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Texas Mustang #8: Der Brimfield-Clan

2016 130 Seiten

Zusammenfassung

Die Geschwister Buck und Peg Malone haben eine Postkutschenlinie in der Stadt Benton eröffnet und hoffen auf Erfolg. Als sich dieser wenig später abzeichnet, gibt es Neider, die selbst das Geschäft machen wollen. Die gewalttätige Brimfield-Sippe will absahnen, und ihnen ist jedes Mittel Recht. Minto Brimfield und sein Clan entführen Buck Malone und hoffen, dass seine Schwester Peg früher oder später die Flinte ins Korn wirft.
Wer weiß, was aus der ganzen Sache geworden wäre, wenn nicht ein Fremder namens Jim Allison aufgetaucht wäre und sich in dieses Spiel eingemischt hätte? Auch Peg weiß zu dieser Stunde noch nicht, dass dieser geheimnisvolle Fremde ein US-Marshal ist. Diese Trumpfkarte hebt sich Allison nämlich bis zuletzt auf...

Leseprobe

TEXAS MUSTANG

 

Band 8

 

Der Brimfield-Clan

 

Ein Western von Horst Weymar Hübner

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2016

Originatitel: „Richter des Bösen“

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Die Geschwister Buck und Peg Malone haben eine Postkutschenlinie in der Stadt Benton eröffnet und hoffen auf Erfolg. Als sich dieser wenig später abzeichnet, gibt es Neider, die selbst das Geschäft machen wollen. Die gewalttätige Brimfield-Sippe will absahnen, und ihnen ist jedes Mittel Recht. Minto Brimfield und sein Clan entführen Buck Malone und hoffen, dass seine Schwester Peg früher oder später die Flinte ins Korn wirft.

Wer weiß, was aus der ganzen Sache geworden wäre, wenn nicht ein Fremder namens Jim Allison aufgetaucht wäre und sich in dieses Spiel eingemischt hätte? Auch Peg weiß zu dieser Stunde noch nicht, dass dieser geheimnisvolle Fremde ein US-Marshal ist. Diese Trumpfkarte hebt sich Allison nämlich bis zuletzt auf...

 

 

 

 

 

In der Dunkelheit unter dem Vorbaudach der Station blühte fahlgelb eine Mündungsflamme auf, die Kugel riss US Marshal Jim Allison fast den Kopf herunter.

Er spürte den harten Luftstoß an der linken Halsseite und warf sich geistesgegenwärtig nach vorn aufs Pferd, während der schmetternde Knall des Schusses in seinen Ohren dröhnte.

Revolver!, registrierte er und packte mit der linken Hand Halt suchend in die Mähne, weil der Mustanghengst Sätze machte wie ein losgelassener Tiger.

Dort unter dem Dach krachte wieder ein Schuss.

Diesmal fasste die Kugel. Allison kannte das widerlich platschende Geräusch.

Erschrocken erwartete er das Zusammenzucken des Hengstes und den Sturz.

Doch King stieg nicht. Er wieherte auch nicht schmerzerfüllt. Und er stolperte nicht. Er sauste in voller Fahrt haarscharf am letzten Stützpfeiler des Vorbaudaches vorbei auf die Giebelseite des Stationshauses zu, als sei ein Präriefeuer unter seinem Schwanz ausgebrochen.

Gewitzt tat der Hengst in dieser unübersichtlichen Situation das einzig Richtige - er verkrümelte sich in den toten Winkel, wo keine Kugel hinreichte.

Allison begriff, dass die zweite Kugel den Hengst nicht erwischt hatte. Sie war in den dicken Packen hinter dem Sattel gefahren.

Dass insofern nichts passiert war, war aber bestimmt nicht das Verdienst des liederlichen Heckenschützen.

Der Kerl muss mit gezogener Waffe und gespanntem Hammer auf mich gewartet haben, schoss es dem Marshal durch den Kopf. Ich habe kein Knacken gehört. Der Hufschlag muss ihn herausgelockt haben. Ist das vielleicht eine Art, einen späten Gast zu begrüßen?

Noch war er bereit, an ein Missverständnis zu glauben.

Undeutlich sah er voraus Holzstangen auftauchen. Er parierte den Hengst vor dem Corral durch, glitt wie der Blitz aus dem Sattel und zog King an den Zügeln hinter sich her zu einem klobigen Schuppen, der hinter der Station aufragte.

Der Hengst hielt den Kopf ganz oben und schnaubte wütend. Uber die jähen Schüsse war er ebenso ergrimmt und erschrocken wie der Marshal.

Plötzlich stutzte Allison.

Im Corral mussten eigentlich Pferde stehen. Hier wurden die Kutschengespanne gewechselt. Aber hinter der Balkenumzäunung rührte sich überhaupt nichts. Da waren keine Pferde!

Das ging unmöglich mit rechten Dingen zu.

Allerdings hatte er sich beim Annähern an die Station schon gewundert, weshalb keine Lampe brannte und alle Fenster finster waren.

Vorsorglich nahm er den Revolver in die rechte Hand. Wo ein Heckenschütze war, konnte leicht ein zweiter stecken.

Im Stationshaus klappte eine Tür.

Aha, jetzt geht er rein und kommt hinten raus!, dachte Allison.

Hastig stellte er King hinter den klobigen Schuppen und strich dem Hengst sanft über die weiche Schnauze mit den harten Stichelhaaren. Das hieß, dass sich der brave Bursche nicht mucksen und nicht von der Stelle rühren sollte.

Angespannt lauschte Allison zum Haus hin. In der Nachtkühle zog sich das Holz zusammen; es knackte vernehmlich.

Sonst konnte er nichts hören.

Nicht einmal schleichende Schritte. Dabei war er sicher, dass der hinterlistige Schütze jetzt an der Hinterfront des Hauses war. An einem Fenster oder in der rückwärtigen Tür.

Allison duckte sich tief an den Boden.

