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Vom Morgen in die Nacht

2016 100 Seiten

Leseprobe

VOM MORGEN IN DIE NACHT

 

ANTON FUCHS

 

Roman

 

 

 

 

Impressum

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CAssIOPEIAPREss, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild & Illustrationen: Steve Mayer, 2016

Korrektorat: Kerstin Peschel.

Magie der Nacht – Versuch einer Interpretation” Jörg Martin Munsonius

Vermehrt um bio- bibliografische Angaben von Kerstin Peschel & Jörg Martin Munsonius

Alle Abbildungen © by Edition Bärenklau, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappe

 

Tichon McNear verlässt eines Tages sein Versteck tief unter der Erde und begibt sich auf eine Expedition durch abenteuerliche Zeiten und Landstriche: vorbei an rasselnden Rädern; an Leuten, die dazu verurteilt sind, ein Leben lang gefesselt und geknebelt zu bleiben; an Stätten von Hinrichtungen und mitten durch einen Krieg, der an Dauer und Grausamkeit alle bisherigen übertrifft.

Schließlich erwacht er an einem Morgen und macht sich auf den Heimweg, der ihn um die ganze Erde zu führen scheint.

Endlich wieder Daheim, kommt er auch hier nicht zur Ruhe: er wandert durch hohe Räume und zwielichtige Gassen und am Ende befindet er sich in eine Ebne voller Leere, ehe er eine Küste erreicht, um dort übergangslos im Sand zu versinken ...

 

Der Autor nennt sein Werk ein „Experiment“. Und in der Tat ist es nicht in die landläufigsten Kategorien erzählender Prosa einzureihen.

Dies ist neben dem „Deserteur“ das Hauptwerk des Wiener Literaten Anton Fuchs, 1968 zuerst im angesehenen Verlag Fritz Molden erschienen und gehört heute zu den Kleinoden der phantastischen Literatur des 20. Jahrhunderts .

 

 

 

 

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Einleitung des Herausgebers

 

 

Beauftragt, die Abschlussvorlesung unseres hochverehrten Dekans, dieses weit über die Grenzen unseres Landes bekannten und verdienten Forschers und Wissenschaftlers, zunächst als Skriptum, später allenfalls auch in Buchform zu redigieren, befinde ich mich – des Professors langjähriger Assistent – in nicht geringer Verlegenheit.

Rede und Schrift sind dann doch zu verschiedene Formen des Ausdrucks, als dass man die eine ohne Bedenken in die andere übertragen könnte. Jeder von beiden mangelt etwas anderes, sozusagen eine ganz bestimmte Dimension, welche die jeweils andere Mitteilungsform geradezu auszeichnet.

Die Rede ist warm und lebendig. Wir spüren dahinter konkret den Menschen: seine Stimmbänder, Gebärden und Affekte, die unbekümmerte Kraft und den Zauber seiner Persönlichkeit – oder deren Schwäche. Die eine langweilt, eine andere schlägt uns in ihren Bann. Ja eine natürliche, wenngleich oft tragische Veranlagung, lässt uns nur allzu gern dem kräftigen Charakter den Vorzug geben, zuungunsten des kräftigeren Arguments. Denn die Rede erregt vornehmlich die Gemüter. Wir können uns ihrer Wirkung kaum entziehen. Sie macht uns passiv, sie verbindet, sie macht die Zuhörer zu einem Kollektiv. Sie läuft, wie die Musik, ganz in der Zeit ab. Und sie bedient sich auch ähnlicher Kunstgriffe wie diese: der Betonung, der Wiederholung, der klug gesetzten Pausen, des Ritardandos und anderer mehr. Sie fließt dahin, unaufhaltsam, in einem Tempo, das nicht wir bestimmen und dem unser kritisches Vermögen durchaus nicht immer gewachsen bleibt. Bei alldem ist sie uralt – nicht nur hinsichtlich der gesamten Entwicklung, sondern auch im Leben jedes einzelnen konnte man den Menschen schon lange Zeit hindurch ansprechen, ehe man das erste schriftliche Wort an ihn zu richten vermochte – und dennoch bleibt sie unverändert jung, klingend, im Augenblick verhallt wie die Wirklichkeit und wie sie, von unmittelbarer Wirkung.

Gemessen an all diesen Vorzügen ist das geschriebene Wort wohl schwächlich und blutleer. Allein es vermag Jahrtausende zu überdauern. Der Leser zieht sich zurück, und wäre er selbst im dichtesten Gedränge. Er allein bestimmt hier das Tempo. Und er verhält sich auch kritischer als der Zuhörer. Wie leicht entgeht diesem, bestochen durch die überraschend präzise Formulierung eines Gedankens in dem einen Absatz, der mangelhafte Satzbau oder die trügerischen Schlussfolgerungen im nächsten. Da ist der Leser doch weit schwieriger hinters Licht zu führen. Er hält ein, er überliest noch einmal, blättert zurück, vergleicht; kurzum, er bleibt weitgehend aktiv.

Gelten solche Unterschiede im Allgemeinen, so gelten sie hier noch im Besonderen; vor allem in einem Zeitalter der Interpretationen, der namhaften Dirigenten, Redner und Regisseure. Wer dabei war, wird mir gewiss beipflichten, wenn ich befürchte, dass diese Rede sich zur Lektüre vermutlich ebenso wenig eignen wird, wie ein Roman zum Vortrag.

Hinzu kommen aber noch Bedenken ganz anderer Art.

Man vergegenwärtige sich, welch hohe Anforderungen gerade diese letzte Vorlesung an alle Beteiligten stellte, erstreckte sie sich doch – die Pausen mit eingerechnet – von zwei Uhr mittags bis gegen fünf Uhr morgens. Nahezu fünfzehn Stunden also fanden wir uns alle aneinander gekettet und gleichsam aufeinander angewiesen. Wie in einem Konklave oder auf einem Schiff oder wie die Eingeschlossenen in einem Bergwerk, versuchte jeder, sich für einige Zeit einzurichten.

 

Dass unter solchen Umständen die Aufmerksamkeit der Zuhörer immer wieder erlahmte, wird niemanden wundern. Ich selbst – obgleich für allfällige Handreichungen unmittelbar vor dem Podium sitzend – muss wohl auch zeitweise vom Schlaf übermannt worden sein. Anders kann ich mir das Faktum, dass mir weite Strecken des Manuskripts bei der ersten Durchsicht so fremd vorkamen, als hätte ich sie nie zuvor gehört, kaum erklären. Ja heute, nach Abschluss der Reinschrift, bezweifle ich mitunter sogar, ob ich auch die rechte chronologische Reihenfolge der Kapitel eingehalten und diese nicht vielleicht unwillkürlich umgekehrt habe, wie man ja auch beim Erinnern gerne die Zeiten durcheinanderbringt, da man sich immer wieder ans Naheliegende klammert.

Ich erwähnte eben die Pausen und füge hinzu: Es waren derer sechs – vier kürzere und die beiden ausgedehnten Unterbrechungen, in welchen auch Mahlzeiten eingenommen werden konnten. Eine Vergünstigung, von der allerdings kaum jemand Gebrauch machte. Stattdessen zog man es vor, sich in der Aula oder auf den weiträumigen Galerien zu ergehen. Niemand verspürte das Bedürfnis, das allgemeine Schweigen zu brechen. Wenn ich mich über die steinerne Brüstung beugte, sah ich tief unter mir einige Leute, immer dieselben, im Grase liegen. Die Finger hinter dem Kopf verschränkt, starrten sie zum Himmel, der, je nach dem Stande der Vorlesung, in der ersten Pause noch sonnig war, in der zweiten leicht bewölkt, dämmerig sodann, abendlich kühl und endlich kalt, finster, weithin bestirnt.

Ertönte das bekannte Glockenzeichen zum zweiten Male, so begab man sich alsbald wieder in den Saal, den übrigens einige unter den Hörern auch während der Pause nicht verlassen hatten. Schlaftrunken richteten sie sich bei unserem Eintritt von ihren Sitzen oder vom Boden auf, wo sie gekauert oder gelegen hatten, blinzelten uns entgegen und brachten hastig ihre Kleider in Ordnung.

Gewöhnlich stand zu diesem Zeitpunkt der Vortragende, der großen Entfernung sowie des Zwielichtes wegen kaum erkennbar, schon weit vorne und etwas seitwärts vom Pult. Hier wartete er, bis alle ihre Plätze eingenommen hatten und endlich – wozu es freilich noch eine ganze Weile brauchte – völlige Ruhe eingetreten war.

Dann erst setzte auch er sich und fuhr in seiner Rede fort.

Noch sehe ich ihn vor mir. Seinen maßigen, leicht vornübergebeugten Oberkörper und dessen ungeheuren Schatten an der Wand hinter ihm. Die buschigen Brauen. Die geäderten, behaarten Hände, deren Finger, gichtig und nikotingebräunt, jede Seite nach dem Umblättern zittrig nieder strichen – und die sich doch in der Folge immer wieder zu unnachahmlichen, bei aller Schwerfälligkeit feurigen Gebärden aufraffen konnten.

Noch höre ich seine krächzende, zuweilen von einem trockenen Husten unterbrochene Stimme und lausche gebannt seiner eigentümlichen Vortragsweise, die, bedächtig, Wort für Wort, mit der Lupe die langen Zeilen entlangwandert, siebentausend an der Zahl.

Und, wie schon am Beginn dieser Einleitung, frage ich mich abermals, ob es überhaupt im Bereich der Möglichkeit liegt, all diese Eindrücke – immerhin liegen sie fast ein halbes Jahrhundert zurück – heute noch in ihrer plastischen Fülle zu vermitteln?

Ich will es dennoch versuchen.

Vielleicht hat der Leser nicht nur weniger, sondern da und dort auch mehr Phantasie, als sein Autor gewöhnlich annimmt.

 

Wien, im Frühjahr 1968

 

 

Rückschau

 

 

Meine Damen und Herren!

 

Ehe ich meinen heutigen Vortrag beginne – den letzten übrigens in dieser Folge –, möchte ich Ihnen für die Aufmerksamkeit und die Treue danken, die Sie mir durch nunmehr fast ein Jahr erwiesen haben.

Nicht wahr, es fiel nicht immer leicht, sich in jeder Woche einen Nachmittag in diesem dunklen Saale einzufinden und hier die langen und bisweilen recht trockenen Vorlesungen eines alten Mannes anzuhören; zumal, wenn draußen die Sonne schien. Da war es doch gewiss verlockender, einen so strahlenden Tag in unserem Kurpark oder in einem unserer weitläufigen Seebäder zu verbringen.

Ich selbst war auch nicht immer frei von solchen Versuchungen. Namentlich im Winter, wenn ich nachdenklich oder laut deklamierend in meinem Arbeitsraume auf und ab ging und es zaghaft an die Türe pochen hörte. Dann wusste ich, dass einer meiner Enkel im Vorzimmer stand, meine Eislaufschuhe, den Schal und meine Sportmütze in den hoch erhobenen Händen hielt, um mich zum Kunstlaufen abzuholen.

Allein ich kann Ihnen versichern, dass ich allezeit standhaft geblieben und seit über einem Jahr weder aufs Eis gegangen bin noch am Barren geturnt, geschweige denn einen unserer vielen schroffen Berggipfel erstiegen habe. Mein Eispickel und das Seil verstauben im Geräteschuppen.

Dass ich all diesen Versuchungen widerstand, ist jedoch begreiflich. Ich hatte ja das Wort; und wer spräche nicht lieber selbst, als dass er anderen zuhörte. Dass aber Sie, meine Damen und Herren, mir durch eine so lange Reihe anspruchsvoller Vorlesungen und Demonstrationen die Treue hielten, dafür möchte ich Ihnen allen nochmals meinen Dank und meine höchste Anerkennung aussprechen.

