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Trommelnde Hufe

2016 160 Seiten

Leseprobe

LARRY LASH

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Trommelnde Hufe

Roman aus dem amerikanischen Westen

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Philip R. Goodwin mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Sein Name ist Ward Turner. Er ist ein Mann der kanadischen Wildnis und liebt das Leben in der Einsamkeit. Am Tag, als er der Halbindianerin Gina Curry begegnet, ändert sich alles. Denn Gina muss vor fünf gewissenlosen Mördern flüchten, die ihren Vater getötet haben. Jetzt verfolgen sie das Mädchen, um ihr das Geheimnis über das Gold zu entlocken, von dem ihr Vater wusste.

Turner greift ein und rettet Gina – aber dann muss auch er mit ihr flüchten. Ihr Weg führt immer tiefer in die winterliche Wildnis, in der sich schließlich das Schicksal aller Beteiligten entscheidet ...

Ein Roman von Larry Lash voller Spannung und Dramatik, der jeden Leser faszinieren und in seinen Bann ziehen wird!

Roman

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1.

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Regengrau begann der Tag. Über dem Land hingen Nebelschleier. Die Ufer der kleinen Insel, die vor dem Kanubug sichtbar wurden, verschwammen im Dunst. Aus den Nebelbänken ragte das Geäst der Uferbäume in bizarren Formen, Fangarmen ähnlich, hervor.

Lautlos tauchte Ward Turner die Paddel in das graue Wasser. Sein kräftiger, breitschultriger Körper wiegte sich im Rhythmus der Paddelarbeit. Er hockte weit vorgeneigt im Kanu, ein Mann mit athletischen Muskeln, die deutlich unter dem knapp sitzenden Hemd sichtbar waren. Es war keine Unze Fett zuviel an diesem Körper. Die Wildnis hatte Ward Turners Gesicht geprägt, hatte ihm den Stempel aufgedrückt.

Ward hatte ein verschlossenes, breitflächiges Gesicht, eine hohe, klare Stirn, buschige Augenbrauen und tiefliegende Augen, die unentwegt über das Wasser spähten. Noch schien das Wasser ringsum endlos zu sein, ein graues, auf der Lauer liegendes Ungeheuer, das unter Windstößen ein unheimliches Leben zu entfachen vermochte.

Ward Turners rauchgraue Augen wanderten hin und her, der Blick schweifte über die träge Wasserwüste. Die Inselgruppen versanken zu seiner rechten Hand in Dunst und Nebel. Nach einiger Zeit tauchten erneut Inseln vor dem Kanu auf. Eine von ihnen schien Wards Aufmerksamkeit besonders auf sich zu lenken. Er hielt jetzt mit dem Kanu genau auf die größte der Inseln zu. Unter den kräftigen Paddelschlägen bewegte sich das Boot schnell vorwärts. Das Wasser teilte sich am Bug und schoss an der Bootswand entlang, um sich am Heck wieder zu vereinen.

Seit Stunden war Ward nun schon unterwegs, seit Stunden glitt das Kanu durch die stille, erhabene Einsamkeit der Wasserwüste dieses Sees, der nur einer der vielen war im Land der Wälder und der Urforste. Kanada war ein Land, so recht für Männer geschaffen. Hier konnte man noch frei streifen, jagen, aber man musste auch hart zupacken. Hier war man meistens auf sich selbst gestellt.

Dieses Land, in dem im Winter eine tiefe Kälte herrschte, in dem der Blizzardgott regierte, in das das Ren auf seinen unerforschten Wanderungen aus den Tundren, den baumlosen Gegenden der Arktis kam, konnte in der Tat ein Männerherz höher schlagen lassen. Hier atmete die Urnatur, es gab nichts Künstliches. Wald und Tier und Mensch waren der Natur untertan und mussten sich nach ihren Gesetzen richten. In diesem Land war der ein Mann, der sich durchsetzte und mit allen Schwierigkeiten fertig wurde.

Einige Jahre lebte Ward Turner nun schon in diesem Land. Das Land ließ ihn nicht mehr los, es hatte ihn an sich gekettet. Er hatte sein Herz daran verloren. In den vergangenen Jahren hatte er Mühsal und Strapazen genug ertragen müssen. Wind, Sturm, Kälte und Nässe hatten ihm arg zugesetzt. Er hatte aber auch das große Glück der Freiheit kennengelernt, die es vermochte, einen Mann über sich hinauswachsen zu lassen. Es war also kein Wunder, dass Ward nicht daran dachte, in den warmen Süden zurückzukehren. Dieses Land gehörte ihm, hier war er sein eigener Herr, hier durfte er jagen und pirschen, sein Leben einrichten, wie es ihm passte.

Der gelbbraune Hund im Kanu regte sich. Er hob den Kopf, stellte die Lauscher hoch und reckte die Schnauze in Richtung der Insel, die jetzt schon nahe herangerückt war. Einen Augenblick lang erhob sich der Hund, dessen dichter Pelz kaum verriet, dass Wolfsblut in seinen Adern rollte. Nur einen Moment hatte das riesige Tier auf seinen Läufen gestanden, dann hatte es sich wieder hingelegt. Der Kopf lag wieder auf den Pfoten. Die Augen des Tieres blinzelten seinen Herrn an.

„Ich weiß, Freund ,Teufel', dass dir der Magen knurrt und dass du es kaum noch erwarten kannst, den Lachs, den wir an einer Schnur mit einem Köder gefangen haben und der schon seit Stunden hinter uns her muss, zwischen deine Zähne zu bekommen. Beruhige dich, wir sind bald am Ziel."

Ward spähte zu der gestrafften Schnur, die hinten am Kanu festgemacht war. In diesen Seen war es nicht schwierig, Lachse, Forellen oder den nahrhaften Weißfisch zu fangen. Die Seen waren voll von Fischen. Es war vor allem der Weißfisch, der in zwei Arten vorkam, der sogenannte Connie und der Sukker. Die Fische waren nicht nur ein Leckerbissen für den menschlichen Gaumen, sie waren auch das ideale Hundefutter. Die Fische lieferten in dieser Zeit, in der das Ren aus unerklärlichen Gründen fortblieb, das Futter. Der Weißfisch galt in diesem Land als lebenswichtige Nahrungsreserve, die man jederzeit anbrechen konnte, um sich vor dem Hungertod zu schützen. Ohne den Weißfisch und ohne das Wildrentier wäre das Leben in dem unerbittlichen Land kaum möglich gewesen. Beides waren die Quellen, aus denen die Weißen und auch die Indianer ihren Lebensunterhalt schöpften. Vom Wildrentier lebten auch die Raubtiere.

Der Mensch war hier dem großen Rhythmus der Natur unterworfen, der manchmal das Tierleben anschwellen ließ, um es dann wieder abklingen zu lassen. Die Wanderungen von Ren und Lemming, das Auftauchen unzähliger Hasen waren Erscheinungen in der Natur, die noch von keinem Menschen ergründet wurden. Ja, wer wollte in diese Geheimnisse hineinleuchten, die seit altersher in Erscheinung traten? Warum wechselte das Ren die Brunstplätze? Warum zogen zuerst die Bullen aus den arktischen Sommerquartieren, warum folgten die Kühe und Kälber so viel später? Warum vereinten sich die Gehörnten, um einem geheimnisvollen Drang nachzugeben und auf Wanderung zu gehen? Was war es, was ihnen das Blut unruhig machte und sie zu gewaltigen Heerzügen vereinte? Warum verließen sie ihre Schlupfwinkel? Sie wanderten durch das baumlose Land, bis vor ihnen aus dem Dunst des verhangenen Wintertages die blau leuchtende Baumgrenze auftauchte.

Es gab wohl einige Gründe, doch reichten sie nicht aus, um diese großen Heerwanderungen zu erklären. Die Rene gaben ihre Weidegründe auf und fegten mit trommelnden Hufen durch das Land. In zwei gewaltigen Heerströmen kamen sie aus den Tundren, angeführt von erfahrenen Kühen, die in ihrer Begleitung den stärksten Bullen hatten. Gruppe um Gruppe schloss sich zusammen. Immer größer und gewaltiger wurden die Herden.

Im Sog des ziehenden Rens folgten Wölfe und anderes Raubgesindel. Tausende von Renen ertranken auf diesem Zug, andere wurden von Wölfen gerissen, die es verstanden hatten, aus dem lebenden Strom von Fleisch einzelne kranke, schwache und junge Tiere auszusondern. Das Ren, das entkräftet war oder gar liegen blieb, wurde gerissen. Hart und unerbittlich waren die Gesetze der Natur. Es trieb die Rene zu den Brunstplätzen. Nach der Paarungszeit kehrten die Kühe vor den Bullen zu den alten Weidegründen zurück. Erst sehr viel später folgten die Bullen und zerstreuten sich so geheimnisvoll, wie sie gekommen waren.

Was war es, was die Lemminge ebenso wandern ließ? Zum Unterschied gegenüber den Renen ging es bei ihnen nicht zu den Brunststätten, sondern in den Tod, ins Meer, wo sie ihren Lebenszyklus beendeten. Das geschah in gewissen rhythmischen Perioden, in denen die Lemminge zu Heerhaufen vereint waren, um dann ihr Leben im Meer auszuhauchen.

Welches war die Kraft, die es vermochte, in bestimmten Jahren so viel Schneehasen hervorzubringen, dass der Wald nur so von ihnen wimmelte?

Yeah, der erfahrene Jäger wusste, dass es sich in den Jahren, in denen der Lemming und der Schneehase die Weiten beherrschte, lohnte, auf Luchs und Fuchs Jagd zu machen. Wenn Lemminge und Schneehasen ausfielen, waren kaum Füchse und Luchse anzutreffen.

Es war nicht anzunehmen, dass Ward Turner über alle diese Dinge nachdachte. Er wusste um diese Geheimnisse, aber auch er hatte noch keine Erklärung dafür finden können. Bis zum Auftauchen der ersten Rentiere würden noch Wochen vergehen. Zuerst musste der Winter einsetzen. Ward spürte deutlich, dass er vor der Tür stand. Sein kalter Atem wehte bereits vom Norden heran. Eines Tages würde der Urforst im Frost klirren. Der Schnee würde das urige Land mit einer weißen Decke überziehen. Dann erst würden die Hufe trommeln.

