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Die Freifrau und die Geisterpiraten

2016 120 Seiten

Leseprobe

Klappe

Dies ist der 3.Band der mehrteiligen Saga um die Freifrau Valmira und Peter Schrenk erzählt in seiner unnachahmlichen Art, wie der 15jährige Gustav Wilmerding im Winter 1682 vom oldenburgischen Edewecht an Bord des schnellen Handelsseglers ´Den Gyldne Griffin´ über Kopenhagen auf die westindischen Inseln gelangte und in der Karibik zu einem berüchtigten Piraten wurde!

1

Valmira wusste nicht, was mit ihr los war.

Nervös trommelten ihre Finger auf das Fensterbrett des Turmzimmers. Was ging nur in ihr vor? Der November war schon fast vorbei und unter ihrer gespannten Haut prickelte die Nervosität. Sie hatte das Gefühl, als verbrannten ihre Nervenenden. Die schwarzen Vögel aus Russland waren schon vor einer Woche im Schlosspark gelandet. Der mit körperlicher Arbeit angefüllte Erntesommer war lange vorbei und die Unruhe des folgenden vorwinterlichen Wartens machte sie verrückt. Und nichts passierte!

Aber auf was wartete sie eigentlich?

Nachdem sie den Fall des ´Bombers´ im vergangenen Winter gelöst und ihre Rückkehr zum Arbeitsalltag einer Ermittlerin als eine Art von Erlösung wieder ihr Leben ausgefüllt zu haben schien, überfiel sie die jetzige Leere völlig unvermittelt. Eine Zuträgerin aus dem Staatsarchiv, sie hatte die Zeitungsberichte in den Medien wohl verfolgt, sorgte mit einer abschließenden Information dann noch dafür, dass Valmira doch noch Aufschluss über das wahre Ende des ´Bombers´erhielt. In den Unterlagen des Staatsarchivs fand sie noch

ein Dokument, aus dem hervorging, dass der Mann sogar noch einen Kontakt zu seinem ´Vater´ in Hamburg gehabt hatte. Dieses Dokument war der Freifrau wohl damals entgangen, als sie bei ihrem überhasteten Weggang aus dem Archiv die Unterlagen zusammengeklaubt hatte:

Das bittere Ende eines Traums  wie Peter M. doch noch die Theater in Hamburg erben sollte:

„Peter M. erkannte die Stimme am Telefon auch nach so langer Zeit sofort wieder! 

So oft hatte er sich, wenn er nachts vom Telefon aus dem Schlaf gerissen wurde, mit dem alten Namen und dem gleichen Tonfall gemeldet. Zu einschneidend war dieses Erlebnis in sein Leben wohl gewesen. Dieser Name war tief in seinem Gedächtnis verankert. Der Familienname, den ihm sein ´Vater´ vor mehreren Jahrzehnten zuerst widerrechtlich beschafft, und dann später wieder genommen hatte. Nein, er hatte sich bis heute noch nicht an den neuen Namen gewöhnt, den er vom Einwohnermeldeamt in Oldenburg i.O. später erhalten hatte. Allen Menschen, die ihn damals noch als Peter A. kannten, hatte er lang und breit die Namensgeschichte erklären müssen. Und jetzt, wieder kurz vor Weihnachten, war der Schrecken tatsächlich wahr geworden. Was lange Zeit nur Bestandteil seiner wirren Alpträume gewesen war, nun schienen diese Ängste aus den Träumen der Vergangenheit zu einer schrecklichen Realität im Heute geworden zu sein.

„Deine Frau hat mich telefonisch auf dem Laufenden gehalten“, sagte die Stimme aus Hamburg am Telefon und fuhr erbarmungslos fort, „wir sollten mal reden. Über Deine Zukunft.“ 

„Ach ja?“, war alles, was dem Peter M. in ME in diesem überraschenden Moment einfiel. Dabei hatte er in den vergangenen Jahren über ein derartiges Szenario so oft nachgedacht. Hatte sich zurechtgelegt, was er dem Mann in Hamburg alles sagen wollte. Welche seiner Fragen da noch auf eine Antwort warteten ... 

