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Callahan #2: Janes letzter Trumpf

2016 140 Seiten

Leseprobe

CALLAHAN – Mein Colt ist mein Gesetz

 

Band 2

 

Janes letzter Trumpf

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von N.C. Wyeth mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappe

Vielleicht wäre ich Jane nie mehr begegnet, hätte sie ihren Hass bezähmen können.

Aber es war wie eine Krankheit bei ihr. Sie konnte nicht damit aufhören, mir Männer auf die Spur zu hetzen. Das aber wurde auch für sie selbst zum Fluch.

Aber zunächst einmal sah es so aus, als hätte bei mir einer zum großen Abgang gerufen. Ich hatte etwas dagegen. Wer stirbt schon gerne? Immerhin, sie hatten es sich prächtig ausgedacht. Mit einer Kugel im Genick hört ein jeder auf zu lachen. So sollte es sein. Aber die sollten sich wundern ...

 

 

 

Roman

Der Felspfad war so schmal, dass ich den toten Dickhornschafbock, den ich erlegt hatte, hinter mir herschleifen musste. Ich war zufrieden mit meinem Jagdglück, denn die Dickhornschafe wurden immer seltener. Überhaupt gab es hier in diesen Bergen Colorados kaum noch Wild. Nicht die Indianer hatten es ausgerottet, sondern die weißen Goldsucher.

Als ich um die Biegung des Pfades kam und ins Tal schauen konnte, suchte ich mit meinem Blick nach dem Braunen, den ich dort unten zurückgelassen hatte. Ich entdeckte ihn schließlich weit drüben, wo noch kleine Grasflecken unterhalb der Steilhänge herüberleuchteten. Ich war froh, das Tier in der Nähe zu finden. Mr.Brown, wie ich meinen Braunen nannte, hätte ebensogut in eines der Nebentäler verschwinden können. Immerhin war ich gut acht Stunden verschwunden gewesen. Um hier oben jagen zu können, musste man weit empor in die Felsen steigen, und da hinauf konnte kein Pferd kraxeln.

Ich wollte schon weitergehen, da stutzte ich. Irgend etwas ließ mich instinktiv stehenbleiben und noch einmal den Blick übers Tal schweifen.

Im ersten Moment schien alles ganz normal. Mein Brauner stand dort drüben zwischen den Büschen und schien zu grasen. Sonst rührte sich nichts. Im Tal gab es außer Felsschotter ein paar Sträucher und eben jene kleinen Inseln, wo Gras wuchs. Ein Stück tiefer befand sich Wasser. Vielleicht lag es daran, dass ich mich wunderte. Der Braune hätte gut und gern dahin gehen können. Ich hatte ihm die Vorderbeine so zusammengebunden, dass er nur kleine Schritte machen konnte. Hobbeln nennt man das. Daher wunderte ich mich, dass er nicht zum Wasser ging. Ich kannte meinen Braunen viel zu genau, um nicht zu wissen, dass er bestimmt nicht lange auf einem Fleck aushalten würde, wenn es in der Nähe kein weiteres Gras gab. Und die Stelle, wo er stand, die sah völlig abgeweidet aus. Am meisten wunderte mich auch, dass er keinerlei Anstalten traf, sich dem Wasser zu nähern.

Vielleicht hatte ich einfach zuviel erlebt, um arglos sein zu können. Und das war meine Art von Lebensversicherung. Ich blieb stehen, ging sogar noch ein Stück zurück und zerrte meine Jagdbeute in den Schatten. Noch war es morgens. Ich war schon um Mitternacht aufgebrochen, um mein Wildbret im Morgengrauen erlegen zu können. Die Schatten waren noch lang. Ich beschloss, noch länger zu warten, bis die Sonne am Himmel stehen würde, denn ich spürte eine Gefahr.

Meine Deckung war jetzt vorzüglich. Ich überprüfte mein Gewehr, kauerte hinter einer Felsnase und hatte die Waffe quer über dem Oberschenkel liegen. Immer noch stand mein Pferd an derselben Stelle. Ich konnte es deutlich beobachten. Allerdings bedauerte ich, mein altes Spektiv nicht bei mir zu haben, denn mit dem Fernrohr hätte ich mehr als nur meinen Braunen sehen können Davon war ich überzeugt. Ich konnte mir vorstellen, dass der Braune nicht freiwillig an dieser Stelle stehenblieb und vergeblich versuchte, etwas Fressbares zu erreichen. Ich konnte deutlich erkennen, wie er den Kopf ausstreckte, sich reckte und dennoch wenig Glück zu haben schien.

Er ist völlig festgebunden, dachte ich. Man sieht es nicht, weil die Büsche seine Beine verdecken.

Ich begann in der Umgebung nach anderen Merkwürdigkeiten zu suchen. Und wenn man so lange in der Wildnis gelebt hat wie ich, hat man ein Auge für diese Dinge. Zum Beispiel beobachtete ich ein Grünstärling-Pärchen, das ziemlich unruhig in der Nähe des Felsens herumflog. Es sah so aus, als wollten die beiden zu einem Busch hin, aber sie trauten sich nicht.

Vielleicht, sagte ich mir, haben sie da ein Nest, womöglich mit Jungen drin, und irgend etwas hält sie davon ab, zu ihrem Nest zurückzukehren. Also ist da jemand, vermutete ich Ich konnte mir nun vorstellen, welche Position ich selbst eingenommen hatte, um darauf zu warten, dass der Besitzer des Pferdes in die Falle läuft. Denn dass mein Pferd der Köder dafür war, begann ich nun zu begreifen.

Sollte das eine Idee von McLoed sein? Nein, dachte ich sofort, das sieht ihm nicht ähnlich. Im Grunde verbindet uns eine tiefe Sympathie. Er würde nicht auf diese Weise gegen mich vorgehen. Wer aber sonst ist noch hinter mir her?

Hatte die Gold-Lady etwa doch noch Freunde, von denen ich nicht wusste, und die mir nun eins überbraten wollten?

