Lade Inhalt...

Schnäppchen mit Blutspuren

2016 100 Seiten

Leseprobe

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

––––––––

Klappe

Chris(Tina) Dellbusch, die Jüngste im Tellheimer Referat 11 (Mord, Totschlag und Entführung) hat es mit der Leiche eines armen Schluckers namens Martin Brotesser zu tun, den seine Nachbarn den Trockenbrotesser nennen. Wer kann ein Interesse daran haben, so einen Mann zu erstechen? Tina ist lange damit beschäftigt, ein mögliches Motiv zu entdecken. Dann findet sie in einem

Bankschließfach einen vor einem Notar geschlossenen Vertrag, wonach

Brotesser ein Millionen-Grundstück im besten Viertel Tellheims kaufen will.

Hatte er so viel Geld aus einem Lottogewinn oder trat er nur als Strohmann und Platzhalter auf?

Tina muss eine Menge über Kommunalpolitik, Baurecht und Tellheimer

Geschichte lernen, bis sie einen blutigen Betrug durchschaut: Wie reißt man sich ein wertvolles Grundstück fast legal unter den Nagel, ohne einen eigenen Cent dafür zu bezahlen?

Personen

Martin Brotesser: Angestellter im Bezirksamt Tellheim-Weidenthal

Adolf Gruber: Angestellter im Tellheimer Liegenschaftsamt der DB

Leo Kusch: „Ökonom“ in der Bikini-Bar

Gerda Linke: Wirtin im Hölzer Hof

Helga Troll: Gerdas Schwester, Hausmeisterin in der Ludwigstraße 44

Susanne (Susi) Lauter: Früher Bedienung in der Bikini-Bar

Christine (Tine) Dellbusch: KK im Referat R – 11 der Tellheimer Kripo

Britta von Sandau: Staatsanwältin in Tellheim

Lorenz Koch (67): Redakteur i.R.

Annegret Stamper: Mitarbeiterin in der Tellheimer Kriminaltechnik

Josef Tönnissen: Verstorbener Hausbesitzer in Tellheim-Weidenthal

Dr. Walter Brünn (51): Kinderarzt

Miriam Tönnissen (33): Geschäftsfrau in Karlsruhe, Josefs Nichte

Anke Tönnissen (31): Lehrerin in Stuttgart, Josefs Nichte

Maria Gerber geborene Tönnissen (35): Ehefrau in Basel

––––––––

Alle Namen und Taten, Personen und Ereignisse, Geschäfte und Organisationen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Erstes Kapitel

Britta von Sandau hielt sich entsetzt die Nase zu: „Stinkt das bei euch immer so?“

Doktor Rupp, der neben der Leiche kniete, hob den Kopf und lächelte mokant: „Da können wir Ihnen noch was ganz anderes bieten, Frau Staatsanwalt.“

Tine Dellbusch, die noch nie dienstlich mit der Staatsanwältin von Sandau zu tun gehabt hatte, schwieg lieber und konzentrierte sich auf die Leiche des vielleicht vierzigjährigen, etwas dicklichen Mannes mit gekräuselten hellbrünetten Haaren, die dringend nach einem

Friseur verlangten. Der Mann war nicht rasiert und machte auf Tine einen seltsam schmuddeligen Eindruck. Er lag auf der rechten Seite, mit dem Kopf zum Fenster, und war an zwei Stichen in die linke Körperseite verblutet, das Blut war zum Teil an seinem Körper heruntergelaufen, hatte das langärmelige hellgrauen Shirt verfärbt und eine fast runde Lache zwischen Körper und Couchtisch gebildet. Ein schmales Rinnsal hatte von dort noch die Kante eines Hosenbeines der abgewetzten Jeans erreicht. Das inzwischen fast eingetrocknete Blut hatte den hellen, abgetretenen Teppichboden dunkel gefärbt. Das Wohnzimmer war nicht groß und spärlich, dazu geschmacklos möbliert, keines der Stücke sah elegant oder neu oder teuer aus. Es gab auf den ersten Blick auch keine Spuren oder Anzeichen eines Kampfes oder Einbruchs. Die Stichwaffe war verschwunden. Britta von Sandau räusperte sich unfreundlich: „Danke, das hier reicht mir schon vollkommen.“

