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Muhland: Heimat-Krimi

2016 130 Seiten

Leseprobe

A.F.Morland

 

 

MUHLAND

 

Im Abgrund lauert der Tod

 

 

Heimat-Krimi

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Fred1966/Pixabay und Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

"Er hätte dem Boss diplomatisch kommen müssen", brummte Godzilla. "Erst mal vorfühlen, verstehst du? Ein paar Andeutungen machen. Das Terrain sondieren. Nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. So ein unbedachter Schuss kann ja nur nach hinten losgehen."

Rambo leckte sich die trockenen Lippen. "Ich möchte jetzt nicht in Sawatzkis Haut stecken."

Godzilla sah ihn an. "Was wird der Boss unternehmen?"

Rambo zuckte mit den Achseln. "Keine Ahnung. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Oskar Sawatzki von dieser Klassenfahrt gesund und munter zurückkommt."

 

Das idyllisch gelegene Spannthal zwischen Franken und Bayernwald hat nicht nur eine Jugendherberge, die Berliner Schüler für eine Klassenreise beherbergt, eine Pfarrkirche und eine Gemeinde wo jeder noch jeden kennt. Hier zwischen Bergen und Tälern, frischen Wiesen und herrlich glasklaren Seen, ist die Welt noch in Ordnung.

Doch hinter dieser Pfarrhaus-Idylle gibt es menschliche und allzu menschliche Abgründe.

Mord und Totschlag. Und nicht nur einen Sünder, sondern viele reuige Sünder.

Spannthal und Berlin sind sich näher als man denkt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dank an Melina, die bezaubernde Tochter meines Verlegers,

ohne die dieser Roman nie geschrieben worden wäre.

 

 

 

 

 

Der Faustschlag war hart und brutal und traf Oskar Sawatzki völlig unverhofft, denn eigentlich war Rocco Panzer nur gekommen, um mit ihm zu reden. Doch Rocco (Vater Deutscher, Mutter Italienerin) war nicht allein erschienen. Er hatte zwei Schläger mitgebracht, und die konnten nur das Eine: Zuschlagen. Kraftvoll und grob. Und immer dort hin, wo es garantiert am meisten weh tat.

Sawatzki krümmte sich, hustete und würgte. "Verdammte Scheiße, was soll das?", ächzte er.

Panzer hob die Hand, damit seine vierschrötigen Freunde sich zurückhielten. "Entschuldige. Die Jungs müssen etwas missverstanden haben. Ich habe ihnen gesagt, dass ich deinetwegen sauer bin, und diese einfältigen Gimpel haben das falsch ausgelegt. Tut mir leid." Er zeigte auf Sawatzkis Hausbar. "Möchtest du was trinken?"

"Nein."

Sie befanden sich in Sawatzkis Wohnung. Berlin. 8. Bezirk. Neukölln. Richardplatz. Nahe der Bethlehemskirche. Erster Stock. Über einer Boutique, die Sawatzki gehörte. Er fuhr mindestens einmal im Monat nach Italien, um preiswert schicke Ware einzukaufen und schmuggelte nebenbei für Rocco Panzer seit geraumer Zeit Rauschgift ins Land. Bisher hatte das immer reibungslos und zu beider Zufriedenheit funktioniert.

Panzer wies auf die Sitzgruppe. "Setzen wir uns doch."

Er nahm Platz. Sawatzki ließ sich mit verzerrtem Gesicht in einen Sessel fallen. Die Gorillas blieben stehen. Sawatzki wusste nicht, wie sie hießen.

Er hatte sie noch nie gesehen. Einer hatte Blumenkohlohren, der andere eine eingeschlagene Nase. Sawatzki nahm an, dass sie ausrangierte Boxer waren.

Zu alt, um im Ring noch Karriere machen zu können. Aber noch jung genug, um Leute wie ihn nach allen Regeln der Kunst zu verdreschen.

"Du hast mich angerufen", sagte Rocco Panzer. Seine dichten schwarzen Augenbrauen waren über der Nasenwurzel zusammengewachsen. Das verlieh ihm ein stets finsteres, fast dämonisches Aussehen.

Sawatzki nickte. Er hatte noch mit den Nachwirkungen des Schlages zu kämpfen, den er vorhin einstecken musste. Sein brünettes Haar hing ihm wirr in die Stirn.

Es mag paradox klingen, aber er war froh, dass er mit diesen kriminellen Typen allein war. Aurea, seine Frau, musste beruflich ein halbes Jahr in Washington verbringen, und Mercedes, seine zwölfjährige Tochter, war zurzeit bei Lisa Rettnick, ihrer besten Freundin.

"Was du mir am Telefon gesagt hast, hat mich not amused", brummte Panzer vorwurfsvoll.

"Das kann ich mir denken, aber..."

"Warum?", fiel Panzer dem Boutiquenbesitzer mürrisch ins Wort. "Ich versteh's nicht. Kannst du es mir bitte erklären? Was ist auf einmal los mit dir? Plagt dich etwa plötzlich dein Gewissen?"

"Das ist es nicht, Rocco."

"Was ist es dann? Wie kannst du nur so undankbar sein? Ich habe dich gutes Geld verdienen lassen. Oder etwa nicht?"

"Doch."

"Ich war immer sehr großzügig."

"Das warst du."

"Und verständnisvoll."

"Das auch."

"Ich habe dich nie unter Druck gesetzt."

"Das stimmt..."

"Und auf einmal... Bamm!" Rocco Panzer schlug mit der flachen Hand auf den Couchtisch aus grünem Carrara-Marmor. Sawatzki zuckte heftig zusammen. "Wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ein Anruf von Oskar Sawatzki, meinem bislang zuverlässigsten Geschäftsfreund, der mir rücksichtslos eine eiskalte Dusche verpasst, indem er völlig unverblümt sagt, er will nicht mehr. Aus. Schluss. Basta. Er möchte nicht mehr für mich arbeiten, steigt aus, ob mir das nun passt oder nicht."

"So habe ich es nicht gesagt."

"Aber so ist es bei mir angekommen!", herrschte Rocco Panzer den Boutiquenbesitzer aufgebracht an. Er wurde aber gleich wieder leise. "Ich brauche dich, Oskar."

"Niemand ist unersetzlich. Du wirst einen andern finden."

"Das schon, aber nicht so rasch. Das braucht seine Zeit. Man muss sehen, ob die Chemie stimmt, ob man einander vertrauen kann. Vertrauen ist überhaupt das Allerwichtigste. Wenn das nicht vorhanden ist..." Panzer machte eine wegwerfende Handbewegung, seufzte und fragte: "Aus welchem Grund möchtest du aufhören, Oskar? Willst du mehr Geld?"

"Nein. Mir geht es nicht ums Geld."

"Sondern?"

"Auf der letzten Fahrt bin ich in Österreich in eine Polizeisperre geraten."

Rocco Panzer wusste davon. Sawatzki hatte es ihm berichtet. "Die haben einen Bankräuber gesucht."

"Sie haben mich auch gleich wieder weiterfahren lassen."

"Na also, was..."

"Die Geschichte ging zwar glatt ab, aber sie gab mir dennoch zu denken", sagte Sawatzki. "Ich wurde mir zum ersten Mal des Risikos bewusst..."

"Darüber habe ich dich nie im Unklaren gelassen."

"Das stimmt, aber mir wurde das erst in dieser Situation so richtig klar. Und es kommt noch etwas dazu..."

"Wie stehst du dazu, dass ich dich brauche?", unterbrach Panzer den Boutiquenbesitzer erneut. "Das kann dir doch nicht egal sein."

"Rocco..."

"Nachdem wir so lange mustergültig zusammengearbeitet haben."

"Wir sollten unsere Geschäftsbeziehung nicht überbewerten. Sie hätte jederzeit aus einem anderen Grund zu Ende sein können."

