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Heldenhafte Seemänner #9: Wo das Blut zu Eis gefriert

2016 130 Seiten

Zusammenfassung

Das norwegische Walfangboot „Frida“ kreuzt vor der Antarktis. Immer auf der Jagd nach den Riesen des Eismeeres. Aber als sie auf einen Wal stoßen und diesen nicht gleich erlegen können, beginnt eine Kette von unglücklichen Ereignissen, die im Untergang der „Frida“ enden.
Nur eine Handvoll Männer kann sich auf das Eis retten. Nun beginnt ein gnadenloser Überlebenskampf in der Hölle des ewigen Winters. Die Seemänner hoffen, von einem weiteren Walfangboot aufgegriffen zu werden, das ebenfalls in der Nähe kreuzt. Aber keiner der Gestrandeten ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass sie von diesem Schiff keine Hilfe mehr erwarten können. Denn die schottische Besatzung des zweiten Walfängers muss sich ebenfalls durch die eisige Wildnis kämpfen...

Leseprobe

HELDENHAFTE SEEMÄNNER

 

Band 9

 

Wo das Blut zu Eis gefriert

 

Ein Roman von Glenn Stirling

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Willy Stöwer und Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Das norwegische Walfangboot „Frida“ kreuzt vor der Antarktis. Immer auf der Jagd nach den Riesen des Eismeeres. Aber als sie auf einen Wal stoßen und diesen nicht gleich erlegen können, beginnt eine Kette von unglücklichen Ereignissen, die im Untergang der „Frida“ enden.

Nur eine Handvoll Männer kann sich auf das Eis retten. Nun beginnt ein gnadenloser Überlebenskampf in der Hölle des ewigen Winters. Die Seemänner hoffen, von einem weiteren Walfangboot aufgegriffen zu werden, das ebenfalls in der Nähe kreuzt. Aber keiner der Gestrandeten ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass sie von diesem Schiff keine Hilfe mehr erwarten können. Denn die schottische Besatzung des zweiten Walfängers muss sich ebenfalls durch die eisige Wildnis kämpfen...

 

 

 

 

 

 

Wal voraus!“, gellte der Ruf des Ausgucks über das mit dickem Reif behaftete kleine Walfangboot.

Es war, als erwachten das Schiff und seine Besatzung jäh aus seiner Erstarrung. Mit einem Mal kam Leben auf die Brücke. Oben im Ruderhaus wurde die kleine Tür zur Brückennock aufgeschlagen, der Kapitän, dick vermummt in Pelzkleidung, trat in die eisige Kälte hinaus und starrte nach vorn. Unmittelbar danach kam ein ebenso dick vermummter Mann schwerfällig über den Laufsteg, der von der Brücke direkt zum Bug an die Harpune führte.

Das relativ kleine Dampfboot „Frida“ stampfte in der Dünung. Stücke von Treibeis schlugen polternd gegen den hölzernen Rumpf des Schiffes.

Die „Frida“ war eines der ersten, speziell für den Walfang gebauten Dampfboote, das nur mehr einen Mast mit einer Nottakelage besaß, die man gegebenenfalls besegeln konnte. Im Augenblick hingen statt der Segel nur Eiszapfen an den Rahen, war der Mast dick mit Eis umpanzert.

Das alles interessierte die Männer auf der Brücke nicht, und auch die anderen, die jetzt auf Deck auftauchten, nachdem sie der Ruf „Wal voraus!“ wie elektrisiert nach oben gescheucht hatte, starrten nur nach vorn, dort, wo eben die gewaltige Schwanzflosse

eines riesigen Blauwals die Wellen peitschte, dann aber verschwand.

Unmittelbar danach war die charakteristische gewaltige Fontäne zu sehen, als der Wal ausatmete. Noch schien der Wal nicht zu spüren, welche Gefahr ihm von dem Mann drohte, der sich jetzt vorn an der Harpune zu schaffen machte. Ein zweiter Mann, ebenfalls dick in Pelz vermummt, arbeitete sich nach vorn, begann dort die vereisten Leinen neu aufzuschießen, während der Befehl „Volle Fahrt voraus!“ von der Brücke in den Maschinenraum ging.

Wenig später schon quoll dicker Rauch aus dem Schornstein, wurde vom scharfen Wind leewärts gedrückt, wo er sich über dem Meer ausbreitete und bis hinüber zu den Eisbergen zog, die wie ein Gebirge aus dem Wasser ragten.

Die Fahrt der „Frida“ wurde immer schneller. Das Stampfen der Maschine erschütterte das ganze Schiff.

Vorn, am Bug, hatte der Harpunier die Vorbereitungen für den Schuss getroffen. Sein Helfer hatte die Leine aufgeschossen und ging jetzt über den Laufsteg zurück zur Brücke.

Das ganze Deck war mit einer Eisschicht überzogen. Nur um den Schornstein herum hatte die Wärme einen kleinen Kreis freigehalten vom Frost. Der Ruß, der aus dem Schornstein quoll, wurde vom Wind auf die Steuerbordseite gedrückt und färbte dort das Eis an Reling und Schanzkleid schwarz.

Der Wal war wieder aufgetaucht, prustete eine Fontäne nach oben, die aussah wie Dampf. Und dann tauchte er wieder unter, zeigte nur noch die gewaltige SchwanzFloße und verschwand dann völlig.

Verbissen spähte der Harpunier über das von Treibeis bedeckte Meer. Plötzlich brüllte der Mann am Ausguck: „Backbord voraus! Backbord!“

Der Harpunier riss den Kopf zur Seite, entdeckte nun den Wal, dessen Rücken wie der Rumpf eines gekenterten Schiffes aus dem Wasser ragte.

Der bärtige Harpunier wischte sich mit dem Rücken seines Handschuhs die Eiskristalle vom Bart, die von seinem Atem gebildet wurden. Er rieb sich die erstarrte Nase und spähte dann mit konzentrierter Spannung auf den Wal.

Das Handzeichen, das der Harpunier zur Brücke hingab, war völlig unnötig. Der Kapitän des Fangbootes hatte längst den Kurs gewechselt, und nun hielten sie in schneller Fahrt auf den Wal zu.

Der Harpunier packte mit beiden Fäusten die Griffe der Harpunenkanone, hob sie etwas an, dass sich die Mündung senkte, aus der diese riesige Harpune herausragte, und dann hatte er über Kimme und Korn den Rücken des Wals im Visier.

Das Boot näherte sich rasch. Noch immer blieb der Wal arglos.

Er war ein besonders kräftiges, riesiges Exemplar. Der Harpunier Knut Fritjof spürte in allen Fasern seines Körpers die Erregung, die ihn jedes mal befiel, bevor er den Schuss mit der Harpune löste. Aber diesmal war es angesichts der Größe der Beute besonders stark.

Hundert Meter, achtzig Meter, sechzig Meter, und immer noch jagte das Dampfboot auf den Wal zu. Jetzt kam der kritische Augenblick. Tauchte der Wal plötzlich weg, war alles vergeblich. Dann mussten sie weiter nach ihm jagen, ihn verfolgen, auch die Gefahr, dass er dahinterkam, was man von ihm wollte, wuchs mit jedem Mal, wie sie sich ihm näherten.

Aber dieser Wal zeigte keine Furcht. Er schwamm immer nach oben. Im Gegenteil, es schien, als erregte die Nähe dieses kleinen Dampfbootes seine Neugier, als erkenne er in dem Schiff so etwas wie einen eigenartigen Artgenossen. Er kam herum, hielt jetzt sogar auf das Boot zu.

Das war der Augenblick!

Fritjof zog die Harpunenkanone noch etwas herum, dann hatte er den Wal im Visier und riss den Abzug durch.

Die Harpune fegte auf den Wal zu und riss die Leine, die mit ihr verbunden war, in rasender Geschwindigkeit hinter sich her.

Fritjof war ein erfahrener Mann. Er wusste, dass die Leine für den Harpunier die größte Gefahr bildete. Nach dem Abschuss war er sofort zur Seite gesprungen, um nicht von der Leine erfasst und womöglich mitgerissen zu werden, wie er das schon einmal bei einem Kollegen erlebt hatte.

Die Leine war gut aufgeschossen und spulte sich ohne Schwierigkeiten ab.