Dieser völlig unvermittelte Telefonkontakt brachte ihn also völlig aus dem Gleichgewicht. Keines der Worte, die er sich in den vergangenen Jahren so sorgfältig zurechtgelegt hatte, wollte ihm über die Lippen kommen. Ja, er sah sich plötzlich in der gleichen Lage, in der er sich auch früher befunden hatte. Dort, diese allmächtige Stimme aus Hamburg, und hier, der ´kleine Junge´ in ME, der das Urteil des ´Vaters´ über sich ergehen lassen musste. So ließ er es fast angstvoll geschehen, dass der Mann in Hamburg am Telefon selbstsicher wie immer darüber bestimmte, wann und mit wem er in die Stadt seiner damaligen Ankunft im Westen zu kommen hatte und in welchem noblen Hotel, ganz in der Nähe des Theaters, er (P. A.) die Familie unterbringen würde. Gewiss, Peter M. wollte sich nach dem Telefonat einreden (Soziologen nannten das ´Rationalisierung´), dass es nur wegen des Traumes war, den der ´Vater´ dem damals 15jährigen Jungen aus der Ostzone an einem Sylvesterabend auf der Bühne des Hamburger Theaters am Neuen Wall vor Publikum eingepflanzt hatte. Der Traum, dass er irgendwann einmal dieses Theater in  Hamburg leiten würde. Als ´Nachfolger´ von Peter A.!

Sollte es jetzt doch noch wahr werden, dieses Märchen  aus  der  Hamburger Vergangenheit?  Gerade  in dem Moment, woder nunmehrige Familienvater sich erfolgreich bemühte, seinen eigenen Weg zu finden? Seine Bücher in einem Münchener Verlag unter dem ungeliebten, neuen Namen erschienen!

In den turbulenten Tagen, bis zu dem vereinbarten Wiedersehen mit dem ´Vater´ in Hamburg, erwies sich seine Annahme, dass er mit diesem Thema seines Lebens ein für allemal abgeschlossen hatte, als falsch und trügerisch. Selbst eine Heerschar von Psychologen hatte hier in den vergangenen Jahren ´die Segel streichen´ müssen. Peter M. hatte sich zwar bemüht, das Thema zu ´verdrängen´, allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Die Angst vor dem mächtigen Mann aus Hamburg, der sein Leben in so übler und nachhaltiger Weise gelenkt hatte, war auch jetzt noch gegenwär tig! 

In dem Gespräch im Theater am Neuen Wall lüftete Peter A. dann das Tuch über seinen eigenen Plänen: Der skeptische Blick, mit dem er die zwei angeheirateten Töchter und die Frau des Peter M. musterte, sprach allein schon Bände. Dagegen Peter A´sdrei ehelichen Kinder, deren Meriten er in den höchsten Tönen hervorhob! Sie schienen ihm über alles zu gehen. Allerdings, und hier machte Peter A. wohl die einzigen Abstriche, hatten diese, von ihm so hochgelobten Kinder, weder das Talent noch ein Interesse an der Fortführung der Theater in Hamburg. So war Peter A. wohl das Gespräch mit dem Peter M. als der ihm einzig verbliebene Ausweg zu sehen, das Bestehen der Theater in der Zukunft zu sichern. Wieder einmal tischte der Hamburger seinen ´Gästen´ zur Erreichung seines Ziels, eine Geschichte auf, die der Peter M. schon von dessen erstem ´Auftritt´ in der DDR, in dem Rostocker Büro des HansAnselm Perten her kannte: “Ich werde bald sterben. Ich habe einen unheilbaren Krebs (nun eineArt deja vusErlebnis für Peter M.) und Du bist der Einzige, der Texte schreiben kann und ein Talent für das Theater sowie eine betriebswirtschaftliche Ausbildung mitbringt!“ Ja, P. A. war ausgezeichnet informiert. Offensichtlich hatte er die Veröffentlichungen der Bücher mitbekommen und bekannt war ihm wohl auch, dass Peter M. eine Schauspielausbildung in Heidelberg und Frankfurt abgeschlossen hatte. Auch dessen beruflicher Weg in Richtung  Betriebswirtschaft und Marketing spielte