"Aus welchem?"

"Na ja, wenn die Bullen in Österreich den Stoff in meinem Wagen entdeckt hätten, säße ich jetzt im Knast und stünde dir ebenfalls nicht mehr zur Verfügung."

"Das wäre etwas anderes."

"Wieso? Ob ich jetzt hinter Schwedischen Gardinen sitze oder einfach nur aussteige, hat für dich den gleichen Effekt. Du kannst meine Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen und musst dich nach einem anderen Kurier umsehen."

Rocco Panzer atmete schwer aus. "Oskar, Oskar. Ich bekomme deinetwegen Magengeschwüre und graue Haare. Beides mag ich nicht. Ich könnte dich jetzt von meinen Männern brutal zusammenschlagen lassen und dich zwingen, weiterzumachen. Oder siehst du das anders?" Er faltete die Hände, als wollte er beten oder einen Heiligen nachahmen. "Aber ich bin ein friedliebender Mensch. Ob du's glaubst oder nicht. Ich verabscheue rohe Gewalt. Sie ist mir zutiefst in der Seele zuwider. Natürlich komme ich manchmal nicht umhin, sie anzuwenden, aber Spaß macht mir das nicht, darauf kannst du dich verlassen. Du hast eine süße Tochter..."

Sawatzki lief es kalt über den Rücken.

"Wie alt ist Mercedes?"

"Zwölf", antwortete Sawatzki heiser.

"Zwölf. Ein wunderbares Alter. Sie wird bald ihre Tage bekommen, zur jungen Frau aufblühen... Mercedes - der ganze Stolz ihres Vaters. Stell dir vor, ihr würde etwas zustoßen. Etwas sehr Schlimmes. Etwas, das sich nie wieder gutmachen lässt. Auf dem Schulweg. In der Schule. Auf einer Party... Sie könnte von einem Auto angefahren werden, aus dem Fenster stürzen, zu viel Stoff eingeflößt bekommen... Wäre das nicht entsetzlich?"

Oskar Sawatzki bebte vor Wut. Wenn die Gorillas nicht hinter ihm gestanden hätten, hätte er sich auf Rocco Panzer gestürzt und ihm so kräftig die Fresse poliert, dass er sich selbst nicht mehr erkannt hätte.

Panzer sah ihn mit leicht zur Seite geneigtem Kopf an. "Kann ich dich mit einer Sonderprämie umstimmen, Oskar?"

Sawatzki schüttelte den Kopf. "Ich brauche kein Geld mehr."

"Unsinn. Geld kann man immer brauchen."

"Meine Frau... Aurea... Sie hatte einen immens reichen Onkel in Hamburg. Er ist gestorben..."

"Und sie ist die einzige Erbin?"

Sawatzki nickte. "Die einzige."

"Mit anderen Worten, ihr schwimmt jetzt in Geld."

"Ich will nicht prahlen..."

"Aber du bist auf meine Peanuts nicht mehr angewiesen."

"Ich brauche nichts Kriminelles mehr zu tun."

Rocco Panzer überlegte. "Ich finde, ein klein wenig Dankbarkeit wäre von deiner Seite her durchaus angebracht, was meinst du?"

Oskar Sawatzki schwieg. Die Schmerzen ließen langsam nach.

"Ich mache dir einen Vorschlag und wäre dir sehr dankbar, wenn du ihn annehmen würdest. Mercedes fährt doch demnächst mit ihrer Schulklasse in die Berge."

Sawatzki nickte nervös und fragte sich, worauf Panzer hinaus wollte. "Das ist richtig", bestätigte er.

"Und du hast dich bereit erklärt, mitzufahren, um den Klassenvorstand ein wenig zu entlassen."

"Ja, habe ich."

"Würdest du für mich bei dieser Gelegenheit eine letzte Lieferung übernehmen?"

Sawatzki schwieg.

"Nur noch dieses eine Mal", sagte Panzer, "und du brauchst diesmal nicht einmal nach Italien zu fahren, könntest dich mit Adriano Ravelli im romantischen Spannthal treffen, die Ware in Empfang nehmen und..."

Sawatzki kniff die Augen zusammen. "Nur noch dieses eine Mal?"

"Nur noch dieses eine Mal", bestätigte Rocco Panzer. Er hob die rechte Hand. "Ich schwör's."

"Na schön", gab Sawatzki nach. "Einmal mache ich es noch. Aber dann ist Schluss."

"Und wir trennen uns in Freundschaft", sagte Rocco Panzer lächelnd, aber dieses Lächeln erreichte seine Augen nicht, und das hätte Sawatzki zu denken geben müssen, doch es fiel ihm nicht auf.

*

Toni, der Kater, war zwar nicht mehr der Jüngste, aber immer noch ungemein clever, wenn es darum ging, sich ein Extra-Leckerchen zu erschnurren.

Er strich so lange um die Beine der Pfarrhaushälterin, bis sie weich war, wobei er seinen Schwanz kerzengerade hochreckte, als wollte er durch unübersehbares Aufzeigen dezent auf sich aufmerksam machen.

Frau Sägebrecht und der schwarze Kater waren, abgesehen von gelegentlichen kleinen Meinungsverschiedenheiten, seit Jahren ein Herz und eine Seele.

An diesem Morgen hatte Melitta Sägebrecht es eilig, doch das konnte Toni natürlich nicht davon abhalten, sich schnurrend an ihren Schienbeinen und Waden zu reiben.

Frau Sägebrecht musste sehr genau aufpassen, wo sie hintrat, denn der samtpfötige Kater war überall - ein lebendes Hindernis, das sich an allen Orten unvermittelt aufbaute und über das man ziemlich böse stürzen konnte. Die Köchin war beim Bäcker aufgehalten worden. Nun musste sie sich sputen, denn Kaplan Gmeiner durfte nicht zu spät in die Schule kommen. Er hatte gleich in der ersten Stunde Religionsunterricht, und wenn er nicht pünktlich war, ging es in der Klasse drunter und drüber.

Hastig stellte Frau Sägebrecht das Körbchen mit den Brötchen auf den Tisch. "Der Kaffee ist gleich soweit", sagte sie. Als sie sich umdrehte, stolperte sie über Toni. "Kruzi..." Sie presste schnell die Lippen zusammen und schaute verlegen zur Tür, in der soeben der Pfarrer erschienen war.

Orthold Lura grinste breit. "Was höre ich da aus deinem Mund, Melitta?", fragte er belustigt.

Frau Sägebrecht legte die Hand betroffen auf ihre Lippen und murmelte: "Mein Gott, jetzt sage ich es auch schon. Aber ist es ein Wunder, wenn man es von Ihnen täglich zu hören bekommt, weil Sie sich nicht beherrschen können?"

"Es befreit doch. Oder etwa nicht?"

"Es gehört sich nicht für einen katholischen Priester, so etwas zu..."

"Unser Herrgott wird es mir nachsehen", fiel der grauhaarige Pfarrer seiner Haushälterin ins Wort und setzte sich zu Theodard Gmeiner.

Endlich war der Kaffee durch die Maschine gelaufen. Frau Sägebrecht stellte die Kanne auf den Tisch, und als ihr der Kater abermals ein Bein stellen wollte, war für sie das Maß voll.

"Toni!", schrie sie erbost. "Jetzt reicht es aber!" Sie bückte sich, griff sich das Tier mit beiden Händen und trug es hinaus in den Küchengarten. "Du gehst jetzt ein bisschen an die frische Luft!", sagte sie energisch.

"Miau!", beschwerte sich Toni.

"Jawohl, Miau! Und lass dich erst in einer halben Stunde wieder blicken, dann habe ich Zeit für dich, eher nicht." Sie kehrte zu Pfarrer Lura und Kaplan Gmeiner zurück.

