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König Salomos Ring: Vincent Drago 1

2016 120 Seiten

Leseprobe

VINCENT DRAGO – Der Höllendämon

Band 1

König Salomos Ring

von

Bernd Teuber

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: pixabay, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Vincent Drago, Dämon dritter Ordnung, hat nur ein Ziel: Er will Herrscher der Hölle werden. Und er lässt keine Gelegenheit aus, um dieses Ziel zu erreichen. Eines Tages erfährt er von einem Ring, der seinem Träger die Macht über alle Dämonen verleiht. Dieses Artefakt will er unbedingt in seinen Besitz bringen.

Allerdings befindet sich der Ring in der Menschenwelt. Um die Hölle unbemerkt verlassen zu können, muss er das Wüste Land durchqueren. Jene Gegend, in der die Ausgestoßenen leben, und die dunklen Priesterinnen, in deren Gehirnen die perversesten Schrecken aller Äonen lauern. Doch die Zeit drängt, denn auch der Höllenfürst begibt sich auf die Suche nach dem Ring.

 

 

Vielleicht war es der Gestank, der sie weckte.

Der Gestank von Verwesung und Fäulnis. Er nahm ihr den Atem. Frederike Kunze versuchte, sich zu befreien. Doch das war unmöglich. Ihre Hände steckten in breiten Lederriemen, die an einer Kette über ihrem Kopf befestigt waren. Nur ihre Zehen berührten den Boden. Splitternackt und mit hochgestreckten Armen musste die junge Frau in dieser Position ausharren.

Frederike hielt den Kopf gesenkt, Tränen liefen über ihre Wangen. Von den Schultern bis zu den Schenkeln war ihr Körper mit Striemen übersät. Aus einigen sickerten kleine Blutperlen. Die Peitschenschläge hatten sie bewusstlos werden lassen. Sie wusste nicht, wie lange sie hier schon gefangen gehalten wurde. Es konnten Stunden sein, vielleicht aber auch Tage. Frederike hatte jedes Zeitgefühl verloren.

Mittlerweile wünschte sie sich nichts sehnlicher, als einfach nur einzuschlafen. Wenn sie dann wieder erwachte, würde sich ihr Erlebnis vielleicht nur als böser Alptraum herausstellen. Doch es war kein Alptraum. Es war bittere Realität. Plötzlich bemerkte sie, wie etwas zwischen ihren Beinen hindurchhuschte. Sie schaute nach unten und riss die Augen weit auf.

Eine Ratte!

Eine dicke, fette Ratte! Und wo es eine gab, waren vermutlich noch mehrere. Sie versuchte, das Tier zu verscheuchen. Ihre Beine waren zwar frei, doch den Rest des Körpers konnte sie praktisch nicht bewegen. Panisch stampfte sie mit den Füßen auf. Das Tier ließ sich davon überhaupt nicht beeindrucken. Neugierig betrachteten die schwarzen Augen in dem spitz zulaufenden Kopf die nackte Frau. Dann verschwand das Tier in einer dunklen Wandnische, bis es nicht mehr zu sehen war.

Am liebsten hätte Frederike angefangen zu schreien. Doch das ging nicht. Eine lang getragene Unterhose steckte in ihrem Mund. Ein breiter Klebestreifen sorgte dafür, dass sie den Knebel nicht ausspucken konnte. Der kratzige, von Dreck starre Stoff dicht unter der Nase roch verfault. Ekel stieg in ihr hoch. Mehrmals hatte sie das Gefühl, sich übergeben zu müssen, doch das ging nicht wegen des Knebels.

Eine Weile stand Frederike fast bewegungslos und untersuchte ihre Fesseln. Die Lederriemen waren straff angezogen, sodass sie sich kaum bewegen konnte. Erschwerend kam hinzu, dass sie kaum noch ein Gefühl in ihren Armen hatte. Sie mühte sich eine Weile ab, die Fesseln zu lockern und den Armen auf diese Weise wieder Blut zuzuführen. Doch es war ein mühseliges Unterfangen, bei dem sie mehrmals innehalten musste.

Sie hegte keinen Zweifel daran, dass sie sich in irgendeinem Verlies befand und das sie keine guten Chancen besaß, wenn sich nicht irgendjemand als Retter erwies. Und ebenso deutlich wurde ihr bewusst, dass es sehr wohl möglich oder sogar wahrscheinlich wahr, dass man sie hier niemals fand. Oder mit größter Wahrscheinlichkeit zu spät. Was immer ihr Peiniger noch mit ihr vorhatte – er würde nicht lange zögern.

