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Blake Gordon #8: Der Dämon aus der Hölle

2016 120 Seiten

Leseprobe

Der Dämon aus der Hölle

von Horst Weymar Hübner

Blake Gordon – Band 8

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: pixabay, 2016

Redaktion: James Brian

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Klappe

 

Es sollte nur ein kleines Experiment werden, ein winziger Versuch, für ein entbehrungsreiches Leben nun endlich Glück und Wohlstand einzutauschen.

Der Versuch misslang, denn als der Dämon im Zimmer erschien, hatte der Professor den zweiten Teil der Beschwörung vergessen. Das nutzte der Dämon eiskalt. Er entzog sich dem Bannfluch, der seit eineinhalbtausend Jahren auf ihm lastete und ihn in einem Turm festhielt.

Jetzt war er endlich frei. Jetzt begann seine Zeit...

 

Roman

 

Mit zitternden Lippen las Rodalba die uralte lateinische Beschwörungsformel. Leise, ganz leise, damit ja kein Ton hinausdrang aus seinem Studierzimmer, das aussah wie eine Rumpelkammer aus dem Mittelalter.

Seine vertrockneten Finger fuhren unter den verschnörkelten Worten her. Die Handschrift war schwer zu entziffern. Immer wieder stockten seine Finger, und sein Gemurmel erstarb.

Er suchte das Wort zu deuten, zog Vergleiche, kramte in seinem Gedächtnis, bis ihm Sinn und Zweck des Geschriebenen aufgingen.

Ein gieriges Leuchten erfüllte sein Gesicht von innen heraus. Er hatte gewusst, dass es dieses uralte geheime Buch gab. Und zwar hier in Doring ham.

Zwanzig Jahre lang hatte er in den Archiven der Universitäten drüben im alten Europa und hier in Amerika gestöbert und gegraben, bis er die Spur hatte.

Und zehn Jahre hatte er noch zusätzlich darauf verwandt, die unermesslichen Schätze an Schriften, Urkunden, Dokumenten und Büchern zu sichten, die Leach Manning seinerzeit als ganze Schiffsladung aus Europa herübergeholt hatte.

Rodalba hatte manchmal schier verzweifeln wollen angesichts dieser Berge von Material und des immer misstrauischeren Benehmens der Manning Sippe. Ein Verrückter wurde er genannt  und nicht bloß von den Mannings.

Landauf, landab spotteten die Leute hinter ihm her, wenn er zu seinem baufälligen schäbigen Sommerhaus fuhr, das nichts anderes als eine Bretterhütte

von einem übergeschnappten Goldgräber war.

Vielleicht stellten die Leute auch deshalb eine ganz bestimmte Gedankenverbindung her. Jedenfalls riefen die Kinder hinter ihm her, er sei der beknackte Professor. Die Erwachsenen nannten ihn „Rodalba mit der weichen Birne“.

Und die Mannings wären heilfroh gewesen, wenn sie ihn endlich los gehabt hätten. Er war ihnen unheimlich, wie er kichernd und schlurfend fast jeden Tag durch die Kellerräume ihres feudalen Landsitzes wanderte und Kisten aufbrach, die seit ihrer Ankunft vor rund hundert Jahren noch nicht ausgepackt herumstanden.

Altes Zeug war das, Plunder, manches gefälscht, vor allem die griechischen Skulpturen, die sich Leach Manning damals hatte andrehen lassen.

Und überhaupt war es nur vor der Jahrhundertwende beliebt gewesen, sich das Haus mit antikem Krempel vollzustellen.

Aber selbst dazu war Leach Manning nicht mehr gekommen. Eines Morgens traf ihn der Schlag im Sitzen, und seine Nachkommen waren weit mehr damit beschäftigt, seine Eisenbahngesellschaft in gerechte Anteile aufzustückeln, als ein paar hundert Kisten auszupacken.

Das hatte dann erst Professor Rodalba besorgt.

Der spinnenfingrige schrullige Gelehrte hatte in den zehn Jahren seines Sichtens und Forschens doch so manchen kostbaren Fund gemacht und die Manning Nachfahren darauf aufmerksam gemacht. Aber die hatten nur wenige der wertvollen Entdeckungen droben im Haus aufgestellt.

Der größere Teil war an Museen gegeben worden. Dort konnten die teureren Staubfänger wenigstens vom interessierten Publikum begafft werden.

Wonach Rodalba in Wahrheit aber suchte, das war ein französisches Grimorium. Ein Hexenbuch. Ein geheimes Buch. Bis etwa zu der Zeit, da Leach Manning seine gewaltige Einkaufsreise durchs alte Europa machte, hatte es sich im Kloster St. Vigor in Bayeux befunden. Mit ziemlicher Sicherheit jedenfalls.

Und dann war es weg. Fort, einfach verschwunden.

Aber Leach Manning war in der Stadt gewesen, und zwei nichtsnutzige Burschen mit denkbar schlechtem Ruf fielen noch ein Jahr danach durch unverhältnismäßig hohe Ausgaben und ein flottes Leben auf. Bis dann einer im Suff ins Wasser fiel und jämmerlich ertrank und der andere genau so spurlos verschwand wie das geheime Hexenbuch.