Ein Leuchten lag in Wards Augen. Es roch nach Schnee und Kälte. Nun, beides mochte kommen! Er hatte alles vorbereitet. Auf seiner Sommerinsel warteten die Schlitten und die Hunde, dort hatte er den Trockenfleischvorrat und alles, was ein Mann in der Schneeeinsamkeit brauchte. Er hatte Waffen und Munition, Speck, Zucker und Salz, Feuersteine, Schabmesser und viele andere Dinge mehr. Das Wichtigste jedoch war der Schlafsack, denn bei einer Übernachtung unter freien Himmel, in bitterer Kälte und in froststarrender Nacht, bei niedergebranntem Feuer, war darauf einfach nicht zu verzichten. Er gehörte als wichtigster Bestand zur Ausrüstung. Schon mancher Mann war, nachdem er sich nach der Jagd niedergelegt hatte, nicht mehr aufgestanden. Man hatte ihn später erfroren aufgefunden.

Trotz allem, Ward lockte nichts mehr. Es zog ihn nicht mehr in den Süden zurück, um dort den Beruf des Cowboys auszuüben. Er hatte es satt, für wohlhabende Rancher Rinder zu treiben, Pferdeherden zu hüten und Broncobuster, d. h. Pferdezureiter zu sein. Diese Zeit war vorbei, ebenso die stillen Abende an den Lagerfeuern, die Nächte, die man mit nur einer Decke bedeckt unter gestirntem Himmel verbringen konnte.

Am Anfang war es schwer gewesen, sich mit den so ganz anderen Lebensbedingungen abzufinden, nicht mehr zu reiten, vom Sattel her Rinder oder Pferde zu treiben. Er hatte sich dann aber verhältnismäßig rasch an seine neue Umgebung gewöhnt. Jetzt machten ihm lange Fußmärsche nichts mehr aus. Er hatte es gelernt, mit Schlitten und Schlittenhunden umzugehen. Er kannte den Unterschied zwischen dem Toboggan der Indianer, der für die Verwendung im tiefen Schnee konstruiert wurde, und dem Skischlitten der Eskimos, der im Gegensatz zum Toboggan für die offene, hartgefrorene Fläche der Seen benutzt wurde. Er wusste, dass die Eskimos ihre Hunde fächerförmig vor die Schlitten spannten und dass die Alaskaleute es mit dem „Nomenstil" hielten, bei dem die Hunde in Doppelreihe an einem Mittelstrang den Schlitten zogen. Er selbst hielt es für richtig, die Hunde nach Art der Kanadier vor den Schlitten zu spannen, im Tandem, bei dem ein Hund dicht am Fuße des anderen gehen musste.

Ward hatte es gelernt, die Natur mit scharfen und offenen Augen zu sehen und auf das Kleinste und Geringste zu achten. Sein Leben konnte von der Auslegung dessen abhängen, was er beobachtet hatte.

Wieder wurde der gelbbraune Hund unruhig. Er hatte den Kopf über den Kanurand geschoben und blickte zu den rechts vom Kanu liegenden Inselgruppen hin, als hätte er von dort eine ihn misstrauisch stimmende Witterung aufgenommen. Die Nackenhaare des Tieres sträubten sich.

Sofort bewegte Ward seine Paddel weniger kräftiger. Er richtete sich gerader im Boot auf und betrachtete die Inselgruppe misstrauisch. Die Uferränder mit dem dunkelbraunen, gelben und roten Moorwuchs traten jetzt deutlich in Erscheinung. Die dunklen Löcher in der Uferböschung waren die Zugänge zu den Bisamrattenhöhlen. Einige dieser Tiere schwammen am Uferrand. Die Tiere waren so beschäftigt, dass sie sich in ihrem Treiben nicht stören ließen. Sie gaben fiepende Lockrufe von sich, tauchten und kamen mit ganzen Büschen Grünzeug, wieder an die Wasseroberfläche, um es dort in Ruhe zu vertilgen.

Der Hund „Teufel" beachtete die graubraunen Ratten nicht. Das Tier winselte leise und hörte erst damit auf, als Ward seine Winchester ergriff und sie schussbereit neben sich legte. Das Kanu trieb jetzt im See. Die Leine, an der der Lachs geschleppt wurde, blieb schlaff. Der Fisch trieb kieloben an der Wasseroberfläche. Doch auch ihm schenkte „Teufel" keine Beachtung. Dass er diesem Leckerbissen nicht einen Blick gönnte, war für Ward der Beweis dafür, dass drüben bei den Inselgruppen, denen er im Sommer ab und zu einen Besuch abgestattet hatte, etwas war, das die Flanken des Hundes vor Erregung zittern ließ.

Sollte es ein Bär sein, einer jener wuchtigen Braun- oder Schwarzbären, die an Größe und Kraft nur von einem Grisly oder von einem noch stärkeren Alaskabären übertroffen wurden? War es ein Elch? Nun, Espenlaub, die Lieblingsnahrung des Schaufelwildes, war genug auf der Insel zu finden. Elche schwammen recht gut, ab und zu kamen einige zu den Inseln. Wenn es sich so verhielt, konnte es nur ein Einzelgänger sein, denn der kanadische Elch war ein Tier der Hügel und Wälder und nicht wie man irrtümlich glaubte, ein Sumpftier. Elchfleisch würde eine begrüßenswerte Abwechslung für den Jäger, aber auch für den Hund sein.

Ward Turner verhielt sich ganz ruhig. Er nahm die Winchester langsam auf, in der Hoffnung, dass das Tier sich zwischen den Uferbüschen zeigen würde, dass es zum See hinaustreten würde und dass er so zu einem guten Schuss kommen konnte.

In diesem Moment knackte es, Laub raschelte und teilte sich. Im nächsten Augenblick hatte Ward seine Winchester in Anschlag. Der Finger krümmte sich jedoch nicht am Abzugsbügel, denn kein Tier stand dort zwischen den Büschen am Uferrand. Es war ein Mensch, der erschrocken zurückprallte und mit weit offenen Augen zum Kanu hinstarrte.

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2.

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Angst und Entsetzen standen in den weit aufgerissenen Augen. Es war die Angst eines Menschen, der den Tod vor Augen sah, denn anders konnte ihm die drohende Mündung nicht erscheinen, die auf ihn gerichtet war. Still, hochaufgerichtet vor Schrecken, nicht in der Lage, einen Satz seitlich in die Büsche zu machen, so stand das menschliche Wesen da. Das Äußere verriet deutlich, dass es sich nicht um einen ausgewachsenen Mann handeln konnte. War es etwa eine Frau oder ein Mädchen?

Ward glaubte zu träumen, glaubte eine Halluzination zu erleben, wie sie manchmal einem Mann erscheint, der zu lange die Einsamkeit durchstreift, zu oft mit sich selbst redet, sich zu innig nach einem anderen Wesen sehnt.

Himmel, ein Geschöpf aus einer anderen Welt schien da vor ihm zu stehen. Dieses Wesen da vor ihm besaß eine goldgetönte Haut und ein schmales, rassiges Gesicht, in dem große, dunkle, langbewimperte Augen brannten.

Die Blicke der beiden Menschen begegneten sich. Wards Waffe senkte sich. Er starrte sein Gegenüber an wie ein Wesen, das durch eine überirdische Macht in eine raue, fremde Welt versetzt worden zu sein schien. Nach dem ersten Erstaunen erkannte Ward, dass alles echt war, dass er kein Spukbild vor sich hatte. Die langen, nachtschwarzen Haare waren irdisch, die Formen verrieten unter dem gegerbten Lederzeug nur zu gut die Weiblichkeit. Die Männerhosen konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um eine Frau handelte.

Langsam ergriff Ward die Paddel. Die Winchester hatte er neben sich in das Kanu gleiten lassen. Das Mädchen am Ufer duckte sich. Es schien daran zu denken, herumzuschnellen, um in die dichten Wälder der Insel unterzutauchen. Ward winkte ihr zu. Sie blieb stehen, aufmerksam jede Bewegung des Mannes im Kanu beobachtend. Sie wich auch nicht zurück, als der Hund schon vor der Landung aus dem Kanu sprang, zu ihr hinlief und sie ansprang. Sie blieb still stehen. Der Umgang mit Huskys schien ihr nichts Neues zu sein.

Der Hund hatte nur kurz ihre Witterung aufgenommen, dann kam er zu dem landenden Kanu zurück, sprang ins Wasser und schlug seine Zähne in den riesigen Lachs. Ohne sich weiter um die Menschen zu stören, begann „Teufel" seine Mahlzeit einzunehmen.

In diesem Augenblick machte das Mädchen einige Schritte zum Ufer hin, streckte die Hände aus und half, ohne ein Wort zu sagen, das Kanu ans Ufer zu ziehen. Im nächsten Augenblick sprang Ward aus dem Boot. Er ließ es zu, dass das Mädchen ihm behilflich war. Dann standen beide sich, durch das Kanu getrennt, gegenüber und sahen sich an.

Trotz der goldgetönten Haut und der indianischen Aufmachung hatte das Mädchen das schön geschnittene Gesicht einer Weißen. Nein, sie glich keineswegs den in dieser Gegend heimischen Indianerfrauen, jenen Typen, die stark und gedrungen waren, mit breiten, mongolischen Gesichtern und schräggestellten Augen. Das Mädchen war größer und schlanker als diese Frauen. In ihren Augen brannten helle Lichter. Fast neugierig sah sie ihn an.

„Ich habe niemand auf diesen Inseln vermutet", redete sie ihn an. „Es sind schon viele Monate her, dass Jäger sie zu ihrem Sommeraufenthalt machten."

„Madam, das Land ist frei, und jeder verlebt den Sommer, wo es ihm gefällt und wo er sich viel Jagdbeute verspricht. Mir hat es hier gefallen. Die große Insel da drüben habe ich mir als Lager ausgesucht."

