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Sheng #6: Eine Falle für Sheng

©2016 120 Seiten

Zusammenfassung

Shengs Suche nach seinem Vater führt ihn nach Casa Grande. Der Chinese Wang Schao scheint etwas zu wissen, und deshalb will Sheng sich mit ihm treffen. Aber die Schergen des Geheimbundes vom Schwarzen Drachen sind längst vor Ort und haben Wang Schaos Frau entführt. Sheng will natürlich helfen – aber er ahnt nicht, dass diese Entführung nur dazu dient, um ihn selbst in die Falle zu locken.
Der Revolvermann Stryker und der Chinese Teng Tschen arbeiten für den Schwarzen Drachen und würden alles tun, um Sheng endlich auszuschalten und herauszufinden, wo sich die Schriftrollen des Tao Chi befinden. Aber der Tiger-Mann gibt selbst in solch einer ausweglosen Lage nicht auf. Er ist entschlossen, um sein Leben zu kämpfen!

Leseprobe

SHENG – DER KUNG FU - KÄMPFER

Band 6

 

EINE FALLE FÜR SHENG

 

Ein Western von Uwe Erichsen

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von P.R. Goodwin mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

 

Shengs Suche nach seinem Vater führt ihn nach Casa Grande. Der Chinese Wang Schao scheint etwas zu wissen, und deshalb will Sheng sich mit ihm treffen. Aber die Schergen des Geheimbundes vom Schwarzen Drachen sind längst vor Ort und haben Wang Schaos Frau entführt. Sheng will natürlich helfen – aber er ahnt nicht, dass diese Entführung nur dazu dient, um ihn selbst in die Falle zu locken.

Der Revolvermann Stryker und der Chinese Teng Tschen arbeiten für den Schwarzen Drachen und würden alles tun, um Sheng endlich auszuschalten und herauszufinden, wo sich die Schriftrollen des Tao Chi befinden. Aber der Tiger-Mann gibt selbst in solch einer ausweglosen Lage nicht auf. Er ist entschlossen, um sein Leben zu kämpfen!

 

 

 

Roman

Neugierde war es gewesen, die Wan Schao beim ersten Schnauben der Pferde ans Fenster gelockt hatte. Doch was er sah, ließ sein Gesicht erbleichen. Hastig ließ er den dünnen Stoff der Gardine los.

Er ächzte. In seinen schrägstehenden dunklen Augen erschien ein betroffener Ausdruck.

Der große Herd strahlte eine mörderische Hitze aus. Ein Topfdeckel klapperte laut, heller Brei quoll über den Rand. Es zischte, als der Brei auf die heiße Herdplatte floss. Der Mann bemerkte es nicht. Er starrte durch die Gardine.

Vier Pferde drängten in den engen Hof hinter Wan Schaos Speisehaus. Rötlicher Staub bedeckte das Fell der Tiere.

Einer der Männer war Chinese.

Ein hünenhafter Kerl mit breiten Schultern und funkelnden Augen hinter schmalen Augenschlitzen.

Der breite Kopf, beschattet vom Rand eines schwarzen Hutes, drehte sich um. Wan Schaotschi zuckte zurück, als ob ihn der heiße Atem eines Drachen getroffen hätte. Diese Augen...

Die Stimme seiner Frau drang in sein Hirn und riss ihn in die Wirklichkeit zurück.

Du lässt den Teig überkochen!“, klagte sie.

Mit den schnellen kurzen Trippelschritten, hervorgerufen durch die hochgebundenen und dadurch verkrüppelten Füße, eilte sie an den Herd und nahm den Topf vom Feuer. Ihrem Mann warf sie einen schnellen Blick zu, der frei von jedem Vorwurf war. Ihr kleiner Mund war zu einem Lachen bereit, doch als sie das Gesicht ihres Mannes sah, presste sie die Lippen zusammen und schwieg abwartend. Wan Schao hatte Angst. Sie sah es, sie fühlte es.

Hol den kleinen Wan Schu und lauf! Lauf weg! Geh zu Fulai. Er wird dich verstecken, bis ich dich hole ...“

Wan Schaos Stimme klang leise, aber drängend.

Zum ersten Mal, seit sie mit diesem stillen und fleißigen Mann verheiratet war, erlebte sie, dass er Angst hatte. Diese neue Erfahrung bestürzte und ängstigte sie zugleich. Sie lief aus der Küche. Doch es war zu spät.

Der hünenhafte Chinese war von seinem Pferd gesprungen. Mit drei mächtigen Sätzen hatte er die Hintertür erreicht. Die Tür war noch verschlossen von der Nacht, doch ein einziger mächtiger Fußtritt ließ die dünnen Bretter zersplittern wie Mikado-Stäbchen in der ungeschickten Hand eines kleinen Kindes. Ein Brett flog gegen Wan Schaos Kopf, dann zuckte eine breite Faust vor, und Klauenfinger umschlossen den Oberarm der kleinen Chinesin. Dennoch blieb der Mund stumm, drang keine Klage über die zusammengepressten Lippen, obwohl der Griff schmerzhaft war.

Der Hüne lachte kurz und trocken auf, als er Wan Schaos zorniges Gesicht im Durchgang zur Küche sah.

Wan Schao schrie.

Er war zornig. Er vergaß die Furcht, die tief in sein Herz eingegraben war. Er vergaß die Angst vor dem Mann, der einmal der übelste Treiber und Menschenschinder beim Bau der Atchison. Santa Fe & Topeka Railway gewesen war. Wan Schao wusste es genau. Noch heute trug er die Narben der schweren Peitschenhiebe auf seinem Rücken, und heute noch trauerte er um seinen Bruder, der die schwere Arbeit, die dauernden Erniedrigungen, die Prügel, den Hunger und Durst nicht überlebt hatte. So viele Menschen waren damals gestorben. Auch er wäre gestorben, wenn da nicht ein Mann gewesen wäre. Der Tiger-Mann ...

Der Schinder legte jetzt Hand an Hsu Wanpao, seine kleine Frau, die er aus TsüenTschou hatte nachkommen lassen, als er glaubte, es geschafft zu haben. Als er sicher war, wieder als Mensch leben zu können und nicht als Kuli schuften und leiden zu müssen.

Wan Schao stürzte sich auf den Schinder. Er sah nicht den schweren Fuß des gelben Hünen, und er sah auch nicht die blitzschnell vorzuckende Faust, die wie der Prankenhieb eines Tigers auf seine Schulter krachte und ihn zu Boden warf. Sofort zog er sich an der Türkante wieder hoch. Sie sollten die kleine Hsu Wanpao in Ruhe lassen. Das Kind brauchte sie doch. Teng Tschen sollte von ihm verlangen, was er wollte, aber er sollte Hsu Wanpao und den kleinen Wan Schu in Ruhe lassen.

Mit einem einzigen Schwung seines mächtigen Armes schleuderte Teng Tschen die Frau gegen Wan Schao. Er stürzte erneut, und Hsu Wanpao fiel über ihn. Und immer noch drang kein Klagelaut über ihre Lippen. Wan Schao half ihr auf die Füße. Er lehnte im Durchgang zur Küche.

Teng bewegte sich auf ihn zu. Er hatte den schleichenden Gang einer Katze.

Ein neues Geräusch lenkte Wan Schaos Aufmerksamkeit ab. Er hörte das herausfordernde Klirren großer Sporen, und schon trat ein weiterer Mann durch die aus dem Rahmen gebrochene Hintertür.