Sie war ihm hilflos ausgeliefert. Welche Kraft er auch immer besaß, sie war ihm nicht gewachsen. Aber vielleicht kam sie ihm zuvor, wenn sie rasch handelte. Und wenn er nicht vorhatte, sie in dieser Zelle verwesen zu lassen. Frederike begann wieder, an ihren Fesseln zu arbeiten. Die junge Frau hatte kein Gefühl für Zeit. Die Kälte und der Gestank waren das einzig Reale für sie. Frederike empfand die Übelkeit beinahe als Erleichterung, weil sie ihre Gedanken und Gefühle für eine Weile beschäftigte. Zweifel, Angst und Hoffnungslosigkeit gingen in ihrem Herzen ein und aus, als wären sie Herrn. Sie fühlte sich hilflos wie ein Vieh auf der Schlachtbank. Und viel Besseres hatte sie auch nicht zu erwarten.

Der laute Knall der Peitsche riss sie aus der Apathie und ließ ihren Kopf hochfliegen. Erst jetzt registrierte sie, dass der Mann, der sie entführt hatte, direkt vor ihr stand und sie mit einem sarkastischen Lächeln fixierte.

Der Mann?

Das war kein Mann, sondern ein Geschöpf der Unterwelt, etwas, das es gar nicht geben durfte. Er hatte einen völlig kahlen Kopf. In seinen schwarzen Augenhöhlen glühten rote Punkte. Seine Haut hatte eine hellgrüne Farbe mit braunen Flecken. Die Finger waren lang und dünn wie Spinnenbeine. Der halb geöffnete Mund glich einer schwarzen Höhle mit spitzen Zähnen in Unter- und Oberkiefer. Er trug ein rotes, mit magischen Symbolen verziertes Gewand. Sein Name war Vincent Drago, Dämon der dritten Ordnung.

Die niederen Höllenkreaturen benötigten einen Körper, um in der realen Welt aktiv zu werden. Doch Drago besaß die Gabe der Manifestation. Es war zwar mit großer Anstrengung verbunden, aber dafür hatte es den Vorteil, das er sich viel freier bewegen konnte.

Der Dämon betrachtete die junge Frau mit jenem obszönen Wohlwollen, das so sehr Ausdruck seiner sadistischen Gesinnung war. Plötzlich schnellte seine Hand nach vorn. Er spreizte die Finger und bekam Frederikes Kopf zu fassen.

Jetzt drückt er dir die Kehle zu, schoss es ihr durch den Kopf. Sie bäumte sich gegen den nahenden Tod auf. Doch es war ein Irrtum. Der Dämon wollte sie nicht töten. Er löste ihren Knebel. Ein heftiger Schmerz durchfuhr sie, als er das Klebeband abriss. Ihre Lippen platzten auf. Kleine Blutstropfen erschienen. Drago öffnete ihren Mund und zog die Unterhose heraus. Endlich konnte sie wieder frei durchatmen. Der plötzliche Sauerstoffschock erzeugte ein Schwindelgefühl. Frederike stöhnte. Sie blickte den Dämon an und sah das breite Grinsen in seinem Gesicht.

Ein tödliches Grinsen.

Der Anfang vom Ende.

Das begriff die junge Frau sofort. Diese Kreatur hatte ihr nicht aus reiner Freundlichkeit den Knebel entfernt. Sie sollte sterben. Und vermutlich konnte sie schreien, soviel sie wollte. Hier würde man sie sowieso nicht hören. Die Angst schnürte ihr die Kehle zu.

Mit seinen dünnen Fingern klopfte er auf die Stelle an Frederikes Körper, die er treffen würde. Dann stellte er sich hinter die junge Frau und wippte auf den Fußballen. Frederike zitterte. Im nächsten Moment ertönte ein leises Zischen, gefolgt von einem lauten Knall. Er dauerte nur kurz und wurde von Frederikes Schrei abgelöst. Sie versuchte, sich loszureißen. Die breiten Lederriemen hielten jedoch.