So sehr juckte ihn das Fell nun auch nicht, dass er vor dem hellen Nachthimmel ein prächtiges Ziel abgeben wollte.

Der Revolverkolben in der Hand gab ihm ein Gefühl der Beruhigung.

Teufel noch mal, um ein Haar wäre er in die ewigen Jagdgründe abgesaust und hätte nicht einmal gewusst, warum!

Voller Unbehagen griff er sich an den Hals, den die Kugel nur knapp verfehlt hatte.

Ausgeschlossen, dass der Schuss abgegeben worden war, um ihn zu warnen oder zu stoppen!

Die Kugel hatte ihn töten sollen.

Der sicherste Beweis dafür war der zweite Schuss, mit dem der Heckenschütze seinen Fehler hatte wettmachen wollen.

Geschmeidig kroch Allison zur Corralbegrenzung, bis er das Stationshaus in seiner Gesamtheit vor sich hatte. Ein mächtiger schwarzer Kasten, der wie ausgestorben wirkte.

Ein Windstoß fuhr von der Seite in den Hof und trieb Staub, loses dürres Gras und Blätter vor sich her.

Allison merkte, dass er einen ungünstigen Platz erwischt hatte. Der Wind trug ihm keine Geräusche zu, sondern führte sie in die Nacht fort.

Gerade wollte er sich einen übersichtlicheren Ort suchen, als er knirschende Schritte vernahm. Hinter dem Haus musste jede Menge Sand liegen, die fremden Stiefel mahlten hindurch.

Der Bursche bewegte sich sehr verhalten. Oder er war ein Leichtgewicht.

Höchstens fünfzehn Meter entfernt sah Allison seine Gestalt vor dem Nachthimmel aufragen.

Der Kerl kam lauernd näher. In der Eile hatte er wohl den Hut nicht aufgesetzt. Den rechten Arm aber hielt er richtig - angewinkelt und einen Revolver in der Faust.

Höchstens drei Armlängen vor Allison blieb er stehen und wandte den Kopf nach dem klobigen Schuppen hin. Möglich, dass er den Schweißgeruch von King in die Nase bekam oder etwas hörte.

Vor dem Revolver hatte Allison einen Mordsrespekt.

Auf die kurze Distanz schoss kein Mensch vorbei.

Dennoch rechnete er sich ein glückliches Überrumpelungsmanöver aus, denn er wusste die Überraschung auf seiner Seite.

Und wer kalkuliert schon damit, dass er vom Boden aus angegriffen wird?

Der Marshal war wütend und gerade in der richtigen Stimmung.

Er zog vorsichtig die Beine an, stemmte die Arme auf, spannte alle Muskeln und schnellte hoch.

Sein Riesensatz warf ihn auf die Gestalt.

Der Bursche bewies starke Nerven und eine unglaubliche Geistesgegenwart. Zwar knickte er unter dem Ansturm zusammen und kam unter Allison zu liegen, aber mit katzenhaften Bewegungen versuchte er sich zu befreien.

Allisons größte Sorge war, dass der Revolver losgehen könnte.

Mit aller Kraft hielt er die fremde und verdammt kleine Hand und den Revolver darin fest.

Zugleich spürte er, dass die zappelnde und beißende Gestalt unter ihm nicht kompakt genug für einen Mann war und außerdem warme und weiche Rundungen aufwies.

Und dann gellte ein spitzer und ziemlich hoher Schrei in seine Ohren.

Bei allen guten Geistern, er hatte eine Frau beim Wickel!

 

*

 

Vor Überraschung ließ er beinahe die fremde Hand los.

Rechtzeitig besann er sich noch, dass ihm dann die Frau aus nächster Nähe wahrscheinlich eine Kugel hinter die Rippen schoss.

Da hielt er doch lieber fest, was er gepackt hatte.

Er zweifelte nicht daran, dass die Frau die zwei Schüsse vor dem Stationshaus auf ihn abgegeben hatte.

Die fackelte nicht lange, die drückte einfach ab.

Sie verpasste ihm einen Stoß gegen das rechte Schienbein, dass ihm das Wasser in die Augen schoss.

Das machte ihn noch wütender. Mit einem heftigen Ruck riss er die Waffe an sich.

Dann schnappte er nach den Händen, die ihm ins Gesicht fuhren.

Verdammt, Madam, sind Sie von Sinnen?“, knurrte er. „Was habe ich Ihnen getan, dass Sie mit dem Revolver auf mich losgehen?“

Statt einer Antwort gab sie ihm einen schmerzhaften Tritt auf die linke Hüfte und versuchte, sich seinem Griff zu entwinden.

Mir scheint, Sie sind unhöflich und ungezogen“, sagte er und setzte sich auf sie.

Sein Gewicht nagelte sie am Boden fest und presste ihr hörbar den Atem aus den Lungen. Sie machte zwei verzweifelte Versuche, ihn abzuschütteln.

Dann gab sie mit einem verzagten Laut auf und lag still.

Allison ließ sie los und kniete neben ihr.

So gefällt mir die Sache schon besser, Madam. Wir wollen uns wie vernünftige Menschen betragen. Sind Sie in Ordnung? Es täte mir leid, wenn ich Sie verletzt hätte.“

Sie fauchte nur und setzte sich neben ihm auf. Und das mit einer Wildheit, die ihn zu größter Vorsicht ermahnte.

Wieso schießen Sie auf fremde Leute? Ist das in dieser Gegend üblich?“

Sie rückte ein Stück von ihm ab. „Sie - Sie mieser Strolch! Sie eingekaufter Lump! Fahren Sie zur Hölle!"

Der wütende Ausbruch machte ihn betroffen.

Im allgemeinen drücken sich die Frauen, die ich kenne, wesentlich zivilisierter aus. Nun ja, Sie mögen Ihre Gründe haben, ich will deswegen nicht mit Ihnen streiten.“

Es interessierte ihn brennend, wer sich da mit ihm angelegt hatte. Er fingerte nach Steichhölzern in der Brusttasche und rieb eines am Gürtelschloss an.

