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Kit Carson #11: Das Netz zieht sich zusammen

2016 149 Seiten

Leseprobe

Kit Carson

 

Band 11

 

Das Netz zieht sich zusammen

 

Ein Roman von Leslie West

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Ch.Schreyvogel mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Kit Carson und seinen Freunden gelingt die Rettung der Geiseln, die bei der Belagerung von Taos genommen wurden. In den Sangre de Christo-Mountains kommt es zur entscheidenden Auseinandersetzung mit den rebellischen Indianern.

In Florida entdeckt Rusty Forsythe Geheimpläne, mit deren Inhalt er seinen entführten Boss Charles Bent aus der alten spanischen Festung befreien könnte, in der dieser von den Seminolen gefangen gehalten wird.

Fort Bonneville wird von einer feindlichen Übermacht eingenommen.

Bei den Lemhi-Schoschonen entlarven Jim Bridger und Kit Carson den Verräter, der sie gegen die Weißen aufhetzen will.

Der große Showdown mit dem Oberhaupt der Verschwörung aber findet in New York statt. Kit Carson gerät dabei an den tödlichsten Gegner, den er jemals hatte.

 

 

 

 

 

 

EIN UNVERHOFFTES WIEDERSEHEN

 

 

Als Kit in Taos einritt, wurden zahlreiche Erinnerungen an seine Jugend in ihm wach, die nicht leicht gewesen war. Er drängte sie zurück, da keine Zeit zu verlieren war, stieg mit Washakie vor dem Haus des Bürgermeisters ab, ließ den Gefährten bei den Pferden zurück und ging die Eingangstreppe hinauf.

Die Tür, die sich zur Treppe hin öffnen ließ, flog mit einem solchen Schwung auf, dass Kit ihr im letzten Moment gerade noch ausweichen konnte, nicht aber dem kleinen uralten Mann, der aus ihr heraus und voll in ihn hinein rannte. Der Schwung riss beide um, und ineinander geklammert rollten sie die Stufen hinunter, landeten nicht zu hart und kamen fast zugleich wieder auf die Beine, um sich dann erst einmal abzustauben.

Mich laust der Affe!“, schnappte Kit durch die Schwaden hindurch. „Old Ezekiel!”

Immer noch vollkommen fassungslos und daher ohne jede böse Absicht fügte er hinzu:

Du lebst noch!“

Der Uralte schien keinerlei Schaden davongetragen zu haben. Langsam ließ er seine Blicke an dem jungen Trapper hoch gleiten, der ihn inzwischen um mehr als Haupteslänge überragte.

Und mich laust seine Urgroßmutter“, krächzte er, „wenn das mal nicht der kleine Christopher ist!“

Nicht einmal dein Gedächtnis hat nachgelassen, Oldman“, staunte Kit.

Natürlich nicht!“, konterte Ezekiel. „Das merkt man sich doch, wenn man von einem halbgaren Bengel mitten auf der Mainstreet umgerannt wird.“

Du hast dir eine Menge Zeit gelassen, um dich zu revanchieren“, stellte Kit fest. „Ich wollte gerade zum Bürgermeister.“

Da ich gerade von ihm komme, hast du nichts versäumt, Jungfuchs. Es bringt dir bestimmt mehr, wenn du dir im Saloon mit mir einen hinter die Binde kippst.“

Kit wollte Einspruch erheben, entschloss sich aber im nächsten Moment, der Weisheit des Alters Tribut zu zollen; nicht zuletzt auch, weil er nach dem langen Ritt einen Riesendurst hatte.

Und bring deinen Kumpel mit. Am besten, man sieht ihn nicht auf der Straße! Seid ihr an der Kirche vorbeigekommen?“

Wir haben bisher jeden Kontakt vermieden! Unsere Nachrichten sind nicht gerade beruhigend.“

Rein in den Saloon, Jungs! Nanu, Sancho ist nicht da, obwohl er doch den Laden hüten sollte, nachdem mein Neffe mit den anderen losgeritten ist ... seltsam! Aber jetzt hockt euch erst einmal hin.“

Ohne die Freunde lange nach ihren Wünschen zu fragen, ging er hinter den Tresen und zapfte drei Gläser Bier ab, mit denen er sich zu Kit und Washakie an den Tisch setzte.

Hast dich mächtig herausgemacht, Jungchen, womit es an Komplimenten für heute reicht. Also: Ein Rudel Indianer hält die Kirche besetzt. Sie haben die hiesigen Frauen und Kinder als Geiseln und wollen sie nur gegen die Statue des Heiligen Franz von Assisi aus der Missionskirche austauschen. Die Bürger von Taos sind vor nicht allzu langer Zeit folglich Richtung Ranchos de Taos losgeritten, mein Großneffe Amos hinterher, daher sind die Straßen hier so gut wie leergefegt. Und jetzt seid ihr dran.“

Kit erzählte von den indianischen Wachposten, die sie umritten hatten. Für weiteres war später Zeit, aber eine Frage brannte ihm noch auf den Lippen.

Sag, Ezekiel ... wie heißt du eigentlich mit Familiennamen?“

Calhoun. Warum?“

War das also deine Hütte am Ratonpass?“

War? Was heißt ‘war’?“

Kit schluckte. Nun musste er mit der Wahrheit herausrücken.

Danach zog Old Ezekiel Gesichtsfalten, die niemand anders in dieser Länge und Menge zustande bringen konnte, nahm die Nachricht aber insgesamt überraschend gelassen auf.

Es gab eine Zeit“, gestand er schließlich leise, „in der ich mich über hatte. Längst waren auch die Kinder meiner Freunde und Bekannten dahingeschieden, sogar die Enkel hatten schon ein gesetztes Alter erreicht und wussten kaum etwas mit mir altem Fossil anzufangen. Was soll ich noch auf dieser Welt, dachte ich mir damals. So beschloss ich, den Rest meiner Tage wie ein tibetanischer Mönch einsam im Gebirge zu verbringen und notfalls, wenn es mir gar zu lange dauern würde, mit einem einzigen Schritt ... nachzuhelfen.

Das war die seltsamste Zeit meines Lebens. Ich las nichts, aber in mir selbst brodelte und kochte ein seltsames Süppchen, das schließlich in eine Feder floss, die Hunderte von Papierseiten füllte. Es kam einfach aus mir heraus: Was ich erlebt hatte, Menschen, denen ich begegnet war, Zeitgeschichte, deren Zeuge ich geworden war. Es war wie eine innere Reinigung. Und als ich sie endlich beendet hatte, war in mir ganz unvermutet eine neue innere Kraft herangereift, die mir nur ein einziges Wort zuraunte: ‘Bleibe.’

Ich bin geblieben, ihr jungen Hüpfer. Bis heute. Und merkwürdig: Mehr denn je fühle ich, dass meine Zeit noch lange nicht gekommen ist. Aber ihr werdet noch lange brauchen, um dies verstehen zu können.“

Washakie ahnte nicht, dass er diese Zeit noch bekommen würde. Auch sein Leben sollte über hundert Jahre währen.

