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Heldenhafte Seemänner #11: Die STAR OF CALIFORNIA war ihr Schicksal

2016 130 Seiten

Zusammenfassung

Curd Nicolai war Seemann ein ganzes Menschenleben lang. Und fast ebenso lange führte er Tagebuch. Sein Enkel nahm diese Aufzeichnungen als Grundlage für diesen dramatischen Bericht einer Irrfahrt, die Tod und Verderben zu Begleitern hatte. Es ist dies übrigens der einzige Augenzeugenbericht, der von den schrecklichen Ereignissen auf der „Star of California“ existiert. Er schildert die Abenteuer von wackeren Seemännern, die Zeuge einer Gewalttat werden und eigentlich nur helfen wollten. Aber dann werden sie verhaftet und mit falschen Zeugenaussagen konfrontiert. Das besiegelt ihr weiteres Schicksal. Sie sollen nach Amerika gebracht werden, wo man ihnen den Prozess machen will. Aber während der Überfahrt schlägt das Schicksal erneut zu...

Leseprobe

HELDENHAFTE SEEMÄNNER

 

Band 11

 

Die „Star of California“ war ihr Schicksal

 

 

 

von GLENN STIRLING

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Carl Saltzmann mit Steve Mayer, 2016

Originaltitel „Feuer an Bord“

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Curd Nicolai war Seemann ein ganzes Menschenleben lang. Und fast ebenso lange führte er Tagebuch. Sein Enkel nahm diese Aufzeichnungen als Grundlage für diesen dramatischen Bericht einer Irrfahrt, die Tod und Verderben zu Begleitern hatte. Es ist dies übrigens der einzige Augenzeugenbericht, der von den schrecklichen Ereignissen auf der „Star of California“ existiert. Er schildert die Abenteuer von wackeren Seemännern, die Zeuge einer Gewalttat werden und eigentlich nur helfen wollten. Aber dann werden sie verhaftet und mit falschen Zeugenaussagen konfrontiert. Das besiegelt ihr weiteres Schicksal. Sie sollen nach Amerika gebracht werden, wo man ihnen den Prozess machen will. Aber während der Überfahrt schlägt das Schicksal erneut zu...

 

 

Wer hätte geahnt, wie dieser sonnige Sonntagvormittag enden würde!

Es war wirklich ein Bild des Friedens, das sich meinen Augen darbot. Der Liverpooler Hafen, von Sonnenschein vergoldet, so dass er einem längst nicht mehr so trist und so finster vorkam wie an den Regentagen, die hier weit in der Überzahl waren.

Unser Schiff hatte im neuen Getreidehafen festgemacht. Zwei Leichter waren längsseits gegangen, um unsere Ladung zu löschen. Aber heute, am Sonntagmorgen, ruhte die Arbeit. In ganz Liverpool war kein einziger Schauermann bereit, am Sonntagmorgen ein Schiff zu löschen oder zu beladen.

Das brackige Wasser plätscherte an den Rumpf unserer „Loutherbourg“.

Vielleicht wäre alles anders gekommen, hätte ich nicht am Abend vorher zusammen mit meinen Freunden ordentlich einen zur Brust genommen. Mir brummte jetzt noch der Schädel. Ich befand mich auch in einer leicht gereizten Stimmung, trotz dieses Sonntagsfriedens, der mich umgab.

Ich blickte hinüber zu dem Schiff, das uns am nächsten lag. Es war das Vollschiff „Lexington", ein Amerikaner aus Boston. Soviel ich wusste, waren sie dabei, Maschinenteile zu laden. Es interessierte mich nicht. Es hätte mich auch nie interessiert, wäre dort drüben auf der „Lexington“ nicht plötzlich etwas geschehen, was ich für einen Albtraum und nicht etwa für Wahrhaftigkeit hielt.

Denn drüben tauchten auf einmal mittschiffs drei dunkel gekleidete Gestalten auf. Ihnen folgten zwei weitere, die einen Mann zwischen sich hielten, dem man einen Sack über den Kopf gestülpt hatte. Dieser Mann wehrte sich verzweifelt, aber ihm waren die Hände auf den Rücken gefesselt und er wurde von den beiden kräftigen Gestalten mitgerissen, schließlich mit brutalem Schwung gegen den Großmast gedrückt und daran angebunden.

Die anderen drei in dunkler Kleidung schienen Offiziere zu sein. Ich konnte ihre Gesichter nicht erkennen. Sie bewegten sich würdig wie auf einem Begräbnis.

Ich rieb mir meine Augen und glaubte, ihnen nicht trauen zu können, denn jetzt packte einer von denen, die den Mann mitgeschleppt hatten, eine Neunschwänzige. Diese Peitsche mit den neun langen Riemen war auf allen Segelschiffen früher gefürchtet worden. Aber nun, am Ende dieses Jahrhunderts, schien es, so meinte ich immer, unter zivilisierten Menschen auch auf Schiffen so etwas nicht mehr zu geben, und schon gar nicht erwartete ich das auf einem amerikanischen.

Ohne dass ich es gemerkt hatte, waren neben mir zwei meiner Kameraden aufgetaucht. Ebenso wie ich lehnten sie sich über die Reling an backbord unserer „Loutherbourg“.

Frans van der Velde räusperte sich, und ich blickte nach links, sah in sein stupsnäsiges Gesicht, über dem wie immer das wuschelige Haar wirr nach allen Seiten, stand. Frans war ein guter Kamerad, ein Hitzkopf zwar, aber verlässlich, besonders in Stunden der Gefahr, in einem Sturm zum Beispiel.

Rechts von mir war Olav Brimsholm aufgetaucht, ein Däne, der seit einiger Zeit als Vollmatrose auf unserem Schiff fuhr. Mit dem weißblonden, bärenstarken Olav verstand ich mich wunderbar. Er passte richtig in diese Mannschaft. Wir waren eine verschworene Gemeinschaft an Bord und liebten unser Schiff.

Dass ich keine Stunde mehr an Bord sein würde, konnte ich nicht ahnen. Auch die beiden neben mir wären nicht auf so einen Gedanken gekommen.

Der Mann mit der Neunschwänzigen blickte kurz in unsere Richtung. Wir sahen ein breites, brutal wirkendes Gesicht mit kleinen, tiefliegenden Augen.

Einer der drei Dunkelgekleideten hob die Hand und rief etwas, das wir nicht verstanden.

Und dann rissen sie dem Mann da drüben, der am Großmast angebunden war, den Sack nach oben bis zum Hals, dass nur noch der Kopf verhüllt war. Sie fetzten ihm das Hemd vom Rücken. Wieder erscholl ein Kommando.

Der mit der Neunschwänzigen begann zuzuschlagen.

Das Klatschen drang bis hier herüber.

Ich war so empört, dass es diese Art von Strafe in einem britischen Hafen auf einem amerikanischen Schiff gab, dass ich wütend schrie: „Ihr Lumpen! Ihr Schweine! Wollt ihr aufhören!“

Rechts und links neben mir brüllten Frans van der Velde und Olav Brimsholm ebenfalls ihre Empörung heraus.

Die drei Dunkelgekleideten schauten kurz zu uns herüber, aber dann wandten sie sich ab, als gingen wir sie gar nichts an.

Mittlerweile waren noch drei von uns an Deck gekommen, unter ihnen der Matrose Oie Sundoen, ein schmaler drahtiger Bursche mit blondem Haar, der so lange auf der „Loutherbourg“ fuhr wie ich selbst. Auch mit ihm verstand ich mich prächtig.

