Exilkubanern dominierte Syndikat auch in den Neuengland-Staaten.

Allerdings war die Miami-Connection dabei unseren Erkenntnissen nach bislang eher auf Kooperation mit den alteingesessenen Syndikaten aus gewesen, als auf Verdrängung. Vielleicht hatten die Miami-Leute ihre Strategie inzwischen ja geändert, was immerhin eine plausible Erklärung für das geboten hätte, was sich derzeit in der New Yorker Unterwelt tat.

Morgen trifft eine Kollegin aus Miami ein, die seit langem gegen dieses exilkubanische Syndikat ermittelt. Ich hoffe, dass sie uns Näheres darüber sagen kann, was diese Bande für unsere Gegend für Pläne hat. Ihr Name ist Rita Moreno. Sie ist Special Agent in Charge im FBI Field Office Miami und wird uns beratend zur Seite stehen. Clive, ich möchte, dass Sie alles an Informanten aktivieren, was uns derzeit in Little Italy zur Verfügung steht.“

Clive Caravaggio nippte kurz an seinem Kaffeebecher.

In Ordnung, Sir“, sagte der flachsblonde Italoamerikaner dann dann. Er war nach Mister McKee die Nummer zwei in unserem Field Office.

Ich würde gerne dieser Francine noch einmal auf den Zahn fühlen“, meldete ich mich zu Wort.

Mister McKee wandte sich in meine Richtung.

Sie sprechen von der Frau, die Jimmy DiCarlo auf den Jamaica Bay Fun Park begleitet....“

...und anschließend fast nichts von dem Attentat mitgekriegt hat“, vollendete ich Mister McKees Satz. „Ich glaube, sie weiß viel mehr als sie uns bislang gesagt hat. Und dass sie sich einfach so aus dem Staub gemacht hat, ist ebenfalls ziemlich eigenartig.“

Mister McKee nickte leicht.

Versuchen Sie Ihr Glück, Jesse“, signalisierte der Assistant Director sein Einverständnis.

Jemand wie Mister McKee gab so etwas nicht gerne zu, aber im Moment hatte ich das Gefühl, dass wir in diesem Fall ziemlich im Nebel herumstocherten.

 

 

Im weiteren Verlauf des Tages verbrachten Milo und ich ein paar Stunden zusammen mit Agent Carter in unserem Dienstzimmer. Wir saßen am Computer und führten einen Datenabgleich durch, in dem wir bei unseren Suchanfragen über das Verbundsystem NYSIS ein bestimmtes Raster anlegten. Gesucht wurde ein Profi-Killer mit Mafia-Verbindung, der eine Vergangenheit im Militär oder einer Sondereinheit der Polizei hatte.

Die Trefferquote war gering. Etwa zwanzig Namen tauchten auf. Ein paar von ihnen waren tot, der weitaus größte Teil saß im Gefängnis und nur eine Handvoll war auf freiem Fuß.

Einer war über siebzig und hatte sich wahrscheinlich irgendwo, an einem sonnigen Plätzchen in Südamerika oder Asien zur Ruhe gesetzt, wo ihn bis zu seinem Lebensabend wohl niemand behelligen würde. Auch andere waren schon seit Jahren nicht mehr in Erscheinung getreten.

Zumindest hatte man nicht davon Notiz genommen.

Vielleicht hatte der Täter nur seine Methode dahingehend geändert, dass man ihn einfach nicht mehr zu identifizieren und mit seinen früheren Taten in Verbindung bringen konnte.

Aber schließlich hatten wir unter den letzten drei Namen einen Volltreffer. Alle drei wurden wegen mehrfacher Auftragsmorde gesucht und waren seit bis zu vier Jahren untergetaucht.

Einer von ihnen hatte ursprünglich als Türsteher der Nobeldisco STARFIRE in der Avenue A angefangen. Das STARFIRE wiederum gehörte mehrheitlich einem Mann namens Ellroy Garcia, der seinen rasanten Aufstieg unter den Drogenbossen des Big Apple der Tatsache verdankte, dass er so etwas wie der Stadthalter der Miami-Connection in New York war.

Der Geburtsname dieses Killers lautete Michael Chambers.

Bingo!“, meinte Milo. „Dieser Chambers könnte unser Mann sein!“

Leider wird er sich uns wohl kaum stellen, damit wir ihn in der Sache befragen können“, sagte Max. „Es gibt übrigens sogar eine Verbindung zur Westküste. Chambers ist in Los Angeles geboren.“

Eine etwas schwache Verbindung“, erwiderte ich.

Max war anderer Ansicht. „Er könnte sich zwischenzeitlich wieder in L.A. niedergelassen und dort auch geschäftliche Verbindungen geknüpft haben. Das wäre durchaus ein Ansatzpunkt.“

In diesem Augenblick schneite Clive in unser Dienstzimmer.

Trinkt euren Kaffee aus!“, forderte er uns auf. „Einer unserer Informanten hat sich gemeldet und möchte sich mit uns treffen. Ich brauche ein paar Agenten zur Absicherung.“

Ich erhob mich, verzichtete darauf, den inzwischen kalt gewordenen Kaffee auszutrinken, den ich neben dem Computer abgestellt hatte und überprüfte kurz die Ladung meiner Waffe. Milo tat dasselbe.

Ich werde hier noch ein bisschen für euch weiter machen“, meinte Max. „Wolltet ihr beiden nicht noch bei Francine Benson vorbeisehen?“

Das werden wir wohl erst einmal verschieben müssen“, erwiderte ich.

Mit zwei verschiedenen Fahrzeugen machten wir uns wenig später auf in Richtung Chelsea.

Treffpunkt mit unserem Informanten war ein Billard-Lokal namens PINK BALLS, das als Szenetipp unter Homosexuellen galt. Wir waren alle mit Kragenmikros und Ohrhörern ausgestattet, sodass wir ständig untereinander in Verbindung waren.

Ich stellte den Sportwagen in einer Seitenstraße ab. Milo und ich stiegen aus. Kaum eine Minute später trafen Clive und Orry mit einem metallicgrauen Chevy ein, den sie gleich hinter uns abstellten.

Clive und Orry stiegen aus und überprüften den Sitz ihrer Waffen.

Unser Mann heißt Jack Luigini“, sagte Clive. „Und dieses Lokal hat er deswegen als Treffpunkt vorgeschlagen, weil er glaubt, dass ihm hierher niemand von seinen Leuten aus Little Italy folgen würde!“

Für viele Italoamerikaner war es schlicht unvorstellbar, ein Schwulenlokal zu betreten und sich damit dem Verdacht auszusetzen, eventuell selbst homosexuell zu sein. Daher galten Lokale wie das PINK BALLS als relativ sicherer Treffpunkt für Mafia-Informanten.

Trotzdem mussten wir die Augen offen halten.

Ein extern angeheuerter Profikiller hatte vielleicht weniger Skrupel als die eigene Verwandtschaft, was einen Besuch im PINK BALLS anbetraf.

Luigini, ist das nicht auch einer der Unterbosse des Marini-Syndikats?“, fragte Milo.

Clive nickte. „Richtig. Und normalerweise steht der Kerl nun wirklich nicht auf unserer Informantenliste. Ich werde mit Orry hineingehen und mit ihm reden. Jesse und Milo, ihr bewacht den Hintereingang, Jay und Leslie sind vorne auf der Lauer. Wir bleiben die ganze Zeit über Interlink miteinander in Kontakt. Wenn irgendetwas Ungewöhnliches geschieht, will ich das sofort wissen. Insbesondere meine ich damit Gäste, die für Unfrieden sorgen könnten.“

Ich nehme an, Luigini ist so gut wie tot, wenn seine Leute herausfinden, dass er mit uns geredet hat“, vermutete ich.

Ja“, nickte Clive. „Und wir können nur hoffen, dass ihm nicht schon jemand auf den Fersen ist. Allerdings halte ich es genauso für möglich, dass er von Marini geschickt wurde, um irgendwelche Informationen zu lancieren, die die Feinde der Marini-Familie belasten. Wir werden sehen.“

Jay Kronburg meldete sich über Funk von seiner Position in der Nähe des Eingangs.

Luigini ist gerade eingetroffen“, sagte der ehemalige Cop. „Er hat sich mit einem Taxi bringen lassen.“

In Begleitung?“, fragte Clive.

Nein, er ist allein. Offenbar traut er nicht einmal seinen Bodyguards.“

Orry blickte auf die Uhr an seine Handgelenk. „Pünktlich wie die Maurer.“ Er griff in die Innentasche und reichte mir ein Foto, das einen Mann mit Halbglatze zeigte. Name: Luigini, Vorname: Giacomo, genannt „Jack“, stand dazu in fetten Lettern. Darunter waren sämtliche Angaben zur Person aufgelistet, die über NYSIS abrufbar waren. „Damit ihr wisst, wie Luigini aussieht!“

Ich liebe gut vorbereitete Einsätze!“, flachste Milo.

Luigini hat den Termin sehr kurzfristig gesetzt“, sagte Clive. „Sorry, aber darum ging es vorhin so hopplahopp. Haltet die Augen auf!“

Keine Ursachen“, meinte ich. „Wenn was dabei herauskommt.“

 

 

Wir stiegen in den Sportwagen und fuhren in eine Nebenstraße. Dorthin war der Hinterausgang des PINK BALLS ausgerichtet. Es gab eine Laderampe, um die Anlieferung von Getränken zu erleichtern.

Wir parkten auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor einer Reihe mehrstöckiger Häuser im Cast Iron Stil. Chelsea ist im Wesentlichen eine Wohngegend, in der sich allerdings auch viele Künstler angesiedelt haben. Allerdings erreichte dieser Stadtteil, was das betrifft nie die Berühmtheit von Greenwich Village oder SoHo. Ein paar schräge Szene-Lokale gab es hier allerdings auch und in diese Rubrik gehörte das PINK BALLS wohl ebenfalls.

Wir warteten ab.

Die Geräusche aus dem PINK BALLS klingelten uns in den Ohren. Disco-Musik aus den Siebzigern, Stimmengewirr, klirrende Gläser.

Schließlich begann das Gespräch zwischen unseren Kollegen und Jack Luigini.

Guten Tag, Mister Luigini“, sagte Clive. „Ich bin Special Agent in Charge Clive Caravaggio vom FBI Field Office New York und dies ist mein Kollege Agent Orry Medina. Hier sind unsere ID-Cards. Sie wollten uns sprechen.“

Jack Luigini antwortete erst nach einer kurzen Pause. Offenbar sah er sich die ID-Cards genau an, obwohl ich bezweifelte, dass er überhaupt dazu in der Lage gewesen wäre, eine Fälschung zu erkennen.

Ich riskiere gerade mein Leben“, sagte er.

Ich überflog derweil den NYSIS-Ausdruck, den Orry uns gegeben hatte. Dutzendfach war Luigini wegen Drogendelikten, Körperverletzung, Verabredung zu Mord und Geldwäsche angeklagt worden, aber er musste gute Anwälte haben. Anderthalb Jahre Riker’s Island wegen Steuerhinterziehung und Betrug, das war alles, was ihm die Justiz bisher rechtskräftig hatte nachweisen können.

Da hatten sich wohl ganze Generationen von Staatsanwälten bis auf die Knochen blamiert.

Luigini gehörte zu der Sorte Gangster, die einfach zu clever war, um sich erwischen zu lassen. Cleverness, die sich vor allem dadurch zeigte, dass man die Drecksarbeit möglichst anderen überließ und selbst eine einigermaßen weiße Weste behielt.

Was wollen Sie?“, fragte Clive.

Ich brauche Ihre Hilfe“, erklärte Luigini.

Mir kommen die Tränen“, sagte Clive kühl. „Am besten, Sie sagen uns klipp und klar, was Sie wollen und wir werden dann sehen, was wir für Sie tun können.“

Luigini sprach in gedämpftem Tonfall. Seine Stimme ging fast im Gewummere des 70er-Jahre-Sounds unter. „Hören Sie zu: Es wird ja wohl nichts Neues für Sie sein, dass im Moment jemand eine blutrote Spur durch Little Italy zieht… Und ich habe Grund zu der Annahme, dass ich auch auf der Todesliste stehe!“

Warum?“

Dazu will ich nichts sagen.“

Hängt es damit zusammen, dass die Toten dieser besonderen Serie allesamt hochrangige Mitglieder des Marini-Syndikats waren und Sie ebenfalls dazu gehören und deshalb befürchten, als einer der nächsten an der Reihe zu sein?“, fragte Clive. „In dem Fall müssten Sie allerdings etwas zugeben, was wir schon lange wissen, nur nicht beweisen können: dass Sie nämlich als Captain in der Organisation Harry Marini fungieren.“

Niemand kann mich zwingen, etwas zu sagen, womit ich mich selbst belastet, oder?“

Nein, natürlich nicht.“

Na also!“

Vielleicht hätten Sie einen Anwalt mitbringen sollen, Mister Luigini.“

Es ist mir wirklich verdammt ernst. Ich würde nicht zu Ihnen kommen, wenn mir das Wasser nicht bis zum Hals stünde und.“

Er brach ab.

Und was?“, hakte Clive nach.

Ich will aussteigen. Ich habe vor drei Jahren geheiratet, meine Frau erwartet ihr zweites Kind und mir ist klar, dass es so nicht weiter geht.“

Clive verzog das Gesicht. Der flachsblonde Italoamerikaner beugte sich etwas vor und sprach in gedämpftem, Tonfall weiter. „Aber Ihr Vermögen, dass Sie im Drogenhandel und mit Geldwäsche erwirtschaftet haben, dass wollen Sie behalten, sehe ich das richtig?“

Jack Luigini nickte.

Ich will Sicherheit für mich und meine Familie. Eine neue Identität und so weiter.“

Das wird nur was, wenn wir dafür etwas geliefert bekommen.“

Schon klar.“

Und was könnte das in Ihrem Fall sein?“, fragte Clive. „Sie werden uns schon einiges bieten müssen, sonst wird das wohl nichts.“

Jack Luigini zögerte, ehe er nach kurzer Pause schließlich weitersprach. „Sie sind doch an dem Fall Jimmy DiCarlo dran, oder?“

Ja.“

Ich kann Ihnen einiges zu Jimmys Geschäften sagen.“

DiCarlo ist tot“, unterbrach Clive ihn. „Wir sind an den aktiven Syndikatsbossen interessiert. Sie wollen wir hinter Gitter bringen. DiCarlo steht schon vor seinem Richter, aber an Leute wie Harry Marini kommt niemand heran.“

Ich will Ihnen ja helfen, Agent Caravaggio.“

Da bin ich aber gespannt. Bis jetzt habe ich nämlich den Eindruck, dass da nicht viel mehr als heiße Luft kommt!“

Da irren Sie sich!“

Beweisen Sie es.“

Eine weitere Pause entstand.

Jack Luigini atmete so heftig, dass man es über die Kragenmikros von Clive und Orry sogar in unseren Ohrhörern vernehmen konnte.

DiCarlo betrieb als Strohmann eine Import-Export-Firma, die dazu diente, Drogen aus Mittelasien zu importieren. Vor allem Heroin aus Afghanistan, Kirgisien, Usbekistan. Zum Beispiel hat er eine Schiffsladung mit Karussells und Riesenrädern eingeführt.“

Das Zeug, das man jetzt auf dem Jamaica Bay Fun Park sehen kann!“

Ja. Das hohle Gestänge war mit Heroin voll gestopft. Mehrere Tonnen sind mit dieser Ladung importiert worden. Bei der Hafenpolizei und beim Zoll hatte Jimmy seine Leute, die er schmieren konnte.“

So ähnlich haben wir uns das schon gedacht, nur konnten wir das Jimmy DiCarlo zu Lebzeiten nie beweisen.“

Ich soll jetzt Jimmys Geschäfte übernehmen“, erklärte Luigini in einem Tonfall, der eine gewisse Selbstverständlichkeit signalisierte.

Glückwunsch für Sie. Harry Marini scheint Ihnen zu vertrauen.“

Harry Marini steht mit dem Rücken zur Wand, weil die Miami-Leute zum Angriff blasen und uns vom Markt fegen wollen. Da ihr Stoff zu teuer war, haben sie es mit marktwirtschaftlichen Mitteln nicht geschafft, jetzt schicken sie ihre Killer aus. Kein Mensch versteht, weshalb Marini nicht schon längst massiv zurückgeschlagen hat. Aber der Mann, der sich selbst gerne als den Duce von Little Italy sieht, ist alt geworden. Vielleicht zu alt.“

Handelt es sich bei dieser Firma um KLM Ltd. & Co., deren Firmengelände gleich neben alten Navy Yard liegt?“, fragte Clive.

Luigini schien erstaunt zu sein. Er hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass darüber bei uns schon etwas bekannt war. Sein Atem klang schwer.

Alle Achtung“, stieß er hervor. „Sie sind gut informiert. Und wie ich annehme, werden Sie diese Firma jetzt genauestes beobachten und versuchen, die nächste verdächtige Lieferung auffliegen lassen. Aber Sie täuschen sich. Für eine weitere Großlieferung würde niemals wieder KLM Ltd. &Co. benutzt werden.“

Sondern?“

Eine andere Firma. Jimmy hatte sie bereits durch einen Strohmann übernommen. Es ist alles bereit. Und ich bin der Mann, der Ihnen erstens genau sagen könnte, wann und wo es so weit ist und zweitens Ihnen auch dabei helfen könnte, eine Verbindung zu Marini zu ziehen. Nach Jimmys Tod bin ich nämlich diese Verbindung. Was ist? Kommen wir ins Geschäft?“

Wie heißt die Firma?“, fragte Clive.

So läuft das nicht. Sie wollen die Ware vor der Bezahlung, Caravaggio!“

Für Sie immer noch AGENT Caravaggio! So viel Zeit muss sein!“

Ein Italiener, der andere Italiener jagt. Wenn ich nicht in einer derart beschissenen Lage stecken würde, würde ich vor Ihnen ausspucken!“

Übertreiben Sie mal nicht. Wenn Sie wollen, dass ich bei meinem Chef und beim zuständigen District Attorney ein gutes Wort für Sie einlege, sollten Sie mir etwas bieten. Der Name dieser Firma wäre ein Anfang – dann hatte ich es leichter darzulegen, wie wichtig sie für uns sind.“

Okay… aber Gnade Ihnen Gott, wenn Sie mich hereinlegen.“

Auf mich können Sie sich verlassen. Ich hoffe, dass gilt umgekehrt auch.“

Geben Sie mir die Hand drauf, Agent Caravaggio!“

Bitte!“

Der Name der Firma lautet Morgan & Jennings Ltd. Adresse finden Sie im Telefonbuch. Geschäftsführer ist ein gewisser Jason Finch, aber der macht nur das, was ich sage. Er ist noch nicht mal im vollen Umfang über die Art der Geschäfte informiert, die über seine Firma abgewickelt werden.“

Wir werden Ihre Angaben überprüfen, Mister Luigini.“

Und wie lange wird das dauern?“

Das geht schnell. Ein, zwei Tage. Bis dahin haben wir auch eine definitive Entscheidung, was Ihren Wunsch nach einer neuen Identität für Sie und Ihre Familie angeht.“

Okay.“

Dann werden Sie uns nur noch Marini liefern müssen.“

Das werde ich, Agent Caravaggio.“

Hier ist meine Karte.“

Danke.“

Milo und ich konnten ein Taxi beobachten, das am Hinterausgang wartete. Der Fahrer war ein Schwarzer in den mittleren Jahren.

Den Motor ließ er laufen.

Dreimal kannst du raten auf wen der wartet“, raunte Milo mir zu.

Einen Augenblick später meldete Clive, dass Luigini sich anschickte das Lokal zu verlassen – und zwar durch den Hinterausgang.

Es dauerte knappe zwei Minuten, bis Luigini den Hinterausgang passierte.

Er war ziemlich in Eile, stolperte fast die Treppe hinunter, die seitlich an der Laderampe empor führte und lief auf das Taxi zu. Mit einer ruckartigen Bewegung riss er die Seitentür auf und setzte sich hinein. Mit quietschenden Reifen fuhr das Taxi los.

Es herrschte Einbahnverkehr. Der Taxifahrer trat das Gas voll durch. Der Motor heulte auf.

Nur wenige Sekunden später musste er in die Eisen treten, als ein dunkler Van plötzlich aus der Reihe parkender Fahrzeuge ausscherte. Die Scheiben waren dunkel getönt, sodass man nicht ins Innere sehen konnte.

Das Taxi kam mit quietschenden Reifen zum Stillstand. Der Van fuhr an.

In der Heckklappe befand sich eine Öffnung im Blech, die dort wohl kaum serienmäßig hingehörte.

Ein dunkler, rohrartiger Gegenstand ragte ein paar Zentimeter daraus hervor.

Die Mündung einer Waffe.

Zweimal kurz hintereinander blitzte Mündungsfeuer auf. Es war kein Schussgeräusch zu hören.

Die Kugeln ließen die Frontscheibe des Taxis zu Bruch gehen. Zuerst erwischte es Jack Luigini. Ein Kopfschuss nagelte ihn regelrecht an die Nackenstütze des Beifahrersitzes. Nur eine Sekunde später fiel der Kopf des Fahrers zur Seite. Er hatte noch versucht, sich zu ducken, aber der Schütze hatte das vorausgeahnt.

Die Reifen des Van drehten durch.

Der Wagen machte einen Satz nach vorn und raste die Einbahnstraße entlang.

Ich ließ den Sportwagen ebenfalls aus der Parklücke schnellen, während Milo mit der Waffe aus dem Fenster langte. Aber er hatte keine freie Schussbahn.

Verdammt nochmal, was ist da los bei euch?“, fragte Clive über Funk.

Aus einem schwarzen Van mit verdecktem Kennzeichen ist auf Luigini geschossen worden!“, rief ich – viel lauter, als es zum Empfang per Kragenmikro eigentlich notwendig gewesen wäre. Den Sportwagen ließ ich mit der rechten Seite über den Bürgersteig fahren, nahm dabei eine übervolle Mülltonne mit, die scheppernd zu Boden ging und raste weiter.

Um Haaresbreite kam ich an dem leicht schräg stehenden Taxi vorbei und brauste mit dem Sportwagen die Straße entlang. Der Van war inzwischen links abgebogen. Ich fuhr hinterher.

Aus der Öffnung in der Heckklappe des Van wurde geschossen.

Immer wieder blitzte das Mündungsfeuer auf.

Wir duckten uns.

Das Glas der Frontscheibe zersplitterte. Scherben regneten über uns ab. Ich trat die Bremse. Der Sportwagen kam zum Stillstand. Ich schüttelte mir die Scherben aus den Haaren. Milo wurde etwas schneller mit der Situation fertig.

Er riss den Lauf der automatischen Pistole vom Typ SIG Sauer P226 empor und drückte ab.

Insgesamt dreimal kurz hintereinander.

Wie die blutrote Zunge eines Drachen schoss das Mündungsfeuer aus dem Lauf der Waffe heraus.

Mehrere Kugeln durchschlugen die hintere Heckklappe. Sie stanzten fingerdicke Löcher in das dünne Blech und hatten zweifellos auch die dahinter befindliche Verkleidung durchschlagen.

Den Schützen beeindruckte das nicht. Er feuerte weiter, bis der Van die nächste Kurve erreichte. Diesen Moment nutzte ich, tauchte hinter dem Steuerrad hervor, riss die SIG empor und feuerte auf die Hinterreifen.

Ein Reifen platzte.

Der Fahrer hatte alle Mühe, den Van in der Spur zu halten. Gummistücke flogen durch die Luft. Die Felge ratschte Funken sprühend über den Asphalt.

Der Van raste weiter, war hinter der Ecke verschwunden.

Ich trat das Gas durch.

Von vorne wehte uns der Fahrtwind durch die zerschossene Frontscheibe des Sportwagens. Ich bog ebenfalls um die Ecke und nahm einer Limousine dabei die Vorfahrt. Der Fahrer musste stark abbremsen. Die Reifen quietschten. Ich beschleunigte den und konnte gerade noch sehen, wo der schwarze Van um die nächste Ecke nach links in eine Einbahnstraße einbog.

Aber in entgegengesetzter Fahrtrichtung.

Ein Hupkonzert drang aus dieser Seitenstraße hervor.

Als wir die Ecke erreichten, wurde mir klar, dass die flüchtenden Killer diesen Weg mit Berechnung gewählt hatten.

Mehrere Fahrzeuge waren dem ihnen entgegenrasenden Van ausgewichen und hatten dabei die an beiden Straßenseiten geparkten Wagen touchiert. Zum Teil hatten sie sich verkeilt und quer gestellt. Die Straße war unpassierbar. Ich musste in die Eisen treten.

Und das mit aller Kraft.

Der Sportwagen stoppte.

Rutschte.

Das Heck brach dabei leicht zur Seite aus.

Zwei Bewaffnete, deren Gesichter von Sturmhauben bedeckt wurden, waren gerade aus dem Van herausgesprungen. Der Größere der Beiden trug eine Maschinenpistole vom Typ MP 7 der Firma Heckler & Koch. Der Andere war mit einem Sturmgewehr mit Präzisionsvisier und Laserzielerfassung bewaffnet. Seit wir den „Killer der Bosse“ verfolgten, hatte ich mir die MK-32 mehrfach auf Abbildungen angesehen und war mir daher ziemlich sicher, dass es sich um eine Waffe dieses seltenen Typs handelte.