Da! Die Harpune hatte getroffen; genau an der richtigen Stelle saß sie.

Aber was war das? Die Sprengladung explodierte nicht. Jene Sprengladung, die vorn an der Harpune angebracht war und dafür sorgen sollte, dass der Wal getötet wurde, obgleich dies nicht immer gelang und sehr häufig der Wahl nur schwer verletzt blieb und erst nach einiger Zeit starb. Diesmal aber steckte nur die Harpune in seinem Leib, und es war wie früher, als sie mit Booten, die von Männern gepullt wurden, die Wale jagten. Fritjof war damals schon dabeigewesen. Und er wusste, was es bedeutete, dass die Harpune in dem Wal steckte, der Wal aber nur verletzt war.

Und nun tauchte er weg. Das Blut, das aus der Wunde quoll, färbte das Wasser zwischen den Eisschollen.

Die Leine spulte sich blitzartig von der aufgeschossenen Rolle ab; immer schneller und immer tiefer tauchte der Wal.

Dann kam der Augenblick, wo die Leine völlig abgewickelt war. Ein Ruck ging durch das ganze Schiff, als sich die Leine spannte.

Fritjof hatte schon die Bordaxt in der Hand und wollte die Trosse kappen.

Da brüllte der Kapitän von der Brückennock her: „Lass sie! Er kommt uns nicht mehr weg!“

Der Wal schleppte das Schiff. Er war größer als das Dampfboot. In seiner Verzweiflung entwickelte er eine Kraft, der die Maschine des Bootes nicht gewachsen war.

Aber der Kapitän wollte den Zweikampf aufnehmen.

Die Harpune aufladen!“, schrie er nach vorn. „Wenn er auftaucht, gibt ihm den nächsten Schuss!“

Drei Männer kamen zu Fritjofs Hilfe nach vorn. Auf dem Eis war jeder Schritt gefährlich. Sie mussten sich an den ausgepannten Handleinen festhalten. Dann waren sie vorn und bereiteten die Harpune für einen neuen Schuss vor. Diesmal wurde der Sprengsatz vorn in der Harpunenspitze genau überprüft. Alles schien in bester Ordnung.

Der Wal kam jetzt wieder hoch. Als er ausblies, war Blut in dieser Fontäne, die da über den Wasserspiegel hinausschoss. Der gewaltige schwarze Rücken teilte das Meer und schob die Eisschollen beiseite.

Jetzt!“, brüllte der Kapitän. „Jetzt!“

Die Entfernung war groß. Viel zu groß für einen sicheren Schuss, und trotzdem versuchte es Fritjof.

Sie hatten eine stärkere Trosse am Ende der Harpune angebracht, eine, mit der man ein Schiff abschleppen konnte. Viel stärker als jene Leine, die das Schiff jetzt schon mit dem Wal verband.

Fritjof, der erfahrene Harpunier, berücksichtigte das Gewicht der schwereren Trosse und hielt höher. Dann fauchte die Harpune nach dem Abschuss auf den Wal zu. Und gerade in dem Augenblick, als er untertauchen wollte, traf sie ihn.

Sie traf ihn schlecht. An dieser Stelle, das wusste Fritjof sofort, konnte ihn auch die Sprengladung nur verletzen und nicht töten. Er würde irgendwann verenden, nach Stunden vielleicht. Aber nicht sofort. Viel zu spät für das Schiff, denn die Harpune saß fest. Das konnte Fritjof genau sehen. Der Wal tauchte unter, und sofort färbte sich das Meer dort rot. Der Wal riss die Trosse mit nach unten, die mit der zweiten Harpune verbunden war, und sie hielt ihn fest.

Diese Trosse hatten sie am Ende mit einer Seilwinde, einer sogenannten Harpunenwinsch, verbunden. Und diese dampfgetriebene Winde sollte den Wal dichter ans Boot heranbringen. Noch war es nicht soweit. Noch ließen sie die Trosse mit dem Wal auslaufen. So, als wollten sie ihm freie Hand geben. Das war im Augenblick auch das beste. Denn noch besaß der Wal so viel Kraft, dass er imstande gewesen wäre, das Boot zum Kentern zu bringen.

Die Trosse war lang, so lang, dass der Wal vielleicht schon glauben mochte, entkommen zu sein. Aber dann konnten sie ihn nicht mehr länger an dieser Trosse wie an einer langen Leine laufen lassen. Wieder kam dieser Ruck, der so stark war, dass alle an Bord fürchteten, das Boot werde in zwei Teile gerissen. Jetzt schleppte der Wal wieder das Boot.

Die Stahltrosse hielt. Das Boot lief mit Rückwärtsfahrt. Und trotzdem fuhr es voraus, gezogen vom Wal, der mehr Kräfte entwickelte als die Maschine. Diese Fangboote besaßen eine starke Maschine, aber sie war nicht stark genug gegen die Energie, die der Wal entwickelte. Trotz der Rückwärtsfahrt wurde das Boot immer schneller und schneller vorausgeschleppt. Noch lag vor dem Boot die glatte See. Nur in der Ferne ragten die Spitzen zweier Eisberge aus dem Wasser. Genau darauf hielt der Wal zu, als ahnte er, welche Gefahr ein Eisberg für ein Schiff darstellte.

Kapitän Larsen auf der Brücke und Knut Fritjof vorn an der Harpune glaubten in den fernen Eisbergen keine Gefahr. Sie fürchteten vielmehr das Treibeis, das bei der Richtung, die sie einhielten, immer dichter wurde. Die „Frida“ fuhr genau mit Südkurs, was soviel bedeutete, wie genau mit Kurs auf das Schelf-Meer, das vom Packeis wie versiegelt war. Das Boot rüttelte und schüttelte unter der rückwärtslaufenden Maschine, die doch nichts gegen die Kraft des Wals auszurichten vermochte. Mit der Urgewalt eines Meeresgiganten zog der Wal das Schiff wie einen Spielball hinter sich her. Und er hinterließ eine Spur, eine rote Spur im Meer, die sogar an manchen Stellen das Treibeis färbte.

Irgendwann, dachte Eric Larsen, der Kapitän des Fangbootes, verbissen, muss er doch geschwächt sein. Alle anderen, die wir bisher an der Harpune hatten, waren jetzt schon erledigt. Und er zieht und zerrt, als wäre das alles gar nichts, und als böte die starke Maschine der „Frida“ keinerlei Widerstand.

Vielleicht ahnte Eric Larsen in diesem Augenblick die Gefahr, die ihm von diesem Wal drohte, ihm und dem Schiff, ihm und den übrigen elf Besatzungsmitgliedern, von denen allein sechs unter Deck an der Maschine Dienst taten.

Die Männer, die jetzt Freiwache hatten und eigentlich ein paar Mützen Schlaf nehmen konnten, waren ebenso wach und gespannt wie ihre Kameraden, die Dienst tun mussten. In diesen Augenblicken vermochte keiner an Bord zu schlafen. Ein Wal hier an der Harpune, ein Wal, der ein Duell mit dem Boot bestehen wollte und dessen Energie einfach nicht schwand.

Doch plötzlich ließ die Spannung der Trosse nach. Das Boot machte mit einem Mal Rückwärtsfahrt.

Aber die Männer an Bord waren viel zu erfahren, um jetzt in ein Siegesgeschrei auszubrechen. Sie mochten nicht glauben, dass der Wal aufgegeben hatte. Weder Knut Fritjof, der Harpunier, der aus schmalen Augen das Meer nach einer Spur vom Wal absuchte, noch der dürre, um einen Kopf größere Björn Nilsen glaubten daran, dass der Wal schon besiegt war. Und da tauchte er schon auf! Kam hoch, tauchte wieder weg und hielt jetzt genau auf das Boot zu.

Die Winsch! Die Winsch!“, schrie der Harpunier, und der bullige Malte Bennigsen, der die Winsch bediente, stieß den Hebel noch weiter hinunter, dass die Rolle schneller lief. Das Puffen der dampfgetriebenen Winde, das Kreischen und Klirren, wie sie die Trosse aufspulte, übertönte jedes andere Geräusch an Bord.

Der Wal war schneller, als die Winsch die Trosse aufspulen konnte, und dann rammte er mit einer Wucht ohnegleichen das Boot an Steuerbord.