Wie es Ihnen gewiss nicht entgangen ist, haben wir erst allmählich und zögernd nur Kontakt zueinander gefunden. Ich brauche Sie bloß an einen meiner ersten Vorträge, und zwar an jenen mit dem Titel Die Steine , zu erinnern und an Ihr Befremden angesichts der dabei gezeigten Lichtbilder. Freilich ohne Ihnen daraus einen Vorwurf machen zu wollen. Selbst namhafte Kritiker zeigten sich damals nicht eben wohlwollend. Es sei – so hieß es in einem unserer führenden Blätter – von diesem Vortrag etwas Schweres, gleichsam Lähmendes ausgegangen; eine Wirkung also, die ich selbst in diesem Auditorium recht eindeutig zu spüren bekam. Und doch bin ich sicher, dass Sie, würde ich dieses Thema heute wiederholen, ihm diesmal Ihr waches Verständnis, ja, ich bezweifle nicht, dass Sie ihm sogar mehr Interesse entgegenbrächten als meinem heutigen Thema. Denn von einer kühleren Warte aus gesehen ist jenes in der Tat unpersönlicher, kühner und zeitlos‑bedeutender als dieses.

Wenn ich Sie jetzt noch an einen zweiten Vortrag erinnern möchte, und zwar an jenen mit dem Titel Über die Fortbewegung von Mensch und Tier , so deshalb, weil mich heute noch die humoristische Wirkung nachdenklich stimmt, die dieser zweifellos ernste Vortrag auf Sie auszuüben vermochte. Dabei hatte ich gerade diesem Gegenstand besondere Sorgfalt zugewandt und seine Thesen mit hervorragenden Filmstreifen zu erhärten versucht; vor allem mit jenen ganz neuartigen Röntgenfilmen, die den innersten Mechanismus der Fortbewegung beim Menschen und bei einigen Versuchstieren aus ungewohnten Perspektiven zeigten.

Von den letzten beiden dieser Röntgenfilme durchleuchtete der eine den Gang eines jungen, ausnehmend hübschen Mädchens, und zwar von unten, durch einen gläsernen Fußboden, wie sie in ganz langsamer Zeitlupe herankam, über uns hinweg und langsam davon schritt. Beim zweiten Röntgenfilm verfolgte die Kamera – wieder in Zeitlupe, diesmal allerdings von einem seitlich gelegenen, etwas erhöhten Standort aus – den Gang eines Neunundsechzigjährigen, pensionierten Regierungsrates. Beide Filme zeigten mit schonungsloser Deutlichkeit den komplizierten Ablauf einer so selbstverständlichen Bewegung, wie sie das Gehen nun einmal ist und bleibt.

Ein tiefer Eindruck; vertieft noch durch die gleichzeitig ablaufenden Tonbänder, welche uns, um ein Vielfaches verstärkt, all das dazugehörige Knirschen und Rasseln der Muskelfasern und Sehnen sowie das schleifende Krachen der Gelenke mit anhören ließen. Voll Staunen spürten wir in diesem geräuschvollen Daherstelzen und Schwanken unförmig langer Knochenröhren und im ruckartigen Ineinandergreifen winziger Knöchel das so sehr Nachtwandlerische und die aufregende Unsicherheit, kurzum, die längst vergessene Mühsal, mit der alle Kreatur behaftet ist.

Ein Mädchen und ein alter Mann. Zugegeben, beide wurden auf eine ganz unerhörte Weise entblößt: sie ihres Charmes und er seiner angemaßten Würde, beide zusammen ihres Standes und ihres immerhin beachtlichen Altersunterschiedes. Aber sollte dies alles nur dazu angetan gewesen sein, Ihre Lachlust zu wecken, statt Sie in eine nachdenkliche Stimmung zu versetzen, so fürchte ich, das Ziel dieses Vortrags verfehlt zu haben.

Nun muss ich aber noch – des Kontrastes wegen – eine dritte und letzte Vorlesung herausgreifen. Sie hatte den etwas unglücklich, weil allzu akademisch gewählten Titel Das Menschenantlitz  – sein Aufstieg und sein Niedergang und sie ist Ihnen sicher noch gut in Erinnerung, habe ich sie doch erst vor vier Wochen an diesem Orte gehalten. In einem Kontrast zu jener eben besprochenen Vorlesung steht diese in zweierlei Hinsicht. Erstens methodisch: Denn wir zeigten dabei nicht Filme in der Zeitlupe, sondern im Zeitraffer; zum anderen was ihre Wirkung betrifft: Denn nach dem letzten dieser Filme herrschte in diesem Saale lange Zeit hindurch ein tiefes und, wie ich gewiss zu Recht annehme, betroffenes Schweigen. Aber warum – so fragte ich: Sie und mich selbst –, warum hier eine solche Erschütterung und warum dort nur unverhohlene Heiterkeit?

Sie entsinnen sich doch noch: Der Projektor surrte bereits, aber es war noch dunkel im Saal. Dann brach dieses eigentümlich schwerfällig‑rhythmische Geräusch plötzlich ab.

Es blieb eine Weile still.

Irgendein Defekt – so wurde vermutet. Wie sich später herausstellte, war der erste Teil dieses unersetzbaren Filmes durch das ungeschickte Manipulieren eines meiner Laboranten gerissen.

Doch gerade in dem Augenblick, als ich der Störung wegen um Vergebung bat und eben Anweisung erteilen wollte, das Licht einzuschalten, gerade da begann der Projektor wieder zu surren. Und sofort, mit einem Schlag mitten drin, sahen wir, in Großaufnahme, das Gesicht eines eben geborenen Menschen. Sahen, wie es rasch sich glättete zu einem Säuglingsgesicht, zu einem Kindergesicht, zum trotzigen Gesicht eines Knaben, das nicht haltmachen konnte auf seinem Wege, denn sichtbar begann der erste Bartflaum, dieses merkwürdige Gras des männlichen Gesichtes, zu sprießen. Das Gesicht eines Jünglings – schwärmerisch noch und flüchtig erhellt – wurde zum Gesicht eines jungen Mannes, eines ehrgeizigen jungen Mannes, zum Gesicht eines richtigen Mannes sodann, eines energischen Mannes ohne Rücksicht, dessen Fressschädel stärker und stärker hervorzutreten begann. Und da, gegen das Ende seiner Zwanzigerjahre, war plötzlich ein zweites Gesicht neben ihm: winzig, blinzelnd, zerknittert, mit kahlem Schädel: das Gesicht seiner Tochter. Und dieses Gesicht wuchs nun neben dem des Vaters heran: zu Kindheit, Jugend und – durch einen Augenblick ungraziöser Trübung hindurch – endlich zu Anmut und einer eigentümlich ergreifenden Schönheit; während daneben das Gesicht des Vaters auf jenen fragwürdigen Gipfel des Lebens stieg, wo der Hunger und die Liebe überhandnahmen, Gier, Ekel und vergebliche Tapferkeit es verheerten und es zu zeichnen begannen, mit all den Spuren des Älterwerdens, mit seinen Falten, die sich tief und tiefer um den Mund und die Augen eingruben. Und wir, die wir gebannt diesem Schauspiel folgten und, mitgerissen in jenem besagten sausenden Fahrstuhl der Zeit, einmal das eine, einmal das andere Gesicht anstarrten, wir übersahen beinahe, dass neben dem Gesicht der Tochter – denn sie hatte das Alter dazu erreicht – wieder ein Säuglingsgesicht auftauchte. Ein Mädchen abermals: ihre leibliche Tochter, deren Gesicht rasch wie die anderen zu wachsen begann, in wahrhaft bestürzender Eile, während daneben das Gesicht ihrer Mutter, noch eine kurze Weile voll warmer Fraulichkeit, schon die ersten Spuren des Verblühens aufwies: Sorgen, Leidenschaft, Unverstanden sein, gepaart mit starrer Verständnislosigkeit und etwas tief Unbefriedigtem, das jedoch, im Verlauf weniger Minuten, einiges an vorwurfsvoller Schärfe verlor. Und wiederum verfolgten wir so gefesselt den rastlosen Weg dieser beiden Gesichter, Mutter und Tochter diesmal, dass wir für eine Weile ganz das daneben herlaufende Gesicht des Vaters oder Großvaters vergaßen. Erst als das Gesicht seiner Enkelin zu einem etwas herben, dem Großvater ähnlichen Frauengesicht herangewachsen war, fiel unser Blick unwillkürlich wieder auf sein Gesicht. Und wir erschraken vor der Resignation, vor der Milde und sogenannten Weisheit, vor all den Anzeichen weit fortgeschrittenen Verfalls in diesem greisenhaften Gesicht, das wir doch noch eben auf dem Gipfel seiner Kraft und ein wenig zuvor am hoffnungsvollen Beginn seines Lebens gesehen hatten.

Die tiefe Isolation all dieser Gesichter, obgleich doch eines so eng mit dem anderen zusammenhing. Das blitzartig ahnungsvolle Auftauchen von Ähnlichkeiten, ihr rasches Abklingen und später wieder Hervortreten, deutlicher nun und unausweichlich. Die Rastlosigkeit, die rapide, unvermeidbare Abnutzung dieser Gesichter und alles Lebendigen, dies alles mochte gewiss dazu angetan sein, sowohl Teilnahme als auch Abwehr und, bei einigen von Ihnen, eine Art Beklemmung, ja Grauen zu erwecken. Namentlich am Ende dieses Streifens, als das älteste der drei Gesichter in seinem siebenundachtzigsten Jahr zur Totenmaske erstarrte und dicht neben ihm, zum ersten und einzigen Mal das Gesicht eines seltsam fremden, sagenhaften Wesens auftauchte: das entsprechend vergrößerte Gesicht seines Urenkels im fünften Lunarmonat. Und diese beiden Gesichter, beide kahlköpfig, zahnlos, blind und ohne Geschlecht, ohne Ahnung voneinander; das eine im Sarg aus Holz, das andere in jenem anderen Sage, verborgen im Mutterleib – diese beiden Gesichter blieben am Ende drei Minuten lang unverändert im Bild und starrten uns an in ihrer ganzen tiefen Geistesabwesenheit.

Man hat die Leistung dieses Filmes in Fachzeitschriften vielfach gebührend gewürdigt. Freilich gab es auch Einwände. So meinte ein bekannter Hochschulprofessor in einer denn doch etwas zu polemischen Streitschrift, es fehlen diesem Film gewissermaßen der Anfang und das Ende, also: auf der einen Seite die lückenlose Entwicklung des Embryos vom Augenblick der Zeugung an und anderseits, nach dem Tode, alle Stadien der Verwesung.

Ein Einwand von Gewicht, ich versuche es gar nicht erst zu leugnen, und nur recht unzureichend vermag ich ihn zu widerlegen. Ich könnte nämlich eine weitverbreitete Auffassung dagegen ins Treffen führen, indem ich den vorgebrachten Einwand um noch einen zusätzlichen Schritt erweitere und Sie frage: Ist denn der Augenblick der Zeugung wirklich der Beginn des Lebens? Oder liegt dieser Beginn nicht in viel tieferer Ferne? Etwa im ersten prüfenden Blick der Eltern? Oder gar noch weit dahinter? Und ist, auf der anderen Seite, das Ende der Verwesung wirklich ein ernst zu nehmendes Ende? Ein Abschluss, endgültig, ohne Rest?