Warum lassen Sie mich nicht gehen?“ fragte sie. Ihre Stimme klang etwas rauchig und voller Resignation. „Was habe ich Ihnen getan, dass Sie mich so quälen?“

Statt einer Antwort ließ der Dämon auch den nächsten Schlag mit aller Kraft auf ihren Hintern sausen. Frederike begann wieder zu schreien. Ihr Körper schüttelte sich und bebte.

Bitte!“ flehte sie. „Lass mich frei! Ich will nicht sterben!“

Spar dir dein Gejammer“, entgegnete Drago. „Du stirbst. Ich werde deine Seele dem Höllenfürsten zum Geschenk machen.“

Frederike fühlte den Schmerz auf ihrem Rücken, als der Dämon abermals zuschlug. Er würde es solange tun, bis ihr das Fleisch in Striemen von den Knochen hing. Noch war der Schmerz einigermaßen erträglich, aber allein die Angst vor dem, was kam, ließ sie aufschreien. Sie verlor die Kontrolle, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben. Denn es würde nicht aufhören, sondern weitergehen.

Schlag um Schlag.

Bis sie endlich als entsetzlich verstümmeltes Etwas starb. Zu ihrer Angst gesellte sich Hass. In diesem Augenblick wäre sie fähig gewesen, den Dämon zu töten. Wenn er sie nur gelassen hätte. Aber wie tötet man eigentlich einen Dämon? Alles in ihr bäumte sich auf, aber die Kraft war nutzlos vergeudet. Sie hatte keine Macht über ihren Willen. Es fühlte sich an, als hätte jemand den Körper vom Geist getrennt. Doch das war eine Illusion. Sie fühlte den Schmerz, fühlte ihn, als sie von der Peitsche getroffen wurde. Sie begann wieder zu schreien.

Aufhören … aufhören ...“

Doch sie verstand ihre eigenen Worte kaum. Immer wieder traf die Peitsche ihren Rücken. Der Schmerz wurde unerträglich. Jeden Moment konnte eine lebenswichtige Ader platzen. Und dann würde sie unweigerlich verbluten. Auf einmal ließ der furchtbare Schmerz nach. Frederike keuchte, rang nach Luft. Sie brauchte Zeit, sich wieder zu beruhigen. Da war immer noch die entsetzliche Todesangst, die einfach nicht verschwinden wollte. Denn so oder so würde sie sterben. Unweigerlich schloss sie ihre Augen und wartete auf den erneuten furchtbaren Schmerz.

Ich werde dich langsam und qualvoll foltern“, versprach Drago. „Und zwar solange, bis du mir freiwillig deine Seele anbietest.“

Abermals holte der Dämon mit der Peitsche aus. Doch bevor er zuschlagen konnte, wurde die Tür des düsteren Kellerraums aufgestoßen. Erschrocken wirbelte Drago herum. Ein Priester stand in der Öffnung, ein großer Mann mit einem schwarzen Schnurrbart. Um seine Schulter hatte er eine violette Stola gelegt. Die ausgestreckte rechte Hand umklammerte ein großes Holzkreuz. Als Exorzist des Vatikans wusste er, welches Unheil Dämonen anrichten können.

Pater Meindl machte hin und wieder einen zerstreuten Eindruck, zumindest dann, wenn es um unwichtige Dinge ging, doch sein Verstand funktionierte ausgezeichnet, wenn es um den Kampf gegen das Böse ging. Er lebte mit dem Exorzismus und für ihn. Mehrere Bücher hatte er über dieses umfangreiche Wissensgebiet geschrieben. Meindl war ein Fanatiker, ein Mann, der ohne seine Arbeit nicht leben konnte. Wie kaum ein anderer wusste er, dass die Welt ständig von der dunklen Macht bedroht wurde. Deshalb hieß es, wachsam zu sein. Wenn Männer wie er nicht aufpassten, konnte es eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes geben.

Die Hölle wartete nur darauf.

In mühevoller, jahrelanger Arbeit war es dem Priester gelungen, eine Methode zu entwickeln, die es ihm ermöglichte, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu berechnen, an welchem Ort sich böse Konzentrationen aufbauen konnten. Die Daten und Multiplikatoren, die er dazu benötigte, fand er in der Vergangenheit, denn wenn es irgendwann und irgendwo schon einmal zu einer Konzentration aus der Hölle gekommen war, konnte man damit rechnen, dass die dunkle Macht abermals auf diesen Ort zurückgriff. Wenn man in diesem Hinblick verschiedene, oft verborgene Konstellationen beachtete und studierte, und die gewonnenen Fakten in komplizierte Berechnungen einbaute, dann resultierten daraus hin und wieder erstaunliche Ergebnisse.