Letzte Gewissheit, ob dieser Kerl tatsächlich der Killer war, den wir suchten, würden erst die ballistischen Untersuchungen jener Projektile ergeben, die er an diesem Tatort verschossen hatte. Aber nach Figur und Körperbau hatte ich keinen Zweifel, dass es sich immerhin auf jeden Fall um einen Mann handelte

Der MPi-Schütze ballerte wild um sich.

Wir duckten uns, während ein wahrer Kugelhagel sich über uns ergoss und auch den letzten Zentimeter Glas zu Bruch gehen ließ.

Panikschreie von Insassen anderer Fahrzeuge waren zu hören.

Eine Frau, die sich bis dahin hinter am Straßenrand parkende Fahrzeuge in Deckung gehalten hatte, rannte jetzt wie von Sinnen und ohne Rücksicht auf die Möglichkeit, von den breit und wahllos gestreuten Kugeln des MPi-Schützen getroffen zu werden davon.

Milo und ich konnten nichts tun.

Unsere automatische Pistolen vom Typ SIG Sauer P226 hatten fünfzehn Patronen im Magazin und einen im Lauf. Innerhalb weniger Sekunden verballerte unser Gegner das Doppelte.

Wir konnten uns nur so tief wie möglich ducken, abwarten und hoffen, dass nicht der Tank getroffen wurde.

Clive, kannst du mich hören? Hier ist Jesse!“, rief ich ins Kragenmikro und hoffte, dass der Empfang über das Interlink noch funktionierte.

Glücklicherweise war das der Fall.

Ich hörte Clives Stimme. Wir befanden uns also noch im Empfangsbereich.

Verstärkung ist unterwegs!“, versprach der stellvertretende Chef des FBI Field Office New York.

Wie zur Bestätigung seiner Worte hörten wir in der Ferne Polizeisirenen. Die Kollegen vom nächstgelegenen Revier des New York Police Department waren offenbar bereits alarmiert.

Milo stieß die Tür des Sportwagens auf und kroch hinaus.

Der Geschosshagel verebbte.

Milo tauchte hervor, feuerte einmal seine Waffe ab, musste aber sofort wieder in Deckung gehen.

Ich kroch ebenfalls aus dem Sportwagen heraus und arbeitete mich bis zum Heck eines Pizzawagens vor, erhob mich und schnellte anschließend mit der Pistole in beiden Händen hinter aus der Deckung heraus.

Die beiden Killer rannten davon, stießen dabei zufällig vorbeikommende Passanten grob zur Seite.

Ich konnte nicht schießen.

Die Gefahr, Unbeteiligte zu verletzen oder gar zu töten war einfach zu groß.

Los, hinterher, Jesse!“, rief Milo.

Nur einen kurzen Blick wandte ich noch dem vollkommen zerschossenen Sportwagen zu.

Wir hatten ziemlich großes Glück gehabt.

Wir spurteten hinter den beiden Killern her.

Diese rannten die Straße entlang, bogen seitlich in eine schmale, nur etwa zwei Meter breite Gasse zwischen zwei Häusern ein. Wir erreichten diese Gasse und folgten den beiden.

Schließlich erreichten wir einen Hinterhof.

Ein paar Jugendliche spielten hier Basketball.

Ich zog meine FBI-Card.

Habt ihr gerade zwei Typen mit Sturmhaube gesehen?“, sprach ich die Basketball-Spieler an, deren Alter ich zwischen zwölf und sechzehn schätzte.

Die Kids deuteten auf eine etwa zwei Meter hohe Mauer am anderen Ende des Hinterhofs.

Da sind die rüber geklettert“, meinte einer der Jungs. „Wie in den Werbefilmen, mit denen die Army an den Schulen dafür wirbt, dass man sich für den Krieg im Irak meldet! Ruckzuck ging das!“

Danke.“

Ich war bereits im Begriff loszurennen. Aber einer der Kids wollte uns offenbar noch was sagen.

So blieb ich stehen.

Hey, G-man, da war noch was!“

Was denn?“

Einer hatte `ne MPi, der andere so ein längeres Gewehr mit `ner Menge Zieloptik oben drauf...“

Wissen wir.“

Dem mit der langen Büchse ist beim Hochklettern der Ärmel hoch gerutscht. Man konnte ziemlich deutlich sein Tattoo sehen.“

Was für’n Tattoo?“

Eine Sonnenblume. Kotzgelb. Sah Scheiße aus.“

 

 

Milo hatte inzwischen die Mauer längst erreicht, sich emporgezogen und war auf der anderen Seite wieder abgesprungen.

Ich tat dasselbe.

Als ich oben auf der Mauer befand, sah ich Milo auf der anderen Seite stehen und sich ziemlich ratlos umblicken.

Keine Spur von denen!“

Verdammt!“

Ich sprang nun ebenfalls, federte ab und ließ den Blick schweifen.

Eine Parklücke fiel mir auf. Ich ging hin.

Was hast du vor?“, fragte Milo.

Ein Wagen wollte sich in die Parklücke hineinsetzen, aber ich trat ihm mit dem FBI-Ausweis in der Hand entgegen und bedeutete dem Fahrer, wieder zurückzusetzen.

Dieser ließ die Seitenscheibe hinunter und beschwerte sich lautstark.

Heh, was soll das?“

FBI!“

Ja, und?“

Dieser Parkplatz ist beschlagnahmt!“, erklärte ich. „Setzen Sie zurück, andernfalls behindern Sie die Justiz bei der Aufklärung eines Verbrechens!“

Der Kerl im Wagen – einem metallicgrauen Mitsubishi – sah mich vollkommen fassungslos an.

Das kann ja wohl nicht wahr sein!“, schimpfte er.

Ist es aber leider!“, gab ich zurück.

Angesichts des chronischen Parkplatzmangels in New York City, konnte ich seinen Ärger durchaus verstehen.

Aber ich war überzeugt davon, dass wir hier vielleicht eine wichtige Spur vor uns hatten.

Der Wagen setzte zurück. Ich hörte den Fahrer noch schimpfen, irgendetwas von Polizeiwillkür.

Was ist los, Jesse, habe ich was übersehen?“, fragte Milo unterdessen.

Wird sich zeigen.“ Ich deutete auf dunkle Reifenspuren, die sich in den Asphalt hinein gebrannt hatten. „Die sind frisch.“

Das war ein Kavaliersstart“, stimmte Milo mir zu.

Genau.“

Aber um einen Wagen kurzzuschließen, hatten sie nicht genug Zeit – mal davon abgesehen, dass das bei den meisten neueren Fabrikaten auch normalerweise gar nicht mehr so einfach möglich ist.“

Sie hatten hier einen Wagen zum Wechseln bereitgestellt“, war ich überzeugt. „Das ist die einzige Erklärung, die Sinn ergibt!“

Milo atmete tief durch

Jedenfalls wissen wir jetzt, dass der Killer, hinter dem wir her sind, nicht allein operiert. Also kein einsamer Profi-Wolf, der völlig losgelöst vom Mafia-Mob seine Aufträge bekommt und dessen Identität vielleicht sogar nicht einmal die Auftraggeber kennen. Wenn du mich fragst, ist das ein gutes Zeichen.“

Wieso?“

Weil unsere Chancen ihn zu kriegen dadurch viel größer geworden sind.“

Ich hoffe, da hast du Recht.“

Milo griff zum Handy. „Ich sorge mal dafür, dass sich irgendwer dieser Spuren hier annimmt.“

Besser du forderst einen unserer eigenen Erkennungsdienstler an, die sind vermutlich schneller hier, als die Kollegen der Scientific Research Division.“

Schon klar.“

Das Hauptquartier der SRD lag nämlich in der Bronx und das bedeutete, dass sie sich erst durch Halb Manhattan quälen mussten, bevor sie hier anlangten.

Während Milo telefonierte und dazu erstmal ein paar Schritte weitergehen musste, um ein stabiles Netz zu bekommen, wimmelte ich bereits den nächsten Interessenten für den scheinbar freien Parkplatz ab.

Und es würde auch wohl kaum der letzte sein.

 

 

Es wurde umgehend eine Großfahndung nach den beiden Killern ausgelöst. Weiträumige Straßensperren, Kontrollpunkte und eine Überwachung mit Helikoptern sollten den Erfolg bringen.

Aber der ganze Aufwand erwies sich letztlich als vergebens.

Die Anhaltspunkte waren zu dünn.

Wir wussten ja nicht einmal, welches Fabrikat der Wagen hatte, mit der die beiden Killer verschwunden waren. Ein Passant glaubte, einen blauen Ford gesehen zu haben, aber der Aussage eines Friseurs, der seinen Laden auf der anderen Straßenseite hatte, war es vielmehr ein Chevrolet gewesen, der mit quietschenden Reifen aus der Parklücke herausgeschossen war.

Verlässliche Zeugenaussagen gab es nicht.

Jedenfalls fanden sich bei keiner der durchgeführten Kontrollen eine MP 7, eine MK-32, Sturmhauben oder die Tätowierung einer Sonnenblume auf dem Unterarm eines Verdächtigen.

Nachdem Kollegen gekommen waren, um die Reifenspuren zu untersuchen, zu fotografieren, deren exakte Breite festzustellen und möglicherweise sogar Rückschlüsse auf Reifen- und Fahrzeugtyp anzustellen, kehrten wir zu Fuß zum eigentlichen Tatort am Hinterausgang des PINK BALLS zurück. Dabei kamen wir zunächst an dem völlig zusammengeschossenen Sportwagen vorbei.

Auf den werden wir wohl eine Weile verzichten müssen, Jesse“, war Milos erstaunlich trockener Kommentar.

Ich hoffe nur, dass man ihn in der Werkstatt wieder richtig hinbekommt“, erwiderte ich.

Keine Sorge, der wird schon wieder. Ich weiß ja, wie sehr du an dem Wagen hängst.“

Ach, wirklich?“

 

 

Einige Beamte der City Police umringten inzwischen den schwarzen, an einen Leichenwagen erinnernden Van, aus dem heraus geschossen worden war.

Wir begrüßen sie kurz und sahen uns das Gefährt an. In der Hecklappe war ein Loch zum schießen. Von innen war die Heckklappe mit einer Panzerplatte verstärkt, sodass der Schütze ziemlich sicher sein konnte, selbst auf jeden Fall mit heiler Haut davonzukommen. Innen befanden sich ein Sitz sowie eine Halterung für den Gewehrlauf. Die erleichterte es sicherlich ungemein, die Waffe auch während der Fahrt einigermaßen ruhig zu halten.

Der Wagen eines Killers“, stellte ich fest.

Das Fahrzeug wurde vor einem halben Tag als gestohlen gemeldet“, erklärte einer der NYPD-Kollegen, an dessen Uniform Name und Rang zu sehen waren: Lieutenant R. Montgomery.

Dann sind unser Sonnenblumenmann und sein Komplize ziemlich fix gewesen, was den Umbau betrifft“, meinte Milo.

Montgomery zuckte die Schultern.

Mit etwas Routine und dem passenden Werkzeug ist das doch eine Sache von einer halben Stunde“, war der NYPD-Lieutenant überzeugt. „Mein Schwager hat eine Autowerkstatt. Bevor ich beim Police Department anfing, habe ich da immer mal ausgeholfen.“

Sorgen Sie peinlich genau dafür, dass hier niemand etwas ohne Latexhandschuhe anfasst“, sagte ich. „Vielleicht haben wir ja Glück und wir finden irgendetwas.“

Winzige DNA-Spuren. Speichelreste, Schweiß, Sekrete die bei einem Niesen den Körper verlassen hatten oder geringfügigste Hautabschürfungen, ein abgekauter Fingernagel oder ein einzelnes, ausgegangenes Haar. Selbst aus den vergleichsweise kleinsten Resten verwertbaren Erbmaterials konnte man mit neueren Verfahren die Identität eines Täters mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit feststellen.

Ich telefonierte noch einmal kurz, um in Bezug auf die Spurensicherung etwas Druck zu machen. Wenn es überhaupt Spuren gab, die uns weiterbringen konnten, dann vielleicht in diesem Wagen und ich wollte nicht, dass uns diese Chance vermasselt wurde.

Etwas später erreichten wir die Rückfront des PINK BALLS.

Inzwischen waren dort zahlreiche Einsatzfahrzeuge von NYPD und Emergency Service eingetroffen. Außerdem ein Wagen des Coronors zum Abtransport der Leichen.

Wir trafen kurz auf den Gerichtsmediziner Dr. Brent Claus, der uns freundlich grüßte. „Ich weiß, ihr wollt den Bericht so schnell wie möglich!“, meinte er.

Clive und Orry waren ebenso in der Nähe wie auch Jay, Leslie und unsere Kollegen Sam Folder und Dave Oaktree.

Dave hatte bereits ein Projektil gesichert.

Es war durch den Kopf von Jack Luigini hindurch gedrungen, hatte einen fingerdicken Kanal durch das Gehirn gefräst, anschließend die Polsterung der Nackenstütze durchschlagen und war schließlich im Polster der Rückbank stecken geblieben.

Dass es sich um das passende Kaliber für die MK-32 handelt, wissen wir jetzt schon einmal“, kommentierte Dave das Auffinden des Projektils, das er in einem Cellophanbeutel gesichert hatte. „Ob es wirklich aus derselben Waffe abgefeuert wurde…“

„…lässt sich natürlich erst nach genaueren Untersuchungen sagen“, vollendete ich seinen Satz.

Er nickte.

Ja, aber die Umstände legen das doch ausgesprochen nahe, Jesse.“

Ich ballte unwillkürlich die Fäuste.

Verdammt, wir waren so nahe dran!“, knurrte ich. Die Tatsache, dass dieser Killer und sein Helfer uns durch die Lappen gegangen waren, hatte ich noch immer nicht richtig verwinden können. In diesen Momenten geht man die entsprechende Situation immer und immer wieder im Kopf durch und fragt sich, was man hätte besser machen können, wo man einen Fehler hätte vermeiden oder auf einem völlig anderen Weg zum Erfolg kommen können.

Es ist sinnlos.

Man weiß es.

Und trotzdem lässt sich eine solche Denkschleife im Kopf nur sehr schwer aufhalten.

Und wenn man dann damit anfängt darüber nachzudenken, dass ein gefährlicher Verbrecher, jetzt wieder in den Straßen New Yorks frei herumlief und es nur eine Frage der Zeit war, wann er das nächste Opfer zu Boden streckte, hatte man verloren.

Aber das ist auch ein Teil unseres Jobs - mit solchen Dingen fertig zu werden, die Gedanken auch dann geordnet zu halten, wenn man mit dem Unfassbaren konfrontiert wird.

An manche Dinge doch kann man sich trotz aller Professionalität, trotz aller Disziplin, der man sich in unserem Job unterwerfen muss, niemals gewöhnen.

An den Anblick unschuldiger Menschen, die Opfer eines Verbrechens wurden zum Beispiel.

Mochte Jack Luigini auch ein Verbrecher sein, der sich seinen Reichtum auf illegale Weise verschafft und mit Blut bezahlt hatte – jetzt war er ein Opfer, das mehr als unser Mitgefühl verlangte. Die Entschlossenheit nämlich, diejenigen zu finden, die für seinen Tod verantwortlich waren. Noch viel mehr galt dies für den getöteten Taxifahrer. Er hatte mit den Mafia-Kriegen, in die jemand wie Jack Luigini zweifellos verwickelt war, nicht das Geringste zu tun. Der einzige Umstand, der ihn zum Opfer gemacht hatte, war, dass er zu falschen Zeit am falschen Ort gewesen war.

Die Arbeit am Tatort zog sich hin.

Der Killer muss sehr gut über Jack Luigini informiert gewesen sein“, sagte ich irgendwann zu Milo und Clive. „Und wir sollten uns fragen, wie das möglich war.“

Worauf willst du hinaus, Jesse?“, hakte Clive nach.

Ich zuckte die Schultern.

Der Kerl mit der Sonnenblume wusste, dass Luigini sich hier mit uns treffen würde – im PINK BALLS, einem Ort, den kein Mafiosi unter normalen Umständen betreten würde!“

Vielleicht ist er von jemandem aus seinem engerem Umfeld verraten worden!“, glaubte Milo.

Möglich“, knurrte ich.

Aber da passt einiges nicht zusammen“, erwiderte Clive. Der flachsblonde Italoamerikaner kratzte sich am Nacken und schüttelte nachdenklich den Kopf. „Selbst Jack Luigini glaubte nicht, dass die Miami-Connection hinter den Morden an Marinis Leuten steckte – aber das was du gesagt hast, legt doch eigentlich eher den Schluss nahe, dass Marini selbst eine Säuberung in seiner Organisation durchgeführt hat.“

Würde das nicht die Nachsicht erklären, die Marini bisher gegenüber der Konkurrenz aus Miami geübt hat?“, fragte Orry, der gerade hinzugetreten war, aber das, was zuletzt gesprochen wurde, noch mitbekommen hatte. Unser indianische Kollege fuhr fort: „Marini will wieder Geschäfte mit den Miami-Leuten machen. Warum sollte er sie attackieren, wenn er doch weiß, dass sie mit den Morden nichts zu tun haben. So ergibt sich schon ein Sinn!“

Im Fall von Jack Luigini hatte der selbsternannte Duce von Little Italy natürlich ein Motiv“, gestand ich zu.

Aber nur, wenn man voraussetzt, dass Marini von Luiginis Absicht, mit uns zusammenzuarbeiten, wusste“, gab Milo zu bedenken.

Ich nickte.

Einverstanden. Aber was ist mit den anderen Ermordeten? Haben wir irgendetwas, was darauf hindeuten könnte, dass Jimmy DiCarlo zum Beispiel gegen seinen Paten etwas im Schilde geführt hätte?“

Bislang haben wir kein gemeinsames Motiv“, stimmte Clive zu. „Aber das muss ja nicht bis in alle Ewigkeit so bleiben, oder?“

 

Der blaue Ford bog in eine breite Allee ein, die von schmucken Bungalows gesäumt wurde. Diese bürgerliche Wohngegend gehörte zu Riverdale, das im Norden der Bronx lag. Zumeist wird die Bronx mit den verfallenden und in Dutzenden von Gangsterfilmen als Kulisse dienenden South Bronx identifiziert, einem Stadtteil, in dem sich die Polizei allenfalls in Mannschaftsstärke in die Gebiete der brutalen Drogengangs traut und wo die Gewalt und die Sucht nach mit Backpulver zu Crack aufgekochtem Kokain das tägliche Leben bestimmt. Aber erstens hatte es immer schon daneben auch eine bürgerliche, fast gediegene Seite der Bronx gegeben, für die Riverdale stellvertretend stand, und zweitens hatte sich inzwischen auch in der South Bronx eine Menge getan.

Der Ford hielt vor einem der Bungalows.

Willst du noch auf einen Drink mit hereinkommen, Bud?“, fragte der Mann mit dem Sonnenblumen-Tattoo am Unterarm.

Der Mann am Steuer schüttelte den Kopf.

Besser nicht.“

Wieso?“

Weil ich erst den Wagen verschwinden lassen will.“

Bud, du bist einfach zu ängstlich.“

Kann sein, dass ich das alles etwas gelassener sehen kann, wenn ich einmal so viele solche Jobs hinter mir habe, wie du.“

Bestimmt.“

Bis dahin gehe ich gerne auf Nummer sicher.“

Der Mann mit dem Sonnenblumen-Tattoo verzog das Gesicht zu einem Grinsen, dass eher wie das Zähneblecken eines Raubtiers aussah. Sein Blick wirkte sehr intensiv, so als wollte er Bud damit regelrecht durchbohren und bis zum tiefsten Inneren seiner Seele sehen. „Denke immer daran, dass du nicht allein bist, Bud. Bei allem, was du tust, ER ist bei dir und erfährt, was du machst. Früher oder später wirst du deinen Lohn dafür erhalten.“

Ja, ich weiß.“

Vergiss es nie!“

Nein. Niemals.“

Das Lächeln des Sonnenblumenmannes wurde noch etwas breiter.

Vorne links blitzte ein Goldzahn auf.

ER ist bei dir...

Bud hatte diesen Satz nie wie eine Drohung verstanden, aber so wie der Tätowierte ihn jetzt ausgesprochen hatte, klang er beinahe danach. Bud versuchte, den Gedanken daran zu verdrängen. Du bist auf der richtigen Seite und ER weiß es!, dachte er. Auf IHN kannst du dich verlassen, seit du dein neues Leben begonnen hast. Wenn es eine Gewissheit gibt, dann die!

Das Grinsen des Sonnenblumenmannes gefror.

Bud erwiderte dieses Grinsen nur schwach und verhalten. Er war beileibe nicht zimperlich, aber manchmal erschauerte er angesichts der Eiseskälte, die die Vorgehensweise seines Partners kennzeichnete.

Aber nur dadurch, ist er der geworden, der er ist!, vergegenwärtigte sich Bud.

Also Adios!“, sagte der Sonnenblumenmann und öffnete die Tür. „Ich rufe dich an, wenn es Arbeit gibt.“

Okay.“

Also dann.“

Mir macht diese junge Frau Sorgen.“

Zerbrich dir nicht den Kopf darüber, Bud, überlass das denken besser mir.“

Ich würde die Kleine sicherheitshalber ausradieren.“

Der Sonnenblumenmann zuckte mit den Schultern.

Im Prinzip ist nichts dagegen einzuwenden, Bud“, fand er, „aber ich brauche sie noch...“

Wozu?“

Ach, Bud ...“

Ich halte sie für unzuverlässig!“

Lass uns das später besprechen, Bud.“

Der Sonnenblumenmann schlug die Tür zu, umrundete das Heck des Wagens und öffnete den Kofferraum. Mit ein paar Handgriffen hob er den doppelten Boden an und zog eine MK-32 darunter hervor. Sie steckte in einem länglichen Futteral, das an eine Tasche für Golfschläger erinnerte.

Er lächelte zufrieden.

Gutes Stück, dachte er.

Die meisten Leute in der Gegend besaßen mindestens eine automatische oder halbautomatische Waffe. Da mochten die Waffengesetze des Staates New York noch so streng sein. Die Angst vor der Kriminalität war allgegenwärtig und viele Bewohner Riverdales glaubten, sich nur dadurch davor schützen zu können, dass sie sich bewaffneten. Was sie dabei übersahen war die Tatsache, dass die statistische Wahrscheinlichkeit, dass diese Waffen tatsächlich einen Kriminellen stoppten viel geringer war als die Möglichkeit, dass ein Mitglied der eigenen Familie damit verletzt oder getötet wurde.

Der Sonnenblumenmann ging in die Einfahrt, während Bud mit dem Ford davonbrauste.

Ich hoffe nur, dass er den Wagen sorgfältig entsorgt!, ging es dem Sonnenblumenmann durch den Kopf.

Er erreichte die Haustür, schloss auf und trat ein.

Mit dem Absatz kickte er die Tür ins Schloss. Durch einen schmalen Korridor ging er ins Wohnzimmer. Das Futteral mit der MK-32 warf er beinahe achtlos auf die ausladende Couch und trat zum Telefon. Er nahm den Hörer ab, wählte aus dem Gedächtnis eine Nummer.

Francine? Ich brauche noch einmal Ihre Hilfe und möchte, dass wir uns Mittwoch Morgen im Battery Park treffen. Dort, wo die Fähren zur Liberty Island abgehen… Okay.“

Er legte auf…

und erstarrte, als er in die Mündung einer Waffe blickte.

Es handelte sich um eine Beretta.

Ohne einen Laut war der Kerl aus dem Nebenraum getreten. Der Sonnenblumenmann musterte ihn. Ein kaltes, breites Grinsen stand im Gesicht des breitschultrigen, fast zwei Meter großen Hünen, der die Beretta jetzt etwas anhob.

Eine Bewegung und ich jage Ihnen eine Kugel direkt zwischen die Augen“, zischte er. „Haben wir uns verstanden? Offensichtlich ja.“

Wer sind Sie?“

Jemand der Ihnen schon lange auf den Fersen ist. Sie glauben vielleicht, dass man in San Francisco eine Schweinerei hinterlassen und sich dann einfach so aus dem Staub machen kann. Aber da sind Sie schief gewickelt. Verjährung gibt es nur bei den Weicheiern von der Justiz, dass sollten Sie eigentlich wissen, Smith.“ Er grinste. „Oder wie immer Sie auch in Wahrheit heißen mögen.“

Der Sonnenblumenmann stand vollkommen unbewegt da. Jeder Muskel und jede Sehne seines Körpers waren gespannt. Er warf nicht einmal einen Blick zum Futteral mit der MP-32, weil er genau wusste, dass es sinnlos war, die Waffe erreichen zu wollen.

Der Kerl mit der Beretta näherte sich einen Schritt.

Sein Grinsen wurde noch breiter.

John Smith – so nennen Sie sich dich gegenwärtig, oder bin ich da vielleicht schon nicht mehr auf dem neuesten Stand?“

Wenn Sie mich erschießen wollen, bringen Sie es gleich hinter sich“, sagte der Mann mit dem Sonnenblumen-Tattoo. „Ich habe keine Angst vor dem Tod.“

Der Beretta-Schütze kicherte wie irre.