Es war eine Heidenarbeit für Rodalba gewesen, die Ereignisse zu rekonstruieren, die viele Jahrzehnte zurücklagen.

Viele falsche Informationen waren ihm zugeflossen. Er war von Universität zu Universität geirrt und hatte das geheime Hexenbuch gesucht.

Aber er war immer wieder nur Gerüchten aufgesessen.

In Padua endlich gab es ein Schriftstück, in dem Passagen aus dem Grimorium zitiert wurden. Das Dokument datierte aus dem vierzehnten Jahrhundert.

In Upsala erwähnte ein Abt in einem Brief jenes Grimorium.

Natürlich gab es auch noch andere Hexenbücher, und sie waren nicht weniger geheim. Gerade dieses eine aber befasste sich angeblich mit dem Beschwören von Höllendämonen und wie man Gewalt über sie erlangte und sie sich dienstbar machte.

Aus diesem Grunde war Rodalba so unendlich viel an diesem Hexenbuch gelegen.

Seine Seligkeit hätte er dafür hergegeben  wenn sie ihm jemand abverlangt hätte.

Vor vierzehn Tagen erst hatte er in einer geborstenen Kiste mit zerbrochenen Fayencen eine Art Inventarliste gefunden. Darin waren nummerierte Kisten angegeben, ohne dass viel über ihren Inhalt gesagt wurde.

Er hatte sich dann einfach an die Angabe „Antike Bücher“ gehalten.

Aber die Kistennummern auf den Brettern waren unleserlich gewesen. Oder sie waren damals schon auf dem Transport zerkratzt oder abgescheuert worden.

Durch den Inhalt von achtundzwanzig Kisten hatte er sich gearbeitet, bis er endlich einen Folianten in Händen hielt, der das gesuchte Grimorium sein konnte.

Der Einband war aus Holz mit Lederüberzug gefertigt, ganz im Stil der damaligen Zeit. Natürlich war der Holzwurm in den schweren Einband geraten. Die Pergamentblätter mit der verschnörkelten Schrift hatten sie jedoch verschont.

Als Rodalba das geheime Hexenbuch zum ersten Male öffnete, hatte er es sehr vorsichtig und unter Beachtung aller Vorsichtsmaßnahmen getan. Entsetzliche Flüche sollten darauf liegen und den treffen, der die finsteren Mächte frevelhaft herausforderte.

Nichts war passiert.

Das hatte ihn mutiger gemacht.

Er hatte begonnen, die Beschwörungsformeln zu entziffern und zu übersetzen, so gut es ging.

Heute war er auf die richtige Formel gestoßen.

Alle Beschwörungen mussten laut gesprochen werden, wenn sie wirken sollten. Er übte erst einmal, er murmelte die Worte, und immer wieder lauschte er in die Ecken seines Studierzimmers, wenn es dort geheimnisvoll knackte.

Aber es waren nur die Regalbretter, die sich unter dem Gewicht der Bücher bogen.

Rodalbas Stirn glühte wie im Fieber.

Vorbei war die Zeit des Suchens und Forschens, vorbei die Zeit der Entbehrungen. Er war ein alter Sonderling geworden, aber die dreißig Jahre hatten sich gelohnt.

Er war entschlossen, einen Dämon zu beschwören. Der musste ihm zu Reichtum verhelfen, er musste ihm Jugendkraft beschaffen. Er würde ein mächtiger und geachteter Mann sein und nicht der Spinner, hinter dem die Leute her grinsten und sich bezeichnend an die Stirn tippten.

Ihnen allen würde er es noch zeigen!

Er las die Beschwörungsformel an diesem Abend so oft, bis er sich zutraute, sie flüssig und ohne zu stocken herzusagen.

Dann sann er über eine Aufgabe nach, mit der er nachprüfen konnte, ob der Dämon zur Stelle war und ihm auch dienstbar sein wollte. Er holte ein Glas Wasser, zündete zwei schwarze Kerzen an und stellte sie auf die äußersten Ecken des überladenen Schreibtisches.

Draußen war es warm und windig und staubtrocken. Ein kleines, ein winziges Unwetter nur wäre ein guter Beweis, dass der Dämon zur Stelle war.

Rodalba hatte eine dumpfe Angst davor, dass vielleicht nicht alles so glatt ablaufen würde wie erhofft. Aber die Gier, endlich für ein trostloses Leben überreichlich entschädigt zu werden, überwog seine Bedenken.

Und es war ja auch nur eine Probe.

Er stellte sich so, dass er mit den brennenden Kerzen ein gleichseitiges Dreieck bildete, fasste das Glas Wasser mit der linken Hand und sagte mit bebender Stimme: „Besticitum consolatio veni ad me vertat Creon ...“

Nachdem er die Formel gesprochen hatte, schüttete er das Wasser über die linke Achsel hinter sich.

Unheimliche beklemmende Stille herrschte mit einem Schlag. Nicht einmal der Wind vor den Fenstern rührte sich mehr, und die Regalbretter hatten aufgehört, unter dem Gewicht der Bücher zu knarren.

Sekunden vergingen.

Ratlos drehte Robalda das leere Glas zwischen den Fingern. Sein Experiment hatte nicht geklappt, wie es aussah.

