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Steve Coopers Vergeltung

2016 120 Seiten

Leseprobe

Steve Coopers Vergeltung

 

Ein Western von Aylin Carrington

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 


 

Klappe

Nach Jahren kehrt Steve Cooper nach Hause zurück, auf die Ranch, die mittlerweile seinem Bruder Bill gehört. Kurz darauf wird dieser erschossen aufgefunden. Unter Mordverdacht muss Cooper fliehen – und macht sich auf die Suche nach dem wahren Täter.

 

 

 

Roman

Unbarmherzig brannte die heiße Mittagssonne auf das Land nieder. Der Wind wirbelte feine Sandkörner auf und machte das Atmen zur Qual.

Der Reiter zügelte seinen Rappen und glitt aus dem Sattel. Sein Blick schweifte nach Norden, wo ein paar Geier ihre Kreise zogen. Dann blickte er wieder Richtung Westen. Er schätzte, dass er noch etwas mehr als vier Stunden brauchen würde. Einen Augenblick war er versucht zu rasten, entschied sich dann aber dagegen. Bedächtig löste er die Wasserflasche vom Sattelhorn, gab seinem Tier zu trinken und nahm dann selber einen Schluck. Nachdem er die Flasche wieder verstaut hatte knotete er sein Halstuch auf und wischte sich damit die Stirn ab. Schließlich stieg er wieder in den Sattel.

Come on“, sagte er leise und schnalzte mit der Zunge.

Das Pferd schnaufte und trabte los.

 

*

 

Als die Sonne hinter den Bergen versank, hatte der Reiter den Talkessel erreicht. Dunkel hob sich die Silhouette der Ranch gegen das Rot des Abendhimmels ab. Sein Blick wanderte über die Scheune und das Bunkhouse, weiter zum Corral und blieb letztendlich am Haupthaus hängen. Aus der kleinen Farm, die er in Erinnerung hatte, war eine Ranch geworden. Seufzend drückte er seinem Pferd die Absätze in die Flanken und lenkte es in Richtung Barksdale. Es war ihm nur recht, dass er die Stadt erst im Dunkeln erreichte.

Er brachte seinen Rappen in den Mietstall und nahm sich im einzigen Hotel der Stadt ein Zimmer. Zwar hatte er Hunger, aber er wollte nicht mehr Aufmerksamkeit als nötig auf sich ziehen. Und so löste er bedächtig den Revolvergurt und legte ihn auf den Nachttisch. Nachdem er die Vorhänge zugezogen hatte zog er sich aus, löschte die Lampe und ließ sich auf das Bett sinken. Schon bald fiel er in einen unruhigen Schlaf.

Die Sonne war noch nicht einmal aufgegangen, da schreckte er durch das Geräusch polternder Stiefelschritte auf dem Flur hoch. Sofort sprang er aus dem Bett und griff gleichzeitig zum Revolver. Doch der Besucher schien freundlicher Natur zu sein, denn anstatt durch die geschlossene Tür zu feuern klopfte er höflich an.

Come in!“

Der Mann, der das Hotelzimmer betrat, war um die 50. Sein Haar war bereits ergraut, aber seine grauen Augen waren dafür umso stechender und wachsamer. Und er trug den Stern des Gesetzes.

Guten Morgen, Mark!“ Trotz der freundlichen Begrüßung hatte er noch immer seinen Revolver auf den Sheriff gerichtet.

Dieser hob beschwichtigend die Hände. „Du kannst die Waffe ruhig wegstecken, Steve. Es liegt nichts gegen dich vor!“

Ich weiß.“ Er steckte die Waffe ins Holster zurück. „Was verschafft mir also die Ehre deines Besuches?“

Sheriff Garner steckte seine Daumen hinter seinen Gürtel und schürzte die Lippen. „Um ehrlich zu sein, als Joe mir gestern Abend erzählte, dass du wieder in der Stadt bist, habe ich gedacht er hätte mal wieder einen über den Durst getrunken.“

Steve Cooper erwiderte nichts, sondern zog sich schweigend an.