Ein Mexikaner.

Ein schmaler Bursche mit dem verschlagenen Gesicht einer Ratte. Ein strichdünner Bart bedeckte die Oberlippe. Das Gesicht zeigte einen dunklen Olivton. Die Zähne blitzten kurz auf, als er die kleine Chinesin bemerkte, die sich an ihren Mann drängte. Er schnalzte mit der Zunge. Hsu Wanpao trug die Haustracht ihrer südchinesischen Heimat — grüne weite Baumwollhosen mit einem hellroten Kittel darüber. Sie hielt jetzt den Blick gesenkt. Die Augen des Mexikaners hingen an dem zierlichen Nacken der Frau, und er schnalzte noch einmal laut mit der Zunge.

Der große Chinese wandte sich um. Er zischte seinem Begleiter einen schnellen Befehl zu.

Die kohlschwarzen Augen des Mexikaners verdunkelten sich einen Moment, aber dann verzog ein Lachen das knochige Gesicht, und der Strolch verzog sich. Er kletterte sporenklirrend die schmale Treppe ins Obergeschoss hinauf.

Nein!“, rief Hsu Wanpao verzweifelt. Sie wollte dem Mexikaner nachlaufen, doch das Aufblitzen in den Augen des Schinders warnte Wan Schao noch gerade rechtzeitig. Er hielt seine Frau zurück.

Der Hüne kam auf sie zu.

Wan Schao schob seine Frau in die Küche. Der große Chinese stieß Wan Schao vor die Brust. Er stolperte rückwärts. Es gelang ihm gerade noch, sich zu fangen, bevor er mit dem Rücken gegen den Herd prallte. Er verfügte über keinerlei Fluchtmöglichkeit mehr — und wohin hätte er fliehen sollen? Allein etwa? Ohne Hsu Wanpao und den kleinen Wan Schu? Wer würde ihm, einem Chinesen, schon helfen in dieser verfluchten Stadt am Rande der Gila Wüste?

Du sagst mir jetzt, wo er ist“, begann der Hüne.

Er stand einen halben Schritt vor Wan Schao. Die Arme mit den schweren Fäusten hingen locker herab. Das Gesicht glänzte unter einer dünnen Schweißschicht. Der Ofen strahlte eine geradezu mörderische Hitze aus. Es war früh am Morgen, noch sehr früh. Wie gehetzt blickte Wan Schao sich um. Zum Gang, wo die Hintertür lag und von wo aus die schmale Stiege ins Obergeschoss führte. Zu dem Durchgang, der mit einem Vorhang aus braunen polierten Holzkugeln versperrt war. Dort lag der Gastraum, um diese Zeit noch leer, die Tür zur Straße war abgeschlossen.

Du sagst mir jetzt, wo er ist.“

Wan Schao wusste nicht, wen Teng Tschen meinte. Er wusste es wirklich nicht, obwohl er vor wenigen Minuten erst an den Mann gedacht hatte.

Wo ist der Tiger-Mann?“

Sheng! Er meinte Sheng!

Wan Schao glaubte, sein Herz müsse stehenbleiben. Verlangte dieses Ungeheuer etwa von ihm, er würde den Tiger-Mann verraten? Den einzigen Menschen, der es wagte, gegen Schinder wie Teng Tschen anzutreten? Er lächelte. Nein, niemals würde er den Tiger-Mann verraten, dem er sein Leben verdankte.

Ein Laut ließ ihn herumfahren. Hsu Wanpao schrie unterdrückt auf.

Sporen klirrten auf der Stiege. Aber das Klirren war es nicht, was das Blut in den Adern der beiden gefrieren ließ.

Es war das Wimmern eines Kindes.

Wan Schao ballte die Fäuste.

Bitte“, sagte er mühsam beherrscht. „Was willst du? Ich weiß nicht, wo der Tiger-Mann ist. Ich weiß es wirklich nicht!“

Die geschlitzten Augen des Schinders funkelten.

Die sporenklirrenden Schritte des Mexikaners kamen näher. Das olivfarbene Gesicht, die herausgeputzte Gestalt, erschien im Durchgang. Er zerrte ein Kind hinter sich her. Einen kleinen Jungen von etwa fünf Jahren, einen Burschen mit einem runden Gesicht und pfiffigen glänzenden Augen. Der Mexikaner versetzte dem Jungen einen Stoß, dass er auf seine Mutter zutaumelte.

Hsu Wanpao legte ihrem Sohn eine Hand auf das glatte schwarze Haar.

Teng Tschen hatte den runden schwarzen Hut mit der breiten Krempe abgenommen. Der Schädel war kahl bis auf den geflochtenen Zopf, der jetzt herab fiel. Mit einer Hand wischte er über den Schädel. Ein Grinsen zerteilte das Gesicht, als er einen Fuß hob. Dann trat er zu.

Der Fuß traf den kleinen Wan Schu. Der Junge stürzte, er fiel auf den Bretterboden. Er schrie nicht, er weinte nicht.

Hsu Wanpao schrie auf. Sie stürzte sich auf ihr Kind, nahm seinen Kopf in die Arme und presste ihn an sich.

Wan Schao keuchte. Er fühlte sich hilflos diesem Schurken ausgeliefert wie damals ...

Wo ist Sheng?“ Teng Tschen grinste immer noch.

Auch der Mexikaner grinste. Er starrte die Frau an und sagte etwas auf spanisch. Dann lachte er laut. Der Sombrero auf seinem Kopf bewegte sich, als er den Kopf in den Nacken warf. Seine Hände lagen auf den Kolben zweier Revolver, die in einem breiten Waffengurt steckten.

Ich weiß es nicht!“, rief Wan Schao verzweifelt.

Wieder hob der Schinder seinen Fuß. Hsu Wanpao schob sich schützend vor den Jungen. „Nein! Bitte, nein!“, schrie sie gellend.

Deine Frau ist vernünftiger als du. Wenn du willst, dass dein Kind diesen Tag überlebt, sag uns, wo Sheng steckt. Wir wissen genau, dass er zu dir wollte. Er hat sich in Florence nach dir erkundigt. Wann war er hier?“

Wan Schaos Gedanken rasten. Sheng wollte zu ihm? Dann befand er sich in tödlicher Gefahr. Diese Verbrecher brauchten sich hier nur einzunisten und auf ihn zu warten.

Gestern“, sagte er mechanisch.

Hsu Wanpao warf ihm einen erstaunten Blick zu, doch sie begriff sehr schnell.

Du darfst ihn nicht verraten!“, rief sie.

Gestern“, wiederholte Wan Schao.

Das Grinsen des Chinesen wurde breit und fett. „Na also! Du bist doch ein vernünftiger Mann! Was wollte er hier? Wo ist er jetzt?“

Wan leckte sich über die trockenen Lippen. Was sollte er sagen? Schon begannen die Augen des gelben Hünen misstrauisch zu funkeln. „Er wollte nach Norden. Mehr hat er nicht gesagt.“

Du Hund!“ Teng Tschen hob eine Hand.

Wan Schao rührte sich nicht. Wenn dieser Schinder nur Wan Schu nichts antat. Hsu Wanpao streichelte das runde Gesicht, das bleich und starr war vom Schmerz und vom Schock.

