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Brave Mädchen, böse Buben

2016 120 Seiten

Leseprobe

BRAVE MÄDCHEN, BÖSE BUBEN

Zwei Fälle für die Detektei Dirk Landau und Mona Thiesow

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HORST BIEBER

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay und Firuz Askin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

––––––––Klappe

Wie jeder Betrieb muss auch eine kleine Privatdetektei darauf achten, dass der Laden läuft, neue Kunden kommen und ihre Rechnungen bezahlen, auch wenn Dirk Landau und Mona Thiesow und ihre Bürofee Ella Marx durchaus nicht von jedem neuen Auftraggeber begeistert sind. Doch auch schlechte Aufträge können finanziell großartig enden und manchmal gelingt es eben auch kleinen Detektiven, große Stöcke in das Getriebe gewisser vom rechten Pfad abgewichener Behörden zu stecken oder uralte, für L. & T.immer noch lukrative Fälle aufzuklären – wenn man bereit ist, auch das Unwahrscheinliche als möglich zu untersuchen, sobald alle wahrscheinlichen Lösungen in Sackgassen geführt haben.

I. Geburtsfehler

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Personen

Dirk Landau: Privatdetektiv

Mona Thiesow: Landaus Partnerin

Ella Marx: Bürofee bei L & T

Werner Lotze: Vater mit Zweifeln

Gerda Lotze: Seine verzweifelte Ehefrau

Martina Lotze: Tochter von Werner und Gerda

Petra Holz: Früher Hebamme in Guntersburg

Wilbert Meinecke: Früher Chefarzt der Lucius-Klink in Brakenfeld

Franz Staufer: Juwelier am Guntersburger Markt

Jessica Vollmer: Verkäuferin im Guntersburger Staufer-Geschäft

Jens Hübner: Zahntechniker, Jessicas Freund

Peter Staufer: Juwelier an der Tellheimer Bahnhofstraße, Franz' Bruder

Linda Staufer: Peters Frau

Sabine Staufer: Kind von Peter und Linda

Gottfried Weinhold: Langjähriger Freund der Familien Staufer

Holger Brettschneider: 1. KHK „Raub und Überfall“ heute i.R.

Ariane Melzer: Mitarbeiterin beim „Weißen Ring“

Bert Egli: In Kilchberg lebender Schwager von Franz und Peter Staufer

Otto Schircke: Bei der „Arbeit“ verunglückter Räuber

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Alle Namen und Taten, Personen und Ereignisse, Geschäfte und Organisationen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

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Obwohl Dirk Landau und Mona Thiesow von verzweifelten Menschen lebten, die bei den Detektiven Landau & Thiesow Hilfe suchten, mochten Dirk und seine Partnerin Mona keine Kunden oder Auftraggeber, die schon heulten, während sie ihr Problem noch schilderten oder dabei jeden Moment in Tränen auszubrechen drohten. Und nur, weil sich Gerda Lotze sichtlich alle Mühe gab, die Tränen zurückzuhalten, hörten sie ihr bis zum Ende zu.

Nach zwölf Jahren Ehe wollte sich ihr Mann Werner Lotze von ihr scheiden lassen, und zwar mit der Begründung, sie haben ihm nach der Eheschließung ein Kuckuckskind untergeschoben. Ins Rollen gekommen war die Geschichte wegen einer geplanten längeren Ferienreise durch die Tropen. Die Eltern und Tochter Martina hatten sich nach den erforderlichen Impfungen erkundigt und dabei auch für die Tochter Martina einen Internationalen Impfpass ausstellen lassen. Dr. Kulicke, der Hausarzt der Familie Lotze, meinte beim Überreichen des Passes treuherzig – oder schlitzohrig? -, das sei aber merkwürdig. Werner Lotze habe seines Wissen doch die Blutgruppe Null Rh positiv, ebenso Ehefrau Gerda. Aber Tochter Martina habe B Rh negativ, nein, da sei kein Irrtum möglich.

Als Werner Lotze das Ergebnis hörte, stand für ihn sofort fest: Martina konnte nicht sein Kind sein, Ehefrau Gerda war von einem anderen schwanger, als sie Werner Lotze heiratete. Gerda Lotze schwor alle Eide, dass sie ihren Werner nicht betrogen hatte, in der Ehe nicht und kurz vor der Heirat erst recht nicht.