Warum bist zu zurückgekommen?“, fragte Garner schließlich.

Darüber bin ich dir wohl kaum Rechenschaft schuldig!“, seine Stimme war scharf und schneidend und Mark Garner fuhr unwillkürlich zusammen, obwohl er kein ängstlicher Mann war.

Ich will keinen Ärger in Barksdale! Das ist alles!“ Mahnend sah er ihn an.

Wütend schnallte Cooper sich seinen Revolvergurt um. Es war immer dasselbe. Egal wo er auftauchte. Selbst hier.

Keine Sorge, Mark. Ich bin nur in dieser Gegend, um meinen Bruder zu besuchen. Und mit deiner Erlaubnis werde ich jetzt frühstücken gehen. Oder gibt es sonst noch etwas, das du mir sagen willst?“

Der Sheriff holte tief Luft und riss sich ganz offenbar zusammen. „Steve, ich glaube, es war keine gute Idee von dir hierher zu kommen. Barksdale hat nicht vergessen, was passiert ist!“

Cooper setzte seinen Hut auf und trat dicht an den Gesetzeshüter heran. Er überragte ihn um ein ganzes Stück. Seine angespannten Muskeln zeichneten sich unter dem Hemd ab. Jegliche Freundlichkeit war aus seinen Augen verschwunden. „Ich auch nicht, Mark! Ich auch nicht.“ Damit ließ er Garner stehen und ging hinaus.

Er wusste selber nicht warum, aber keine zehn Minuten später öffnete er die großen, aus massivem Eichenholz gefertigten Flügeltüren der Kirche, die in ihren Angeln quietschten.

Mit einem lauten Krachen fielen sie hinter ihm wieder zu.

Die Holzbänke waren abgenutzt und wurmzerfressen, und die bunten Fenster, die die Kreuzigung Jesus Christus und seine Auferstehung zeigten, waren blind. Staubpartikel tanzten in dem hereinfallenden Sonnenlicht.

Seine Schritte hallten dumpf und viel zu laut von den Wänden wieder.

Das letzte Mal, dass er eine Kirche betreten hatte, war zur Beerdigung seines Vaters gewesen. Danach hatte ihn nichts je wieder in ein Gotteshaus geführt. Und auch jetzt wusste er nicht, weshalb er hier war. Er hatte einfach einem Gefühl nachgegeben.

Er blieb stehen und starrte unentschlossen auf den Altar, den Hut in den Händen haltend.

Schließlich holte er tief Luft und wandte sich wieder zum Gehen.

So wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Untugend.“

Cooper kannte die Stimme und auch die Textstelle. Sein Vater hatte oft aus der Bibel vorgelesen.

Er drehte sich langsam um.

Pater Jacob Shepard hatte die Kirche von einem kleinen Nebenraum aus betreten. Er wirkte wenig erfreut über Coopers Anwesenheit in seinen heiligen Hallen.

Und welche Sünde soll ich Eurer Meinung nach bereuen, Pater?“

Zählst du Ungehorsam und Vatermord nicht zu den Sünden? Kennst du nicht mehr die Zehn Gebote unseres Herrn? Du sollst Vater und Mutter ehren, du sollst nicht morden …“

Hört auf, Pater!“ Zornig ballte Cooper die Rechte zur Faust. „Glaubt mir, ich habe jeden Tag bereut, was passiert ist!“

Und dennoch bist du einen Weg der Gewalt gegangen, mein Sohn! Es klebt so viel Blut an deinen Händen …“ Sein Gesicht war vor Wut gerötet.

Steve hatte tief in seinem Innern gehofft hier Trost zu finden. Doch stattdessen schlug ihm überall nur Hass und Verachtung entgegen. Er schluckte hart, warf noch einen Blick auf das Kreuz auf dem Altar und schüttelte schließlich den Kopf. „Verzeiht, wenn ich Euch gestört habe, Pater“, murmelte er und verließ eiligen Schrittes die Kirche.