Dr. Rupp beugte sich wieder zu dem Toten hinunter und Tine Dellbusch fragte nüchtern: „Wie lange ist er tot?“

„Schätzungsweise drei Tage.“

„Also am vergangenen Sonntag gegen Abend erstochen?“

„Vermutlich, ja.“

„Zwei Stiche in die Seite, nicht wahr?“

„Ja. Der Täter war höchstwahrscheinlich Linkshänder und stand hinter seinem Opfer.“

„Der Täter? Eine Frau kommt nicht in Frage?“

„Eher nein. Es sei denn, sie ist ungewöhnlich kräftig.“

Den Namen des Toten kannten sie von der Hausmeisterin, die den ermordeten Mieter gefunden und die Polizei alarmiert hatte. Martin Brotesser, der in der Tellheimer Stadtverwaltung, im Bezirksamt Weidenthal arbeitete. Ledig, keine Kinder, keine feste Freundin. Viel mehr wusste die Hausmeisterin nicht von ihm, was Tine Dellbusch ihr nicht so recht glaubte. Der Fotograf hatte seine Knipserei beendet und begann, die Nummernschilder einzusammeln. Die Kollegen der Spurensicherung warteten schon ungeduldig darauf, dass sie anfangen konnten. Die Kommissarin Christine Dellbusch sah die Staatsanwältin an: „Also ab zur Gerichtsmedizin?“

„Aber ja.“

Christine Dellbusch, im mundfaulen Präsidium nur als Tine Dellbusch bekannt, zog sich die scheußlichen weißen Plastik-Fingerhandschuhe an und begann ihren Rundgang durch die kleine Dreizimmerwohnung und diktierte wie schon zuvor alles, was ihr auffiel, in ihr tragbares Aufnahmegerät. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, eine fensterlose Abstellkammer mit einem abgeschrammten Schreibtisch, auf dem ein Computer stand. Alle Möbel sahen aus, als seien sie gebraucht gekauft. Kein Hinweis darauf, dass jemand versuch hatte, etwas Bestimmtes zu finden. Das Bett im Schlafzimmer war benutzt, ebenso die Dusche und die Toilette im Bad. Es roch muffig, eben ungelüftet. Die Hausmeisterin hatte behauptet, es gebe keine Verwandten Brotessers in der Nähe der Stadt, also packten sie auch den Inhalt der beiden Kleiderschrankhälften ein. Um alles weitere würden sich die Spurensicherung und ihr Leiter Seidel oder seine Vertreterin Annegret Stamper kümmern, mit der sich Tine mittlerweile duzte.

Wie mit ihr vereinbart, suchte Tine die Hausmeisterin Gerda Linke im Parterre auf. Die hatte bereits Kaffee gekocht und schien sich auf ein Schwätzchen zu freuen. Wann konnte man schon mal über einen Mord in seinem Haus erzählen? Tine vermutete, Gerda Linke würde, wenn später die Journalisten mit gefüllten Brieftasche anrückten, sich noch an viele, auch märchenhafte Details „erinnern“, die sie der Kriminalbeamtin Tine Dellbusch verschweigen wollte. Gerda war früher eine sehr propere Frau gewesen, Spuren des ehemaligen Reizes waren noch immer zu entdecken.