Ich verwarf den Gedanken und beschloss, einfach abzuwarten. Ich konnte aber nicht einfach so herumsitzen, sondern überlegte, wo mein Gegner stecken konnte. Wenn ich selbst an seiner Stelle gewesen wäre, hätte ich mich irgendwo oben in die Felsen gesetzt und dort gewartet. Und das, so sagte ich mir, hatte er bestimmt auch getan. Also suchte ich weiter oben, wo irgendwo in den Felsen ein Mann sitzen würde, das Gewehr im Anschlag, um auf mein Erscheinen beim Pferd in aller Seelenruhe zu warten. Dann brauchte dieser Mann nur abzudrücken.

Ich suchte, aber ich sah ihn nirgendwo. Fast eine halbe Stunde lang beobachtete ich alle Felsen um das Tal herum. Keine Sekunde lang war ich versucht, an eine Täuschung zu denken oder etwa zu glauben, mein Brauner hätte sich verheddert und könnte von sich aus nicht weiter, so dass es lächerlich gewesen wäre, hier mit einem Gegner zu rechnen.

Nein, es musste einen Gegner geben, das hatte ich ganz sicher im Gefühl, und ich ließ mich nicht verleiten, vorzeitig meine Deckung aufzugeben. Wer wie ich an bleihaltige Luft gewöhnt war, der wurde vorsichtig. Wachsamkeit war das halbe Leben, in der Wildnis mehr als das halbe.

Ich beobachtete weiter die Felsen, und plötzlich sah ich dieses verräterische Blitzen, das sich nur einmal wiederholte. Es verriet mir, dass ich mit meiner Vermutung recht gehabt hatte. Dort drüben rechts, schräg über meinem Pferd, lag jemand auf der Lauer in den Felsen. Den Mann selbst sah ich nicht und auch das Blitzen wiederholte sich nicht mehr.

Ich wartete gelassen, denn jetzt wusste ich, wo der Gegner steckte, und trotzdem ließ ich in meiner Vorsicht nicht nach. Ich erinnerte mich an den Ratschlag eines Mexikaners, der mir einmal sagte: „Wo ein Dorn sitzt, sind auch noch mehrere. Und wo ein Bandit lauert, könnten es auch zwei sein.“

Wenn noch einer da ist, wo könnte er dann sein?, überlegte ich. Aber ich verwarf auch diesen Gedanken und ging zunächst einmal davon aus, dass es nur ein Gegner war.

Ich beschloss, meine Beute zunächst liegenzulassen, um dem vermeintlichen Heckenschützen das Handwerk zu legen. Ich kroch, von meinem Gegner ungesehen, bis zum Serpentinenpfad und arbeitete mich dann immer in Deckung von Büschen oder vorstehenden Felsen talwärts. Als ich unten war, versuchte ich, die vielen Büsche als Deckung auszunutzen, die im Tal standen, und es gelang mir, so hoffte ich, ungesehen bis in die Nähe der Steilwand zu kommen, wo irgendwo da oben der Heckenschütze lauerte.

Noch immer im Schutze von Büschen, erreichte ich eine Felsspalte. Hier drinnen konnte ich von meinem Gegner nicht gesehen werden. Ich kletterte höher und versuchte dabei, keinen Laut zu verursachen. Einmal sah ich zufällig zur gegenüberliegenden Felswand hin, bemerkte aber dort nichts, was meinen Verdacht wecken könnte.

Schließlich war ich hoch genug, und ich zog mich etwas nach vorn, um nach der Stelle Ausschau halten zu können, wo ich das Aufblitzen bemerkt hatte. Da sah ich ihn sogar. Seine ausgestreckte Gestalt in einer kleinen Bodenvertiefung auf einer Felsterrasse. Der Mann spähte in die entgegengesetzte Richtung, also talwärts, während ich mich schräg über ihm befand.

Ich wollte gerade mein Gewehr in Anschlag bringen, als plötzlich etwas haarscharf an meinem Gesicht vorbeizischte. Es war mehr ein Pfeifen, und unmittelbar danach hörte ich die Detonation eines Gewehrschusses und das vielfache Echo, das sich an den Felswänden hallend brach.

Ich ließ mich sofort fallen, und während ich mich noch aus der Schusszone brachte, wurde mir klar, dass auf der gegenüberliegenden Felsseite ebenfalls ein Schütze saß.

Beide Schützen wären in der Lage gewesen, mein Pferd, oder noch besser, mich selbst ins Kreuzfeuer zu nehmen, wenn ich da unten aufgetaucht wäre.

Der Mann unten in der Bodenvertiefung wirbelte entsetzt herum. Er schoss, aber er war von vornherein in der schlechteren Position. Ich schoss einfach schneller und sicherer, und ich sah, wie der Mann dort unten hochzuckte, als wäre er getreten worden. Das Gewehr glitt aus seinen Händen, und er brach zusammen.

Mir war klar, dass er tot sein musste. Auf eine solche Entfernung schoss ich nicht daneben, und ich tat es schon gar nicht in der Wildnis wie hier. Das mag sehr hart klingen, aber wer in der Wildnis lebt, der weiß, dass ein Schwerverletzter sowieso verloren ist, weil es nur in den seltensten Fällen gelingt, ihn zu einem Doc zu bringen, andererseits der Schwerverletzte aber qualvolle höllische Leiden durchmachen muss, bis er dann vom Tod erlöst wird. Der Mann dort vor mir war tödlich getroffen.

Ich versuchte, bis zu dem Toten hinzukriechen, aber noch während ich es tat, wurde ich von der anderen Seite beschossen, Wieder und wieder! Ich feuerte zurück, hielt auf das Mündungsfeuer, was ich drüben an der dunklen Wand aufblitzen sah. Der Schütze drüben befand sich im Schatten, aber ich wurde von der Sonne geblendet, die schräg über der Felswand stand und genau in meine Richtung schien.

Immer wieder feuerte der andere, aber er hielt zu hoch, und ich jagte Schuss auf Schuss aus dem Röhrenmagazin meiner Winchester.

Als ich es wieder einmal drüben aufblitzen sah, feuerte ich unmittelbar danach, und ich meinte, etwas Helles in der dunklen Wand unterhalb der Stelle aufleuchten zu sehen, wo es vorhin aufgeblitzt hatte. Ich schoss sofort wieder, zielte dann tiefer, feuerte, aber dann sah ich, wie die Gestalt hastig nach unten kletterte, das letzte Stück sprang und dann in einer Felsspalte verschwand.