 

*

 

Darf ich?“

Cooper blickte nicht auf, als sich Doc Livingstone einen Stuhl heranzog und sich setzte. Er hatte den Arzt bereits bemerkt, als er Sallys Inn betreten hatte.

Was willst du?“, fragte er unwirsch.

Schön, dass du wieder hier bist, Steve!“

Cooper schluckte den letzten Bissen seines Rühreis herunter und legte das Besteck zur Seite. Langsam hob er dann den Kopf und blickte den Alten an.

Livingstone erschrak. Die hellblauen Augen waren kalt und abweisend. Und eine Gefährlichkeit lag darin, die ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Er kannte Steve und wusste, dass er im Grund kein schlechter Mensch war. Aber er konnte auch die Bewohner von Barksdale verstehen, die Angst vor ihm hatten.

Mark scheint da anderer Meinung zu sein! Ihm wäre es lieber gewesen, ich hätte einen großen Bogen um die Stadt gemacht.“ Er wischte sich mit der Serviette den Mund ab und trank einen Schluck.

Mark ist ein Dickkopf. Lass ihn reden!“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Wie geht es dir? Ich habe viel über dich gelesen!“

So? Und wie viele Männer habe ich den Zeitungsberichten zufolge umgelegt? 20? 30? Oder noch mehr?“ Bitterkeit und Verachtung für die Schmierfinken, die logen und sich Geschichten ausdachten, nur um eine Seite zu füllen, schwang in seiner Stimme. „Die Wahrheit will doch keiner wissen, Greg! Es stimmt, ich bin ein Kopfgeldjäger! Es waren keine 50, die durch meine Waffe gestorben sind, aber 10 bestimmt! Ich will hier keinen Ärger, sondern nur meinen Bruder Bill besuchen!“ Seufzend stand er auf. „Tut mir leid, Greg. Ich …“ Er bedauerte, dass sein Ton so rau gewesen war. Er wusste, dass Livingstone es gut mit ihm meinte. „Grüß Mary von mir, wenn du wieder zu Hause bist!“

Der Arzt erhob sich ebenfalls. „Mary ist letztes Jahr gestorben“, sagte er leise.

Cooper senkte den Blick. „Das tut mir leid.“ Das tat es wirklich. Mary Livingstone war eine herzensgute Frau gewesen. Eine Seele von Mensch.

Ich weiß deine Anteilnahme sehr zu schätzen. Sie ist eines Morgens einfach nicht mehr aufgewacht, meine gute Mary.“ Er seufzte schwer. „Pass auf dich auf, Junge!“ Er legte ihm kurz die Hand auf die Schulter und ging.

Nachdem Cooper sein Essen bezahlt hatte machte er sich auf den Weg zum General Store, um ein paar Vorräte einzukaufen. Gerade als er die Main Street überquerte bemerkte er aus den Augenwinkeln zwei Betrunkene, die direkt auf eine junge Frau zutorkelten. Mit ihrer zierlichen Gestalt und den langen blonden Haaren gefiel sie Cooper auf Anhieb.

Hey, Kleine, so ganz allein?“ Einer der Männer griff nach ihrem Arm.

Schon war Cooper heran, packte ihn an der Schulter und versetzte ihm einen harten Faustschlag ans Kinn. Einen Augenblick später hatte er seinen Revolver in der Hand und auf den anderen Kerl gerichtet. „Verschwindet! Sofort! Und wenn ihr noch einmal eine Frau belästigt, bekommt ihr es mit mir zu tun!“

Einen Moment war der größere der beiden versucht zu ziehen; seine Hand lag bereits auf dem Kolben seiner Waffe. Dann überlegte er es sich anders, half seinem Freund hoch und beide machten sich aus dem Staub.