Dabei stieß er ein paar glucksende Laute aus, die zu einem so kräftig gebauten Mann einfach nicht passen wollten und ziemlich grotesk wirkten.

Man hat mir gesagt, dass Sie ein Spinner sein sollen.“

So?“

Vielleicht haben Sie wirklich keine Angst vor dem Tod, aber…“

Aber was?“

„…vielleicht vor dem, was davor kommt.“ Der Mann mit der Beretta kicherte erneut. „Ich hätte da ein hübsches Programm. Wissen Sie wie das aussieht?“

Ich bin wahnsinnig gespannt.“

Haben Sie sich nie gefragt, wie viele Kugeln der menschliche Körper aushält, ohne dass sofort der Tod eintritt? Kommt natürlich immer darauf an, wo man hin schießt. Ich würde mit den Armen und Beinen anfangen, Ihnen Ohren und Nase wegschießen. Ich glaube die Schultern sind auch ungefährlich. Selbst wenn ich Ihnen die Nieren zerschieße, müssten Sie damit noch ein bis zwei Tage leben können, vorausgesetzt ich zerfetze Ihnen nicht irgendeine wichtige Ader. Unglücklicherweise war ich aber nie besonders gut in Biologie.“

Er holte einen Schalldämpfer aus der Tasche seiner Jacke und schraubte ihn auf die Beretta.

Als Smith sich leicht bewegte, riss der Hüne den Lauf der Waffe empor und feuerte. Der Schuss zischte haarscharf an Smith’ Kopf vorbei und senkte sich in die Wand. Ein fingerdickes Loch entstand in der Holzvertäfelung.

Was wollen Sie?“, fragte der Mann mit dem Sonnenblumen-Tattoo.

Antworten auf meine Fragen.“

Bitte!“

Ich will Name und Adresse der Leute, mit denen Sie zusammen arbeiten.“

Und ich will eine Garantie dafür, dass ich dieses Plauderstündchen überlebe.“

Tut mir leid, mehr als ein leichter Tod ist nicht drin, Smith. Das ist nichts Persönliches. Es ist noch nicht einmal meine Entscheidung, aber an der Westküste sind ein paar Leute richtig sauer auf Sie!“

Was Sie nicht sagen…“

Etwas prallte mit einem dumpfen Schlag gegen eine Scheibe der Fensterfront zur Terrasse.

Ein Vogel, der im Glas wohl das Spiegelbild der nahe gelegenen, im Wind hin und her wiegenden Baumwipfel gesehen hatte.

Der Mann mit der Beretta wandte reflexartig den Blick dorthin.

Auf eine Chance wie diese hatte der Mann, der sich Smith nannte, nur gewartet.

Er schnellte vor, setzte zu einer Folge rascher Karatetritte an und kickte seinem Gegner die Beretta aus der Hand. Ein weiterer Tritt zertrümmerte ihm den Kiefer.

Er stand benommen und schwankend da.

Smith packte ihn und brach ihm mit einem geübten Griff das Genick und ließ seinen Gegner dann zu Boden sinken, wo er in eigenartig verrenkter Haltung liegen blieb.

Besser ich breche hier meine Zelte schleunigst ab!, überlegte Smith.

Er durchsuchte den Toten, nahm ihm sämtliche Dokumente ab und holte anschließend aus der Küche eine Schere, mit der er sämtliche Etiketten aus der Kleidung entfernte.

Dann hielt er plötzlich inne.

Sein ursprünglicher Plan war es gewesen, alles zu zerstören, was etwas über die Identität dieses Mannes hätte verraten können. Als nächste hätte er in einer Apotheke Salzsäure besorgt, um die Fingerkuppen und eventuell auch das Gesicht zu entstellen. Anschließend wäre der Tote in einen Teppich eingewickelt, mit Gewichten versehen und im East River versenkt worden.

Aber der der Mann, der sich zurzeit Smith nannte, war gerade im Begriff, seinen Plan zu ändern.

Nein, dachte er, sie sollen es alle sehen. Sie sollen wissen, was ihnen bevorsteht - zumindest diejenigen, die bereit sind, die Zeichen richtig zu deuten!

Ein Lächeln erschien auf dem Gesicht des Mannes mit dem Sonnenblumen-Tattoo.

Ein Lächeln, so kalt wie der Tod.

 

 

 

Jack Luigini hatte zu Lebzeiten eine schmucke Etage in den Pelham Apartments in der Elizabeth Street bewohnt; eine noble Adresse, wo auf Sicherheit ganz besonderer Wert gelegt wurde, wie die zahlreichen Security Guards und die überall deutlich sichtbar installierte Sicherheitselektronik in der Eingangshalle eindrucksvoll belegten.

Zusammen mit Clive, Orry und einem weiteren Dutzend Kollegen trafen wir dort ein, denn abgesehen davon, dass wir Luiginis Witwe mitteilen mussten, dass ihr Mann erschossen worden war, musste bei Luigini auch eine Hausdurchsuchung durchgeführt werden. Bei einem Mordopfer war das Routine, auch wenn seine Familie das vermutlich ganz und gar nicht angenehm fand.

Milo und ich waren von unseren Kollegen mitgenommen worden, denn der Sportwagen war jetzt erst einmal ein Fall für eine Generalüberholung in der Werkstatt.

Offenbar war der Buschfunk von Little Italy schneller und zuverlässiger, als selbst die Lokalnachrichten der ziemlich sensationslüsternen New Yorker TV-Sender.

Als wir mit unserer Mannschaft von FBI-Einsatzkräften verlangten, eingelassen zu werden, öffnete uns ein Mann, der sich als Ray Scirea vorstellte und als Freund der Familie bezeichnete.

Scirea war uns durchaus ein Begriff.

Er spielte im Marini-Syndikat eine führende Rolle. Als Conciliere von Harry Marini wurde er bei allen wichtigen Entscheidungen ins Vertrauen gezogen. Leider hatten wir einfach nicht genug gegen ihn in der Hand, als dass ein Staatsanwalt daraus eine Anklage hätte machen können, die auch nur den Hauch einer Erfolgschance gehabt hätte.

Wir zeigten ihm unsere Dienstausweise.

Sie sind wegen der Ermordung von Jack Luigini hier“, stellte Ray Scirea sachlich fest.

Woher wissen Sie davon?“, fragte Clive.

Über die Schießerei wurde in den Lokalnachrichten ausführlich berichtet!“

Aber der Name des Opfers wurde nicht veröffentlicht“, erwiderte Clive kühl.

Um Scireas dünne Lippen spielte ein kühles Lächeln. „Ein Bekannter rief mich an und sagte mir, was geschehen ist.“

Was für ein Bekannter?“

Sie erwarten doch nicht, dass ich Ihnen seinen Namen nenne.“

Was ist dabei?“

Ganz einfach: Er war Gast in einem Lokal, dass PINK BALLS heißt – und wenn sich das in Little Italy herumspricht, ist er desavouiert. Bei gewissen Leuten jedenfalls.“

Komisch. Jack Luigini und Ihr Bekannter - gleich zwei Italoamerikaner im PINK BALLS. Es muss Jahre her sein, das es so etwas gegeben hat“, meinte Clive sarkastisch.

Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass mein Bekannter Italoamerikaner ist?“

Eins zu Null für Sie, Mister Scirea.“

Aber Sie haben recht: Es waren zwei Italoamerikaner dort. Schließlich waren Sie doch auch dort, Mister Caravaggio, oder?“

Clives Gesicht wurde zur Maske und mir wäre beinahe der Kinnladen heruntergefallen. Scireas Bemerkung war an Dreistigkeit kaum zu überbieten.

Ihre Aussage lässt sich so interpretieren, dass Sie Luigini beobachten ließen“, sagte ich.

Diese Aussage lässt sich aber auch so interpretieren, dass Mister Caravaggio als stellvertretender Chef des Field Office New York im PINK BALLS nicht gerade ein Unbekannter ist!“, erklärte Scirea mit ätzendem Unterton.

Clive wandte sich an mich.

Vielleicht schaffst du es ja, dich mit diesem Kerl zu unterhalten und dabei ruhig zu bleiben, Jesse. Ich werde inzwischen Mrs Luigini befragen. Wo ist sie?“

Sie steht unter Schock“, behauptete Scirea. „Und wenn überhaupt, wird sie nur in meiner Gegenwart mit Ihnen sprechen.“

Soweit ich weiß, haben Sie keine Zulassung als Anwalt, Mister Scirea. Und dass Mrs Luigini nicht mit mir sprechen möchte, dass möchte ich schon gern von ihr selbst hören. Schließlich wollen wir nicht mehr und weniger, als den Mörder Ihres Mannes schnappen.“ Clive verzog das Gesicht. „Aber vielleicht teilen wir dieses Ziel ja gar nicht, Mister Scirea.“

Scirea verkniff sich eine bissige Bemerkung.

Er führte uns in einen weiträumigen Wohnraum mit antiken Möbeln. Eines musste man Luigini lassen. Er hatte Geschmack gehabt.

Mrs Rosa Luigini, eine hübsche, dunkelhaarige Frau, deren Haar ihr lang über die Schultern fiel und auf dem letzten Drittel leicht wellig wurde. Der Blick ihres feingeschnittenen, leicht geröteten Gesichts war nach innen gewandt. Das Make-up verlaufen. Auch die Augen waren gerötet, so als hätte sie geschluchzt.

Clive stellte uns kurz vor. „Es tut mir leid, wenn wir Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten, Ma’am, aber Sie werden ertragen müssen, dass unsre Leute sich hier umsehen. Ich möchte Ihnen paar Fragen stellen. Auch wenn der Tod Ihres Mannes für Sie mit Sicherheit ein Schock ist, so dürften Sie doch auch daran interessiert sein, dass der Täter zur Rechenschaft gezogen wird.“

Die Augen von Rosa Luigini verengten sich leicht. „Wenn Sie damit meinen, dass man diesem Mörder die Gelegenheit nimmt, sich vor einer korrupten Justiz zu rechtfertigen und am Ende freigesprochen zu werden, dann ist das keineswegs in meinem Sinn!“, erklärte sie in einem Tonfall, der an klirrendes Eis erinnerte.

Ich möchte mit Ihnen unter vier Augen sprechen, Mrs Luigini“, beharrte Clive.

Die dunkelhaarige Witwe wechselte einen Blick mit Ray Scirea, der sie beschwörend ansah.

Lass dich darauf nicht ein, Rosa! Unter keinen Umständen!“

Mach dir keine Sorgen, Ray“, sagte Rosa Luigini sehr ruhig. „Ich wirke vielleicht schwach und zerbrechlich – ich bin es aber nicht.“

Dann besteh wenigstens darauf, dass ein Anwalt anwesend ist.“

Rosa Luigini wandte sich an Clive Caravaggio. „Wir können in den Nebenraum gehen, wenn Sie möchten.“

Gerne…“

Rosa Luigini erhob sich und wandte sich zum gehen.

Wo ist eigentlich Ihr Kind?“, fragte ich.

Die Witwe drehte sich um. „Als ich vom Tod meines Mannes erfuhr, wollte ich zunächst selbst damit fertig werden. Ich habe jemanden angerufen, der es zu Verwandten gebracht hat. Schließlich konnte ich mir ausmalen, welches Drama sich jetzt hier in unseren vier Wänden abspielen würde.“

Clive und Orry verließen zusammen mit Rosa Luigini den Raum durch eine auf der linken Seite gelegene Schiebetür, die sich selbsttätig öffnete, wenn man eine Lichtschranke passierte.

Dahinter war ein Raum zu sehen, der noch um einiges größer war als der, in dem wir uns im Moment aufhielten. Für New Yorker Verhältnisse hatte die Wohnung der Luiginis geradezu gigantische Ausmaße.

Ich schätzte sie auf mindestens zweihundert Quadratmeter – und das in einer Stadt, wo jeder bewohnbare Quadratmeter Höchstpreise erzielte.

Milo dachte offenbar dasselbe wie ich. „Luiginis Geschäfte müssen gut gegangen sein – sonst hätte er sich ein Schmuckstück wie diese Wohnung wohl kaum leisten können“, sagte er.

Ich hörte ihn wie aus weiter Ferne.

Mit meiner Aufmerksamkeit war ich bei Ray Scirea.

Der Vertraute des großen Harry Marini wirkte nervös. Es gefiel ihm nicht, dass Clive sich mit der Witwe unterhielt und er dieses Gespräch nicht kontrollieren konnte.

Ich nahm mir vor, ihn mit ein paar Fragen zu löchern, damit er von seiner traditionellen Rolle als Wachhund der Marinis etwas abgelenkt wurde.

Sie sagen, dass Sie ein Freund der Familie wären“, stellte ich fest.

Scirea hob die Augenbrauen und zog sie dann auf eine Weise zusammen, die mir deutlich vermittelte, dass er mich nicht ausstehen konnte. Wahrscheinlich galt das allerdings für jeden, der einen Dienstausweis des FBI bei sich trug.

Das ist richtig, Mister…“

Agent Jesse Trevellian, FBI.“

Man sollte sich von euch G-men eine Liste machen“, knurrte er düster.

Soll das eine Drohung sein?

So empfindlich sind Sie, Agent Trevellian?“

Es war nur eine Frage.“

Aber eine, auf die ich die Antwort Ihnen überlassen möchte, Agent Trevellian.“

Reden Sie immer so um den Kern der Sache herum, oder bekommen wir heute noch eine vernünftige Unterhaltung hin, Mister Scirea?“

Ray Scireas Gesicht wirkte so starr wie eine in Granit gemeißelte Statue. Es war keinerlei Regung darin zu erkennen. Manche sagen ja, dass Augen Fenster der Seele wären. In Scireas Fall waren sie jedoch anscheinend reichlich beschlagen.

Er hob die Augenbrauen. „Vergessen Sie es, Trevellian. Stellen Sie Ihre Fragen und verschwinden Sie möglichst schnell wieder.“

Nichts dagegen, Mister Scirea.“

Haben Sie Familie? Nein wahrscheinlich nicht. Jemand wie Sie arbeitet doch rund um die Uhr daran, anderen was am Zeug zu flicken. Leuten, die es aus eigener Kraft zu etwas gebracht haben – und zwar deshalb, weil die Familie zu ihnen gehalten hat!“

Machen Sie das immer so? Eine Frage stellen und selbst die Antwort darauf geben?“

Scirea atmete tief durch. „Diese Art von Familiensinn dürfte Ihnen fremd sein und deswegen werden Sie kaum ermessen können, was Jacks Tod für seine Hinterbliebenen bedeutet. Ihnen wurde das Herz aus der Seele gerissen! Aber Sie haben nichts Besseres zu tun, als eine arme Frau zu quälen und diese Wohnung auf den Kopf zu stellen. Herumzuschnüffeln in der Hoffnung, dass Sie irgendetwas finden, was Sie dann an die Steuerfahndung weitergeben können! Etwas, das Ihnen vielleicht sogar einen Vorwand liefert, um nach dem Rico’s Act Jacks Vermögen einzuziehen. Und so etwas nennt sich dann Gerechtigkeit!“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung, der die gesamte Verachtung, die er empfand, mehr als deutlich wurde. „Pah!“

Mir lag eine gepfefferte Erwiderung auf der Zunge.

Was bildete dieser Kerl sich eigentlich ein, dessen Reichtum auf dem grausamen Schicksal ungezählter Cracksüchtiger beruhte, die in der Bronx oder manchen Straßenzügen in der Lower East Side wie lebende Tote vor sich hinvegetierten und denen im schlimmsten Fall selbst ihre eigenen Kinder gleichgültig waren, wenn sie nur die nächste Lieferung bekamen.

Den nächsten Stein, wie man einen braunen Klumpen Crack auch nannte.

Und der Heroinhandel sowie die Schutzgelderpressung oder die Geldwäsche waren auch nicht gerade Beispiele für ehrbares Unternehmertum.

Es war nicht zu fassen. Leute wie Scirea stellten die Tatsachen in ihrer Sicht der Dinge einfach vollkommen auf den Kopf.

Ich hatte schon tief Luft geholt, aber Milo bedeutete mir mit einem Kopfschütteln, es besser zu lassen. Es hat keinen Sinn!, schien sein Blick zu sagen. Und er hatte Recht.

Also blieb ich – so schwer es mir auch fallen mochte – sachlich.

Hatten Sie auch geschäftlich mit Mister Luigini zu tun?“, fragte ich.

Hier und da vielleicht…“

Was soll das heißen?“

Das heißt, dass ich den Teufel tun und irgendwelche Aussagen zu diesem Themenkomplex machen werde, es sei denn, Sie verhaften mich als Verdächtigen und klagen mich eines Verbrechens oder Vergehens an. Aber in diesem Fall würde ich Ihnen nur in Anwesenheit eines Anwalts antworten und außerdem…“

...hätten Sie das Recht zu schweigen, Mister Scirea. Das nimmt Ihnen auch jetzt niemand.“

Sie haben nichts gegen mich in der Hand, ich weiß also auch nicht, was Sie und Ihre Leute sich hier so aufblasen!“

Mister Scirea, ich glaube Sie haben mich vollkommen missverstanden. Ich habe nie auch nur den leisesten Verdacht geäußert, dass Sie Mister Luigini umgebracht oder seinen Mord in Auftrag gegeben haben. Um so mehr bin ich jetzt verwirrt darüber, dass Sie offenbar überhaupt keinen Wert darauf legen, mit uns zu kooperieren!“

Ein Ruck ging durch den Körper des Alten.

Er atmete tief durch. Irgendetwas ging ihm hier entschieden gegen den Strich – ich wusste nur noch nicht, was es war. Fürchtete er, dass im Zuge unserer Ermittlungen rund um Jack Luiginis Tod irgendetwas ans Tageslicht kam, dass auch für ihn gefährlich werden konnte?

Glauben Sie mir, Agent Trevellian, Jack stand mir sehr nahe. Er war mein Großneffe und ich habe jede Stufe seiner geschäftlichen Entwicklung genau verfolgt. Er hatte einfach eine glückliche Hand, bei allem, was er tat.“

Und trotzdem wollte ihn jemand umbringen.“

Unsere Erkennungsdienstler Sam Folder und Mell Horster gehörten ebenfalls zu den Agenten unseres Field Office, die sich gegenwärtig in der Wohnung der Luiginis befanden.

Sam schaute durch die Tür und forderte mich auf, ihm kurz zu folgen.

Ich kam dieser Aufforderung nach, während Milo mit Scirea zurückblieb. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss.

Was gibt es, Sam?“, fragte ich, während ich ihm durch einen Korridor folgte, an dessen Ende sich ein Büro befand, wie ich durch die halboffene Tür sehen konnte. Schreibtisch, Computer, Kopierer – alles, was man so brauchte.

Wir haben Wanzen gefunden“, erklärte Sam in gedämpftem Tonfall.

Unsere eigenen Leute waren das nicht zufällig?“, fragte ich zurück.

Sam schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, das ist ausgeschlossen. Erstens verwenden wir nicht diesen Gerätetyp und zweitens habe ich mich gerade noch einmal bei Mister McKee rückversichert. Es liegt in Bezug auf Jack Luiginis Privatwohnung weder eine richterliche Erlaubnis zum Abhören vor, noch hat es in der Vergangenheit von unserer Seite irgendeine Aktion gegeben, die sich unter die Begriffe Gefahrenabwehr oder Bekämpfung des Terrorismus fassen ließen.“

Seit den Ereignissen des 11. Septembers 2001 waren die Möglichkeiten, Verdächtige abzuhören speziell in diesen Fällen erheblich erleichtert worden.

Aber auch wenn vom FBI aus kein Einsatz von Abhörelektronik dokumentiert war, so konnte es immer noch sein, dass möglicherweise die Kollegen der Geheimdienste CIA und NSA oder Beamte der Drogenpolizei DEA hier tätig geworden waren.

Die Kooperation unterschiedlicher Dienste mit sich teilweise überschneidenden Kompetenzbereichen konnte manchmal ziemlich schwierig sein – insbesondere dann, wenn jeder dieser Dienste peinlich genau darauf achtete, dass die anderen entweder gar nicht oder nur unzureichend informiert wurden.

Inzwischen wusste man längst, dass Fehleinschätzungen und mangelnde Kooperation zwischen FBI und CIA durchaus mitverantwortlich dafür gewesen waren, dass es Al Quaida-Terroristen gelungen war, mit zwei Flugzeugen das World Trade Center zu zerstören. Aber die diesbezüglichen Reformen waren leider im Ansatz stecken geblieben.

Wir werden abklären müssen, wer für die Wanzen verantwortlich ist“, sagte Sam Folder. „Aber ich glaube eigentlich nicht, dass es sich um irgendwelche offiziellen Stellen handelt.“

 

 

Innerhalb kurzer Zeit fanden unsere Erkennungsdienstler mehr als ein Dutzend weiterer Wanzen. Sie befanden sich in allen Räumen. Selbst Bad und Kinderzimmer waren davon nicht ausgenommen

Wer immer dafür verantwortlich zeichnete – er war über alles informiert gewesen, was innerhalb der Wohnung gesprochen worden war.

Da brauchte man sich nicht mehr zu wundern, woher ein Attentäter wusste, wann und wo er sein Opfer erwarten konnte.

Ich ging zu Clive und Orry, die ihre Befragung von Mrs Luigini gerade abgeschlossen hatten.

In knappen Worten machte ich der Witwe klar, dass ihre Wohnung vollkommen verwanzt gewesen war. „Haben Sie irgendeine Ahnung, wie diese Abhörelektronik in Ihr Haus gelangen konnte?“

Zum ersten Mal sah ich in Rose Luiginis Gesicht eine Regung, die mir weder maskenhaft noch gekünstelt vorkam.

Sie schluckte.

Der Mörder Ihres Mannes wusste, dass er zum PINK BALLS unterwegs war“, mischte sich Clive ein. „Er hat ihn dort abgepasst.“

Wir mussten vor drei Wochen die Telefonanlage reparieren lassen und dabei stellte sich heraus, dass auch ein paar Leitungen nicht mehr in Ordnung waren“, erklärte Rosa Luigini schließlich.

Wissen Sie noch, wie die Firma hieß?“

Nein. Jack hat das immer geregelt.“

Es müsste darüber eine Rechnung geben“, war Orry überzeugt. „Und die werden wir früher oder später auch finden.

 

 

3. Kapitel

Wir brauchten länger als geplant in der Wohnung der Luiginis. Anschließend kehrten wir zur Federal Plaza zurück. Es lag in Zusammenarbeit mit unseren Innendienstlern noch einiges an Recherchen am Bildschirm vor uns. Ausgangspunkt waren die verwendeten Wanzen.

Es hatte sich in Luiginis Büro tatsächlich ein Zahlungsbeleg jener Firma gefunden, die die Reparatur an den Telefonleitungen durchgeführt hatte. Allerdings stellte sich heraus, dass Name und Adresse dieser Firma falsch waren.

Das konnte nur heißen, dass wir auf der richtigen Spur waren.

Rosa Luigini hatte uns eine Beschreibung der beiden Männer gegeben, die diese Reparaturen durchgeführt hatten. Mit Hilfe seines Laptop und einer leistungsstarken Software war es unserem Zeichner Agent Prewitt möglich gewesen, daraus einigermaßen aussagekräftige Phantombilder zu machen.

Um mit diesen Bildern jedoch Vergleichsabfragen in den über NYSIS erreichbaren Bilddateien durchzuführen, waren die Phantombilder nicht spezifisch genug. Die Zahl der Treffer war jeweils so hoch, dass man nicht wirklich von einem brauchbaren Suchergebnis sprechen konnte.

Wir mussten die Merkmale so weit es ging einschränken, dass wir zu verwertbaren Ergebnissen kamen.

Wir fragten zunächst die Daten aller Kriminellen ab, von denen bekannt war, dass sie sich mit Abhörtechnik auskannten. Dann sortierten wir alle Suchergebnisse aus, die gegenwärtig Haftstrafen verbüßten.

Anschließend legten wir einen weiteren Filter an den vor uns liegenden Datenberg an.

Das Merkmal, nach dem wir suchten, waren Verbindungen zur Miami-Connection oder der Organisation von Harry Marini. Schließlich sahen wir uns die Schnittmenge an.

Nur ein einziger Name blieb übrig.

Sonny Alvarez, 37 Jahre alt, mehrfach vorbestraft wegen Körperverletzung und ehemaliger Türsteher in einem Club, der unter direkter Kontrolle von Ellroy Garcia, dem Statthalter der Miami-Connection stand, den viele als einen der Hintermänner bei der Mordserie unter den Bossen des Marini-Syndikats ansahen. In seinem Strafregister fand sich auch eine Verurteilung wegen gemeinschaftlicher Erpressung. Er hatte für einen Zuhälter aus Spanish Harlem dafür gesorgt, dass die Gespräche zwischen den Prostituierten und ihren Freiern aufgenommen wurde. Daneben waren auch Videoaufzeichnungen angefertigt worden. Beides hatten Alvarez und sein Partner daraufhin durchforstet, ob irgendetwas dabei war, was sich für eine Erpressung nutzen ließ.

Bingo!“, meinte unser Innendienstler Agent Max Carter.

Er hatte das bei der letzten Verurteilung aufgenommene Foto von Alvarez auf den Schirm geholt.

