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Texas Wolf #23: Der Galgenritt

2016 120 Seiten

Leseprobe

TEXAS WOLF

 

Band 23

 

Der Galgenritt

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von P.R.Goodwin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappe

 

Jesse White sitzt hinter Gittern. Er soll einen Spieler namens Hopkins erschossen haben. Dafür hat man ihn zum Tod durch den Strick verurteilt. In drei Tagen soll er hingerichtet werden. Obwohl er unschuldig ist. Aber niemand glaubt ihm. Nur Texas Ranger Tom Cadburn ahnt, wer wirklich hinter diesem Mord steckt. Zusammen mit Old Joe und dem Schwarztimer Sam sucht er eindeutige Beweise – und als er sie endlich gefunden hat, ist es fast zu spät. Denn der Zeitpunkt der Hinrichtung rückt erbarmungslos näher – und Tom und Old Joe stecken mittlerweile selbst in der Klemme ...

 

 

 

 

Roman

Laternenschein fiel in die Zelle. Der Schlüsselbund am Gürtel des Sheriffs rasselte. „Stehen sie auf, White!“

Der Gefangene schwang die Füße von der an der Lehmziegelmauer befestigten Pritsche. Er war ein kräftiger Mann mit knochigem Körperbau. Dunkelblonde Strähnen hingen ihm in die Stirn. In den tiefliegenden Augen glomm ein düsteres Feuer.

Zum Teufel, was gibt’s? Wissen Sie eigentlich, wie spät ...“

Sein Blick erfasste die dunkel gekleidete Gestalt neben dem Sheriff von Dryhill. Kühle Augen musterten ihn. Die Glut einer kurzstieligen Pfeife beleuchtete ein scharfliniges Gesicht. Jesse White erhob sich. „Wer ist das? Was will der Bursche von mir?“

Der Dunkelgekleidete nahm die Pfeife aus dem Mund.

Ich kam vorhin mit der Kutsche, die nach Amarillo weiterfährt. Ich bin der Henker. Ich wollte Sie sehen, White, bevor ich mich im Hotel einquartiere. In vier Tagen ist es schließlich soweit.“

Die Stimme klang freundlich. Die kühlen Augen taxierten Jesse Whites Größe, Gewicht und die Art, wie er sich bewegte. White starrte ihn an. Einige Sekunden wirkte die Szene versteinert. Auf der Stirn des bulligen Sternträgers glänzten Schweißtropfen. Dann war White mit einem Satz am Zellengitter, packte die Eisenstäbe und rüttelte daran.

Raus!“, brüllte er. „Scheren Sie sich zum Teufel, Mann! Mir wird schon schlecht, wenn ich Sie bloß anschaue! Raus, verdammt noch mal, raus, raus!“

Er warf sich wie ein eingesperrtes wildes Tier gegen die Gitterstäbe, zerrte und rüttelte an ihnen, dass seine Halsmuskeln vor Anstrengung hervortraten. Die Männer bewegten sich keinen Zoll. Der Dunkelgekleidete paffte gelassen.

Reißen Sie sich zusammen, White!“, befahl der Sheriff, die Hand am Colt.

Ich bin unschuldig!“, tobte der Gefangene. „Ich habe Hopkins nicht getötet!“

Du lieber Himmel, fangen Sie nicht wieder damit an! Ihre Schuld ist einwandfrei bewiesen!“

Alles Lüge! Ich bin Hopkins nur nachgeritten, weil ich die fünfhundert Bucks wiederhaben wollte, die ich beim Pokern an ihn verlor. Der verdammte Kartenhai hatte mich reingelegt. Ich bin erst hinterher draufgekommen, dass er mein jeweiliges Blatt im Spiegel sehen konnte, der über Wilsons Bar hängt. Als ich Hopkins fand, war er bereits tot!“

Worauf Sie, als Sie gemerkt haben, dass wir Ihnen folgten, prompt die Flucht ergriffen“, knurrte der Gesetzeshüter. „Wenn Cadburn, der Ranger, Sie nicht geschnappt hätte, säßen Sie jetzt bei guten Freunden in Mexiko statt in der Todeszelle.“

Ich hab’ keine Freunde in Mexiko. Ich wollte Hopkins’ wirklichen Mörder erwischen. Seine Spur war noch ganz frisch. Aber für Sie und Cadburn war die Sache ja klar, obwohl Hopkins mit ’ner Winchester erschossen wurde, ich aber nur ’nen Revolver besaß.“

Mann, White, das haben Sie alles schon dem Richter und der Jury erzählt“, seufzte der Sheriff. „Niemand außer Ihnen hatte ’nen Grund, den Kartenhai ins Jenseits zu befördern. Und wir haben ja auch die Mordwaffe, die Winchester, gefunden. Kingman hat beobachtet, dass Sie das Gewehr mitnahmen, als Sie die Stadt verließen, um Dave Hopkins das verspielte Geld abzuknöpfen. Das hat Bill Kingman vor Gericht beschworen.“

Kingman lügt!“

Warum sollte er?“, meldete sich die Stimme eines weiteren Besuchers vom Eingang zum Zellentrakt.

Whites Kopf ruckte. Seine Augen weiteten sich zuerst, dann vereiste seine Miene. Der Pfeife rauchende Henker beobachtete ihn interessiert. Nur Whites um die Gitterstäbe gekrampfte Fäuste verrieten noch den inneren Aufruhr.