Nun brüllten wir zu sechst unsere Empörung hinüber.

Die ließen sich nicht im geringsten stören. Der mit der Neunschwänzigen hatte schon das fünfte Mal zugeschlagen. Wir hörten die gedämpften, unter dem verhüllenden Sack hervordringenden Schreie des Gefesselten. Wir sahen das Blut, das an seinem Rücken herunter rann, und wir sahen auch mit kaltem Hass, dass dieser Henkersknecht mit der Neunschwänzigen abermals ausholte, um weiterzuschlagen.

Es war Sonntag am Vormittag. Die Piers waren von Menschen leergefegt, weil jeder Einheimische um diese Zeit wohl zur Kirche ging. Auch auf den Schiffen waren wenig Leute. Und so gab es für diese Gemeinheit, die drüben auf der „Lexington“ geschah, nur wenige Zeugen.

Auch unser Kapitän und die Offiziere waren an Land. Wir sechs stellten so etwas wie die Bordwache dar. Vielleicht wäre vieles anders gekommen, hätten noch mehr Leute gesehen, was sich dort drüben ereignete. Womöglich hätten die dann gar nicht gewagt, diese Strafe in aller Öffentlichkeit zu vollziehen.

Wir schrien jetzt wie die Wilden im Chor, gaben denen, die diesen Mann auspeitschen ließen und besonders dem, der es tat, die wüstesten Schimpfnamen. Wir verfluchten sie, und wir schworen ihnen, sie eigenhändig zu ertränken, wenn wir ihnen irgendwo auf der Pier oder an Land begegnen sollten.

Aber sie ließen sich durch nichts beeindrucken, im Gegenteil. Als sich dieser Henkersknecht, der die Neunschwänzige hielt, einmal umdrehte, meinte ich sein breites Schlächtergesicht grinsen zu sehen.

Dieser Anblick machte mich rasend, und als ich nach links sah und in Olav Brimsholms vor Zorn dunkelrotes Gesicht blickte, da wusste ich, dass ich nicht allein so dachte.

Es war Frans van der Velde, der den Ausschlag gab, als er schrie: „Wir laufen zu ihnen. Wir schlagen sie grün und blau. Diese Hundesöhne! Los, Jungs!“

Wie auf ein Kommando warfen wir uns herum, liefen zur anderen Schiffsseite, wo die „Loutherbourg“ an der Pier vertäut war. Die Planke lag, und wir jagten die Gangway hinüber auf die Pier.

Nichts hätte uns aufhalten können. Wir waren besessen, dieser Gemeinheit Einhalt zu gebieten, die sich da drüben auf der „Lexington“ abspielte.

Es war ein schönes Stück bis dahin. Wir mussten die Pier zurück bis zum Achterende des Getreidehafens und dann die Pier wieder hinauslaufen, an der die „Lexington“ festgemacht war.

Vielleicht war es eine Meile, womöglich weniger. Aber die Entfernung beruhigte uns nicht, im Gegenteil. Wir schienen uns mit jedem Schritt, den wir taten, noch mehr zu ereifern.

Ole Sundoen stieß immer wieder im Takt seiner Schritte Verwünschungen hervor, und wir anderen knurrten nur beifällig.

Keuchend hetzten wir die Pier hinaus und sahen wie ein Ausrufezeichen vor uns die Masten der „Lexington“.

Und dann hatten wir sie endlich erreicht!

An Bord waren sie auf uns aufmerksam geworden. Der Kerl, der die Neunschwänzige hielt, schlug nicht mehr zu. Er stand mit hängenden Armen, in seiner rechten Pranke die Peitsche, deren Geißeln auf den Decksplanken lagen. Neben ihm die Dunkelgekleideten und der Helfer des Schlägers. Diese fünf starrten uns entgegen, und jetzt erst, aus der Nähe, konnten wir mehr sehen als drüben von Bord der „Loutherbourg“ aus.

Die beiden Helfer sahen aus wie einfache Matrosen, kräftige bullige Kerle waren es. Aber sonst trugen sie die Kleidung von Teerjacken.

Die drei anderen mussten wohl Offiziere sein. Unter schwarzen Umhängen, die vorne etwas auseinanderklafften, trugen sie dunkelblaue Marineoffiziersuniformen. Aber sie hatten keine Mützen auf, sondern trugen eigenartige Hüte mit schmalen Krempen, wie ich sie noch nie gesehen hatte.

Wir alle waren viel zu lange auf See, um nicht zu wissen, dass das Betreten eines fremden Schiffes dem Betreten ausländischen Bodens gleichkam. Aber wir störten uns nicht daran. Ole Sundoen und Olav Brimsholm jagten über den Laufsteg, wir anderen sprangen von dem Poller aus direkt auf das Deck. Und jetzt löste sich die Erstarrung der beiden Matrosen. Die beiden Offiziere allerdings standen immer noch wie gelähmt.

Frans van der Velde, der uns alle anführte, schrie mit überschnappender Stimme: „Auf sie!“

Und wir stürzten uns zuerst auf die beiden und dann auf die Offiziere.

Wir waren sechs und sie fünf. Aber wir hätten es mit zehn oder fünfzehn oder noch mehr aufgenommen, ganz einfach deshalb, weil uns die Wut leitete und wir eine Entlüftung für den Zorn brauchten, der in uns kochte. Wir alle waren jung, und wir alle liebten begeistert die Freiheit. Was wir da mitangesehen hatten, erinnerte an übelste Zeiten der' Vergangenheit, die wir längst hinter uns glaubten.

Frans van der Velde und der bärenstarke Olav Brimsholm stürzten sich auf die beiden Matrosen, von denen sich Olav Brimsholm jenen packte, der die Neunschwänzige gerade hochriss, um damit zuzuschlagen.

Aber Olav Brimsholm war viel schneller, und er hatte wirklich Kraft wie ein Bär.

Wie es bei den beiden weiterging, sah ich nur noch einen Moment lang, als ich gewahrte, wie Olav Brimsholm mit der Wucht eines Pferdetrittes seine Faust gegen das Kinn dieses Schlägers schoss.

Ich hatte jetzt den mittelsten der drei Offiziere vor mir. Er war etwa vierzig Jahre alt, besaß ein schmales, feinnerviges Gesicht, und er schrie mir entgegen:

Von Bord! Wollt ihr euch von Bord scheren!“

Wir wollten uns weder von Bord scheren noch hatten wir vor, alles so zu belassen, wie es war. Meine Wut wurde durch seine Worte nur noch mehr entfacht Ich sprang ihn an, schlug zu, und schon, wie ich es tat, merkte ich, dass er nicht annähernd die Kraft hatte, sich mit mir zu messen. Wer wie ich auf einem Segelschiff Schwerstarbeit leistet und manchmal mehrmals am Tage die Wanten aufentert, oben in den Rahen steht, der bei glühender Sonne oder bei eisiger Kälte im Sturm oder bei Regen oder Hagelgüssen in der Takelage gestanden hat, dem sind Muskeln gewachsen, die stahlhart werden können. Bei mir waren sie es ebenso wie bei meinen Kameraden.

Mit zwei Schlägen hatte ich ihn auf den Planken liegen. Er wälzte sich herum, als wäre er schon halb tot. Dabei winselte er. Er winselte, dieser Feigling, der kaltblütig zugesehen hatte, wie einem die Neunschwänzige wieder und wieder über den nackten Rücken geschlagen wurde.