Mit einer geschmeidigen Bewegung ließ Steve wieder seine Waffe ins Holster gleiten und wandte sich der jungen Frau zu. Er tippte freundlich an den Hut und lächelte leicht. „Alles in Ordnung, Ma’am?“ Seine Stimme war nunmehr von einem sanften Timbre geprägt und hatte alle Schärfe verloren.

Noch immer zitternd nickte sie. „Danke, Mister. Das war sehr freundlich von Ihnen!“

Gern geschehen. Noch einen schönen Tag, Ma’am!“ Er vergewisserte sich, dass die beiden Männer auch wirklich ihres Weges gegangen waren und machte sich dann auf zum Mietstall. Seine Besorgungen im Store würde er später erledigen.

Die junge Frau blickte ihm noch lange nach. Irgendetwas kam ihr an diesem Fremden bekannt vor. Doch sie wusste nicht, ob es die Art war, wie er sich bewegte oder der Ausdruck seiner Augen.

 

*

 

Es war bereits später Nachmittag als Cooper auf den Hof der Ranch ritt. Sofort kamen ihm zwei Cowboys entgegen, die ihre Gewehre auf ihn gerichtet hatten.

Nehmt die Waffen runter!“

Steve grinste, als der Vormann Dan Hilbredge aus dem Bunkhouse kam. Langsam ließ er die Hände, die er vorsichtshalber gehoben hatte, wieder sinken und legte sie auf das Sattelhorn. „Howdy, Dan! Lange nicht gesehen!“

Hilbredge stemmte die Fäuste an die Hüften. „Der Boss wird nicht erfreut sein, dich zu sehen!“

Das ist anscheinend niemand hier. Was ist, darf ich absteigen?“

Mir wäre es lieber du würdest wieder von hier verschwinden!“

Cooper wollte nicht glauben, was er gerade gehört hatte. „Ist das dein Ernst, Dan? Du hast unseren Vater genauso gut gekannt wie wir.“

Wütend griff der Vormann in die Zügel. „Ja, das habe ich. Und glaube mir, ich habe mich in den letzten Jahren jeden Tag verflucht, dass ich dieses Unglück nicht verhindert habe. Es hätte niemals so weit kommen dürfen.“

Steve presste die Lippen zusammen. „Ich dachte, dass inzwischen Gras über die Sache gewachsen ist. Außerdem, nach all den Jahren fand ich es an der Zeit meinen Bruder mal wieder zu sehen.“

Dan nickte. Überlegte. Ließ schließlich die Zügel los und trat einen Schritt zurück. „Steig ab, Steve! Ein schönes Tier hast du da. Hast schon immer viel von Pferden verstanden, wärest ein guter Rancher geworden. Komm, ich bring dich ins Haus.“ Hilbredge führte ihn zum Arbeitszimmer des Ranchers.

Der Kopfgeldjäger erfasste den Raum mit einem Blick. Er war schlicht aber doch geschmackvoll eingerichtet. Als er das letzte Mal seinen Bruder gesehen hatte, war er selber 17 und Bill 15 gewesen. Aus dem Jungen war ein Mann geworden, ein erfolgreicher Rancher. „Hallo, Bill!“, sagte er sanft.

Mit einem Ruck sprang der Rancher auf. Er brauchte einen Moment um zu begreifen, wer da vor ihm stand. „Steve?“, fragte er ungläubig.

Ja! Vielleicht hätte ich schreiben sollen, dass ich komme.“ Verlegen starrte er ein paar Sekunden auf seine Stiefelspitzen, sah dann wieder auf. „Du hast viel aus der Farm gemacht. Ich hätte sie fast nicht wiedererkannt!“

Was, zur Hölle, willst du hier?“ Die erste freudige Überraschung verwandelte sich plötzlich in Wut.