Kit stützte sein Kinn in die Hand.

Umso schmerzlicher muss dich der Verlust deiner Erinnerungen treffen, Ezekiel. Es tut mir sehr leid.“

Ihr seid die ersten, denen ich das überhaupt erzählt habe, Jungs. Behaltet es für euch, bitte. Aber nein, ich habe meine Erinnerungen doch gar nicht verloren. Sie sitzen alle noch da drin.“

Triumphierend trommelte er mit der rechten Zeigefingerspitze an seine Stirn.

Du hast selbst festgestellt, wie ausgezeichnet mein Gedächtnis noch funktioniert, Jungchen, denn besonders lange haben wir uns damals nicht gerade miteinander beschäftigt. Dazu warst du viel zu schnell wieder mit Charles Bent unterwegs.

Außerdem ist der Grund des Ratonpasses an dieser Stelle aufgrund der Überhänge und seiner relativ hohen Lage so gut wie strohtrocken. Wenn das Zeug so gut verpackt ist wie ihr beschrieben habt, hält es sich dort unten Jahre, wenn nicht ewig. Also vergessen wir das Ganze und kehren in die Gegenwart zurück. Was können wir tun?“

Sie dachten eine ganze Weile nach. Plötzlich hatte Kit eine Eingebung.

Lebt Padre Lorenzo noch?“

Er ist längst im wohlverdienten Ruhestand“, erwiderte Ezekiel. „Er soll, offen gestanden, auch nicht mehr ganz richtig im Kopf sein.“

Lasst uns zu ihm gehen!“

Um göttlichen Beistand zu erflehen?“

Kit lächelte.

Auch mein Gedächtnis ist noch ganz gut. Damals, als wir uns trafen, suchte ich tatsächlich Beistand dieser Natur. Ich sah Padre Lorenzo in die Kirche gehen, wagte es lange nicht, ihm zu folgen, überwand mich schließlich aber doch noch.“

Und? Hat das Gespräch geholfen?“

Es hat nicht stattgefunden. Als ich in die Kirche kam, war sie leer. Ich habe Padre Lorenzo nie wiedergesehen. Herausgekommen ist er damals mit Sicherheit weder durch den Haupt- noch durch den Ministranteneingang. Merkt ihr, worauf ich hinaus will?“

 

 

DIE KIRCHEN

 

 

Amos Calhoun, der eine Auseinandersetzung bevorstehen sah, wollte keine Ungewissheit im Rücken. Er zügelte und wendete sein Pferd, als er hinter sich und damit aus nördlicher Richtung Hufgetrappel vernahm, das näherkam.

Der schlanke, doch muskulöse junge Mann mit dem Wikingergesicht erkannte in seinem Verfolger einen Mexikaner mittleren Alters.

,Ich arbeite für Ihren Onkel, Senor Calhoun“, sagte der anstelle einer Begrüßung, als er mit Amos auf gleicher Höhe war, worauf dieser die Stirn runzelte. „Mein Name ist Sancho Pertinez, und Sie werden es bis zur Mission nicht mehr fertigbringen, mich loszuwerden.“

Ach? Und auf welcher Seite stehst du, Pertinez?“

Auf keiner, wenn Sie so wollen, Señor. Viele meiner Landleute haben sich in den letzten Tagen und Wochen nach Süden verzogen, ich nicht. Ich habe aber auch keine Angehörigen in Taos, also auch niemanden, der ... in der Kirche gefangengehalten wird. Ich bin Ihnen wegen Ihres Onkels gefolgt.“

Amos verzog verächtlich das Gesicht.

Er hat sich den Hitzköpfen angeschlossen, die die Statue des Heiligen Franz von Assisi aus der Missionskirche von Ranchos de Taos rauben wollen. Selbst wenn du ihn allein von dieser Torheit abbringen könntest, wären dann noch nicht die anderen Narren überzeugt.“

Warum denken Sie so schlecht über Ihren Onkel, Señor Calhoun?“

Ich habe keine Lust, weitere Zeit zu verplempern, Pertinez. Meinetwegen, komm mit. Du hast ja bereits selbst festgestellt, dass ich im Grunde nichts dagegen tun kann.“

Es ist wegen der Frau und den beiden Söhnen, nicht wahr? Sie glauben wie alle anderen, dass er sie einfach im Stich gelassen hat?“

Glauben?“, zischte Amos. „Er hat es meinem Vater gegenüber selbst zugegeben! Ich schäme mich bis in den Grund meiner Seele, mit einem solch verantwortungs- und gewissenlosen Kerl verwandt zu sein, der feige vor den Folgen seiner Handlung geflohen ist!“

Amos schwieg abrupt als er merkte, dass er seine innersten Empfindungen einem völlig Fremden preisgegeben hatte. Zorn hatte die letzten Sätze über seine Lippen gepresst.

Sancho Pertinez’ Gesicht war noch ernster geworden.

Vielleicht wäre es besser gewesen, er hätte Ihrem Vater Benjamin die Wahrheit gesagt, Señor.“

Amos versteckte seine Überraschung darüber, dass dieser Mexikaner den Vornamen seines Vaters kannte, hinter einer sarkastischen Bemerkung.

Und warum willst du jetzt mit mir reiten? Hast du etwa Angst, dass dein wagemutiger Patron auf seiner hehren Mission sein Leben verliert und dir dann deinen. Monatslohn nicht mehr auszahlen kann?“

Sancho Pertinez' Fäuste verkrampften sich um die Zügel. Nur mit Mühe konnte er sich noch beherrschen.

Treiben Sie niemals mit solchen Worten Scherz, Señor! Mir ist jeder Monatslohn gleichgültig, jeder! Spätestens seit gestern, als Señor Calhoun im Beisein von Hilfssheriff Hank Destry sein Testament aufgesetzt und darin mich zum Erben seines Saloons bestimmt hat. Mir war seitdem keine Minute mehr wohl. Das hat irgendetwas zu bedeuten.“

Du hast mich lange genug aufgehalten, Pertinez. Folge mir oder lass es besser bleiben.“

Mit diesen Worten sprengte Amos davon.

Wie nicht anders zu erwarten blieb ihm Sancho Pertinez auf den Fersen.

 

*

 

Padre Lorenzos Augen schienen längst in eine andere Welt gerichtet als die, die ihn umgab. Über den kantigen Schultern und dem dürren Hals zitterte ein schmales, faltendurchzogenes Künstlerhaupt mit einer scharfrückigen Nase. Die Sonnenstrahlen, die durch das Kammerfenster fielen, vergoldeten einen spärlichen Kranz grauer Haare und ließen den Greisenschädel fast durchsichtig erscheinen.

Kit Carsons, Washakies und Ezekiel Calhouns Geduld wurde auf eine schier unerträgliche Probe gestellt.

Keine der bisher gestellten Fragen schienen in das Gehirn des alten Priesters vorgedrungen zu sein.

