Lade Inhalt...

Heldenhafte Seemänner #12: Neptuns Rache

2016 120 Seiten

Leseprobe

HELDENHAFTE SEEMÄNNER

 

Band 12

 

Neptuns Rache

 

Ein Roman von Glenn Stirling

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Willy Stöwer mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Klappe

Ein Mann narrt acht Jahre lang die britischen Kolonialbehörden in der Südsee. Mit seiner Barkentine „Oktavia" schmuggelt er auf Teufel komm raus alle möglichen Güter, und es gelingt den Engländern nicht, den legendären „Hai" und sein Schiff „Oktavia" daran zu hindern. Dieser „Hai“, der eigentlich Arnos Callaghan heißt, wird seinen hartnäckigen Jägern zum Albtraum. Schließlich aber bereitet Captain Jack Thatcher von der Marine Ihrer Majestät der Queen Victoria eine raffinierte Falle für den „Hai“, dessen Mannschaft und sein Schiff vor ...

 

 

 

 

Die authentischen Unterlagen verdanken wir

Monsieur Lescher, Papeote/Tahiti

 

 

 

Roman

 

Er darf uns diesmal nicht wieder entkommen!“, rief Thatcher.

Matt glänzte das Messingfernrohr im Mondlicht. Kapitän Jack Thatcher presste sein linkes Auge ans hintere Ende. „Donnerwetter! Er kommt ziemlich rasch herein. Endlich habe ich ihn.“

Tom Rudney, der neben ihm auf dem Felsen stand, blickte in die pflaumenblaue Nacht hinaus. Am Himmel der Mond, die Sterne mit dem Kreuz des Südens, unten das Meer, in dem sich Mond und Sterne spiegelten, die Wellenkämme und dann das Schiff.

Es kam direkt auf die Insel zu.

Ich wäre nicht so sicher“, sagte Tom Rudney. „Wie oft hatten wir diesen Hai schon fast im Netz. Immer wieder ist er uns entkommen.“

Kapitän Jack Thatcher richtete sich auf, sah seinen Steuermann an und sagte: „Diesmal entkommt er uns nicht. Immerhin haben wir fast hundert Mann aufgeboten. Und dann, Tom, vergessen Sie die Kanonen nicht! Er wird uns in die Falle laufen. Sobald er in die Bucht hereinkommt, speien unsere Kanonen Feuer und Verderben.“

Tom Rudney blickte nachdenklich. „Ich wollte, Sie hätten recht, Kapitän. Es wird höchste Zeit, dass wir Arnos Callaghan, diesen Hai, zu fassen bekommen. Ich bin nur skeptisch. Er ist uns einfach zu oft davongekommen.“

Malen Sie nicht den Teufel an die Wand, Tom! Ich sagte, wir sind fast hundert Mann und die Kanonen. Was hat er denn? Mehr als ein Dutzend Männer sind es doch nicht auf seiner Barkentine.“

Tom Rudney sagte nichts mehr. Er blickte nach rechts über die Grate der Felsen hinweg, sah da einen Kopf, dort einen Gewehrlauf, und er rief den Männern zu: „Zeigt euch nicht! Bleibt in Deckung! Die Burschen sind sofort verschwunden, wenn sie einen von euch erblicken.“

Unten rauschte die Brandung an die Küste. Es war eine romantische Nacht, warm dazu, und doch lauerte der Tod in dieser Bucht, lauerte auf die Barkentine „Oktavia“ und ihre Besatzung.

Tom, sehen Sie noch einmal nach den Geschützen, dass alles in Ordnung ist! Kümmern Sie sich dann auch um die Winden, die die Trosse halten! Das muss nachher klappen. Die Trosse muss schnell genug hochgezogen werden. Wenn das nicht rasch geschieht, machen die kehrt und sind weg.“

Daran wird es nicht scheitern“, meinte Tom Rudney. „Aber er ist ein Fuchs. Ich kann mir eigentlich nicht denken, dass er entkommt.“ Rudney zuckte die Schultern. „Wenn man es sich richtig überlegt, ist er doch ein großartiger Gegner. Wie oft hat er uns, die wir doch weit überlegen sind, schon an der Nase herumgeführt, lässt sich gar nicht stören, schmuggelt immer weiter.“

Kapitän Thatcher, den man hier in der Südsee „Black Jack“ nannte, schüttelte missbilligend den Kopf. „Er ist ein Gesetzesbrecher. Wenn jeder so handeln würde wie er, wo kämen wir da hin? Diesmal geht er uns in die Falle. Und dann ist es aus für ihn.“

Rudney dachte daran, dass sie das Kanonenboot in einer Seitenbucht versteckt hatten. Es würde nachher, sobald die Barkentine die Einfahrt zur Bucht erreicht hatte, auslaufen, um für alle Fälle der Barkentine den Rückweg zu versperren.

Aber all das hatten sie schon mehrmals versucht. Immer war es Kapitän Arnos Callaghan gelungen, mit der Barkentine zu entkommen.

Da draußen näherte sie sich. Nur die Vorsegel waren gesetzt. Die Fock und Schonersegel waren geborgen.

Sie kam langsam, majestätisch. Der Pfeil der Bugwelle leuchtete wie flüssiges Silber im Mondlicht.

Rudney musste daran denken, wie nahe sie schon mehrmals gewesen war, nahe genug, um sie versenken zu können, und dennoch hatte es nie geklappt. Immer war Callaghan, den sie hier in der Südsee den „Hai" nannten, in letzter Sekunde mit dem Schiff entkommen.

Wäre er nur ein kleiner Schmuggler gewesen, kaum jemand hätte sich um die Unrechtmäßigkeit seines Tuns Gedanken gemacht. Aber er war kein kleiner Schmuggler, o nein. Er war ein Pirat, einer, dessen Beispiele Hunderte anderer aufmunterte, es so zu treiben wie er. Noch nie war der Schmuggel so lebhaft gewesen wie in der Zeit, seit Arnos Callaghan die Südsee befuhr, und das war mittlerweile jetzt schon acht Jahre der Fall. Er trieb es immer toller.

Und er hatte bislang immer die Möglichkeit gehabt, zu den Inseln von Französisch-Ozeanien zu flüchten. Die dortigen Behörden unternahmen nichts gegen ihn, auch dann nicht, wenn seine Barkentine vollbeladen aus China kam. Und da hatte er nicht nur Seide geladen, sondern etwas, worauf die englischen Behörden besonders scharf waren: Opium.

Die Einfuhr von Opium wurde nach den britischen Kolonialgesetzen mit schwerem Kerker bedroht.

Trotz dieser hohen Strafen blühte der Handel mit Opium. Obgleich die Südseeinsulaner selbst berauschende Getränke kannten, bevorzugten sie dort, wo es für sie erhältlich war, das stärker und länger wirkende Opium. Überall dort auf den Inseln, wo Chinesen als Händler Fuß gefasst hatten, gründeten sie geheime Opiumhöhlen, von denen ab und zu durch die Kolonialbehörden die eine oder andere entdeckt und ausgeräumt wurde.

Während sich die französischen Behörden offenbar keine Gedanken um dieses menschenmordende Rauschgift machten, setzten die Engländer alles ein, um der Schmuggler habhaft zu werden.

Viele waren Kapitän Thatcher und Tom Rudney schon in die Falle gegangen. Aber einer trotzte ihnen seit acht Jahren, machte sich einen Sport daraus, möglichst dicht an englischen Kriegsschiffen vorbei seine Konterbande in die verbotenen Gebiete zu fahren.

Aber heute Nacht, sagte sich Rudney, schlägt sein Stündchen. Wir kennen kein Erbarmen.

Die „Oktavia“ rauschte, etwas langsamer geworden, aber doch stetig dem Zugang der Bucht entgegen.

Die Bucht wurde von den Felsen gebildet, die sie umringten. Im hinteren Teil traten die Felsen etwas zurück. Da war so etwas wie ein Unterland, in dem sich die Vorläufer des Ortes bis dicht ins Wasser hin erstreckten. Der Ort selbst lag in einer breiten Schlucht, geschützt gegen Orkane, die hier sehr grimmig toben konnten, und von See her schlecht einsehbar. Das hatte die Bevölkerung von Awarud oft genug gegen Angriffe der Piraten geschützt.

Die Felsen, die diese Bucht zu gut dreiviertel umringten, öffneten sich vorn nach See auf eine Breite von einer guten halben Meile. Aber die Fahrrinne war sehr schmal. Riffs und Untiefen gefährdeten die ein- oder auslaufenden Schiffe. Man musste schon die Fahrrinne sehr genau kennen oder einen guten Lotsen haben, um sicher durchzukommen.