Mona Thiesow warf ihrem Partner Dirk Landau einen warnenden Blick zu, er solle jetzt bloß den Mund halten. Jetzt kamen die Frauenfragen, bei denen die Männer ruhig zu bleiben und den Mund zu halten hatten: „Waren Sie denn noch Jungfrau, als Sie mit Werner Lotze zum Standesamt gingen?“

Gerda Lotze wurde rot. „Nein“, flüsterte sie. Eine andere Antwort hätte Landau ihr auch nicht geglaubt, Gerda Lotze, geborene Stammler, war auch jetzt noch ein ausgesprochen hübsches Weib und musste als junges Mädchen höchst attraktiv und anziehend gewesen sein. „Nein, ich hatte einen Freund, mit dem ich auch ins Bett gegangen bin. Aber damals habe ich die Pille genommen, und als er sich bei der Bundeswehr verpflichtete, haben wir uns getrennt. Er ist in Afghanistan umgekommen.“

„Und wie können zwei Null Positive ein B negatives Mädchen in die Welt setzen?“

„Ich habe nur eine Erklärung, Frau Thiesow. Mein Kind ist unmittelbar nach der Geburt noch in der Klinik mit einem anderen Neugeborenen vertauscht worden.“

Das würde das medizinische Wunder erklären, solche Verwechslungen gab es tatsächlich alle Jubeljahre einmal, aber Landau und Thiesow glaubten nicht an eine so simple Erklärung. Gerda Lotze schien zu spüren, dass sich die Stimmung gegen sie kehrte, und begann nun doch zu weinen. Mona hatte das weichere weibliche Herz und versuchte, ihre Besucherin zu überzeugen.

„Frau Lotze, Sie wissen, dass wir Ihnen keinen Erfolg versprechen können, wenn wir Ihren Fall annehmen. Aber auf jeden Fall werden Sie eine gepfefferte Rechnung von uns bekommen, die Sie so oder so bezahlen müssen. Ist es das wert, oder sollten Sie das Geld jetzt, vor einer drohenden Scheidung, nicht besser anlegen?“

Verstärkte Tränenflut und Kopfschütteln.

Mit ihrer nächsten Antwort wendete Gerda Lotze, ohne es zu wissen, das Blatt. Mona fragte: „Wo haben Sie denn Ihr Kind bekommen?“

„In der Lucius-Klinik in Brakenfeld.“

Sie konnte nicht wissen, dass Landau und Thiesow diese Klinik kannten und den schnellen Blick zwischen den beiden Partnern bekam die verzweifelte Ehefrau nicht mit.

Vor etwas mehr als drei Jahren hatten Dirk Landau und seine Partnerin Mona Thiesow eine Rad-Wanderung durch den Lohrer Forst unternommen. Dabei war Mona auf einem bemoosten Stein ausgerutscht und so unglücklich gefallen, dass sie sich ein Bein brach. Sie wurde in die nächste erreichbare Klinik gebracht, eben in die Lucius-Klinik in Brakenfeld. Die medizinische Versorgung war so schlecht, dass Mona, die ohnehin die Geduld nicht erfunden hatte, ernsthaft mit dem Gedanken spielte, das alte Gebäude abzufackeln oder in die Luft zu sprengen, Brand- oder Sprengsätze zu beschaffen war für Mona kein Problem. So bald es möglich war, ließ sie sich in die Uni-Klinik Tellheim verlegen, wo man ihr bescheinigte, das die Kollegen in Brakenfeld so ziemlich jeden Anfängerfehler begangen hatten, der möglich war. Die Frage des Orthopäden war zu einer geflügelten Redensart in der Detektei geworden: „An welcher Tankstelle haben Sie denn das machen lassen?“ Dabei schwenkte er die Röntgenaufnahmen. Die Sprengung und Brandstiftung konnte Landau ihr ausreden, aber nicht die Rachegefühle. Und jetzt saß da eine weinende Frau vor ihr, die sogar für Monas persönlichen Rachefeldzug zu zahlen bereit war.