Ich zielte wieder und schoss auf einen hellen Fleck in der Felsspalte, aber ob ich getroffen hatte, konnte ich nicht sagen.

Während ich noch hinüberspähte, hörte ich plötzlich Hufschlag und sah dann rechts drüben auf einem Felspfad eine Staubwolke und ein sich entfernendes Pferd mit einem Reiter, Bevor ich noch den Kolben an die Schulter brachte, waren Mann und Tier um eine Felsbiegung verschwunden.

Ich durchsuchte die Taschen des Toten, den ich nicht kannte. Er war dunkelblond, hatte ein schmales Gesicht und mochte etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein. In seinen Taschen fand ich vierzig Dollar. Er hatte sie eingenäht, und ich trennte sie heraus und steckte sie ein. Seine sonstigen Habseligkeiten stellten keinen Wert dar, außer einem kleinen Taschenmesser, das ich an mich nahm

Ich fragte mich, was er wohl für einen Grund gehabt haben konnte, mir aufzulauem. Seine Kleidung sah nicht so verwahrlost und ärmlich aus, dass er wie einer wirkte, der es auf meine Ausstattung oder etwa mein Pferd abgesehen haben konnte. Es musste schon ein stärkeres Motiv dahintergesteckt haben. Er besaß ein gutes Gewehr, ein besseres als ich selbst hatte. Auch sein Revolver, der abgegriffen und gut gepflegt aussah, war keine billige Waffe.

Ich nahm sein Gewehr und seinen Colt an mich, ebenso die Munition. Dann schleifte ich den Toten zu einer Felsspalte und bedeckte ihn mit Geröll, soviel ich gerade heranschleppen konnte. Es war die praktischste und sicherste Art eines Begräbnisses, und man brauchte nicht zu befürchten, dass er von Tieren ausgegraben wurde. Später holte ich dann mein Dickhornschaf, weidete es aus, zerlegte es und ließ mir die notwendige Zeit, um die Stücke, die ich mitnehmen wollte, einzusalzen.

Bei dieser Gelegenheit stieß ich auch auf die Spuren seines Pferdes. Das Tier war hinten im Tal im dichten Gebüsch versteckt. Ich band es los. Es war eine Falbenstute, ein friedliches, nicht mehr sehr junges Tier, das keinen hohen Wert besaß, aber vierzig Dollar würde ich dafür bestimmt noch bekommen, und außerdem waren zwei Pferde in der Wildnis besser als eins. Der Brand, den es trug, war mir unbekannt. Er zeigte zwei nebeneinanderliegende Kreuze und darüber so etwas wie ein Dach oder ein Pfeil, der nach oben gerichtet war. Ein seltener Brand, der auch mühsam anzubringen war.

Als ich mit dem Tier bei meinem Braunen ankam, wieherte Mr. Brown freudig, und ich sah nun auch, wieso er sich nicht fortbewegen konnte. Jemand hatte den Lederriemen, der zum Hobbeln diente, mit einem Lasso verbunden und das wiederum an den Strunk eines Strauches befestigt. Mr. Brown war schon so weit wie möglich gegangen, aber nun konnte er nicht weiter. Ich machte ihn frei, und sofort strebte er zum Wasser, die Falbstute übrigens auch.

Mr. Brown war ein Wallach, so kam es nicht erst zu Komplikationen mit der Stute. Meist benehmen sioh Hengste wie verrückt, wenn sie mit einer Stute zusammen sind. Und sollte die auch noch in der Rosse sein, dann war mit beiden nichts mehr anzufangen.

Als sie ausgiebig gesoffen hatten, band ich den Zügel der Stute ans Sattelhorn meines Mr. Brown, und wir zogen los. Ich hatte beschlossen, diesem Fremden zu folgen, der entkommen war. Ich musste wissen, wer dahintersteckte und warum ich beschossen worden war.

 

*

 

Es war nicht so einfach, in den Bergen dieser Spur zu folgen. Ich musste nach jedem frischen Kratzer suchen, nach dem geringsten Hinweis gelösten Schotters oder abgeschabter Felsoberfläche.

Ich verfolgte den Reiter den ganzen Tag lang im Gebirge. Am Anfang hatte er sich Mühe gegeben, keine Spuren zu hinterlassen. Aber ich fand eben doch da und dort Hinweise, die mir genügten. Zuletzt schien er sicher zu sein, mich abgeschüttelt zu haben, war in eine Schlucht geritten. Unten war der Boden weich, fast morastig. Die Huftritte seines Pferdes hatten sich so deutlich abgezeichnet, dass ein Kind die Spur hätte verfolgen können.

Bevor es völlig dunkel war, hatte ich jene Stelle der Schlucht erreicht, an der sie breiter wurde und in ein weites Tal mündete. Ich saß ab, sattelte die Tiere ab, denn ich kannte diesen Talkessel. Aus ihm konnte der, dem ich folgte, nicht entkommen, nicht zu Pferde. Ließ er aber das Pferd zurück, um mir zu entkommen, musste er viele Meilen über halsbrecherische Pfade balancieren, um wieder aus diesem Labyrinth der Berge herauszukommen, zudem war eine genaueste Kenntnis dieses Felsenlabyrinths notwendig, um ihm zu entrinnen.

Der andere Mann hatte ausgesehen wie ein Cowboy, vielleicht wie ein ehemaliger Cowboy, der zum Brotverdienst mit Revolver und Gewehr übergegangen war, ein Mann mit hochhackigen Stiefeln, kein Kletterer. Ich konnte also davon ausgehen, dass sein Partner, der mir entkommen war, ebensowenig Neigung zum Klettern zeigte und ganz sicher bei seinem Pferd bleiben würde.

Also, sagte ich mir, wird er zurückkommen, würde, wenn er einmal wusste, dass er in der Falle saß, den Durchbruch versuchen. Und diese Stelle hier, der Engpass, den ich jetzt besetzt hielt, bedeutete für ihn ein schier unüberwindliches Hindernis, falls ich nicht gerade einschlafen sollte.