Er zeigte zu der Insel hin, die er hatte ansteuern wollte. Sie folgte mit den Augen in die Richtung, in die er wies. Die Scheu, die sie hatte weglaufen lassen wollen, war nicht von ihr gewichen. Ward spürte diese Scheu, aber auch eine Unsicherheit. Er hatte keine Erklärung dafür.

„Es wäre gut, wenn wir jetzt zu den Ihren gehen würden, Madam. Man ist froh, wenn man in diesem Land einmal Menschen begegnet. Gehen wir!"

Ward Turner vermutete, dass er in dem Mädchen ein Halbblut vor sich hatte und dass ihre Angehörigen in der Nähe waren. Im Unterschied zu den Weißen jagten die Indianer in Sippenverbänden. Bei einer solchen Jagdmethode konnte man sich zwar gegenseitig helfen, sie barg aber auch die Gefahr in sich, dass in schlechten Wintermonaten Hungersnöte ausbrechen konnten, die oftmals ganze Sippen dahinrafften.

„Gehen wir!", sagte er erneut zu ihr. Ward wollte nicht aufdringlich sein. Es war hier Gastgesetz, dass man in jeder Jagdgruppe freundlich aufgenommen wurde. Gastrecht war etwas Heiliges im Land, ein ehernes Gesetz, das niemand verletzte, das Rot und Weiß aneinander kettete. Der Gedanke, dass sie ihn zu ihren Leuten bringen würde, dass diese Leute vielleicht einen Elch erledigt hatten und dass es eine Unterbrechung in der monotonen Fischesserei geben würde, hatte etwas Verlockendes an sich. Das Mädchen bewegte sich jedoch nicht. Ward stutzte und sah sie aufmerksam an.

„Sind Sie etwa allein im Lager, Madam? Sind Ihre Leute noch auf der Jagd?"

Ja, nur so konnte Ward das Zögern des Mädchens auslegen. Indianerinnen waren nicht sehr zimperlich. Dieses Mädchen unterschied sich sehr von ihnen. Trotzdem konnte er sich nicht entschließen, sie wie eine Weiße zu behandeln, er versuchte ihr wie einer Squaw zu begegnen, obwohl er einsah, dass sie unter keinen Umständen eine solche war. Trotzdem stellte er sich nicht vor, wie es bei Weißen Sitte war. Eine Squaw pflegte man auch nicht zu fragen, wer sie war. In diesem Lande wäre das gegen die Sitte gewesen. Ward hatte genug gelernt und wusste in diesen Dingen Bescheid.

Hatte er das Mädchen erst für ein Halbblut gehalten, so machte ihn das erneute Zögern abermals stutzig. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie keinen Hund bei sich hatte, dass sie mit einem offenen Messer und einem Revolver bewaffnet war. Hatte man jemals gehört, dass eine Squaw in Waffen ging?

In diesem Land hatte jeder Hunde bei sich, jene berühmten Huskys, in denen noch eine gehörige Portion Wolfsblut steckte. Wenn es hier Hunde gab, dann wäre die ganze Meute längst da, um sich auf „Teufel", den fremden Hund, zu stürzen. Sein Hund würde dann mit den struppigen Indianerkötern gekämpft und ihnen Respekt eingeflößt haben. So war es schon in vielen Kämpfen gewesen, die „Teufel" hinter sich gebracht hatte. Der Hund trug seinen Namen nicht zu Unrecht. Die Tatsache aber, dass er noch im Seichtwasser beim Fraß stand, dass er die Nase nicht in die Luft hob und witterte, ließ darauf schließen, dass keine Hunde in der Nähe waren. Es war auch kein Brand und Rauchgeruch in der Luft. Soweit das Auge reichte, war auch keine Bewegung im Busch zu bemerken. Das waren alles Anzeichen, die Ward jetzt aufmerksam machte.

Das Mädchen hatte seine letzte Frage nicht beantwortet. Sie hatte sich nicht einen Schritt vom Uferrand fortbewegt. Sie sah von ihm weg zu „Teufel" hin, der sich in wenigen Minuten gesättigt hatte und jetzt träge ans Ufer kam und sein Fell schüttelte, dass das Wasser umherspritzte.

„Ich bin allein", sagte sie mit einer angenehm klingenden Stimme. Ihre Augen sahen ihn fest an, denn jetzt war er es, der die seinen weit aufriss. „Seit vierzehn Tagen bin ich allein", berichtete sie weiter, ohne dass Ward sie zum Weitersprechen aufgefordert hätte. „Ich bin unterwegs, um den Stamm meiner Mutter zu suchen, so riet es mir mein Vater. Er hatte es mir für den Fall empfohlen, wenn ihm etwas zustoßen sollte. Er musste wohl eine Vorahnung davon gehabt haben, was einmal kommen würde. Er hatte Feinde und wusste, dass sie ihn eines Tages stellen und töten würden. Vor vierzehn Tagen kamen sie - fünf weiße Männer. Ich war im Wald, um Beeren zu suchen, als ich die Schüsse hörte. Ich sah auch die Männer, die mit ihrem Kanu davonfuhren, dann fand ich meinen Vater. Er war tot - erschossen. Ich habe ihn begraben. Er war ein guter Vater, der mich wie eine Weiße erzog."

Sie schwieg. Ihre Augen ließen nicht von Ward ab. In knappen Worten hatte sie ein Drama enthüllt, wie es in der Wildnis nicht zum ersten Mal vorgekommen war, unheimlich und bitter.

„Warum schickte Ihr Vater Sie nicht zu einem Fort oder zu einer Handelsstation, in die Welt der Weißen?"

„Ich kann es Ihnen sagen. Er liebte die Seen und Wälder, er hatte das Leben, das er in der Zivilisation lebte, vergessen und wollte mir das erhalten, was auch ich liebte, nämlich die Wildnis. Das ist alles. Vielleicht hatte er auch Angst davor, dass ich mich in einer anderen Welt nicht zurechtfinden würde. Er wollte aber auch nicht, dass ich das Leben einer Squaw führen sollte. Von zwei Übeln, so sagte er, sei das letztere noch das kleinere. Ich bin eine gehorsame Tochter, Sir. Lassen Sie mich also jetzt gehen."

Sie wandte sich um. Sicherlich wollte sie zu ihrem Kanu gehen, das irgendwo im Schilfgürtel verborgen sein mochte.

„Madam", sagte er, „ich lade Sie ein. Es wird mir eine Freude sein, Sie als Gast zu haben."

„Wenn ich ein Mann wäre, würde ich zusagen", entgegnete sie. „Ich bin aber nicht so hilflos wie Sie annehmen mögen. Ich habe meine Waffen, meinen Proviant und mein Boot. Das Jagen habe ich von meinem Vater gelernt. Er bedauerte oft, dass ich kein Junge sei. Ich kann schon selbst für mich sorgen. Es wird mir auch gelingen, den Stamm meiner Mutter zu finden."

„Ich verstehe nicht, warum Ihr Vater das Misstrauen gegen die weißen Männer in Ihr Herz pflanzte. Nun, ich kann es nicht ändern."

Ward Turner sagte seinen Namen und so long und ging zum Kanu zurück. Er schwang sich in das Kanu, und als er aufblickte und den Uferrand betrachtete, war sie bereits verschwunden. Die ganze Begegnung mutete ihn wie ein Spuk an. Sie war fort, ohne dass sie ihren Namen genannt hätte, ein Halbblut, nicht weiß und nicht rot, ein Mensch zwischen zwei Welten, ein bedauernswertes Geschöpf. Sie hatte ihren Vater verloren, und es war anzunehmen, dass sie ihr Leben im Tipi eines roten Mannes beschließen würde. Wer aber waren die fünf Männer, die ihr Leben mit ihrem Vater zerstört hatten? Es kam keine Antwort, die Wildnis schwieg.

*

Ward tauchte sein Paddel ein. „Teufel" schwamm hinter dem Kanu her. Sein zottiger Wolfskopf ragte aus dem Wasser. Die Überreste des Lachses blieben am Ufer zurück. Mochten sich Otter und Fuchs daran gütlich tun. Im Lager würde es wieder Fischessen geben, Weißfisch, wie jeden Sommertag bisher, Weißfisch, den Ward schon fast bis zum Überdruss genossen hatte. Es nützte wenig, dass man ihn einmal kochte und dann wieder briet, dass man immer wieder neue Rezepte ersann. Fisch blieb Fisch. Der Hunger nach Fleisch wuchs mit jedem Tag.

Als Ward Turner endlich sein Lager betrat, als er zu der Birkenstammhütte auf der Lichtung trat, die Fischrationen für die Hunde herunterholte und sie den acht Hunden vorwarf, hatten ihn seine Gedanken noch immer nicht verlassen. Er starrte auf die Meute, die gierig fraß.

„Teufel" hatte sich niedergetan und blickte wie verächtlich zu seinen Rassegenossen hin. Der starke Hund hatte eine Sonderstellung inne. Er war der Leithund. Es schien so, als ob er die kurzen Sommermonate zu würdigen wüsste, in denen es keine Arbeit für Schlittenhunde gab. Es waren die Sommermonate, die den Hunden fast eine unbegrenzte Freiheit gab.

Für Ward war noch eine Menge zu tun. Die Nacht zog bereits heran. Die dunklen Schatten krochen von Osten her über den See. Der Tag war regengrau geblieben, doch hatte es nur in Perioden geregnet. Ward nützte die wenige, ihm noch verbleibende Zeit, um seine Netze auszulegen. In der Morgenfrühe wollte er sie einholen. Sie würden dann voll von Weißfisch sein. Bis zum Wintereinbruch musste er noch eine Menge Fische fangen und trocknen, um im Winter Proviant für sich und seine Hunde zu haben. Es war gut, dass die Fische beim Trocknen zusammenschrumpften. Man hatte später so mehr Raum frei und brauchte keine so schweren Lasten mitzuführen.