Weil du ihn dafür bezahlt hast, Roy!“, stieß er hervor.

Roy Lansford blieb auf der Schwelle stehen. In dem eleganten weißen Anzug sah der schlanke, dunkelhaarige Mann wie ein Plantagenbesitzer aus Südamerika aus. Sein weißer Stetson hatte gewiss den Monatslohn eines gewöhnlichen Weidereiters gekostet. Und der Ring an seiner nervigen Rechten war ein Vermögen wert. Das glattrasierte Gesicht wirkte bekümmert. Die Augen zeigten jedoch keinen Anteil daran. Im Schein der Laterne, die der Sheriff hielt, glänzten sie wie Basaltsplitter.

Du bist verrückt, Jesse, wenn du dir einbildest, ich wollte dich aus dem Weg räumen! Noch dazu auf diese teuflische Weise! Jedermann weiß, dass das Frachtunternehmen, das wir in den vergangenen fünf Jahren gemeinsam aufgebaut haben, genug abwirft, um sogar noch ’nen dritten Teilhaber ins Geschäft zu nehmen.“

Nicht genug für dich, Roy! Ich bin verdammt spät, zu spät, dahintergekommen, dass du zu denen gehörst, die nie genug kriegen.“

Ich wollte dich eigentlich fragen, Jesse, ob ich noch irgendwas für dich erledigen kann.“

Kannst du!“, knirschte White. „Schaff zum Beispiel Scott McBride her, der am Tag, nachdem Cadburn mich ins Jail gesteckt hat, seinen Job als Revolvermann der Lansford-White Company an den Nagel hängte und aus Dryhill verschwand.“

Was willst du damit sagen?“

Dass möglicherweise die Spur, die ich bei Hopkins fand, von McBride stammt.“ Der Gefangene presste sein Gesicht ans Zellengitter. „Hast du keine Angst, Roy, dass er und Bill Kingman dich erpressen könnten?“

Du bist ja wirklich völlig durchgedreht, Jesse!“ Lansford sah den Sheriff an. „Ich wusste nicht, dass Sie so spät noch Besuch haben, Larkin. Ich wollte nicht stören. Ich hatte gehofft, dass Jesse inzwischen vernünftig geworden ist. Wenn er irgendwas braucht, wenn ich irgendwas für ihn tun kann; dann geben Sie mir trotz allem Bescheid. Ich wünschte...“

Er brach achselzuckend ab und verabschiedete sich mit einem „Gute Nacht, Gentlemen!“

Lump! Mörder!“, schrie.White ihm nach. Dann: „Sheriff, wenn Sie nur ’nen Funken Verstand unter Ihrem Skalp hätten, wüssten Sie, dass da der Mann geht, der in Wahrheit Hopkins auf dem Gewissen hat! Sie und Cadburn; ihr werdet euch noch verfluchen, wenn sich rausstellt, dass ihr ’nen Unschuldigen an den Galgen gebracht habt! Der Teufel soll euch holen!“

Mit stampfenden Schritten kehrte er zur Pritsche zurück, legte sich, die Hände unterm Kopf, auf sie und starrte zur Decke empor. „Passen Sie gut auf ihn auf, Sheriff“, mahnte der Henker, die Pfeife im Mund. „Der Bursche ist gefährlich. Ich möchte, dass Sie ihn am Morgen des Vierzehnten in Ketten vorführen. Das war’s für heute. Gehen wir.“

 

*

 

Das Ende der Fährte“, murmelte Tom Cadburn.

Sein Blick wanderte von dem toten Pferd zu den Felsen am Hang, zwischen denen Scott McBrides Fußabdrücke verschwanden. Da und dort glänzten eingetrocknete Blutflecken. Fliegen krabbelten auf dem Fell des Braunen. Er wies keine Verletzung auf. Aber die Nüstern waren schaumverklebt, die Augen hervorgequollen. McBride hatte den Wallach zu Tode geritten. Das Tier trug noch den Sattel. Die Winchester war unter den schweren Körper geklemmt.

Tom presste die Lippen zusammen. Auch wenn der ehemalige Revolverschwinger der Lansford-White Company gemerkt hatte, dass er und Old Joe sich auf seine Fährte geheftet hatten, konnte das nicht der Anlass für eine solche Panikreaktion sein. Es war heiß und still. Keine Wolke trübte das stahlblaue Firmament. Die Luft über den Talrändern flimmerte.

Old Joe wischte sich mit einem großkarierten Tuch den Schweiß von der Stirn. Sein Reittier, von manchen Zeitgenossen als das „hässlichste Reittier der Welt“ bezeichnet, döste mit gesenktem Kopf. Toms Blauschimmelhengst bewies weniger starke Nerven. Schnaubend protestierte er gegen ein längeres Verweilen neben McBrides totem Pferd. Der Fünfte im Bunde, Sam, glänzte durch Abwesenheit. Die Hitze und die anstrengenden Meilen, die bereits hinter ihnen lagen, hatten den Halbwolf nicht davon abgehalten, der frischen Spur eines Antilopenrudels nachzusetzen. Tom brauchte sich deshalb keine Gedanken zu machen. Sam war Selbstversorger und ein leidenschaftlicher Jäger obendrein. Irgendwann würde er ganz selbstverständlich wieder zu ihnen stoßen.

