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Callahan #1: Wo der Tod lauert

2016 120 Seiten

Leseprobe

CALLAHAN

 

Mein Colt ist mein Gesetz

 

Nr.1: Wo der Tod lauert

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Charles Schreyvogel mit Steve Mayer, 2016

Der Roman erschien unrsprünglich unter dem Titel „Wie einen tollen Hund“.

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappe

Mein Name ist Callahan. Jed Callahan. Manche behaupten, dass Ärger und Verdruss meine besten Freunde sind. Es heißt, die Luft wäre verdammt bleihaltig, wo ich mich gerade aufhalte. Dabei bin ich nur ein Mann mit einer rauchigen Vergangenheit, der in Ruhe gelassen werden möchte. Aber so langsam glaube ich, dass es mein Schicksal ist, immer mit einem Bein im Grab zu stehen …

 

Der heiße Süden lockte mich diesmal, und so machte ich mich auf den Weg, In Arizona war der Teufel los. General Crook war eingetroffen und versuchte mit allen Mitteln, den gnadenlos, aber auch verzweifelt kämpfenden Geronimo und dessen Apachen zu besiegen. Ich wollte mich da nicht einmischen und versuchte nur, so viele Meilen zwischen Tucson und mich zu bekommen wie möglich. Dieses Tucson glich einem Heerlager, zudem war es Sammelpunkt vieler Abenteurer geworden, von denen einige auf Indianerjagd gingen, um Skalps zu erwischen, für die man in Tucson Prämien zahlte. Erst dachte ich, so etwas ginge mich nichts an. Doch auf einmal steckte ich mitten in diesem Geschehen. Und es geschah in der Gluthölle der Gila-Wüste...

 

 

 

Roman

 

Sie schienen aus der tiefstehenden Sonne zu kommen. So erkannte ich sie relativ spät. Zwanzig Reiter waren es ungefähr. Von meinem Lager zwischen den Felsen sah ich sie von der Wüste her näherreiten.

Jeder Fremde bedeutete in dieser Wildnis Gefahr, und mein erster Gedanke galt meinem Gewehr, meinem Pferd und einer guten Deckung.

Ich hatte den Tag über im Schatten der Felsen verbracht, um der mörderischen Hitze zu entgehen. Am Abend, wenn es abkühlte, wollte ich eigentlich weiter nach Süden, das heißt: nach Mexiko hineinreiten. In dieser Felsregion war ich schon einmal mit Jim Trenton gewesen. Ich kannte mich hier gut aus. Es wimmelte von guten Verstecken, und es lag weit abseits einer menschlichen Siedlung.

Ich hatte das alte Fernrohr aus der Satteltasche gezogen und blickte damit auf die Reiter, die durch die weite Talsenke zu den Felsen herauf kamen.

Sie würden nicht direkt auf mich stoßen, denn das Lager war ziemlich versteckt. Das hatte ich schon deshalb getan, um mich am Tag vor Überraschungen zu schützen. Hier im Grenzgebiet zwischen Arizona und Mexiko gab es mexikanische Bandoleros ebenso wie streunende Apachen. Aber ich sollte schon sehr bald noch eine weitere Gattung kennenlernen, von der ich bisher nur gehört hatte.

Durch mein Spektiv sah ich die Reiter, und etwas fiel mir sofort auf. Einer der Reiter war gefesselt.

Eine Frau!

Durch das Glas sah ich den riesigen Strohhut, den sie auf dem Kopf trug. Ihr Kleid war bunt, der Rock gerafft, so dass man die nackten Beine bis über die Knie sehen konnte. Man hatte sie ihr zusammengefesselt, und sie hockte im Damensitz auf einem Männersattel, aus dem sie nur nicht stürzen konnte, weil man sie daran festgebunden hatte. Die Arme waren ihr auf dem Rücken zusammengebunden. Langes schwarzes Haar quoll unter dem Hut hervor, aber das Gesicht lag im Schatten der Hutkrempe, so dass ich es nicht erkennen konnte.

Die Männer an ihrer Seite, ich zählte neunzehn, ritten auf verstaubten, abgehetzten Pferden, deren Fellfarbe man nur noch ahnen konnte. Es waren ausdauernde, kräftige Tiere, aber auch sie zeigten deutliche Spuren eines harten langen Rittes.

Die Reiter waren ebenso verstaubt wie die Pferde, ich sah Bärte in ihren Gesichtern, und ich erkannte die Waffen. Jeder von ihnen besaß ein Gewehr, jeder trug einen Revolver, und einige hatten Messer an Schnüren um den Hals hängen wie Amulette. In diesem Augenblick dämmerte es mir, was das für Männer waren: Skalpjäger.

Es waren Weiße, keine Mexikaner. Einer von ihnen, vielleicht der Anführer, besaß außer einer Winchester noch ein doppelläufiges Schrotgewehr. Er hatte es quer vor sich im Sattel liegen, und die Mündungen zeigten auf die Frau.

Die Zügel des Schecken, auf dem die Frau ritt, waren am Sattelhorn des Mannes festgemacht, der die Schrotflinte hielt.

Was ich sehen konnte, war noch nicht zu viel. Sie waren einfach noch zu weit weg, und die Hitze ließ die Luft flimmern, so dass ich alles nur unscharf erkennen konnte.

Sie kamen noch näher, und nun sah ich etwas von der Frau. Sie hob einmal den Kopf, blickte zu den Felsen empor, zwischen denen ich mich befand. Ich sah ihr Gesicht; ein schönes Gesicht. Das Gesicht einer Indianerin.

Ein paar Augenblicke lang war ich wie verzaubert von diesem Anblick. Ich hatte schon viele Indianer gesehen. Die meisten der Frauen gehörten nicht zu den Schönheiten. Aber diese junge Frau hatte etwas, was mich regelrecht bannte, und ich fragte mich, was die Männer veranlasst hatte, sich an einer solchen Frau zu vergreifen.

Die ganze Reiterschar hielt jetzt auf einen Einschnitt zu, der etwa hundert Schritt links von mir lag. Er führte zwischen den Felsen in ein Tal, und in diesem Tal hatte ich auch schon einmal mit Jim Trenton gelagert, aber es bot wenig Deckungsmöglichkeiten, war viel zu groß für einen einzelnen Mann, um darin zu lagern. Doch eine so große Gruppe hätte es sich leisten können, mitten in der Wüste ein Lager zu errichten, Feuer zu machen und sonst etwas zu tun, was auf sie aufmerksam machte. Aber ich vermutete, dass sie den Schatten suchten, obgleich die Nacht bevorstand, die Nacht, in der ich eigentlich reiten wollte.