Es war ein Stoß, als wäre das Schiff aufgelaufen. Knut Fritjof, der sich festgeklammert hatte, sah Björn Nilsen stürzen und über das vereiste Bugdeck schleudern.

Oben auf der Brücke konnte sich Kapitän Larsen gerade noch halten, und alle hier oben auf Deck erlebten nicht, wie es unten an der Maschine war, als von dem Stoß einer der Heizer gegen den glühend heißen Kessel geschleudert wurde und sich die ganze linke Seite verbrannte. Sein Gebrüll vermochte den Lärm nicht zu übertönen, der hier oben an Deck herrschte.

Der Wal tauchte wieder auf. Fritjof hatte sich gefasst. Er riss die Harpune herum und wollte einen dritten Schuss abgeben. Einen tödlichen Schuss, wie er hoffte. Und er feuerte auch, aber der Wal tauchte in dem Moment weg. Zu früh für Fritjof, dessen dritte Harpune ins Leere ging, ins Meer eintauchte, ohne nur den geringsten Schaden anzurichten.

Kapitän Larsen hatte Hinnerk Noesling auf die Brücke gerufen, und der kam mit seiner Holland & Holland Elefantenbüchse.

Hinnerk Noesling war ein Mann von mittlerer Statur, Ende Zwanzig, und galt in der ganzen norwegischen Walflotte als hervorragender Gewehrschütze. Solche Gewehrschützen, die mit schweren Kalibern auf Wale schossen, denen im Notfall der Fangschuss zu geben war, konnten für ein Schiff lebensrettend sein, wenn sie ihr Handwerk verstanden.

Hinnerk Noesling wartete. Er hatte das Gewehr griffbereit, um es an die Schulter zu reißen und auf den Wal zu feuern, sobald sich dieses Meeresungetüm zeigte.

Aber es zeigte sich nicht. Als ahnte der Wal, was ihm bevorstand, wenn er noch einmal auftauchen sollte, blieb er unter Wasser. Aber er musste auftauchen! Sie alle wussten, dass ein Wal ein Säugetier war, das Sauerstoff brauchte, dass sich irgend einmal bei einer solchen Anstrengung zeigen musste, um Frischluft zu schöpfen, die er durch sein Atemloch einzog.

Der Wal tauchte nicht auf. Sie sahen ihn jedenfalls nicht. Und das Meer war so bewegt, dass es gut sein konnte, ihn zu übersehen, falls er doch einmal kurz aufgetaucht war.

Björn Nilsen schrie plötzlich: „Steuerbord voraus! Fontäne!“

Hinnerk Noesling fuhr herum, aber da war der Wal schon wieder verschwunden. Mehr als eine Fontäne war nicht zu sehen gewesen.

Eric Larsen schrie plötzlich von der Brückennock nach vorn: „Kappt die Trosse! Die Trosse kappen! Malte, stopp die Winsch!“

Eine Sekunde lang sahen alle nach vorn zur Brücke, ohne begriffen zu haben, was dieser Befehl bedeutete.

Aber noch bevor Larsen es ihnen erklären konnte, sorgte der Wal für die Antwort.

Denn plötzlich wurde das Achterschiff von dem Wal herumgezogen, und da begriff auch Fritjof, was sich ereignet hatte.

Der Wal war mit der Trosse ums Schiff geschwommen. Er hatte es praktisch umrundet. Und nun, da er wegschwimmen wollte, zog sich die Schlinge zu. Richtig, eine Schlinge war es!

Was sehr selten vorkam, aber doch geschehen konnte, hatte sich ereignet. Durch das Umschwimmen des Bootes hatte sich die vom Wal gezogene Trosse am Ruder verheddert und das Ruder blockiert. Da die Trosse ebenfalls in die Schraube zu geraten drohte, stoppte Larsen die Maschine.

Der Wal, noch immer ohne ein Schwinden seiner Kraft zu zeigen, riss das Boot hinter sich her. Die Hoffnung von Larsen, dass sich die Trosse auf diese Weise wieder entwirren konnte und das Ruder freigeben würde, erwies sich als trügerisch. Irgendwie hatte sich die Trosse am Ruder verheddert. Jetzt wurde die „Frida“ mit Rückwärtsfahrt hinter dem Wal hergezerrt.

Vorn kappten Fritjof und Nilsen zuerst die Leine der ersten Harpune, und dann versuchten sie die schwere Trosse zu kappen, die an der zweiten Harpune festhing.

Als es ihnen endlich gelungen war, das starke Drahtseil zu zerschlagen, gab es einen Knall, als die unter Druck stehende Trosse auseinanderfetzte. Die beiden Enden schlugen wie Peitschenschnüre nach allen Seiten. Das eine Ende fegte wie eine riesige Sense das zweite Beiboot weg, zerschlug es regelrecht in zwei Teile und riss es mit in die See.

Aber nur ein paar Meter weit zog sich das gespannte Drahtseil durch, dann hing die Trosse wieder am Ruder fest, und noch immer riss und zog der Wal das Boot hinter sich her.

Allmählich schienen aber doch die Kräfte des Wales zu schwinden. Die Fahrt verlangsamte sich; nach wie vor wurde das ruderlose Boot genau in Richtung auf die beiden Eisberge zugezogen, die vorhin noch so unendlich und gefahrlos weit schienen, jetzt aber in bedrohliche Nähe rückten.

 

*

 

Der Zug des Seils ließ auf einmal nach. Die „Frida“ tanzte in der schweren Dünung wie eine Nussschale auf den Wellen. Sie drohte zum Wind zu geraten, der hart von Nordost blies.

Wir sind frei!“, brüllte Björn Nilsen. „Wir sind frei, Kapitän, schrie er zur Brücke hin.

Eric Larsen nickte nur, dann ging er ins Ruderhaus, trat an den Maschinentelegrafen und schaltete den Hebel auf kleine Fahrt voraus.

Das ganze Schiff bebte, als sich die Maschine in Bewegung setzte. Alle lauschten gespannt auf die Vibrationen, auf die Maschinengeräusche und die der Schraube. War die Schraube frei, oder hatte sich ein Stück der Trosse um sie gewickelt?

Die Schraube drehte sich. Das Schiff gewann wieder Fahrt. Aber das Ruder lag blockiert. „Der Taucher muss sich fertigmachen“, sagte der Kapitän zu seinem Steuermann, einem großen weißblonden Recken, der neben ihm stand.

Ein paar Minuten später begann sich der Taucher für seine Aufgabe vorzubereiten.

Obgleich das Ruder unbeweglich war, die ganze Steueranlage ein Manövrieren des Schiffes nicht mehr zuließ, hielt Kapitän Larsen das Fangboot mit Hilfe eines Treibankers gegen den Wind. Er lief mit kleiner Fahrt, was die Stärke des Windes und die Strömung so gut wie ausglich. Die Gefahr, auf einen der beiden Eisberge dahinten aufzulaufen, schien damit ausgeschlossen. Von dem Wal, dem ersten, den sie an diesem Fangtag gejagt hatten, war keine Spur mehr.

Knut Fritjof, der Harpunier, war von seinem Bugstand zurück zur Brücke gekommen, schlug im Ruderhaus die Arme um die Schultern, um den Kreislauf in seinem Körper wieder in Bewegung zu bringen. Er stampfte zugleich von einem Bein auf das andere, schob sich die Pelzmütze ins Genick, und der Atem kam aus seinem Mund wie Dampf aus einem Schornstein.

In der Ecke des Ruderhauses stand eine Kohlenschüssel, in der Kohlenglut lag, deren Hitze aber nur in einem sehr geringen Umkreis die eisige Kälte vertreiben konnte, die von draußen in das Ruderhaus hereinkam.

Fritjof blickte nach achtern und erkannte weit achteraus den Treibanker, der dort auf den Wellen tanzte und das Schiff in der Windrichtung hielt. Mehr konnten sie im Augenblick nicht tun, bis das Ruder klargemacht war und seine Funktion übernehmen konnte.

Ein beschissener Tag“, meinte Larsen und sah Fritjof an.

Wir waren drei Monate sehr erfolgreich. Das erste Mal, dass wir Pech haben!“

Wenn die Ruderwelle nicht gebrochen ist, soll es mir recht sein“, meinte Larsen. Dann stopfte er sich mit klammen Fingern seine Pfeife.