Landau war also überhaupt nicht verwundert, dass Mona mit sanfter Stimme sagte: „Na, dann erzählen Sie mal, Frau Lotze.“

Die Lotzes wohnten etwas außerhalb von Guntersburg, als an einem Freitagnachmittag die Wehen viel zu früh einsetzten. Die Hebamme überzeugte sie, nicht die lange und beschwerliche Fahrt nach Tellheim anzutreten, sondern sich in die Lucius-Klinik bringen zu lassen, die nicht den allerbesten Ruf genoss und im Krankenhaus-Bedarfsplan des Landes bereits das Sterbekreuz trug. Finanziell schon lange am Ende, baulich heruntergekommen und in der Geräteausstattung Jahre zurück. Drei Jahre nach Martinas Geburt wurde sie geschlossen, zwölf Monate später abgerissen, und die Lucius-Stiftung verkaufte das Gelände an einen Investor, der aber bald Insolvenz anmelden musste. Das von Büschen und Bäumen überwucherte Grundstück war heute ein wilder Abenteuerspielplatz für die Guntersburger Kinder, von denen es mittlerweile so wenige gab, dass sogar eine Grundschule geschlossen werden sollte. Die Lucius-Stiftung gab es noch, sie spezialisierte sich inzwischen auf Alten- und Pflegeheime.

„Wir möchten uns gerne vorher erkundigen, bevor wir Ihren Auftrag annehmen oder ablehnen, Frau Lotze. Aber schon jetzt müssen Sie schriftlich alle Beteiligten, Ärzte, Schwestern, Hebammen von der Schweigepflicht entbinden. Sie wissen sicher noch, wie ihre Hebamme hieß und wo sie wohnte?“

„Natürlich. Petra Holz, Andreasstieg 14 in Guntersburg.“

„Arbeitet Frau Holz noch?“

„Nein, sie hat damals aufgehört, weil die Versicherungsprämien so ins Unermessliche stiegen.“

Den üblichen Standardvertrag füllte ihre Vorzimmer-Kommandantin Ella Marx mit Gerda Lotze aus. Guntersburg war etwa 30 Kilometer von der Tellheimer Stadtgrenze entfernt und das Navi führte Frau Lotze und die Privatdetektive problemlos zum Adreasstieg 14. An dem hellen Haus gab es ein sichtlich neues Schild: „Petra Holz, Schwangerschaftsgymnastik, Gymnastik und Turnen für junge Mütter und Kleinkinder.“

Petra Holz erkannte sie sofort wieder: „Frau Lotze. Schön, Sie mal wieder zu sehen. Wie geht es Ihnen?“

„Gar nicht gut, mein Mann will sich scheiden lassen.“ Und schon rollten die Tränen.

„Kommen Sie doch erst mal rein. Und wer sind Sie?“

„Mona Thiesow und Dirk Landau, wir sind Privatdetektive, und Frau Lotze hat uns einen Auftrag gegeben, bei dem wir Ihre Hilfe brauchen.“

Auch Petra Holz zuckte zusammen, als Gerda Lotze von zwei vertauschten Babys wie von einer Selbstverständlichkeit sprach. Die frühere Hebamme schüttelte bedenklich den Kopf. „Wann ist Ihre Tochter geboren, Frau Lotze?“

„Am 5. Mai 2005 in der Lucius-Klinik in Brakenfeld.“

Petra Holz sprang auf: „Moment, ich muss erst mal mein kluges Buch konsultieren.“ Sie kam mit einer dicken Kladde zurück. „Hier trage ich alles ein, was mir auffällt, was ich nicht vergessen darf, und was ich getan habe. 5.Mai 2005?“

„Ja.“

„Richtig, hier steht was. Lotze – Mädchen, vier Wochen vor Termin. Wehen zu stark und zu schnell, nach Brakenfeld, Gynäkologie. Dr. Melchers. Ultraschall. Lage korrekt. Blasensprung. Falscher Termin?“ „Was heisst falscher Termin?“ wollte Mona wissen.

Die schwangere Frau und ihre Frauenärztin haben sich um eine Periode der Patientin verrechnet. Das Kind kam also nicht zu früh oder zu spät, sondern genau zum Termin. Kommt selten vor, aber passiert schon mal. Das Kind war gesund und voll entwickelt, ich hab es mir genau angesehen.“

Landau kehrte zum Praktischen zurück. „Wenn Frau Lotze Recht hat mit ihrer Erklärung, muss ziemlich genau zur selben Zeit ein zweites Mädchen in Brakenfeld geboren worden sein.“

„Das ist gut möglich, aber das weiß ich nicht“, stellte Petra Holz entschieden klar.