Ich ahnte schon, dass daraus nichts würde. Jedenfalls brauchte ich keine Sekunde darüber nachzudenken, was ich tun musste. Aber im Augenblick hatte ich keine Chance. Gegen neunzehn schwer bewaffnete Männer konnte ich selbst mit ein paar gut gezielten Schüssen nur Selbstmord begehen. Der Frau würde ich nicht helfen können. Nicht jetzt und nicht im offenen Kampf. Also hieß es abwarten.

Zuerst einmal musste ich mich um mein Pferd kümmern, um den Fuchswallach, den ich mir erst vor zwei Wochen gekauft hatte. Ein ruhiges ausdauerndes Tier, für die Wüste wie gemacht. Und ich hatte Erfahrungen in der Wüste gesammelt. Nicht erst, als ich mit Jim Trenton durch sie gezogen war. Schnelle, rassige Pferde zählten in der Wüste nicht, da kam es auf ganz andere Eigenschaften an. Ein Wüstenpferd musste in der Lage sein, mit wenig Wasser auszukommen, und mit fast ebensowenig Nahrung. Es brauchte nicht sehr schnell zu sein, musste dafür aber enorme Ausdauer besitzen. Der Fuchs war so ein Tier. Jetzt allerdings musste ich ihn wegbringen, damit er nicht durch Zufall von irgendwelchen Posten dieser Bande dort beobachtet wurde. Also verließ ich meine Stellung, schob das Spektiv zusammen und brachte den Fuchs unter eine überhängende Stelle, die man von den höheren Felsen aus nicht erkennen konnte. Dann zog ich mein Gewehr aus dem Scabbard des Sattels, der neben mir lag. Auch den Sattel schaffte ich an einen versteckten Platz, räumte meine Feuerstelle ab und beseitigte alle Spuren, die darauf hinwiesen, dass hier in letzter Zeit jemand gelagert hatte. Danach kletterte ich in die Felsen hinauf. Noch konnte ich es mir erlauben, an der den Reitern abgewendeten Felsseite emporzuklettern, noch hatten sie selbst jene Schlucht nicht erreicht, in der sie, wie ich vermutete, lagern würden.

Während ich noch kletterte, hatten sie wohl inzwischen den Taleinschnitt erreicht, und ich hörte das Trappeln der vielen Hufe auf dem felsigen Untergrund bis zu mir herauf ins schartige Gestein.

Es war eine schweißtreibende Arbeit. Der Felsen schien zu glühen. Die Nachmittagshitze hatte den Stein noch einmal richtig heiß werden lassen. Aber es blieb mir keine Wahl, als auf der Seite zu klettern, die der Sonne zugewendet war. Anderenfalls hätten mich womöglich die Reiter erkennen können.

Als ich endlich auf der flachen Plattform des Felsens anlangte, war ich in Schweiß gebadet. Mein Atem ging rasselnd, und ich kniete ein paar Sekunden lang, um Luft zu schöpfen. Dann kroch ich über die Plattform hinweg zur anderen Seite, von der aus man hinunter in die Schlucht sehen konnte, in der sich die Reiter befanden.

Sie hatten inzwischen diese Schlucht erreicht, bildeten eine Art Traube um die Gefangene herum und hielten dann auf einen Felsvorsprung zu, der wie eine Nase aus der Felswand herausragte, an deren oberstem Rand ich lag. Diese Felswand hüllte auch das ganze Tal in tiefen Schatten.

Drei Reiter verließen den Pulk der anderen und ritten zum Talende hin. Dort hinten, das wusste ich, gab es eine schmale Gasse, durch die man noch tiefer in die Felsregion hinein gelangte. Ich fürchtete schon, die drei wollten dort hineinreiten, um sich irgendwo da zu verkriechen. Sie verschwanden auch, kehrten aber nach einiger Zeit wieder zurück. Inzwischen war die Gefangene vom Pferd losgebunden und vor diese Felswand gestellt worden.

Einer der Männer schlug mit einem Fäustel schwere Haken in die Haarrisse der Felsnase. Ich fragte mich schon, was das zu bedeuten hatte, da bekam ich schon die Antwort. Ein zweiter Mann schlang ein Lasso um die Haken und fesselte dann die Gefangene an diese Haken.

Die übrigen Männer schienen sich zunächst überhaupt nicht um die Frau zu kümmern. Ich konnte von hier oben aus alles sehen, und trotzdem hatte ich keine Chance einzugreifen. Sie waren neunzehn Mann, und selbst wenn ich in rasender Schnelligkeit einige von ihnen durch Gewehrschüsse niederstrecken konnte, wäre es mir nicht möglich gewesen, im besten Fall mehr als sechs Mann zu erwischen. Die anderen dreizehn hätten Deckung gefunden und wären mir mit absoluter Sicherheit zum Verhängnis geworden.

Wenn ich dieser Frau da unten helfen wollte, dann musste ich anders vorgehen, und dazu war ich fest entschlossen. Zunächst aber bestand die Gefahr, von den Männern entdeckt zu werden. Damit dies nicht geschah, zog ich meinen kleinen Taschenspiegel, der mir in dieser Beziehung schon oft gute Dienste erwiesen hatte, heraus, legte mich etwas zurück und beobachtete, was unten im Tal geschah.

Die Männer machten in etwa zehn Schritt Entfernung von der Gefangenen ein Lagerfeuer. Es war schwierig, in dieser Gegend Brennmaterial zu finden, und so sah ich fünf von ihnen herumstreunen, um verdorrte Kakteen oder Gesträuch zu finden, was aus den Felsspalten wuchs und in der Hitze verdorrt war. Es dauerte einige Zeit, bis sie genug Brennmaterial gefunden hatten, dann entzündeten sie ein Feuer. Der Qualm stieg zu mir empor und kroch über das Plateau hinweg, dass ich alle Mühe hatte, nicht husten zu müssen.

Inzwischen war die Sonne hinter dem Horizont versunken. Die ganze Kuppel des Himmels leuchtete wie glühendes Eisen. Aber von einer Sekunde zur anderen breitete sich ein tiefes Violett von Osten her über das ganze Himmelszelt aus, und die Nacht, die hier in diesen Breiten ohne den langen Übergang einer allmählichen Dämmerung eintrat, übernahm das Regiment.

Auf dem Rücken liegend und rot wie eine Apfelsinenscheibe tauchte der Mond auf. Ein Stück oberhalb von ihm ebenfalls wie ein goldenes Licht: der Abendstern.