„Ja, der Brotesser. Schäbiger Mann, schäbig gekleidet, schäbige Wohnung. Die anderen Hausbewohner nannten ihn den Trockenbrotesser, weil er so aussah und sich aufführte, als könne er sich weder Butter noch Belag leisten.“

„Aber wenn er bei der Stadt arbeitete, kann er doch nicht so schlecht verdient haben.“

„Hat er wohl auch nicht. Aber er hat das Geld lieber für andere Dinge ausgegeben.“

„Zum Bespiel?“

„Zwei-, dreimal die Woche hat er sich mit Kumpeln zum Skat im Hölzer Hof an der Eichengabel getroffen. Dort hat er auch oft gegessen und ordentlich gebechert.“

„Woher wissen Sie das, Frau Linke?“

„Meine geschiedene Schwester Helga Troll hat den Hölzer Hof gepachtet.“

„Brotesser war, wie Sie mir oben gesagt haben, nicht verheiratet?“

„Nein.“

„Eine feste Freundin hatte er nicht?“

„Nein, ein- oder zweimal die Woche bekam er 'Besuch' von einer recht hübschen jüngeren Frau.“

„Wissen Sie, wer diese Frau ist oder wie sie heisst?“

„Nein. Er hat sie in meiner Gegenwart immer nur 'Susi' genannt, und wenn Sie mich fragen, ist sie ein Professionelle.“

Den Gefallen, sie zu fragen tat ihr Tine nicht, die stämmige Gerda sprach ohnehin unverblümt aus, was ihr gerade durch den Kopf ging. „Sollten Sie dieser Susi noch einmal begegnen, sagen Sie ihr doch bitte, Sie möchte sich im Polizeipräsidium am Krötengraben melden. Ich heiße Christine Dellbusch und arbeite im Referat R – 11.“

Gerda Linke versenkte die Karte mit der linken Hand in einer ihrer Kitteltaschen, als handele es sich um eine gewonnene Goldmedaille.

„Sie schauen doch nicht alle Tage nach den Mietern?“

„Nein, es sei denn, die habe sich in den Urlaub oder ins Krankenhaus abgemeldet und mich gebeten, mal nach den Blumen und der Post zu gucken.“

„Blumen habe ich oben nicht gesehen.“

„Nein. Mir war aufgefallen, dass Brotesser heute den dritten Tag seine Zeitung nicht aus dem Fach genommen hatte und sein Briefkasten überlief.“

„Wie lange hat Martin Brotesser hier in der Ludwigstraße 44 gewohnt?“

„Ich habe vor fünf Jahren hier angefangen, und da wohnte er schon mehrere Jahre im dritten Stock.“

„Und gearbeitet hat er im Bezirksamt Weidenthal in der Pohlstraße?“

„Ja.“

Das waren, soweit Tine sich erinnerte, vier oder fünf Minuten zu Fuß. Dazu brauchte Brotesser kein Auto. Seine Stammkneipe lag drei Gehminuten in der Gegenrichtung. Kein großer Radius eines anscheinend sehr bescheidenen Lebens. In die Tellheimer Innenstadt musste er den Bus nehmen, der in der Parallelstraße, der Ganghoferstraße, hielt.

Die Firma Holzbauer & Söhne hatte in der Eichengabel mehrere Jahrzehnte lang Möbel für Büros, Wohnungen und Geschäfte gebaut. Dann hatte ein Großbrand das wertvolle Holz- und Furnierlager vernichtet. Vater und Sohn Holzbauer hatten nicht mehr die Kraft aufgebracht, neu anzufangen, sie verkauften das wertvolle Grundstück und zogen in den Süden. Eine Brauerei sicherte sich an der Straßenfront Eichengabel eine vierstöckige Immobilie, die als mehr oder minder seriöse Kneipe unter dem Namen Hölzer Hof bis heute überlebt hatte. Das Hauptgeschäft stellte zur Zeit wohl das Mittagsmenü dar, Suppe, Salat und ein Haupt-Tellergericht für zusammen unter zehn Euro, die meisten Gäste arbeiteten in den Büros der Nachbarschaft. Der Hölzer Hof würde kein Geheimtip für Feinschmecker werden, aber was er bot, war nicht so schlecht, wie man annehmen sollte.