Es glich einem der Phantombilder ziemlich.

Als letzte Adresse war das Haus Nr. 334 in der 123. Straße West angegeben.

Nichts wie hin“, meinte Milo.

 

 

Das passt doch alles zusammen!“, meinte Milo während wir uns mit Rotlicht auf dem Dach in die 123. Straße aufmachten. „Michael Chambers, dieser Profi-Killer, dessen Handschrift die bisherigen Morde an den Marini-Unterbossen zu tragen scheinen, arbeitete auch in einem Laden, der unter der Kontrolle der Miami-Connection steht – und zwar in den selben Jahren. Die beiden kennen sich wahrscheinlich von daher und arbeiten jetzt zusammen.“

Möglich.“

Es scheint so, als ob tatsächlich jemand aus der Miami-Connection die Morde in Auftrag gegeben hat“, war Milo überzeugt. „Entweder Ellroy Garcia oder Leute, die noch ein paar Etagen über ihm stehen.“

Aber das wird schwer sein, zu beweisen, Milo!“

Abwarten. Wenn wir Alvarez erst einmal haben, könnte das der erste Dominostein sein…“

Bist du optimistisch, Milo!“

Ich trat in die Bremsen und stoppte den Chevrolet aus dem bestand unserer Fahrbereitschaft, mit dem wir im Augenblick unterwegs waren. Vor einer Kreuzung bildete sich ein kleiner Stau. Die Ampel konnte den Verkehr während eines Rot-Grün-Intervalls nicht fassen. Da half weder Rotlicht noch Sirene. Manchmal gab es in den völlig überlasteten Straßen des Big Apple einfach kein Durchkommen.

Die Agenten Leslie Morell, Fred LaRocca und Jay Kronburg folgten uns in einem zweiten Wagen.

Es fehlt uns noch der zweite Mann, der bei den Luiginis mitgeholfen hat, die Wanzen einzubauen“, meinte ich. „Chambers kann das nicht sein, denn dessen Beschreibung passt absolut nicht auf das, was Rosa Luigini uns über ihn erzählt hat!“

Na, ich schätze, das ist Chambers gewesen.“

Glaube ich nicht. Alles, was wir über Chambers wissen, stammt aus der Aufnahme seiner Personalien bei seiner letzten Verhaftung“, gab Milo zu bedenken. „Und die liegt doch Jahre zurück. Der Mann ist in der Zwischenzeit nicht nur älter geworden, sondern hat vermutlich auch bewusst sein Äußeres verändert.“

Die Ampel wurde grün, wir fuhren weiter und konnten uns schließlich mit Hilfe von Sirene und Rotlicht erfolgreich durch die Menge der Fahrzeuge drängeln. Von da an ging es recht reibungslos voran. Ich fuhr einen kleinen Umweg, sodass wir wenig später den Elevated Highway erreichten, der sich am East River Richtung Norden entlang zog.

Sobald wir uns der 123. Straße näherten, nahmen wir das Rotlicht vom Dach und schalteten die Sirene aus. Schließlich sollte Sonny Alvarez nicht frühzeitig gewarnt werden.

Die Hausnummer 334 war ein einfaches, zehnstöckiges Brownstonehaus mit Apartments - für New Yorker Verhältnisse war es recht flach.

Sonny Alvarez’ Wohnung lag im vierten Stock.

Wir nahmen den Aufzug. Nennenswerte Sicherheitsvorkehrungen gab es im Haus Nummer 334 nicht. Weder Video-Kameras noch Security Service. Aber das machte die Wohnungen hier wohl um einiges preisgünstiger, als es ansonsten dem Mietniveau von Manhattan entsprach – und viele kleine Angestellte in den Banken und Geschäften von Downtown waren darauf angewiesen, in solchen Apartmenthäusern zu wohnen, wenn sie nicht gleich nach Yonkers oder in die Außenbezirke von Queens und Brooklyn ausweichen wollten.

Wir erreichten Sonny Alvarez’ Wohnungstür. Sein Name stand dort immer noch, sodass wir davon ausgingen, dass er nicht inzwischen umgezogen war.

Wir griffen nach unseren Dienstwaffen.

Vorsorglich hatten wir Kevlar-Westen angelegt. Schließlich konnte niemand vorhersagen, wie Alvarez’ reagierte. Wenn er tatsächlich der Partner eines skrupellosen Lohnkillers wie Michael Chambers war, dann mussten wir damit rechnen, dass er sofort um sich schießen würde.

Leslie Morell betätigte die Klingel.

Keine Reaktion.

Mister Sonny Alvarez? Hier spricht das FBI! Machen Sie die Tür auf, Sir!“, rief unser Kollege Jay Kronburg, wobei er seinen .457er Magnum Revolver mit beiden Händen nahm. Der ehemalige Cop im Dienst des New York Police Department war der einzige von uns, der nicht als Standardwaffe übliche P226 benutzte, sondern nach wie vor auf der Benutzung seines Revolvers bestand.

Alvarez! Machen Sie die Tür auf!“, rief Jay noch einmal. Er nickte mir zu.

Ich nahm Schwung und trat die Tür auf.

Sie sprang zur Seite. Ich stürzte mit der Pistole in der Hand hinein, schwenkte den Lauf herum, in der Erwartung, dass sich irgendetwas bewegte.

In dem Apartment sah es aus, wie auf einem Schlachtfeld. Möbel waren umgestürzt und in der Mitte des Raumes saß ein Mann mit starren, toten Augen auf einem Stuhl. Er war gefesselt. Blut lief ihm aus dem Mund heraus. Ein Auge fehlte. Stattdessen klaffte dort ein Einschussloch.

Seine Kleider waren Blut durchtränkt. Einschusswunden waren an Armen, Beinen und den Schultern zu sehen.

Ich senkte die Waffe und musste unwillkürlich schlucken.

Hier war jemand mit ungeheurer, fast unfassbarer Brutalität vorgegangen.

Auch die anderen, die mir in das Apartment folgten, waren schockiert.

Das war eine Hinrichtung“, meinte Jay und deutete auf den Boden vor dem Stuhl. Der Mörder hatte die Patronenhülsen der verwendeten Projektile zu einem Kreuz gruppiert.

Das kennen wir doch schon“, murmelte ich düster.

Aber unser Freund hat diesmal eine andere Waffe benutzt“, stellte Milo angesichts der Tatsache fest, dass diese Patronen ein sichtlich kleineres Kaliber hatten als die, die wir in dem Rohbau am Jamaica Bay Fun Park gefunden hatten.

Ich zuckte die Schultern. „Ein Spezialgewehr wie die MK-32 ist auch sicher nicht die geeignete Waffe für den Einsatz in einer Wohnung, wo es zu einer nahkampfähnlichen Situation kommen kann.“

Leslie Morell hatte bereits sein Handy am Ohr und forderte Verstärkung sowie erkennungsdienstliche Unterstützung an.

Warum tötet dieser Killer einen Mann, der offensichtlich sein Komplize war?“, fragte Milo.

Um sich abzusichern – warum denn sonst!“, mischte sich Jay ein.

Und wenn wir nicht ganz schnell den zweiten Mann finden, der bei den Luiginis die Wanzen installiert hat, wird von dem auch nicht mehr übrig bleiben, als von dem Kerl hier!“, war Milo überzeugt. „Seht euch das an, er wurde regelrecht gefoltert – wahrscheinlich mit einer relativ kleinkalibrigen Waffe mit Schalldämpfer, sodass man in der Nachbarschaft nichts von den Schussgeräuschen mitbekam. Erst in die Extremitäten und als er hatte, was er wollte…“

„…ins Auge und in den Mund“, vollendete Jay. „Auge um Auge, Zahn um Zahn – Sorry, aber das fällt mir spontan dabei ein. Dieser Perverse muss das wörtlich genommen haben, wenn ich mir das so ansehe.“

Dazu das Kreuz“, murmelte ich.

Mir ging einiges an Gedanken durch den Kopf. Schon im Fall von Jimmy DiCarlo hatte ich das Gefühl gehabt, dass da etwas nicht zusammenpasste. Mir war nur noch nicht so recht klar geworden, was es eigentlich war.

Das Kreuz bei DiCarlo, jetzt wieder ein Kreuz, dazu ein fehlendes Auge und…“ Ich beugte mich nieder und leuchtete dem Toten mit dem zigarettengroßen Microlenser, den ich am Schlüsselbund trage, in den Mund. „…ein fehlender Zahn. Das ist ein Erkennungszeichen mit so aufdringliche Symbolik!“ Ich schüttelte den Kopf und wandte mich ab. Der Anblick dieses entstellten Toten war kaum zu ertragen. „Meiner Meinung nach passt das nicht zu der kalten, professionellen Vorgehensweise eines Hit-man.“

Du meinst, wir können diesen Michael Chambers von unserer Verdächtigenliste streichen? Jesse, das ist nicht dein Ernst!“, ereiferte sich Milo. „Es passt doch alles wunderbar zusammen! Chambers und dieser Typ hier haben beide eine Verbindung zu den Miami-Leuten und die wiederum haben das beste Motiv der Welt, gegen Marinis Leute vorzugehen!“

Ich sag ja nicht, dass es nicht Chambers gewesen sein kann! Und ich will noch nicht einmal in Abrede stellen, dass es sehr plausibel klingt, dass die Auftraggeber zur Miami-Connection gehören, aber…“

Aber was?“, hakte Milo nach.

Wir wissen ja definitiv, dass die Marini-Captains alle vom selben Killer getötet wurden. Zumindest wurde dieselbe Waffe benutzt. Aber es scheint bei diesem Kerl eine Entwicklung gegeben zu haben, von der ich noch nicht weiß, was sie bedeutet oder wodurch sie ausgelöst wurde. Die ersten Morde waren eiskalte Profi-Taten. Dann das Kreuz, jetzt diese Perversion hier…“

Dazwischen aber wieder ein relativ kühl durchgezogener Hit-man Job bei Jack Luigini“, gab Milo zu bedenken. „Aber worauf willst du dabei hinaus? Dass es irgendeine persönliche Komponente bei diesen Verbrechen gibt“

Rache“, vermutete Jay Kronburg. „Vielleicht ist dieser Chambers mit Marinis Leuten mal böse aneinander geraten, wer weiß.“

Killer mögen es zum Beispiel nicht, wenn man sie nicht bezahlt“, meinte Jay.

Dafür haben wir nicht den geringsten Anhaltspunkt“, gab ich zu bedenken.

Jay Kronburg machte eine wegwerfende Handbewegung. „Genau genommen haben wir, zumindest was das letzte Jahrzehnt angeht, über Michael Chambers – oder wie immer er sich im Moment auch nennen mag – fast überhaupt keinen Anhaltspunkt. Wir wissen nicht, für wen er gearbeitet hat und so weiter.“

Milo musste ihm zustimmen. „Da gibt es nur diese Mordserie in San Francisco und die Morde an den Marini-Captains, die mit einer seiner bevorzugten Waffe, der MK-32 durchgeführt wurden.“

Ich hörte der Diskussion einige Augenblicke lang zu und versank dabei in meinen eigenen Gedanken. Dieser Täter legte es darauf an, dass man ihn wieder erkannte. Warum nur? An der Kälte und Präzision der Durchführung hatte sich ja nichts geändert.

Dieser Kerl – vorausgesetztes es ist überhaupt ein Mann – scheint eine Entwicklung durchzumachen“, wiederholte ich meine Ansicht und redete in das Gespräch der Anderen hinein.

Meine Kollegen sahen mich etwas irritiert an.

Was meinst du damit genau, Jesse?“, fragte Jay Kronburg stirnrunzelnd.

Es scheint ihm plötzlich wichtig zu sein, dass er mit diesen Verbrechen identifiziert wird. Das mit den Patronen und auch die Sache mit Auge und Zahn – das ist wie eine schaurige Inszenierung, mit der jemand sagen will: Seht her, was ich getan habe!“

Eigentlich eine Todsünde für einen Hit-man!“, kommentierte Leslie Morell meine Worte. Er schüttelte anschließend den Kopf und fügte noch hinzu: „Tut mir leid, Jesse, aber ich kann dir nicht ganz folgen. Der Grund für das brutale Vorgehen dürfte sein, dass der Mörder Informationen wollte.“

Da stimme ich dir zu“, nickte ich.

Und wie du selbst schon vermutet hast, wollte er wahrscheinlich, Name, Adresse und Aufenthaltsort des zweiten Mannes, der bei den Luiginis für die Verwanzung gesorgt hat.“

Aber das erklärt nicht das Patronenkreuz“, wandte ich ein.

 

 

Wenig später trafen unsere FBI-eigenen Erkennungsdienstler Mell Horster und Sam Folder ein.

Außerdem ein Gerichtsmediziner namens Dr. Ruben Tamowitz. Für uns gab es hier jetzt nicht mehr viel zu tun. Jay und Leslie fuhren zurück zur Federal Plaza. Milo und ich blieben noch etwas dort. Auch wenn wir den Spezialisten bei ihrer Arbeit etwas auf die Nerven gingen, so wollte ich doch gerne wissen, ob sich in der Wohnung nicht noch irgendwelche Hinweise auf Alvarez’ Komplizen befanden. Eine Telefonnummer, eine Notiz, irgendetwas. Angesichts der entsetzlichen Behandlung, die der Killer Alvarez unterzogen hatte, war davon auszugehen, dass der Mörder den Namen von Alvarez’ Komplizen kannte. Es lag ein Rennen gegen die Zeit vor uns, bei dem wir von Anfang an vollkommen unfair im Nachteil waren. Der Killer hatte sämtliche Trümpfe in der Hand.

Im Lauf der erkennungsdienstlichen Untersuchungen stellte sich schnell heraus, dass wir es wirklich mit einem absolut professionell und mit kühler Überlegung agierenden Täter zu tun hatten, von dem wir seit dem Mord an Luigini wussten, dass er noch einen Komplizen hatte.

So fanden wie ein Handy mit Prepaid-Karte, dessen Innenleben durch einen Schuss vollkommen zerstört war. Offenbar wollte der Killer nicht, dass wir eventuell seine Telefonnummer im Menue stießen.

Ähnlich rabiat war der Täter auch mit dem internetfähigen Computer des Opfers verfahren. selbst wenn es unseren Spezialisten gelang, doch noch einen Teil der Daten auf dieser zerschossenen Festplatte wieder lesbar zu machen, würde eine Wiedererstellung vermutlich Monate in Anspruch nehmen.

Die Frage, ob Sonny Alvarez irgendwelche Emails erhalten hatte, die für unsere Ermittlungen von Interesse gewesen wären, musste also vorerst offen bleiben. Ein Telefonregister fanden wir nicht. Es war anzunehmen, dass der Täter es mitgenommen hatte.

Der Kerl hat wirklich an alles gedacht“, meinte Sam Folder. „Und vermutlich hat er sogar Latex-Handschuhe getragen, denn Fingerabdrücke konnten wir nirgends entdecken.“

Milo und ich fragten bei den Bewohnern der Nachbarwohnungen nach, ob ihnen irgendetwas aufgefallen wäre. Allerdings war der Großteil der Hausbewohner um diese Uhrzeit nicht zu Hause, weil sie ihren Beschäftigungen in Downtown Manhattan nachgingen. Immerhin hatte jemand gehört, dass zwischenzeitlich die Stereoanlage bei Alvarez unverhältnismäßig laut gewesen sei. Wahrscheinlich hatte der Täter damit die Schmerzensschreie seines Opfers übertönt.

Die Stunden zogen sich hin.

Eine Spur des Komplizen wollte sich in Alvarez’ Wohnung einfach nicht finden.

Wahrscheinlich ist es das Beste, wir lassen eine Hundertschaft Cops in die Clubs von Ellroy Garcia ausschwärmen und das Phantombild herumzeigen!“, meinte Milo ironisch – denn natürlich wahr auch ihm klar, dass es dazu gar nicht die personellen Ressourcen gab.

Als wir zu Alvarez’ Wohnung zurückkehrten, gab es immerhin einen kleinen Lichtblick.

Wir haben eine Spur“, verkündete Sam Folder. „Es ist zwar kein Fingerprint, aber etwas, das den Täter auf ähnliche Weise identifizieren kann.“

Na, da bin ich ja mal gespannt, Sam!“, sagte ich und Milo meinte: „Dann spann uns nicht so auf die Folter, Sam!“

An der Tür war ein Ohrabdruck. Der Täter hat also erstmal gehorcht, was drinnen so los ist, bevor er sich Zugang verschafft hat, wobei sehr viel dafür spricht, dass das Opfer ihn hereinließ.“

Ein Ohrabdruck!

Das war immerhin etwas.

Abdrücke von Ohren oder Lippen sind genauso individuell wie Fingerprints. Der Unterschied in der fahndungstechnischen Verwertbarkeit liegt einfach daran, dass es zwar mit AIDS, dem so genannten Automated Identification System eine Datenbank für uns gibt, die Millionen von Fingerabdrücken verwaltet und nach verschiedenen Kategorien geordnet für eine Abfrage bereithält, aber der Aufbau einer Datei von Ohrabdrücken erst im Aufbau begriffen ist. Schließlich ist man erst vor wenigen Jahren bei Ermittlungen, die die deutsche Polizei gegen eine Bande von Serieneinbrechern im Ruhrgebiet darauf gekommen, dass die Täter gerade bei Einbruchsdelikten häufig dazu neigten, das Ohr an die Tür zu legen, um sich darüber zu vergewissern, ob noch jemand in der Wohnung war. Erstmalig war damals einem Täter später vor Gericht anhand eines Ohrabdrucks nachgewiesen worden, dass er für eine ganze Serie von Einbrüchen verantwortlich gewesen war.

Das Problem ist nur, dass wir den Täter wohl erst einmal haben müssten, damit uns dieses Indiz weiter bringt!“, meinte ich angesichts des im Moment noch geradezu erbärmlichen Bestandes an gespeicherten Ohrabdrücken.

Ich dachte, du freust dich, Jesse! Das ist doch mehr als nichts!“

Du sieht wohl immer nur das Positive, Sam!“

Was bleibt einem anders übrig, Jesse!“

 

 

Ein Mann, dessen Name ich nicht kannte und von dem nichts weiter als das von Agent Prewitt erstellte Phantombild bekannt war, befand sich im Fadenkreuz eines Killers – und es gab nichts, was wir im Augenblick tun konnten, um dieses Verbrechen zu verhindern.

Diese Situation wurmte mich.

Aber so sehr ich mir auch das Hirn zermarterte, im Augenblick gab es einfach keinen weiteren Hinweis auf den Komplizen von Sonny Alvarez.

Ich erkundigte mich telefonisch nach dem Club, in dem Sonny Alvarez als Türsteher tätig gewesen war. Unser Innendienstler Max Carter konnte mir da genauere Auskünfte geben. Der Laden existierte nicht mehr. Vor einem halben Jahr hatte es in dem Gebäude einen Brand gegeben und die Betreiber hatten eine dicke Versicherungssumme kassiert.

Ich denke, die Leute, die damals für Ellroy Garcia die Strohmänner gespielt haben, werden doch vermutlich wieder eine ähnliche Beschäftigung im Syndikat der Miami-Leute gefunden haben“, war ich überzeugt. „Vielleicht könnt ihr da was herauskriegen, damit wir mit dem Phantombild etwas hausieren gehen können.“

Wir versuchen unser Bestes, Jesse.“

Oder wir gehen den direkten Weg und tauchen bei Ellroy Garcia persönlich auf.“

Er wird kaum jeden seiner ehemaligen Türsteher persönlich kennen“, meinte Max.

Nein, aber er weiß mit Sicherheit, was die Leute im Moment so tun, die in diesem verbrannten Club für ihn die Geschäfte geleitet haben.“

So etwas solltest du auf keinen Fall auf eigene Faust starten, Jesse.“

Wieso nicht?“

Weil das erst zwischen Mister McKee und dem zuständigen Staatsanwalt abgesprochen werden muss.“

Erklär mir das, Max!“

Ich hörte Max Carters Seufzen durch das Telefon.

An Ellroy Garcia und seinen Hintermännern in Miami sind die DEA und die Steuerfahndung seit langer Zeit dran – und wir natürlich auch. Wenn wir jetzt für unnötigen Wind sorgen, wird die Staatsanwaltschaft davon nicht begeistert sein!“

Unnötigen Wind?“, echote ich. „Wir haben es hier mit einer Mordserie zu tun, die ihresgleichen sucht und die New Yorker Unterwelt durcheinander schüttelt wie seit langem nichts mehr – da ist doch alles, was wir anrichten können nicht einmal ein laues Lüftchen!“

Ich schlage vor, du besprichst das mit Mister McKee, Jesse.“

Ja, das wird wohl das beste sein“, gestand ich zu.

Mister McKee war allerdings nicht zu erreichen. Ich bekam nur seine Sekretärin Mandy an die Leitung, die mir sagte, dass der Chef gerade eine Unterredung mit dem zuständigen Bezirksstaatsanwalt Roger F. Dimastenes hatte, der erst vor Kurzem ins Amt gekommen war und sich erst einmal hatte einarbeiten müssen.

Aber ich soll Ihnen ausrichten, dass er Sie beide sprechen möchte, sobald Sie vom Tatort zurück sind.“

In Ordnung“, murmelte ich.

Tut mir leid, Jesse, aber im Moment kann ich nicht mehr für Sie tun!“

Sie können dafür sorgen, dass ich einen Becher von Ihrem hervorragenden Kaffee bekomme, wenn ich bei Mister McKee zum Bericht erscheine.“

Sagen Sie bloß, Sie sind irgendwann schon einmal durstig gegangen, Jesse!“

 

 

Auf dem Rückweg zur Federal Plaza nutzten wir die Zeit, um Francine Benson bei ihrer Schwester zu besuchen. Das hatte ich eigentlich längst machen wollen, denn ich fand, dass ihre Rolle bei der Ermordung von Jimmy DiCarlo noch längst nicht hinreichend aufgeklärt war und man ihr eigentlich noch etwas genauer hätte auf den Zahn fühlen müssen.

Aber die jüngsten Ereignisse hatten uns im Field Office New York kaum eine Verschnaufpause gegönnt.

Die Adresse ihrer Schwester Tyra, die Francine uns angegeben hatte, lag nur ein paar Blocks entfernt in der 116.Straße. So lag der Besuch gewissermaßen auf dem Weg, den wir ohnehin zurückzulegen hatten.

Die Wohnung lag im dritten Stock eines Hauses, dessen beste Tage mit Sicherheit schon einige Jahrzehnte zurücklagen. Die Fassade war in einem erbärmlichen Zustand und Graffiti verunstalteten die Front zur Straße hin bis auf eine Höhe, die für jeden Sprayer wohl beim besten Willen nicht zu überwinden war.

Ein paar spanisch sprechende Jugendliche hingen im Eingangsbereich herum und bedachten uns mit misstrauischen Blicken.

Milo parkte den Chevy am Straßenrand.

Ich sehe dir richtig an, wie froh du bist, dass dein geliebter Sportwagen in der Werkstatt steht – und nicht an dieser Straße“, raunte Milo mir zu.

Ich grinste.

Offenbar verfügte mein Kollege über telepathische Kräfte.

Dann kann ihn sich wenigstens niemand unter den Nagel reißen“, gab ich zurück.

Etwas feiner hatte ich mir die Gegend schon vorgestellt“, meinte Milo.

Wir stiegen aus und gingen auf den Eingang zu.

Die Stimmen der jugendlichen Latinos, die zuvor durch die heruntergekurbelte Scheibe des Chevys zu uns herüber gedrungen waren, verstummten jetzt.

Wir gingen an ihnen vorbei und betraten das Haus.

Der Aufzug war defekt. Es blieb uns nichts anderes übrig, als die Treppe zu nehmen. Tyra Bensons Wohnung lag im dritten Stock.

Wir klingelten.

Eine mir wohl bekannte junge Frau öffnete uns einen Spalt breit, ließ aber zunächst die Kette in der Halterung. Wie hätte ich sie auch vergessen können!

Sie trug Jeans und T-Shirt und war barfuß. Das lange blonde Haar trug sie offen.

Francine Benson war eine außergewöhnlich attraktive Frau. Zumindest in diesem Punkt hatte Jimmy DiCarlo Geschmack bewiesen, wie ich zugestehen musste.

Jesse Trevellian, FBI. Sie werden sich an meinen Kollegen Milo Tucker und mich sicher erinnern.“

Tut mir Leid, Sir…“

Aber…“

Ich bin nicht Francine Benson, sondern…“

„…Tyra?“, hakte ich nach.

Ja. Haben Sie mich nicht angerufen?“

Stimmt. Ihre Schwester ist eine wichtige Zeugin in einem Mordfall und hat angegeben, dass Sie unter Ihrer Adresse zu erreichen wäre.“

Das ist auch der Fall.“

Können wir einen Moment hereinkommen.“

Francine ist im Moment nicht da.“

Wann kommt sie zurück?“

Das hat sie nicht gesagt. Mein Gott, ich bin ihre Schwester, aber nicht ihr Kindermädchen.“

Vielleicht hätten wir auch ein paar Fragen an Sie, Miss Benson“, mischte sich jetzt Milo ein.