Es gab überall von Felsen gestürzte Quader, die im Weg lagen. Sie boten mir eine sichere Deckung. Der Fremde aber musste aus dem Tal ohne Deckung für sich und sein Pferd, und zudem musste er leicht bergan zu diesem Hohlweg herauf, in dem ich mich befand. Ich würde ihn sehen, auch nachts. Denn um diese Zeit herrschte Halbmond in den Nächten, und klar würde diese Nacht auch sein, von Regenwolken keine Spur, im Gegenteil. Das Land dürstete nach einem Tropfen Wasser. Es hatte seit Monaten nichts davon bekommen. Nein, dachte ich, so leicht kommt er nicht durch.

Ich ließ die beiden Pferde grasen. Viel davon gab es ja nicht. Wasser war auch keins in der Nähe, aber ich hatte sämtliche Ziegenbälge gefüllt und besaß noch meine Feldflasche. Ich ließ die beiden Pferde aus meinem Hut saufen; hockte mich dann das Gewehr vor mir auf dem Schoß - hinter einen Stein, über den ich gut ins noch abendliche Tal sehen konnte.

Mit dem Spektiv suchte ich Stück für Stück des Tals ab, aber von einem Menschen oder einem Pferd war nichts zu sehen. Ich vermutete, dass dem errechneten Vorsprung nach mein Gegner schon drüben an den Steilwänden angekommen sein musste und womöglich noch die Hoffnung hatte, einen Pass zu finden. Aber es gab keinen. Ich wusste es. Aber der andere schien es nicht zu wissen, und demzufolge nahm ich an, dass er fremd war. Ein Fremder also, aus einer Gegend, wo es Pferde gab, die zwei nebeneinanderliegende Kreuze mit einem Dach als Brandzeichen trugen. Ich suchte in meiner Erinnerung nach einem derartigen Brandzeichen, aber ich konnte mich nicht entsinnen, es jemals gesehen zu haben.

Böse Erfahrungen, die ich gesammelt hatte auf meiner Flucht und in den Jahren hier im Westen, hatten mich gelehrt, nichts zu überhasten, nichts sinnlos zu riskieren. Früher, hatte ich Männer, die so dachten wie ich jetzt, für Feiglinge gehalten. Heute weiß ich, dass sie alles andere als das waren, bloß weil sie ihren Kopf gebrauchten. Tollkühnheit zahlte sich in diesem Land sehr selten aus, und ich hatte Zeit.

Der Fremde, wenn er nicht verdursten wollte, musste wiederkommen. In diesem Tal gab es kein Wasser, im Gegensatz zu dem anderen Tal, wo sie mich töten wollten. Ich glaubte einfach nicht daran, dass er das Pferd zurücklassen würde.

Es dunkelte, und am Himmel schwand der rötliche Schein. Das Gras im Hohlweg duftete scharf, und das Gestein der Felsen begann sich abzukühlen. Es knackte gefährlich, als wollte der Stein völlig zerspringen.

Die Falbstute hatte sich gelegt. Auch Mr. Brown legte sich jetzt, und beide wirkten in der Dunkelheit wie riesige Erdhaufen. Am Himmel zogen die Sterne auf, strahlend wie Diamanten, und die Luft wehte kühl durch die Schlucht. Der Mond würde erst später aufgehen. Vielleicht wusste das auch mein Gegner und nutzte die dunklere Zeit.

Ich rechnete damit, dass er bald kommen würde, und lauerte aufmerksam in die Stille der Nacht. Aber er kam nicht. Er kam auch nicht, als es heller wurde, weil der Mond als rote Sichel auf dem Rücken liegend über den Bergen aufzog. Und er kam auch nicht, als es dämmerte.

Mir begannen die ersten Zweifel zu kommen, ob er vielleicht doch zu Fuß das Überklettern der Felsen versuchen würde und das Pferd einfach zurückgelassen hatte. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass er darin eine Chance sah, denn hinter dem Kamm der Berge gab es einfach für einen, der die Gegend nicht kannte, kein Durchkommen und schon gar nicht in der Nacht. Wasserstellen waren so selten, dass man wirklich so gut wie zu Hause in diesem Irrgarten von Felsen sein musste. Es wimmelte von Canyons, von Blindschluchten, die keinen Ausweg besaßen. Sackgassen also, nur von Steilwänden umrahmt.

Es war verlockend nachzusehen, ob er noch da war. Aber mein Verstand warnte mich davor.

Immerhin, während das Wasser für meinen Kaffee auf einem rauchlosen Feuer erhitzt wurde, sattelte ich beide Pferde auf, ließ sie saufen, gab ihnen im Futterbeutel Hafer mit Mais, zog die Gurte strammer, als die Tiere damit fertig waren und ich im Stehen aus dem Blechbecher meinen Kaffee trank. Dann saß ich auf, nahm wieder die Stute am Zügel, machte ihn am Sattelhorn fest, dann ritt ich ins Tal hinein.

Vor mir war die Spur des Pferdes zwischen den Büschen im Gras noch deutlich zu sehen. Die Spur führte fast schussgerade auf den Felsenkamm der anderen Talseite zu.

Dieses Tal hätte hundert Rinder ein ganzes Jahr ernähren können, wenn es hier nur eine winzige Wasserstelle gegeben hätte, aber es gab keine, und das Pferd des anderen hatte bestimmt Durst.

Eine Viertelstunde später wusste ich, dass das Pferd meines Gegners keinen Durst mehr verspürte. Ich sah das Tier weit oben vor den Felsen am Boden liegen. Erst dachte ich, es sei noch am Leben. Aber dann sah ich die eigenartige Haltung des Kopfes.

Ich hatte meinen Braunen pariert, und auch die Stute stand. Natürlich rechnete ich mit einer Falle, und ganz sicher steckte mein Mann irgendwo in der Nähe.

Aber plötzlich sah ich Geier, Sie mussten schon am frühesten Morgen gekommen sein, denn ich hätte sie sonst am Himmel entdecken müssen. Und das Werk, das sie an dem Rappen verübt hatten, war schon weit fortgeschritten. Demzufolge hatten sie schon stundenlang ihren Hunger gestillt. Und sie saßen auch ziemlich faul um den Kadaver herum.

Es war mir klar, dass er zu Fuß weitergezogen war. Jetzt gab es für ihn so oder so gar keine andere Wahl mehr, und ich musste wohl ober übel meine Pferde hier ebenso zurücklassen.

