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Texas Mustang #9: Waschbär-Charly

2016 140 Seiten

Zusammenfassung

Sein Name ist Charly Kingman. Aber man kennt ihn besser als Waschbär-Charly. Ein Mann, der Postkutschen überfallen und Geld geraubt hat – aber dafür auch büßen musste. Er hat seine Strafe abgesessen und will jetzt nur noch eins: in Ruhe gelassen werden. Aber offenbar gönnt man ihm das nicht. Denn ausgerechnet in der Umgebung, wo er sich auf einer Ranch niedergelassen hat und ein neues Leben beginnen will, häufen sich wieder die Überfälle auf Postkutschen. Für die Menschen in und um San Angelo steht natürlich längst fest, wer die Überfälle begangen hat: Waschbär-Charly. Deshalb machen ihm einige sehr unangenehme Zeitgenossen das Leben zur Hölle.
Dabei geht es schon längst nicht mehr um den Mann, den man für den Postkutschenräuber hält, sondern um etwas, das schon einige Jahre zurückliegt. US-Marshal Jim Allison hat sich vorgenommen, diese dunklen Machenschaften zu enttarnen und die wahren Schuldigen zu überführen. Und dabei lässt er sich von nichts und niemandem aufhalten ...

Leseprobe

TEXAS MUSTANG

 

Band 9

 

Waschbär - Charly

 

Ein Western von Horst Weymar Hübner

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappe

Sein Name ist Charly Kingman. Aber man kennt ihn besser als Waschbär-Charly. Ein Mann, der Postkutschen überfallen und Geld geraubt hat – aber dafür auch büßen musste. Er hat seine Strafe abgesessen und will jetzt nur noch eins: in Ruhe gelassen werden. Aber offenbar gönnt man ihm das nicht. Denn ausgerechnet in der Umgebung, wo er sich auf einer Ranch niedergelassen hat und ein neues Leben beginnen will, häufen sich wieder die Überfälle auf Postkutschen. Für die Menschen in und um San Angelo steht natürlich längst fest, wer die Überfälle begangen hat: Waschbär-Charly. Deshalb machen ihm einige sehr unangenehme Zeitgenossen das Leben zur Hölle.

Dabei geht es schon längst nicht mehr um den Mann, den man für den Postkutschenräuber hält, sondern um etwas, das schon einige Jahre zurückliegt. US-Marshal Jim Allison hat sich vorgenommen, diese dunklen Machenschaften zu enttarnen und die wahren Schuldigen zu überführen. Und dabei lässt er sich von nichts und niemandem aufhalten ...

 

 

 

 

Roman

Der Junge war vierzehn, höchstens fünfzehn, aber er hielt einen ausgewachsenen Dance-und Park-Revolver in der Hand, und er schien verdammt genau zu wissen, dass vorne die Kugeln rausflogen, wenn er hinten abdrückte.

Er zielte auf Jim Allisons Kopf. „Marshal, Sie stehen jetzt auf und machen keinen Quatsch!“, schrie er mit überkippender schriller Stimme, „oder ich muss Sie erschießen!“

Allison blickte den Jungen an. Der meinte, was er sagte; er war in Panik, aber er wusste, was er wollte.

„In Ordnung, Junge, du bestimmst hier. Kann ich wenigstens fertig essen?“

An den Nebentischen im Speisehaus saßen die Gäste wie erstarrt. Nur hinter Allison rückte jemand seinen Stuhl, weil er genau in der Schusslinie saß.

Niemand hatte auf den Jungen geachtet. Jedenfalls war er plötzlich zwischen den Tischen aufgetaucht, hatte den alten speckigen Hut aus der Stirn geschoben und den schweren Revolver in der Hand gehabt.

Da erst ging den Leuten auf, dass es sich um einen ernstzunehmenden Zwischenfall handelte und dass für sie etwas abfiel, wenn sie sich einmischten. Der Junge war zu allem entschlossen.

„Vor der Tür wartet die Kutsche, Sie können unterwegs essen. Gehen Sie vor mir her und steigen Sie ein! Sam hat gesagt, dass er wartet. Stehen Sie jetzt auf!“

Der Junge wich einen Schritt zurück, um aus der Reichweite von Allisons Armen zu sein.

„So einfach ist das nicht, Junge. Ich bin am Mittag erst angekommen, außerdem ist mein Pferd in der Stadt.“

„Es ist hinten an die Kutsche gebunden!“

Bedächtig legte der Marshal das Besteck auf den Teller. „Du hast an alles gedacht. Und warum?“

Der Junge blickte gehetzt nach rechts und links. „Kommen Sie nie zurück, mir genügt das!“

Allison stand auf. Er studierte den Jungen. Der belauerte jede seiner Bewegungen; er hatte Angst, dass sein Vorhaben scheitern könnte, er war imstande, aus lauter Furcht zu schießen.

„Das ist keine erschöpfende Antwort auf meine Frage“, sagte Allison ganz ruhig und freundlich und griff langsam nach dem Hut. „Aber dein Revolver ist ein überzeugendes Argument, wenn auch kein gutes.“

Der Junge schwieg trotzig. Seufzend stülpte Allison den Hut auf und setzte sich in Bewegung.

Durchs Fenster sah er, dass draußen tatsächlich eine Kutsche hielt. Als er auf die Veranda trat, schaute King um die Hinterkante des Passagierkastens. Der Hengst war wahrhaftig hinten festgebunden.

„Hast du auch an mein Gepäck gedacht, Junge?“

„Der Sheriff schickt es Ihnen bestimmt nach. Ich habe nichts gegen Sie, Marshal!“

„Na, das freut mich aber!“, versetzte Allison sarkastisch. „Das hättest du mir auch ohne Revolver sagen können.“

Der Kutscher beugte sich seitlich vom Bock. Er schüttelte bekümmert den Kopf.