Im Moment konzentrierte sich der blonde Texas Ranger auf die halb verfallene Adobehütte am Rand des Talkessels. Außer der Hütte gab es noch ein paar morsche Korralpfosten, einen eingestürzten Ziehbrunnen und die mit Fettholzstauden überwucherten Trümmer eines Schuppens. Es war kein Platz zum Siedeln. Der Gluthauch des nahen Llano Estacado lastete auf den zerklüfteten Höhen ringsum. Vielleicht hatten Mustangfänger oder Gesetzlose eine Zeitlang hier gehaust.

Was meinst du, Amigo?“, wandte sich Tom an seinen dachsbärtigen Gefährten.

Old Joe kniff die Augen zusammen. „Ich glaub nicht, dass McBride es bis zur Hütte geschafft hat. Wahrscheinlich wartet er da vorn zwischen den Felsen mit der Kanone auf uns.“

Dann würden wir kaum mehr so ruhig im Sattel sitzen. Sehen wir nach. Bleib hinter mir und pass gut auf.“

Kann mich nicht erinnern, dass ich jemals was anderes getan hab, als auf dich aufzupassen.“ Der Alte zog die Winchester aus dem Scabbard. Das Schnappen des Repetierbügels veranlasste Clara, das Maultier, den Kopf zu drehen und scheinbar hämisch grinsend die gelben Zähne zu blecken.

Tom ritt mit der Hand am Colt auf die Felstrümmer zu. Seine Haltung war angespannt. Der Hengst bewegte sich federnd. Mann und Pferd waren eine zur blitzschnellen Aktion bereite Einheit. Dann nahm der Schatten der Felsblöcke sie auf. Er brachte keine Kühlung. Tom blickte zurück. Old Joe folgte ihm mit schussbereitem Gewehr im Abstand von zwanzig Yard.

Es gab Leute, die den Alten mit dem komischen Hut, dessen Krempe vorn hochgebogen war, und den klobigen Kavalleriestiefeln für eine Witzfigur hielten. Aber nur so lange, wie sie es nicht mit seinen fixen Fäusten oder gar der gewaltigen Hawkenbüchse vom Kaliber .56, die er außer der Winchester besaß, zu tun bekamen. Tom konnte sich keinen besseren „Aufpasser“ wünschen.

Ein Scharren und Stöhnen drang nun zu ihm. Tom hielt. Sofort setzte auch das Schaufeln von Thunders Hufen aus. Das Stöhnen wiederholte sich. Es konnte ein Trick sein. Aber das Blut an den Felsen sprach dagegen. Tom stieg ab und führte Thunder am Zügel. MacBride wartete, wie Old Joe prophezeit hatte, tatsächlich mit einem Revolver.

Nur hatte er nicht mehr die Kraft, die auf dem Oberschenkel liegende Waffe zu heben, als der Ranger vor ihm auftauchte. McBride sah aus, als hätte er die Hölle durchquert. Er saß an einem Felsen. Hemd und Jacke waren blutbesudelt. Die Linien in seinem Gesicht wirkten wie Messernarben, die blutunterlaufenen Augen, blicklos. Ein Keuchen hob und senkte seine Brust. Er verkrampfte sich, als er Toms Schritte vernahm.

Bist du ... es, Bill?“

Wahrscheinlich sah er Tom nur als Schatten. Seine Rechte umkrampfte den langläufigen 45er.

Ich bin Cadburn, der Ranger. Kein Grund zur Aufregung, McBride.“

Tom kniete nieder und knöpfte McBrides mit Blut vollgesogenes Hemd auf. McBride hatte das zusammengeknäulte Halstuch auf das Einschussloch gedrückt. Tom erschrak, als er es wegnahm. Es war ein Wunder, dass der Bevolvermann noch lebte. McBrides Lippen bewegten sich. Seine Stimme war ein heiseres Flüstern.

Schätze, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt, Cadburn. Stimmt's?“

Ich will dir nichts vormachen, McBride. Du weißt selber, wie schlimm es dich erwischt hat. Wer war’s?“

Kenn die Hundesöhne nicht... weiß nur, dass sie verhindern sollen...“ Der Schwerverletzte tastete nach Toms Arm. „Weshalb bist du... mir gefolgt, Ranger?“

Ich wollte wissen, weshalb du so plötzlich aus Dryhill abgehauen bist, nachdem ich White dem Sheriff übergab.“

War ein Fehler...“ McBride keuchte wieder. In seinem Gesicht zuckte es vor Schmerz und Anstrengung. „Aber ich wollte, verdammt noch mal, nicht auch noch... dabei sein, wenn sie... White zum Galgen führen...“

Der Urteilsspruch des Richters klang dem Texas Ranger wieder in den Ohren. Gleichzeitig dachte er an das fassungslose Entsetzen auf Jesse Whites Gesicht. Er spürte einen Druck im Magen.

Warum?“, stieß er hervor, obwohl er die Antwort bereits kannte.

White ist unschuldig!“, hörte er Scott McBrides kratzende Stimme wie von weit her. „Ich war es, der dem Spieler... ’ne Kugel in den Rücken schoss... für . lumpige tausend Bucks.“

Der Druck in Toms Magen nahm zu.