Ich fand eine Fußspur von ihm, die zu der Stelle führte, wo die Felswand nicht ganz so steil war und auch nicht die Höhe hatte wie sonst in der Runde, Da boten sich auch Möglichkeiten zum Übersteigen. Am abgebröckelten Gestein erkannte ich, dass er hier herauf und in eine Lawinenrinne eingestiegen war. Ich kam gut voran, denn ich besaß Mokassins und brauchte nicht in den hochhackigen Cowboystiefeln herumzuklettern.

Mein Weg war kürzer, als ich zu hoffen wagte. Noch in der Lawinenrinne, und zwar an einer Stelle, wo man weit über das Tal blicken konnte, fand ich ihn. Er lag im Schatten von zwei Felsquadern, die hier hängengeblieben und nicht ins Tal gerollt waren, und dort schlief er. Aber die Sonne war weitergewandert und strahlte ihm aufs Gesicht. Es war verquollen und dunkelrot. Der Hut war ihm vom Kopf gerutscht, und die pralle Sonne schien ihm aufs blonde Haar. Das Gewehr hatte er neben sich liegen. Er trug, wie auch sein Partner, Cowboykleidung, und auch bei ihm wirkte der Revolver gut geölt, griffig und abgewetzt.

Vorsichtig, das Gewehr im Anschlag, kletterte ich auf ihn zu. Dann stand ich vor ihm, beugte mich über sein Gewehr, nahm es auf, ohne dass er aufwachte. Er schien völlig erschöpft zu sein, und die Wärme der Sonne, die ihm auf den Kopf schien, musste ihn betäuben.

Er war ein kräftiger Mann, etwa so alt wie sein Partner. Auf seinem entblößten rechten Unterarm trug er die Tätowierung einer Windrose, aber mehr noch interessierte mich der Brand an seinen Beinschützern und Chaparrals. Zwei Kreuze und darüber ein Dach oder ein stumpfer Pfeil, der nach oben zeigte.

Mit einem Griff hatte ich ihm den Revolver aus dem Holster gezogen, und darüber wurde er wach. Erschrocken warf er sich zur Seite, und fast automatisch zuckte seine Hand zu der Stelle, wo sonst der Colt steckte. Aber meine Gewehrmündung zeigte auf seine Brust, und das war ein Argument, dem er sich einfach nicht entziehen konnte.

Er brauchte ein paar Sekunden, dann hatte er begriffen, wie es um ihn stand. Aus schmalen Augen betrachtete er mich von unten nach oben, und schließlich konzentrierte sich sein Blick auf die Mündung meiner Winchester.

Der andere ist tot“, sagte ich. „Im allgemeinen habe ich wenig Erbarmen mit Heckenschützen. Ihr wolltet mich eiskalt umlegen.“

Er sprach immer noch nicht, sah mich nur an, und ich konnte seinem Pokergesicht nicht entnehmen, was in ihm vorging. Weder drückte es Angst noch Angriffswillen aus. Er sah mich einfach nur an, und ich sagte:

Fang an zu singen, Vögelchen! Wer bist du, und wer hat dich geschickt?“

Er stützte sich etwas auf, tat es aber sehr vorsichtig, dass ich nur ja nicht auf den Gedanken kommen könnte, er wollte mich angreifen. Meine Gewehrmündung flößte ihm einen höllischen Respekt ein, dann fasste er sich an die Stirn, rieb sich den Schweiß herunter und armete schwer. Nach einem Räuspern sagte er: „Bist du Callahan? Jed Callahan?“

Bis jetzt hab’ ich die Fragen gestellt, und dabei wollen wir es lassen!“

Er nickte, rieb sich am Kinn und stützte den Kopf in die Hände. Ohne mich anzusehen murmelte er: „Wir hätten auf den Alten hören sollen! Der hat uns vor dir gewarnt. Aber Mac wollte es nicht glauben. Er meinte, auch du würdest nur mit Wasser kochen. Sie hat uns nicht gesagt, dass du so gefährlich bist. Aber der Alte hat es uns gesagt.“

Bis jetzt hast du in Rätseln geredet. Willst du nicht etwas deutlicher werden?“, fuhr ich ihn an.

Er hob den Kopf und erwiderte meinen Blick. Er hatte blaue Augen. Eigentlich war er ein hübscher Kerl. Der Teufel mochte wissen, wie diese Burschen immer daran kamen, hier auf ihre Weise Geld verdienen zu wollen und meistens dabei knallhart auf die Nase fielen.

Sie hat uns fünfhundert Dollar geboten, jedem."

Wer ist sie?“

Jane Ashfield!"

Er hätte mir ebensogut sagen können, ich wäre Vater von Fünflingen geworden, die Wirkung wäre absolut dieselbe gewesen. Ich muss ihn sagenhaft dumm angeglotzt haben, denn er lachte plötzlich. So hoffnungslos seine Lage auch schien, er lachte und meinte: „Das haut dich um, was? Dabei liegt das doch irgendwie auf der Hand. Der Alte hat uns erzählt, dass sie schon alles mögliche versucht haben, dich aufs Kreuz zu legen.“

Wütend fuhr ich ihn an: „Von welchem Alten sprichst du, zum Teufel?“

Du musst ihn kennen“, sagte er. „Er war einmal in diesem Kaff, das sich Heston City nennt, der Sheriff. Aber er ist es schon lange nicht mehr. Er ist bei Jane Ashfield so etwas wie das Faktotum. Aber ich hatte das Gefühl, dass er sie nicht besonders mag. Er sagte, er wollte weg von ihr.“

Du warst also in Kentucky?“

Nein. Sie ist nicht mehr dort. Schon lange nicht mehr. Sie hat dort alles verkauft und besitzt in Clearwater eine Bank und einen Saloon. Sie ist die reichste Frau dort.“

Aber es scheint ihr keine Ruhe zu lassen“, sagte ich, „dass ich noch am Leben bin. Früher hat sie sich wenigstens noch etwas ausgedacht, hat ihre Intrigen gesponnen, dass es aussah, als wäre ich ein Verbrecher, und ließ mich vom Gesetz jagen, aber nun, da ihr das immer wieder misslungen ist, lässt sie die Maske fallen und schickt ganz einfach bezahlte Killer wie dich, damit die das vollenden, was bisher noch keiner geschafft hat.“

Er verzog das Gesicht, als hätte er puren Essig geschluckt.