Das Feuer brannte jetzt rauchlos. Es erhellte das ganze Tal, und ich konnte es mir wieder leisten, etwas nach vorn zu kriechen und direkt hinunterzuspähen.

Sie waren alle neunzehn vor der Gefangenen versammelt. Einer von ihnen, jener mit der Schrotflinte, sagte etwas, das ich hier oben nicht verstand. Daraufhin setzten sie sich im Kreis um das Feuer herum und begannen zu essen. Einer von ihnen hatte über dem Feuer ein Dreibein errichtet, an dem ein Topf hing. Der Duft von Kaffee stieg bis zu mir herauf, und mir lief das Wasser im Mund zusammen - bei dem Gedanken an frischen heißen Kaffee.

Allmählich wurde es kühler. Die Männer unten tranken Kaffee, keiner von ihnen schien sich um die Gefangene zu kümmern, die wie reglos in ihren Fesseln stand. Nach einer Weile aber kam Bewegung in die Männer. Bis auf drei standen sie auf, zogen die Sattelgurte ihrer Pferde wieder stramm, gaben den Tieren noch einmal zu saufen, indem sie aus ihren Feldflaschen Wasser in ihre Hüte gossen und die Pferde daraus tränkten. Wenig später saßen die Männer auf und ritten aus dem Tal heraus. Sie wählten den Weg, den sie gekommen waren; doch drei, jene drei am Feuer, blieben zurück. Ich frohlockte schon, da sah ich, wie am Talausgang zwei der Reiter zurückblieben, während die anderen offensichtlich wieder in die Wüste hineinzogen.

Mir kam der Gedanke, dass diese junge Indianerin als eine Art Köder dienen sollte. Andererseits verstand ich das System nicht, nach dem diese Männer dort unten vorgingen. Zumal jetzt jene zwei, die am Eingang zurückgeblieben waren, nun auch den Ritt fortsetzten und den anderen folgten.

Ich fragte mich noch, was sie wohl dort am Schluchteingang getrieben haben konnten, da brachte mich der Zufall darauf. Es war wirklich nur ein Zufall. Der Feuerschein erhellte nicht nur die Felswände, sondern wies mich auch auf einen hellen Strich hin, der etwa in Gürtelhöhe quer über den Engpass hinweg verlief, durch den die Reiter eben geritten waren. Ich hielt es schon für eine Halluzination, da begann ich zu begreifen, um was es sich handelte: ein Seil!

Sie hatten ein Seil quer über den Weg gespannt, und nun ritten sie weiter in die Wüste, aber dort sah ich sie nicht mehr, es war einfach zu dunkel dazu. Noch stand die Sichel des Mondes zu tief, um spärliches Licht zu spenden. Die Reiter wurden von der Dunkelheit über der Wüste verschluckt. Und ich sah nur jene drei dort unten um das Feuer herum und die Indianerin.

Jetzt stand einer der drei auf, ein Messer blitzte in seiner Hand.

Ich schob mein Winchestergewehr etwas weiter zum Rand des Felsens, bereit, rasch Ziel zu fassen und abzudrücken. Aber ein unbestimmtes Gefühl warnte mich. Früher habe ich über solche Gefühle immer gelacht, aber die Jahre in der Wildnis haben mich gelehrt, dass man auf seinen Instinkt etwas geben kann, vor allem, wenn es ein geschulter Instinkt ist.

Mir gingen diese zwei nicht aus dem Kopf, die das Seil gespannt hatten. Ob sie wirklich den anderen gefolgt waren? Oder sich vielleicht noch in der Nähe befanden?

Einen Hinweis bekam ich, als ich nach rechts blickte. Etwas oberhalb vom Schluchtzugang flogen Stärlinge auf. Vögel, die eigentlich nur am Tag fliegen. Kleine Sänger, die sich in der Nacht nicht aus ihrem Nest trauen. Und jetzt waren sie aufgeflogen. Etwa in halber Höhe des Felsens musste das sein.

Der nächste Hinweis kam, bevor der Mann mit dem Messer unten bei dem Mädchen angelangt war. Und dieser Hinweis kam von der anderen Seite der Schlucht, auch etwa in halber Höhe des Felsens. Dort sah ich eine Bewegung gegen den etwas helleren Hintergrund der Wüste. Eine Gestalt kletterte dort, hielt aber jetzt inne und schien sich auf einer Art Felssims niederzulassen.

Ich begann nun zu ahnen, um was es hier ging. Diese Schlucht war eine Falle, in die man jemand hineinlocken wollte. Dieser „Jemand“ konnte aber keinesfalls aus der Richtung kommen, in die die Reiter jetzt geritten waren.

Bevor ich mir weitere Gedanken machen konnte, geschah dort unten etwas anderes. Der Mann mit dem Messer war bei der Gefangenen angelangt, ich hörte sein Lachen bis zu mir herauf, dann setzte er das Messer am Kleid der Gefangenen an und schlitzte es auf. Er tat es so geschickt, dass er offensichtlich nicht einmal die Haut des Mädchens berührte.

Die beiden anderen standen jetzt auf und gesellten sich zu ihrem Kumpan. Während er noch damit beschäftigt war, das Kleid der Gefangenen, die sich nicht rühren konnte, aufzufetzen, rissen die anderen die Stoffstücke vom Leib der Frau. Es dauerte nur Sekunden, bis sie völlig nackt dastand; und noch immer gefesselt. Denn geschickt hatten die drei Lumpenkerle ihr die Kleiderfetzen unter den Fesseln herausgezogen.

Der ebenmäßige Körper des Mädchens leuchtete im Feuer wie Bronze. Sie war nicht nur im Gesicht schön, sie hatte einen wunderbaren Leib. Ihre Brüste waren fest, die Hüften sanft geschwungen, und sie besaß etwas, was bei den Indianern, selten war, nämlich lange schlanke Beine.

Ich konnte mir ausdenken, wie es weitergehen würde.

 

*

 

Die drei dort unten kochten fast über vor Begierde. Der Anblick des nackten Mädchens, sagte ich mir, ist bestimmt etwas, das der Anführer der Bande nicht einkalkuliert hatte.