Aber Rudney konnte sich an fünf Fingern abzählen, dass Arnos Callghan keinen Lotsen brauchte. Dem waren hier die Inseln so vertraut, als wäre er selbst ein Eingeborener.

Die Felsen, die zu beiden Seiten der Durchfahrt aufragten, waren oben mit Kanonen bestückt worden.

Auch hinten vor der Stadt hatten Soldaten der britischen Kolonialarmee eine Feldkanone installiert.

Es gab ein Signal. Eine brennende Fackel sollte hier in der Stellung Kapitän Thatcher und Rudney und einem Melderstand vom Felsen herab in die Tiefe geworfen werden. Geschah das, würden die Kanonen Tod und Verderben spucken. Eine zusätzliche Sicherung war ebenfalls eingebaut. Man hatte von beiden Seiten der Durchfahrt eine Stahltrosse gespannt. An der einen Seite war eine Winde installiert worden, und über dieses Windenspill, das von mehreren Soldaten bedient wurde, wollte man das Stahlseil anspannen, so dass es wie eine Barriere wirken musste.

Aber bevor das geschah, musste die Barkentine erst einmal in die Bucht hineinfahren. Auf diese Weise, indem man die Stahltrosse anzog, wollte man ihr den Rückweg unmöglich machen. Sie würde dann für die Kanonen ein sicheres Ziel sein.

Kapitän Thatcher schien dieselben Gedanken gehabt zu haben wie Rudney. Er sagte leise: „Wir schießen sie zusammen. Es wäre mir sehr recht, wenn von denen keiner von Bord kommt. Sie wissen ja, wie das ist. Wir müssen ihnen beweisen, dass sie auf dieser Fahrt ebenfalls Opium geschmuggelt haben. Es gibt aber keine wirklichen Beweise. Ich rechne jedenfalls nicht damit. Machen wir kurzen Prozess. Wenn dieser Bursche mit seinen Leuten verschwunden ist, haben wir Ruhe. Dann trauen sich vor allen Dingen die vielen kleinen Händler und Schmuggler nicht mehr, uns an der Nase herumzuführen. Sie werden immer frecher. Sie tun es nur, weil Callaghan sich alles erlaubt. Dieser Hai muss weg, dann werden auch die kleinen Raubfische wieder friedlich.“

Rudney sagte nichts, aber ihm missfiel das, was Black Jack vorhatte.

Insgeheim musste er Callaghan wegen seiner Raffinesse und seiner Schläue größten Respekt zollen. Er empfand es als unfair, ihn jetzt mit seinem Schiff einfach zusammenzuschießen, nur weil es die einfachere Lösung war.

Aber Black Jack hatte das Kommando, und ihn wiederum konnte Rudney auch verstehen. Seit acht Jahren trieb Callaghan seinen Schmuggel. Seit sechs Jahren wurde er von Black Jack verfolgt. Sechs lange Jahre versuchte der sonst so erfahrene Kanonenbootkommandant diesen Schmuggler zu fassen, bis jetzt vergeblich.

Black Jack hatte es sich zur persönlichen Aufgabe gemacht. Sein ganzes Denken konzentrierte sich nur noch darauf, Callaghan, den Hai, zu fassen

Wissen Sie, wir mir zumute ist? Es kribbelt im ganzen Körper“, sagte Black Jack, schnitt sich ein Stück Priem ab und stopfte ihn sich in die Backe.

Er ist noch nicht in der Bucht“, entgegnete Rudney.

Trotzdem, es sind nur noch Minuten, dann haben wir ihn. Mein Gott, welch ein Gefühl, endlich diesen Burschen zu fassen, nach sechseinhalb Jahren. Aber ich habe gewusst, dass dieser Tag kommen wird. Jetzt ist er da.“

Er wog die Fackel in seinen Händen, die noch nicht angezündet war, aber die in die Tiefe zu werfen er kaum noch erwarten konnte.

Aber die Barkentine befand sich noch fast drei Kabellängen von der Durchfahrt in die Bucht entfernt.

Und jetzt, das konnte man deutlich sehen, wurden auf der Barkentine bis auf das Oberbrahmsegel alle Vorsegel eingebracht.

Die Fahrt verlangsamte sich merklich.

Was ist denn jetzt?“, knurrte Black Jack. „Warum wird er denn langsamer? Hat er Angst, in den Riffen steckenzubleiben?“

Das ist bei Nacht eine schwierige Durchfahrt“, meinte Rudney. „Er wird schon wissen, was er tut. Angst hat er jedenfalls noch nie gezeigt.“

Der Teufel soll ihn holen! Warum fährt er nur nicht schneller..

Wer hat es schon eilig, wenn es ans Sterben geht?“, meinte Rudney.

 

*

 

Der nackte, nasse Körper des jungen Maoris glänzte wie geölt im Mondlicht.

Der Junge warf einen Blick hinauf zu den Felsen. Er konnte von hier aus die Gewehrläufe der Soldaten sehen. Draußen auf dem Meer aber näherte sich die Silhouette der Barkentine.

Lautlos glitt der junge Maori über das vom Gischt benetzte Riff.

Das Mondlicht traf ihn voll. Sein Körper wirkte wie Bronze. Aber dann glitt er in eine Spalte des Felsens hinab in das brodelnde, quirlende Wasser einer rücklaufenden Woge.

Obgleich das Meer jetzt relativ ruhig war, rauschte und brauste hier die Brandung in die Steilküste.

Dem Jungen war das recht. Während er seewärts kraulte, warf er einen Blick über die Schulter zurück empor zur Höhe der Felsen. Er sah die Soldaten da nicht mehr, aber er wusste, dass sie dort lauerten, und er wusste mehr als das.

Der Junge glitt durch das Wasser, als wäre er in ihm geboren, als gehörte er wie ein Fisch zum Ozean, so geschickt, und doch so gleichmäßig schwamm er hinaus, immer weiter hinaus.

Rechter Hand von ihm war die Einfahrt in die Bucht, die Einfahrt in eine tödliche Falle.

Geschickt durchschwamm der Junge die über die Wasseroberfläche ragenden Riffe, in deren Zacken das Meer gischtete.

Als er wieder zurückblickte, lagen die Felsen weit über ihm.

Zu diesem Zeitpunkt waren auf der Barkentine noch alle Vorsegel bis auf die Fock gesetzt. Aber der Maori sah, dass man Unter- und Obermarssegel und das Unterbrahmsegel reffte. Die Fahrt des Schiffes wurde merklich langsamer.

Zwei Minuten später hatte der Junge die Steuerbordseite der Barkentine erreicht. Das Schiff, das aus größerer Entfernung winzig gewirkt hatte, ragte mit seiner Bordwand hoch neben ihm auf. Eine Jakobsleiter hing herab. Der Junge zog sich an ihr empor. Als er aufenterte, entdeckte er oben einen breitschultrigen struwwelhaarigen Mann, der ihm hilfreich eine Hand entgegenstreckte.

Da ist ja Crack schon, dachte der junge Maori, und dann fühlte er sich schon von dieser Hand gepackt und hochgezogen.

Splitternackt stand der junge Maori an Deck und sah den großen Blonden an, dessen Haar im Mondlicht grünlich schimmerte. Aber dann glitt sein Blick von Crack auf den Kapitän, der schräg über dem Matrosen aufgetaucht war.

Arnos Callaghan war ein Schrank von einem Menschen, ein Hüne, der alle in seiner Mannschaft überragte. Da auch die Nächte hier nur wenig abkühlten, trug er nichts außer seinen Hosen und einen breiten Gürtel, in dem ein Revolver steckte. Seine behaarten, muskulösen Arme hatte er in die Hüften gestützt. Auf seinem grauhaarigen Schädel trug er eine Kapitänsmütze, die schon längst aus der Fasson geraten war.

Was ist, Mungo? Ich habe kein Feuer gesehen.“

Eine Falle“, sagte Mungo, der Maori. „Sie haben Kanonen und viele Soldaten. Und ein Seil hat die Zufahrt gesperrt. Sie müssen sofort den Kurs wechseln, Kapitän!“

Callaghan lächelte. Jetzt, wo er die Zähne bleckte, erinnerte er wirklich an einen Hai. „Ich habe damit gerechnet, dass etwas ist. Sonst hättest du ja ein Feuer gemacht, Söhnchen, wie ich es dir gesagt habe. Nun gut, es ist noch früh genug. Sie können ja nicht wissen, dass ich damit gerechnet habe. Wo stehen die Kanonen?“

Mungo deutete auf die beiden Felskanzeln zu beiden Seiten der Buchtzufahrt.