Die kratzbürstige und schießwütige Frau war für jede Überraschung gut. Deshalb vermied er es, in die kleine Flamme zu blicken.

Das war gut so. Kaum breitete sich etwas Helligkeit aus, warf sich die Frau vornüber und angelte mit langgestrecktem Arm nach dem Revolver, den er ihr eben erst abgenommen hatte.

Sein rechter Fuß war schneller und stieß die Waffe außer Reichweite.

Für gute Ratschläge scheint heute kein geeigneter Tag zu sein", meinte er tadelnd. „Zum Teufel, wenn ich vorhin zurückgeschossen hätte? Sie wären jetzt tot, Madam! Und ich stünde verzweifelt da. Sie haben die seltene Gabe, einen ahnungslosen Mann in Bedrängnis zu bringen.“

Er hielt das Streichholz zu ihr hinüber.

Sie war jung. Das hatte er schon an der Wildheit ihrer Bewegungen gemerkt. Um die Zwanzig.

Ihre Augen funkelten wie die einer gefangenen Wölfin. Die Nasenflügel weiteten sich.

Sie lag noch der Länge nach auf dem Boden und hatte sich halb herumgerollt.

Angriffsbereit starrte sie ihn an. Schließlich blickte sie auf den fortgestoßenen Revolver, seufzte tief und richtete sich auf.

Sie war eine herbe Schönheit mit etwas hohen Wangenknochen und sehr sinnlichen Lippen.

Ihr Gesicht trug Schmutzspuren, die Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden.

Allisons erster Eindruck fiel nicht einmal ungünstig aus.

Laufen Sie vor einem Sheriff fort? Oder wollten Sie mein Pferd haben?“, fragte er. Das Streichholz war erst zur Hälfte abgebrannt.

Er merkte, dass sie darauf lauerte, bis er es wegwerfen musste.

Besaß sie eine zweite Waffe? Ein Messer vielleicht?

Sie trug Männerhosen, ein verwaschenes Hemd und eine gefütterte Jacke mit aufgesetzten Taschen. Die rechte Seitentasche war eingerissen, auf der linken Achsel war die Naht geplatzt, am linken Oberarm klaffte ein Triangel.

Ein bisschen sah es so aus, als hätte sie sich das Zeug zusammengebettelt.

Von einem Messer oder einem zweiten Revolver entdeckte er nichts. Aber das wollte nicht viel bedeuten. Da sie keinen Waffengurt trug, musste sie den Revolver im Hosenbund mitgebracht haben. Unter der Jacke oder hinten konnte noch einer stecken.

Stehen Sie auf, Madam!“, verlangte Allison, und das hörte sich nun nicht mehr übermäßig freundlich an.

Sie schaute wie gebannt auf das Flämmchen, das sich seiner Zeigefinger und Daumenkuppe näherte.

Er wartete nicht, bis er im Finstern stand.

Er fasste sie derb an der Jacke, stand auf und zog sie mit hoch.

Da rüber zum Haus, wenn ich bitten darf!“ Er schob sie vor sich her und warf das abgebrannte Streichholz zu Boden.

Wenn sie Komplicen im Haus hatte, konnte die Nacht noch einen verdammt unangenehmen Verlauf nehmen. Deshalb sagte er: „Falls Leute von Ihnen da sind, sollten Sie bedenken, dass Sie vor mir gehen. Bei dem Geschäft erwischt man leicht eine Kugel von der falschen Seite.“

Es ist niemand da“, antwortete sie, und das ließ ihn aufhorchen. Es hörte sich an, als bedauere sie, dass sie allein war.

Ich hoffe es in Ihrem Interesse!“ Er dirigierte sie mit sanfter Gewalt über die Stelle, wo der Sand unter den Stiefelsohlen mahlte.

In der dunklen Hauswand klaffte ein noch dunkleres Rechteck. Die Frau war tatsächlich aus der Hintertür gekommen. Und er hatte es nicht einmal gehört!

Das machte ihn noch vorsichtiger.

Er schob sie zwei Schritte weit ins Haus und rieb wieder ein Streichholz an. Am Haken neben der Tür hing eine Laterne. Soweit er sah, befand sich außer ihnen keine Menschenseele im Raum.

Er ließ die Frau los, hakte die Laterne ab und zog den Glaszylinder hoch.

Lassen Sie es nicht drauf ankommen“, sagte er, als er sah, dass sie aus der Tür zu entwischen trachtete. „Der letzte, der versucht hat, mein Pferd zu stehlen, brach sich eine Menge Knochen und musste dann auch noch dem Doc fünfzehn Dollar geben. Vermeiden Sie eine derartige Geldverschwendung.“

Der Docht fasste Feuer. Milder Lichtschein erfüllte den Raum. Allison drückte den Zylinder nieder.

Wofür halten Sie mich?“, fauchte sie ihn an.

Im günstigsten Fall für einen Pferdedieb!“ Er stieß mit dem Absatz die Tür zu. „Setzen Sie sich an den Tisch dort, ich möchte Sie im Auge behalten können.“

Er öffnete eine Tür und blickte in einen kurzen Gang, an dem drei oder vier Zimmer lagen.

Danach schaute er in die Küche. Er vermisste den Geruch von Essen.

Die meisten Gerätschaften befanden sich an ihrem Platz. Nichts deutete darauf hin, dass in den letzten Stunden jemand hier gewesen war, und auch nichts darauf, dass die Bewohner der Station überstürzt geflohen waren.

Irgendwie gewann er den Eindruck, dass die Leute nur ihre persönliche Habe zusammengepackt hatten und fortgegangen waren und alles, was zu einer Station gehört, zurückgelassen hatten.

Er leuchtete hinter die Theke.

Die Gläser standen umgedreht in Reih und Glied im Regal.

Immerhin fand er noch eine halbvolle Brandyflasche und dankte dem unbekannten Stationsagenten für seinen Weitblick.

Mit den Zähnen zog er den Korken heraus und goss sich zwei Finger hoch in ein Glas ein.