Als Tine eintrat, rief ihr eine ältere Frau entgegen: „Mittagessen erst ab 12 Uhr 30.“

„Ich möchte nicht essen, ich suche eine Frau Helga Troll.“

„Das bin ich, und sie sind sicher die Kommissarin Christine Dellbusch? Meine Schwester hat mich schon angerufen und Sie angekündigt.“

Genau das hatte Tine befürchtet. Aber gegen so etwas war kein Kraut gewachsen. Immerhin hatte Helga Troll dadurch Zeit gehabt, sich über den Verlust eines Stammgastes zu beruhigen, eines Stammgastes, den sie, wie sie ungefragt eingestand, nicht sehr geschätzt hatte, obwohl er und seine Skatkumpel ganz schöne Rechnungen gemacht und sich immer ruhig verhalten hatten.

„Nach eben diesen Skatkumpeln wollte ich mich bei Ihnen erkundigen.“

„Viel kann ich Ihnen nicht sagen. Der eine heisst Adolf Gruber und arbeitet bei der Immobilienverwaltung der Deutschen Bahn, die – wie Tine zu ihrem Erstaunen erfuhr – in Tellheim, in Weidenthal zumal beträchtliche Flächen und Immobilien besaß. „Wissen Sie, wo diese Immobilienverwaltung liegt?“

„Ja, gleich nebenan in Brökel in der Sybelstraße.“

„Zum Skat gehören drei. Brotesser, Gruber und ...“

„... und der Leo Kusch.“ Ihre Stimme verriet, dass sie diesen dritten Mann nun überhaupt nicht leiden mochte.

„Es wäre toll, wenn Sie wüssten, wo er wohnt oder arbeitet“, lockte Tine.

„Wo er wohnt, weiß ich nicht. Wahrscheinlich hier ganz in der Nähe. Eine Gegenfrage: Wissen Sie, was ein Ökonom ist?“

„Ein Volks- oder Betriebswirt oder Finanzwissenschaftler. Oder im Milieu der Hausmeister und Mann für alles in einem etwas zwielichtigen Lokal.“

„Leo Kusch arbeitet, wenn man das überhaupt Arbeit nennen darf, in der Bikini-Bar in Brökel.“

Von dem Schuppen hatte Tine schon im Präsidium gehört. Bar war fast ein Euphemismus. Es handelte sich um einen Puff der gehobenen Preisklasse, in dem alle Bedienungen in knappen Bikinis herumliefen. Und zu jeder vollen Stunde einmal fielen alle Hüllen, dann boten die Damen auf der Bühne im Eva-Kostüm eine Tanz-Show. Tine hatte gestaunt – hundert Euro Eintritt und Getränkepreise, die einem Normalverdiener die Tränen in die Augen trieben. Aber weil nicht jeder hereingelassen wurde, Glücksspiel und Rauschgift und handgreiflicher Streit mit rauen Methoden unterbunden wurden, war die Bikini-Bar selten das Ziel von Polizei-Einsätzen. Eine Zeitlang hatte sich das Jugendamt intensiv für die Bedienungen und Tänzerinnen interessiert – die Truppe führte den merkwürdigen Namen „Hayler Elfen“ - aber keine Verstöße gegen Gesetze und Schutzbestimmungen feststellen können. Das Unternehmen zahlte sogar korrekte Steuern und Sozialabgaben für seine Angestellten.

Die Kommissarin hatte inzwischen ihr Batterie-Bandgerät aufgebaut, was Helga Troll nicht zu gefallen schien. Sie sagte aber nichts.

Tine musste bei ihrer nächsten Frage grinsen: „Was treibt einen Bikini-Mann in den Hölzer Hof?“

„Der Kerl muss, wie gesagt, hier in der Nähe wohnen und hat vielleicht Sehnsucht nach normal bekleideten Menschen und Biertrinkern“, erwiderte Helga Troll grimmig.