Fritjof hauchte sich ein Loch in die vereisten Scheiben des Ruderhauses und spähte nach draußen. Die See zeigte sich hier sehr quirlig, typisch für die Gegend im Ross-Meer. Die berüchtigten Kreuzseen waren von vielen Seeleuten gefürchtet.

Auf einen Befehl des Kapitäns kam der Ausguck aus dem Mastkorb und stampfte, schlotternd vor Kälte, zur Back hin.

Achtern war man dabei, den Taucher fertigzumachen, um ihn hinabzulassen in das eisige Wasser, damit er dort nach dem Ruder sehen konnte.

Noch immer hielt die „Frida“ mit kleiner Fahrt gegen den Wind an, dem sie gerade so trotzen konnte. Wahrscheinlich, so sagte sich Fritjof, machen wir praktisch keine Fahrt mehr, halten uns nur gegen den Wind und sorgen dafür, dass wir nicht näher an die Eisberge herankommen.

Er wischte mit dem Ärmel über diese kleine, freigehauchte Stelle in der Scheibe und spähte wieder nach draußen. Was er da sah, ließ ihn zusammenzucken, als habe ihm jemand einen Stich ins Herz versetzt. Er hielt die Luft an vor Schreck und war nicht in der Lage, nur ein Wort zu sagen. Aber er war viel zu erfahren, um nicht zu erkennen, welche gigantische Gefahr mit einem Mal allen auf der „Frida“ drohte.

Eric“, keuchte er, „Eric, dort!“

Der Kapitän fuhr herum und blickte vorn durch die kleine Fläche der Scheibe, die von einem Öl-Dauerlicht von Eis und Beschlag freigehalten wurde. Fritjof warf dem Kapitän einen kurzen Blick zu und sah, wie dessen Gesicht mit einem Mal fahl zu werden schien, als wäre es versteinert.

In der nächsten Sekunde flog die Hand des Kapitäns zum Maschinentelegrafen, und er schlug den Hebel auf „Maschine stopp“.

Das Klingeln der Bestätigung von der Maschine her, dass man dort verstanden hatte, kam beängstigend spät. Dann auf einmal war es ganz still im Schiff. Die Maschine stand, aber von draußen, wie das Pochen einer drohenden Faust, polterte das Donnern der Eisschollen an den Schiffsrumpf.

Unmittelbar danach erfolgte der Schlag.

Es war, als würde das Schiff gegen einen Felsen geworfen, und im Grunde war es nichts anderes.

Fritjof stürzte zu Boden. Der Kapitän krampfte sich am Maschinentelegrafen fest. Der Steuermann, der eben wieder ins Ruderhaus getreten war, flog mit dem Rücken gegen die Tür zum Brückennock, so dass sie aufging und kallend anschlug.

Achtern waren der Taucher und seine beiden Helfer auf Deck gestürzt. Der Taucher, der bereits in seinem schwerfälligen Anzug steckte und infolge der bleibestückten Schuhe kaum in der Lage war, sich richtig zu bewegen, schlitterte über das vereiste Deck und prallte dann mit seinem Kupferhelm mit voller Wucht gegen eine Strebe der Reling. Aber sie hielt ihn auf, und er blieb reglos liegen.

Eine Sekunde lang war es totenstill, dann aber erfolgte ein Knirschen und unmittelbar danach ein Geräusch, das einem Seemann den Herzschlag stocken lässt, das Geräusch von in den Schiffsleib sprudelndem Wasser. Das ist, als würden Schleusen geöffnet.

Dampf, heißer Dampf quoll aus dem Schornstein, obgleich die Maschine nicht lief. Unten, im Maschinenraum, brüllten sie, und dann kamen sie nach oben.

Die „Frida“ war auf einen Eisberg aufgelaufen, einen, dessen Spitze nur etwa einen Meter aus dem Wasser ragte, der darunter aber nicht minder gefährlich war als jene beiden dort drüben, die von den Männern die ganze Zeit beobachtet worden waren.

Die schwere See riss das Fangboot wieder vom Eisberg herunter, aber alles kam zu spät.

Ein Mann mit rußgeschwärztem Gesicht kam aus dem Maschinenraum. „Wir sinken!“, brüllte er zur Brücke empor.

Jetzt tauchte auch der erste Maschinist auf.

Wir müssen von Bord, Eric! Es ist ein riesiges Leck.“

Im Handumdrehen hatte die „Frida“ Schlagseite.

Macht das Beiboot fertig!“, brüllte Larsen. „Alle Mann an Deck!“

Sie brachten auch den Heizer, der sich verbrannt hatte, nach oben. Dann waren sie alle zwölf an Deck oder auf der Brücke. Das eine Beiboot war zerstört. Das andere lösten sie aus den Davits. Aber da das Schiff nach Backbord krängte, musste es auf die andere Seite gebracht werden. Zum Glück war es kein großes Beiboot. Die Männer konnten es hinüberbringen und zu Wasser lassen.

Larsen krampfte immer noch seine gewaltigen Fäuste um den Hebel des Maschinentelegrafen, hatte die Tür zur Brückennock geöffnet und starrte auf die tiefhängenden Wolken über dem Meer. „Nichts. Wir sind hier ganz allein. Uns findet keiner. Und das bei dieser verfluchten Kälte.“

Wir müssen von Bord!“, sagte Fritjof. „Das Schiff schlägt um.“ Tatsächlich krängte die „Frida“ jetzt so stark, dass die Gefahr bestand, sie würde umschlagen.

Alle Mann von Bord!“, brüllte Larsen. „Los, Jungs! Rein ins Boot!“ Larsen machte eine Handbewegung zu Fritjof hin. „Du auch, Knut“, sagte er. „Habe ich nicht gesagt, dass es ein beschissener Tag ist? Und wie beschissen.“

Fritjof arbeitete sich von der Brücke auf das vereiste, jetzt geneigte Deck und versuchte zum Boot hinzukommen, in dem bis auf fünf Männer alle schon Platz genommen hatten. Es war höchste Zeit, das Boot von dem sinkenden Schiff wegzubringen. Außerdem war schwere See, die das kleine Boot gegen die sinkende „Frida“ zu schleudern drohte.

Das Achterschiff war schon bis zur Hälfte ins Wasser eingetaucht. Dort, auf dem höher gelegenen Teil, versuchten Björn Nilsen und Hinnerk Noesling den besinnungslosen Taucher aus seinem Anzug zu befreien, was aber angesichts der überkommenden See von Sekunde zu Sekunde schwieriger wurde. Das Wasser drohte bei der Kälte sofort zu gefrieren. Die Kleidung der Männer war schon weiß vom Eis, und noch immer hatten sie den Taucher nicht aus seiner Kleidung herausgeschält.

Solange die „Frida“ noch Fahrt gemacht hatte, oder wenigstens ihre Maschine das Schiff gegen den Wind hielt, war sie nicht zum Spielball der Dünung geworden. Jetzt aber geriet das sinkende Schiff dwars zum Wind. Das tobende Meer schien den Eifer zu haben, das Schiff noch zu zerschlagen, bevor es gesunken war, so, als wollte es sich an ihm rächen, dass die Menschen an Bord versucht hatten, ein Kind dieses Meeres zu töten.

Das Boot, das nur durch eine Leine mit dem sinkenden Schiff verbunden war, riss sich los und entfernte sich infolge des Windes rasch von dem Wrack.

Verzweifelt versuchten die Männer an Bord des Bootes mit den Riemen wieder in Richtung auf das sinkende Schiff zu pullen, doch der Sturm nahm jetzt an Heftigkeit zu. Und dann begann es zu schneien.

Wir machen das Floß klar. Fahrt, fahrt zu!“, schrie Larsen aus den hohlen Händen zu den Männern des Bootes hinüber. Der Wind fetzte ihm die Worte von den Lippen. Aber sie schienen es gehört zu haben und stellten ihre Bemühungen, sich dem sinkenden Schiff wieder zu nähern, ein.

Das Floß klar!“, brüllte Larsen.

Fritjof riss sein Bordmesser aus der Kleidung und durchtrennte die Leinen, mit denen das Floß auf der Back befestigt war.