Natürlich“, meinte der bullige Kapitän. „Das hätte ich auch getan. Und eine dritte wird hinten am Ende der Bucht sein.“

Genau da ist sie“, bestätigte Mungo. „Es sind an die hundert Soldaten.“

Na prächtig. Dann wollen wir etwas tun, damit sich ihnen der Hintern erwärmt - also acht Strich steuerbord“, sagte er mit gedämpfter Stimme über die Schulter zurück.

Acht Strich, aye, aye, Sir“, antwortete Renzo, der am Ruder stand. Der mittelgroße Mann griff in die Speichen, um das Rad herumzuwerfen.

Hilf ihm, Crack!“, sagte der Kapitän und Crack hastete nach achtern, um Renzo zu helfen.

Acht Strich, das bedeutete eine Wendung um neunzig Grad.

Mister", sagte der Kapitän, „alles Zeug setzen, das wir haben!“

Mister, das war der Bootsmann, ein sehniger, knorriger Bursche mit semmelblondem Haar und leuchtend blauen Augen. Jetzt allerdings, im Mondlicht, wirkte das Haar wie Asche.

Überall tauchten jetzt an Deck die Männer auf. Blitzartig fielen die Segel, wurden angebrasst, und die „Oktavia" lag voll im Wind, und der kam von Süd und strich die Küste entlang.

Unweit der Stelle, wo Mungo vorhin ins Wasser geglitten war, jagte Kapitän Callaghan das Schiff haarscharf zwischen den Klippen hindurch.

In demselben Augenblick, als das Schiff diese Wendung vollzogen hatte, ertönte oben auf der Höhe ein Trompetensignal. Es war so laut, dass es jeder an Deck hören konnte, trotz der Brandung, die nahe dem Schiff gegen die Steilküste donnerte.

Den Männern an Deck war das, was ihr Kapitän tat, vertraut. Sie wussten von vielen solchen Fahrten, dass dicht unter der Küste mitunter günstige Winde herrschten, die es möglich machten, ein solches Manöver durchzuführen. Aber für die Fahrt zwischen den der Küste vorgelagerten Klippen hindurch gehörte mehr als nur Glück.

Kapitän Callaghan war jetzt selbst mit am Ruder. Er wusste wie kein zweiter, wie man hindurchkam. Das Kommando über die Männer, die an den Segeln arbeiteten, hatte Napoleon übernommen, der Steuermann.

Sie nannten ihn Napoleon, diesen relativ kleinen, aber sehnigen und zähen Mann, der schon als Schiffsjunge unter Callaghan gefahren und bei ihm sein Handwerk gelernt hatte.

Er hieß eigentlich anders. Doch nach seinem wirklichen Namen und nach seiner französischen Herkunft fragte niemand. Sie nannten ihn ganz einfach Napoleon, weil er dessen Statur hatte und ein Franzose war. Und sie nannten ihn sehr respektvoll so, denn nach Callaghan selbst war er der härteste und erfahrenste Mann an Bord.

Auch jetzt zeigte sich die Kunst eines perfekten Zusammenspiels zwischen Kapitän und Steuermann. Sie überließen es keinem Bootsmann, die notwendigen Kommandos zu geben. Wenn es so darauf ankam wie jetzt, dann taten sie das selbst.

Mungo kannte seine Arbeit. Mit affenartiger Geschwindigkeit enterte er in den Fockmast auf. Schneller als alle anderen war er oben auf der Royalrah und belegte das Oberbrahmsegel.

Großmast und Besanmast trugen Schonerbesegelung. Zum Besetzen der Groß- und Besansegel, aber auch der Gaffelsegel brauchte niemand aufzuentern. Das war nur nötig, wenn sich da oben etwas verhedderte. Aber der Fockmast war rahbesegelt.

Wegen der zwei Schonermasten kam die Barkentine mit einer relativ kleinen Besatzung aus, und außerdem war sie mit einer solchen Takelage unheimlich schnell. Die „Oktavia“ gehörte zu den schnellsten Schiffen in der Südsee. Viele erfahrene Kapitäne behaupteten sogar, sie wäre das schnellste Schiff und weit schneller als die Klipper der Engländer.

Mungo, der oben auf der Royalrah stand, hielt die Luft an, als er sah, wie haarscharf die „Oktavia“ von ihrem Kapitän an den Klippen und Riffen vorbeigesteuert wurde. Und das alles geschah in einer schnellen Fahrt mit vollgesetztem Zeug.

Die Segel waren prall vom Wind gefüllt. Unter der Spannung ächzten die Wanten, und die Pardunen sangen wie Telegrafenleitungen im Wind.

An Backbord donnerte die Brandung gegen die Steilküste. Aber das war es nicht, was Mungo interessierte. Er sah von hier oben aus, wie einige Männer aus der Mannschaft die Brandrakete fertigmachten.

Eigentlich sollten es Signalraketen sein, aber Napoleon, dem ständig etwas Neues einfiel, hatte sie umgebaut. Er und Crack, das wusste Mungo, waren auf die Idee gekommen, aus den Signalrakaten Brandraketen zu machen. Und jetzt wurden die unten gezündet. Drei waren es.

Feuerstiebend zischten die Raketen zum Himmel empor, tauchten die Küste rund herum in grelles Licht, schlugen einen Bogen und senkten sich über dem Felsenhorn nach unten, wo eine der Kanonen stand.

Unmittelbar danach schlugen die Brandraketen auf.

Im Gegensatz zu Signalraketen, die am Himmel verglühen, trugen diese ihren brennbaren Inhalt bis zum Ziel. Und dann zerplatzten die Behälter, in denen sich leicht brennbares Öl befand. Von der übrigen glühenden Rakete wurde das Öl in Brand gesetzt.

Und so geschah es auch hier.

Auf einmal war dort, wo die Raketen aufschlugen, ein Feuerball. Im Handumdrehen loderte eine Flammenwand hoch, aber nicht einmal Mungo konnte von seinem erhöhten Platz aus sehen, welches Drama sich dort oben und in der Umgebung der Kanone abspielte.

 

*

 

Die Männer, die an der Kanone standen, konnten von ihrer Position aus nicht aufs Meer blicken. Vielmehr hatte Black Jack ihren Standort so gewählt, dass sie von hier aus in der Lage waren, ein in die Bucht eingefahrenes Schiff mit der Kanone zusammenzuschießen.

So entging den Männern, dass die sich nähernde „Oktavia“ plötzlich beidrehte. Keiner sah, wie sie hart unter der Küste weiterfuhr.

Ein Ausguck, den sie etwas seewärts postiert hatten, meldete diese Tatsache, als unten schon an Deck der „Oktavia“ die Raketen gezündet wurden.

Und dann kam es über sie wie die Faust des Schicksals.

Plötzlich zischten Feuerschweife durch die Luft, kamen hoch über den Felsen hinweg, kippten dann zum Sturzflug ab und senkten sich mit rasender Geschwindigkeit in Richtung auf die Kanone.

Einige der Männer sahen es, starrten wie gelähmt voller Schreck nach oben, bis endlich einer einen erlösenden Schrei ausstieß, bis die Starre von ihnen wich und sie in höchstem Entsetzen versuchten, der Gefahr zu entweichen.

Es gelang keinem.

Die Raketen schlugen auf. Die gläsernen Behälter zerbarsten, das Öl entzündete sich am Raketenkörper, und mit einem Mal war rund um die Kanone ein einziges Feuermeer.

Schreiende, an den Kleidern brennende Menschen stürzten aus den Flammen; blind liefen sie nach allen Seiten.

Drei von ihnen rannten genau auf die Stelle zu, wo der Felsen steil zum Meer hin abfiel. Aber sie sahen nichts. Sie rannten nur, wollten nur hinaus aus diesem Feuer, wollten dem Flammentod entkommen.

Der erste trat ins Leere, begriff, was ihm drohte und schrie auf.

Die beiden anderen reagierten zu spät.

Bei einem erloschen die Flammen an seiner Kleidung im rasenden Sturzflug. Die beiden anderen jagten wie Fackeln dem tödlichen Ziel in der Tiefe zu.