Als er da am Boden lag, sprang ich auf, weil ich meinen Kameraden helfen wollte.

Olav Brimsholm kämpfte noch mit diesem Henkersknecht, der, weiß Gott, nicht schwächlich war. Aber da kam ihm schon Frans van der Velde zu Hilfe, der mit seinem Gegner fertig zu sein schien.

Es ging rasend schnell. Frans van der Velde holte mit dem Belegnagel aus und schlug zu. Der Henkersknecht brach in die Knie. Dann kippte er zur Seite.

Ich sah mich nach den anderen um. Aber es gab nichts mehr zu tun, nur noch eines: den misshandelten Gefesselten vom Großmast loszubinden.

Ole Sundoen stand vor den beiden anderen Offizieren. Die hockten am Boden und hielten schützend ihre Hände über den Kopf. Vor ihnen stand, den Belegnagel wie zum Schlag erhoben, der rotblonde Jan Vandermeulen. Er war ebenso kräftig gebaut wie Olav Brimsholm. Seine imposante Geste flößte den beiden Offizieren gehörige Furcht ein.

Weil ich nichts weiter zu tun hatte, rannte ich zum Großmast. Aber da war schon Wijnand Masereel, der sechste Mann von uns. Er hatte sein Bordmesser aus dem Stiefelschaft gezogen und durchtrennte die Stricke, mit denen der Gefesselte an den Großmast gebunden war.

Ich kam gerade zurecht, um den Mann aufzufangen, als er vollkommen entkräftet zu Boden stürzte.

Wijnand Masereel, der ein untersetzter, stämmiger Fischerssohn war, riss den Sack vom Kopf des Misshandelten, und wir sahen einen blank geschorenen Schädel.

Der Rücken des Gezüchtigten war aufgefetzt und blutete.

Ich hielt den Mann fest, und wir betteten ihn vorsichtig auf die Planken.

An Land läuteten die Kirchen zum Ende des Gottesdienstes, aber wir hatten keine Andacht mehr, um diesen Sonntagsfrieden zu genießen. Wir sahen nur, was hier an Bord passiert war. Wir hatten nur den einen Gedanken, diesen Mann zu befreien, dem man so übel mitgespielt hatte.

Genau in diesem Augenblick brüllte Frans van der Velde plötzlich:

Was ist das für ein Kerl? Seht doch nach achtern!“

Auf dem Achterdeck tauchte eine Gestalt auf. Der Kleidung nach musste es der Koch des Schiffes sein.

Was macht dieser Smutje?“, brüllte Frans van der Velde.

Es war ein hagerer, schmaler Bursche mit gelblicher Gesichtsfarbe. Er sah aus wie ein Malaie oder ein Philippine. Er war plötzlich an der Schiffsglocke und begann, während er entsetzt zu uns herüberstarrte, wie irre zu läuten.

In der Ferne das dumpfe Läuten der Kirchenglocken und hier das schrille Bimmeln der Schiffsglocke, das Zeichen für Feuer oder ein Sinken des Schiffes. Im Hafen würde jedermann auf uns aufmerksam werden, das begriffen wir schlagartig.

Auch jetzt war es wieder Frans van der Velde, der als erster reagierte. Mit langen Sätzen jagte er nach achtern und schrie uns über die Schultern zu: „Den Verletzten von Bord! Los!“

Ich riss mir mein Hemd vom Leib, legte es auf die aufgefetzte Haut des Misshandelten und keuchte Wijnand Masereel zu: „Los, fass an! Runter vom Schiff mit ihm!“

Einer der Offiziere wollte protestieren. Aber da sagte der drohend vor ihm stehende Jan Vandermeulen: „Reiß nur die Schnauze auf, und ich schlag sie dir ein! Du bist der letzte, der hier was sagt. Sei ganz still, sonst passiert was!"

Frans van der Velde hatte achtern den Koch erreicht, aber der läutete jetzt schon nicht mehr, sondern versuchte zu flüchten.

Er war gelenkig. Aber es gelang ihm nicht, am Kreuzmast aufzuentern. Dafür war Frans van der Velde einfach zu schnell. Und so blieb dem Koch nur die Flucht übers Achterdeck, bis er nicht mehr weiterkonnte.

Ich konnte nicht hinsehen. Aber auf einmal hörte ich Ole Sundoen brüllen: „Er springt! Er springt!“

Ich blickte nach achtern und sah gerade, wie der Koch mit einem Satz über die Reling sprang und unmittelbar danach in das Wasser des Hafenbeckens klatschte.

Frans van der Velde lief ein Stück zurück, löste einen der Rettungsringe, die an der Kajüte hingen und warf ihn dem um sich platschenden Koch zu. Vielleicht konnte der Kerl gar nicht schwimmen.

Wir hatten jetzt den noch immer Bewusstlosen von Bord. Er war schwer wie Blei. Aber draußen auf der Pier packten wir einfach seine Arme, hängten sie uns über die Schulter und nahmen ihn zwischen uns.

Da tauchte auch noch Olav Brimsholm auf und rief: „Wartet! Ich nehme die Beine.“

Er trat vor uns, nahm die Beine des Bewusstlosen, hob sie auf wie eine Scherendeichsel und rannte dann vor uns her.

Alles, was wir wollten, war, den Misshandelten an Bord unseres Schiffes zu bringen. Auf der „Loutherbourg“, so meinten wir, wäre er sicher.

Aber so weit sollte es gar nicht kommen.

 

*

 

Das aufgeregte Läuten der Schiffsglocke hatte wirklich den gesamten Hafen in Alarmzustand versetzt. Wir hatten noch nicht die halbe Strecke der Pier hinter uns, als unten von der Stadt her Konstabler der Hafenwache auftauchten.

Wir fürchteten sie nicht, im Gegenteil. In ihnen sahen wir höchstens Helfer, glaubten wir doch, ein Verbrechen verhindert zu haben.

Ich rief deshalb Wijnand Masereel zu: „Wir legen ihn nieder. Da ist schon die Polizei.“

Auch Olav Brimsholm war jetzt stehengeblieben, und wir legten den schwer Misshandelten vorsichtig auf den Bauch. Olav zog noch seine Jacke aus und bettete sie unter den Kopf des Reglosen.

In der Zeit waren die Polizisten da. Sie trugen die damals üblichen schwarzblauen Uniformen mit dünnen roten Streifen am Kragen und an den Hosen. Im Gegensatz zur Stadtpolizei hatten sie keine Helme, sondern Mützen mit Sturmriemen.

Ein Offizier führte sie an. Er hatte den Degen gezogen und kam direkt auf mich zu. „Was ist hier los?“, fragte er auf englisch. „Was geht hier vor?“

Ich versuchte ihm in knappen Worten zu schildern, was sich auf der „Lexington“ abgespielt hatte.

Er sah mich erst ungläubig an, dann betrachtete er meine Kameraden und musterte schließlich den Leblosen.

Ist der tot?", wollte er wissen.

Nein, er ist nur bewusstlos, glaube ich“, erwiderte ich ihm, und er kniete sich nieder, um dem Misshandelten den Puls zu fühlen.

Der Bewusstlose trug Matrosenkleidung. Aber ihm war das Haar geschoren worden und offensichtlich hatte man das sehr rücksichtslos gemacht, vielleicht mit einem Rasiermesser. Zum Teil war die Kopfhaut verletzt. Dort hatte sich Schorf gebildet.