Die Hand des Schinders kam herab. Sie traf Wan Schaos Hals. „Ich will wissen, wohin er von hieraus gegangen ist!“

Sheng hat es mir nicht gesagt.“

Er wollte wissen, wo einer seiner ... Freunde abgeblieben ist. Stimmt das?“

Wan Schao nickte verzweifelt.

Wie hieß dieser Freund?“

Wan Schao konnte es nicht wissen, denn Sheng hatte ihn noch nicht gefragt. Er schwieg. Er war am Ende. Der Bluff war geplatzt.

Da kam der Fuß. Wan Schao wollte sich auf den Fuß werfen. Doch der Hüne war unglaublich schnell. Ein Hieb streckte Wan Schao nieder. Er blieb jedoch bei Bewusstsein und sah das Furchtbare.

Der Fuß des Hünen flog auf den Jungen zu. Aber der kleine Wan Schu wich dem Tritt aus, stolperte aber und fiel erneut zu Boden. In der Nähe des Herdes blieb er liegen.

Hsu Wanpao schrie. Sie warf sich neben dem Kind zu Boden, zog es vom heißen Herd weg und wiegte es in den Armen.

Der große Chinese bückte sich. Er packte mit einem harten Griff die Schulter der Frau. Er riss sie in die Höhe und schleuderte sie in die Arme des Mexikaners. Der kleine Wan Schu atmete flach. Er weinte leise. Wan Schao wollte ihm helfen, aber der Schlag des Hünen hatte ihn gelähmt.

Ein Fußtritt stoppte den verzweifelten Vater.

Ich röste ihn bei lebendigem Leibe“, sagte Teng Tschen drohend, „wenn du mir nicht sagst, nach wem Sheng sucht und wohin er sich gewandt hat!“ Massig, wie ein Koloss, drohend wie ein Berg im Nebel, stand er vor Wan Schao. „Du wirst es mir sagen“, knurrte er.

Wan Schao nannte den Namen eines toten, einst zu Tode geschundenen Freundes, dem der Schinder nichts mehr anhaben konnte.

Der Hüne nickte langsam.

Schluckte er die Kröte? Wan Schao merkte erst jetzt, dass er vor dem Schinder kniete. Er keuchte. Ein dumpfer Schmerz wühlte in seinem Inneren. Seine Augen konzentrierten sich auf die Füße des Peinigers, die in derben schwarzen Stiefeln steckten. Diese Füße hatten den kleinen Wan Schu getroffen, seinen Sohn! Er ließ den Kopf sinken.

Die Stimme des Schinders drang an sein Ohr. „Und wo lebt dieser Freund?“

In Maricopa ... in Maricopa ...“

Wir reisen nach Maricopa, Wan Schao“, sagte der Hüne. „Wenn Sheng nicht dort ist oder nicht dort war, oder wenn dein Freund uns nicht weiterhelfen kann, kommen wir zurück.“

Wan Schao ließ seinen Kopf vor und zurückpendeln. Sie würden gehen! Das war der einzige Gedanke, der ihn beherrschte, doch der nächste Satz des Hünen ließ seine Welt erneut zusammenstürzen.

Und damit du nicht denkst, du könntest uns verladen und in die Wüste schicken, um dann in aller Ruhe abzuhauen, nehmen wir deine kleine Frau mit.“ Die Stimme hob sich drohend. „Sie kommt mit der Bahn zurück, wenn deine Angaben stimmen. Wenn wir Sheng oder deinen Freund nicht finden, bringen wir dir deine kleine Frau persönlich zurück!“

Der Schinder lachte dröhnend.

Wan Schao wollte etwas sagen. Er wollte hinausschreien, dass er gelogen hatte. Wo endete eine Freundschaft? Wo hatte eine Verpflichtung ihre Grenzen? Aber da war es schon zu spät, um sich eine Antwort auf diese Fragen zu geben. Er hörte sporenklingende Schritte, er hörte die klagenden Rufe seiner Frau.

Wan Schao hob mühsam den Kopf. Der Schinder stand immer noch vor ihm. Wan Schao blickte in die funkelnden Schlitze, und er erkannte, dass es keinen Unterschied machte. Sie würden Hsu Wanpao, seine kleine Frau, auf jeden Fall mitnehmen, egal, was er sagte. Qualvoll drang das Wimmern seines Jungen an sein Ohr.

Teng Tschen stülpte sich gemächlich den Hut über den kahlen Schädel. Sorgsam schob er den Zopf darunter. Hsu Wanpaos gellende Schreie erstarben plötzlich, wie unter einem Hieb.

So oder so“, sagte der Schinder. „Dieses Mal entkommt der Hund uns nicht.“ Er blickte auf den Mann hinab, der immer noch unfähig war, zu sprechen.

Wir bekommen ihn, weil wir seinen Vater haben!“

Jetzt endlich ging der Schinder, und er ließ einen verzweifelten Mann zurück.

 

*

 

In Casa Grande sprang Sheng aus dem Zug. Sofort mischte er sich unter die Menschen, die trotz der Hitze zur Bahnstation gekommen waren.

Die Ankunft eines Zuges stellte immer noch so etwas wie ein außerordentliches Ereignis in Casa Grande dar. Die glitzernden Gleise endeten nur ein paar Meilen weiter im Nordwesten, an den braunroten Hängen namenloser Hügel am Nordrand der Gila-Wüste. Nur in unregelmäßigen Abständen traf ein Zug ein, der nichts mit dem Bahnbau zu tun hatte. Ein Zug, der Menschen nach Casa Grande brachte, Post, Pakete, Waren aus den fernen Städten im Norden und Osten. Noch dienten die Gleise hauptsächlich den Versorgungszügen, die, beladen mit Schwellen, Schienen, Werkzeugen, Wasser und Vorräten, an der Stadt vorbeirollten. Ein nie endender Strom von Material.

Niemand achtete auf den schlanken drahtigen Mann mit dem kantigen Gesicht und den schmalen Augen, der nur eine einfache Deckenrolle über der Schulter trug.

Im Eisenbahnwaggon hatten bereits unerträgliche Temperaturen geherrscht, doch dort hatte wenigstens der Fahrtwind, der durch die geöffneten Fenster strich, einige Erleichterung gebracht. Hier in der Stadt am Rande der Wüste stand die Luft wie kochendes Blei über dem verbrannten Land. Die Menschen stöhnten, die wenigen Mitreisenden eilten sofort zum nächsten Saloon. Nicht so Sheng, dem die Hitze nichts anhaben konnte. Seine Gesichtshaut war trocken, sein Hemd und die leichte Jacke darüber zeigten keine Schweißflecken.

Er ließ die Menge hinter sich. Er dachte voller Mitleid an die Männer in den Camps. Er wusste, dass die Verbindung der neuen Bahnlinie zwischen Tucson und Phoenix im nächsten Jahr geschlossen werden sollte. Der Termin musste gehalten werden. Die Bosse und die Ingenieure bekamen dafür die Prämien. Die Aufseher und die Antreiber natürlich auch. Die Arbeiter bekamen höchstens Peitschenhiebe.

Unter dem Dach eines offenen Schuppens bemerkte Sheng eine kleine Gruppe chinesischer Arbeiter. Sieben oder acht Männer, die im Schatten an einem kleinen rauchlosen Feuer hockten. Ein kleiner Kessel stand auf dem Feuer. Die Männer trugen Strohhüte, weite Hosen und blaue Kittel.