wohl in die Karten des Mannes aus Hamburg. Zur ´Beruhigung´ des Nachfolgers in spé fügte er noch hinzu, dass er nur noch ´ein paar Monate zu leben´ hätte und er dem Peter M. im Theater nicht mehr zur Last fallen würde. Gleich darauf brüllte er aber einen Angestellten ´seines´ Theaters wegen einer Nichtigkeit derart an, dass die Kinder Natalie und Katrin sich vor Schreck die Ohren zuhielten.  So machte er doch dem ´Nachfolger´ gleich klar, was diesen in Zukunft erwartete und unter welchen Bedingungen der das Thater führen würde müssen. Schließlich hatte P.A. diese Spielstätte in Hamburg in den fünfziger Jahren am Georgsplatz ´mit seinen eigenen Händen´ geschaffen. So schien zu diesem frühen Zeitpunkt für den Peter M. seine Entscheidung schon beinahe festzustehen. Diese ´paar Monate´, gemeinsam mit dem nach ´Gutsherren Art´  auftretenden Prinzipal würden für den erkorenen´Nachfolger´ fürchterlich werden. Das musste dem Peter M. in dieser Phase der Gespräche in der Komödie am Neuen Wall schlagartig klar geworden sein! 

Nach diesem theaterlichen Erstgespräch, am Abend im Zimmer des von Peter A. gebuchten RenaissanceHotels, brach als Folge dieses ´Gessprächs´ bei Peter M. dann die Krankheit endgültig aus, mit der dieser sich schon jahrelang rumgequält hatte. Sollte das ein erstes Omen gewesen sein?

In einem weiteren Gespräch am folgenden Tag erfuhr der ´Nachfolger´ dann, in welcher Form der Prinzipal mit der Frau von Peter M. und den zwei Töchtern umzugehen beabsichtigte; „Deine Töchter würden hier nur stören. Sie kommen auf ein Internat und Deine Frau übernimmt die Geschäftsführung des gastronomischen Betriebsteils hier am Neuen Wall!“

Also bloß weg aus Hamburg mit dem lästigen Familienanhang! Damit war innerlich die Entscheidung bei Peter M. wohl bereits gefallen, denn so ähnlich hatte der Prinzipal es vor Jahrzehnten auch mit ihm gemacht, als er ihn auf die Odenwaldschule verbannte. Er versuchte schon jetzt die Kontrolle zu übernehmen! Damals hatte Peter M. sich nicht dagegen wehren können. Er würde aber heute nicht einfach zusehen, wie P. A. mit seiner Familie umsprang. Die endgültige Entscheidung gegen den ´Traum fiel dann während einer vereinbarten, mehrwöchigen Probearbeitszeit in Hamburg. Die eigentliche Arbeit war kein Problem. Das Hauptproblem war die Verweigerung von Antworten auf die Fragen, die Peter M. zu den Geschehnissen der vergangenen Jahre hatte: „Warum hast Du so gehandelt?“Darüber hinaus, wurde klar, dass der ´Nachfol

ger´ nur als Arbeitssklave der Familie des ´Vaters´ dienen sollte und deren Überleben zu sichern hatte. 

Nach Beendigung der vereinbarten Probearbeitszeit und der Rückreise des Peter M. nach ME, muss dem ´Vater´ bewusst geworden sein, dass er diesmal nicht so billig davonkommen würde und der auserkorene ´Nachfolger´ die  Übernahme der Theaterbetriebe unter den gesetzten Bedingungen wahrscheinlich ablehnen würde. Völligunvermutet tauchte er daher eines Abends mit seinem Mercedes SL (HHPA) in ME auf. Er wollte in der Düsseldorfer ´Komödie´ an der Steinstrasse Vertragsverhandlungen mit einem Schauspieler und dem Leiter der Düsseldorfer Bühne führen. Angeblich wollte er dem Peter M. zeigen, wie solche Verhandlungen ablaufen. Auch diese Sache war ja keine ungewohnte Situation für den Peter M., der schon genügend Erfahrungen mit derartigenVerhandlungen in seinen bisherigen Berufstätigkeiten gemacht hatte. Was P. A. aber wohl nicht wissen konnte, war eine Erfahrung, auf die der ´Sohn´ während dieser beruflichen Laufbahn gestoßen war: Während einer angestrebten Kooperation mit einem weltweit bekannten Düsseldorfer Autohaus.  Hautnah konnte er dort miterleben, wie sich unehelich geborene Abkömmlinge des Unternehmenschefs  verbiegen mussten, um das angestrebte Ziel, die Aufnahme in die eheliche Urfamilie zu erreichen. Schlusspunkt dieser Gespräche mit dem Hamburger Theaterchef war dann, dass Peter A. den Töchtern des Peter M. strikt verbot, ihn als den ´Opa´ zu bezeichnen. Durchaus möglich, dass dieses Verbot dann den endgültigen Ausschlag gab. Am ... lehnte der ´Sohn´ brieflich die Übernahme der Theater in Hamburg ab.“

Valmira hatte dieses Nachzüglerdokument wohl schon zigmal seit der Sommerernte gelesen. Jetzt legte sie es seufzend zur Seite. Auf das Fensterbrett des Turmzimmers. Ein Blick aus dem Fenster zeigte ihr das nieselige Grau eines Vorwintertages in MecklenburgVorpommern. Das Blut schien unter ihrer Haut heftig zu pulsieren. 