Diese Fragestellung als eine rechtschaffene Entgegnung erscheint dem Wissenschaftler, der ich immerhin bin, doch allzu spekulativ. Indes enthält sie ein bedeutsames Gleichnis; jenes nämlich, das da aussagt, dass einer, hat er nur ein einziges Stück Weges wirklich kennengelernt und voll begriffen, fortan um die Beschaffenheit aller Wege der Welt wisse. So ist es aber, meine ich, um alle Vollständigkeit beschaffen, also auch um die unseres Filmes und, wie ich noch an anderem Ort ausführen werde, um die unserer ganzen Vortragsreihe.

Ich habe damals, nach dem letzten Bild, meine Vorlesung nicht zu Ende geführt, in der irrigen Meinung, jede technische Erläuterung könnte den tiefen Eindruck, den sie offenbar hinterlassen hat, nur abschwächen. Ich bin aber mittlerweile zu einer anderen Einsicht gelangt und sage mir heute, dass jedes Wissen, also auch eines um nüchterne Werkstattgeheimnisse, nur dazu angetan sein kann, unser Verständnis zu vertiefen und uns damit zu bereichern.

Deshalb will ich jetzt das Versäumte nachholen und Ihre Aufmerksamkeit kurz auf folgende, rein praktische Umstände lenken.

Für die Herstellung des besprochenen Filmes nämlich, der uns einen Zeitraum von siebenundachtzig Jahren in knapp einer halben Stunde vorführte, benötigte man in der Tat siebenundachtzig Jahre.

Wollen Sie sich bitte gut einprägen, was ich eben aussagte und nun näher ausführen möchte.

Durch volle siebenundachtzig Jahre wurde von den jeweils gezeigten Gesichtern jeden Tag eine einzige Aufnahme gemacht, und diese Bilder wurden dann zu dem vor vier Wochen vorgeführten Film aneinandergereiht. Wenn man bedenkt, dass in diesem langen Zeitraum unser Institut einmal zur Gänze abgerissen und wieder aufgebaut und seine Fassade seither schon zweimal erneuert wurde, wenn man ferner bedenkt, dass jener junge Assistent, der einst mit dieser filmischen Pionierarbeit begonnen hatte, seit über sechzig Jahren unter der Erde liegt und dass auch dessen Sohn, nach gewissenhafter Fortsetzung dieses Werkes, schon vor siebzehn Jahren als hochbetagter Professor gestorben ist, so hat man vielleicht eine Vorstellung von dem Ausmaß an Geduld und von den Opfern, die dieses langwierige Experiment von allen Beteiligten erforderte.

Sie werden nun, meine Damen und Herren, schon eine ganze Weile die Frage an mich richten wollen, warum ich denn all diese längst abgetanen Gegenstände noch einmal bespreche, ja warum ich diesmal überhaupt eine Vorrede halten muss, anstatt, wie üblich, gleich zum Thema zu kommen.

Als Antwort darauf sei mir eine Metapher gestattet:

Ein Mann, der eine weite Reise unternommen hat, wird gerne unmittelbar vor dem letzten Wegstück noch einmal verweilen, um Rückschau zu halten. Er weiß, nun ist er bald da, nun kann ihm nicht mehr viel geschehen. Gewiss ein Anlass zu festlich gehobener Stimmung – freilich auch zu einiger Besorgnis: Hat doch schon mancher, dicht vor dem Ziel und allzu siegesgewiss, wider Erwarten jegliche Orientierung verloren und irrt seither durch Nacht und Nebel. Ich erinnere bloß an das tragische Geschick meines eigenen Bruders, dessen heiser verfremdete Schreie wir zuweilen, bei günstigem Wind, zu hören vermögen, außerstande, ihm beizuspringen.

Dies nur nebenbei; und doch auch wieder nicht. Denn Sie werden nun verstehen, warum ich hier vorwegnehme, was ursprünglich als Nachwort beabsichtigt war. Der Mann dicht vor dem Ziel bin ich nämlich selbst – und ist zugleich auch jeder einzelne von Ihnen, soweit Sie mir bisher zu folgen vermochten. Ja! Ein abenteuerlicher Weg liegt hinter uns.

In neunundvierzig Vorlesungen, die an uns alle die strengsten Anforderungen stellten, sind wir Schritt für Schritt durch den vielfältigen Bereich organischer und anorganischer Existenz gewandert. Dass wir dabei so manches interessante Gebiet nur am Rande streifen konnten, ja die meisten überhaupt außer Acht lassen mussten, glauben Sie mir, das bedrückt mich selbst aufs empfindlichste. Wir hatten aber keine andere Wahl, war sie doch unser Preis für Gründlichkeit und Tiefe im Einzelnen. Wenn wir demnach aus einem Meer unbehandelter Forschungsbereiche nur winzige, exakt gezeichnete Inseln ins grelle Licht heben konnten, so gilt auch hier, was ich noch eben über alles echte Wissen behauptete. Von jedem Ort führt ein Weg geradewegs zum Mittelpunkt der Welt. So mag dem einen oder dem anderen unter Ihnen schon meine Antrittsvorlesung – Physiologie eines Baumes – genügt haben, das Leben in seiner Vielfalt zu begreifen, während es bei einem trockenen Geiste nicht ausreichte, hielte man ihm auch täglich eine Vorlesung über einen neuen, noch so bedeutenden Gegenstand.

Damit möchte ich aber gleichzeitig einen zweiten, engeren Vorwurf parieren, nämlich Ihre unausgesprochene Frage: Warum habe ich denn aus einer solchen Fülle von Vorträgen ausgerechnet diese drei – über das Gehen, die Steine und die Gesichter – heute besonders hervorgehoben? Ich hätte ja, mit der gleichen Berechtigung, noch einmal über Die jüngsten Ergebnisse der Gletscherforschung sprechen können oder etwa über jenen Vortrag, der den Titel Das Herz trug und in dessen Verlauf wir einen Gepard, wie Sie wissen, die schnellste Raubkatze, bei der Verfolgung einer Antilope beobachten konnten und beider rasende Herztöne mit anhörten, bis zum jähen Ende des einen und zum allmählichen ruhiger werden des anderen, des überlebenden Herzens. Auch unserer, übrigens einzigen, Exkursion durch jenen dreihundertzweiundsechzig Meter hohen, seiner Schwere wegen bis zum Gürtel im Erdreich steckenden Koloss sei hier gedacht; jener getreuen Nachbildung einer menschlichen Gestalt, durch deren hallende Eingeweide und Blutgefäße wir tagelang staunend auf und nieder stiegen.

Kurzum, all unsere Themen, einschließlich der sechs Expeditionsberichte bisher, sind einander ebenbürtig. Ihr Vorwurf, ich hätte heute ganz willkürlich drei Vorträge noch einmal besonders hervorgehoben, entbehrt also nicht einer gewissen Berechtigung. Dennoch akzeptiere ich ihn nur ungern. Überhaupt fällt es mir zusehends schwerer, sowohl das Besondere vom Allgemeinen als auch die Begriffe „willkürlich“ und „unwillkürlich“ voneinander zu trennen.

 

Nach all diesen Abschweifungen beeile ich mich, endlich zu meinem letzten Wegstück, zu dem in unserem Vorlesungsverzeichnis für heute angekündigten, fragmentarischen Expeditionsbericht Tichon McNears , zu kommen.

Wer ist dieser Mr. McNear? höre ich Sie fragen. Und wie kam er, wie kamen wir zu seinen merkwürdigen Aufzeichnungen?

Um es gleich vorwegzunehmen: Über seine Person wissen wir fast nichts. Mit Sicherheit belegt ist nur die Tatsache, dass er eines Nachts im November sein Haus verlassen, die Schlüssel in einen Kanal geworfen hat und festen Schrittes in die Dunkelheit davongegangen ist. Seither fehlt jede Spur von ihm. Indessen wird er kein ganz Unbekannter mehr sein, wenn ich Ihnen mitteile, dass man ihm, nach Ansicht einiger Experten, auch das schon hinlänglich bekannte Referat Ansatz zu einem konsequenten Tagebuch zuschreibt. Freilich trug er damals noch einen anderen Namen. Auch war seine Schrift eine andere: kleiner, aufrechter, verbohrter sozusagen. Doch mag dies nicht zuletzt am Unterschied der Themen liegen.

Sie wissen noch, dass das genannte Tagebuch eigentlich nur einen einzigen Satz aussagt – aber mit welch gründlicher Vorbereitung. Angefangen von der mikroskopischen Struktur und der chemischen Zusammensetzung des Blattes Papier, vor dem er gesessen, über die genauen Angaben der Wellenlängen seiner Farbenmischung, führte uns der Verfasser in einem Manuskript von über neunzig eng beschriebenen Seiten einen ungreifbaren Weg: über die Sehstrahlen, Brechung in den Augenlinsen, die zahlreichen Schichten der Netzhaut, Sehnerv, Sehzentrum und so weiter, in die komplizierten Vorgänge tief ins Gehirn und ins Bewusstsein hinein. Von hier sodann, mit derselben Gründlichkeit, auf einem anderen Weg zurück, diesmal über motorische Zentren und Nerven. Bis wir endlich über Schulter, Arm, Handgelenk und die Fingerspitzen, ja zuletzt über die Chemie der Bleistiftspitze wieder zurückkehrten auf das Blatt Papier, mit dem alles begonnen hatte.

 

Bei aller Präzision, bei sämtlichen Aspekten der Optik, Physiologie, Neurologie, Histologie und Psychologie bleibt diese umfangreiche Arbeit dennoch nur auf das Wesentlichste beschränkt. Kein überflüssiges Wort ist in ihr enthalten. Der einzige Satz, der am Ende dieser tiefschürfenden Analyse aufs Papier floss, ist einfach, entschlossen und von einer, fast möchte ich sagen, rätselhaften Klarheit: „Aus dem Gefühl heraus, nicht mehr länger zusehen zu können, werde ich endlich die Zügel in meine Hände nehmen.“

Dass sich an diesem, mit so großer Umsicht, vorbereiteten Satz der Bericht unseres McNear ohne Bruch anfügen lässt, wird von einigen Fachleuten als Beweis der Identität der beiden Verfasser gewertet. Nun, ich meine, das sei noch kein hinreichender Grund für eine solche Hypothese. Denn fürs Erste ist gewiss, dass sich dieses Tagebuch, der Form und dem Inhalt nach, vor jedes ernsthafte Werk setzen ließe; zum anderen aber lassen mich doch die verschiedenen Handschriften, die verschiedenen Namen und nicht zuletzt die so weit voneinander gelegenen Fundorte an dieser Theorie der Identität zweifeln.

Während nämlich das Tagebuch schon vor der Jahrhundertwende gleichzeitig in mehreren Fassungen auftauchte, wurde Tichon McNears Expeditionsbericht erst vor etwa vier Jahren, übrigens ganz in unserer Nähe, in einer leeren, völlig verwitterten Wäschekommode gefunden, die man am Rande eines seither geschlagenen Kiefernwäldchens in eine Abfallgrube gestoßen hatte.

Dieser Bericht über eine Katastrophe und deren nachhaltige Auswirkungen wurde in ein dickes, in hartes, sumpfgrünes Leinen gebundenes Buch, auf dessen Deckblatt in der rechten oberen Ecke das Monogramm des Verfassers eingraviert war, eingetragen. Die Seiten, auf welchen er in pedantisch verschnörkelter Schrift seine Eintragungen gemacht hatte, waren aus glattem, festem Papier und mit jenen roten und blauen Linien versehen, wie man sie im Journal jeder Buchführung finden kann. Zu meinem Bedauern habe ich selbst dieses Manuskript nie zu Gesicht bekommen, ist es doch, zuverlässigen Berichten zufolge, bei einem Brand im Verlauf der letzten Kriegsereignisse vernichtet worden. Wir bleiben also auf die beiden Abschriften, von welchen eine in der Bibliothek unseres Instituts, die andere im Safe einer Universität unseres östlichen Nachbarlandes verwahrt wird, angewiesen.