„Wer könnte uns darüber Auskunft geben? Wissen Sie, wo die Akten aufgehoben werden?“

„Nein, tut mir leid, ich weiß nur, dass der Chefarzt Dr. Meinecke noch im Sommer 2005 seinen Job aufgegeben hat und nach Tellheim gezogen ist.“

„Kennen Sie seinen Vornamen?“

„Wilbert, wenn ich mich recht erinnere.“

„Frau Holz, können sie sich noch an irgendetwas Ungewöhnliches am Abend des 5. Mai 2005 erinnern? Hat es irgendwo gebrannt? War der Keller der Klinik überschwemmt? Drohte ein Unwetter? War der Strom ausgefallen?“

Und weil Petra Holz verständnislos dreinschaute, sagte er scharf: „Das war doch eine normale Klink mit einer eigenen Geburts-Abteilung. Sie gerät doch nicht in Panik und vertauscht zwei am selben Abend geborene Babys? Zwei gleichzeitige Geburten – das war doch fast Routine – oder?“

Petra Holz raufte sich die Haare und rieb sich anschließend das Kinn. „Da war doch was?“ Sie blätterte in ihrer schlauen Kladde. „Halt, hier steht was. Moment – das heisst doch Personal Bindestrich wo Fragezeichen. Was war da nur?“ Sie grübelte. „Ist ja schließlich schon ein paar Jahre her.“ Dirk Landau, Mona Thiesow und Gerda Lotze beobachteten sie gespannt. Plötzlich hellte sich ihr Gesicht auf: „Richtig, das war's. Ich habe mich gewundert, wie wenig Personal in der Klinik anwesend war. Stellen Sie sich mal vor, in der ganzen Geburtsabteilung hatte nur eine Schwester Dienst und die hat mir, weil sie sich so ungeschickt angestellt hat, unter Tränen gestanden, sie sei nur eine Lernschwester und hätte im Augenblick niemanden, den sie um Rat fragen könne.“

„Das gibt’s doch nicht“, murmelte Mona vor sich hin. „An welcher Tankstelle hat sie gearbeitet? Und wenn es bei einer Geburt Komplikationen gegeben hätte?“

„Dann hätte ich nur hoffen können, dass Dr. Melchers in der Nähe ist.“

Petra Holz zuckte die Achseln. „Ich habe nie wieder eine Schwangere nach Brakenfeld gebracht. Die Klinik hat ja auch bald den Betrieb eingestellt.“

Die drei Frauen bedankten sich bei der sichtlich beunruhigten Petra Holz und fuhren nach Tellheim zurück. „Und was machen wir jetzt?“ wollte Gerda Lotze wissen. „Heute nichts mehr“, gab Mona ziemlich kurz angebunden, fast schon unfreundlich, zurück, was Landau erstaunte.

Im L & T trafen sie noch die unermüdliche Ella Marx an, die sich sofort an die Arbeit machte, die Anschrift eines Dr. Wilbert Meinecke herauszufinden. Ohne Erfolg.

„Komm, Dirk, ich hab noch Durst auf ein Glas Wein. Und wir müssen uns ausdenken, wie wir morgen einen Standesbeamten in Brakenfeld klug und überzeugend belügen.“

Als sie am nächsten Vormittag Richtung Brakenfeld losfuhren, hatten sie noch keine Ausrede gefunden und verließen sich wieder einmal auf ihre Improvisationskünste.

Das Standesamt war im Rathaus untergebracht und war heute morgen leer. Ein älterer, etwas mürrisch dreinschauender Mann spielte an seinem Computer und ließ mit einem schnellen Tastendruck das Spiel vom Bildschirm verschwinden, als Dirk und Mona anklopften und danach sofort hereinkamen. Ihr fröhliches und lautstarkes „Guten Morgen“ wurde mit einem knurrigen „Ja?“ beantwortet.

Landau zog es in solchen Fällen vor, eine Mischung aus Wahrheit und Fantasie zu benutzen. „Herr Schmitz, wir sind Privatdetektive und arbeiten zur Zeit für einen Rechtsanwalt. In einer sehr kniffligen Erbschaftssache möchte der gerne wissen, ob am 5. Mai 2005 in der Lucius-Klinik Brakenfeld neben einer Martina Lotze noch ein anderes Mädchen geboren worden ist.“

„Wie war das Datum?“ Dabei schielte Schmitz begehrlich auf den Schein, der sich wie von selbst unter Landaus Handfläche hervorschob.

„Fünfter fünfter zweitausendfünf“, wiederholte Landau. „Eine richtige Schnapszahl.“

„Ja.