Steve holte tief Luft. Bedauerte sein Hiersein bereits. „Nichts, Bill. Gar nichts. Ich wollte nur nach all den Jahren einfach nach Hause kommen.“

Bill? Alles in Ordnung?“

Beim Klang der Stimme drehte Steve sich um. Es war dieselbe junge Frau, die er am Morgen in der Stadt getroffen hatte. Rasch nahm er seinen Hut ab und erst jetzt bemerkte er, dass sie schwanger war.

Oh, Bill, das ist der Mann, von dem ich dir erzählt habe.“

Sie lächelte und streckte Steve die Hand entgegen.

Zögernd ergriff Cooper sie. „Ma’am. Erfreut, Sie wiederzusehen!“

Bill, willst du uns nicht vorstellen?“

Der Rancher warf wütend den Bleistift auf den Schreibtisch und steckte die Hände in die Hosentaschen. „Nun, Steve, das ist Sarah, meine Frau. Sarah, das ist Steve, mein Bruder!“

Verwirrt sah sie ihn an. „Dein Bruder? Du hast mir nie erzählt, dass du einen Bruder hast!“ Ein leichter Vorwurf schwang in ihren Worten mit.

Steve blinzelte nervös. „Ich fürchte, Bill ist nun mal nicht gerade stolz auf mich!“

Wie sollte man das auf einen Vatermörder und Kopfgeldjäger auch sein?“, fuhr Bill ihn an.

Steve versteifte sich. Seine Stimme nahm einen harten Ton an. „Mörder? Du nennst mich einen Mörder?“

Du hast schließlich unseren Vater umgebracht!“

Erschrocken schlug Sarah eine Hand vor den Mund.

Wütend ballte Steve seine Rechte zur Faust. „Das ist nicht wahr, und das weißt du! Sag ihr die Wahrheit, Bill! Die ganze Wahrheit!“, forderte er ungehalten. Er hatte es so satt.

Deine Wahrheit!“ Bill war offenbar nicht bereit nachzugeben.

Dann sag ich sie ihr!“ Er wandte sich an seine Schwägerin. „Unser Vater erwartete von uns Disziplin und blinden Gehorsam. Er duldete keinen Widerspruch und kein eigenes Denken und jeder Fehltritt, jedes Wort am Tisch, jede falsche Handlung wurde hart bestraft. Einmal sperrte er mich in eine Kiste, die so eng war, dass ich mich nicht rühren konnte. Dann stellte er sie in die pralle Mittagssonne und ließ mich erst am nächsten Tag wieder frei – ohne dass ich bis dahin auch nur einen Tropfen Wasser bekam. Aber irgendwann begehrte ich auf und ließ mir seine Schikanen nicht mehr gefallen. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass er mich schlug. Ich schlug zurück. So heftig, dass er stürzte – direkt in den Pflug. Ich habe versucht, die Blutung zu stoppen, aber er starb mir unter den Händen weg. Er verfluchte mich mit seinem letzten Atemzug! Es war ein Unglück, aber für die Bewohner von Barksdale war ich ein Mörder. Und so packte ich meine Sachen und verließ die Farm. Ich habe versucht jeden Monat etwas Geld zu schicken, damit Mutter und Bill die Farm halten konnten.“ Er schluckte, wandte sich wieder an seinen Bruder. „Was hätte ich tun sollen, Bill? Auch noch die andere Wange hinhalten?“

Doch Bill ging darauf gar nicht ein. „Bist du deshalb hier? Um dir deinen Anteil an der Ranch zu holen?“, fragte er herausfordernd.

Steve sah seinen Bruder fassungslos an. Diese Begegnung verlief überhaupt nicht so wie er erhofft hatte.