Die junge Frau schluckte und schwieg zunächst. Ich hatte den Eindruck, dass sie darüber nachdachte, wie sie uns am schnellsten abwimmeln konnte, aber ich hatte mich getäuscht. „Kann ich Ihren Ausweis mal sehen?“, erkundigte sie sich.

Ich reichte ihr meine ID-Card.

Die Tür schloss sich.

Fünf, sechs Sekunden lang geschah gar nichts.

Dann hörte ich, wie die Tür entriegelt wurde. Offenbar hatte die junge Frau einiges in den Bereich investiert, den man auch „passive Sicherheitstechnik“ nennt.

Schließlich war die Tür offen.

Jetzt sah ich sie in ihrer ganzen Schönheit.

Mein Gott, sieht sie ihrer Schwester ähnlich!, durchzuckte es mich. Die beiden glichen sich wie ein Ei dem anderen.

Ich blickte auf ihre nackten Füße. Ein Detail fiel mir auf. Die Nägel waren rot lackiert. Ich versuchte mich daran zu erinnern, ob das bei Francine auch der Fall gewesen war. Als sie uns zum ersten Mal begegnet war, hatte sie offene Schuhe angehabt. Eigentlich hätten mir derart auffällig lackierte Fußnägel auffallen müssen!, dachte ich.

Immerhin gab es also ein Detail, das an den beiden Frauen nicht gleich war.

Sie bat uns herein.

Sie sehen Ihrer Schwester wirklich sehr ähnlich“, gestand ich.

Ein verhaltenes Lächeln flog über ihr Gesicht. Mit einer grazil wirkenden Geste strich sie sich das Haar zurück und holte anschließend eine verirrte Strähne von der Stirn.

Selbst, was ihre Körpersprache anging, die Art sich zu bewegen und die Art, wie sie sich das Haar aus den Augen strich, glich sie ihrer Schwester bis auf jede Kleinigkeit.

Sie sind nicht der Erste, der uns verwechselt, Mister…“

Trevellian. Jesse Trevellian“, wiederholte ich. „Aber Sie können mich ruhig Jesse nennen.“

Sie lächelte.

Jesse…“

Sie sind Zwillingsschwestern.“

Ja. Eineiig, wie Sie sich denken können. Früher auf der McKee School haben wir damit viel Blödsinn gemacht!“

Und jetzt?“

Sie lächelte etwas breiter. In ihren Augen blitzte es herausfordernd. „So was legt sich mit den Jahren, Jesse! Meinen Sie nicht?“

Kommt darauf an.“

Wir folgten ihr in die Wohnung. Im Wohnzimmer bot sie uns Platz an.

Sie selbst blieb stehen und verschränkte die Arme vor der Brust.

Jetzt sagen Sie mir schon, was Sie über meine Schwester wissen wollen.“

Hat Sie Ihnen etwas über ihre Beziehung zu Jimmy DiCarlo erzählt?“, fragte ich.

Nicht viel, um ehrlich zu sein, war es ziemlich überraschend für mich, dass sie bei ihm eingezogen ist und ihre Wohnung aufgegeben hat. Bis dahin hatte sie einen Job als Gogo-Tänzerin und sich mehr schlecht als recht durchgeschlagen – so wie wir alle.“

Wo war sie Gogo-Tänzerin?“, hakte ich nach.

In irgend so einem Glitzerschuppen. Dort hat sie auch Jimmy kennen gelernt, wie sie mir mal gesagt hat, aber mehr weiß ich nicht. Keine Ahnung, weswegen sie um die Geschichte immer so ein Geheimnis gemacht hat.“

An den Namen dieser Discothek erinnern Sie sich nicht zufällig?

STAR glaube ich.“

Vielleicht auch STARFIRE?“

Sie nickte eifrig.

Ja, genau so hieß der Laden: STARFIRE!“

Fragt sich nur, was Jimmy DiCarlo in einem Glitzerladen zu suchen hatte, der unter Kontrolle von Ellroy Garcia steht!“, meinte Milo.

Ein Grund mehr, Mister Garcia mal selbst dazu zu befragen.“

Falls uns nicht irgendjemand einen Strich durch die Rechnung macht, in der Hoffnung, ein paar größere Fische an den Haken zu bekommen, Jesse!“

Ich nickte knapp und konzentrierte mich wieder auf Tyra Benson.

Sind Sie auch mal mit Ihrer Schwester ins STARFIRE gegangen?“

Sie schüttelte den Kopf.

Nein, das ist nicht meine Welt. Ich verdiene mein Geld in einem Coffee Shop ein paar Blocks weiter – aber ich hätte einfach keine Lust dazu, halbnackt vor einer Horde angetrunkener Großkotze herumzutanzen, deren Nasen entweder vom übermäßigen Trinken oder vom Kokainschnupfen rot sind.“ Ihr Blick wurde sehr ernst. Die Augenbrauen zogen sich zusammen. In der Mitte ihrer Stirn erschien eine Falte. „Ist meine Schwester in irgendetwas verwickelt?“, fragte sie. „Seien Sie ehrlich zu mir, die ganze Geschichte stinkt mir nämlich langsam und ich glaube auch nicht, dass mir Francine die volle Wahrheit gesagt hat!“

Jimmy DiCarlo, der Mann in den sich Ihre Schwester so schnell verliebte, hatte unseren Erkenntnissen nach einen relativ hohen Rang in der Mafia. Eine Reihe von Männern, die auf der gleichen Rangstufe stehen wurde in jüngster Zeit ermordet und wir versuchen herauszufinden, wer dafür verantwortlich sein könnte. Da ist alles.“

Sie sah erst mich und dann Milo an und ich hatte den Eindruck, dass sie mit sich rang, ob sie uns noch mehr erzählen sollte.

Glauben Sie, dass für Francine eine Gefahr besteht?“, fragte sie schließlich vorsichtig.

Vorsicht war die Mutter der Porzellankiste. Jetzt hieß es, sich wie auf sehr dünnem Eis weiter vorwärts zu bewegen. Ich spürte, dass wir kurz dem Ziel waren und die junge Frau fast soweit hatten, dass sie uns etwas mehr erzählte, als ihrer Schwester vielleicht lieb war.

Aber mein Instinkt sagte mir, dass Francines Rolle in dieser Sache wichtiger war, als es zunächst den Anschein gehabt hatte. Mein anfänglicher Verdacht war von Anfang an richtig gewesen und vielleicht konnte mir ihre Schwester dabei helfen, mich zu bestätigen.

Wenn ich sensibel genug vorging, sodass sie sich nicht wieder in ihr Schneckenhaus zurückzog.

Milo nickte mir zu. Damit signalisierte er: Mach du das.

Okay, dachte ich.

Um das einzuschätzen müssten wir mehr wissen“, wich ich Francines Frage zunächst einmal aus. „Aber Tatsache ist, dass sie sich im Zentrum eines Gangsterkrieges befindet und wo gehobelt wird, da fallen auch Späne. Vielleicht können sie mir sagen, auf welches Spiel sich Francine da eingelassen hat. Sie war am Tatort, als der Mann, den sie angeblich liebte aus einem nahe gelegenen Gebäude von einem Scharfschützen abgeknallt wurde. Was würden Sie machen? Wahrscheinlich warten, bis die Polizei eintrifft.“

Hat Sie das nicht getan?“

Hat Sie Ihnen das erzählt?“

Nein, sie hat nur wenige Details darüber von sich gegeben, das meiste weiß ich aus den Lokalnachrichten und die waren natürlich auch nicht sehr detailfreudig – aus fahndungstaktischen Gründen, wie es hieß. Deswegen habe ich mich, was Francines Schweigsamkeit anging auch besonders gewundert.“ Sie zuckte ihre schmalen Schultern. „Ich dachte zunächst, dass sie vielleicht vom FBI die Order hat, nicht allzu redselig zu sein. Aber dann geschah etwas sehr Merkwürdiges.“

Was?“

Sie bekam Besuch von einem Mann, den ich nie zuvor gesehen hatte.“

Können Sie ihn beschreiben?“

Grauhaarig, gut gekleidet. Mitte siebzig.“

Das konnte jedenfalls nicht Michael Chambers sein, überlegte ich. Andererseits traute ich einem gewieften Vollprofi wie ihm zu, dass er sein Äußeres sehr stark veränderte, wenn es die Situation erforderte.

Wann war das?“

Gestern Abend. Dieser Mann hat Francine Geld gegeben. Mehrere Bündel mit Geldscheinen. Wenn Sie mich fragen, dann schätze ich, dass es mindestens zehntausend Dollar waren.“

Wissen Sie, wofür Sie das Geld bekam?“

Nein, keine Ahnung und sie ist meinen Fragen auch ausgewichen. Ich…“ Sie schluckte und atmete dann schwer. Es schien da etwas zu geben, was ihr noch schwer auf der Seele lastete.

Sprechen Sie ruhig“, versuchte ich sie zu ermuntern. Aber offenbar hatte ich damit das Gegenteil erreicht.

Sie biss sich auf die Lippe. „Es ist nichts“, behauptete sie. „Ich habe Ihnen schon mehr gesagt, als gut ist. Schließlich hat Francine mir eingeschärft mit niemandem zu reden, der sich nach ihr erkundigt.“

Das FBI eingeschlossen?“

Die Antwort auf diese Frage blieb uns Tyra Benson schuldig. Sie sah auf die Uhr. „Ich muss jetzt gleich noch mal in den Coffee Shop. Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden. Mein Chef hasst es, wenn ich unpünktlich bin – und ein kleines Kind, das Husten hat oder so etwas kann ich als Entschuldigung nicht vorweisen.“

Ich gab ihr meine Karte. „Wenn Ihnen noch etwas einfällt, können Sie uns jederzeit erreichen.“

Danke.“

Und sobald Ihre Schwester nach Hause kommt, sagen Sie mir bitte Bescheid.“

Ja, natürlich.“

Sie würde es nicht tun. Das hatte ich im Gefühl.

Wir verabschiedeten uns und gingen zurück zum Wagen. Die Jugendlichen, die dort gewartet hatten, standen noch immer da herum.

Einer der Älteren unter ihnen, trat uns in den Weg. Er trug ein Baseball-Cap mit der Aufschrift EL NINO VIENE und weite Cargo-Hosen, die ihm fast bis in die Kniekehlen herunterhingen.

Wenigstens konnte er keine Karate-Tritte ausführen, solange er die Hose so tief trug.

Der Kerl rempelte mich mit voller Absicht an.

Ich schnellte zurück und konnte gerade noch das Gleichgewicht halten. Milos rechte Hand glitt zum Griff seiner SIG.

Aber er noch ließ er die Waffe stecken.

Schließlich wollte er die Situation nicht unnötig eskalieren lassen.

Der junge Mann – ich schätzte ihn auf etwa zwanzig Jahre – hob die Hände.

Hey, immer cool bleiben Mann! War ein Versehen!“

Die anderen Jugendlichen kamen jetzt dazu und bildeten einen Halbkreis.

Ich würde sagen, es ist das Beste jeder von uns geht einfach seinen Weg“, sagte ich.

Der Kerl, der mich angerempelt hatte, deutete auf Milo. „’ne coole Knarre hast du da, Amigo! Zeig mal her!“

Ich zog meine ID-Card.

FBI! Der Spaß ist jetzt zu Ende, Jungs!“

Ich habe doch gleich gewusst, dass ihr hier nicht hergehört!“

Was du nicht sagst.“

Bueno, wir passen eben ein bisschen auf, wer hier so herumlungert. Ihr Cops sagt doch immer, dass man in der Nachbarschaft die Augen aufhalten soll!“

Na, wenigstens das scheint ihr mitgekriegt zu haben.“

Eine Gasse bildete sich. Milo und ich gingen hindurch und erreichten wenig später den Wagen.

Was glaubst du, was die mit uns gemacht hätten, wenn du Ihnen nicht die FBI-Marke unter die Nase gehalten hättest?“, fragte Milo.

Ich zuckte die Schultern. „Wahrscheinlich gar nichts. Da wollte doch jemand nur ein bisschen angeben.“

Ich hoffe, du hast Recht.“

Bestimmt.“

Wir stiegen ein.

Milo setzte sich ans Steuer und startete. Unser nächstes Ziel war das Bundesgebäude an der Federal Plaza.

Im Rückspiegel sah ich noch, wie der Kerl mit der EL NINO VIENE-Mütze in seine Hosentasche griff und ein Handy ans Ohr nahm.

 

 

Paco aquí!“, sagte der junge Mann und schob sich die Baseballkappe in den Nacken, während der Wagen mit den beiden G-men hinter der nächsten Ecke verschwand. „Senor Scirea? Sie hatten doch gesagt, dass ich Sie anrufen soll, wenn hier jemand auftaucht, der hier nicht hergehört. Dos Agentos del FBI estaban aquí! Zwei G-men waren bei Senorita Benson...”

Bist du sicher?”

Sí, Senor!”

Hör mit deinem Kauderwelsch auf und sprich Englisch!”

Ein echter Italiener sollte eigentlich trotz allem keine allzu großen Schwierigkeiten haben, mich zu verstehen, Senor Scirea. Bueno, unsere Sprachen sind sich doch ziemlich ähnlich – oder haben Sie Ihre alte Heimat schon vollkommen vergessen?”

Ich möchte weiter auf dem Laufenden gehalten werden.”

Sí, Senor. Aber da ist noch eine Kleinigkeit, die Sie vielleicht vergessen haben.”

Wovon sprichst du, Paco?”

Wann bekomme ich mein Geld, Senor Scirea?”

Keine Sorge. Ich halte mein Wort.”

Muy bien.”

Ehrenwort!”

No soy idiota”, murmelte Paco. “Wenn Sie glauben, irgendwelche Spielchen treiben zu können...”

Keine Sorge, Paco. Es kommt alles in Ordnung.”

Jesús y María! Das will ich hoffen!”

Aber ein bisschen müsst ihr dafür noch für mich arbeiten!”

Überspannen Sie den Bogen nicht, Hombre!” Paco steckte das Handy ein.

Scirea blickte auf die Rolex an einem Handgelenk. Die Lage ist schon lange nicht mehr derart brenzlig gewesen!, ging es ihm durch den Kopf.

Auf jeden Fall würde er es auf keinen Fall dulden, dass jemand wie Francine Benson sie noch komplizierter machte, als sie ohnehin schon war.

 

 

4. Kapitel

Ich kann Ihnen eine erfreuliche Mitteilung machen“, erklärte Mister McKee, als wir uns in seinem Büro zur Besprechung einfanden. Ich nippte an meinem Kaffeebecher und verbrühte mir dabei fast die Zunge. Mister McKee zögerte, ehe er fort fuhr: „Der neue Bezirksstaatsanwalt Roger Dimastenes hat grünes Licht dafür gegeben, dass wir im Umkreis von Ellroy Garcia ermitteln und dabei notfalls auch etwas Wind machen. Die Spuren führen zu eindeutig in Richtung der Organisation, die er vertritt.“

Außer Milo und mir waren noch die G-men Leslie Morell, Jay Kronburg, Fred LaRocca und Orry Medina anwesend. Dazu natürlich Clive Caravaggio, unser stellvertretender Chef und Max Carter aus der Fahndungsabteilung.

Darüber hinaus gab es noch eine weitere Person in unserer Runde. Sie hatte dunkles, gewelltes Haar – so dicht, dass es auch durch ein Haarband kaum zu bändigen war. Die Züge waren feingeschnitten, der Teint bräunlich.

Ich möchte Ihnen Special Agent Rita Moreno vorstellen“, eröffnete uns Mister McKee. „Sie wurde uns vom FBI Field Office Miami zugeordnet, damit wir die hiesigen Pläne der Miami-Connection besser bekämpfen können. Vielleicht sagen Sie uns ein paar Worte über sich.“

Rita Moreno nickte. „Ich stamme genau wie die meisten Mitglieder der so genannten Miami-Connection von Menschen ab, die irgendwann aus Kuba flohen, um in den Vereinigten Staaten von Amerika ein Leben in Freiheit zu führen“, begann sie. „Manche meiner Landsleute betrachten mich deshalb als Verräterin, weil ich die verbrecherischen Organisationen bekämpfe, die einige unter ihnen gegründet haben. Aber in meiner Sicht sind sie die Verräter – nicht ich. Sie haben schließlich die Freiheit, die sie hier fanden, missbraucht. Diejenigen, die darunter am meisten leiden, sind meine Landsleute, die von diesen Leuten wie Zitronen ausgepresst werden.“

Ihre Stimme klang etwas belegt.

Sie muss ein persönliches Motiv dafür haben, sich so sehr in ihre Arbeit zu knien, dachte ich. Einerseits konnte ein derartiges Moment ein Grund dafür sei, auch in schwierigen, beinahe aussichtslosen Fällen nicht aufzugeben. Mir fiel da natürlich an erster Stelle unser Chef Mister McKee ein, dessen Familie durch ein Verbrechen ums Leben gekommen war und der daher sein Leben folgerichtig der Bekämpfung des Verbrechens gewidmet hatte.

Aber wenn die persönliche Betroffenheit zu groß war, konnte andererseits die Urteilskraft darunter leiden. Das lag ganz daran, wie der Einzelne das Geschehen verarbeitet hatte. Im Fall von Rita Moreno schien es noch relativ frisch zu sein. In wie fern sich das auf den Job wirkte, den sie zu machen hatte, musste sich zeigen.

Mister McKee stellte uns der Kollegin aus Miami der Reihe nach vor und erklärte schließlich: „Sie alle werden eng mit Agent Moreno zusammenarbeiten. Ihr großer Vorteil ist, dass sie sich im exilkubanischen Milieu zu gut auskennt und die Sprache spricht.“

Mein Nachteil ist allerdings, dass ich eine Frau bin – und diese Leute ausgesprochene Machos“, ergänzte Rita. „Die akzeptieren niemanden, der sín cojones ist.“

Was bedeutet sín cojones?“, hakte Mister McKee nach.

Ohne Eier.“

Äh, ja…“, sagte Mister McKee, verzog aber keine Miene, während sich die anderen Anwesenden ein leichtes Grinsen nicht verkneifen konnten. „Vielleicht können Sie uns etwas über Ellroy Garcia sagen, der hier in New York so etwas wie der Statthalter des Miami-Syndikats zu sein scheint.“

Damit unterschätzen Sie Garcias Rolle bei weitem. Anfangs mag seine Rolle so richtig beschrieben gewesen sein, aber inzwischen hat sich da einiges geändert. Wir können davon ausgehen, dass Ellroy Garcia an allen wichtigen Entscheidungen der Miami-Connection beteiligt und keineswegs nur bloßer Befehlsempfänger ist. Ganz im Gegenteil. Er hat lange Zeit darauf hingewirkt, dass die Miami-Connection ihren eher kooperativen Kurs gegenüber den alteingesessenen Mafia-Organisationen in den Neu England-Staaten aufgibt und endlich zur Offensive antritt.“

Einer ziemlich blutigen Offensive“, sagte Mister McKee.

Rita nickte. „Die sind es aus Miami gewöhnt, sehr rabiat vorzugehen. Allerdings überrascht mich persönlich der Zeitpunkt, zu dem dieser Krieg ausgebrochen ist. Nach unseren Ermittlungen war damit eigentlich frühestens in einem halben Jahr zu rechnen.“

Wieso das?“

Wir wissen, dass die Anführer der Miami-Connection mit einigen wichtigen Drogenlieferanten aus dem Mittleren Osten und dem Bereich der ehemaligen GUS-Staaten in Verhandlungen standen, deren Ziel es war, die Italiener völlig aus dem Markt zu schlagen indem man sie vom Nachschub abschnitt. Das kostet natürlich sehr, sehr viel Geld, wie man sich denken kann. Schließlich wollen die Lieferanten in Afghanistan oder Kirgisien weiterhin ihre Verkaufsmengen garantiert haben. Etwa ein halbes Jahr hätte es unseren Berechnungen nach gedauert, um so einen Angriff auf den internationalen Drogenmarkt zu organisieren.“ Rita zuckte die Schultern. „Kann ja sein, dass die Hombres in Miami plötzlich auf unerwartete Geldquellen gestoßen sind, die es ihnen möglich gemacht haben, die Sache schneller in Angriff zu nehmen.“

Könnte es nicht auch sein, dass die andere Seite davon erfahren hat und die Miami-Leute deswegen zum Handeln gezwungen waren?“, fragte Mister McKee. Er hob die Augenbrauen und fuhr nach kurzem Zögern fort: „Ich meine, wenn Sie solche Sachen wissen.“

Innerhalb von Jahren haben wir ein relativ zuverlässiges Netz von Informanten und V-Leuten installiert. Unsere Erfolge beruhen einzig und allein darauf.“

Ich verstehe.“

Dabei handelt es sich durchweg um Leute, die ebenfalls kubanische Wurzeln haben. Anders wäre es gar nicht möglich, in diese Strukturen einzudringen. Kein Italiener könnte das – ein Anglo White American schon gar nicht. Selbst Puertoricaner würden sofort auffallen. Latino ist eben nicht Latino.“

Mister McKee wandte den Kopf in meine Richtung. Er trank zunächst seinen Kaffee leer, bevor er mich ansprach.

Ich denke, Agent Moreno ist die Unterstützung, die Sie brauchen, Jesse, wenn Sie jetzt demnächst Ellroy Garcia auf den Zahn fühlen. Weisen Sie Agent Moreno in den Fall entsprechend ein.“

Ja, Sir“, nickte ich.

Auf gute Zusammenarbeit“, sagte Agent Moreno. „Darf ich Sie Jesse nennen?“

 

 

Ein kühler Wind wehte von der Hudson-Mündung herüber, sodass Francine Benson ihre Jacke schloss.

Sie fröstelte leicht und blickte auf die Uhr.

Der Mann, der sich Smith genannt hatte, hatte Verspätung. Genau hier, mitten in den Grünlagen des Battery Park, die die Südspitze Manhattans umsäumten, hatten sie ihren Treffpunkt.

Sie beobachtete die Fähre, die gerade vom Pier abgelegt hatte, um sich auf den Weg nach Liberty Island zu machen. Die Freiheitsstatue reckte ihre Fackel in den fast wolkenlosen Himmel. Das leicht gekräuselte Wasser an der Hudsonmündung glitzerte in der Sonne.

Francine!“, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihr.

Sie zuckte regelrecht zusammen und wirbelte herum.

Es war Smith.

Der Mann mit dem Sonnenblumen-Tattoo. Das war ihr schon bei der ersten Begegnung mit ihm aufgefallen. Das und eine besondere Intensität in seinem Blick. Eine Form äußerster Entschlossenheit schien sich darin auszudrücken, die sie jedesmal hatte schaudern lassen, wenn sie ihm begegnet war.

Francine zuckte zusammen.

Sie hatte ihn nicht kommen hören.

Meine Güte, haben Sie mich erschreckt.“

Das war nicht meine Absicht.“

Francine atmete tief durch. „Am Telefon haben Sie es ziemlich dringend gemacht.“

Das ist es auch.“

Was soll ich tun?“

Kommen Sie an Ray Scirea heran? Trauen Sie sich das zu?“

Den Conciliere von Harry Marini?“

Genau.“

Sie zögerte einen Moment und schluckte. „Ich weiß nicht…“

Was wissen Sie nicht?“

Ich hatte gedacht, die Sache mit Jimmy….“

Einmal noch, Francine. Einmal brauche ich noch Ihre Hilfe.“

Muss es wirklich sein?“

Diese Frage können Sie selbst beantworten, Francine.“ Er fasste sie bei den Schultern. Sein Blick war wieder von dieser kalten Entschlossenheit geprägt. Ihr fröstelte unwillkürlich. „Ja, es muss sein“, murmelte sie schließlich und der Klang seiner Stimme erinnerte dabei an klirrendes Eis. „Es muss sein…“ Sie wiederholte es noch einmal, so als müsste sie sich erst noch selbst darüber vergewissern, dass ihre Worte der Wahrheit entsprachen.

An Scirea heranzukommen ist überhaupt keine Schwierigkeit“, sagte sie.

Großartig. Ich wusste, dass auf Sie Verlass ist!“

Er läuft mir sogar nach, der Alte.“

So?“

Ja, er war bei mir und hat mir eine Menge Geld gegeben.“ Sie lächelte unwillkürlich. „Fast so, wie bei einer Mafia-Witwe…“

Smith lachte. „Da täuschen Sie sich mal nicht, Francine. Scirea ist sich nur nicht sicher, ob Sie vielleicht mehr über Jimmy DiCarlo wissen, als er sich im Moment vorzustellen vermag. Sie sollen fürs erste zum Schweigen gebracht werden, das ist alles. Erst gibt es Dollars – später, wenn Gras über die Sache gewachsen ist, vielleicht auch ´ne Kugel in den Kopf als Zugabe. Wer weiß?“

Francine ging darauf nicht weiter ein.