Aber dann zuckte er zusammen, duckte sich und schrie gellend auf.

Ein berstender Krach erschütterte das Haus bis in seine Grundfesten, Tür und Fenster sprangen auf, aus dem Nachthimmel zuckten geisterhafte Blitze nieder, denen sofort das schmetternde Tosen der Donnerschläge folgte.

Die Blitze schufen draußen fahle Helligkeit.

Der Schatten einer grauenerregenden Gestalt fiel plötzlich ins Zimmer und wurde ins Groteske verzerrt. Das elektrische Licht erlosch. Seltsamerweise brannten die schwarzen Kerzen weiter, auch wenn heftige Windstöße an den Flammen zerrten.

Ein scharfes Klirren wie von Eisen mischte sich in das Toben der unerklärlichen Gewalten. Von Furcht gepeitscht hob Rodalba den Kopf.

Auf dem Fenstersims saß jemand.

Er wusste sofort, dass es der Dämon war, den er beschworen hatte. Das Wesen war da, und er wusste nicht weiter. Die Furcht schnürte ihm die Kehle zu. Vergessen war alles, was er dem Dämon befehlen wollte. Sein Gehirn war wie leergeblasen.

Der Dämon zeigte menschliche Gestalt, war aber von Kopf bis Fuß behaart. Sein Kopf war länglich, fast wie gedrückt, und die Augen schauten fuchsteufelswild. Mit den Armen machte er drohende Gebärden.

Rodalba sah, dass der Dämon schwere Eisenringe um die Handgelenke trug und dass sie mit einer Kette verbunden waren. Von einem Ring baumelte ein loses Kettenende herab.

Das bedeutete nur eines  das Höllenwesen war irgendwo durch einen Bannfluch festgekettet gewesen. Durch die Beschwörung hatte es sich losreißen können und war hier erschienen.

Rodalba begriff in seinem namenlosen Entsetzen endlich, dass er etwas unternehmen musste. Sonst ergriff der Dämon die Initiative.

Er trat nach vorn, um das Dreieck zu zerstören.

Seine Füße konnte er nur unter unsäglichen Mühen vom Boden lösen, und um ein Haar wäre er nach vorne geschlagen und auf den Schreibtisch gestürzt.

Wieder zuckten draußen Blitze nieder und rüttelten die Donnerschläge an den Mauern des Hauses.

Der Dämon hüpfte vom Fenstersims ins Zimmer und richtete sich auf. Er wurde größer, immer größer, bis er Rodalba um Haupteslänge überragte. Seine behaarten Hände griffen nach dem vor Angst halb irrsinnigen Professor, der jämmerliche Klagelaute ausstieß.

Die Dämonenhände verbogen sich zu Klauen, die langen Nägel wurden spitz wie Dolche.

Rodalba brachte kein vernünftiges Wort zusammen, auch nicht einen zusammenhängenden Gedanken. Nur sein Instinkt sagte ihm, dass er das Hexenbuch haben musste, dass er damit dem Dämon wehren konnte.

Der schien die Absicht zu erkennen.

Ein satanisches Lachen verzerrte das Gesicht, die Töne aus der Kehle des Wesens hörten sich noch schauriger an als das Getöse des herbeigezauberten Unwetters.

Rodalba spürte, wie seine Beine von einer unsichtbaren Kraft wie in Schraubstöcken festgehalten wurden.

Er kam nicht mehr vom Fleck!

Aber wenn er sich nach vorn fallen ließ, prallte er doch auf den Schreibtisch und konnte das Buch packen!

Der Dämon brüllte grässlich auf, als der Professor sich nach vorne warf. Die behaarten Arme zuckten hoch, das lose Kettenende zischte durch die Luft und zerschmetterte Rodalbas Hände, bevor sie das Buch greifen konnten.

Ein paar Kettenglieder hieben tiefe Kerben in die Tischplatte.

Rodalba winselte vor Schmerz und Furcht.

Er spürte die haarigen harten Hände an seinem Hals und kaltes Eisen. Der Dämon zerrte ihm die Kette um die Kehle!

Er hatte das Wesen beschworen, und es war gekommen! Aber er hatte keine Befehle für den Sendboten der Hölle! Darum war der Dämon so wütend! Er bestrafte ihn für den Frevel!

Mit einem mörderischen Ruck zogen die behaarten Hände die Kette zusammen. Rodalbas verzweifelter Hilfeschrei erstickte in einem Gurgeln.

 

*

 

Das größte Anwesen weit und breit war der Besitz der Mannings. Da kam kein Haus in Doringham mit. Und da wohnten nicht gerade die armen Leute.

Die Nachfahren Leach Mannings hatten sich beizeiten vom Eisenbahngeschäft getrennt, als sie merkten, dass damit keine Gewinne mehr zu erwirtschaften waren.

Die großen Profite machte man heutzutage mit Elektronik, mit Öl und Erdgas. Da fiel noch ordentlich etwas ab.

Und weil die Nachfahren von Leach Manning alles etwas anders machten als andere Leute, hatten sie Erfolg. Jedenfalls konnte niemand behaupten, einen von den Mannings je übervorteilt oder zu einem ungünstigen Geschäftsabschluss getrieben zu haben.