"Sie waren schon mal netter zu Toni", schmunzelte Theodard Gmeiner.

"Immer wenn ich es eilig habe, streicht er mir besonders aufdringlich um die Beine", erwiderte Melitta Sägebrecht harsch. "Das macht er extra."

"Er liebt Sie."

"Er liebt das Futter, das ich ihm gebe."

"Sie tun ihm unrecht."

"Na schön, vielleicht tue ich ihm unrecht. Ich habe jedenfalls keine Lust, mir schon am frühen Morgen ein Bein oder einen Arm zu brechen", sagte Frau Sägebrecht spröde. Damit war das Thema für sie beendet.

Orthold Lura goss Milch in seinen Kaffee. "Wie geht es in der Schule?", fragte er den jungen Kaplan.

"Ganz gut."

"Sind die Schüler sehr aufgeweckt?"

"Es sind ein paar Rabauken dabei, die ganz gern den Unterricht stören würden, aber ich habe sie recht gut im Griff."

"Wenn Sie den Religionsunterricht interessant gestalten wollen, müssen Sie versuchen, Vergangenes mit Gegenwärtigem zu verbinden."

Theodard Gmeiner biss von seinem Brötchen ab, das er mit zwei Scheiben Schinkenwurst belegt hatte. "Das tue ich, und ich streue ab und zu einen Witz ein, um den ernsten Stoff ein wenig aufzulockern." Der 31-jährige Kaplan lächelte. "Heute werde ich zum Beispiel den erzählen: Ein Heide hat zum ersten Mal in seinem Leben an einem Gottesdienst teilgenommen. 'Wie war's?' wollen seine heidnischen Freunde neugierig wissen. 'Sehr schön', gibt der Gefragte Auskunft. 'Zuerst hat der Pfarrer gesprochen, und dann wurde ein Körbchen mit Geld herumgereicht... Ich hab' mir auch zwanzig Euro genommen.'"

Orthold Lura lachte. "Wo haben Sie denn den her?"

"Der Totengräber hat ihn mir gestern erzählt." Gmeiner leerte seine Kaffeetasse.

"Da wir gerade bei der Kollekte sind: Die letzte ist ziemlich mager ausgefallen", sagte Pfarrer Lura unzufrieden. "Ich muss bei der nächsten Predigt mal wieder die Gebefreudigkeit unserer Schäfchen ein wenig wachrütteln."

Der Kaplan erhob sich. "Ich muss gehen."

Er verließ das Pfarrhaus und ging zu Fuß zur Schule, denn es lohnte sich nicht, die paar Schritte mit dem Motorrad zu fahren. Schwester Philomena, die das Barbaraheim leitete, das sich gegenüber der Schule befand, kam ihm entgegen.

"Guten Morgen, Schwester", grüßte er freundlich.

"Guten Morgen, Herr Kaplan. Schöner Tag heute."

Theodard Gmeiner blinzelte in die Sonne. "Ja, den sollte man frei haben."

"Was würden Sie dann tun?"

"Mit dem Motorrad durch die Botanik fahren und mich an ihrem wunderschönen Anblick erfreuen."

"Dafür haben Sie nach dem Unterricht ja immer noch Zeit", gab Philomena, eine resolute, aber auch sehr hilfsbereite Frau, zurück. Im Barbaraheim kamen betagte alte Leute unter, um die sich sonst niemand kümmerte. Das Heim wurde von der Gemeinde und der Kirche zu gleichen Teilen unterhalten.

Theodard Gmeiner streckte den Zeigefinger hoch. "Falls nicht, wie so oft, irgendetwas Unvorhergesehenes dazwischenkommt."

*

Rocco Panzer stieg wütend in seinen dicken schwarzen BMW. Es gab nichts, was der Wagen nicht hatte. Automatik, Spurassistent, ABS, Luftfederung, Rückfahrkamera, Navi und und und. Alles gegen Aufpreis natürlich. Aber Geld spielte bei Panzer ja keine Rolle. Er stieg ein. Der Gorilla mit der kaputten Nase setzte sich auf den Beifahrersitz. Der mit den Blumenkohlohren stieg hinten ein. Panzer nannte sie insgeheim und nur für sich Rambo und Godzilla, doch das wussten sie nicht.

"Dieser gottverdammte Hurensohn!", wetterte Panzer. "Was bildet der sich ein? Schmeißt einfach alles hin."

"Wir hätten ihm mit Vergnügen sämtliche Gräten gebrochen, Boss", sagte der auf dem Beifahrersitz. Also Rambo.

"Ja", meldete sich der andere - Godzilla. "Ein Wort hätte genügt und..."

"Das Arschgesicht braucht kein Geld mehr, scheißt auf die paar Kröten, die er von mir bekommt."

"Du zahlst doch nicht schlecht."

"Bei mir steigt man nicht einfach so aus." Panzer schnippte mit den Fingern. "Wenn ich ihm das durchgehen lasse und andere seinem Beispiel folgen, fällt alles, was ich mir in all den Jahren mühsam aufgebaut habe, wie ein Kartenhaus in sich zusammen, und dazu darf es nicht kommen." Er startete den Motor und fuhr los.

"Was wirst du tun?", fragte Rambo und rieb sich die eingeschlagene Nase.

"Ja, was hast du im Sinn?", fragte Godzilla.

Rocco Panzers Augen funkelten böse. "Ein Exempel werde ich statuieren. Damit alle sehen, dass man mit mir so nicht umspringen kann."

*

In Spannthal war wohl niemand weniger beliebt als die giftigen Schwestern Amelia Steffel und Ricarda Bonnangel. Das Gesetz hätte sie zum Tragen eines Schildes mit der Aufschrift "Vorsicht! Bissig!" verpflichten sollen, damit gleich jeder wusste, woran er mit ihnen war.

Ihnen an einem so wunderschönen Morgen über den Weg zu laufen, musste schon beinahe als Strafe Gottes angesehen werden - und ausgerechnet Philomena musste das passieren.

"Grüß Gott, Schwester", sagte Amelia Steffel mit gespielter Freundlichkeit. "So früh schon unterwegs?"

"Ja, in die Apotheke."

"Sie sind doch hoffentlich nicht krank."

"Nein, einer meiner Schützlinge hat mich gebeten, ihm das Medikament, das Doktor Plauensteiner ihm gestern verschrieben hat, zu holen", gab die Gemeindeschwester zurück und wollte gleich weitergehen, aber sie kam an den großen, stetig Gift verspritzenden Frauen nicht vorbei.

"Kann er das nicht selbst tun? Sie sind viel zu gut, Schwester Philomena. Dadurch nutzen alle Sie aus."

"Ich fühle mich nicht ausgenutzt, wenn ich einem alten Menschen, der nicht mehr gut laufen kann, einen kleinen Gefallen tue."

"Es muss ziemlich anstrengend sein, das Barbaraheim zu leiten", sagte Amelia Steffel. Man konnte wirklich nicht mit Sicherheit feststellen, wer das bissigere Luder war - sie oder ihre Schwester.

"Ich schaff' das schon", erwiderte Philomena, die die Schwestern ebenso wenig mochte wie die übrigen viertausend Einwohner des Dorfes, und sie machte auch kein Hehl daraus.

"Sie sollten mal ausspannen. Sie sehen müde aus", tat Ricarda Bonnangel besorgt.

Im hellen Schein der Morgensonne glichen die Haare der Schwestern brennenden Dornenbüschen.

"Ja, wirklich. Diese Schatten unter Ihren Augen sollten nicht sein", meinte Amelia Steffel voller falscher Anteilnahme.

"Wann haben Sie zum letzten Mal Urlaub gemacht?"

"Voriges Jahr."

"Dann wird's mal wieder Zeit, würde ich sagen. Oder, noch besser: Lassen Sie sich von Doktor Plauensteiner auf Kur schicken. Dann machen Sie Urlaub und brauchen nichts dafür zu bezahlen."