Auf mich wirkte er nicht sehr Angst einflößend.“

Nein - er erscheint wie ein netter, älterer Herr. Aber da sollte man sich nicht täuschen lassen. Wenn es seiner Ansicht nach sein muss, dann geht er über Leichen.“ Smith machte eine kurze Pause und fuhr schließlich fort: „Wo wohnen Sie übrigens im Moment? Die Nummer, die sie mir gegeben haben, gehört nicht zu Ihrem alten Anschluss.“

Ich hatte meine Wohnung aufgegeben als ich zu Jimmy gezogen bin. Er wollte das so, damit er das Gefühl hat, dass ich ganz für ihn da bin.“

Und jetzt?“

Jetzt wohne ich bei meiner Schwester.“

Sie haben mir nie erzählt, dass Sie eine Schwester haben.“

Ich hatte in letzter Zeit auch nicht viel Kontakt zu ihr.“

Ach…“

Wirklich!“

Schon gut!“, murmelte Smith. Sein Blick wirkte dabei nach innen gekehrt, so als hinge er plötzlich irgendwelchen Gedanken nach.

Was soll ich tun?“, fragte sie. „Mit dem alten Scirea, meine ich…“

 

 

Am Abend besuchten Milo und ich zusammen mit Agent Rita Moreno das STARFIRE in der Avenue A. Gegenwärtig war dieser Glitzerladen das angesagteste Objekt, das unter Kontrolle von Ellroy Garcia stand. Wir wussten, dass er sich sehr häufig im Verlauf des Abends hier sehen ließ – ganz einfach um zu demonstrieren, dass er die Zügel fest im Griff hatte.

Jemand wie Garcia verkroch sich nicht – selbst dann nicht, wenn er gegenwärtig mit der Marini-Familie im Kriegszustand war.

Garcia wusste nämlich sehr genau, wie sensibel die Mobster darauf reagierten. Vom einfachen Gorilla und Schuldeneintreiber, der Leuten die Kniescheiben zertrümmerten, die ihr Schutzgeld mit Verspätung zahlten bis hin zu den Großdealern, die dafür sorgten, dass der Big Apple flächendeckend mit Heroin, Kokain und synthetischen Drogen beliefert wurde, achtete jeder genau darauf, wie sich Ellroy Garcia gab. Ob er Selbstvertrauen oder Angst ausstrahlte. Ob er den Eindruck machte, seine Organisation im Griff zu haben oder nicht. War letzteres der Fall, zog das potentielle Konkurrenten wie Blut die Haie an.

Im STARFIRE war um diese Zeit noch nicht allzu viel los, was den Vorteil hatte, dass wir in der Nähe überhaupt Parkplätze finden konnten. Die Lightshow flimmerte, der Rhythmus stampfte. Latino-Pop war derzeit sehr en vogue in New York. Ganz besonders natürlich in einem Etablissement wie dem STARFIRE.

Die Gog-Go-Girls versuchten dem noch spärlichen, aber rasch anwachsenden Publikum richtig einzuheizen. Wir bestellten einen Drink und sahen uns etwas um. Ich kannte Ellroy Garcia von den Fotos her, die über NYSIS von ihm verfügbar waren. Eine große Erscheinung, das schwarze Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst und immer komplett in Leder gekleidet. So hatte sich der Besitzer des STARFIRE bisher in der Öffentlichkeit präsentiert.

Garcia scheint noch nicht da zu sein“, kommentierte ich die Lage, denn ich war mir sicher, eine so auffällige Erscheinung kaum übersehen haben zu können.

Um was wetten wir, dass er doch hier ist“, meinte Rita Moreno mit einem schelmischen Grinsen. „Da gehe ich jede Wette ein!“

Wieso?“

Weil ich ihn kenne. Er hat in Miami als jemand angefangen, der als Strohmann Clubs im Namen anderer geführt hat – und was immer sich für Garcia auch in der Zwischenzeit geändert haben mag, in diesem Punkt ist er derselbe geblieben.“

In welchem Punkt?“

Na, dass er nichts dem Zufall überlässt!“

Sie deutete in eine der Ecken an der Decke des Hauptsaals des STARFIRE. Dort bewegte sich etwas.

Ein Kameraauge“, stellte ich fest.

Ganz genau, Jesse.“

Sie meinen, der sitzt jetzt in seinem Büro und beobachtet die Lage?“, mischte sich Milo ein.

Ja, davon bin ich überzeugt. Und dabei wartet er in aller Ruhe ab, wann er meint, dass der richtige Augenblick für seinen Auftritt gekommen ist. Wissen Sie, dass er mal Messdiener war?“

Was hat das denn damit zu tun?“, fragte ich.

Na, dass er um den dramatischen Effekt eines wirkungsvollen Auftritts weiß“, meinte Rita Moreno. „Und zwar von frühester Jugend an. Wahrscheinlich hätten wir weniger Probleme, wenn die Schauspielergewerkschaft ihn aufgenommen hätte, bevor er merkte, dass sich mit Drogen noch sehr viel mehr Geld verdienen lässt, als wenn man sich mit Nebenrollen in Vorabendserien und Comedies durchs Leben schlägt.“

Das hat er auch gemacht?“, wunderte sich Milo. „Woher wissen Sie das alles?“

Ich weiß immer gerne, mit wem ich es zu tun habe und informiere mich daher sehr gründlich, müssen Sie wissen. In meinen Augen ist das die Basis jeden Fahndungserfolgs. Oder sehen Sie das anders?“

Ich schüttelte den Kopf.

Einerseits bewunderte ich ihre Akribie, mit der sie offenbar bei ihren Ermittlungen zu Werke ging. Auf der anderen Seite fragte ich mich immer mehr, was wohl die Triebfeder war, die dahinter stecken mochte.

Ich bin dafür, dass wir die Prozedur hier und jetzt abkürzen“, meinte Rita.

Bitte, wenn Sie einen Vorschlag dazu haben!“, gab ich zurück.

Zeigen wir hier einfach die Fotos herum, die Sie auch mir präsentiert haben: diesen Chambers, Alvarez und das Phantombild von Alvarez’ Komplizen. Dann taucht der große Boss früher oder später hier auf, auch wenn er seinen Auftritt dann nicht ganz so groß inszenieren kann, wie er das ansonsten gerne tut.“

Milo und ich wechselten einen kurzen Blick miteinander.

Warum nicht?“, meinte Milo.

Wir sprachen also einen Barkeeper an und zeigten ihm die Bilder sowie unsere Dienstausweise.

Ich deutete auf Chambers. „Dieser Mann hat als Türsteher hier im STARFIRE gearbeitet.“

Tut mir leid, Sir, das muss vor meiner Zeit gewesen sein“, behauptete der Barkeeper. Er wirkte sichtlich unruhig.

Zwischendurch bemerkte ich, dass er einen Alarmknopf betätigte, mit dem er vermutlich seinem Chef signalisierte, dass es hier Ärger gab.

Und was ist mit dem Anderen?“, hakte ich nach. „Sie haben sich die Bilder ja überhaupt nicht richtig angesehen!“

Tut mir leid. Ich würde Ihnen ja gerne helfen, aber…“

Ist es wahr…“

Hören Sie, ich weiß nicht, warum Sie nicht auch einfach etwas relaxen, so wie alle hier.“

Sie meinen mit einer Prise Koks unter der Nase – oder was verstehen Sie darunter?“, mischte sich Rita Moreno ziemlich aggressiv ein.

Wer sind Sie denn? Die Staatsanwaltschaft in Person oder ist Ihnen etwas über die Leber gelaufen?“

Rita sprach den Mann auf Spanisch an und dieser gab seine Erwiderung ebenfalls in dieser Sprache, sodass Milo und ich kaum mehr von dieser Unterhaltung mitbekamen, als dass wohl keine übertriebenen Freundlichkeiten ausgetauscht wurden.

Inzwischen wurde der Hauptsaal dieses STARFIRE von immer mehr Gästen frequentiert, von denen sich die Mehrheit auf der Tanzfläche drängelte.

Ein groß gewachsener Mann in schwarzem Lederjackett und dazu passender Hose zwängte sich durch eine enge Gasse, die ein paar breitschultrige, ihn noch um Haupteslänge überragende Kerle mit Bodybuilder-Figur für ihn durch die Menge bahnten.

Diese Bodyguards trugen war ebenfalls Ledersackos, aber diese waren ganz in weiß gehalten. Hier und da drückte sich deutlich der Umriss einer Waffe unter dem Leder hervor.

Insgesamt sechs Mann bildeten die Palastwache des Stadthalters der Miami-Connection, der mit Hilfe seiner exilkubanischen Freunde so etwas wie der Drogenkönig von New York werden wollte.

Die weiß gekleideten Bodyguards bildeten einen Halbkreis um uns.

Ein fieses Grinsen spielte um Ellroy Garcias schmallippigen Mund.

Gibt es hier irgendwelchen Ärger?“

Kommt ganz darauf an, ob Sie welchen machen“, sagte Rita und hielt ihm ihren FBI-Ausweis entgegen. „Sie sind Mister Ellroy Garcia?“

Kommt darauf an, was Sie von mir wollen!“ Garcia bleckte die Zähne wie ein Raubtier und wandte sich an Milo und mich. „Manche Männer stehen ja darauf, wenn eine Frau das große Wort führt. Ihr zwei gehört vielleicht zu der Sorte – ich aber nicht.“

Er wollte uns provozieren.

Am besten, man ging nicht weiter darauf ein. Schließlich wollten wir an Informationen herankommen.

Es geht um einen Mann namens Michael Chambers“, erklärte ich sachlich und holte zwei Fahndungsfotos hervor. Das erste entsprach dem jungen Chambers, der sich nur kurzzeitig im Netz der Justiz verfangen hatte.

Nie gesehen!“, behauptete er.

Er hatte die Bilder kaum angefasst, da gab er sie auch schon wieder zurück. „Sehen Sie sich die Fotos genau an“, forderte ich ihn auf. „Chambers hat als Türsteher bei Ihnen gearbeitet!“

Ellroy Garcia runzelte die Stirn und betrachtete die Fotos jetzt eingehender. „Naja. Jetzt, wo Sie es sagen. Es wäre schon möglich.“

Ist in letzter Zeit hier gewesen?“

Chambers?“ Garcia schüttelte den Kopf. „Nein. Den habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen.“ Er zuckte die Schultern und fügte noch hinzu: „Ich nehme an, jemand anderes hat ihm mehr geboten. So ist das nun einmal! Nennt man das nicht freie Marktwirtschaft? Deswegen sind meine Eltern mit mir aus Kuba geflohen. In einem kleinen Fischerboot, das schließlich von einem Schnellboot der amerikanischen Küstenwache aufgebracht wurde. Madre de Dios! Wir wären beinahe alle ertrunken!“

Es gibt aber auch in der Marktwirtschaft ein paar Geschäfte, die gegen das Gesetz sind, Mister Garcia“, stellte ich klar.

Ellroy Garcia runzelte die Stirn.

Worauf wollen Sie hinaus?“

Darauf, dass dieser Chambers wahrscheinlich der Täter in einer ziemlich grausigen Mordserie ist“, mischte sich nun wieder Rita Moreno ein. „Fassen wir es so zusammen: Ein Mann, der schon für Sie gearbeitet hat, räumt ein paar Leute aus dem Weg, die Ihren geschäftlichen Plänen bislang im Wege standen. Da drängt sich doch gleich der Verdacht auf…“

Rita verstummte.

Ellroy Garcia war dunkelrot angelaufen. Er vollführte eine ruckartige Bewegung und fuhr seinen Zeigefinger wie ein Klappmesser aus. „Hören Sie mir gut zu, Lady! So reden Sie vielleicht mit diesen beiden Zwergen hier, die Sie in Ihrer Begleitung haben – aber nicht mit mir! Haben Sie das verstanden?“

Ich lasse mich von niemanden einschüchtern!“, erklärte Rita. Anschließend folgte ein Wortschwall auf Spanisch. Garcia war im ersten Moment etwas verwundert, ehe er schließlich in ein heiseres Gelächter verfiel.

Er wandte sich an mich. „Die Kleine hat mich noch nicht kennen gelernt, Senor! Es verdad!“ Er kicherte dabei dreckig.

Jetzt wurde es mir zu bunt. „Wir können die Vernehmung auch im Bundesgebäude an der Federal Plaza durchführen – und notfalls steht Ihnen dort sogar eine hübsche Übernachtungsmöglichkeit im Stile einer Gewahrsamszelle zur Verfügung!“

Das Problem ist dabei nur, dass Sie mir nichts nachweisen können. Ich habe nichts getan, was gegen die Gesetze verstößt, Mister…“

Für Sie Agent Trevellian.“

Wie auch immer.“

Und was, wenn wir Ihnen doch etwas beweisen können?“

Dann hätten Sie die Handschellen schon angelegt. Ich kenne euch G-men doch.“

Garcia beugt sich vor. Er deutete auf mich und sagte: „Ich will mit Ihnen unter vier Augen sprechen. Gehen wir in ein Separee. Ihre Kollegen können sich in der Zwischenzeit einen Drink genehmigen oder einfach nur das Leben im STARFIRE genießen. Okay?“

Ich bestehe darauf, dass…“ begann Rita.

Der Exilkubaner schnitt ihr auf Spanisch das Wort ab, ich verstand kaum ein Wort. Schließlich sagte er auf Englisch an Milo und mich gerichtet: „Ich rede nur mit einem von euch. Darüber diskutiere ich nicht. Sie können natürlich versuchen, mich vorläufig festzunehmen, aber ich brauche Ihnen ja wohl nicht zu sagen, dass Sie mich schon wenige Stunden später wieder auf freien Fuß setzen müssten, wenn sich nicht jemand findet, der uns anklagt!“

Okay, wartet hier“, sagte ich zu Rita und Milo gewandt.

Rita schimpfte auf Spanisch vor sich hin. Aber es hatte keinen Sinn, gegen die Gepflogenheiten von Garcias Leuten angehen zu wollen.

Wir brauchten Informationen und ich hatte das Gefühl, dass Garcias bereit war, uns – beziehungsweise mir – etwa zu sagen hatte, was für den weiteren Gang der Ereignisse wichtig sein konnte.

Gehen wir!", sagte Garcia an mich gerichtet.

Er wandte sich an seine Bodyguards und gab ihnen ein paar Anweisungen auf Spanisch. Nur einer von ihnen folgte uns.

Ellroy Garcia führte mich eine Freitreppe hinauf. Hinter einer Balustrade befanden sich Bistro-artige Tische und eine Bar. Der Boden vibrierte leicht durch die wummernden Bässe.

Garcia schnipste mit den Fingern, worauf hin der uns begleitende Bodyguard zurückblieb.

Ellroy Garcia führte mich in ein Separee. Wir setzten uns.

Hören Sie zu, G-man, was ich Ihnen jetzt sage, ist inoffiziell. Sie werden nichts davon vor Gericht oder irgendwo sonst verwenden können. Und was diese Pute angeht..."

Damit konnte er nur Rita Moreno meinen. Ich konnte nur einige Brocken Spanisch, aber mir war bekannt, dass eine Pute auch gleichzeitig eine gängige Bezeichnung für eine Prostituierte war.

Was haben Sie gegen Agent Moreno? Wenn sie sich nicht unnötigen Ärger einhandeln Wollen, sollten Sie ein Mindestmaß an Respekt zeigen."

Respekt?" Garcia machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich hatte einen Neffen, unten in Miami. Und diese Frau hat ihn auf dem Gewissen! Sie hat ihn kaltblütig erschossen."

Ich nehme nicht an, dass das schon die ganze Geschichte ist", erwiderte ich.

Garcia lachte heiser.

Sie haben sicherlich die Möglichkeit, Einsicht in die Akte zu bekommen. Mein Neffe wollte sich nur in einem Club amüsieren. Agent Moreno verdächtigte ihn, mit Drogen gedealt zu haben und wollte ihn verhaften. Bueno, haben wir uns nicht alle irgendwann mal auf solche Sachen eingelassen, als wir jung waren?"

Manchen passiert das sogar im fortgeschrittenen Erwachsenenalter", erwiderte ich kühl.

Garcia verzog das Gesicht zur Karikatur eines Lächelns.

Sie wollten doch wissen, weshalb ich Ihre Kollegin nicht leiden kann. Ich habe sie vor Gericht erlebt… eiskalt. Ein Yanqui-Richter hat dafür gesorgt, dass das Verfahren gar nicht erst eröffnet wurde. Fragen Sie Agent Moreno doch mal bei Gelegenheit nach der Sache und lassen Sie mich wissen, was für Ausreden sie Ihnen gegenüber erfindet. Angeblich soll sie gesagt haben, dass mein Neffe Dario eine Waffe ziehen wollte. In Wahrheit war es nur ein Zigarettenetui."

Wie heißt Ihr Neffe?"

Dario Garcia Llamador."

Ich hoffe, Sie wollen mir nicht nur etwas über Ihren Neffen erzählen", sagte ich. „Wenn ich mich richtig erinnere, waren Sie gerade dabei, mir weiszumachen, dass Sie sich nicht an Michael Chambers erinnern."

Garcia atmete tief durch. „Natürlich erinnere ich mich an Chambers. Aber ich schwöre Ihnen, dass ich ihn seit Jahren nicht gesehen habe. Keine Ahnung, wo der jetzt abgetaucht ist."

Wir fahnden wegen mehrfachen Mordes nach ihm. Unseren Erkenntnissen nach ist er als Profikiller tätig. Aber ich nehme an, dass Sie davon schon gehört haben."

Langsam kann ich eins und eins zusammenzählen", meinte Garcia. „Dann sprechen wir mal ein paar offene Worte, G-man. Dass dieses Gespräch offiziell nie stattgefunden hat, brauche ich wohl nicht noch einmal zu betonen.“

Nein, das ist mir inzwischen klar.“

Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie Michael Chambers im Verdacht haben, ein paar Leute umgebracht zu haben, die mit Harry Marini in Verbindung stehen?“

Kann man so sagen.“

Also, weil die Captains des Marini-Syndikats der Reihe nach über den Jordan gehen, und ein Typ der Täter zu sein scheint, der mal für mich gearbeitet hat, kommen Sie jetzt wahrscheinlich auf die Idee, dass ich der Auftraggeber bin. Es verdad?“

Sie müssen zugeben, dass diese Version der Geschichte ziemlich plausibel klingt. Schließlich sind Sie und Marini doch Konkurrenten.“

Erwarten Sie jetzt wirklich, dass ich dazu etwas sage?“

Zu den Geschäften? Nein. Schließlich würden Sie sich damit selbst belasten. Aber wenn Sie nichts mit den Morden an den Marini-Captains zu tun haben, dann könnten Sie uns doch helfen, Chambers zu finden.“

Leider habe ich keinen Kontakt zu ihm. Aber ich könnte Augen und Ohren offen halten.“ Ellroy Garcia beugte sich etwas vor. Er sprach nun in gedämpftem Tonfall. „Ich habe mit diesen Morden wirklich nichts zu tun, G-man! Das müssen Sie mir glauben!“

Aber Sie profitieren davon.“

Nein, das ist nicht wahr! Sehen Sie, alle Welt glaubt, dass meine Leute dahinter stecken – und Sie können sich denken, dass Harry Marini irgendwann gezwungen sein wird, gegen mich loszuschlagen, nur um seine eigenen Leute im Griff zu halten. Ich will gute Geschäfte, aber keinen Krieg. Mit niemandem. Glauben Sie mir, wenn ich wüsste, wer hinter diesen Morden steckt, würde ich heute noch Harry Marini anrufen, um es ihm zu sagen!“

Damit der einen seiner Bluthunde losschicken kann?“

Genau!“

Rufen Sie in dem Fall besser mich an, Mister Garcia“, wies ich ihn zurecht.

Ach kommen Sie. Machen Sie sich nicht lächerlich, G-man! Sie wissen doch genau wie das läuft. Letztlich ist jeder auf sich allein gestellt. War‘s das mit Ihrer Fragerei?“

Nein, eine Sache wäre da noch“, sagte ich.

Heraus damit, damit wir‘s hinter uns haben. Sonst werden Sie mich ja wohl nie in Ruhe lassen.“

Hatte Chambers zufällig eine Tätowierung?“

Nein, nicht dass ich es bemerkt hätte. Aber das ist ja auch schon eine Weile her. Was weiß ich, was er inzwischen mit seiner Haut angestellt hat. Wieso?“

Nur so“, sagte ich.

 

 

Ich wusste nicht so recht, was ich von Garcias Aussage halten sollte. Entweder er war ehrlich – oder ein sehr guter Schauspieler. Vielleicht verfolgten wir tatsächlich einen völlig falschen Ansatz in diesem Fall. Ich dachte an die Kreuze aus Patronenhülsen.

Und an ein Auge und einen Zahn, die Alvarez herausgeschossen worden waren.

Mochte auch sonst alles auf diesen eiskalten Profi hindeuten, aber so etwas passte eigentlich nicht zu Michael Chambers.

Schade, dachte ich. Es hätte ansonsten alles so gut zusammengepasst…

Ich zeigte Garcia noch ein Bild von Alvarez und das Phantombild seines Komplizen. „Die beiden haben bei Jack Luigini die Wohnung verwanzt, sodass sie immer hervorragend über ihn informiert waren und der Killer sich die beste Gelegenheit zum zuschlagen aussuchen konnte“, erläuterte ich.

Bedauerlich für Jack Luigini – aber auch was das angeht, wasche ich meine Hände in Unschuld.“

Ich deutete auf das Foto von Alvarez.

Eigenartig, dass auch Sonny Alvarez für Sie gearbeitet hat.“

Nicht, das ich wüsste.“

Er war in einem Club mit dem Namen CORRIDA beschäftigt.“

Dieser Club ist schon vor längerer Zeit geschlossen worden“, gab Garcia zu bedenken. Ein Muskel zuckte unterhalb seines linken Auges. Irgendetwas schien ihn nervös zu machen. „Im Übrigen hat mir das CORRIDA nicht gehört.“

Offiziell nicht. Sie hatten einen Strohmann eingesetzt.“

Können Sie das beweisen?“

Das muss ich nicht. Ich will nur, das Sie mir jemanden nennen, der mir Auskunft über Alvarez und andere Angestellte des CORRIDA geben könnte.“

Garcia atmete tief durch. „Ziemlich unverschämt, G-man“, meinte er schließlich. „Aber es liegt genauso in meinem Interesse wie in Ihrem, dass diese Morde aufhören, also werde ich Ihnen helfen. Fragen Sie Anthony Lopez, den ehemaligen Geschäftsführer. Er hat sich aus dem Business zurückgezogen und lebt heute in Newark. Ich gebe Ihnen die Adresse und werde vorher mit ihm telefonieren.“

Wenn ihn das auskunftsfreudiger macht – gerne.“

Bestimmt!“

Na, großartig.“

Er notierte mir die Adresse auf die Rückseite einer meiner Visitenkarte, die das FBI für seine Agenten drucken ließ. Als er damit fertig war und mir die Karte zurückgab, meinte er: „Ich denke, wir haben dann alles besprochen - G-man und Sie tun mir einen Gefallen und bringen Rita Moreno nie wieder hier her!“

Kann ich Ihnen leider nicht versprechen, Mister Garcia. Ich hätte da noch eine letzte Frage.“

Machen Sie es kurz. Ich habe meine Zeit auch nicht gestohlen.“

Es gibt hier ein Go-Go-Girl namens Francine Benson.“

Tut mir leid, ich kenne die Namen der Girls nicht. Ich erfreue mich nur an ihrem Anblick. Das macht alles Gary Galinas, mein Geschäftsführer. Frage Sie ihn, wenn Sie etwas über dieses Girl wissen wollen.“

Verstehen Sie, dass es mir schwer fällt daran zu glauben, dass es wirklich Zufall sein soll, dass sowohl der Killer, mindestens einer seiner Komplizen sowie die Frau, die Jimmy DiCarlo begleitet, als er erschossen wurde, irgendwann für Sie oder einen Ihrer Strohleute gearbeitet haben, Garcia.“

Garcias Gesicht erstarrte zur Maske.

Caramba! Ich kann unmöglich für jeden gerade stehen, der irgendwann einmal für mich gearbeitet hat!“, fuhr der Statthalter der Miami-Connection ärgerlich auf. Er schlug mit der Faust auf den Tisch.

Das verlangt auch niemand“, erwiderte ich kühl. „Aber wenn Sie wirklich möchten, dass ich Ihnen glaube, möchte ich Fakten haben. Keine Ausflüchte oder irgendwelche Stories.“

Ich habe Ihnen schon mehr gesagt, als gut für mich ist. Es gibt ein paar Leute, die mich deswegen wahrscheinlich…“ Er verstummte und lehnte sich zurück. Ein paar Augenblicke lang hatte Ellroy Garcia die Kontrolle verloren, aber jetzt erlangte er sie zurück.

Sagen Sie mir, was Jimmy DiCarlo in Ihrem Glitzerladen hier zu suchen hatte. Und jetzt kommen Sie mir nicht auf die Tour, dass er einen Ort gesucht hat, wo er richtig abtanzen konnte!“

Ellroy Garcia pfiff durch die Zähne.

Jetzt kapiere ich, welches Girl Sie meinen.“

Ach, ja?“

So eine Blonde mit scharfen Kurven.“

Kommt hin.“

Ich komme darauf, weil Sie Big Jimmy DiCarlo erwähnten. Er war vor einiger Zeit hier, weil wir ein paar geschäftliche Dinge zu klären hatten. Details werde ich Ihnen nicht sagen. Jedenfalls hat er sich in die kleine Blonde verguckt. Die hat ihm richtig eingeheizt und wie ich gehört habe, sind die beiden wenig später ein Paar geworden. Getanzt hat Francine seitdem leider nicht mehr im STARFIRE.“

Von wem ging die Initiative aus?“, vergewisserte ich mich.