Sheng bewegte sich auf sie zu. Ein schwerer Frachtwagen stand in ihrer Nähe. Die vier Zugpferde hatten die Männer ebenfalls im Schatten unter dem Schuppendach angebunden. Die Ladefläche des Wagens war noch leer. Sheng vermutete, dass die Männer den Auftrag hatten, etwas von dem eben eingetroffenen Zug zu holen, eine dringend benötigte Sendung, die so eilig war, dass sie nicht erst dem nächsten Versorgungszug mitgegeben werden konnte. Die Strecke war eingleisig. Der nächste Versorgungszug konnte Tucson erst dann verlassen, wenn dieser Zug zurückgekehrt war.

Sheng tauchte in den Schatten unter dem Dach. Die Luft war hier stickig. Sie roch nach heißem Teer und dem stechenden Rauch des Feuers.

Guten Tag“, grüßte Sheng auf englisch. „Darf ich mir einen Becher Tee zubereiten?“

Die Männer murmelten zustimmend und machten bereitwillig Platz. Sheng holte seinen Becher und die Teebüchse aus der Deckenrolle. Er schüttete ein wenig Tee in den Becher und nahm dann den Wasserkessel vom Feuer. Langsam ließ er das kochende Wasser über die feingemahlenen Teeblätter laufen.

Die Männer schwiegen jetzt. Sie waren misstrauisch, auch wenn sie nicht so ängstlich und eingeschüchtert wirkten wie zahlreiche der anderen Kulis, denen er bisher beim Eisenbahnbau begegnet war.

Habt ihr gute Arbeit?“, fragte er, nachdem er den ersten Schluck getrunken hatte. Er hockte auf den Fersen wie die Männer. Sie warfen sich schnelle Blicke zu.

Einer hob die Schultern. „Es ist eben Arbeit“, sagte er vieldeutig.

Sheng lächelte. Er suchte im Augenblick keine Arbeit. Er wollte die Männer nur zum Reden bringen. Was er suchte, waren Informationen. Immer wieder Informationen, Nachrichten, Namen. Er musste versuchen, das Schicksal der anderen sechs Mönche zu verfolgen, in deren Besitz sich die übrigen sechs Teile der so wertvollen Schriftrolle der Lehren des Tao Chi befanden. Er musste wissen, wo sie sich aufhielten, ob sie noch lebten, ob sie sich in Gefahr befanden. Der Schwarze Drache war allgegenwärtig. Die Mitglieder dieses verbrecherischen Geheimbundes waren überall. Sie strebten die Weltherrschaft an. Deshalb brauchten sie die Schriften mit den Weisheiten und Lehren des Tao Chi. Sheng sprach mit jedem Chinesen, der seinen Weg kreuzte.

Langsam, zögernd zunächst, nahmen die Männer ihre Unterhaltung wieder auf. Sheng hörte ruhig zu. Kein Name weckte Erinnerungen in ihm, kein Ereignis wurde besprochen, das etwas mit seinem Schicksal oder dem der anderen Mönche zu tun zu haben schien.

Er leerte den Becher. Im Augenblick durfte er sich sicher fühlen. Deshalb konnte sich Sheng einem anderen Problem widmen, das in seinem Inneren brannte wie ein Feuer, das sich nicht löschen ließ, weil es eine stille Sehnsucht war. Er wollte seinen Vater finden, von dem er nur wusste, dass er Amerikaner war und im Westen der Vereinigten Staaten lebte. Nein, stellte Sheng richtig, er wusste noch mehr über den Mann. Er war reich, und er musste vor achtzehn bis zwanzig Jahren in China gewesen und dort der ersten Nebenfrau des Kaisers begegnet sein.

Hier in Casa Grande lebte ein Mann, der ihm vielleicht mehr sagen konnte. Wan Schao. Sheng lächelte flüchtig. Wan Schao war ein Freund. Ihn hatte er aus den Augen verloren und deshalb nach ihm gesucht. Wan Schao sollte in dieser Stadt ein Speisehaus betreiben. Er hatte es geschafft. Für ihn hatte sich die jahrelange Schinderei gelohnt. Bei ihm kehrten viele Chinesen ein. Beim Essen wurde gesprochen. Wan Schao würde manches wissen. Mosaiksteinchen, die Sheng in das große Bild einfügen konnte. Nicht nur Informationen über seine ehemaligen Mitmönche aus dem Kloster vom Weißen Lotus. Vielleicht wusste Wan Schao etwas von einem Amerikaner, der vor vielen Jahren in China gewesen war.

Das Verlangen brannte immer heißer in Sheng, endlich den Mann zu sehen, der sein Vater war. Ihm zu sagen, dass Taipeh ihn geliebt und nie vergessen hatte, und dass sie einen Sohn zur Welt gebracht hatte, der im Kloster vom Weißen Lotus zu einem starken jungen Mann herangewachsen war, erzogen von weisen Mönchen, ein Meister im Tigerkampf und ein Meister im Drachenkampf.

Sheng nickte den Männern zu, die ihm Gastfreundschaft in ihrem Kreis gewährt hatten. Er wollte aufstehen, als er das plötzliche Zucken in den Gesichtern der Chinesen bemerkte. Hastig sprangen sie auf. Einer trat das Feuer aus, die anderen rafften hastig ihre wenigen Habseligkeiten zusammen.

Auch Sheng richtete sich jetzt auf. Etwas hatte die Männer erschreckt. Der Friede war hier genauso trügerisch wie überall, wo chinesische Kulis arbeiteten. Ihre Gräber säumten die glitzernden Schienenstränge. Ihre Knochen waren in der Wüstensonne, unter den erbarmungslos brennenden Strahlen, gebleicht, ihr Fleisch von Geiern gefressen oder zu Staub zerfallen. Sie waren in den Felsenschluchten der Rocky Mountains zu Tode gekommen - abgestürzt, erfroren, von Steinlawinen erschlagen, von Sprengladungen zerrissen. Es war ein grausames Schicksal, das sie hier erleiden mussten.

Sheng blickte auf.

Vor ihm stand ein vierschrötiger Kerl mit wuchtiger Kinnlade und plumpen Fäusten. In einer seiner Fäuste hielt er eine Waffe, die Sheng hassen gelernt hatte. Es war eine Peitsche mit geflochtenem bleibeschwertem Griff und dünnen Lederschnüren, die so scharf wie Messerklingen sein konnten, wenn ein Fachmann die Waffe bediente. Mit dieser Waffe einen Meistertitel zu erringen, fiel den Aufsehern nicht schwer. Sie hatten genug Möglichkeiten, mit der Peitsche zu üben. Es gab so viele Rücken, und es gab so viele Stunden. Und es gab so viele Männer, denen die Kräfte einmal erlahmten.

Der vierschrötige Mann ließ die Riemen los und schüttelte die Peitsche auf.

Ihr Faulenzer“, sagte er beinahe heiter. „Bezahlt die Gesellschaft euch fürs Faulenzen?“ Der Bulle blickte an Sheng vorbei, als ob der drahtige Mann Luft für ihn wäre.

Einer der Arbeiter verneigte sich leicht. „Herr, der Zug ist doch eben erst eingetroffen! Sprengstoff wird stets zuletzt ausgeladen!“

Der stämmige Arm fuhr in die Höhe, die dünnen Riemen schnitten durch die heiße, wabernde Luft. Spielerisch züngelten die Schnüre durch den Staub des Bodens.