„Das geht nicht gut, damit kommst du nicht durch, Josh. Du machst alles nur schlimmer. Steck den Revolver weg und geh nach Hause. Waschbär-Charly hat sich selber reingeritten, jeder ist mal dran.“

„Ich hab’ dich nicht um deine Meinung gefragt, Sam!“, fauchte der Junge mit Namen Josh.

Der Kutscher nahm ihm das krumm.

„Na hör mal, du könntest wirklich höflicher sein, wo ich dir den Gefallen tue und mit der Kutsche hier warte! Wenn ich gewusst hätte, was in deinem dummen Kopf vorgeht, hätte ich dir was gehustet, auf Ehre und Gewissen! Mach dich nicht unglücklich, Josh, du zielst mit der Kanone auf ’nen richtigen Marshal!“

Josh machte ein wütendes Gesicht und öffnete den Wagenschlag. Er wollte keine Diskussion.

Allison schaute zu dem Kutscher hoch. „Welche Kutsche ist das?“

„Die nach Laredo.“

„Dann fahren Sie endlich los, sonst kommen Sie nie an!“

Sam schaltete schnell. Er sah zwar dämlich aus, aber er war nicht auf den Kopf gefallen. „Sie“ hatte der Marshal gesagt und nicht „wir“!

Allison stieg in den Passagierkasten. Die Fahrgäste saßen mindestens ebenso starr und steif wie die Leute im Speisehaus. Sie sahen den Revolver und den Jungen und verstanden.

Auf der Rückbank rutschten zwei Frauen und ein dünnlippiger Mann zusammen und machten Platz. Allison setzte sich.

Josh warf den Schlag zu. Er trat drei Schritte zurück.

„Keine Tricks, Marshal! Eine Kugel daraus geht durch die Kutsche, das hab’ ich an einer Tür ausprobiert. Bleiben Sie bis Laredo drin.“

Er schluckte, sein Adamsapfel ruckte aufgeregt. Dann rief er zum Bock hinauf: „Hau ab, Sam!“

Der Kutscher tat nichts lieber als das. Er wollte aus Joshs Nähe fort, bevor aus der bedenklichen Situation noch ein Unglück entstand. Er ließ die Peitsche knallen, das Vierergespann zog mit einem Ruck an und riss die Kutsche vorwärts.

Allison lüftete höflich den Hut vor den Mitreisenden. „Entschuldigen Sie die unglücklichen Umstände, Ladies und Gentlemen.“

Ein Mann, der mit dem Rücken in Fahrtrichtung saß, fasste sich zuerst. „Diese unverschämte Brut gehört ausgetilgt! Waschbär-Charly überfällt die Kutschen, wann es ihm passt, und der Junge, diese Rotznase, bedroht jetzt auch schon die Leute. Und das mitten in der Stadt! Mister, Sie haben doch einen Revolver, warum haben Sie dem Kerl nicht eine verpasst?“

Allison fasste den Mann ins Auge. Es ging um diesen Waschbär-Charly, das hatte er schon begriffen. Deshalb war er ja in die Stadt gekommen. Aber auf den Jungen schießen? War der Mann denn wahnsinnig?

„Er hat auch einen, und er ist ja noch ein Kind“, erwiderte er. Es klang nicht eben freundlich. „Hätten Sie es getan, mein Freund?“

Der Mann sah sich in die Enge getrieben und reagierte bissig. „Bin ich das Gesetz? Werde ich dafür bezahlt, die Welt vor solchem Gesindel zu schützen? Damit habe ich nichts zu tun.“

„Dann halten Sie auch den Mund!“, empfahl Allison und beugte sich aus dem Fenster.

Ganz hinten vor dem Speisehaus stand Josh in der Fahrbahn und schaute der Kutsche und ihrer Staubwolke nach. Aus der Tür drängten sich Gäste. Josh ließ die Schultern hängen und trottete davon.

Allison blickte jetzt in Fahrtrichtung. Auf dem Bock knallte Sam mit der Peitsche. Leute standen auf dem Gehsteig und sahen der schaukelnden Kutsche nach.

„Am Stadtausgang können Sie anhalten, Sam!“, ließ Allsion den Kutscher wissen.

Sam beugte sich von oben herab. „War schon vernünftig, dass Sie die Sache nicht auf die Spitze getrieben haben, Marshal! Ich hatte doch keine Ahnung, was Josh wollte. Dachte, er will mitfahren und sagt nur jemand im Speisehaus Bescheid. Lieber Himmel, ich dachte, mich trifft der Schlag, als er Sie mit dem Revolver herausdirigierte."

„Wohin gehört der Junge? Zu Waschbär-Charly?“

„Jedenfalls lebt er bei ihm draußen. Ob er sein Junge ist, weiß ich nicht. Vielleicht arbeiten sie zusammen. Ich glaub’s fast - nach dem, was ich heute gesehen habe. Der geht mit dem Revolver um, als hätte er nie was anderes getan.“

„Es gehört allerhand Mut dazu, mit einem Revolver in die Stadt zu kommen. Schätze, er mag Waschbär-Charly sehr.“

„Ha?“, machte Sam verwundert. „heißt das, Sie wollen Josh das durchgehen lassen?“

„In erster Linie möchte ich mein Essen fertig essen, ich hab’s bezahlt“, entgegnete Allison und sah die letzten Häuser auftauchen. „Sie können anhalten, Sam.“

„Verpassen Sie dem Bengel eine ordentliche Tracht Prügel und nehmen Sie ihm den verdammten Revolver weg, bevor wirklich was passiert!“

Sam zog die Fahrleinen an und drehte an der Bremskurbel. Knirschend fassten die Holzklötze an den Eisenreifen. Vor dem letzten Haus kam die Kutsche zum Stehen.

Allison zog den Kopf zurück, griff an den Hut und wünschte den Reisenden eine gute Fahrt. Dann stieg er aus und band King hinten los.