Wer mit dem großen Geld noch mehr Geld scheffelte, glaubte, er müsse unbedingt ein Büro in New York oder wenigstens in San Francisco haben.

Die Mannings hielten das für einen alten Zopf und betrieben ihre Geschäfte von Doringham aus. Ihre größten Konkurrenten verstanden dass nicht, aber es funktionierte, und das war schließlich die Hauptsache.

Natürlich waren elektronische Leitungen zu den wichtigsten Handelsplätzen der Welt geschaltet; es gab auch ein Dutzend Fernschreibverbindungen, die Tag und Nacht offen waren, und für alle Fälle, bei denen ein Manning selber anwesend sein musste, standen zwei Geschäftsflugzeuge auf dem städtischen Flugplatz von Doringham bereit.

Die meiste Zeit des Jahres waren die Mannings jedoch in dem weitläufigen Gebäude versammelt, das Leach seinerzeit einfach in die Gegend gebaut hatte, weil ihm der Winkel am Fluss so gut gefiel.

Es war mehrfach umgebaut und modernisiert worden, und die Bungalows von einem halben Hundert Mitarbeiter gruppierten sich mittlerweile drum herum.

An diesem Abend saßen die Mannings wie fast jeden Abend zusammen, um den Familienzusammenhalt zu unterstreichen. Jeder sollte jederzeit das Gefühl und die Gewissheit haben, dass er auf die große Familie zählen konnte und dass sie geschlossen hinter ihm stand.

Darauf beruhte der Erfolg der Sippe.

Und auch der Erfolg vieler anderer Familienclans in diesem Land.

Thomas Philby, der mit Vera Manning verheiratet war und deshalb nur Veras Mann genannt wurde, mixte sich einen Drink zurecht, der einen Bären stockbetrunken gemacht hätte. Thomas Philby war das Gehirn der Manning Sippe, von ihm kamen die meisten Anregungen, die besseren Ideen und die kühnsten Geschäftsvorschläge. Er war ein rücksichtsloser Mensch, hatte mindestens zwei Dutzend Konkurrenten an den Bettelstab gebracht, bevor er ihre Firmen für einen Apfel und ein Ei aufkaufte, und er war auch privat ein rüder Patron.

Das Hauspersonal und die Geschäftsmitarbeiter behaupteten, manchmal könnte man hören, wie er Vera verprügelte, bevor er nach Houston oder Dallas oder Los Angeles oder Miami flog, wo er Freundinnen hatte.

Angeblich lebten auch noch ein paar Flittchen ganz einträglich von ihm.

Mit dem Glas in der Hand trat er an eines der Fenster und schaute über den nach mexikanischer Art angelegten Innenhof zum Gebäudeflügel, in dem der bescheuerte verhutzelte Professor Rodalba seine Studien betreiben durfte.

Drüben brannte Licht, der seltsame Kerl hockte wieder über den Büchern, die außer ihm kein Mensch verstand. Tagsüber stöberte er in den Kellerräumen und packte Leachs schon fast vergessene Schätze aus, die kaum noch jemand haben wollte.

Komischer Knabe, der!“ murmelte Thomas Philby. „Der gehört schon fast zum Haus wie die alten Kisten und die Möbel. Zehn Jahre kriecht der in dem alten Zeug zwischen lauter Spinnweben herum.“

Was sagst du?“, erkundigte sich Dyer Manning. Vom Geschäft verstand er nicht allzu viel, dagegen war er Experte, was Frauen betraf.

Der wunderliche Kerl drüben arbeitet immer noch“, antwortete Philby. „Bei dem Tempo müsste er doch mal fertig werden. Was treibt er eigentlich für Studien, wenn .er nicht gerade Kisten ausräumt?“

Dyer grinste und schlenderte heran. „Kürzlich war ich drüben, habe mir seine Notizen angesehen. Lauter gelehrtes Zeug in Sprachen, die kein Mensch versteht. Ich jedenfalls bin nicht mitgekommen. Und Bücher, die noch von Hand auf Pergament geschrieben sind. Ich sage dir, die Leute, die damals diese Arbeit gemacht haben, müssen jahrelang an so einem Buch geschuftet haben.“

Das macht die Dinger ja auch wertvoll“, meinte Philby grinsend. „Ich will doch hoffen, dass der alte Knabe nicht heimlich welche von den Büchern wegschleppt.“

Dyer schüttelte den Kopf. „Hat er noch nie versucht. Manchmal kramen die Wächter in seinen Sachen herum, wenn er zu seinem Holzhaus rauffährt. Eine durch und durch ehrliche Haut.“

Dann ist er erst recht blöd“, urteilte Philby. „Kein Wunder, dass er’s in seinem ganzen langen Leben nicht weiter als bis zum Hungerleider gebracht hat.“ „Nicht jeder ist wie du. Lauter Philbys, das hält die Welt nicht aus!“ spottete Dyer und wandte sich ab.