Ihr habt dort zu stehen, wo ihr die Kisten übernehmen sollt...“

Herr, wir haben die Pferde in den Schatten gestellt...“

Das war richtig“, sagte der Bulle anerkennend. Sheng traf eine üble Alkoholwelle. Dieser Aufseher hatte sich in einem der Saloons ein kühles Bier genehmigt, während die Männer, ob sinnvoll oder nicht, in der Sonne schmoren sollten.

Der Arm fuhr hoch. Die fleischigen Züge erstarrten, die Augen glitzerten. Jetzt wurde es ernst. Der Arm sauste herab, die Riemen fauchten.

Blitzschnell, für kein Auge sichtbar, zuckte Shengs Rechte vor. Der Stoß der Schlange.

Der Bulle schrie überrascht auf. Er spürte keinen Schmerz, er fühlte nur, dass ihn etwas getroffen hatte. Der schwere Peitschenstiel war seiner Hand entglitten. Er segelte durch die Luft und prallte gegen die Seitenwand des Frachtwagens.

Der Bulle starrte Sheng an, der ruhig neben ihm stand. Der Aufseher keuchte plötzlich. Er rieb den geprellten Arm. Er wusste, dass dieser schlanke Fremde neben ihm irgend etwas getan hatte. Er wusste nur nicht was. Und warum. Wer interessierte sich schon dafür, ob ein paar lausige faule Chinks einen übergezogen bekamen oder nicht. Ja, wen interessierte so etwas - außer einem Chinesen natürlich.

An die Arbeit!“, brüllte der Aufseher. Die Kulis stoben davon. „Und nun zu dir, Bürschchen. Du hast es riskiert, okay, du bist schon ein toller Bursche. Wolltest du den Kulis da imponieren?“ Er deutete verächtlich auf die Männer, die jetzt die Pferde vor den Wagen spannten. „He, Chink, bring mir die Peitsche!“

Einer der chinesischen Arbeiter bückte sich, nahm die Peitsche auf und brachte sie im Laufschritt zu dem Aufseher. Der packte den Griff und lachte. Es war ein kaltes, raues Lachen. Er drehte sich so, dass er jetzt genau vor dem drahtigen Fremden stand.

Und nun zu uns beiden.“ Er ließ das schwere Ende des Peitschengriffs in seine geöffnete Handfläche klatschen. „Warum hast du das getan?“

In Shengs Gesicht bewegte sich kein Muskel. War er unbeherrscht gewesen, als er diesem Peiniger die Peitsche aus der Hand prellte? Was änderte er damit für die Chinesen? Spätestens morgen im Lager, beim Streckenbau, würden sie die jetzt eingesparten Schläge doppelt und dreifach zurückbekommen. Und er, Sheng? Was gewann er? Jetzt würde wieder über einen geheimnisvollen Mann gesprochen werden, einen Mann, der blitzschnell zuschlagen konnte. Wieder würden Männer die Ohren spitzen, Spitzel würden die Information weitertragen. Er brachte nichts als Gefahr über andere Menschen. Und er lockte den Schwarzen Drachen auf seine Fährte.

Hatte er falsch gehandelt? Was hätte sein alter Lehrer Li Kwan gesagt? Bekämpfe das Unrecht, wenn du es triffst. Bekämpfe es, bevor der, der das Unrecht tut, vergisst...

Warum hast du das getan?“

Das Gesicht des bulligen Schlägers zeigte einen kindlichen Ausdruck. Der Mann wollte es wirklich wissen, stellte Sheng erstaunt fest, und voller Hoffnung dachte er: Vielleicht sieht er ein, dass er dabei war, Unrecht zu tun!

Es war nicht nötig, die Männer zu schlagen“, sagte er deshalb freundlich. „Ich wollte Ihnen keinen Schmerz zufügen, aber Sie waren so schnell. Bitte, entschuldigen Sie ...“

Dem Bullen klappte der Unterkiefer herab, Speichel rann aus seinen Mundwinkel. Sheng lächelte leicht. Der Bulle verstand es falsch. Alles verstand er falsch. Shengs Lächeln und seine Worte. Er fühlte sich verspottet. Er packte den Peitschenstiel und stieß das Ende gegen das Gesicht, das er vor sich sah.

Das Gesicht verschwand wie ein Spuk, befand sich plötzlich an anderer Stelle. Dafür hing sein Handgelenk in einer stählernen Klammer. Er konnte sich nicht bewegen. Er starrte auf die schlanken Finger, die sich um sein stämmiges Handgelenk gelegt hatten. Leicht gekrümmt wie die Klauen eines Adlers. Die Finger vermochten das kräftige Handgelenk nicht zu umschließen. Und trotzdem — der bullige Aufseher war nicht in der Lage, seinen Arm zu befreien. Er schwitzte. Seine wasserhellen Augen zuckten unruhig herum. Er war allein, und er hatte seinen Meister gefunden.

Die Chinesen hatten endlich die Pferde vor den Wagen gespannt. Sie trotteten neben dem Fuhrwerk her, ohne sich noch einmal umzublicken. Sie wussten, dass kein Mann es einem anderen verzeiht, wenn er ihn am Boden sieht. Und der Aufseher war besiegt. Er wusste es nur noch nicht.

Ich möchte Ihnen nicht weh tun“, wiederholte Sheng mit sanfter Stimme. Er löste seine Finger.

Der Aufseher betrachtete die Haut an seinem Handgelenk. Sie war schneeweiß geworden, und deutlich sah er die tiefen Eindrücke, die die Finger des Fremden hinterlassen hatten.

Der Bulle wollte es jedoch wissen. Er verstand die Warnung des fremden Mannes nicht, der niemals aus Selbstzweck einem anderen Menschen Schaden zufügte oder Mittel einsetzte, die dem angestrebten Zweck nicht entsprachen. Dieser bullige Mensch jedoch war so unglaublich stark und dabei so unglaublich dumm, dass er sich für unschlagbar hielt, selbst nach einer solchen Demonstration zupackender Schnelligkeit. Ein Mann, der ihn nicht vernichtete, war schwächer. So lautete die ganze Lebensweisheit dieses Menschenschinders.

Die Faust des Aufsehers schwang herum wie eine Keule.

Sheng duckte sich. Er spürte den Luftzug, den diese Faust erzeugte. Er kam wieder hoch. Die Faust des Aufsehers schwang jetzt von oben herab. Shengs Hand, hart wie ein Brett, knallte unter den Oberam des Aufsehers. An der getroffenen Stelle hatte der Arm den Durchmesser eines mittleren Fichtenstamms. Kraftlos fiel der Arm herab. Es war der linke. In der rechten Hand hielt der Bursche noch den Peitschenstiel.

Er schrie wütend auf, als er versuchte, den bleibeschwerten Griff auf Shengs Schädel zu schmettern. Nur ein weicher formloser Hut bedeckte den Kopf des gelassen wirkenden Mannes.

Sheng stellte nur seine Füße um. Die Faust mit der Peitsche zischte vorbei, der eigene Schwung schleuderte den Angreifer nach vorn. Zwei blitzschnelle Schläge mit der offenen Hand, gleich den sausenden Schwingen des Adlers, warfen den Mann in den Staub.