Doch sie mussten noch das Eis losschlagen, um das Floß herunterzubekommen.

Endlich war auch der Taucher frei. Es war Malte Bennigsen, dessen Hünengestalt wieder in Bewegung kam. Er hatte sein Bewusstsein wiedererlangt, blickte aber noch fassungslos in die Runde. Aber die Männer konnten sich die Zeit nicht nehmen, ihm zu erklären, was sich inzwischen ereignet hatte. Das Floß wurde in die tobende See gebracht. Dann halfen Björn Nilsen und Hinnerk Noesling dem bulligen Bennigsen ins Floß, sprangen nach, Knut Fritjof folgte, und zuletzt setzte Kapitän Eric Larsen mit einem Sprung auf das Floß über. Er hatte damit als Letzter sein Schiff verlassen.

Es geschah keine Sekunde zu früh. Der Bug des Walfangbootes „Frida“ hob sich jäh an. Dicker Qualm quoll aus dem Schornstein und den Luken des Schiffes heraus, ein donnernder Schlag erfolgte, dann ein Zischen, als das Wasser die Hitze des Feuers löschte. Eine dicke Dampfwolke quoll, den Bug und alles, was noch vom Schiff zu sehen war, verhüllend, aus allen Öffnungen der Aufbauten.

Die Männer auf dem Floß hatten Mühe, dies alles noch zu erkennen. Denn während sie in ihrem viel zu kleinen Floß den schweren Seegang abritten, wurden sie von Schneeschauern eingehüllt, die über das Meer hinwegbrausten und eine Sicht, weiter als zehn Meter, nicht mehr zuließen.

Die Sicht wurde noch schlechter. Vom Untergang der „Frida“ sahen die Männer nichts mehr. Aber sie sahen auch nichts von denen, die mit dem Beiboot schon vorausgefahren waren.

Larsen hielt die Hände trichterförmig an den Mund und schrie, schrie übers Meer nach den anderen. Aber die Antwort war nur das Heulen und Fauchen des Windes.

Immer dichter wurde der Schnee. Die Wolken hingen so tief, dass sie das Meer zu berühren schienen. Die Sicht verschlechterte sich noch mehr. Aber es konnte nicht Nacht werden, denn um diese Jahreszeit herrschte der antarktische Sommer.

Das Floß jagte südwärts in Richtung auf das Eis, dieses ewige Eis der Antarktis. Irgendwo dort vor den Männern lag das Ross-Schelf-Meer, befand sich das Packeis, das jetzt um diese Jahreszeit nicht so weit in den Stillen Ozean hinausragte wie im Winter.

Man schrieb den Dezember 1912. Auf der südlichen Hälfte der Erdkugel herrschte jetzt Sommer. Aber der Sommer in der Antarktis war eigentlich noch schlimmer als der Winter. Stürme, Schneeschauer lösten einander ab, und oft kamen sie gemeinsam. Aber das Ross-Meer öffnete sich zu einem Teil, und das Packeis gab etwas von dem frei, was die Antarktis an Gewaltigem bisher nur erahnen ließ.

Während sich Kapitän Larsen neben dem Harpunier Fritjof im Sturm krümmte und an der Halteleine des Floßes festklammerte, dachte er daran, dass vor genau einem Jahr sein Landsmann Amundsen den Südpol erreicht hatte und einen Monat später Scott ebenfalls dort angekommen war, Scott, der Brite, der auf dem Rückweg mit seinen Männern umkam.

Die Nachricht von der Entdeckung des Südpols und dem Schicksal seiner Entdecker war um die ganze Welt gegangen. Auch Kapitän Larsen hatte diese Kunde bewegt, denn er kannte viele Gebiete der Antarktis so gut wie nur wenige. Als Kapitän eines Fangbootes unter dem berühmten Walfangkapitän Christensen hatte er 1905 zusammen mit der ersten schwimmenden Walölfabrik der Welt, einem zum Walkocher umgearbeiteten hölzernen Dampfschiff, eine neue Ära des Walfangs in der Antarktis eingeleitet.

Christensens Idee, ein Mutterschiff für die Walfangboote zu schaffen, wo die Beute sofort in Walöl verarbeitet werden kann, trug Früchte. Aber noch hatte diese Sache einen Haken. Das Mutterschiff musste irgendwo in einer stillen Bucht liegen, möglichst an einer Stelle, wo es nicht einfrieren konnte, also außerhalb der Packeiszone. Die Anfahrtswege von den Fangplätzen bis zu dem Mutterschiff waren für die Fangboote weit. Viel Zeit ging damit verloren, zwei, drei oder noch mehr im Schlepp der Walboote befindliche Beutewale zum Mutterschiff zu bringen.

Trotzdem stellte diese Methode einen unerhörten Vorteil dar, denn früher musste der Fang an Land verarbeitet, um dann auf Schiffe verladen zu werden, die den Ertrag auf die Märkte der Kulturländer brachten.

Jetzt waren die schwimmenden Walfabriken in der Lage, den Fang an Bord zu verarbeiten und das Öl durch Rohrleitungen und Tanks ins Schiffsinnere zu leiten. Aber diese Schiffe konnten sich nicht in unmittelbarer Nähe der Fangplätze aufhalten. Sie arbeiteten im Hafen, weil sie von der Frischwasserversorgung abhängig waren und keine Einrichtung für die Frischwasserbereitung an Bord hatten. Sie mussten dann erhebliche Abgaben zahlen an die britische Kolonialverwaltung und Lizenzen erwerben für die Ausübung ihres Gewerbes in fremden Hoheitsgewässern. Süd-Georgien und Süd-Shetland, die den Ruf hatten, die besten Fangplätze der Welt zu sein, wurden aber auch zugleich von den Engländern, denen diese Gebiete gehörten, zu einer ertragreichen Pfründe an Lizenzgebühren und sonstigen Abgaben.

Zugleich begannen auch die Engländer, Walflotten nach dem Schema der Norweger auszurüsten und in diese Gebiete zu schicken, so dass für die Norweger eine harte Konkurrenz erwuchs, die keinerlei Abgaben zu zahlen hatte, während die Gebühren besonders für die Norweger von den Engländern drastisch erhöht wurden.

Diese Tatsache bewog die Norweger, in andere Gebiete auszuweichen, besonders interessant wurden die südlich von Neuseeland befindlichen Gebiete und besonders das unmittelbar im antarktischen Bereich liegende Ross-Meer. Das Ross-Meer stellte die höchsten Ansprüche an das seemännische Können der Walfänger. Die Eisverhältnisse hier im Ross-Meer waren außerordentlich schwierig. Das Meer selbst war fast undurchdringlich.

Im Gebiet von Süd-Shetland und Süd-Georgien hatte der Walfang derart zugenommen, dass die Jagd auf den Wal an Schwierigkeit zunahm. In diesen Gebieten kannten die Wale den Gegner Mensch und wussten, welche Gefahr ihnen von Schiffen drohte. Hier im Ross-Meer war das anders. Und es gab hier besonders stattliche Exemplare von Walen. Noch aber waren die Norweger die einzigen, die in dieser Gegend Walfang betrieben.

Kapitän Christensen, der auch diesmal die Walfangflotte Norwegens führte, hatte das Kochereischiff auf der vulkanischen Young Insel in einer geschützten Bucht stationiert. Es war die dem Südpol am nächsten gelegene Kochereistation der Welt. Niemals zuvor hatte sich ein Kochereischiff so weit in die Antarktis hineingewagt. Immer noch bestand die Gefahr, in diesen Buchten einzufrieren; und auch jetzt, mitten im antarktischen Sommer, nicht mehr wegzukommen. Aber hier auf dieser Insel gab es keine Behörden, die Gebühren forderten und jeden eingebrachten Wal zusätzlich nach Größe taxierten und besteuerten.

An all das musste Larsen denken und fragte sich zugleich, ob diese Gedanken überhaupt noch Sinn hatten. Würde er die „Pris Hamlet“ jemals wiedersehen, oder dem grauhaarigen Kapitän Christensen noch einmal die Hand schütteln können?