Auf diese Weise hatte Pater Meindl schon mehrmals herausgefunden, wo die Hölle als Nächstes zuschlagen würde. In einigen Fällen war es ihm gelungen, solche Aktivitäten im allerletzten Moment zu verhindern. So hatte er auch herausgefunden, wo sich der Dämon und sein entführtes Opfer befanden.

Diese Höllenbrut war eine Plage für die Menschheit, eine Geißel für die Welt, die er immer und überall bekämpfte, sonst überwucherten sie eines Tages den gesamten Planeten. Sie versuchten es seit ewigen Zeiten immer wieder. Doch stets hatten sich Männer gefunden, die ihnen entgegentraten und sie zurückschlugen. Es war ein Kampf, der niemals enden würde. Doch Pater Meindl wusste auch, dass es falsch gewesen wäre, zu resignieren, sonst hätte das Böse sofort triumphiert.

Er fixierte den Dämon, der schattengleich vor ihm stand, und er sah die helle Haut der jungen Frau, die von blutigen Striemen übersät war. Ein neues Opfer sollte sie werden. Doch Pater Meindl würde es verhindern.

Weg mit der Peitsche!“ zischte er.

Drago zögerte. Er schien in seiner Haltung festgefroren zu sein, bis er schließlich seine Schultern bewegte und einen stöhnenden Laut von sich gab. Pater Meindl atmete auf. Drago schaute ihn an. Zum ersten Mal, seit die Jagd begonnen hatte, hörte er den Dämon sprechen.

Wie hast du mich gefunden? Wer bist du?“

Ich bin Pater Meindl. Und ich bin der Mann, der dich zur Strecke bringen wird.“

Drago lachte nur.

Das Lachen wird dir noch vergehen“, sagte der Priester rau. „Darauf kannst du dich verlassen. Ich schicke dich zur Hölle, denn dort gehörst du hin.“

Drago lachte immer noch. Ein irres, lautes Gelächter.

In die Hölle?“ fragte er. „Die Hölle ist mein Zuhause. Sie wird mich mit Freuden aufnehmen, denn ich diene ihr schon seit Ewigkeiten.“

Geh von der Frau weg.“

Drago nickte. „Ja, ich werde sie in Ruhe lassen. Sie kommt an die Reihe, wenn ich mit dir fertig bin.“

Frederike hatte die Unterhaltung aufmerksam verfolgt. Sie wusste zwar, dass sie eine Galgenfrist bekommen hatte, doch ihr war nicht klar, ob der Priester die Zeit auch nutzen konnte. Dieser Dämon gab sich weder ängstlich noch angeschlagen. Im Gegenteil. Er spielte seine Selbstsicherheit aus, die ihm die Hölle gegeben hatte. Drago setzte sich in Bewegung. Langsam ging er auf den Priester zu. In der rechten Hand hielt er die schwarze Lederpeitsche. Pater Meindl bewegte sich ebenfalls vorwärts und schätzte ab, wann er mit dem Dämon zusammentreffen würde. Drago ließ seinen rechten Arm sinken. Das Ende der Peitsche schleifte über den Boden.

Wie heißt du?“ fragte Meindl.

Warum willst du das wissen?“

Ich habe dir meinen Namen genannt. Nun will ich wissen, wer du bist.“

Drago, Vincent Drago. Und diesen Namen solltest du dir gut merken.“

Ach ja? Warum?“

Weil du mich anbeten wirst. Ich bin Gott. Knie nieder, wenn mein Name genannt wird.“

Pater Meindl blickte den Dämon durchdringend an. Die Katholische Kirche hatte ihn mit allem gejagt, was ihr zur Verfügung stand. Immer war er entkommen, bis Meindl sich zäh und verbissen als Einzelgänger auf die Spur des Dämons gesetzt hatte. Er war erfolgreich gewesen. Schweiß rann über sein von Triumph, Erschöpfung und Erleichterung verzerrtes Gesicht. Endlich hatte er es geschafft. Die lange Jagd war beendet. Er hätte die Stunden, Tage und Nächte nicht mehr zählen können. Nun war er am Ende der Fährte angelangt. Der Dämon konnte ihm nicht mehr entkommen.

Bleib stehen!“ rief er.

Drago lachte.