Jetzt kamen die anderen von uns. Sie hatten die drei Offiziere und die beiden Matrosen zusammengebunden und trieben sie vor sich her auf die Polizisten zu. Der Hüne, der als Auspeitscher fungiert hatte, schien nicht völlig bei Bewusstsein zu sein, denn er taumelte, stolperte immer wieder und wurde von den beiden, die rechts und links von ihm waren, gestützt. Der Schlag, den Jan Van Dermeulen auf den Schädel dieses Riesen abgegeben hatte, musste unheimlich gewirkt haben.

Mach die Fesseln los! Wir sind die Polizei“, sagte der Offizier, „und sonst niemand.“

Einer der drei Offiziere hoffte wohl, dass sich das Blatt nun wieder wenden könne und brüllte erregt: „Das ist ein Überfall gewesen, ein Überfall auf amerikanischem Boden. Niemand hat das Recht...“

Der britische Polizeioffizier hob mahnend die Hand und unterbrach damit den Redefluss des Offiziers.

Einen Augenblick. Wenn es sich um ein Verbrechen handelt, das zudem noch in einem unserer Häfen geschieht, da haben wir sehr wohl das Recht, einzugreifen. Ich muss die Gentlemen bitten, auf die Wache zu kommen. Den Verletzten hier lasse ich ins Hospital bringen.“

Der Offizier, den ich mit einem Faustschlag niedergestreckt hatte, sah mich hasserfüllt an. „Das sind Piraten!“, schrie er und deutete dabei in meine Richtung. „Überfallen ein friedliches Handelsschiff, entern es und üben Gewalt aus. Ich erhebe Anklage.“

Sie können keine Anklage erheben“, verbesserte ihn der Offizier der Polizei. „Anklage erhebt in diesem Land der Staatsanwalt. Sie können nur eine Anzeige erstatten. Tun Sie das, wenn Sie auf unserer Revierwache sind.“

Zwei der Polizisten blieben bei dem am Boden liegenden Bewusstlosen zurück. Jemand war weggeschickt worden, die Ambulanz zu rufen. Die sollte den Misshandelten in ein Hospital bringen. Wir anderen aber wurden von den Polizisten eskortiert. Sie nahmen uns die Belegnägel weg und durchsuchten aber auch die Männer der „Lexington“ nach Waffen. Dann wurden wir abgeführt, als wären wir allesamt Verbrecher.

Frans van der Velde protestierte .und konnte sich nicht bremsen, ein paar Drohungen auszusprechen.

Der britische Offizier sah ihn daraufhin böse an und sagte brummig: „Noch ein paar solcher Sätze und ich lasse Sie in Ketten auf die Wache bringen.“

Wir ermahnten Frans, doch lieber den Mund zu halten, um die Polizisten nicht gegen uns aufzubringen.

Auf der Wache trennte der Offizier aber dann doch die Spreu vom Weizen. Die von der „Lexington“ wurden alle miteinander in eine Zelle gestopft Wir aber mussten auf einer langen Bank Platz nehmen, die auf der anderen Seite der Barriere stand, die den Wachraum teilte. Ein jüngerer Polizist fragte uns, ob wir Hunger oder Durst hätten. Aber wir winkten ab, denn wir verspürten weder das eine noch das andere. Wir hofften nur und waren auch der festen Überzeugung, dass hier Gerechtigkeit geübt wurde.

Nacheinander mussten wir nun in einem Nebenraum einem älteren Beamten Aussage machen, was von einem Schreiber Wort für Wort auf Papier festgehalten wurde.

In der Zelle stimmte jener Kerl, der die Neunschwänzige geführt hatte, einen schaurigen Gesang an. Schließlich wurde es den Polizisten vorn in der Wachstube zu dumm. Sie verboten ihm zu singen, aber er sang weiter.

Wie es dann weiterging, konnte ich nicht verfolgen, denn ich musste zur Aussage zu dem Vorsteher der Hafenwache kommen. Jetzt lernte ich ihn auch kennen. Er war bestimmt schon sechzig Jahre alt, hatte schneeweißes Haar und sah mich über den Rand seiner Nickelbrille hinweg forschend an.

Erzählen Sie mir, was Sie erlebt haben.“

Ich erzählte es ihm, und als ich fertig war, sagte er: „Es ist dasselbe, was die anderen auch sagen. Aber Sie haben doch gewusst, dass Sie nicht einfach auf ein anderes Schiff gehen können. Das dürfen Sie nicht.“

Glauben Sie“, fragte ich ihn, „ich hätte lieber zusehen sollen, wie sie ihn totschlagen? Damit mach’ ich mich mitschuldig. Und wenn es in keinem Gesetz dieser Erde steht, ich müsste mein Gewissen damit belasten, und das will ich nicht.“

Er nickte, als hätte er eine andere Antwort nicht erwartet. „Sie haben recht. Nun gut, wir werden diese Burschen einsperren. Aber bis zur Verhandlung müssen Sie und Ihre Freunde zu unserer Verfügung bleiben.“

Aber unser Schiff legt übermorgen ab“, sagte ich.

Ich weiß, ich weiß. Das haben mir die anderen auch schon gesagt. Doch das geht nicht. Sie müssen hierbleiben. Wir können nicht auf Ihre Aussage verzichten. Die müssen Sie vor dem Gericht tun. Einer Ihrer Freunde hat Anzeige erstattet gegen die Amerikaner, und die müssen wir auch noch verhören.“

Also gut, vielleicht bleibt das Schiff länger liegen“, meinte ich.

Ich werde nachher mit Ihrem Kapitän sprechen. Ich nehme an, er wird von allein bald kommen.“

Das geschah auch. Unser Kapitän war ein beleibter, in sich gefestigter Holländer, den auch so eine Geschichte nicht aus der Ruhe bringen konnte. Er kam mit unserem Ersten auf die Hafenwache, nickte uns allen wohlwollend zu, denn offensichtlich kannte er schon die ganze Geschichte. Er sprach fast eine halbe Stunde lang mit dem Vorsteher der Wache. Als er schließlich nach diesem Gespräch wieder aus dem Zimmer des Vorstehers herauskam, stand dasselbe Lächeln um seine Lippen wie vorher.

Er schmauchte noch immer an seiner, indessen etwas kleiner gewordenen Zigarre und sagte ohne jede Hast: „Ich werde erst einmal in Portsmouth Ladung nehmen und dann wieder zu euch zurückkommen, um euch abzuholen. Bis dahin wird der Prozess wohl beendet sein. Macht es so lange gut, Männer.“

Damit war er draußen, und keiner von uns ahnte, dass wir ihn ganz sicher in einigen Tagen nicht schon wiedersehen würden. Ich habe ihn jedenfalls nie wiedergesehen.

Einige von uns wären ihm selbst dann nicht wiederbegegnet, wenn sie es gewollt hätten, denn die Kugel des Schicksals rollte in eine ganz andere Richtung, als wir dachten.

 

*

 

Inzwischen war das Verhör beendet, aber man verlangte von uns, dass wir noch etwas warteten.

In dieser Zeit tauchten zwei vornehm gekleidete Männer auf, von denen der eine dem Vorsteher der Hafenwache offensichtlich bestens bekannt war. Auch die Polizisten kannten ihn gut. Sie benahmen sich, als wäre der Minister persönlich in der Hafenwache erschienen.

Mir kam die Geschichte etwas eigenartig vor. Ich hatte mit einem Mal beim Anblick dieser glattrasierten strengen Gesichter das Gefühl, es könnte alles ganz anders ausgehen, als wir glaubten.