"Wie die Schmidtbergers zum Beispiel", wusste Ricarda Bonnangel sofort zu berichten. "Die kosten unsere Krankenkasse einen hübschen Batzen Geld. Vor zwei Monaten war Magnus Schmidtberger auf Kur, jetzt fährt seine Frau. Und was fehlt den beiden? Nichts."

Amelia Steffel zog die Mundwinkel nach unten. "Ein bisschen Rheuma haben sie."

Ihre Schwester winkte ab. "Das haben wir alle. Aber lassen wir es uns deshalb gleich auf Krankenkassenkosten gutgehen? Nein. Wir kurieren unsere Wehwehchen zu Hause aus."

"Weil wir dumm sind", sagte Amelia Steffel.

"Während andere sich gratis ein schönes Leben machen", nickte Ricarda.

Amelias Augen wurden schmal. "Wenn der Magnus keinen Kurschatten hatte, fresse ich einen Besen."

Ricarda lachte schadenfroh. "Jetzt hat seine Frau Gelegenheit, es ihm heimzuzahlen."

"Und wir bezahlen dieses Lotterleben auch noch mit unseren Beiträgen. Eine Schande ist das."

"Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit", setzte Amelia noch eins drauf. "Dass Doktor Plauensteiner so etwas unterstützt, ist mir unbegreiflich."

"Wo gibt es heutzutage noch Sitte, Anstand und Moral?", fragte Ricarda Bonnangel anklagend. "Als ich jung war, wurde auf so etwas noch geachtet, da wurden diese Werte noch hochgehalten, aber heute..."

"Saudumm und Gomorrha."

"Sodom", korrigierte Amelia ihre Schwester.

"Genau", sagte Ricarda, die ehemalige Lehrerin, die das Lehramt aufgegeben hatte, weil sie sich nicht länger mit der "heutigen Jugend" herumärgern wollte.

Amelia nickte grimmig. "Vielleicht sollten wir Doktor Plauensteiner auch mal bitten, uns einen Gratisurlaub zu verordnen."

"Gleiches Recht für alle."

Die Gemeindeschwester bat die Frauen, sie zu ent-schuldigen. "Ich habe noch vieles zu erledigen", sagte sie, "und so ein Vormittag ist schnell herum."

"Sie sollten sich Ihre Zeit besser einteilen", empfahl Amelia Steffel.

"Und sich vor allem nicht von jedem in die Apotheke oder sonst wohin schicken lassen", meinte Ricarda Bonnangel. "Die Leute, die in Ihrem Heim wohnen, sind alt. Sie haben jede Menge Zeit, mit der sie ohnedies nichts Rechtes anzufangen wissen."

"Die Bewohner des Barbaraheims sind alt, arm und zum Teil schon sehr gebrechlich, aber sie sind mir lieber als Leute, die an ihren Mitmenschen kein gutes Haar lassen", gab die Gemeindeschwester spitz zurück und setzte ihren Weg fort.

Ricarda Bonnangel sah ihr mit gefurchter Stirn nach. "Wen hat sie damit gemeint? Doch nicht etwa uns?"

"Nein", gab Amelia Steffel kopfschüttelnd zurück, "uns nicht, denn wenn wir über jemanden schlecht reden, dann ist es die Wahrheit - und die wird man ja wohl noch ungeniert sagen dürfen."

*

Rocco Panzer besaß ein Haus in Spandau, dem flächenmäßig viertgrößten Bezirk Berlins. In Stresow, an der Spreemündung. Seine Wut war inzwischen auf Frostgrenze abgesackt, und das machte ihn besonders gefährlich.

"Mach mir einen Drink", verlangte Panzer von Rambo, gleich nachdem er heimgekommen war.

"Wie immer?"

Panzer nickte.

Rambo nahm eine Flasche aus der Hausbar. Auf dem Etikett stand: Grappa Riserva Antica Cuvée. Er warf einen kinderfaustgroßen Eiswürfel ins Glas und goss die goldene Flüssigkeit darüber.

"Hier, Boss." Er reichte Panzer den Drink.

"Danke. Und jetzt verzieht euch."

Rambo und Godzilla gingen auf die Terrasse und zündeten sich jeder eine Zigarette an. Panzer wanderte im Wohnzimmer grübelnd hin und her. Wenn Oskar Sawatzki seinen Blick gesehen hätte, wäre er mit seiner Tochter auf der Stelle ausgewandert.

Rambo deutete mit dem Daumen – die Zigarette klemmte zwischen Zeige- und Mittelfinger - über seine Schulter. "Der Boss wird Sawatzki über die Klinge springen lassen."

Godzilla nickte. "Mit Sicherheit."

"Und ich bin nicht mal traurig", sagte Rambo. "Wenn einer so dämlich ist, verdient er's nicht besser." Er zog an seiner Zigarette und ließ den Rauch durch die deformierte Nase heraus sickern.

"Er hätte dem Boss diplomatisch kommen müssen", brummte Godzilla. "Erst mal vorfühlen, verstehst du? Ein paar Andeutungen machen. Das Terrain sondieren. Nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. So ein unbedachter Schuss kann ja nur nach hinten losgehen."

Rambo leckte sich die trockenen Lippen. "Ich möchte jetzt nicht in Sawatzkis Haut stecken."

Godzilla sah ihn an. "Was wird der Boss unternehmen?"

Rambo zuckte mit den Achseln. "Keine Ahnung. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Oskar Sawatzki von dieser Klassenfahrt gesund und munter zurückkommt."

*

Kornelius Wannemacher, Apotheker und Vorsitzender des Kirchengemeinderats, betrat das Pfarrhaus mit grimmiger Miene.

"Nanu, Herr Wannemacher", sagte Melitta Sägebrecht verwundert. Sie war gerade beim Kartoffelschälen. "Was ist Ihnen denn über die Leber gelaufen?"

Die Furche über der Nasenwurzel des 55-jährigen Mannes wurde noch tiefer. "Ist der Herr Pfarrer da?"

Die Wirtschafterin nickte. "In seinem Arbeitszimmer."

"Darf ich ihn stören?"

"Wenn es etwas Wichtiges ist."

"Ich muss mit ihm über Kaplan Gmeiner reden."

"Was passt Ihnen denn diesmal nicht an ihm?" Kornelius Wannemacher war fast immer gegen alles und vor allem gegen die Ansichten des jungen Kaplans, deshalb wollte sich Melitta Sägebrecht sogleich schützend vor Theodard Gmeiner stellen.

Doch Wannemacher antwortete nur: "Das werde ich dem Herrn Pfarrer sagen."

Orthold Lura arbeitete an seiner Sonntagspredigt. Das Gerippe stand schon, nun wollte er darangehen, Fleisch dranzuhängen, damit das Ganze einen kompakten Körper bekam. Es klopfte. Der Geistliche hob den Kopf. "Ja, bitte?"

Die Tür öffnete sich, und der Kirchengemeinderatsvorsitzende trat ein. "Grüß Gott, Herr Pfarrer, haben Sie ein bisschen Zeit für mich?"

"Natürlich. Setzen Sie sich. Was kann ich für Sie tun?"

Der Apotheker nahm Platz und rieb die feuchten Handflächen an seinen Schenkeln trocken. "Ich habe eine Beschwerde vorzubringen", sagte er.

"Eine Beschwerde." Orthold Lura nickte bedächtig. Er trug wie immer seinen schwarzen Habit, den er nur zum Schlafen ablegte.

"Ja", sagte der Apotheker rau.

"So, so. Und worüber oder über wen möchten Sie sich beschweren, Herr Wannemacher?"

"Über Ihren Stellvertreter."

"Womit hat er denn diesmal Ihr Missfallen erregt?"