Drüben auf der anderen Seite der Bucht stand Black Jack mit zu Fäusten geballten Händen in ohnmächtigem Zorn und brachte kein einziges Wort über die Lippen.

Neben ihm Tom Rudney. Ihm erging es nicht viel besser. Er sah drüben diese Feuerwand, und er begriff, dass seine Skepsis leider allzu berechtigt gewesen war. Doch schlimmer, Callaghan war ihnen nicht nur entkommen, mehr noch. Der Hai hatte zurückgeschlagen. Etwas musste ihn gewarnt haben. Aber wer, zum Teufel, hatte das getan?

Endlich hatte Black Jack die Erstarrung überwunden, hatte er seinen Zorn bezwungen.

Er wandte sich Tom Rudney zu und sagte mit Grabesstimme: „Jetzt lassen wir das Boot ausfahren. Es wird die „Oktavia“ verfolgen, und sei es bis ans Ende der Welt. Dann lassen wir nicht mehr locker.“

Es hat keinen Sinn“, erwiderte Rudney. „Sie ist viel schneller als wir. Bis wir auf dem Schiff sind, vergeht erst mal Zeit.“

Wir brauchen nicht auf das Schiff zu gehen. Sie müssen es ohne uns können, ohne uns beide. Los, geben Sie das Signal! Dann wird sie aus der Nebenbucht herausfahren und denen folgen. Geben Sie Blinkzeichen, sobald das Boot zu sehen ist!“

Aye, aye, Sir!“ Tom Rudney schickte den Melder los und lief dann selbst in Richtung auf die Felsennock, von wo er den Einsatz des Kanonenbootes „Harrier“ sehen konnte.

Die „Harrier“ lag in einer Nebenbucht. Der Melder brauchte nur über die Felsen hinweg zu einer bestimmten Stelle gehen, von wo aus er ein Lichtsignal setzen konnte, was man von der „Harrier“ aus sehen musste. Auf dieses Lichtsignal wartete der diensttuende Wachoffizier und würde entsprechend handeln.

Wenig später konnte Tom Rudney, der sonst als Steuermann auf der „Harrier“ fuhr, sein Schiff unten auftauchen sehen. Geisterhaft und ohne ein Licht gesetzt zu haben, kam das Kanonenboot aus der Seitenbucht gedampft. Dicke Qualmwolken fegte der Wind über das Vorschiff.

Wo Rudney stand, war auch der Signalgast, der Lichtzeichen an die „Harrier“ geben sollte.

Sie sollen der „Oktavia“ folgen, und sie sofort unter Feuer nehmen, wenn sie auf Kanonenschussweite heran sind!“

Aye, aye, Sir!“, sagte der Signalgast, und dann klapperte in rhythmischen Abständen die Abblendung des Signalscheinwerfers.

Von unten kam kurz darauf die Antwort über den Signalscheinwerfer der „Harrier“.

Man hatte verstanden und nahm die Verfolgung auf. Rudney schien es, als würden die Rauchwolken, die aus dem Schornstein drangen, noch schwärzer und dicker. Sie wehten zeitweise so dicht über das Vorschiff, dass man davon nichts erkennen konnte.

Auf der „Harrier“ wurden an beiden Masten, die zusätzlich zur Verfügung standen, Segel gesetzt. Zusammen mit der Vierhundert PS-Maschine war die „Harrier“ dann in der Lage, zwölf Knoten zu schaffen. Das war für ein Kanonenboot dieser Klasse eine stolze Geschwindigkeit.

Rudney wusste aber auch, dass die „Oktavia“, wenn sie alles Zeug mitsamt der Leesegel gesetzt hatte, bis auf sechzehn Knoten kommen konnte, wenn sie sechs bis zehn Strich am Winde fuhr.

Im Augenblick, das hatte Rudney erkannt, war das der Fall. Vorhin an der Küste noch, war die „Oktavia“ direkt vor dem Wind gefahren. Das bedeutete, dass sie nur achtzig Prozent ihrer Höchstgeschwindigkeit erreichen konnte. Aber nun war sie längst aus dem gefährlichen Labyrinth der Klippen und Riffe hinaus und fuhr über das freie Meer davon. Nach Schätzung von Rudney fuhr sie mit acht Strich am Wind. Und da würde sie die „Harrier" nie einholen können, vorausgesetzt, der Wind drehte nicht. Aber solange Rudney denken konnte, tat er das in dieser Gegend nie. Ein Windwechsel wurde höchstens von einem Orkan oder einem Wirbelsturm hervorgerufen. Unter normalen Verhältnissen kam er hier stets aus dem Süden.

Black Jack tauchte auf. Verbissen wie er war, keuchte er: „Wir werden sie kriegen. Gegen Morgen ist Flaute. Da sind sie ihnen mit der Maschine überlegen. Sie werden sie zusammenschießen.“

Auf offener See haben wir ihn noch nie stellen können“, sagte Rudney so sachlich, dass es Black Jack fast wie Gefühllosigkeit vorkam.

Wir müssen sie kriegen! Wer hätte das gedacht, dass er wiederum wegkommt? Es muss Verräter bei uns geben. Wie sonst hätte er es erfahren können?“

Ich könnte es mir anders vorstellen“, erwiderte Rudney. „Vielleicht hat er Leute hier an Land, die ihm Zeichen geben, wenn reine Luft ist. Ich könnte mir auch denken, dass er dieses Signal nicht bekommen hat."

Ach nein!“, rief Black Jack zornig aus. „Und woher wusste er, dass da oben eine Kanone steht? Haben Sie gesehen? Er hat Signalraketen benutzt, die wie Brandgranaten wirkten. Das ist eine Idee, was? Darauf sind wir noch nicht gekommen.“

Es wäre halb so schlimm gewesen“, sagte Rudney kühl, „wenn die Männer da drüben nicht sofort eine Panik erfasst hätte. Man muss den Dingen gelassen ins Auge sehen."

Black Jack spie seinen Priem aus und sagte grimmig: „Sechseinhalb Jahre bin ich hinter diesem Monstrum her, und immer wieder gelingt es ihm. Wir sind ihm überlegen. Schließlich ist die „Harrier“ nicht das einzige Boot, das ihn jagt, und er stört sich daran nicht. Es ist, als hätte es uns nie gegeben. Er fährt hier herum, als gehörte ihm die ganze Südsee. Und das Verrückteste ist, die Eingeborenen, finden ihn noch großartig."

Er findet sich selbst großartig“, entgegnete Rudney. „Vielleicht machen wir einen Fehler. Solange wir bloß immer hinter ihm herjagen und das tun, was die „Harrier“ im Augenblick auch tut, sieht es aus wie eine Jagd von Räuber und Gendarm. Vielleicht wäre es besser, wir drehen einmal den Spieß um.“

Den Spieß umdrehen?“ Black Jack zog sich die Mütze in die Stirn und kratzte sich am Hinterkopf. „Was, zum Teufel, soll das wieder heißen? Wollen Sie damit etwa sagen, wir sollen nach China fahren und Schmuggelware herbringen?“

Nein. Aber wir sollten vielleicht einmal warten, dass sie auf uns zukommt, dass sie uns in die Fänge geht, ohne dass wir ihr vorher nachgejagt sind.“

Aber genau das haben wir doch hier getan. Ich begreife Sie nicht. Was soll das heißen?“

Es soll heißen, dass wir sie nicht fangen werden, solange wir hier in voller Montur und mit einem auch äußerlich als Kriegsschiff zu erkennenden Kanonenboot in der Gegend herumkurven oder ihnen Fallen stellen, als wäre das alles ein militärisches Manöver. Wir sollten sie mit ihren eigenen Waffen schlagen. Wir sollten Zivil tragen, wir sollten Männer aus unseren Mannschaften nehmen, die hier nirgendwo bekannt sind, wir sollten ein Schiff nehmen, das nicht wie ein Kriegsschiff aussieht, aber das im Notfall wie ein Kriegsschiff schießen kann. Mit einem Kanonenboot werden wir das nie schaffen. Jeder weiß, wenn wir auftauchen, wer wir sind. Und damit haben wir schon die halbe Schlacht verloren, jedenfalls eine Schlacht gegen Leute wie Callaghan.“

Wollen Sie damit sagen, wir sollten eine Piratenmannschaft bilden?“

Ich will damit sagen“, fuhr Rudney fort, „dass es zunächst einmal damit anfängt, die Zivilbevölkerung mit etwas locken müssen, uns zu helfen. Wir müssen eine Belohnung aussetzen, eine Belohnung auf den Kopf von Callaghan, eine Belohnung auf den Kopf von jedem Mann seiner Mannschaft. Es muss so sein, dass die Leute, wenn sie von einer Belohnung hören, anders denken werden, dass sie sich diese Belohnung verdienen möchten, dass sie uns verraten, wenn irgendwo einer von denen auftaucht.“