Von dir werde ich keine Befehle annehmen. Ich gehorche nur mir und der Hölle. Sie hält ihre schützende Hand über mich.“

Dann wird sie bestimmt erfreut sein, wenn ich dich dorthin zurückschicke.“

Was willst du?“ Drago grinste hämisch. „Das soll doch wohl ein Witz sein, oder? Meine Frau hält mich für einen Versager, mein Chef verspricht mir schon seit ewigen Zeiten, dass er mich befördern will, und nächste Woche kommt meine Schwiegermutter zu Besuch. Glaubst du ernsthaft, es gibt noch etwas, das mir Angst macht?“

Das werden wir ja sehen“, entgegnete der Priester. „Binde die Frau los oder ich werde dich in die tiefsten Tiefen der Hölle verbannen!“

Drago ging einige Schritte zurück und trat neben sein Opfer. Er griff ihr zwischen die Beine, öffnete ruckartig ihre Schamlippen und stieß vier Finger hinein. Frederike schrie laut auf. Sofort zog er die Hand wieder zurück.

Siehst du“, sagte er mit einem süffisanten Lächeln. „Es macht ihr Spaß. Und ich werde ihr heute noch viel mehr bieten.“

Nein, das wirst du nicht“, antwortete der Priester.

Während er noch sprach, streckte er dem Dämon das Kreuz entgegen. Drago spürte zwar unmittelbar darauf ein Ziehen in seinem Kopf, einen stechenden Schmerz, der für den Bruchteil von Sekunden anhielt, doch er zuckte nicht zurück.

Bebend vor Aufregung hob der Priester das Kreuz in die Höhe. Er klammerte sich wie ein Ertrinkender an die Hoffnung, dass dieses Zeichen den Dämon bannte. Unsicher tat er einen Schritt nach links, blieb stehen, wartete. Der Dämon regte sich nicht. Pater Meindl machte den zweiten Schritt. Drago stand regungslos vor ihm. Die Finger seiner Hände waren gespreizt, als wollten sie jeden Moment zupacken. Doch nichts geschah. Mit wachsender Hoffnung machte der Priester den dritten Schritt und begann mit dem Exorzismus.

Der eben noch schwach wirkende Mann verwandelte sich. Er glaubte, es schaffen zu können. Kraft ging von ihm aus. Eifer und Überzeugung waren in diesem unscheinbaren Geistlichen, der Gott anrief und ihn aufforderte, den Dämon zu vernichten. Dieser Mann kämpfte gegen die Mächte der Dunkelheit. Seine einzigen Waffen waren sein inbrünstiger Glaube und das Kreuz in der Hand. Die Stimme des Priesters schwoll an, wurde laut und mächtig, nachdrücklich und beschwörend.

Vincent Drago war ganz ruhig geworden. Die Peitsche entglitt seiner Hand. Er hatte die Augen geschlossen, atmete schnell und flach. Doch plötzlich sprang er nach vorn, packte den Mann an der Kehle und drückte zu.

Aber … aber … das Kreuz ...“ stammelte der Priester.

O ja, das Kreuz“, entgegnete Drago höhnisch. „Ihr Typen habt ja immer irgendwelche Gegenstände dabei, mit denen ihr uns vernichten wollt. Gnostische Gemmen, magische Amulette und natürlich Kreuze. Das ist alles so ermüdend. Lasst euch doch mal was Neues einfallen.“

Drago drückte noch fester zu.

Kreuze wirken nämlich nur bei niederen Höllenkreaturen, nicht aber bei einem Dämon der dritten Ordnung. Damit machst du mir keine Angst. Im Gegenteil. Ich ramme es dir so tief in den Arsch, das du wochenlang die Engel singen hörst.“

Der Priester röchelte. Entsetzt riss er die Augen auf, als er begriff, welch schreckliches Ende ihm bevorstand. Er bekam keine Luft mehr. Verzweifelt versuchte er, die Dämonenhand von seinem Hals zu reißen. Doch es gelang ihm nicht. Luft, Luft, schrie es in ihm. Plötzlich lockerte Drago den Griff. Mehrmals schlug er dem Priester mit der Faust ins Gesicht. Die Lippen des Mannes platzten auf. Er spürte den süßlichen Geschmack von Blut im Mund. Das Kreuz entglitt seiner Hand und polterte auf den Fußboden.