Der Mann, dem es missfallen hatte, dass der Marshal nicht auf den Jungen geschossen hatte, zeigte sich am Türfenster. „Ratten schlägt man tot, Sie sollten es bald tun!“

Allison schaute den Mann an, bis der dem Blick nicht mehr standhielt und sich auf seinen Platz zurücksetzte. Er bezweifelte allerdings, dass sich der Mann seiner Worte schämte. Er hatte eine Meinung über Waschbär-Charly und Josh, und die war nicht gut.

Mit der linken Hand fasste Allison das Sattelhorn und stieg auf. Josh war immerhin rücksichtsvoll genug gewesen, den Mustanghengst zu satteln. Bestimmt keine Kleinigkeit, wo der Sattel doch allein seine vierzig Pfund wog.

Hinzu kam, dass King keinen Fremden so nah an sich heranließ, wie es beim Sattelgeschäft nun mal nötig war.

Demnach verstand Josh eine ganze Menge von Pferden. Mehr jedenfalls, als von einem Jungen in seinem Alter zu erwarten war. Denn King hatte ihn nicht zum Krüppel geschlagen.

Allison packte dem Hengst in die Mähne und sagte: „Du bist vielleicht ein Strolch!“

King klappte mit den Ohren und schien zweifelsfrei gegenteiliger Meinung zu sein.

Allison drückte ihn mit den Knien auf die Höhe von Sams Kutschbock.

„Wurden Sie auch schon überfallen, Sam?“

Der Fahrer. schüttelte den Kopf. „Ich habe nur die Route nach Laredo, da ist noch nie was passiert. Ist ja auch zu weit für Charly und genau entgegengesetzt. Er würde es nie schaffen, immer rechtzeitig auf seiner Fünf Cent-Ranch zu sein.“

„Aber Sie glauben, dass er’s ist?“

Sam guckte geradezu mitleidig. „Mann, Sie können vielleicht fragen! Er hat’s früher gemacht, und er ist schon wieder dabei. Das Gefängnis hat ihn kein Stück gebessert. Legen Sie ihm das Handwerk, unsere Gegend ist schon ziemlich in Verruf gekommen.“

„Dann sehen Sie zu, dass Sie Ihre Kutsche über die Strecke bringen!“

Allison hob grüßend die Hand und trieb King beiseite, der nach Sams herabhängender Peitschenschnur schnappte.

Sam warf einen Blick die Straße zurück, ließ dann den Gespanntieren die Fahrleinen auf den Rücken klatschen und brachte sein Gefährt wieder in Bewegung.

Allison lächelte. Sam schien mächtig froh zu sein, der Stadt den Rücken kehren zu können. Als befürchte er, dass gleich Josh auftauchte und mit seinem großen Revolver nun wirklichen Ärger machte.

 

*

 

Der Junge hatte unüberlegt und kurzsichtig gehandelt. Das bewies der gesattelte Hengst. Er war eben ein Kind und kein Mann.

Mit dieser Erklärung gab sich Allison nicht zufrieden. Josh hatte sehr viel Mut gezeigt, wie er da im Speisehaus aufgetreten war. In den Augen hatte er allerdings Trotz und Verzweiflung gehabt.

Und das stimmte den Marshal so nachdenklich.

Der Junge musste sehr an Waschbär-Charly hängen. Er hatte Angst um den Mann, und das hatte ihn zu der Tat getrieben.

Über die Folgen hatte er bestimmt nicht nachgedacht, und wenn, dann nicht gründlich genug. Denn um Waschbär-Charly stand es schlecht.

Der hatte vier Jahre lang davon gelebt, dass er droben in Kansas alle paar Monate eine Kutsche anhielt und mit dem Revolver in der Hand die Herausgabe von Geld verlangte.

Weil er die Kutschen einer bestimmten Linie bevorzugte, lästerten böse Zungen, die anderen Linien hätten sich durch regelmäßige Zahlungen an Charly von seinen Überfällen freigekauft.

Jedenfalls führte er sich als wahrer Gentleman auf, wenn er als Straßenräuber in Erscheinung trat, und nahm nie mehr, als ein Mann bei sparsamer Lebensführung in einem Monat braucht.

Und einmal, als die Kutsche, der er auflauerte, nicht kam, war er den Weg entlanggeritten und hatte das Gefährt umgestürzt in einem Bach gefunden und dabei die verstörte Schar der Fahrgäste. Bei all der Aufregung durch den Unfall brachte eine Frau ihr Baby zu früh zur Welt. Von den Männern verstand keiner was davon.

Da war Waschbär-Charly achtzig Meilen weit geritten, bis er einen Doc fand, und hatte den sich heftig sträubenden Mann zu der umgestürzten Kutsche geholt und so lange festgehalten, bis es der Mutter und dem Neugeborenen gut ging.

Dann hatte er sogar noch geholfen, die Kutsche aufzurichten und das Ersatzrad aufzustecken.

Danach erst war er zum Geschäft gekommen und hatte vom Kutscher die Herausgabe von hundert Dollar verlangt.

Zehn Wochen später fasste ihn ein Aufgebot.

Vor Gericht hatte Charly stolz betont, dass er nie geschossen habe und meist mit ungeladenem Revolver losgezogen sei. Worauf ihn der Ankläger einen schamlosen Lügner nannte.

Es machte aber doch Eindruck, dass die Mutter aus eben jener verunglückten Kutsche zu seinen Gunsten aussagte, dem Richter und den Geschworenen das Baby vorwies und betonte, wenn er nicht jenen Arzt herbeigeholt hätte, wären sie und das kleine Mädchen wohl kaum noch am Leben.

Daraufhin schickte der Richter ihn nur für fünf Jahre ins Gefängnis. Und die hatte Waschbär-Charly bis auf den letzten Tag abgesessen.

Das war nun auch schon wieder ein Jahr her. Charly hatte sich gar nicht erst in Kansas umgesehen, die Gegend war ihm verleidet. Er war nach Texas gekommen und hatte sich in San Angelo niedergelassen. In einer Gegend, wo man schon den Gluthauch der Llano-Wüste spürt.