Das gefällt mir nicht“, entgegnete Black Jack. „Ich kann Denunzianten auf den Tod nicht ausstehen. Und so eine hinterhältige Kriegsführung mag ich auch nicht. Bis jetzt war es ein Versteckspiel. Aber es war nicht mit gezinkten Karten. Sehen Sie, Tom, in diesem Punkt unterscheiden wir uns. Vorhin, da hatten Sie Respekt vor dem Geschick, vor seiner Schläue. Davor habe ich keinen Respekt. Für mich ist er ein wildes Tier, das man fassen muss, ein gefährliches wildes Tier. Aber andererseits würde ich auch ein gefährliches Tier nicht mit einer hinterhältigen Fallgrube, in der sich spitze Pfähle befinden, fangen wollen, sondern lieber mit einem ehrlichen, wenn auch tödlichen Schuss.“

Ich weiß nicht, ob er es so sieht wie Sie.“

Rudney blickte hinüber zur anderen Seite der Bucht. Von da kamen jetzt auch Blinkzeichen. Das Feuer hatten sie inzwischen gelöscht. Und dabei schienen sie wohl auch etwas anderes bemerkt zu haben.

Rudney, der die Blinksignale lesen konnte, sagte zu Black Jack:

Sie haben drei Männer verloren. Die müssen abgestürzt sein. Vier sind verletzt, Brandverletzungen.“

Was sagen Sie da? Drei Männer verloren?“, platzte Black Jack heraus. „Wieso denn verloren? Warum denn abgestürzt?“

Ich weiß es nicht. Aber vielleicht sind sie während des Feuers über den Rand des Felsens gestürzt. Wir werden es erfahren.“

Zwei Stunden später wussten sie es genau. Es gab sogar einen Zeugen, der ihnen beschreiben konnte, wie die drei Männer in die Tiefe gestürzt waren.

Jetzt wissen wir“, sagte Rudney, „was da vorhin brennend hinunter in die Bucht gestürzt war, Menschen also. Und ich hatte geglaubt, es wäre etwas anderes gewesen.“

Black Jack schwieg, als für ihn feststand, dass er drei Männer in einem Kampf verloren hatte, der seiner Meinung ganz anders hätte ausgehen müssen. Für ihn war es eine schwere Niederlage, und er musste sie auch als solche seiner vorgesetzten Dienststelle vortragen.

Nach einer Phase des Schweigens sagte Black Jack zu seinem Steuermann: „Hören Sie, Tom! Ich habe mich entschieden. Entwickeln Sie mir Ihren Plan ganz genau, wie Sie das machen wollen, ich meine das mit der Zivilkleidung und mit einem Schiff, das wir als Zivilfahrzeug tarnen und mit Kanonen spicken werden, dass diesem Mörder Hören und Sehen vergeht.“

Beschwichtigend sagte Rudney: „Man kann ihn nicht einen Mörder nennen, obgleich die drei Männer tot sind und vier andere verletzt. Aber ein Mörder, Kapitän, ist er nicht. Trotzdem sollten wir so vorgehen, wie ich Ihnen vorgeschlagen habe. Wir brauchen ein sehr schnelles, aber als Handelsschiff getarntes Fahrzeug. Und wir brauchen eine Mannschaft für dieses Schiff, die nur Zivil tragen wird. Es wäre am besten, wenn das alles Soldaten sind. Doch wir müssen Männer aussuchen, die bereit sind zu kämpfen, notfalls mit dem Entermesser.“

Black Jack nickte nur, und dann sagte er: „Treffen Sie alle Vorbereitungen. Ich werde bei der Admiralität die Genehmigung einholen. Aber Sie sollen schon damit anfangen. Jetzt muss sich das Blatt wenden. Drei Tote... das hätte er besser nicht tun sollen!“

Wären er und seine Männer von Ihnen geschont worden?“, fragte Rudney mit hartem Lächeln.

Nein, das nicht. Aber jetzt werden wir ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen.“

Genau das war mein Vorschlag“, erwiderte Rudney, und er konnte sich eines triumphierenden Gefühles nicht erwehren.

Er dachte: Wenn er es so macht, wie ich sage, werden wir diesen Teufelsbraten bald am Schopf haben.

Doch die sichere Vorfreude auf einen Sieg seines Plans wurde erst einmal ganz erheblich von einer anderen Meldung getrübt, und die bekam er drei Tage später.

 

*

 

Die Insel Rarotonga gehörte zu den Cook-Inseln. Von hier aus fuhr die „Oktavia“ mit Kurs Nordost geradewegs auf die Atiu-Insel zu.

Als der Morgen graute, trat das ein, was Black Jack prophezeite: Der Wind ließ ganz erheblich nach, und es drohte eine Flaute.

Weit im Südwesten erkannten die Männer an Bord der „Oktavia“ die dicken Qualmwolken, die das Kanonenboot ausstieß. Das Boot musste noch wenigstens fünfundzwanzig bis dreißig Meilen entfernt sein, denn man konnte es infolge der Erdkrümmung gar nicht sehen, nur der Rauch war sichtbar.

Der Farbige Santiago stand am Ruder. Er war ein großer, sehr dunkelhäutiger Mann, über dessen Brust eine lange Narbe verlief. Santiago trug nur einen Lendenschurz und stand barfuß hinter dem Ruder. Ab und zu schielte er auf den Kompass, um den Kurs zu halten.

Ein Stück weiter achtem saß Napoleon nur in der Hose und die Hosenbeine aufgekrempelt auf der Abdeckung des Niedergangs zur Poop.

Das krause Haar des kleinen, sehnigen Mannes wirkte an diesem Morgen noch wuscheliger.

Ab und zu ließ er das Messer und das Stück Holz, an dem er schnitzte, sinken und blickte achteraus auf die Rauchwolke. Aber sie schien ihm immer gleichweit entfernt zu sein, obgleich die „Oktavia“ infolge des nachlassenden Windes sehr viel langsamer geworden war.

Dann wieder wandte Napoleon den Kopf und sah nach vorn. An der Kimm tauchte jetzt die Insel Atiu auf. Sie war von Atollen umgeben, aber selbst gehörte sie zu den vulkanischen Inseln.

Der Vulkan war es auch, den Napoleon von weitem sehen konnte. Er hielt genau darauf zu. Dieser Kurs war ein Teil des Planes, den sie hatten, und Napoleon freute sich darauf, ihn durchführen zu können.

Er balancierte ein Streichholz von einem Mundwinkel zum anderen, grinste schief, als er dann wieder achteraus auf die Rauchwolke sah.

Wir erwischen dich. Diesmal drehen wir den Spieß um. Pass mal gut auf, was wir jetzt machen. Wir sind es leid, immer so ein verdammtes Kanonenboot hinter uns zu haben. Wartet nur ab, ihr Spitzel, diesmal entkommt ihr uns nicht.“

In der Kombüse klapperte Plimp, der Chinese, mit dem Geschirr. Auf der Persenning des Beibootes hatte sich Huwlak, der Indianer, ausgestreckt. Sie nannten ihn nur den Indianer.

Jeder hier an Bord hatte von Callaghan einen Namen bekommen, und den behielt er, so wie Rimsky, der Älteste nach Callaghan hier auf dem Schiff, ein grauhaariger, knorriger Bursche, der selten sprach, der aber besonders gute Beziehungen zu den Chinesen hatte. Das machte ihn für Callaghan so wertvoll.

Am Niedergang zur Back auf dem Vorschiff machten Dutch und Mungo Reinschiff. Crack war auch bei ihnen.

Dutch war ein dunkelblonder, sehr verschlossen wirkender Mann, an dem nur eins auffiel: Er hatte strahlend helle Augen, die in einem starken Kontrast zu seiner tiefgebräunten Haut standen.

Sie waren ein wahrhaft internationales Schiff, kamen aus aller Herren Länder, manche hatte das Leben in der Südsee für immer gepackt und ließ sie nicht mehr los, so wie Napoleon selbst, Crack oder Renzo. Crack war ein Deutscher, Renzo Italiener. Rimsky, der Schweigsame, kam aus Russland. Dutch war ein Holländer und Huwlak stammte aus Alaska.