"Mir gefällt die Art und Weise nicht, wie er seinen Religionsunterricht gestaltet."

"Was haben Sie daran auszusetzen?", wollte Lura vom Apo-theker wissen.

"Mir kam zu Ohren, dass er den Schülern Witze erzählt, anstatt ihnen den katholischen Glauben nahezubringen. Witze! Im Religionsunterricht! Das ist doch keine Karnevalsveranstaltung!"

Orthold Lura lehnte sich zurück. Seine blauen Augen wurden etwas dunkler. "Ich finde nichts Verwerfliches daran." Der Geistliche stellte sich oft nur deshalb hinter seinen Kaplan, um Kornelius Wannemacher zu ärgern, doch diesmal tat er es, weil er davon überzeugt war, dass Theodard Gmeiner seinen Unterricht richtig gestaltete. "Haben Sie schon mal versucht, Kinder, die eine Menge Schabernack im Kopf haben, dazu zu bringen, Ihnen eine volle Stunde lang aufmerksam zuzuhören, Herr Wannemacher?"

"Witze haben im Religionsunterricht keinen Platz. Die Religion ist eine ernste, seriöse Sache."

Der Geistliche lächelte. "Wem sagen Sie das."

"Man hört die Schüler bis auf die Straße heraus schallend lachen."

"Ist doch schön, wenn sie fröhlich sind. Lachen ist gesund."

Der Apotheker schüttelte trotzig den Kopf. "Nicht während des Religionsunterrichts."

"Ach, Herr Wannemacher, sind Sie wirklich so humorlos, oder wollen Sie unserem Kaplan, der Ihnen seit seinem ersten Tag hier in Spannthal ein Dorn im Auge ist, nur mal wieder auf die Zehen treten?"

"Ich verlange, dass Kaplan Gmeiner seinen Religionsunterricht mit der nötigen Würde und Seriosität - wie man sie von einem Vertreter der Kirche ja wohl erwarten darf - gestaltet."

"Na schön, Herr Wannemacher", nickte Orthold Lura freundlich, "ich nehme Ihre Forderung zur Kenntnis."

Der Apotheker musterte den Geistlichen unsicher. "Und?"

"Was - und?"

"Werden Sie Kaplan Gmeiner die entsprechende Weisung erteilen?"

"Nein", antwortete Orthold Lura trocken und erhob sich. "War das alles, was Sie vorzubringen hatten? Dann entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe an meiner Predigt zu arbeiten."

*

Nachdem Rocco Panzer seinen Grappa getrunken hatte, rief er eine Nummer in Italien an. Eine reife Frauenstimme meldete sich.

Er nannte seinen Namen. Sie wusste, wer er war. Er verlangte Adriano Ravelli zu sprechen, doch sie sagte: "Oh, das tut mir sehr leid, Signore Panzer. Mein Sohn ist nicht im Haus."

"Wann kommt er zurück?"

"Das weiß ich nicht."

"Er soll mich anrufen, wenn er heimkommt."

"Ich sage es ihm, Signore Panzer. Er wird das sicher auch sofort tun. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Signore."

"Ich Ihnen auch", gab Rocco Panzer oberflächlich zurück und legte auf.

Zwanzig Minuten später meldete sich Adriano Ravelli. "Hallo, Rocco. Meine Mutter hat gesagt... Geht es dir gut? Gibt es ein Problem? Wie ist das Wetter in Berlin?" Er lachte. "Wann wird euer Flugplatz endlich fertig?"

Panzer ging nicht darauf ein. "Hör zu, du musst etwas für mich erledigen."

"Jederzeit."

"Oskar macht Schwierigkeiten."

"Sawatzki?"

"Wer sonst?"

"Welche Art von Schwierigkeiten macht er denn?", wollte Adriano Ravelli wissen.

"Er will aussteigen, aufhören, nicht mehr weitermachen."

"Ist er verrückt?"

"Seine Frau hat eine Menge Kohle geerbt."

"Und jetzt ist er auf keine Nebeneinkünfte mehr angewiesen", nahm Ravelli an.

"Du sagst es." Wut und Hass funkelten in Panzers Augen. "Der Schweinehund wirft mir seinen Job rotzfrech vor die Füße. Das kann ich mir nicht bieten lassen."

"Würde ich mir an deiner Stelle auch nicht gefallen lassen", sagte Ravelli. "Wenn das jeder tun würde..."

"Wenn Sawatzki nicht mehr für mich arbeitet... Der Mann wird dadurch für mich zum Sicherheitsrisiko."

"Sehe ich auch so."

"Er muss weg."

"Soll ich mich um ihn kümmern?", erkundigte sich Adriano Ravelli.

"Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du das übernehmen würdest."

"Ist schon so gut wie erledigt."

"Warst du schon mal in Spannthal?", fragte Rocco Panzer.

"Nein. Wo ist das?", fragte Adriano Ravelli.

Panzer erklärte es ihm.

"Okay", sagte Ravelli.

"Es ist eine Klassenreise geplant. Mercedes Sawatzki wird daran teilnehmen und ihr Vater wird die Reise mitmachen, um den Klassenvorstand zu entlasten." Panzer senkte die Stimme. "Ich möchte, dass Sawatzki von dieser Fahrt in die Berge nicht zurückkommt."

"Das lässt sich arrangieren."

"Es sollte wie ein Unfall aussehen."

"Kein Problem. Die Berge sind hoch. Die Schluchten sind tief."

"Ich gebe dir noch genau Bescheid, wann die Reise losgeht. Dann fährst du nach Spannthal, triffst dich mit Sawatzki und... Alles Weitere überlasse ich dir."

Adriano Ravelli lachte. "Mal sehen, ob Oskar fliegen kann."

*

"Fertig mit Packen?", fragte der vierzigjährige Magnus Schmidtberger seine Frau.

Justina Schmidtberger, ein Jahr jünger als er, fest und drall, nickte. "Ja."

Er zog sie in seine Arme. "Du wirst mir fehlen."

"Wegen der Arbeit, die du jetzt allein machen musst?", fragte die Bäuerin.

"Blödsinn. Weil ich gern mit dir zusammen bin." Magnus sah gut aus. Früher, bevor er verheiratet gewesen war, war kein Weiberrock vor ihm sicher gewesen.

Doch nach der Hochzeit war der Zugvogel sesshaft geworden. Er und Justina hätten gern drei, vier Kinder gehabt, aber es hatte leider nicht damit geklappt, und so war ihre Ehe kinderlos geblieben. Sie hatten sich inzwischen mit dieser gottgewollten Fügung abgefunden. Kinder zu adoptieren kam für Magnus Schmidtberger nicht in Frage. Er wollte entweder eigene Kinder haben oder keine.

Er küsste Justina, die die gleiche Kur in derselben Anstalt machen würde wie er. "Die drei Wochen werden dir guttun. Wie neugeboren wirst du dich hinterher fühlen." Er kniff sie in die Wange. "Ich habe dich jede Woche mindestens einmal angerufen, und das werde ich wieder tun."

"Ich freue mich, wenn du anrufst", sagte Justina.

Magnus hob den Finger. "Lass dir ja nicht den Kopf verdrehen."

"Keine Angst, ich lege mir schon keinen Kurschatten zu."

"Das Angebot an feschen Männern wird sicher sehr groß sein, und sie haben nach der Behandlung den ganzen Tag nichts Besseres zu tun, als Jagd auf hübsche Frauen zu machen."

"Mich interessiert kein anderer Mann. Du weißt, dass du dich auf mich verlassen kannst. Ich könnte dich nie betrügen."

"Ich hätte es auch nicht gekonnt, obwohl die Auswahl recht verlockend war. Ich hätte jede Menge Chancen gehabt."

Justina nickte. "Das kann ich mir sehr gut vorstellen."