„Die Kollegen hatten wohl alle gut zu tun.“

„Nichts gegen den neunten neunten neunundneunzig“, murmelte Schmitz, „an den erinnern wir uns alle noch mit Schaudern.“

Während er sprach, hatte Schmitz das Geburtsregister 2005 aufgerufen und das Suchdatum eingegeben. Einen Moment fixierte er den Bildschirm, dann meinte er gelassen: „Ja, eine Martina Lotze. Lucius-Klinik Brakenfeld.

„Und noch eine weitere Geburt?“

Schmitz zuckte die Achseln.

Ein weiterer Geldschein stahl sich folglich unter Landaus Handfläche hervor.

Mona Thiesow bewunderte rückhaltlos die Fähigkeit ihres Partners, im voraus richtig abzuschätzen, wie viel Schmiergeld er bei einer bestimmten Person benötigte. Als der Schein weit genug ans Tageslicht gewandert war, riss Schmitz ihn mit einer unglaublich schnellen Handbewegung an sich und machte den Mund auf. „Ja, eine Sabine Staufer.“

Landau knurrte „Staufer wie der Juwelier in Tellheim?“

„Einen Gold-Staufer gibt es auch noch in Guntersburg“, mahnte Schmitz und drehte sich weg. Für ihn war der Besuch beendet.

Im Auto fragte Landau: „Kennst du einen Gold-Staufer in Guntersburg?“

„Ja, eine kleine Klitsche am Markt.“

„Kein Vergleich mit unserem Staufer auf der Bahnhofstraße?“

„So wie Sonne und Mond.“

„Richtig. Für Staufer Tellheim hätte die Uni-Klink näher gelegen als Lucius in Brakenfeld.“

„Genau umgekehrt bei Staufer Guntersburg.“

„Sollen wir mal hinfahren?“

Jetzt musste Mona und Dirk unbedingt was einfallen. Beide konnten sie sich die Reaktion der Eltern vorstellen, wenn sie in das Geschäft oder die Wohnung platzten: „Wir möchten nachprüfen, ob Ihre Tochter bei der Geburt mit einem anderen Kind vertauscht worden ist.“

Das Geschäft Juwelier Franz Staufer am Guntersburger Marktplatz war wirklich klein und musste, nach Qualität und Umfang der Ware im schmalen Schaufenster zu schließen, den Katalog-Versandhandel ernsthaft fürchten. Direkt über dem Geschäft lag eine Wohnung, die nicht groß sein konnte. Auf dem Klingelschildchen stand F. Staufer. Der Markt war gut besucht, im Geschäft schien sich kein Kunde zu befinden.

„Du brauchst unbedingt eine neue Armbanduhr“, behauptete Mona energisch. Richtig war daran, dass ihm bei einer „beruflichen Schlägerei“ vor vier Wochen eine sehr schöne und aasig wertvolle Armbanduhr durch einen geschwungenen Hartholz-Knüppel zerstört worden war. Seitdem beharrte Mona darauf, dass er sich eine neue Uhr kaufte, ruhig billig, aber robust und vor allem prügelfest.

Das Juweliergeschäft sah in der Tat so aus, als könne man hier billige und prügelfeste Armbanduhren erstehen. Im Laden bediente eine junge Frau, die enttäuscht guckte, als Landau beschrieb, was er suchte, ihn dann aber freundlich, flink und kompetent bediente. An ihrem Shirt trug sie ein kleines Namensschild J. Vollmer. Er entschied sich für ein Modell, mit dem man Elefanten erschlagen und dicke Nägel in Betonwände klopfen konnte. Die junge Frau lächelte. „Damit dürften Sie jede Prügelei überstehen!“

„Glaube ich auch.“

Während sie einpackte, wagte sich Landau weiter vor. „Entschuldigen Sie bitte meine Neugier. Haben Sie was mit dem Juwelier Staufer in Tellheim, auf der Bahnhofstraße zu tun?“

„Ja. Peter Staufer und Franz Staufer sind Brüder, haben früher dieses Geschäft sogar gemeinsam geführt. Aber nach dem Überfall haben sie sich getrennt, und Peter hat in Tellheim seinen eigenen Laden eröffnet.

„Überfall?“ echote Mona ungläubig, um zu zeigen, dass auch sie eifrig zuhörte.