Lass mich laufen, Ranger, gib mir eine Chance!“, hatte White ihn beschworen, als er ihn an dem Wasserloch am Ostrand des Llano Estacado überrumpelte. „Ich hab Hopkins nicht erschossen. Ich wollte nur das Geld, das er mir abgeluchst hat.“

Tom erinnerte sich an jede Einzelheit: das gehetzte Flackern in Whites Augen, die Schweißtropfen auf seiner Stirn, die Stille ringsum, das Klicken der zuschnappenden Handschellen. Er starrte McBride an, dessen Blick sich erneut trübte. Der Schatten des Todes lag auf McBrides Gesicht. Tom fasste seine Schultern.

Tausend Bucks von wem?“

McBride röchelte. Sein Kopf fiel nach vorn. Einen Moment dachte Tom, er hätte zu atmen aufgehört. Dann spürte er seinen schwachen Puls. McBride hatte nur die Besinnung verloren.

Teufel! Jetzt möchte ich nicht in deiner Haut stecken!“, räusperte sich Old Joe hinter ihm. Der Alte hockte noch auf dem Maultier. Seihe knorrigen Fäuste umschlossen die Winchester wie Schraubstöcke. Der weiße Bart war sichtbar gesträubt.

Tom musste erst einmal schlucken, damit er den Kloß in der Kehle loswurde.

Wieso?“, schnappte er. „Ich hab dem Sheriff von Dryhill lediglich Amtshilfe geleistet, als er mich darum bat. Alles andere war Sache der Geschworenen und des Richters:“

Nun friss mich nicht gleich auf! Ich wollte dir keinen Vorwurf machen, sondern ...“

Sondern was?“

Immerhin bleiben dir von morgen früh an noch drei Tage, Whites Hinrichtung zu verhindern und...“

Das Funkeln in Toms Augen ließ Old Joe verstummen. Der Ranger erhob sich mit geballten Fäusten. „Drei Tage! Großartig! Gut, dass du mich drauf aufmerksam machst!“ Wütend spuckte Tom aus. „Weißt du auch, wie weit wir von Dryhill weg sind, du Rechenkünstler?“

Du hast Thunder! Du brauchst auf mich und Clara keine Rücksicht zu nehmen! Mann, nun bohr mir mit deinem Blick kein Loch in mein empfindliches Fell! Du schaffst es!“

Wenn nichts dazwischenkommt.“

Hm.“ Old Joe kratzte sich am Hals. „Du denkst an die Burschen, die McBride angeschossen haben, was?“

Er hätte sein Pferd nicht zu Tode gehetzt, wenn er nicht jeden Augenblick mit ihrem Auftauchen rechnen würde. Vielleicht beobachten sie uns schon.“

Worauf warten wir dann noch?“ Old Joe hielt seinem Freund Thunders Zügel hin. „Sam findet uns auch, wenn wir nach Alaska verschwinden.“

Tom blickte auf den Bewusstlosen. „Wir können ihn nicht mitnehmen. Es wäre sein Tod.“ Er bemerkte den säuerlichen Gesichtsausdruck des Alten und erklärte entschlossen: „Ich bleib bei ihm, auch auf die Gefahr hin, dass er nicht mehr aufwacht. Ich bring ihn in die Hütte. Verlier du keine Zeit! Ich werd’ die Schufte, wenn’s sein muss, ablenken! Reite nach Jackmantown...“

Ich denke, wir müssen nach Westen, durch die Double Fork Mountains. Das ist der kürzeste Weg nach Dryhill. Jackmantown liegt zwar näher, aber im Norden, jenseits der Kiowa Breaks...“

Mir ist eingefallen, dass es dort ’ne Telegrafenstation mit einer Leitung nach New Mexico gibt. Die nächste Verbindungsstelle im Westen müsste Dryhill sein.“

Wenn das so ist, bin ich bereits unterwegs!“ Zungeschnalzend wendete Old Joe das Maultier. Ausnahmsweise verzichtete die Langohr-Lady auf die sonst häufig übliche Prozedur, zuerst einen Leckerbissen oder Fausthieb zu kassieren, bevor sie gnädigerweise dem Willen des Reiters nachgab.

Kommst du nach, Tom?“, fragte Old Joe über die Schulter.

Nein. Es könnte ja sein, dass die Telegrafenverbindung nicht mehr existiert. Ich reite von hier direkt nach Dryhill.“

Misstrauisch spähte der dachsbärtige Alte zu den zerklüfteten Hängen. „Wenn nichts dazwischenkommt, was?“

Stimmt!“

 

*

 

Vom nördlichen Talrand blickte Old Joe zurück. Der Schatten von der Witterung zernagter Felsen lag auf ihm. Stille herrschte. Der Dachsbart murmelte eine Verwünschung, als er sah, wie nahe die Gegner bereits waren, ohne dass Tom sie bemerkte. Einer kauerte nur knapp zwanzig Yard schräg über dem Texas Ranger am Hang. Ein anderer ging dort in Stellung, wo McBrides Spur zwischen den Felstrümmern verschwand. Dann stach ein metallisches Blinken rechts von der Hütte dem Alten in die Augen. Am Talrand gegenüber bewegte sich ein Schatten hinter einem Kreosotbusch.