"Man sollte es nicht für möglich halten, wie verheiratete Frauen sein können, wenn sie mal Gelegenheit haben, aus dem Ehealltag auszubrechen. Von damenhafter Zurückhaltung keine Spur. Manche sind angekommen und haben gleich am ersten Tag die Männer unter sich aufgeteilt. Du nimmst diesen, du jenen, ich den."

"Und wer wollte dich haben?", fragte Justina.

"Eine gewisse Edelburga König", sagte Magnus, "aber sie hat mich nicht gekriegt."

"Und das hat sie so einfach hingenommen?"

"Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden. Wir wurden Freunde, gingen miteinander spazieren, machten Ausflüge, unterhielten uns, aber mehr passierte nicht."

"War sie schön, diese Edelburga König?"

"Sie sah nicht übel aus." Magnus nahm Justinas Koffer und trug ihn aus dem Haus. Sie mussten mit dem Traktor fahren, weil ihr Wagen ohne Motor in der Garage stand.

In zwei Wochen würde Magnus einen Austauschmotor bekommen und ihn selbst einbauen. Er war in diesen Dingen sehr geschickt, obwohl er den Beruf des Automechanikers nicht erlernt hatte. Man kann sich auch durch viel Zusehen und Mithelfen bei Freunden so manches aneignen.

Sie fuhren durch die Hauptstraße, vorbei an der Diskothek "Sunset", Richtung Bahnhof. Der Postherbert winkte ihnen und rief: "Gute Erholung, Justina!"

Die Bäuerin winkte lächelnd zurück. "Danke!"

"Schreib mir mal eine Karte!"

Justina lachte. "Da du sowieso jede Karte liest, genügt es, wenn ich Magnus eine schicke und einen Gruß für dich mit drauf schreibe."

Sie erreichten den Bahnhof. Magnus stellte den Traktor davor ab und half seiner Frau beim Absteigen, dann nahm er ihren Koffer und trug ihn auf den Bahnsteig.

Magnus warf einen Blick auf die große Bahnhofsuhr. "Noch zehn Minuten", sagte er.

"Versprich mir, dass du ordentlich essen wirst", verlangte Justina.

Magnus schmunzelte. "Mal beim Lindenwirt, mal beim Brückenwirt, mal im Gasthaus 'Zur Post' und mal in der Pizzeria."

"Nichts da! Jeden Tag essen gehen, kommt zu teuer. Du wirst dir schön brav selbst was zubereiten, und du wirst essen, was ich für dich vorgekocht und eingefroren habe. Wenn ich zurückkomme, muss die Kühltruhe leer sein, verstanden?"

Er legte die Hände an die Hosennaht und schlug zackig die Hacken zusammen. "Jawohl, Herr General - äh - Frau General!", sagte er grinsend.

Der Zug kam. Magnus stieg mit seiner Frau ein und verstaute ihren Koffer. Es war noch Zeit für einen herzhaften Kuss, dann musste Magnus raus.

Justina beugte sich aus dem Fenster. Sie hatte Tränen in den Augen. "Gott, was bin ich blöd", sagte sie und lachte verlegen. "Wieso heule ich, als wäre es ein Abschied für immer?"

"Ich hab' dich lieb", sagte Magnus.

"Ich dich auch."

Der Zug fuhr weiter, und Magnus winkte seiner Frau so lange, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Er kam sich ziemlich schäbig vor, weil er Justina so dreist belogen hatte. Erstaunlich, wie glatt ihm die Unwahrheit über die Lippen gekommen war. Als wäre sein Gewissen so rein wie das eines neugeborenen Kindes. Dabei hatte er seine Frau mit Edelburga König jeden Tag betrogen - drei Wochen lang! Liebe Güte, wenn Justina das gewusst hätte. Sie wäre Amok gelaufen.

Er war Edelburga gleich am Nachmittag des ersten Tages im Anstaltspark begegnet und hatte sie mit riesigen Glotzaugen angestarrt.

Sie hatte gelacht. "Habe ich einen Tintenklecks in meinem Gesicht?"

"Wie-Wieso?", stammelte er. Er war völlig durcheinander. So etwas war ihm noch nie passiert. Bei ihm hatte der Blitz eingeschlagen.

"Nach Ihrem Blick zu schließen, muss ich ganz schrecklich aussehen", sagte sie mit einem traumhaften Schmelz in der Stimme.

"O nein, nein", beeilte er sich zu sagen, "Sie sehen großartig aus. Wunderbar. Bezaubernd. Bi-Bildhübsch sind Sie."

Sie senkte kokett den Blick. "Vielen Dank."

"Bi-Bitte." Er ärgerte sich über seine Unsicherheit, aber sie war so umwerfend schön, und er hatte im Flirten keine Übung mehr.

Sie streckte ihm unvermittelt die Hand entgegen. "Ich bin Edelburga."

Er ergriff die Hand. "Ich heiße Magnus."

"Ich bin heute angekommen", sagte Edelburga.

"Ich auch."

"Aus welcher Stadt?", wollte Edelburga wissen.

"Aus Spannthal, das ist ein Dorf mit viertausend Einwohnern zwischen Franken- und Bayernwald."

Sie nickte, aber er sah ihr an, dass sie noch nie von Spannthal gehört hatte. "Ist es ein schönes Dorf?", erkundigte sie sich.

"Mir gefällt es, und den Leuten, die aus der Stadt zu uns auf Sommerfrische kommen, auch." Langsam legte sich seine Nervosität, er wurde sicherer. Immerhin sah er ja auch nicht übel aus. "Woher kommen Sie, wenn man fragen darf?"

"Aus München", antwortete Edelburga.

Sie trug ein cremefarbenes schlank geschnittenes und sehr elegantes Kostüm aus fast transparentem Feingabardine. Er versuchte sich Justina darin vorzustellen. Es war ihm nicht möglich. Seine Frau hätte so etwas nicht tragen können. Sie war zwar nicht dick, aber vollschlank, und deshalb hätte sie in diesem todschicken Kostüm unmöglich ausgesehen.

"Da ist mir zu viel Betrieb", sagte Magnus.

"Ich bin ihn gewohnt", gab Edelburga achselzuckend zurück. "Werden Sie auch drei Wochen hier sein?"

"Ja."

Sie sah sich um und seufzte. "Ich kenne hier niemanden."

Magnus lächelte. "Sie kennen mich", sagte er. Allmählich kam sein eingerosteter Charme wieder in Schwung. "Wenn Sie nicht allein sein möchten... Ich will es auch nicht... Wir könnten uns zusammentun..."

Da war ein interessiertes Funkeln in ihren himmelblauen Augen. "Ich nehme Ihr Angebot gerne an."

"Das freut mich, freut mich ungemein."

Ohne es zu merken, hatten sie angefangen, nebeneinander herzugehen, und es war ihm, als würde er Edelburga schon eine Ewigkeit kennen. Es war so angenehm, sich mit ihr zu unterhalten. Sie konnte zuhören, und sie ging auf alles ein, was er sagte. Sie entdeckten gemeinsam den großen Park und fühlten, wie sie einander näher und näher kamen. Ein schlechtes Gewissen hatte Magnus nicht. Was tat er denn schon? Er unterhielt sich mit einer intelligenten, gebildeten Frau, die zufällig auch wunderschön und äußerst begehrenswert war. Das durfte er doch. Dagegen konnte Justina nichts haben. Justina... Er verdrängte sie aus seinen Gedanken. Sie war nicht da. Aber Edelburga war da, und sie zog ihn so sehr an, dass sein Herz jedes Mal anfing zu rasen, wenn er ihr in die großen, funkelnden Augen sah.