Nehmen Sie einen mit, Madam?“

Sie ließ ihn ihre kalte Verachtung spüren.

Macht nichts, ich trinke für Sie mit“, meinte er und goss noch einen Schuss dazu.

Mit dem Glas in der einen und der Laterne in der anderen Hand ging er zu ihrem Tisch.

Auf halbem Weg glaubte er so etwas wie Bestürzung und Schreck in ihren Augen zu sehen. Sie starrte auf seinen Waffengurt und das tiefgeschnallte Holster am rechten Oberschenkel.

Ihr Kopf ruckte hoch, sie musterte sein Gesicht.

Oh, mein Gott!“, sagte sie ganz verstört.

Er hatte die ganze Zeit schon das Gefühl, dass hier eine Verwechslung vorlag.

Madam, jetzt sagen Sie bloß noch, die Kugeln hätten einem anderen Mann gegolten?“

Sie schluckte krampfhaft und nickte dann.

Wenn Sie erlauben? Auf den Schreck habe ich einen guten Schluck verdient!“ Er leerte das Glas in einem Zug und bedauerte es, dem Stationsagenten Weitblick zugebilligt zu haben.

Teufel noch eins, das Zeug war scharf wie Glasscherben und gehaltvoll wie Dynamit. Von der Brühe platzten sogar einem erprobten Mann die Hosenträger! Vielleicht wollte der Wicht von Agent jeden vergiften, der sich aus der Flasche bediente.

Allison hustete krächzend und setzte sich der Frau gegenüber.

Sie konnten mich nicht umbringen, aber vielleicht schafft’s dieses Zeug“, knurrte er. „Und wen wollten Sie erwischen? Ich habe wohl ein Recht zu dieser Frage.“

Sie war noch immer erschüttert von ihrem zweifachen Misserfolg, das sah er ihr an. Erstens hatte sie nicht getroffen, und zweitens auf den Falschen geschossen.

Sie - Sie kommen nicht zufällig aus Lampasas?“

Zufällig nicht, Madam.“

Und Sie wollen auch nicht nach Benton?“

Die Absicht hatte ich nicht, aber nach dieser Begrüßung sollte ich vielleicht doch hinreiten. Könnte ganz schön aufschlussreich werden, meinen Sie nicht?“

Sie dachte über seine Worte nach, er beobachtete sie. Da hatte sie also einem Mann aufgelauert, der aus Lampasas kam und Benton zum Ziel hatte. So, wie sie die Sache angepackt hatte, sollte der Mann nie nach Benton kommen.

Na schön, es kam vor, dass Männer dafür sorgten, dass ein Reisender nie am Ziel ankam. Aber Frauen waren in diesem Geschäft äußerst selten in Erscheinung getreten. Dazu hatten sie mit anderen Waffen gekämpft als gerade mit einem Revolver.

Es wäre keine gute Idee, wenn Sie sich in Benton zeigten“, sagte sie leise. „Tut mir leid, dass ich auf Sie geschossen habe.“

Wenn ich der wäre, auf den Sie warten, tät’s Ihnen nicht leid? Sie haben mit einem unbewaffneten Mann gerechnet.“

Sie blickte ihn an. „Stimmt. In der Dunkelheit habe ich nicht gesehen, dass Sie einen Gurt tragen.“

Ihre Offenheit verblüffte ihn. „Da geben Sie aber eine Menge zu, Madam. Vielleicht reite ich nun doch nach Benton und rede mit dem Sheriff. Er soll Ihnen solche Flausen austreiben.“

Sie wurde wütend und blickte ärgerlich. „Machen Sie bloß kein Drama aus der Sache! Ihnen ist nichts passiert. Was wollen Sie noch? Soll ich mich entschuldigen?“

Nicht nötig, Sie haben ja gesagt, dass es Ihnen leid tut. Zum Donnerwetter, wie kommt eine Frau wie Sie dazu, auf Menschenjagd zu gehen? Haben Sie überhaupt eine Ahnung, wen Sie sich vorknöpfen wollten? Ich habe nämlich das Gefühl, dass Sie auf jeden Reisenden ballern, der aus Richtung Lampasas kommt. Und Sie hoffen, dass der richtige Mann dann schon dabei sein wird.“

Vor Ihnen kam niemand durch“, erwiderte sie unsicher.

Die Antwort bewog ihn zu einem bitterbösen Lachen. „Ich danke für die zweifelhafte Ehre, der erste zu sein, an dem Sie den Revolver ausprobierten.“

Er stellte das Glas heftig auf den Tisch. „Wie soll der Mann aussehen? Groß, klein, dick, dünn, mit Bart oder ohne?“

Warum?“

Weil ich ihn möglicherweise unterwegs getroffen habe. Ich habe einige Leute überholt.“

Wollen Sie ihn warnen?“, fragte sie misstrauisch. „Mischen Sie sich nicht ein!“ Sie meinte es so, wie sie es sagte.

Da hätte ich viel zu tun, jetzt zurückzureiten. Ich will Sie vor der nächsten Dummheit bewahren, die unter Umständen Ihre letzte sein könnte. Wenn der Betreffende nämlich zurückschießt und besser trifft als Sie. Einige sahen ziemlich hartgesotten aus, das gebe ich zu bedenken.“

Sie sind natürlich Experte!“, versetzte sie spöttisch. „Sie verstehen etwas davon.“

Ja.“ Nur dieses eine Wort sagte er, sonst nichts. Und das beeindruckte sie nun doch.

Sie überlegte. Irgendwie spielte er in ihren Gedanken eine Rolle, das sah er ihr an. Sie machte Pläne, und sie versuchte, ihm darin einen Platz zu geben.

Suchen Sie Arbeit?“, fragte sie schließlich.