Und seit seiner Ankunft wurden rund um San Angelo Kutschen angehalten. Diesmal traf es alle Linien.

Damals in Kansas war seine Mütze aus Waschbärenfell sein Erkennungsmerkmal gewesen. Irgendwann hatte sich Charly Kingman, wie sein richtiger Name in den Gerichtsakten lautete, mal als Bergtrapper am oberen Missouri herumgetrieben. Die Fellmütze war die einzige sichtbare Erinnerung an jene Zeit.

Bei jedem Überfall hatte der Mann sie getragen.

Nur nicht hier, seit die Kutscher nicht wussten, ob sie ihre Ladung auch durchbrachten, wenn sie in San Angelo starteten.

Aber sonst stimmte alles. Wie er die Kutschen stoppte, wie er die Kutscher und Passagiere mit höflichen Worten beschwatzte, besser nichts gegen ihn zu unternehmen, wie er ihnen seinen Revolver zeigte, und wie er nach Erhalt einer gewissen Summe in die Büsche verschwand und auf einem Pferd davonsauste.

Zu dem Pferd gab’s keine Beschreibungen.

Na schön, und die zu dem Mann waren so ausführlich und unterschiedlich wie die blühende Fantasie der Passagiere und Fahrer.

Groß und hager, klein und dick, ein Mann mit Stiernacken, mit einem Löwenkopf und dem bösen Blick. Hätte Sheriff Alvy alle Burschen einkassiert, auf die eine der Beschreibungen zutraf, dann hätte das Gefängnis des Gerichtshofes in San Antonio nicht ausgereicht, um die Schar aufzunehmen.

Bei der Sache war Alvy überhaupt der Leidtragende. Zum Ärger über die dreisten Überfälle kam noch der Spott der Bevölkerung.

Wurde ein Überfall bekannt und er jagte hinaus auf Waschbär-Charlys Ranch, dann war der friedlich bei einer unverdächtigen Beschäftigung.

Vor drei Wochen hatte es den ersten Schusswechsel gegeben. Ein Spieler auf der Durchreise mit einem dicken Gewinn im Gepäck hatte zum Türfenster hinausgefeuert. Es war ihm schlecht bekommen.

Charly feuerte zurück, und der Spieler konnte von Glück reden, dass die Kugel nur seine Schulter packte.

Die Kutsche kehrte um, Sheriff Alvy sattelte sein Pferd und jagte hinaus. Charly war auf der Weide, saß auf einem knochentrockenen Gaul und zählte geruhsam seine Rinder.

Da war es Alvy leid.

Und weil auch die Kutschengesellschaften Beschwerde wegen der Belästigungen führten, sollte Allison die Sache in die Hand nehmen und Waschbär-Charly an der weiteren Ausübung seines Gewerbes hindern.

Was weniger blumenreich und verbrämt hieß, er sollte ihn verhaften. Denn dazu hatte sich Alvy nicht bereit gefunden. Gegen einen Revolvermann hätte er gar keine Chance, hatte er erklärt.

Das war auch so eine verwirrende Variante.

Waschbär-Charly war kein Revolvermann, zumindest hatte er das in Kansas und in der ersten Zeit hier nicht bewiesen.

Einhellig hatten jedoch die Passagiere und der. Kutscher ausgesagt, dass sie noch nie einen Mann so schnell den Revolver hätten ziehen sehen wie an jenem Tag. Das war die einzige Übereinstimmung überhaupt.

Vielleicht hatte Waschbär-Charly draußen geübt und sich zum Revolvermann gemausert, jedenfalls zu einem, der die Waffe gedankenschnell aus dem Holster kriegt.

Einer, der nur fix zog, war noch kein Revolvermann. Dazu brauchte es mehr. Zum Beispiel Nerven, um die Übersicht zu behalten. Und Treffsicherheit.

Daran haperte es meist.

Und darum waren auch die Friedhöfe voll von jungen Burschen, die sich für unschlagbar gehalten hatten.

Gezogen hatten sie gut, aber der Gegner hatte besser getroffen.

Das war ein ganz düsteres Kapitel.

Allison seufzte und lenkte den Hengst zurück zum Speisehaus. Unterwegs schnallte er den Waffengurt ab und hängte ihn sichtbar ans Sattelhorn.

Wenn Josh noch in der Nähe war, musste er daran erkennen, dass die Rückkehr keine Kampfansage bedeutete.

Er baute darauf, dass Josh fair blieb. Einfach deshalb, weil der Junge den Hengst gesattelt und hinten an die Kutsche gebunden hatte.

Einer, der ganz und gar verdorben war, hätte das nicht auf sich genommen.

Allison saß ab und band King am Zügelbalken fest.

Nachher musste er mit Alvy reden und einige Dinge klären. Das erschien ihm vordringlicher als ein Besuch bei Waschbär-Charly.

Er rückte sich die Hose zurecht und betrat das Speisehaus.

Die Gäste waren noch vollzählig da. Sie sperrten wieder Mund und Augen auf. Der Auftritt von Josh hatte ihren Appetit beeinträchtigt, die Rückkehr des Marshals schlug ihnen vollends auf den Magen.

„Sir, Sie sind rücksichtslos!“, beschwerte sich ein Mann. „Wenn der Bengel gleich wiederkommt? Hier sind Frauen und Kinder.“

„Ich habe meinen Revolver draußen gelassen“, entgegnete Allison freundlich und hielt Ausschau nach den Resten seiner Mahlzeit.

Der Tisch war abgeräumt.

Der Aufwärter kam und grinste breit. „Sind Sie aber vergnügungssüchtig, Marshal!“, sagte er.

„Ganz und gar nicht, nur noch nicht satt. Ich hatte Essen übrig gelassen, das hätte ich gern.“

Der Mann verschluckte sich fast. Er sauste zur Küche, während Allison seinen Platz einnahm. Ringsum hob ein Tuscheln an. Böse Blicke flogen zu ihm her.