Möglicherweise waren es noch mehr. Was im Moment jedoch am meisten zählte, war, dass sie offenbar darauf warteten, bis Tom den Verwundeten zur Hütte brachte. Der halb verfallene Adobebau bot sich als einziger Unterschlupf an. Die Fläche davor war deckungslos, von ein paar kümmerlichen Fettholzstauden abgesehen.

Hoffentlich hat sich keiner von den Bastarden inzwischen dort eingenistet“, brabbelte Old Joe, während er die Winchester mit der schwerkalibrigen und weittragenden Hawkenbüchse austauschte.

Clara verharrte wie ein Maultierdenkmal. Von Sam, dem Schwarztimber, der Tom hätte warnen können, gab es noch immer kein Lebenszeichen. Old Joes Finger hantierten wie von selber mit Pulverhorn, Kugelbeutel und Ladestock. McBrides Jäger hatten sich völlig auf Tom und den Bewusstlosen konzentriert.

Toms alter Kampfgefährte wusste genau, welche Chance er vergab, wenn er sie auf sich aufmerksam machte. Er brauchte nur um die hinter ihm aufragende Klippe zu reiten, damit er nicht nur seinen Hals, sondern auch den von Jesse White rettete. Bis die Halunken seine Spur entdeckten, besaß er einen Vorsprung, den er und Clara sich nicht mehr so leicht abtrotzen ließen. Nur: der Preis dafür war vielleicht Tom Cadburns Leben. Old Joe war eher bereit, es mit einer feindlichen Armee aufzunehmen, als Tom im Stich zu lassen.

Tom kühlte inzwischen McBrides Gesicht mit der angefeuchteten Bandana, dem Halstuch. Dann befestigte er die Wasserflasche wieder am Sattel und bückte sich, um McBride aufzuheben. Der Blauschimmel stampfte und warf den Kopf hin und her. Wahrscheinlich witterte er den Kerl, der am Hang über Tom hockte und jetzt probeweise das Gewehr an die Schulter hob. Tom schrieb sein Verhalten jedoch dem Blutgeruch zu, der von McBride ausging.

Es gibt Fehler, die man nur einmal begeht, weil man keine Gelegenheit mehr bekommt, sie gutzumachen“, brummte Old Joe.

Amen!“, erklang es neben ihm. Ein Revolverhahn knackte dazu. Es war wie der Abschluss von Old Joes eigener Grabrede.

Old Joe saß reglos im Sattel, die Hawken halb erhoben, den starren Blick auf den Hang gerichtet, wo der Ranger sich nun mit McBride hochstemmte. Thunders Zügel waren um Toms linkes Handgelenk gewickelt. Wenn Tom so aus dem Schatten kam, bot er den im Hinterhalt lauernden Schurken leichtes Spiel.

Vorsichtig wandte Old Joe den Kopf. Das höhnische Grinsen machte den Revolverbesitzer nicht sympathischer. Er stand an der Klippe, nur zwei Schritte von dem Alten entfernt. Das breitflächige Gesicht war unrasiert. Schwarze Zotteln hingen unter dem von einer Kugel durchlöcherten Stetson hervor. McBrides Kugel?

Wenn du jetzt auch nur hustest, alter Mann, fällst du auf den Bauch und stehst nicht mehr auf!“ drohte der Grinser und wackelte mit dem Revolverlauf. 1

Old Joe hatte den Eindruck, dass sich der Schweiß auf seinem Gesicht in Eiswasser verwandelte. Aber er ließ sich nichts anmerken. „Was es nicht alles gibt!“, krächzte er. „Und was passiert, wenn ich mir die Nase putze?“

Er zog das großkarierte Tuch heraus und wedelte damit vor seinem Bartgestrüpp. Er benutzte die Linke. Der Grinser war so verblüfft, dass er es nicht bemerkte.

Hör mit dem Quatseh auf, Alter! Du hast sie ja nicht alle!“, schimpfte er.

Scheinbar erschrocken ließ Old Joe das Tuch los. Es flatterte wie ein überdimensionaler Schmetterling auf den Revolver des Banditen. Der Kerl fluchte, brachte die Waffe mit einem wütenden Schlenker frei und wurde im selben Augenblick vom Lauf der Hawken an der Schläfe getroffen. Nun war es nicht Old Joe, sondern der Grinsemann selbst, der unsanft auf den Bauch fiel.

Wohl bekomm’s!“, brummte Old Joe. Dann nahm er sich keine Zeit mehr, genau zu zielen, hielt einfach das langläufige Monstrum von Donnerbüchse in Richtung des Kerls zwischen den Felsen über Tom und drückte ab.

Es krachte, als hätte er eine Kanone abgefeuert. Clara trompetete dazu. Drüben stand eine Wolke aus Staub und Steinsplittern über dem Hang. Der Typ mit dem Gewehr war verschwunden. Sein Hut lag neben dem Felsblock, hinter dem er sich erschrocken in Deckung geworfen hatte. Bevor die anderen sich von ihrer Überraschung erholten, stieß der Alte die Hawken ins Futteral, packte die Winchester und jagte eine weitere Kugel hinterher.

Gleichzeitig wuchtete Tom den Bewusstlosen auf das Pferd. Der Versuch, die Hütte zu Fuß zu erreichen, wäre Selbstmord gewesen. Während Old Joes dritter Bleigruß den Mann rechts von dem Gebäude in Deckung trieb, schwang Tom sich hinter McBride auf den Blauschimmel. Mit den Zügeln in der linken und dem Colt in der rechten Faust preschte er los. Sand und Steine spritzten.