Ich hörte, wie einer der drei sagte: „Lass den Quatsch, wir dürfen es nicht! Wenn der Captain es erfährt, schießt er dich über den Haufen.“

Der Angesprochene erwiderte so laut und deutlich, dass ich es ganz genau bis hier herauf hörte:

Der Captain kann mich. Sieh sie dir doch an. Denkst du denn, dass ich daran vorbeigehe? Sehe ich aus wie ein Idiot? Die nehm’ ich doch mit und du doch auch, oder?“

Ich konnte jetzt ihre Gesichter sehen. Der eine hatte rotblondes Haar. Vielleicht war es auch blond und wirkte nur im Feuerschein so rot, und er trug einen dünnen Bart Der andere schien älter zu sein. Als er einmal den Hut abnahm, entdeckte ich eine Glatze, aber in seinem Gesicht spross ein buschiger Vollbart

Der dritte, jener mit dem Messer, war hager, fast dürr. Er war im Gegensatz zu den beiden anderen völlig bartlos, wirkte aber dennoch älter als sie.

Der Hagere ging auf das Mädchen zu. Es schrie, es spie ihn an, aber es konnte sich nicht wehren. Lachend berührte er mit der Messerspitze ihre Brüste, strich dann, ohne sie zu verletzen, bis zu ihrem Bauchnabel herab, fuhr mit der Messerspitze noch tiefer, bis er an der Scham anlangte. Sie schrie zornig, empört und doch so machtlos.

Ich spähte nach rechts. Den einen hatte ich ja entdeckt, aber wo war der andere? Jener, der sich auf meiner Seite des Felsens befand. Solange ich nicht wusste, wo der steckte, war es riskant.

Ich sah wieder zu dem mit dem Messer hinunter. Die beiden anderen standen neben ihm, begleiteten sein Tun mit Gelächter.

Ich sah, wie er das Messer wegsteckte, wie er das Mädchen anfasste. Erst ihre Brüste, dann ihre Hüften, dann ihre Schenkel.

Das Mädchen weinte in ohnmächtiger Verzweiflung.

In diesem Augenblick entdeckte ich rechts die Silhouette des zweiten Mannes, den ich suchte, der dort vorn am Schluchteingang Wache hielt. Er war aufgestanden aus seiner Deckung; vielleicht um mehr davon zu erspähen, was sich am Feuer seinen lüsternen Augen darbot.

Endlich, dachte ich, und warf noch einmal einen Blick hinunter zu dem Mädchen. Nun strichen sie alle drei mit ihren schmutzigen Händen über die samtene Haut des Mädchens.

Die Kleine warf den Kopf hin und her, dass ihr langes Haar wie eine Fahne wehte und ihr dann sogar übers Gesicht fiel. Sie riss und zerrte an ihrer Fesselung, aber die Lederriemen schnitten ihr nur umso fester ins Fleisch. Sie hatte keine Chance loszukommen und musste die Gemeinheit der drei erdulden.

Noch waren es nur Handberührungen, aber die schon versetzten jene drei in eine Raserei, bis plötzlich der eine, jener Dürre, sein Messer wieder heraus riss, die Fesseln zu durchschneiden. Was sie jetzt vorhatten und mit dem Mädchen zu tun beabsichtigten, war so offenkundig, dass ich darüber nicht nachzudenken brauchte.

Lass das!“, schrie der eine. „Mach das nicht! Der Captain kommt dahinter!“

Der Dürre störte sich nicht daran. Er hatte schon die Fessel durchschnitten, mit der die Taille des Mädchens an einem Felshaken angebunden war.

Der dritte Mann mischte sich nun ebenfalls ein und schrie: „Mach sie los, mach sie los! Die beiden Jungs vorn kommen auch rüber. Sieh doch, Mano ist schon unterwegs!“

Ich bemerkte jetzt auch, dass jener, den ich von Anfang an oberhalb des Seils entdeckt hatte, heruntergeklettert war und die Schlucht entlang lief. Er rannte jetzt sogar, um nichts zu versäumen, wie mir schien.

Doch der fünfte Mann blieb, wo er war. Immerhin sah ich ihn. Noch immer zeichnete sich die Silhouette seines Körpers deutlich vor dem wenig helleren Hintergrund ab. Für mich deutlich genug.

Das Mädchen schrie jetzt schrill auf. Einer der drei Männer hatte eine Bullpeitsche geholt, ließ sie unmittelbar vor dem Gesicht des Mädchens knallen und schrie: „Bist du ganz still! Willst du wohl still sein, oder wir schlagen dir die Haut in Fetzen, du verdammter roter Balg!“

Die anderen beiden lachten. Der vierte war jetzt bei ihnen, drängte sich vor, wollte an das Mädchen heran. Seine Hände glitten gierig über ihren Leib. Inzwischen hatte der mit dem Messer eine der Armfesseln freigemacht. Sofort, mit der Widerspenstigkeit einer Katze, schlug das Mädchen ins Gesicht ihres Peinigers. Der Mann brüllte und schrie: „Schlag sie! Schlag sie!“

Der mit der Peitsche schlug zu. Das Mädchen schrie gellend auf, als das Leder der Schnur über ihre Oberschenkel klatschte.

Bis dahin ließ ich es kommen.

Ich hielt zuerst auf den auf dem Felsen, dessen Silhouette ich sah. Der tat zwar dem Mädchen nichts, aber er bildete für mich die größte Gefahr. Ich zielte, und schloss in dem Augenblick, wo ich abdrückte, die Augen, um nicht geblendet zu werden. Als ich sie wieder öffnete, sah ich den Mann drüben auf dem Felsvorsprung taumeln, das Gleichgewicht verlieren und über den Abgrund stürzen.

Mehr wollte ich jetzt nicht mehr sehen. Ich schwenkte den Lauf des Gewehres rum, hatte unten den mit dem Messer, der überhaupt noch nicht begriffen zu haben schien, um was es ging. Er wollte wieder auf das Mädchen zugehen. Er befand sich keinen halben Schritt weit von ihr entfernt.

Ich musste genau zielen und sicher treffen, wenn ich das Mädchen nicht verletzen wollte. Als ich abgedrückt hatte, wirbelte der Mann unten herum, aber zugleich sprangen die drei anderen beiseite.

Mein nächster Schuss traf den mit der Peitsche. Er trat rücklings auf das Mädchen zu, und so verfehlte ich seine Brust und traf ihn in den Kopf. Er brüllte auf, prallte mit dem Rücken gegen das Mädchen, das ebenfalls schrie, und brach zusammen. Da hatten sich die beiden anderen, die noch unverletzt waren, gefangen. Der eine feuerte mit dem Revolver in meine Richtung, der andere versuchte aus dem Lichtschein des Feuers herauszukommen. Und eigentlich hätte ich auf ihn zuerst schießen müssen, aber der mit dem Revolver zwang mich, meinen Plan zu ändern.