Draußen ging ein Mann am Fenster vorbei. Die schweren Tritte lösten lähmende Stille im Speiseraum aus.

Aber es war nicht Josh, es war Sheriff Alvy. Er kam herein, sah sich um und steuerte auf Allisons Tisch zu.

„Der Junge hat Ärger gemacht!“, sagte er schnaufend.

Allison machte eine einladende Geste. „Setzen Sie sich, Alvy. Als Ärger sehe ich das nicht an. Josh hat sich für Waschbär-Charly ins Zeug gelegt. Das gefällt mir sogar.“

„So?“, machte Alvy ergrimmt. „Wollen Sie ihm auch noch anerkennend auf die Schulter klopfen? Er kommt vom oberen Stadtende zurück. Wenn er Ihren Gaul sieht, kommt er herein.“

„In diesem Fall werde ich mit ihm reden.“ Allison schaute dem Aufwärter entgegen, der ihm eine komplette Portion brachte. „Den Kaffee auch gleich, guter Mann, und eine Tasse für den Sheriff. Sie nehmen doch einen mit?“

Alvy nickte widerstrebend. Er fühlte sich unbehaglich in seiner Haut und fehl am Platz. Wenn die Tür aufging und der freche Bengel hereinspazierte ...! Langsam griff er unter die Tischkante und rückte das Holster zurecht. Allison schaute gar nicht her, aber er hatte ein Gespür für solche Dinge.

„Kommen Sie nur nicht auf den Gedanken, den Revolver herauszuholen!“, sagte er eindringlich.

„Aber er hat doch einen!“ Alvy sprach beschwörend.

„Viele Leute tragen einen und fangen doch nicht gleich eine Schießerei an.“

Allison langte zu. Das Fleisch war saftig, aber die Kartoffeln hatten zu lange in der Pfanne geschmort und waren fast widerstandsfähiger als die Gabel.

„Mann, Ihre Ruhe möchte ich haben!“, knurrte Alvy.

„Darum lebe ich ja auch noch“, erwiderte der Marshal. „Wer hastig lebt, macht einen Fehler. Und Fehler sind tödlich. Das müssten Sie eigentlich wissen.“

Uber diesen Punkt wollte Alvy besser nicht debattieren. Bevor er nach San Angelo kam, hatte er in drei Städten den Stern getragen und immer den Buckel hingehalten. Das war der Grund, weshalb er etwas gekrümmt ging und drei Finger an der linken Hand steif waren.

Der Aufwärter brachte den Kaffee und zwei Tassen.

„Sam auf der Kutsche wusste nicht, in welchem Verhältnis Josh zu Waschbär-Charly steht. Wissen Sie es?“

Allison goss Kaffee aus.

„Ist ihm zugelaufen wie ein Hund, glaube ich.“

Alvy wischte sich die schweißnasse Stirn ab. Es half nicht viel, sie glänzte sofort wieder. „Bisher ist er nicht unangenehm in Erscheinung getreten. Das heute ändert natürlich alles.“

Allison lächelte weise. „Wann haben Sie Ihre erste Waffe bekommen?“

„Ich? Aber hören Sie, das ist doch was anderes!“

„Weil Sie sehr viel später Sheriff wurden? Das wusste damals kein Mensch. Also, wie alt?“

„Neun, glaube ich. Ein Gewehr zum Geburtstag. Aber da waren die Zeiten auch ganz anders.“

„Jede Zeit ist anders.“

Allison trank von dem heißen Kaffee. Alvy auch. Aber dann sah es aus, als würde sich der Sheriff verschlucken. Er saß mit dem Gesicht zur Tür, und mit einem Mal spähte er angestrengt über den Tassenrand hinweg an Allison vorbei.

Auf der Veranda waren keine Schritte zu hören gewesen. Auch nicht, dass die Tür geklappt hatte.

Ohne hinzusehen wusste Allison auch so, dass Josh wieder gekommen war. Die Leute saßen erneut ganz steif und blickten angestrengt auf ihre Teller oder ihr Gegenüber.

„Komm nur her, Josh!“, sagte Allison laut. „Keiner beißt dich.“

Alvy setzte langsam die Tasse nieder. „Er hat den Revolver immer noch!“, zischte er.

Jetzt hörte Allison Schritte hinter sich. Sie wichen zur Seite, Josh kam links in sein Blickfeld.

„Sie sind ein Narr, Marshal!“, fauchte der Junge.

„Ich war mit Essen nicht fertig“, sagte Allison gelassen. „außerdem bin ich neugierig. Der Hengst lässt sonst keinen an sich ran. Gib mir deinen Revolver, du siehst doch, dass sich die Leute ängstigen.“

„Das könnte Ihnen so passen! Ich bin doch nicht blöd!“

„Darum, Josh. Ich musste auch mal meinen Revolver hergeben. Da habe ich nicht lange gefragt, sondern getan, was man mir sagte.“

„Das ist doch ein schäbiger Trick! Ihr Revolver hängt draußen.“

„Ich habe gehofft, dass du ihn siehst. Du hast ’nen guten Blick. Also, was ist jetzt?“

„Und dann nehmen Sie mich fest, was?“

„Ich bin nicht nachtragend, zwischen mir und dir ist nichts. Mein Wort drauf!“

Genau das waren die richtigen Worte. Allison hatte sich nicht verkalkuliert. Er hatte auf Joshs Fairness gezählt. Der Junge wollte gerecht behandelt werden. Vielleicht war es auch das, was er für Waschbär-Charly verlangte.

Josh kam an den Tisch. So ganz traute er der Sache noch nicht. Aber er war halb entschlossen. Zögernd reichte er den Dance & Park über den Tisch. Mit dem Lauf voran und die Hand am Kolben.