Thomas Philby knurrte ihm etwas nach, .das sich mächtig unfreundlich anhörte. Dyer konnte es sich aussuchen, ob es auf ihn oder allgemein auf die Mannings gemünzt war. Aber Philby machte ja kein Geheimnis aus seiner Meinung über die männlichen Mannings, die er allesamt für degeneriert hielt. Seit Leach hatten sie keinen tollen Kerl mehr hervorgebracht, der die Welt in seine Hosentasche steckte.

Der Teufel soll dieses ganze Pack von Nichtstuern holen und den seltsamen Alten dazu“, murmelte Philby. „Vielleicht schmeiße ich ihn raus. Einer muss es ja tun. Und außer mir getraut sich keiner.“

Da war schon etwas dran. Vor Rodalba gruselte ihnen. Besonders den Frauen. Die hüteten sich, dem alten Kauz zu begegnen.

Gerade wollte sich Philby abwenden, als sich die windgebeugten Palmen im Hof aufrichteten. Verwundert beugte er sich vor. Das Rauschen des Windes in den Palmen war eine Musik, die man die ganze Nacht hindurch hörte. Jetzt trat Stille ein. Das war mehr als ungewöhnlich.

Drunten im Hof bewegten sich Schatten und erstarrten.

Es war einer der Wächter mit zwei Bluthunden. Für ihn kam das Aussetzen des Windes ebenso überraschend.

Thomas Philby entblößte die Zähne wie ein Raubtier vor dem Zupacken, als er bemerkte, dass die Bluthunde sich an den hellen Steinboden drückten und ängstlich den Kopf zwischen die Vorderpfoten steckten. Die Tiere wurden zu gut gehalten, das war’s. Die waren neurotisch. Denen ging schon eine plötzliche Windstille aufs Gemüt.

Aber das ließ sich ändern. Dann wurden die Biester eben auf Hungerkost gesetzt. Und wenn das nichts brachte, wurden sie ausgetauscht!

Der Wächter blickte genau zu Thomas Philby herauf.

Dich tausche ich auch aus, denn du hast die Biester zu sehr verwöhnt, dachte Philby.

Er war in streitlustiger Stimmung. Aber das war nichts Besonderes bei ihm,das war der Dauerzustand, in dem sie ihn alle kannten. Die Familie und die, die beruflich mit ihm zu schaffen hatten.

Die jähe Stille, die draußen eintrat, wirkte bis ins Haus hinein. Eine eigentümliche Atmosphäre kam auf, Gespräche wurden einfach unterbrochen.

Vera hatte wie jeden Abend bereits einen sitzen. Sie schaute auf den breiten Rücken ihres Mannes am Fenster und fragte mit unüberhörbarem Zungenschlag: „Was,  hicks, was ist da draußen los, Thomas? Was bedeutet das?“

Dass du schon wieder besoff…“,  rutschte es Philby heraus. Was er noch sagen wollte, blieb ihm im Hals stecken.

Ein berstender Schlag ließ das Haus wanken.

Türen flogen wie von Geisterhand geschleudert auf. Glasscherben landeten klirrend auf dem Steinboden, zwei Bilder fielen von der Wand, und genau vor Philbys Nase zerplatzte die Scheibe, bevor der Fensterrahmen aus dem Leim ging.

Erdbeben!“, brüllte Dyer mit überkippender Stimme.

Die Frauen begannen zu kreischen. Aus der Tiefe des Hauses ertönten Entsetzensschreie des Personals, das ebenfalls ein Erdbeben fürchtete und sich schon unter den Trümmern des Hauses begraben sah.

Fahle Blitze zuckten plötzlich draußen nieder.

Thomas Philby behauptete immer von sich, ihn könne nichts aus der Ruhe bringen. Was er dort draußen im Licht der Blitze aber sah, ließ ihn fast überschnappen.

Hämmernde Donnerschläge rüttelten an den Mauern von Leachs Haus und übertönten das Winseln der Bluthunde und die Entsetzensschreie der Menschen.

Philby griff Halt suchend an die Wand. Die Blitze zeichneten die Umrisse eines seltsamen Turmes nach, ja sie schienen in ihn einzuschlagen und daran zum Boden herabzulaufen.

Aber Thomas Philby wollte bei seiner hartherzigen Seele schwören, dass es auf dem ganzen gottverdammten Besitz von Leach keinen solchen Turm gab und auch nie einen gegeben hatte!

Das Ding sah aus wie von einer Burg.

Ein Turm, aus mächtigen Quadern gebaut, mit dunklen schmalen Fensterhöhlen und Schießscharten und oben mit einer Zinne.

Die Blitze schienen auch inwendig in diesem Turm zur Erde zu laufen. Hinter den schmalen Fensterlöchern flackerte es gespenstisch hell und gerade ein Augenzwinkern lang auf.

Das nackte Entsetzen packte Thomas Philby.

Sah denn niemand außer ihm diesen geisterhaften Turm?

Aber da gellten hinter ihm Veras Schreie auf. Er wirbelte herum.

Sonst ging ihm Vera auf den Geist, wenn sie sich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Heute und jetzt war ihm ihr exzentrisches Getue geradezu willkommen.

Sie sah auch diesen Geisterturm, den es gar nicht gab.

Jedenfalls stand sie mit vorquellenden Augen und offenem Mund, zeigte auf das offene Fenster und schrie wie am Spieß.