Santiagos Vater war noch Sklave auf einer Baumwollpflanzung in Osttexas gewesen. Mister, der Bootsmann, stammte aus Schottland. Das war das einzige, was er mit Arnos Callaghan gemeinsam hatte. Plimp kam aus Tsingtau. Er war auf einer Dschunke aufgewachsen.

Als einziger stammte Mungo wirklich aus der Südsee. Er war ein Kind dieser Inseln, ein Mensch, der sich hier zu Hause fühlte und nie woanders hinwollte. Er und Santiago waren beide diejenigen, die meistens ein fröhliches Wesen zur Schau trugen, die oft sangen und von den anderen wie große, aber liebenswerte Kinder behandelt wurden.

Mungo hatte es nie anders kennengelernt. Santiago hingegen wusste sehr genau, dass die Menschen anders sein konnten als hier auf dem Schiff, dass er als ein Wesen zweiter Klasse behandelt wurde, dass man ihn „dreckiger Nigger“ schimpfte. Hier auf der „Oktavia“ galt das alles nicht. Hier interessierte es niemanden, ob einer schwarz, gelb oder rothäutig war. Keiner fragte nach dem Woher. Es zählte nur, was er war.

Und noch etwas galt, und das hatten sie bisher immer respektiert: das Kommando, das Callaghan gab, war gleichbedeutend mit einem Gesetz. Sie mussten gehorchen, und das war nicht nur auf der „Oktavia" so, sondern auf allen Schiffen.

Callaghan hatte seine Männer mit Prämien an den Gewinnen beteiligt, die er mit seinen riskanten Schmuggelfahrten machte. Aber das allein war es nicht, was die Mannschaft mit ihrem Kapitän zusammenschweißte, sondern ganz einfach die Tatsache, dass er ein hervorragender Schiffsführer war, einer, der sein Schiff beherrschte wie ein erstklassiger Reiter sein Pferd. Das hatte er noch bewiesen, als er in der Nacht unter der Küste von Rarotonga zwischen den Untiefen und Riffen entlanggefahren war und seinen Gegnern zeigen konnte, wie man ein Schiff zu führen hat.

Er war ein Meister als Schiffsführer, ein Genie, wenn es galt, die Winde und die Wasserströmung auszunutzen. In den Atollen und zwischen Klippen, vor den Korallenbänken und in den Durchfahrten zu den Lagunen war er der ungekrönte König der Südsee. Das machte ihm keiner nach. Und das war es auch, womit er seine Verfolger immer wieder und wieder abhängen konnte, so zahlreich sie ihm auch nachstellten.

Direkt vor der Kombüse befand sich ein Anbau, der von zwei kräftigen Männern leicht abgeklappt werden konnte. Darunter stand fest auf dem Schiffsdeck installiert eine Bofors-Kanone. Dieses 7,5cmGeschütz war das modernste, was man auf der Welt auf dem Waffenmarkt zu diesem Zeitpunkt erhalten konnte.

Callaghan hatte diese Bofors-Kanone aus Schweden geholt. Er hatte sie selbst in Göteborg auf dem Schiff anbringen lassen. Das war jetzt ein Jahr her.

Mit dieser 7,5cm Kanone, die von hinten geladen wurde und Granaten modernster Art verfeuerte, war Callaghan auch einem Kanonenboot überlegen. Er hätte es auf einen offenen Kampf mit dem Kanonenboot ankommen lassen können. Das Kanonenboot verfügte noch über glattläufige, von vorn geladene Siebzehn- und Vierundzwanzigpfünder, Haubitzen, die längst nicht so weit trugen wie das Geschütz der „Oktavia“.

Wenn Callaghan es auf ein solches Gefecht bis jetzt noch nicht hatte ankommen lassen, dann deshalb, weil er die Briten noch nicht zu sehr herausfordern wollte. Er behielt sich diese Waffe für den Notfall vor und beabsichtigte keinesfalls, Schlachten mit Kriegsschiffen auszutragen.

Callaghan, der jetzt von der Hütte herauf aufs Achterdeck kam und dann prüfend achteraus auf die Rauchwolke blickte, war fest entschlossen, Napoleons Kampfgeist zu dämpfen. Er wusste genau, dass Napoleon das Kanonenboot am liebsten vernichtet hätte. Aber das wiederum wollte Callaghan nicht. Er wollte es für eine gewisse Zeit außer Gefecht setzen. Aber er beabsichtigte nicht, den Feind in Weißglut zu bringen, dass womöglich statt eines Kanonenbootes plötzlich drei oder gar zehn eingesetzt würden, und dann wie viele Hunde des Hasen Tod sein könnten.

Er kommt ganz schön näher, nicht wahr?“, meinte Callaghan.

Wir schaffen es bis zur Insel, und dann schlagen wir den Haken.“

Nap, mach keinen Blödsinn. Ich werde darauf achten, dass es nur die kleinen Minen sind, nicht die großen.“

Wir sollten diesen Burschen endlich loswerden. Wie lange soll er noch hinter uns herziehen wie ein Kometenschweif?“

Callaghan schüttelte mahnend den rechten Zeigefinger. „Solange er da ist, wissen wir, woran wir sind. Wenn andere kommen, könnte es gefährlich werden. Ich will mein Geschäft nicht einbüßen.“

Jedenfalls möchte er uns zusammenschießen lassen. Black Jack“, sagte Napoleon, „er hatte drei Kanonen in der Bucht.“

Und wenn schon! Wir hatten Mungo dort, und der hat aufgepasst. Damit rechnet er nicht, dass wir einen Mann vorher auf die Insel schicken. Er denkt, wir rennen blindlings in eine Falle. Dabei müsste er in den sechs oder sieben Jahren, die er hinter uns her ist, das alles etwas besser wissen. Aber Black Jack hat einen Kopf wie ein Büffel. Er hält ihn immer gesenkt und rennt blind durch die Landschaft. Er möchte uns aufspießen. Er möchte uns zusammenrennen, und so macht er einen Fehler nach dem anderen. weißt du, wer viel gefährlicher ist? Das ist Rojo.“

Napoleon nickte. „Ja, der ist gefährlich. Aber er hat nichts zu sagen. Black Jack weiß alles besser.“

Nun siehst du. Wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, und das ist gut so. Ich möchte keinen anderen auf meiner Fährte, vielleicht einen, der schlauer ist, vielleicht einen wie Rojo.“

Was sollen wir denn tun? Kleine Minen sind auch gefährlich. Wenn er darauf fährt, ist das Schiff kaputt.“

Und wenn schon. Es ist kaputt, aber den Männern passiert nicht viel. Das Schiff wird nicht sinken. Es hat Schotten. Diese Kanonenboote sind ganz aus Stahl gebaut. Sie werden die Schotten schließen und immer noch bis zur nahen Insel kommen.“

Und wenn sie das Feuer eröffnen, sobald sie uns sehen?“

Sie dürfen nicht zu viel von uns sehen, immer nur so viel, dass sie hinter uns herfahren. Die Insel muss immer zwischen ihnen und uns sein. Wir werden sie umrunden, und er wird uns folgen.“

Napoleon grinste zufrieden. „Das mit den Minen haben wir mit ihnen noch nie gemacht.“

Nun weißt du, warum ich sie aus China mitgebracht habe. Es sind übrigens englische Minen, direkt aus Hongkong. Die Chinesen sind tüchtig. Sie schmuggeln solches Zeug aus dem Hafen heraus, ohne dass die Engländer es merken. Wenn die dahinterkommen, sind die Minen schon bei mir an Bord.“

Das wird ihn zerreißen vor Wut“, meinte Napoleon.

Daran stirbt er nicht. Er wird den Kopf noch mehr senken. Der alte Büffel Black Jack wird losrennen und wird seine helle Freude daran haben, wenn er uns wieder einmal vor dem Lauf hat. Und dann müssen wir uns etwas Neues ausdenken, immer etwas Neues. Und damit wird er nicht fertig.“

Das ist schwer, immer etwas Neues zu wissen.“

Mir fällt immer etwas Neues ein.“ Callaghan lachte.

Sie waren ein merkwürdiges Paar, Callaghan, der Napoleon um gut zweieinhalb Köpfe überragte, viel breiter war als der kleine, drahtige Franzose mit dem Wuschelhaar, und der doch irgendwie wie ein großer Bruder wirkte. Ja, Brüder waren sie, so verschieden sie einem auch vorkommen mochten. Und vielleicht war es dieser Tatsache auch zu verdanken, dass die Mannschaft einen Befehl von Napoleon ausführte, als hätte ihn der Kapitän selbst gegeben.