Alvy wurde ganz blass. Den Gästen in der Nähe erging es nicht besser.

Allison nahm die Waffe mit der linken Hand entgegen, wog sie und klappte die Trommel heraus. Er schüttelte die Patronen in die rechte Hand und gab Josh den Revolver zurück. „Alles in Ordnung.“

„Was soll denn das?“, sagte Josh verwundert. „So schießt das Ding nicht!“

„Richtig“, bestätigte der Marshal. „Wollen wir zwei uns unterhalten oder streiten? Setz dich her.“

Alvy schob seinen Stuhl zurück. „Nehmen Sie meine Kanone!“, knurrte er.

„Sie verstehen überhaupt nichts, Sheriff! Josh, setz dich hin, es fällt keiner über dich her.“

Allison schob die Patronen in die Hosentasche und betrachtete den Jungen. „Wie hast du den Hengst friedlich gehalten? Du verstehst ’ne Menge von Pferden, scheint’s.“

Zögernd nahm der Junge Platz. Aber er blieb sprungbereit, um beim geringsten Anzeichen von Gefahr abzuhauen. „Ich hab’ ihm was vorgesungen“, bekannte er zögernd und etwas verlegen.

Allison lachte. „Wusste gar nicht, dass der Bursche musikalisch ist.“

„Ist das wichtig für Sie?“, forschte Josh.

„Es könnte ja noch einer auf die Idee kommen, deshalb. Warum willst du, dass ich aus der Stadt verschwinde? Es hat mit Waschbär-Charly zu tun, nicht wahr?“

„Warum fragen Sie, wenn Sie’s wissen?“

„Ich will’s von dir hören. Mit deinen Worten. Also fang an, ich bin ein geduldiger Zuhörer.“

Es entging Allison nicht, wie der Junge scheel den dabeisitzenden Sheriff anschaute. Als traute er ihm nicht.

„Alvy, Sie sollten mal eine Runde durch die Stadt machen“, schlug der Marshal unverblümt vor.

Der Sheriff war sauer und beleidigt. Er erhob sich und sagte wütend: „Lassen Sie sich von der Rotznase bloß nicht einwickeln, Allison.“ Er marschierte hinaus.

Allison machte eine Kopfbewegung hinter ihm her. „Dein Freund ist er nicht. Na ja, sprechen wir von Charly. Morgen besuche ich ihn.“

„Deshalb sind Sie hergekommen.“ Josh nickte. „Er hat mit den Kutschen nichts zu tun. Die Leute behaupten es, aber sie lügen alle.“

„Ich habe aber gehört, dass sich die Überfälle alle im Norden und Osten ereignet haben. Dort hat Charly seine Ranch.“

„Vielleicht wird's mal eine, wenn man ihn in Ruhe lässt. Sieht aber nicht danach aus.“

„Du weißt, was er oben in Kansas gemacht hat?“

„Hat er mir gesagt. Ist mir gleichgültig, Marshal. Er hat mir Arbeit und Brot und ’n Dach überm Kopf gegeben. Dabei hat er selber kaum was zu beißen. Wo ich vorher nachgefragt habe, wurde ich weggejagt wie ein alter Hund, der nichts mehr taugt.“

„Und jetzt bist du ihm verpflichtet. Du siehst das schon richtig, aber du musst das auch mal mit meinen Augen sehen, Josh. Jemand gibt mir den Auftrag, Waschbär-Charly auf die Finger zu klopfen. Also komme ich her, und da hältst du mir den Revolver unter die Nase und verlangst, ich soll umgehend wieder verschwinden. Ist ja auch nicht gerade fair.“

Das regte den Jungen auf. „Wer ist es denn zu Charly? Ist mir doch schnuppe, was er früher getrieben hat! Ich hab’ mal jemand sagen hören, ein Mann sei so viel wert, was er ist. Charly ist kein krummer Hund. Er ist anständig.“

„Der Verdacht gegen ihn kommt aber doch nicht von ungefähr!“, hielt Allison dagegen.

Josh schaute verbissen. „Die Leute machen es sich einfach, sagen, er hat früher Kutschen angehalten, jetzt macht er’s auch wieder.“

„Und das glaubst du nicht?“

„Mann, das weiß ich. Könnte ich sogar beschwören, wenn sie mich ließen. Aber davor haben sie Angst. Das passt ihnen nicht in den Kram.“ Er war auf die Leute nicht gut zu sprechen und redete sich den Groll von der Seele.

„Bei mir brauchst du’s nicht beschwören, du brauchst nur zu reden. Was weißt du also?“

„Dass sie ihn in die Pfanne hauen wollen. Alle. Auch Alvy. Als nämlich die Kutsche ins Territorium überfallen wurde, in der Gegend von Sweetwater, war Charly in der Stadt.“

„Du meinst hier?“

„Er kommt ja sonst nirgendwo hin. Mindestens zehn Leute haben mit ihm gesprochen, vier haben Geschäfte mit ihm gemacht. Mittags war er fertig und ist heimgeritten. Um elf ist die Kutsche überfallen worden, hundert Meilen von hier. Die Uhrzeit haben wir später erfahren. Ist doch Schwachsinn zu sagen, er sei’s gewesen. Aber Alvy rückte sofort draußen an, als die Gegenkutsche mit der Nachricht kam.“

„Die Stadt bezahlt ihn, dafür muss er schon was tun, sieh es mal von der Seite. Wo warst du eigentlich an dem Tag, Josh?“

Der Junge war nicht in Verlegenheit zu bringen. „Mit Charly hier. Ich habe ihm geholfen, die Säcke aufzuladen, ich hab’ nämlich Mumm in den Knochen. Er hat Mais und Kleie gekauft.“

„Und bezahlt?“

Josh schaute bedrückt. „Meshom hat’s angeschrieben.“

„Das ist der Händler?“

„Der ist in Ordnung, er gibt Kredit.“

Allison rollte sich eine Zigarette und zündete sie an. Was der Junge da erzählte, war ja nachprüfbar. Es betraf allerdings nur einen Überfall.