Ich konnte nicht anders“, erklärte er. „Ich habe Schulden bei ihr. Wir haben gespielt. Und sie hat die tollsten Spieler dort. Die haben Mac und mich ausgezogen bis aufs Hemd, und darüber hinaus hätten wir eine Menge an sie bezahlen müssen. Das hat sie uns erlassen. Erlassen mit der Bedingung, dass wir das tun, was wir jetzt tun wollten. Verdammt, ich darf nie wieder dorthin zurück!“

Wie hoch waren deine Schulden?“, fragte ich.

Uber dreihundert Dollar, und mit den fünfhundert hätte ich sie bezahlt und zweihundert dabei, bar auf die Hand. Sie hat mein Pferd und hat alles.“

War das nicht dein Pferd?“, fragte ich.

Nein. Die Pferde hat sie uns gegeben. Die stammen aus ihrem Reitstall. Sie unterhält in Clearwater einen Mietstall. Über fünfzig Pferde! Kennst du das Brandzeichen nicht?“

Zwei Kreuze mit einem Dach darüber?“

Er lachte. „Dach darüber heißt Ashfield! Es soll ein A sein!“

Jetzt wo ich es wusste, kam ich auch selbst darauf. Aber es war nicht der Brand, den Captain Ashfield früher gehabt hatte. Dies schien ihr eigener Brand zu sein, der erst nach dem Tod ihres Mannes von ihr eingeführt worden war. Sieh mal einer an, dachte ich. Fünfzig Pferde, einen Saloon und sogar eine Bank!

Es gibt dort viele Viehzüchter. Die stehen alle bei Jane Ashfield in der Kreide“, berichtete der Blonde.

Wie heißt du denn, Söhnchen?“, fragte ich den Blonden.

Er blickte mich an, und zum ersten Mal erkannte ich so etwas wie Furcht in seinem Gesicht. „Mein Name ist Alwin Roof. Was hast du mit mir vor?“

Kannst du dir das nicht denken? Was wäre denn passiert, wenn ich mich ergeben hätte?“

Dazu wärst du nicht gekommen“, erwiderte Alwin Roof.

Siehst du!“

Aber ich bin wehrlos. Du kannst mich nicht einfach umlegen!“

Was weißt du, was ich kann und was ich nicht kann!“, erwiderte ich. Sollte er ruhig noch etwas schmoren. Ich ließ ihn in dem Glauben, dass ich imstande war, ihn eiskalt zu erschießen.

Ich trat einen Schritt zurück, hob die Winchester an, und die Mündung war genau auf seinen Kopf gerichtet.

Er hockte noch immer auf derselben Stelle, starrte auf das kreisrunde Loch, das tödliche Gefahr verhieß. Aber keine Furcht, eher Trotz zeigte sich in seinem Gesicht. Er gehörte nicht zu der Sorte, die auf dem Bauch kroch und um Vergebung flehte, nur um am Leben zu bleiben.

Steh auf!“, sagte ich, „und dann geh vor mir her!“

Er schien sich zu wundern, dass ich ihn noch nicht nach weiteren Waffen abgesucht hatte. Ich ahnte seine Gedanken und sagte: „Es könnte ja sein, dass du noch einen Derringer hast, und ich fände es gar nicht schlecht, solltest du auf die Idee kommen, ihn zu gebrauchen.“

Ich kann mir denken, dass du das möchtest“, erklärte er. „Ich habe einen, in meinem rechten Stiefelschaft. Kann ich ihn herausziehen oder willst du es selbst tun?“

Tu es!“, sagte ich. Er fasste mit zwei Fingern in den Stiefelschaft, zog die zweiläufige Spielerpistole aus dem Stiefelschaft heraus und ließ sie sofort fallen, damit ich nur ja nicht auf die Idee kam zu glauben, er wollte damit schießen.

Ich hob die Waffe auf. Derringer sind nicht billig. Man könnte ihn verkaufen und einen guten Preis dafür erzielen, genug, um eine Woche davon gut leben zu können.

Nach kurzer Zeit waren wir unten bei den Pferden. Als Alwin Roof das Tier seines Partners sah, schien er zu erschaudern.

War Mac sofort tot?“, fragte er.

Ich nickte. „Du kannst ja sein Pferd nehmen!“

Er starrte nur auf den Ziegenbalg, in dem Wasser war, Wasser, nach dem er dürstete, und er ging einfach darauf zu. Er fragte nicht, ob er davon nehmen konnte. Er nahm es sich einfach, und ich ließ es geschehen.

Gierig schluckte er, bis ich ihm Einhalt gebot und sagte: „Die Pferde wollen noch etwas, und ich schließlich auch.“

Nach dem Trinken schien es ihm viel besser zu gehen. Sein Gesicht war nicht mehr so krebsrot. Er betrachtete die Stute, wandte sich dann um und sagte: „Ich würde dir alles sagen, was du willst, wenn du mich dafür reiten ließest, reiten in eine andere Richtung!“

Und ich begebe mich mitten in eine Falle! So hast du es dir doch ausgedacht?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, bestimmt nicht! Ich gebe mein Wort darauf!“

Das Wort eines Killers?“ Ich lachte höhnisch, und er zuckte bei diesem Gelächter zusammen, als hätte ich ihn geschlagen. Das traf ihn härter, wie ich bemerkte, als die Bedrohung vorhin.

Verdammt noch mal!“, schimpfte er. „Ich verstehe, dass du so denkst. Du hast ja recht. Und ich selbst begreife mich nicht mehr, wie ich so etwas tun konnte. Auch Mac war nicht der Typ, der einfach einen Menschen von hinten abknallt. Wir sind verzweifelt gewesen. Sie hat uns völlig in der Hand. Sie hat dort jeden in der Hand. Sie nennen sie die Queen, die Königin von Clearwater.“

Jane als Königin von Clearwater! Wer wäre auf diese Idee gekommen? Und wiederum war es ihr gelungen, ausfindig zu machen, wo ich steckte. Wie nur, hätte ich zu gern gewusst.