Ehe ich mich an das gründliche Studium unserer Abschrift machte, versuchte ich eigenmächtig Nachforschungen über die Person des Verfassers anzustellen. Was ich dabei herausbrachte, war dürftig und verwirrend genug. Gerüchte, Andeutungen, hier und da ein scheinbar handfestes Faktum, das jedoch in der Regel einer genaueren Prüfung nicht standzuhalten vermochte. Allein auf die Frage, ob er Brillenträger gewesen, erhielt ich die einander widersprüchlichsten Antworten. Ja freilich habe er eine getragen, eine in Metall gefasste, sehr starke Brille sogar – versichern die einen, während diese Behauptung von der Gegenseite entrüstet zurückgewiesen wird. Unter den zuerst Genannten gibt es wieder eine kleine Gruppe, die zwar zäh an der Existenz der Brille festhält, jedoch mit der Einschränkung, dass dieser Brille die Gläser gefehlt hätten. Und seltsamerweise klammert sich gerade diese Gruppe mit einer hartnäckigen, sektiererischen Verbohrtheit an ihre Behauptung.

All diesen Aussagen ist ein mehr oder weniger großer Grad von Wahrscheinlichkeit nicht abzusprechen. Für durchaus irreführend, ja geradezu absurd – und zwar auch im übertragenen Sinne – halte ich dagegen die Ansicht eines äthiopischen Tuchhändlers, dass Mr. McNear auf dem einen Auge äußerst kurzsichtig, auf dem anderen hingegen von enormer Weitsichtigkeit gewesen sei.

Aber was wird schließlich nicht alles geredet. Völlige Übereinstimmung herrscht vermutlich nur in der Behauptung, er hätte, den Kontoristen des vorigen Jahrhunderts gleich, an einem Stehpult gearbeitet; angetan mit einem Gehrock und einem hohen Eckenkragen mit Plastron, einen grünen Augenschirm auf der Stirn. Anderen Berichten zufolge soll er sogar noch mit einem alten Federkiel geschrieben und, wenn er eine Seite umgeblättert, Sand auf die feuchte Tinte gestreut haben. Doch ist auch dieses Zeugnis nicht ohne Vorbehalte aufzunehmen.

Vielleicht liegt ihm unsere uralte Sehnsucht nach Sinnbildern zugrunde; in diesem Fall, dem des Sandes, als Symbol der Zeit und der Vergeblichkeit. Für weit glaubwürdiger halte ich dagegen eine andere Version, die hinzufügt, dass er von Zeit zu Zeit seine Ärmelschoner abgestreift habe und ganz in Gedanken auf und ab gegangen sei, wobei er seine Hände tief in die Schöße seines Gehrockes vergraben haben soll.

 

Allein wie steht es um den Wahrheitsgehalt solcher Aussagen? Wo ist hier, bei unbestreitbar gutem Willen, die Grenze zwischen Realität und Schein? Sind nicht all diese Zeugnisse ebenso vage, unzuverlässig und tendenziös wie unsere gesamte Geschichtsschreibung?

Wie sehr ich selbst gerade dann in die Irre ging, wenn ich mich schon nahe dem Ziel wähnte, wie oft mir alles immer wieder zwischen den Fingern zerrann, dafür möchte ich ein einziges, jedoch bezeichnendes Beispiel anführen.

Eines Tages unterhielt ich mich lange mit einer unscheinbaren Kleinbürgerfrau, die behauptete, mit dem Verschollenen gut bekannt, ja sogar über ein Jahrzehnt mit ihm verheiratet gewesen zu sein. Es war ein grell sonniger Morgen. Wir standen in der Toreinfahrt eines Vorstadthauses. Sie hatte eine Küchenschürze umgebunden, und ihre Hände waren voll Teig. Sowohl sie als auch ihre scheue, etwas verwachsene Tochter sprachen unablässig auf mich ein; laut, schreiend, denn der dichte Verkehr auf der Straße erschwerte unsere Verständigung. Ich gestehe offen, ich war aufs Äußerste, über den Inhalt ihrer Mitteilungen, erregt. Als ich die beiden aber am nächsten Tag wieder aufsuchte, um weitere Erkundigungen einzuziehen, starrten sie mich fassungslos an und versicherten, mich noch nie gesehen und auch den Namen McNear noch nie gehört zu haben.

Ich war damals viel unterwegs – zumeist vergeblich. Und als ich endlich merkte, dass die Befragten ihre Aussagen zu verweigern begannen, überkam mich ein quälendes Misstrauen. Wer weiß, sagte ich mir, vielleicht gab es wirklich nie einen McNear, von seinem Bericht ganz zu schweigen. Und da mich diese Frage gerade auf einer endlosen Rolltreppe überfiel, kehrte ich entsetzt um, riss voll Hast die Tür zu meinem Arbeitszimmer auf – und da lag noch immer das Manuskript auf meinem Schreibtisch; wenngleich in einer etwas veränderten Lage, so als hätte eben jemand darin geblättert.

Jetzt erst begriff ich, dass ich dieses Manuskript nicht mehr allein lassen durfte. Ich gab alle Nachforschungen auf, blieb fortan auf meinem Zimmer, Tag und Nacht über die Schrift gebeugt. Und nun, als hätte die anhaltende Beschäftigung mich diesem alten Manne auf eine beruhigende Weise nähergebracht, nun meine ich manchmal kaum noch unterscheidbar mit seiner Person verflochten zu sein.

Ob ich im Schein meiner Lampe am Schreibtisch gewissenhaft exzerpierte und meine Feder in der Stille übers Papier kratzte oder ob ich dazwischen einen Schluck aus meiner Teetasse trank oder aufstand, mich streckte, das Fenster öffnete und eine Weile in die nächtliche stille Gasse hinunterblickte – immer deutlicher spürte ich, dass er zur gleichen Zeit das Gleiche getan haben musste. Ja manchmal glaube ich fast, dass er noch am Leben ist und irgendwo, vielleicht in unmittelbarer Nähe, einen neuen, viel umfangreicheren Bericht verfasst. In solcher Stimmung fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren und mich nicht spontan zu erheben, um alle Abfallgruben im Umkreis zu durchstöbern.

Kein Wunder also, dass ich mich ihm mehr und mehr anpasste. Mein Stil, mein Gang, selbst meine Irrtümer wurden den seinen ähnlich; und ich bezweifle nicht, dass ich eines Tages auch den gleichen Tod sterben werde wie er. Ja, in Augenblicken aufmerksamster Stille in diesem Saale spüre ich, dass auch Sie, meine Zuhörer, unentwirrbar mit seiner und meiner Person verflochten sind.

Wenn ich dann meine lesende Stimme höre, ist es mir, als erzählten wir einander ein längst bekanntes, gemeinsames Erlebnis zum ungezählten Male.

Vielleicht sitzt er mitten unter uns, in einer der letzten, ungepolsterten Reihen, die so dicht hintereinander angebracht sind, dass es einem hochgewachsenen Menschen schwerfällt, seine Beine unterzubringen. Vielleicht hat er sich auch längst verflüchtigt; wie wir selbst in absehbarer Zeit; einer hinter dem anderen, keiner von uns imstande zu überleben.

Ein Wort noch zum Aufbau und zum Titel unseres Berichtes.

Er ist fragmentarisch, nämlich nur hinsichtlich der Ausarbeitung des zweiten und des vierten Abschnittes. Diese beiden Kapitel – vielfach auch distanzierte oder gar satirische Einschübe genannt – waren ursprünglich im Stil eines flüchtigen Expeditionstagebuchs und zudem in der dritten Person gehalten. Doch sollten sie, wie die jüngste Forschung nachweist, in der endgültigen Fassung dem übrigen Werk angepasst werden. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Wir glaubten uns aber berechtigt, diese Korrekturen, im Sinne des Verfassers, vorzunehmen.

Eine leise, ganz persönliche Kritik sei mir noch gestattet: an der gelegentlich zu harten Realistik, an der gelegentlich zu poetischen Diktion sowie an gewissen altertümlichen Ausdrücken, die einer nochmaligen Überarbeitung bedurft hätten; und endlich an dem abgründigen Pessimismus einiger Stellen im zweiten Kapitel. Aus Achtung vor dem Verfasser haben wir jedoch all diese Passagen unverändert belassen.

Ehe ich mit der Lesung beginne, muss ich Ihnen noch ein Geständnis machen.

Ich habe stets gerne zu Ihnen gesprochen. Und ich liebe diesen Saal. Aller Gewöhnung, aller Routine zum Trotz überkommt mich doch immer wieder die gleiche festliche Stimmung, wenn ich das Podium betrete und mich, nach Ihrem kurzen Begrüßungsapplaus, an dieses nüchterne, von vielen Taschenmessern zernarbte Pult setze. Wenn ich dann unter dem kalten Licht der Tischlampe die erste Seite meines Manuskripts aufschlage, so werfe ich, wie es Ihnen gewiss nicht entgangen ist, jedes Mal einen Blick in den dunklen Saal vor mir.

Die Gesichter in den ersten Reihen sind noch erkennbar. Nach hinten zu aber beginnt alles zu verschwimmen. Da und dort noch das Glitzern einer Brille oder der fahle Schimmer eines kahlen Kopfes. Von den letzten fünfzig, sechzig Reihen sehe ich jedoch nichts mehr. Sie sind so sehr in die Dunkelheit entrückt, dass ich den Eindruck habe, es öffne sich dieser Saal ins Freie, und ich blicke hinaus in die Nacht.

Hat mich aber zuvor das scharfe Licht der Tischlampe geblendet, so sind auch die ersten Reihen eine ganze Weile von der Finsternis verschluckt. Ist es in solchen Augenblicken zudem noch völlig still, so kann ich mir einreden, ich säße allein in diesem Raum. Dann verlockt es mich unwillkürlich, theatralische Verwünschungen hinauszuschreien oder mich auf den Boden zu legen, zu schweigen und störrisch zu warten, bis irgendein Ereignis eintritt.

Ich weiß, ich weiß: Spielereien ohne Sinn. Posen, wie sie einem Manne meines Alters und Standes nicht geziemen. Aber vielleicht werfen sie ein symptomatisches Licht auf die Auswahl meiner Themen, die ich vor Ihnen ausgebreitet habe.

Ich trage mit gleichmäßig deutlicher, dem Inhalt und dem Ernst meiner Mitteilungen angemessener Stimme vor, ganz auf mein Thema konzentriert. Und doch beobachte ich dabei genau. Am Anfang ist der Saal noch nicht ganz zur Ruhe gekommen. Dann aber, schon nach den ersten Absätzen, merke ich, wie es rasch stiller wird und die Aufmerksamkeit wächst; manchmal freilich auch, wie eine lautlose Befremdung um sich greift, aber, ob nun durch Zustimmung oder Befremden, mit beiden Wirkungen bin ich zufrieden, zeigen sie mir doch an, dass ich imstande bin, Sie zu fesseln. Und ist solcherart gefesselt sein nicht wirkungsvoller, als wenn wir es durch Stricke, Ketten oder Draht wären?

Glauben Sie mir, auch mich hält einer gefesselt. Und dies so sehr, dass ich mitunter meine, ihm nicht mehr entrinnen zu können. Es ist fast, als hätte ich meine Persönlichkeit verloren, so inständig bin ich zum Interpreten des jeweiligen Autors geworden. Wenn ich mich, Stufe für Stufe, dem Höhepunkt meiner Vorlesung nähere, gerate ich, einem Medium gleich, in einen merkwürdig schwebenden Zustand. Die Stille rings um mich ist nun so tief und konzentriert, als wären Sie alle in einen schweren Schlaf versunken. Nur der Hall meiner eigenen Stimme ist noch da, einsam, monoton, mir selber fremd, als spräche nicht „ich“, sondern „es“.