Immer näher kam die „Oktavia“ der Insel Atiu. Immer deutlicher waren Einzelheiten des Vulkanberges, der Küste, aber auch der vielen Atolle zu erkennen, die der Insel vorgelagert waren.

Die „Harrier“ holte auf. Nun sah man von ihr nicht nur die Rauchwolke, sondern auch Teile der Aufbauten, den Schornstein und die Masten, an denen die Segel jetzt gerefft waren.

Mittlerweile kam doch wieder etwas Wind auf. Hier in der Nähe der Insel und der Atolle bildeten sich immer leichte Winde, die Callaghan völlig genügten, um mit der „Oktavia“ zwischen den Untiefen der Atolle hindurchzukommen.

Der Südstrand der Insel war mit Palmen bestanden. Es gab auch Hütten da, und ein einziges fest aus Holz gebautes Gebäude. Auf ihm residierte der britische Kolonialbeamte. Es war weiß gestrichen, dieses Haus, und leuchtete weit auf See hinaus.

Der Union Jack hing schlaff am Mast, und vor dem Gebäude standen mehrere Menschen. Das konnte Callaghan, der das alles durch sein Fernrohr beobachtete, deutlich sehen.

Drei Strich backbord!“, befahl Callaghan Santiago, der daraufhin das Rad herumwirbelte.

Ohne dass ein Kommando gegeben werden musste, brassten die Männer, die die Deckswache hatten, die Segel an. Die „Oktavia“ ging sofort auf neuen Kurs, der sie an der Leeseite der Insel vorbeiführte.

Die „Harrier“ kam näher. Noch immer puffte sie dicken schwarzen Qualm aus ihrem Schornstein, aber nun war das ganze Schiff deutlich zu erkennen.

Callaghan beobachtete durch sein Fernrohr gelassen das gegnerische Schiff. Er sah die Brücke und auch den Qualm, der von achtern her den Rauch nach vorn drückte und über das Vorschiff wehen ließ.

Scheußlich, diese Stinker“, murmelte Callaghan. „Aber immerhin, er macht gute Fahrt bei dieser Flaute.“

Hoffentlich behält er dieses Tempo bei! Gut für uns!“

Callaghan ließ noch Segel wegnehmen. Die Fahrt der „Oktavia“ verlangsamte sich noch mehr. Um so rascher holte die „Harrier“ auf.

Die Männer auf der „Oktavia“ standen bereit, sofort wieder volles Zeug und sogar die Leesegel zu setzen. Aber noch durfte die „Oktavia“ nicht zu schnell fahren. Sie musste wie ein Köder der „Harrier" vor die Nase gehängt werden, damit man sich dort entschloss, zuzupacken.

Napoleon stand direkt neben Callaghan, bereit, jeden nur gemurmelten Befehl auf der Stelle ausführen zu lassen.

Ich glaube, die haben angebissen! Es kommt mir so vor, als würde dieser Pott noch etwas schneller werden. Siehst du, da laufen sie schon auf dem Schiff herum.“ Noch immer beobachtete Callaghan durch das Fernrohr das Treiben auf dem Verfolger. „Sie haben eine Kanone frei. Sieht aus, als wollten sie jetzt schon schießen. Nun gut, dann müssen wir etwas schneller werden. Ich möchte mich nicht noch versenken lassen.“

Wir sollten mit unserer Kanone zurückschießen“, sagte Napoleon, dem der Kampfeifer das Gesicht rötete.

Immer mit der Ruhe, Nap, nur mit der Ruhe!“, mahnte Callaghan. „Lass mehr Zeug setzen! Wir müssen noch halb um die Insel herum, da haben wir auch guten Wind und die Leesegel dazu. Dann rein mit dem Zeug ins Wasser, dort, wo die Fahrrinne am engsten ist. Er wird uns verfolgen wollen.“

Die „Oktavia“ bekam wieder volles Zeug gesetzt, und da die Winde um die Insel herumstrichen, stießen sie auch in die Segel hinein und trieben den schlanken Schiffskörper seewärts.

Ein Stück weit ließ Callaghan die „Oktavia“ von der Insel weglaufen, direkt auf ein Atoll zu. Zwischen dem und einer anderen Lagune befand sich eine relativ enge Durchfahrt.

Als die „Oktavia“ diese Durchfahrt erreichte, befand sie sich außer Sicht der „Harrier“, denn die Insel war zwischen beiden Schiffen und versperrte den Leuten auf der „Harrier“ die Sicht.

Als Callaghan mit der „Oktavia“ diesen Punkt erreicht hatte, gab er Befehl, die Treibminen über Bord zu werfen.

In Sekundenschnelle herrschte auf dem Achterschiff eine lebhafte Tätigkeit. Crack, der Indianer, Renzo, der Bootsmann Mister und Rimsky warfen die kleinen aus Hongkong stammenden Treibminen über Bord. Es waren mehr als sechzig. Und sie dümpelten, kaum zu erkennen, als schwarze Kugeln im dunklen Meer.

Gerade als die „Oktavia“ die Fahrrinne passiert hatte, tauchte die „Harrier“ auf. Ein grelles Aufblitzen und unmittelbar danach stieg eine Wassersäule eines Kabellänge achteraus der „Oktavia“ zum Himmel.

Gelassen stopfte sich Kapitän Callaghan seine Pfeife und sagte lakonisch: „Die Welt ist ein Freudenhaus. Man bezahlt und bekommt nicht immer etwas dafür, das einem den richtigen Spaß macht.“

Napoleon sah ihn verständnislos an. „Wieso?“

Na ja“, erwiderte Callaghan, „die haben sich so gefreut, und jetzt ist der Schuss zu kurz geraten. Vielleicht haben sie das nächste Mal mehr Glück. Wir müssen noch etwas zulegen, wenn wir ihre Hoffnung verderben wollen."

Napoleon begriff sofort. Er ließ Groß- und Besansegel setzen. Sie waren zum Mast hin aufgegeit und rauschten jetzt, klatschten herunter und blähten sich sofort im Wind. Taljen knarrten und kreischten, aber die „Oktavia“ machte schon größere Fahrt. Sie segelte mit Backstagbrise, mit Steuerbordhalsen rasch in dem aufkommenden Wind dahin.

Wieder blitzte es drüben bei der „Harrier“ auf, aber diesmal stieg die Wasserfontäne mehr als eine Kabellänge steuerbord achteraus empor.

Wer Glück hat, dem kälbert ein Ochs“, meinte Callaghan, ohne eine Miene zu verziehen. „Aber denen kalbt noch nicht mal eine Kuh.“

Die „Harrier“ schoss einen dritten Schuss ab, aber der traf eins der Riffe. Es tat einen ungeheuren Schlag. Felsbrocken flogen nach allen Seiten. Eine Feuerkugel stand sekundenlang über diesem Riff. Ringsherum Gesteinssplitter, Möwendreck und Qualm, und das alles lag noch weiter von der „Oktavia“ entfernt als die beiden anderen Schüsse.

Die „Oktavia“ lief auf ein Atoll zu. Callaghan blickte nur aus den Augenwinkeln nach vorn. Dann sagte er zu Napoleon: „Neun Strich backbord werden reichen.“

Klar zum Halsen!“, brüllte Napoleon nach vorn, und die Männer sprangen auf ihre Position.

Durch dieses Manöver bekam die „Oktavia“ die Insel zwischen sich und ihre Verfolger. Nun schon ein zweites Mal. Aber kaum war das geschehen, befahl Kapitän Callaghan eine neues Manöver. Er ließ beidrehen. Und jetzt war der Augenblick gekommen, wo die Attrappe vom Geschütz gezogen wurde und Crack mit seinen drei Männern die Plätze an der Kanone einnahm. Crack war Richtschütze. Der Indianer, Santiago und Dutch stellten die übrige Geschützbesatzung dar. Die Kommandos zum Schießen kamen von achtern. Die gab Callaghan selbst.

Macht sie klar, Jungs!" rief er Crack zu. „Und dann, wenn sie auftaucht, wenn es ihr gelungen sein sollte, an unseren Minen vorbeizukommen, dann knallt ihnen einen vor den Bug!“

Beigedreht und mit gerefften Segeln dümpelte die „Oktavia“ auf der Nordseite der Insel. Gespannt blickten alle Männer in die Richtung, aus der die „Harrier“ auftauchen musste, wenn es ihr gelungen sein sollte, an den Minen vorbeizukommen.