„Was ist mit den übrigen Vorfällen, Josh?“

„Er verlässt sein Land nur, wenn er zur Stadt muss, ob Sie’s glauben oder nicht.“ Josh schielte nach der Kaffeekanne.

Allison bemerkte es und ließ vom Aufwärter eine frische Tasse bringen.

Josh war voller Misstrauen. „Wollen Sie mich einfangen, Marshal?“

„Ich lade dich zum Kaffee ein. Und merk dir mal was: Wenn dir jemand etwas gibt, und er tut’s gern, dann nimm es, um ihm ’ne Freude zu machen, und wenn er dir’s ungern gibt, dann nimm’s auch, um ihn zu ärgern.“

Josh schenkte sich hastig und ungeübt ein. Genau so trank er auch.

Als er die leere Tasse absetzte, meinte er zweifelnd: „Sie sind vielleicht ’ne Nummer, Marshal. Ärgern Sie sich jetzt?“

„Würde ich dann hier sitzen? Reite raus und sage Charly, dass ich morgen komme.“

„Aha, und Sie hoffen, dass er dann verschwunden ist und Sie ihn jagen können? Und wenn Sie platzen, Charly wird da sein!“

Josh stieß seinen Stuhl zurück und eilte mit wütender Miene zur Tür. Allison blickte ihm nach und lächelte. Dieser Josh machte auf ihn den Eindruck eines verwilderten Burschen, der plötzlich noch einen Strohhalm erwischt hat und sich dran festklammert.

Auf diesen Waschbär-Charly war er mächtig gespannt. Der war dieser Strohhalm.

 

*

 

Alvy kehrte nach einer Weile zurück. Allison bezahlte. Der Aufwärter nahm für die zweite Portion nur den halben Preis. Der Kaffee war mit drin.

„Kommen Sie ein paar Schritte mit, Sheriff?“ Allison grüßte in die Runde. Die Gäste im Speisehaus beachteten ihn nicht.

„Ich bin kein begnadeter Fußgänger.“ Sie traten auf die Veranda. Schatten lagen schon in der Straße. In einer Stunde war es finster.

„Als der Überfall bei Sweetwater geschah, soll der Mann hier in der Stadt gewesen sein. Trifft das zu, Alvy?“

„Ja. Aber das besagt für die anderen Überfälle noch gar nichts.“

„Ich will mir lieber mal Meshoms Buch anschauen.“

Mister Meshom betrieb eine Futtermittelhandlung nebst Store, zog Zähne und richtete Brüche, wie auf einer Preistafel zu lesen stand. Pfeile herausziehen schien aus der Mode gekommen zu sein, diese Dienstleistung für sieben Dollar fünfzig war durchgestrichen.

Der Mann machte einen geschäftigen Eindruck. Er war zur Zusammenarbeit bereit und holte sein Buch.

„In manche Ranch muss der Besitzer drei Jahre Geld reinstecken, bevor er den ersten Dollar herausholt“, erklärte er. „Charly ist nur einer von den Kandidaten. Die Leute packen es immer irgendwie, und dann habe ich mein Geld zurück und bin außerdem im Geschäft. Keiner vergisst, dass ich ihm geholfen habe, als es dürr und knapp zuging.“

Allison wollte schon fragen, ob Mister Meshom der Wohltäter der Gegend sei, als Alvy bissig sagte: „Du nimmst den Leuten ja auch Zinsen ab.“

„Fünf Prozent, was ist das schon?“ Meshom verzog das Gesicht und drehte die Handflächen nach oben.

„Eine Menge Geld für einen, der keines hat“, knurrte Alvy.

Allison blätterte das Buch durch, in das Meshom die unbezahlten Einkäufe seiner Kunden zu notieren pflegte.

Siebenmal hatte Waschbär-Charly Proviant und Futter abgeholt und die Menge wie auch den Preis gegengezeichnet. Meshoms Preise waren nicht überhöht.

Allison ließ sich Schreibzeug bringen und schrieb die Daten ab. Meshom hatte wie ein guter Buchhalter auch immer Tag und Monat und Jahr vermerkt.

Er faltete das Papier und steckte es ein.

„Sind Sie unter die Haarspalter gegangen?“, erkundigte sich Alvy vor der Tür.

„Der Schein unterscheidet sich von der Wirklichkeit mitunter ganz gewaltig. Man muss beide Dinge streng trennen, Sheriff. Wie ist der Mann eigentlich an die Ranch gekommen?“

„Hat sie von einem alten Burschen übernommen, der keine Lust mehr hatte und auch keine Möglichkeit sah, auf ’nen grünen Zweig zu kommen. Für fünfzig Dollar, glaube ich. Das Geld brachte er mit.“

„Und die Rinder? Hat ihm Meshom das Geld vorgestreckt?“

Alvy blieb stehen und kratzte sich im Nacken. „Was draußen so passiert, interessiert mich nicht näher. Genauer gesagt, ich halte mich raus. Jeder nimmt sich, was er braucht. Der eine Land, der andere Rinder. Waschbär-Charly hat sein Brandzeichen registrieren lassen. Eines Tages hatte er die ersten Jährlinge auf der Weide stehen. Mit seinem Brand gezeichnet.“

Das war noch immer die beliebteste Art, sich einen Grundstock an Vieh zuzulegen. Man fing ungebrändete Jährlinge, drückte ihnen das eigene Eisen auf, schon war der Anfang gemacht.

Einen Haken hatte die Sache natürlich, sonst hätte das ja jeder gemacht, wenn es so einfach wäre. Die Rancher, denen die Jährlinge fehlten, nannten es Viehdiebstahl, und derjenige, den man als Dieb überführen konnte, musste ständig damit rechnen, aufgehängt zu werden.

„Könnte darum jemand was gegen ihn haben?“, bohrte Allison.