Wenn ich mich dann erheben muss und, in Erwartung der Lichtbilder, den Demonstrationsstab ergreife, um Sie auf eine entscheidende Einzelheit aufmerksam zu machen, so geht gleichzeitig eine Bewegung durch den ganzen Saal. Ein Stühlerücken, Knarren und Hüsteln, als wären auch Sie aufgescheucht, im Begriff, sich von Ihren Sitzen zu erheben. Eine gute Reaktion Ihrerseits, kommt es mir doch vor, als wären wir alle an einem langen Seil aneinander gefädelt.

Meine Damen und Herren! Ich bin am Ende. Am Ende meiner langen Vortragsreihe, am Ende meines Lebens. Ich glaube nicht, dass wir einander Wiedersehen werden. Wenn die letzten Worte Tichon McNears aus meinem Munde verklungen sind, werden Sie alle Tore weit geöffnet finden. Wir werden hinaustreten auf den großen, an Arkaden reichen Vorplatz, wo es indessen Nacht geworden ist.

Ich vermochte Ihnen keinen Trost zu spenden. Es lag dies freilich auch nicht in meiner Absicht. Meine Funktion war es vielmehr, sachlich zu demonstrieren; jenseits von Mut und Trauer, immer aber im leeren Lager kalter, ironisch‑pathetischer Ekstasen.

Aber genug der schon allzu langen Vorrede.

Lassen wir endlich Mr. Tichon McNear zu Wort kommen.

Ihn?

Oder uns selbst?

Ich vermag keine Unterschiede mehr wahrzunehmen.

 

Tichon McNears Expeditionsbericht

 

 

I

 

Lange, lange, viele Jahre nach den letzten sieben von Grauen und von lähmendem Entsetzen erfüllten Detonationen entschloss ich mich endlich – zumal meine Vorräte zu Ende zu gehen drohten –, mein Versteck tief unter der Erde zu verlassen.

Durch tausend Stollen bin ich seither gegangen, tausend Schächte auf schmalen, eisernen Leitern emporgestiegen; allein und sehr geschwächt, denn lange Zeit hindurch hatte ich nur wenig Bewegung gemacht. Zudem war mein Proviantkarton schwer, und der Riemen, mit dessen Hilfe ich ihn trug, schnitt in meine abgemagerten Schultern.

So kam ich denn nur langsam weiter und musste viele Ruhepausen einschalten: kleinere, in welchen ich erschöpft, unter quälendem Keuchen an einer Wand oder an einem Stützbalken lehnte oder auf dem Boden hockte, den schweren Kopf tief zwischen meinen Knien; und größere, viele Stunden, ja oft auch Tage währende Pausen, in welchen ich schlief, ganz zusammengerollt in einer jener abgemauerten Nischen, in welchen einst Bergknappen vor schlagenden Wettern Schutz gesucht haben mochten.

Mein Schlaf war in jener Zeit immer traumlos und von so beträchtlicher Tiefe, als wäre ich von der Müdigkeit zu Boden geschlagen worden. Wenn ich endlich erwachte, fand ich mich nur schwer zurecht. Manchmal war es mir, als hätte ich während des Schlafes einen Rückschlag erlitten und wäre nun weniger weit als zuvor. Dann zog ich voll Sorge den Plan aus einer der zahllosen Taschen meines Drillichs, breitete ihn auf dem Boden aus und studierte ihn im schwachen Lichte meiner Laterne, immer wieder und mit größter Konzentration, auf dass ich den Weg ins Freie nicht verfehle.

 

Ich habe diesen Plan noch aus einer Zeit, die jenseits meines Erinnerungsvermögens liegt. Und ich halte ihn gerne in Händen, hat er mich doch schon oft vor entscheidenden Irrtümern bewahrt. Manchmal freilich kann

 

 

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er mich auch in ganz außerordentlichem Maße befremden. Dann kommt er mir vor wie der Anhang zu einem Armeebefehl aus einer alten, vergessenen Epoche unserer Geschichte. Keinerlei Hilfe mehr, sondern weit eher eine verschlüsselte Anweisung zum Untergang.

In solchen Zeiten der Not und der Fehlentscheidungen, in welchen ich jegliche Orientierung verloren habe, fühle ich deutlich, dass ich auf immer engerem Raume im Kreise gehe und mich, im Sog einer unentrinnbaren Spirale, meinem alten Versteck zu nähern beginne, um wieder auf lange Zeit oder gar für immer in seinen unauslotbaren Tiefen zu versinken.

Dann verliere ich völlig den Glauben. Den Glauben an die Existenz dieses Bergwerks, und alles hier erscheint mir wie eine sehr große, jedoch durchaus berechenbare Anzahl von Kerkern, die untereinander durch ein kompliziertes System horizontaler und vertikaler Gänge verbunden sind. Und beschwert vom unseligen Gedanken, nie mehr heil herauszufinden, bin ich nahe daran, meinen Plan in ganz kleine Stücke zu zerreißen und hastig zu verschlucken, auf dass ich ihn und nicht er mich vernichte.

Warum ich dies nie getan habe?

Wahrscheinlich aus der Erfahrung, dass gerade auf meine bedrohlichsten Anwandlungen von Unzurechnungsfähigkeit unmittelbar die Stunden klarer Erkenntnis zu folgen pflegen.

Dann sehe ich ganz eindeutig:

1. dass ich noch immer allein, 2. in einem verlassenen Bergwerk bin, 3. dass schon ein langer Weg hinter mir liegt, gezeichnet von meinen Ausscheidungen und den unerklärbaren Schwankungen meiner Stimmung, und endlich, dass ich, aller Voraussicht nach, noch eine ebenso lange Strecke vor mir habe.

Aufrecht schreitend beobachte ich in aller Gelassenheit meine Füße, die sich in ihren vorne leicht aufgebogenen und wie abgehackten Schuhen aus feinstem Saffianleder fortbewegen, so selbstsicher und fremd und weit unter mir, als ob ich sie durch ein verkehrt gehaltenes Fernglas sähe. Gleichzeitig aber, und vornehmlich in Augenblicken visionärer Kraft, bin ich imstande, mich aus einer zweiten, bedeutenderen Distanz zu beobachten: einen winzigen Mann, der tief unter der Erde durch den Schnee stapft, den Blick sinnlos auf ein sinnlos fernes Ziel gerichtet; hoch über ihm Berge, Flüsse und Straßen, auf welchen der dichte Verkehr nicht abreißt.

Wenn ich dann – übrigens ganz aus freien Stücken – anhalte, so beleuchte ich gerne einen der rauen Backsteine oder einen Stützbalken, betaste gewissenhaft sein teerartiges, schieferiges Holz mit all seinen Rissen und Eindellungen und klammere mich urplötzlich an ihn, klammere mich mit ihm gleichsam inständig an meine Vernunft. Nur so gelingt es mir, allmählich zur Ruhe zu kommen und meine Lage jenseits aller Wirrnisse zu überschauen.

Hinter mir das leere Trümmerfeld der Vergangenheit. Dann die Gegenwart, diesen imaginären, flüchtigen, nie voll erfassbaren Punkt. Und endlich die Zukunft mit all ihren Möglichkeiten, soweit sie mein schwerfälliger, kurzsichtiger Intellekt zu berechnen vermag.

Aber ich darf nicht wieder abschweifen. Ich will bezähmen, was von allen Seiten auf mich eindringt, will ganz der Ordnung, der übersichtlichen Beschreibung den Vorzug geben.

Auf den Zehenspitzen stehend, halte ich mein Vormerkbuch, des trüben Lichtes wegen, dicht an die Augen und sehe der Spitze meiner Feder zu. Emsig eilt sie übers Papier und hinterlässt jene fahrige Spur, die der Mitteilung dienen soll.

Möge mein Vorhaben gelingen! Ohne zu ermüden will ich Seite an Seite fügen, bemüht um eine sorgfältige Inventur aller Erfahrungen in diesem unwiderlegbaren Bergwerk.

 

Die meisten Schächte waren noch von den bekannten Grubenlaternen erleuchtet, die Lichter in den Stollen hingen sicher schon lange erloschen. Hallende Finsternis umgab mich hier. Das heißt, genauer gesagt, es war nicht ganz finster, denn ein kaum merkbarer phosphoreszierender Schein, so schwach wie der eines Leuchtziffernblattes, lag überall im Dunkeln, wohin ich mich auch wandte. Auch waren die Wände und der Böden dieser waagrechten, leicht ansteigenden oder abfallenden Gänge von einer sonderbaren, rissigen Trockenheit, wie ich zu meiner Verwunderung feststellte, wenn ich stehenblieb und suchend um mich tastete.

In solchen Augenblicken, wenn ich also stand, auf dem Boden kauerte oder lag, vermeinte ich zudem –und dies bis in den beginnenden Schlaf hinein – ein seltsames Geräusch zu hören. Ein flimmerndes, zehrendes Ziehen und Rauschen, so ferne und so vage allerdings, dass ich es nur zu hören vermochte, wenn ich mich ganz regungslos hielt. Legte ich aber mein rechtes Ohr – also jenes, das mit feinerer Schärfe Geräusche zu trennen vermag – auf den rauen, trockenen Boden, so schien es mir, als träte dieses merkwürdige Geräusch deutlicher hervor und veränderte sich gleichzeitig. Denn nun klang es, als ob tief im Innern der Erde oder irgendwo seitwärts von meinem Standort in einem trägen Rhythmus unentrinnbare Kiefer mahlten.

Aber vielleicht waren nur meine Sinne verwirrt. Vielleicht lag der phosphoreszierende Schimmer in oder auch hinter meinen Augenhöhlen und das Geräusch nicht in den Gängen unter der Erde, sondern in den dunklen Knochengängen meines inneren Gehörorganes. Vielleicht war auch beides der Fall und beides zuletzt gleichgültig, eine müßige Betrachtung, sowohl für mich als auch für jeden anderen, falls es überhaupt noch jemand anderen geben sollte.

Fragen dieser Art beschäftigten mich, während ich langsamer ausschritt, den Blick auf den Boden geheftet, ohne etwas wahrzunehmen, beschäftigten mich lange Zeit hindurch mit einem so bohrenden Verlangen nach der rechtmäßigen Lösung, dass ich ganz verwirrt darüber wurde. Ich ahnte wohl, dass es nur eines unwägbaren Schrittes, gleichsam nur eines leichten Anhebens meines Kopfes bedurfte, um die unsichtbare, hauchfeine Decke der Verblendung über mir zu durchstoßen und mit einem Schlage gleichzeitig am Ausgangspunkt meiner Expedition und im hellen Licht des Tages zu sein. Dass mir dies, bei allem Fehlen von handfesten Schwierigkeiten, nie gelingen sollte, erfüllte mich mit ohnmächtiger Ratlosigkeit.

Indes war mein Grübeln vielleicht doch nicht ganz umsonst, wenngleich auch nur in einem negativen Sinn. Denn, als hätte die intensive Beschäftigung mit all den eben genannten Phänomenen diese beschwichtigt, so begannen sie alsbald zu weichen. Das Geräusch verstummte zwar nicht ganz, doch wurde es immer schwächer, sozusagen unterirdischer und vieldeutiger. Die Phosphoreszenz hingegen verfärbte sich im Sinne des Spektrums gegen die violette Komponente hin, wurde zusehends dunkler, leuchtete noch ein letztes Mal auf, heller als je zuvor, verharrte so eine Weile – und erlosch.

In tiefer Finsternis verbrachte ich nun Zeiträume, die zu messen ich weder willens noch imstande war. Tapfer und doch mit aller Behutsamkeit tastete ich mich die Wände entlang, drang vor in unbekannte Regionen wie in die unbekannte Zukunft.