Ich werde für Sie niemand umbringen, falls Sie das meinen“, erwiderte er grob. „Sie stecken in Schwierigkeiten, wie? Und die wollen Sie aus der Welt schaffen. Es gibt auch andere Möglichkeiten als gerade den Revolver. Wie sieht Ihr Problem aus?“

Sie schaute ihn an. „Groß und dick und fett und vollgefressen!“

Verstehe, ein Nilpferd auf zwei Beinen!“ Er lächelte sparsam. „So ein Mann war nicht dabei.“

Sie lügen! Sie wollen ihn warnen!“, beschuldigte sie ihn.

Sehr viel Zutrauen zu Ihren Mitmenschen scheinen Sie nicht zu haben.“

Nein!“

Das wollte er nicht bestreiten. Sie sah nicht aus, als hätte das Leben sie besonders zart angefasst.

Reden wir nicht um die Sache herum, Madam. Vielleicht kann ich Ihnen nützlich sein. Will der Bursche Sie etwa heiraten?“

Ich erlaube Ihnen nicht, dumme Witze über mich zu machen!“, fuhr sie ihn an.

Es war nur so ein Gedanke“, dämpfte er ihre Empörung. „Um wen und um was geht es Ihnen? Ein dicker Mann aus Lampasas, gut. Was will er von Ihnen?“

Sie zögerte mit der Antwort. Dann sagte sie fast trotzig: „Er wird meinen Bruder hängen. Deshalb muss ich ihn erwischen.“

 

*

 

Allison war froh, dass er saß. Was die junge Frau sagte, hätte ihn sonst wohl umgeworfen.

Er wollte aufbrausen und loswettern. Der Verstand sagte ihm, dass er damit überhaupt nichts erreichte. Die Frau war fest entschlossen. Wenn er dagegenredete, wurde sie nur bockig.

Ruhig Blut, sagte er sich, die Sache will gründlich überlegt sein!

Er holte das Rauchzeug heraus und rollte sich bedächtig eine Zigarette.

Als der Tabakrauch zur Decke hinaufstieg, sagte er: „Sind Sie sich bewusst, auf was Sie sich einlassen? Ich meine, einen Richter erschießt man nicht alle Tage!“

Geben Sie mir doch einen!“ Sie zeigte auf sein leeres Glas.

Er holte die Flasche und ein Glas und goss jedem fingerbreit ein.

Die Frau schien eine kupferne Kehle zu haben. Sie trank, ohne dass sie sich danach räuspern musste oder dass ihr die Augen vorquollen.

Das ist es ja“, meinte sie schließlich, „er ist gar kein Richter.“

Sagen Sie das noch mal!“

Er ist kein Richter, er gibt sich nur dafür aus. In Vernon hat er das schon einmal gemacht, voriges Jahr auch in San Saba. Jetzt hat ihn das Brimfield-Pack nach Benton gerufen. Er macht es wieder, wenn er mir entkommt.“

Allison starrte in sein Glas.

An der Sache war doch mehr dran, als es auf Anhieb ausgesehen hatte. Die böse Affäre in San Saba war ihm bekannt. Ein Weidekrieg, der mit einer mächtigen Schießerei und einer unrechtmäßigen Hinrichtung geendet hatte. Die Gewinnerpartei hatte den Richter gerufen, und er hatte das Todesurteil verkündet, weil die Geschworenen auf schuldig erkannt hatten.

Erst später hatte sich gezeigt, dass es sich um ein abgekartetes Spiel gehandelt hatte. Der Richter war nie ernannt worden, er blieb danach auch unauffindbar.

In der Jury hatten nur Rinderzüchter und ihr Anhang gesessen, und der Sheriff hatte alles vertuscht.

Man hatte ihn erwischt, und zwar an der Grenze zum New Mexico-Territorium und angeblich auf einem dienstlichen Ritt. Seine faulen Ausreden hatten nicht überzeugend geklungen.

Besonders belastend hatte man den Umstand gewertet, dass er in knapp zweijähriger Dienstzeit eine Ranch zusammengespart haben wollte und dass er diese Ranch - eine kleine zwar, aber immerhin - vom Anführer der siegreichen Rinderzüchter erworben hatte. Die Umschreibung war dazu noch drei Tage vor dem Gerichtstermin erfolgt.

Jetzt klopfte dieser ehemalige Sheriff Steine, und diese Arbeit verrichtete er wohl auch noch einige Zeit. Ein ordentlich ernannter Richter in San Antonio hatte ihn nämlich zu drei Jahren Zwangsarbeit verknackt.

Bloß diesen lausigen Kerl, der als Richter aufgetreten war, hatte man nicht aufspüren können.

Was die Frau da sagte, war allerdings mehr als nur ein vager Hinweis. Dass es in Vernon schon einmal passiert war, hatte er gar nicht gewusst.

Die Frau hatte offensichtlich die besseren Informationen.

Wie heißt der Vogel, Madam?“

Spooner, aber darauf gebe ich nichts“, versetzte sie heftig. „Ich kenne Leute, die haben drei Namen, und keiner ist der richtige.“

Das interessiert mich“, sagte er. „Ich wüsste gern mehr von der Sache.“

Warum? Wenn Sie nicht auf meiner Seite stehen, bleiben Sie besser draußen!“

Vielleicht bin ich schon auf Ihrer Seite, Madam. Obwohl ich allen Grund hätte, wütend auf Sie zu sein. Es hat mit Benton zu tun, nicht wahr? Was ist dort los?“

Die Hölle!“

Er lächelte geduldig. „Sie erwähnten gerade einen Namen. Brimfield oder ähnlich. In Verbindung mit einer wenig schmeichelhaften Bezeichnung.“

Das ist der mieseste Clan in der ganzen Gegend. Richtiges Pack, verstehen Sie? Die geben den Ton an, und alles tanzt nach ihrer Pfeife. Auch der Sheriff.“

Und Ihr Bruder hat sich mit dem Clan angelegt?“

Das Pack mit ihm. Buck und ich bauen nämlich eine Linie auf, auf der die Kutschen regelmäßig verkehren sollen. Wenn der Dienst ein halbes Jahr lang reibungslos funktioniert, erhalten wir die Postbeförderungslizenz ...“