Der eine der beiden trug eine Goldrandbrille. Und dann, als ich hörte, wie er den Vorsteher der Wache begrüßte, fiel mir der amerikanische Akzent auf. Da begann ich schon etwas zu ahnen.

Die drei verschwanden wieder im Zimmer des Vorstehers, und wir lauschten. Einmal hörte ich ein Lachen, und wenig später kamen sie wieder heraus. Der Vorsteher, vorhin noch väterlich streng, dienerte, als verabschiede er ein Mitglied des britischen Königshauses. Jenen, der mit amerikanischem Akzent sprach, nannte er „Exzellenz“, den anderen aber sprach er mit „Staatsanwalt" an.

Die Sache gefällt mir nicht“, meinte Frans. '

Mir auch nicht“, bestätigte ihm Olav, und Ole Sundoen sagte:

Diese Mistkäfer werden sich doch nicht etwas ausgebrütet haben, was so aussieht, als wollten sie diese fünf Kerle laufenlassen?“

Wir dachten dasselbe wie Ole. Dass es aber noch viel schlimmer kommen sollte, hätten wir nicht für möglich gehalten. Denn kaum waren die beiden weg, änderte sich alles.

Der Vorsteher ging zu einem der Polizisten und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dabei sah er in unsere Richtung. Aber keiner von uns verstand, was er sagte. Daraufhin erhob sich der Polizist, ging zu einem seiner Kollegen und flüsterte nun seinerseits dem etwas ins Ohr, während der Vorsteher wieder in seinem Zimmer verschwand.

Diesmal hörten wir alle, wie er den Riegel vorschob. Dann ging alles ganz schnell. Die Polizisten blieben nicht auf ihren Plätzen, sondern bewegten sich zu den Gewehr-Ständern, wo ihre Karabiner eingestellt waren. Kurz darauf hörten wir von draußen Schritte. Unmittelbar danach wurde die Tür aufgestoßen, und ein Dutzend Polizisten strömte in die Wache herein. Das war aber keine Hafenpolizei mehr, sondern die trugen die Helme der üblichen britischen Polizisten. Ihr Anführer sah sich nur einen Augenblick zu uns um, dann hatte er uns entdeckt und kam sofort auf uns zu.

Seine Männer verteilten sich blitzschnell, bevor wir überhaupt begriffen, was das alles zu bedeuten hatte. Da sagte der Anführer, der die Ärmelstreifen eines Sergeants trug:

Gentlemen, Sie sind festgenommen. Leisten Sie keinen Widerstand. Stehen Sie auf!“

Es waren einfach zu viele für uns, und außerdem hatte uns dieser Auftritt derart überrascht, dass wir gar nicht imstande gewesen wären, rechtzeitig etwas zu tun. Zu allem Überfluss rissen nun jene Polizisten der Hafenwache, die im Wachraum gewesen waren, ihre Karabiner aus den Ständern, als könnten die zwölf Kollegen mit uns nicht fertig werden.

Was dann geschah, ging über unseren Horizont. Wir begriffen es nicht. Es erschien uns wie ein böser Traum.

Sie legten uns Handschellen an, als hätten wir ein Attentat auf Königin Viktoria versucht.

Der Hohn kam anschließend. Der Vorsteher tauchte wieder auf, vermied es, in unsere Richtung zu blicken und ging, gefolgt von jenem Offizier, der auf der Pier seine Truppe angeführt hatte, auf die Zelle zu, in die jene fünf Männer der „Lexington“ eingesperrt waren. Er schloss sie auf und sagte: „Sie sind frei.“

Zuerst kam jener Mann heraus, den ich niedergeschlagen hatte. Er schien dem Frieden nicht zu trauen. Während wir unsere Wut, unsere Enttäuschung herausbrüllten und uns auch von den Bobbies nicht daran hindern ließen, ging er nach einigen Sekunden, die er brauchte, um seine Überraschung zu zähmen, auf mich zu, sah mich an und sagte knirschend:

Das werde ich euch heimzahlen, ihr Dreckspack!“

Machen Sie, dass Sie weiterkommen“, fuhr ihn einer der Polizisten an. „Sie sind zwar frei, aber wir geben Ihnen nicht das Recht, einen Gefangenen der britischen Krone zu beleidigen. Raus mit Ihnen!“

In diesem Augenblick begriff ich, dass die Polizisten widerwillig handelten. Sie wussten wohl, wo hier Schuld und Unschuld verteilt waren, aber sie mussten sich einem Befehl fügen, den sie selbst nicht begriffen. Auch der Vorsteher fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Und als zu allem Überfluss jene Exzellenz auftauchte und die fünf Männer der „Lexington“ in Empfang nahm wie verlaufene Lämmlein, die man ihm wiedergebracht hatte, da sagte der Vorsteher mit eisiger Stimme: „Ich muss Sie an die Bedingungen erinnern. Ihre Männer müssen zu unserer Verfügung stehen.“

Das werden sie“, sagte der Mann mit der Goldrandbrille. „Das werden sie ganz sicher."

Und danach wurden wir in die Zelle gedrängt, gefesselt mit Handschellen, als müsste man Angst davor haben, dass wir die dicken Gitter auseinanderbogen, um zu fliehen.

Frans van der Velde blieb mitten in dem etwa vier Meter mal vier Meter großen Raum stehen, sah mich an und fragte: „Curd, kannst du das begreifen?“

Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Wie sollte ich? Was da geschehen war, konnte wohl niemand auf dieser Welt begreifen, der noch ein kleines Gefühl für Recht und Unrecht besaß.

Ich komme mir vor, als wären wir hier bei den Wilden“, meinte Ole Sundoen. „Und der Kapitän denkt, wir halten uns hier zur Verfügung. Übermorgen ist er weg. Ich wette mit euch, man wird verhindern, dass einer von uns ihm Nachricht gibt.“

Und ich möchte gerne wissen“, sagte ich, „wie es möglich war, dass das auf einmal so alles anders ist. Man muss uns doch schließlich den Grund für dieses Verhalten nennen. Ich will den Grund wissen.“

Und da drehte ich mich schon um, hämmerte mit den durch die Handschellen gefesselten Händen an die Tür der Zelle, trat dagegen und hörte auch nicht auf, als sie von draußen brüllten, wir sollten damit aufhören.

Die anderen machten mit. Wir tobten, und unsere Ketten an den Handschellen klirrten.

Endlich hörten wir den Schlüssel im Schloss. Der Riegel flog zurück, die Tür ging auf, und da standen sie zu viert dicht nebeneinander mit Karabinern, die sie auf uns in Anschlag hielten. Hinter ihnen jener Offizier, dem wir von der Pier in die Wache gefolgt waren.

Was wollt ihr?“, schrie'er.

Wir wollen wissen, warum man uns hier einsperrt. Wir wollen das, verdammt noch mal, wissen!“, brüllte Frans van der Velde.