Da begannen die Gewehre der Banditen ein hämmerndes Stakkato. Old Joe schien es, als hätte sich eine ganze Killerkompanie an den Hängen ringsum festgenistet. Blei pfiff auch zu ihm herauf. Schattengestalten huschten durch die wogenden Pulverdampfschwaden. Das Maultier prustete. Seine Ohren zuckten.

Nur keine Hektik, Muchacha!“, brummte der Dachsbart, schoss, repetierte, schoss und repetierte abermals.

Drunten sauste Tom. wie auf einem gigantischen Geschoss zwischen den Felsen hervor. Sein Peacemaker blitzte. Der Hundertfünfzig Yard- Galopp über die Talsohle konnte für McBride das Ende bedeuten. Aber dem Ranger blieb keine Wahl. Die Gewehrschützen verfehlten ihn. Sie hätten ebenso versuchen können, einen Schatten zu durchlöchern. Das Ganze dauerte nur Sekunden.

Ohrenbetäubendes Krachen füllte das einsame Tal. Old Joes Atem stockte. Er kannte zwar Tom Cadburns Reitkünste, aber jetzt sah es aus, als würde der blonde, hochgewachsene Reiter gleich an der Adobehütte zerschellen. Im letzten Moment bog Tom ab, und nach nochmals einer Sekunde stand der prachtvolle Hengst, als wäre er nicht eben im Höllentempo schräg durchs Tal gerast.

Das Blitzen und Krachen setzte aus, als hätten auch McBrides Jäger damit gerechnet, dass die einsturzende Mauer das Pferd samt seiner doppelten Last unter sich begrub. Hastig schob Old Joe Patronen in den Füllschlitz der Winchester.

Hank, Bob, schnappt euch den Alten!“, gellte es von gegenüber. „Legt ihn um!“

Kratzt euch lieber erst mal die Eierschalen von den Ohren!“, wetterte Tom Cadburns dachsbärtiger „Schutzengel“ und verhalf einem staubbedeckten Stetson, der am Hang unter ihm auftauchte, zu einer fünf Yard weiten Luftreise.

Inzwischen hob Tom den wie tot über dem Sattel liegenden Revolvermann herab. „Lauf, Thunder! Hau ab!“, schrie er.

Die Gewehre schmetterten wieder. Eine Kugel streifte klirrend einen Steigbügel. Tom blieb keine Zeit, sich um das Pferd zu kümmern. Wiehernd warf Thunder sich auf der Hinterhand herum und stob davon. Die schief in dien Angeln hängende Hüttentür klemmte. Der Ranger zwängte sich mit seiner Last schweißgebadet hinein: Holzsplitter und Mauerbrocken umwirbelten ihn.

Droben am Talrand ließ Old Joe die heißgeschossene Winchester sinken.

Mann, das war knapp!“ Clara prustete zustimmend. Dann äugte sie misstrauisch in die Tiefe, wo Steine rollten und Stiefelabsätze sich in den Sand bohrten. Ein Gewehrlauf tauchte neben einem Quader auf. Old Joe duckte sich, als die Kugel über ihm gegen die Klippe hieb;

Reite!“, erreichte ihn Toms Ruf durch den Nachhall der Detonation. „Denk an unsere Abmachung!“

Old Joe machte ein Gesicht, als hätte er Essig geschluckt. Wenn er sich nicht verzählt hatte, waren es, den Grinser eingerechnet, sieben Schießer, die jetzt nicht nur McBride, sondern auch Tom und ihm an den Kragen wollten. Wieder hörte er das Klirren von Steinen. Ein Mann fluchte. Dann löschte das Krachen mehrerer Gewehre alle anderen Geräusche aus.

Winchester und Remingtonkugeln klatschten gegen die Adobewände, bohrten sich ins Türholz und pfiffen durch die schmalen Fensterluken. Toms Colt antwortete. Old Joe war schon drauf und dran, die Langohr-Lady ins Tal zurückzulenken. Da drang in einer Feuerpause wieder Toms Stimme zu ihm.

Denk an Jesse White!“

Der Alte schluckte. Beinahe wünschte er sich, dass Clara endlich mit ihren Starallüren anfing. Aber das Maultier blieb lammfromm, als er an den Zügeln ruckte und die Fersen gegen die struppigen Flanken stieß. Old Joe verabschiedete sich mit einer Kugel.

 

*

 

Kurz vor Sonnenuntergang entdeckte der Alte den Verfolger. Es war ein einzelner Reiter, der sich scheinbar im Zeitlupentempo auf seiner Fährte voranbewegte. Aber der Eindruck täuschte. Noch während Old Joe ein Stück Kautabak abbiss und dann das ausziehbare Fernrohr aus der Satteltasche angelte, wuchs der anfangs nur stecknadelkopfgroße Punkt auf der Ebene zu Daumenhöhe. Die Metallbeschläge am Sattel und Zaumzeug funkelten.

Old Joe hielt am Rand der Kiowa Breaks, einem zerklüfteten Hügelgebiet. Die tiefstehende Sonne übergoss die Wildnis wie mit flüssigem Gold. Old Joe hob das Spektiv ans linke Auge. Der Reiter schien plötzlich greifbar nahe. Aber es dauerte noch eine Weile, bis der alte Präriejäger und ehemalige Mountain Man das unrasierte Gesicht unter der Stetsonkrempe erkannte.