Ich kenne die Bedingungen“, unterbrach er sie und lächelte schmal. „Da hängt gutes Geld dran.“

Das sagten wir uns auch, deshalb machten wir uns an die Arbeit. Buck ist mein Bruder.“

Das dachte ich mir schon. Sprechen Sie nur weiter.“

Ein paar Stationen haben wir auch schon eingerichtet. Diese hier, zum Beispiel. Von der Butterfield Overland konnten wir günstig zwei alte Kutschen erstehen. Vier Wochen lief auch alles reibungslos. Die ganze Stadt hatte gewettet, dass wir auf den Bauch fallen. Aber wir hatten immer volle Kutschen, das Geschäft ließ sich gut an. Wenn etwas einen Dollar abwirft, sind die Brimfields meist schnell zur Stelle. Unsere Linie stach ihnen in die Augen. Sie wollten sie übernehmen.“

Und da kam es zum Krach?“

Buck hat sie rausgeworfen. Ein paar Tage später ging es schon los. Erst hat man eine Kutsche festgehalten. Dann wurden die Leute vertrieben, die wir für die schon eingerichteten Stationen gefunden hatten. Schließlich nahmen sie uns auch noch die zweite Kutsche weg. Sie stellten einfach zwei Leute vor das Depot. Da hat Buck seinen Revolver geholt.“

Das war vielleicht so beabsichtigt“, warf Allison ein.

Ja. Ich wollte nicht, dass er ging. Aber er sagte, er müsse es tun. Es gab eine Schießerei, ich hörte es bis ans andere Ende der Stadt. Unterwegs kamen mir Leute entgegen und sagten, Buck hätte einen der Wächter getötet, ausgerechnet Curly Brimfield. Bis ich hinkam, war alles vorbei. Der Sheriff hatte Buck schon eingesperrt. Ich gab mich nicht damit zufrieden, ich bin zum Depot zurück. Nirgends war Blut zu sehen. Da wurde ich erst recht stutzig. Curly war wie vom Erdboden verschwunden.“

Gab es denn kein Begräbnis?“, forschte Allison.

Schon, bloß hörte ich zwei Tage nach der Beerdigung, dass einer der Brimfield-Leute in Twin Falls eine Schießerei hatte und dabei umkam. Ein Begräbnis hat aber in Twin Falls nicht stattgefunden. Ich hatte sofort den Verdacht, dass nicht Curly in der Kiste gelegen hat, sondern der Reiter. Mit Buck durfte ich nicht sprechen, Beagle ließ mich nicht zu ihm. Ich musste aber doch wissen, ob er wirklich auf Curly geschossen und getroffen hatte. Da dachte ich mir, ich könnte es bei Nacht an seinem Fenster probieren. Er war nicht da, sie müssen ihn heimlich weggebracht haben. Aber das Pack war bei Beagle im Büro versammelt und gab sich keine Mühe, leise zu sein. Da habe ich gehört, wie Brimfield sagte, er hätte schon Nachricht zu Spooner nach Lampasas geschickt, der mache es, und kein Mensch wisse, dass er gar kein richtiger Richter sei. Buck würde an den Galgen kommen, und damit sei die Sache ein für allemal erledigt. Beagle machte heftige Einwände, aber Brimfield sagte, er solle den Mund halten. Und dann, glaube ich, haben sie ihn geschlagen, es hörte sich jedenfalls so an.“

Hm!“, machte Allison nach einer ganzen Weile. „So, wie Sie mir die Sache schildern, ist Ihr Bruder ins offene Messer gerannt, das jemand hingehalten hat. Woher haben Sie die Beschreibung von diesem Spooner?“

Brimfield hat gesagt, dem glaube doch jeder, dass er Richter sei, so fett und vollgefressen, wie er wirke.“

Nicht jeder dicke Mann ist auch ein Richter, das möchte ich ausdrücklich bemerken“, sagte Allison. „Und da fassten Sie den blödsinnigen Entschluss, Spooner entgegenzureiten und ihm ein paar Kugeln auf den Pelz zu brennen? Ich habe nicht übel Lust, Sie zu verprügeln, Madam.“

Sie wich vor ihm zurück und schob den Stuhl vom Tisch weg. „Fassen Sie mich nicht noch einmal an!“, warnte sie. Sie hatte wieder diese gefährlich funkelnden Wolfsaugen.

Sie haben Glück, ich bin zu müde, um mich mit Ihnen zu streiten“, sagte er. „Können Sie außer mit einem Revolver auch mit Töpfen umgehen? Wenn ja, dann sehen Sie zu, ob Sie in der Küche was finden. Andernfalls nehmen Sie von meinem Proviant.“

Er ließ ihr die Laterne da und ging hinaus.

Im Schein eines Streichhölzchens fand er den Revolver. Er schob die Waffe in den Hosenbund und ging zu dem klobigen Schuppen.

King begrüßte ihn mit einem vorwurfsvollen Schnauben und fuhr ihm mit der weichen Schnauze ins Gesicht. Die Stichelhaare kitzelten scheußlich.

Dann stampfte der Hengst heftig auf und witterte in die Nacht hinaus. Seine breite Brust dehnte sich, als er Atem holte. Es hörte sich wie sehnsuchtsvolles Seufzen an.

Allison wusste Bescheid.

Irgendwo in der Nähe stand das Pferd der Frau. King hatte die Witterung in die Nase bekommen, und jetzt zog es ihn hin, damit er Gesellschaft hatte.

Allison war nicht dafür, solange er nicht wusste, was für ein Tier die Frau besaß. Handelte es sich um eine Stute, dann war King die ganze Nacht putzmunter wie ein verliebter Cowboy. Und wenn’s ein Hengst war, schlugen sich die zwei Tiere zum Krüppel oder tot.

Jaja, deine Sorgen möchte ich haben!“, brummte Allison. Er sattelte ab und schaffte den Sattel und seinen Packen zum Hintereingang der Station.