Was erlebte ich dabei nicht alles an erwartungsvoller Spannung, an Hoffnungen und Enttäuschungen; aber auch an Augenblicken glorreichen Triumphes über das prompte Eintreffen so mancher Vorhersage! Und was geriet mir nicht alles zwischen die Finger! Spinnweben. Kantige und poröse Steine. Auch Treibholz und faserige Strukturen, die ich nicht zu deuten vermochte. Streckenweise waren die Wände glitschig‑feucht und überraschend warm. Hier stieß ich auch zum ersten Mal auf jenen merkwürdig glatten, dicken Strang, der zunächst die niedrige Decke entlang und, ein paar Schritte danach, über meinen geduckten Kopf hinweg quer durch den Raum führte.

Eine Art Kabel?“ flüsterte ich, indem ich diesen Strang mit beiden Händen abtastete. Es war mir, als strömte es in seinem Innern nach beiden Richtungen. „Wohin es wohl führen mag? Hinaus? Letzte Verbindung zu Freunden und Feinden, die jenseits dieser Flucht lebenslänglicher Gefängnisse in einer hellen Welt am Leben sind?“

Zoll für Zoll schob ich meinen Leib voran.

Eine weiche, behagliche Ermattung machte sich breit.

Solange …“, fügte ich nach einer Weile mit veränderter, tieferer Stimme hinzu, „solange du noch hier bist, kann dir nichts Böses widerfahren.“ Und eingelullt in traumwandlerische Geborgenheit vermochte ich nicht mehr zu unterscheiden, ob ich im Gehen schlief oder ob ich, längst schlafend, zu gehen glaubte. So sehr fühlte ich mich aller Schwerkraft enthoben.

Gleich danach machte ich freilich wieder jene bitteren Erfahrungen, von welchen behauptet wird, dass sie unser Leben bereichern. So das harte Anschlagen meines Schädels oder eines Knies an einem Vorsprung oder meine jähen Stürze über unerwartet hohe Stufen. An die Luft geklammert überschlug ich mich mehrfach, hell entsetzt von der Erkenntnis, nach wie vor den Gesetzen vom freien Fall unterworfen zu sein. Übrigens traten in solchen Augenblicken auch die alten Geräusche wieder deutlich hervor: das ferne Hämmern eines Gesteinsbohrers, unterbrochen von erdig dumpfen Schlägen. Allerdings bin ich bis heute nicht sicher, ob es sich dabei nicht um bloße Nachwirkungen handelte, gleichsam um die akustischen Nachbilder meines Aufpralls und des um den Bruchteil einer Sekunde nachfolgenden, scharfen Schmerzes.

Nach solch schweren Erschütterungen blieb ich oft lange auf einem Fleck stehen, presste mein Gesicht an die unsichtbare Wand vor mir und lauschte, ohne mich zu rühren. Überhaupt glaube ich, dass ich auf diesem Weg, trotz seiner unendlichen Länge, weit mehr geruht als mich fortbewegt habe.

Freilich gab es auch damals Zeiten, in denen ich ganz beachtliche Fortschritte zu verbuchen hatte. So etwa in jener Flucht geräumiger Gänge, in welche ich bald danach ohne spürbaren Übergang geriet und welchen ich den Namen „Stollen der Erleuchtungen“ oder auch „der großen historischen Ereignisse“ gab.

War nämlich einer dieser Gänge besonders hell und breit und zudem leicht abschüssig, so blieb ich gerne stehen und setzte mein Gepäck ab. Dann stellte ich das linke Bein etwas vor und blickte, die Finger meiner Rechten nachlässig in den Spalt zwischen dem dritten und vierten Knopf meiner Jacke geschoben, hoch erhobenen Hauptes hinab in die Ferne, überwältigt von der Erinnerung an ein überdimensionales Gemälde, das ich einst in der Halle eines belgischen Landsitzes gesehen hatte. Es stellt einen Feldherrn dar, der, von seinen Generälen umgeben, auf einem windigen Hügel stehend das ausgedehnte Schlachtgetümmel mit sichtlichem Wohlgefallen überblickt. Und tatsächlich gelang es auch mir, wenn ich nur mit genügend hochmütiger Konzentration alle Hindernisse übersah, das gleiche, lautlose Getümmel, auf die ferne, verschwommen glatte Steinwand, am Ende des Stollens, zu projizieren: verworrene, Höhlenzeichnungen verwandte Bilder hart übereinander gestaffelter Kavallerie, die zur Attacke anritt, ohne mich je erreichen zu können.

Diese Beschäftigung – keineswegs Spiel, sondern von lebenserhaltendem Ernst – bereitete mir eine stolze Genugtuung, hatte ich doch ganz den Eindruck, dass ich dadurch meine Lage besser zu erfassen und ihrer vielleicht einmal wirklich Herr zu werden vermochte.

Wie eine Strafe für den Frevel der Überheblichkeit musste es mir daher erscheinen, als ich mich, auf den maßlosesten dieser historischen Exzesse hin, unmittelbar in tiefste Finsternis verstoßen fand.

Und wieder musste ich mich, da ich meine Lampe endgültig verlegt hatte, durch stockfinstere Gänge voran tasten. An den beiden Wänden oder an der Decke und später, als die Gänge breiter und höher wurden, nur mehr an der rechten Wand entlang. Der leere Raum, der nun zu meiner Linken lag und dessen Ausdehnung ich gewiss überschätzte, ließ mich zuweilen vor Angst erschaudern wie die kalte Leere interstellarer Räume. Zudem geschah es hier zum ersten Mal, dass mich das ganz bestimmte Gefühl packte, es wäre jemand in meiner unmittelbaren Nähe. Nicht ein Mensch, eher ein Tier, von etwa meiner Größe und Statur. Merkwürdigerweise hatte ich die Vorstellung von einem Relikt aus dem Erdmittelalter. Eine fliehende Stirn und ein eckiger, wie abgehackter Hinterkopf. Manchmal gelang es mir, dieses Lebewesen mit einer resoluten oder auch nur zerstreuten Handbewegung zu verscheuchen. Zumeist aber blieb es und flößte mir ein Grauen ein, das umso tiefer war, da ich ihm mit Vernunftgründen nicht beizukommen vermochte. Ich ahnte nur etwas von seiner unfassbaren Geschicklichkeit, mit der es mir immer auszuweichen verstand, sodass es sich, was immer ich auch unternahm, stets im gleichen Abstand dicht vor mir befand: lautlos, lauernd, in unheimlich schwarzer Nacht.

Dann verharrte auch ich lange an einer Stelle, diesmal nicht mit dem Gesicht, sondern aus Angst, hinterrücks überfallen zu werden, mit dem Rücken fest an die Wand gepresst, ja bestrebt, in diese einzudringen und ganz mit ihr zu verschmelzen. Mit geschlossenen Augen, beide Arme an den Körper gelegt, sorgsam darauf bedacht, mich auch nicht den Bruchteil eines Zentimeters nach irgendeiner Richtung auszudehnen, wartete ich auf ein noch so geringes Zeichen, eine sachte Bewegung, ein Scharren, die winzigste Spur eines verhallten Atemzuges.

Doch ich vermochte nichts zu hören. Und je länger ich so dastand, umso schwerer fiel es mir, mich endlich wieder zum ersten Schritt aufzuraffen. Stunden der Todesangst.

Finsternis.

Sinternde Stille.

In meiner Bedrängnis rief ich laut meinen vollen Namen, mit all seinen akademischen Titeln in den enormen, undurchdringlichen Raum hinein. Markerschütternde, jedoch völlig vergebliche Schreie, wurden sie doch stets im Augenblick von der stockfinsteren Stille spurlos verschluckt.

Nur ein einziges Mal, als das Tier mich grausam hetzte, ich aufsprang, schon nach den ersten Sätzen mein Gepäck fallen ließ und losrannte, durch die Finsternis, blind, außer Atem, immer wieder Stockwerke tief in Schächte hinunterstürzend; bis ich endlich an eine unsichtbare, überraschend weiche Wand prallte und hier zusammenbrach – dieses eine und einzige Mal erschrak ich vor dem vielfältigen Echo meines furchtbaren letzten Schreies, dessen äußerster Widerhall, sehr verspätet, kaum hörbar noch und unsäglich fremd, aus beträchtlicher Entfernung zu kommen schien. Mag sein – schon von einem Ort dicht über der Erdoberfläche zurückgeworfen, vielleicht aber auch – und dies halte ich für mindestens ebenso wahrscheinlich – aus der Tiefe herauf hallend, von den Wänden meines alten Verstecks.

Eine dunkle, süße, schwermutvolle Verlockung, zurückzukehren an den Ausgangspunkt meiner Expedition.

Hier ist der gegebene Ort, den streng chronologischen Gang dieses Berichtes für eine Weile zu unterbrechen, um eine vorläufige und gewiss recht unzureichende Beschreibung meines Verstecks nachzuholen; in dem Bewusstsein freilich, wie fragmentarisch diese Beschreibung notwendigerweise ausfallen muss, gemessen an meinem drei Bände starken, handgeschriebenen Manuskript über das gleiche Thema.

Dass diese Arbeit, obschon vor langer Zeit durch einen Kurier an unser Institut abgeschickt, nie ihr Ziel erreicht haben soll, erfüllt mich mit nagendem Kummer. Nicht etwa deshalb, weil ich mich der Beschwernis einer neuerlichen Niederschrift nebst allen damit verbundenen Korrekturen, Gliederungen und Berechnungen noch einmal unterziehen müsste, sondern vor allem, weil ich betroffen feststelle, dass die Vergesslichkeit mich zusehends übermannt. So vermag ich mich gewisser Einzelheiten kaum noch zu entsinnen, und nur mit großer Mühe, gleichsam mit ganz nach innen gerichtetem Blick, gelingt es mir, deren Schatten, sinnlosen Stichworten gleich, noch für Augenblicke wahrzunehmen, ehe sie für immer im Nebel entschwinden.

Das Versteck selbst – eine Art Höhle – ist mir indessen noch recht gut in Erinnerung, habe ich doch fast ein Drittel meines aufreibenden Lebens hier verbracht; abgeschirmt gegen jedwede Art korpuskularer Strahlung und Kälte sowie gegen gefährliche Licht- und Schallwellen. Eine Zeit, bei aller Abgeschiedenheit, reich an Sensationen. Wenn ich etwa daran denke, mit welcher Gründlichkeit ich die faltig gegliederten Wände abtastete! Sie waren gepolstert und vermutlich schalldicht wie die Türen eines ärztlichen Praxisraumes. Stellenweise fanden sich runde, Bullaugen ähnliche Flächen, gläserner Durchsichtigkeit. Welche Ausblicke sie zu bieten hatten, weiß ich freilich nicht, denn ich habe nie einen Blick hinausgeworfen. Stattdessen stand ich zumeist mit geschlossenen Augen in der Mitte des Raumes oder kroch auf allen Vieren dessen endlose Kanten entlang.

Am liebsten aber hockte ich auf dem Boden, so konzentriert beschäftigt mit den ehrwürdigen Problemen der höheren Mathematik, dass ich der Vielfalt meiner Zahlenreihen kaum zu entrinnen vermochte. Ob ich nun, ohne auch nur einen Augenblick abzusetzen, eine dunkle Flüssigkeit von einem Gefäß ins andere leerte und dabei murmelnd Tropfen für Tropfen, mitzählte oder ob ich aufmerksam mein Metronom beobachtete oder meine Rechte durch zahllose Gewänder hindurchschob, begierig dem langsamen Schlagen meines Herzens nachzuspüren – stets war ich, bewusst oder unbewusst beschäftigt mit den Zahlen und mit dem Zählen. Der Rhythmus, seine Vielfalt, seine Unvergänglichkeit, das Trommeln in dunklen Erdteilen, dumpf und ohne Ende, ich fand es überall; also nicht zuletzt auch bei fast allen Phänomenen des Schlafes, dessen Studium ich damals meine besondere Aufmerksamkeit zuwandte.