Das Schneetreiben wurde dichter, und dennoch ließ der Sturm etwas nach. Die See schien sich ein wenig zu beruhigen, und die Gefahr des Kenterns oder von überkommenden Brechern unter Wasser gedrückt zu werden, bestand nicht mehr. Zugleich hatte die Kälte etwas nachgelassen. Die Spritzer des Wassers gefroren nicht mehr auf der Stelle. Aber die Sicht war miserabel. Sie wussten nicht, wohin sie trieben. Der Versuch, in irgendeine Richtung zu pullen, war absolut sinnlos, und sie machten ihn auch gar nicht. Sie ließen sich treiben, um keine Energie zu opfern. Alles, was sie wollten, war die geschützte Stelle, ob nun an einem Eisberg oder anderswo. Sie brauchten Trinkwasser. Das hatten sie, sobald sie an einen Eisberg gerieten.

Nach unserer letzten Position“, sagte Kapitän Larsen zu Fritjof, „müssten wir, wenn wir weiterhin so getrieben werden, auf Kap Adare kommen.“

Davor liegt doch Packeis“, meinte Fritjof. „Ich glaube nicht, dass der Weg bis dahin frei ist.“

Und wenn schon! Wenn wir festen Boden unter den Füßen haben, geht es uns besser.“

Das Schneetreiben ließ nach, dafür gewann der Sturm an Stärke und wühlte das Meer auf. Das Treibeis wurde zur ernsten Gefahr. Eine Eisscholle von etwa einem Meter Durchmesser konnte die Männer und das Floß in Stücke schlagen. So wandten die fünf Insassen des Floßes ihre ganze Aufmerksamkeit darauf, drohende Eisschollen vom Floß fernzuhalten. Manchmal mussten sie mit den bloßen Händen zugreifen. Ein andermal gelang es ihnen, mit dem Enterhaken, den sie mitführten, oder den Riemen die Eisschollen vom Floß fernzuhalten.

Nur wenige hundert Meter von ihnen entfernt wurde eine Eisscholle von etwa drei Meter Durchmesser und einer Dicke von einem guten halben Meter dem Beiboot mit seinen Insassen zum tödlichen Verhängnis. Von einer gewaltigen Woge emporgehoben und dann mit der Wucht eines Dampfhammers nach unten geschleudert, zerschmetterte diese riesige Eisscholle das Boot und seine Insassen. Es kam wie ein Gottesgericht von oben, wie eine strafende Faust. Drei der Insassen wurden aus dem Boot geschleudert, in die eisige Flut getaucht, kamen hoch, weil ihre Schwimmwesten sie über Wasser trugen. Immer neue Brecher schütteten auf sie herab. Eisstücke prallten ihnen gegen die Körper. Und wieder und wieder tauchte die Wut des Sturms sie unter. Ihre Verzweiflungsschreie erstarben im Toben des Sturmes.

Auf dem Floß bemerkte niemand etwas vom Unglück der Männer im Boot.

 

*

 

Zwei Stunden lang tobte der Sturm, dann ließ er plötzlich nach. So heftig, wie er vor Tagen begonnen hatte, so rasch und abrupt endete er. Es wurde schneidend kalt. Immer dichter sammelte sich das Treibeis, gab nur noch kleine Flächen vom Wasser frei. Zugleich verschleierte der Nebel die Sicht. Es war, als würde das Wasser verdampfen, und der Nebel stieg aus dem Meer auf. Dichter und dichter umklammerte Treibeis das Floß.

Es war still, wirklich still in der Umgebung des Floßes. Nur ab und zu polterten oder knirschten die Eisschollen. Doch eine Stunde später schon bildete sich dort, wo sich die Eisschollen noch nicht aneinanderrieben, an den wenigen freien Stellen eine Eisschicht auf dem Wasser.

Wir frieren hier ein“, sagte Fritjof. „So etwas geschieht hier in wenigen Stunden. Es gibt nur eins: Sobald es zugenommen hat, bringen wir das Floß heraus. Wir können es wie einen Schlitten hinter uns herziehen. Vielleicht finden wir die Männer des Bootes.“

Natürlich, wir haben keinen Proviant.“

Das einzige, was wir haben“, sagte Noesling und schlug mit der behandschuhten Hand auf die eingewickelte Holland & Holland-Büchse, „ist das hier. Vielleicht haben wir Glück.“

Schieß nur ja keinen Albatros“, sagte Malte Bennigsen mit krächzender Stimme. „Einen Albatros zu schießen, bringt Unglück.“

Im Augenblick habe ich Mühe, dich zu sehen“, erwiderte Hinnerk Noesling. „Dieser verfluchte Nebel!“ Er begann zu husten, und auch den anderen drückte diese Nebelluft auf die Lunge.

Dann taten sie, was ihnen Fritjof geraten hatte. Als das Eis fester wurde, sprangen sie aus dem Floß heraus, stiegen auf die größeren Schollen, vorsichtig und misstrauisch. Aber die Schollen trugen sie. Die schneidende Kälte nahm noch mehr zu, so sehr, dass sie Mühe hatten, das Floß überhaupt noch aus dem Eis herauszubringen.

Von ihnen wunderte sich keiner darüber. Sie kannten das von anderen Gelegenheiten, dieses plötzliche Zufrieren war schon manchem Walfangboot zum Verhängnis geworden. Und das war auch der Grund, warum Walfangboote noch immer einen hölzernen Rumpf besaßen. Doch gegen Eisberge waren auch hölzerne Rümpfe nutzlos.

Außer Hinnerk Noeslings Büchse hatten sie auch eine Eissäge bei sich, Äxte und drei Flaschen Lampenöl. Als sie dann an Leinen das Floß hinter sich herzogen wie einen Schlitten und weiter südwärts über das zufrierende Meer stapften, kamen sie nur ein kurzes Stück gut vorwärts. Dann hatten sie eine Stelle erreicht, wo die Wut des Sturms die Eisschollen noch übereinander geschichtet hatte und sie das Floß nicht mehr hinter sich herziehen konnten.

Wir trennen die Leinwand auf, denn das Floß können wir über diesen unebenen Boden nicht mehr mitschleppen. Die Leinwand können wir gebrauchen. Den Kork nehmen wir bis auf ein paar Stücke mit. Er ist nicht schwer. Ich werde eine Nachricht schreiben und hier bei den zurückgelassenen Stücken Kork hinterlegen. Vielleicht stößt jemand darauf.“

Nachdem sie Larsens Notiz am Kork befestigt hatten, zogen sie weiter. Der kleine Kompass, den Larsen bei sich trug, wies ihnen den Weg nach Südsüdost. Hier hoffte Larsen auf Kap Adare zu stoßen, wo Scott 1910 ein Proviantlager eingerichtet hatte, das jetzt noch bestand. Solche Proviantlager waren sehr sicher angelegt und bestanden aus Vorräten, die praktisch jahrelang haltbar blieben. Scott hatte seine Fahrt zu den Ross-Inseln angetreten und war dann mit seinen Begleitern den Leidensweg durch das Eis zum Südpol gegangen, den er vier Wochen später als Amundsen erreichte. Auf dem Rückweg war Scott mit seinen Männern umgekommen. Amundsen aber, der von der berühmten Walfischbucht aus an der hohen Eiswand zum Südpol vorgestoßen war, konnte der Gewalt der Antarktis wieder entrinnen.

Die Kälte nahm zu. Die Männer stapften vorgebeugt durch den Nebel. Ohne den Kompass von Larsen wären sie im Kreis gelaufen.

Es war schwer zu marschieren. Der Boden war uneben. Manchmal mussten sie übereinandergetürmte Eisschollen umgehen. Ihnen war, als bewegten sie sich auf einem Berg von scharfkantigen Stahlstücken, so hart waren die Ecken und Spitzen des Eises.

Später ging es besser. Das Eis wurde flacher, war nicht mehr so rau, und sie kamen leichter voran.

Aber die ersten Ermüdungserscheinungen stellten sich ein. Noch erschöpft von all dem, was hinter ihnen lag, wurden ihre Schritte schleppender, langsamer, mühseliger. Björn Nilsen hatte sich einmal den Fuß vertreten. Wenn er auch zu Anfang nicht allzu viel spürte, jetzt bekam er Schmerzen im Gelenk des rechten Fußes. Er hinkte, hielt nicht mehr mit dem Tempo der anderen mit, blieb zurück, wollte verweilen, sich ausruhen, und der Abstand zwischen ihm und den anderen vergrößerte sich mehr und mehr. Jeder der Männer war mit sich beschäftigt. Keiner dachte daran, zurückzusehen, bis es Larsen tat, der Kapitän. Er sah, dass hinter ihm Malte Bennigsen ging, ein Stück neben ihm Knut Fritjof. Er erkannte Hinnerk Noesling. Aber von Björn Nilsen sah er nichts.