„Kusch – wie der Befehl an den Hund?“

„Ja, genau so. Leo Kusch.“

„Aber Kusch verhält sich hier ganz unauffällig?“

„Völlig, fast ein Mustergast. Aber sympathisch ist er mir trotzdem nicht.“

„Und dieser Adolf Gruber?“

„Das ist ein Großmaul. Dicke Lippe, spuckt große Töne und nichts dahinter und nichts auf der hohen Kante. Der geborene Hochstapler und Betrüger.“

„Die drei so unterschiedlichen Typen haben sich vertragen?“

„Zumindest beim Skat, ja.“

„Wann haben Sie Brotesser zu letzten Mal gesehen?“

Sie musste überlegen: „Am vorigen Freitag gegen 20 Uhr, da habe ich den Fernseher für die Tagesschau angestellt.“

„Können Sie sich einen Grund vorstellen, warum Gruber oder Kusch den Brotesser umgebracht haben könnten?“

Sie schüttelte energisch den Kopf. „Nein, ausgeschlossen. Der Gruber ist zu feige und der Kusch weiß zu genau, was einem dann blühen kann.“

„Er ist also vorbestraft?“

„Mehrfach.“

Tine erkundigte sich nicht, woher Helga Troll das wissen wollte. Und weil auf dem Bandgerät der Warnblinker für die Akkuspannung seine Arbeit aufgenommen hatte, verabschiedete sie sich und fuhr ins Präsidium. Dort legte sie zuerst die berühmte Akte an „... zum Nachteil von Martin Brotesser...“ und begann zu sinnieren.

Wer ermordete einen armen Kerl, den seine Nachbarn als Trockenbrotesser verspotteten? Na schön, mehrmals die Woche Skat, mäßiges Essen in einem Lokal, für das die Bezeichnung Restaurant die reinste Hochstapelei wäre. Dazu – wenn die neugierige Gerda richtig lag – ab und zu der 'Besuch' einer Nutte namens Susi – war das alles in seinem Leben? Weiter kam Tine nicht, weil sie von Annegret Stamper gestört wurde, der Vizechefin der Spurensicherung. „Schau mal, Tine, was wir unter einer Schublade in Brotessers Wohnzimmerschrank gefunden haben. Mit einem Stück Tesa festgeklebt.“

„Das ist ein Schließfachschlüssel ...“

„Richtig. Und zwar von der Leininger Volksbank.“

„Weisst du zufällig auch schon, in welcher Filiale?“

„Nein. Dafür soll uns die schöne Britta einen formellen richterlichen Beschluss besorgen.“

„Warum nennst du sie die schöne Britta?“

„Ihre Mutter Dörte war noch schöner, ebenfalls Staatsanwältin. Befreundet mit einem Hauptkommissar, mit dem sie in einem Haus wohnte. Die beiden haben zusammen gründlich aufgeräumt. Ein Chef des Landes-Verfassungsschutzes, zwei ranghohe Mitarbeiter des BND und des MAD mussten gehen. Und als Britta sich hier vorstellte, meinte der Leitende Hornvogel: 'Hoffentlich sind Sie nicht so rabiat wie Ihre Mutter. Schön genug sehen Sie ja aus'.“

„Ein liebenswürdiger Leitender.“

„Na ja, er wurde bald danach gegangen.“

Tine lächelte trübe. Es dauerte, bis man die Seilschaften und inoffiziellen Verbindungen und Beziehungen in einer Behörde durchschaute. Hornvogels letzter Nachfolger als Leitender Oberstaatsanwalt, Paul Hase, war in das Amt des Generalstaatsanwaltes versetzt worden. Seine langjährige Freundin Jule Springer fungierte jetzt als Erste Hauptkommissarin im Referat 11 – Mord, Totschlag und Freiheitsberaubung – und würde den Polizeidienst in wenigen Monaten verlassen, um nun doch ihren Hoppelhasen, „mein Langohr Paulchen“, zu heiraten: Es wird Zeit für mich und, wenn wir noch kleine Häschen haben wollen.“ Jules Vorgängerin im R – 11 hatte aus unbekannten Gründen vorzeitig den Dienst gekündigt, um zu ihrem Freund nach Berlin zu ziehen, dessen Frau sich von ihm getrennt hatte. Es war ein stetes Kommen und Gehen, das der jungen Kommissarin Christine (Tine) Dellbusch gar nicht gefiel. Und nun noch eine neue Staatsanwältin, die den Ruf als Tochter einer streitbaren Mutter zu verteidigen hatte.