Dazu habt ihr ein Recht“, erwiderte der Offizier. „Die Anklage ist noch nicht fertiggestellt, aber man wirft euch vor, ein fremdes Schiff mit Gewalt betreten, den Kapitän und seine beiden Offiziere niedergeschlagen und einen Mann der Besatzung entführt zu haben.“

Verdammt noch mal, wir haben unsere Aussagen gemacht“, sagte ich. „Ihr wisst ganz genau, was hier passiert ist.“

Das ist eure Darstellung. Selbst wenn wir sie euch glaubten“, sagte der Offizier, „liegen die Verhältnisse doch anders. Also gut, wir haben auch den niederländischen Konsul. Ihr seid doch alles Holländer.“

Nicht alle“, entgegnete ihm Frans van der Velde. „Ich bin Holländer, er und er auch." Er deutete auf Jan Vandermeulen und Wijnand Masereel. „Aber er ist ein Schwede“, damit meinte er Ole Sundoen, „und er ein Däne.“ Dann zeigte er auf mich. „Er ist Deutscher.“

Aber es ist ein holländisches Schiff, und ich werde jemand zum holländischen Konsul schicken. Er wird sich darum kümmern. Mehr kann ich für euch nicht tun. Ich verstehe, was in euch vorgeht. So gleichgültig, wie ihr denkt, ist uns das nicht. Aber wir haben eine Anordnung von höchster Stelle. Es ist euer Pech, dass zufällig der amerikanische Botschafter hier in der Stadt war. Es ist weiter euer Pech, dass wir hier von der Polizei nichts dagegen machen können, wenn die Staatsanwaltschaft das ganz anders handhabt. Aber macht euch keine Sorgen. In Großbritannien geht es gerecht zu."

Das sehen wir“, fauchte Frans van der Velde enttäuscht.

Ihr wisst jetzt, was los ist. Verhaltet euch ruhig, dann wird schon alles in Ordnung kommen."

Wir ließen uns darauf ein. Aber es kam nichts in Ordnung, im Gegenteil. Was sich da einige Gentlemen an höchster Stelle ausgekocht hatten, sprach jeder Gerechtigkeit Hohn. Wir sollten uns gehörig wundern.

 

*

 

Die Polizisten gaben sich alle Mühe, uns zu beweisen, dass sie mit uns sympathisierten. Sie taten uns jeden Gefallen, der im Rahmen ihrer Dienstordnung vertretbar war. Aber es änderte nichts daran, dass sie uns drei Tage lang festhielten. Allerdings waren wir nicht mehr gefesselt. Schon eine Stunde später, nachdem man uns eingesperrt hatte, waren uns die Fesseln abgenommen worden. Aber die Gitter blieben.

Der niederländische Konsul kam auch. Doch den hatten sie vorher instruiert. Er erklärte, nichts machen zu können. Wir hätten ungesetzlich gehandelt. Unser Vorgehen sei nach den britischen Gesetzen ein Verbrechen, und die Staatsanwaltschaft habe die Anklage wegen Überfalls und versuchter Entführung bereits fertiggestellt. Es sei damit zu rechnen, behauptete der niederländische Konsul, dass die amerikanischen Behörden einen Auslieferungsantrag stellten, weil sich das vermeintliche Verbrechen auf einem amerikanischen Schiff und damit auf amerikanischen Boden ereignet hätte.

Das ist ja Schwachsinn!“, brüllte Frans van der Velde. „Wir haben bei einem Verbrechen zugesehen, und wir konnten es verhindern. Dieser Mann wäre wahrscheinlich totgeschlagen worden.“

Dieser Mann ist ein Dieb“, erklärte der Konsul, „nichts weiter als ein Dieb.“

Er war ein kleiner, gedrungener Mann, schon älter, und ich hatte das Gefühl, er wollte nichts unternehmen, was sein Ansehen in Liverpool in irgendeiner Weise schädigen könnte. Vielleicht hatte man ihm von der Gegenseite her so überzeugend deren Standpunkt klarmachen können, dass er uns einfach nicht glauben wollte und schlechtweg annahm, wir seien renitente, aufrührerische Burschen.

Der Konsul erzählte uns dann, dass das, was wir für ein Verbrechen hielten, nichts weiter gewesen wäre als eine gerechte Bestrafung eines Diebes, der versucht hatte, Proviant zu stehlen. Dafür sei ihm das Scheren des Kopfes und eine Prügelstrafe zuteil geworden. Im übrigen befände sich jener Mann schon wieder an Bord des Schiffes. Auch die Ärzte hätten nur leichte Verletzungen minderer Art infolge der Prügelstrafe konstatieren können. In Lebensgefahr, so hatte ein Arzt des Hospitals bestätigt, sei der Delinquent im Zusammenhang mit der Bestrafung nie gewesen.

Das ist eine Lüge!“, platzte Oie Sundoen heraus, „eine gemeine, infame Lüge.“

Der Konsul zuckte nur die Schultern, und wiederum war mir, als wünschte er nichts sehnlicher, als hier aus unserer Zelle herauszukommen, hinaus auf die Straße, wo er sich nicht so beschmutzt zu fühlen brauchte wie jetzt.

Wenig später hatte er es geschafft. Er war draußen, und wir standen wieder hinter den Gittern. Unsere Hoffnung war weiterhin geschmolzen, unsere Enttäuschung weiterhin gewachsen, und sie schlug jetzt in kalten Hass und Zorn um.

Zum ersten Male begannen wir Fluchtpläne zu schmieden. Wir wollten weg, weil wir nicht mehr an Gerechtigkeit in dieser Stadt, in diesem Land glaubten. Wir fühlten uns verschachert, verraten und ausgeliefert.

Dass wir wirklich schon ausgeliefert waren, das wussten wir nicht. Zwar hatte das der Konsul schon angedeutet, aber wir konnten uns einfach nicht vorstellen, dass so etwas geschehen konnte.

Aber es geschah. Während wir noch die phantastischsten Fluchtpläne besprachen, die allesamt utopisch waren, weil man in dieser Zelle für erstklassige Gitter gesorgt hatte und die Wände von uns nicht aufzubrechen waren, verrann die Zeit, und sie verrann viel zu schnell für uns. In diesen Stunden schien man dem Auslieferungsersuchen des amerikanischen Botschafters stattgegeben zu haben. Und was wir alle nicht wussten: Es gab einen Paragraphen im internationalen Seerecht, das von den meisten seefahrenden Nationen seit der Mitte des Jahrhunderts mehr oder weniger anerkannt wurde, der besagte, dass bei Fällen wie dem unseren eine Auslieferung an jene Nation zu erfolgen hatte, auf deren Boden das angebliche Verbrechen ausgeübt worden war.

Tatsächlich erfuhren wir am nächsten Morgen das für uns Unfassbare. Wieder tauchten Konstabler auf. Wieder mussten wir uns Handschellen anlegen lassen, und es hatte gar keinen Sinn, sich dagegen aufzulehnen. Die waren einfach zu viele, und als es Frans van der Velde versuchte, hatten sie ihn im Handumdrehen gepackt, und keiner von uns besaß die mindeste Chance, sich zu befreien.

Sie führten uns hinaus. Dort wartete bereits ein Zweispänner. Es war ein geschlossener Wagen. Wir mussten einsteigen und auf den Bänken rechts und links Platz nehmen. Dann wurden wir davongefahren.

Durch das vergitterte Fenster sahen wir, wohin es ging. Sie fuhren uns zum Hafen. Acht berittene Konstabler begleiteten uns. Auch vom auf dem Bock saßen Polizisten. Aber sie fuhren nicht, wie wir schon hofften, zum Getreidehafen, und unsere Einbildung, man könnte uns vielleicht zurück auf unser Schiff bringen, das dann, so hofften wir, sofort den Hafen verlassen würde, erfüllte sich nicht.

Denn sie fuhren in eine ganz andere Richtung. Es ging ein Stück den Mersey aufwärts zum alten Clipper-Hafen.