Wo ist die verdammte Bohnenstange?“, keuchte er, da er selbst spürte, dass seine Energie nachzulassen drohte.

Fritjof blieb ebenfalls stehen, wandte sich ihm zu. Dann drehte er sich um, rief: „Björn!“

Aus der Nebelwand heraus kam dumpf Björn Nilsens Antwort: „Ich bin hier! Ich komm’ ja schon!“

Dann war er bei ihnen. Sie starrten ihn vorwurfsvoll an.

Mein Fuß! Ich hab’mir den Fuß vertreten!“ meinte er entschuldigend. „Können wir nicht eine Pause machen? Es tut verdammt weh!“

Wir müssen eine geschützte Stelle haben“, sagte Larsen. „Hier ist alles frei. Wenn wir keine geschützte Stelle erreichen und der nächste Sturm kommt, dann wird es schlimm für uns. Nach meiner Berechnung sind es noch zehn Meilen. Zehn Meilen, und wir müssen Kap Adare erreicht haben, oder...“

Oder was?“, fragte Fritjof.

Larsens mit Eis behangener Bart schien sich zu sträuben, als würde der Mann lachen. Dann hörten sie Larsen sagen: „Oder ich habe mich verrechnet.“

Sie alle wussten, dass keiner so gut den Standort zu bestimmen wusste wie Larsen. Er war ein vorsichtiger Mann, der sich selten irrte. Aber auch er war nur ein Mensch.

Ich bin völlig am Ende. Machen wir doch eine Pause! Im Moment bläst doch kein Wind“, sagte Björn Nilsen. „Dieser verdammte Knochen tut so weh ...“

Auch der bullige Malte Bennigsen wirkte sehr angeschlagen. Vielleicht rührte das noch von dem Sturz in der Taucherkluft her. Ohne auf eine Entscheidung Larsens zu warten, hockte er sich hin, ließ den Kopf hängen, und sein Atem quoll wie Dampf um seine Schultern.

Also gut“, entschied Larsen. „Machen wir eine Pause. Aber ihr werdet steif. Achtet darauf, dass ihr euch nichts erfriert!“

Sie kannten die Antarktis. Keiner von ihnen war ein Anfänger, und sie wussten, welche Gefahr ihnen drohte, wenn sie einfach still saßen.

Sie hockten sich dicht zusammen, Körper an Körper, bildeten einen engen Kreis. Und ihr Atem, der wie von einer Glocke gehalten wurde, trug mit dazu bei, dass sie einander ein wenig Wärme spenden konnten.

Knappe zehn Minuten ließ ihnen Larsen. Dann richtete er sich wieder auf, stampfte auf der Stelle, schlug sich die Arme um die Schultern und zog sich seinen dicken Schal wieder bis über die Nase empor, so dass man von ihm nur zwischen Pelzmütze und Schal die Augenpartie erkennen konnte.

Die anderen machten es ihm nach, und dann stapften sie weiter. Aber Björn Nilsens Hinken war eher stärker als schwächer geworden. Doch nach einer Weile schien es etwas besser zu gehen. Er hielt das Tempo der anderen mit. Es war so kalt, dass der dünne Schneehauch, der auf den zusammengefrorenen Eisschollen lag, unter den Schuhen der Männer knirschte. Und dann auf einmal wurde die Sicht gut. Der Nebeldunst schwand wie weggewischt. Dabei war es noch kälter geworden. Vielleicht war dies die Ursache, dass der Nebel schwand. Über ihnen wölbte sich ein grünlich-gelber Himmel, der Himmel der Antarktis.

Als sich der Nebel völlig gelichtet hatte, blieb Larsen stehen und blickte nach allen Seiten. Dann kramte er das Fernglas, das er mitgenommen hatte, aus der großen Tasche seiner Pelzjacke, hielt es an die Augen und suchte das Eis ringsum nach den anderen ab, die im Boot gewesen waren. Aber soweit er sehen konnte, gab es kein einziges Lebewesen zu entdecken.

Nichts“, murmelte er, „gar nichts.“ Aber dann richtete er sein Fernglas in die Richtung, in die sie marschierten. Dort ragte ein gewaltiges Gebirge aus der glatten Fläche des Eises heraus.

Das waren keine Eisberge. Was die Männer mit bloßem Auge erkennen konnten und nun nicht mehr vom Nebel verhangen war, konnte nur ein richtiges Gebirge sein. Gewaltig ragte es auf, vielleicht zweitausend Meter hoch oder höher.

Larsen setzte das Fernglas ab. „Das ist aber nicht Kap Adare“, sagte er. „Sieht fast wie Kap Cotter aus. Rechts könnten die Berge der Robertson-Bay und Kap Adare sein, weiter im Norden, als ich dachte...“

Das ist weiter, als wir geglaubt haben“, keuchte Fritjof, der nun auch an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit angekommen war.

Allein Larsen machte den Eindruck, als wäre er frisch und ausgeruht, als läge nicht all das hinter ihm, was auch die anderen erlebt hatten.

Das täuscht“, behauptete Larsen. „Bis zur Küste sind es vielleicht noch zehn Meilen. Wir werden es schaffen. Wir müssen es schaffen! Wenn wir den Proviant finden...“

Und was ist mit den anderen?“, fragte Fritjof. „Wir sind an Bord eine verschworene Gemeinschaft gewesen. Jetzt sind wir nur noch fünf. Wir können doch nicht einfach so tun, als gingen uns die anderen nichts an.“

Larsen nickte. „Ich habe sie nicht aufgegeben. Aber du kannst in die Runde sehen. Nimm mein Fernglas! Wenn du einen erkennst, werden wir sofort hingehen! Ich habe keinen gesehen.“

Vielleicht sind sie ja aus dem Wasser gar nicht herausgekommen. Vielleicht ist das Boot zerschellt“, meinte Björn Nilsen. Er starrte gedankenverloren in die Richtung, aus der sie gekommen waren, nach Nordosten also, dahin, wo ein Eisberg der „Frida“ zum Schicksal geworden war.

Larsen hatte wieder das Fernglas vor Augen, aber er blickte nicht in die Richtung, in die Björn Nilsen starrte, sondern nach Südwesten, genau dorthin, wo dieses gewaltige Gebirge aus der Ebene des Eises herausragte.

Sie alle kannten das Eismeer, und sie hatten aus der Ferne diese Berge schon gesehen, dann nämlich, wenn sie mit den Walfangbooten tiefer in das Ross-Meer eindringen konnten, wenn es Gassen in diesem antarktischen Meer gab, durch die sie näher an das Festland herankamen. Aber wie dieses Festland aussah, was sich hinter diesen Bergen befand, die sie erkennen konnten, das wussten sie nicht Sie hatten keine Ahnung davon.

Aber ihnen war bekannt, dass es an den Küsten an den Stellen, wo sie eisfrei waren, See-Elefanten gab. Robben auch, und die wurden gejagt. Die Engländer vor allen Dingen jagten nach ihnen. Diese Robben waren auch ihre Hoffnung. Sie glaubten, dass sie dort drüben, wo die Berge lagen, nicht nur das Vorratslager Scotts finden würden, sondern auch die See-Elefanten und Robben. Das bedeutete Fleisch, das bedeutete Überleben.

Sie wankten, sie schlurften, sie schleppten sich auf die Berge zu, und allen voraus Larsen. Der Kapitän schien unermüdlich. An ihm war als einzigem keine Müdigkeit zu erkennen. Er half dem nur noch sich dahinschleppenden Nilsen weiter, stützte ihn, hatte sich dessen Arm um die Schulter geschlungen und schleppte den hageren, großen Mann, der mit seinem verstauchten Fuß kaum noch gehen konnte. Hinnerk Noesling und Knut Fritjof hatten den bulligen Malte Bennigsen zwischen sich genommen, denn der war ebenfalls am Ende seiner Kraft Er klagte über Kopfschmerzen, taumelte, musste schließlich sogar erbrechen, Folgen des Sturzes sicherlich.