Er ächzte, wälzte sich herum. Er trug einen Revolver an der Hüfte. Sheng tippte mit dem Fuß von unten gegen die Halfter. Die Waffe wurde aus der Halfter geprellt. Der Mann versuchte, sie zu greifen. Doch Shengs Fuß war viel zu schnell für die plump im Staub herumwischende Hand.

Sheng sah sich um. Die Kulis standen bei ihrem Fuhrwerk in der glühenden Sonne Sie hielten die Köpfe gesenkt, aber Sheng wusste, dass sie ihn beobachteten und dass sie Angst hatten. Angst vor der Rückfahrt, Angst vor dem nächsten Tag, vor den anderen Aufsehern.

Sheng ließ seinen Blick in die Runde schweifen. Nur wenige Menschen waren aufmerksam geworden. Die Auseinandersetzung war so kurz gewesen und die Bewegungen Shengs so schnell, dass kein zufälliger Beobachter einen Kampf bemerkt hätte.

Bis auf einen, der jetzt langsam herüberkam. Ein großer Typ mit einem nichtssagenden flächigen Gesicht. Er hatte die geschmeidigen Bewegungen eines Mannes, der sich seiner Kraft und seiner Überlegenheit bewusst war. Der hell glänzende Stern am durchgeschwitzten Hemd war noch dazu angetan, die Überlegenheit zu verstärken.

Der Sheriff von Casa Grande hatte als einziger bemerkt, dass dort unter dem Dach des Schuppens ein seltsam gekleideter Fremder einen Mann der Eisenbahn niedergeschlagen hatte. Er warf die halb aufgerauchte Zigarette auf den Boden. Seine Augen saugten sich an Shengs Gesicht fest, soweit das für den Mann draußen im hellen Sonnenlicht zu erkennen war.

Der Sheriff von Casa Grande war ein Mann der Eisenbahn. Es konnte nicht anders sein. Die Eisenbahngesellschaften bestimmten in den wilden Jahren ihrer hemmungslosen Ausdehnung, was in ihrer unmittelbaren Umgebung geschah. Sie machten die Gesetze, sie setzten sie durch.

Und sie bestimmten, wer den Sheriff spielen durfte. Dieser hier würde keine Ausnahme darstellen.

Jetzt tauchte er in den Schatten. Der Aufseher rappelte sich auf. Er grapschte nach seinem Revolver.

Sheng kniff die Lider zusammen. Er blieb überrascht stehen, als er den Fremden sah. Die große drahtige Gestalt, das kantige unbewegte Gesicht. Doch nicht der Anblick der Gestalt überraschte den Sternträger. Es war die Tatsache, dass dieser Mann unbewaffnet war. Und dennoch hatte der andere, der Bulle, den der Sheriff kannte und von dem er wusste, dass er ein übler und harter Schläger war, am Boden gelegen.

Der Aufseher stand auf seinen großen Füßen. Er starrte Sheng an, dann den Sheriff. Niemand sagte ein Wort, bis der Aufseher sich den' Staub von der Hose klopfte.

Alles in Ordnung, Ernest?“, fragte der Sheriff. Seine Stimme klang leise wie die eines Mannes, der es verstand, sich Gehör zu verschaffen.

Das breite Kinn des Schlägers mahlte. Sheng unterdrückte ein Lächeln. Er wusste, was jetzt kam. Dieser Strolch wollte sich nicht blamieren. Er würde es nicht zugeben, von dem fremden Mann in den Staub gelegt worden zu sein.

Ich bin gestolpert“, sagte er. Er grinste schief, schlug mit dem Peitschenstiel auf seine Hand und schlenderte über den staubigen Platz zu seinen Leuten hinüber.

Sheng wollte sich abwenden. Da legte der Sheriff seine Hand auf den Arm des schlanken Mannes. Sheng blieb stehen. Er lächelte den Sheriff sanft an.

Eben angekommen?“, fragte der Sternträger.

Sheng nickte.

Suchst du Arbeit?“

Sheng schüttelte den Kopf. Er sah, wie sich der stämmige Hals des Sheriffs rötete.

Ich bin auf der Durchreise“, erklärte er. Er wollte es nicht auf eine neue Auseinandersetzung ankommen lassen. Bereitwillig fügte er hinzu: „Mit dem nächsten Zug fahre ich zurück. Vielleicht morgen schon, wenn einer fährt.“

Immer noch lag die Hand des Gesetzeshüters auf seinem Arm. Sheng bewegte sich nicht. Er wollte den Mann nicht provozieren.

Du bist Chinese, wenn mich nicht alles täuscht“, stellte der Sheriff fest. „Ich irre mich da selten.“ Sheng verneigte sich leicht. Der Sternträger verzog die Lippen. „Und du suchst keine Arbeit?“

Nein, Sheriff, ich brauche keine Arbeit, weil ich Arbeit habe. Ich bin auf der Suche nach einem Freund...“ Er verstummte. Je weniger er sprach, desto besser.

Der Sheriff kniff die Lider zusammen.

Und wieder konnte Sheng förmlich sehen, was in dem Gehirn eines anderen Mannes vorging. Der Moloch Eisenbahn brauchte Menschen, weil er sie verschlang wie das Höllenfeuer. Immer neue Menschen fraß dieser unersättliche Drache. Die Eisenbahngesellschaften zahlten jedem hohe Prämien, der ihnen Arbeiter vermittelte. Die Methoden, mit denen sie angeworben wurden, spielten dabei keine Rolle. Der Sheriff witterte ein schnelles Geschäft.

Lauernd blickte er den ruhig vor ihm stehenden jungen Mann an. „Wo wirst du schlafen?“, fragte er.

Irgendwo hier draußen“, antwortete Sheng. Er sah sich um und deutete auf den Lagerplatz eines Holzhändlers. Gestapelte Bretter, provisorische Stallungen für die Zugpferde, das Windrad über einem Brunnen. Das Rad blickte wie ein großes Auge in die sengend heiße Wüste hinaus, aus der ein stetiger Wind wehte, heiß wie der Gluthauch der Hölle. Die Indianer nannten ihn den Bösen Wind.

Der Sheriff nickte. „Pass auf dich auf, Chinamann“, sagte er höhnisch. Ein letzter prüfender Blick auf den Mann, der bestimmt kein reinrassiger Chinese war. Nur die leicht geschlitzten Augen und diese asiatische Geduld und Sanftmut verrieten ihn einem geschulten Beobachter.

Im Schatten des Schuppens blieb Sheng stehen, bis der Sheriff in der Menge untergetaucht war. Er nahm sich vor, diesen Mann zu meiden. Rasch schritt er über den Platz vor dem Bahnhof und bog dann in die Main Street ein. Er nahm sich noch etwas vor. Er würde Wan Schao, den alten Freund, nicht kompromittieren, indem er sofort eine freudige Begrüßung abzog. Er würde dem Freund ein Zeichen geben, mehr nicht. Zunächst jedoch machte er sich daran, Wan Schaos Speisehaus zu suchen.

 

*

 

Das Haus lag in einer Seitenstraße. Sheng entdeckte das Holzschild mit einer allegorischen Figur, die den alten Tuschzeichnungen nachempfunden war. Sheng lächelte. Er hatte gar nicht gewusst, dass Wan Schao ein Künstler war.

Sheng bog in die kurze Gasse ein, die auf eine parallel zur Main Street verlaufende Straße mündete. Wan Schaos Haus lag an der Ecke zu dieser Parallelstraße. Ein zweistöckiger einfacher Bau, gelb angestrichen, mit einem hohen Bretterzaun. Sheng öffnete die Tür zum Gastraum.