Oder war es Altersstarrsinn? Sah der Alte nicht ein, dass Menschenleben auf dem Spiel standen?

Erneut ließ Kit im Geist die gescheiterten Versuche Revue passieren.

Padre Lorenzo hatte weder auf seine direkte Frage noch auf Ezekiels dramatische Schilderung der Situation reagiert. Beteuerungen gegenüber war er unempfänglich geblieben. Die Zeit drängte.

Oder steckte ein Gelöbnis dahinter?

Der junge Trapper klammerte sich unvermittelt an diesen Gedanken. War in diesem Greisengedächtnis, ein Schwur verhaftet, der unter keinen Umständen, auch nicht den widrigsten, gebrochen werden durfte?

Nein, sicher nicht das; eine Abwägensspanne musste in jedem Fall bestanden haben. Doch hatte der Alte jede Entscheidungsfähigkeit hinter sich gelassen: Sie war ganz einfach aus seiner Erinnerung verschwunden, und nur das Gelöbnis selbst war geblieben.

Der Schwur aber durfte nicht darin bestanden haben, dass Padre Lorenzo sein Geheimnis ins Grab mitzunehmen hatte: Das war es! Also hatte der Greis lediglich die falschen Ansprechpartner vor sich.

Kit erhob sich.

Wir bedanken uns für Eure Aufmerksamkeit, Padre. Möge Euch noch ein friedlicher Lebensabend beschieden sein.“

Padre Lorenzo versuchte auf die Beine zu kommen, doch es blieb bei dem Versuch. Aber er gab noch jedem die Hand, auch Washakie.

Du hast zu früh aufgegeben, Grünschnabel!“, tadelte ihn Ezekiel auf der Straße.

Nichts hätte mehr gefruchtet“, wies Kit den Vorwurf zurück. „Wie heißt Padre Lorenzos Nachfolger?“

Alvaro. Warum?“

Bring uns zu ihm, Ezekiel.“

Kurze Zeit darauf war auch der junge Priester eingeweiht. Er war auf der Stelle bereit, das Anliegen der Freunde mit den Mitteln zu unterstützen und zu verfolgen, die ihm zur Verfügung standen.

Sie glauben also inzwischen, Señor Carson, dass dieses Wissen um den Geheimgang nur auf dem Sterbebett vom jeweiligen Priester an seinen Nachfolger weitergegeben werden darf?“

Genau davon bin ich überzeugt, ja. Aber bitte, versuchen Sie dennoch, mit ihm klarzukommen. Es stehen viele Menschenleben auf dem Spiel!“

Padre Alvaro kam erst spät zurück.

Sie hatten recht, Señor Carson.“

Verd ... entschuldigen Sie.“ Kit ballte die Fäuste. „Es hat also nicht geklappt?“

Der junge Pfarrer lächelte.

Oh doch, es hat geklappt, wie Sie sagen, Aber ich habe schwören müssen, Ihnen die Augen zu verbinden, bis Sie in der Kirche sind.“

Das muss ein Meisterstück an Überredungskunst gewesen sein, Jungchen!“ Old Ezekiel strahlte. „Akzeptiert! Es wird sich schon niemand zu Tode stolpern. Du bist ein richtiger Teufelsbra ... nun, du verstehst schon, was ich meine!“

Padre Alvaro hatte sich rasch bekreuzigt und lächelte schon wieder.

Old Ezekiel kratzte sich am Hinterkopf.

Dumme Sache, dass hier kein einziger anständiger Kämpfer mehr zurückgeblieben ist, Buben. Traut ihr euch die Aktion zu zweit zu?“

Viele Köche verderben den Brei, Meister.“ Kit grinste. „Ich nehme an, du willst die Hitzköpfe, die nach Ranchos de Taos geritten sind, schnellstens auf den neuesten Stand der Dinge und damit von ihrem Vorhaben abbringen.“

Haarscharf erraten, Jungchen. Wenn es dafür nur nicht schon zu spät ist. Ich werde natürlich nur sagen, dass zwei von uns einen Weg in die Kirche gefunden haben, Padre, keine Sorge. Von dem Geheimgang dürfen die überhaupt nichts erfahren, sonst begehen sie nur weitere Dummheiten.“

Du setzt ganz schön viel Hoffnung auf uns, Ezekiel“, stellte der junge Trapper fest. „So gut kennst du uns in der kurzen Zeit auch noch nicht.“

Ich weiß, was einer taugt, wenn ich ihn vor mir sehe, Jungchen, und Bent hat mir ja noch des öfteren von deinem Werdegang berichtet. Macht eure Sache gut!“

Wir versuchen unser bestes. So long!“

Padre Alvaro verband Kit und Washakie die Augen und drehte sie ein paarmal im Kreis. Auf dem Weg verspürte der junge Trapper jedoch die Sonne aus einer Richtung, die ihm verriet, dass sie auf den Friedhof mit der Ruine der alten Kirche zugingen.

 

*

 

Amos Calhoun lenkte sein Pferd hinter einen Felsen und bedeutete Sancho Pertinez, das Gleiche zu tun.

Du bleibst bei den Tieren zurück, Mexikaner. Hier hast du meine Pistolen und meine Flinte. Vielleicht sind sie zugänglicher, wenn sie mich waffenlos sehen, und kommen erst recht nicht auf den Gedanken, ich würde bei ihrem Unsinn mitmachen.“

Sancho Pertinez zuckte nur die Schultern. Längst hatte er erkannt, dass Amos Calhouns Schädel nicht weniger hart war als der seines Onkels. Sein Gesicht, das an einen jungen Wikinger erinnerte, sprach Bände.

Nach wenigen Minuten hatte Amos die Bürger von Taos erreicht, die sich unweit der Missionskirche versammelt hatten.

Der Grünschnabel aus Texas“, zischte Crumble, einer von Spades Männern, der ihn als erster herankommen sah, anstelle einer Begrüßung. Ihm war wie allen anderen deutlich genug die Nervenanspannung anzumerken, die sie wie wilde Tiere in Gefangenschaft auf und ab laufen ließ.

Im Besitz der Heiligenstatue sahen sie die einzige Möglichkeit, das Leben ihrer Frauen und Kinder zu retten. Nun hatte man sie daran gehindert, sie zu rauben, und sie sahen die Frist dahinschmelzen, die ihnen die Indianer gesetzt hatten. Jeder Funke konnte das Fass zum Explodieren bringen.

Auch Cromwell Spade wandte sich dem jungen Kämpfer aus Texas zu.

Was ist, Grünschnabel?“, fuhr Crumble hämisch fort. „Bist du endlich zur Vernunft gekommen und willst mit uns angreifen? Wenn ja, wo hast du dann deine verdammten Schießprügel gelassen?“

Mir scheint eher, ihr seid halbwegs vernünftig geworden“, gab Amos gelassen zur Antwort. Dass ausgerechnet sein Onkel Jared und Trampas diesem Spade beim Näherkommen unmittelbar folgten, hielt er für ein gutes Zeichen.