Er schoss gut. Doch die Entfernung war einfach für einen Revolver zu groß, und keiner von denen da unten hatte ein Gewehr zur Hand. Trotzdem konnten die Schüsse aus dem Revolver gefährlich werden. Eine Kugel traf den Lauf meines Gewehres, aber sie schrammte nur leicht daran, irrte als Querschläger ab, und meiner Winchester machte es nichts aus.

Als ich schoss, sprang der Mann unten nach vorn, wollte der drohenden Gefahr ausweichen, aber ich war schneller. Mein Schuss traf ihn in den Nacken, und er stolperte noch so weit nach vorn, dass er mit Kopf und Händen in das Feuer schlug. Aufbrüllend versuchte er sich herumzuwälzen, da streckte ihn ein weiterer Schuss von mir nieder.

Ich musste nachladen. Meine Winchester fasste nur sechs Schüsse. Dafür waren es 30.30-Geschosse.

Als ich endlich zwei Patronen im Röhrenmagazin hatte, war der fünfte Mann verschwunden. Ich sah ihn nicht. Aber dann entdeckte ich ihn plötzlich vorn am Seil. Er schien es völlig vergessen zu haben und prallte dagegen. Es gab ein eigenartiges, floppendes Geräusch, und das machte mich auf ihn aufmerksam. Zu spät begriff er, dass er in eine Falle gelaufen war, die eigentlich anderen galt. Und so stand er dort ohne jede Deckung, wirbelte herum, wollte sich zur Seite werfen, da jagte ich die beiden Geschosse heraus, die ich im Lauf hatte. Alle beide trafen sie.

Unten neben dem Mädchen war der Dürre aufgestanden. Ich schien ihn nicht schwer genug getroffen zu haben. Sein rechter Arm hing herab, aber mit dem linken hielt er ein Messer, und die Spitze piekte genau an die Stelle am Hals der jungen Indianerin, wo die Schlagader sein musste.

Du kannst ruhig schießen!“, brüllte er herauf. „Sie wird mit mir sterben. Wenn du sie retten willst, dann komm herunter, aber ohne ein Gewehr.“

Ich brauchte drei Sekunden, um zu überlegen, was ich tun konnte. Zu ihm hinuntersteigen kam überhaupt nicht in Frage. Das Leben der Indianerin musste ich retten. Was konnte ich tun?

Die Erleuchtung kam mir drei Sekunden später.

Er stand neben dem Mädchen. Seine linke Hand hielt das Messer, dessen Spitze den Hals des Mädchens berührte. Aber er stand mir zugewandt, genau wie das Mädchen und blickte zu mir herauf. Wenn ich ihn in den Arm traf, in jenen Arm, der das Messer hielt, würde er unter einem Reflex möglicherweise noch zustechen können und das Mädchen tödlich verletzen. Ich musste einen Schuss anbringen, bei dem er sich nach vorn beugte. Die Verbeugung nach vorn würde das Messer vom Hals des Mädchens wegziehen, das Mädchen wäre dann aus der Gefahr heraus.

Damit er sich nach vorn beugte, gab es überhaupt nur eine einzige Möglichkeit, wie ich das erreichen konnte: Ich musste ihn in den Unterleib schießen.

Ich brauchte weitere fünf Sekunden, um mit diesem Gedanken fertig zu werden. Aber wie sonst sollte ich die tödliche Gefahr für das Mädchen abwenden? Ich wusste nichts anderes. Dann schoss ich. Ich feuerte, hörte seinen Aufschrei, und er tat genau das, was ich vorausberechnet hatte. Er beugte sich nach vorn, fiel auf die Knie, und ich schoss ein zweites Mal, diesmal in den Kopf. Sein Schrei endete abrupt.

 

*

 

Die Flammen des Feuers waren kleiner geworden, aber der Schein reichte aus, diesen makellos geformten Leib des Mädchens zu erleuchten. Sie hatte den Kopf gesenkt, schluchzte und presste in einer verständlichen Scham die Schenkel aneinander. Als ich mich ihr näherte, blickte sie nicht zu mir auf.

Ich schnitt ihre Arm und Beinfesseln durch, dann drückte ich die Decke, die ich mitgebracht hatte, in ihre Hände und sagte: „Hüll dich damit ein!“

Ich hatte in der Annahme, dass sie Spanisch besser als Englisch verstünde, die Sprache der Mexikaner benutzt, und sie schien sie tatsächlich zu verstehen. Sie wollte die Decke um ihren nackten Leib schlingen, aber ihre Hände waren von der Fesselung so steif, dass die Finger nicht die Kraft hatten, die Decke zu halten. Sie entglitt ihr, und da stand sie vor mir mit gespreizten Beinen. Ein verlockender Anblick; hätten wir beide uns in einer anderen Situation befunden. So hob ich ihr die Decke auf, nahm ihre Hände, massierte ihr die Gelenke und gab ihr die Decke zurück. Sah ihr aber die ganze Zeit bewusst ins Gesicht, damit sie Vertrauen zu mir gewinnen konnte.

Jetzt gelang es ihr, die Decke um den Leib zu schlingen. Scheu lief sie ein Stück von mir weg an eine dunkle Stelle, als könnte sie ungeschehen machen, was ich schon gesehen hatte. Du lieber Himmel! dachte ich. Was hat sie zu verbergen? Wenn jemand so schön ist wie sie?

Ich sah mich kurz um. Dort hinten standen noch alle Pferde; sie waren zwar ein Stück weggelaufen, dann aber stehengeblieben. Ich musste machen, dass ich hier wegkam mit ihr. Denn wer wusste, wann die anderen, die sich entfernt hatten, wiederkommen würden? Wenn dies eine Falle gewesen war, um irgend jemand hineinzulocken, dann war sie doch ganz sicher nicht nur mit jenen Männern besetzt, die hier bei dem Mädchen geblieben waren. Die anderen würden wiederkommen.

Ich brauchte nicht lange, bis es mir schlagartig klar wurde, dass ich schleunigst verschwinden musste. Ohne mich weiter um das Mädchen zu kümmern, ging ich ein Stück auf den Eingang der Schlucht zu, kniete mich und legte das linke Ohr auf den Boden. Mein Verdacht war berechtigt gewesen. Ich hörte am Boden fernen Hufschlag. Rasch sprang ich auf, rannte zurück auf das noch immer in einer dunklen Felsnische stehende Mädchen zu und sagte: „Wir müssen weg! Schnell! Auf ein Pferd und weg!“

Ich hatte ohne zu überlegen englisch gesprochen, und das schien sie nicht zu verstehen. Als ich sie am Arm nahm und etwas hinauszerrte, sah ich in ihr Gesicht. Sie sah mich ratlos an, aber sie war offensichtlich bereit, mir, als ihrem Retter, bedingungslos zu folgen.