Ein paar Minuten später hielt der Wagen an. Ich sah durch die Gitter des kleinen Fensters einen großen Dampfer liegen. Er hatte zwei Schornsteine, ein Passagierschiff. Ich erkannte die Aufschrift vorn am Bug, wo in riesigen goldenen Lettern stand „Star of California“.

Ein Amerikaner, fuhr es mir durch den Kopf, und ich platzte heraus:

Die bringen uns auf ein amerikanisches Schiff!“

Verdammt“, keuchte Frans van der Velde, „diese Schweine liefern uns aus!“

Es war genau, wie er sagte. Sie hatten uns ausgeliefert. In Ketten wurden wir aus dem Wagen an Bord der „Star of California“ gebracht. Sie war ein Passagierschiff und machte erst ihre zweite Fahrt. Der Rumpf war schwarz, aber alles an Deck strahlte in leuchtendem Weiß. Die Reling war aus Messing und blitzte und blinkte. Ich konnte mir vorstellen, wie viele Stunden Männer gewienert hatten, um ihr zu diesem Glanz zu verhelfen.

Überall an Deck standen Passagiere, Frauen in eleganten langen Kleidern mit riesigen Hüten, Männer in gut sitzenden Reiseanzügen, und sie alle blickten mehr oder weniger neugierig auf uns. Sie starrten uns an wie exotische Tiere, während man uns bis an die Gangway brachte, wo wir von bewaffneten Matrosen in Empfang genommen wurden.

Aber bevor wir das Deck der „Star of California“ betraten, kam uns ein hagerer, dunkelhaariger Mann entgegen, der einen karierten Mantel trug, dessen Kragenspitzen wie zwei Dolche nach vorn ragten. Sein Haar war genau in der Mitte gescheitelt und klebte wie lackiert auf seinem Schädel.

Er sah uns streng an und sagte mit schnarrender Stimme: „Ich bin Inspektor Finch. Ich bin dafür verantwortlich, dass Sie sicher - und ohne Schwierigkeiten zu machen - in die Vereinigten Staaten gebracht werden. Sie können sich darauf verlassen, dass ich dafür sorgen werde, dass mein Auftrag ganz und gar erfüllt wird. Ich dulde keine Schwierigkeiten, und ich dulde auch nicht, dass einer von Ihnen sich den Bestimmungen, die für Sie auf diesem Schiff gelten, widersetzt. Mein Auftrag endet erst, wenn ich Sie den amerikanischen Behörden übergeben habe.“

Sprach’s und wandte sich um, ohne uns noch eines Blickes zu würdigen. Dann schritt er die Gangway zurück an Bord, und die Matrosen raunzten uns an, nun endlich an Deck zu gehen.

Es war wie ein Spießrutenlaufen, als hätten wir jeder zwanzig Menschen umgebracht, so geleiteten sie uns mit drohenden Gebärden über Deck und dann zu einem Niedergang. Ich sah in den Gesichtern der Frauen und Kinder, die uns beobachteten, aber auch in denen der Männer die ganze Verachtung, die uns das sogenannte grundsolide Bürgertum entgegenbrachte. Ich sah auch die Begierde in ihren Blicken. Während sie auf der einen Seite ihre Vornehmheit, ihre Anständigkeit heuchelten, so konnten sie doch nicht die Blicke von uns wenden.

Aber dann waren wir unter Deck, und man brachte uns durch viele Gänge hindurch bis zum Vorschiff. Schließlich führte man uns in einen Raum, der groß genug gewesen wäre, die zehnfache Zahl von uns aufzunehmen.

Jener Inspektor Finch tauchte wieder auf und sagte mit ebenso schnarrender Stimme wie vorhin: „Es sind genug Hängematten da. Jeder möge sich eine nehmen und einen Platz hier suchen. Für die nächsten Wochen wird es seine Bleibe bedeuten.“

Es gab in diesem Raum keine Bullaugen, noch nicht einmal eine ordentliche Entlüftung. Die Hängematten waren zusammengerollt verstaut. Sonst befand sich nichts in diesem Raum, abgesehen von der Öllampe, die an der Decke hing. Sie brannte, und sie würde wohl immer brennen müssen, wenn wir hier drin etwas sehen wollten.

Ist das das einzige Licht?“, fragte Frans van der Velde.

Ihr braucht nicht mehr zu sehen als das, was ihr jetzt seht. Und jetzt schert euch hinein!“

Noch einmal wollten wir aufbegehren, aber den Matrosen schien man Schauermärchen über uns erzählt zu haben. Sie nahmen sofort eine drohende Haltung ein, und nichts schien ihnen lieber gewesen zu sein, als über uns herzufallen.

Dann wurde hinter uns die Tür zugesperrt und verriegelt, und wir standen wie verloren um die an der Decke hängende Lampe herum, sahen uns an und schüttelten in ohnmächtigem Zorn die Handschellen, die man uns immer noch nicht abgenommen hatte. Vielleicht wollte man sie uns die ganze Reise über anlassen.

Während wir noch immer nicht wussten, was wir tun sollten, ja in unserem Zorn nicht einmal eines Wortes fähig waren, wurde abermals die Tür geöffnet, man schob zwei Toiletteneimer herein und schloss dann wieder hastig das Schott, als müsste man befürchten, dass wir wie wilde Tiere angeschossen kämen.

Wir hockten uns hin, und nur Wijnand Masereel rollte sich ungerührt eine der Hängematten auf, machte sie an den Enden fest und kletterte hinein.

Wir anderen saßen da, stierten uns fassungslos gegenseitig an, bis schließlich Jan Vandermeulen das Eis des Schweigens brach und sagte: „Es wird immer noch ein Tag kommen oder eine Stunde oder eine Minute, vielleicht sogar eine Sekunde. Dann müssen wir sofort reagieren.“

Auf diesem Schiff haben wir keine Chance“, erklärte Frans van der Velde. „Die sind einfach zu viele.“

Es gibt immer eine Chance“, behauptete Jan Vandermeulen.

Olav Brimsholm stand auf und ging hin und her, zehn Schritt hin, zehn Schritt zurück. Er sprach kein Wort. Wie ein gefangenes Tier lief er auf und ab.

Schließlich wurde es Frans van der Velde zuviel, und er brüllte: „Hör doch damit auf, Mensch! Willst du uns entnerven?“

Olav blieb stehen, blickte Frans an und sagte:

Du darfst nicht nervös werden. Wenn dich das schon aufregt, wie sieht es mit uns aus, wenn wir drei Wochen weiter sind? Ihr Narren, wir haben doch Zeit. Die Zeit ist auf unserer Seite. Wir werden uns ausruhen, ausschlafen, statt herumzumeutern, und wir werden sie in Sicherheit wiegen. Jetzt am Anfang in den ersten Tagen rechnen die mit allem. Sie denken, wir sind wilde Tiere, die ihnen an die Gurgel springen. Lasst sie doch erst mal glauben, dass wir ihnen nichts tun, dass wir harmlos sind, friedlich. Jetzt am Anfang beobachten sie uns noch. Jetzt achten sie auf jeden Schritt, den wir tun.“

Das stimmt", sagte ich. „Olav hat recht. Wir sollten sie in Sicherheit wiegen.“

Mir ist nur nicht danach zumute. Ich möchte sie am liebsten in ihre satten feisten Visagen schlagen“, meinte Frans. „Aber er hat wirklich recht.“

Wir beschlossen, zunächst einmal einige Tage lang nicht den geringsten Versuch des Widerstands zu machen. Vor allen Dingen mussten wir damit erreichen, dass sie uns die Fesselung abnahmen.