Ich schätze, ich habe durch meine Benachrichtigung ein Blutvergießen verhindert.“

Mit diesen Worten erreichte er nicht das, was er gewollt hatte. Spades Reaktion war umso erschreckender.

Das Gesicht des Mannes, der die Bürger von Taos anführte, wurde fahl. Jäher, unbeherrschter Grimm schoss in seine Augen.

Du also … “, zischte er mit einer Wut, die ins Grenzenlose zu wachsen schien. „Du also hast verhindert, dass wir die Statue bekommen, die unsere Frauen und Kinder retten sollte. Du, ja du hast uns verraten!“

Seine Hand mit der gespannten Pistole zuckte hoch, und die Mündung wies genau auf Amos' Brust.

Im gleichen Moment, in dem der Hahn zurück schnappen wollte, stieß Jared Calhoun Spades Arm zur Seite und leitete damit das Verhängnis ein.

Die Kugel aus Spades Pistole fuhr zwischen seinen eigenen Männern hindurch und kam dabei Crumble am nächsten. Dieser zog selbst und drückte ab. Die Kugel traf Jared Calhoun ins Herz.

Dann schoss Trampas, und seine Kugel beendete Crumbles Leben.

Im nächsten Moment fühlte sich der blonde Vagabund von hinten angesprungen und zu Boden gerissen. Im Nu hatte man ihm seine Waffe entwunden.

Nur langsam wurde den übrigen Männern bewusst, was sich in Sekundenschnelle vollzogen hatte. Wie festgegossen starrten sie auf die beiden Opfer.

Mit einem versteinerten Gesichtsausdruck, der sein ausgeprägtes Kinn wie gemeißelt hervortreten ließ, setzte sich Amos als erster in Bewegung. Niemand wagte, sich ihm in den Weg zu stellen, als er auf seinen Onkel zuging und sich neben ihm niederkniete.

War ... wohl ... der letzte Mist, den ich ... in meinem ... Leben gebaut habe“, presste der Sterbende mühsam hervor. „Es ist ... nicht schade um mich.“

Danke, Onkel Jared“, krächzte Amos mit einer Stimme, die ihm zu versagen drohte. Er umklammerte Jareds zitternde, suchende rechte Hand und drückte sie fest. „Verzeih, wenn ich dich immer … “

Jared Calhouns Hand erschlaffte, sein Kopf sank zur Seite. Er würde nie mehr erfahren, was sein Neffe ihm noch hatte sagen wollen.

Aus Amos' stahlblauen Augen schienen Funken zu sprühen, als er aufstand. Es war Cromwell Spade, den sein Blick traf.

Ich bin es nicht gewesen, Texaner“, sagte Spade mit belegter Stimme.

Aber es war deine Schuld“, zischte Amos. „Und töten wolltest du mich.“

Wie ein Rachehammer fuhr seine Faust an Spades Kinn. In hohem Bogen flog der Führer der Männer von Taos in den Sand.

Bevor Amos jedoch einen weiteren Hieb anbringen konnte, ergriffen ihn Spades Männer, und schnell befand er sich in der gleichen Lage wie Trampas.

Mühsam erhob sich Spade und torkelte heran.

Wen hast du benachrichtigt, Hund?", zischte er Amos an. „Wen, zum Teufel?"

Als er nicht gleich eine Antwort bekam, schlug er Jareds Neffen zweimal den Handrücken ins Gesicht.

Den ... den Abt der Missionskirche", presste Amos zwischen blutenden Lippen hervor.

Spades Augen bekamen einen ungläubigen Ausdruck, dann gab er ein prustendes Lachen von sich, das unterschwellige Hysterie verriet.

Den Abt?", höhnte er. „Dann sind es nur er und seine lächerliche Handvoll Männer, die mit ihrem bisschen Feuerzauber die Stellung halten wollen? Großartig! So haben wir uns täuschen lassen!"

Seine Augen bekamen einen harten Glanz.

Fesselt ihn und den Vagabunden! Zwei Mann bleiben zur Bewachung zurück."

Zehn Minuten später war der zweite Angriff auf die Missionskirche in vollem Gang. Cromwell Spade hielt sich ein wenig im Hintergrund und achtete genau auf das Verteidigungsfeuer.

Es sind tatsächlich nur sechs Flinten“, stellte er bald mit grimmiger Genugtuung fest. „Los, nehmt sie gezielt ins Visier."

Pulverdampf trieb über den Gottesacker, und das Geknatter der Gewehre wurde von der Umfriedung vielfach zurückgeworfen. Schließlich aber wurde aus der Kirche nur noch aus zwei Flinten zurückgeschossen.

Hebt die Friedhofstür aus den Angeln!“, brüllte Spade. „Zwei Männer sollen sie als Deckung vor mir tragen. Ich muss näher heran!“

Spade setzte sein Vorhaben in die Tat um und feuerte dabei wie ein Besessener. Plötzlich fiel kein Schuss mehr aus der Kirche.

Was steht ihr herum wie die Ölgötzen?“, schrie er nach hinten. „Wir haben es geschafft! Stürmt den Eingang!“

Jubelnd eilte ein großer Teil der Männer ins Kircheninnere, bis unvermittelt von draußen erneut Schüsse erklangen und das Portal hinter ihnen ins Schloss fiel.

Statt von Bänken und Altären sahen sie sich von Holzwänden umgeben, über deren oberes Ende Dutzende von Waffen auf sie wiesen.

Sie waren in eine Falle gegangen!

 

 

HILFE AUS TEXAS

 

 

Sind Sie enttäuscht, dass Ihnen der Sergeant nur einen kleinen Rechtsverdreher geschickt hat, Amos?“, fragte Sam Houston mit einem amüsierten Blitzen in den Augen.

Von 'geschickt’ kann da ja kaum die Rede sein, Sir“, konterte der junge Calhoun. „Und dieser ‘Rechtsverdreher’ hat immerhin unter Andrew Jackson gegen die Creeks gekämpft und war Gouverneur von Tennessee.“

Über die atemberaubenden Beziehungen seines Vorgesetzten hatte sich Amos ohnehin nur stets wundern können. Sam Houstons Anwesenheit bewies aber auch, dass offensichtlich weit mehr auf dem Spiel gestanden hatte als selbst Amos bewusst gewesen war.

Als Enddreißiger war Sam Houston vor kurzem in der Funktion des Sprechers der Cherokee-Nation nach Texas gegangen. Seinem Verhandlungsgeschick hatte er es zu verdanken gehabt, dass er mit Billigung und sogar Unterstützung der mexikanischen Behörden in Ranchos de Taos hatte eingreifen dürfen.

Houstons Männer und die ansässigen Mexikaner hatten die Falle für die Angreifer aus Taos gemeinsam errichtet. Der „Zusammenbruch“ der Verteidigung war eine geschickte Finte gewesen, aber den entstandenen Schaden würden die Männer aus Taos ersetzen müssen. Glücklicherweise hatte es keine Toten und nur wenig Verletzte gegeben.