Was die Minen anging, war Callaghan nicht sehr zuversichtlich. Er misstraute diesen modernen Kampfmitteln. Er argwöhnte, dass sie womöglich vorher weggetrieben sein würden. Es gab eine Strömung dort.

Sie warteten. Das Klatschen der Wellen an den Schiffskörper war zeitweise das einzige Geräusch. Und dann sahen sie die Rauchwolke, die Rauchwolke, die vom Wind getrieben, immer der „Harrier“ vorausgegangen war.

Callaghan sagte nichts. Aber als Napoleon ihn anblickte, konnte er sich denken, was in dem Kapitän vorging. Sie hat es geschafft. Sie ist durchgekommen. Verdammt, jetzt müssen wir auf sie schießen. Was wir immer nicht wollten, jetzt müssen wir es tun. Wir müssen diesen Quälgeist loswerden, ein für allemal. Aber gut ist das nicht. Jetzt werden sie alle wissen, dass wir eine Kanone haben. Jetzt schicken sie stärkere Kriegsschiffe, schnellere, größere und vor allen Dingen viele.

Plötzlich sahen sie den Bug der „Harrier“ auftauchen, dann das Schiff.

Callaghan riss schon den Mund auf, um Crack zuzuschreien, den ersten Schuss abzugeben.

Da geschah es! Eine gewaltige Stichflamme schoss an der Backbordseite des Bugs empor und trieb eine Wassersäule vor sich her. Eine Sekunde später war der gesamte Schiffsbug von weißem Rauch eingehüllt, und dann erst dröhnte der Knall bis zu den Männern auf der „Oktavia“ herüber.

Sie alle sahen, wie die Männer, die sich auf dem Vorschiff der „Harrier“ befunden hatten, nach achtern liefen.

Das hat gesessen“, brummte Callaghan. „So ist es eben! Die Chinesen sagen, dass Menschen nicht über Berge, aber über Maulwurfshügel stolpern.“

Er hatte noch nicht richtig ausgesprochen, als eine zweite Explosion erfolgte. Die „Harrier“, die noch immer etwas Fahrt hatte und aus deren Vorschiff jetzt Qualm drang, wurde abermals von einer Detonation erschüttert. Wiederum stieg eine Stichflamme empor, diesmal aber an der Steuerbordseite und weiter nach mittschiffs zu.

Die Männer auf der „Oktavia“ sahen nur einen Feuerstrahl, hörten den Knall, und plötzlich war die Qualmwolke, die aus dem Vorschiff der „Harrier“ drang, dick und schwarz, schwärzer noch als der Rauch aus dem Schornstein. Und jetzt begann sich die „Harrier“ zur Seite zu neigen. Sie bekam Schlagseite nach steuerbord.

Nichts hält die Wut eines Mannes so jung wie ein richtiger Schlag auf seine Nase.“ Callaghan grinste schief und zog genussvoll an seiner Pfeife. „Wir setzen wieder Segel und machen Fahrt. Ich glaube, der Augenblick, in Tsingtau eine neue Ladung zu nehmen, war zu keiner Zeit günstiger als jetzt. Nehmen wir Kurs dorthin, Nap.“

Napoleon grinste zurück, drehte sich dann um und brüllte nach vorn: „Klar bei Fockfall! Klar zum Setzen von Groß- und Besansegel!“

Die Männer wieselten nun an ihre Plätze, und wenig später nahm die Oktavia wieder Fahrt auf. Sie segelte mit halbem Wind mit Backbordhalsen davon.

Zurück blieb die „Harrier“, deren Vorschiff sich mit Wasser füllte. Nur die Schotten verhinderten, dass die „Harrier“ sank. Dem Zweiten Offizier, der das Kommando an Bord hatte, gelang es mit Rückwärtsfahrt aus der Gefahrenzone der Treibminen herauszukommen. Alle an Bord hatten den Schock der beiden Minentreffer noch nicht überwunden. Aber allmählich bekam die Routine wieder überhand, und es gelang der Schiffsführung, das schwer beschädigte Schiff bis in die Nähe der Insel zu bringen. Da es hier keinen natürlichen Hafen gab, war die einzige Möglichkeit, die „Harrier“ in die ruhige Lagune hineinzufahren, wo man versuchen wollte, die Schäden so weit auszubessern, dass eine Fahrt über den offenen Ozean zu einer Werft möglich sein konnte.

Der Schaden am Vorschiff war so gewaltig, dass es ganz sicher Monate dauern würde, bis man die „Harrier“ wieder in den Dienst stellen konnte.

Um eine Nachricht nach Rarotonga zu bringen, gab es nicht viele Möglichkeiten. Das einzig verfügbare Schiff, das es im Augenblick auf Atiu gab, war ein Püntschoner, einer jener typischen neuseeländischen Südseeschoner, die nicht nur sehr segeltüchtig, sondern auch noch sehr schnell waren. Er gehörte den Kobrahändlern, und die konnte der befehlshabende Zweite Offizier der „Harrier“ überreden, einen Midshipman und den Bootsmann der „Harrier“ nach Rarotonga zu Black Jack zu bringen.

Aber es dauerte noch bis zum Nachmittag, ehe dieser Püntschoner in See gehen konnte.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich die „Oktavia“ bereits knapp fünfzig Seemeilen nördlich von Atiu. Bis nach Tsingtau würden es fast 6600 Seemeilen sein.

 

*

 

Eine Stunde nach dem Einlaufen des Püntschoners, der von Atiu gekommen war, stand Kapitän Jack Thatcher, genannt Black Jack, zusammen mit Tom Rudney am Kartentisch in dem kleinen Büro, den die britische Admiralität im Hause des Vizegouverneurs zur Verfügung gestellt bekommen hatte.

Black Jacks Gesicht war noch immer rot vor Erregung, aber er beherrschte sich. Es hatte den erfahrenen und angesehenen Kapitän schwer getroffen, als er hören musste, was mit seinem Schiff geschehen war.

Tom Rudney, den sie hier in der Südsee Rojo nannten, zeigte sich kaum beeindruckt. Aber das täuschte. Auch er war erschüttert von dem Bericht, den sie vorhin gehört hatten.

Es ist anzunehmen, dass der Hai jetzt auf eine weite Fahrt geht“, sagte Rudney und fuhr nachdenklich fort, „wir werden ihn meines Erachtens monatelang nicht sehen. Darauf kommt es auch gar nicht an. Nach meiner Schätzung haben wir diese Zeit nötig, bis wir wieder einsatzbereit sind.“

Black Jack sah ihn an, atmete mit geblähten Nasenflügeln ein, und dann sagte er mit gepresst klingender Stimme:

Wir brauchen nicht so lange. Es wird ungefähr zwei Wochen dauern, bis wir ein Schiff zusammengestellt haben, wie wir es brauchen. Die Reparatur der „Harrier“ interessiert mich zunächst gar nicht. Das ist eine Sache, um die sich andere kümmern können. Wir beide sollten den Plan verwirklichen, über den wir neulich gesprochen haben. Ich finde ihn gut. Das bedeutet, wir übernehmen die Mannschaft der „Harrier“ zu einem gewissen Teil bis auf eine Bordwache, die auf der „Harrier“ zurückbleibt. Was die „Harrier“ angeht, so nehme ich an, dass wir wirklich mit einem Vierteljahr rechnen können.“

Das könnte hinkommen“, stimmte Rudney zu. „Es wird mindestens drei bis vier Tage dauern, ehe sie das Leck provisorisch abgedichtet haben, und dann werden noch einmal zwei Tage vergehen, die sie nötig haben, wenn sie mit Rückwärtsfahrt hierhergebracht wird. Vorwärtsfahrt ist nicht möglich mit einem solchen Leck, wie es uns beschrieben wurde. Das bedeutet weiterhin, dass Werftarbeiter und ein Ingenieur von den Fidschi-Inseln zu uns herüberkommen müssen. Sie müssen auch das Material mitbringen, denn hier auf Rarotonga ist niemand, der eine solche Reparatur an einem stählernen Schiff ausführen kann. Ich fürchte, nicht einmal auf den Fidschi-Inseln wird jemand sein, der das könnte. Vermutlich müssen Leute von Wellington, Neuseeland, herüberkommen.“

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905533
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (November)
Schlagworte
heldenhafte seemänner neptuns rache

Autor

Zurück

Titel: Heldenhafte Seemänner #12: Neptuns Rache