Hinter ihr fuhr Dyer herum und zeigte ein Gesicht, als würde ihm eben der Teufel die Hand schütteln.

Und jetzt entdeckten auch die anderen diesen gespenstischen Turm.

Was’n das?“, brachte Dyer gerade heraus.

Es kam alles zu unverhofft. Dieser mörderische Donnerschlag erst, dann das Unwetter, das sich gar nicht angekündigt hatte und das es auf so engem Raum gar nicht geben konnte, und jetzt noch ein richtiger Turm drüben hinter dem Seitenflügel, wo „Rodalba mit der weichen Birne“ über den uralten Büchern hockte!

Für etliche der Mannings war das schlicht zu viel.

Zwei Frauen fielen in Ohnmacht, und Nash, der älteste Manning, schloss sich ihnen einfach an. Mit ihm war noch nie viel los gewesen.

Thomas Philby fuhr wieder herum und starrte auf diesen von Blitzen umflossenen Turm drüben. Eine seltsame Helligkeit breitete sich aus und sickerte in den Raum. Sie kam von draußen, und ihr Mittelpunkt war klar erkennbar dieser Turm. Aber ihre Quelle war nicht zu sehen.

Die Helligkeit entstand einfach aus dem Nichts.

Von einem Fenster des Turms löste sich eine Gestalt. Im ersten Moment dachte Philby an einen Nachtvogel. Aber das Ding wurde größer, und es hatte überhaupt keine Flügel. Aber es segelte durch die Luft. Es schwang sich aus der Höhe nieder, drehte über dem mexikanischen Innenhof eine Kurve und landete drüben auf dem Sims eines Fensters, wo Licht brannte und wo Philby den alten Kauz im Zimmer stehen sah.

In diesem Augenblick erlosch überall das Licht. In den Räumen des Manning Hauses wurde es düster.

Aber sofort zuckten wieder Blitze nieder und sandten ihr fahles Licht aus.

Philby begriff nur eines  hier ging nichts mit rechten Dingen zu, aber rein überhaupt nichts!

Das Unwetter konzentrierte sich ausschließlich auf das Anwesen. Und wo kam so plötzlich dieser Turm her, der aussah wie tausend Jahre alt? Und dann die Gestalt, die flog und keine Flügel

hatte?

Drüben war schwache Helligkeit. Es sah aus, als würden im Zimmer des verrückten Professors Kerzen brennen.

Die Gestalt auf dem Sims richtete sich auf und sprang ins Zimmer.

Thomas Philby hörte hinter sich Dyer ächzen, und er war richtig froh darüber. Es bewies ihm nämlich, dass nicht nur er diese affenartige Gestalt bemerkt hatte.

Ein Affe, der flog  das hatte Philby im Leben noch nicht gehört. Er bezweifelte auch, dass es so was gab.

Einmal hörte Philby ein Geräusch, das ihn an das Klirren einer Eisenkette denken ließ.

Das Tosen und Brüllen und Grollen und Poltern draußen war aber übermächtig laut, so dass er sich sagte, er müsse sich getäuscht haben.

Sieh doch!“, schrie Dyer hinter ihm. „Beim Alten!“

Philby sah es, er starrte ja aus schreckgeweiteten Augen die ganze Zeit hinüber.

Etwas Grauenvolles ging auf dem Anwesen vor, etwas Entsetzliches, für das sie keine Erklärung hatten.

Rodalba schien mit dem Affenwesen zu kämpfen. Es waren hastige Bewegungen zu erkennen. Ein Handgemenge war im Gange.

Das Wesen, dass bei Rodalba eingedrungen war, musste sich auf gespenstische Art vergrößert haben. Es verdeckte das Fenster.

Nach ein paar Atemzügen erschien es auf dem Fenstersims. Es schleppte eine Gestalt mit sich und schien keinerlei Mühe mit ihr zu haben.

Philby, Dyer und wer sonst noch hinsah, hatten es fast erwartet. Es traf sie dennoch wie ein Schlag in den Magen, als sie es mit eigenen Augen sahen  das Affenwesen schwang sich in die Luft und trug die Gestalt mit sich fort.

Im Licht neuer Blitze sahen die entsetzten Augenzeugen, dass es der Professor war. Wie er in den Händen des fürchterlichen Wesens hing und wie sein Kopf und seine Arme und Beine baumelten, war nicht ein Funken Leben mehr in ihm.

Philby glaubte, in einem dieser abgeschmackten Monsterfilme zu sitzen, die er sich manchmal mit seinen Flittchen anschaute, weil die Mädchen auf so etwas standen.

Das hier war kein Film. Das war bitterer Ernst. Das war die Wirklichkeit.

Die gediegene Alkoholfahne aus dem Mund seiner Frau machte ihm das deutlich. Vera klammerte sich angstbebend an ihn.

Und sie sprach es aus, was sie alle dachten, aber sich nicht zu sagen getrauten. Sie waren ja aufgeklärte Menschen, und außer an Geld und Erfolg glaubten sie an nichts.

Ein Gespenst!“, schrie Vera. „O Gott, ein Gespenst!“

Sie bohrte ihre Finger mit den spitzen Nägeln in seinen Arm, dass er unwillig das Gesicht verzog und mit einer wütenden Bewegung ihre Hand abschüttelte.