Doch so schnell gab sich der Kirchenmann nicht geschlagen. Pater Meindl galt zwar als sympathisch und fürsorglich, wenn es um seine Schäfchen ging, aber er konnte auch mit anderen Mitteln kämpfen, wenn Worte allein nicht ausreichten. So mancher Sünder war reuig und mit blauen Flecken nach Hause gekommen, weil ihm der Pater ins Gewissen geredet hatte. Das war auch einer der Gründe, warum er vom Papst als Exorzist eingesetzt wurde. Er griff unter die Soutane und holte eine kleine Phiole hervor.

Dann werde … ich dich … eben damit … vernichten“, keuchte er.

Was ist das?“

Weihwasser!“

Abrupt ließ Drago den Priester los und wich mehrere Schritte zurück. Kreuze konnten ihm zwar nichts anhaben, doch mit Weihwasser hatte er schon schlechte Erfahrungen gemacht. Sehr Schlechte sogar. Drago war ein Geschöpf der Hölle. Er hatte die unheilige Taufe über sich ergehen lassen und konnte deshalb nur von einem anderen Dämon vernichtet werden, aber niemals von einem Menschen.

Priester hatten zwar die Macht, ihn zu bannen, auszutreiben oder an Gegenstände zu binden, aber er würde niemals aufhören zu existieren. Trotzdem fürchtete er das Weihwasser. Es verursachte Schmerzen und tiefe Wunden.

Der Priester öffnete die Phiole und spritzte etwas von der Flüssigkeit in die Richtung des Dämons. Drago wurde zurückgeschleudert, stolperte, ging in die Knie. Er versuchte sich erneut aufzurichten, duckte sich wie unter unsichtbaren Schlägen und wich dann zur Seite aus.

Du wirst die Seele dieser Frau nie bekommen“, schrie der Priester. „Niemals!“

Oh, doch, ich werde sie mir holen“, antwortete Drago und bemühte sich um Gleichmütigkeit.

Nein, nicht solange ich lebe!“

Die Hölle hat Zeit“, meinte der Dämon und sah die Frau aus zusammengekniffenen Augen an.

Abermals bespritzte ihn der Priester mit Weihwasser. Ein greller Blitz durchzuckte den Kellerraum. Ein Schrei, den kein Wesen dieser Welt artikulieren kann, ertönte. Über Dragos Brust raste ein helles Flirren und dehnte sich immer weiter aus. Wimmernd und mit unkontrollierten Bewegungen drehte sich der Dämon im Kreis, stürzte zu Boden, kam unsicher wieder auf die Füße und löste sich auf.

Der Priester taumelte zurück, hielt sich erschöpft und bleich an der Wand fest, schwankte. Er hatte sich völlig verausgabt, sah hinauf zur Decke und murmelte ein Gebet. Der Dämon war verschwunden. Er hatte ihn vertrieben und damit einen bösen Fluch von der Stadt genommen. Die Menschen befanden sich nun wieder in Sicherheit. Es dauerte einige Zeit, bis der Priester die Überzeugung gewonnen hatte, dass endlich alles vorbei war.

Nun wandte er sich der jungen Frau zu. Aus großen, angstgeweiteten Augen starrte sie ihn an. Pater Meindl ging zu ihr. Seine Schritte wirkten müde, schleppend. Aber er lächelte. Dicht vor ihr blieb er stehen, schaute in das Gesicht der Frau und nickte.

Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Dich hat er nicht bekommen.“

Sie hatte ihn zwar verstanden, schien die Worte aber nicht begriffen zu haben. Er holte ein Taschenmesser hervor, klappte es auf und durchtrennte die Lederriemen. Sie schaute ihn an. Die Lippen bewegten sich, dann verzog sie ihr Gesicht, denn das zuvor angestaute Blut konnte nun wieder durch ihre Adern laufen und verursachte starke Schmerzen.

Es ist alles in Ordnung.“

Er nahm sie in die Arme und strich ihr über den Kopf, fuhr zart über ihre Wangen und lächelte dabei. Von Sekunde zu Sekunde wurde sie ruhiger. Dann weinte sie plötzlich hemmungslos und wie erlöst. Der Priester versuchte, sie zu trösten. Die Frau sah ihn an und ein verklärtes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Er drehte sich um und ging mit ihr zur Tür.

Wie heißt du eigentlich?“ fragte er.