Irgendwas stimmte wohl nicht mit ihr. Sie ging hin

unter in ihr neues ´Arbeitszimmer´ und machte einen

telefonischen Termin mit der Praxis des Arztes. Die Abwechslung würde der Freifrau gut tun. 

2

Die halbnackte Frau sah, wie sich in dem nur mäßig warmen Behandlungszimmer ihre Brüste mit Gänsehautpöckchen überzogen. Noch unangenehmer war der

plötzliche Schweißausbruch, der ihr Dasein wohl noch schwerer machen sollte.

Irgendwie schämte sie sich bei den Besuchen in der Praxis des Doktors immer ein wenig. Immerhin gehörte er zu den wenigen Leuten, die sie zu ihren Rubberbridgenachmittagen im Schloss einlud. Wenigstens bei der Arbeit auf dem Gut bemerkte sie die ´Maleste´ des Älterwerdens nicht so doll. Aber im November ... da gab es ja für sie nicht soviel zu tun. Und auch kaum eine sonstige Ablenkung.

Sie hatte sich früher doch immer fit gehalten. Zuerst im Hamburger Ruder Club am Alsterufer, dem damals größten Frauenruderverein und später dann bei den Hamburger Polizeiruderinnen am IseKai. Zwar war sie auch jetzt noch Mitglied in beiden Vereinen, aber nicht mehr aktiv. Mit ihren Spenden unterstützte die Freifrau den geplanten Neubau eines Bootshauses des HRC. Ab und zu versuchte sie sich in ihrem Trimraum im Schlossturm fit zu halten. Aber früher hätte sie eben nie gedacht, dass das Älterwerden mit solchen Beschwernissen verbunden sein würde. Besser nicht daran denken.

Als Dr. Henning Manskow nach einer Weile wieder aus dem Nebenzimmer zurückkam, glaubte Valmira zu Bissow in seinem Gesicht einen Anflug leichter Besorgnis zu erkennen. 

„Ich möchte Sie zu dem Röntgenologen in Treptin überweisen, Frau zu Bissow. Nur zur Sicherheit. Der soll mal Schichtaufnahmen von Ihrer Lunge machen. Rauchen Sie eigentlich?“ 

„Na, Sie stellen Fragen! Das wissen sie doch. Nur hin und wieder. Ein Zigarillo!

Dr. Manskow schlug sich mit der flachen Hand vor

die Stirn. „Ich Idiot, Valmira!Wir haben doch beide

zusammen mal eine Zigarre geraucht! In Ihrem ´Spiel

zimmer´.Demenz? Kostenloser Rat von mir: Werden Sie bloß nicht alt und vergesslich ...“ 

Die Freifrau zu Bissow verkniff sich ein Lachen. „Muss ich dafür extra mit dem Bus nach Treptin

fahren? Können Sie das nicht hier machen?“

„Nein, geht leider nicht. Mein alter Kasten ist dafür nicht gut genug  außerdem möchte ich auch gerne

noch über eine andere Angelegenheit mit Ihnen spre

chen ...“

´Was Henning da wohl noch in petto hat?´ fragte sich die Freifrau besorgt. Während Dr. Manskow der Praxishilfe nebenan die erforderlichen Anweisungen gab, bedeckte Valmira Maya Freifrau zu Bissowdie Blöße

ihres nackten Oberkörpers. Draußen war es november nass und der kalte Regen klatschte an die Praxisfenster. Aber die Wärme der dicken Wolljacke würde hoffentlich die Gänsepocken schnell vertreiben.