In ihm erwachten beunruhigende Wünsche und Sehnsüchte, und seine Phantasie ging immer wieder mit ihm durch. Er stellte sich Dinge vor... Dinge! O Gott! Man ist eben nur ein Mensch, dachte er. Ein Mann. Nicht aus Holz. Man fühlt, man sieht, man reagiert, man empfindet... Ich bin nicht mit der Absicht hierhergekommen, mich gleich am ersten Tag in ein leidenschaftliches Abenteuer zu stürzen, aber wenn es jetzt passieren würde, ich hätte nicht die Kraft, dagegen anzukämpfen.

Sie zögerten es bis nach dem Abendessen hinaus - aber dann... Magnus wusste inzwischen, dass Edelburga seit zwei Jahren geschieden war. Sie war hungrig. Ein verzehrendes Feuer loderte in ihrem Blick, der ihm verriet, dass er alles von ihr haben konnte. Alles! Von dieser bildschönen, verführerisch attraktiven Frau! Ich glaube, nicht einmal Kaplan Gmeiner könnte dieser ungeheuren Versuchung widerstehen, brachte Magnus in Gedanken zu seiner Entschuldigung hervor, kurz bevor er kapitulierte, und den Dingen, die sich ohnedies nicht hätten aufhalten lassen, ihren Lauf ließ...

Von da an geschah es immer wieder - jeden Tag. Und Magnus hätte sich selbst belogen, wenn er behauptet hätte, dass es auch nur ein einziges Mal gegen seinen Willen passiert und ihm unangenehm gewesen wäre. Das Gegenteil war der Fall. Jedes Zusammensein mit Edelburga glich einem süßen Rausch, der ihn süchtig machte und nach dem er sich immer wieder aufs Neue sehnte, sobald er vergangen war.

*

Das Telefon läutete. Oskar Sawatzki griff sich den Hörer. "Ja, bitte?" Am andern Ende war seine Frau. "Aurea. Hallo, mein Schatz. Wie geht es dir?"

"Ich vermisse dich." Sie seufzte sehnsüchtig.

"Du fehlst mir auch. So ein halbes Jahr kann sich ganz schön ziehen."

"Vielleicht sollte ich es nicht sagen...", sagte Aurea Sawatzki gedehnt.

"Was?"

"Na ja, es hört sich wahrscheinlich – irgendwie... schmutzig an. Nicht schön. Herzlos..."

"Ich weiß nicht, was du meinst, Schatz."

"Wenn – wenn mein Onkel zwei Monate früher gestorben wäre, wäre ich nicht nach Amerika gegangen", sagte Aurea Sawatzki. "Ich hätte gekündigt. Findest du das gefühlskalt, charakterlos, egoistisch?"

"Nein", antwortete ihr Mann, "finde ich ganz und gar nicht. Der alte Mann hatte sowieso nichts mehr vom Leben. Er wusste ja nicht einmal mehr, was um ihn herum passierte, ob er noch lebt oder schon tot ist. Eine Verkürzung seines Leidens um zwei Monate wäre ihm nur entgegengekommen."

"Und wir wären zusammen geblieben."

"Es hat nicht sollen sein", sagte Sawatzki bedauernd.

"Geht es dir gut, Oskar?", fragte seine Frau.

"Abgesehen davon, dass ich dich wahnsinnig gern bei mir hätte, geht es mir ausgezeichnet", log er.

"Du klingst aber nicht so."

Sie hat verdammt gute Ohren, dachte er. "Wie klinge ich denn?", wollte er wissen. Sie hatte keine Ahnung von seinen Geschäften mit Rocco Panzer, und so sollte es auch bleiben.

"Ich weiß nicht...", meinte Aurea unsicher. "Als hättest du Schmerzen. Als würde dir etwas weh tun. Als würde dich etwas bedrücken."

Er bemühte sich, ihre Sorge zu zerstreuen. "Nein, Schatz, es ist alles in bester Ordnung. Ehrlich. Hier ist alles im grünen Bereich."

"Was macht Mercedes?"

"Sie ist bei Lisa Rettnick."

"Grüße sie bitte von mir."

"Mach ich."

"Wann findet die Klassenfahrt statt? Ich habe den Termin vergessen."

Er nannte ihn.

"Freut Mercedes sich schon darauf?", fragte Aurea.

"Einerseits ja, anderseits... Na ja, ich glaube, es wäre ihr lieber, wenn ich zu Hause bliebe. Von wegen väterlicher Kontrolle und so. Man kann sich ja doch nicht so wie die andern austoben, wenn der Papa in der Nähe ist."

"Aber sie wird auch ein bisschen stolz darauf sein, dass sie als einzige ihren Vater mit dabei hat", sagte Aurea.

Er dachte an Rocco Panzers Besuch und an die gemeinen Drohungen, die der Schweinehund ausgestoßen hatte, und er war froh, dass seine Frau nichts von alledem wusste.

*

Der neue Witz war prima angekommen, die Schüler hatten herzlich gelacht und hinterher regeren Anteil am Religionsunterricht genommen. Sie mochten den jungen Kaplan, sahen in ihm nicht bloß ein Mitglied des "ehrwürdigen" Lehrkörpers, sondern eher einen guten Freund, mit dem man über alles reden, an den man sich wenden konnte, wenn man Sorgen hatte, der sich stets bemühte, einem zu helfen und so gut wie nie um einen Rat verlegen war. Sie hatten Vertrauen zu Theodard Gmeiner und wären jederzeit für ihn - ebenso wie er für sie - durchs Feuer gegangen. Einer für alle, alle für einen. Wie die Musketiere. Die meisten von ihnen lernten den Religionsstoff nicht, weil er sie so rasend interessierte, sondern um dem Kaplan zu imponieren und ihm eine Freude zu machen. Selbst der schlechteste Schüler glänzte mit einem Wissen, das ihm kein anderer Pädagoge zu vermitteln vermocht hätte.

Einer von ihnen lief Theodard Gmeiner nach der Unterrichtsstunde nach. "Herr Kaplan! Herr Kaplan!"

Gmeiner, der das Klassenzimmer verlassen hatte, blieb stehen und drehte sich um. "Ja, was gibt's?"

Der sommersprossige Junge hüstelte. "Ich muss Ihnen etwas sagen."

"Ich höre."

"Der Wannemacher..."

Theodard Gmeiner lächelte. "Du meinst, der Herr Wannemacher."

"Der Apotheker will sich über Sie beschweren."

"Du weißt, man soll niemanden verraten", tadelte Gmeiner den Jungen.

"Ich habe gestern gehört, wie der Apotheker zu seiner Frau sagte..."

"Du weißt, man soll niemanden belauschen", rügte Theodard Gmeiner den Schüler abermals.

"Der Wannemacher... Herr Wannemacher... Der Apotheker sagte zu Frau Wannemacher: 'Morgen gehe ich zum Herrn Pfarrer und rede mit ihm über seinen unmöglichen Kaplan. Gmeiner bringt seine Schüler während des Religionsunterrichts zum Lachen, erzählt ihnen Witze. Das ist nicht seriös. Ein Skandal ist das. Man muss dem Kaplan diese unerhörte Respektlosigkeit vor der Lehre des Glaubens unverzüglich ab-stellen, muss ihm unmissverständlich klarmachen, dass die Religion ein ernstes Thema ist, über das man nicht zu lachen hat.'"

Theodard Gmeiner legte dem Jungen die Hand auf die Schulter. "Es war zwar nicht uninteressant, was du mir eben erzählt hast, mir wäre es aber trotzdem lieber gewesen, du hättest es für dich behalten, weil..."

"Weil man nicht petzt."

Der Kaplan nickte lächelnd. "So ist es, mein Junge. Trotzdem - danke."

"Der Wannemacher... Der Herr Wannemacher war inzwischen bestimmt schon beim Herrn Pfarrer."

"Das ist anzunehmen", sagte Gmeiner zustimmend.

"Meinen Sie, Sie kriegen jetzt Schwierigkeiten?"