„Keiner hat dem anderen etwas vorzuwerfen“, sagte Alvy vorsichtig. Dann blickte er den Marshal an. „Heißt das, Sie nehmen Charly in Schutz und suchen in einer anderen Richtung?“

„Ich will nichts übersehen, Sheriff, beruhigen Sie sich."

„Und was Sie aus Meshoms Buch abgeschrieben haben, wozu taugt das?“

„Das sagte ich doch vorhin schon, vielleicht war er an dem einen oder anderen Tag auch hier, während draußen eine Kutsche ausgenommen wurde.“

Alvy winkte trübsinnig ab. „Habe ich überprüft, und es war Essig.“

Allison schaute ihn belustigt an. „Sie sind sauer auf Waschbär-Charly, weil Sie immer wieder zu ihm raus mussten und ihm nichts nachweisen konnten.“

„Das auch. Die Sache ist aber die, dass es den Leuten stinkt, dass ein bekannter Postkutschenräuber hier sein Herdfeuer angezündet hat. Die Gegend ist schon in Verruf geraten, der Handel geht zurück, es kommt weniger Geld ins Land. Und kürzlich noch die Schießerei! Wir können uns schon bald an den Fingern einer Hand abzählen, wann die Linien den Kutschenbetrieb einstellen. Dann steht die Gegend wieder da, wo sie vor dreißig Jahren angefangen hat.“

„Jaja, jeder hat seine Sorgen“, meinte Allison.

Alvy guckte empört und misstrauisch. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass der Marshal dem Problem nicht das nötige Mitgefühl angedeihen ließ.

Als sie die Straße zu Alvys Büro hinabgingen, begegnete ihnen ein Reiter, der es vermied, sie anzublicken. Er zog sich im Gegenteil noch den Hut in die Stirn. Und kaum war er vorbei, trieb er sein Pferd zu einem Rennen an, als sei ein Schwarm gereizter Wespen hinter ihm her.

 

*

 

Allison verglich die von Alvy angefertigten Berichte über die Überfälle mit Meshoms Eintragungen.

Alvy hatte offensichtlich das größere Ohr den erbosten Kutschern und den verschreckten Passagieren geliehen, sofern sie nach San Angelo zurückgekehrt waren. Denn er hatte lang und breit die Missetaten jenes Burschen zu Papier gebracht, den man für Waschbär-Charly hielt.

Exakte Beschreibungen gab es keine.

„Ist ja schon seltsam“, räsonierte der Marshal, „in Kansas kannten ihn die Passagiere stets mit seiner Waschbärenfellmütze. außerdem zeigte er sein Gesicht. Davon lese ich hier nichts.“

„Er hat dazugelernt“, meinte Alvy vorsichtig.

„Wenn ich Ihnen erzähle, wie wenig die Burschen ihre Gewohnheiten ändern, würden Sie nur staunen. Wes Hardin ging zum Beispiel in jeder Stadt, in die er kam, zum Büro des Gesetzeshüters und erklärte, er sei nun da. Selbst als er acht oder neun Menschen getötet hatte und überall sein Steckbrief hing, behielt er das bei. Hm, wie lange braucht der beste Reiter, den Sie kennen, von hier bis Lampasas?“

„Zwei Tage, und da muss er ein verdammt gutes Pferd unterm Hintern haben und ein mindestens ebenso gutes als Ersatztier an der Longe.“

„Na, dann frage ich mich, wie Charly mittwochs die Kutsche bei Lampasas berauben konnte und donnerstags hier eingekauft hat. In der gleichen Woche wohlgemerkt. Das wäre bereits die zweite Karte, die nicht sticht.“

„Ja, zum Teufel, wofür sind Sie denn hergekommen, Marshal? Wollen Sie Charly hochnehmen oder so lange an ihm herumschrubben, bis er ’ne weiße Weste hat?“

„Erstens nehme ich niemand hoch, sondern verhafte ihn, wenn die Beweise ausreichend sind, und zweitens sind in diesem Fall die Zweifel schwerwiegender als die paar verschwommenen Angaben zu den Überfällen. Eher kommt jeder andere in Betracht als Charly.“

„So ist’s recht!“, knurrte Alvy. „Der Straßenräuber ist das Unschuldslamm und alle ehrlichen Bürger sind Stinktiere! Um mir das zu sagen, hätten Sie nicht aus San Antonio heraufzukommen brauchen!“

„Wissen Sie, Alvy, die Gegend hier oben gefällt mir so gut, ich bin gern gekommen“, erwiderte Allison. „Reiten Sie morgen mit hinaus? Ich will vor Sonnenaufgang los.“

„Danke, der Weg ist mir bekannt!“, sagte der Sheriff frostig. Er war verstimmt, und das ließ er seinen Besucher spüren. Er legte den Revolvergurt um und blickte auf die Uhr mit dem wurmstichigen Gehäuse an der Wand. „Um die Zeit mache ich die erste Runde, die Leute sind es so gewöhnt.“

„Ich halte Sie nicht auf“, versicherte Allison.

Alvy drehte den Lampendocht herab und verließ hinter dem Marshal das Büro.

 

*

 

Der Hengst stand dösend vor dem Speisehaus. Allison band die Zügel los und brachte ihn in den Stall hinter dem Gasthaus, wo er sich eingemietet hatte.

„Du lässt keinen mehr an dich ran, und wenn er noch so schön singt, verstanden?“

Der Hengst machte ein Gesicht wie Sünde und Teufelei, und Allison wollte fast schwören, dass der Bursche auch noch grinste.

Die Futterkrippe war frisch gefüllt. Allison holte einen Eimer mit Hafer, Kleie und Maisschrot und fütterte King. Als er an den Brunnen hinausging, kam jemand in den Hof.

Details

Seiten
140
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738905571
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (März)
Schlagworte
texas mustang waschbär-charly

Autor

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Titel: Texas Mustang #9: Waschbär-Charly