Sie musste dem Dorfarzt unbedingt ein besseres Röntgengerät finanzieren. Diese Fahrten in die Kreisstadt Treptin waren einfach zu lästig. Seit Stillegung des Bimmelbahnverkehrs fuhren ja nur noch zwei Busse dahin. Morgens und am frühen Nachmittag. Bestimmt war das auch für die anderen Patienten aus Bissow lästig. Würde nicht gerade billig sein, so ein Röntgenapparat. Eine dringende Investition für das Gut würde also auf der Strecke bleiben müssen. Jedenfalls in diesem Jahr. Na, das würde wieder einen richtigen Zoff mit dem ehrgeizigen Neuzuganggeben. Die spillerige Niedersächsin, Fräulein Laura Vogel, war im vergangenen Winter ganz unverhofft auf dem Gut aufgetaucht. Als hätte sie der Herrgott geschickt. Sie war lernbegierig, willig und ging einigen im Schloss bald mit ihrer guten Laune auf den Wecker. Außerdem lief sie ständig mit einem der neumodischen Headsets auf dem Kopf durch die Gegend und schien immer ´ganz wichtig´ irgendwohin unterwegs zu sein. Sie war gut, soviel stand bei Valmira fest. Die Freifrau zu Bissow hatte das Auftauchen des Vögelchens vom ersten Moment als eine wertvolle Bereicherung des sonstigen Gutspersonals empfunden. Aber ein Funken Misstrauen nistete sich nach ein, zwei Monaten doch in ihrem Kopf ein. Frl.Laura Vogel war pfiffig, soviel stand fest. Ihre Kenntnisse in landwirtschaftlicher Buchhaltung waren solide und hatten auf dem Gut wirklich eine bestehende Lücke geschlossen. Sie war sich zwar für keine Arbeit zu schade, immerhin bewirtschaftete ihre Familie einen großen Hof in der Nähe von Nordhorn,

aber manchmal erschien derFreifrau das Vögelchen dann doch etwas zu beflissen und arbeitswillig. 

Aber so ziemlich alle auf dem Gut schienen das blondhaarigeVögelchenzu mögen und so gelang es der

Niedersächsin nach und nach alle Verwaltungsaufgaben an sich zu reissen. Sie konnte das einfach besser als die ´Chefin´. Und gerade über die Ausgabenseite kam es dann häufig zu  heftigen Streitgesprächen zwischen

den beiden ziemlich sturen Frauen. In solchen Phasen zwinkerten sich die Melker dann draußen auf dem Hof im Vorbeigehen zu oder knufften sich in die Seite: „Zickenkrieg, was?“Fremde Besucher zögerten in solchen Augenblicken, verhielten den Schritt und verlegten ihren Besuch bei der Freifrau auf einen späteren

Zeitpunkt.Irgendwann müsste Valmira dem Vögelchenwohl mal deutlich klar machen, dass letzten Endes es immer noch sie war, die die Entscheidungen auf dem Gut traf. Ob aus Angst vor der immer Gutgelaunten oder einfach aus Unlust, jedenfalls zögerte Valmira diese beabsichtigte Aussprache immer wieder hinaus. Bis zum Sankt Nimmerleinstag, wie manche Alteinge sessene  an den Stammtischen des Dorfkrugs meinten. Auch ohne diese Aussprache war  es dann aber irgenddwie zu einerArt stillschweigenden Übereinkommen zwischen den beidenehrgeizigen Frauen gekommen. Aber das jetzt ... au weia! FräuleinVogel in Rage konnte auch trotz ihrer zarten Gestaltfluchen wie ein richtiger Müllkutscher.Ob sie das wohl auf dem elterlichen Hof gelernt hatte?. 

Schon damals hatteValmira das leise Gefühl, Bellofs ky hätte auch beim ´Vögelchen´wieder seine Hand im Spiel gehabt. So plötzlich und willkommen sie auf Schloss Bissow erschienen war. Allerdings hatte die Freifrau bis heute noch nicht den Mumm besessen, ihn oder sie direkt danach zu fragen. Wenn Frl. Vogel jetzt wieder gehen würde, wäre die Gutsfrau wohl aufgeschmissen. Aber es war wohl der ´Herrgott´Bellofsky gewesen, der die Schritte des Vögelchensin das Schloss Bissow gelenkt hatte. Vergangenen Winter. 

Gerade als Valmira sich wieder angezogen hatte, wurde sie erneut von diesem lästigen Husten geschüttelt.

Sie verließ die Praxis des Doktors etwa eine Stunde später. Im Kopf hatte sie noch die Abschiedsworte von Dr. Manskow: „Sie sollten Ihren Gynäkologen mal nach einer Hormonersatztherapie fragen. Möglicherweise verschafft Ihnen das Erleichterung.“ 

Draußen war es nass und kalt. Sie sprang, immer

lautere Flüche ausstoßend,über den vermatschten Vorplatz durch den Pladderregen.Im trockenen Inneren ihres Citroen DS 19 schüttelte sie sich wie ein nasser Hund und startete den Motor. Die Scheibenwischer

hatte sie wohl bei der Ankunft vor der Praxis vergessen.