Also gut! Ich ließe dich eventuell laufen! Eine Frage noch! Woher wusste sie, wo ihr mich findet? Oder wer von euch hat mich ausfindig machen können?“

Du bist doch in der Nähe von Leadville in dieser Diggerstadt gewesen, wo das Bergwerk steht, die Goldmine. Von der Geschichte, die da mit dem Mädchen, dieser Gold-Lady, passiert ist, hat ihr einer erzählt. Ich bin selbst dabei gewesen. Und da wusste sie, wo sie dich suchen musste. Sie hat uns dahin geschickt. Wir brauchten nur deiner Spur zu folgen. Mühe, sie zu verbergen, hast du dir nie gegeben, Callahan.“

Warum sollte ich auch? Ich konnte nicht ahnen, dass der liebste Mensch, den ich auf der Welt besitze, in Clearwater sitzt. Mein Gott, freu’ ich mich auf das Wiedersehen!“

Er sah mich neugierig an. „Du warst mit ihr mal zusammen, hat sie erzählt. Du hast deinen besten Freund erschossen.“

Sie lügt, wenn sie den Mund aufmacht“, erwiderte ich. „Den Freund hab’ nicht ich erschossen, sondern sie. Es war allerdings, wie ich heute noch glaube, ein Unfall. Ich hatte ihn nur verprügelt, als ich ihn zusammen mit ihr im Bett fand. Ich kam nach zweimonatiger Abwesenheit vom Pferdefang zurück nach Heston City. Ich hatte das Geld, das ich brauchte, um die Farm neu aufzubauen. Sie war heruntergewirtschaftet worden von meinem Schwiegervater. Und Jane war ein Mensch, der den Luxus liebte. Sie wollte immer hoch hinaus. Und nachdem sie mir den Mord in die Schuhe geschoben hatte, wurde ich gehetzt. Ich wies ihr aber nach, was wirklich dahintersteckte. Sie hatte den mächtigsten Mann in Heston City geheiratet, einen gewissen Captain Ashfield. Er wurde von ihr aufgehetzt, mich jagen zu lassen. Sie konstruierten die haarsträubendsten Verbrechen, die ich begangen haben sollte. Sie besaßen sogar Zeugen, die Meineide schworen. Sie ließen mich vom Gesetz jagen, bis hinunter nach Mexiko. Aber Ashfield kostete es das Leben, und einem seiner grimmigsten Häscher auch. Nun scheint sie mit ihrem Latein am Ende zu sein und versucht es damit, dass sie einfach bezahlte Killer auf meine Spur setzt. Ihre Fantasie ist abgestorben. Sie gibt sich nicht mehr die Mühe Geschichten zu erfinden. Nun ist die Zeit gekommen, wo ich mit ihr abrechnen werde.“

 

*

 

Ich hatte Alwin Roof bis zu den San Juan Mountains mitgenommen. Dort ließ ich ihn laufen, das heißt, er konnte das Pferd, das sein Kumpan geritten hatte, mitnehmen. Ich musste, um nach Clearwater zu kommen, im San Luis Valley entlang reiten, und für Alwin Roof gab es genaugenommen keine Möglichkeit, vor mir in Clearwater zu sein, falls er wirklich vorgehabt hatte, Jane vor mir zu warnen. Aber Alwin Roof hatte das offenbar gar nicht ins Auge gefasst. Er bedankte sich bei mir, als ich ihn ziehen ließ, und dann ritt er wieder zurück. Ritt zurück nach Norden in Richtung der Goldfelder von Leadville und Aspen.

Das San Luis-Tal war ein Stück weit von mehreren Bächen durchzogen. Dann aber mündete von Westen her der hier noch gar nicht so breite Rio Grande in das San Luis-Tal ein. Links ragte gewaltig und mächtig der schneebedeckte Bianca Peak mit seinen viereinhalbtausend Metern Höhe auf. Rechter Hand, auf dem anderen Ufer des Rio Grande, den man hier noch leicht durchreiten konnte, lag die überwiegend von Mexikanern bewohnte Stadt Alamosa.

Ich hatte nicht mehr weit bis Clearwater.

Das San Luis-Tal war fruchtbar. Auch die Seitentäler stellten ein wahres Paradies für Farmer und in den höheren Lagen auch für Viehzüchter dar. An den Südhängen bauten mexikanische Farmer sogar Wein an.

Fünf Tage nach dem Duell in den Bergen sah ich Clearwater vor mir. Es lag ein gutes Stück vom Rio Grande entfernt wie hingeklebt am äußersten Rand des Tals, das hier eine beachtliche Breite aufwies. Mitten durch den Ort floss ein kleinerer Fluss, eher schon ein Wildbach, der Clearwater. Und so war auch die Stadt genannt worden. Vier Meilen von der Siedlung entfernt ergoss sich das blitzsaubere Wasser des Clearwater in den Rio Grande, der hier schon etwas langsamer dahindümpelte.

Der Holzreichtum der Umgebung prägte auch das Bild des Ortes. Die Häuser waren in den Fundamenten aus Feldstein gebaut und darüber in der Blockhausweise errichtet.

Es gab sogar eine Kirche, deren Turm aber nur wenig über die Häuser hinausragte und ebenfalls ganz aus Holz gebaut war.

Der zerfahrene Wagenweg stellte die einzige Straße von Clearwater dar. Rechts und links standen die Häuser. Zwischen ihnen war ausreichend Platz. Sie wirkten nicht so aneinander geschachtelt wie unten im Süden oder in den Indianergebieten, wo die Ortschaften wie Festungen verteidigt werden mussten, wenn Indianer angriffen.

Auf den ersten Blick wirkte dieser Ort ärmlich. Blockhäuser sind nun mal keine Paläste. Aber nicht nur das. Es gab keine Gehsteige, nur Schotterdämme, auf denen in der Schlammperiode die Menschen gehen mussten.

Unweit von Clearwater musste vor einiger Zeit eine Lawine niedergegangen sein. Die breite Straße der Vernichtung war bis oben ins Hochgebirge zu verfolgen, an dessen Fuß Clearwater lag.

Ich hörte die schrillen Geräusche eines Sägewerkes, das direkt über den Bach gebaut worden war, der wiederum das Mühlrad antrieb.