Tine tippte noch bis 21 Uhr 30 die ersten Protokolle für die Akte Brotesser und fuhr dann zur Bikini-Bar. Der Mann am Eingang musterte sie grämlich: „Frauen haben keinen Zutritt.“

„Ach, wissen Sie, in gewisser Weise bin ich keine Frau.“ Sie hielt ihm ihren Dienstausweis unter die Nase: „Ich möchte Leo Kusch sprechen.“

„Jetzt?“

„Warum nicht?“

Der bullige Typ erinnerte sich wohl daran, dass er Anweisung hatte, Ärger mit der Polizei zu vermeiden, und zog den Kopf ein: „Moment, ich rufe ihn an.“

Leo Kusch sah ganz und gar nicht so aus, als würde er auf Kommando eines Frauchens kuschen, aber auch er riss sich zusammen und führte Tine Dellbusch über einen Nebeneingang, zu dem er Schlüssel besaß, in ein Büro, bot ihr einen Stuhl an und sagte dann spöttisch: „Sie kenne ich noch gar nicht. Bei der Sitte sind Sie nicht, wie?“

„Nein, bei Mord und Totschlag.“

„Ach nee. Und was habe ich mit Mord und Totschlag zu tun?“

„Mit dem jüngsten Opfer haben Sie oft Skat gespielt, im Hölzer Hof.“

„Ach nee. Und wer hat den Löffel abgegeben? Gruber? Oder der Trockenbrotesser?“

„Martin Brotesser.“

„Ich glaub's nicht! Wer bringt denn so ein harmloses und nutzloses Würstchen um?“

„Um das herauszufinden, bin ich hier.“

„Also, ich war's nicht- damit das gleich klar ist.“

„Wann haben Sie Brotesser zum letzten Mal gesehen?“

„Das war – Moment – am vergangenen Freitag. Im Hölzer Hof. Helga – die Wirtin – hatte gerade den Fernseher angemacht, da ist Martin aufgestanden und hat gemeint, es werde Zeit für ihn, er bekäme gleich noch lieben Besuch.“

„Besuch?“

„Das war so eine Umschreibung für das Callgirl, das regelmäßig zu ihm kam.“

„Callgirl?“

Zusammenfassung

Chris(Tina) Dellbusch, die Jüngste im Tellheimer Referat 11 (Mord, Totschlag und Entführung) hat es mit der Leiche eines armen Schluckers namens Martin Brotesser zu tun, den seine Nachbarn den Trockenbrotesser nennen. Wer kann ein Interesse daran haben, so einen Mann zu erstechen? Tina ist lange damit beschäftigt, ein mögliches Motiv zu entdecken. Dann findet sie in einem
Bankschließfach einen vor einem Notar geschlossenen Vertrag, wonach
Brotesser ein Millionen-Grundstück im besten Viertel Tellheims kaufen will.
Hatte er so viel Geld aus einem Lottogewinn oder trat er nur als Strohmann und Platzhalter auf?

Tina muss eine Menge über Kommunalpolitik, Baurecht und Tellheimer
Geschichte lernen, bis sie einen blutigen Betrug durchschaut: Wie reißt man sich ein wertvolles Grundstück fast legal unter den Nagel, ohne einen eigenen Cent dafür zu bezahlen?

Details

Seiten
100
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905656
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Juni)
Schlagworte
schnäppchen blutspuren

Autor

Zurück

Titel: Schnäppchen mit Blutspuren