Genau wie das Radio. Beide nahmen nach dem Motorstart simultan ihre Arbeit auf und auch das Heizgeblä se machte jetzt die Scheiben neblig. 

„So ein Schiet aber auch!“, fluchte Valmira laut.

Ob die Herrschaft damit ihr Alter, das Ergebnis der

ärztlichen Untersuchung, das merkwürdige Ansinnen des Doktors, dasherbstliche Wetter oder die Technik ihres Oldtimers verfluchte, hätte sie wohl selbst nicht mit Bestimmtheit sagen können. 

Vielleicht war es ja aber alles zusammen.

Die innere Unruhe. Die Hitzewallungen. Diese Vorahnungen von etwas. Erst nach dem Gespräch im ´Allerheiligsten´  des  Dr.  Manskow,  wusste  Valmira Ma  ya Freifrau zu Bissow auf was sie gewartet hatte. 

An den ersten ´Winterfall´, den Hamburger Bomber, war sie ja mehr oder weniger zufällig geraten. Gewiss, die Sache mit der Identität und den Motiven des sogenannten ´Bombers von Hamburg´ hatte sie nicht zu einem,befriedigenden Abschluss bringen können, aber doch immerhin zu einem Abschluss.

Erst nach dem Gespräch mit Dr. Manskow war ihr dann klar geworden, dass ihre Unruhe nicht nur ein Symptom der Wechseljahre gewesen war. Ihr Vorgehen bei dem ersten Falle mit dem sogenannten Bomber aus Hamburg hatten ihr zwar Klarheit darüber verschafft, dass sie als Ermittlerin immer noch eins und eins zusammenzählen konnte. Auch immer noch über gute Kontakte zur Kripo Hamburg verfügte. Und endlich nicht mehr von den polizeilichen Dienstvorschriften und Hierarchien eingeengt und behindert wurde. Nachdem dann im folgenden Frühjahr ein ziemlich großer Bericht über die eigenartigen Winteraktivitäten dieser Adligen aus Bissow sogar in einer überregionalen Zeitung erschienen war, hatte sie auch in diesem Winter auf das Eintreffen eines Zufalles gehofft.Ja, hatte es sogar erwartet. Als dieses Ereignis aber nicht eintreten wollte, hatte sie kaum noch ruhig schlafen können. Hatte das´Vögelchen´ bei jeder Gelegenheit angeraunzt, um ihr wenige Stunden später dann entschuldigend den Arm um die Schulter zu legen. Ja, sie vermisste die Arbeit als ´freiberufliche´ Kriminaler

mittlerin! Das war doch mal ihr Beruf gewesen. Und sie hatte so leidenschaftlich dafür gekämpft, dass sie zur Hamburger Kripo kam. Damals. 

Irgendwann musste ihr dann aber unterbewusst klar

geworden sein, dass die Winterermittlung ihr eigentliches Leben in der trüben Jahreszeit ausgemacht hatte.

Und jetzt diese Leere. Sie musste sich endlich ein

gestehen, dass es ein solches Ereignis, ein neuer Win

terfallwar, dem sie förmlich entgegen fieberte ...

Der Doktor hatte die Praxis dicht gemacht und die Praxishilfe ins Wochenende geschickt. Wer jetzt noch krank würde, musste wohl das Wochenende ohne ärztlichen Beistand ´überleben´. 

Die Privatwohnung des Dr. Henning Manskow, das ´Allerheiligste´, gehörte zwar zur Praxis, aber sie war ganz anders, als Valmira das erwartet hatte. Nichts wies auf seinen Beruf oder etwa die moderne Geschäftigkeit des  Praxisbetriebes hin. Da war sogar ein Flügel (sie hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal gewusst, das Dr. Manskow eine musikalische Ader hatte).