Nichts wirst du bekommen, du Mörder! Diese Ranch gehört nur mir! Mutter und ich haben Tag und Nacht geschuftet, um aus der Farm etwas zu machen, während du dich aus dem Staub gemacht hast!“

Es tut mir leid, wenn du das so siehst.“

Bill kramte ein Buch hervor. „Hier. Ich habe jeden Cent aufgeschrieben, den du geschickt hast. Ich zahle dir das Geld zurück. Nicht jetzt, soviel Geld habe ich nicht. Aber in einer Woche, wenn ich Vieh und ein wenig Land verkauft habe.“

Steve seufzte und drehte den Hut in seinen Händen. „Bill, ich bin nicht hier, um mein Geld zurückzuholen!“

Weshalb, zur Hölle, dann?“

Sarah zuckte zusammen. So zornig hatte sie ihren Ehemann noch nie erlebt.

Deshalb!“, er legte ein dickes Geldbündel auf den Schreibtisch. „Das sind 10.000 Dollar. Ich wollte sie dir anbieten, sozusagen als Geschäftsanteil.“

Der Rancher schien vor Wut fast zu platzen. „Du denkst, dass es so einfach ist? Glaubst du wirklich, du kannst nach all den Jahren einfach so herkommen und dich in ein gemachtes Nest setzen? Mutter hat mir die Ranch vermacht, nur mir! Nimm dein verdammtes Blutgeld und verschwinde! Und komm nie wieder!“ Er schnappte sich das Geldbündel und warf es Steve vor die Füße.

Aber Bill!“ Sarah legte beruhigend die Hände gegen seine Brust. „Wir können das Geld gut gebrauchen. Und seine Hilfe ebenfalls. Außerdem ist er dein Bruder!“, versuchte sie ihn zu beschwichtigen.

Nein, Sarah, mit Ron Fraser werde ich alleine fertig, ich brauche keinen Mörder an meiner Seite!“, widersprach er heftig und schob sie ungehalten und gröber als beabsichtigt von sich.

Steve hob die Geldscheine auf und steckte sie wieder ein. „Bill, meine Hilfe …“

Der Rancher kam um den Schreibtisch herum und packte seinen Bruder am Hemdaufschlag.

Steve wehrte sich nicht.

Hör zu, Bruder. Ich brauche weder deine Hilfe noch dein Geld. Und jetzt raus!“

Steve nickte und setzte seinen Hut auf. In der Tür drehte er sich noch einem um: „Ich habe gewusst, dass du nichts vergessen hast, Bill. Aber ich dachte, ich wäre hier genauso zu Hause wie du. Schade, dass es nicht so ist. Aber ich akzeptiere es. Leb wohl!“

Draußen nahm er Hilbredge die Zügel seines Rappens aus der Hand und stieg in den Sattel. „Du hattest Recht, Dan, ich hätte nicht herkommen sollen.“

Der Vormann starrte auf den Boden. „Es tut mir leid, Steve. Seit eure Mutter tot ist, ist Bill ein verbitterter Mann. Ohne dein Geld hätte er die Farm nie halten können und sie nicht zu dem machen können, was sie heute ist.“

Steve nickte. „Danke, Dan.“

Wo willst du jetzt hin?“

Wieder in die Stadt. Und dann weiter nach Westen. Irgendwo wird immer ein Kopfgeldjäger gebraucht. Mach’s gut! Und hab ein Auge auf Bill!“

Du kommst nicht wieder zurück?“

Ein trauriges Lächeln huschte über Steves Gesicht. „Nein. Dies ist nicht mehr mein Zuhause.“

Damit zog er sein Pferd herum und ritt vom Hof.

Hilbredge stemmte die Fäuste an die Hüfte und spuckte aus. „Verdammt!“, murmelte er.

 

*

 

Die Sonne war schon lange aufgegangen, als Steve Cooper angezogen und dabei war, seine Sachen zu packen. Schritte auf der Treppe ließen ihn alarmiert herumfahren. Ein paar Sekunden später stand der Sheriff mit gezogenem Revolver und in Begleitung zweier Deputies in der Tür. Steve nahm die Hände hoch.

Was soll das, Mark?“, fragte er.