Ich wiederholte auf spanisch, was ich vorher gesagt hatte. Sie nickte nur, und ich konnte trotz der Eile nicht umhin, sie anzusehen.

Noch nie im Leben hatte ich eine so schöne Indianerin gesehen.

Die ich bis jetzt kennengelernt hatte, besaßen meist breite Gesichter, hatten kurze und dazu noch krumme Beine, und selbst die Jüngeren von ihnen erinnerten mich immer an Chinesinnen, wie ich sie einmal in San Francisco gesehen hatte.

Dieses Mädchen hier stellte selbst viele von den weißen Mädchen, die ich kannte, in den Schatten.

Wir liefen zu den Pferden. Ich half ihr, sich auf eines der Tiere zu setzen. Scheu achtete sie darauf, dass ihr ja nicht die Decke vom Körper glitt, als müsste sie fürchten, ich könnte etwas entdecken an ihrem Leib, das ich noch nie gesehen hatte. Ich hätte lachen können darüber, dass sie ihre Schamhaftigkeit mit einem Mal so in den Vordergrund stellte. Wir hatten im Augenblick andere Sorgen. Ich setzte mich ebenfalls auf ein Pferd, packte die Zügel der übrigen, dann ritten wir los.

Die junge Indianerin verstand vorzüglich zu reiten. Eben hatte sie noch im Damensitz gesessen, aber jetzt schwang sie ihr rechtes Bein über den Sattel hinweg und ritt wie ein Mann. Die Decke rutschte ihr von den Brüsten. Die waren so fest, dass sie nur wenig bei den Bewegungen des Pferdes wippten. Fast hätte ich denselben Fehler gemacht wie der eine dieser Hundesöhne, der das eigene Seil vergessen hatte. Im letzten Moment fiel es mir wieder ein.

Ich parierte die Pferde, beugte mich nach vorn und schnitt mit einem Haumesser, das am Sattelhorn gehangen hatte, das Lederseil durch. Dann jagten wir die Gasse aus der Schlucht heraus in die offene Wüste. Ich schlug einen Bogen und hielt auf jenen Platz zu, wo ich mein Pferd stehengelassen hatte. Als wir es erreichten, schnaubte der Fuchswallach freudig. Offensichtlich hatte er wohl befürchtet, vergessen worden zu sein. Ich setzte mich auf ihn, auf den ich mich verlassen konnte und den ich bestens kannte, dann ging die wilde Jagd weiter.

Mein Ziel war Tucson. Dort, so glaubte ich, war die junge Indianerin in Sicherheit.

Eine Zeitlang ritt sie willig neben mir her. Dann aber begann sie sich zu orientieren, blickte immer wieder zum Himmel, an dem die Sterne prangten, drehte sich um, und ich spürte deutlich ihre Unruhe, die sich auf mich übertrug. Ich glaubte, sie hätte irgendwelche Verfolger bemerkt, hielt an, sah mich um, lauschte, aber ich gewahrte nichts. Etwas unsicher blickte ich sie an und fragte: „Was ist denn los?“

Sie erwiderte mir in kehligem Spanisch: „Du reitest nach Norden.“

Ich nickte. „Natürlich. Wir wollen nach Tucson. Dort bist du sicher.“

Als ich den Namen sagte, schienen sich ihr die Haare zu sträuben. Der Widerstand, der sich plötzlich in ihr aufrichtete, war fast sichtbar.

Nein! Nicht dahin!“, erwiderte sie entschieden. „Nicht dorthin! Da sind böse Menschen. Ich werde allein weiterreiten, ich weiß, wo ich hin muss.“

Ich blickte in die Runde. Eine Deckung gab es hier nicht. Von einzelnen Kakteen, Mesquite und anderen Büschen abgesehen, war hier nichts, wo man sich mitsamt den Pferden verstecken konnte. Wenn wir hier überrascht wurden, gab es nur noch den Tod.

Wir müssen weiter!“, sagte ich.

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht nach Tucson“, widersprach sie. „In Tucson bezahlen die Weißen für Skalps.“ Sie deutete auf ihren Kopf, als wäre mir das Wort „Skalp“ fremd.

Aber doch nicht für welche von Frauen und Kindern“, erwiderte ich.

Auch von Frauen und Kindern. Sie töten alle von uns, und wir sind friedlich.“

Sie jagen auch nur Apachen“, erklärte ich, weil ich annahm, dass sie keine Apachin war. Ich hatte noch nie eine so schöne Apachenfrau gesehen. Sie musste von einem anderen Stamm kommen.

Ich bin eine Mimbreno-Apachin“, erklärte sie. Sie sah mich ganz ernst an. „Sie haben schon zwanzig von uns umgebracht, die anderen sind mit der Habe geflohen. Als sie uns angriffen, haben die Männer die Fremden zurückgeschlagen, aber dann in der Nacht ist es ihnen gelungen, ein paar von uns und mich zu überfallen. Sie machten sie alle nieder, bis auf mich. Mich haben sie mitgenommen.“

Wo ist das gewesen?“, fragte ich sie.

Sie beschrieb es mir sehr umständlich, aber da ich die Wüste kannte, konnte ich ihren Worten entnehmen, wo die Karawane ihrer Familie ungefähr gewesen sein musste. Das war von hier aus gerechnet etwa zehn Meilen weit, also keine große Entfernung in einer Wildnis, wo hundert Meilen in der Endlosigkeit verschwanden.

Wohin wollten deine Leute?“, fragte ich das Mädchen.

Sie bemühte sich, die von ihren Brüsten gerutschte Decke höher zu ziehen und sagte: „Wir wollten zum Meer hinüber.“ Während sie das sagte, deutete sie nach Westen. Sie meinte den Golf von Kalifornien. Ein weiter Weg dahin. Selbst wenn nichts dazwischen kam, brauchte man mit einem guten Pferd durch die Wüste zehn Tage bis dahin. Aber eine Karawane kam sicher nicht so schnell voran. Vielleicht würden sie vierzehn Tage benötigen. Vierzehn Tage! Das waren tausendvierhundert Möglichkeiten, um denen in die Hände zu fallen, die sie jagten.