„Sie sind nicht von hier?“

„Nein. Wir überlegen noch, ob mein Mann eine Stelle annimmt und wir von Leonberg nach Tellheim ziehen.“ Auch Mona mangelte es nicht an Fantasie und sie besaß genügend Gedächtniskapazität, um ihre Märchengeschichten auch zu behalten.

„Ja dann. Dieser Laden ist vor mehr als zehn Jahren brutal überfallen worden. Es wurde geschossen, ein Familienfreund, der noch den Notrufknopf gedrückt hatte, starb an einem Lungenschuss, und auch einer der Räuber wurde getroffen, konnte aber mit Hilfe seiner Kumpanen fliehen.“

„Was es nicht alles gibt“, klagte Mona mitfühlend. „Und dabei sieht Guntersburg so friedlich und anständig aus.“

„Meine Mutter hat schon gesagt, wenn ich eine Verabredung hatte: Kind, sei vorsichtig, das Äußere täuscht oft, am meisten bei Männern.“

Landau zahlte und ging, bevor Mona sich mit der Verkäuferin in einen längeren Erfahrungsaustausch über männliche Treue und Zuverlässigkeit vertiefen konnte.

„Warum hast du es plötzlich so eilig?“

„Weil ich die Nadel noch im Büro erwischen möchte.“ - „Die Nadel“ war der Spitzname der Oberkommissarin Anja Stich, die mit ihrem Kollegen Hauptkommissar Arne Wilster das Archiv des Tellheimer Polizeipräsidiums im Krötengraben verwaltete und gleichzeitig alte Fälle aufarbeitete.

„Hallo Anja, hier ist Dirk. Läuft dein Computer noch? - Ganz recht, eine saudumme Frage, Entschuldigung. Anja, vor mehr als zehn Jahren hat es in Guntersburg einen Raubüberfall auf das Geschäft eines Juweliers Staufer am Markt gegeben. Ein Unbeteiligter wurde erschossen, einer der Räuber ist wohl verwundet worden, konnte aber entkommen. Kannst du bitte mal nachschauen, wann genau dieser Überfall stattgefunden hat?“

„He, was soll das?“ knötterte Mona.

„Du bist doch sonst nicht so schwer von Begriff. Ein Räuber verwundet. Was braucht ein verwundeter Mann, abgesehen vom Trost seiner Geliebten?“

Sie tippte sich an die Stirn. Und in der Sekunde meldete sich die flinke Nadel mit einer Auskunft. „Dirk, hörst du? Das war am 5. Mai 2005. Der verwundete Räuber hieß Otto Schircke, im Amte wohl bekannt wegen einiger bandenmäßiger Einbrüche und Gewalttaten. DNA-mäßig erfasst. Wir haben am Tatort genug Blut gefunden, um seine Identität festzustellen. Schircke ist tot, wir haben ihn vor etwa drei Jahren aus einem Tümpel am Fluss gezogen, auf dem anderen Ufer, Schädelbruch durch stumpfe Gewalt, nein, kein Irrtum möglich. Allerdings hat das „blonde Gift“ handschriftlich was auf den Befund gekritzelt, was für Arne gedacht war. Wenn er sich mit dem Fall befassen solle und sie noch am Leben sei, wäre es gut, wenn er vorher einmal mit ihr sprechen würde.“ Das „blonde Gift“ war der Spitzname der langjährigen Gerichtsmedizinerin, Professor Nadine Golowski, die ihren Job aufgegeben hatte, um ihren Freud Jörg Steiner, über viele Jahre Chef der Tellheimer Kripo, zu heiraten.

„Danke Anja. Eine Frage noch, bei dem Überfall soll ein Unbeteiligter erschossen worden sein. Der Name ist doch sicher vermerkt.“

„Na klar. Gottfried Weinhold. 58 Jahre alt.“

„Weisst du zufällig, ob noch Verwandte, Kinder, Geschwister, Ehefrau leben?“

„Nein, tut mir leid, davon ist hier nichts vermerkt.“

„Vielen Dank, Anja.“

„Was sollte das alles?“ giftete Mona.