Ich soll Sie gleich wieder nach Texas mitnehmen, Amos“, erklärte Sam Houston. „Der Sergeant braucht Sie dort dringend.“

Sie reiten auch sofort zurück, Sir?“, staunte Amos. „Wissen Sie denn noch nicht, dass Indianer die Kirche von Taos besetzt und Geiseln … “

Darum wird sich eine höhere Charge kümmern“, winkte der Mann ab, der sogar in Washington seinen Wildlederanzug nicht abgelegt hatte.

Amos blickte ihm kopfschüttelnd nach, als er wegging.

Ich hätte Lust auf einen Klimawechsel“, wurde er von hinten angesprochen. „Was ist, nimmst du mich mit nach Texas?“

Der junge Calhoun sah Trampas lange nachdenklich an.

Ich wäre meinem Onkel die Rache nicht schuldig geblieben. Du hast mich darum gebracht. Und ich bin dir sogar dankbar dafür.“

Vielleicht habe ich ihn mehr gemocht als du.“

Und vielleicht kannst du mir einiges von ihm erzählen, was ich nicht weiß.“

Das kann Old Ezekiel besser. Er wartet draußen vor dem Friedhof auf dich.“

Okay, dann komm nachher mit mir nach Texas. Wer weiß, welche Abenteuer da auf uns warten. Vielleicht wirst du sogar noch ein brauchbarer Ranger.“

Dies erwies sich später als allzu fromme Hoffnung. Trampas’ Verhältnis zu den späteren Texas Rangers sollte sich kein Jota von dem seines Enkels zur gleichen Truppe unterscheiden.

 

*

 

Kannst du dich um Jareds Bestattung kümmern, Großonkel?“ Amos drehte seinen Hut in den Händen. „Ich muss leider sofort mit Sam Houston nach Texas zurück.“

Ich bin froh, dass Trampas mitgeht“, erwiderte Ezekiel. „Ihr könntet gute Freunde werden.“

Er, Sancho Pertinez und du scheinen Onkel Jared als einzige wirklich gekannt zu haben.“

Bist du jetzt endlich bereit, dir anzuhören, was damals wirklich geschah?“

Amos schluckte und nickte.

Ezekiel holte tief Luft, bevor er begann.

Es war Jareds erster sesshafter Job, und er bewies mit ihm, dass er eben nicht nur ein Banjo spielender Taugenichts, sondern im Grunde seines Herzens ein echter Calhoun war.

Die Frau ... sie war eine Vernunftehe eingegangen. Ihr Mann mochte Jared auch sehr, er machte ihn sogar zum Vorarbeiter. Sie ... wünschte sich unbedingt Kinder und wusste wie ihr Mann, dass sie von ihm keine mehr bekommen würde. Aber auch er wollte sie noch als Mutter sehen.

Es wurden Zwillinge. In der Stadt begann das Getuschel. Der Mann starb.

Jared blieb noch einige Jahre und sah seine leiblichen, heimlichen Söhne heranwachsen. Er spielte mit ihnen, und sie zeigten ihm ihre Zuneigung, ohne zu ahnen, wer er wirklich war.“

Warum hat er es ihnen nicht einfach gesagt?“

Old Ezekiel schüttelte ernst den Kopf.

Du bist noch zu jung, um zu verstehen, welche Fesseln einem die sogenannte ‘gute Gesellschaft’ auferlegen kann. Versuche, mit einer Lüge gegen sie zu bestehen, und du wirst auf eine schneidende Art geächtet, die schlimmer ist als tot zu sein.“

Dennoch ist er einfach abgehauen. Der armen Witwe blieben zwei Söhne und die Verachtung der Mitmenschen.”

Nein. Diese Verachtung löste sich in Nichts auf, als Jared verschwand. Und es war die Witwe selbst, die es ihm nahegelegt hatte!

Alle versteckten Anschuldigung schienen plötzlich haltlos. Vor allem die Söhne wurden nicht mehr als Ausgestoßene und Bastarde angesehen.

Jared und die Witwe, sie liebten sich wirklich. Doch um ihren Söhnen ein lebenswertes Leben zu ermöglichen, war ihnen das Opfer der Trennung nicht zu groß. Kein Mensch kann einen höheren Preis bezahlen.

Nur ... Jared ist daran zerbrochen. Er ist so geworden, wie du ihn kanntest.“

Amos senkte den Kopf.

Ich muss darüber nachdenken. Es mag wie eine Kette unglücklicher Zufälle aussehen, aber im Grunde hat Onkel Jared sein Leben für meines gegeben. Und Pertinez hat erzählt ... es scheint, als habe Onkel Jared seinen Tod vorausgeahnt.

Zwillinge ... auch seltsam. Wie oft hatten die Calhouns doch zwei prächtige Söhne, nicht mehr und nicht weniger. Ich habe das Gefühl, dass es bei mir einmal genauso sein wird, und bei Tom auch. Nur Brett Justin ... ach was, ich rede Unsinn. Lebe wohl, Großonkel Ezekiel.“

Alles Gute, Amos. Dir und Trampas.”

 

*

 

Der Gang endete in einem Geheimraum über der Sakristei, von dem aus wiederum ein abgerundeter, sorgfältigst eingepasster Teil der Holzverkleidung auf die Wendeltreppe zum Glockenturm führte. Erst dort löste Padre Alvaro die Augenbinden der Freunde, wobei er den mitgebrachten Eichenknüppel zu Boden legte.

Mit einer Geste bedeutete er Kit und Washakie, ihm zunächst nach oben zu folgen. Es stand fest, dass die Indianer einen Ausguck aufgestellt hatten.

Padre Alvaro erwies sich als Meister des Anpirschens.

Sein Vorteil war, dass er hier jede Diele kannte, die knarrte. Sein Eichenknüppel setzte den Wachposten beim ersten Schlag außer Gefecht.

Just in diesem Moment kam dessen Ablösung die Treppe herauf. Es war eher Glück, dass sich Washakie gerade in einem toten Winkel zu ihm befand. Er sprang ihn von hinten an und drückte ihm die Luft ab.

Geduckt folgten sie dem Hochgang zum Chor, von dem aus sie die ganze Innenkirche überblicken konnten.

Wie abgesprochen hoben alle drei die rechte Hand mit gespreizten Fingern. Das bedeutete, dass ihnen noch fünf Indianer geblieben waren, die sich locker um die zwischen den Gebetsbänken zusammengepferchten Frauen und Kinder von Taos verteilt hatten.

Nachdem sich Padre Alvaro als durchaus einsatzfähig erwiesen hatte, vertrauten ihm Kit und Washakie die beiden Wachen auf der linken Wandseite an, während Washakie sich um die beiden auf der gegenüberliegenden Seite kümmern würde. Damit blieb für Kit ein einziger Gegner, der allerdings auch am schwersten zugänglich war. Der junge Trapper würde dazu vom vorderen Hochgangende herabspringen müssen.