Ich weiß, wovon ich rede. Über ein Vierteljahrhundert habe ich damit verbracht, die Erscheinungsformen des Schlafes an mir selbst sowie an Versuchspersonen beiderlei Geschlechts und aller Altersstufen zu untersuchen. Auch habe ich über alle Resultate meiner Forschungen Buch geführt. Ich bin über das immer tiefere Versinken, bis dicht heran an jene Grenze, die den Schlaf vom Tode trennt, informiert. Ich kenne den Ausdruck der Augen, die beim Erwachen aus weiter Ferne zurückkehren. Und ich kenne die Träume gut. Wie oft bin ich selbst von einem Traum in einen anderen, tiefer gelegenen geschritten, wie durch eine Flucht seltsamer Gemächer. Hinter jedem Traum ein neuer und alle ineinander geschachtelt, Schicht für Schicht, wie die imaginären Bilder in zwei einander zugewandten Spiegeln.

Nie habe ich davon abgelassen, solche Bilder zu betrachten, obgleich ich weiß, dass der Eindruck von Unbehaglichkeit auf einer Illusion beruht. Und ich werde mich auch fortan bemühen, mich einem, vermutlich ganz in der Nähe gelegenen Punkt zu nähern, in immer winziger werdenden, immer schwierigeren Teilstrecken, ähnlich vielleicht gewissen Infinitesimalrechnungen oder den ungeheuren, doch vergeblichen Anstrengungen unserer Physiker, den absoluten Nullpunkt zu erreichen.

Dass ich gerade damals oft das dringende Bedürfnis hatte, die Ergebnisse meiner Forschungen sowie noch offene Fragen zu diskutieren, wird man gewiss begreiflich finden.

Dann war der „andere“ da, ohne dass ich sein Kommen wahrgenommen hätte. Gewöhnlich stand er dicht vor mir oder saß, in seltsam aufrechter Haltung, am anderen Ende der langgestreckten Tafel. Wenn ich ihn eine Weile schweigend betrachtet und festgestellt hatte, dass sein Gesicht aussah wie mein eigenes im Spiegel, so befiel mich dunkel die Angst, dass ich, blickte ich jetzt in einen wirklichen Spiegel, mich selbst nicht wiedererkennen könnte.

Hier kann ich nicht umhin, noch einmal mein Bedauern über den Verlust der „Höhlenmanuskripte“ auszudrücken, von welchen ein umfangreicher Band allein den aufschlussreichen Gesprächen gewidmet war, die wir miteinander geführt hatten. Heute habe ich sie allesamt vergessen. Erinnerlich ist mir nur mehr der Eigensinn, mit dem ich zu Werke ging. So konnte ich etwa den Beginn eines Satzes etliche Male wiederholen und dann, nur in Gedanken, fortfahren, wobei ich meine Lippen bewegte, ohne einen Laut von mir zu geben.

Ein konkretes, freilich nicht originales, sondern bloß nachkonstruiertes Beispiel möge dies kurz demonstrieren: „… eees … muss, muss doch … ch …“, begann ich und spürte, wie mein Blick sich zusehends trübte, „… muss, muss … eee …“

Abwartend sah der „andere“ mich an, ernst, besorgt, ohne in mich zu dringen. Ich aber hatte mittlerweile den Sinn meines Satzes vergessen und beantwortete auch keine späteren Fragen mehr, sondern ließ mich auf den Boden nieder. Starrte zerstreut vor mich hin. Vergaß zur Gänze: ihn und meine Umgebung – und schlief am Ende ein.

Über die Maßen muss ich noch heute die Nachsicht rühmen, die dieser denkwürdige Gesprächspartner all meinen Launen entgegenbrachte, wenn ich etwa beharrlich Antworten auf noch so dringende Fragen schuldig blieb oder wenn ich ihn, aus tagelangem Schlaf erwachend, unvermittelt anfuhr und ein ganz neues Gespräch begann oder das alte präzise an dem Punkt fortsetzte, an dem es vor langer Zeit geendet.

Oft verkroch ich mich auch vor Scham, schloss die Augen, schlüpfte mit angezogenen Knien in ein enges, anschmiegsames Versteck; eine Art Sarg, der auf unbegreifliche Weise in einen Winkel meiner Höhle geraten sein musste.

Warm vermummt in Felle, weichen Vogelfedern und Spinnweben, versuchte ich mich endgültig von der Welt abzuwenden – und blieb doch mit ihr in Verbindung: durch meine Geräte, von welchen ich nie, selbst nicht in tiefster Bewusstlosigkeit, getrennt wurde.

Diese Geräte waren mit Stricken an meinem Schädel festgebunden. Sie sind es noch. Und ich glaube, dass sie, nähme man heute diese Verschnürung auch ab, dennoch wie festgewachsen an meinem Haupte hafteten würden. Vermutlich bin ich ohne sie gar nicht mehr lebensfähig, obgleich ich sie immer wieder verwünsche, der bohrenden Unruhe und Langeweile wegen, die mir durch sie so oft beschieden war. Zudem ist ihre Zuverlässigkeit mitunter recht zweifelhaft. So weiß ich zum Beispiel bis heute nicht, ob mein erster Versuch, am Ende meiner Höhlenepoche Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen, fehlschlug oder ob er nicht doch gelang; wenigstens zum Teil und ohne mein Wissen. Denn als ich damals mein Gerät eingeschaltet und die bekannten Zeichen hinaus gesandt hatte und dann lange auf Antwort wartete, das Ohr ans kühle Gitter des Empfängers gepresst, vernahm ich zwar nur eine anhaltende Stille, doch kam es mir dazwischen vor, als enthielte diese Stille eine Fülle vielfältigster Geräusche, die mir nur, bedingt durch die Unvollkommenheit meines Gehörs, unerreichbar blieben.

Fragen vielleicht, die dringend einer Beantwortung harrten? Im Traum gemurmelte Teile von Gesprächen, Sätzen und Worten, da doch behauptet wird, dass nichts auf dieser Welt verlorengehen soll? Vielleicht aber auch Aufträge, die unverzüglich auszuführen sind? Oder die Notsignale eines Schiffes, das hoch über mir den Indischen Ozean überquert?

Schwer zu sagen, warum gerade diese Vorstellung mich so sehr zu verwirren vermochte. Ich weiß nur noch, dass ich jäh aufsprang, mich durch meine Gruft tastete und aufgeregt irgendetwas, ich glaube eine verlegte Schriftrolle, suchte, wobei ich in bedrohlicher Nähe, über mir, das emsige Scharren und Wühlen eines Maulwurfes vernahm.

Ein heftiges Verlangen nach Tageslicht hatte mich gepackt. Der sehnsüchtige Wunsch, wieder tätig zu sein und zu lernen: das Alphabet, das Einmaleins; einen Baum zu pflanzen und Kinder zu zeugen. Ein Erlebnis, zu persönlich, als dass ich mich näher darüber ausbreiten möchte. Auch erlasse man mir die aufreibende Beschreibung der unterirdischen Quellen und des Grundwassers, an dessen Gestaden ich lange trostlos umherirrte.

Tropfen für Tropfen quoll es ohne Unterlass zu feinsten Rinnsalen, strömte von allen Seiten zu Bächen und stürzenden Wassern zusammen und mündete endlich in jene unterirdischen Seen, viele hundert Faden tief.

Über all dies noch einmal zu sprechen – und wäre es auch nur auszugsweise –, ginge über meine Kraft. Es genügt zu wissen, dass ich mich mit einem Schlage meiner Pflicht besann und unverzüglich beschloss, mich auf den Weg zu machen. Beschloss ist jedoch ein nicht ganz zutreffender Ausdruck. Denn weder aus freiem Willen noch unter Zwang, sondern mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der man atmet, war diese Zeit zu Ende und begann jene andere meines unaufhaltsamen Aufstieges. Noch sehe ich vor mir die Stunde des Abschieds.

Zum letzten Mal blickte ich mich in meiner Höhle um. Schon schien es, als schwinde langsam ihr Licht. Und – täusche ich mich nicht – so war es schon völlig erloschen, ehe meine Finger den Notausgang ertastet hatten …

All dessen entsann ich mich, regungslos im Dunkeln, das Gesicht noch immer auf dem unsichtbaren, kühlen Boden unter mir, entsann mich zum ersten Mal aus dem nötigen Abstand und ohne den Wunsch, zurückzukehren.

Als ich mich schließlich erhob, wusste ich, dass ich das Tier auf die gleiche Art überwinden musste, wie ich meine Höhle hinter mich gebracht hatte:

Nicht daran denken! Alles vergessen! Nur mehr trachten, den Weg einzuhalten und mein Ziel zu erreichen, das so vorläufig war wie alle Ziele der Welt.

Wenn ich dennoch bei den ersten Schritten meinen rechten Arm mit dem Blindenstock vorsichtig vorstreckte und mit der Linken mein Gesicht bedeckte, als wollte ich einen Schlag parieren, so geschah dies nicht mehr aus Furcht vor dem Tier, sondern vor ganz realen Dingen, die sich mir allerorts in den Weg stellen konnten.

Was wird – so frage ich mich ja auch heute noch –, was kann der nächste Schritt, ja schon der nächste Bruchteil eines Millimeters, an Überraschungen bringen? Einen jener unbegreiflich harten Schicksalsschläge? Oder endlich den Erfolg? Einen aufregenden Fund? Den vereinzelten Kieferknochen in jener Sandgrube zu Heidelberg?

Ich verlangsame meine Schritte.

Oder auch nicht? Nichts von Bedeutung?

Noch mehr verlangsame ich meine Schritte. Und bleibe endlich stehen: im Verlies einer Burg – feucht – finster – durch – Monate – Jahre.

Aus leeren Augenhöhlen starrt es mich unverwandt an. Ein modriger Geruch stieg von den Wänden rings um mich auf.

 

Schräg aufblickend sah ich die Schädel und Gebeine meiner Vorgänger sich bis zur Decke türmen, nahm mich aber zusammen. So zogen sie sich in dem Augenblick zurück, und die Wände waren wieder beruhigend nüchtern, aus Backsteinen gefügt wie zuvor.

Mit einem schweren Seufzer setze ich mich aufs Neue in Bewegung, zaghaft und so langsam, dass ein Beobachter nicht zu unterscheiden vermocht hätte, ob ich noch stand oder bereits ging.

Wie lange ich unterwegs war? Ich vermag es nicht zu sagen. Meine Uhr ist längst stehengeblieben. Aber wäre sie auch gegangen, was ist von der Präzision eines solchen Instruments zu halten? Einmal eilen die Zeiger weit voran, dann wieder rühren sie sich, meinen herrischen Wünschen zum Trotz, kaum von der

 

 

 

 

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Stelle. Ihr Zeitsinn ist unzuverlässig wie mein eigener, wenngleich im umgekehrten Verhältnis. Offensichtlich arbeiten sie gegen mich, und deshalb mussten sie unschädlich gemacht werden. Ich zerbrach sie eines Nachts und ließ sie, an die Holme meiner Leiter geklammert, in den Abgrund sausen, ohne einen Aufschlag zu vernehmen. Es war, als wären sie unverzüglich im Morast versunken.