Sie töten die Männer“, sagte das Mädchen, „sie töten die Frauen, sie töten die Kinder. Sie nehmen die Skalps und bringen sie nach Tucson. Und dort verkaufen sie die Skalps. Niemand fragt sie, ob es nicht vielleicht die Skalps von Kindern und Frauen sind. Sie haben es uns selbst gesagt. Gelacht haben sie dabei. Immer wieder haben sie mir erzählt, dass sie auch die anderen noch kriegen werden. Die anderen meines Stammes.“

Wer bist du?“

Sie nennen mich Nahoo.“

Du bist ganz anders als die Apachen, die ich kenne“, sagte ich.

Sie gab darauf keine Antwort, sondern wandte sich ab und war wieder bestrebt, nur nicht die geringste Blöße zu zeigen. Unter der Decke war das schwer, immer wieder rutschte sie; sie konnte sie kaum halten. Da ich ihre Not begriff, reichte ich ihr einen Gürtel, den ich in der Satteltasche hatte.

Das Mädchen dankte lächelnd, schlang sich den Gürtel um die Taille und verknotete die Enden der Decke über der Schulter. Es war ein eigenartiger Anblick, den sie bot. Ihre schlanken, langen Beine ragten aus der Decke heraus. Ein verführerischer Anblick. Weil die Sichel des Mondes jetzt bleicher und heller leuchtete, wirkte die dunkle Haut des Mädchens fast violett. Das Verlangen in mir, diese Haut zu fühlen, diesen Körper in die Arme zu schließen, überwältigte mich fast. Ich muss sie wohl sehr begierig angesehen haben, denn sie sagte, als ahnte sie meine Gedanken:

Wir müssen schneller reiten! Du selbst hast es gesagt. Wie heißt du?“

Nenn mich einfach Callahan. So nennen sie mich alle.“

Sie wiederholte den Namen und sprach es ganz eigenartig aus. Es klang merkwürdig aus ihrem Mund, aber reizvoll zugleich. Mein Verlangen steigerte sich. Ich musste mich abwenden, denn sie hatte recht. Wir mussten machen, dass wir wegkamen. Also den anderen folgen? überlegte ich. Es war Wahnsinn.

Die holen wir nicht ein, im Gegenteil, sie werden vielleicht auf dem Weg zu dem Felsen sein, um dich zu befreien. Um in eine Falle zu laufen, die die anderen ihnen bereitet haben.“

Sie nickte. „Es ist auch möglich“, sagte sie, „dass meine Leute zurückkehren. Nicht in das Dorf zurück, das uns gehörte, sondern in die Berge der ewigen Sonne, wir nennen sie Sierra de Santa Clara.“

Ich kannte diese Gegend, und bei Tage hätten wir auch von hier aus schon die Zinnen der Berge sehen können. Die Sierra de Santa Clara zog sich bis Sonita hin, praktisch verlief sie quer durch die Gila-Wüste und trennte die vom Golf von Kalifornien.

Es sind Weiße dort“, sagte sie. „Ein Prediger. Er wollte uns zu Christen erziehen. Es ist ihm auch gelungen. Er hat uns alle bekehrt. Viele von uns haben schreiben und lesen gelernt bei ihm. Er ist ein guter Mann. Seine Frau ist ihm gestorben. Er versteht viel von Medizin, aber er hat sie nicht retten können. Und unser Medizinmann konnte sie auch nicht retten. Sie musste sterben. Er hat eine Tochter. Sie ist schön. Sie hat Haar wie Gold und eine Haut wie Schnee. Und ihre Augen sind wie das Meer. Sie ist wunderschön. Sie und ihr Vater, sie tun alles für uns, alles. Sie haben schon so vielen geholfen. Wir wollen zu ihnen gehen. Einige von uns sind schon dort.“

Ich musste an die Apachen denken, die sich Geronimo angeschlossen hatten und den Weißen blutige Schlachten lieferten. General Crook war nach der Niederwerfung der Sioux im Norden hierher nach Arizona gekommen, um die aufständischen Apachen zu besiegen. Bislang war es ihm noch nicht gelungen. Der Hass der Weißen auf die Apachen war wegen deren Gräueltaten - besonders im Süden Arizonas - groß.

Aber ich wusste, dass man unterscheiden musste. Sie waren nicht alle gleich. Es gab Stämme unter ihnen, die mit Geronimo und seinen Gewalttaten nichts zu tun haben wollten. Die Mimbrenos gehörten dazu. Ich wusste auch von den Skalpjägern, die wie versessen darauf waren, Indianer abzuschlachten und dafür noch vom Staat Prämien bekamen. Aber das galt nur für männliche Indianer, weibliche und Kinder durften nicht getötet werden. Aber trotzdem schienen die Skalpjäger es zu tun. Ich hatte keinen Grund, dem zu misstrauen, was das Mädchen sagte.

Ich kam mit meinen Überlegungen nicht weiter, denn plötzlich stellte ich fest, dass wir verfolgt wurden. Es war ein ganzer Pulk von Reitern, den ich in der Ferne auftauchen sah. Ich wollte nicht erst herausfinden, um wen es sich handelte, es ging einfach um zuviel.

Wir konnten es uns nicht leisten, sie auf Schussnähe herankommen zu lassen. So ritten wir wie der Teufel, um ihnen zu entkommen, aber sie blieben uns auf der Spur. Bei dieser Gelegenheit entdeckte ich, dass Nahoo nicht nur gut reiten konnte, sondern dass sie es auch verstand, aus dem Pferd das Letzte herauszuholen. Aber ich bestand darauf, dass wir ständig die Pferde wechselten. Schließlich besaßen wir sieben Tiere. Wir konnten es uns leisten, keines der Tiere zu erschöpfen. Unser Vorsprung wuchs. Aber die Verfolger hatten ein ganz bestimmtes Ziel im Auge. Ich konnte mir denken, was in ihren Köpfen vorging.

Vor uns befand sich ein riesiges Kakteenfeld. Ich kannte es noch von früher her und wusste auch, dass es zwei Möglichkeiten gab, durch dieses Kakteenfeld zu gelangen. Wer dort nicht genau Bescheid wusste, blieb regelrecht und im wahrsten Sinne des Wortes zwischen den Kakteen stecken. Es war für die Verfolger ein leichtes, ihn einzuholen, aber ich kannte dieses Feld und wusste, wo man durchkommt.