Ein Mann hatte in diesen Gebieten eine Menge zu tun. Langeweile gab es nie. Die Wildnis sorgte schon dafür, dass man immer auf den Beinen blieb. Es musste Holz geschlagen werden. Bei dieser Arbeit setzten einem die Mücken stark zu. Von allen Plagegeistern waren es besonders diese Mücken, die einem das Leben vergällen konnten. Die kleinsten Tierchen dieser Gattung setzten sich in Nase und Ohren fest. Nicht einmal Holzrauch war imstande, diese Plagegeister zu vertreiben. Sie würden erst beim Einbruch des Winters verschwunden sein.

Es dämmerte, als Ward seine Arbeit so weit vorangetrieben hatte, dass er das Feuer in Gang bringen und an seine eigene Mahlzeit denken konnte. Er hatte in den vergangenen Stunden alle Hände voll zu tun gehabt, dass er kaum noch an die seltsame Begegnung mit dem Mädel hatte denken können. Jetzt beschäftigten sich seine Gedanken wieder mit ihr. Wo mochte sie sich jetzt befinden? Er wusste mit ihr nichts Rechtes anzufangen. Sie würde sich irgendwo im Seengebiet befinden, ein treibendes Blatt im Wind. Ob sie eine Ahnung davon hatte, wie schwer es sein würde, ihre Stammesangehörigen zu finden? Die Indianersippen wechselten ihr Lager jedes Mal, wenn der Unrat sich gehäuft hatte und ihre Lagerplätze verunreinigte. Das Wandern lag den Sippen im Blut. Nie hielten sie es lange an ein und demselben Ort aus. Sie waren stets dabei, die Marschrichtung zum Norden einzuhalten, um dabei zu sein, wenn das Ren aus der Unergründlichkeit des Nordens gezogen kam. Mit dem Ren lebten und starben sie, mit ihm lebte und starb auch der weiße Jäger.

Hart und unerbittlich peitschte in diesem Moment eine harte Schussdetonation in Wards Gedanken hinein. Wie von einem elektrischen Schlag getroffen sprang er auf. Eine zweite, scharf schmetternde Detonation ließ ihn zum Ufer eilen. Die Schüsse waren bei der Inselkette abgefeuert worden. Wer aber jagte nachts?

Ward Turner war vorsichtig genug, die Weidenbüsche des Ufersaumes nicht zu verlassen. Er brauchte nicht zu befürchten, dass sein Lagerfeuer gesehen wurde oder der Rauchgeruch dorthin wehte, wo geschossen wurde. Der Wind stand günstig. Doch wer schoss in der Nacht herum?

Gespannt, hellwach beobachtete er die Inseln. Sie hoben sich in der Dunkelheit wie Perlen, die auf eine Schnur gereiht waren, aus dem Wasser. Er hörte jetzt nichts mehr weiter. Es waren nur zwei Schüsse gefallen. Das Schweigen der Einsamkeit weitete sich wieder aus. Eine unheimliche Stille lag über dem Land. Seltsam, nicht einmal die Hunde bewegten sich und gaben Laute von sich.

Ward Turner setzte sich. Er wagte nicht, seine Pfeife in Brand zu setzen. Aufmerksam beobachtete er weiter die Inselkette, ln diesem Moment gewahrte er etwas Dunkles auf dem Wasser. Es war der Kopf eines Schwimmers, der in Richtung auf seine Insel zu sich näherte.

„Komm nur, Freund!", sagte er leise. „Du wirst dich mir vorstellen müssen. Wer du auch bist, ich werde dich genau ansehen. Als Gast kommt man nicht auf diese heimliche Art."

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3.

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Ward Turner brauchte nicht erst seine Nerven zu beruhigen. Wer wie er in der Wildnis lebte, hatte das nicht nötig. In eiskalter Gelassenheit wartete er. Er nahm den Revolver aus der Halfterung, drehte die Trommel und tastete die Patronen ab. Die Waffe war in Ordnung. Der Besucher mochte kommen, für den Empfang war gesorgt.

Der Schwimmer nahte. An den kräftigen Stößen und der Geschwindigkeit, in der er sich der Insel näherte, konnte man erkennen, dass es ein ausdauernder Schwimmer sein musste. Ward konnte bereits einige Schlüsse über die Hautfarbe des Schwimmers ziehen, denn Indianer pflegten nicht zu schwimmen. Wenn die Indianer auch auf ihren gebrechlichen Booten durch Stromschnellen und Seen ruderten, vor dem Wasser hielt sie eine gewisse Scheu zurück.

Der Schwimmer, der sich näherte, musste sehr geübt im Schwimmen sein, denn das nachtschwarze Wasser schien ihm keinerlei Furcht einzuflößen. Indianer hatten Furcht vor dem Wasser, sie glaubten, dass Dämonen aus der Dunkelheit kommen und sie hinabzerren könnten, sie glaubten, dass Gespenster über dem Wasser schweben würden, die sie hinabdrücken konnten.

Jetzt hatte der Schwimmer den flachen Strand erreicht und kam halb aus dem Wasser heraus.

„Das Mädchen!", kam es von Wards Lippen.

Dort stand sie, keine dreißig Schritte von ihm entfernt, vor Nässe triefend. Sie stand gebeugt da und wankte ein wenig hin und her. Mühsam watete sie durch das Wasser. Als sie Wards ansichtig wurde, der sich erhoben hatte, hielt sie plötzlich an.

„Ich brauche Ihre Hilfe", hörte er sie mit bebenden Lippen sagen. „Ward Turner, ohne Ihre Hilfe bin ich verloren!"

Wortlos streckte er ihr die Hand entgegen und zog sie zum Ufer herauf.

„Was ist geschehen, Madam?", fragte er.

„Zwei der Männer, die meinen Vater umbrachten, haben mich bis hierher verfolgt. Sie schossen auf mich, trafen aber nur mein Kanu. Es ging mit allen meinen Habseligkeiten und meinem Proviant unter."

„Kommen Sie, Madam!"

„Ich bin Gina Curry, Ward Turner", sagte sie und versuchte ein Lächeln.

Ward Turner musste das Mädchen stützen. Sie bebte am ganzen Körper. Sie ließ sich willig von ihm in Richtung des Lagers führen. Bei der Hütte angekommen, sagte er:

„In meinem Packen finden Sie ein frisches Hemd, eine Hose und einen Ersatzschlafsack. Sie müssen so schnell wie möglich aus Ihrer nassen Kleidung heraus und sich aufwärmen. Was mir gehört, stelle ich Ihnen gern zur Verfügung. Eine Erkältung oder gar eine Lungenentzündung können wir uns hier in der Wildnis nicht leisten. Wenn ich Ihnen helfen soll, müssen Sie gesund bleiben, Madam. Fühlen Sie sich bitte bei mir wie zu Hause."

Ihre Augen ruhten einen Augenblick auf ihm. Im nächsten Moment ging sie auf die Hütte zu und trat ein. Ward schloss die Tür hinter ihr und beruhigte die Hunde. Als er sie drinnen hantieren hörte, ging er beruhigt zum Ufer zurück.

Im ersten Impuls war er entschlossen gewesen, die Kerle aufzuspüren, die ein Mädchen verfolgten und auf es schossen. Wo aber hätte er mit der Suche beginnen sollen? Der See gab keine Spuren preis. Die Wasserfläche hatte keine Trittsiegel. Es war also besser, wenn er auf der Insel bliebe und wachen würde. Morgen würde man weiter sehen, ja, bis zum Morgen musste man warten. Diese Nacht würde er draußen verbringen. Seinem Gast blieb die Hütte als Quartier.

Die Hunde, die er angekettet hatte, ließ er zur Nachtzeit laufen. Wenn sie frei strolchten, würden sie zur Bewachung der Insel die besten Dienste leisten. Es konnte sich so kaum jemand der Insel nähern, ohne dass er von den wachsamen Tieren bemerkt worden wäre.

Ein Hund nach dem anderen verschwand schattenhaft zwischen den Bäumen, so als hätten sie genau ihre Aufgabe begriffen, die ihr Herr ihnen anvertraut hatte. Ward machte einen Rundgang, konnte aber nichts Verdächtiges bemerken.

Als er wieder bei der Hütte anlangte, erkannte er das Mädchen kaum wieder. Sie erwartete ihn bereits, angetan mit seinem Hemd und seiner Hose. Über die Schultern hatte sie eine Decke geworfen. Ihre Kleidung hing zum Trocknen über dem Feuer in der Hütte.

„Es tut mir leid, dass ich Sie belästige und Ihnen Arbeit mache", sagte sie.

„Madam, ich werde Ihnen behilflich sein, den Stamm Ihrer Mutter zu finden."

„Das ist sicherlich eine zusätzliche Belastung für Sie", erwiderte sie ruhig. Es war erstaunlich, wie sehr sie sich in der Gewalt hatte, wie sicher sie sich bewegte. Sie stand in nichts einer weißen Frau nach. Sie jammerte und klagte nicht. Wer sie auch sein mochte, diese Gina Curry war ein prächtiges Mädchen.

War es Zufall, dass sie zu ihm ins Lager kam, dass sie nach der Begegnung durch ein böses Geschick gezwungen war, zu ihm zu kommen?

„Arbeit gibt es hier in Menge, Madam", sagte er. „Einem Gast, der länger bei mir verweilt, wird auch hier nichts geschenkt."

„Ich bin es gewöhnt, mit Hand anzulegen", erwiderte sie ihm ruhig. „Sie werden sich nicht zu beklagen haben. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht."

Sie reichte ihm die Decken, die sie für ihn bereit gehalten hatte, dann ging sie in die Hütte zurück. Ward Turner war wieder mit sich allein. Als er sich ein wenig später unter den Birken zum Schlaf auf das Moospolster niederlegte, war es ihm, als sei die Insel verzaubert worden. Alles dünkte ihm ganz anders und eigenartig verändert. Bevor er einschlief, hörte er Geräusche auf dem Wasser. Es störte ihn weiter nicht, wusste er doch, dass eine Biberkelle dieses Geräusch verursachte - und kein Paddel.