Das fliegende Wesen ohne Flügel hielt auf den Geisterturm zu. Aber der löste sich von einem zum anderen Augenblick auf. Er war einfach nicht mehr da.

Das Wesen war nicht beeindruckt. Fast schien es mit dieser Entwicklung gerechnet zu haben. Es überflog die Bungalowsiedlung der Mitarbeiter der Manning Sippe und verschwand zum Fluss hinunter.

Das fahle Licht ohne erkennbare Quelle wurde schwächer und verschwand, zwei, drei Blitze zuckten noch nieder und überschütteten das Anwesen und die nähere Umgebung mit blendender Helligkeit.

Und die reichte vollkommen aus, um das entsetzliche Wesen noch einmal

sichtbar werden zu lassen, das den Professor mitgenommen hatte. Es stürzte wie ein Stein nieder und versank im Fluss.

Auch die Wellen waren noch zu sehen, die sich gegen die Ufer ausbreiteten.

So jäh, wie das Tosen und Lärmen draußen begonnen hatte, so plötzlich senkte sich Stille nieder. Eine gespenstische Stille, in die nur das erbärmliche Winseln der Bluthunde und das monotone Murmeln betender Frauen drang. Das Hauspersonal bestand überwiegend aus Mexikanern.

Tut doch endlich was!“, brüllte Dyer los. „Warum tut denn keiner was?“

Jetzt, nachdem es vorbei war, spielten seine Nerven nicht mehr mit. Er war auf dem besten Weg durchzudrehen.

Thomas Philby fuhr herum, packte ihn, drehte ihm das schweißnasse Hemd auf der Brust zusammen und haute ihm zwei herunter.

Reiß dich zusammen, du Arsch!“, schrie er. „Ich weiß nicht, was das da draußen war, aber ich weiß, dass es nicht gut für uns ist.“

Er stieß Dyer von sich. Dyer fiel rücklings über ein Sofa.

Waschlappen!“, sagte Philby verächtlich. Er straffte die Schultern. „Na, dann sehe ich mich mal drüben um!“

Die elektrische Beleuchtung ging wieder an.

Die Mannings, die eben noch gereizt und ängstlich waren, legten ihre äußere Nervosität ab.

 

*

 

Philby kam nur bis zur Tür, als er von Vera zurückgerufen wurde.

Das Telefon hatte geläutet, aber er hatte sich nicht dafür interessiert. Schließlich waren ja genug erwachsene Menschen im Raum, die auch wussten, wie man einen Telefonhörer hielt.

Aber wie es aussah, blieb auch der Anruf an ihm hängen.

Yeah, Philby?“, knurrte er unfreundlich.

Es war der örtliche Polizeichef. In Doringham hatte man das entsetzliche Getöse gehört und erst an eine Explosion auf dem Anwesen der Mannings gedacht.

Bis dann das Unwetter zu sehen war.

Ist bei Ihnen wirklich alles in Ordnung, Mister Philby?“, fragte der Polizeichef. „Mann, ich sage Ihnen, ich habe so etwas noch nie gesehen! Ein Unwetter nur über einem Haus. Na ja, Ihr Anwesen da droben ist natürlich ein ganz schöner Komplex, aber trotzdem habe ich so was noch nie im Leben gesehen.“

Thomas Philby hatte den starken Eindruck, dass der Mann noch etwas sagen wollte und sich bloß nicht getraute.

Reden Sie schon, Meeker, was drückt Ihnen noch auf den Magen?“

Yeah, man will sich ja nicht das Maul verbrennen, nicht wahr? Und manchmal sieht man Dinge, die man besser nicht sieht.“ Meeker hielt sich ein Türchen für den Rückzug offen.

Meinen Sie diesen verdammten Turm, den es hier überhaupt nicht gibt?“

Philby redete nie um eine Sache herum. Er ging immer direkt auf sein Ziel los.

Genau den, Mister Philby.“ Meeker dachte angestrengt nach. „Dann haben Sie ihn auch gesehen? Sir, hier hat das vielleicht eine Aufregung gegeben! Die halbe Stadt war auf den Straßen und hat sich das Schauspiel zu Gemüte geführt, weil ja wirklich jedermann weiß, dass es bei Ihnen droben gar keinen Turm gibt.“

Eben, Meeker. Und deshalb wäre es mir ganz lieb, wenn Sie gleich herauf kommen würden. Der Professor ist nämlich verschwunden.“

Mit einer gewissen lauernden Erwartung spannte Philby auf die Reaktion des Polizeichefs. Schön, den gespenstischen Turm, die Blitze und das übrige Spektakel hatten die Leute von Doringham gesehen. Und weil sie nicht taub waren, natürlich auch gehört.

Er glaubte aber nicht daran, dass sie auch die fliegende Gestalt und die Beute gesehen hatten, die sie mit sich zum Fluss hinunterführte. Dafür war die Entfernung doch zu groß. Und es war Nacht.