Die Dame hantierte in der Küche. Sie hatte dort eine Laterne gefunden. Sie hörte ihn an der Tür.

Mögen Sie Pfannkuchen mit Ungeziefer?“, rief sie. „Außer verdorbenem Mehl ist nichts da.“

Im Packen finden Sie alles, was Sie für eine Mahlzeit benötigen, Madam. Ich hole inzwischen Ihr Pferd her. Was ist es?“

Bucks Wallach, Warum ?“

Ich reite einen Hengst."

Sie verstand. „Dreihundert Schritte von hier stoßen Sie auf einen Trockenbach, dort habe ich ihn reingestellt.“

Er holte sich die Laterne vom Tisch und inspizierte den Schuppen. Heu und Stroh waren reichlich vorhanden, aber es gab wenig Platz. Die Wechselpferde der Station waren im Freien gehalten worden.

Zur Not ließen sich hier zwei Tiere unterstellen.

Allison versorgte den Hengst, dann machte er sich auf, um den Wallach aufzuspüren.

Der Trockenbach erwies sich als eine bedenkliche Einrichtung. Denn er entdeckte ihn, als er bereits hineinsauste. Die Ufer waren hoch und unterhöhlt.

Das Gepolter veranlasste den Wallach zu einem verhaltenen Wiehern, das sich wie Gelächter anhörte.

Schimpfend ging Allison dem Geräusch nach und fand das Pferd fünfzig Schritte weiter.

Es schnappte nach ihm, als er es von einem Wurzelstrunk losband und hinter sich das Steilufer hinaufzerrte.

King deutete das Näherkommen des Hufschlages richtig und rumorte begeistert im Schuppen herum.

Allison ließ den Tieren die Laterne und machte sich auf die Suche nach Wasser. Den Brunnen fand er; er war auch noch betriebsbereit Aber die Eimer waren fort.

Er musste aus der Küche einen Topf holen und viermal den Weg vom Schuppen zum Brunnen machen, bis die Pferde getränkt waren.

Darüber hatte die Frau auch das Abendbrot fertig.

Gar nicht übel, wie es duftet“, meinte er und brachte den Sattel des Wallachs hinein. „Wenn’s auch so schmeckt, will ich nichts gesagt haben.“

Sie blitzte ihn kampfbereit an. „Sie legen es wohl darauf an, mit allen Leuten Streit zu bekommen?“

Da geht es mir wie Ihnen“, erwiderte er. „Ich bin zwar ein friedliebender Mensch, aber einem Streit gehe ich nicht aus dem Weg. Und Sie schießen eben auf jeden, der des Weges kommt. So groß ist der Unterschied gar nicht.“

Was er sagte, gefiel ihr nicht.

Sie trug das Essen aus der Küche und holte die Laterne hinzu. Als sie ihm einen Blechteller hinsetzte, gab es einen richtigen Knall.

Er schmunzelte und langte zu.

Sie hatte dicke Speckpfannkuchen mit Mais zubereitet und dazu leicht angekochtes Dörrobst. Etwas gewagt, aber es schmeckte ihm hervorragend.

Aus der offenen Küchentür zog außerdem der belebende Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee.

Als Hausfrau sind Sie besser“, sagte er in Anspielung auf den gewalttätigen Empfang. „Was haben Sie für Pläne? Vernünftige, meine ich. Kommt doch überhaupt nicht in Frage, dass Sie diesem Spooner - oder wie er heißen mag - eine Kugel vermachen. Damit setzen Sie sich ins Unrecht."

Was Sie nicht sagen?“ Das klang bitterböse und sarkastisch. „Und wie würden Sie das bezeichnen, was Beagle und das Pack mit meinem Bruder machen?“

Deshalb frage ich ja nach Ihren Plänen“, erwiderte er geduldig. „Jemand über den Haufen zu schießen ist keine Lösung.“

Eine andere gibt es nicht!“, sagte sie widerborstig.

Sagen Sie! Essen Sie erst mal, mit vollem Magen sieht die Welt anders aus, Sie werden es feststellen.“

Sie aß zwei Pfannkuchen und holte dann den Kaffee. „Ihre Vorräte reichen bis Kalifornien.“ Das war eine Anspielung. Sie war neugierig und wollte von seinen Absichten erfahren.

Mitunter bin ich sehr lange unterwegs, und man weiß da nie so genau, wann man wieder besiedeltes Gebiet erreicht und jemand trifft, der einem etwas Proviant ablässt. Da haben Sie recht, Madam. Wo wir schon gemeinsam um einen Tisch sitzen, sollten wir uns auch bekannt machen. Der Name ist Jim Allison.“

Und Feinde haben Sie keine? Oder keine mehr?“ Das klang ganz schön spöttisch. „Ich bin Peg Malone.“

Ich habe nicht überall Freunde, das ist schon richtig, Peg.“

Mit Bedacht goss er ihr und sich Kaffee in die Becher.

Sie beobachtete seine Bewegungen. Er tat keinen Handschlag zuviel, alles war wohlüberlegt, sicher und voller Kraft. Eine ungeheuere Selbstsicherheit ging von ihm aus.

Er merkte, dass sie ihn beobachtete.

Sie lassen sich nicht beirren und aus der Ruhe bringen, glaube ich“, sagte sie. „Schade, dass Sie nach Kalifornien wollen.“

Das ist bloß so eine Idee von Ihnen“, widersprach er. „Meines Wissens habe ich mit keinem Wort erwähnt, dass das mein Ziel wäre.“

Ist man hinter Ihnen her?“

Sie hatte ziemlich romantisch-versponnene Ansichten. Ihr Revolver, der im Hosenbund gegen seinen Magen drückte, war eine weniger romantische Angelegenheit.

Im Augenblick wohl nicht“, meinte er. Das war eine ungenaue Auskunft und verpflichtete zu nichts. „Ich überlege, ob ich mit Ihnen nach Benton reiten soll.“

Er ließ Peg zappeln. Seit sie die Vorwürfe gegen Sheriff Beagle und den Brimfield-Clan erhoben hatte, war er finster entschlossen, einen Abstecher nach Benton zu machen.