Mit Pfeil- und Pistolenschüssen wäre alles einfacher zu lösen gewesen. Jedoch hatte der Priester ausdrücklich sein Einverständnis mit der Aktion davon abhängig gemacht, dass jedes Töten so weit wie nur möglich vermieden werden sollte. Er gestand es nur für den Fall der Notwehr zu.

Padre Alvaro brauchte nur die Treppe zum Chor zu verlassen, während Washakie auf den Boden gepresst hinter den letzten Gebetsbänken auf die andere Seite hinüber robben musste. Als er angekommen war, gaben sich beide aus ihrer geduckten Stellung heraus das verabredete Zeichen.

Einige Frauen und Kinder kreischten entsetzt auf, als die beiden Männer plötzlich wie aus dem Nichts erschienen. Padre Alvaros Mann fuhr herum und bekam dadurch die volle Wucht des Knüppelschlages nicht auf den Hinterkopf, sondern auf die Stirn.

Washakies Gegner riss sein Messer heraus. Der junge Halbschoschone packte ihn am Arm und hebelte ihn derart auf den harten Kirchenboden, dass er mit dem Kopf aufschlug und die Besinnung verlor.

Während dieser Kämpfe sprang Kit. Er kam auf, rollte sich ab und stand gerade wieder, als sein Feind auf ihn losstürmte.

Dies widerfuhr im gleichen Augenblick auch Padre Alvaro. Geistesgegenwärtig drehte der junge Priester den Knüppel so, dass der Indianer mit dem Unterleib hineinlief, wobei der Geistliche noch nachstieß. Mit einem gurgelnden Schmerzenslaut krümmte sich der andere zusammen und bot somit Padre Alvaro die Möglichkeit zum entscheidenden Schlag.

Washakie hatte durch seine Auseinandersetzung wertvolle Zeit verloren, die dem verbliebenen Gegner genügte, um sich ihm von hinten zu nähern und mit seinem Beil zu einem tödlichen Hieb auszuholen - der mit Sicherheit sein Ziel gefunden hätte, wenn ihm nicht die beherzte Metzgersfrau von Taos vom Boden aus energisch die Füße weggezogen hätte.

Kit prallte mit seinem Krieger zusammen, und ein erbittertes Ringen begann. Der junge Trapper hatte harte Beinarbeit zu leisten.

Endlich konnte er ein scheinbares Zurücktaumeln in ein blitzschnelles Abrollen umsetzen, das den Gegner kopfüber gegen den Aufbau des Seitenaltars warf und ihn bereits halb betäubte. Den Rest besorgte der junge Trapper mit einem Kinnhaken, um dann festzustellen, dass seine Begleiter ihre Aufgaben ebenfalls sehr zufriedenstellend erfüllt hatten.

Erst jetzt löste sich der Bann. Weinend fielen sich die befreiten Frauen in die Arme, während die Kinder wild durcheinander riefen.

Dann wurden auch die drei Männer aus allen Richtungen umarmt, und ehe sie sich ’s versahen, wurden sie mit einer Dankbarkeit überhäuft, die ihnen den Atem raubte.

Endlich konnte sich Kit zum Ausgang durchkämpfen.

Lasst frische Luft herein!“, rief er lachend den Befreiten zu. „Ihr habt sie lange genug vermisst!“

Er riss die Kirchentür auf - und erstarrte.

Kit hatte erwartet, dass die Plaza vor ihm völlig menschenleer sein würde.

Stattdessen fand er eine regelrechte Armee vor.

 

 

DAS ARCHIV

 

 

Die älteste weiße Siedlung auf dem Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten ist den wenigsten auf Anhieb bekannt. Als häufigste Antwort auf diese Frage wird man Plymouth Rock vernehmen, denn dort, südlich von Boston und im heutigen Massachusetts, betraten die Pilgerväter erstmals amerikanischen Boden.

Falsch, erwidert der versiertere Kenner, denn ein Dutzend Jahre vorher haben die Engländer an der virginischen Küste Jamestown gegründet.

Doch auch er irrt.

Bereits 55 Jahre vor Ankunft der Pilgerväter entstand in Florida St. Augustine, um bis auf den heutigen Tag ununterbrochen bewohnt zu bleiben - und somit bereits eine alte Stadt, als 1775 der Kampf um die Unabhängigkeit der 13 amerikanischen Kolonien ausbrach.

Lange zuvor hatte sie den Angriff französischer Hugenotten in Stufen zurückgeschlagen. Dann hatte sie Francis Drake bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Schon bald erstrahlte sie jedoch wieder in neuem Glanz, in einer Bauweise, deren Richtlinien Philipp II. für alle Städte seiner Kolonien folgendermaßen festgelegt hatte:

In einem kalten Klima sollten die Straßen breit, in einem warmen jedoch eng angelegt sein; nach spanischer Erfahrung boten enge Straßen viel Schatten und sogen wie enge Schornsteine die Luft erfrischend durch sich hindurch.

1672 wurde dicht vor dem alten Stadttor mit dem Bau des mächtigen Castillo de San Marcos begonnen, das die bis dahin im wesentlichen aus Holz bestehende Feste ersetzte. Noch heute steht diese Burg des Heiligen Markus wie für die Ewigkeit gebaut.

Ein erster Ansturm von Amerikanern aus dem Norden, aus Georgia und Carolina, blieb vergeblich. 1763 kam St. Augustine für 20 Jahre unter englische Herrschaft - im Austausch gegen Havanna, nachdem die Briten zunächst Kuba erobert hatten.

Als danach die alten spanischen Familien, die längst in Kuba heimisch geworden waren, wenig Lust an den Tag legten, wieder zurückzukehren, nahm der spanische Gouverneur den eklatanten Bevölkerungsschwund zum Anlass, eine gewisse Anzahl Amerikaner zur Besiedelung einzuladen.

General Andrew Jackson, der spätere Präsident, hatte keine Skrupel, diese Einladung auf seine Weise auszulegen. Er marschierte mit seinen Truppen durch Westflorida, ohne auf größeren Widerstand zu stoßen.

Am 10. Juli 1821 wurde Florida von Spanien an die Vereinigten Staaten abgetreten. Seit diesem Tag weht die amerikanische Flagge am höchsten Mast des Kastells, das dem Heiligen Markus errichtet wurde. Damals aber stand noch der siebenjährige Zweite Seminolenkrieg bevor.

 

*

 

Das Verwaltungsgebäude von St. Augustine spiegelte äußerlich noch ein wenig die Pracht vergangener spanischer Tage wider. Die Tätigkeitsdichte der darin spärlich verstreuten Staatsdiener hingegen wurde zur Zeit saisongerecht von den naturgesetzlichen Richtlinien zur Frühjahrsmüdigkeit bestimmt.