Philby atmete auf, als er an Meekers Reaktion merkte, dass er in dieser Hinsicht ahnungslos war. Das fehlte noch, dass die Mannings ins Gerede kamen und mit Geistern und Gespenstern und anderem Zeug in Verbindung gebracht wurden. Für die mannigfachen Geschäfte war das gar nicht gut. Es konnte sogar tödlich sein.

Der seltsame alte Knabe?“, wunderte sich Meeker, seiner Stimme fehlte die Anteilnahme. „Ja, war der bei Ihnen oben?“

Er ist ja fast immer hier oben und stöbert in Leachs alten Sachen. Also bewegen Sie sich und kommen Sie her, Mann!“

Yeah, Sir, ich bin in zehn Minuten da!“, versprach Meeker. Seine Stimme verriet, dass er eingerastet war. So sprangen die Mannings immer mit ihm um. Nicht einmal anständig um einen Gefallen bitten konnten sie!

Philby knallte den Hörer auf. Wütend schaute er sich um.

In der offenen Tür zur großen Halle stand Chavez, der so eine Art Stelle als Haushofmeister bekleidete. Chavez betrachtete die ramponierte Tür, die zersprungenen Scheiben und geborstenen Fenster, die Bilder am Boden und die Gläser, die zu Bruch gegangen waren.

Seine Augen zuckten nur einmal, als er hinter einem Sofa Dyer hervorkriechen und blöd grinsen sah. Dann entdeckte er zwei ohnmächtige Frauen.

Schaffen Sie hier Ordnung!“, wies Philby den Mexikaner an. „Dyer, du kommst mit mir!“

Dyer grinste unsicher.

Ich prügle mich nicht mit dir!“, sagte er vorbeugend.

Philby überhörte es. Mit solchen Nebensächlichkeiten gab er sich nicht ab.

Wir sehen uns drüben um!“, bestimmte Philby. „Ist ja wahrscheinlich Unsinn, aber vielleicht hat uns der verdammte Alte den Krach eingebrockt. Ich habe jedenfalls ein ganz komisches Gefühl.“

Das hatte Dyer auch, und nicht zu knapp. Aber er gab’s nicht zu.

Geh nur allein rüber“, sagte er mit einem flachen Grinsen. „Mich interessiert es nicht.“

Auf einmal? Aber kürzlich hast du in seinen Unterlagen und Studien rumgeschnüffelt!“

Dyer wusste, was die Uhr geschlagen hatte. Er konnte sich nicht drücken. Und wenn er’s wagte, klebte ihm Philby vor versammelter Familie noch ein paar. Dem ungehobelten Kerl machte das nichts aus. Wer seine Frau schlug, der schlug auch seinen Schwager noch einmal.

In der Halle nahm Dyer ein Jagdgewehr aus 'dem Waffenschrank und schob ein paar Patronen ins Magazin.

Für alle Fälle!“ meinte er.

 

*

 

Sie spürten die fremdartige und unheimliche Atmosphäre, die immer noch im Studierzimmer herrschte.

Philby war in Jahren nicht hier gewesen, für ihn war der Anblick des vollgestopften Studierzimmers neu

und beklemmend.

Da waren die beiden geborstenen Fenster und die Scherben am Boden. Da war die Tür, deren untere Angel abgerissen war. Und da waren zwei schwarze brennende Kerzen auf einem mit uralten Büchern, Schriftrollen und Papierbündeln bedeckten Schreibtisch.

Von Rodalba „mit der weichen Birne“ war nichts zu sehen.

Was auch nicht gut möglich war. Philby hatte ja gesehen, wie ihn jenes unheimliche Wesen fortgeschleppt hatte. Einfach durch die Lüfte mitgenommen.

Dyer schmeckte die Atmosphäre nicht und noch weniger der Zustand des Zimmers. Der alte Stuhl war umgestürzt, zwei Bücher lagen auf dem Boden. Er fuchtelte mit dem Jagdgewehr herum, dass es Philby mit der Angst bekam.

Ziele gefälligst woanders hin und nicht auf mich!“, sagte er heiser. „Meeker wird in ein paar Minuten hier sein. Er würde sich wundern, wie es kommt, dass ich eben noch mit ihm telefoniert habe und plötzlich eine Menge Blei im Leib habe.“

Dyer hatte ein Ohr für Untertöne. „Angst, lieber Schwager? Das ist ja eine Seite, die ich noch gar nicht an dir kenne!“

Dyer richtete die Waffe auf Philby. Aber als er dessen mörderischen Blick gewahrte, gab er der Waffe rasch eine andere Richtung. Außerdem nahm er sich vor, Philby in nächster Zeit nicht den Rücken zuzukehren.

Sein Schwager war nachtragend, und in diesem Punkt hatte er ein Gedächtnis wie ein Elefant.

Dyer beschränkte sich darauf, in sämtliche Ecken zu schauen, ob sich der Alte nicht doch aus Furcht vor dem Unwetter verkrochen hatte, für das es keine vernünftige Erklärung gab.

Dyer verdrängte einfach, was er gesehen hatte. In dieser Sache war er genau so ein Phantast wie in geschäftlichen Angelegenheiten.

Da war Thomas Philby der praktischere Typ.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905694
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v345044
Schlagworte
blake gordon dämon hölle

Autor

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Titel: Blake Gordon #8: Der Dämon aus der Hölle