Ein melodisches Glockenspiel meldete seine Ankunft. Der Gastraum enthielt nur sechs Tische mit jeweils vier einfachen Holzstühlen. Neben dem Durchgang zur Küche stand eine schlichte Kommode. Ein paar chinesische Tuschzeichnungen hingen an den Wänden. Sie verrieten den gleichen Stil wie das Schild draußen an der Main Street.

Zwei Tische waren besetzt. An einem saßen drei Männer, die wie Cowboys gekleidet waren, an dem anderen zwei ältere Chinesen in einfacher Kleidung, die jedoch sehr sauber war. Ihre gepflegten weißen Hände verrieten Sheng, dass sie nicht an der Bahnlinie arbeiteten. Sie unterhielten sich leise in einem südchinesischen Dialekt, während sie bedächtig die Stäbchen zum Munde führten.

Sheng wählte einen Platz am Fenster. Durch die feine Gardine konnte er die Gasse überblicken. Er hob den Kopf, als er die polierten Holzkugeln aneinanderschlagen hörte. Der Holzperlenvorhang wurde geteilt, und Sheng sah das Gesicht seines Freundes.

Wan Schao hielt den Atem an, als er Sheng erblickte. Sein Gesicht wurde blass, und seine Augen zuckten unruhig umher. Sheng warf ihm einen warnenden Blick zu. Wan Schao kam durch den Raum. Seine Füße schlurften durch das Sägemehl wie die eines alten Mannes.

Sheng stellte seine Deckenrolle auf den Boden. Auf englisch sagte er: „Ist es zu spät für ein einfaches Essen?“ Er wollte dem anderen zuvorkommen. Er sollte noch nichts sagen. Das Gesicht und das Aussehen des Freundes bestürzten Sheng.

Wan Schao nickte. Er rückte die Decke und den Ständer mit den Gewürzen zurecht. Sheng sah, dass die Hände des Chinesen zitterten. Als Wan Schao den prüfenden Blick Shengs bemerkte, zog er die Hand rasch zurück. Er schlurfte in die Küche. Die Holzkugeln klapperten leise. Eine Fliege summte an der Scheibe entlang. Ein Cowboy riss ein Streichholz an. Es war heiß in dem kleinen Gastraum.

Wan Schao brachte eine Schüssel Reis, frisches knuspriges Brot und eine reichliche Portion Schweinefleisch mit Sojabohnen und angedickter klarer Soße. Der Wirt legte Stäbchen neben den Teller, da er wusste, dass Sheng meisterhaft mit ihnen umzugehen wusste und sie auch meistens bevorzugte. Sheng griff jedoch zu Messer und Gabel.

Ohne aufzublicken begann er zu essen. Wan Schao brachte noch eine Karaffe Wasser und ein Glas. Unschlüssig blieb er neben dem Gast stehen, bis einer der Cowboys laut nach ihm rief. Die Männer bezahlten und verließen das Lokal. Wan Schao zog sich bedrückt in die Küche zurück. Die Schnüre mit den Holzperlen schwangen langsam hin und her. Sheng konnte sehen, dass Wan Schao hinter dem Vorhang stand und ihn beobachtete.

Sheng aß schneller, als es seiner Gewohnheit entsprach. Die beiden älteren Chinesen ließen nicht erkennen, dass sie ihr Mahl in absehbarer Zeit beenden würden. Im Gegenteil. Wan Schao musste ihnen mehrmals Reis, Gemüse und gebratenes Entenfleisch nachreichen.

Sheng bezahlte schließlich vor den Männern. Aus ihrer Unterhaltung hatte er geschlossen, dass es sich bei dem einen um einen ortsansässigen Geschäftsmann handelte, der Besuch von einem entfernten Verwandten hatte, der in Kalifornien lebte und ungemein viel zu berichten hatte. Harmlose Männer, aber Sheng war gewarnt.

Er verließ den Raum. Draußen wandte er sich sofort nach links. Er schritt an dem Bretterzaun entlang und bog in die ausgefahrene Straße am Ende der Gasse ein. Auf diese Straße stießen die Grundstücke der Main Street. Von hier aus waren ihre Höfe und die Ställe zu erreichen. Weiter rechts befand sich das große neue Eisenbahn-Hotel, davor der Long Branch Saloon, davor eine Cantina, durch deren geöffnete Türen leise Klaviermusik wehte. Sheng konnte keinen Menschen entdecken; es war einfach zu heiß, um ohne dringenden Grund den Schatten der Häuser zu verlassen.

Sheng betrat den Hof hinter Wan Schaos Speisehaus. Das Tor stand offen. Der Hof war klein. Es gab ein einfaches Schuppendach, unter dem leere Flaschen, Brennholz und Gerümpel gelagert wurden. Keine Ställe, nicht einmal eine einfache Box oder eine Haltestange für ein Pferd. Trotzdem lag frischer Dung mitten auf dem Hof.

Sheng sah das Gesicht des Freundes hinter einer Gardine. Es verschwand. Sheng bemerkte die zersplitterte Tür, deren Reste schief in den Angeln hingen. Wan Schao erschien im Rahmen. Er reichte Sheng schweigend die Hand und zog ihn ins Haus.

Du betrittst ein Haus, in dem das Unglück wohnt“, sagte Wan Schao leise. Er hielt den Kopf gesenkt. Sheng legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sanft drückte er den Nacken des Freundes mit den schlanken sehnigen Fingern. Das Beben der Muskeln ließ sofort nach. Sheng wartete geduldig. Sein Freund befand sich in großer Not.

Sie waren hier. Heute morgen. Sie fragten nach dir“, sagte Wan endlich.

Sheng atmete tief durch. Sie waren schneller als der Wind, dachte er, und schneller als der Vogel, der auf den Schwingen des Windes dahinfliegt.

Du konntest es ihnen nicht sagen“, stellte Sheng fest.

Nein - aber sie glaubten mir nicht. Sie... haben meinen Sohn gequält. Er ist krank seit diesem Tag. Und sie haben Hsu Wanpao mitgenommen, meine Frau.“

Sheng schloss die Augen. Er brauchte seine ganze innere Kraft, um den aufsteigenden Zorn niederzuzwingen. „Dein Sohn“, sagte er schließlich, „muss er leiden?“

Er nimmt die Welt nicht wahr. Er ist nicht bei Bewusstsein.“

Betreut ihn der Arzt?“

Er liegt oben. Der Arzt von Casa Grande hat keine Zeit für einen Chinesenjungen.“

Bring mich zu ihm“, sagte Sheng ruhig. In seinem Herzen tobte ein Sturm. Er folgte dem Freund die enge Stiege hinauf. Der Gang oben war kaum breiter als Shengs Schultern. Zwei offene Türen mündeten auf den Gang. Die beiden Räume dahinter waren liebevoll eingerichtet wie die Räume in den Häusern chinesischer Bürger.

Doch Sheng hatte jetzt keinen Blick übrig für die Liebe, mit der dieses Haus umsorgt wurde. Er sah den kleinen Körper eines schwarzhaarigen Jungen auf einem ebenerdigen Bett liegen. Das einzige Fenster war verhängt.