Sie schleppten sich weiter auf diesen Berg zu und hatten das Gefühl, ihm einfach nicht näher zu kommen.

Das Wetter klarte sich weiter auf. Während der Nebel schon vorhin vom Eis geschwunden war und die Sicht zu den Bergen freigab, verschwand nun auch der Dunst über ihnen, und der Himmel wurde dunkel, fast azurblau.

Seit Tagen sahen sie zum ersten Mal die Sonne. Es war eine weiße, fast grünliche Sonne, die da hoch über ihnen stand. Der Sonne nach musste es Mittag sein. Aber die Männer besaßen gar kein Zeitgefühl mehr. Erschöpft quälten, kämpften sie sich weiter, immer in Richtung auf diesen Berg. Dass sie ihn sahen, machte den Kompass überflüssig, und es war, als wüchse er höher und höher vor ihren Augen bis zum Himmel empor.

Da plötzlich entdeckten sie diese dunkle Fläche vor sich, sahen aufgetürmte Eisschollen wie kleine Hügel.

Larsen sah es zuerst. Er blieb stehen, blinzelte auf diesen großen, dunklen Fleck, der sich zwischen ihnen und den Bergen ausbreitete.

Offenes Wasser“, keuchte er.

Fritjof, der mit Hinnerk Noesling Malte Bennigsen stützte, richtete sich etwas auf, hielt die Hand schirmend über die Augen und spähte auf diese dunkle Fläche.

Verdammt, jetzt kommen wir nicht weiter. Das geht vor der ganzen Küste entlang.“

Die Vulkane“, erklärte Larsen. „Die Berge da vorn sind alles Vulkane. Und noch weiter im Süden ist einer, von dem ich weiß, dass er noch Feuer spuckt. Ich habe selbst erlebt, wie er einmal Feuer gespuckt hat. Ross hat ihn den Mount Erebus genannt. Ich habe einen Bericht gelesen von dem britischen Polarforscher Shackleton. Er hat den Mount Erebus sogar bestiegen. Rundum Eis, Kälte, und aus diesem Berg kommt das Feuer aus dem Erdinneren. Auch die Berge da drüben sind vulkanisch. Vielleicht gibt es heiße Quellen, die die Stellen dort eisfrei halten. Ich entsinne mich, dass ich noch nie vor Kap Adare Eis gesehen habe. Oder ihr?“

Jetzt, wo er es sagte und sie darüber nachdachten, fiel es ihnen selbst ein. Sie kannten diese Küste nur eisfrei und voller See-Elefanten. Vielleicht gab es da wirklich warme Quellen, Geysire, wie an der australischen Küste.

Wir müssen um dieses offene Wasser herum. Seht ihr weiter rechts drüben?“, sagte Larsen und blickte jetzt wieder durch sein Fernglas. „Dort ist noch Eis.“

Um Himmels willen“, erwiderte Fritjof, „das ist ja ein riesiger Umweg, zehn Stunden oder mehr. Nein, Eric, das schaffen wir nicht mehr.“

Björn Nilsen hatte sich hingekauert. Obgleich die Sonne schien, war es eisig kalt. Aber es war eine gefährliche Kälte, weil kein Wind wehte. Im Handumdrehen konnte ihnen irgend etwas erfrieren und merkten es zu spät.

Larsen gab keine Ruhe. „Wir müssen weiter. Es gibt gar keinen anderen Weg als über das Eis.“

Vielleicht sind dort vorn, wo das offene Wasser anfängt“, sagte Fritjof, „Robben. Noesling hat sein Gewehr dabei. Es gäbe Essen. Wir könnten uns stärken, eine Rast machen und das Fett verbrennen. Ein wärmendes Feuer.“

Larsen nickte. „Vielleicht haben wir Glück. Aber ich müsste sie sehen. Vorn auf dem Eis sehe ich keine. Man könnte sie deutlich erkennen auf diese Entfernung.“

Da links drüben, diese Unebenheiten“, meinte Fritjof, „ist das nichts?“

Auch Noesling deutete nach links, nach Westen also, und sagte: „Da müssen doch welche sein.“

Larsen suchte mit dem Fernglas sorgsam das Gebiet ab, auf das die beiden wiesen.

Das sind keine See-Elefanten, das ist Eis, aufgetürmtes Eis. Es fällt nur Schatten von den Schollen, deswegen wirken sie dunkel.“

Gehen wir bis zum Wasser. Es ist kein großer Umweg, wenn wir das auch noch versuchen“, schlug Fritjof vor. Die anderen nickten und sahen erwartungsvoll auf Larsen.

Also gut“, erwiderte Larsen. „Probieren wir es einfach aus.“

Sie waren auf dem Schiff eine verschworene Gemeinschaft gewesen, und Larsens Boot „Frida“ gehörte zu den erfolgreichsten Walfangbooten überhaupt. Unter den Schiffen der norwegischen Walfangflotte war es das erfolgreichste gewesen. Bis jetzt hatten sie mehr Glück gehabt, viel mehr Glück als alle anderen. Doch nun war ihnen ein Eisberg zum Schicksal geworden. Und eingeleitet hatte dieses Dilemma jener Blauwal, in dessen Körper die Sprengladung der ersten Harpune nicht zur Explosion gelangt war.

In Gedanken daran sagte Fritjof murmelnd vor sich hin: „Wir hätten schon die Leine der ersten Harpune kappen sollen.“

Larsen, der Björn Nilsen schleppte, blickte überrascht auf und meinte: „Wir hatten eine gute Chance. Es ist Pech gewesen. Du weißt, Knut, als wir voriges Jahr ebenfalls einen angepiekt haben, bei dem die Sprengladung nicht losging, sind wir auf diese Weise, die ich anwenden wollte, erfolgreich gewesen. Diesmal hat es nun nicht geklappt.“

Was sollen wir hier streiten oder Dingen nachtrauern“, meinte Fritjof, „die nicht mehr zu ändern sind. Wenn ich nur wüsste, was mit den anderen ist!“

Wir werden nachher ein Feuer machen. Wenn es uns gelingt, einen See-Elefanten zu schießen oder überhaupt eine Robbe. Es gibt hier massenhaft See-Leoparden. Sie sind zwar viel kleiner als die See-Elefanten, aber sie sind leichter zu jagen, und es gibt massenhaft von ihnen.“

Lange Zeit schwiegen sie wieder und hatten völlig mit sich zu tun.

Larsen trug Björn Nilsen mehr, als dass der selbst noch gehen konnte. Mit seinem inzwischen dick angeschwollenen Fuß konnte er kaum noch auftreten. Er hüpfte meist auf dem gesunden Bein, und dieses Schleppen und Stützen beanspruchte auch Larsen sehr.

Noesling und Fritjof ging es mit dem schweren, bulligen Bennigsen nicht viel besser. Zwar konnte der gehen, aber er taumelte, und seine Kopfschmerzen schienen immer schlimmer zu werden. Irgendwie hatte er das Gefühl für sein Gleichgewicht verloren. Diesen schweren Mann zu stützen, war eine Belastung ohnegleichen für Noesling und Fritjof.

 

*

 

Doch irgendwie schafften sie es. Plötzlich sahen sie das offene Wasser dicht vor sich. Schwarz sah es aus im Eis. Ein paar Schollen trieben am Rande, doch sonst war eine große Fläche bis hinüber zur Küste frei. Erst dort wieder, unmittelbar vor dem Felsen, hatte sich Eis gebildet. Dem Aussehen dieser offenen Wasseroberfläche nach musste sie wirklich von warmen Quellen freigehalten werden.

Die Männer blieben wie auf ein geheimes Kommando hin stehen und blickten suchend über das offene Wasser. Von Robben keine Spur. Doch dann sahen sie solche, rechts, am Rande des Eises.

Es war Larsen, der sie mit dem Fernglas zuerst entdeckte und hinüber deutete. Kleine dunkle Flecke waren es nur, die sie mit bloßem Auge erkennen konnten. Er aber sah, was diese Flecke bedeuteten.

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738905281
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Mai)
Schlagworte
heldenhafte seemänner blut

Autor

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Titel: Heldenhafte Seemänner #9: Wo das Blut zu Eis gefriert