Manchmal wollte ich es aufgeben. Wollte wieder bergab gehen, dem Mittelpunkt der Erde zu. Und ich muss dies wohl auch einige Male getan haben; ganz in Gedanken freilich oder gar im Schlaf, doch sicher oft nicht unbedeutende Strecken. Demnach wäre meine eingangs erwähnte Theorie von den nächtlichen Rückschlägen also doch kein leerer Wahn? Erhebt sich allerdings noch die Frage, ob es sich dabei tatsächlich nur um Rückschläge oder nicht doch zuweilen auch um einen sozusagen verkappten, im Sinne der alten dramaturgischen Gesetze, nur nicht als solchen erkannten, Fortschritt gehandelt haben mochte.

Manchmal verschlug es mich auch in völlig unbekannte Regionen des Bergwerks. In wunderbare, nie zuvor gesehene Gänge, mit fahler Tropfsteinbildung. Oder in jene düsteren Hallen, in denen all die hohen, total verrosteten Maschinen aufgestellt waren, über die ich mich im fünften Kapitel, anlässlich der großen Inventur, noch ausführlich, auslassen werde.

Einmal geriet ich in einen geräumigen, schattenreichen Stollen, in welchem lange Reihen aneinander geschobener Grubenhunte standen. Sie waren fast alle leer und mit einer dicken Staubschicht bedeckt. In einem aber, der etwas zur Seite geneigt und aus den Gleisen gesprungen war, lag ein Mensch, ohne Kleider: eine Frau, tot und hart wie aus Stein. Ihr staubig weißes Gesicht mit den offenen Augen ohne Merkmal. Wortlos ließ ich sie hinter mir, der Schatten eines Mannes, dessen Schritte stundenlang einen endlosen, dunklen Gang entlang verhallen.

Eine beklemmende Vorstellung: dass sie mich gesehen und gehört haben soll, da sie doch endgültig tot ist? Ich spreche nicht von Wahrnehmungen in unserem Sinne, doch frage ich mich, ob nicht auch auf ihrer Netzhaut ein Abbild meines über sie gebeugten Gesichts entstanden sein muss; ein verschwommenes, gewiss – bedingt durch die Trübung ihrer Augenlinsen –, aber doch immerhin ein Bild. Und ob nicht auch ihre Trommelfelle, trotz aller durch die Totenstarre bedingten Verhärtung, sowohl durch die Geräusche, die ich bei meiner Betrachtung machte, als auch durch meine eilfertig, sich entfernenden Schritte, in Schwingungen versetzt worden waren?

Lange noch, schon meilenweit entfernt, beschäftigte mich diese Frage. Ja, einige Male war ich nahe daran, umzukehren – und ließ es dennoch bleiben, aus der Befürchtung heraus, fundamentalen Veränderungen zu begegnen: etwa der, dass sie nicht mehr da oder längst zu Staub zerfallen sein könnte, oder der, dass ich nun einen zweiten Toten vorfände, in inniger Verschlingung an sie geklammert.

Aus dem dringenden Bedürfnis heraus, ein System in diese Dinge zu bringen, fing ich an, die Stollen zu benennen. Entweder nach Erinnerungen oder häufiger noch nach den Phänomenen, deren Studium ich da und dort oblag.

So hieß etwa – neben dem schon erwähnten „Stollen der großen historischen Ereignisse“  – ein schmaler, trichterförmiger Gang „Der stethoskopische Stollen“ , aus einem Grunde, auf welchen einzugehen mir die ärztliche Diskretionspflicht verbietet. Einen anderen, besonders finsteren und lautlosen Stollen bezeichnete ich kurzerhand als „Keller“ und versah ihn überdies mit einem weiblichen Vornamen. Wieder einen anderen oder vielmehr eine ganze Gruppe von Gängen nannte ich „Die Stollen halluzinatorischer Erlebnisse“ .

Unvergessliche Halluzinationen!

Optische und akustische Täuschungen, die ich einer exakten Prüfung zu unterziehen und nach Vorkommen und Intensität zu ordnen begann.

Eine der häufigsten und zugleich unerheblichsten war wohl die, dass ich, um eine Ecke biegend, jemanden am Ende des neuen Stollens rasch in eine Nische verschwinden sah. An dieser Täuschung ist nichts Absonderliches. Sie befällt uns vor allem, wenn wir allein durch einen Wald gehen und uns des Eindrucks nicht erwehren können, es husche jemand weit vorn oder auch seitwärts von uns von Baum zu Baum. Eine Erscheinung, die sogleich verschwindet, wenn man stehenbleibt und sich misstrauisch umsieht.

Für bedenklicher halte ich dagegen zwei andere, sporadisch auftretende Täuschungen, die weder das Auge noch das Gehör betrafen.

Über die eine – das regungslose Lauern des Tieres in der Dunkelheit – habe ich bereits ausführlich berichtet, die andere indes nur flüchtig erwähnt, als ich von meinen Stürzen auf atemloser Flucht erzählte. Dieses Phänomen des Absackens oder auch der Luftlöcher begegnete mir vor allem in Zeiten bösester Unentschlossenheit. Dann fiel ich oft viele hundert Fuß hinab, entsetzt um mich greifend, ohne einen Halt zu finden. Das sonderbarste daran aber war, dass ich niemals hart aufschlug, noch irgendeinen Schmerz dabei verspürte. Allein der Schreck war jedes Mal so ungeheuer groß, dass ich mich nur schwer von ihm zu erholen vermochte.

In einem krassen Gegensatz zu den eben genannten Halluzinationen steht eine andere, die ich im Verlauf einer kurzen Zeitspanne etliche Male dicht hintereinander erlebte und die dann wieder verschwand, so überraschend, wie sie aufgetaucht war.

Aus einem finsteren Stollen kommend, befand ich mich unvermutet im betäubenden Lärm einer Fabrikhalle, fasziniert von einer Reihe riesiger Transmissionen. Eine neben der anderen rasten die groben Nahtstellen der breiten Lederriemen steil hinauf, verschwanden in der schwindligen Höhe der Kuppel, rasten von dort wieder hinab, um die großen Räder herum und wieder steil empor. Unersättlich und, trotz strengster Begrenztheit, ohne Ende. Bedienungspersonal war zunächst keines zu sehen. Doch stieß ich im Winkel am anderen Ende der Halle auf eine Gruppe von Männern, die, Kopf an Kopf, die schmalen Rücken mir zugewandt, ihre Gesichter in die Ecke gerichtet hielten. Da ich mich aber hindurchzwängen wollte, begierig, auch zu erkennen, was sie so sehr zu fesseln vermochte, befand ich mich wieder im stockfinsteren Stollen; weiter taumelnd, verwirrt von dem eben erlebten Phantom. Um im nächsten Augenblick wieder in der Halle zu sein und wieder im dunklen Stollen, wieder in der Halle und so fort, wohl ein gutes Dutzend Male hintereinander, in immer weiteren Abständen, immer verschwommener; endlich kaum mehr wahrzunehmen.

Nun möchte ich aber das Gebiet der Halluzinationen nicht verlassen, ohne über ein einzigartiges Erlebnis gesprochen zu haben, welches ich „ Das Sirenenphantom “ oder, halb widerstrebend und daher nicht ohne Ironie, den „Gesang der Jungfrauen“ nannte.

Eines Tages nämlich hörte ich dicht über mir eine Gruppe von Frauen oder Mädchen vorbeiziehen, die in einer ungewöhnlich hohen Stimmlage einen Choral sangen. Dieser Gesang war nicht schön zu nennen, eher schrill, ja kreischend fast, doch erfüllt von einer reißenden Sehnsucht nach etwas Kommendem, Unerreichbarem, beladen mit allem Fluch inzestuöser Wünsche. Und so jäh, so eindringlich schaurig wirkte dieser Gesang auf mich, dass ich unvermittelt anhielt und eine Weile in der Stellung verharrte, in der ich mich eben befand: den einen Fuß in der Luft, dicht über der Erde, von den beiden leicht abgewinkelten Armen, einen vor, den anderen hinter den Rumpf gehalten, regungslos, wie von einer plötzlichen Lähmung befallen.

Diese aufwühlende Halluzination hatte ich nur ein einziges Mal. Doch da gerade das Flüchtige unserer Phantasie den intensivsten Rest hinterlässt, konnte ich sie nicht mehr vergessen.

Tag und Nacht suchte ich sie wieder, obgleich es bei mir weder Tage noch Nächte gab. Hatte ich mich auch noch so weit entfernt, nach einer Weile kehrte ich – gehorsam einem Gesetz unbekannter Schwerkraft folgend – doch wieder um und schritt, zunächst langsam, allmählich immer schneller werdend, aus, bis ich endlich mit meiner Anfangsgeschwindigkeit wieder den Ort erreichte, von welchem ich aufgebrochen war.

Hier wartete ich nun, den Blick gespannt auf die Wölbung über mir gerichtet, meinen Hinterkopf ganz im Nacken, in der Stellung jenes bekannten, keltischen Missionars, der die Herabkunft des Heiligen Geistes erhofft. Zwischendurch legte ich mich auch auf den Rücken. Nicht etwa vor Erschöpfung, sondern weil ich mir aus dem veränderten Blickwinkel, ergiebigere Beobachtungen versprach.

Allein das Phantom kehrte nicht wieder. Und als ich es aufgegeben hatte, verloren wieder – in die Tage der Öde und Wirrnis, nahm ich mein Vormerkbuch zur Hand und trug, auf der Habenseite, die gewichtigen Worte ein: Im Nebel verirrt. Ohne Kompass ausgesetzt, auf einem Floss auf hoher See, im Schneesturm, bei schwerem Wellengang …

Allmählich gewöhnte ich mich an den Berg. Oder sollte ich sagen: Mein Berg gewöhnte sich an mich? Er wurde mir zum Alltag. Ich vergaß ihn. So tief versunken schritt ich hinab oder stieg wieder empor. Ja es gab träumerische Augenblicke, in welchen ich meinte, wie einst in meinem hellen Büroraum im Zentrum der Stadt zu sein. Dann saß ich wieder an meinem ausladenden Schreibtisch, neununddreißig Stockwerke über der Erdoberfläche, gebeugt über ein Schriftstück, das ich nicht zu entziffern vermochte.

 

Wenn ich aber aufschreckte, so hockte ich noch immer in einer der Nischen oder im staubigen Förderkorb; in den Händen meinen Plan, den ich so fassungslos anstarrte, als hätte ich ihn nie zuvor gesehen. Und eine geraume Weile war ich nicht ganz im Bilde, ob ich hier war und von meinem alten, sicher längst zerstörten Büro träumte oder ob ich, auf meinem Schreibtisch gestützt, dunkel eines Bergwerks gedachte, in welchem ich als Kind, an der Hand meines Vaters, eine Führung mitgemacht hatte.

Ein anderes Mal wieder glaubte ich – während ich langsamer und in würdevoller Haltung ausschritt –, auf der sommerlichen Promenade, das Ufers eines Sees entlangzugehen; eines Sees, von dem ich nicht einmal weiß, ob ich ihn je wirklich gesehen habe oder ob ich ihn nur als einen hellblauen Fleck in meinem Schulatlas kenne. Ich trug helle Beinkleider und eine Kapitänsjacke, befühlte im Gehen die exzellente Qualität des Stoffes und spürte doch, durch all dies feine Gewebe hindurch, die gröbere, gleichsam ernstere Struktur meiner abgetragenen Drillichjacke.

Erinnerungen tauchten auf. Eine hinter der anderen, fügten sie sich zu einer Kette, die ohne Anfang weit in die gespenstischen Nebel der Vergangenheit langte.

Besonders hartnäckig wurde ich, von der Vorstellung eines sehr flachen Tales im schwindenden Licht des Tages, heimgesucht.

Details

Seiten
100
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905663
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (November)
Schlagworte
morgen nacht

Autor

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Titel: Vom Morgen in die Nacht