Männer der Wildnis konnten überall schlafen. Jedoch beim geringsten Geräusch, das nicht in die Wildnis passte, waren sie sofort hellwach. Ward hatte die Waffen griffbereit neben sich gelegt. Durch das Laub über sich sah er einige Sterne. Es würde morgen ein schöner Sommertag werden, vielleicht einer der letzten in diesem Jahr. Morgen würde etwas in seinem Leben verändert sein. Welcher Mann konnte schon an der Schönheit eines Mädchens vorbeigehen, wenn er in der Wildnis lebte? Aber morgen war er nicht mehr so frei und ungezwungen, wie ein Mann es unter Männern sein konnte. Wenn er die Verwandten des Mädchens finden wollte, musste er sein Lager vorzeitig abbrechen. Das bedeutete, dass er vielleicht nicht genügend Vorrat für den Winter zusammenbekam. Doch was tat's! Ein Mensch war in Not. Es würde sich schon ein Weg finden, um die Proviantsorge zu lösen. Fische gab es überall.

In dieser Nacht träumte er nicht einmal von dem Mädchen, das sein Gast geworden war. Er träumte wie schon so oft in seiner Einsamkeit vom Ren. Kein Wunder auch, dass in seinem Traumerleben eine gewisse Sehnsucht mitschwang, die nach anderen Speisen verlangte. Er schlief, bis er durch ein hartes Rütteln geweckt wurde.

Er war sofort munter und hockte sich auf. Himmel, das Mädchen stand vor ihm!

„Es ist an der Zeit, zu den Netzen zu gehen", sagte sie zu ihm. „Das Frühstück ist fertig, wir sollten anfangen."

„Denken Sie gar nicht an Ihre Verfolger, Madam?"

„Wer weiß, wo die sich jetzt befinden", sagte sie. „Es gibt zu viele Inseln hier. Vielleicht nehmen sie auch an, dass ich mit dem Kanu untergegangen bin. Ich bin lange unter Wasser geschwommen, um sie zu dieser Annahme zu verleiten. Wenn sie noch in der Nähe wären, hätten die Hunde sie in der Nacht gemeldet."

Es war erstaunlich, wie gut und scharf sie kombinieren konnte, erstaunlich aber auch, wie tatkräftig und kaltblütig sie war. Ihr Vater hatte sie in der Tat gut für das Leben in der Wildnis geschult. Mancher Mann hätte von ihrer Haltung lernen können.

Die Hunde, das stellte Ward nach dem Aufstehen fest, waren bereits abgefüttert worden. Dass das Mädchen dabei zuerst „Teufel" seine Ration gegeben hatte und auch die übrigen Reihenfolge herausgefunden hatte, bewies wiederum, dass sie ein Hundegespann einschätzen konnte und den Leithund genau einzustufen wusste. Die Hunde hatten sie bereits anerkannt, auch „Teufel". Das sagte genug.

Das Frühstück nahmen sie gemeinsam ein. Sie taten das wortlos, so als wollten sie sich gegenseitig im Schweigen ergründen. Wortlos verließen sie auch die Hütte und gingen zum Strand. Schweigend begann sie mit ihm an den Netzen zu arbeiten. Mit wenigen Handgriffen zum Erfolg zu kommen, ohne große Kraft zu verschwenden, bewies wiederum ihr Geschick. Es zeigte aber auch, dass sie in dieser Tätigkeit Erfahrung besaß. Ward erinnerte sich seiner Anfangsarbeit an den Netzen und wie oft er sich verheddert hatte, wie viele der schönen Netze er zerrissen hatte. Das Mädchen beschädigte beim Herausnehmen der Weißfische nicht einen Strang. Die Arbeit ging ihr sogar schneller von der Hand als ihm.

Ein wildes Hundegeheul ließ sie plötzlich innehalten. Sie sahen sich an, nicht der Fische achtend, die am Uferrand auf dem Trocknen zappelten. Man musste wissen, was das Hundegeheul zu bedeuten hatte, erst dann konnte man mit der Arbeit fortfahren. Man musste den Rest der Fische aus den Netzen nehmen und sie zu den Stangengerüsten zum Trocknen bringen. Die Arbeit des Ausnehmens ersparte man sich.

Einen Augenblick blickten sie sich an. Das Mädchen war blass geworden. In ihren Augen standen helle Lichter, ihr Mund war ein wenig geöffnet. Sicher dachte sie jetzt an die Verfolger, an die Kerle, die sie beschossen hatten, die auch ihren Vater getötet hatten.

„Bleiben Sie hier, ich schaue nach", sagte er zu ihr.

Sie schüttelte den Kopf und setzte sich mit ihm in Bewegung.

„Ich werde Ihnen helfen, es sind zwei", sagte sie. „Es ist nicht mehr als recht, wenn wir gleich stark sind. Ich kann schießen wie ein Mann."

Sie hatte ihre Waffe wieder schussfertig gemacht. Noch einmal versuchte er sie von ihrem Vorhaben abzubringen, doch hatte er keinen Erfolg.

„Madam, auf diese Art werden Sie einen indianischen Mann nur dazu bringen, dass er sie schlägt", sagte er gereizt. „Ihr Vater hätte Sie auf das Leben als Squaw besser vorbereiten müssen, wenn er Sie schon zu den Verwandten seiner Frau schickt. Er hätte ..."

Ward schwieg. Der Blick, den ihm das Mädchen zuwarf, hinderte ihn daran, seinem Groll weiter freie Bahn zu geben. Er hatte aber nur beabsichtigt, sie zu schützen, er wollte nicht, dass ihr etwas geschehen würde.

„Wenn die Kerle im Anmarsch sind, dann ist das mein Kampf, Madam", sagte er rau zu ihr.

„Nein, es ist auch meiner", erwiderte sie. „Diese Banditen geben keinerlei Pardon," fuhr sie mit flammenden Augen fort.

Es blieb dabei, sie begleitete ihn. Sie war fürwahr ein seltsames Mädchen. Sie verstand sich so lautlos durch den Inselwald zu bewegen wie er. Sie verstand das Anpirschen so gut, wie es wohl kein Mann besser vermocht hätte. Sie würde ihrem Indianermann später sicher einiges vormachen können.

Der Gedanke an die Indianer gab Ward einen Stich. Zum Teufel mit den spaltnasigen Indianern! Zum Teufel mit dem Gedanken daran, dass sie einen breitschultrigen, kleinen Indianer die Hand fürs Leben reichen würde. Wenn man sie ansah, wusste man, dass das kein Leben für sie sein würde.

Ihr silberhelles Lachen schreckte ihn plötzlich auf. Sie stand da und deutete auf eine Lichtung, die sich ihren Blicken erschloss. Das Jaulen des Hundes war zu einem kläglichen Gewimmer geworden. Besorgt trat Ward an ihre Seite. Wenn er geglaubt hatte, dass ein Luchs dem Hund zugesetzt und mit Prankenhieben übel zugerichtet hatte, sah er sich enttäuscht. Es war weder ein Marder noch ein Luchs, nicht einmal ein Skunk, sondern ein ganz gewöhnlicher Igel.

In die Stacheln des Igels hatte der Hund im Jagdfieber ein wenig zu tief die Nase getaucht. Der Hund stand mit eingezogener Rute vor dem Igel, der so gut nach Fleisch duftete und von einem so stacheligen Schutzwall umgeben war.

„Wir müssen ihm die Stacheln herausziehen", sagte das Mädchen zu Ward. „Wenn wir es nicht tun, geht das Tier unweigerlich zugrunde. Die Stacheln dringen immer tiefer ein, kommen in die Blutbahn und vergiften das Blut. Ein Hund, der so stirbt, stirbt jämmerlich."

„Ich habe zwei Indianerhunde so sterben sehen", sagte er. „Indianer machen sich keine Mühe und lassen die Tiere leiden."

„Alle Indianer leiden ebenfalls", sagte sie. „Sie haben weder für sich selbst noch um das Tier Mitleid. Ich weiß nicht, warum das so ist."

„Dann haben Sie nicht die Nerven, es lange in einem Indianerlager auszuhalten. Doch es ist Ihr Wille, Madam. Morgen brechen wir das Lager ab und beginnen mit der Suche. Befreien wir jetzt den Hund von den Stacheln."

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4.

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Am anderen Morgen bekamen die Hunde die Packtaschen übergehängt. Beim Umschnallen der Packtaschen half das Mädchen Ward Turner. Dann wurden die Geräte und der Vorrat, kurz all das bewegliche Gut in dem großen Kanu verladen. Zuletzt wurden noch der Schleppschlitten und die Hunde in dem Boot untergebracht. Das Kanu lag tief im Wasser. Die Hunde lagen dicht gedrängt.

Die Insel mit dem Stangengerüst und der Birkenstammhütte verschwand langsam aus dem Blickfeld der beiden Menschen. Die große Fahrt hatte begonnen. Es musste vorsichtig gerudert werden. Zum Glück war der See glatt wie ein Spiegel. Die Hunde regten und rührten sich nicht. Sie hatten wohl schon die Erfahrung gemacht, dass es besser war, sich nicht zu bewegen. Später sollten sie abgesetzt werden und am Ufer entlanglaufen, um das Kanu zu erleichtern. Sie würden die Packtaschen vollgepackt bekommen, die jetzt noch leer waren. Sie würden dann am Ufer entlanglaufen, mit den Augen das Boot verfolgen und versuchen Schritt zu halten. Das Hundegespann liebte nicht gerade Kanufahrten.

Der Zufall wollte es, dass Ward die verlorenen Paddel und den Schlafsack des Mädchens auf dem Wasser treiben sah. Er holte die Sachen in das Boot. Gina Curry hatte sie sofort wiedererkannt. Sie waren inzwischen weit von der Unfallstelle abgetrieben worden. Von jetzt an paddelte das Mädchen kräftig mit. Das Boot erlangte so eine höhere Geschwindigkeit. Als es richtig hell wurde, zeigte das klare Morgenrot einen herrlichen klaren Tag an. Sicherlich dachten die beiden Menschen an die beiden Männer, die den Mordanschlag versucht hatten und sich noch in der Gegend herumtreiben konnten. Doch wo sollte man suchen? Das Land hatte zu viele Verstecke. Das Land war zu weit, zu groß und unübersehbar. Ein leichter, warmer Wind kam auf und kräuselte die Wasseroberfläche. Fische sprangen und plumpsten wieder in das Wasser zurück. Schwärme von Enten und anderen Wasservögeln fielen ein. An den Ufern stand der durchsichtige Nebeldunst wie wallende Schleier. Tannen standen auf den Inseln und reckten sich stolz in den Himmel. Wo helle Birkenstämme im Mischwald standen, rauschte das Laub der Bäume. Einmal konnte man den Schatten eines kapitalen Elches sehen. Über dem Wasser erhob sich der Kopf eines Otters, der auf Fischjagd war.