Freund Grinsemann...“ Der zottelhaarige Bandit hatte den Hieb mit der Hawken offenbar ohne nennenswerte Nachwirkung verdaut. Old Joe wusste nicht recht, ob er über die Tatsache, dass der Kerl allein war, grinsen oder fluchen sollte.

Sah er schon so alt aus, dass die Hundesöhne glaubten, einer von ihnen genügte, um mit ihm fertig zu werden? Er hatte gehofft, wenigstens zwei oder drei auf seine Spur zu locken. Blieben sechs Gegner für Tom!

Ein bisschen viel“, fand Old Joe, während er den Reiter beobachtete. „Zu viel!“, setzte er grimmig hinzu und spuckte einen Strahl Tabaksaft ins dürre Gras.

Der Reiter war noch so weit entfernt, dass Old Joe keinen Hufschlag hörte. Trotzdem verzichtete er jetzt auf das Spektiv und tastete nach der Hawken. Wenn Old Joe auch wirklich nicht mehr der Jüngste war, auf seine scharfen Augen und ruhigen Hände konnte er sich verlassen wie vor dreißig Jahren. „Komm nur, Freundchen!“, kicherte er.

Aber den Gefallen tat ihm der Halunke nicht. Als die Entfernung noch etwas mehr als eine Meile betrug, zügelte er den Rotbraunen, schob den Stetson zurück und brannte sich eine Zigarette an. Old Joe wartete fünf Minuten. Doch der Grinser machte keine Anstalten, weiterzureiten. Er kannte die Gefährlichkeit und Reichweite von Old Joes Waffe. Außerdem beging er nicht nochmals den Fehler, den dachsbärtigen Alten für leicht verkalkt zu halten.

Dann später!“, murrte Old Joe achselzuckend. „Wirst dich noch wundern, Freundchen, wenn ich in meine Trickkiste greife.“

Er „kitzelte“ die Langohr-Lady mit den Stiefelabsätzen. Doch nun, da er gern auf ihre Mätzchen verzichten wollte, rührte sie sich nicht vom Fleck. Der Grinser grinste, als er den Alten wie einen Hampelmann auf dem Maultier zappeln und strampeln sah, blieb aber, wo er war.

Da begann Old Joe wütend in seinen Taschen zu wühlen. Schließlich fingerte er die Schwanzrassel einer vor etlichen Tagen erlegten Klapperschlange aus dem Durcheinander von Lederschnüren, Hufnägeln, Kautabakstangen und Winchestermunition. Er brauchte sie nur ein bisschen zu schlenkern, und schon zischte Clara wie eine Rakete ab. Sie blieb erst wieder stehen, als sich fahle Dunkelheit auf die Hügel senkte. In einer von Felsen und Gestrüpp umschlossenen Mulde fand Old Joe den geeigneten Lagerplatz.

 

*

 

Seit zwei Stunden war kein Schuss mehr gefallen. Ein silbriger Schimmer hinter den Felsen am Talrand kündigte den Mondaufgang an. Der Himmel war ein funkelndes Sternenmeer. Kühle Nachtlüft sickerte in die Hütte. Durch die Risse und Löcher im Erdschollendach tröpfelte fahle Heilligkeit Ein wackliger Tisch, ein paar Kisten, die als Stühle dienten, ein wurmstichiges Regal und ein verrußter Ofen bildeten das gesamte Mobiliar. Leere Flaschen und verrostete Blechbüchsen lagen in einer Ecke. Die Strohmatratze an der fensterlosen Rückwand vermoderte. Alles war von einer fingerdicken Staubschicht bedeckt. Wahrscheinlich hatte seit Jahren kein Mensch mehr das Gebäude betreten.

Tom kauerte mit dem Sechsschüsser neben McBride. Der Puls des Verwundeten war kaum zu spüren. Tom hatte die Ärmel von McBrides Hemd getrennt und ihn notdürftig damit verbunden. Er wusste selber, dass es nicht viel mehr als eine Geste war. McBride war ein Mörder. Vielleicht war es wirklich närrisch, dass er ihn nicht einfach seinem Schicksal überließ.

Tom horchte. Irgendwo knackte es. Ein aus seiner Lage gestoßener Stein klirrte. Nachttiere konnten die Geräusche verursachen. Aber Tom Cadburn wusste es besser. McBrides Jäger waren da. Ihr Auftrag hieß: Scott McBride am Reden zu hindern.

Toms Linke berührte die Schulter des Verwundeten, als dieser sich stöhnend bewegte. „McBride...“

Aber der ehemalige Revolvermann der Lansford-White Company antwortete nicht Wolfsgeheul schallte durchs Tal. Toms Herz schlug unwillkürlich schneller. Sam! Er war zurückgekehrt und sandte ihm ein Signal. Der schwarze Halbwolf war zu klug, sich auf der deckungslosen Fläche vor der Hütte den Kugeln der Banditen auszusetzen. Tom fühlte sich auf einmal nicht mehr gar so einsam und verloren. Seine Gegner schöpften keinen Verdacht.