„Stell dir vor. Der Überfall, bei dem ein Räuber verwundet und ein Unbeteiligter erschossen wurde, fand am 5. Mai 2005 statt. Hier am Markt. Und jetzt verrate mir mal, wo sich das nächstgelegene Krankenhaus befindet und wie es heisst.“

Mona schnappte endlich nach Luft: „Die Lucius-Klinik in Brakenfeld.“

„In der an dem Abend ...“

„... Martina Lotze und Sabine Staufer geboren worden sind.“

„Was schließt du daraus?“

„Dass es so was doch nicht gibt.“

„Der Zufall ist immer mächtiger als alle Fantasie“, deklamierte Landau feierlich, um sie zu ärgern. „Denk an dein Casino an der Esplanade.“

Ella Marx hielt noch in der Detektei die Stellung. „Wo seid ihr? Guntersburg? Was zieht euch in die Provinz?“

„Arbeit, schöne Ella. Ich habe auch etwas Arbeit für dich!“

„Lass hören!“

„Wir brauchen Anschrift und Telefonnummer von Peter Staufer und Wilbert Meinecke in Tellheim und aus dem Jahre 2005 von Gottfried Weinhold in Guntersburg.“

„Alles klar. Ich rufe gleich zurück.“

Mona und Landau setzten sich in ihr Auto, er ärgerte sich über den Knöllchenzettel unter dem Scheibenwischer und tröstete sich mit dem Gedanken, dass er diese prächtig Armbanduhr in Tellheim nicht so preisgünstig bekommen hätte.

Ella rief nach fünf Minuten an: „Schreibst du mit? Peter Staufer, Lohnsenbrücke 45. Dr. Wilbert Meinecke, Rambergstraße 28. Bei Weinhold in Guntersburg meldet sich niemand, auch kein Anrufbeantworter.

„Dann gib doch mal die Adresse!“

„Eichenstraße 69.“

Das Navi führte sie sie tatsächlich in die Eichenstraße. Nr.69 war ein zweistöckiges Haus, das leichte Verfallsspuren zeigte. Landau sortierte aus seiner Brieftasche die diversen Visitenkarten heraus, die der gut sortierte Privatdetektiv für Täuschungsmanöver benötigte. Er entschied sich für Michael Meier aus der Redaktion „Land und Leute“ des Morgenblicks.

Weinhold wohnte im Parterre. Eine grauhaarige, gebückt laufende Frau kam an die Wohnungstür und musterte Landau und Mona misstrauisch. Um die Visitenkarte lesen zu können, musste sie aus der Schürzentasche umständlich eine schwere Hornbrille hervorkramen.

„Was möchten Sie von mir?“

„Frau Weinhold, vor gut zehn Jahren ist ein Gottfried Weinhold bei einem Raubüberfall getötet worden.“

„Ja, mein Bruder, und der Täter ist immer noch nicht gefasst“, klagte sie verbittert.

„Wir würden gerne einen Artikel darüber schreiben, wie es Ihnen in den zehn Jahren ergangen ist, wie man Ihnen geholfen und wer sich um Sie gekümmert hat.“

„Geholfen? Gekümmert?“, lachte sie höhnisch auf. „Niemand und geholfen mit Nullkommanichts. Wenn mein Sohn nicht eingesprungen wäre, hätte ich sogar das Haus verkaufen müssen. Für das Haus und das Grundstück haben sich inzwischen mehrere Leute interessiert, aber alle glaubten, eine alte Frau müsse man unbedingt über's Ohr hauen. Ich habe sie alle weggeschickt, sie sollen wiederkommen, wenn mein Sohn wieder da ist.“

„Ist er verreist? Oder weggezogen? Glauben Sie, wir könnten mal mit ihm sprechen?“

„Er liegt mit einem Sprunggelenkbruch in Tellheim im Elisabeth-Krankenhaus.“

Zusammenfassung

Wie jeder Betrieb muss auch eine kleine Privatdetektei darauf achten, dass der Laden läuft, neue Kunden kommen und ihre Rechnungen bezahlen, auch wenn Dirk Landau und Mona Thiesow und ihre Bürofee Ella Marx durchaus nicht von jedem neuen Auftraggeber begeistert sind. Doch auch schlechte Aufträge können finanziell großartig enden und manchmal gelingt es eben auch kleinen Detektiven, große Stöcke in das Getriebe gewisser vom rechten Pfad abgewichener Behörden zu stecken oder uralte, für L. & T.immer noch lukrative Fälle aufzuklären – wenn man bereit ist, auch das Unwahrscheinliche als möglich zu untersuchen, sobald alle wahrscheinlichen Lösungen in Sackgassen geführt haben.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905496
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (September)
Schlagworte
brave mädchen buben

Autor

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Titel: Brave Mädchen, böse Buben