Sheng trat neben das Lager. Er ließ sich auf die Knie nieder und blickte in das kleine Gesicht mit den flachen Augen. Die Lider, dünn wie chinesisches Papier und grau wie der Staub der Straße, zuckten. Der Atem ging rasch und stoßweise. Sheng legte sein Ohr auf die zuckende Brust des Kindes. Er lauschte dem schwachen, flatternden Herzschlag. Behutsam zog er die leichte Decke zurück, die den Körper bedeckte.

Wan Schao hatte den Knaben nackt ausgezogen. Sheng sah die verfärbte Stelle am Körper des Jungen, wo der gemeine Tritt des Schinders ihn getroffen hatten. Vorsichtig betastete er die Rippen. Die Reaktionen des Gesichtes waren schwach, aber Sheng war sicher, dass eine Rippe angebrochen war. Er legte eine Hand auf die Stirn des Kindes. Es fieberte bereits. Es brauchte dringend Flüssigkeit wegen des Fiebers, aber zuerst mussten die Verletzungen genauer untersucht werden. Die rasch schwächer werdende Atmung alarmierte Sheng.

Halte etwas zu trinken bereit. Dazu frisches Obst, Gemüse und Zucker. Habt ihr Kräuter im Haus? Tücher, Verbände?“

Wenn Hsu Wanpao hier wäre... sie versteht es, Kranke zu heilen. Warte, ich hole ihren Kasten!“

Wan Schao lief in das andere Zimmer. Er brachte einen prächtig lackierten Kasten aus Sandelholz, den er beinahe ehrfürchtig neben Sheng abstellte.

Hsu Wanpaos Mutter hat ihr diesen Kasten geschenkt, bevor sie die lange Reise nach Amerika antrat“, berichtete Wan Schao.

Sheng hörte den Worten des Freundes nicht zu, er gebot ihm jedoch auch nicht, zu schweigen. Das Reden lenkte den Freund von seinen Sorgen ab.

Sheng öffnete den Kasten. Darin befanden sich unzählige Flaschen verschiedener größen, Schalen und Töpfe, saubere Tücher, Leinenverbände, scharfe kleine Messer und Nadeln, mit denen die Verbände festgesteckt werden konnten. Sheng öffnete Flaschen und Tiegel, roch an ihrem Inhalt, stellte einige, die er. später brauchen würde, neben sich. Ein Blick in das Gesicht des Knaben ließ ihn handeln.

Er hatte eine längliche, kunstvoll geschnitzte runde Dose aus altem Elfenbein in dem Kasten entdeckt. Er nahm den Deckel ab. „Licht“, sagte er. Wan Schao zog den Vorhang zur Seite. Sonnenlicht flutete in den Raum. Es ließ dünne silberne Nadeln aufblitzen.

Sheng drückte den Kopf des Jungen zur Seite. Ohne zu zögern stach er eine Nadel in die Haut hinter dem Ohr, eine andere in den Nacken, wieder andere in den kaum sichtbaren Muskel neben der Wirbelsäule. Der Junge lag jetzt auf der Seite. Sheng neigte lauschend den Kopf. Er hörte nur das Keuchen Wan Schaos. Sheng hielt den Kopf des kleinen Wan Shu mit einer Hand fest. Er drehte ihn herum. Er sah die leicht geöffneten Lippen, die Nasenflügel bebten. Entschlossen stieß er eine Nadel in den Ringmuskel des rechten Auges.

Sofort veränderte sich die flache, kaum wahrnehmbare Atmung. Der Brustkorb hob sich, die Blaufärbung der Lippen wich. Sheng zog die Nadel aus dem Rücken und legte das Kind bequem hin. Er öffnete den Mund und atmete lauter. Sheng begann, mit geschickten Fingern einen elastischen Verband anzubringen, der die geprellten Rippen stützen sollte.

Er sah den Vater lächelnd an. „Mach kein so besorgtes Gesicht“, sagte er. „Natürlich tut ihm alles weh. Doch das ist normal. Er wird bald wieder gesund werden.“ Er hakte den Verband fest. „Es sind keine wichtigen Organe verletzt, nur das ist wichtig.“ Er wischte den Schweiß vom Gesicht des Kindes. „Du kannst dich jetzt wieder um deine Gäste kümmern. Wenn sie dich nicht sehen, verschwinden sie schließlich ohne zu zahlen.“ Sheng lächelte. „Wenn er wach wird, gib ihm zu trinken.“

Ich schließe unten ab“, sagte Wan Schao.

Nur, wenn du immer um diese Zeit abschließt“, warnte Sheng. „Tue nichts, was auffällt.“

Wan Schao nickte und eilte die Stufen hinab. Sheng rieb die Haut des Jungen mit kühlenden Salben ein, ehe er ihn zudeckte. Dann schloss er den Kasten, nachdem er die Flaschen und Töpfe wieder eingeordnet hatte. Er hielt Hsu Wanpaos Mutter für eine weise Frau. Sie hätte ihrer Tochter nichts Besseres mit auf die Reise in ein fernes Land geben können als diesen Kasten aus Sandelholz.

 

*

 

Sie saßen in der Küche und tranken Tee. Der Gastraum war leer. Wan Schao hatte erzählt, was geschehen war. Bis auf das eine. Er sah den Mann an, den man den Tiger-Mann nannte.

Sheng spürte, dass den Freund noch etwas bedrückte, nicht nur die Tatsache, dass die Verbrecher die kleine Hsu Wanpao mitgenommen hatten, Wan Schaos Frau.

Beschreibe die Männer“, sagte er.

Teng Tschen, du kennst ihn. Der Mexikaner. Er sieht aus wie eine Ratte. Er trägt einen dünnen Bart, seine Haut hat die Farbe von Oliven. Er ist mittelgroß und sehr eitel, glaube ich. Sei vorsichtig! Er ist verschlagen wie eine Ratte! Am Gürtel trägt er zwei Revolver. Am Sattel habe ich eine schwere Peitsche gesehen, eine mit eingeflochtenen Bleikugeln. Dann war da ein Amerikaner. Schwarz gekleidet. Ein Revolvermann, Sheng...“ Wan Schao verstummte, er sah Sheng unglücklich an.

Und wer noch?“

Sie sagten, er sei dein Vater.“

Sheng schloss die Augen. Er sah die feingemeißelten Züge der Frau vor sich, die seine Mutter war. Er hatte sie nur einmal gesehen, einmal nur in seinem Leben für kurze Augenblicke. Selbst die Jahre hatten der vornehmen Schönheit dieser Frau nichts anhaben können. Er kannte ihr Gesicht. Er musste noch ein weiteres Gesicht sehen, das erst ermöglichen würde, sich selbst als Ganzes zu erkennen. Das Gesicht seines Vaters, das seiner Mutter, sein eigenes.

Er öffnete die Augen. Wan Schao berichtete, was er gesehen hatte, als die fremden. Reiter seinen Hof verließen. Hsu Wan als lebloses Bündel im Sattel des Mexikaners. Teng Tschen, der die Gruppe antrieb. Und die schwankende Gestalt eines Mannes, der sich kaum im Sattel halten konnte.

Er hat graues Haar und ein volles Kinn. Eine hohe Stirn, ja. Sheng, ich war wie tot!“

Du hast ihn nicht so genau gesehen. Ich verstehe.“

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738905557
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (November)
Schlagworte
sheng eine falle
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Titel: Sheng #6: Eine Falle für Sheng