Die Stille vertiefte sich noch, als Sam schwieg. Nur McBrides flacher, unregelmäßiger Atem füllte die Hütte. Tom dachte wieder an den Mann, der für den Mord büßen sollte, den McBride verübt hatte. Die Dunkelheit umschloss ihn wie eine kalte Faust.

Ich hab nur meine Pflicht erfüllt“, sagte sich Tom. Aber gleichzeitig wusste er, dass er sein Leben lang keine Ruhe mehr finden würde, wenn es ihm und Old Joe nicht gelang, White vor dem Galgen zu bewahren. In den Dachlücken blinkten Sterne. McBride stöhnte wieder. „Wo bin ich?“, verstand Toni.

Er beugte sich über ihn. „Bleib ruhig liegen, McBride.“

Bist du es, Cadburn?“

Ja, McBride. Beweg dich nicht. Die Wunde fängt sonst wieder zu bluten an.“

Mit mir ist es sowieso aus“, keuchte McBride. „Gib mir Wasser, nur einen Schluck. Ich hab schrecklichen Durst.“

Tut mir leid. Die Flasche hängt am Sattel meines Pferdes. Ich kann nicht hinaus. Die Kerle, die dich angeschossen haben, liegen draußen auf der Lauer.“

Lansfords Killer...“'

Tom spürte einen Stich. „Dann war also Roy Lansford der Mann, der dir die tausend Dollar für den Mord an Dave Hopkins gab?“

Lansford wartete seit langem auf die Gelegenheit, seinen Teilhaber zu beseitigen“, erwiderte McBride mit schwacher Stimme. „Er hätte Jesse White ermorden lassen können, aber das Risiko war ihm zu groß. Er hatte Angst, dass der Verdacht auf ihn fallen würde. Lansfords Stunde kam, als sein Partner die fünfhundert Bucks an den durchreisenden Kartenhai verlor. Er selber stachelte White an, den Verlust nicht auf sich sitzen zu lassen. Ich muss verrückt gewesen sein, dass ich mich für seinen Plan einspannen ließ.“

Und Kingman? Er hat vor Gericht beschworen, dass White eine Winchester mitnahm, als er Hopkins folgte.“

Lansford hat Bill Kingman in der Hand. Droben in Kansas gibt es ’nen Steckbrief von Bill. Außerdem hofft Bill, dass er es unter Lansford zum zweitmächtigsten Mann von Dryhill bringt Dafür ist er schon zu ’nem Meineid bereit.“

Die Gedanken des Rangers jagten sich. Schon während der Gerichtsverhandlung waren ihm Lansford und Kingman nicht ganz geheuer erschienen, obwohl die Indizien und Aussagen eindeutig gegen White entschieden. McBrides Verschwinden hatte dann den Ausschlag gegeben.

Old Joe war sofort einverstanden gewesen, als Tom sich entschloss, McBrides Spur zu folgen. Lansford wusste nichts davon, bis jetzt wenigstens. Wahrscheinlich hatte er befürchtet, dass McBride ihm irgendwann Schwierigkeiten bereiten würde und ihm deshalb eine Meute auswärts angeheuerter Killer nachgeschickt.

Drei Tage bis zu Whites Hinrichtung! Der Gedanke trieb Tom den kalten Schweiß auf die Stirn. „Kennt sonst noch einer von Lansfords Revolvermännern die Wahrheit, McBride?“

Tom erhielt keine Antwort. Als er sich hinab beugte, stellte er fest, dass Scott McBride nicht mehr atmete. Der Wolfsruf ertönte wieder. Die .Nähe des Todes war dem Ranger vertraut. Aber nun überlief ihn ein Frösteln.

Dann drang ein Knirschen herein. Die Fettholzstauden hinter der Hütte raschelten. Dabei rührte sich kein Luftzug. Sie kamen. Sie wollten es zu Ende bringen, bevor der Mond aufging und das Tal mit silbernem Licht ausfüllte. Tom erhob sich und zog den Colt.

 

*

 

Der Anführer der Meute war ein grobschlächtiger Typ mit einer schwarzen Lederklappe über dem rechten Auge. Ein spitzkroniger Sombrero hing auf seinem Rücken. Die Rechte umschloss einen langläufigen 45er. Er erreichte die halbverfallene Hütte als erster, presste sich an die Wand neben der Tür und lauschte. Ein Scharren, dann war alles wieder still.

Bei den Schuppentrümmern tauchte ein zweiter Bandit auf, und von der Rückseite des Adobebaus signalisierte ein Zischen, dass mindestens noch ein Bandenmitglied bereit war, die Hölle über den Texas Ranger hereinbrechen zu lassen. Der Einäugige grinste verbissen, schob sich näher zur Tür und schnellte mit einem Satz hinein.

Die schwache Helligkeit genügte, dass er sofort die in der Ecke kauernde Gestalt sah. Ein Gewehr zielte aufs Türviereck. Schon rüttelte das Dröhnen des 45ers an den Lehmziegelmauern. Ein Poltern folgte. Die Gestalt kippte um. Der Einäugige bewegte sich sofort nach rechts und drückte nochmals ab. Kein Mündungsblitz antwortete. Pulverrauch quoll aus den Fenstern.

Ich hab ihn!“

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905595
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (November)
Schlagworte
texas wolf galgenritt

Autor

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Titel: Texas Wolf #23: Der Galgenritt