Der Gesetzeshüter seufzte bedauernd. „Ich muss dich verhaften.“

Verhaften?“ Verwirrt kräuselte er die Stirn. „Weshalb?“

Wegen dem Mord an Bill Cooper!“

Steve schluckte und ließ langsam die Hände sinken. Nur langsam begriff er. Tot. Sein Bruder sollte tot sein und ihn machte man dafür verantwortlich. Das konnte nicht sein. Das durfte einfach nicht sein! „Nein.“ Ungläubig schüttelte er den Kopf.

Seine Leiche wurde vor zwei Stunden gefunden.“

Und du glaubst, ich habe ihn umgebracht?“

Das habe ich nicht zu entscheiden, sondern der Richter. Einer meiner Deputies war bereits auf der Ranch und Sarah berichtete, dass ihr euch gestritten habt. Für einen Haftbefehl ist das genug. Und jetzt schnall bitte den Gurt ab und komm mit.“

In Cooper tobte ein Kampf. Einen Moment war er versucht zu ziehen. Er schätzte seine Chancen gegen diese drei Männer nicht unbedingt für gut ein, aber es war allemal besser als sich hängen zu lassen.

Der Gesetzeshüter legte den Kopf schief und hob die Waffe.

Sei vernünftig, Steve! Ich will dich nicht verletzen müssen!“

Ich habe Bill nicht umgebracht!“

Wie gesagt, darüber habe ich nicht zu befinden. Ich verspreche dir, dass es eine faire Gerichtsverhandlung geben wird. Und jetzt schnall den Gurt ab!“

Die beiden Deputies wurden sichtlich nervös.

Ehe sie etwas Unüberlegtes anstellen konnten folgte der Steve den Befehlen Garners.

In Ordnung!“ Ruhig band er den Gürtel ab, den ihm einer der Männer abnahm und ging mit ihnen zum Gefängnis. Krachend fiel hinter ihm die Tür ins Schloss.

Wie ist er gestorben, Mark?“

Garner drehte den großen Schlüssel um. „Man hat ihn erschossen. Greg hat ihn gefunden, als er von der Walker Farm kam.“

Cooper ließ sich auf die Pritsche sinken und vergrub das Gesicht in seinen Händen.

Richter Hayes wird die Verhandlung so früh wie möglich ansetzen, dafür sorge ich.“

Wenn mich dahin kein Mob gelyncht hat.“

Das werde ich zu verhindern wissen!“

 

*

 

Du hast Besuch!“

Steve lag auf der harten Pritsche, den Hut im Gesicht und grübelte vor sich hin, als Garner ihn aus seinen Gedanken riss.

Wer könnte mich schon besuchen wollen, Mark?“

Ich!“

Die helle Frauenstimme ließ ihn erschreckt auffahren. „Sarah!“

Er trat dicht an die Gitterstäbe heran.

Die Augen seiner Schwägerin waren gerötet, sie musste stundenlang geweint haben. Sie trug schwarz, knetete nervös ein Taschentuch.

Na, ich lass euch beide dann mal allein. Aber nur für zehn Minuten!“ Der Sheriff zog sich zurück.

Danke, Sheriff!“ Sie schniefte, tupfte sich Tränen von den Wangen.

Steve brach bei ihrem Anblick fast das Herz. „Sarah, ich …. Ich habe Bill nicht getötet, das musst du mir glauben! Bitte!“

Die junge Frau sah Cooper nur schweigend an.

Warum bist du hier, Sarah?“

Um dir zu sagen, dass Bill auf den Weg zu dir war, als er erschossen wurde. Er wollte sich bei dir entschuldigen“, flüsterte sie.

Steve schloss die Augen und umklammerte die kalten Gitterstäbe so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten.

Sarah strich sich mit ihrer Rechten über den Bauch. „Jetzt wird mein Kind ohne Vater aufwachsen. Ich werde die Ranch verlieren und alles was ich habe! Ich …“, sie schluchzte.