Unser Glück war der Mond. Sein Licht reichte aus, um zu erkennen, wo wir entlang reiten mussten. Aber nicht nur mir war das Kakteenfeld vertraut, sondern offensichtlich auch Nahoo. Sie deutete auf eine ganz bestimmte Stelle, wo eine der beiden Gassen begannen, die durch das Kakteenfeld führten. Ich nickte nur, weil ich den Weg kannte. Und dann jagten wir hinein.

Ich ließ das Mädchen vorausreiten und blieb dahinter. Die ledigen Pferde behinderten mich, also band ich ihnen die Zügel auf und trieb sie vor mir her und ritt am Schluss. Ein gutes Stück weit jagten wir die schmale Gasse entlang, bis es zu gefährlich wurde, unverletzt durchzukommen. Eines der Pferde hatte sich schon einen Stachel in die Flanke gejagt, wieherte schrill, bäumte sich auf und keilte nach hinten aus. Es war aber keine Möglichkeit, dem Tier den Stachel herauszuziehen.

Ich blieb dahinter und trieb die Pferde vor mir her. Dann, als ich meinte, weit genug ins Kakteenfeld hineingekommen zu sein, parierte ich meinen Fuchs und spähte zurück. Doch die Verfolger betraten das Kakteenfeld nicht.

Ich konnte mich erinnern, dass es ziemlich in der Mitte des Kakteenfeldes eine Lichtung gab, eine Stelle von etwa vierzig mal fünfzig Schritt Größe, und dort beschloss ich, eine kurze Rast einzulegen.

Es war möglich, durch die Gasse jeden Verfolger abzuwehren. Da unsere Gegner nur hintereinander reiten konnten, würde ich, besaß ich einmal genug Munition, den Pulk lange Zeit zurückschlagen können. Und es mangelte uns nicht an Munition. Fast in jedem Scabbard der Pferde steckte ein Gewehr, mit einer einzigen Ausnahme, das Tier, auf das man Nahoo gefesselt hatte. Drei der Pferde beförderten auch noch prall gefüllte Wassersäcke, und das war im Augenblick noch nützlicher als Munition.

Als Nahoo die Lichtung erreicht hatte, zügelte sie ihr Pferd von allein. Ich trieb die ledigen Pferde vor mir her, die sich sofort darauf auf der Lichtung verteilten, sprang aus dem Sattel und sagte: „Bis jetzt verfolgen sie uns noch nicht.“

Wenn sie das Kakteenfeld umreiten“, sagte Nahoo, „werden sie dazu zwei Tage brauchen.“

Vielleicht geben sie die Verfolgung auch auf“, erklärte ich, aber ich glaubte selbst nicht an meine Behauptung.

Ich tränkte die Pferde, goss dann noch etwas Wasser in den Blechbecher, den ich immer an der Satteltasche hatte und reichte ihn Nahoo.

Sie dankte lächelnd, trank, und als sie mir den Becher zurückreichte, berührten sich unsere Hände. Es war, als ginge ein elektrischer Schlag durch meinen Arm. Wir hielten beide in der Berührung inne. Ich blickte ihr in die Augen. Die Augäpfel reflektierten den Mondschein und schienen zu leuchten.

Sie senkte jetzt den Arm und stand wie gelähmt vor mir. Fast automatisch tat ich einen Schritt nach vorn und spürte den warmen Hauch ihres Atems auf meiner Brust. Ihr Haar duftete; während die Indianer, die ich bisher kennengelernt hatte, alle einen unangenehmen, penetranten Geruch ausströmten, war das bei Nahoo anders. Es war ein eigenartiger Geruch. Angenehm, und auf mich wirkte er im Moment sogar berauschend.

Ich konnte einfach nicht widerstehen. Ich legte meine Hände auf ihre Schultern. Weiter tat ich nichts. So stand ich vor ihr, blickte in ihr Gesicht, und sie beugte den Kopf etwas in den Nacken und sah mich nur an. Wir sprachen kein Wort, und doch schien es mir, als sagten wir uns tausend Dinge.

Ich blickte nur in ihre Augen, ihr Mund war halb geöffnet, die perlweißen Zähne leuchteten im Mondlicht. Und plötzlich brach sie die Stille und sagte leise:

Du hast mir das Leben gerettet, Callahan. Bei uns Indianern sagt man, dass ein Menschenleben dem geweiht ist, der es vor dem Tod gerettet hat. Mein Leben gehört dir.“

Sie hätten dich nicht getötet“, behauptete ich, obgleich ich vom Gegenteil überzeugt war.

Sie wollten mehr tun als das“, sagte sie leise, und nun senkte sie den Kopf und fuhr nur wenig lauter fort: „Sie wollten mich schänden. Das ist für eine Indianerin noch viel schlimmer. Sie haben meinen Vater getötet, und sie haben den Mann getötet, dem ich versprochen war. Ich habe niemanden mehr. Niemand von denen, die mit mir blutsverwandt sind. Aber ich habe Freunde, und dahin möchte ich gehen, wenn du es gestattest.“

Ich?“, fragte ich verblüfft. „Du bist keine Sklavin, du bist frei. Und ich bin kein Sklavenhalter, der einen Menschen wie ein gezähmtes Tier beherrscht.“

Zusammenfassung

Mein Name ist Callahan. Jed Callahan. Manche behaupten, dass Ärger und Verdruss meine besten Freunde sind. Es heißt, die Luft wäre verdammt bleihaltig, wo ich mich gerade aufhalte. Dabei bin ich nur ein Mann mit einer rauchigen Vergangenheit, der in Ruhe gelassen werden möchte. Aber so langsam glaube ich, dass es mein Schicksal ist, immer mit einem Bein im Grab zu stehen …

Der heiße Süden lockte mich diesmal, und so machte ich mich auf den Weg, In Arizona war der Teufel los. General Crook war eingetroffen und versuchte mit allen Mitteln, den gnadenlos, aber auch verzweifelt kämpfenden Geronimo und dessen Apachen zu besiegen. Ich wollte mich da nicht einmischen und versuchte nur, so viele Meilen zwischen Tucson und mich zu bekommen wie möglich. Dieses Tucson glich einem Heerlager, zudem war es Sammelpunkt vieler Abenteurer geworden, von denen einige auf Indianerjagd gingen, um Skalps zu erwischen, für die man in Tucson Prämien zahlte. Erst dachte ich, so etwas ginge mich nichts an. Doch auf einmal steckte ich mitten in diesem Geschehen. Und es geschah in der Gluthölle der Gila-Wüste...

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905526
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
callahan

Autor

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Titel: Callahan #1: Wo der Tod lauert