Erstens konnte es nicht schaden, die Nase in das Nest zu stecken, und zweitens sollte man sich auch immer die andere Seite anhören. Zusammen ergab das dann ein Bild, mit dem er etwas anfangen konnte.

Dann nehmen Sie also meinen Vorschlag an, Allison?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich arbeite nicht für Sie. Aber ich helfe Ihnen, Peg.“ Er rollte sich eine Zigarette. „Wenn wir vor Sonnenaufgang aufbrechen, wie lange sind wir unterwegs?“

Kommt drauf an.“

Worauf?“

Was Ihr Hengst drauf hat. Und ob uns nicht das Pack in die Quere kommt. Da sind bestimmt ein paar Strolche unterwegs, um Spooner abzuholen.“

Ist das sicher?“

Als sie Beagle geschlagen haben, sagte einer etwas, das ich so verstanden habe. Zehn Stunden werden wir benötigen, wenn alles glatt geht.“

Na, Sie haben ja Ihren Revolver!“, sagte er und zog die Waffe aus dem Hosenbund. „Gehen Sie mit dem Ding künftig sorgfältiger um. Eine Kugel, die erst mal unterwegs ist, holen Sie nicht mehr zurück.“

Er zündete die Zigarette an und trank von seinem Kaffee. „Und wenn Sie wieder mal irgendwo Männerhosen und eine Jacke klauen, dann sehen Sie wenigstens zu, dass Sie die richtige Größe erwischen.“

Sie - Sie Flegel!“, zischte sie und zog blitzschnell die Waffe an sich. „Da ist doch ein Trick dabei? Sie haben die Patronen herausgenommen?“

Sehen Sie nach, wenn Sie denken, ich bin ein Feigling!“, forderte er sie auf.

Die Patronen waren drin.

Sie war total verunsichert. „Entweder sind Sie der größte Narr, den ich kenne, oder der eiskalteste Spieler, der mir je begegnet ist.“

Dann hatten Sie sicher noch nicht viel Gelegenheit, Männerbekanntschaften zu machen“, versetzte er treuherzig. Und als hätte sie nicht den Revolver in der Hand, trank er seelenruhig wieder einen Schluck Kaffee. „Salz!“, meinte er dann. „Sie hätten eine Prise Salz drantun müssen. Die gibt dem Kaffee erst den richtigen Pfiff. Hm, haben Sie sich bereits Gedanken gemacht, wie wir die Quartiere aufteilen?“

Sie wurde den Verdacht nicht los, dass er sich über sie lustig machte. Andererseits wirkte er ziemlich hartgesotten. Sie konnte ihn nicht einordnen. Er war anders als die Männer, die sie kannte.

Es sind genug Räume da“, sagte sie unwirsch.

Das dachte ich mir. Dann schlafen Sie drinnen und ich draußen, Peg.“

Wenn Sie scharf auf einen Schnupfen sind, von mir aus.“

Ich bin’s gewöhnt. Und es geht auch nicht, dass ich mit Ihnen unter einem Dach hause.“

Lieber Himmel, sind Sie altmodisch, Allison!“

Sehen Sie es, wie Sie wollen, und ich tue, was mir Spaß macht. Das wäre doch eine gute Grundlage, meinen Sie nicht?“

Er trank den Becher aus, griff an den Hut, nahm Sattel und Decke und ging hinaus.

 

*

 

Im Osten wurde der Himmel messingfarben. In der Morgenkälte zog er fröstelnd die Schultern zusammen und blinzelte gegen den Rauch seiner ersten Zigarette.

Peg war auf. Er hörte sie im Haus hantieren.

Bis weit nach Mitternacht war sie in einem Raum herumgegangen. Die Wände der Station waren nicht besonders dick. Jedes Dielenknarren hatte er vernehmen können.

Er ergriff die Laterne, die er in der Nacht den Pferden im Schuppen fortgenommen hatte, und ging durch die Hintertür.

Der Kaffee war fertig, es roch nach gebratenem Speck.

Gerade kam Peg mit Blechgeschirr aus der Küche.

Verstecken Sie eigentlich immer ein paar Patronen im Mehlbeutel, Allison?“

Bestimmt nicht, die können nur zufällig da reingeraten sein. Sie waren noch sehr lange wach.“

Kunststück. Haben Sie einen Bruder?“

Nein. Wo könnte man Buck hingebracht haben?“

Raus zu dem Pack, wohin sonst?“

Mit anderen Worten, Sie wissen es nicht genau. Das wird also unsere erste Aufgabe sein, sobald wir in Benton ankommen.“

Im Ernst?" fragte sie, und es hörte sich mächtig erleichtert an. „Ich war nämlich fast sicher, dass Sie heute früh schon auf und davon wären.“

Er setzte sich an den Tisch. „In bezug auf mich scheinen Sie sich laufend zu irren.“

Sie verteilte das Geschirr.

Reiben Sie mir nur oft genug die Sache von gestern Abend unter die Nase, damit ich sie auch nicht vergesse!“

Wollen wir schon wieder streiten oder erst mal frühstücken?“

Sie verschwand in die Küche und ließ ihren Ärger an der Pfanne aus. Schweigend nahmen sie danach das Frühstück ein.

Später fragte Allison: „Wie stark sind die Brimfields?“

Richtet sich danach Ihre Bereitschaft, mit nach Benton zu kommen? Sechs, und wenn ich Curly mitrechne, sieben. Der alte Minto ist der schlimmste von allen. Kommandiert den Clan, und es heißt, er habe schon einige Männer erschossen.“

Das behaupten viele Männer von sich, und in den meisten Fällen wollen sie damit nur Eindruck machen.“

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738905274
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (August)
Schlagworte
texas mustang brimfield-clan

Autor

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Titel: Texas Mustang #8: Der Brimfield-Clan