Wir hielten es drei Tage lang durch, dann hatten wir es geschafft. Sie nahmen uns die Handschellen ab. Zwar waren sie noch immer von größtem Misstrauen erfüllt, aber wir wollten ihnen auch vorerst keinen Grund geben, auf uns loszugehen, im Gegenteil.

Auch ohne Handschellen verhielten wir uns friedlich, betont zurückhaltend. Die meiste Zeit sah es so aus, als hätte uns alle eine tiefe Lethargie erfasst. Selbst wenn sie uns das Essen in Kübeln brachten, saßen wir weiter herum, als hätte keiner von uns rechten Appetit.

Allmählich sahen wir selbst in jenen Matrosen, die uns das Essen brachten und die leeren Gefäße wieder holten oder unsere Toilettenkübel wegschaffen mussten, nicht die bösartigen Bewacher, sondern eben Menschen, die einen Befehl auszuführen hatten und das nicht unbedingt immer mit Begeisterung taten.

Den Inspektor Finch bekamen wir vorläufig nicht mehr zu sehen. Statt dessen tauchte ein gewisser James Mitchum auf, ein Mann mit einer langen Narbe auf der rechten Gesichtshälfte und einem entstellten rechten Auge, was ihm einen verschlagenen Ausdruck verlieh. Aber mit der Zeit kamen wir dahinter, dass dieser James Mitchum im Grunde harmlos war. Er hatte die Aufgabe, sich um uns zu kümmern und dem Inspektor zu melden, falls sich etwas bei uns tat, was verdächtig wirkte. Andererseits sorgte er auch dafür, dass wir mehr Brot bekamen, weil man es uns zu knapp bemessen hatte. Auch die Getränke waren von dem Augenblick an reichlicher, da James Mitchum sich darum kümmern konnte.

Er kam zu uns herein und zeigte im Gegensatz zu allen anderen keinerlei übertriebene Vorsicht und schien uns auch nicht zu fürchten. Trotzdem waren wir misstrauisch. Wir hielten ihn für einen Spitzel, und wenn er weg war, sagte Frans ganz ungeniert, dass Mitchum der Schlüssel sei, der uns zur Flucht verhelfen könnte.

Wenn wir aber glaubten, der Inspektor und James Mitchum seien die einzigen an Bord, die im Auftrag der englischen Polizei mitfuhren, so irrten wir uns.

 

*

 

Das Schiff hatte abgelegt und verließ Liverpool den Mersey abwärts. Bei relativ ruhiger See fuhr der Dampfer in schneller Fahrt in Richtung Dublin.

Während der Dampfer die Irische See durchquerte, spürten wir kaum etwas vom Seegang. Da ich mir nicht vorstellen konnte, dass in der Irischen See Windstille herrschte, musste ich annehmen, dass dieses Schiff ganz einfach viel besser mit dem Seegang fertig wurde als ein Segelschiff. Aber mich störte dieses Stampfen und Dröhnen der Schiffsmaschine. Keiner von uns war es gewöhnt, und manchmal schreckten wir nachts im Schlaf auf.

Das heißt, wir schliefen auch am Tag. Wir hatten gar keine richtige Vorstellung mehr von Tag und Nacht, da wir nicht nach draußen sehen konnten. Allein der Zeitpunkt, wann die Mahlzeiten kamen, ließ uns in etwa erkennen, wo wir dran waren.

In Dublin, das, wie uns Mitchum erzählte, von unserem Schiff angelaufen wurde, kam dann Fred Laurent an Bord, ein Beamter der Polizeiverwaltung, der einen Gefangenen mitbrachte, einen irischen Rebellen, wie es hieß, den man in die Vereinigten Staaten abschieben wollte.

Diesen Mann sperrten sie zu uns, und schon, als er in unser Verlies kam und das funzelige Licht auf seine Gestalt fiel, hatte ich sofort das Gefühl, dass er die Schraube war, die in unserem Getriebe noch gefehlt hatte. Er war genau die Feder, die alles das, was später kommen sollte, antrieb.

Sein Name war Patrick O’Toole, ein hagerer Mann, mittelgroß und blond. Er hatte blaue Augen, aber in ihnen schien ein ewiges Feuer zu leuchten. Sie sagten, er sei ein Rebell, einer jener irischen Freiheitskämpfer, die nie Ruhe geben würden. Und sie hätten es mir nicht zu sagen brauchen. Man sah es ihm an. Es war eine Sympathie auf Anhieb, die wir ihm entgegenbrachten. Aber ihm schien es mit uns genau so zu gehen. Binnen weniger Minuten waren wir ein Herz und eine Seele mit ihm.

Pat, wie wir ihn nannten, hatte eine harte Zeit hinter sich. Er war in den Gefängnissen der britischen Behörden geprügelt und misshandelt worden. Aber nichts konnte ihn unterkriegen. Und jetzt sahen sie nur noch einen Weg, um ihn loszuwerden: die Verbannung.

Es kam mir so vor, als hätten wir nur noch auf ihn gewartet, als wäre er derjenige gewesen, dessen Erscheinen das in Gang setzen sollte, was wir nun schon seit Tagen planten.

Frans van der Velde sprach aus, was wir anderen alle dachten. Er sagte:

Ich glaube, wir sind komplett. Jetzt legen wir los.“

 

*

 

Aber wir verschoben es nun doch noch um drei Tage mit dem Loslegen, denn Pat war ziemlich geschwächt. Er hatte einen längeren Hungerstreik hinter sich, und es dauerte einige Zeit, ihn wieder zu Kräften zu bringen.

Wir gaben uns größte Mühe, indem wir ihm die besten Bissen zuteilten, damit er wieder kräftiger wurde. Die drei Tage waren noch nicht vergangen, als die „Star of California“ den Hafen von Cork anlief. Wir wussten natürlich nicht, welcher Hafen das war, und wir mutmaßten zunächst nur, dass es Cork Harbour sein könnte.

Als die Ankerkette in die Tiefe rasselte, wurde das Schott von unserem Verlies geöffnet und herein kamen der aalglatte Inspektor Finch, gefolgt von einem glatzköpfigen, backenbärtigen Mann. Hinter den beiden standen zwei mit Schlagknüppeln bewaffnete, muskulöse Matrosen, die wohl dafür sorgen sollten, dass keiner von uns auf dumme Gedanken kam.

Der Zeitpunkt war aber noch viel zu früh für uns, denn Patrick O’Toole hatte seine Körperkräfte poch nicht wieder zurückerlangt. Vielleicht war es für ihn selbst ein Segen, denn plötzlich richtete er sich von seinem Lager auf und starrte wie fasziniert auf den Kahlköpfigen, der einen Kopf kleiner als Finch, neben der Tür stand.

Dass dieser Mann Fred Laurent war, ein Geheimpolizist der britischen Verwaltung in Irland, das erfuhren wir erst später. Was wir da aber schon von Pat wussten, waren die Gemeinheiten, die Brutalität, die seitens der britischen Verwaltung Irlands den Iren gegenüber angewandt wurden.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738905397
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Oktober)
Schlagworte
heldenhafte seemänner star california schicksal

Autor

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Titel: Heldenhafte Seemänner #11: Die STAR OF CALIFORNIA war ihr Schicksal