Und dann hatte ich schon die Ortschaft selbst erreicht. Kaum jemand achtete auf mich. Es herrschte lebhafter Betrieb auf der Straße, besonders vor einem großen Blockgebäude mit einer Laderampe, das offensichtlich der Store der Stadt war.

Es stand eine Reihe von Fahrzeugen dort, die beladen wurden. Direkt gegenüber entdeckte ich ein Gebäude, dessen Vorderseite völlig aus Stein gebaut war. Gewaltige Felsbrocken waren da vermauert worden, und dieses Haus wirkte wie ein kleines Kastell. Dass daran ein Schild hing mit der Aufschrift „Bank“, verwunderte mich nicht. Gleich daneben, wie hingeklebt, stand ein Blockhaus, an dem die amerikanische Fahne heraushing. „Marshal’s Office“ stand über der Tür.

Belustigt dachte ich, Jane hat sich gleich den Marshal an die Tür geholt wie einen Hofhund.

Ein Stück weiter unterhalb entdeckte ich den Saloon, schräg gegenüber ein Speisehaus, das bis auf das Schindeldach auch aus Feldsteinen gebaut war.

Mein nächster Blick galt den Pferden vor dem Store. Viele davon, darauf hatte ich geachtet, trugen den Ashfield-Brand, jenes Dach über den beiden Kreuzen.

Und dann machte ich noch eine Entdeckung. Der Name Ashfield begegnete mir fast an jedem zweiten Haus. Das Speiserestaurant, der Mietstall, die Bank natürlich und der Saloon, aber auch das große Gebäude des Store gehörten offensichtlich Jane Ashfield. Überall stand ihr Name.

Es ist ihre Stadt. Alwin Roof hat recht gehabt, sagte ich mir.

Nachdem ich schon die Brandzeichen an den Pferden gesehen hatte, entdeckte ich auch Männer, die zwar kein Brandzeichen trugen, denen aber ihr „Beruf“ deutlich im Gesicht geschrieben stand. Männer, die für ein paar Dollar ihre Colts vermieteten. Im Augenblick schien Jane Ashfield diese Colts gemietet zu haben.

Ich brauchte keine Angst zu haben, das Jane mich ohne weiteres erkennen konnte. Wenn ich meinen Namen nicht preisgab, an meinem Äußeren erkannte sie mich bestimmt nicht. Ich trug einen Bart, der mir auf dem langen Ritt in der Wildnis gewachsen war, und auch mein Kopfhaar bedurfte dringend einer Schere. Aber dazu hatte ich mir in den letzten Monaten nicht die Zeit genommen.

Ich konnte es mir also leisten, geradewegs auf den Mietstall zuzureiten, um Mr. Brown eine anständige Mahlzeit und etwas Ruhe zu erkaufen. Die einzige Gefahr, die mir drohte, war die, dass mich jemand erkannte, dem ich in der letzten Zeit irgendwo begegnet war. Aber ich glaubte nicht, dass ich mir darüber den Kopf allzusehr zerbrechen musste.

Ein junger Schwarzer nahm mir mein Pferd ab und versprach mir, es für einen Dollar drei Tage lang erstklassig zu versorgen.

Bleiben Sie länger, Mister?“, fragte er.

Das kann ich dir noch nicht verraten. Das hängt von den Geschäften ab, die ich hier mache", erwiderte ich und grinste.

Er grinste zurück, ohne dass seine Neugier befriedigt worden war. Aber er kümmerte sich um Mr. Brown, und der nahm es dankbar zur Kenntnis. Ich knallte ihm meinen Dollar auf die Futterkiste, warf mir die Satteltaschen über die Schulter, und als er mit einer Gabel voll Heu an mir vorbeikam, fragte ich: „Wo kann man hier gut schlafen?“

Im Speisehaus vermieten sie Zimmer, und ich weiß genau, dass sie frei sind. Aber noch billiger können Sie es bei mir haben, oben auf dem Heuboden. Fünfundzwanzig Cents für die Nacht!“

Wieviel Menschen pennen da oben?“, fragte ich.

Wenn Sie es annehmen, keiner außer Ihnen.“

Ich blickte verwundert auf die Straße. Es wimmelte dort von Leuten. Die konnten doch nicht alle von hier sein? Und das sagte ich dem Jungen.

Er lachte. „Sind die auch nicht. Die sind von den Bergen, von den Tälern. Von überall her kommen sie. Aber bevor es dunkel wird, ziehen die nach Hause. Und wenn sie wirklich irgendwo schlafen müssen, tun sie es jetzt im Sommer draußen im Freien, wo es nichts kostet. Die Leute haben nicht viel Geld.“

Ich auch nicht, Junge! Aber ich werde trotzdem dein Angebot annehmen. Und wo kann man am besten essen?“

Das Speiselokal ist nicht das beste, aber das einzige hier“, erwiderte er.

Ich wollte ihn nicht noch weiter ausquetschen, sonst bekam Mr. Brown überhaupt nichts zu fressen. Also schlurfte ich dann auf die Straße hinaus, blinzelte gegen die Sonne, sah in die Runde und marschierte dann geradewegs auf das Speisehaus zu. Meine Absicht, erst in den Saloon zu gehen, verschob ich. Hunger wühlte in meinen Eingeweiden, und etwas zu essen war im Augenblick das, was mich am meisten lockte.

Zusammenfassung

Vielleicht wäre ich Jane nie mehr begegnet, hätte sie ihren Hass bezähmen können.
Aber es war wie eine Krankheit bei ihr. Sie konnte nicht damit aufhören, mir Männer auf die Spur zu hetzen. Das aber wurde auch für sie selbst zum Fluch.
Aber zunächst einmal sah es so aus, als hätte bei mir einer zum großen Abgang gerufen. Ich hatte etwas dagegen. Wer stirbt schon gerne? Immerhin, sie hatten es sich prächtig ausgedacht. Mit einer Kugel im Genick hört ein jeder auf zu lachen. So sollte es sein. Aber die sollten sich wundern ...

Details

Seiten
140
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905687
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (August)
Schlagworte
callahan janes trumpf

Autor

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Titel: Callahan #2: Janes letzter Trumpf