Beim Eintreten des sommersprossigen, rothaarigen Trappers unbestimmten Alters in speckigem Fransenleder runzelten einige Beamte die Stirn, andere rümpften die Nase. Diese ermutigenden Ansätze von Körperertüchtigung blieben auf den Trapper nicht ohne Eindruck. Bald jedoch stieg in ihm der Verdacht hoch, dass er sich zu Unrecht mangelnde Auffassungsgabe vorwarf, als er auf die drei verschiedenen Wegbeschreibungen zum Archiv jedes Mal fehlging.

Danach probierte er es in den zahllosen Gängen auf eigene Faust. Seine Geduld wurde belohnt, als er endlich auf einer Tür das Schild „Archiv” fand. Darunter waren handschriftlich zwei Sachbearbeiter namens Tockett und Crubbs eingetragen.

Da er auf sein Klopfen keine Antwort bekam, trat er unaufgefordert ein.

Zwei Beamtengesichter fuhren zu ihm herum, in deren schwerlidrigen Augen das volle Ausmaß der Empörung über den Eindringling zu lesen war, der es wagte, sie aus ihrer Arbeitsruhe aufzuschrecken.

Hallo, Jungs”, grüßte der Eintretende. „Ich wollte bei euch ein bisschen rumschnüffeln.”

Sie müssen sich schwer in der Tür geirrt haben, Mister”, raffte sich der blonde Tockett schnell zu einer Antwort auf.„Hier gibt ’s keinen Whiskey, keine Weiber und keinen Waschzuber.”

Das war Andrew und mir schon klar. Ich suche Landkarten, Lagepläne und Laberköpfe.”

Raus, oder ich lasse dich vom Hausdiener vor die Tür setzen!“, drohte der kraushaarige und dunkelhäutige Crubbs. „Eine solche Unverschämtheit!“

Andrew hat euch gleich richtig eingeschätzt“, erwiderte der Trapper ungerührt.

Wer ist dieser verfluchte Andrew?”, erkundigte sich Tockett vorsichtshalber. „Dein Kumpel wohl? Steht er etwa draußen?”

Mein Kumpel, ja”, feixte der Rothaarige. „Nein, er steht nicht draußen, aber er hat mir diesen Wisch hier für euch mitgegeben.”

Mit diesen Worten zog er ein Pergamentstück aus einer seiner Taschen, faltete es auseinander und hielt es den beiden hin.

Der Überbringer dieses Schreibens ist berechtigt, unbeschränkten Zugang zu sämtlichen öffentlichen Einrichtungen auszuüben, die er einzusehen wünscht“, las Crubbs laut.

Seine letzten Worte gingen in ein rollendes Schlucken über.

Was hast du?”, wollte Tockett wissen.

Die Unterschrift ist echt, Mann”, presste Crubbs hervor. „Man könnte die Schriftzüge fälschen, aber diese Tinte und das Siegel gibt es nur einmal.”

Wer hat unterschrieben? Andrew Oldham?”

Das Scherzen ist mir gerade vergangen. Lies selber, sonst glaubst du es nicht“

Tockett tat ihm den Gefallen. Danach wäre ihm vor Schreck beinahe das Blatt aus der Hand gerutscht.

Der Prä ... der Präsi ... der Präsi … “

Stell deine Stottermaschine ab, sonst schaffst du es nicht mehr bis zur Mittagspause, Gelbschnabel”, riet ihm der Trapper und nahm ihm die Vollmacht aus der Hand, um sie wieder einzustecken. „Ich brauche den ganzen Kartenkrempel über Florida, den euch die Spanier zurückgelassen haben. Kann ich jetzt endlich in euer Allerheiligstes?”

Er konnte; jeglicher beamtische Widerstand war in sich zusammengebrochen.

 

*

 

Nachdem die Lage geklärt war, begann für Rusty Forsythe eine anstrengende und unangenehme Tätigkeit: Er musste anhand der alten Pläne und Karten herausfinden, wohin man seinen Boss Charles Bent verschleppt haben konnte. Von dem Entführten war bisher kein Lebenszeichen aufgetaucht.

Es staubte fürchterlich, als er die uralten Dokumente entrollte. Jakob le Moynes „Floridae Americae Provinciae” legte er sofort wieder zur Seite. Ein Mann, der Fische zeichnete, über deren Kiemen aus zwei schlotförmigen Auswüchsen Wasser schoss, war ihm suspekt.

Wo sein Boss verschwunden war, wusste er ziemlich genau. Was er brauchte, waren Einzelheiten über Lage und Bau des verschollenen spanischen Forts, das Charles Bent hatte ausfindig machen wollen. Rusty Forsythe war überzeugt, dass sein Arbeitgeber dort einsaß.

Fündig wurde er erst gegen Ende des Tages in einer abgestoßenen Quartfolioschwarte, welche die Baupläne etlicher spanischer Befestigungen enthielt. Einer davon passte namentlich genau zu der Ortsmarkierung, die Rusty mit Hilfe mehrerer Karten zustande gebracht hatte.

Die groben Umrisse seines weiteren Vorgehens fügte er noch in dieser Nacht zusammen. Drei Tage benötigte er, um Mannschaft und Material zu vervollständigen. Am vierten Tag segelten sie zu siebent nach Süden los. Noch während der ganzen ersten Reisehälfte war Rusty Forsythe mit der Detailplanung beschäftigt. Und am Tag vor dem Erreichen der Everglades begann er noch einmal ganz von vorne.

 

 

DIE MASKE FÄLLT

 

 

Durch dieses Blätterdach kann man nicht einmal mehr den Sternenhimmel erkennen, Sir”, beschwerte sich Caggins flüsternd. „Hier ist es dunkler als unter sämtlichen geblümten Unterröcken meiner Schwiegermutter.”

Setze deiner Phantasie nur keine Grenzen”, erwiderte Rusty Forsythe. „Aber vergiss dabei das Rudern nicht.”

Ihre Paddel waren mit Tüchern umwickelt, um das Eintauchgeräusch zu dämpfen. Neben sämtlichem anderen Material lag ein Beil griffbereit. Das viersitzige Kanu, das bei der Anreise im Schoß des weit größeren Fischerbootes verborgen geblieben war, musste bei ihrer Rückkehr versenkt werden, wenn alles nach Plan gehen sollte. Zumindest der Wind würde dann auf ihrer Seite sein.

Ein Fischerboot war in diesen Gewässern noch am unverdächtigsten. Die Ausbeute an Blaukiemen, Rotmaulbarschen und Rotschwanzzahnkarpfen lohnte sich hier allemal. Tagsüber hatten die sieben Männer auch deutlich genug Fischfangvorbereitungen demonstriert. Ihr tatsächlicher beabsichtigter Beutezug war hingegen in aller Heimlichkeit vorbereitet worden.

Selbst wenn wir das ganze Zeug zurücklassen, wird es mit zwei zusätzlichen Männern auf der Rückfahrt verdammt eng”, flüsterte der Dritte im Bunde, der zähe alte Smiley, der leiser und schneller als eine Katze schleichen konnte und eigentlich Koch war.