An den Wänden hingen viele Ölbilder regional be

kannter Maler. Mit Meer und großen Segelschiffen. Auch ein vergilbter Druck mit einer alten Seekarte von

Mercator. Ob das wohl eine Kopie war? Und unter ei

ner schwarzen Piratenflagge mit Totenkopf an der Wand hingen zwei gekreuzte Entermesser. Dann aber auch stand da eine gedrechselte Anrichte, auf der neben einem alten Globus irgendwelche vorsintflutlichen Instrumente standen. Ein lang ausgezogenes messingbeschlagenes Fernrohr. Es erinnerte sie an ein Kaleidoskop wie es die Kinder früher zum Geburtstag bekamen. Oder an das Himmelsfernrohr des Gallileo Gallilei. Und daneben?Ein Sextant vielleicht? Nein, der stand weiter rechts. Ob das Andere ein Vorläufer war? Ein sogenanntes Astrolabium, mit dem man vor der Erfindung des Sextanten seine Schiffsposition auf See bestimmen konnte? Valmira glaubte sich daran zu erinnern, dass die Herren an einem der von ihr veranstalteten Bridgenachmittage mal über ein Segelboot gesprochen hatten, welches Dr. Manskow imHafen von Wolgast zu liegen hatte. Anscheinend hatte sie damals den Reden der alten Männer nicht wirklich zugehört. Da stand sogar ein schön geschreinertes Schreibpult mit alten Schreibgeräten darauf.Ja, in Dr. Manskows

Wohnung gab es offensichtlich einiges zu entdecken.  Eine Reihe von Fotos in Silberrahmenlieferte ihr noch dazu einen weiteren Hinweis auf einen größeren Familienhintergrund. 

Links und rechts vom Eingang zum verglasten Wintergarten zwei Wände mit Bücherregalen. Gefüllt mit

Büchern, die etwas über die heimlichen Neigungen des

Doktors verrieten. Auf einem Beistelltischchen ein silberner Samowar, der leise vor sich hin köchelte. Neben einem Sofa, das mit braunrötlichemSamt bezogen war,

stand ein niedriges EmpireTischchen mit einem Tee

service auf der Tischplatte. Und,  nicht wirklich zudem braun polierten Flügel passend, ein ziemlich moderner Schallplattenwechsler. Ein auf alt getrimmter Kachelofen beheizte den Raum mit wohliger Wärme. Jetzt schienendemDr. Manskow sogar wieder Bruch

stücke der DDRlichen Erziehung im Elternhaus wieder einzufallen:immerhinhalf er der Freifrau aus der dikken Wolljacke.Und als die Musik des Plattenspielers leise aus den unsichtbaren Lautsprechern tönte, der braune Zucker sich knisternd im Teeglas auflöste und die frischgebackenen Kekse auf dem Tisch lockten, schien es, als würdeValmira trotz der frostigen Kälte draußen wieder aufzutauen. Nach einem weiteren Moment fühlte sie sich in den Privaträumen des Doktors

sogar richtig wohl.

Die Berliner Symphoniker unter Herbert von Karajan. Beethovens Symphonien. Eine wunderbare Aufnahme. Sie selbst hatte diesen Schuber zuhause. Allerdings mit CDs ... und als sie nach dem vertraulichen Gespräch in den Privaträumen des Doktors wieder in ihr pinkfarbenen Sofa einstieg, fühlte sie sich schon viel besser: sie hatte ihren zweiten Winterfall! ´Büschen weit weg´,  dachte Valmira und bekam es etwas mit der Angst vor der eisigen Staßenglätte zu tun. ´Aber in der Karibik ist es wenigstens wärmer!´, glaubte sie zu wissen.

3

Gustavs Flucht nach Kopenhagen

„Min Modder, de Johanna, lässt fragen, ob Se mir wohl dat Lesen und Schreiben bibringen können ... dat is nu alles, wat wi for em hebben, Hier Pastor.“

Pastor Herman Grever von der evangelischen SanktNikolaiKirchein Edewecht ließ den Rohrstock wieder sinken, den er vorsorglich schon erhoben hatte. Normalerweise diente der dazu die vorlauten Kinder in derBibelstundedamit zu züchtigen. Reichlich verdattert sah der Kirchenmann nun auf die zwei gerupften Hühner und das Dutzend Eier, die der Junge vor ihm auf den Fußboden gelegt hatte.