Gmeiner lachte unbesorgt. "Nein, bestimmt nicht."

"Wir mögen es, wie Sie den Religionsunterricht gestalten."

"Das weiß ich, und deshalb wird sich auch in Zukunft nichts daran ändern", versicherte der Kaplan dem sommersprossigen Schüler.

"Aber der Apotheker ist Vorsitzender im Kirchengemeinderat."

"Er steht trotzdem mit seiner Meinung allein", lächelte Gmeiner und schickte den Jungen ins Klassenzimmer zurück. Unbekümmert verließ er das Schulgebäude. Er brauchte sich wirklich keine Sorgen zu machen. Wenn der Apotheker sich hinter seinem Rücken an Pfarrer Lura gewandt hatte, hatte er bei diesem mit Sicherheit auf Granit gebissen.

Die Sonne lachte ihm vom wolkenlosen Himmel ins Gesicht und stimmte ihn fröhlich. Jetzt schnell nach Hause, rein in die schwarze Lederkluft, rauf aufs frisch geputzte Motorrad und raus in die wunderschöne Natur. Das hatte Theodard Gmeiner vor, doch es sollte ihm etwas höchst Unerfreuliches dazwischenkommen...

*

"Ich soll dich von Mama grüßen", sagte Oskar Sawatzki, als seine Tochter nach Hause kam.

Die Zwölfjährige hatte langes blondes Haar, himmelblaue Augen, ein süßes kleines Stupsnäschen, war eine hübsche, quirlige junge Dame, auf die ihre Eltern mächtig stolz waren. Und das mit Recht, denn Mercedes war ein sehr angenehmes Kind, brav, leicht lenkbar, lernwillig, klug, folgsam... Vater und Mutter konnten ihr voll vertrauen.

"Danke", sagte Mercedes. "Geht es ihr gut?"

"Sie vermisst uns."

"Wir sollten mal wieder mit ihr skypen, sonst wissen wir bald nicht mehr, wie sie aussieht."

Er nickte. "Das machen wir in den nächsten Tagen. Wie war's bei Lisa?"

"Wie immer."

"Ist sie noch immer so wahnsinnig in diesen Justin Bieber verknallt?"

"Nicht mehr."

"Wen liebt sie jetzt?"

"Du wirst es nicht glauben."

"Wer ist der Glückliche?", wollte Oskar Sawatzki wissen.

"Elvis Presley."

"Das gibt es nicht."

"Ich habe ja gesagt, du wirst es nicht glauben."

"Der Mann ist seit x Jahren tot."

"Aber sie haben ein neues Album von ihm herausgebracht – mit dem Royal Philharmonic Orchestra neu arrangiert -, und das findet Lisa megamäßig cool..."

"Und du?"

Mercedes zuckte mit den Achseln. "Geht so." Sie musterte ihren Vater. "Ist alles okay, Papa?"

"Warum fragst du?"

"Du siehst aus, als hättest du Magenschmerzen."

Er legte die Hand auf seine Magengrube und runzelte die Stirn. "Eine kleine Unpässlichkeit. Nichts von Bedeutung."

Mercedes ging in ihr Zimmer und Oskar Sawatzki verfluchte Rocco Panzer und dessen Gorillas einmal mehr.

*

Er hatte seine Frau betrogen, und es hatte ihm gefallen. Er war aufgeblüht, war zu einem neuen Menschen geworden, hatte sich großartig gefühlt. Nicht die Kur hatte Magnus Schmidtberger so gutgetan, sondern Edelburga König, in die er rasend verliebt und mit der er jeden Tag zusammen war. Er lebte in diesen drei Wochen ein anderes Leben, war nicht der Mann, der seiner Frau Treue bis zum Tod gelobt hatte, fühlte sich frei und ungebunden. Wenn er mit Justina telefonierte, schlüpfte er für kurze Zeit in seine alte Haut und hatte mit dem, was der andere Magnus Schmidtberger getan hatte, nichts mehr zu tun. So einfach war das. Auf diese Weise konnte er mit seiner Frau ohne alle Schuldgefühle reden. Schließlich ging es ihn ja nichts an, was andere Leute - zu denen auch dieser andere Magnus Schmidtberger gehörte - taten. Niemand konnte ihn für die Handlungen fremder Menschen verantwortlich machen. Nach dem Telefonat zog er die alte Haut stets rasch wieder aus, stellte sie in seinem Zimmer achtlos in die Ecke und kehrte unbelastet zu Edelburga König zurück, um mit ihr all die berauschenden Dinge fortzusetzen, die er als verheirateter Mann nicht hätte tun dürfen.

Aber drei Wochen sind nur drei Wochen und leider keine Ewigkeit, wie Magnus es sich gewünscht hätte. Die Tage rasten dahin, und je näher das Ende des Kuraufenthaltes kam, desto schneller vergingen sie, als würden sie von einem boshaften, schadenfrohen Teufel angetrieben. Magnus hatte Angst, in eine deprimierende Leere zu fallen, wenn er nach Spannthal zurückkehrte. Natürlich liebte er Justina noch immer, aber ganz anders als Edelburga, von der ein einziger Blick genügte, um sein Blut in Wallung zu bringen.

Am letzten Abend liebten sie sich wilder, leidenschaftlicher und tabuloser denn je. Immer und immer wieder. Bis zur totalen Erschöpfung. Als wollten sie von der Erinnerung daran recht, recht lange zehren. Dann saßen sie engumschlungen auf einer Parkbank, schauten zum nächtlichen Himmel hinauf und zählten die Sterne. Edelburga kannte viele Sternbilder. Sie zeigte sie ihm, und er nahm sie zum ersten Mal bewusst wahr, obwohl sie immer schon dagewesen waren.

Magnus wurde von Stunde zu Stunde schweigsamer, ernster und trauriger.

"Woran denkst du?", fragte Edelburga.

"Morgen ist es aus und vorbei mit unserem wunderbaren Traum. Du kehrst nach München zurück, ich nach Spannthal."

Sie strich ihm zärtlich übers dunkle Haar. "Alles Schöne geht einmal zu Ende. Ich wusste das von Anfang an. Du nicht?"

"Ich wollte es nicht wahrhaben, hab's immer wieder verdrängt."

"Wir haben unsere Erinnerung", versuchte sie ihn zu trösten. "Die kann uns niemand nehmen."

Durch seinen Körper ging ein jäher Ruck. "Ich will nicht, dass es aufhört, Edelburga. Es muss nicht zu Ende sein, bloß weil diese drei Wochen um sind. Es kann weitergehen."

Sie lachte leise. "Wie stellst du dir das vor? Auf mich wartet niemand in München, aber in Spannthal wartet deine Frau auf dich. Du bist ein verheirateter Mann, Magnus. Muss ich dich wirklich daran erinnern?"

"Wir werden eine Lösung finden."

"Was für eine Lösung?", fragte Edelburga. "Willst du dich von Justina scheiden lassen?"

"Eine andere Lösung."

"Wirst du Justina von nun an ständig belügen? Weißt du, wie anstrengend das ist? Was glaubst du, wie lange du das durchhalten würdest? Du wärst diesem permanenten Stress sicherlich nicht lange gewachsen, und hinterher wäre alles nur noch viel schlimmer."

"Ich möchte dich nicht verlieren."

Edelburga schmiegte sich sanft an ihn. "Unsere Wege haben uns für kurze Zeit zusammengeführt. Wir durften drei traumhaft schöne Wochen miteinander verbringen. Lassen wir es doch dabei bewenden."

Er schüttelte trotzig den Kopf. "Nein."

"Ich hätte dich für vernünftiger gehalten."

"Ich könnte ab und zu nach München kommen."

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738905298
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341301
Schlagworte
muhland heimat-krimi

Autor

Zurück

Titel: Muhland: Heimat-Krimi