Natürlich von Francine. Ich wollte sie erst davon scheuchen, aber Jimmy DiCarlo war ganz begeistert von ihr. Sie war wohl genau sein Typ und Francine hat ihn sich zielsicher geangelt.“ Ellroy Garcia grinste breit. „Vielleicht hat sie sogar gehofft, dass sie mal DiCarlo Ehefrau wird und für alle Zeiten ausgesorgt hat, aber da hatte sie von Anfang an keine Chance.“

Wieso?“

Na, weil Big Jimmys Onkel die entscheidende Instanz in der Familie ist und Harry Marini ist nun mal als sehr konservativ bekannt.“

Garcias Handy klingelte in diesem Augenblick. Er nahm das Gerät ans Ohr. „Was ist?“, knurrte er und fügte anschließend mit finsterem Gesicht hinzu: „Ich bin gleich da!“

Er steckte das Handy weg und ich fragte: „Gibt es Ärger?“

Ein paar Typen haben unsere Türsteher zu Brei geschlagen. Ich glaube nicht, dass das ein Fall für das FBI ist!“

 

 

Garcia sprang auf und verließ mit weiten Schritten das Separee. Ich folgte ihm. Zu seinem Bodyguard, der an der Bar auf ihn wartete, rief er ein paar Worte auf Spanisch.

Der Riese in weißem Leder war sofort alarmiert.

Garcia hatte schon die erste Stufe der Freitreppe nach unten hinter sich gebracht. Ich war dicht hinter ihm.

Man hatte von hier aus einen ziemlich guten Überblick über das Geschehen im Hauptsaal des STARFIRE. Inzwischen drängelten sich dort die Gäste nur so. Die Bässe dröhnten. Die Tänzer bewegten sich im Takt der vorwärts treibenden Latino-Rhythmen.

Unten im Publikum gab es Unruhe. Stimmen waren zu hören. Ein Raunen durchlief die Menge und übertönte sogar die Musik. Es gab ein Gedrängel. Genaueres war im flimmernden Disco-Laserlicht nicht zu erkennen.

Garcia hatte schon die halbe Treppe hinter sich gebracht, während sein Leibwächter mir eine Hand auf die Schulter legte, mich zur Seite drängte und überholte.

Mir fiel in der Menge das Gesicht einer Mickey Mouse Maske auf.

Sekundenbruchteile später entdeckte ich Goofy, Donald, Tick, Trick und Track…

Der Kerl mit der Goofy-Maske riss plötzlich etwas unter seiner Jacke hervor. Eine Uzi. Mit einer Hand schwenkte er diese äußerst zierliche Maschinenpistole herum. Mündungsfeuer zuckte blutrot aus dem kurzen Lauf heraus.

Die Scheinwerfer zersprangen reihenweise. Silbern leuchtende Laserkugeln zersplitterten. Auch die anderen Maskierten rissen ihre Waffen heraus. Die Laserpointer von Zielerfassungssystemen tanzten durch die Luft. Schüsse peitschten und unter den Gästen brach die schiere Panik aus.

Ellroy Garcia wollte unter sein Lederjackett greifen, aber dazu kam er nicht mehr.

Sein Körper zuckte unter mehreren Treffern am Oberkörper. Er schrie kurz auf, sackte dann nach hinten und rutschte den Rest der Treppe hinunter, wobei er eine Blutspur hinter sich herzog.

Der Bodyguard riss seine Waffe unter dem Jackett hervor. Es war eine großkalibrige Automatik. Der einzige Schuss, den er abgab, ging in die Decke und traf eine der Spiegelflächen, die als Scherbenregen zu Boden ging.

Ein Treffer mitten zwischen den Augen hatte Garcias Leibwächter taumeln lassen und dafür gesorgt, dass er über den Handlauf der Freitreppe kippte. Mit einem dumpfen Geräusch im unteren Frequenzbereich, das zu den wummernden Bass Drums eine Synkope bildete, schlug sein Körper auf den Boden.

Ich duckte mich.

Mehrere Kugeln pfiffen dicht über mich hinweg.

Die Maskierten ballerten wild um sich. Abgesehen von den gezielten Schüssen auf Ellroy Garcia und seinen Leibwächter, schien es den Angreifern vor allem darum zu gehen, ein möglichst großes Maß an Zerstörung anzurichten.

Ich hielt die Dienstwaffe mit der Rechten und fluchte innerlich, denn es gab keine Möglichkeit für mich die P226 auch zu benutzen. Das Risiko, einen Unbeteiligten zu treffen, wäre einfach zu groß gewesen. Ich rutschte und stolperte den letzten Treppenabschnitt hinunter, während es im Raum immer dunkler wurde. Ein Scheinwerfer nach dem anderen war durch gezielte Schüsse ausgeschaltet worden. Glassplitter flogen durch die Luft.

Ich bemerkte den Strahl eines Laserpointers, der knapp an mir vorbei und sich für Sekundenbruchteile an meinem Arm brach.

Ich ließ mich zur Seite fallen, drehte mich herum und riss die Waffe empor.

Oben an der Balustrade stand jetzt ebenfalls ein Maskierter. Er trug eine Spiderman-Maske.

In der Linken hielt er eine langläufige automatische Pistole mit einer aufgesetzten Laserzieloptik.

Er legte die Waffe auf mich an. Aber ich war schneller. Nur ein Sekundenbruchteil blieb mir für eine Entscheidung. Ich drückte ab und meine Kugel traf den Kerl mitten in der Brust.

Er schwankte kurz und schlug anschließend der Länge nach zu Boden.

Er hatte mir keine andere Wahl gelassen.

Inzwischen herrschte im STARFIRE das vollkommene Chaos. Ein Teil der Gäste hatte sich zu Boden geworfen oder versucht, sich hinter Theken oder Tischen in Deckung zu begeben. Andere rannten von blanker Panik ergriffen in alle Richtungen, suchten dabei nach den Ausgängen, hatten aber jede Orientierung verloren.

Es wurde ziemlich dunkel, als auch die letzten, etwas stärkeren Lichtquellen durch Schüsse zerstört wurden.

Ich rappelte mich auf und erkannte sofort, dass es vollkommen sinnlos war, wenn ich mir einen Weg durch die Menge zu bahnen versuchte. Mein einziger Trost war, dass auch die maskierten Killer Mühe haben würden, ins Freie zu kommen.

Die Musik war längst verstummt.

Eine MPi-Garbe hatte eine der gewaltigen Lautsprecher zerstört. Trotzdem herrschte ein schier ohrenbetäubender Lärm. Angstvolles Stimmengewirr, panische Schreie, Hilferufe....

Es war entsetzlich.

Ich hoffte nur, dass es außer Garcia und seinem Leibwächter nicht noch mehr Tote und Verletzte gab, was aber angesichts der äußerst rücksichtslosen Vorgehensweise der Killer eher unwahrscheinlich war.

Anstatt mich also in das Getümmel des Hauptsaals zu stürzen, schnellte ich die Treppe empor. Die wenigen Gäste, die mir entgegenkamen, drängte ich zur Seite. Die meisten der STARFIRE-Besucher, die an den Tischen oder der Bar hinter der Balustrade gesessen hatten, schienen sich nicht so recht darüber schlüssig zu sein, was sie tun sollten. Außerdem existierten rund um die Bar die letzten etwas stärkeren Lichtquellen, die noch nicht dem MPi-Feuer der Maskierten zum Opfer gefallen war.

FBI! Bleiben Sie ruhig!“, rief ich, als eine Frau hysterisch zu kreischen begann, nachdem sie die SIG in meiner Hand erblickt hatte.

Ich erreichte schließlich einen schmalen Korridor und rannte ihn entlang. Dabei folgte ich selbst leuchtenden Hinweisschildern, die eigentlich Besucher auf den Fluchtweg hinweisen sollten. Aber die Situation war dermaßen chaotisch, dass sie so gut wie von niemandem beachtet wurden.

Ich folgte den weißen Pfeilen, rannte einen weiteren Korridor entlang und kam schließlich an eine Fensterfront, die zur Rückseite des Gebäudes ausgerichtet war, in dessen unteren Geschossen sich das STARFIRE befand.

Eine Feuerleiter führte in die Tiefe. Ich schlug mit dem Griff der Dienstwaffe das kleine Glasfenster ein, hinter der sich der Schlüssel befand, mit dessen Hilfe man jene Tür öffnen konnte, die hinaus auf die Feuertreppe führte.

Ich stieß die Tür auf.

Halb rannte, halb rutschte ich die letzten drei Absätze der Feuertreppe hinunter. Unten erwartete mich ein ziemlich enger Hinterhof. Mehrere Fahrzeuge parkten hier. Lieferwagen und lange Limousinen. Ich lag wahrscheinlich richtig mit der Annahme, dass es ein Privileg des STARFIRE-Besitzers war, hier parken zu dürfen. Ich rannte weiter, erreichte die Einfahrt, die durch ein etwa ein Meter fünfzig hohes Gittertor abgesperrt war. Ich sprang hinüber, erreichte eine kleine Nebenstraße, in der Einbahnverkehr herrschte und die von beiden Seiten so zugeparkt war, dass größere Fahrzeuge sich hier wohl ausschließlich im Schritttempo bewegen konnten.

Hier gab es nur wenig Passanten. Die meisten Fahrzeuge, die hier abgestellt worden waren, gehörten vermutlich Gästen des STARFIRE.

Ich nahm das Handy ans Ohr, nachdem ich eine Kurzwahltaste betätigt hatte, um unser Field Office in der Federal Plaza zu erreichen.

Ich bekam Mister McKee an den Apparat und schilderte ihm in knappen Worten, was hier an der Avenue A los war.

Ich werde alles Notwendige in die Wege leiten“, versprach er.

Der Krieg scheint jetzt richtig los zu gehen“, erwiderte ich. „Da braucht man ja wohl nur zwei und zwei zusammenzählen, um sich ausrechnen zu können, dass Marinis Leute dahinter stecken.“

Was wir ihm hoffentlich auch beweisen können, Jesse!“

Ich melde mich wieder!“

Okay, Jesse!“

Ich unterbrach die Verbindung und setzte meinen Weg fort. Zwischen zwei etwa zehnstöckigen und damit für New Yorker Verhältnisse eher flachen Häusern gab es eine Lücke von kaum etwas mehr als anderthalb Metern. Durch diese schmale Gasse konnte man – wenn ich mich nicht völlig falsch orientiert hatte, zurück zur Avenue A gelangen können. Es handelte sich weder um einen regulären Fußweg, noch um eine Straße, denn abgesehen von Motorrädern und Fahrrädern hätte sie nicht passiert werden können. Vermutlich waren es Feuerschutzgründe, die dazu geführt hatte, dass man in diesem Fall nicht wie sonst üblich, direkt an die Mauern des Nachbargebäudes herangebaut hatte.

Jedenfalls war der Weg asphaltiert.

Es herrschte Dunkelheit dort.

Von der anderen Seite hörte ich Schritte.

Ein Bewegungsmelder sorgte für die Aktivierung einer spärlichen Außenbeleuchtung, die aber ausreichte, um die beiden Kerle zu erkennen, die mir entgegen kamen und jetzt ihren Lauf ebenso abrupt stoppten wie ich.

Es waren ‚Mickey’ und ‚Donald’.

Die großen, schwarzweißen Comic-Augen blickten in meine Richtung. Dem Körperbau nach handelte es sich bei beiden um Männer.

Die beiden Männer trugen MPis vom israelischen Typ Uzi, der sich vor allem durch seine Zierlichkeit auszeichnet.

Ich riss die SIG empor.

FBI! Das war der falsche Fluchtweg, den ihr euch ausgesucht habt! Ihr seid verhaftet! Sofort die Waffen fallen lassen und die Masken herunter!“

Für eine volle Sekunde geschah nichts. Die beiden Maskierten standen wie erstarrt da, während ich ihnen mit der SIG in der Faust ein paar Schritte entgegen ging.

Okay, okay, G-man…“ dröhnte es unter der Mickey-Maske hervor. Er schleuderte mir die Uzi entgegen. Gleichzeitig griff er unter die Jacke und riss eine Automatik hervor. Aber ich ließ ihn nicht zum Schuss kommen.

Ich feuerte die SIG ab.

Mein Schuss traf meinen Gegner an der Schulter. Er schrie auf. Die Wucht des Geschosses ließ ihn rückwärts taumeln. Ein ungezielter Schuss löste sich aus seiner Automatik, der als tückischer Querschläger zwischen den Wänden beider Häuser hin und her geschickt wurde.

Glücklicherweise aber oberhalb meiner Kopfhöhe.

Der Mann mit der Donald-Maske hatte einen Sekundenbruchteil zu lange gezögert, um mich mit der überlegenen Feuerkraft seiner Uzi über den Haufen zu ballern. Jetzt schien er zu begreifen, dass das Risiko für ihn verdammt hoch war. Der Lauf meiner SIG war auf ihn gerichtet. Innerhalb der engen Gasse hatte er keinerlei Möglichkeit auszuweichen oder in Deckung zu gehen.

Nicht schießen!“, sagte er und legte vorsichtig die Waffe auf den Boden. Ich näherte mich.

An die Wand und Hände hoch. Beine auseinander und die Handflächen gegen die Wand drücken!“, befahl ich.

Er gehorchte.

Mickey’ wälzte sich derweil am Boden. Die Uzi, die er mir entgegen geschleudert hatte, nahm ich vom Boden auf.

Die Automatik war ‚Mickey’ aus der Hand gefallen, da seine Finger ihm nicht mehr gehorcht hatten. Mit der Linken versuchte er die starke Blutung an der Schulter zu stillen. Der dünne Blouson und das Hemd, das er trug, waren bereits Blut durchtränkt. Rot rann es zwischen seinen Fingern hindurch.

Die Uzi befand sich nur einen halben Meter von ihm entfernt. Seine Muskeln spannten sich an.

Denken Sie nicht einmal daran!“, knurrte ich.

Ich trat hinzu, kickte die Automatik aus seiner Reichweite.

 

 

Ich legte den beiden Männern Handschellen an, zog ihnen die Masken herunter und durchsuchte sie nach Waffen. Dabei fand ich noch einen kleinkalibrigen Revolver vom Kaliber 22, ein Springmesser und zwei Shuriken. Außerdem eine Handgranate und eine Nebelbombe. Letztere hätten sie niemals innerhalb des STARFIRE zünden wollen, beteuerten die beiden – wohl mit Blick auf die zu erwartenden Gerichtsverfahren.

Die Situation rund um das STARFIRE entspannte sich nur langsam.

Einsatzfahrzeuge von FBI, NYPD und Emergency Service näherten sich der Avenue mit Sirenen und Warnlichtern.

Ich telefonierte erst mit Milo und anschließend mit Mister McKee.

Milo berichtete mir, dass Ellroy Garcia noch lebte. Er war zwar schwer verletzt durch mehrere Kugeln, aber noch lebte er.

Einige seiner Leute kümmerten sich um ihn.

Milo und Rita tauchten wenig später bei mir auf, um mir bei den beiden verhafteten Mobstern zu helfen.

Ich brauche einen Arzt!“, rief der Verletzte. „Das ist Polizeibrutalität!“

Sie bekommen einen Arzt, sobald der es geschafft hat, sich bis her durchzuschlagen“, erwiderte ich kühl. „Und dank Ihres Auftritts im STARFIRE können Sie sicher sein, dass es da auch noch andere gibt, die vielleicht sogar dringender Hilfe brauchen als Sie!“

Die beiden hatten Führerscheine und Kreditkarten bei sich, anhand derer wir sie ziemlich leicht zu identifizieren vermochten. Der Verletzte hieß Alex Mantone, sein Komplize trug den Namen Robert Torturro. Über eine Abfrage per Handy hatten wir sehr schnell heraus, dass beide eine Liste einschlägiger Vorstrafen aufzuweisen hatten und in enger Verbindung zum Marini-Syndikat standen.

Alle Achtung, Jesse!“, äußerte sich Rita Moreno voller Anerkennung. „Immerhin haben Sie von dem halben Dutzend schießwütigen Mobstern zwei im Alleingang festgenommen. Das muss Ihnen erstmal einer nachmachen!“

War Glück dabei“, schränkte ich ein.

Jetzt spielen Sie nicht den Bescheidenen, Jesse. Das passt doch gar nicht zu Ihnen.“ Dabei zwinkerte sie mir zu. Ich hatte das Gefühl, dass zum ersten Mal, seit ich ihr in Mister McKees Zimmer begegnet war, wenigstens ein Teil der inneren Anspannung von ihr abgefallen war, die offenbar ansonsten vollkommen von ihr Besitz ergriffen hatte.

Eine Anspannung, die vielleicht tatsächlich mit den Dingen in Zusammenhang stand, die Ellroy Garcia mir über sie berichtet hatte.

Die anderen kriegen wir auch noch“, äußerte sich Milo zuversichtlich. „Wir wissen jetzt jedenfalls schon mal, wo wir suchen müssen. In Little Italy nämlich.“

Ich wandte mich an die beiden Mobster. „Sie wissen ja, dass Sie das Recht zu schweigen haben und einen Anwalt hinzuziehen können. Schließlich wurden Sie heute ja nicht zum ersten Mal verhaftet.“

Dann würde ich sagen, machen wir Gebrauch davon“, knurrte Robert ‚Donald Duck’ Torturro. „Wir sagen keinen Ton.“

Dumm für Sie – denn jetzt könnten Sie den Vorteil nutzen, als erste auszusagen und damit der Staatsanwaltschaft Ihre Kooperationsbereitschaft zu signalisieren.“

Es hat wenig Sinn, wenn Sie versuchen, uns mit Ihren Tricks und Winkelzügen weich zu kochen“, erwiderte Torturro nach einem kurzen Moment des Schweigens, wobei er kaum die Lippen auseinander bekam, sodass seine Worte ziemlich gepresst wirkten.

Wir können Sie auch schützen, falls sich Ihre Angst darauf bezieht, dass Ihre Auftraggeber…“

Ich habe überhaupt keine Angst!“, behauptete Torturro. „Vor niemandem.“

Wie Sie meinen. Wenn Sie die Schuld an dem, was Sie hier angerichtet haben, unbedingt auf Ihre persönliche Kappe nehmen wollen – ganz allein. Aber ehrlich gesagt verstehe ich Sie nicht. Denn Harry Marini oder einer seiner Captains würde dasselbe umgekehrt niemals für Sie tun. Nun kommen Sie schon! Wer hat Sie beauftragt, hier im STARFIRE alles kurz und klein zu schießen und Ellroy Garcia umzubringen.“

Jetzt mischte sich Milo ein.

Mord, Mordversuch… Totschlag, versuchter Totschlag… Vielleicht sogar fahrlässige Tötung. Von der strafrechtlichen Bewertung her liegen zwischen diesen Taten Welten. Und so, wie ich Ihren Fall sehe, ist da noch alles drin. Der Leibwächter war zwar nicht mehr zu retten, aber Ellroy Garcia hat ja vielleicht mehr Glück und kommt durch. Es gibt übrigens noch fünf andere Schwerverletzte im STARFIRE, von denen drei in Lebensgefahr schweben.“

Sollen sie verrecken!“, knurrte Torturro.

Beten Sie dafür, dass sie überleben“, erwiderte Milo kühl. „Das hat nämlich direkte Auswirkungen darauf, welcher Verbrechen man Sie anklagen wird.“

Diese Männer wissen Ihre Großzügigkeit einfach nicht zu schätzen, Milo“, meinte Rita Moreno.

Milo zuckte die Schultern.

Wir haben es jedenfalls probiert. Wer weiß, vielleicht kommt mehr dabei heraus, wenn wir sie getrennt verhören. Jesse? Hörst du mir überhaupt zu?“

Ich war gerade damit beschäftigt, mir das Handy eines der Verdächtigen genauer anzusehen. Es gehörte dem verletzten Alex ‚Mickey Mouse’ Mantone. Es war ein Prepaid-Gerät, bei dem man im Voraus eine Karte mit einem bestimmten Gegenwert erwerben muss, wenn man nicht, wie sonst üblich, einen festen Vertrag mit einem Telefonanbieter geschlossen hat. Ein Prepaid-Handy ist weitaus schwerer zu identifizieren und abzuhören, weswegen es in den Kreisen des organisierten Verbrechens seit längerem üblich geworden ist, die mobilen Kartentelefone anstatt von Handys mit regulärem Vertrag zu benutzen. Die Prepaid-Handys wurden außerdem noch in entsprechend kurzen Intervallen gewechselt, so dass die Gefahr geortet oder abgehört zu werden auf ein Minimum reduziert wurde.

Mantone hatte es nicht mehr geschafft, sein Gerät abzuschalten, bevor ich ihn verhaftet hatte. Und so war es nun ein Leichtes für mich, in das interne Menue hereinzukommen und unter anderem nachzuforschen, mit wem Mantone in letzter Zeit telefoniert hatte.

Kurz vor dem Anschlag auf das STARFIRE und seinen Besitzer hatte Mantone noch ein Gespräch gehabt. Die Nummer, die er angewählt hatte, ließ ich mir auf dem Display anzeigen und wählte sie nun meinerseits an.

Wer ist da?“, fragte eine raue, etwas heisere Stimme, wenig später, als ich das Gerät ans Ohr nahm. „Robert? Bist du das? Ist alles glatt gegangen?“

Ich unterbrach die Verbindung wieder.

 

 

5. Kapitel

Wie heißen Sie?“

John Smith.“

Und wie lange bleiben Sie?“

Mal sehen. Ein paar Tage.“

Spielen Sie Golf?“

Wieso?“

Wegen der Tasche. Sie scheinen ja eine richtige Profi-Ausrüstung zu haben.“

Wissen Sie was? Ich mag keine Hotelportiers, die viel quatschen.“

Ist ja schon gut.“ Der Mann hinter dem Tresen im Foyer legte die Geldscheine, die John Smith ihm gegeben hatte, einzeln unter die Speziallampe, um zu überprüfen, ob es sich um Falschgeld handelte. Immerhin, hier im STRAND HOTEL an der Bowery nahm man wenigstens noch Bargeld und bestand nicht auf eine Kreditkarte. Früher war das STRAND mal eines jener Häuser an der Bowery gewesen, in denen man Zimmer stundenweise mieten konnte. Ein Bordell, so die langjährige Einschätzung unserer Kollegen von der Vice Abteilung der City Police. Inzwischen war die Prostitution von der Bowery verdrängt worden und für das STRAND hatte das einen noch tieferen Fall bedeutet. Ein Teil der Zimmer wurde jetzt von Leuten bewohnt, die gerade einen Schritt von der Obdachlosigkeit entfernt waren. Ältere Leute, die eigentlich in ein Pflegeheim gehört hätten, sich das aber nicht leisten konnten. Rentner, die durch den Bankrott ihrer Pensionskassen durch die Wirtschaftskrise dazu gezwungen waren, wieder im teuren Manhattan zu leben, weil sie arbeiten mussten.

Der Putz blätterte von den Wänden und es war kein Geld dafür da und der Aufzug war defekt. Aber für John Smith war das genau die richtige Unterkunft. Aus mehreren Gründen. Und eine davon war der, dass Bargeld angenommen wurde.

Smith bekam den Schlüssel ausgehändigt. Etwa ein Drittel der Zimmer waren inzwischen dauerhaft vermietet, ein weiteres stand leer und in dem letzten Drittel wurde das getrieben, wozu das STRAND schon immer gedient hatte.

Nur, dass diese Zimmer nicht mehr Stundenweise gemietet werden konnten, sondern die Prostituierten jetzt auch hier wohnten.

Sie finden den Weg zu Ihrem Zimmer allein?“, fragte der Portier. Er musterte Smith auf eine intensive Weise, die diesem nicht gefiel. Sein Blick konzentrierte sich aus irgendeinem Grund an Smith‘ Hals.

Smith trug ein relativ großes Kruzifix aus Gold um den Hals. Und da im Moment die ersten beide Knöpfe seines Hemdes offen waren, hatte der Portier einen freien Blick auf das kleine Kunstwerk aus Rotgold. Wenn man genau hinschaute, konnte man sehen, dass das Kreuz nicht aus zwei Balken gebildet wurde, sondern aus zwei Schwertern.

Übertreiben Sie es nur nicht mit dem Service!“, sagte Smith zwischen den Zähnen hin durch.

Erster Stock, Sir!“

Danke.“

Smith ging die Freitreppe hinauf. In den dreißiger Jahren hatte dieses Foyer sicher mal richtig nobel ausgesehen!, ging es ihm durch den Kopf. Aber das war lange her.

Das Zimmer hatte er schnell gefunden. Er schloss auf, warf seine Sachen auf das Bett und streckte die Arme aus. Dann öffnete er das Fenster, um die muffige Luft loszuwerden, die den Raum erfüllte. Er ging zum Fenster, das zur Straßenseite ausgerichtet war.

Gut so, dachte Smith.

Dann hatte er alles im Blick.

Mit der Hand berührte er kurz das Kreuz an seiner Brust, ehe er das Hemd schloss. Der Tag des Gerichts kommt für jeden einmal, dachte er. Und wenn es soweit ist, dann wirst du vorbereitet sein, und nicht mit leeren Händen erscheinen.