So kam es also dazu, dass der Knabe Gustav Will

merding fünf Jahre später, im Jahr 1682, mehr schlecht als recht und noch etwas ungelenk las und schrieb. Und nun konnte er auch den sorgfältig überlegten Fluchtplan vom Ammerland ins viele, viele Mei

len entfernteGlückstadt tatsächlich durchführen. Als es dann soweit war, erzählte er dem nun schon älter  gewordenen ´Hiern´ Pastor eine erlogene Geschichte:Wie schlecht er von den Eltern auf dem Hof behandelt würde. Dass er kaum etwas zu essen bekam. Warum er unbedingt nach Glückstadt musste. Wo doch der

dänische König eine Stadt mit Hafen baute, um den arroganten Pfeffersäcken aus Hamburg zu zeigen, über welche Reichtümer das Königreich Dänemark verfügte. Wo Gustav vielleicht eine Zukunft hätte. Sein Talent zum Geschichten erzählen sollte ihm auch in der Zukunft seines abenteuerlichen Lebens noch oft aus mancher Patsche helfen. Er verdrückte beim Pastor tatsächlich sogar ein paar Tränen. Und der Pastor Grever half dem wissbegierigen Knaben, den er wirklich in sein Herz geschlossen hatte, erneut: auf einen Zettel schrieb er ihm den Namen seines Amtsbruders in dem gleichfalls zu Dänemark gehörenden Glückstadt.

„An Pastor Reimer Struve wendest Du Dich in der Stadtkirche, wenn Du Hilfe brauchst. Er ist ein gütiger Mensch. Der wird Dir weiterhelfen. Und Gottes Segen sei mit Dir!“   

Diesen Zettel, der Pastor mochte ihn wohl aus einem

Gesangsbuch gerissen haben, trug Gustav während der beschwerlichen Winterreise von Edewecht nach Glückstadt in einem Stoffsäckchen auf seiner Brust. Und er bewachte ihn stets mit Argusaugen. Bis er ihn brauchen würde. 

Genauso vergewisserte er sich auf seiner Reise, dass die kümmerliche Handvoll Kupfermünzen, die er der Mutter aus der großen Holzschatulle unter dem Bett geklaut hatte, noch vollständig vorhanden war. Obwohl erstzwölf Jahre alt, ging der strohblonde Gustav dem Aussehen nach schon als Fünfzehnjähriger

durch. Die harte Arbeit auf dem elterlichen Hof war

eben nicht spurlos an ihm vorbei gegangen. Und auf den Segen des Pastors von Edewecht hätte er wahrscheinlich getrost verzichten können. Um den hatte er nämlich selber in den vergangenen Höllenjahren ergebnislos gefleht. 

Es war für ihn  der einzige Ausweg.

Nachdem er wusste, dass sein älterer Bruder Johannes den zwischen Edewecht und Zwischenahn liegen

den Hof mit Mann und Maus und allem Drumherum

vom Vater übernehmen würde, war ihm klar geworden, dass er sein Glück woanders finden musste. So hatte er sich ´bei den Leuten´ rumgetrieben, die Ohren

gespitzt, wenn die Bauern, Handwerker und reisenden Gesellen über die Reichtümer in den warmen Ländern hinter dem Meer geredet hatten. Und er hatte mitbekommen, dass  die ´Westindienfahrer´ mit Schiffen voller Gold, Silber und exotischen Gewürzen aus den tropischenBesitztümern Dänemarks nach Kopen

hagen zurückkehrten. Da stand sein Plan fest. Er wollte auch da hin. Auf einem Dänenschiff anheuern. Zu den warmen Inseln schippern. Wo man niemals den gestochenen Torf verheizen musste. Zurück käme er dann ganz sicher mit prall gefüllten Taschen voller silberner riksdaler! Als gemachter Mann.Und der gekachelteOfen würde im Winter immer warm sein.

Und es würde seltener nach Rübeneintopf riechen. Vielleicht würde er dann sogar seinen Eltern den heimatlichen Hof abkaufen können. 

Dann würde ihm auch der ältere Bruder nicht mehr die Fleischstücke aus der Suppe klauen. Und er würde für ihn, den Jüngeren,  schuften müssen!

Zusammenfassung

Dies ist der 3.Band der mehrteiligen Saga um die Freifrau Valmira und Peter Schrenk erzählt in seiner unnachahmlichen Art, wie der 15jährige Gustav Wilmerding im Winter 1682 vom oldenburgischen Edewecht an Bord des schnellen Handelsseglers ´Den Gyldne Griffin´ über Kopenhagen auf die westindischen Inseln gelangte und in der Karibik zu einem berüchtigten Piraten wurde!

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905670
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (November)
Schlagworte
freifrau geisterpiraten

Autor

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Titel: Die Freifrau und die Geisterpiraten