Das Boot glitt durch die heilige und unberührte Natur, die so war, wie der Schöpfer sie erschaffen hatte. Ward betrachtete das Mädchen, das vor ihm im Kanu saß. Sie hatte bisher alle Arbeiten getan und hatte wie ein Mann mit Hand angelegt. Sie war so schweigsam und verlässlich, wie man sich nur einen Kameraden wünschen konnte.

Es wurde Mittag, als sie das Festlandufer erreichten, die Hunde an Land setzten und ihnen die Packtaschen füllten. Das war eine Arbeit, die hartes Zupacken verlangte. Die Hunde wehrten sich gegen die Belastung und wurden erst wieder ruhiger, als sie einsahen, dass kein Sträuben half.

Das Kanu wurde nun dicht am Ufer fortbewegt. „Teufel", der Leithund, führte die Hundemeute an. Nach einigen Stunden des Ruderns erscholl vom Ufer her ein scharfes Bellen. Das Kanu stieß auf das Ufer zu, und Augenblicke später sprang Ward an Land.

„Ich schaue nach, was das zu bedeuten hat", sagte er zu dem Mädchen.

„In Ordnung", erwiderte sie. „Hoffen wir, dass es nicht wieder ein Igel ist, auf den sie gestoßen sind. Manche Hunde sind so dumm, dass sie nie begreifen, wie gefährlich die Igelstacheln sind, und es immer wieder versuchen."

Ward verschwand zwischen den Uferbüschen. Das Hundegekläff war sein Wegweiser. Er stieß bald auf die Hundemeute. Alle acht Hunde standen um die Aschereste eines Lagerfeuers. Abgenagte Entenknochen lagen verstreut umher. Die Trittsiegelspur verriet deutlich, dass hier ein weißer Mann mit selbstgefertigten Mokassins gewesen war. Die Spur kam vom Ufer des Sees und führte wieder dorthin zurück. Es war anzunehmen, dass sich das Mädchen getäuscht hatte, dass sie nur einen Verfolger hatte, der hier gelagert hatte.

Es erwies sich jetzt als Vorteil, dass man die Hunde bei sich hatte, sie waren wertvolle Wächter, die einen etwaigen Feind leicht aufspüren konnten.

„Vorwärts!" Mit diesem Wort trieb Ward die Hundemeute wieder an. Er selbst kehrte zum Kanu zurück.

„Madam, Sie müssen sich geirrt haben. Sie haben nur einen Verfolger. Unser gemeinsamer Freund treibt sich wie wir auf der Route nach Norden herum. Es scheint ein sehr zäher Kerl zu sein. Es ist anzunehmen, dass er uns ausgemacht hat. Er hat es wohl vorgezogen, sich vor unserem Erscheinen vom Festlandufer zu verdrücken. Wir werden scharf auf ihn achtgeben müssen."

Er erzählte ihr von den Lagerfeuerresten und davon, dass er eine Trittsiegelspur aus selbstgefertigten Mokassins entdeckt hatte.

„Wenn es sich so verhält, dann war es Goyette", sagte sie bestimmt. „Ich weiß, dass er auf selbstgefertigte Mokassins schwört. Er ist einer der gefährlichsten Männer aus der Bande."

„Sie kennen die Namen der Kerle, Madam?", fiel er ihr erstaunt ins Wort. „Heißt das, dass Ihr Vater seine Mörder auch gekannt hat?"

„Ja, er hat sie gekannt", gab sie ohne Umschweife zu. „Er hat sie in einer Handelsstation kennengelernt, als er mit Goldnuggets seine Ausrüstung bezahlte. Die Kerle hefteten sich daraufhin an seine Fersen. Einen von ihnen konnte mein Vater niederschlagen und mit seiner Ausrüstung und seinem Boot in die Wildnis entkommen. Das Gold muss jene Kerle verrückt gemacht haben."

„Jetzt wird mir alles verständlich, Madam. Diese Kerle waren hinter Gold her. Ihr Vater musste sterben, weil er so unvorsichtig war, das gleißende Metall in Gegenwart von Banditen zu zeigen."

„Sie haben unsere Hütte durchwühlt und selbst den Hüttenboden umgegraben. Sie haben unsere Ausrüstung zerstört, haben aber nichts gefunden. Als sie entdeckten, dass es in unserer Hütte keinen Goldschatz gab, war es zu spät, meinen Vater danach zu fragen, wo er das Gold versteckt haben könnte, wo der Fundort war. Jetzt wissen Sie, warum die Banditen auch hinter mir her sind."

Das also war es! Die nackte, unbarmherzige Gier spielte hier mit! Sie ließ Menschen zu Teufeln werden. Es war ekelhaft, es widerte einen an und zog einem die Kehle eng. Ward begriff, dass das Mädchen von einer erbarmungslosen Bande gejagt wurde, die auch nicht haltmachen würde, wenn sie beim Stamm ihrer Mutter war.

„Ich bin nur eine Belastung für Sie", hörte er sie leise sagen. „Ich wollte Sie nicht mit in meine Sache hineinziehen, doch dann ..."

Sie sprach nicht weiter und schaute ihn fest an.

„Madam, kein Wort mehr darüber", erwiderte er. „Ich hätte mir keine bessere Begleitung wünschen können."

„Sie kennen die fünf Männer nicht", sagte sie leise. „Sie wechseln ständig ihre Namen. Das Gesetz ist bisher vergeblich hinter ihnen her gewesen. Man hat oft von ihnen gehört, und dann nur Abscheuliches. Bisher hatte man sie nicht dingfest machen und nicht bestrafen können. Weiße und rote Jäger fürchten sich vor ihnen. Sie scheinen überall zu sein und dann immer da, wo man sie am wenigsten vermutet. Sie wagen sich nur in Forts und Handelsniederlassungen, wenn sie sicher sind, dass man sie nicht erkennt. Was sie brauchen, holen sie sich durch Raub und Mord. Niemand ist vor ihnen sicher, niemand."

In den Augen des Mädchens waren dunkle Schatten. Sie blickte über den See und schauerte zusammen. Zum ersten Mal zeigte sie deutlich, dass sie trotz aller Tapferkeit, die sie bewiesen hatte, ein Mädchen war. Sie hatte sich zwar schnell wieder in der Gewalt, doch Ward hatte begriffen, dass er seine Aufgabe als Beschützer zu Ende führen musste. Er musste alles tun, um ihr Sicherheit zu geben.

Nein, er fragte sie nicht, ob sie die Stelle wusste, wo ihr Vater die Nuggets gefunden hatte. Was ging es ihn an. Er war in der Wildnis zufrieden, sie gab ihm alles, was er brauchte. Wozu brauchte er Gold?

„Madam", sagte er mit rau klingender Stimme, „glauben Sie, dass Sie in Sicherheit sind, wenn Sie den Stamm gefunden haben, den Sie suchen?"

„Man wird mich schützen", sagte sie. „Gold bedeutet den Leuten meiner Mutter nichts. Es gibt viele unter den Indianern, die fündige Stellen wissen und ihr Wissen darum niemals ausnützen. Gold bedeutet für die Weißen alles, für die Indianer nichts. Nicht einmal eine Pfeilspitze könnte man daraus machen, sagte mein Vater. Was die Roten brauchen, bekommen sie durch den Eintausch ihrer Felle, was ihnen sonst noch fehlt, bringt ihnen das Ren. Wozu sollen sie sich mit Gold belasten? Das Gold bringt nur das Gesindel ins Land."

Ward staunte immer mehr. Was musste dieses Mädchen für einen prächtigen Vater gehabt haben! Mit ihrem Vater hatte sie ihre Welt verloren und wurde heimatlos. Die Angehörigen ihrer Mutter würden ihr nicht im entferntesten das geben können, was sie gehabt hatte, was sie sich vom Leben erhoffte und erwünschte. Die Angehörigen ihrer Mutter waren recht primitiv. Zum Teufel, warum musste Ward immer an die Indianer denken, zu denen dieses Mädchen wollte? Warum schlug sein Herz schneller, wenn er daran dachte, dass er sie dann für immer verloren hatte? Bedeutete sie ihm schon so viel? Hatte ihre Nähe in der kurzen Zeit das schon bewirkt? War er bereit, seine Grundsätze, Junggeselle zu bleiben, über Bord zu werfen? Ich bin ein Narr!, schalt er sich. Ich darf mich nicht verlieben, nicht in diesem Land, in dieser Wildnis, die einen ganzen Mann erfordert. Vorwärts!

*

Ward arbeitete kräftiger. Gegen Abend war die Landzunge erreicht und das Ende dieses Sees. Das Lager für die Nacht wurde errichtet, die Hunde von ihrer Last befreit. Man gab ihnen freien Lauf. Sie würden sich ihr Futter selbst besorgen. Es gab hier Wildkaninchen in Mengen. Man musste sparsam mit dem Proviant umgehen.

Es gab viel zu tun. Das Mädchen packte immer kräftig zu. Ward konnte sich mit dem Auslegen der Netze beschäftigen und Holz für das Feuer besorgen. Wie immer gab es Fisch zum Essen, doch von dem Mädchen zubereitet, schien er besser zu schmecken. Vor Einbruch der Nacht noch nahm Ward seine Winchester und ging auf Pirsch. Es gelang ihm, einen Biber zu erlegen. Trotz der vorgeschrittenen Stunde und obwohl man bereits gegessen hatte, briet man einiges Fleisch.