Er zog die Jacke aus, knöpfte die Hemdsärmel auf und krempelte sie hoch, sodass man das Sonnenblumen-Tattoo sehen konnte. Er vermied es, sich das Tattoo anzusehen. Er vermied jeden unnötigen Blick dorthin. Das Tattoo brannte wie Feuer. Er wusste, dass es Einbildung war. Eine Art von Schmerz, gegen die es nicht einmal Medikamente gab. Dann ging er zum Waschbecken, drehte den Hahn auf und hielt den Arm darunter, sodass das Tattoo überspült wurde. Wasser half. Auch das war Einbildung. Aber so tötet eben eine Wahnvorstellung die andere!, ging es ihm durch den Kopf. Er atmete tief durch und verharrte minutenlang so.

Das Wasser lief seine Arme entlang und er dachte an die Schmerzen, die er gehabt hatte, als die Sonnenblume gestochen worden war.

Es war, als ob er jeden einzelnen Stich noch einmal durchleben würde. Nein, schlimmer, dachte er. Viel schlimmer...

Es ist dein Zeichen!, ging es ihm durch den Kopf. Ein Zeichen, vor dem du nicht in Angst erstarren solltest, sondern dass du stolz vor dir herzeigen solltest.

Eine Stimme drang in sein Bewusstsein – und wenig später auch die Erkenntnis, dass diese Stimme wohl schon etwas länger auf ihn einredete. Jemand klopfte zusätzlich an der Tür.

Heh, lassen Sie doch nicht das Wasser die ganze Zeit über laufen!“, beschwerte sich eine brüchige Männerstimme.

Der Mann, der sich John Smith nannte, straffte seinen Körper.

Von einer Sekunde zur anderen war er wieder im Hier und Jetzt. Er drehte das Wasser ab. Der Mann auf der anderen Seite der Tür klopfte so heftig, dass er davon wahrscheinlich gar nichts mitbekam.

Ist ja gut!“, rief Smith.

Aufsehen konnte er jetzt wirklich am wenigsten gebrauchen. Er ging zur Tür, öffnete. Ein weißhaariger Mann, kaum ein Meter sechzig groß, stand vor ihm. Er stützte sich auf einen Krückstock. Die Gläser seiner Brille, die ihm ziemlich weit nach vorn auf die Nase gerutscht war, waren flaschendick.

Das ist nicht zum Aushalten, wenn Sie die ganze Zeit das Wasser laufen lassen!“, meinte er. „Ich wohne nebenan. Die Leitung führt an meiner Wand entlang.“

Ich habe es ja abgestellt“, versuchte Smith ihn zu beruhigen.

Bleiben Sie länger hier, Mister...“

Ich glaube nicht“, sagte Smith.

Ein halbes Jahr hat hier niemand gewohnt, da war himmlische Ruhe. Wissen Sie, ich lege mich um diese Zeit immer etwas hin, und wenn dann das Wasser durch die Leitung rasselt.“

Sir, ich werde versuchen, auf Sie Rücksicht zu nehmen“, versprach der Mann mit dem Sonnenblumen-Tattoo.

Der Blick des alten Mannes war jetzt auf genau dieses Tattoo gefallen. „Sind Sie zur See gefahren – oder waren Sie im Knast?“, fragte er.

Das war zu Ihrer Zeit so. Heute tragen alle möglichen Leute Tattoos – und manche davon wählen sogar die Republikaner oder gehen zur Kirche!“ Smith‘ Handy klingelte. Er hatte es in der linken Hosentasche und holte es hervor. Ein Blick auf das Display sagte ihm, dass es wichtig war. „Sie entschuldigen mich jetzt bitte“, wandte er sich noch einmal kurz an den Alten und ließ ihn dann ziemlich verdutzt stehen. Smith schloss die Tür und nahm das Gespräch entgegen.

Francine?“

Heute Abend ist es so weit. Scirea wird pünktlich am vereinbarten Ort sein.“

Dann hat er sich darauf eingelassen,“ murmelte Smith und ein eisiges Lächeln umspielte seine Lippen.

Dem steht das Wasser bis zum Hals, denke ich“, meinte Francine. „Der weiß genau, was geschieht, wenn er nicht erscheint.“

Es hat eben seine Vorteile, wenn man gut informiert ist“, sagte Smith. „Bis heute Abend.“

Tun Sie mir einen Gefallen.“

Das haben Sie sich verdient, Francine!“

Schießen Sie nicht daneben.“

Soll das ein Witz sein?“

Er beendete das Gespräch. Dann schloss er sorgfältig die Tür hinter sich ab und ging zu seiner Golftasche. Viel Zeit blieb ihm nicht, um alles zu überprüfen – aber auf jeden Fall hatte er noch genügend Patronen, um aus deren Hülsen am Ende ein Kreuz legen zu können.

 

 

Milo und ich waren auf dem Weg in die Mott Street. Die Handynummer, mit der Mantone kurz vor dem Mord an Ellroy Garcia telefoniert hatte, gehörte wie erwartet zu einem Wegwerf-Gerät ohne Vertragsbindung. Unmöglich herauszubekommen, wem es gehörte. Die Nummer ließ sich keiner Person mit Adresse, Name und Gesicht zuordnen.

Aber die Stimme, die ich am Ohr gehabt hatte, war mir gleich bekannt vorgekommen.

Sie hatte etwas sehr Charakteristisches. Einen rauen Ton, der sich immer ein wenig so anhörte, als wäre er heiser und leicht erkältet.

Ray Scirea.

Er war der Mann gewesen, der Mantone angerufen und vermutlich instruiert hatte. Ob wir ihm das beweisen konnten, stand natürlich auf einem anderen Blatt.

Aber auch wenn der kurze akustische Eindruck, den ich bekommen hatte, nachdem ich die Nummer gewählt hatte, vor Gericht wohl kaum als ausreichender Beweis gegolten hätte, so war ich jetzt ziemlich sicher, dass wir Scirea trotzdem in der Falle sitzen hatten.

Er hatte nämlich einen Fehler gemacht.

Die Nummern von Wegwerf-Handys kann man zwar nicht zurückverfolgen, aber es ist durchaus möglich, den ungefähren Standort des Sprechers zu orten. Bis auf dreißig Meter genau ließ sich das auch bei Anrufen in der Vergangenheit feststellen, sofern man mit der Überprüfung nicht so lange wartete, bis die Daten gelöscht waren, die festhielten, bei welchem Funkmast sich der Betreffende eingewählt hatte.

In diesem Fall war die Sache klar.

Der Teilnehmer hatte von einem Standort aus telefoniert, der innerhalb eines Gebäudes lag, in dem Ray Scirea sein Penthouse hatte.

Einen solchen Zufall würde ihm wohl vor Gericht kein Geschworener glauben.

Wir erreichten Scireas Adresse in der Mott Street. Es handelte sich um ein Haus im Brownstone Stil, gut gepflegt mit aufwändig restaurierter Fassade.

Ein Security Service sorgte dafür, dass man dort so sicher wie in Abrahams Schoß war.

Scirea bewohnte die gesamte oberste Etage. Ich fuhr den unscheinbaren Chevy aus den Beständen unserer Fahrbereitschaft in die Tiefgarage, die zu diesem insgesamt fünfzehnstöckigen Gebäude gehörte. Für New Yorker Verhältnisse war das ein eher kleineres Gebäude. Ich schätzte, dass es irgendwann in den Dreißigern oder Vierzigern gebaut worden war. Nur die Tiefgarage, die hatte man wohl erst viel später darunter gebaut.

Unsere Kollegen Clive und Orry trafen kurze Zeit nach uns ein. Jay und Leslie ließen ebenfalls nicht lange auf sich warten.

Unsere FBI-Dienstausweise überzeugten die Angehörigen des Security Service davon, uns keine Schwierigkeiten zu machen.

Der Aufzug trug uns hinauf. Gleichzeitig wurde uns über Funk gemeldet, dass einige weitere Agenten unseres Field Office eingetroffen waren.

Ich habe den Haftbefehl und die Erlaubnis einer Wohnungsdurchsuchung dabei – und ich bezweifle, dass selbst die besten Anwälte ihn so schnell wieder auf freien Fuß bekommen!“, knurrte Clive Caravaggio etwas unwirscher, als es sonst seine Art war, in das Mikro hinein, das er am Kragen trug. „Ich möchte, dass alle Aus- und Eingänge besetzt werden. Scirea darf uns nicht durch die Lappen gehen.“

In diesem Punkt hätte niemand von uns Clive widersprechen mögen. Was die Frage anging, wie lange wir Scirea in Haft halten konnten, hing das im Wesentlichen davon ab, ob die Durchsuchung der Wohnung etwas zu Tage bringen würde, was den Anfangsverdacht erhärtete. Scirea hatte als hohes Mitglied des Marini-Syndikats ein Motiv, um Ellroy Garcia umbringen zu lassen. Und er hatte mit einem der Killer kurz vor der Tat telefoniert. Das zusammen musste eigentlich reichen, um ihn zumindest bis zur Anhörung vor der Grand Jury ohne Kaution aus dem Verkehr zu ziehen. Was danach geschah und ob dann ein Hauptverfahren eröffnet wurde, stand auf einem ganz anderen Blatt. Da hatten wir leider schon die bösesten Überraschungen erlebt.

Aber letztlich war gute Polizeiarbeit im Vorfeld immer die Voraussetzung, damit die Justiz nachher ihren Job machen konnte. Ich jedenfalls lehne es ab, mich über eine zu lasche Justiz zu beklagen, sondern frage mich immer erst einmal, ob wir selbst alles richtig gemacht haben.

Wir fuhren mit dem Fahrstuhl hinauf. Als wir vor der Tür zu Ray Scireas Wohnung standen, bekamen wir über Headset die Nachricht, dass auch gerade unsere Erkennungsdienstler Sam Folder und Mell Horster eingetroffen waren. Der Durchsuchungsbeschluss erlaubte es uns nämlich auch, die übliche erkennungsdienstlichen Untersuchungen durchzuführen und zum Beispiel in den von Scirea genutzten Räumen nach Fingerabdrücken zu suchen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich einige dieser Profile in unseren über NYSIS zugänglichen Datenbeständen befanden war sehr groß. Und möglicherweise ergaben sich schon allein dadurch, dass wir beweisen konnten, wer sich in letzter Zeit so alles in Scireas Wohnung aufgehalten hatte, neue Zusammenhänge.

Orry betätigte die Klingel.

Es reagierte zunächst niemand.

Also klingelte Orry noch einmal. Wir hatten unsere Dienstwaffen im Anschlag. Schließlich konnte niemand sagen, wie Ray Scirea auf unseren massiven Auftritt reagieren würde und ob er nicht vielleicht von ein paar schießwütigen Kampfhunden in Menschengestalt begleitet wurde. Gerade wenn er etwas mit der Erschießung von Ellroy Garcia zu tun hatte, dann musste er ja schließlich damit rechnen, dass eine Antwort der Miami-Connection nicht lange auf sich warten lassen konnte. Der Krieg unter den Drogenbossen war so oder so in eine neue Phase getreten.

Als Orry zum zweite Mal klingelte, meldete sich jemand an der Sprechanlage. Eine Kamera erfasste uns.

Ja bitte?“ Es war eine Frauenstimme.

FBI. Machen Sie bitte die Tür auf, oder wir werden uns gewaltsam Zutritt verschaffen müssen“, erklärte Orry.

Einen Augenblick lang geschah nichts, außer dass es in der Leitung der Sprechanlage einmal knackte.

Eine zierliche Frau in den mittleren Jahren öffnete uns. Ihr schwarzes Haar war zu einem Knoten zusammengefasst und mit Spuren von Grau durchwirkt. Sie trug ein Kleid, das vermutlich maßgeschneidert war. Der Schmuck war dezent und verriet Stil – aber er hatte vermutlich mehr gekostet, als ein G-man in einem halben Jahr verdiente.

Wir zeigten unsere Dienstausweise.

Wir suchen Mister Ray Scirea“, sagte Clive.

Ich bin seine Frau! Mein Mann ist nicht zu Hause.“

Davon müssen wir uns leider erst selbst überzeugen.“

Milo drängte sich an ihr vorbei und drang in die Wohnung vor.

Dazu haben Sie nicht das Recht!“, zeterte Mrs Scirea und verstummte sogleich, als Clive ihr den Durchsuchungsbeschluss und den Haftbefehl zeigte.

Doch, das haben wir. Und ich schlage vor, dass Sie sich kooperativ verhalten.“

Den Teufel werde ich tun!“, fauchte sie auf eine Art und Weise, die zu ihrem ansonsten so damenhaften Auftreten einen seltsamen Kontrast bildete. „Ich kenne meine Rechte. Ich werde einen Anwalt anrufen.“

Sie ging zu einem Telefon, das auf einer Kommode stand. Ein uraltes Modell mit Wählscheibe, das die Scireas wohl aus nostalgischen Gründen in ihrer Wohnung hatten. Möglicherweise war aber auch nur das Äußere des Gerätes auf alt getrimmt, während sich im Inneren die neueste Technik befand. Clive kam ihr zuvor und legte den Finger auf die Gabel.

Sie sind nicht verhaftet, deshalb haben Sie auch kein Recht einen Anwalt anzurufen...“

Ich protestiere!“

...der dann anschließend wohl nur Ihren Mann warnen würde!“

Wie können Sie es nur wagen! Ich werde eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Sie anstrengen und das FBI auf so viel Schadensersatz verklagen, dass man Sie nie wieder von Ihrem Schreibtisch fortlässt, Mister...“

Agent Caravaggio. Dies sind meine Kollegen Medina, Tucker und Trevellian. Und gleich werden hier noch ein paar weitere Agenten eintreffen. Gibt es in dieser Wohnung Räumlichkeiten, die ausschließlich von Ihnen benutzt werden? Dann sollten Sie uns das jetzt sagen, damit wir das berücksichtigen können.“

Sie können mich mal.“

Gut, dann werden wir das nach Augenschein beurteilen. Wie Sie wollen.“

 

 

Milo und Orry hatten im Nu die Wohnung durchsucht. Es befand sich tatsächlich niemand dort.

Clive und ich begleiteten Mrs Scirea in das außerordentlich großzügig angelegte Wohnzimmer. Es war mit Antiquitäten vollgestopft und wirkte vollkommen überladen. Die Scireas hatten hier wohl alles gesammelt, was gut und teuer war und ihnen außerdem gefiel. Aber in einem Raum von mehr als hundertfünfzig Quadratmetern verloren sich auch die größten Schränke noch.

Was werfen Sie meinem Mann vor?“, fragte Mrs Scirea.

Wie wäre es mit Verabredung zum Mord“, meinte ich.

Das beweisen Sie mal!“

Jedenfalls wurde mit einem Handy aus dieser Wohnung telefoniert, kurz bevor die Killer zugeschlagen haben und einen Mann namens Ellroy Garcia umgebracht haben, dessen Tod sich Ihr Mann schon lange wünschen dürfte.“

Das ist doch an den Haaren herbeigezogen, Agent...“

Trevellian. Sagen Sie das nicht. Wir haben zwei der Täter in Gewahrsam und es könnte durchaus sein, dass es sich die beiden nochmal überlegen, ob sie wirklich die ganze Schuld auf sich nehmen wollen oder doch besser mit der Justiz zusammenarbeiten wollen.“

Sie bluffen doch.“

Falls Ihr Mann auf der Flucht sein sollte, hat er keine Chance, zu entkommen. Die Fahndung läuft. Ob am Flughafen oder auf irgendeinem Interstate Highway – man wird ihn bei der erstbesten Kontrolle ergreifen.“

Mrs Scirea verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre Körperhaltung verriet Stolz. „Ich werde in meinen Rechten verletzt! Das ist Polizeiwillkür!“, beharrte sie in Unkenntnis ihrer tatsächlichen Situation.

Wenig später erreichten auch unsere Kollegen Sam Folder und Mell Horster die Wohnung der Scireas.

Inzwischen kam Milo aus einem der anderen Räume. Er hatte inzwischen Latexhandschuhe übergestreift, schon um keinen Anpfiff von unseren Kollegen vom Erkennungsdienst zu bekommen. In der Hand hielt er mehrere bunte Heftchen. Er breitete sie auf dem Tisch auf. Das erste, was mir auffiel, waren die Menschen mit weit aufgerissenen Augen, die auf den Titelblättern dieser Hefte abgebildet waren. Männer, Frauen und Kinder, die geradezu aus ihrem Inneren heraus zu leuchten schienen. Im Hintergrund leuchteten zudem irgendwelche Lichtstrahlen, die im übrigen auch die Köpfe der Abgebildeten wie Heiligenscheine umflorten. CHURCH OF JUDGEMENT stand in flammenden Lettern oben rechts. KIRCHE DES GERICHTS – hörte sich für mich nach einer mehr oder minder jenseits-orientierten Sekte an.

Milo wandte sich an Mrs Scirea.

Dies haben wir auf dem Schreibtisch Ihres Mannes gefunden – und im Papierkorb sind noch mehr davon.“

Mrs Scireas Gesichtsausdruck veränderte sich nur für einen sehr kurzen Moment, dann hatte sie die Kontrolle darüber wiedergewonnen. Ihre Züge wurden zu einer undurchdringlichen Maske. „Was soll damit sein?“

Ihr Mann scheint sich sehr für diese Kirche zu interessieren“, stellte Milo fest. „Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass Harry Marini es einfach so hingenommen hätte, wenn einer seiner engsten Vertrauten etwas anderes als katholisch gewesen wäre.“

Clive bestätigte dies. „Marini gilt in diesen Dingen als sehr konservativ und betrachtet Religion auch keineswegs als Privatsache.“

Wir waren nie etwas anderes als Katholiken“, sagte Mrs Scirea. „Und so wahr ich hier stehe, wir werden auch nie etwas anderes sein! Diese Hefte da haben wir in letzter Zeit massenhaft zugesandt bekommen. Warum kann ich Ihnen nicht sagen. Nur so viel ist gewiss: Weder mein Mann noch ich haben diesen Sektenmist bestellt!“

Milo nahm eins der Heft und blätterte darin herum. „Ich habe etwas in diesen Heften herumgelesen. Es scheint immer wieder um ein Thema zu gehen: Dass jeder, der nicht umkehrt und Buße tut, einem göttlichen Gericht überantwortet werden wird.“

Ja, und wahrscheinlich werden alle diejenigen, die ohne Sünde sind von irgendwelchen Ufos errettet! Schmeißen Sie den Mist weg! Ich habe keine Ahnung, weshalb mein Mann dieses Zeug nicht längst entsorgt hat!“

Mrs Scirea bekreuzigte sich und für einen Moment blitzte der Widerwille auf, den sie offenbar gegenüber der CHURCH OF JUGDEMENT empfand.

Milo blickte in meine Richtung. Ich verstand schon, weshalb er die Heft angeschleppt hatte. Sie passten einfach nicht in das Bild, das wir uns von Ray Scirea gemacht hatten. Und allein deswegen waren sie für uns schon interessant. Aber im Moment konnte ich noch keinen Anhaltspunkt erkennen, wie uns die dunklen Drohungen der CHURCH OF JUGDEMENT weiterbringen konnten.

Ich nahm mir auch eins der Hefte.

Von der Möglichkeit war da die Rede, dass ein zum Sünder gewordener Mensch die Schuld seiner Taten tilgen konnte, indem er sich zum irdischen Arm des Gerichts machte. „Für niemanden ist es zu spät!“, stand dort.

Für eine Midlife Crisis war Ray Scirea eigentlich mindestens zehn Jahre zu alt, fand ich.

Ich hörte nur halb hin, während Clive Mrs Scirea noch ein paar Fragen stellte.

Dann klingelte plötzlich mein Handy.

Am Apparat war unser Kollege Max Carter. Unser Kollege aus dem Innendienst rief von der Zentrale an der Federal Plaza aus an.

Was gibt‘s, Max?“, fragte ich, denn ich hatte bereits an der Anzeige im Display gesehen, wer am anderen Ende der Verbindung war.

Das Handy, dessen Aufenthaltsort wir peilen sollten, ist soeben für ein paar Augenblicke benutzt worden.“

Ich hoffe, lange genug, um Ray Scirea orten zu können!“, meinte ich.

Du wirst dich wundern, Jesse!“

 

 

6. Kapitel

Der junge Latino wirkte nervös. Er hatte die Kapuze seines Kapuzenshirts über den Kopf gezogen, sodass es ihm fast bis zum Nasenansatz herunterhing. Die obere Hälfte seines Gesichts lag im Schatten.

Die schwarze Stretch-Limousine hielt. Eine Scheibe glitt herab.

Was gibt es, Paco?“, fragte eine ruhig klingende Stimme.

Ich dachte, wir regeln vielleicht erst das Finanzielle.“

Du kannst ziemlich lästig werden.“

Aber das, was ich Ihnen zu sagen habe, wird Sie brennend interessieren. Die Lady, die ich beobachten soll, war nämlich nicht allein.“

Und? Etwas genauer hätte ich es schon ganz gerne!“, forderte die Stimme aus dem Inneren des Wagens. Aber Paco war offenbar nicht gewillt, seinen Trumpf vorzeitig aus der Hand zu geben.

Wie ich schon sagte, Mister Scirea. Es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn Sie zuerst Ihre Außenstände begleichen würden, comprendido?“

Ray Scirea griff in die Innentasche seines Jacketts, holte ein paar Scheine heraus und gab sie Paco. Dieser steckte sie ein und machte danach allerdings keinerlei Anstalten, den Mund aufzumachen und einen Ton zu sagen. Stattdessen hielt er Scirea noch einmal die Hand hin und grinste dabei. Er kaute dabei auf einem Kaugummi herum, machte eine Blase damit und ließ sie platzen.

Das waren die Alt-Schulden. Aber ich denke, Sie sollten noch etwas drauflegen. Das unterstützt mein Erinnerungsvermögen immer ungemein, müssen Sie wissen.“ Paco grinste fast von einem Ohr zum anderen. Sein zweiter Versuch, eine Blase zu produzieren, schlug kläglich fehl.

Ray Scireas Gesicht lief unterdessen tiefrot an. Seinen Zorn vermochte der Italoamerikaner nur sehr mühsam im Zaum zu halten. Aber im Moment blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als noch ein paar Scheine dazuzulegen.

Da war ein Typ, mit dem sich Ihre Lady getroffen hat.“

Etwas mehr wüsste ich schon gerne!“

Mitte dreißig, groß, aschblonde Haare, trug Jeans und einen Blouson. Außerdem eine Baseball-Kappe.“

So wie eine Million Männer sonst noch in New York!“

Er trug ein Kreuz um den Hals. War aus Rotgold.“

Viel ist das nicht, was du mir da lieferst!“

Das Kreuz war schon ziemlich seltsam. Es bestand aus Schwertern und – Jesús y Maria! - war gar kein richtiges Kruzifix, wenn Sie verstehen, was ich meine!“

Scirea runzelte die Stirn. Paco hielt ihn immer noch hin. Scirea gab Paco noch einen hundert Dollar Schein und sagte: „Wenn das, was du ausspuckst den Schein hier nicht wert ist, dann hol ich ihn mir zurück – und deinen Skalp dazu. Hast du mich verstanden, Paco? Ich kenne Leute, die dich für die Hälfte in eine Portion gekörntes Fischfutter verwandeln.“

Hey, Hombre, warum so gestresst?“ Paco hob die Arme. Unter seiner Jacke beulte sich in Gürtelhöhe etwas. Wahrscheinlich eine Waffe. „Ich will ja nichts weiter als einen Riesen, Senor!“

Du kannst eine Ladung Blei frei Haus geliefert bekommen, Bürschchen!“

Dann sind Sie an dem Führerschein von diesem Typ gar nicht interessiert? No Problemo...“ Paco drehte sich um. Er ging zwei Schritte. Seine Hand glitt dabei unter die Jacke.

Warte!“, rief Scirea.

Paco drehte sich um.

Ist schon okay, wenn Sie nicht interessiert sind, Mister Scirea.“

Du hast den Führerschein?“

Si. Für einen Riesen.“

Den kriegst du!“

Jetzt kostet er anderthalb.“

Paco kam zurück. Scirea zählte eintausendfünfhundert Dollar ab und gab sie Paco. Dieser zählte noch mal nach und gab Scirea dann die Fahrlizenz.

Ist doch immer wieder ein Vergnügen, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Senor!“, lachte er. Die Dollar-Scheine verschwanden in den Taschen seiner übergroßen Jeans.

Wie bist du an die Fahrlizenz herangekommen?“, fragte Scirea.

Paco zuckte mit den Schultern. „Ich habe den Typ im Flur angerempelt. Der Rest ist ein Kinderspiel, wenn man weiß, wie es geht. Ich dachte, Sie wollten irgendwas Handfestes.“

Alles klar, wir sehen uns, Paco.“

Adios y muchos gracias!“

 

 

Ray Scirea ließ das hintere Seitenfenster sich schließen, während sich die Stretch-Limousine bereits wieder in Bewegung setzte.

Scirea blickte auf den Führerschein.

Details

Seiten
1700
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905700
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Mai)
Schlagworte
krimi weihnachts-biblothek sieben thriller seiten spannung

Autoren

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Titel: Die Krimi Weihnachts-Biblothek 2016