Ich werde den Rückzug über die Landzunge zwischen den beiden Flussarmen decken”, war Rustys Antwort. ”Saxon und Bowdery folgen als seitliche Verstärkung, Helmer und Beaney halten das Boot segelbereit.”

Hoffentlich geht alles glatt”, ließ sich Caggins erneut vernehmen. „Glatt wie die aufgeblähten Backen meiner Schwiegermutter, wenn sie zu einer ihrer legendären Standpauken ansetzt … “

Halt jetzt lieber mal selbst die Luft an”, zischte Rusty Forsythe. Er sah die Flussgabelung auf das Kanu zukommen.

Welcher Arm?”, wollte Smiley wissen.

Der linke”, erwiderte Rusty. „Der rechte enthält eine raffinierte Netzfalle, die ich bei meiner ersten Erkundung gerade noch rechtzeitig bemerkt habe. Links kommen wir hingegen nur bis zu einem für das Kanu unpassierbaren Mangrovendickicht vor, das dafür nicht bewacht wird. Von dort geht es mit dem Material zu Fuß weiter. Bowdery wird als Kanuposten aufschließen. Zur Festung muss ich dann zunächst wieder alleine vor.”

In der Tat vergingen vier weitere Stunden, bevor sie endgültig zum Sturm ansetzten.

 

*

 

Im Schutz der Nacht war Rusty Forsythe an der landseitigen Wand der Festung hochgeklettert, wo die Steine am gröbsten gefügt waren. Schweißgebadet verharrte er in einer Zinnennische, bis seine Arme aufhörten zu zittern.

Die beiden Wachen, die über Sumpf und Wald spähten, standen an entgegengesetzten Enden und wechselten etwa viertelstündlich im entgegengesetzten Uhrzeigersinn die Ecken. Als eine der Wachen Rusty schon gefährlich nahe kam, schoss dieser mit seiner Steinschleuder auf die andere.

Am Kopf getroffen, kippte der Seminole lautlos über die Brüstung. Doch der erste Krieger nahm diese Bewegung noch aus dem Augenwinkel wahr und fuhr herum, wodurch er sich von Rusty wieder abwandte.

Forsythe zog sich mit einem Ruck ganz hoch und eilte mit weiten Sätzen auf ihn zu. Sein gezogenes Beil traf den Seminolen an der Schläfe, da dieser ihn gerade noch gehört und seinen Kopf gewandt hatte.

Es blieb ruhig.

Bis zur Ablösung war noch Zeit, und Rusty wusste, dass die aktiven Wachen dazu in das große gemeinsame Schlafgemach im Innern der Festung hinabstiegen, um ihre Nachfolger selbst zu wecken.

Zunächst wechselte er sein Schuhwerk aus Alligatorenhaut, das weder Dornen noch Muschelkanten durchdringen konnten, gegen Weichledermokassins aus, mit denen er sich lautlos fortbewegen konnte. Dann zog er den mitgebrachten Bauplan heraus, um herauszufinden, wo die Lüftungsschlitze aus dem Gemeinschaftsschlafsaal in die Außenmauer mündeten.

Er wurde fündig, nahm die umhüllten Schilde von seinem Rücken, ließ sie an Seilen an der Außenwand hinab, bis sie die Lüftungsgangmündungen vollständig bedeckten, und verknotete die Stricke dann hinter den Zinnen.

Ein rasch entzündetes, nach unten geworfenes Schwefelhölzchen war das Zeichen für den alten Koch, nun seinerseits zur Tat zu schreiten.

Smiley hatte bereits vor einer Viertelstunde unter seiner riesigen Pfanne Feuer entfacht. Es gab eingetrockneten Milchsaft aus der unreifen Samenkapsel des einjährigen Schlafmohns (Papaver somniferum), der einem Fermentationsprozess unterworfen, mit Tabak verknetet und nun erhitzt worden war. Die aufsteigenden Rauchwolken trieb der gewitzte Trapperkoch mit einem Blasebalg in die Wandmündung des Abfallganges, der vom Schlafsaal der Krieger nach unten führte. Den ruhenden Seminolen sollte das widerfahren, was ein Engländer namens de Quincey bereits vor zehn Jahren in einem vielgeschmähten Buch mit dem Titel „Bekenntnisse eines englischen Opiumessers” beschrieben hatte, welches auch dem letzten Briten klargemacht hatte, dass dieses Betäubungsmittel nicht ausschließlich medizinischen Zwecken diente.

Smiley selbst hielt sich zweckdienlich so weit wie möglich von den dichten Rauchschwaden fern. Er ließ überhaupt nichts an sich heran außer altem Bourbon, und auch diesen heute nicht. Wenigstens noch nicht.

Caggins war der geeignete Mann für dieses Unternehmen gewesen, weil er sich, abgesehen von seiner Schwiegermutter, tatsächlich vor nichts und niemandem auf dieser Welt fürchtete.

Er hatte sich durch eine der Schießscharten ins Innere der spanischen Festung zwängen können.

Nachdem er sich versichert hatte, dass der Rundgang menschenverlassen war, hatte er den Spund des ersten der mitgebrachten Fässchen geöffnet und damit begonnen, seine ganz persönliche Mixtur aus Holzkohle, Kalisalpeter und Schwefel in einer durchgezogenen Linie zu verteilen.

In einem toten Winkel entzündete er ein Schwefelhölzchen, um sich Forsythes Kopie der Gangpläne genauer anzusehen. Sie waren zeitlich voneinander relativ unabhängig, da ihr gemeinsames Vorgehen erst dann beginnen würde, wenn sie sich beide am vereinbarten Treffpunkt eingefunden hatten.

Da die Finsternis um ihn herum nicht vollständig war, fanden sich seine Augen allmählich zurecht. In der folgenden halben Stunde zog er mit seiner Pulvermischung geschlossene und offene Kreise, Schleifen und Einweglinien. Von allen führte ein Verlängerungsstrang in ein gemeinsames Zentrum.

Caggins folgte dem Plan weiter, bis Licht um eine Ecke fiel. Ein rascher Blick, und er stellte fest, dass links und rechts von der Verließtür, in der die Gefangenen stecken mussten, Fackeln in Halterungen brannten. Davor saß ein Wärter.

Ein Pulverhäufchen für sich, dann riskierte er mit dem weiter ausrinnenden Fass den Sprung auf die Gegenseite. Dort entzündete er das Ende der Spur so leise wie nur möglich.

Am Gangende vor ihm sah der Seminolenwächter urplötzlich eine zischende Flamme von rechts nach links fahren und in der Tiefe des abzweigenden Rundgangs weiterbrennen. Er griff nach seinem Speer und folgte dem Flammenschein.

Caggins stand hinter der rechten Krümmung bereit. Als der Krieger um die Ecke bog, schlug er ihn mit dem leeren Fass bewusstlos.

Details

Seiten
149
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905359
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (November)
Schlagworte
carson netz

Autor

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Titel: Kit Carson #11: Das Netz zieht sich zusammen