Die Biberkelle war ein Festtagsschmaus, eine Delikatesse. Sie verlieh neue Kräfte, und die würde man morgen, beim Marsch durch die Wälder zum nächsten See, nötig haben. Es hieß, die Ausrüstung, den Schlitten und das Kanu zu schleppen. Zwar würden die Hunde einen Teil der Last zu tragen haben, aber auch so würde noch viel zum Tragen übrigbleiben. Mit einiger Besorgnis dachte Ward an den nächsten Tag.

„Wir werden es schon schaffen", sagte das Mädchen zu ihm. „Auch ein Mädchen kann ausdauernd und zäh sein. Vater war immer mit mir zufrieden."

„Sicherlich", erwiderte er ihr.

Sie saßen noch lange am Feuer. Ward rauchte seine kurze Pfeife, konnte durch den Rauch die Mücken aber nicht vertreiben. Sie waren immer da, die blutsaugenden Quälgeister. Zum Glück waren sie beide nicht so empfindlich wie Neulinge, die, wenn sie ins Land kamen, bald so zerstochen waren, dass sie nicht wiederzuerkennen waren.

Am anderen Morgen wurde der Rest des Bibers gebraten und verzehrt. Lange vor Tagesanbruch waren sie schon dabei, das Lager abzubrechen. Diesmal musste alles anders verpackt werden, denn es musste getragen werden. Das war eine Arbeit, die viel Geschick erforderte. Das Mädchen kannte diese Arbeit und machte keine falschen Handgriffe. Der Schlitten wurde zerlegt und das Kanu so beladen, dass es von zweien getragen werden konnte. Dann begann der Marsch.

Es gab in diesem Land keinen Weg und Steg. Die Urwildnis musste bezwungen werden. Es ging durch Schilfbestände, durch Gestrüpp und lichte, sonnendurchglühte Birkenhaine, in denen das Federwild vor ihnen abschwirrte. Die Last war schwer. Auch die Hunde waren schwer beladen. Manchmal waren die Hunde voraus, dann wieder trotteten sie hechelnd hinter ihnen her. Die Lust zum Tollen und Beißen war den Tieren durch die aufgebürdeten Lasten genommen worden. Oft mussten kleine Rastpausen eingelegt werden. Es war eine schwere Arbeit für das Mädchen. Nur selten hörte man, dass ein Jäger seine Frau mit auf die Jagd und zum Fallenstellen nahm.

Von den Frauen wurde in diesem Falle harte Männerarbeit gefordert. Man musste dann schon eine Frau als Begleiterin haben, wie Gina Curry sie war. ln diesem Falle war ein Leben zu zweit in der Wildnis möglich.

Ward verfiel ins Träumen. Hatte er aber ein Recht, von ihr zu träumen? Nein, wenn er es richtig überlegte, so würde sie beim Leben im Indianerstamm doch nicht so schwer zu arbeiten haben, als wenn sie die Begleiterin eines weißen Jägers wurde. In einer Sippe war die Arbeit immer leichter, als es bei einem Einzelgänger möglich war. Mochte der Traum noch so verlockend sein, dieses prächtige Mädchen war wohl nicht für Ward geschaffen. Sie musste zu ihren Leuten.

Weiter ging es. Die Tage waren ausgefüllt durch unsägliche Strapazen. Mensch und Tiere waren oft bis zum Umfallen ermattet.

Hin und wieder gab es kleinere, ungewollte Unterbrechungen. Ein Hund streifte seine Last ab und musste wieder eingefangen werden. Man schaffte es, bevor das Tier in den unübersehbaren Wäldern verschwand. Ein andermal tauchte ein schwarzer Bär vor ihnen auf. Noch bevor Ward das Tier erlegen konnte, war es wieder verschwunden. An einem anderen Tag war ein Brechen und Rauschen im Walde zu hören. Die Hunde begannen zu heulen, sträubten die Nackenhaare, zogen die Lefzen hoch und standen geduckt mit funkelnden Augen da.

Das Rauschen kam näher. Schrilles Piepen, Rascheln und andere seltsame Geräusche waren zu hören. Dann war eine Flut von wühlmausähnlichen Tieren zu erblicken, die an ihnen vorbeizogen. Es war ein Riesenstrom Lemminge. Zu Tausenden zogen sie vorbei, ein graubrauner Strom von Tierleibern. Nager waren diese Tiere, die sich von Flechten, Moosen und Wurzeln ernährten. Sie waren auf der Wanderung, ein Strom von lebenden Tieren, von einer magischen Kraft gelenkt. Ein Tier bewegte sich neben dem anderen, wie in einer Marschformation. In allen steckte der geheimnisvolle Drang, zum Meer zu kommen. Es war ein erregender Anblick. An den Flanken des Tierstromes tauchten Luchse und Füchse auf. Auch die Hunde schnappten nach einigen Tieren und füllten sich die Mägen.

„Es wird einen frühen Winter geben." Mit diesen Worten wandte sich Gina Curry an ihren Begleiter. „Wenn die Lemminge so früh ziehen, wird bald der Blizzardgott aus dem Norden über das Land kommen."

„Es wird wohl nicht mehr lange dauern, dann haben wir den Stamm deiner Mutter gefunden, Gina", sagte er zu ihr. Ganz, wie von selbst war das störende Sie gegen das vertraute Du getauscht worden. Das war weiter nicht verwunderlich. Menschen, die durch die Einsamkeit trailten, die hart schuften und arbeiten mussten, sich gegen Gefahr und andere Widerwärtigkeiten behaupten mussten, wurden zusammengeschweißt, wurden wie von selbst Kameraden.

Weiter ging es, weiter nach Norden!

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5.

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Die Nächte wurden kälter. Es wurde immer mehr offenbar, dass sich der kurze Sommer nicht mehr lange halten würde. Viele Meilen hatte man bezwungen, manchen kleinen und großen Strom durchquert. Nicht immer war alles glatt gegangen.

Wieder schwamm das Kanu auf einem See, schwer beladen. Menschen, Tiere, das Gepäck und den Schlitten, alles trug das Boot. Kräftige Paddelschläge trieben es vorwärts.

Hinter einer Insel tauchte ein Kanu auf. Zwei Männer saßen in dem Boot, die sich sogleich hochreckten, als sie das fremde Kanu erblickten.

„Indianer, sie kommen auf uns zu", sagte Gina. „Von ihnen werden wir sicherlich etwas über die Leute meines Stammes erfahren."

„Es kann möglich sein, es sind Chippewas", entgegnete Ward.

Er hatte aus der Hautfarbe, der Bauart des Kanus und der Kleidung der beiden Indianer geschlossen, dass es Angehörige dieses Stammes sein mussten. Die Zeiten waren längst vorbei, da diese Indianer noch ihren Federschmuck getragen hatten, da sie die unversöhnlichen Feinde des weißen Mannes gewesen waren. Hin und wieder spielten sich aber Dramen in den nördlich gelegenen Wäldern und Seengebieten ab, die erkennen ließen, dass diese Urfeindschaft noch nicht völlig verschwunden war.

Die freundliche Annäherung der beiden Kanufahrer war unverkennbar. Das Kanu der beiden Roten lag tief im Wasser. Die Riesenlast eines Elches, dessen Läufe und Geweih über den Kanurand hinausragten, drückte das Kanu tief. Rasch näherte sich das Boot. Das freundliche Grinsen auf den Gesichtern der dunkelhäutigen, untersetzten Männer war meistens ein Zeichen dafür, dass sie betteln wollten. Ward kannte das. Er wusste nur zu gut, wie gierig die Indianer auf die Dinge der Zivilisation waren, mochte es nun Tabak, Speck, Zucker und andere Dinge der Zivilisation sein.

Die Männer begannen sogleich mit dem Palaver. Sie beschworen Himmel und Hölle und wollten wissen, ob der gute weiße Freund von diesen Kostbarkeiten etwas besitze. Sie waren bereit, einige herrliche Weiß- und Blaufuchsfelle aus dem letzten Winter dafür einzutauschen. Sie zogen lange Gesichter, als Ward ihnen erklärte, dass er in den letzten zwei Jahren keinen Speck mehr gesehen hätte, dass er weder Zucker noch andere Leckerbissen besäße, dass er selbst froh wäre, wenn es ihm in diesem Winter gelingen würde, genügend Felle zusammenzubekommen, um sie in einem Fort oder einer Handelsstation einzutauschen.

Wards Erklärung kühlte die beiden Männer merklich ab. Da hier offensichtlich kein Geschäft zu machen war, hatten die beiden Roten merklich ihr Interesse verloren und wollten sichtlich missgestimmt ihre unterbrochene Kanufahrt fortsetzen. Gina fragte sie nach den Leuten ihres Stammes.

Die beiden sahen sich an und blickten dann auf Gina.

„Vor einer Woche sind wir der Sippe begegnet", sagte einer von ihnen. „Es waren zehn Männer, sieben Frauen und etwa ein Dutzend Kinder."

Er deutete in die Richtung, in der er der fremden Sippe begegnet war. Er hob dabei die Schultern an, was bedeuten sollte, dass eine Woche eine lange Zeit sei.

Die beiden setzten darauf ihre Paddel wieder in Bewegung und steuerten auf eine Insel los. An einer weiteren Unterhaltung schien ihnen nichts zu liegen. Weder Ward noch Gina hatten Lust, die fremde Sippe zu besuchen, deren Männer sich so wenig freundlich zeigten.

„Gina, hast du noch immer große Lust, bei den Indianern zu leben?", fragte Ward sie, als sie weiterpaddelten. „In den letzten Tagen haben wir drei Begegnungen mit Indianersippen gehabt und können froh sein, dass sie uns nicht in ihre verschmutzten Tipis einluden. Wünschst du dir noch immer ein Leben, das doch gar nicht zu dir passt?"

„Ich bin ein Halbblut. Mein Vater sagte, dass die Weißen mit Verachtung auf mich herabsehen würden, dass die Roten nicht so überheblich seien. Er sagte, es sei für ein Mädchen besonders schlimm, ein Halbblut zu sein. Mein Vater hat mir immer ohne lange Umschweife die Wahrheit gesagt, und ich werde das tun, wozu er mir riet. Ich bin es ihm schuldig, denn eine Tochter soll gehorchen!"