Frederike.“

Gut. Ich bin Pater Meindl.“

Sie durchquerten einen schmalen Gang, bogen nach rechts und stiegen eine Treppe hinauf. Als sie nach draußen kamen, warf die junge Frau einen Blick auf das Gebäude, in dem sie gefangen gehalten wurde. Es war ein altes Haus. Wind und Wetter hatten ihre Spuren hinterlassen. An vielen Stellen war der Putz abgeplatzt, sodass die nackten Steine zum Vorschein kamen. Überall wuchs hohes Gras. Das Haus lag fernab jeglicher Zivilisation. Dunkle Wälder erstreckten sich um die Lichtung, zu der es nur einen Zugang gab.

Pater Meindl führte sie zu seinem Wagen, den er in einiger Entfernung geparkt hatte. Der rote VW-Golf war schon ziemlich alt, und die Fahrt zu diesem abgelegenen Haus hatte den Stoßdämpfern mit Sicherheit den Rest gegeben.

Lassen Sie mich nicht allein“, flüsterte Frederike.

Keine Sorge. Wir schaffen das schon. Du brauchst dich nicht zu beunruhigen.“

Aus der rechten Hosentasche holte er den Schlüssel, öffnete die Tür und entriegelte auch die zum Fond. Dann holte er die Frau.

Ich habe eine Decke. Die hält dich warm.“

Danke.“ Frederike nahm die Decke, legte sie um ihre Schultern und stieg in den Wagen. „Wenn Sie nicht gewesen wären, dann ...“

Pater Meindl schüttelte den Kopf. „Sag so etwas nicht. Ich bin ein Versager. Ich hätte diesen Dämon schon viel früher stellen sollen, aber so ...“

Er setzte sich hinter das Lenkrad, startete den Motor und fuhr los.

 

 

 

Vincent Drago war wütend. Zum einen, weil ihm dieser verdammte Priester in die Quere gekommen war, zum anderen, weil er jetzt zum Höllenfürsten gehen, und seine Niederlage eingestehen musste. Widersacher, die unerwartet auftauchten, gehörten bei ihm zum Berufsrisiko. Daran hatte er sich mittlerweile gewöhnt. Aber dem Höllenfürsten gegenübertreten zu müssen, war etwas ganz anderes. Vor allem seine Unberechenbarkeit machte ihn gefährlich. Manchmal konnte er die Liebenswürdigkeit in Person sein. Es gab aber auch Zeiten, in denen er sehr nachtragend war und seinen Untergebenen den Kopf abriss, wenn sie ihn enttäuschten.

Doch es half nichts. Er musste dem Höllenfürsten Bericht erstatten, ob er wollte oder nicht. Es gab etliche Möglichkeiten, in die Hölle zu kommen. Viele unglückliche Seelen waren gezwungen, sich dorthin zu begeben. Freiwillig suchten das Reich der Finsternis nur jene auf, die ihm eng verbunden waren. Dennoch war eine solche Reise niemals ungefährlich. Es gab dunkle Schächte, weit verzweigt, in denen man sich rettungslos verirren konnte. Es gab Dämonen, die Splittergruppen gebildet hatten, die von dem Höllenfürsten nichts wissen wollten und nach eigenen Regeln lebten, ihren eigenen Anführer hatten, dem sie gehorchten.

Und es gab unzählige sichtbare und unsichtbare Gefahren und hungrige Monster, die oft Jahrtausende schliefen, als wären sie tot, aber wenn sie ein Opfer witterten, erwachten sie, schlugen zu – und fielen hinterher wieder in ihren todesähnlichen Schlaf.

Auf einem alten verwahrlosten Friedhof am Stadtrand gab es einen Einstieg, den nur Dämonen fanden. Für andere war er weder offen noch sichtbar. Vincent Drago trat in einen roten Spiralnebel, der sich fortwährend um eine unsichtbare Achse drehte. Wallende Schleier umgaben ihn, während er sich auf dem weichen Untergrund vorwärtsbewegte. Der Nebel brachte ihn sicher ans Ziel. Ebenso wusste er, dass der Dämon würdig war, diesen Weg zu beschreiten. Andernfalls hätte er ihn verbrannt.

Von Weitem vernahm Drago die Schreie gequälter Seelen. Es berührte ihn nicht. Mitleid war etwas, das es für ihn nicht gab, ebenso wie Zeit. Auch sie wurde in der Hölle anders gemessen. Und oft hatte sie überhaupt keine Gültigkeit. Wer ewig lebt, braucht sich seine Zeit nicht einzuteilen. Er kann verschwenderisch damit umgehen, denn ihm steht genug davon zur Verfügung.