Es tut mir so leid, Sarah! Ich wünschte, ich könnte dir irgendwie helfen. Ich war es nicht. Das schwöre ich bei Gott! Aber bei meiner Vorgeschichte wird das hier niemanden interessieren. Entweder lyncht mich der Mob oder der Richter spricht mich schuldig und ich ende am Galgen.“

Dann war es einer von Ron Frasers Männern. Sie haben uns schon lange Schwierigkeiten gemacht.“

Weshalb?“

Er kam vor etwa fünf Jahren hierher und fing an all die kleinen Farmen aufzukaufen. Mittlerweile ist er der größte Rancher hier.“

Hat er euch auch bedrängt zu verkaufen?“

Sie nickte. „Er hat jeden hier gedrängt.“

Gab es schon vorher Tote?“

Ich weiß es nicht. Ich habe mich nie mit solchen Dingen beschäftigt. Hier“, sie hob ihren Rock hoch und brachte einen Revolver zum Vorschein. „Du hast mir geschworen, dass du Bill nicht umgebracht hast. Dann versprich mir, dass du mir den Mann bringst, der das getan hat! Versprich mir, dass er dafür bezahlen wird!“

Steve zögerte keine Sekunde. „Das wird er!“

Sie gab ihm die Waffe und wandte sich ab.

 

*

 

Es musste bereits auf Mitternacht zugehen, als Cooper den Sheriff rief. Alles in ihm sträubte sich dagegen diesen Weg zu gehen, aber er hatte keine andere Wahl.

Was willst du?“ Garner erstarrte, als er direkt in die Mündung des Revolvers blickte.

Schließ die Zelle auf!“, raunte er.

Steve, ich …“, beschwichtigend hob er die Hände. Er wollte Cooper auf keinen Fall provozieren. Schließlich hing er an seinem Leben.

Die Zelle auf, sofort!“ Seine Stimme duldete keinen Widerspruch.

Du würdest nie auf mich schießen!“ Zwar glaubte er selbst nicht, was er sagte, aber ihn ungehindert gehen lassen würde er auch nicht. Immerhin vertrat er in dieser Stadt Gesetz und Ordnung.

Es geht hier um mein Leben, Mark. Also?“

Der Sheriff zögerte noch immer.

Steve spannte den Hahn.

Endlich steckte Garner die Schlüssel ins Schloss.

Rein hier, Mark! Hände hoch und dreh dich mit dem Gesicht zur Wand!“

Der Gesetzeshüter tat wie ihm geheißen.

Cooper holte mit dem Revolver aus und schlug zu. Bewusstlos brach Garner zusammen. Steve fing ihn auf und ließ ihn vorsichtig zu Boden sinken. Dann fesselte er ihn mit Handschellen an die Pritsche, knebelte ihn mit seinem Halstuch und schloss die Zelle ab. Er schnappte sich seine Sachen und rannte im Schutz der Dunkelheit hinüber zum Mietstall. Dort sattelte er sein Pferd und ritt aus der Stadt.

Sein Weg führte ihn, entgegen jeder Vernunft, direkt zur Ranch seines Bruders.

Vormann Hilbredge griff ihm in die Zügel, als er auf den Hof ritt. „Du bist ja wahnsinnig hierher zu kommen!“

Der Kopfgeldjäger sprang vom Pferd und drückte ihm ein Bündel Geldscheine in die Hand. „Das sind 10.000 Dollar. Ich will, dass du die Ranch am Laufen hältst und auf Sarah aufpasst, bis ich wieder zurückkomme. Egal was passiert!“

Hilbredge steckte das Geld in seine Hosentasche. „Wenn dich die Posse nicht umlegt, dann tut das Fraser!“

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905458
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Februar)
Schlagworte
steve coopers vergeltung

Autor

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Titel: Steve Coopers Vergeltung