Nun, Ward konnte nichts darauf erwidern. Vielleicht war es gut so. Mit jedem Tag mehr, den sie nun zusammen waren, spürte Ward seine Zuneigung zu dem Mädchen wachsen. Wenn er gehofft hatte, Gina das Leben in seiner Begleitung etwas erleichtern zu können, hatte sie ihm Widerstand entgegengesetzt. Sie hatte ihn in eine Rolle hineingedrängt, die ihm nicht behagte. Sie schien alle zärtlichen Regungen in ihm im Keim ersticken zu wollen. In der Tat, sie war ein erstaunliches Mädchen, das genau wusste, was es wollte. Sie schien nur ein Ziel zu verfolgen, nämlich zu ihren Verwandten zu gelangen.

Jetzt, da die Fährte jenes Goyette endgültig verlöscht war, drängte sie immer wieder zum Aufbruch. Sie schien es nicht erwarten zu können, endlich zum Ziel zu gelangen. Ward hatte das für ihn unangenehme Gefühl, dass sie in ihm nichts anderes als einen guten Begleiter sah, einen Freund, dem man vertrauen konnte, einen väterlichen Beschützer, der keine Augen für die Schönheit einer Frau hatte. Himmel auch, darin irrte sie sich!

Es war qualvoll, sich immer wieder zusammenreißen zu müssen. In den Nächten träumte er nicht mehr von den Renen, den großen Herdenströmen aus dem Norden. Jede Nacht waren seine Träume von Gina Curry erfüllt. Sie erschien ihm als eine Königin, die ihm zulächelte und die Augen schloss, wenn er sie küsste. Das Erwachen jedoch zeigte ihm immer wieder den Abstand, den sie voneinander hatten.

Sie trug ihre Haare unordentlich, und Ward wusste nicht, ob sie das mit Absicht tat, ob sie bewusst so wenig Wert auf ihre äußere Erscheinung legte. Dornen hatten ihre Gesichtshaut verletzt, doch was tat's! Mit ein wenig Fantasie konnte man sich vorstellen, wie sie aussehen würde, wenn sie sich mädchenhaft kleidete.

Von Tag zu Tag mehr wurden Wards Gedanken verwirrter. Je weiter sie nach Norden gelangten, desto unruhiger und nervöser wurde er. Dieser Mann, der das Alleinsein gewöhnt war, dieser Einzelgänger fürchtete sich unbewusst vor dem Tag, der sie von seiner Seite reißen musste. Der Tag erschien ihm grausam, an dem er allein seine Wanderung wieder aufnehmen würde, einsam, einem streifenden Wolf ähnlich.

Jetzt waren sie schon drei Wochen unterwegs.

Der kurze Herbst setzte ein, der Herbst, der bei den weißen und roten Jägern gleichermaßen gefürchtet war, weil er eine Unmenge Krankheiten mit sich brachte. Yeah, es war die Zeit, wo die Jäger ruhten, wo sie auf den Frosteinbruch und den Schneefall warteten, wo ihnen wieder trockenes und gesundes Wetter beschert wurde. Der Herbst verdammte alles zur Untätigkeit. Das würde sich ändern, wenn der erste Schnee kam, wenn man die Hunde vor den Schlitten spannen konnte.

Vorerst aber regnete es in Strömen. Die Wetterkapuzen und Umhänge taten nun ihren Dienst. An den meisten Tagen in dieser Zeit war man fast aufgeweicht. Es galt dann, eilig das Lager aufzusuchen, ein Feuer anzufachen und sich so schnell wie möglich zu trocknen. Die Hände waren klamm, das Holz wollte nicht recht brennen, und Gina war da, die ihre Kleidung zuerst trocknen musste.

Das war ihm oberstes Gebot.

Als er sie einmal über das Feuer hinweg anstarrte, ganz versunken in den Zauber ihrer Gestalt, und sie plötzlich aufblickte und mädchenhaft errötete, sagte sie nach einer Pause leise:

„Ich bin nur ein Halbblut. Du darfst das nicht vergessen, Ward. Es würde eine Last fürs Leben für dich sein."

„Zum Teufel damit, Gina!"

„Sage das nicht, Ward. Wenn wir am Ziel sind, werden wir beide die Tage, die wir gemeinsam wanderten, jagten, fischten und uns abplagten, zu vergessen suchen. Du wirst deinen und ich meinen Weg gehen. Du bist ein Mann der Wildnis wie mein Vater, du kennst die Gesetze der Wildnis."

An diesem Abend erhob er sich und verließ fast fluchtartig das Lagerfeuer. Die Hunde hatten ihm nachgebellt, die Zweige sein Gesicht gepeitscht. Der Regen durchnässte ihn bis auf die Haut, doch er hatte es nicht gespürt. Er wanderte durch die Dunkelheit, eilte mehr als er schritt. Er schien seinem eigenen Ich entfliehen zu wollen. Er kam erst wieder zu sich, als er über eine Wurzel stolperte und hart auf dem Boden aufschlug.

Mit dir ist nicht mehr alles in Ordnung, sagte er sich. Sie hat dich verhext, verzaubert, sie hat dich gewandelt, dir die Ruhe genommen. Du bist ein Narr und ein Träumer geworden, und nur der Himmel oder die Hölle wissen, was mit dir geschah, Ward Turner. Du warst stolz darauf, ein Einzelgänger zu sein, dir die Wälder und Seen untertan zu machen. Du warst so frei wie ein Adler in den Lüften! Reiß dich zusammen! Nur vorwärts, Ward, vorwärts!

Als Ward zum Lager zurückkehrte, schlief das Mädchen bereits. Es war ihm vergönnt, in ihr schmales, abgespanntes Gesicht zu blicken. Sie schlief fest und ruhig. Im Wald heulten die Wölfe. Die Hunde hockten auf den Hinterläufen und bewegten sich unruhig. Die Anzeichen des kommenden Winters mehrten sich.

Jeden Tag musste man damit rechnen, auf die Sippe zu stoßen. Man kam jetzt langsam vorwärts. Was alle anderen Jäger gewiss hinter sich hatten, musste Ward erst nachholen. Trotz des bösen, schneidenden Windes legte er die Netze aus. Er holte Lachse, Weißfische und Forellen aus dem See. Zum Trocknen der Fische kam er nicht mehr, doch konnte man sich selbst und die Hunde ernähren.

„Morgen, vielleicht übermorgen sind wir bei den Leuten meines Stammes", sagte Gina, als sie am anderen Morgen beim Frühstück saßen.

Sie sahen sich an. Heiser erwiderte er:

„Dann gehen wir in verschiedenen Richtungen auseinander."

„Es ist besser so, Ward, für uns beide", erwiderte sie.

Mehr Worte wurden an diesem Morgen nicht gewechselt. Die Arbeit war anstrengend. Erst als sie das Kanu wieder flott hatten, die Hunde am Ufer mitliefen und beide ihre Kanupaddel im gleichen Takt bewegten, sagte sie:

„Vor uns im Norden die Inselgruppen, die zeigen Rauch. Es ist Holzfeuerrauch, Ward. Wenn meine letzten Informationen stimmen, haben wir die Leute meiner Sippe eingeholt."

Ward reckte sich höher. Sein Herzschlag drohte auszusetzen. Die scharfen Augen des Mädchens hatten in der Tat richtig gesehen. Im Norden wölkte Holzfeuerrauch über einer der größten Insel. Seltsam war, dass die Indianer ihr Lager stets auf einer Insel anlegten, wenn eine solche in der Nähe war. Es mochte sein, dass kein Platz wie eine Insel dazu geschaffen war, die Annäherung von Feinden rechtzeitig wahrzunehmen. Obwohl das jetzt in den friedlichen Zeiten keinerlei Bedeutung mehr hatte, gingen die Indianer von dieser alten Sitte nicht ab.

„Wir müssen die Hunde ins Boot nehmen", sagte Ward, als sie eine Weile schweigsam weitergepaddelt waren.

„Die Arbeit können wir uns sparen, die Inseln liegen nahe beim Festland", sagte sie. „Wie ich dich kenne, wird dir nicht viel daran liegen, lange bei meiner Sippe zu sein. Vielleicht ist es gut, wenn wir den Abschied nicht lange hinauszögern. Ich halte es für das beste."

„Vielleicht ist es so", sagte Ward mit einer Stimme, in der seine ungeheure Erregung mitschwang. „Ich würde dich bis an Ende der Welt mitnehmen, ich würde dich zu meiner Frau machen. Ein oder zwei Jahre würden wir hart schuften, dann würden wir die Wildnis, das Land der trommelnden Hufe verlassen und uns irgendwo im Süden eine kleine Ranch kaufen. Wir würden ein neues Leben beginnen, und ich würde Pferde züchten, denn dieses Land verschlingt zuviel Kraft. Ich kann jetzt nicht länger schweigen, Gina. Du willst in ein Leben hinein, das nicht zu dir passt. Du könntest dich aus eigener Kraft nicht mehr aus dem Sippenverband lösen. Bedenke, dass die meisten Sippen krank sind. Ich habe viele Männer, Frauen, und Kinder aus diesen Sippen grauenhaft husten hören. Die Menschen sind zwar lebensfroh und zeigen nichts von ihrem Leid, doch im Herbst und Frühjahr rafft es sie hinweg, sterben viele von ihnen. Schon mancher Jäger ist von der Schwindsucht angesteckt worden und jämmerlich zugrunde gegangen. Ich flehe dich an, lass uns weiterhin zusammenbleiben!"

„Nein", sagte sie leise. „In der Wildnis sieht alles anders aus. Der Anblick einer Frau kann da den Mann zu Handlungen verleiten, die er unter normalen Umständen nicht tun würde. Ward, es würde dir später wie Schuppen von den Augen fallen, doch dann würde es zu spät sein. Ich war schon zu lange dein Gast, jetzt kann ich es noch ändern. Fahr nur zu, wir sind bald am Ziel."

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6.

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Details

Seiten
160
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905472
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v344591
Schlagworte
trommelnde hufe

Autor

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Titel: Trommelnde Hufe