Lange ging Drago durch diesen roten Nebel, der ihn abwärts beförderte in unsichtbare Tiefen, wo die Finsternis zu Hause war, wo Hass, Neid und Missgunst gediehen, wo jedem die Lüge besser von den Lippen kam als die Wahrheit, wo ehrliche Freundschaft unmöglich war.

Als Mensch hätte Vincent Drago sich diesen Schritt wohl mehrmals gut überlegt, denn die Hölle war unberechenbar. Es gab keinen unzuverlässigeren Partner als die schwarze Macht, wenn man nicht ein Teil von ihr war – und das war man nur dann, wenn man schwarzes Blut in seinen Adern hatte. Doch als Dämon fühlte sich Drago schon immer mit den Mächten der Finsternis verbunden. Und er hatte große Pläne. Wenn es ihm eines Tages gelang, die Uneinigkeit zu fördern, die unter den Dämonen herrschte, wenn er Argwohn und Zwietracht unter sie streute, damit sie alle untereinander verfeindet waren, konnte er sie überflügeln, ohne dass sie es mitbekamen.

Und wenn er sich erst einmal über ihnen befand, würde er dafür sorgen, dass es ihnen unmöglich war, ihn von dort oben herunterzuholen. Eines Tages würde er sich zum Berater des Höllenfürsten machen und alle anderen verdrängen. Doch das war noch nicht alles, war er vorhatte. Er wollte seine beratende Funktion mehr und mehr – in aller Heimlichkeit – ausbauen, bis der Fürst das tat, was Drago für richtig hielt. Und wer weiß, vielleicht gelang es ihm sogar, einmal selbst den Thron zu besteigen.

Vincent Drago – der Herrscher der Hölle.

Auf dieses Ziel würde er unermüdlich und unbeirrbar hinarbeiten. Schon als Kind hatte man ihm gesagt, dass er etwas Besonderes sei und eines Tages große Macht haben werde. Auch die Stimmen, die er in manchen Nächten hörte, bestärkten ihn darin. Er vermochte nicht zu sagen, woher sie kamen. Vielleicht sprachen die alten Götter zu ihm. Seit seiner unheiligen Taufe empfing er die dunklen Vibrationen der abgründigen Natur. Mit etwa acht Jahren begann Drago, die Stimmen in seinem Kopf wahrzunehmen.

An seinen Vater konnte er sich kaum erinnern. Doch er wusste von den Geschichten, die man sich über ihn erzählte. Er sollte Feuerbrünste entfacht und Dinge bewegt haben, ohne sie zu berühren. Dragos Vater war ein Mensch. Grausame Taten hatte er in seinem Leben begangen und landete dafür in der Hölle. Er war nun ein Verfluchter, der alles, was er berührte verunreinigte und mit sich in den Abgrund riss. Am Anfang seiner höllischen Existenz war er schwach. Doch in Tausenden von Jahren lernte er, wie er durch die Aufnahme anderer Seelen immer stärker wurde.

Und er stieg auf in der höllischen Hierarchie. Aus dem einst schwachen Dämon wurde ein erfolgreicher Seelenfänger. Unzählige führte er der Hölle zu. Doch eines Tages wurde er in eine Falle gelockt und vernichtet. Es konnte nie geklärt werden, welches Motiv dahintersteckte. Und auch vom Täter fehlte jede Spur. Gerüchten zufolge hatte der Höllenfürst persönlich den Auftrag dazugegeben, weil er einen potentiellen Konkurrenten loswerden wollte. Doch Beweise dafür gab es nicht.

Dragos Mutter war eine Hexe. In seiner Jugend lernte er sehr viel von ihr. Wie man mit den Stimmen und Visionen umgeht, wie man das Böse in sich kontrolliert und den Einsatz dämonischer Energien. Sie lehrte ihn die Macht des Pfades zur Linken. Aber all das war schon lange her. Sie starb durch die Hand eines Priesters. Nicht als starke Frau, sondern auf dem Scheiterhaufen als erbärmlich geschundenes Geschöpf.

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905366
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (April)
Schlagworte
vincent drago könig salomos ring

Autor

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Titel: König Salomos Ring: Vincent Drago 1